Psalm 36

Ein sehr bekannter katholischer Theologe in Italien, Monsignore Gianfranco Ravasi schreibt in seinem Kommentar im Buch der Psalmen:

Dieser kurze Text beschreibt mit verschiedenen Tönen jenes Mosaik von Verderblichkeit und Unschuld, von Haß und Liebe, Gotteslästerung und Gebet, aus denen die Menschheit besteht . An den Abgrund der Bosheit setzt der Psalmist die Tiefe der Güte Gottes die den Durst stillt und leuchtet.

In der Tat, wenn man diesen Text gründlich analysiert, kann man nicht umhin anzuerkennen, dass er sich in einer Antithese auf zwei Dimensionen oder Welten reduziert: einerseits gibt es die Welt der Menschen, das heißt unsere Welt, die sich um die Eigensucht dreht und sich ins Zentrum des Universums setzt, andererseits die Welt die sich um Gott dreht, die Quelle des Lebens.

Man könnte die Antithese zwischen diesen zwei Dimensionen genauso ausdrücken wie einer der größten Theologe des ersten Jahrtausendes Augustinus ,es tat, als er in seinem berühmten Werk, die irdische menschliche Stadt der Gottesstadt entgegensetzte .

Augustinus der dieses Werk verfasste als das römische Reich am Rand des Zusammenbruchs war, schrieb :

Es gibt zwei verschiedene Staaten : derjenige der Menschen der nichts mit Gott zu tun haben will und derjenige all jener die sich durch Gott allein orientieren lassen.

 

Gibt es heutzutage nicht vielleicht die selbe Antithese der Zeit des Psalmisten und von Augustinus zwischen zwei ganz verschiedenen Weltanschauungen?

Leben wir heutzutage nicht in einem entscheidenden Augenblick unserer Geschichte?

Heutzutage scheint es durchaus unpassend und altmodisch zu sein über die Tatsache zu sprechen, dass Gott die Quelle des Lebens sein kann.

Nach der Meinung vieler Menschen handelt es sich um eine bloße Flucht der wohlgenährten Menschen vor ihrer Verantwortung.

Gott die Quelle des Lebens? Gott die Quelle unseres Daseins ?

Gott, in anderen Worten , die unentbehrliche und unersetzliche Grundlage unserer Existenz? Wir machen wohl Witze ?

Nein danke könnten wir überrascht und mitleidig antworten.

Es gibt andere Elemente, die die Quelle unseres Lebens sind.

Zum Beispiel : Das maßlose Konsumverhalten.

Das Streben nach Erfolg und der Wunsch in einer führenden Position zu sein, koste es was es wolle.

Unser persönlicher Vorteil.

Der Aberglauben und die Abhängigkeit von der Magie. Unsere Zeit ist von einem ungelösten Widerspruch gekennzeichnet. Einerseits maßt unsere Generation sich an, alle Probleme der Existenz mit der Wissenschaft und der Technik lösen zu können; andererseits vertraut sie sich den Horoskopen an, um in den Sternen einen Hinweis zu finden, der es ihr erlaubt, sich in einem sicheren Dasein zu verankern. .

 

Aber gibt es vielleicht einen Platz oder einen Augenblick in dieser so hektischen Zeit in der Gott einen Platz haben kann?

Neulich habe ich eine Nachforschung angestellt.

Ich habe viele kirchliche Zeitungen durchgeblättert um festzustellen wie viele Male das Wort Gott vorkam.

Wissen sie was ich entdeckt habe? Ich habe mit grosser Enttäuschung festgestellt, dass nur selten das Wort Gott darin vorkam.

Kein Wunder: In der Tat liegt unser Interesse anderswo.

In der besten und nahe-liegendesten Hypothese ist Gott nur eine blosse Implikation unseres Glaubens. Jedoch was nur als implizit und nicht als grundsätzlich betrachtet wird, verliert schnell jede Wichtigkeit.

Wie Bernanos sagte: man verliert den Glauben, jedesmal wenn Gott aufhört das ganze Leben zu bestimmen.

Es wird richtig beobachtet: Der Gott, der nicht in der Mitte des christlichen Lebens anwesend ist, wird im Laufe der Zeit an den Rand gestellt und es stimmt: Gott ist nicht mehr im Zentrum unseres Glaubens.

Auch wenn wir mit dem deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche nicht einverstanden sind als er sich provokatorisch fragt : Was sind denn die Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind? können wir nicht umhin anzuerkennen dass unsere Kirchen jede Form von Liebe und Sehnsucht Gott gegenüber verloren haben.

Wenn das stimmt, welchen Sinn gibt es heute die Worte des PSALMS 36 zu wiederholen: In Dir ist die Quelle des Lebens ?

Gibt es nicht etwas Falsches in dem Zitat eines Textes der von einer lange versunkenen Zeit herzu kommen scheint?

Wäre es nicht viel besser , diesen Text zu ignorieren, und unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken ?

Liebe Gemeinde,

dieser Text, der für die Woche des Gebets für die Einheit der Christen gewählt wurde, ist ein Schlüsseltext , weil er auf eine Wirklichkeit hindeutet, die den Kern unseres christlichen Glaubens darstellt: Gott ist die Quelle unseres Lebens und unserer Gegenwart heute in dieser Kirche.

Das Bekenntnis der Herrschaft Gottes über die Geschichte muß ein wesentlicher Teil des Ökumenismus sein.

Wenn es diesen Hunger und diesen Durst für den lebendigen Gott in unseren Kirchen nicht gäbe wäre alles was wir machen ganz nutzlos.

Gott ist die Quelle des Lebens! Wir müssen das laut wiederholen und bezeugen , ohne von der Furcht erstickt zu werden als sehnsüchtig oder als schmalzig zu gelten.

Gott ist die Grundlage unseres Glaubens . In Ihm und mit Ihm ist alles möglich, ohne Ihn ist nichts möglich.

Ich will diese Predigt gern mit einem Geständnis aus einem berühmten Buch abschließen, in dem ein Theologe Augustinus, den ich immer für sein Wissen uber den Begriff der Gnade liebte, in hervorragender Weise Gott als Mittelpunkt in seinem Leben zum Ausdruck bringt.

Ich zitiere:

Groß bist Du, o Herr, und Deines Lobes ist kein Ende; groß ist die Fülle Deiner Kraft, und Deine Weisheit ist unermeßlich. Und loben will Dich der Mensch, ein so geringer Teil deiner Schöpfung; der Mensch, der sich unter der Last der Sterblichkeit beugt, dem Zeugnis seiner Sünde, einem Zeugnis, daß Du den Hoffärtigen widerstehest; und doch will Dich loben der Mensch, ein so geringer Teil Deiner Schöpfung. Du schaffest, daß er mit Freuden Dich preise, denn zu Deinem Eigentum erschufst Du uns, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in Dir.