Gibt es etwas Neues in der vor kurzem veröffentlichten Erklärung Dominus Jesus?

Auch wenn es voreilig ist, endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen, scheint es mir, dass einige Elemente besonders bemerkenswert sind .

1) Alles in Dominus Jesus wurde schon früher gesagt. Gar nichts ist neu - weder in der Form noch in der Substanz. Diese Erklärung erweist sich als nichts anderes als ein sorgfältiges und oft kleinliches Zitat von früheren Dokumenten.

Insbesondere hatte schon das zweite Vatikanische Konzil behauptet:

a) dass es eine geschichtliche, in der apostolischen Sukzession verwurzelte Kontinuität zwischen der von Christus gestifteten und der katholischen Kirche gibt. (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 20;).

b) dass es eine einzige Kirche Christi gibt , die in der katholischen Kirche subsistiert und vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. (Erklärung Mysterium Ecclesiae, 1: AAS 65 (1973) 396-398.)

C) dass mit dem Kommen Jesu Christi, des Retters, Gott die Kirche für das Heil aller Menschen eingesetzt hat (Lumen gentium, 17 und auch Johannes Paul II, Enzyklika Redemptoris missio, 11: AAS 83 (1991) 259f. )

Um jedes Missverständnis zu vermeiden, dass es sich hier um die Römisch -katholische Kirche handelt, hat der moderne Katechismus der Katholischen Kirche im Jahre 1992 diese Behauptung folgendermaßen verstärkt: Nur durch die katholische Kirche Christi, die allgemeine Hilfe zum Heil ist, kann man die ganze Fülle der Heilsmittel erlangen. ( Dekret Unitatis redintegratio, 22.)

b) dass die Kirchen, (das heißt die orthodoxen) die zwar nicht in vollkommener Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, aber durch engste Bande, wie die apostolische Sukzession und die gültige Eucharistie mit ihr verbunden bleiben, echte Teilkirchen sind. (Dekret Unitatis redintegratio, 14 und 15. )

c) dass die kirchlichen Gemeinschaften (das heißt die Kirchen, die aus der protestantischen Reformation stammen), die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, nicht Kirchen im eigentlichen Sinn sind. (Dekret Unitatis redintegratio, 22). In anderen Worten gesagt, stünden die Kirchen der Reformation gewissermassen auf der untersten Stufe der kirchlichen Rangordnung, wie Manfred Koch, Vorsitzender des Rats der EKD, betont hat.

2) Alle diese Behauptungen gründen sich darauf, dass die katholische Kirche sich für die Fortsetzung der Inkarnation von Jesus Christus hält. Wo Christus ist, dort ist die Kirche; wo Petrus ist, dort ist die Kirche; wo der Bischof ist, dort ist die Kirche (Ubi Christus, ibi Ecclesia, Ubi Petrus, ibi Ecclesia ubi Episcopus, ibi Ecclesia).

Im Licht dieser Tatsachen verstehe ich nicht die Verwunderung, die viele Protestanten ausgedrückt haben. Es handelt sich hier nicht um eine restriktive, polemische Auslegung des 2. Vatikanums, sondern um eine Kernaussage, mit der der Katholizismus steht oder fällt. Ein Katholizismus, der auf seinen Anspruch verzichten sollte, die einzige Kirche Christi zu sein, wäre nicht mehr Katholizismus. In dieser Perspektive erweist sich als durchaus gerechtfertigt, was Ratzinger - mit der vollen Zustimmung von Johannes Paulus II - verfasst hat, das heißt, dass er darlegt, was wesentlich für die katholischen Kirche ist, und was nicht verloren gehen darf - natürlich nach den Maßstäben der katholischen Lehre. Wie Ingolf Dallferth in der Reformierte Presse richtig betont hat: Es ist nicht Aufgabe der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, neue Lehren zu verbreiten. Sie ist kein Büro für katholische Innovationen, sondern der kuriale Hüter des Überkommenen. Ihr Auftrag ist, über die tradierte Lehre der römischen Kirche zu wachen, wo nötig, den Glauben der Kirche neu zu bekräftigen (Nr 38/2000).

Wir als Protestanten sind dazu aufgerufen, den ökumenischen Dialog fortzusetzen, da wir fest davon überzeugt sind, dass dieser Dialog keine Nebensache sondern wesentlich für alle Kirchen ist.

Dem Teil der katholischen Kirche, der sich zu der Erklärung bekennt und uns unser Kirche-Sein abspricht, sollten wir unser ökumenisches Ärgernis ausdrücken und darauf aufmerksam machen, dass ein ökumenischer Dialog nur unter Gleichen bestehen kann.

Den anderen Teil der katholischen Kirche, der sich nicht zu diesem Dokument bekennt, sollten wir fragen, warum er - mit einigen wenigen Ausnahmen - sich in Schweigen gehüllt hat? Diejenigen, die sich voller Leidenschaft für den ökumenischen Dialog eingesetzt haben, möchten es wissen.

 

 

|