Sehr geehrter Herr Pfarrer,

im 1. Korinther, 51-52, heißt es: Wir werden nicht alle entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden - plötzlich, in einem Augenblick, beim letzten Posaunenschall. Die Posaune wird erschallen, die Toten werden zur Unvergänglichkeit auferweckt, wir aber werden verwandelt werden.

Ich persönlich glaube und glaube es immer noch, dass die Toten sofort hinübergehen. Der Text im 1. Korintherbrief verwirrt mich.

A.E. Tanner

Liebe Frau Tanner,

Um diesen Text richtig verstehen zu können, muss man berücksichtigen, dass der Apostel fest davon überzeugt war, dass das Kommen von Jesus Christus bevorstand, und dass es einige geben würde, die nicht hätten sterben müssen. Schon in seinem früheren ersten Brief an die Thessalonicher (4:13-16) hatte Paulus dieselbe Überzeugung ausgedrückt. Nur später zog der Apostel die Möglichkeit in Betracht, dass das Kommen von Jesus Christus sich verspäten könnte.

Abgesehen davon scheint es mir, als ob Ihre Frage weitergreifender sei, und dass sie eigentlich lautet: was ist unser Schicksal gleich nach unserem Tode?

Meines Erachtens sind einige Elemente bemerkenswert:

1) Die Vorstellung, daß der Mensch aus zwei Teilen bestehe, aus einem sterblichen Leib und einer unsterblichen Seele, stammt nicht aus dem biblischen, sondern aus dem griechisch-platonischen Denken. Seit einigen Jahrzehnten hat, besonders in der evangelischen Theologie, die in der Vergangenheit die Anschauung der Unsterblichkeit der Seele bloss aus der griechischen Philosophie übernommen hatte, eine Rückbesinnung auf die neutestamentliche-christliche Anthropologie eingesetzt, die klar gezeigt hat, dass der Mensch eine untrennbare Einheit von Leib und Seele, das heißt, von Leib und Lebendigkeit ist.

2) Demzufolge ist die Vorstellung einer Unsterblichkeit der Seele dem Neuen Testament fremd. Nichts an uns ist von so hoher Qualität, dass es Anspruch auf Unsterblichkeit hat. Gott allein ist unsterblich ( 1 Timotheus 6:16). Eine Unsterblichkeit der Seele könnte man nur annehmen, wenn man voraussetzen könnte, dass die Sünde im Grunde harmlos sei, weil sie die menschliche Seele nicht ernsthaft infiziert habe. Die Vorstellung einer unsterblichen Seele erweist sich als nichts anderes als eine reine Verharmlosung der Sünde und des Todes.

 

3) Das Neue Testament bekennt demgegenüber die Auferstehung der Toten, das heißt eine Neuerschaffung des ganzen Menschen. Es handelt sich nicht um eine Wiederherstellung der körperlichen Substanz, sondern um einen Schöpferakt Gottes, den wir uns auch im entferntesten nicht vorstellen können. Die Bibel begründet diese Hoffnung allein auf die Auferstehung Jesu Christi.

Schließt das ein, dass in der Erwartung der Auferstehung des Leibes die Einheit zwischen Christus und denjenigen, die sich ihm anvertrauen, unterbrochen ist?

Das ganze Neue Testament schließt diese Möglichkeit entschlossen aus. Dem Verbrecher, der ihn fragte: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst, antwortete Jesus: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein (Lukas 23:43).

Der Apostel Paulus was so fest davon überzeugt, dass er nach dem Tode mit Christus gewesen wäre, dass er schrieb: Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. Denn es liegt mir beides hart an: ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, was auch viel besser wäre. (Philipper 1:21 und 23).

4) Um den vorläufigen Zustand der Gläubigen nach dem Tode zu kennzeichnen, benutzt die Bibel das Bild des Schlafens. Das Alte Testament beschreibt David Salomon und die anderen Könige Israels als entschlafen ( 1 Könige 2:10; 11:43;14:20, 31:15:8; 2 Chronik 21:1; 26:23).

Das Neue Testament benutzt dasselbe Bild. Jesus Christus sagte, dass die Tochter des Synagogenvorstehers nicht gestorben war, sondern dass sie nur schläft ( Matthäus 9:24 und Markus 5:39), und er sagte dasselbe für Lazarus (Johannes 11:11-14).

Matthäus schrieb, dass die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, auferweckt wurden nach der Auferstehung von Jesus Christus (Matthäus 27:52).

In der Apostelgeschichte schrieb Lukas, dass Stephanus, als er gemartert wurde, entschlief ( 7:60).

Sowohl Paulus wie Petrus beschrieben den Tod oft als ein Entschlafen ( 1 Korinther 15:51- 52; 1 Thessalonicher 4:13-17; 2 Petrus 3:4) .

Was bedeutet genau dieses Bild? Meines Erachtens besteht der Sinn dieses Bildes darin, dass die Einheit zwischen Christus und den Gläubigen in jedem Falle trotz des Todes fortfahren wird, auch wenn die Auferstehung unseres ganzen Daseins nur am Ende der Zeiten stattfinden wird.

Wenn das stimmt, warum sollten wir besorgt sein? Ist es nicht wahr, was der Apostel Paulus schrieb: Wenn wir leben , leben wir für den Herrn und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Wir gehören dem Herrn im Leben und im Tod? (Römer 14:8)

 

 

 

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