In seinem
Brief an die Römer schließt der Apostel Paulus alle diese
Antworten aus und kommt zu einem Schluß der heute vielleicht
viele Leute stört. Es gibt keinen, der gerecht ist, auch nicht
einen; es gibt keinen Verständigen, keinen, der Gott sucht.
Alle sind abtrünnig geworden, alle miteinander taugen nichts.
Keiner tut Gutes, auch nicht ein einziger (3:10-12).
Nein, sagt
Paulus, jenseits des Wunsches eine höchste Kenntnis zu
erreichen, jenseits des Wunsches fortzuschreiten, jenseits des
Strebens einen höchsten Lebensstandard zu erlangen, ist die
menschliche Geschichte wie von einem unsichtbaren Filigran
gekennzeichnet, das heißt, von einem absoluten Mangel an
Gerechtigkeit und Liebe Gott und dem Nächsten gegenüber: im
Gegenteil gehorcht alles dem Gesetz des Egoismus, der Gewalt
und der Unterdrückung. Mors tua vita mea, das heißt, dein Tod
kann für mich das Leben darstellen, so lautet ein berühmtes
Motto.
Und
jedesmal wenn der Apostel Paulus über Sünde, sprach, bezog er
sich nicht auf eine Übertretung dieses oder jenes Gebotes
Gottes, das heißt bezog er sich nicht auf spezifische Sünden,
sondern auf die grundlegende Haltung von Egoismus und
Selbstbezogenheit, welcher das ganze menschliche Verhalten
unterliegt und die immer die Menschen treibt ihre Bedürfnisse
zu befriedigen und oftmals die Rechte der Schwächsten mit
Füßen zu treten.
Man kann
sich fragen ob dieser so drastische Schluß, der jeden
Optimismus zerbricht, gerechtfertigt ist. Viele haben diese
Analyse des Apostels Paulus bestritten, da sie davon fest
überzeugt waren, daß der Mensch gut und unschuldig geboren
wurde und, dass er später infolge des negativen Einflusses der
Gesellschaft verdorben wurde.
Im 17.
Jahrhundert wurde diese Weltanschauung von dem berühmten
französischen Philosophen Jan Jacques Rousseau interpretiert,
der den Mythus des Beau Sauvage prägte. Die Überzeugung von
J.J. Rousseau überlebte seinen Autor und herrschte
unbestritten während des ganzen 18. Jahrhundert. Es war der
erste Weltkrieg der diese Theorie in Krise stürzte. Dann brach
der zweite Weltkrieg mit seinen 65 Millionen Toten herein.
Jeder weiß,
dass gewisse Vorurteile nicht leicht auszulöschen sind. Eine
gewisse Philosophie die heute Mode ist, das heißt, diejenige
von New Age, hat diese optimistische Anschauung wieder
aufgenommen. Sie betonte: Sündenfall beiseite, Schuldkomplex
beiseite, da diese Gefühle die Bildung und die Entwicklung der
menschlichen Persönlichkeit behindern. Wir sind Göttliche und
deshalb brauchen wir keinen Gott, weil wir imstande sind das
Göttliche zu erlangen.
Es ist
etwas wahres an dem was diese Philosophie sagt. Zweifellos
steht fest, dass der moderne Mensch besonders in den letzten
Jahren technische Fortschritte realisierte, die vor einigen
Jahrhunderten noch undenkbar gewesen wären.
Aber es gibt die Kehrseite der Medaille. Es genügt nur die
Geschichte des letzten Jahrhunderts zu analysieren um sich
darüber bewusst zu werden, dass die Beurteilung des Apostels
Paulus ins Schwarze getroffen hatte: die Konzentrationslager,
die ethnischen Säuberungen, die Massaker und die
Menschenrechtsverletzungen des letzten Jahrhunderts deuten
nicht klar darauf hin, daß der technologische und
wissenschaftliche Fortschritt nicht im Gleichschritt mit der
geistigen Entwicklung geht?
Jedoch ist
kein anderer Begriff dem Menschen so fremd ist als derjenige
der Sünde, das heißt, dieser Trennung zwischen Gott und dem
Menschen, die nicht nur quantitativ, sondern qualitativ ist.
Der moderne Christ kann sich deprimiert und hoffnungslos
fühlen, ohne Bezugspunkte leben, aber es ist unwahrscheinlich,
dass er sich jemals als Sünder bekennt. Der berühmte
amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr fasste die Anschauung
zusammen die heutzutage die christlichen Kirchen herrscht
folgendermaßen: Ein Gott ohne Zorn bringt Menschen ohne Sünde
in ein Königreich ohne Gericht durch die Hilfe von einem
Christus ohne das Kreuz.
Daraus
ergibt sich eine sehr wichtige Folgerung. Wenn der Mensch die
Tragik der Sünde nicht erkennt, fühlt er auch nicht die
Notwendigkeit Gott um Verzeihung anzuflehen. Ist vielleich
nicht das der Grund weshalb unsere Kirche eine tiefe Krise
durchmachen ?
Im
Gegenteil, wenn wir den tiefsten Sinn der christlichen
Botschaft wiederfinden wollen, müssen wir uns der Bedeutung
der Sünde, das heißt der Vorläufigkeit unseres Lebens und
unserer Pläne bewusst werden um die Gnade Gottes und
infolgedessen unsere wahre Menschlichkeit wiederfinden zu
können.
Wir sollten
Christen werden, um Menschen zu sein, sagte der berühmte
Theologe Miguez Bonino. Dazu brauchen wir auch die Gnade
Gottes die uns durch Jesus Christus geschenkt wird.