Warum starb Jesus?

Agnus Dei, qui tollis peccata mundi. Es bereitet mir Mühe anzunehmen, dass Jesus den irdischen Leidensweg nur als Sühneopfer für die Sünden der Menschheit beging.

Das riecht doch nach heidnischem Opferkult. Für mich ist das der Beweis, dass es Gott todernst war und ist, sich den Menschen verständlicher zu machen, ihnen näher zu kommen, um ihnen zum wahren Weg zum Glauben zu verhelfen.

Peter Suter

Ihre Frage, wenn ich sie richtig verstanden habe, hat mit einem der rätselhaftesten Probleme des christlichen Glaubens tu tun, das heißt mit dem Sinn und der Reichweite des Werks von Jesus Christus und insbesondere seines Todes.

Die Frage "Was hat Jesus Christus für uns getan?" ist immer mit der Frage"Wer ist Jesus Christus? " eng verbunden worden.

Jedoch hat die christliche Kirche auf die zweite Frage genauer geantwortet als auf die erste.

In der Tat gibt es keine theologische Aussage über den Sinn des Todes von Christus, die ein vergleichbares Gewicht mit den Glaubensbekenntnissen von Nicäa-Konstantinopel ( 381)und von Chalcedon (451) besitzt.

Im Neuen Testament gibt es verschiedene Versuche, den Tod Jesu Christi zu begreifen, die nicht leicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind.

Ich werde die wichtigsten kurz nennen.

1) Jesu Tod ist ein Sühneopfer. Gemäß dieser These, die z. B. in Römer 3,25 und in Johannes 1,29 aufgestellt wird und aus dem antiken Opferkult stammt, würde Jesu Blut uns von Sünden rein waschen. Damit die Menschen mit Gott wieder versöhnt werden, musste der Mittler sich selbst opfern, und ohne dieses Opfer wäre eine solche Wiederherstellung unmöglich.

2) Jesu erleidet mit seinem Tod stellvertretend die Strafe für die Sünden der Menschheit. Gemäß dieser Vorstellung, die dem juristischen Bereich entstammt, fordert Gottes Gerechtigkeit die Bestrafung der sündigen Menschheit, aber um seiner Liebe willen nimmt Gott diese Strafe auf sich selbst, bzw. überträgt sie auf seinen Sohn (z. B. Gal. 3,13).

3) Der Tod Jesu ist der Preis, mit dem Gott dem Teufel die ihm verfallene Menschheit abkaufte.

Die Vorstellung des Todes Christi als ein Lösegeld wurde besonders von den griechischen patristischen Theologen, wie Irenäus dargestellt und gründet sich auf einige Texte des N.T., die betonen, dass Jesus sein Leben als Lösegeld für die Sünder hingab ( z. B. Markus 10, 45. 1. Timotheus 2, 6).

4) Auf diese These gründet die vierte Vorstellung, die das Kreuz als Sieg betrachtet. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hätte Christus einen Sieg über Sünde, Tod und Satan davongetragen. Dieses Motiv des Sieges gewann an Bedeutung im Leben der Kirche bis hin zur Aufklärung. In der Folge verlor sie an theologischer Überzeugungskraft. Im 20. Jahrhundert ist die Rehabilitation dieses Ansatzes mit dem Buch "Christus Victor" des Theologen Gustav Aulen verbunden

5) Eine ganz andere Vorstellung behauptet, dass diejenigen, die an Christus glauben und mit ihm sakramental durch Taufe und Abendmahl verbunden sind, dadurch Anteil an seinem Leben, an seinem Sterben und Auferstehen erhalten ( Röm. 6,1-11).

6) Schließlich gemäß einer anderen Perspektive, die mit einem Text von Paulus verbunden ist ( Gott versöhnte die Welt mit sich selbst, 2. Kor.5,18-21) wird nicht Gott versöhnt , sondern die Welt, nicht Gottes Zorn wird gestillt, sondern die Gottferne, das Misstrauen gegen Gott durch den Tod Jesu wird überwunden. In anderen Worten ausgedrückt: mit Jesu Tod hat Gott den entscheidenden Beweis für seine unendliche Liebe zur Welt geliefert. Dieser Anschauung, so scheint es mir, sind Sie besonders nahe.

Zur Zeit der Reformation hat Johannes Calvin versucht, einige dieser Anschauungen zusammenzufassen und das Werk von Jesus Christ als dreifaches Amt von König , Priester und Prophet zu beschreiben. Jesus ist unser Prophet, weil er uns den Willen Gottes offenbart und uns lehrt zu leben und zu sterben. Jesus ist auch unser Priester weil er zur Versöhnung von Gottes Liebe und Zorn führt, und auch unser König weil er uns führt und regiert.(Unterricht in der Christilichen Religion, II,12.2)

Diese Perspektive wurde von einigen protestantischen Glaubensbekenntnissen wieder aufgenommen.

Zum Beispiel steht im Westminster Glaubensbekenntnis geschrieben: Es hat Gott in seinem ewigen Vorsatz gefallen, den Herrn Jesus, seinen eingeborenen Sohn, zu erwählen und zum Mittler zwischen Gott und Menschen zu bestimmen, zum Propheten, Priester und König, zum Haupt und Erlöser seiner Kirche, zum Erben aller Dinge und zum Richter der Welt (Kap. VIII).

Im letzten Jahrhundert hat der Theologe Karl Barth wieder dieses Thema erneuet behandelt. In einem Abschnitt seines Hauptwerkes, dessen Titel lautet "Der Richter als der an unserer Stelle Gerichtete (Kirchliche Dogmatik IV/1, 59,2) , hat er versucht, die im Heidelberg Katechismus enthaltene Lehre neu zu interpretieren.

Barths Meinung nach stellt das Kreuz den Ort dar, an dem der gerechte Richter sein Urteil über die sündigen Menschen verkündet und zugleich das Urteil auf sich selbst nimmt:

Es geschah da, dass der Sohn Gottes das gerechte Gericht über uns Menschen damit vollstreckte, dass er selbst als Mensch an unsere Stelle trat und an unserer Stelle das Gericht , dem wir verfallen waren , über sich selbst ergehen ließ... denn so wollte Gott sein Gericht in seinem Sohn an uns vollziehen- in seiner Person, als ihn treffende Anklage, Verurteilung und Tötung. Er richtete – und es war der Richter, der da gerichtet wurde, sich selber richten ließ .Cur Deus homo? Damit Gott als Mensch solches für uns, die Unrechttäter tue, leiste, vollbringe, vollende, damit es so durch ihn selbst zu unserer Versöhnung mit ihm, zu unserer Umkehr zu ihm hin komme.

Welche Schlussfolgerungen kann man hieraus ziehen?

Sicher beweist die Vielfältigkeit dieser Auslegungen die Tatsache, dass keine der obigen Thesen den Anspruch erheben kann die ganze Wirklichkeit zu treffen. Besonders in diesem Zusammenhang sollte das Pauluswort gelten: Unser Wissen ist Stückwerk (1. Kor. 13,9).

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