Heinrich Bullinger
1504 - 1575
VERTRAUENSVOLL GLAUBEN
eine Stimme aus der Reformation zum Glauben
Auswahl und Übersetzung:
Pfr. Siegfried F.Müller
Limache Verlag
Inhalt
zum Geleit
1. Die ‘heutige’ Zeit
2. Der Glaube als Wissen und Haltung
3. Wozu Bilder?
4. Tun was gilt. Das Leiden.
5. Hilfsmittel benützen
5.1. Ärzte und Arznei
5.2. Verstand
6. Einzelnes zur Kirchen- und Landespolitik
6.1. Fremde Sünde
6.2. Gewaltherrschaft
7.
Bildhaft
zeigen – logisch beweisen?
7.1. Die Dreifaltigkeit Gottes
7.2. Sakramente
7.3. Das Sterben Christi betrachten
als
Beispiel für uns selber
zum Geleit
Eine große Verunsicherung einerseits, aber auch ein großer Hunger und Durst nach Nahrung für die Seele – das ist wohl eine deutlich feststellbare Gemeinsamkeit der heutigen Zeit und derjenigen der Reformation. Die große Verschiedenheit ist ebenso bekannt: es ist nicht so sehr das, was wir gemeinhin die Technik nennen, sondern vielmehr die ‘Technik’ des Denkens: Wir vermeinen heute in der europäisch-amerikanischen Kultur fast unreflektiert, mit Hilfe unserer Logik (die auf der aristotelischen basiert) der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Das war damals sehr weitgehend noch nicht so. Der Rationalismus suchte zwar seit Jahrhunderten Fuß zu fassen; die Reformation kann sehr wohl als ein letzter großer Versuch verstanden werden, diesen Rationalismus aufzuhalten.
Es ist wenig bekannt, aber deutlich festzustellen: Der Zürcher Reformator Heinrich Bullinger lehnte die aristotelische Logik scharf ab für die Belange, die unser Verhältnis zu Gott betreffen („Alle sachen / die Religion belangende / söllend mit jren gericht vnnd bewäret werden / ob sy rächt oder unrächt syend.“ Summa 1v); was aber die Schöpfungsdinge betrifft, wendet Bullinger dieselbe Logik gerne und gekonnt an. Auch zur Vergewisserung in Glaubenssachen ist ihm die Logik eine gute Hilfe; zur Wahrheitsfindung aber nie.
Die Logik ist ein Hilfsmittel zu Hilfszwecken. Für die Hauptsache taugt sie, nach Bullinger, nicht. Ist er methodisch ein ‘Biblizist’? Nein, er ist ein Hörer. Hinzuhören, das ist seine ‘Methode’. Daß auch das offenste Hinhören immer noch strukturiert ist, so gut wie jedes Denken und Formulieren, das ist ihm nicht bewußt geworden – doch Hand aufs Herz, wie manche von uns Heutigen leben in solchem Bewußtsein?
Bullingers Wahlspruch lautet: „JESVS. Das ist min lieber Sun / in dem ich versüenet bin / jm sind gehörig.“ Matth.17,5. „...auf ihn höret!“, so lautet es in der heutigen Sprache. Der Aspekt des Zugehörens ist dabei verloren gegangen.
Der Limache Verlag, aus der Arbeit an Bullingers Texten entstanden, legt hier ein paar Muster von Bullingers reichhaltigem und vielfältigen Schaffen vor. Wo nicht anders vermerkt, sind es Texte aus seiner SUMMA, übersetzt als „Christliches Glaubensleben 1556“ 1996 bei Limache erschienen. Andere Texte sind ad hoc übersetzt.
Bullinger war zu Lebzeiten ein berühmter Mann; dann entledigte sich der Rationalismus des unbequemen Mannes durch Vergessen: er ließ sich eben nicht mißdeuten. Allzu stark wendete er die Unterscheidung der Aspekte von Schöpfer und Schöpfung an. Nur für Schöpfungsdinge ist unsere Ratio zuständig; für die Belange des Glaubens, sagt Bullinger, gilt Gottes Wort, das er aber geistig verstanden wissen wollte, nicht nach dem bloßen Buchstaben.
Es ist nicht möglich, in diesem kleinen Heftchen mehr als nur ein paar kleinste Kostproben vorzustellen. Der Limache Verlag stellt Texte für die breite Basis der Interessierten bereit; die wissenschaftliche Bearbeitung der Werke Bullingers – eine Aufgabe für viele Jahrzehnte – liegt in den Händen des Zwinglivereins Zürich und des Institutes für Reformation der Universität Zürich.
Möge diese kleine Ausgabe allen Interessierten dienen. Gott gebe es.
Grüsch, im April 1999 Siegfried F.Müller
Es herrscht ein widerwärtiger Religionszwist in diesen Zeiten. Viele Leute (etliche von ihnen sind gutwillig, besonders in jenen Gegenden, wo man das Evangelium nicht öffentlich predigt wie es sich gebührt) beklagen sich sehr: „Man weiß bald nicht mehr, woran man ist, was man glauben, tun und lassen soll. Überall in der Welt haben die Gelehrten nämlich untereinander einen so heftigen Streit, daß der einfache, nicht studierte Mensch bald nicht mehr wissen kann, an wen er sich wenden kann, welcher Richtung er vertrauen und folgen soll; der eine sagt dies, der andere das, und beiderseits schmäht man einander in übler Weise. Einerseits gibt es zwar wirklich Bücher genug darüber; diese sind aber so lang und kompliziert, sind dermaßen in Streitgespräche verwickelt und voll von verbitterten Schmähungen, daß man nun schon gar keine Lust hat, sie zu lesen. Daneben gibt es zwar etliche Kinder-Unterweisungen; doch diese sind so kurz gefaßt, daß sie nicht zu genügen vermögen.“ - Diese Leute wünschen sich nun eine einfache Erklärung und Darlegung, eine möglichst kurze Zusammenfassung der ganzen Glaubenslehre, nämlich der wichtigen und notwendigen Fragen, und zwar aus dem Wort Gottes abgeleitet und mit diesem bewiesen und erläutert, ohne Wortstreitereien und ohne jemanden zu schmähen.
Gmeine Klag diser zyt.
ES befindt sich täglich in dem widerwertigen span der Religion vnserer zeyten / das sich vil lüten (vnder denen ouch etlich guotwillig / insonders an denen orten / da man das Euangelium Christi nit offentlich vnnd ordenlich prediget/ sind) träffenlich beklagend/ sy wüssind schier nit woran sy syend / was sy glouben / thuon oder lassen söllind. Dann die Geleerten habind vndereinandern allenthalben in der wält / ein so häfftigen stryt / da einer diß / der ander das säge / ouch zuo beiden syten einandren so übel schältind / das einem einfalten vngeleerten menschen nit bald zuo wüssen sye wohin er sich keere / oder welcher part er glouben vnd volgen sölle. Es werdind wol büecheren gnuog geschriben: die syend aber so lang vnnd vilfaltig / ouch mit strytigen disputationen dermassen yngewicklet / vnnd mit schälten verbitteret / das sy die zuo läsen nun gar keinen lust habind. Darnäbend syend wol etliche Kinderberichten vorhanden / doch so kurtz begriffen / das sy ouch durch söliche nit mögind vernüegt werden. Da so begärtind sy vil mee ein einfalte erklärung vnd innhalt oder kurtze (so vil müglich) summ der gantzen religion / das ist der fürnämen vnd notwendigen articklen [/] vß dem wort Gottes gezogen / vnd mit dem selben beuestnet vnd erlüteret / one zanck vnd schälten der personen.
Der Zweck dieses Buches
Die Menschen dieser Zeiten sind so seltsam spitzfindig und anklagefreudig, daß sie mit rein nichts befriedigt oder zum Schweigen gebracht werden können; aus diesem Grunde müßte eigentlich niemand etwas schreiben noch sich Arbeit machen und damit der Allgemeinheit dienen; solche Leute würden sich ja nur daran stoßen. Nichtsdestominder habe ich diese Gefahr auf mich genommen; so habe ich diese „Summa Christenlicher religion unnd eines Christenlichen läbens“ aufgeschrieben und gedruckt edieren lasen, im Namen Gottes, nach der Pflicht meines Amtes und nach christlicher Schuldigkeit, vor allen Dingen aber zu Ehre und Lob des allmächtigen Gottes und zur Rettung, Erläuterung und Förderung der christlichen Wahrheit; dann aber auch all denen zuliebe, die einfach von Herzen eine schlichte, aber getreue Darstellung begehren. In meiner Einfachheit und so gut mir Gott dazu die Gnade verliehen hat, habe ich in diesem Buch zehn Artikel anhand der Bibel abgehandelt und erläutert; ich hoffe, in ihnen die wichtigen Hauptpunkte des wahrhaften Glaubenslebens gebührend beschrieben zu haben, so kurz es mir möglich ist. Ich weiß wohl, daß es noch mehr Punkte gibt, über die man disputiert und die man noch täglich von neuem aufs Tapet bringt; obschon ich diese anderen Probleme nicht besonders erwähnt habe, hoffe ich aber, es sei dabei dem wahren Leben in Gott kein Abbruch getan, und es sei keiner der notwendigen Punkte ausgelassen.
Warumb dises buoch geschriben sye.
Vnd wiewol diser zyten menschen so seltzam spitzfündig vnd klagbar sind / das sy äben nienermit mögen vernüegt oder gestillet werden / vnd deßhalb nieman / wo man sich daran stossen wölte / nüt schryben noch arbeiten vnnd der wält dienen müeßte / nütdestminder hab ich mich in dise gfaar gesteckt / vnnd rächt im namen Gottes / nach mines ampts pflicht vnnd Christenlicher schuld / vor allen dingen dem allmächtigen Gott zuo eer vnnd lob / ouch zuo rettung / erlüterung vnd fürderung Christenlicher warheit / demnach zuo dienst / gefallen vnd bericht aller deren die einfalt vnnd von hertzen eins schlächten / doch trüwen berichts begärend / dise Summam Christenlicher religion vnnd eines Christenlichen läbens / in gschrifft gestelt / vnnd durch den Truck lassen vßgon. Darinn ich / nach meiner einfaltigkeit / vnd so vil mir Gott gnad verlihen hat / Zähen artickel / mit der geschrifft / handlen vnd erlütern: vnd hoff ich habe in denen die fürnemmen houptpuncten der waren Religion zimlich vnnd so kurtz mir ymmer müglich gsyn begriffen. Vnd weiß hie wol / das noch me der puncten sind / vmb die man disputiert / vnd die man noch täglich von nüwem vff die ban bringt: ich hoff aber ouch / das / ob glych wol hierinn von den selben kein besondere meldung beschicht / doch der waaren gottsäligkeit vnd notwendigen puncten hiemit nüt abgebrochen oder vßgelassen sye.
Ich disputiere hier in diesem Buch nichts, spreche also keine Verwerfung der zuwiderlaufenden und strittigen Meinungen aus; das kann vielleicht zu anderen Zeiten und in anderer Weise tunlicher geschehen. Ich versuche auch nicht (was ja sowieso unmöglich ist), wunderfitzige und streitsüchtige Leute zu sättigen und ihnen Genüge zu tun. Sondern ich lehre schlicht und einfach aus dem Wort Gottes, was ein Christ in den wichtigen Punkten im innigen Leben in Gott zu denken, zu tun und zu lassen hat; ich hoffe also, gottesfürchtige Leute, die nichts anderes suchen als Gott, Ehrbarkeit und das ewige Leben, kommen hier gebührend auf ihre Rechnung.
Jch disputier hie in disem buoch nüt / also das ich die widerwertigen vnd strytigen meinungen verwärffe / das vilicht zuo anderen zyten in anderen füegen möchte komlicher fürgenommen werden: ich vnderston ouch nit (das sunst unmüglich ist) gewünderige vnnd häderige lüt zuo settigen oder vernüegen: sunder schlächt vnnd einfalt leer ich vß dem wort Gottes / was einem Christen in den fürnemmen puncten vnd in warer gottsäligkeit zuo halten / zuo thuon / vnd zuo lassen sye: also / das ich hoff gottsförchtigen lüten (die nüt anders suochend / dann Gott / frommkeit vnnd säligkeit) werde hiemit zimlich gnuog beschähen.
2. Glaube als Wissen und Haltung
(unsere Frage: gilt für alle Bereiche des Lebens dasselbe?)
Sämtliche Christen sollen wissen, jeder einzelne: Der Glaube, durch den wir gottgefällig werden, ist nicht nur ein Wissen, ein Verstehen des Verstandes, sondern auch ein festes Vertrauen und sicherer Verlaß des Herzens auf Gott und sein wahres Wort, besonders auf die Verheißung, die uns von Gott in Christus gegeben ist, und die auf all das, was in den Artikeln des ehrwürdigen christlichen Glaubensbekenntnisses enthalten ist. Der Rechtgläubige empfindet Christus und lebt in Christus.
Dieser Vertrauensglaube aber wird mit der Predigt des wahren Wortes Gottes gelehrt und gepflanzt, mit dem lebendigen Geist Gottes gegeben und vermehrt, mit dem emsigen Gebet begehrt und mit den heiligen Sakramenten bildhaft dargestellt und versiegelt. Um diesen Vertrauensglauben zu pflanzen und zu erhalten, hat unser Schutzherr Christus seine und der Kirche Diener eingesetzt, denen die Schlüssel zum Himmelreich gegeben sind; das bedeutet, daß sie das heilige Evangelium predigen sollen,
Von
dem Glouben / vnd der predig des heiligen Euangelij vnd der Buoß.
Der VI. Artickel
ALle vnnd yede Christen söllend wüssen das der Gloub / durch den wir grechtfertiget werdend / nit nun ein wüssen oder verstand ist des gemüets / sunder ouch ein vest vertruwen vnd sicherlich verlassen des hertzens / vff Gott vnnd sin waarhafft wort / insonders vff die verheissung vns vonn Gott in Christo beschähen / vnnd vff alles das / das in articklen des heiligen Christenlichen gloubens begriffen wirt. Vnnd empfindt der rächtglöubig Christi vnd läbt in Christo. Sölicher gloub aber wirt geleert vnnd ¦86v.¦ gepflantzt mit der predig des warhafften wort Gottes / gäben vnd gemeert mit dem läbendigen geist Gottes / begärt mit dem empsigen gebätt / vnd angebildet ouch versiglet mit den heiligen Sacramenten. Dann vnser Herr Christus hat / disen Glouben zuo pflantzen vnd zuo erhalten / sine vnd der kilchen diener yngesetzt / denen die schlüssel gäben zum himmelrych / das ist / daß sy predigen söllind das heilig Euangelium von der verzyhung der sünden /
das Evangelium von der Sündenvergebung im Namen Jesu Christi, und von der Busse, d.h. vom Besserkommen, und vom Bereuen der Sünden. Der Mensch aber soll ja, wenn immer er der Sünde verfällt, wieder aufgerichtet und in Ordnung gebracht werden, und er soll Hoffnung schöpfen können und zu neuem Kampf wider den Teufel, wider die Welt und das Fleisch ermahnt, angespornt und gestärkt werden, so daß er in Zukunft zeitlebens Gott dient in aller Ehrsamkeit und Rechtschaffenheit. In diesem Sinne hat er den Dienern befohlen, die Sakramente auszuteilen.
Daß aber dem allem so ist, das zeigen wir in den folgenden Kapiteln, durch Angebe von Schriftstellen.
Der Glaube ist einerseits ein Kennenlernen
Es ist nötig, hier aufs allerkürzeste noch etwas zu sagen vom Glauben, durch den wir vor Gott freigesprochen werden. Dieser Glaube kommt nicht von und aus dem Menschen, sondern er ist eine freie Gabe Gottes durch den heiligen Geist,
im nammen Jesu Christi / vnd von der Buoß oder besserung vnd rüwen der sünden:vff das der mensch so dick er in sünd fallt / wider vfgericht
/ gestraafft vnd getröst / ja ouch zuo nüwem stryt / wider den Tüfel / wider die wält vnnd wider das fleisch / vermanet / getriben vnnd gesterckt werde / das er fürhin Gott all sin läbenlang diene in aller heiligkeit vnd gerächtigkeit. Darzuo hat er den dienern ouch ¦87¦ die Sacramenten zuozedienen befolhen. Das aber dem allem also sye / zeigend wir an durch volgende Capitel / mit kundtschafft heiliger gschrifft.
Der gloub ein erkanntnuß.
HJe erforderet die notturfft ouch etwas wyters / doch vff das aller kürtzist / zuo sagen von dem Glouben / durch welchen wir vor Gott werdend gerächtfertiget. Diser Gloub ist nit von vnnd vß dem menschen / sunder ein frye gab Gottes / durch den heiligen Geist /
welcher durch sein Wohlwollen und das Wort das Gemüt des Menschen erleuchtet, so daß dieser Gott und sein Wohlwollen, Christus und seine Rechtshaltung und sein Erretten gut und richtig versteht; nur in dieser Weise ist der Glaube ein Kennenlernen, ein Wissen des Verstandes. Deshalb nennt Jesaja in Jes.53,11 und unser Schutzherr Christus in Joh.17,7 den Vertrauensglauben ein Wissen d.h. eine Erkenntnis. Paulus sagt: „Ich bitte Gott, den Vater, er möge euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung geben, ihn kennenzulernen, und er möge die Augen eures geistigen Erfassens erleuchten, damit ihr erkennet, zu welcher Hoffnung ihr berechtigt seid durch seine Berufung.“
Der Glaube ist andererseits ein festes Vertrauen und ein sicherer Verlaß
Doch der genannte Glaube ist nicht nur ein Verstehen, Erkennen und Wissen der Einsicht, des Verstandes, sondern auch ein festes Vertrauen und ein sicherer Verlaß des Herzens auf das, was du als wahr erkannt hast. Denn das, was der verstand sich gemerkt, d.h. verstanden hat, darauf verläßt sich und hofft jetzt das Herz; es beruft sich darauf, ja, es wird in seinem Innersten ruhig und setzt alles darauf, macht es sich zu eigen und gibt sich dafür hin mit allen seinen Kräften. Zum Schriftbeweis gehört hier dazu, daß der ehrwürdige Paulus den Glauben mit der Erwartung erklärt; von dieser sagt er: „Wenn wir auf das hoffen, was wir nicht sehen,
welcher durch sin gnad vnd das wort / des menschen gmüet erlüchtet / das es Gott / sin gnad / Christum sin gerächtigkeit vnd das heil wol vnd rächt verstadt: vnd also ist dann der Gloub ein erkanntnuß vnd wüssen des gemüets. Vnd darumb nennt Jsaias am 53. vnd vnser Herr Christus Joan. am 17. den Glouben ein wüssen oder erkanntnuß.
So spricht Paulus (Ephes.1.): Jch bitten Gott den vatter / das er üch gäbe den geist der wyßheit / vnd der offenbarung in siner erkanntnuß / vnnd erlüchte die ougen üwers verstands / das jr erkennen mögind welches da sye die hoffnung sines beruoffs / etc.
Der gloub ein vest vertruwen vnd sicher verlassen.
Doch ist gedachter Gloub nit nun ein verstand / erkennen vnnd wüssen des sinns oder ¦87v.¦ gemüets / sunder ouch ein vest vertruwen vnd sicherlich verlassen des hertzens vff das / das du / als waar / erkennt hast. Dann das / das der verstand gemerckt oder verstanden hat / daruf verlaßt vnd vertröst sich yetzt dz hertz / ja gibt sinen willen daryn vnnd setzt daruf / ergryfft es vnd ergibt sich daryn mit allen sinen krefften. Vnd hiehar dienet das der heilig Paulus den glouben erklärt mit der hoffnung: von deren er anderßwo sagt (Rom.8.) / So wir aber das hoffend / das wir nit sähend /
so warten wir mit Geduld darauf.“ Hier wirkt das Innerste, nicht nur das Verstehen des Verstandes. Paulus sagt: „Der Vertrauensglaube ist aber ein überzeugtes Erfassen derjenigen Dinge, die man nicht sieht.“ Ebenso: „Ohne Vertrauensglauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Denn wer zu Gott kommen will, der muß darauf vertrauen, daß er Gott sei, und daß er denen, die ihn suchen, Antwort gebe.“
Hierher gehört auch das herrliche Beispiel vom Vertrauensglauben des Abraham, den Paulus in Röm.4 beschreibt. Es wird deutlich gemacht, daß Abraham nicht nur gehört und verstanden hat, was Gott ihm verheißen hatte; sondern er hat seine Hoffnung darauf gesetzt, ja eingewilligt und mit ganzem Herzen sich darauf verlassen und sich mit allen seinen Kräften hingegeben. Tatsächlich kommt von da her das Wörtlein ‘Glauben’ und ‘geloben’. ‘Geloben’ aber bedeutet ‘verheißen’ und ‘versprechen’; darum ist Glaube das Vertrauen und der Verlaß, mit dem einer mit all seinem Herzen, mit Mut und Einsicht sich verläßt auf das, was Gott ihm gelobt und versprochen hat. Das hält er für fest und wahr, beharrt für sicher darauf und weicht nicht davon ab.
so wartend wir daruf durch gedult: da ye der will würckt / nit nun der verstand merckt. So spricht Paulus(Hebr.11.): Es ist aber der Gloub ein gwüsse zuouersicht deren dingen die man hoffet / vnd ein gwüsse ergryffung deren dingen die man nit sicht. Jtem / One glouben ists vnmüglich Gott zuo gefallen. Dann welcher zuo Gott kommen wil / der muoß glouben das er Gott sye / vnd das er denen die jn suochend ein vergälter sye. Hiehar dienet ouch dz herrlich exempel des gloubens Abrahe / welches Paulus beschrybt Rom.4.cap. da heiter anzeigt wirt das Abraham nit nun gehört vnnd verstanden / was jm Gott verheissen / sunder ouch das selb gehoffet / ja daryn verwilliget vnnd sich mit gantzem hertzen daruf verlassen / vnd mit allen sinen krefften daryn begäben habe. Frylich kumpt dahar das wörtly Glouben vom Globen. Globen aber ist verheissen vnd ¦88.¦ versprächen: darumb ist yetzund Glouben das vertruwen vnd verlassen / damit sich einer vff das / das jm Gott gelobt vnd versprochen hat / vnd das er für styff vnd waar halt / mit allem sinem hertzen muot vnnd sinn verlaßt / daruff sicherlich hafftet vnd nit daruon wycht.
Worauf der Glaube gründet
Der aufrichtige, wirkliche Glaube verläßt sich ganz und gar auf Gott und auf sein wahrhaftes Wort, und er ergibt sich ihm, welcher der einzige und rechte Grund und Gegenstand des Glaubens ist; so vertraut der Gläubige Gott als seinem einzigen, ewigen, obersten, wahrhaften und allmächtigen Wert und Instanz; er sucht und erbittet von ihm wie von einem Vater alles, was er für Seele und Leib braucht; er glaubt überdies allen seinen Worten, sie sind ihm eine unbezweifelbare Wahrheit; ja, er zweifelt nicht daran, und wenn ihn einmal ein bißchen Zweifel ankommt aus menschlicher Blödigkeit, dann kämpft er dagegen an und legt den Zweifel ab. Vor allem aber gründet sich der Gläubige im voraus auf die Verheißungen in Christus, in denen Gott sich aufs allerklarste offenbart, und er ist von Grund auf der Meinung, er besitze in Christus alle himmlischen Schätze, sei in ihm wieder zu jemand gemacht worden, und es mangle ihm nichts zum Heil.
Waruff sich der gloub gründe.
DAnn der rächt waar gloub verlaßt vnd ergibt sich gantz vnnd gar vff Gott (welcher der einig vnd recht grund oder gegenwurff des gloubens ist) vnd vff sin warhafft wort / also das der glöubig / Gott / als sinem einigen ewigen obristen warhafften vnd allmächtigen guot vertruwt / by jm / als by einem vatter / alles das er zuo seel vnd lyb bedarff / suocht vnd höuscht /danäben ouch allen sinen worten / als der vngezwyfleten warheit / gloubt / ja daran nit zwyflet / vnd ob jm etwas zwyfels vß menschlicher blödigkeit zuofiele / widerficht vnd vßschlacht. Jnsunderheit aber diewyl Gott sich vff das allerklärist vfthuot durch die verheissung in Christo / gründet der glöubig für vß vff die selben verheissungen / vnd halts grundtlich darfür / das er in Christo alle himmelische schätz habe / in jm veruolkommnet sye / vnd jm zum heil nüt magle [mangle].
(unsere Frage: wie steht es mit den Begriffen?)
...Im ersten Gebot haben wir gesehen, daß wir einzig unseren Herrscher und Gott als unseren Schutzherrn und Gott haben sollen und niemanden zusätzlich zu ihm, neben ihm oder über und anstelle von ihm; ihn allein sollen wir ehren, anbeten, anrufen, und ihm allein dienen; wenn wir das tun, dann dienen wir ihm recht. Im zweiten Gebot nun wird er uns jetzt berichten, wie wir ihm nicht dienen sollen, oder was er für einen falschen Gottesdienst hält, ja, welchen Dienst er überhaupt nicht von uns haben will.
Zu jener Zeit, als der Herr diese seine Rechtsordnung mitteilte, war es in aller Welt, besonders aber in Ägypten üblich, Gott oder die Götter in ein Bild zu fassen, in Gestalt von Menschen oder Tieren, Sternen oder dergleichen, und diese Bilder wurden dann anstelle oder mit dem Namen Gottes oder der Götter, die sie abbilden sollten, mit Opfern verehrt. Solches Tun verbietet Gott hier seinem Volk; er wolle weder als Bild dargestellt noch in den Bildern verehrt sein.
Die Bilder sind verboten
Zum ersten verbietet er, Bildnisse oder Sinnbilder zu machen, seien diese nun flach gemalt,
Jm ersten gebott habend wir erlernet / dz wir vnseren Herren vnd Gott allein für vnseren ¦53¦ Herren vnd Gott haben / nieman zuo jm / näbend jm / oder über vnd für jn haben / jn allein eeren / anbätten / anrüeffen / vnnd jm allein dienen söllend: vnd so wir das thuond / das wir jm recht dienind.
Das ander gebott wider falschen Gottes dienst.
Jm anderen gebott wirt er vns yetzund berichten wie wir jm nit dienen söllind / oder welches er für ein falschen Gotts dienst rächne / ja welchen dienst er über ein nit von vns haben wölle.
Zuo der zyt als der Herr diß sin gsatzt offnet / wz in aller wält / insunderheit aber in Egypten der bruch / das man Gott oder die Götter / verbildet in gstalt der menschen oder thieren / sternen oder derglychen / vnd die bilder denn an statt oder in nammen Gottes oder der göttern / die sy anbilden soltend / mit opffern vereeret. Söliche wyß verbüt hie Gott sinem volck / als der weder verbildet noch in den bildern wil vereeret syn.
Die bilder verbotten.
Dann für das erst verbüt er bildtnuß oder glychnuß zemachen / die werdind dann flach gemalet / geschnitzt / gegraben oder gegossen / vß was materi oder züg das immer sye. Er benamset ouch
geschnitzt, gestochen oder gegossen, egal was für Material es sei. Er nennt auch allerlei Sinnbilder, in denen er nicht abgebildet sein will; er will es nicht haben, daß wir im Gottesdienst Götzen haben in Form dieser Dinge. Das sind am Himmel Sonne, Mond und Sterne, Vögel usw.; auf der Erde Menschen und allerlei Tiere usw.; unter der Erde im Wasser Fische, Würmer usw. Diese Sinnbilder verbietet er samt und sonders, ob sie nun ihm oder anderen Göttern zu Ehren aufgerichtet werden.
St. Paulus legt uns diese Stelle des Gesetzes aus mit einem Beispiel der Heiden, die gegen genau dieses handelten: „Da die Heiden wähnten, sie seien weise, sind sie zu Narren geworden und haben die Majestät des unvergänglichen Gottes umgewandelt in die Ähnlichkeit einer Abbildung nicht nur des vergänglichen Menschen, sondern auch der Vögel und der vierfüßigen Tiere“ usw. Röm.1,22f
Die Bilder weder anbeten noch verehren
Zum zweiten gebietet Gott: Angenommen, wir haben zwar selber keine Bilder gemacht, aber andere haben das getan, oder aber es waren schon immer Bilder vorhanden gewesen - auch dann sollten wir sie weder anbeten noch verehren, ja, ihnen in keiner Weise dienen. Anbeten heißt, die Bilder schön aufstellen irgendwo, wo man betet und Gott dient; vor ihnen niederknien; vor ihnen in Richtung auf sie beten und sie ansprechen als Bildnisse Gottes und als Heilige; sie küssen; sich vor ihnen bücken; sich verneigen; den Hut ziehen vor ihnen.
allerley glychnuß / mit denen er nit wil verbildet seyn / oder lyden das wir der selben formen götzen habind im Gottes dienst. Jn himmlen daoben sind Sonn / Mon / Sternen / Vogel etc. Vff erden sind menschen vnd allerley thier / etc. Vnder der erden in wasseren sind fisch / würm / etc. Söliche glychnussen ¦53v¦ alle vnd yede verbüt er / die werdind glych wol jm oder anderen götteren zuo eeren vfgericht. S.Paulus legt vns das ort des gsatztes vß mit einem byspil der Heiden die richtig darwider gethon habend / vnd spricht: Do die Heiden wontend sy wärind wyß / sind sy zuo narren worden / vnd habend verwandlet die herrligkeit des vnzergäncklichen Gottes in ein glychnuß eins bilds / nit allein des zergäncklichen menschens / sunder ouch der voglen vnd vierfüssigen thieren / etc. Rom.1.
Die bilder weder anbätten noch eeren.
Zum anderen gebütt Gott / so wir glych wol keine bilder gemachet hettend / ander aber hettends gemacht / oder es wärend ye bilder oder götzen etwan vorhanden / so söllind wirs weder anbätten noch vereeren / ja jnen gar nit dienen. Anbätten ist die bilder an ort vnd end da man bättet vnd Gott dienet / herrlich vfstellen / darfür niderknüwen / dargägen bätten vnd sy ansprächen als bildtnussen Gottes vnd heilige / sy küssen / daruor sich bucken / neigen / das pareet abziehen / etc. Vereeren vnnd jnen dienen /
Sie zu verehren und ihnen zu dienen, das bedeutet, sie lieb haben; ihnen Ehrfurcht erweisen als Heiligen, die uns nützen und schaden können; sie schmücken; ihnen Kerzen anzünden; ihnen opfern und Gaben bringen; zu ihnen wallfahren; und dergleichen mehr. Nichts davon sollen wir den Bildern tun, weder den Bildnissen Gottes noch der Heiligen noch der Götter; ja, wir sollen überhaupt nirgends solche Bilder haben zu solchem Getue und zur Verehrung. Gemälde außerhalb des Kirchenraumes, auf den Gassen, in Häusern, an Fenstern dürfen als Zierde gebraucht werden, aber ohne Verehrung und ohne daß ihnen gedient wird; falls sie nicht in Mißbrauch geraten, dürfen sie geduldet werden.
Drittens und letztens zeigt Gott (obschon er das nicht zu tun brauchte) die Gründe an, weshalb er nicht wolle, daß man Bilder von ihm mache oder Götzen verehre, und er ermahnt jedermann, sich vor der Götzerei und vor der Verehrung der Bilder zu hüten. Das tut Gott in keinem anderen Gebot so ernsthaft und so vielfältig.....
Das Wörtchen ‘Götze’ ist ein altes deutsches Wort, vom Wort ‘Gott’ abgeleitet. Genau genommen ist dasjenige ein Götze, was zwar nicht Gott selber ist, aber doch ein Abklatsch von ihm, der Gott bildhaft darstellen soll; so ist ‘Götze’ also dasselbe wie ein Abbild Gottes. Doch dieses Wörtchen ‘Götze’ wird auch für jedes andere Abbild oder Bildnis verwendet, das zwar nicht Gott, aber sonst wie ein Abbild Gottes.
ist sy lieb haben / fürchten als heilig die vns mögind nützen vnd schaden / sy zieren / jnen zünden / opfferen vnd gaaben bringen / sy besuochen mit feerten / vnnd was der glychen ist. Vnd deren keines söllend wir wäder Gottes noch der heiligen / oder götteren bildtnussen bewysen: ja zuo sölichem bruch vnd zuo vereerung söllend wir gar überal keine ¦54¦ bilder haben. Gmälde vssert den kilchen / vff den gassen / in hüseren / in fensteren / vnd one dienst vnd vereerung mögend zur zierd gebrucht / vnnd so sy in keinen mißbruch zogen / geduldet werden.
Warumb man Gott nit verbilden / oder bilder eren sölle.
Zum dritten vnd letsten zeigt Gott vrsachen an (daß er doch zethuon nit schuldig wäre) warumb er nit wölle das man jn verbilde oder götzen vereere / vnd vermanet yederman sich vor der götzery oder vor der eerung der bilderen zuo verhüeten. Sölichs thuot Gott in keinem anderen gebott so ernstlich vnd vilfaltig /
Götz ist ein bildtnuß Gotts.
Das wörtli aber Götz ist ein alt Tütsch / abzogen wörtli vom wort Gott / vnd ist eigentlich das ein Götz / das nit Gott selbs / aber ein abgemächt ist / das Gott anbilden sol / also dz Götz also vil ist als ein glychnuß Gotts. Doch wirt sölich wörtli Götz ouch einer yetlichen glychnuß oder bildtnuß zuogeben / die glych wol nit Gott / aber ein abwäsende herrliche person bedüten vnd in
Doch dieses Wörtchen ‘Götze’ wird auch für jedes andere Abbild oder Bildnis verwendet, das zwar nicht Gott, aber sonst eine abwesende Herren-Person bedeuten und ins Gedächtnis rufen oder in Erinnerung bewahren soll. Es ist doch aber ganz und gar ein Unfug, daß der Mensch meint, Gott, welcher Geist und das unendliche ewige Gut ist, könne mit einem so sehr elenden, zerbrechlichen Bildnis bildhaft gemacht werden. Gott der Herr selber redet mit starken Worten dagegen Jes.40,12-26. .....
Oder warum macht nicht ein jeder von uns diese Überlegung: Es ist von jeher wahr und unwidersprechbar, daß im Anfang der Mensch nach dem Bilde Gottes erschaffen ist, und daß er immer noch das Bildnis Gottes heißt. Wenn nun ein lebendiger Mensch vor dem anderen niederknien würde und wollte ihn anbeten, zwar nicht den Menschen, sondern Gott, doch vor dem Menschen kniend als vor dem rechten Bilde Gottes; wenn das geschähe, würde da nicht derjenige, vor dem jener kniet, und auch wir alle schreien, das sei nicht recht und das dürfe weder jetzt noch irgendwann geschehen? Warum sagen wir dann nicht, es gehöre sich noch viel weniger, daß ein lebendiger Mensch, das rechte Bild Gottes, niederknie vor einem Machwerk von Menschenhänden, das doch nie und nimmer ein Bild Gottes sein kann und darf; und dies, um Gott anzubeten?
gedächtnuß bringen oder behalten sol. Vnd ist aber gar vnnd gantz vngefüeg das der mensch vermeinen sol / Gott der ein geist vnnd das vnendtlich ewig guot ist / möge mit einer so gar ellenden oder zerbrüchlichen bildtnuß angebildet werden. Dann darwider redt gar starck Gott der Herr selbs Jsaie am 40. ca.
Oder warumb macht nit vnser yetlicher by jm selbs ein sömliche rächnung / Es ist ye waar vnd vnwidersprächlich / das anfangs der mensch nach der bildtnuß Gottes erschaffen ist / vnd noch die bildtnuß Gottes heißt. ¦56v¦ Wenn nun ein läbendiger mensch für den anderen niderknüwete / vnd wölte wol nit den menschen / sunder Gott / doch vor dem menschen / als dem rächten bild Gottes / anbätten / wurde nit der selbs vor dem yhener knüwete / vnd wir alle schryen / das wäre nit rächt vnd sölte nit syn / sye ouch nieme gebrucht: warumb sagend wir dann nit vil mee / vil minder gebüre sich / das ein läbendiger mensch / das rächt bild Gottes / niderknüwe für ein gmächt der menschen henden / welches nimmerme kan noch mag ein bildtnuß Gottes syn / noch werden / Gott anzuobätten?
Ebenso: Als die lieben seligen Patriarchen, Propheten, Märtyrer und Diener Gottes noch hier auf Erden lebten und wandelten, da ließen sie es nie zu, daß jemand vor ihnen niederkniete und vor ihnen Gott anbetete oder sie in dieser Weise verehrte.Die Bilder sind doch viel tausendmal weniger als auch nur die Schatten der Heiligen, ich will nicht einmal sagen als ihre Körper oder sie selber!
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Zusammengefaßt: Gott will keine Bilder in seinen Kirchen und im Gottesdienst. Laßt uns darum schlicht und recht Gott gehorsam sein.
Jtem diewyl die lieben Gottes säligen Patriarchen / Propheten / Martyrer vnd diener / hie vff erden noch geläbt vnd gewandlet / habend sy nie dulden wöllen / das yeman für sy niderknüwete vnd vor jnen Gott anbätte / oder sy also vereerete. Wie vil tusentfaltig aber sind die bilder minder / dann joch nun der heiligen schatten / ich wil nit sagen jre lyb oder sy selbs / gsyn?
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Jn summa / Gott wil der bilderen in sinen kilchen vnnd in sinem dienst nit / darumb lassend vns Gott gehorsam syn einfaltigklich vnd rächt.
(unsere Frage: hat die Technik eigene, nicht untergeordnete Werte?)
Sämtliche Christen sollen wissen, jeder einzelne: Obgleich die guten Werke die Gläubigen nicht zum Freispruch führen, sondern allein das Vertrauen, so sind sie doch eine Folge des wahren Glaubens; sie sind weder unnötig noch zu verwerfen. Denn wer aus Gnaden in Christus durch den Glauben tadelfrei geworden, also freigesprochen worden ist, der zeigt als dessen Wirkung Rechtschaffenheit, nämlich gute Werke. Diese Werke gefallen Gott derart, daß er sie belohnen will und es auch tut.
Jedoch vergessen die Gläubigen niemals das Verdienst Christi; ihr eigenes Verdienst machen sie nicht geltend vor dem Verdienst Christi; sie lassen es nicht zu, daß dieses durch irgend etwas verdunkelt wird. Denn sie erkennen ihre eigene Blödigkeit sehr wohl, und darum schreiben sie ihren Werken nicht dasjenige zu, was einzig dem Leiden Christi zukommt.
Sie anerkennen auch nicht all das als gute Werke, was gemeinhin dafür gehalten wird. Denn so wie der Glaube sich einzig auf Gottes Wort verläßt, so denkt sich der Gläubige nicht selber aus, was als ein gutes Werk zu tun sei; sondern was er erkennt
ALle vnd yede Christen söllend wüssen / das ob glychwol die Guoten werck den glöubigen nit rächtfertigend / sunder der gloub allein / volgend sy doch vß waarem glouben / vnnd sind nit vnnütz noch zuo verwerffen. Dann welcher vß gnaden in Christo durch den glouben fromm worden oder gerächtfertiget ist / der würckt grächtigkeit / oder Guote werck. Vnd söliche werck gefallend Gott also / das er jnen ouch belonung verheißt vnd ouch leistet. Doch vergässend hie die glöubigen des verdiensts Christi nimmer: wider welchen sy jren eignen verdienst nit ¦158¦ vfrichtend / noch ützid gestattend das den verdienst Christi verduncklen mag. Dann sy erkennend jr eigne blödigkeit wol / vnd gäbend darumb jren wercken das nit zuo / das allein dem lyden Christi zuohört. Sy erkennend ouch nit alle die für guote werck / die gmeinlich darfür vßgäben werdend. Dann wie sich der gloub allein vff Gottes wort verlaßt / also erdenckt jm selbs der glöubig kein Guote werck / sunder die er im wort Gottes erlernet / die thuot er:
aus dem Wort Gottes, das führt er aus. So dient er denn Gott mit geistlichem Gottesdienst, hat gutes Vertrauen zu Gott, betet zu ihm, ruft Gott an in allem, was ihm am Herzen liegt, dankt Gott, bewahrt jederzeit Leib und Seele rein; und darum leistet er Verzicht und duldet und leidet willig, was Gott ihm zu leiden aufgibt; kurz, er wandelt in den Geboten Gottes, dient dem Nächsten in Liebe, befleißigt sich in seinem ganzen Leben der Pflicht und Schuldigkeit in dem Dienst, den Gott ihm vorgeschrieben hat, und er weiß, was er Gott schuldig ist.
Daß aber dem allem so ist, das zeigen wir in den folgenden Kapiteln, durch Angabe von Schriftstellen.
..... Laß darum der Menschen Gebot fahren, halte dich an Gottes Gebot und ‘iß’ nichts von dem, was Gott dir verbietet, wie Blut, Wucher, Betrug, Blutvergießen und Unterdrückung usw.
Ärgernis
Folgendes ist ein Ärgernis: Etwas zu reden oder zu tun, wodurch der Mensch verärgert, d.h. arg und böse gemacht wird, oder wodurch der Erfolg des heiligen Evangeliums aufgehalten oder verhindert wird. Solche Reden und Taten findet man in der Lehre und in den Sitten der Menschen.
namlich so dienet er Gott mit geistlichem gottsdienst / er vertruwt Gott wol / er bättet Gott an / rüefft ouch zuo Gott in allem sinen anligen / er dancket Gott / so heiliget er zuo aller zyt sin seel vnd lyb / darumb thuot er ouch abbruch: er duldet vnd lydet willig wz jm Gott zuo lyden gibt: in summa er wandlet in den gebotten Gottes / er dienet dem nächsten in der liebe / vnd flyßt sich in allem sinem läben der ämptern ¦158v.¦ pflicht vnnd schulden die jm Gott vorgeschriben hat / vnnd er weißt das er Gott schuldig ist. Das aber dem allem also sye / zeigend wir an durch volgende Capitel / mit kundtschafft heiliger geschrifft.
Welches die rächt Guoten werck syend / wider die falsch Guoten werck / vnd von der Ergernuß. Cap. III.
Darumb laß faren der menschen gebott / halt dich Gottes gebott / vnd iß deren dingen keins die dir Gott verbüt / als bluot / durch wuocher / betrug / bluotuergiessen vnd vndertrucken / etc.
Was die Ergernuß sye.
Es ist aber die Ergernuß ein red oder thaat / dardurch der mensch verergeret / das ist verböseret / oder der louff des heiligen Euangelij vfgehalten oder verhindert wirdt. Sölich reden aber vnd thaaten werdend funden in der Leer vnnd in den Sitten der menschen. Die Leer ist ergerlich /
Die Lehre macht dann ein Ärgernis, wenn sie falsch ist und die Menschen verführt; oder aber dann, wenn sie zwar recht ist, aber nicht recht ausgeführt und dargelegt wird, etwa zur Unzeit, ohne Befugnis und in jeglicher Art von Unbescheidenheit; dadurch bekommen die Leute einen Haß auf das Evangelium wegen des unbekömmlichen Predigers, und bleiben derart immer und dauernd in Irrtümern stecken. Dieses Ärgernis ist eine große Sünde und ein mächtiger Schaden, den Gott haßt und streng bestraft; darum hüte sich jedermann davor.
Das Tun und Reden der Menschen sind ein Ärgernis, wenn sie wider das gebot Gottes geschehen, wider Zucht und Ehrbarkeit, so, das es anderen darob schlechter ergeht; z.B. wenn ein anderer durch dein Fluchen, dein Saufen, dein Huren, deine Hoffart nachahmt, oder wenn er durch dein schlechtes Beispiel schlechter und weniger gottesfürchtig wird als er zuvor war. Wie schwerwiegend das ist, das lies in Matth.18,6-10. Es gibt aber auch etliche von Gott erlaubte Dinge, die, zur Unzeit oder ohne Befugnis gebraucht, andere ins Ungemach bringen; etwa wenn du vor einem Glaubensschwachen Fleisch issest (in der Fastenzeit). Siehe Paulus in Röm.14 und 1.Kor.8,7-13 usw.
Wann man das Ärgernis nicht beachten soll
Man soll sich auch über das bewußt sein: Es gibt auch ein Ärgernis, das vom Vertrauenslosen
wenn sy falsch ist vnd die menschen verfüert: oder so sy rächt ist / aber nit rächt gefüert vnd dargethon wirt / als zuo vnzyten / mit vnfuogen vnd aller vnbescheidenheit: dardurch die menschen ein hassz legend an das Euangelium von wägen des vnkomlichen Predigers / vnd also ymmer vnd ewigklich in irrthumben stäcken blybend. Dise ergernuß ist ein grosse sünd / vnd ein träffenlicher ¦163v.¦ schad / den Gott hasset vnd ouch häfftig straafft. Darumb sich yederman daruor hüeten sol. Die Sitten vnnd reden der menschen sind ergerlich / wenn sy beschähend wider das gebott Gottes / wider zucht vnd erbarkeit / also das sich andere darab böserend: als so ein ander by dinem schweeren / by dinem suffen / by dinem huoren / by diner hoffart / ouch lernet glychs thuon / oder er wirt durch din böß bispil böser oder vngottsförchtiger dann er vor was. Wie schwär dz sye liß Matthei am 18. cap. Es sind aber ouch etliche von Gott erloubte ding / welche so mans gebrucht zuo vnzyten oder mit vnfuogen / andere damit verergeret: als so du fleisch issest vor einem schwachen im glouben. Daruon liß Paulum Rom.14. vnd 1.Cor.8. etc.
Wenn man der ergernuß nit achten sölle.
Doch sol man ouch hie wüssen / das ein ergernuß ist die von vnglöubigen empfangen / nit von glöubigen gäben wirt: als so sich der glöubig guoter dingen vnnd siner fryheit gebrucht / mit keinen vnfuogen / nieman zetratz noch zuo leid / sunder
ausgeht und den Vertrauensgläubigen betrifft.; z.B. lebt der Gläubige guter Dinge und erfreut sich seiner Freiheit, ohne Unschicklichkeit, niemandem zum Trotz oder zuleide, sondern einzig zur Ehre Gottes und zu seiner eigenen Notdurft; oder es redet einer recht und bescheiden gemäß dem Evangelium von Gott und seiner Sache; oder er nimmt eine Ehefrau; oder er ißt Fleisch zu einer von Menschen verbotenen Zeit; - nun aber gibt es vertrauenslose, ja sture streitsüchtige, nicht einfältige, schlechte und schwache Leute, die sich ärgern über das Gute, das der Vertrauensgläubige getan hat. Unser Schutzherr Christus, und Paulus, lehren, ein solches Ärgernis nicht zu beachten. Siehe Matth.15,12-14 und 1.Kor.10. Denn wenn man diese Leute fortwährend schonen müßte, da würde man nimmermehr von Gott reden noch die Freiheit, die Gott uns gegeben hat, gebrauchen. Das ist aber nicht Gottes Meinung.
Der Gläubige soll auf das Leiden gefaßt sein
Die Gläubigen dienen Gott besonders im Leiden, das sie in Christus mit Geduld tragen; damit können sie viele gute Werke wirken. Der Gläubige soll sich hier in dieser Zeit nicht erhoffen, nur in
allein zuo der eer Gottes vnd siner notturfft: als so einer von Gott vnd sinen händlen rächt vnd bescheidenlich vß dem Euangelio redt /oder ein Eewyb nimpt / oder fleisch isset zuo verbottner zyt vom menschen / vnd aber lüt die vnglöubig / ja stettig / kybig / nit einfalt / schlächt vnd schwach sind / sich an dem guoten das der glöubig gethon / verergerend.¦164.¦ Sölicher ergernuß leeret vnser Herr Christus vnd Paulus gar nüt achten. Besich Matth. 15. vnd 1.Corinth.10. Dann wo man sömlicher ewigklich müeßte schonen / wurde man nimmer von Gott reden / noch die fryheit / die vns Gott gäben hat / gebruchen. Das aber Gottes meinung nit ist.
¦165v.¦ Von dem crütz oder lyden vnd gedult der glöubigen. Cap. V.
JNsonderheit aber dienend die glöubigen Gott in dem lyden / das sy mit gedult in Christo tragend / vnd darmit allerley guoter wercken würcken könnend.
Der glöubig sol jm fürnemmen zelyden.
Dann der glöubig sol jm hie in zyt nit fürnemmen allein in wollust fröud vnnd ruowen zuo läben.
Wollust, Freude und Ruhe leben zu können. Denn obgleich Gott seinen Gläubigen dann und wann eine Zeitlang Frieden und Freude verleiht, so sind alle Gläubigen doch jederzeit gefaßt auf Trübsal und allerlei Leiden, das Gott ihnen zusendet. Jedermann weiß ja, wie es den heiligen Vätern je und je ergangen ist, besonders aber dem Abraham, dem Hiob und dem Jakob, und den Kindern Israels. Unser Schutzherr Christus sagt im heiligen Evangelium: „So jemand zu mir kommt und nicht seinen Vater, Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern und auch sein eigenes Leben für unzulänglich hält, so kann der nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ Luk.14,26f. St. Paulus sagt, wir müssen durch viel Trübsal ins Reich Gottes eingehen. Apg.14,22. Ebenso: „Alle, die in Christus Jesus gottselig leben wollen, werden Verfolgung erleiden.“ 2.Tim.3,12.
Die Arten des Leidens auf Erden
Man soll aber in dieser Sache wissen: Die gewöhnlichen Trübseligkeiten wie Frost, Hunger, Schwäche, Blöße, Krankheit, Tod und was dergleichen ist, die folgen aus der Sünde. Allgemeine Trübsale sind Krieg, Teuerung, Hungersnot, Feuersbrunst, Zerstörung, Pestilenz, Verfolgung. Die Krankheiten sind unzählbar, klein und groß, kurz und lang. Es gibt auch viele Leute, sie sich selber peinigen; sie sind mehr von der Sünde angefochten als sie es sich zugeben; sie
Dann ob glych wol Gott sinen glöubigen etwan ein zytlang verlycht frid vnnd fröud / versähend sich doch alle zyt alle glöubigen der trüebsalen vnd allerley lydens / das jnen Gott zuosendet. Es weißt ye mengklich wie es ye vnd ye den heiligen vätteren ergangen ist / insonderheit aber Abrahamen / Joben vnd Jacoben / vnd den kinderen Jsraels.
Vnser Herr Christus spricht im heiligen Euangelio (Luc.14.)/ So yemants zuo mir kumpt / vnd hasset nit sin vatter / muotter / wyb vnd kind / brüedern vnd schwestern / vnd darzuo ouch sin eigen läben / der kan nit min junger syn. Vnd wär nit treit sin crütz vnd volgt mir nach / der kan nit min junger syn. So spricht S.Paulus (Act.14. 2.Tim.3.)/ das wir durch vil trüebsal müessend in das rych Gottes gon. Jtem / Alle die gottsälig läben wöllend in Christo Jesu / die werdend veruolgung lyden.
Was für lyden vff erdterich.
Da so ist zuo wüssen / das die gmeinen trüebsäligkeiten / als frost / hunger / blödigkeit / blösse / kranckheit / tod / vnnd was derglychen ist / vß ¦166.¦ der sünd geuolget sind. Allgemeine trüebsalen sind / krieg / thüre / hunger / brand / zerschleitzung / pestilentz / veruolgung. Die kranckheiten sind vnzalbar / klein vnd groß / kurtz vnd lang. So sind vil lüten die sich selbs pynigend / als die angefochtner sind / dann sy selbs gern habend:
können es aber nicht anders und bleiben derart in sich selber zur strafe und Anfechtung. Hie und da werden wir von unseren Kindern, Freunden und Verwandten gepeinigt; hie und da von Fremden, heimlich und öffentlich. Es gibt unzählbar viel Leiden; der Mensch ist dazu geboren so gut wie der Vogel zum Fliegen.
Gott auferlegt den Menschen, zu leiden.
Dieses Leiden auferlegt Gott der Welt und besonders den Ungläubigen, um damit ihren Mutwillen einzudämmen und die Unschuldigen zu erlösen, und auch um damit zu zeigen, daß die Bosheit der Bösen ihm gar nicht gefällt.....
Wenn er aber die Bösen hier in ihrem Mutwillen ungestraft weitermachen läßt, so ist kein Zweifel, daß er sie dort mit ewiger Strafe greulich bestrafen will wie den Reichen Mann im Evangelium Luk.16,23. Bisweilen straft Gott die Sünder hier in dieser Zeit, um sie mit seiner Strafe zu erwecken, und um sie weniger träge zu machen. Es geschieht auch oft, daß die Sünder sich durch die Maßnahme vom Bösen zum Guten bekehren; dafür haben wir viele Beispiele in der Schrift. Desgleichen auferlegt Gott auch seinen Freunden, nicht nur den Bösen, vielerlei Trübsal, ihnen zum Heil.
So verhalten sich im Leiden die nicht Glaubenden, und so die Gläubigen
Man muß hier beobachten, wie die nicht Glaubenden und die Vertrauensgläubigen sich in
könnend jm aber nit anders thuon / blybend also in jnen selbs pynlich vnnd angefochten. Etwan werdend wir von vnsern kinden / fründen vnd verwandten gepyniget: etwan von frömbden heimlich vnd offenlich. Vnd ist des lydens vnzalbar vil / darzuo der mensch / als der vogel zuo fliegen / erboren ist.
Gott gibt den menschen zuo lyden.
Sölich lyden legt Gott der wält vf / vnnd insonders den vnglöubigen / das er damit jren muotwillen demme vnd die vnschuldigen erlöse / ja das er erzeige dz jm der bösen boßheit gar nit gefalle. Wenn er aber die bösen hie in jrem muotwillen vngestraafft fürfaren laßt / ists vngezwyflet das er sy dört / wie den rychenmann im Euangelio (Luce 16.)/ mit ewiger straaff grewlich straaffen wil. Dann etwan straafft Gott hie in zyt die sünder / das er sy mit siner straaff erwecke vnd mundter mache. Es beschicht ouch vil / dz sich die sünder vom bösen zuom guoten durch die straaff bekeerend: wie wir deß vil byspil in der gschrifft habend. Deßglych legt Gott nit allein den bösen / sunder ouch sinen fründen allerley lydens ¦166v.¦ vnd trüebsalen vf / jnen zuom heil.
Wie die vnglöubigen vnd glöubigen sich im lyden haltind.
Vnd ist hie wol zegewaren wie sich die vnglöubigen vnd glöubigen in der widerwärtigkeit oder trüebsäligkeit haltind. Die vnglöubigen brummlend im lyden / fluochend / lesterend vnd schweerend / dann sy achtend jnen beschähe vnrächt / vnnd
der Widerwärtigkeit, in der Trübseligkeit verhalten. Die Ungläubigen brummeln im Leiden, fluchen, lästern und verschwören sich, denn sie meinen, es geschehe ihnen Unrecht, sie hätten diese Trübseligkeit nicht verdient. Sie geben dem Teufel und bösen und unglücklichen Leuten Schuld. Sie wenden allerlei und auch ungebührliche Mittel an, um sich selber zu helfen. Sie getrauen sich nämlich nicht, Gott stille zu halten. Diesen Leuten ist die Trübsal, das Kreuz eine wirkliche Strafe für die Sünden, und der Beginn noch größeren Leidens in jener Welt.
Die Gläubigen hingegen erkennen, daß sie nicht unschuldig leiden. Sie haben ja noch viel mehr und größeres Leiden verdient. Es ist sogar so, daß sie dieses Kreuz jetzt nicht mehr für eine Sündenstrafe halten; sie vertrauen ja darauf, daß Gott ihnen ihre Sünde verziehen hat. Sie nehmen es vielmehr für eine Glaubensübung und als Anlaß zu vielerlei Tugend und guten Werken. Sie halten dafür, Gott habe ihnen dieses Leiden zum Guten auferlegt als ein treuer Vater. Darum sind sie geduldig und wenden sich keinen ungebührlichen Mitteln zu, sondern sie stehen willig in Gottes Hand; ihn preisen und rühmen sie, rufen ihn an und bitten ihn um Mehrung des Vertrauens, der Geduld und aller Gnaden. Wenden sie dann verschiedene Arzneien und Mittel an, so tun sie das alles in der Kraft ihres Schutzherrn, dem sie sich übergeben haben tot oder lebendig.
habind söliche trüebsäligkeit nit verdient. Gäbend ouch dem Tüfel vnnd bösen vnglückhafften lüten die schuld. Wendend sich zuo allerley / ouch vngebürlichen mittlen vnnd verbottnen stucken / damit sy jnen selbs hälffen wöllend. Dann sy ye Gott nit still zehalten vnderstond. Vnd sölichen ist die trüebsal oder das crütz ein rächte straaff der sünden / vnd ein anfang zuo grösserm lyden in yhäner wält. Dargägen erkennend die glöubigen / das sy nüt lydind vnbeschuldt. Diewyl sy noch vil me vnd grössers lyden verdient habend. Ja sy achtend sölich crütz yetz nit me als ein straaff der sünden: diewyl sy gloubend das jnen Gott jre sünd verzigen habe / sunder als ein üebung des gloubens / vnd als ein anlaß zuo allerley tugenden vnd guoter wercken. Dann sy habends darfür / Gott als ein trüwer vatter habe jnen sölich lyden zuo guotem vfgelegt. Darumb sind sy gedultig / vnd wendend sich zuo keinen vngebürlichen mittlen / sunder stond willig in der hand Gottes / den prysend vnd rüemend sy / den rüeffend sy an / vnd bittend jn vmb meerung des gloubens / der gedult vnd ¦167.¦ aller gnaden. Gebruchend sy dann etliche artznyen oder mittel / so thuond sy das alles in der krafft jres Herren / dem sy sich todt vnnd läbend übergäben habend. Besunders aber lobend sy Gott / wenn sy lyden müessend vmb sines nammens / oder vmb sines heiligen Euangeliums willen.
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In besonderer Weise aber loben sie Gott, wenn sie um seines Namens willen oder um seines heiligen Evangeliums willen leiden müssen.
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Kurz, der Christ schickt sich während seines ganzen Lebens willig unter das Kreuz und vergißt nimmermehr diese tröstlichen Worte Christi: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid zuversichtlich, ich habe die Welt überwunden.“ Joh.16,33. Und: „Was würde es dem Menschen helfen, wenn er diese ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden nimmt?“ Matth.16,26. Und: „Ihr werdet zwar von jedermann gehaßt, aber es soll auch nicht ein Härchen von euerem Haupt verloren gehen.“ Luk.21,17f. Und: „Ich will bei euch sein bis an das Ende der Welt.“ Matth.28,20.
Jn summa / der Christ schickt sich durch all sin läben willig vnder das crütz / vnd vergißt nimmer diser trostlichen worten Christi / Jn der wält habend jr angst / aber sind getröst / ¦167v.¦ ich hab die wält überwunden. Vnd was hulffe es den menschen / wenn er alle dise wält gewunne / vnd schaden aber an siner seel empfienge? Jr werdend wol gehasset von yederman: aber nit ein härle von üwerm houpt sol verloren werden. Vnd ich wil by üch syn biß zuo end der wält.
(unsere Frage: „Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade“ - sind wir also entlastet?)
aus: „Bericht der krancken“ (Seelsorge mit Schwerkranken und Sterbenden 1535)
Jetzt gibt es aber viele Menschen, die sich solcherart in den Willen Gottes ergeben wollen, daß sie dabei alle Ärzte und Arzneien mißachten und derart etwas versäumen. Solche Leute sagen: Ich habe mich schließlich in Gott ergeben; dieser soll mein Arzt sein, und ich will darüber hinaus keines Menschen Rat und keine Arznei annehmen.
Diese Leute handeln nicht unrecht damit, das sie sich treu in Gott ergeben. Daß sie aber darüber hinaus nicht einmal erkennen, daß Gott in allen seinen Kreaturen durch passende, natürliche Mittel wirkt - das ist ein Mangel und ein Mißverstehen. Wir reden aber hier nicht von Wundern und Zeichen, sondern von dem gewöhnlichen Ablauf der Natur, der von Gott eingesetzt und erschaffen ist. Gott könnte die ganze Welt durch ein Wunder speisen, so wie er im Evangelium fünftausend Mann mit fünf Broten, und danach viertausend mit
Jetzund sind vil menschen die sich der massen wöllend in den willen Gottes ergeben / das sy mithinzuo alle artzet vnd artzny verachtend / vnd sich also offt versumend. Dann söliche sprechend / Jch hab mich ein mal an Gott ergeben / der muoß min artzet sin / vnnd wil sust gar keines menschen radt noch artzny annemmen.
Dise thuond nun nit vnrecht das sy sich trüwlich an Gott ergebend / das sy aber mit hinzuo noch nit erkennend das Gott durch ordenliche natürliche mittel in allen sinen creaturen handlet / ist ein mangel vnnd mißuerstand. Wir redend aber hie nit von wundern vnd zeichen / sunder von dem gemeinen louff der natur von Gott yngepflantzt vnnd erschaffen. Gott möchte alle wält wunderbarlich spysen wie er im Euangelio fünfftusend mann mit fünff broten /
sieben Broten speiste. Wenn nun aber einer sagen wollte: „Ich habe mich in Gott ergeben, der wird mich schon speisen, ich brauche weder zu säen noch zu ernten“ - der würde wider die Ordnung Gottes handeln und reden, ja, er würde Gott versuchen. Gleichermaßen hätte Gott sehr wohl, auch ohne Mitwirkung anderer erschaffener Dinge, das Rote Meer zu einer Mauer aufrichten können in einem einzigen Augenblick; er ließ aber die ganze Nacht einen starken Wind wehen, mit dem er seinem Volk die Straße zubereitete. 2.Mose 14. Ebenso könnte Gott in dem einen Augenblick alle Krankheiten über den Menschen ausschütten, und in einem anderen Augenblick sie wieder vom Menschen wegnehmen. Er gebraucht aber die passenden Hilfsmittel und schickt den Menschen die Krankheiten mit einem bösen, faulen Wind, mit Speise und Trank, durch Magengebresten; ebenso nimmt er auch auf gewöhnliche und natürliche Weise die Krankheiten hinweg, durch Heilmittel. Es kann ja niemand abstreiten, daß Gott den Wurzeln und dem Kraut ihre eigene Kraft und Wirkung gegeben hat. Mein Lieber, warum also sollte niemand Arzneien anwenden? .....
vnd hernach viertu ¦¦ send mit siben broten spyset / er hat aber den ackerbuw yngesetzt durch den er die wält spyßt. Welcher nun reden wölte / Jch hab mich Gott ergeben / der wirt mich wol spysen / ich bedarff weder säyen noch schnyden / handlete vnd redte wider die ordnung Gottes / ja versuochte Gott. Glychermaß hette Gott wol gemögen das rot Meer vffstützen (Exod.14.) in einem ougenblick / one mitwürckung anderer creaturen / er ließ aber die gantzen nacht ein starcken wind gan / damit er sinem volck die straaß bereitete. Also möchte Gott alle kranckheiten in einem ougenblick über den menschen schütten / vnd in einem ougenblick sy widerumb von den menschen nemmen / er brucht aber die ordenlichen mittel / vnd schickt die kranckheiten den menschen mit bösem fulem lufft / mit spyß / tranck / durch bresten des magens: also nimpt er ouch ordenlich vnnd natürlich die kranckheiten hin durch artzny. Da kan nun niemants lougnen das Gott den wurtzen vnd krüteren nit habe jr besonderbare krafft vnd würckung gegeben. Lieber warzuo sol niemants artznen?
(aus dem Hausbuch [Decades deutsch 1558], 30.Predigt S.208a; 34.Predigt, S.264a - 265a)
5.2. Verstand
Wir alle haben, in göttlichen Dingen, eine stumpfen, wirren, trägen und gänzlich blinden Verstand und ein völlig verkehrtes Urteil in Belangen des Himmelreichs. Gräßliche und unschöne, ungereimte Gedanken und Meinungen über die Entscheidungen und Taten Gottes steigen in uns auf. Unser ganzes Inneres hat die Art und die Neigung zu Irrtümern, zu Erfundenem und damit zu unserem Verderben. Wenn wir uns auch am allerunglücklichsten entscheiden, so halten wir doch unsere Entscheidungen viel höher als diejenigen Gottes; diese dünken uns ein Narrending zu sein gegenüber unserer menschlichen Beurteilung. .....
Wider das ‘Heidentum’
Wir halten aber nichts vom Schicksal d.h. als der zwangsläufigen Bestimmung; weder gemäß der stoischen Philosophie noch gemäß der Astrologie; ebenfalls haben wir nichts zu tun mit dem heidnischen ‘Glück’ oder ‘Unglück’. Wir wenden in dieser Beziehung keinerlei philosophische Erwägungen an, wo sie der Wahrheit der prophetischen und der apostolischen Schriften zuwiderläuft: unsere Erwägungen ruhen einzig im Wort Gottes. .....
Hausbuch [Decades deutsch 1558], 30.Predigt S.208a;
Wz vnd wie groß die verböserung vnser natur seye. [Erbsünd im menschen ist sehr groß.]
..... Wir habend alle ein stumpffen / dollen / trägen vnd gantz blinden verstand inn Göttlichen sachen / Jtem ein gantz verkert vrtheil inn himmelischen händlen. Dann es entstond in vns greüwliche vnd wüeste vngereympte gedancken vnd meinungen von Gott von den vrtheilen vnd wercken Gottes. So ist auch vnser gantz gemüet zuo jrthummen / zuo fablen / vnd zuo vnserem verderben geartet vnnd geneigt. Vnnd so wir auffs aller vngeschicklichest vrtheilend / so haltend wir doch vnnsere vrtheil vil höher dann die Göttlichen / die vnns gegen diseren vnseren menschlichen vrtheilen gleich als narrey bedunckend.....
34.Pr. 264a - 265a Wider das Heidenthumb.
..... Da gäbend wir aber dem fato / das ist der genötigten erachtung [dem gezwungenen rathschlag vnd ordnung] nichts zuo / weder dem Stoischen / noch Astrologischen / habend auch nichts zuo thuon mit dem Heidischen guoten oder bösen glück. Vnnd müeßigend vnns [gehen müssig] in disem handel alles Philosophischen disputierens überal / das der warheit der Prophetischen vnnd Apostolischen geschrifften zuo wider ist / vnnd beruowend inn dem einigen wort Gottes.
Wir glauben und lehren deshalb in aller Einfachheit so: Gott verwaltet und regiert alles mit seiner Vorsehung und nach seinem guten Willen, mit gerechter Beurteilung, in schöner Ordnung und mit passenden und angemessenen Hilfsmitteln. Wer diese mißachtet und immer nur sagt: „Das ist halt die Vorsehung“, der versteht die Vorsehung in keiner Weise richtig. „Ja“, sagen sie, „da doch alle Dinge in dieser Welt durch Gottes Vorsehung geschehen, so brauchen wir uns nicht um irgend etwas zu bemühen; wir können es bleiben lassen und schlafen gehen; es genügt, daß wir auf Gottes Anregung warten. Wenn er unsere Hilfe in Anspruch nehmen wird, so wird er uns sehr wohl auch wider unseren Willen anhalten zu dem, was er von uns haben will.“ – Die Bibel zeigt uns aber als Beispiel: Die Heiligen denken, reden und urteilen von der Vorsehung Gottes sehr viel anders als nur so. .....
Es bezeugen auch die Geschichtsbücher: Alles, was dem Volk Gottes widerfahren ist, das ist wirklich nicht anders als durch Gottes Vorsehung so geschehen. Alles Wohlergehen ist Gottes Segen; Trübsal und Widriges ist sein Fluch. – Daraus ersehen nun die vertrauend Gläubigen, daß die Angelegenheiten der Menschen durch Gottes Vorsehung verwaltet und regiert werden; doch dabei sollen wir nicht schlafen oder die Hilfsmittel verachten, sondern wir sollen mit allem Fleiß und Ernst in den Wegen und Hilfsmitteln, d.h. in den Geboten und Ordnungen Gottes wandeln.
Glaubend vnnd leerend deßhalb einfaltigklich / das Gott alle ding mitt seiner fürsehung vnnd nach seinem guoten willen / mitt gerechtem gericht / inn schöner ordnung / durch gerechte vnnd billiche mittel verwalte vnnd regiere.Vnnd wär die selbigen verachtet [Wer dise stuck alle nicht bedencket] / vnnd allein jmmerdar das wörtli fürsehung treibt / da ist nicht müglich / das der den handel der fürsehung recht verstande. Ja sagend sie / dieweil alle ding in der wält durch Gottes fürsehung verwalten [erhalten] werdend / so dörffend wir keinen fleiß anzuowenden jener an [in irgend einem ding] / so mögend wir wol müessig gan vnd schlaffen / vnnd ist gnuog das wir allein auff den trib [antrib] Gottes wartind / dann wenn er vnnser hilff dörffen wirt / so wirt er vns wol wider vnseren willen zwingen zuo dem das er wil das es vonn vns geschähe. Vns werdend aber die heiligen in der gschrifft fürgestellt / das sie vonn der fürsehung Gottes vil Christenlicher haltend redend vnnd vrtheilend / dann also. .....
(264b) Es bezügend auch die historien / das dises alles also dem volck Gottes widerfaren seye / freylich nicht on Gottes fürsichtikeit. Aller guoter fal ist Gottes sägen. Trüebsal vnd widerwertikeit ist sein fluoch. Darauß nemmend nun die glöubigen ab / das der menschen sachen durch Gottes fürsichtikeit verwalten vnd regiert werdind / doch das sie darumb darbey nicht schlaffen noch die mittel verachten / sonnder mit allem fleiß vnd ernst durch die gnad Gottes in den wägen vnd
Ja, Gottes Vorsehung macht die Ordnung der Dinge nicht zunichte; sie macht die Aufgaben des Lebens, den Fleiß und die Geschicklichkeit nicht unnötig, hebt auch die sachgemäße Handhabung und gehorsame Konsequenz nicht auf. Im Gegenteil, sie wirkt eben durch diese Dinge das Heil für derjenigen Menschen, die sich gottesfürchtig, mit Gottes Hilfe, in die Befehle, Satzungen und Handlungen Gottes schicken. Sie schreiben angemessenerweise Gott all dasjenige zu, was recht und gut ist; das was unrecht und ungut geschieht, das rechnen sie aber der menschlichen Verderbnis, unserer Unwissenheit und unseren Sünden zu. Also: obwohl sie wissen, daß Krieg, Pestilenz und andere Übel nach Gottes Vorsehung den Menschen eine Maßnahme sind, so rechnen sie diese doch den Sünden der Menschen zu. Gott ist ja gut; er möchte lieber, daß es uns gut und nicht schlecht ergeht. Oft sogar läßt er unsere bösen Vorhaben nach seiner Güte zu unserem Guten ausgehen; das können wir an der Josephs-Erzählung im ersten Buch Mose sehen.
mittlen / oder gebotten vnnd ordnungen Gottes wandlen söllind. Dann Gottes fürsichtikeit zerstört die ordnung der dingen nicht / thuot auch nicht ab die ämpter deß läbens / fleiß vnd geschicklikeit / Jtem hept rechte verwaltung vnnd gehorsamme nit auff / sonnder würckt durch dise ding deren ¦CCLXV. / 265a¦ menschen heil / die sich Gottßförchtiklich durch die hilff Gottes schickend in die befälch in satzungen vnd würckungen Gottes / dem sie billich zuogäbend / alles das recht vnd wol / *dargegen der menschlichen verböserung vnd vnser vnwüssenheit vnd sünden*[das böse aber / der menschlichen verderbung vnd vnser vnwissenheit vnd sünden] / was vnrecht vnd übel geschicht. Darumb ob gleich wol die glöubigen wüssend /das krieg pestilentzen vnd andere übel / die menschen durch Gottes fürsehung straaffend / so gäbend sie doch diß alles den sünden der menschen zuo. Dann Gott ist guot / der wölte lieber das vnns wol wäre dann übel. Vnd richtet auch offt vnsere böse rathschleg / nach seiner güete zuo vnserem guoten / wie wir sehen mögend in der Histori Josephs im ersten buoch Mosis.
(unsere Frage: sind das ‘zwei Reiche’?)
6.1. ‘Fremde Sünde’ (aus dem Hausbuch, Seite 212b)
‘Fremde Sünden’ sind diejenigen, die wir nicht selber aktiv tun, sondern andere tun sie; wir sind aber mitbeteiligt, indem wir sie in Kauf nehmen, Mithilfe leisten und Ratschlag oder Befehl dazu geben, stillschweigen, Anlass zu solchem Tun geben oder es nicht abwehren noch widersprechen, obschon wir dies könnten.
Paulus empfiehlt dem Timotheus, er solle nicht so rasch jemanden ordinieren und sich nicht damit fremder Sünden teilhaftig machen. Darum ist es eine ‘fremde Sünde’, einen ungeschickten Menschen zum Kirchendienst zu beordern. Es wird zu Recht dir angerechnet, was durch die Unwissenheit des ungeschickten Menschen, den du abgeordnet hast, wider Gott und die Kirche verfuhrwerkt wird.
Ebenso tun auch diejenigen eine ‘fremde Sünde’, welche mit Gewalt, Drohungen und Folter Menschen zwingen, die Wahrheit zu verleugnen oder andere schändliche Dinge zu tun. Die Verleugnung der Wahrheit ist eine ‘fremde Sünde’ für denjenigen, der den Verleugnenden zum Verleugnen zwingt; die Gottlosigkeit aber, Tyrannei und Totschlag ist die eigene Sünde desselben Menschen.
Von der frömbden sünd.
Frömde sünden sind nicht die / die wir selb thuond / sonnder die andere thuond / doch nicht on vns / als da wir es vns lassend gefallen / darzuo hälffend vnnd ratend / gebietend / schweigend / vnd anlaß darzuo gebend / oder denen nit weerend noch widersprechend / da wir aber wol möchtind. Paulus gebütet Timotheo / dz er niemand bald die händ aufflege / noch sich frömder sünden theilhafftig mache. Darumb ein vngeschickten menschen zum kirchendienst fürstellen vnd ordnen / ist ein frömde sünd. Dan es wirt dir billich zuogerechnet / was durch deß vngeschickten menschens den du geordnet hast / vnwüssenheit / wider Gott vnd die kirchen verhandlet [verwuorckt] wirt. Also sündend auch die ein frömde sünd / die mit gewallt / mit tröwungen vnd marter / die menschen zwingend die warheit zuo verlougnen / oder andere schantliche sachen zuo begon. Dann die verlougnung der warheit / ist ein frömde sünd dem / der den verlougnenden zuo dem verlougnen zwingt / gottlose aber / tyranney / vnnd todschlag ist desselbigen menschens eigne sünd.
6.2. Gewaltherrschaft (aus dem Hausbuch, Seiten 78a+b)
Menschen, die von Gewaltherrschaft bedrängt sind, von gottlosen, verbrecherischen Regierungen wider Recht und Billigkeit unterdrückt, mögen den folgenden Rat annehmen:
Zum ersten, denkt doch daran, welch große Sünden die Abgötterei und die verderbte Lasterhaftigkeit vor Gott sind; jetzt maßregelt er sie in seinem Zorn, und das haben sie verdient und sind wirklich nicht unschuldig.
Dann denkt auch daran, daß Gott nicht aufhören wird mit solcher Geißel und Rute, wo sie nicht den falschen Gottesdienst nicht abschaffen und ihr Leben besser führen. Darum ist es nötig, vor allen Dingen die Angelegenheiten der Religion recht zu ordnen und zu reformieren, und [so] das Leben zu ändern und besser zu machen.
Dann soll man auch ernstlich und anhaltend beten, Gott wolle die Unterdrückten erretten und aus allem Übel erlösen. Diesen Rat gab unser Schutzherr selber den Unterdrückten (Lukas 18, ) und verspricht dabei eine sichere Hilfe und Erlösung/Befreiung. Was aber und wie sollen die Unterdrückten beten? Gute Beispiele und Formeln zu diesem Gebrauch haben wir in Daniel 9 und Apostelgeschichte 4. Gleichzeitig sollen aber alle Herzen, die es in solcher Weise schwer haben, auch an das denken, was die bedeutenden Apostel Christi, Petrus und Paulus, beide gelehrt haben;
… Darumb welche durch tyranney getrengt / ja vonn gottlosen lasterhafften oberkeyten wider alles billich vnd recht vndertruckt werdend / die faßind disen rath. Erstlich / so gedenckind / was grosser sünden vor Gott seyend Abgötterey vnd vnreinigkeyt der lasteren / mit welchen sie den jetz straffenden zorn Gottes verdient vnd wol beschuldet habend. Demnach so gedenckind auch / das Gott mitt sölicher geysel vnnd ruoten nicht wirdt auffhören / wo sie den falschen Gottsdienst nicht dannen thuond vnd jhr läben besserend. Darumb so ist von nöten / das man vor allen dingen die religion recht anrichte vnd reformiere / vnd das läben ändere vnnd bessere. Demnach so sol man auch ernstlich vnd empsig bätten / das Gott die vndergetruckten erretten / vnnd auß allem übel erlösen wölle. Dann den rath gibt auch der Herr selb den vndergetruckten Luce am achtzehenden Capitel / vnd verheißt darbey gewüsse hilff vnd erlösung. Was aber vnd wie die vndergetruckten bätten söllind / deß haben wir hüpsche exempel vnd formular Danielis am neündten vnd Actorum am vierdten Capitel. Mitthinzuo aber söllend alle hertzen / die also beschwärt sind / auch dessen ingedenck sein / das die fürnempsten Apostel Christi beide Petrus (2.Pet.2[7]) vnd Paulus (1.Cor.10[13]) gelert habend /
Petrus sagt: „Gott kann die Seinen sehr wohl aus Trübsal erretten, so wie er den Loth gerettet hat.“ Paulus sagt: „Gott ist treu; er läßt die Seinen nicht mehr in Versuchung fallen als sie es ertragen können; im Gegenteil, er wird machen, daß nicht nur die Versuchung ist, sondern auch einen glücklichen Ausgang der Schwierigkeiten, damit sie es ertragen können. Dabei sollen sie auch an die Verbannung des Volkes Gottes denken; siebzig Jahre sind sie nach Babylonien deportiert gewesen, und sie haben deutliche Trostworte bekommen; auch daran hat man sich zu erinnern (Jesaja 40-49).
Wir sollen und auch bewußt sein, daß Gott gnädig und allmächtig ist, und daß er uns sehr wohl helfen kann. Er hat auch viele Mittel, uns zu helfen, und zwar will er uns genau dazu helfen, daß wir auf keinen Fall die Sache der Tyrannen stärken, indem wir lasterhaft und gottlos leben. Gott kann die Herzen und Gedanken [gemüeter] der Regierenden jäh ändern – die Herzen der Könige sind ja in seiner Hand wie Wasserbäche, und er kann sie leiten wohin er will –, so daß diejenigen, die bisher am allergrimmigsten gegen uns eingestellt gewesen sind, plötzlich gütig uns freundschaftlich werden; und diejenigen, die das wahre Glaubensleben am grausamsten verfolgt haben, können dieses am innigsten lieben und es mit großem Fleiß fördern.
da jhener spricht / Gott kan die seinen wol auß trüebsal erretten wie er auch den Loth errettet hat. Diser aber spricht / Gott ist trew der die seinen nit wirt lassen versuocht werden vber das sie ertragen mögend / sonder wirdt machen nebend der versuochung ein glücksäligen außgang auff dz sie es ertragen mögind. Darbey söllend sie auch gedencken der gefencknuß deß volcks Gottes / da sie sibentzig gantzer jaren in Babylonia sind gefangen gewesen / Jtem der schönen trösten [consolatio] / mit ¦LXXVIIIv. / 78b¦ denen sie sind getröstet worden / Welche Esaias beschreibt vom viertzigsten Capitel an seiner prophecey / biß auff das neün vnd viertzigst. Wir söllend ingedenck sein / das der Herr guot gnedig vnd allmechtig ist / deßhalb er vns wol helffen mag / vnd hat auch vil mittel / durch die er vns mag hälffen / nicht mee / dann das wir luogind das wir nicht den tyrannen jhr sach sterckind mit vnserem lasterhafften vnd gottlosen läben. [Habet is uarias liberandi rationes. Curemus nos modo, ne impoenitentes & turpis ac impia ultra nostra uires addat tyrannis]. Es mag der Herr die hertzen vnnd gemüeter der regenten (wie dann die hertzen der künigen in seiner hand sind wie die wasserbäch / vnd mag sie leiten wohin er wil) gechling [bald] enderen / also das die / so bißhär am aller grimmisten wider vns gewesen sind / von stund an güetig vnd freündtlich werdend / Vnd die so die waar religion zuo aller grüsenlichisten [grausamlichsten] verfolget habend / jetzund die selbig zuo aller inbrünstigisten liebend / vnd mit grossem fleiß fürderend.
Schöne und deutliche Berichte davon haben wir in den Königsbüchern, in den Büchern Esra und Nehemia, und im Profeten Daniel. So etwa Nebukadnezar, der die Stirn hatte, die treuen und tapferen Zeugen Gottes im Feuerofen zu braten und wegen des wahren Glaubens auszurotten; sogleich aber kommt er in den Zustand, daß er Gott lobt und preist, weil er sah, daß sie im Feuer wohlbehalten blieben; er begann, selber den wahren Gott und das richtige Glaubensleben zu predigen und auszubreiten, indem er Edikte und Mandate ausgehen ließ. – Ebenso Darius, der Sohn des Assuer (?) ließ den Daniel in die Löwengrube werfen; aber Gott bewirkte bei ihm sogleich eine Sinnesänderung, so daß er ihn wieder herauszog und alle Feinde Daniels in dieselbe Grube den Löwen zum Fraß vorwarf. – Cyrus, der höchst mächtige König der Perser, förderte ebenso die wahre Religion. Auch Darius Hystaspis genannt Artaxerxes half dem Volk Gottes aufs schönste bei ihren Vorhaben, die Stadt und den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. – Darum sollen wir nicht zweifeln an der Hilfe Gottes. Es geschieht auch, daß Gott den Tyrannen Plagen verhängt oder gar sie hinwegrafft durch jähe und furchtbar schreckliche Krankheiten. Wir sehen, daß es dem Antiochus, Herodes dem Großen und seinem Enkel Herodes Agrippa, dem Maxentius und anderen Feinden Gottes und der Welt so ergangen ist. –
Dessen wir gar hüpsche vnnd heitere zeügnußen habend inn den historien der küngen / Jtem in den büecheren Eßdre vnnd Nehemie / auch inn der prophecey Daniels. Als am Nabuchodonosor / der vnderstuond die getrewen vnd dapferen marterer Gottes im fürinen [fewrigen] ofen zuo braten vnd zuo vertilgken von wegen deß waaren glaubens / bald aber wirt er dermaß / das er Gott lobt vnd preyßt / vmb das er sach das sie im feür erhalten warend / vnd facht an selbs durch [publicierte] edict vnd mandat *die er ließ außgon*[-] / den waaren Gott vnnd die waare religion predigen vnd außbreitten. Also Darius der sun Assueri ließ Danielem inn die löwengruoben werffen / Aber es änderet jhn Gott gleich dermaß / das er jn wider herauß zoch / vnnd alle feyend Daniels inn die selb gruoben den löwen zuo zerzerren fürwarff. Cyrus der aller gewaltigist künig der Persen fürderet auch also die waar religion. Jtem Darius Hystaspis / der mit dem zuonammen Artaxerxes genent ward / halff dem volck Gottes gar treffenlich in jrem fürnemmen / die statt vnd den tempel zuo Jerusalem wider zuo bawen. Darumb so sollend wir an der hilff Gottes nit zweiflen. Es plaget auch Gott die tyrannen etwan oder nimpts gar hinwäg durch gähe [schnelle] vnd grausame erschröckliche kranckheiten / Als wie wir sehend das es dem Antiocho / dem grossen Herodi vnnd seinem enckli Herodi Agrippe / Jtem dem Maxentio vnnd anderen Gotts vnnd der wält feyenden gangen ist
Tyrannen umbringen
Es kommt auch vor, daß Gott Helden und tapfere Männer erweckt, die solche Tyrannen erwürgen und das Volk Gottes erlösen. Beispiele dafür sind viele im Buch Richter, auch in den Büchern Könige. Damit aber niemand diese Beispiele mißdeutet, muß man darin genau auf die Berufung Gottes achten. Denn wer diese nicht hat, oder noch vor der Berufung etwas unternimmt, der wird mit seinem Tyrannenmord nichts erreichen, sondern es ist zu befürchten, daß Übel werde grad noch schlimmer.
Das sei nun zu diesem Thema gesagt.
Tyrannen töder.
Etwan so erweckt auch Gott helden vnnd dapffere männer / die sölche tyrannen erwürgend vnd das volck Gottes erlösend. Welcher exempel vil sind im buoch der Richteren / auch in künigbüecheren. Damit aber die selben exempel niemand mißbrauche / so muoß man eigentlich darinnen auff die berüeffung Gottes sehen. Dann welcher die selb nit hat / oder vor der selben etwas anfacht / der wirt mit seinem vmbbringen der tyrannen nichts schaffen noch außrichten / sonder ist vil mer zuo sorgen / das übel werde noch einest böser. Das seye nun von disem geredt.
7. Bildhaft zeigen –
logisch beweisen?
(unsere Frage: ‘wissen’ oder ‘spüren’ wir die ‘Wahrheit’?)
7.1. Die Dreifaltigkeit Gottes
(Summa 25;25v)
Das Wahrheitswort zeigt nun in dieser Einigkeit Gottes drei unterschiedliche Personen, die aber dennoch die Einigkeit Gottes nicht in drei Götter zerteilen. Es zeigt uns nämlich den Vater, den Sohn und den heiligen Geist; und zwar so, daß jede Person ihr eigenes Wesen und Eigenschaft beibehält und nicht die andere Person ist. Und doch ist es so, daß die drei Personen ein Einiger Gott sind. Der Vater ist nämlich nicht der Sohn, sondern des Sohnes Vater; er sendet des Vaters Sohn, und dieser wird vom Vater in die Welt gesandt; er und nicht der Vater wird Mensch und stirbt am Kreuz und spricht: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Und der heilige Geist geht vom Vater und vom Sohn aus und heiligt die Gläubigen; er wird der Geist des Vaters und des Sohnes genannt.
Es ist wie mit der Sonne: Zwar ist es eine einzige Sonne, aber wir können dennoch drei unterscheidbare Dinge feststellen (wobei das eine nicht das andere ist); nämlich die Kugel, den Schein, d.h. den Glanz, und die Wärme. Obschon diese drei ihre Eigenschaften und Wesen
In diser einigkeit Gottes zeigt das wort der warheit wyter dry vnderscheiden personen welche doch die einigkeit Gottes nit in dry götter zerteilend. Dann es zeigt an den vatter / den Sun / vnd den heiligen Geist / also das yede person jr wäsen vnd eigenschafft behalt / vnd die ander nit ist / doch die dry personen ein einiger Gott sind. Dann der vatter ist nit der Sun / sunder des Suns vatter / vnd sendet den Sun in die wält: der Sun aber ist nit der vatter / sunder des vatters sun / vnd wirt vom vatter gsendt in die wält / er / vnd nit der vatter / wirt mensch / vnd stirbt am crütz / vnd spricht / vatter in dine hend befilch ich minen geist (Matth.27; Luc.23). Vnd der heilig Geist gadt vß vom vatter vnd Sun / vnnd heiliget die glöubigen: wirt des vatters vnd des Suns ¦25v ¦ geist genennt. Wie nun ein einige Sonn ist / vnd doch drü vnderscheidne ding (da eins nit das ander ist) als die kugel / der schyn oder glantz / vnnd die wärme / befunden werdend / welche doch / darumb sy jre eigenschafften vnd wäsen behaltend /
behalten, machen sie doch nicht drei Sonnen aus der einzigen Sonne. Ebenso trennen auch die unterscheidbaren Personen das Einige göttliche Wesen nicht, und es wird auch nicht die eine Person zur anderen.
7.2. Sakramente (SUMMA 141v - 143)
Die Sakramente sind als bildhafte Darstellung gegeben
Gott handelt den Menschen gegenüber nicht nur mit Worten, also mit der Predigt, sondern auch mit Zeichen, also mit Sakramenten; das ist eine alte Gepflogenheit Gottes, und er hat es von Anfang an so gehalten. Denn wie gesagt, der Herr stellt der Predigt die Sakramente zur Seite, um uns in unserer Blödigkeit einigermaßen zu helfen; mit einem Beispiel wird ja eine jegliche Sache besser verstanden als ohne Beispiel. Zweifellos aus diesem Grunde hat unser Schutzherr in seiner Lehre so viele Beispiele und Gleichnisse gegeben, weshalb die Alten sie „sichtbare Worte“ genannt haben. Wir erfahren es ja an uns selber: Wenn man uns eine Sache nicht nur mit Worten sagt, sondern es uns auch mit Zeichen oder mit äußerer Bildhaftigkeit sozusagen vor Augen stellt, dann verstehen wir diese Sache leichter und besser, und es haftet auch besser, prägt sich besser ein und bewegt uns mehr.
nit vß der einigen Sonnen dry Sonnen machend: also trennend ouch die vnderscheidnen personen das einig göttlich wäsen nit / vnd wirt doch ouch eine die ander nit.
Die Sacramenta zuor anbildung gäben.
DAnn es ist ein alter bruch Gottes / den er von anfang geüebt hat / das er gägen den menschen nit nun mit ¦141v¦ worten oder mit der predig / sunder ouch mit zeichen oder Sacramenten handlet. Dann wie erst gemäldet ist / thuot der Herr die Sacramenta zuo der predig / vnserer blödigkeit (Joan.3.) etlicher maß zuo hälffen: diewyl ein yetlicher handel durch byspil vil baß dann one byspil verstanden wirt. Dennenhar vnser Herr frylich so vil byspilen in siner leer gäben hat: keiner anderen gestalt hat er vns ouch die Sacramenta gäben: dannenhar die alten sy sichtbare wort genennt habend (Sacramenta uisibilia uerba) . Wir erfarend ye an vns selbs / das wenn man vns ein handel nit nun mit worten sagt / sunder ouch mit zeichen oder etwas vsserer anbildung / als für ougen stellt / sölicher handel nit nun ringer vnd rächter verstanden wirt / sunder ouch baß hafftet / vns ynbildet / vnd bewegt.
Christus, unser Herr, hat nun seiner Kirche seine Sakramente gegeben, damit die Sache unseres Heils, das durch Christus erwirkt ist, und unsere Pflicht und Schuldigkeit recht verstanden wird, sich uns gut einprägt und jederzeit in frischem Gedächtnis bleibt.
Darum soll man an den Sakramenten auf zweierlei achten: auf das Zeichen und auf das, was mit dem Zeichen angezeigt wird.....
Sakramente sind Siegel
Es ist bei den Menschen Brauch, die Zusagen, Verträge, Bündnisse, Vermächtnisse d.h. Testamente nicht nur mit Worten auszusprechen, sondern sie auch in Briefe zu fassen und aufschreiben zu lassen; diese werden dann mit einem Siegel versehen, damit diese Briefe und Siegel auch bei den Nachkommen ein Zeugnis und sicheren Bericht über die Tatsachen geben. Eben so hat unser Schutzherr seiner Kirche mündlich seine Zusagen gemacht, hat einen ewigen Bund und ein ewiges Testament, ein Vermächtnis gemacht und aufgerichtet, und jetzt fügt er seine Sakramente bei, so wie Briefe und Siegel, zum Zeugnis dafür, daß unsere Rettung eine Wirklichkeit ist usw. Darum nennt der heilige Paulus das Sakrament der Beschneidung nicht nur ein Zeichen, sondern auch ein Siegel des guten Verhältnisses durch den Vertrauensglauben. Daher werden die Sakramente von vielen auch ‘Wahrzeichen’ genannt. Denn immer sind sie
Darumb das der handel vnsers heils durch Christum gewürckt / ouch vnsere pflicht vnd schuld rächt wurde verstanden / vns wol ynbildete vnd alle zyt in frischer gedächtnuß blibe / hat Christus vnser Herr siner kilchen sine Sacramenta gäben.
In Sacramenten sähen vff zwey ding.
Darumb sol man in den Sacramenten sähen vff zwey ding / namlich vff das zeichen vnd vff das das mit dem zeichen verzeichnet wirt. .....
Sacramenta sind sigel
Vnnd als ein bruch by den menschen ist / daß sy jre zuosagungen / verträg / pündtnussen / gmächte oder testamenta / nit nun mit worten vßsprächend / sunder ouch in brieff verfassen vnd schryben lassend / die sy dann wyter ouch besiglend / vff das söliche brieff vnd sigel / ouch by den nachkommenden zügnuß / vnd gwüssen bericht der warheit gäbind: also hat vnser Herr mundtlich siner kilchen sine zuosagungen gethon / einen ewigen pundt / vnd ein ewig testament oder gemächt gemacht vnd vfgericht / darzuo er yetzund sine Sacramenta / anstatt der brieffen vnnd siglen thuot / zuor zügnuß der warheit vnsers heils / etc. Darumb nennt der heilig Paulus (Rom.4.) das Sacrament der beschnydung nit allein ein zeichen / sunder ouch ein sigel der gerächtigkeit des gloubens.
Dannenhar werdend ouch die Sacramenta ¦143¦ warzeichen von vilen genennt. Dann sy sind ye Kundgebungen oder Siegel und sichtbare Zeugnisse dafür, daß Gott uns wohl will, daß wir schuldfrei gesprochene Kinder Gottes sind, und daß Christus wahrhaftig für uns in den Tod gegangen ist und uns wieder lebendig gemacht hat, so daß wir in ihm leben und er in uns. So lautet das Wort Gottes.
Sacramenta warzeichen.
kundtschafften oder sigel vnd sichtbare zügnussen / das / wie das wort Gottes lut / Gott vns gnädig ist / das wir gereiniget Gottes kinder sind / das Christus warlich für vns in tod gäben / vns wider läbend gemachet habe / also das wir in jm läbend vnd er in vns.
7.3. Im Sterben Christi haben wir ein vollkommenes Beispiel, wie wir uns zum Tod rüsten sollen. (aus: Bericht der krancken 1535, Kapitel 12)
Bis hier habe ich ausführlich berichtet, wie der Schwerkranke sich in seiner Krankheit verhalten und sich auf den Tod vorbereiten soll; jetzt will ich dieses kurz zusammenfassen, indem ich das Sterben Christi als Beispiel vorstelle. Christus ist uns ja von Gott nicht nur zur Erlösung gegeben, sondern auch, um uns die Weisheit zu zeigen. (1.Kor.1,24) Von ihm lernen wir all das, was uns zum Heil notwendig ist.
1. Zum Beginn seines Leidens und Sterbens setzt er das geheimnisvolle Sakrament seines Leibes und Bluts ein, zur Vergegenwärtigung seines Todes und unserer Erlösung. – Darum soll der Schwerkranke, wenn sein Krankenlager beginnt, daran denken, dass er durch den Tod Jesu Christi erlöst ist; und darum ist es recht und billig, dass er ihm Lob und Dank sagt und sich drein schickt, Kreuz und Leiden zu erleben, und sich mit Geduld in Gottes Willen gibt.
2. Nachher wusch Jesus seinen Jüngern die Füsse. Damit lehrte er sie die Demut, und dass einer dem andern so verbunden sein solle, dass er ihm einen Dienst leistet. – Vielleicht hat der Kranke dieses in seinem bisherigen Leben nicht beachtet, in seinem Hochmut, Verachtung, Hoffart und Eigennutz. Jetzt kann er das vor Gott beklagen; jedermann darauf aufmerksam machen, um ein abschreckendes Beispiel zu sein; es jedermann zugeben und jetzt noch ernst machen mit der Dienstbefliessenheit und der Demut; jedem verzeihen und vergeben, da er ja deutlich sieht, dass Jesus selber auch seinem Verräter Judas die Füsse gewaschen hat.
VNd bißhar hab ich mit vilen worten bericht geben wie sich der kranck in siner kranckheit halten vnd sich zum tod schicken sölle: yetzund wil ich ein kurtze summ alles deß samlen / vnd die in dem sterben Jesu Christi fürstellen / diewyl er vns von Gott nit nun zur erlösung / sunder ouch zur wyßheit gegeben ist (1.Cor.1.) / by dem wir erlernind alles was vns zum heil notwendig ist (Coloss.2.).
Anfangs sines lydens vnd sterbens setzt er vff (Luc.22.) die gheimnuß oder das Sacrament sines lybs vnd bluots zuo einer widergedächtnuß sines tods vnd vnser erlösung. Darumb // der kranck anfangs sines lägers bedencken sol / wie er durch den tod Jesu Christi erlößt sye / darumb er jm billich lob vnnd danck sage / sich ouch schicke durch crütz vnnd lyden / vnd durch gedult in Gottes willen zeläben.
Demnach (Joan.13.) wuosch er sinen jüngern die füeß / lart sy damit demuot / vnnd das ye einer dem andern sölte in dienstbarkeit verbunden syn. Hat dann der kranck sölichs in sinem läben übersehen mit hochmuot / verachtung / hochfart vnd eigennutz / so beklage das vor Gott / warne yederman / vnd begebe sich noch in die dienstbarkeit vnd demuot / verzyhe vnd vergebe mengklichem / diewyl er wol sicht das ouch der Herr selbs Jude sinem verräter die füeß gewäschen hat.
3. Als Jesus sich nun willig ganz in den Tod ergeben hat, da redet er fortan nichts anderes mehr als vom Vertrauen, von der Standhaftigkeit, von der Geduld und von ernstlichem Anrufen Gottes, von der Treue und Liebe Gottes, auch wie er uns nicht wie Waisen zurücklassen wolle, obschon er körperhaft von uns scheide. Das alles beschreibt der ehrwürdige Evangelist Johannes sehr ausführlich im 14.-17.Kapitel. – Darum soll der Kranke jetzt dasselbe tun: die zeitlichen Dinge vergessen, sich ganz in Gott ergeben, dem Himmlischen nachtrachten, Gott voll vertrauen, sein Wohltun bedenken und Gott loben, sich in Geduld üben und jederzeit zu ihm schreien.
4. Dabei wird Jesus aber auch traurig und sehr bekümmert; er scheidet nur ungern von den Seinen, sagt: „Meine Seele ist bekümmert bis in den Tod.“ (Matth.26,38) Er ringt mit sich selbst, er wird sehr geängstigt, kommt in Bedrängnis und Not, so dass er Blut schwitzt. (Luk.22,44) – Das alles soll der Schwerkranke in Vertrauen und Dankbarkeit bedenken, und er kann zuversichtlich sein, dass Jesus uns mit seiner grossen Angst die schwere Furcht vor dem Tod gemildert hat. Dieses Wissen ist uns eine Ermutigung, wenn wir bedrängt werden von Angst und Todesfurcht; er will solches in Ordnung bringen und es nicht anrechnen.
5. Doch Jesus wandte sich in aller seiner Not ab zum Gebet und sagte: „Vater, ist es möglich, so nimm dieses Leiden von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Er betete dann zum zweiten- und zum drittenmal mit grossem Ernst. – So sollen auch wir die Furcht nicht gewähren lassen, sondern ohne aufzuhören zu Gott rufen: „Ach Herr, sei mir gnädig, brich mir meinen Willen und lehre mich mit dir verbunden sein
Als er sich nun gar willig in den tod ergeben / redt er fürohin nützid dann vom glouben / von dem bestand / von der gedult vnd ernstlichem anrüeffen Gottes / von der trüw vnd liebe Gottes / wie ouch er vnns / so er schon lyblich von vns schiede nit wölte weyßle lassen. Welches alles der heilig Joannes in sinem Euangelio gar flyssig beschrybt durch das xiiij. xv. xvj. vnd xvij. cap. Darumb yetzund der kranck ouch also thuon sol / namlich vergessen der zytlichen dingen / vnd sich gar an Gott ergeben / dem himmelischen nachtrachten / Gott wol vertruwen / sin guotthä // ten bedencken vnd loben / in gedult sich üeben / vnd allweg zuo jm schryen.
Mithinzuo aber (Matth.26.) hebt der Herr an truren vnd seer bekümmert syn /scheydet vngern von den sinen / spricht / Min seel ist bekümbert biß in tod: er ringt mit jm selbs / er wirt der massen geängstiget /getrengt vnnd genötet das er bluot schwitzt( Luc.22.). Das alles sol der kranck mit glouben vnd danckbarkeit bedencken / vnnd hoffen das der Herr mit der grossen angst vns die schwären forcht des tods gemiltert habe / ouch getröst wenn wir schon getrengt werdend mit der angst vnd forcht des tods / das sömlichs der Herr begüetigen vnnd nit rächnen wölle.
Doch wie sich der Herr zum gebätt in aller not wandt vnd sprach / Vatter ist es müglich so nimm dises lyden von mir / doch nit min sunder din will beschäch: wie er dz zum anderen vnd zum drittern mal mit grossem ernst gebättet hat: also söllend ouch wir der forcht den gang nit gar lassen / sunder one vfhören zuo Gott rüeffen / Ach Herr biß mir gnädig / brich mir minen willen / vnd leer mich lieben vnd thuon dinen willen / das ich mich gern mit dinem sun in tod begäbe.
und deinen Willen tun, so dass ich mich gern mit deinem Sohn in den Tod begebe.“
6. Nun erschien der Engel und bestärkte Jesus. – So soll ein jeder gläubige todkranke Mensch nicht daran zweifeln, dass Gott ihn stärkt und zum ewigen Leben bestimmt (2.Petr.2); ja, dass Gott ihn nicht in stärkerem Masse versucht werden lässt, als es ihm erträglich ist. (1.Kor.10,13).
7. Dann hat Jesus sich mit dem Tod abgefunden und hat sich willig in das Sterben ergeben. (Joh.19) Er geht willig selber seinen Feinden entgegen. Er wird von diesen gefangengenommen, gebunden und in verräterischer Weise, ohne Erbarmen vom Ölberg in die Stadt geführt wie ein Übeltäter und Mörder. Dort wird er von einem Richter zum anderen geschleift; vor den Richtern wird er ungut behandelt, ja misshandelt, zum höchsten geschmäht und zuletzt durch falsches Zeugnis erledigt. – Solches alles hat er erduldet und unter grosser Not erlitten, um uns von den Banden der Sünde zu erlösen und uns freizumachen, auch um uns vor der Rache und Schmach ewiger Verdammnis zu bewahren. Ebenso hat er es getan, um uns Geduld zu lehren, uns, die wir nicht unschuldig erleiden, was wir erleiden; er aber war unschuldig. Ja, um unserer Schuld willen haben wir vielfach noch grössere Pein und Not verdient
8. Es gehört hier auch dazu, dass er verspottet und angespieen wurde, mit schweren Hieben geschlagen, gegeisselt und mit der Dornenkrone gekrönt; ja, er wurde dermassen von Kräften gebracht, dass Jesaja von ihm sagte: „Er wird weder Wohlgestalt noch Ausstrahlung haben, und wenn wir ihn ansehen, wird keine Schönheit da sein; er wird der allerschlechteste und verachtetste sein, ja als so verworfen werden wir ihn erachten, dass wir unser Gesicht vor ihm
Wie nun der Engel erschein vnd den Herren trost / also sol ein yeder glöubiger siecher mensch nit zwyflen / dann Gott werde jn trö // sten vnd erhalten zuo ewigem läben (2.Pet.2.) / ja er werde jn nit mee lassen versuocht werden dann er wol ertragen möge. j.Corinth.x.
Demnach sich der Herr aber mit dem tod errungen vnd willig in das sterben ergeben hat (Joan.19.) / gadt er selbs willig sinen fynden entgegen / von denen wirt er gfangen / gebunden / von dem ölberg mit vntrüwen vnd one erbermbd in die statt glych wie ein übelthäter vnd morder gefüert / da von einem richter zuo dem anderen herumb geschleifft / vor denen wirt er vnfrüntlich gehalten / ja mißhandlet / zum höchsten geschmächt / vnd zuo letst durch falsche kundtschafft vndertruckt. Sölichs alles hat er geduldet / vnd mit grosser not erlitten / damit er vns von banden der sünden erloßte vnnd ledigete / ouch vns vor der raach vnd schmaach ewiger verdamnus wäre: item das er vns gedult larte / die wir nit vmb vnschuld lydend was wir lydend / wie er / sunder vmb vnser schuld als die noch grössere pyn vnd not vilfaltig verdient habend.
Dahin dienet yetzund ouch (Jsa.53.) das er verspottet vnd verspüwen ward / das er geschlagen mit schwären streychen / das er gegeißlet vnnd gekrönet / jaa der maassen entschöpfft ward / dz Jsaias von jm geredt hatt / Er wirt weder gestalt noch zierd haben / so wir jn ansehend / wirdt kein schöne da syn / er wirt der // aller schlächtest vnnd verachtest / jaa so verworffen werdend wir jnn rächnen / das wir vnsere angsicht werdend vor jm verbergen.
verbergen werden.“ – Wenn der Kranke von den Seinen falsch behandelt wird, so denke er daran, was Christus von den Seinen widerfahren ist. Und dann: obschon Jesus viel einzuwenden gehabt hätte, so hat er doch nicht seinen Mund aufgetan. Darum wollen auch wir vom Leiden Christi lernen, Geduld zu haben. Wenn wir grosses Kopfweh haben, grosse Schmerzen an unseren Gliedmassen, innere Qual und Weh – es ist richtig, dass wir dann an die Dornenkrönung Christi denken, wie er gegeisselt wurde, und dass Pilatus ihn hinausführte vor das Volk und sagte: „Seht, was für ein elender, jammervoller Mensch.“
9. Noch mehr: er nimmt sein eigenes Kreuz auf seine Schultern und trägt dieses hinaus an die Richtstatt. Dort wird er unter Schmerzen an das Kreuz genagelt, hochgestellt und in der schwersten Pein dem Tod durch Entkräftung und Erschöpfung anheimgegeben. Nackt und bloss hing er da, in den grössten Schmerzen, noch drei Stunden lebend. – Das bedenke der Schwerkranke in seinen Nöten und Schmerzen; er bedenke auch, dass der Sohn Gottes diese Pein um uns Menschen willen erlitt; jawohl, die Liebe Gottes zu uns Menschen ist gross, und das Opfer d.h. die Bezahlung für die Sünde ist vollständig.
10 Das erste Wort, das Jesus am Kreuz redete (Luk.23,34) war dieses: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ – Daran soll der Kranke das Folgende erkennen: erstens, dass Jesus für uns alle gebetet hat, und dass er damit erhört worden ist (Hebr.5,7-9); zweitens dass auch er, der Kranke, all seinen Feinden vergeben und für sie beten soll.
11. Das zweite Wort Joh.19,26-27 war: „Frau, schau, das ist dein Sohn“, und zum Jünger sprach er: „Schau, das ist deine Mutter.“ Damit gab er die Sorge um sie weiter und verliess sie dennoch nicht. –
Wenn dann dem krancken vntrüwlich von den sinen beschicht / so gedencke was Christo sye von den sinen widerfaren. Dann do er schon vil widersprächens hatt / hat er sinen mund nit vfthon. Darumb ouch wir gedult imm lyden Christi erlernen söllend. Habend wir groß houptwee / habend wir grossen schmertzen an vnsern glidern / habend wir innere pyn vnd wee / billich gedenckend wir an die krönung Christi / an sin geißlen / vnnd das jn Pilatus für das volck heruß fuort vnd sprach / Sehend was ellenden jämerlichen menschens.
Vber das alles nimpt er sin eigen crütz vff sin schultern / treyt das hinuß an die richtstatt / vff dero wirt er an das crütz pynlich genaglet / vfgericht vnd mit verseerung aller siner krafft in die schwäristen pyn deß todts gestellt. Nacket vnd bloß hanget er da in den grösten schmertzen / läbend by dryen stunden. Dises bedencke der kranck in sinen nöten vnd schmertzen / ouch diewyl der sun Gottes sömliche pyn vmb des menschen willen erlitten / das frylich die liebe Gottes gegen dem menschen groß / vnd das opffer das ist die bezalung für die sünd volkommen ist. //
Das erst wortz dz der Herr am crütz redt (Luc.23.) was dises / Vatter vergib jnen / dann sy wüssend nit was sy thuond. Daruß sol der kranck erlernen / deß ersten das der Herr für vns all gebätten hat / vnd erhört ist / Hebre.v. Demnach dz ouch er all sinen fynden vergäbe vnd für sy bätte.
Das ander wort (Joan.19.) was / Wyb sich das ist din sun: vnnd zuo dem junger sprach er / Sich das ist din muoter. Vbergab damit sy / vnd verließ sy doch nit. Dann er laart vns dardurch alle geliebte ding vff erden verlassen vmb Gottes willen / vnd doch alle die Gott vnser verwaltung vndergethon mit zimlicher ordenlicher
Er lehrte uns damit: Verlass alle geliebten Dinge auf Erden, um Gottes willen. Ebenso aber: Mach allen, die Gott in unsere Verantwortung gegeben hat, ein geziemendes, ordnungsgemässes und gebührliches Testament, eine Anordnung. Darum soll der Schwerkranke sich völlig in Gott ergeben, auch wenn er vor seinen Augen Vater und Mutter, Frau und Kinder, Freunde und Wohlgesinnte stehen hat; jedoch, er soll ihrer auch in entsprechender Weise gedenken, wie oben gesagt.
12. Das dritte Wort Luk.23,43 war: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein“, sprach er zum Mörder; dieser schrie nämlich zu ihm mit Demut und Vertrauen: „Herr, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ – Unser Schutzherr hat mit dieser Zusage uns allen die Hoffnung gegeben, dass auch wir dank seinem Leiden in sein Reich aufgenommen werden, falls auch wir vertrauensvoll zu ihm schreien. Denn Jesus Christus ist der einzige Heiland und Trost der armen Sünder; er ist das einzige und immerwährende Opfer für unsere Sünde.
13. Das vierte Wort (Matth.27,46; Psalm 22,2) war: „Mein Gott, mein Gott, wie lange willst du mich verlassen?“ Dies ist aber ein geduldiges Verlangen und ein kindliches Mahnen und Bitten gewesen, sein Vater solle ihm nach seinem Willen die heftigen Schmerzen ersparen und durch den Tod wegnehmen. – Darum darf auch der Schwerkranke in seiner grossen Versuchung, Angst und Not sich freundschaftlich an Gott wenden und mit David sagen: „O Gott, mein Gott, wie hast du mich doch verlassen; die Worte meiner Klage sind ferne von meinem Heil. Ich rufe dich den ganzen Tag an, o mein Gott; du erhörst mich aber nicht; ja, auch nachts schweige ich nicht. O Herr, du bist die Hoffnung unserer Väter gewesen, sie hofften auf dich, und du halfest ihnen; sie riefen zu dir, und du erhörtest sie. So erhör auch mich, deinen armen verlassenen Diener.“
vnnd gebürlicher schickung vnd testamentierung versähen. Darumb der kranck sich fry an Gott ergeben sol / ob er glych vor sinen ougen vatter vnd muoter wyb vnd kind / fründ vnd guote günner ston sicht / doch sol er sy ouch wie obgemelt etlicher gestalt versähen.
Das dritt wort (Luc.23.) was / Warlich sag ich dir / Hütt wirst du mit mir syn imm Paradyß / sprach er zuo dem morder / welcher jn mit demuot vnd glouben anschrey vnd sprach / Herr biß min yngedenck wenn du kumpst in din rych. Der Herr aber hat mit gemelter // zuosag vns allen die hoffnung vfgethon / das ouch wir durch sin lyden zuo jm in sin rych vffgnommen werdind so ferr wir ouch zuo jm mit glouben schryend. Dann Jesus Christus ist der einig heyland vnd trost der armen sünderen / das einig vnd ewig opffer für vnser sünd.
Dz vierd wort (Matth.27. Psal.22.) was / Min Gott min Gott wie lang wilt du mich lassen? Sölichs aber ist ein gedultig verlangen vnd ein kindtlich vermanen vnd bitt gewäsen / das jun sin himmelischer vatter der pynlichen schmerzen nach sinem willen wölte entladen / vnd durch den tod hinnämmen. Darumb ouch der kranck in siner grossen versuochung angst vnd not früntlich an Gott werben vnd mit Dauiden sprechen mag / O min Gott min Gott wie hast du mich verlassenn / die wort miner klag sind ferr von minem heil / Jch rüeff dich an den gantzen tag o min Gott / du erhörst mich aber nit / ja ouch nachts schwyg ich nit. O Herr du bist die hoffnung vnser vättern gwesen / sy hofftend vff dich / vnd du halffest jnen: sy ruofftend zuo dir / vnd du erhortest sy / so erhör auch mich dinen armen verlaßnen diener.
14. Das fünfte Wort Joh.19,28 war: „Mich dürstet.“ Da boten sie ihm einen Schwamm voll Essig an; davon versuchte er nichts, sondern er erduldete den Durst, um damit den Fluch hinwegzunehmen, der von Adam her auf uns liegt, seit er seine Lust am verbotenen Obst stillte. – So soll auch der Kranke den Durst und andere Gelüste, falls sie ihm nicht gestillt werden können, wie Christus in Geduld überwinden und immer mehr vertrauensvoll an das Wort Christi Joh.7,37 denken: „Wer da Durst hat, der komme zu mir und trinke. Wer auf mich vertraut, wie die Schrift (Jes.55) sagt, von dessen Leib werden Flüsse des lebendigen Wassers fliessen.“
15. Das sechste Wort war: „Es ist vollbracht.“ [Joh.23,30] Ja wirklich alles ist vollbracht, was im Gesetz und in den Propheten geschrieben und verheissen war, nämlich: Gott schickt seinen Sohn in diese Welt; der bringt alles wieder in Ordnung und versühnt Gott wieder mit dem Menschen. Er sühnt und vergibt die Sünde, zerschmettert der Schlange den Kopf, macht den Tod und die Hölle nichtig und öffnet allen Vertrauenden den Himmel und gibt ewiges Leben. Dies alles ist jetzt durch das Leiden Christi vollbracht und gänzlich vollendet. – Das soll den Schwerkranken in all seiner Anfechtung trösten und ihn bei starkem Glauben behalten. Denn es ist eher möglich, dass Himmel und Erde vergehen, als dass irgendetwas vom Worte Gottes dahinfalle.
16. Das siebte und letzte Wort war: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.“ [Luk.23,46; Ps.31,6] – Darum soll der Schwerkranke an seinem Ende seine Seele nicht den Seligen oder Engeln anbefehlen, sondern nur Gott allein durch Jesus Christus, und er soll Gott voll vertrauen als seinem Vater. Dieser hat sich ja auch sonst als Vater erwiesen
17. Dz fünfft wort (Joan.19.) was / Mich dürstet. Do buttend sy jm einen schwummen voll essich dar / daruon er nützid versuocht / sunder den durst erduldet / damit er hinnäme den fluoch // der vff vns von Adamen reicht / dannen er sin lust buoßt an dem verbottnen ops. Dz fünfft wort (Joan.19.) was / Mich dürstet. Do buttend sy jm einen schwummen voll essich dar / daruon er nützid versuocht / sunder den durst erduldet / damit er hinnäme den fluoch // der vff vns von Adamen reicht / dannen er sin lust buoßt an dem verbottnen ops.
mir vnd trincke. Wär in mich gloubt / wie die gschrifft sagt (Jsa.55. ) / von des lyb werdend fliessen flüß deß läbendigen wassers. (Joan.4.)
Das sächßt wort was / Es ist vollbracht / frylich alles das im gsatzt vnd propheten geschriben vnd verheissen was / namlich wie Gott sinen sun in dise wält schicken / der alles widerumb zerecht bringen wurde / Gott dem menschen widerumb versüenen / die sünd reinigen vnd verzigen / der schlangen kopff zerknischten / den tod vnd die hell entkrefftigen / vnd allen glöubigen den himmel offnen vnd ewigs läben gebenn. Diß alles ist yetzund durch das lyden Christi vollbracht vnd vollkumenlich vollendet. Sölichs sol den krancken in all siner anfächtung trösten / vnnd by styffem glouben behalten. Dann müglicher ist es das himmel vnd erden zergange dann das ützid von dem wort Gottes falle.
Das sibend vnd letste wort was / Vatterbin din hend empfilch ich minen geist. Darumb ouch der kranck sin seel // an sinem end nit den Seligen oder Englen / sunder alein Gott durch Jesum Christum befälhen / vnd Gott als sinem vatter wol vertruwen sol / diewyl er sich sust durch all vnser läben vätterlich gehalten hat / vnd geleert bätten / Vatter vnser der du bist &.
all unser Leben lang, und er hat uns beten gelehrt: ‘Unser Vater, der du bist im Himmel’ usw.
17. Jetzt wird nun die Seele unseres Schutzherren Jesus in das Paradies geführt, das ist in die Freude und Seligkeit. Der Leib aber wird vom Kreuz abgenommen und begraben. – So geht es auch mit allen kranken und gläubigen Menschen. Deren Seelen werden unmittelbar nach dem Sterben vom Tod zum Leben genommen, und die Leiber werden begraben, zur Auferstehung. Denn das Weizenkörnlein bringt nicht Frucht, wenn es nicht in der Erde drin stirbt; erst dann beginnt es schön zu wachsen (Joh.12,24). So muss auch unser Leib in das Erdreich gelegt werden, um dann zu seiner Zeit verklärt zu werden. Darum nennt die Schrift den körperlichen Tod einen Schlaf, und das Sterben ein Schlafen (1.Thess.4,14). Denn ebenso wie der Leib eine Zeitlang im Schlaf liegt und dann wieder wach wird und aufsteht, so stirbt der Körper im Tod, und es fehlt ihm dann eine Zeitlang das Leben; bald aber wird es ihm wieder gegeben, am letzten Tag.
So viel vom Beispiel Christi. Wir lernen daraus, uns friedlich in unseren Tod zu schicken.
Diese Übersetzung ist etwas freier gehalten: z.B. ‘Jesus’ statt „der Herr’
Hie wirdt nun die seel des Herren Jesu in das Paradyß / das ist in die fröud vnd säligkeit gefüert / der lyb aber wirdt vom crütz herab genommen vnd begraben. Also gadt es ouch mit allen krancken / vnnd glöubigen menschen / dero seelen werdend grad vff das sterben vom tod zuo dem läben genommen: vnd die lychnam werdend begraben zur vrstende. Dann (Joan.12 ) das weissenkörnly bringt nit frucht / es erstärbe dann in der erden/ dannethin wachßt es erst schön herfür: allso muoßt ouch vnser lyb in das erdtrych gelegt werden / vff das er zuo siner zyt clarificiert werde. Darumb nennt ouch die gschrifft (1.Thess.4.) den tod der cörplen ein schlaaff / vnd das sterben schlaaffen. Dann glych wie der lychnam ein zyt schlafft / vnd bald widerumb vferstadt / also stirbt der lyb / dann er ein zyt des läbens manglet / bald aber wirt es jm wider gegeben am letsten tag. Vnd so vil von dem Exempel Christu vß dem wir erlernend vns säligklich zuo vnserem tod schicken.
(ohne Übersetzung:)
aus "Der Widertöufferen vrsprung..." 1561, 38b/39
Von dem kilchgang der glöubigen.
Mit dem kilchgang bezügend vnnd bekennend wir vnsern glouben / wir bewysend Gott damit sin eer / vnnd dienend jm mit denen dingen / die er bezüget hat jm gefellig syn. Dann in dem kilchgang wirt nit nun gehört die predig göttlichs wort /¦39¦ sonder da bättet man ouch an / da bekennt vnd bychtet man Gott die Sünd / da bekennt vnnd verjycht man offentlich den waren glouben / da rüefft man Gott an vmb alles anligen / bittet für yederman / vnd dancket Gott vmb sine guotthaten / da stürt man ouch den armen dürfftigen / da gebrucht man die heiligen Gottes Sacrament. Jn summa da üebt / pflantzt vnd nert man den waren glouben / vnnd stellend sich die glöubigen offentlich für mengklichen / vnd zügend mit dem kilchgang jren glouben.