Vor
einigen Monaten erschien in der Reformierten Presse (12/2000)
die Nachricht, dass der Trend der rückläufigen
Kirchenaustritte sich stabilisiert hätte. Nichtsdestoweniger
ist die Situation der reformierten Kirchen gar nicht rosig.
Was ist die Ursache solchen Unbehagens? Ist z. B. die
Steuerveranlagung der Grund oder gibt es andere Gründe ?
Die
Ursache eines Unbehagens
Im
16. Jahrhundert versuchte die Protestantische Reformation, die
Aufmerksamkeit der Kirche auf die Tatsache zu lenken, daß der
Glaube an den lebendigen Gott eine grundsätzliche Ablehnung
jeder entgegengesetzten Realität bedeutete. Das schottische
Glaubensbekenntnis von 1560 betonte dieses Element in seinem
ersten Kapitel: Wir bekennen einen Gott allein, nach Dem
allein wir uns orientieren müssen, Dem allein wir dienen
müssen, Den allein wir ehren müssen, auf Den allein wir unser
Vertrauen setzen müssen.
Der Nachdruck auf den Prinzipien von SOLI DEO HONOR ET GLORIA,
SOLUS CHRISTUS, SOLA SCRIPTURA, SOLA GRATIA, SOLA FIDE ( d.h.
Gott allein sei Ehre und Ruhm, Christus allein, Bibel allein,
Gnade allein und Glauben allein) hatte eine vollständige und
radikale Re-Orientierung des Glaubens der Kirche zur Folge.
Heutzutage kann man nicht umhin anzuerkennen, daß die Kirchen,
die durch die Reformation geboren wurden, in einer tiefen
Krise stecken. Man hat den Verdacht, daß sich heutzutage das
prophetische Wort des deutschen Reformators Martin Luther
erfüllt, als er sagte: In der Zukunft wird wieder aufgebaut
werden, was wir abgeschafft haben und es wird abgeschafft
werden, was wir aufgebaut haben.
Es
steht fest, dass viele Faktoren zu dem Unbehagen der Kirche
beigetragen haben. Der allgemeine Säkularismus unserer Kultur,
in der Leben zunehmend gelebt wird, als ob es keinen Gott gäbe,
ist ein Faktor. Eine bedeutsame Rolle spielen zu dem die neuen
sozialen Verhältnisse, in denen es wenig Unterstützung für die
Kirche innerhalb der allgemeinen Strukturen der Gesellschaft
gibt. Man kann auch sagen, wie Jörg Baur in seinem Buch Das
reformatorische Christentum in der Krise betont hat: die Krise
des Protestantismus sei die Krise der Neuzeit, ihrer Vernunft
und ihres Subjektverständnisses, in dessen Strudeln der
Protestantismus unterzugehen droht, weil dieser sich immer in
kritischer Solidarität mit der europäischen Zeitgeschichte
definiert hat.
Jedoch, wie der presbyterianische Theologe John Leith in
seinem Der Reformed Imperative behauptet hat, kann die Notlage
der Kirche nicht nur aufgrund dieser Faktoren erklärt werden.
In der Tat besteht die Hauptquelle des Unbehagens der Kirche
oft in dem Verlust einer charakteristischen christlichen
Botschaft. Manchmal gibt es kaum einen Unterschied zwischen
dem, was die Kirche sagt, und dem, was wir von Therapeuten,
von Psychologen und von den verschiedenen politischen Parteien
hören.
Der italienische Theologe Vittorio Subilia wies kurz vor
seinem Tod besorgt darauf hin, daß jegliche Referenz in Bezug
auf die Bibel als verschwunden schien und dass wir, als
Protestanten das Zentrum der christlichen Botschaft verloren
haben, da wir nur an einem falschen und nivellierenden
Ökumenismus, an Problemen der Ökologie und an sozialen Fragen
interessiert sind. Vittorio Subilia zog daraus mit der
melancholischen Aussage den Schluss: Seit dem 17. Jahrhundert
hat es keine so schwierige Lage gegeben.
Wie allgemein bekannt beseitigte die Reformation den
Unterschied zwischen Pfarrern und Laien und bestand auf dem
Priestertum aller Gläubigen. Gemäß dieser Perspektive ist der
Pfarrer oder die Pfarrerin nichts anderes als ein Doktor der
Heiligen Schriften ( Verbi Divini Minister) . Das ist der
Grund weshalb der Verlust klarer theologischer Voraussetzungen
sich mehr auf die protestantischen als auf die katholischen
Pfarrer auswirkt. In der Tat, wie Jean Paul Willame in seinem
Buch La Précarité Protestant ( Labor et Fides) , betont hat,
ist es leichter für einen katholischen, als für einen
protestantischen Pfarrer ohne Theologie zu arbeiten, weil die
katholische Kirche mit ihrer Kongregation für die
Glaubenslehre und mit anderen darauf übergeordneten Strukturen
dafür sorgt.
Als ob das nicht schon genug wäre, hat die katholische Kirche,
ihr Lehramt, ihr Glaubensbekenntnis und vor 8 Jahren hat sie
einen neuen Katechismus publiziert, der versucht, eine
befriedigende Antwort auf alle theologischen Fragen zu geben.
Andere protestantische Kirchen halten an ihren
Glaubensbekenntnissen fest, auch wenn sie oft stilistisch ein
wenig altmodisch sind. Und unsere reformierte Kirche ? Warum
hat sie vor 2 Jahrhunderten eines der besten
Glaubensbekenntnisse der Reformation nicht mehr akzeptiert,
das heißt, das zweite Helvetische Glaubensbekenntnis des
Reformators H. Bullinger ? Persönlich bin ich fest davon
überzeugt, dass wir die Frage unserer theologischen Identität
stellen sollten. Meines Erachtens sind auch wir in dieser
schweren Zeit dazu aufgerufen unseren Glauben zu bekennen und
jene grundsätzlichen Prinzipien wiederzuentdecken, auf deren
Basis die Kirche steht oder fällt, das heisst:_SOLI DEO HONOR
ET GLORIA, SOLUS CHRISTUS, SOLA SCRIPTURA, SOLA GRATIA und
SOLA FIDE.