In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas?

Auch dieses Jahr jährt sich die Gebetswoche für die Einheit der Christen. Anlässlich dieser Woche, die von großer Bedeutung für alle Christen ist, möchte ich ein Motto für unsere weiteren Überlegungen vorschlagen, das fälschlich Karl Barth zugeschrieben wird.Das Motto lautet: In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas, das heißt, im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem aber Sorge für den Nächsten.

Sehr wahrscheinlich sollte dieses nach den Massakern des dreißigjährigen Krieges geprägte Motto eine ernste Mahnung für die kommenden Generationen darstellen, um zu vermeiden, dass ganz Europa wieder in jene furchtbare Atmosphäre von Barbarei und Intoleranz zurückfalle, die das 17. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gekennzeichnet hatte.

Ich denke, dieses Motto, das zum Manifest eines besonderen Teiles der ökumenischen Bewegung geworden ist, sollten wir ernsthaft analysieren, um jede Form von Missverständnis zu vermeiden.

Kein Interpretationsproblem gibt es bezüglich des Unterschieds zwischen Notwendigkeit und Zweifel. Dass es im christlichen Glauben wesentliche und weniger wesentliche, d.h. zweifelhafte Lehren gibt, scheint mir ganz und gar unbestreitbar. Ebenso unumstößlich und auch selbstverständlich erscheint mir, dass das Prinzip der Sorge für den Nächsten, unabhängig von jedweder theologischen Diskussion und auch vom religiösen Glauben, gültig sein müsse. Es genügt nur, an das zu denken, was im 16. Jahrhundert der berühmte Jurist Hugo Grotius betonte, als er schrieb, dass die Ethik bestehen würde, auch wenn es keinen Gott gäbe (etsi Deus non daretur).

Aber was ist konkret der Sinn dieses Wortes im Notwendigen ? Das Motto geht von der Voraussetzung aus, dass ein gegenseitiges, stillschweigendes Einverständnis unter den christlichen Kirchen über den Sinn der Begriffe Notwendigkeit und Zweifel besteht.

Diese Voraussetzung müsste, meines Erachtens, erst einmal bewiesen werden. So könnte das Wort im Notwendigen für die Reformierten die grundsätzlichen Prinzipien der Reformation kennzeichnen, für die Lutheraner die Lehre von der Rechfertigung allein aus Glauben und für die Katholiken das Prinzip der apostolischen Sukzession und das Unfehlbarkeitsdogma. Tot capita, tot sententiae, sagten die Römer, das heißt „so viele Köpfe , so viele Sinne", und wie könnte es anders sein, angesichts der Tatsache, dass notwendig ein relativer Begriff ist?

Wenn das stimmt, nämlich dass heute kein allgemeiner Konsens über die Grundlagen des christlichen Glaubens besteht, erweist sich die Ermahnung zur Einheit als eine bloße Grundsatzerklärung, die konkret wenig oder gar nichts nützt. Vielleicht sollten die christlichen Kirchen, anstatt nur in dieser einen Woche ökumenische Gottesdienste zu organisieren, die alles beim Alten lassen, das ganze Jahr über ein ernstes Gespräch führen, um unter Rückgriff auf die Bibel die grundsätzlichen Elemente des christlichen Glaubens wiederzuentdecken, aus denen es möglich ist, eine tiefe wahre Einheit zu erreichen.

Wenn das nicht geschieht, sind besonders unsere reformierten Kirchen immer wieder dazu bestimmt, Gefangene einer Anschauung zu werden, in der alles möglich ist, gerade weil alles zweifelhaft ist.

Paolo de Petris

 

 

 

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