Auf welche grundsätzliche Basis stützt sich unser reformierter Glaube?

Um eine Antwort auf diese wichtige Frage zu geben, werde ich den ersten Grundsatz der Protestantischen Reformation umreißen, der da heißt: Gott allein sei Ehre und Ruhm.

 Seitdem die Menschen begonnen haben, sich ihres Daseins und ihrer Beziehungen zu der Welt bewusst zu werden, haben sie die Frage gestellt, welche Bedeutung ihr Leben haben könnte. Warum lebt man? Welches ist das Ziel des Lebens?

Die protestantische Theologie des 16. Jahrhunderts versuchte eine Antwort auf diese wiederkehrenden Fragen zu geben. Im Genfer Katechismus findet man die Behauptung:

Es steht fest, dass wir alle geschaffen worden sind, um die Majestät unseres Schöpfers anzuerkennen und Gott über alles zu ehren, zu lieben und zu verherrlichen. Aus diesem Grunde müssen wir überlegen, dass unser altersschwaches Leben, das bald enden wird, nichts anderes als ein Nachdenken über die Unsterblichkeit sein müsste. Deshalb ist es nicht möglich, ewiges und unsterbliches Leben außerhalb von Gott zu finden. Es ist darum notwendig, daß die hauptsächliche Sorge unseres Lebens sei, Gott zu suchen, um zu Ihm mit aller Zuneigung unseres Herzens zu streben und nirgends sonst zu ruhen als in Ihm allein.

Der Westminster Katechismus fasste die reformierte Anschauung mit den folgenden Worten zusammen: das wichtigste Ziel des menschlichen Lebens besteht darin, Gott zu ehren und zu verherrlichen. .

Wenn wir die oben erwähnten Behauptungen mit unserer modernen Weltanschauung vergleichen, können wir den Eindruck haben, dass diese Einstellung einer Epoche angehört die von uns Millionen von Jahren entfernt ist.

In der Tat sind wir so daran gewöhnt, die Verwirklichung unseres Strebens als den Hauptzweck unseres Lebens zu betrachten, dass es uns schwer fällt, zu begreifen, dass die wichtigsten Denker des 16. und 17. Jahrhunderts die höchste und unbedingte Freiheit darin gefunden hatten, sich gänzlich der Allmächtigkeit Gottes zu überlassen. Man denke nur, dass Johann Sebastian Bach seine Kompositionen mit den Worten Soli Deo Gloria unterschrieb und dieselben auch in die Orgel zu Leipzig einschnitzte.

Aber was bedeutet in Wirklichkeit Gott zu verherrlichen?

Es bedeutet, dass die Menschen nicht dazu berufen sind in dieser Welt zu leben, um ihre Bestrebungen zu befriedigen, oder um das ewige Heil zu erreichen, sondern um Werkzeuge von Liebe, Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit zu werden. Die Sorge um die persönliche Rettung erweist sich oft als sehr egoistisch. Der Schriftsteller Nicolas Berdyaev schildert ein schreckliches Bild derjenigen, die ihre Nachbarn "in den Drecke trampeln", um zu erst die Tore des Himmels zu erreichen.

Im Jahre 1967 hat die United Church of Canada diese Überzeugung, dass die Gläubigen in den Dienst Gottes treten müssen, folgendermaßen ausgedrückt: wir sind dazu berufen Gottes-Gegenwart zu feiern, in Respekt gegenüber der Schöpfung zu leben, unseren Nachbarn zu lieben und zu dienen, für die Gerechtigkeit zu kämpfen und unseren Herrn Jesus Christus als unseren Richter und unsere Hoffnung zu verkündigen .

Der Theologe Richard Niebuhr verglich dieses reformierte Leitmotiv der Verherrlichung Gottes durch das menschliche Engagement in der alltäglichen Wirklichkeit mit der Überzeugung des Mittelalters die von dem berühmten Theologen Thomas von Aquin folgendermaßen umschrieben wurde: Das letzte Glück besteht nur darin, Gott anzubeten .

Richard Niebuhr’s Meinung nach bestand der hauptsachliche Unterschied zwischen dem Katholizismus und den reformierten Kirchen nicht nur darin, wie man die Seele retten könnte, sondern auch in der Überlegung nach dem Hauptzweck des menschlichen Lebens: ein kontemplatives Leben zu führen oder sich in der alltäglichen Wirklichkeit zu engagieren?

Die protestantische Reformation hatte keinen Zweifel daran, dass Gott die Menschen dazu berufen hatte, Seinen Willen in die Praxis umzusetzen. Die wichtigste Sorge der reformierten Kirchen in Europa und in New England bestand darin, sich nicht um die Rettung der Seele, sondern um die Gründung einer heiligen Gemeinde in dieser Welt zu kümmern. Dieser Punkt, den Ronald Bainton hervorhebt , unterscheidet die Reformierten von Katholiken und Lutheranern.


 

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