Ich bin davon fest überzeugt, da$ es für uns, Angehörigen einer aus der protestantischen Reformation entstandenen Kirche, sehr leicht ist uns vor Stolz zu blähen, wenn wir diesen aus dem Kapitel 20. des Buches von Mose entnommenen Text lesen.

Welche Kirchen, können wir uns fragen, haben im Laufe ihrer Geschichte mit mehr Beharrlichkeit versucht diesem Gebot zu gehorchen als diejenigen, die von den Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin stammen? Es genügt nur einen Blick auf die Architektur unserer Kirchen zu werfen, um sich die wesentliche Rolle bewusst zu werden, die das Verbot der Bilderverehrung gespielt hat.

Keine Malerei, keine Statue, keine Reliquie, die eine Verehrung einschließen, stehen zur Schau in unseren Kirchen. Der majestätische Klang der Orgel, die mit ihren eindrucksvollen Noten in den Gewölbe unserer Tempel widerhallt und sich im Chorgesang der Gemeinde ausdehnt, stellt das einzige Mittel dar, mit dem unser Glauben seinen Wunsch ausdrückt, Gott näher zu empfinden.

Aufgrund solcher Erwägungen lie$e sich zwangsläufig schlussfolgern, da$ das Wissen um den Sinn und die Bedeutung dieses Gebotes ausreichend wäre, sodass es nutzlos ist, sich länger damit zu beschäftigen.

Ist dies aber tatsächlich wahr?

Um diese Frage zu beantworten können wir uns fragen. Was ist ein Bild? Welche Bedeutung haben noch heute die Darstellungen, die Porträts in Form von Fotografien oder Bildhauereien?

Um auf diese Frage zu beantworten kann ich nur sagen, dass ein Bild eine unvollkommene Darstellung der Wirklichkeit einer Person darstellt.Die Porträts, die wir eifersüchtig aufbewahren, haben nicht nur den Zweck, uns an die Gesichtszüge derjenigen, die wir lieben, zu erinnern, sondern auch unsere Lieben näher zu fühlen.Je mehr unsere Lieben fern sind, desto mehr spüren wir die Notwendigkeit etwas von ihnen zu haben, das die Erinnerung an sie wecken kann.

Das selbe geschieht in der Religion. Der Mensch, der Gott als fern und unzugänglich betrachtet, ist versucht ein Bild der Gottheit zu machen, das ihm in den kritischen Momenten Sicherheit und Unterstützung einflössen kann.

Gegen diese Einstellung nimmt das AT in der Bilderfrage eine sehr klare Stellung.Gott kann grundsätzlich nicht abgebildet werden, da Er nicht zu sehen ist; d.h. das menschliche Auge kann seinen Anblick nicht ertragen: "Kein Mensch wird leben, der mich sieht".Der Schöpfer aller Dinge kann nicht Gegenstand künstlerischer Schöpfung sein.

Die Bilder, die Menschen geschaffen haben, sind stumme Götzen, die nichts vermögen. Der lebendige Gott aber redet: "So spricht der Herr", verkündigen seine Propheten.

In dem durch Gottes Wort bewegten Leben des Menschen stellt Gott sich dar. Also darf der Mensch Gott nicht wie einen Gegenstand betrachten.

Aber der Sinn des 2. Gebotes besteht nicht nur darin, die materiellen Bilder, die Statuen und die Gemälde zu verbieten, sondern auch die geistigen, die die Phantasie des Menschen unaufhörlich aufbaut.

Vor zwei Jahrhunderten kritisierte der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach die Religion.

Er deutete an, Gott wäre nicht anderes als die Projektion des menschlichen Verstandes (Intelligenz), Willens (Vollkommenheit, Gerechtigkeit) und Herzens (Liebe). Die Phantasie des Menschen machte aus Kräften, Trieben, Bedürfnissen, Wünschen, Idealen ein reales Wesen: Gott, der sie in vollkommener Weise verkörperte. Zu jener Zeit verursachte diese Kritik viele Polemiken.

Meiner Meinung nach traf Ludwig Feuerbach ins Schwarze.In der Tat hat die moderne Zeit von den Götzenbildern der alten Religionen Abschied genommen. Aber die Neigung des Menschen, etwas so zu verabsolutieren, da$ höchste Ansprüche damit verbunden werden, ist noch geblieben. "Der Menschengeist ist zu allen Zeiten sozusagen eine Werkstatt von Götzenbildern" sagte der französische Reformator Johannes Calvin.

Wie viel mal haben wir gesagt, wenn wir die Bibel gelesen haben: Das kann ich nicht unbedingt akzeptieren!

Manchmal haben wir Recht! Es gibt so viele Erzählungen von Kriegen und Gemetzeln, die mit unserer modernen Weltanschauung heftig kollidieren [in Konflikt treten].

Es ist ganz klar, wir können uns nicht leisten die Bibel wörtlich zu interpretieren, da auch die Bibel die Weltanschauung ihrer Zeit darspiegelt. Nichtsdestoweniger müssen wir ein für allemal verstehen, dass wir durch das Lesen der Bibel mit dem Wort Gottes konfrontiert sind.

Der in der Bibel offenbarte Gott kommt durch das Mittel der Verkündigung zum Menschen. Er will "durch seinen Geist und sein Wort, zu den Menschen reden, wie der Heidelberger Katechismus betont hat . Gott will in seiner Freiheit Gott bleiben und ist immer grö$er in seiner Macht und Gnade, als Menschen es sich vorstellen und wünschen können.

Hier liegt die grösste Schwierigkeit für den modernen Mensch.

Der säkularisierte Er kann nicht einen Gott akzeptieren, der ihn ständig in Frage stellt und ihn antreibt seine Verantwortung zu übernehmen..

Der moderne Mensch möchte an einen nach seinem Bilde geschaffenen Gott glauben, der in sein Schema passen sollte.

Und wenn Gott die von uns hergestellten geistigen Bilder vernichtet, dann sagen wir tief enttäuscht: Ich kann nicht an diesen Gott glauben. Wenn es einen Gott gibt, sollte er sich auf eine ganz andre Art und Weise verhalten.

Es ist etwas komisches in dieser Aussage. Wir als kleine Menschen ma$en uns an zu sagen was der allmächtige Gott machen sollte.

Indem das zweite Gebot jede Form von materiellem und geistigem Gottesbild verbietet, setzt es eine ganz andere Perspektive entgegen.

Dem Menschen, der Gott für seine Zwecke benutzen will, der durch ihn seine Ziele erreichen will, diesem Menschen stellt das zweite Gebot einen Gott entgegen, über den wir ganz und gar nicht verfügen können, und der im Gegenteil souverän über uns verfügt: den heiligen Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet, den Gott Abrahams, Issaks und Jakobs, der unvergleichlich, unverwechselbar und ganz anders ist.

Im Angesicht einer Welt, die nur einen Gefälligkeitsgott anerkennen möchte, verkündigen die biblischen Zeugen uns einen Gott, der sich in der Geschichte Israels und in der Person Jesu Christi geäussert hat, einen allmächtigen Gott, den man nicht in einem Heiligtum oder in einem Bild einschliessen kann, und schon gar nicht in einer Institution.

Der Herr möge uns helfen, seine Anwesenheit unter all den falschen Göttern zu erkennen.