JESAIA 49, 17:
Deine Erbauer eilen herbei - da ziehen aus von dir deine Zerstörer und Verwüster
ALTENBURG 1559
Dem in Frömmigkeit und Gelehrsamkeit gleicherweise hochberühmten Mann, Johann Sebastian Pfauser, dem Hofprediger Maximilians, des Durchlauchtigsten Königs der Böhmen, wünscht der Herausgeber Gnade und Frieden von Gott in Christus Jesus, unserem Herrn.
Dieses prächtige Büchlein Heinrich Bullingers, des sehr hervorragenden Theologen, das er den unter mohammedanischer und papistischer Tyrannei schmachtenden Brüdern aus unserem Volke schrieb, lag bei uns lange Zeit verborgen. Ich hielt es der Mühe wert, es endlich herauszugeben. Mögen aus ihm, inmitten so grosser Krisen und Wandlungen des Lebens, sowohl die frommen Pastoren der Kirchen, wie auch viele andere rechtschaffene Männer neuen Mut schöpfen und sich in der wahren und lauteren Lehre Christi festigen. Nachdem ich eine lange Zeit darüber nachgedacht habe, unter wessen Auspizien dieses kleine, aber umso heiligere Werk ans Licht kommen sollte, musste ich, Du hochberühmter Mann, vor allem an Dich denken, der du unter so vielen Angriffen der Satelliten des blutdürstigen Roms gleichwie auf den Wogen einer Meeresbrandung herum geworfen, eine Gemeinde für Christus, den einzigen König und Hohenpriester,
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nicht nur in Österreich - mit grösster Sorgfalt und Wachsamkeit - sammelst, sondern durch Deine beim katholischen Fürsten eingelegte Fürsprache das Banner desselben Christus auch im elendesten Ungarn hochhältst; indem Du den wahrhaftigen Dienern am Wort Gottes, die wegen der grausamen Tyrannei des römischen Klerus von Ängsten geplagt und hin- und her getrieben werden, neue Hoffnung und Mut ein flössest. Durch solche, göttlichem Antrieb entsprungenen Taten hast Du nicht nur die Künste aller verblendeten Machthaber (die in den Palästen der Könige nur ihre eigene Sache treiben) überwunden, sondern Du hast sie auch ihrer völlig Epikuräischen und Lukianischen Lustgier, der sie zum Schaden so vieler Seelen verfallen sind, seit jeher überwiesen. Mögest Du Dich, hochstehender Mann, auch in der Zukunft als einen solchen Vorkämpfer Christi, des höchsten Fürsten bewähren, auf dass die armen Schäflein des Heilands, die infolge der faulen Sorglosigkeit jener Leute - verlassen und vernachlässigt - in den Rachen des Erzfeindes des Namens Christi geraten sind, wieder zur Herde Christi gesammelt und daselbst im Amt der Gottesfurcht bewahrt werden, bis zu der Zeit, wo der Vater aller Barmherzigkeit, um seines eingeborenen Sohnes willen, seine Hände ausstreckt und die bösen Wölfe, die die Herde Christi nicht verschonen können, durch irgendeinen Helden von der Herde des Herrn verjagen wird.
Lebwohl ewiglich und nimm dieses kleine, Deinem Namen gewidmete, unscheinbare Werk wohlwollend an.
Ungarisch-Altenburg, am 13. November 1559 Eurer Hochehrwürden ergebenster Gál Huszár der Unwürdige, Diener der Altenburger Kirche
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IM JAHRE DES HERRN 1559
Der Buchdrucker wünscht den Dienern der Kirchen in Ungarn und Siebenbürgen Weisheit und Leben in Christus.
Die Knechte des alten Aberglaubens beklagen sich, bei den Anhängern des Evangeliums keine Wunder zu sehen. Mit solcher üblen Nachrede suchen sie die Wahrheit Christi zu entkräften. Wenn sie aber nicht völlig blind wären, so würden ihnen täglich neue Wunder in die Augen springen, wie jene göttliche und bewundernswerte Tatsache, dass Gott diese fast niedergeschlagenen und höchst gefährdeten Landschaften durch Seine besondere Fürsorge gegen so viele mächtige Feinde unter dem sanften Schatten unseres durchlauchtigsten Fürsten beschirmt und verteidigt. Gott wird zu dieser grossen Güte keineswegs von uns, die wir voll von unendlichen Sünden sind, bewogen, sondern durch manche frommen und hervorragenden Männer, deren Gebete für uns bei Gott mächtig sind. Zu ihnen gehört auch der Verfasser dieses Büchleins. Lasset auch uns deshalb die faule Trägheit abschütteln und den frommen Beispielen nachjagen. Möge uns die Mühe und Sorge, mit der diese frommen Männer uns umgeben, mit Dankbarkeit erfüllen. Und lasset uns darum beten, dass Gott unsere Wunden heile. Amen.
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Den treu ergebenen Pastoren und den zerstreuten heiligen Kirchen Gottes in Ungarn, den in Christus verehrten und geliebten Brüdern, wünscht Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, durch unseren Herrn Jesus Christus, ein Knecht desselben Jesus Christus Heinrich Bullinger, Diener der Zürcher Kirche in HeIvetien.
Ich danke Gott, unserem barmherzigsten Vater, durch unseren Herrn Jesus Christus, dass er euch aus der antichristlichen Finsternis zum wunderbaren Licht seines geliebten Sohnes berufen hat; und ich höre nicht auf seine Gnade anzuflehen, dass er, der angefangen hat, sein Reich unter euch aufzurichten, dasselbe auch fördern und bewahren möge bis auf den Tag, an dem Jesus Christus, unser Herr, in grosser Herrlichkeit kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten. Ich meine, dieser Tag sei schon deshalb nicht allzu weit entfernt, weil wir die Weissagungen der heiligen Propheten und Apostel Gottes über jene letzten Zeiten erfüllt sehen. Nämlich darin, dass jetzt auch die lautere Predigt des Evangeliums - nach so viel Gewalt und Verführung des Antichristes - sozusagen der ganzen Welt wieder bekannt geworden ist. Ich erfuhr aus den mir von dorther zugesandten Briefen Eurer besten Männer, dass das Evangelium des Herrn Christus auch Euch, die Ihr in Ungarn überall unter der Herrschaft des mächtigen Türken zerstreut seid, ja sogar in Thrazien[1] und selbst in der königlichen Stadt Konstantinopel
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verkündigt wird. So wollte ich Euch, die Ihr in den Wegen Gottes wandelt, auch selbst ermutigen, und mit Euch ein Gespräch über die Gewissheit unseres Glaubens und unserer Hoffnung führen, damit Ihr das Beschreiten der Wege Gottes, wie Ihr es angefangen, so auch - durch seine Gnade - bis ans Ende standhaft ausharrend, fortsetzen möget.
Die Gläubigen bezeugen, dass meine Werke, die ich zum Nutzen der Kirchen, von vielen guten Leuten dazu gedrängt, vor etlichen Jahren herausgab, Euch willkommen waren. Darum darf ich mit Recht hoffen, dass Ihr diese Schrift, die ich besonders an Euch richte, wahrlich schätzen werdet. Jesus der Herr, unser einziger König und Hohepriester erlaube uns, dass ich Euch das sage und Ihr das annehmet, was allein zu Seiner Ehre und zum Heil Eurer Seelen dient. Amen.
Ich weiss aber, dass unsere harten und zahlreichen Gegner - wie bei uns, so auch bei Euch - vor allem und völlig darauf aus sind, uns von unserem Wachtposten zu vertreiben, und unsere Lehre und unseren Glauben als Lüge zu verdächtigen. Deshalb möchten sie uns die Neuerung und die Spaltungen, die in der Religion entstanden, als die sichersten Beweise der Falschheit zum Vorwurf machen.
Übrigens wer würde nicht wissen, dass diejenigen die Neuerer sind, die nach der vom Herrn Christus und seinen Aposteln überlieferten Lehre der Wahrheit noch eine neue und ihr fremde Lehre erdichten, vorbringen und verteidigen? D.h. die sich mit derjenigen Lehre, die uns im "alten Organ" - will sagen: in den Büchern beider Testamente - überliefert
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ist, nicht begnügen, und darüber hinaus viele Dogmen und verschiedene Zeremonien, welche weder in jenen Büchern überliefert sind noch mit ihnen übereinstimmen, sondern ihnen gänzlich widersprechen, nach ihrer Willkür ersinnen und verordnen.
Wiederum, wer würde nicht wissen, dass diejenigen, die alles, was sie haben, auf die ältesten Schriften zurückführen, und die ebenfalls alles, was sie haben, mit denselben göttlichen Schriften zu beweisen wünschen, nicht Neuerer sind? Der Apostel Paulus sagt: "Ich ermahne euch, ihr Brüder, achtzuhaben auf die, welche die Entzweiungen und die Ärgernisse anrichten wider die Lehre, die ihr gelernt habt, und weichet ihnen aus!" (Röm. 16, 17.)
Seht, der Apostel verlangt Abtrennung von denen, welche die Entzweiungen und die Ärgernisse anrichten wider die Lehre, die ihr gelernt habt, - er sagt nicht: wider die Lehre, die ihr lernen werdet. Diejenigen Dogmen und Zeremonien aber, die uns jetzt die Papisten aufdrängen und um deretwillen wir uns von ihnen entfernt haben, sind später und sogar mehrere Jahrhunderte nach dem Tode der Apostel aufgekommen oder entstanden. Demzufolge haben wir das, was wir taten, nach apostolischer Weisung getan, so dass wir deshalb nicht getadelt, sondern gelobt werden sollten.[2]
Derselbe Apostel hat vorausgesagt, dass in den letzten Zeiten etliche Menschen vom Glauben abfallen werden, indem sie sich trügerischen Geistern und dämonischen Lehren zukehren, die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern sich lügnerische Lehrer verschaffen, um ihre Fabeln zu hören (1.Tim.3-4). Auch diesen gegenüber erteilt er keinen anderen Rat, als
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dass wir uns von ihnen entfernen und nichts, was der apostolischen Lehre oder der heiligen Schrift fremd ist, annehmen, "die uns weise machen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Jesus Christus". Und er fügt sogleich hinzu: "Jede von Gottes Geist eingegebene Schrift ist auch nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig ausgerüstet" (2. Tim. 3,15-17).
Die Heilige Schrift enthält[3] alles, was zur wahren Gottesfurcht gehört
Folglich ist es also ganz und gar falsch, was sie zur Begründung ihrer Dogmen und Riten sagen, dass nicht alles, was zum Heil und zur vollkommenen Unterweisung der Kirche gehört, in den heiligen Schriften dargelegt sei, und dass deshalb zum Ersatz der Mängel der Schrift irgendwelche Überlieferungen und kirchliche Satzungen oder Verordnungen nötig seien. Denn Paulus sagt ausdrücklich, dass "die heiligen Schriften weise machen zur Seligkeit durch den Glauben". Gleichfalls fügt er hinzu, dass die Schrift nütze ist zu allen notwendigen und nützlichen Dingen der Kirche - zur Lehre, zur Widerlegung, zum Beweis, zur Besserung und zur Weisung -, "damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig ausgerüstet". Sieh doch, was könntest du noch in diesen Dingen verlangen?[4]
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Und wiederum sagt er selber: "Dies schreibe ich dir in der Hoffnung, recht bald zu dir zu kommen; für den Fall aber, dass ich verziehe, sollst du wissen, wie man sich verhalten muss im Hause Gottes, das ja die Gemeinde des lebendigen Gottes ist, die Säule und Grundfeste der Wahrheit" (1. Tim. 3,14 f). Seht, der Apostel sagt, dass er es dem Timotheus schriftlich, in einem Brief gelehrt hat, wie man sich im Hause Gottes verhalten soll. Dies ist ja die Kirche Gottes, die Säule und Grundfeste der Wahrheit. Sie gründet sich auf die göttliche Wahrheit, aufgebaut auf Christus, den festen Felsen, um so auch selbst zum festen Felsen und zur Wahrheit zu werden, die auch die Pforten der Hölle nicht überwinden sollen (Matth..16,18; Eph. 2,20-22; 1. Pet. 2,4 f).
Was nun die Überlieferungen der Apostel betrifft, von denen erdichtet wird, dass sie mündlich und sozusagen von Hand zu Hand, aber nicht schriftlich der Nachkommenschaft übergeben wurden: so bestreiten wir es nicht, dass der Apostel irgendwo von Überlieferungen spricht.[5] Wir behaupten aber, dass Paulus dabei eben nicht an diejenigen Überlieferungen dachte, die von unseren Gegnern über den Gebrauch der Bilder in den Kirchen, über die Feier der Messe, das Gebet für die Verstorbenen, über die Anrufung der Heiligen und ähnliche Nichtigkeiten erdichten. Diese stehen nämlich im Gegensatz zu den Schriften der Apostel. Es ist aber klar, dass die vom' Geiste der Wahrheit unterwiesenen Apostel keine einander widersprechenden oder entgegengesetzten Dinge überliefert haben.
Lasst uns nicht vergessen, dass diese mündliche Überlieferung, welche vormals den Kirchen unter diesem Namen über
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geben wurde, schliesslich von den Aposteln selbst und von ihren Schülern schriftlich gefasst wurde. So dass wir nun in diesen Schriften auch die lebendigen Traditionen vor uns haben (soweit dies zu unserem Heil genügt).[6]
Denn der gesegnete Lukas bezeugt ausdrücklich am Anfang seines Evangeliums, er wolle die Dinge, die in der Kirche damals als die zuverlässigsten galten, schriftlich aufzeichnen, und zwar so, "wie sie diejenigen überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen gewesen sind" und das Erzählte sozusagen miterlebt haben (Luk. 1,1-4). Und nun es üblich ist, dem entgegenzuhalten, dass noch viel anderes geschah oder gesagt wurde, was schriftlich nicht aufgezeichnet worden ist, wie es der Apostel Johannes selbst bezeugt. Aber er fügt es zur Erklärung seiner eigenen Worte hinzu: "Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist, und damit ihr dadurch, dass ihr glaubt, in seinem Namen Leben habt" (Joh. 20,30f und 21,25). Demnach genügt das, was zur vollkommenen Ausgestaltung des Glaubens und zum Erlangen des ewigen Lebens dient. Was könnte man noch darüber hinaus verlangen?
Man sagt, es seien paulinische Überlieferungen, dass die Frau sich das Haupt in der Gemeinde verschleiern (1. Kor. 11,2-16), dass sie daselbst schweigen (1. Kor. 14,34) und heiligen Dienst nicht auf sich nehmen soll (1. Tim. 2,12), und dass die armen Gläubigen mit ihren Händen arbeiten sollen (2. Thess. 3,6-12). Er ist aber, obwohl er es zugesteht, dies seien Überlieferungen, dennoch bestrebt, dieselben mit den Schriften zu bestätigen und zu bekräftigen. Wir
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berufen uns also mit vollem Recht auf die Schriften, so oft uns die Gegner die Überlieferungen entgegenhalten.
Irenäus und Tertullian, diese alten kirchlichen Schriftsteller, wie auch einige andere Lehrer der Kirche betonen bisweilen die Bedeutung der Traditionen, aber hauptsächlich darin, dass die Schriften beider Testamente, die wir kanonisch nennen, göttlich überliefert sind, und dass dieselben fromm, nach der Regel des Glaubens ausgelegt werden sollen; mit einem Wort: dass das Apostolische Glaubensbekenntnis eine wahre Zusammenfassung des wahren Glaubens ist. All dies stimmt mit den Schriften überein, weshalb auch keiner von uns solche oder etwaige ähnliche Traditionen verwirft. Die Alten aber erwähnen irgendwo, dass die Überlieferungen, wenn sie nicht einstimmig von allen Kirchen angenommen wurden, für das Heil bedeutungslos sind, oder aber sie müssen rechtmässig miteinander im Einklang sein; darüber anderswo.
Man erhebt dagegen den Einwand, dass die meisten Geheimnisse des christlichen Glaubens in den Schriften nicht zum Ausdruck kommen, wie z.B. dass wir glauben, dass Gott im Wesen Einer, in den Personen dreifaltig ist; dass Christus mit dem Vater eines Wesens sei und in einer unteilbaren Person zwei Naturen habe, indem er auch eine vernünftige Seele besitzt; dass der Heilige Geist vom Vater und vom Sohne ausgehe. Dies alles hat mir schon auch Johannes Cochläus,[7] ein verderblicher Mann und erklärter Feind der
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heiligen Schriften, in seiner vor einigen Jahren veröffentlichten Schrift entgegengehalten. Übrigens habe ich, mit Gottes Hilfe, in meiner damals herausgegebenen Antwort bewiesen, dass dies alles, ja sogar all das, was zur Vollkommenheit des Glaubens und der Frömmigkeit gehört, in den göttlichen Schriften vollständig enthalten und der Kirche überliefert ist. Die Kirche kennt nur die Stimme des einzigen Hirten, die Stimme der Fremden kennt sie nicht (vgl. Joh. 10,4 f).
Wenn uns also irgendjemand die Autorität der Kirche, die Beschlüsse der Konzilien, die Gelehrtheit, die Heiligkeit und das hohe Alter der Väter entgegenhält, so erinnern wir daran, dass die Kirche die Braut Christi ist, dass die Braut ihrem Bräutigam die Treue hält und allein auf die Stimme ihres Bräutigams hört. Denn es ist doch klar, dass die Kirche alte ihre Autorität aus Gottes Wort hat, weil dieses die Kirchen Gottes (d. h. die Gemeinden) versammelt und erhält.[9]
Die Kirche Israels war dem Herrn wohlgefällig, solange sie am Wort Gottes festhielt. Als sie aber davon abwich, so wurde sie einmütig von allen Propheten eine Ehebrecherin
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und die Hure des Teufels genannt (Jes. 1,21; vgl. Jer. 2,19-26; Ez. 23; Hos. 1-2 usw.).
Es gab eine Kirche Gottes in Juda und Israel auch von den Zeiten Salomos bis zur Zeit des Königs Josia. Doch wie viele Abscheulichkeiten musste dieser abschaffen, von denen einige bereits seit den Zeiten Salomos anhielten und von ihm selbst stammten?
Es würde bei Josia, dem löblichsten König, keinen Platz geben für das, was heute vielen unwiderlegbar zu sein scheint: dass die Kirche nicht irre, vom Geiste Gottes regiert werde; dass dies oder das schon seit Jahrhunderten im Brauch stünde; dass es so viele fromme und gottesfürchtige Könige gab, wie Asa, Josaphat und Hiskia, von denen keiner die Höhen und andere Greuel aufhob; es hätte also auch Josia dieselben stehen lassen können. Aber er hat dies alles abgeschafft und verdiente dadurch von Gott das Lob, nach David über alle Könige erhoben zu werden (2. Kön. 22 - 23).
Warum wird uns also das Alter der Traditionen entgegengehalten? Weshalb beruft man sich auf hervorragende Männer, warum auf die Heiligkeit und Gelehrtheit der Vorfahren?[10] Dies alles hätte den König Josia zurückhalten können. Indem er aber zum Wort aufblickt und merkt, was dies gebietet, lässt er alle anderen Bräuche, Zeremonien, Personen und Zeugnisse fallen und gibt sich völlig dem Gehorsam und der Ausführung des Wortes Gottes hin. Und die Propheten Gottes wie auch die Apostel Christi sind wahrhaftig älter, heiliger und gelehrter, als alle Väter, Lehrer und Bischöfe aller Jahrhunderte.[11]
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So jemand meint, dass die Übereinstimmung so vieler Konzilien und Länder etwas im Wahrheitsbeweis irgendeiner gesetzlich eingeführten Religion zu sagen habe, so bedenket doch: welch grosse Übereinstimmung werden wir dann mit allen Patriarchen, Propheten und Aposteln in derjenigen Religion haben, die wir heute in der uns von den Schriften überlieferten Form angenommen haben? Wenn uns jemand die gewaltigen Gebiete der Länder von Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland und einen grossen Teil Polens und Ungarns[12] vorzählen will, dann berufen wir uns darauf, dass allein die durch den Eifer des Paulus gewonnenen Länder mehr unserer Religion zustimmende Gebiete bedeuten. Er hat nämlich von Jerusalem und ringsumher bis nach Illyrien alles durch das Evangelium von Christus vollständig erfüllt (Röm. 16,19).
Der heilige Augustin hat also in seiner Meinung, dass man allein den kanonischen Büchern Glauben schenken soll, fromm und gottesfürchtig geurteilt: "Ich lese andere Bücher - sagt er - in der Weise, dass ich sie, mögen sie sich durch noch so grosse Heiligkeit hervortun, nicht deshalb für wahr halte, weil sie selber dies oder das sagen, sondern weil ich entweder' durch jene kanonischen Bücher, oder durch einen annehmbaren Grund dessen überführt werde, dass sie von der Wahrheit nicht abweichen."
Derselbe sagt im 2. Buch seiner Streitschrift wider den arianischen Bischof Maximin: "Wir sollen uns aber jetzt keineswegs auf Konzile berufen, weder ich mich auf das
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Nizänische, noch du dich auf das Arminianische, als wäre damit etwas im Voraus entschieden. Wir sollen uns nicht durch ihre Autorität binden lassen, weder ich mich durch die Autorität des einen, noch du dich durch diejenige des anderen. Es sollen vielmehr die entscheidenden Stimmen der heiligen Schriften nicht als eigene Zeugnisse des einen oder des anderen von uns, sondern als die uns beiden gemeinsamen Zeugnisse, d.h. Sache mit Sache, Grund mit Grund, Argument mit Argument miteinander wetteifern." Es appellierte also selbst Augustin von den Vätern und Konzilien an die Schriften.
Bleibet also, ihr liebste Brüder im Herrn, fest in dem, was euch von den Schriften überliefert ist. Prüfet denn alles nach der Regel der Schriften (1. Thess. 5,21) und weiset zurück alles, was den heiligen Schriften fremd ist, möge es sich unter welchem Schein und Vorwand auch immer anbieten.
Ferner lehrt diese höchst wahrhaftige Heilige Schrift, dass Gott, der Schöpfer von allen, das höchste Gut und der einzige und ewige Quell aller Güter ist, der sich im Sohne einzigartig offenbarte und uns in Ihm alles, was zum Leben und zum Heil gehört, geschenkt hat. So dass wer durch den wahren Glauben Gottes einigen Sohn hat, zum Leben und zum Heil alles auf die vollkommenste Weise besitzt, und sonst nichts, also auch keinerlei Ergänzungen und Zusätze braucht.[13]
Einige falsche Brüder aus der Partei der Pharisäer behaupteten noch zu Lebzeiten der Apostel, dass der eine Christus
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zum Heil nicht genügt, es sei denn, dass auch die Beschneidung und die Beobachtung des Gesetzes, d.h. unser Werk und Verdienst hinzukommen. Übrigens wurde diese Meinung durch den an der allgemeinen und apostolischen Synode verhandelten Beschluss verworfen, der auch in den im 15. Kapitel der Apostelgeschichte enthaltenen Brief Aufnahme fand.
Christus ist also das Licht der Welt, der die Schlüssel Davids und alle Gewalt im Himmel und auf Erden hat, der uns die Geheimnisse des Gottesreiches und der Schriften klar erschliesst, der vom himmlischen Vater zum Lehrer und Meister der Kirche gegeben, setzt uns Propheten und sendet Apostel. Die Apostel aber bezeugen ausdrücklich, dass sie nichts lehren, was nicht schon vorher im Gesetz und in den Propheten überliefert wäre. Denn der Herr sagt selber: "Ihr durchforscht die Schriften ... und diese sind es, die von mir zeugen" (Joh. 5,39). Und Paulus schreibt, er sei berufen" zur Verkündigung des Evangeliums Gottes, das er vorher verheissen hat durch seine Propheten in den heiligen Schriften" (Röm. 1,1 f).[14]
Unser himmlischer Lehrer und Meister Christus empfiehlt uns wiederum die Schriften, damit wir aus ihnen unser Heil lernen mögen (Luk. 16,29-31). Was würde es uns wohl nützen, nach dem Sohn Gottes selbst und nach den Propheten und Aposteln noch andere Lehrer zu sammeln? Das bedeutet aber keineswegs, dass wir die Lehrer der Kirche, die die heiligen
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Schriften heilig auslegen oder die Irrlehren und die Irrlehrer widerlegen und das Ihrige aus den Schriften regelrecht beweisen, verwerfen möchten. Wir trachten vielmehr danach, alles, was sie vertreten, an den Schriften zu prüfen, und wir erlauben es nicht, dass ihnen die Schrift und selbst die Lehre des Sohnes Gottes unterworfen werden.
Dieselbe Schrift und die Lehre unseres Herrn, Jesus Christus, des höchsten Lehrers und grössten Hohepriesters gibt uns einen vollkommenen Unterricht über die wahrhaftige Rechtfertigung eines Christenmenschen, welche den ersten Platz unter den Glaubenssätzen einnimmt, indem sie uns belehrt, warum wir von den Sünden freigesprochen und von den wohlverdienten Höllenstrafen befreit, zu Kindern Gottes und zu Erben aller Gaben Gottes und des ewigen Lebens gemacht werden: nämlich nicht um unser selbst und nicht um unserer Tugenden willen, sondern um Christi, des wahren Gottes und des wahren Menschen willen, der für uns gekreuzigt und von den Toten auferweckt wurde.
Sie zeigt uns aber folgende Ordnung unseres Heils: Vor allem lehrt sie unseren Blick zu Gott, dem Vater aller Barmherzigkeit zu erheben, der die Menschen aus freier Gnade erwählt hat und durch seine Gnade rechtfertigt. "Somit kommt es nun nicht auf den an, der will, noch auf den, der läuft, sondern auf Gott, der sich erbarmt. Damit die nach freier Auswahl zuvor getroffene Entscheidung Gottes bestehen bleibe, nicht abhängig von unseren Werken, sondern nur von dem aus Barmherzigkeit Berufenden" (Röm. 9,16 und 11).
Zweitens tritt uns Christus, der Herr selbst, entgegen, um dessentwillen uns der himmlische Vater Barmherzigkeit erweist und in dem er uns mit Liebe annimmt. Denn Paulus sagt, Gott habe "uns ja in ihm erwählt vor Grundlegung der Welt, indem er uns zur Annahme an Sohnesstatt bei sich selbst durch Jesus Christus vorherbestimmt hat nach dem
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freien Entschluss seines Willens, zum Lobe der Herrlichkeit seiner Gnade, mit der er uns begnadigt hat im Geliebten" (Eph. 1,4 - 6). Denn in ihm beschloss der Vater "die ganze Fülle wohnen zu lassen, und durch ihn alles mit sich selbst versöhnen, indem er durch sein Kreuzesblut Frieden stiftete - durch ihn zu versöhnen, sei es, was auf Erden, sei es, was in den Himmeln ist" (Kol. 1,19 f).[15]
Jesaja, Gottes heiligster Prophet hat dies alles vorausgesehen, als er sagte: "Wir alle irrten umher wie Schafe, wir gingen jeder seinen eigenen Weg; ihn aber liess der Herr treffen unser aller Schuld. Wahrlich, unsre Krankheiten hat er getragen und unsre Schmerzen auf sich geladen; wir aber wähnten, er sei gestraft, von Gott geschlagen und geplagt. Und er war doch durchbohrt um unserer Sünden, zerschlagen um unserer Verschuldungen willen; die Strafe lag auf ihm zu unserem Heil, und durch seine Wunden sind wir genesen (Jes. 63,4-6).
Aus dieser Quelle der Wahrheit schöpft der Apostel Paulus das, was er uns in seinen Briefen an die Römer und Galater so einzigartig einprägt: alle Menschen seien unter die Sünde zusammengeschlossen, und dass dies durch den Rechtsspruch des Gesetzes offenbar werde (vgl. Röm. 11,32; Gal. 3,23; Röm. 3,20). Deshalb sei das Heil weder in unseren Kräften, noch im Gesetz zu suchen. Denn das Heil und die Vollkommenheit der Menschen, ihre Versöhnung, Gerechtigkeit, Genugtuung, Leben und Heiligung ist Christus allein, der um unserer Übertretungen willen gestorben und um unserer Gerechtsprechung willen auferweckt wurde (Röm. 4,25).
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Ausser Christus gibt es kein Heil und kein Leben. Daher lesen wir, der Apostel Petrus habe gesagt: "Es ist in keinem andern das Heil; denn es ist auch kein andrer Name unter dem Himmel für die Menschen gegeben, durch den wir gerettet werden sollten" (Apg. 4,12).
Aber was hilft uns - könnte man fragen - ein solches Leben und Heil, das einzig und allein in Christus eingeschlossen, ausser uns liegt, aber nicht in uns selber und nicht unser Eigentum ist? Oder lebt jemand etwa durch ein fremdes und nicht durch sein eigenes Leben? Es folgt nun also an dritter Stelle in der Heilsordnung der Glaube an Christus. Der Glaube ist nämlich dasjenige Organ, durch das wir an Christus teilhaben oder Christus ergreifen, damit seine Gerechtigkeit und sein Leben das Unsrige und in uns sei, ja so gar uns nicht als fremdes, sondern als unser eigenes angerechnet werde.
Denn die Rechtfertigung, die da die Freisprechung von den Sünden und die Aufnahme unter die Kinder Gottes ist, wird in den Schriften (um es klar und bündig, ja sogar auf schulmässige Art zu sagen) im aktiven und im passiven Sinne verstanden. Aktiv bedeutet sie Gottes Urteil oder Rechtsspruch, durch den er die Gläubigen von ihren Sünden freispricht und die also Gereinigten in Gnaden, d.h. an Sohnesstatt und als seine Erben annimmt. Sie bedeutet aber im passiven Sinne nichts anderes, als den Freispruch der Gläubigen von den Sünden und ihre Annahme als Kinder Gottes. In der ersten Bedeutung ist sie das Werk von Gott selber, ja von Gott allein. In der zweiten Bedeutung aber ist sie das Empfangen des Handelns oder der Wohltat Gottes.
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Der Mensch braucht also ein Organ oder Instrument, um die Rechtfertigung zu empfangen; Wir sagen und bezeugen: das ist der Glaube.[16]
So jemand meinen sollte, es sei den Schriften fremd, dass wir Christus, die Gerechtigkeit Christi, die Vergebung der Sünden und alles Gute durch den Glauben empfangen, der höre Paulus, der sagt: "Ich bin dir, Paulus - sagt der Herr - dazu erschienen, um dich zum Diener zu bestimmen ... und unter die Völker zu senden ... ,damit sie von der Gewalt Satans befreit werden, auf dass sie durch den Glauben an mich Vergebung der Sünden und ein Erbteil unter den Geheiligten empfangen" (Apg. 26,16-18). Und wiederum sagt er: Durch Christus wird jeder, der glaubt, gerechtgesprochen (Apg. 13,39). Anderswo schreibt derselbe, dass Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohnt (Eph. 3,17). Es wird aber auch vom heiligen Petrus gesagt: Für Christus "legen alle Propheten Zeugnis ab, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen Vergebung der Sünden empfangen werde" (Apg. 13,43). Die Apostel lehrten also, dass uns Christus und seine Gaben eben durch den Glauben mitgeteilt würden.
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Übrigens rechnen wir diese Rechtfertigung oder die Annahme der Rechtfertigung in der Weise dem Glauben zu, dass wir sie den Werken absprechen. Denn durch die Schriften belehrt bezeugen wir, dass der Mensch durch den Glauben allein, nicht durch Werke gerecht wird. Es wird uns Gerechtigkeit und Leben verheissen, und zwar in Christus allein. Wir aber ergreifen die Verheissung durch den Glauben, nicht durch Werke.[18]
Als das in die Leiber der Israeliten durch die Schlangen eingeflösste tödliche Gift unschädlich gemacht wurde und das fast erloschene Leben neu erstand, so geschah dies nicht durch irgendwelche Werke wie z. B. Gebete, Almosen, Züchtigungen des Fleisches oder Opfer, sondern allein dadurch, dass sie auf die eherne Schlange aufblickten. So jemand aber alle seine Habe zur Speisung der Armen austeilte und zur ehernen Schlange nicht emporblickte, wäre ihm keine Genesung widerfahren. Doch hätte er reiche Almosen verteilt und die innigsten Gebete vor Gottes Angesicht gebracht und zugleich auch auf die Schlange aufgeblickt, so wäre ihm die Gesundheit für dieses Aufblicken und nicht für seine Gebete und Almosen zurückgegeben worden. Aber Christus der Herr sagt im Evangelium
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nach Johannes: "Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe" (Jon. 3,14 u. 16). Daher nehmen wir allein durch den Glauben am Leben teil. Denn vom Gift der alten Schlange nieder gestreckt, können wir vom Tode nicht befreit werden, es sei denn durch den Aufblick zu Christus, dem Gekreuzigten.[19]
Das Anschauen oder der Aufblick ist aber - auch nach der eigenen Auslegung Christi - eben der Glaube, den der Herr selbst so oft im Evangelium von jenen fordert, die er heilt. Er sagte Jairus, so lesen wir: Fürchte dich nicht, glaube nur, so wird deine Tochter gerettet (Luk. 8,60).
Dazu gehört auch, was Paulus so eifrig einprägt und beweist, dass unsere Gerechtigkeit eine uns zugerechnete ist. Denn er schärft es dadurch nachdrücklich ein, dass er dieses Wort im 4. Kapitel des Römerbriefes mehr als zehnmal wiederholt. Gott rechnet uns nämlich aus Gnaden unsere Sünden nicht zu. Wiederum rechnet er uns - um des Glaubens willen - die Gerechtigkeit Christi als unsere Gerechtigkeit an. Weiterhin gibt es für unser Verdienst oder Werk keine Anrechnung, wie es ebenfalls Paulus sagt: "Dem aber, der Werke verrichtet, wird der Lohn nicht als Gnade, sondern als Schuldigkeit angerechnet; dem dagegen, der keine Werke verrichtet, sondern an den glaubt, der den Gottlosen gerecht spricht, dem wird sein Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet" (Röm. 4,4 f).
Wiederum sagt derselbe: "Gott versöhnte in Christus die Welt mit sich selbst, indem er ihnen ihre Übertretungen nicht anrechnete. Er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit
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Gottes würden" (2. Kor. 5,19 u. 21). Und nochmals:
"Vermöge der Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht durch euch - Gottes Gabe ist es -, nicht aus Werken, damit nicht jemand sich rühme. Denn sein Gebilde sind wir, erschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, zu denen uns Gott zum voraus bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollten" (Eph. 2,8-10).
Doch es kann auch davon keine Rede sein, dass unsere Widersacher - dies alles listig umgehend - behaupten, man solle diese Stellen auf die Werke des Gesetzes, nicht aber auf die des Glaubens beziehen. Denn wie die Epheser nicht unter dem Gesetz standen, da sie doch aus dem Heidentum kamen, so lesen wir über Abraham - noch etwa 430 Jahre vor der Gesetzgebung - nicht, dass er aus Werken gerechtfertigt ward, obwohl er gläubig war und Vater der Gläubigen genannt wird. (Vgl. Gal. 3,17 ff und Röm. 4,9 ff).
Da dies sonnenklar, ja klarer als das Licht selbst ist, können unsere Widersacher durch ihre Spitzfindigkeit nichts erreichen, wenn sie mit grosser Stimme verkündigen, dass wir nicht allein durch den Glauben, sondern durch unsere Werke und Verdienste gerechtfertigt und durch unsere Genugtuungen gereinigt werden. Sie werden nichts erreichen, indem sie einige biblische Stellen anführen, die die Rechtfertigung scheinbar den Werken zuschreiben.
Und wir streiten wahrhaftig nicht um irgendwelche Kleinigkeiten, wenn wir in dieser Sache um kein Haar breit von unserer These abweichen. Wir kämpfen für Christus, unseren Heiland, dass man ihn uns nicht entreisst und jene Ehre, die allein dem Schöpfer gebührt, nicht auf die Geschöpfe überträgt. Denn sollten wir uns selbst retten und uns durch unsere Werke rechtfertigen können, so sind wir unsere eigenen Erlöser. Wo bleibt dann Christus? Denn nicht die Starken
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bedürfen des Arztes, sondern die Kranken (vgl. Mat. 9,12 u. Par.). In dieser Weise wird Gottes Gnade mit Füssen getreten. Paulus sagt nämlich: "Ich verwerfe die Gnade Gottes nicht; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, dann ist ja Christus umsonst gestorben" (Gal. 2,21). Und wiederum: "Ihr seid losgelöst von Christus, die ihr auf Grund des Gesetzes gerecht gesprochen werden wollt, ihr seid aus der Gnade gefallen" (Gal. 5,4). Denn er sagt anderswo:
"Christus Jesus ist uns von Gott zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung gemacht worden, damit es geschehe wie es geschrieben steht: Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn" (1. Kor. 1,30 f; Jer. 9,23 f). "Von mir aber sei es ferne, mich zu rühmen, als nur des Kreuzes unsres Herrn Jesus Christus, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt" (Gal. 6,14).
Ferner gibt es hier überhaupt keine Gefahr, dass die guten Werke etwa ihren Wert verlieren und in der Kirche keinen Platz mehr haben sollten. Man kann es nämlich auf zweierlei Art und Weise sagen, dass der Glaube allein rechtfertigt:
Entweder so, dass es unser Verdienst und unsere Werke ausschliesst, damit die Rechtfertigung nicht auch ihnen, sondern der lauteren Gnade Gottes durch Jesus Christus zu gerechnet werde. Und in diesem Sinne ist es ein durch und durch wahrer, recht gläubiger und katholischer Glaubenssatz, dass wir allein durch den Glauben gerechtfertigt werden. Oder aber will man mit dieser These den Glauben vereinsamt, aller guter Werke bar behaupten.[20] In diesem Sinne aber ist dieser Satz eine ganz und gar falsche Behauptung oder Thesenauslegung. Wenn wir
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nämlich Christus durch den Glauben Einlass gewähren und ihn annehmen, so bleibt er in uns nicht untätig. Der heilige Apostel Jakobus bestreitet es ja im gleichen Sinne, dass wir aus Glauben ohne Werke gerecht gesprochen werden (Jak.2, 24).
Indem wir also die Rechtfertigung dem Glauben zuschreiben und den Werken absprechen, so behaupten wir nicht, dass der wahre Glaube der Liebe oder der guten Werke bar sei, sondern wir sagen, dass die guten Werke, die aus dem Glauben kommen, wahrhaftig nicht die eigentliche Ursache unseres Heils sein können.[21] Denn Christus ist unsere Gerechtigkeit. (Gleichnis.) Allein die Hitze der Sonne erwärmt die Erde und alle Dinge auf ihr; dennoch ist die Hitze in der Sonne nicht allein, denn sie ist stets mit dem Licht oder Glanz verbunden. Mögen zwar Wärme und Licht so untrennbar sein, schafft die eine nicht das Gleiche wie das andere. Denn wenn es auch keine Wärme ohne Licht gibt, wärmt doch nicht dieses, sondern nur die Wärme. Also wenn es auch keinen Glauben ohne Liebe oder ohne gute Werke gibt, rechtfertigen nicht diese, sondern allein der Glaube.[22]
Denn der Glaube ist eigentlich eine durch den Heiligen Geist entfachte Zustimmung unseres Gewissens oder unserer Seele, durch die wir Christus samt seinen Gaben fest umarmen und ihn als unseren Erlöser annehmen, so wie er uns durch die Predigt des Evangeliums angeboten wird. Es ist also eigentlich der Glaube, der Christus ergreift und annimmt, wie
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auch die Sonne eigentlich durch die Wärme wärmt. Aus der Sonne ist das Licht; aus dem Glauben kommen Hoffnung und Liebe.[23]
Durch Hoffnung erwarten wir die Verheissungen im geduldigen Harren, nach dem Worte des Apostels: "Auf Hoffnung hin sind wir gerettet worden. Eine Hoffnung aber, die man sieht, ist keine Hoffnung; denn was einer sieht, weshalb hofft er es noch? Wenn wir dagegen hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf mit Geduld" (Röm. 8,24 f). Demnach wird die Hoffnung vom Glauben unterschieden. Weil wir hören, dass die Hoffnung eigentlich eine Gabe des göttlichen Geistes ist, durch die wir gestärkt mit gewisser und ruhiger Zuversicht die Erfüllung jenes Heils und jener Gottessohnschaft erwarten, die wir im Glauben an Christus ergriffen haben. Durch die Liebe aber ruhen wir in Gott und gewinnen ihn in aller Ehrerbietung.
Denn die Liebe ist eigentlich eine Gabe Gottes, durch die wir seine Liebe zu uns geniessen und ihn, der uns zuerst geliebt hat, lieben und uns zugleich ganz dem Dienst unserer Brüder widmen, um zu zeigen, dass wir Christus angenommen haben. Also wird auch die Liebe von dem Glauben und von der Hoffnung unterschieden. Und weil die Liebe hervorbricht und ausströmt, übertrifft sie darin den Glauben, dass der Glaube empfängt, die Liebe aber schenkt oder verteilt. Deshalb wird sie vom Apostel grösser genannt (1. Kor. 13,13).
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Denn sie dehnt sich durch die Werke der Barmherzigkeit am weitesten aus. Beachte noch, dass sie dieselbe bleibt, auch in der zukünftigen Welt, in der selbst der Glaube aufhört, weil er von der unmittelbaren Erfahrung der Wirklichkeit abgelöst wird. Immerhin geht die Liebe, ihrer Natur nach, dem Glauben nicht voran; sie rechtfertigt nicht.
Wir müssen nämlich zuerst durch den Glauben eingepflanzt werden, um dann die guten Früchte der Liebe hervorzubringen. Denn Paulus sagt, dass der Glaube sich durch die Liebe wirksam erweist (Gal. 5,6). Und der heilige Johannes schreibt: "Jeder, der liebt, ist aus Gott gezeugt und kennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt" (1. Joh. 5,7f).
Der Liebe geht also die Geburt der Kinder Gottes voran, von der derselbe Apostel sagt, dass sie durch den Glauben geschieht: "Denen gab er Anrecht darauf, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben" (Joh. 1,12).
Die Erkenntnis Gottes geht der Liebe voran. Aber wir erkennen ihn durch den Glauben. Und bitte doch, wer sah jemals einen faulen Baum gute Früchte bringen? (Mat. 12,33.) Er muss zuerst wirklich zu einem guten Baum werden, bevor er gute Früchte bringen kann. Jedenfalls kann also niemand Gerechtigkeit tun, er sei denn gerecht. Die Schrift sagt: Der Gerechte tut Gerechtigkeit, wie es auch von Paulus bezeugt wird.[24] (Vgl. 1. Joh. 3,7 und Röm. 2,13.) Die Gerechtigkeit ist also die Frucht der Gerechten. Wodurch werden wir aber gerecht, es sei denn aus Gottes Gnade, wenn wir sie durch den Glauben annehmen? Paulus wiederholt also nicht umsonst so oft des Propheten Wort: "Der Gerechte wird aus seinem Glauben leben" (Röm. 1,17; Gal. 3,11; Hebr. 10,38; vgl. Hab. 2,4).25[25]
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Ich weiss, Brüder, wie ängstlich die Widersacher Christi und der Kirche in dieser Sache der Rechtfertigung schwitzen, wenn sie behaupten, dass die Rechtfertigung nicht bloss Vergebung der Sünden und die Annahme an Sohnesstatt bedeutet, sondern auch die Erneuerung, auf dass sie zugleich auch die Heiligung und deren Früchte in sich enthalten möge. Denn sie trennen den Freispruch von den Sünden von der Annahme an Kindesstatt: sie schreiben diese teils dem Glauben, teils den Werken zu. Übrigens, wenn wir die Beweisführungen des heiligen Paulus gründlich untersuchen, dann werden wir sehen, dass er die Rechtfertigung auf eine solche Weise dem Glauben zuschreibt, dass er den Werken, welcher Art sie auch sein mögen, gar nichts überlassen will.[26] Er schreibt nämlich an die Römer: "Die Gerechtigkeit Gottes ist geoffenbart durch den Glauben an Jesus Christus, für alle und über alle, die glauben. Denn es ist kein Unterschied; alle haben ja gesündigt und ermangeln der Ehre vor Gott und werden gerechtgesprochen ohne Verdienst durch seine Gnade mittelst der Erlösung, die in Christus Jesus ist. Ihn hat Gott hin gestellt als ein Sühnopfer durch den Glauben" (Röm. 3,21-26).
In demselben Brief stellt er Rechtfertigung und Verdammung einander gegenüber. Die Rechtfertigung ist also Freispruch von der Verdammung. Wodurch werden wir aber freigesprochen? Durch Christus, den wir gewisslich durch den Glauben ergreifen. Denn er sagt: "Gott ist es ja, der gerechtspricht. Wer ist es, der verdammen will? Christus Jesus ist es ja, der gestorben, ja noch mehr, der auferweckt worden ist" (Röm. 8,33 f). Dann stellt er die Gerechtigkeit des Gesetzes, d.h. der Werke, und die Gerechtigkeit des Glaubens aus Gnaden einander gegenüber: "Jene sagt: wer sie (nämlich die Werke des Gesetzes) getan hat, wird durch sie leben. Die
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Gerechtigkeit aber, die aus Glauben kommt, sagt so: Wenn du mit deinem Munde Jesus den Herrn bekennst und mit deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, wirst du gerettet werden" (Röm. 10,5.6.9; vgl. Gäl. 3,12). Diese also stützt sich nicht auf Werke, sondern auf den Tod und die Auferstehung Christi.
Denn auch anderswo sagt der gleiche Apostel: "So sei euch nun kund, ihr Brüder, dass euch durch Christus Vergebung der Sünden verkündigt wird; und von allem, wovon ihr durch das Gesetz des Mose nicht gerecht gesprochen werden konntet, wird durch diesen jeder, der glaubt, gerechtgesprochen" (Apg. 13,38 f). Sehet also, der Apostel gebraucht Vergebung der Sünden und Rechtfertigung in demselben Sinne, und diese schreibt er nicht den Werken, sondern dem Glauben zu. Auch David sagt dasselbe an einer anderen Stelle: "Selig ist der Mann, dem Gott Gerechtigkeit ohne Werke zuspricht. Selig sind die, deren Übertretungen vergeben sind" (Ps.32,1f; Röm. 4,7f). Wenn aber Paulus richtig folgert, dass die Rechtfertigung ohne Verdienst aus Gnaden kommt, so folgt daraus, dass sie in der Vergebung der Sünden besteht. Denn er nennt den einen Gerechten, dem Gott die Sünden nicht anrechnet. Rechtfertigung ist also Vergebung der Sünden, d.h. Gnade, wodurch Gott, um Christi willen, die Sünden nicht anrechnet.[27] Denn wiederum sagt der Apostel (was wir bereits vorher zitierten): "Gott versöhnte in Christus die Welt mit sich selbst, indem er ihnen ihre Übertretungen nicht anrechnete. Er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit Gottes würden" (2. Kor. 5,19 u. 21).
Demnach bedeutet die Rechtfertigung, dass wir um des Opfers Christi willen, um dessentwillen wir nicht mehr unter der Anklage stehen, gerecht erklärt werden. Es ist aber ganz und gar falsch, wenn man entgegnet, dies gelte nur für
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den Anfang der Rechtfertigung, die dann durch die nachfolgenden Werke vollendet wird. Als ob denn die Gnade Gottes erst durch unser Zutun vollkommen sein würde, oder als wenn das, was die Gnade Gottes durch Christus nicht vollbringen konnte, durch unsere Werke vollendet werden könnte.
Paulus erörtert an den angeführten Stellen nicht, auf welche Weise die Gläubigen anfangen gerecht zu werden, sondern wie die Gerechtfertigten im Laufe ihres ganzen Lebens die Gerechtigkeit behalten, ja, was die ganze Beschaffenheit der Rechtfertigung ist. Der Schächer am Kreuz wurde durch die im Glauben ergriffene Gnade Christi völlig gerechtfertigt, und es ist keineswegs so, dass seine begonnene Rechtfertigung erst durch die nachfolgenden Werke vollendet worden wird.
Wenn also der heilige Jakobus sagte, dass der Glaube Abrahams aus den Werken vollendet wurde (Jak. 2,22), so meinte er nicht, dass der Glaube Abrahams, bevor er seinen Sohn als Opfer darbrachte, nicht wirksam gewesen wäre. Denn die Schrift beweist, dass der Glaube ihm schon vorher als Gerechtigkeit angerechnet war (1. Mos. 15,6). (Abrahams Beispiel.) Jakobus meint vielmehr, dass der Glaube, der im Herzen Abrahams von Anfang an wahr und wirksam war, sich nun auch in jenem so glänzenden Beispiel des Gehorsams als vollkommen erwies. Wäre er also, noch bevor er seinen Sohn als Opfer anbot, aus dieser Welt geschieden, so wäre seine Rechtfertigung zum Leben nicht minder vollständig' gewesen.[28]
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Der heilige Paulus und der heilige Jakobus gebrauchen also das Wort Rechtfertigung nicht im gleichen Sinne. Nicht als ob sie einander in dieser Sache widersprächen, da sie doch einander die Hand reichten, und im Konzil, das gerade über diese Frage abgehalten wurde, stimmten sie miteinander, wie Apostelgeschichte15 berichtet, schönstens überein. So versteht Paulus unter Rechtfertigung aus Gnaden, dass uns die Gerechtigkeit um Christi willen durch den Glauben, aus Gnaden angerechnet wird. Jakobus aber versteht unter Rechtfertigung die Kundgebung der Gerechtigkeit, die durch Werke geschieht, wodurch es gezeigt und kundgetan wird, dass der Glaube im Gerechtfertigten wahrhaftig und echt ist.
Die dem Glauben entspringenden guten Werke der Gläubigen nehmen aber nicht nur ihren Anfang aus Gottes Gnade, sondern wir verdanken auch ihre Mitte und ihr Ende ganz und gar der Gnade Gottes. Denn der Herr sagte im Evangelium: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Schosse. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der trägt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun" (Joh. 16,5). Und der Apostel .sagt: "Euch wurde verliehen, nicht nur an Christus zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden" (Phil. 1,29). Und wiederum: "Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als das Vollbringen wirkt um seines Wohlgefallens willen" (Phil. 2.13).[29] Nochmals: "Nicht dass wir von uns selbst aus tüchtig
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wären, etwas zu denken als aus uns selbst heraus, sondern unsre Tüchtigkeit stammt von Gott" (2. Kor. 3,5).
Demnach sagt Augustin (in seinem Buch an Valentin über die Gnade und den freien Willen, Kap. 6 und 7) mit vollem Recht: Der Lohn des guten Werkes, den Gott bezahlt, ist nichtsdestoweniger Gottes Gnadengabe. Denn er krönt in uns sein gutes Werk, das immerhin, da wir Gottes Söhne und Erben sind, aus Gnaden auch als das unsrige, ja als unser eigenes Werk angesehen und beurteilt wird.[30]
Demnach leugnen wir es nicht, dass Gott den guten Werken der Gläubigen einen Lohn oder eine Belohnung gewährt; wir aber wollen, dass die Wohltat Christi überall und in allem anerkannt werde, und die Palme überall und in allem der Gnade Gottes vorbehalten bleibe.
Wenn wir aber von den guten Werken sprechen, so sprechen wir nicht von irgendwelchen selbstgewählten Werken, die die Leute sich aus guter Absicht, ausserhalb des Glaubens und der Liebe, und sogar ohne das Wort Gottes erdichten, sondern nur von denen, die dem Gebot des Gotteswortes gemäss, aus dem wahren Glauben, durch unverfälschte Liebe geschehen. Wir haben in jedem Fall das zu tun, was Gott gebietet. Also dürfen wir das von Gott Gebotene nicht versäumen und unsere eigenen Absichten beachten.[31] Denn Gott hat,
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indem er das ihm Gefällige offenbar werden liess, auch gezeigt, was wir tun sollen. Wogegen die selbstgewählten, d. h. nach unserem eigenen Gutdünken vollbrachten Werke, mögen sie in den Augen der Menschen noch so glänzend erscheinen, den Herrn tief beleidigen.
König Saul war im Begriff, zur Ehre Gottes die besten[32] Opfertiere und die von den Amalekiten erbeuteten, reichsten Opfer darzubringen, dennoch hört er vom Herrn durch Samuel "Hat der Herr Wohlgefallen an Brandopfern und Schlachtopfern gleichwie am Gehorsam gegen den Herrn? Siehe, Gehorsam ist besser als Opfer, Aufmerken besser als Fett von Widdern. Denn Ungehorsam ist gerade so Sünde wie Wahrsagerei, und Widerspenstigkeit ist gerade so Frevel wie Abgötterei" (1. Sam. 15,22f). Der Herr sagt auch bei Jesaja:
"Wer einen Ochsen schlachtet, ist wie einer, der einen Mann' erschlägt; wer Kleinvieh opfert, wie einer, der einem Hund das Hirn einschlägt; wer ein Speisopfer bringt, wie einer, der Schweineblut opfert; wer auf Weihrauch bedacht ist, wie einer, der einen Götzen verehrt." Die Begründung von all dem heisst: "Dies alles erwählen sie auf ihren Wegen, und ihre Seele erlustigt sich an ihren Greueln" (Jes. 66,3).[33]
Wir sollen also unsere selbstgewählten Werke fahren lassen und danach trachten, unseren Glauben zu erweisen, und Gott durch die Heiligkeit der Seele und des Leibes und durch die Liebe zu dienen. Denn der Herr verlangt von uns ein solches Opfer, dass wir uns vor dieser Welt unbefleckt bewahren
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und uns selbst Gott als ein lebendiges Opfer hingeben (Röm. 12,1 f). Ferner, dass wir durch die Werke der Liebe unseren Nächsten oder einander beistehen. Paulus sagt: "Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung" (Röm. 13,10). Und der heilige Jakobus: "Ein reiner und unbefleckter Dienst vor Gott, dem Vater, ist dieser, Waisen und Witwen in ihrer Trübsal zu besuchen und sich selbst von der Welt unbefleckt zu erhalten" (Jak. 1,27).
Was hilft es aber, diese guten und nützlichen, von Gott geforderten Werke fahren zu lassen und solche Werke zu wählen und ihnen nachzujagen, die von den Opferpriestern des Papstes und von den Mönchen empfohlen, denen zwar Gewinn bringen, doch den Nächsten schädigen, vor Gott aber unnütz, ja sogar Sünden sind? Trachten wir vielmehr danach, uns vor Gott durch Werke, die der Busse gemäss sind, durch Flucht vor Sünde und Laster, und durch eifriges Streben nach Tugenden zu bewähren.
Weiterhin lehrt uns die aus der wahrhaftigsten Schrift Gottes geschöpfte Lehre, dass unsere, durch Christi Tod und Sühnopfer erworbene Erlösung - auf der ja auch die ganze Rechtfertigung beruht - in allen Stücken[35] die vollkommenste ist. Denn Jesus Christus unser Herr, einmal am Kreuze als Opfer zur Versöhnung der ganzen Welt dahingegeben, hat die Gläubigen von Schuld und Strafe so. vollkommen befreit und gereinigt, dass der Kreatur gar nichts mehr zu reinigen blieb. Der Apostel sagt nämlich: "Durch eine einzige Opfergabe hat er die, welche geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt" (Hebr. 10,14).
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Daraus schliessen wir aber, dass die Lehre unserer Widersacher vom die Sünden reinigenden Weihwasser, von den die Strafe und die Schuld tilgenden Ablässen, wie auch vom Messopfer zur Vergebung der Sünden von Lebendigen und Toten, und schliesslich vom Fegefeuer, das die Seelen der Verstorbenen reinigen soll, und ähnliche Lehren lauter Narrheiten sind. Mehr noch: solche Lehren verdunkeln das Verdienst des vollkommensten Leidens Christi und sie verwirren die Seelen der einfältigen Leute so, dass sie ihr ganzes Vertrauen nicht fest auf das einzige Leiden Christi richten, sondern sich auf weiss was für Werke und Erfindungen stützen, und sich greuliche Götzen machen.
Wenn wir Gläubigen durch den Tod Christi von den Sünden völlig freigesprochen werden, so dass uns nichts mehr von Schuld oder Strafe anhaftet, wie es vom Herrn Christus bezeugt und gesagt wird: "Geh hin in Frieden; dein Glaube hat dich gerettet; sei von deiner Qual gesund!" (Luk. 7,50; Mat. 9,22; Mark 5,34), dann frage ich: was bleibt für die Ablässe zum Abwaschen oder zum Verzeihen noch übrig?[36]
Wenn das Blut Christi von den Sünden völlig reinmacht, da es durch den Heiligen Geist im Glauben auf die Herzen gesprengt wird, wieso hätte die Kirche irgendein Weihwasser noch nötig, es sei denn, dass man die mosaischen heiligen Waschungen mutwillig wieder einführen möchte?
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Wenn Christus, der Hohepriester nach der Weise Melchisedeks, sich selbst einmal als Opfer darbrachte und nunmehr von niemandem geopfert werden kann; wenn er am Kreuz einmal' als Opfer dargebracht, nie mehr geopfert wird, weil er durch sein Opfer die Sünden Aller auf das vollkommenste tilgt (Heb. 7,27 ff): was bezwecken dann unsere Widersacher mit ihren Messopfern, von denen sie nachdrücklich behaupten, dass sie den Sohn Gottes täglich Gott, dem Vater, für Lebendige und Tote als Opfer darbringen? Was tun sie anderes, als dass sie sich dem grössten Mysterium unseres Glaubens diametral widersetzen ?[37]
Wenn wir aber vom barmherzigen Gott empfangen, was wir seinem Wort gemäss glauben, wie er es im Evangelium immer wieder sagte: "dir geschehe, wie du geglaubt hast" (vgl. Mal. 8,13; 9:29; 15,28 usw.); und wenn wir dem Wort Gottes gemäss die Vergebung der Sünden, die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben glauben: wo bleibt dann noch ein Plätzchen für das Fegefeuer übrig? Die Unreinen sollen ja gereinigt werden. Die da glauben, sind aber nicht unrein, weil sie die Vergebung der Sünden glauben. Es bleibt an ihnen also nichts zu reinigen. Sie glauben das ewige Leben unmittelbar nach dem leiblichen Tode zu erlangen; was sie also glauben, das erlangen sie nach dem Wort und der Verheissung dessen, der im Evangelium sagt: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben, und in ein Gericht kommt er nicht, sondern er ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen" (Joh. 5,24).[38]
Ihr sehet, geliebte Brüder, es ist ganz klar, dass uns in Christus von Gott, dem Vater, alles zum Leben und zum Heil in ganzer Fülle gegeben ist, so dass den Heiligen[39] gar nichts mangelt. Wir aber wollen jenes grosse Geheimnis Christi nicht mit papistischen Erfindungen und Nichtigkeiten verdunkeln und verderben, sondern wir blicken geradeaus zur Barmherzigkeit Gottes durch den Glauben Jesu Christi auf und erfreuen uns jauchzend jener unaussprechlichen Gnade. Also geben wir auch für die Offenbarung dieses so heilsamen Evangeliums mit Rechten ewigen Dank dem allergütigsten Gott: Ihm sei Lob und Dank von nun an bis in Ewigkeit.
Diesen Jesus Christus, unseren Herrn, hat uns der himmlische Vater gegeben, damit er der einzige Mittler und Fürsprecher aller Gläubigen sei. So wunderbar entgegenkommend hat er für Heil und Sicherheit aller Gläubigen in der Kirche gesorgt. Der Herr Christus schafft durch seinen Beistand, dass wir niemals von seiner vollkommenen Erlösung abfallen, und dass wir, sollten wir jemals infolge unserer Schwachheit fallen, durch ihn alsbald in die göttliche Gnade zurückversetzt werden.
Einer ist aber der Mittler und Fürsprecher: Christus der Herr. Denn er allein ist Gott und Mensch, indem er in einer Person zwei Naturen besitzt. Da er nun in der Tat Gott und Mensch ist, so kann er sich mitten zwischen die beiden, nämlich Gott und die Menschen, stellen. Und er wirkt ja billig mit Gott zusammen, ist er doch selbst aus seiner Natur und seinem Wesen. Und er waltet ebenso billig in den Sachen der Menschen, da er uns durch die menschliche Natur verbunden
ist. Der Mittler soll doch beiden Seiten gemeinsam, ja sogar gleich sein. Desgleichen muss der Mittler zwischen Gott und dem Menschen die Wünsche aller Menschen kennen und alles, was zum Heil dient, erfüllen können, und er muss schliesslich gewillt sein, für die Anliegen der Menschen zu sorgen. Denn es ist vergeblich, einen anzurufen, der es entweder nicht hört, was die Bittsteller vortragen, oder sich ihrer Sache nicht annehmen will, oder unfähig zur Erfüllung ihrer Bitte ist. Daher ist es unerlässlich, dass der Mittler zugleich und auf einmal, ja sogar in einem einzigen Augenblick überall gegenwärtig sei; dass er die Herzen aller Menschen kenne, ihr Heil wolle und dessen auch walten könne. Aber welcher Kreatur würden wir diese vollkommene Gewalt und diesen vollkommenen Willen zuschreiben?
Deswegen weisen die Propheten und Apostel alle Menschen einmütig zum lebendigen, wahren, allmächtigen und ewigen Gott. Und sie lehren, dass wir ihn durch die Vermittlung Jesu Christi anrufen sollen. Der heilige Apostel und Evangelist Johannes sagt unter vielen: "Wenn jemand sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater, Jesus Christus, den Gerechten. Und er ist das Sühnopfer für unsre Sünden, aber nicht nur für die unsern, sondern auch für die der ganzen Welt" (1. Joh. 2,1f). Denn auch der Herr selbst schickt im Evangelium die Niedergeschlagenen und Hilfsbedürftigen nicht zu Abraham, Isaak und Jakob, sondern er ruft sie mit lauter Stimme zu sich: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch Ruhe geben" (Mat. 11,28).[40]
Ebenfalls: "Was ihr in meinem Namen erbitten werdet, das werde ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht wird. Wenn ihr in meinem Namen etwas erbitten werdet, werde ich es tun" (Joh. 14,13f). "Wahrlich, wahrlich, ich sage
euch: wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet, so wird er es euch um meines Namens willen geben" (Joh. 16,23). "Bittet, so werdet ihr empfangen" (Joh. 16,24). "Bittet, so wird euch gegeben werden; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan werden. Denn jeder, der bittet, empfängt; und wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird aufgetan werden" (Mat. 7,7f). Ihr seht es klar: das Gebot; dass Gott durch Christus angerufen werden soll, hat seine Verheissung.
Dagegen hat die Anrufung der Heiligen, oder die Anrufung Gottes selbst durch die Heiligen, weder Gebot noch irgendeine Verheissung, ja, wir finden sogar weder im Alten noch im Neuen Testament irgendein Beispiel dafür.
Und ich frage dich: was sollte es nützen, die Heiligen oder Gott durch die Heiligen anzurufen? Oder meinst du vielleicht, dass Christus, der dir vom Vater zum Beistand und Fürsprecher gegeben ist, nicht mächtig, gütig, wohlwollend und gnädig genug sei? Denn entweder glaubst du ihm nicht, wenn du dich nicht an ihn wendest, oder aber glaubst du den Heiligen mehr und erhoffst dir von ihnen Besseres? Eines steht fest: in beiden Fällen würdest du dich schwer versündigen.
Also brechen im wahren Christus glauben der Schutz oder die Vermittlung und die Anrufung der Heiligen zusammen. Der Gläubige wünscht sich nämlich nach Christus keinen anderen Fürsprecher, denn er weiss, dass er in Ihm alles in höchster Fülle findet, und weil er glaubt, dass Christus vom Vater zum "Advokaten" der ganzen Welt bestellt ist, und dass diese Ehre, die Er mit niemandem teilt und die von keinen himmlischen Heiligen erschlichen werden kann, Ihm allein gebührt.[41]
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Ferner fällt im wahren Christusglauben alle abergläubische Heiligenverehrung dahin. Da sie nämlich keine Götter sind und von den Gläubigen nicht angerufen werden, werden sie sicher nicht anbetungsweise verehrt. "Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten - spricht der Herr - und ihm allein dienen" (Mat. 4,10). Die anbetende Verehrung ist nämlich einerseits eine innerliche, andererseits eine äussere, und sie besteht hauptsächlich aus Glauben, Hoffnung und Liebe, wie auch aus den von Gott den Kirchen gebotenen Zeremonien. Diese aber gebühren alle keineswegs den Heiligen, sondern Gott allein.
Die Heiligen - d.h. die Gläubigen - erweisen aber den himmlischen Heiligen, d.h. den seligen Patriarchen, Propheten, Aposteln, Märtyrern und den im Himmel lebenden Seelen eine ehrenvolle Achtung oder Wertschätzung. Dennoch werden diese, infolge dieser Wertschätzung, von den Gläubigen nicht wie Gott an gebetet, angerufen und verehrt, denn sie wissen, dass solches allein Gott gebührt. Aber sie denken und reden mit rechtem Lob von ihnen als Gottes auserwählten Gefässen, die Gott auf Erden die Treue gehalten, jetzt aber glückselig mit Ihm im Himmel herrschen. Also, sie loben sie um ihrer Tugenden willen, preisen ihren Glauben und ihre Vorzüge;[42] sie danken Gott, der die Seligen mit solchen Tugenden zierte, und bitten Ihn, Er möchte es ihnen aus seiner göttlichen Freigebigkeit schenken, dass auch sie in die Fussstapfen der Heiligen treten und ihnen auch in die ewige Herrlichkeit nachfolgen mögen.[43]
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Wahrlich gebot der Herr, dass wir ihnen für ihre Tugenden eine solche Wertschätzung erweisen, als er im Evangelium über die ihn beim Gastmahl salbende Frau sagte: "Wahrlich, ich sage euch: Wo immer in der ganzen Welt dieses Evangelium gepredigt wird, da wird auch das, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis erzählt werden" (Mat. 26,13). Die Kirche verschweigt also niemals, sondern sie verkündigt zu allen Zeiten die Tugenden der Seligen.
Es ist zwar so, dass Gott durch die Heiligen auf Erden und namentlich an den Gräbern der im Himmel lebenden Seligen erstaunliche Dinge und Wunder vollbringt, dennoch führen die Heiligen selbst alles auf Gott, den Urheber aller Wohltaten zurück und sie lehren, dass man Ihn allein anbeten, anrufen und verehren soll. Wir sehen die herrlichsten Beispiele dessen in Apostelgeschichte, Kap. 3 und 14, und in Offenbarung des Johannes, Kap. 22 (Apg. 3,12f; 14,8-15; Offb. 22,8f).
Also besteht in der Kirche Gottes die rechtgläubige Lehre fest und unversehrt, dass Gott allein anzurufen, anzubeten und zu verehren ist.
Christus hat auch nie gelehrt, dass die vom Volk des neuen Bundes zu erweisende Verehrung aus vergänglichen Dingen, aus Gold, Silber, Perlen, Purpur und anderen Kostbarkeiten bestünde, es sei denn, dass man diese für die Armen verwendet. Darum haben in den christlichen Kirchen Prunk,
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Hoffart und Habgier nichts zu suchen. Die Zeit des gleichnisartigen mosaischen Glanzes ist längst vorbei. Nunmehr beten die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit an (Joh. 4,23).
Die wahre Zierde der Kirchen des Christenvolkes besteht in der Reinheit, Aufrichtigkeit und Redlichkeit der Gläubigen. Bilder aber zieren unsere Kirchen dermassen nicht, dass sie sie vielmehr entheiligen. Denn im christlichen Gottesdienst dürfen Bilder überhaupt nicht gebraucht werden. Gott hat nämlich die Götzen in beiden Testamenten klar und nachdrücklich verboten (2. Mos. 20, 4-6; Jes. 40,18ff; Röm. 1,21-25; 1. Kor. 10,7 u. 14; 2. Kor. 6,16; 1. Joh. 5,21).
Erasmus von Rotterdam sagt im 6. Kapitel seines katechetischen Büchleins: "Bis zur Zeit von Hieronymus gab es Männer der wahren Religion, die in den Kirchen gar keine, weder gemalte, noch geschnitzte, noch gewobene Bilder, ja - ich nehme an: wegen der Anthropomorphiten[45] - nicht einmal ein Christusbild duldeten. Der Bildergebrauch hat sich aber langsamer Hand in die Kirchen eingeschlichen." Dies wurde uns in klaren Worten schriftlich von jenem Mann hinterlassen, der sich sonst in den umstrittenen Glaubensfragen geflissentlich davor hütete, sich der einen oder der anderen Seile allzu sehr zu nähern, um diese nicht zu beleidigen.[46]
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Gewisslich hat der Herr seiner Kirche nicht viele Zeremonien aufgebürdet, sondern er hat sie nur mit einigen anderen nötigen Dingen ausgerüstet. Denn wir lesen von der apostolischen Kirche: "Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den gemeinsamen Gebeten" (Apg. 2,42).[47]
An erster Stelle steht aber in der Kirche die Lehre, und zwar nicht jede beliebige, sondern eben jene der Apostel. Denn die Lehre, das Hören und der Dienst des Evangeliums geht den höchsten Verpflichtungen des Lebens, ja sogar denjenigen der Liebe voran. Das aufmerksame Hören der Maria wird nämlich der Pflichterfüllung der Martha vorgezogen (Luk. 10,41f). Und der Apostel Petrus meint, es sei unangemessen, dass er mit den anderen Aposteln den Dienst am Wort vernachlässige und bei den Tischen der Armen Dienst tue (Apg. 6,2-4).
Das Gebet enthält Anrufung, Lobpreis und Danksagung. Durch Anrufung bitten wir den Herrn, dass er entweder das Gute gebe oder dem Bösen wehre. Durch die Lobpreisungen verherrlichen wir die Ehre Gottes. Durch die Danksagungen sprechen wir unseren Dank für die empfangenen Wohltaten aus.[48]
Christus hat uns das vollständigste Gebet, d.h. die vollkommenste und alles umfassende Gebetsformel im 6. Kapitel
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des Matthäusevangeliums hinterlassen, um es gar nicht zu erwähnen, dass uns Gott im Buch der Psalmen mit allerlei Arten des Gebetes zur Hilfe eilt. Was hat es also für einen Zweck, diese wirklich vollkommensten und göttlichsten Gebete wegzulassen und ungewisse menschliche Dinge sei es selbst zu erdichten, sei es von Anderen zu übernehmen und einzuführen?
Der Herr hat wahrlich nirgends singen gelehrt oder die Gesetze des Gesanges vorgeschrieben. Auch seine Apostel haben den Gesang nach so genannten kanonischen Horen nicht angeordnet. Es war in der Kirche immer freigestellt, entweder massvoll und andächtig zu singen, oder sich des Singens zu enthalten. Doch der handelsmässige Verkauf von Gebeten ist der grösste Frevel vor Gott, da der Herr sagt: "Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, dass ihr die Häuser der Witwen aufzehrt und dabei zum Schein lange Gebete sprecht. Deshalb werdet ihr ein strengeres Gericht empfangen" (Mal. 23,14).
Ferner ist die Gemeinschaft[50] diejenige Wohltätigkeit, von der der Apostel sagt: "Der Wohltätigkeit aber und der Pflege der Gemeinschaft vergesset nicht; denn an solchen Opfern hat Gott ein Wohlgefallen" (Heb. 13,16). Wenn nämlich der Menschensohn kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten, wird er in jenem letzten Rechtsspruch die Werke der Barmherzigkeit preisen und die Barmherzigen zur Herrlichkeit einladen. Die Unbarmherzigen aber und die der Wohltätigkeit Abholden wird er ins ewige Feuer schicken (Mat. 25,31-46).
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Die Gläubigen werden also - in Abscheu vor dem Götzendienst - stets nach solchen Werken trachten. Denn es ist ein grosser Frevel, die lebendigen Tempel Gottes und die Glieder Christi zu verachten und zu verderben, obwohl du sie retten könntest, und statt dessen Götzen zu zieren, ihnen Paläste zu errichten, Speise, Trank und Geld Holzklötzen zu opfern, damit diese Gaben alsdann von den Opferpriestern zum Würfelspiel, an Dirnen, zu Jagden, ja sogar zu Kriegen verschwendet werden.
In der Apostel geschichte (2,42) wird nur "das Brechen des Brotes" genannt; es ist aber darunter die fromme Verwaltung und die gottesfürchtige Teilnahme am Genuss der Sakramente zu verstehen. Es sind der von Gott gestifteten Sakramente nicht viele, doch diese sind vollkommen und der Kirche Gottes genügend. Nämlich: die Taufe und das Abendmahl des Herrn.
Durch die Taufe wird der Zugang in die Kirche eröffnet und in uns jener Bund versiegelt, durch den der Herr sich mit uns und uns mit sich verband, und durch den er uns während unseres ganzen Lebens an unsere Pflicht ermahnt. Da wir nun einmal so an Gott gekettet und durch die wahre Religion allein an Ihn gefesselt sind, schliessen wir danach keinen anderen religiösen Bund und leisten anderen keinerlei Gelübde. (Gelübde.) Diejenigen Gelübde aber, die wir Gott gaben, erfüllen wir. Denn das Mysterium der Taufe währt unser ganzes Leben lang,[51] so dass wir es gar nicht nötig haben, uns anderen Formen oder neuen Göttern zu verschreiben, es sei denn, dass wir unsere erste Treue mutwillig brechen wollen.
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Das Abendmahl des Herrn ist ein strahlendes Zeugnis unserer Erlösung, die uns durch den dahin gegebenen Leib und das vergossene Blut unseres Herrn Jesus Christus erworben wurde. Mit einem Wort: es ist die Versiegelung jener vereinigenden Gemeinschaft (communio), die wir mit Christus haben und er mit uns hat. Denn er nährt uns mit seinem Leib und tränkt uns mit seinem Blut zum Leben. Wir aber empfangen diese durch den Geist und durch den Glauben zum Leben.[52] Und wir danken dem Retter für diese grosse Wohltat, indem wir seine Güte preisen und uns durch die Teilnahme am Sakrament mit allen Brüdern in Christus verbünden.
Der Herr hat die äussere Ordnung beider Sakramente, der Taufe und des Herrenmahls, mit keinem kostspieligen Aufwand erschwert. Denn wie er selbst mit dem Wasser des Jordans von Johannes dem Täufer, dem Heiligsten unter den Menschen, getauft wurde, also hat er keine weitere Zeremonie gebraucht, um uns zu zeigen, dass wir vollkommen getauft sind, wenn wir nach dem Beispiel Christi getauft werden (Joh. 1,26ff; 3,22ff; Mat. 3,6 u. 13-17). Gleichwie der Herr selbst als erster das heilige Abendmahl mit Brot und Wein gefeiert und uns keinen Prunk, keinen Pomp, keine mühsamen Zeremonien befohlen hat, um so darzulegen, dass er das Einfache liebe, und dass er am treuen und mit inneren Tugenden geschmückten Herzen sein Wohlgefallen habe. In der Tat wollte auch Philippus, als er den Hofbeamten der Königin von Äthiopien nach dem Beispiel des Heilandes mit
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Wasser taufte, keine weiteren Zeremonien hinzufügen (Apg. 8,36- 39).[53]
Paulus aber sagt: "Ich habe vom Herrn her empfangen, was ich euch auch überliefert habe" (1.Kor. 11,23). Er wollte den Kirchen nichts anderes, sondern nur das, was er vom Herrn empfing, überliefern. Sehet doch, welch geringe Dinge das sind! Wer aber würde behaupten, dass Gottes ewige Weisheit und der Hohepriester der Kirche, der alles gut gemacht und auf das vollkommenste geordnet hat, in diesem hochheiIigen Abendmahl nachlässiger gewesen sei oder etwas versäumt habe, was scheinbar zu seiner Vollkommenheit gehört? Demnach sündigen die, die das Abendmahl des Herrn einfach und ohne Prunk so feiern, wie es Christus, das Licht der Welt, selbst geboten hat, mitnichten, denn sie folgen ja der ältesten und allerbesten Form.
Was geht es uns an, möchte ich fragen, was die Menschen so viele Jahre später dazugetan haben, die sich schliesslich aus dem mystischen Abendmahl die ihnen gewinnbringende und prunkvolle Messe fabriziert haben? Wohl bekomme es jenen, denen die Kleie besser mundet als das Brot! Wir kümmern uns weniger darum, was den Menschen gefällt, als vielmehr darum, was der Herr der Herren, der allen vorangeht, uns zu tun und zu halten gebietet. Er gebot uns, das mystische Brot zu brechen, auszuteilen und zu essen, nicht aufzubewahren, nicht auszustellen und anzubeten; nicht in Prozessionen herumzutragen, und aus dem mystischen Mahle kein eitles Spektakel zu machen. Er hat uns ja vorausgesagt: Es werden in den letzten Zeiten falsche Propheten auftreten, die da sagen: "Siehe, hier ist der Christus, oder dort!" Aber, fügt er hinzu: "Glaubet es nicht!" "Sie werden grosse Zeichen
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und Wunder vollbringen, sodass sie, wenn möglich, auch die Auserwählten irreführen. Siehe, ich habe es euch vorhergesagt. Wenn man nun zu euch sagt: Siehe, er ist in der Wüste, so gehet nicht hinaus; siehe, er ist in den Gemächern, so glaubet es nicht!" Begründung: "Denn wie der Blitz vom Osten aus fährt und bis zum Westen leuchtet, so wird die Wiederkunft des Sohnes des Menschen sein" (Mat.24,23 -27).
Und wenn auch in der Kirche die Busse fleissig verkündet wird; wenn auch die Diener der Kirche nach deren rechtmässiger Ordnung durch Handauflegung zu ihrem Dienste abgeordnet werden; wenn auch in der Kirche gelehrt wird, dass die Ehe ehrenvoll und das Ehebett unbefleckt sei; und wenn auch der Katechismus in der Kirche mit den Kindern eifrig ein geübt wird und die Kranken von den Dienern der Kirche besucht, im Glauben gestärkt und der Fürsorge und den Fürbitten der Gläubigen anempfohlen werden: sind dies dennoch keine Sakramente, sondern sozusagen Gottes heilige Ordnungen, die von den Gläubigen nicht zu verachten oder zu vernachlässigen, sondern fromm zu bewahren sind. Denn diese sind uns durch die Schriften der Apostel überliefert und gehören zur rechtmässigen Ordnung der Kirche.[54]
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Aus all dem geht es, ehrwürdige und geliebte Brüder im Herrn, klar hervor, dass Gott der Vater dem menschlichen Geschlecht wohlgeneigt ist, und den Sohn darum in die Welt gesandt und in ihm der ganzen Welt alles zum Leben und zum Heil gegeben hat. Die sich ganz und gar Ihm weihen, sind wirkliche Christen. Jene Samariterin sagte: Wir wissen, wenn der Messias kommt, wird er uns alles kundmachen (Joh. 4,25). Er ist gekommen und so hat er uns nichts verheimlicht. Auch Paulus sagt: In Christus "liegen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen. Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig. Und ihr seid mit ihr erfüllt in ihm" (Kol. 2,3.9 f).
Lasset uns, Brüder, darum aus allen Kräften trachten, Christum, so er uns durch die evangelische und apostolische Lehre in den heiligen Schriften gepredigt wird, mit unserem Glauben fest[55] zu umarmen und ihn so für immer in unseren Seelen zu behalten. Denn auf diese Weise werden wir alles, was zum Leben und zum Heil dient, in Ihm besitzen, ausser dem es kein Heil und kein Leben gibt. Denn der Heilige Johannes hat treffend gesagt: "Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht" (1. Joh. 5,12).
Dies aber ist der wahre, rechte und unverfälschte christliche Glaube, den uns die heiligen Schriften und das Apostolische Bekenntnis überliefern.[56] Viele Leute plappern zwar dieses Bekenntnis mit lauter Stimme nach, ohne es in ihrem Herzen und Verstand, wie es sich geziemt, zu erwägen und zu halten. Denn sie bekennen zwar mit ihren Lippen zu glauben, dennoch
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verwerfen sie ihr Bekenntnis sogleich mit ihm widersprechenden Worten und Taten. Glauben wir aber wirklich an den einen Gott, Vater, Sohn und Heiligen Geist, so sollen wir Ihm allein als unserem Leben und Heil anhangen. Denn der Glaube verbindet uns eng mit dem Gegenstand, auf den er ausgerichtet ist, um allein an ihm festzuhalten, nichts neben ihn treten zu lassen und einzig in ihm Ruhe zu finden.
Mögen aber unsere Widersacher noch so schreien, dass wir Irrlehrer seien und unter den Nationen und Völkern Irrlehren verbreiten, werden sie doch von der Wirklichkeit selbst der unverschämtesten Lüge überführt. Wir verdammen aus ganzem Herzen alle Irrlehren und Irrlehrer wie Valentin und Basilides, Novatus und Praxeas, Ebion und Artemon, Arius und Macedonius, Manichaeus, Donatus und Pelagius, Nestorius und Eutyches - alle samt ihren Anhängern. Kurz und gut: alle Irrlehrer, die von den älteren Hirten der Kirche auf Grund der Heiligen Schrift, sei es auf Konzilien, sei es ausser Konzilien, verdammt wurden.[57]
Also soll niemand den Anklagen und Lügen unserer Widersacher Glauben schenken. Denn wir sehnen uns danach, dass Jesus Christus allein, der Sohn Gottes, eines Wesens mit dem Vater, nach dem alle Christen benannt werden, in den Herzen aller eingeprägt sei, auf dass er in der durch sein Blut geheiligten Kirche allein herrsche, und dass er von allen gepriesen werde als das Haupt, der König, der Hohepriester, der Mittler, die Gerechtigkeit und das einzige Heil.
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Mögen doch auch unsere Widersacher bedenken, in welchen Geist sie uns den Papst aufdrängen, den sie rühmen als den Statthalter Christi auf Erden, als das Haupt der Kirche, den obersten Hirten und grössten Hohenpriester, den König der Könige, dem die Gewalt im Himmel und auf Erden, ja sogar unter der Erde gegeben, und dem in allem zu gehorchen zum Heil unerlässlich sei.
Wir verdammen ihn aber mit Recht als den Antichrist (der vor dem grossen Gerichtstag in die Welt kommen musste), weil in ihm alles zu finden ist und sich offenbar auch erfüllt hat, was sich nach den heiligen Weissagungen Gottes im Antichrist zu erfüllen hatte.[58]
Wie wir aber im Glauben Christi bis ans Ende verharren sollen, ebenso ist es notwendig, dass wir den Herrn Jesus und sein heilsames Evangelium offen, mit Wort und Tat bekennen. Darum müssen die Lehren und die Gottesdienste aller, die nicht mit Christus sammeln, sondern zerstreuen, von uns gemieden und verdammt werden.
Gewiss dürfen die Christen unter Papisten leben, sie dürfen unter Türken und Juden wohnen. Denn die Christen lebten in der Zeit der Apostel im durch allerlei Götzendienst vollkommen entheiligten römischen Reich. Die Israeliten lebten in der babylonischen Gefangenschaft unter den Königen der
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Assyrer und Babylonier. Ja, nach der Lehre des Jeremia suchten sie den Frieden der Babylonier und sie taten sogar für ihre Feinde Fürbitte (Jer.29,7). Auch ihr sollt also für die Papisten, ja auch für die Türken beten. Ja noch mehr: nachdem Gott euch in die Macht der Türken gegeben, so werdet ihr danach trachten, für euch - Gutes tuend und mit Tugenden, nicht durch Hinterlist und böse Machenschaften oder Aufruhr - Ruhe zu schaffen. Er hat nämlich das Land den Türken überlassen. Und ich fürchte, er gibt ihnen noch grössere Gewalt. Nicht als ob ihre von Mohammed überlieferte Religion wahr und lauter wäre, sondern weil unsere Sünden die Rute verdienen. Denn wir sind entartete Christen und nichts weniger als was wir genannt werden. Es wird also vom Himmel den Türken euch gegenüber erlaubt, was einst dem Volk Gottes gegenüber den Assyrern, Babyloniern, Medern und Persern gestattet war.
Wenn man übrigens auch unter solchen leben darf, so darf man sich jedoch keineswegs an ihrem Glauben oder an ihrer Religion, an ihren Zeremonien und Gottesdiensten beteiligen. Denn die Gebote des Herrn, die uns die Apostel überall einprägen, sind klar: Hütet euch vor diesem Geschlecht (Apg.2,40) und: "Ziehet aus ihrer Mitte aus und sondert euch ab" (2.Kor.6,17). Es ist bekannt, was der Apostel in 2.Kor.6 und 1.Kor.10 geschrieben hat.[59] Das Wort des Herrn ist uns ganz klar: "Wer immer nun sich zu mir bekennt vor den Menschen, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem Vater in den Himmeln. Wer mich aber verleugnet vor den
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Menschen, den werde auch ich verleugnen vor meinem Vater in den Himmeln" (Mat. 10,32f). Aber von dieser Sache hat unser geliebter und ehrwürdiger Bruder, Johannes Calvin, der Pastor der Genfer Kirche, ausführlich und wahr geschrieben.[60]
Wenn ihr um dieses aufrichtigen Bekenntnisses und um dieser reinen, wahren und wirklich echt christlichen Religion willen Verfolgung, Schmach, den Raub eurer Güter und was alles den Feinden gefällt, ja sogar den Tod selbst erleiden müsset, so denket daran, dass Christus, unser Heiland, uns dies alles im heiligen Evangelium vorhergesagt und uns die grössten Verheissungen gegeben hat. Ich weiss, wie viel Böses und welch grosse Nachteile ihr jetzt um des Bekenntnisses Christi willen erduldet; und wie gross in euch die Gnade Gottes und wie standhaft euer Glaube ist. Der Herr vermehre in euch seine Gaben, damit ihr an allem Guten reiche Fülle habet und bis ans Ende standhaft bleibet! "Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden" (Mat. 10,22 und 24,13).[62]
Und beim Propheten spricht der Herr: "Wenn der Gerechte sich von seiner Gerechtigkeit abwendet und Unrecht tut, so muss er sterben, wegen des Unrechts, das er getan hat. So wird
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all der gerechten Taten, die er getan hat, nicht mehr gedacht" (Ez. 18,26 und 24). Gewiss ist es nicht schwer, um Christi und um seiner Wahrheit willen zu leiden, nicht aber wegen ruchloser Freveltaten (vgl. 1. Pet. 2,20; 3,17; 4,1~f). Denn Christus hat ja zuvor mit der unermesslichen Schar der Propheten, Apostel und Märtyrer allerlei Gewalttätigkeiten erlitten.
Es winkt aber jenen ein grosser Lohn, die das Böse geduldig ertragen. Denn der Apostel sagt: "Zuverlässig ist das Wort; denn wenn wir mit gestorben sind, werden wir auch mitleben; wenn wir ausharren, werden wir auch mitherrschen; wenn wir verleugnen, wird auch er uns verleugnen" (2.Tim. 2,11f). Derselbe sagt nämlich anderswo: "Ausdauer habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tun und so die Verheissung erlangen mögt" (Heb. 10,36). Denn der Herr selbst spricht im Evangelium: "Wenn jemand mir dient, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach; und wo ich bin, da wird auch mein Diener sein" (Mat. 16,24; Joh. 12,26).
Es ist also die höchste Seligkeit, mit Christus und allen heiligen Märtyrern im Kreuz verbunden zu sein in der gegenwärtigen Welt, um mit ihnen auch in der Herrlichkeit vereinigt zu werden in der zukünftigen Welt.
Aber die Zeit unserer Trübsal ist kurz und schnell vorübergehend (1. Pet. 1,6; Röm. 8,18; vgl. 2. Kor. 4,17). "Denn noch eine ganz, ganz kurze Zeit, so wird der, welcher kommen soll, kommen und nicht verziehen" (Heb. 10,27). "Der Gerechte wird aber aus Glauben leben" (Hab. 2,4; Heb. 10,38).[63]
Die aber, die euch, ihr Brüder, verfolgen, sind die Glieder des gleichen Leibes, der vor uns Christus, unseren Herrn,
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die Propheten, die Apostel und die Märtyrer plagte.[64] Wir aber sind fürwahr die Brüder derer, die die Verfolgungen ertrugen. Die Pharisäer, die Priester und die Juden, die den Schein erwecken wollten, Gottes Volk zu sein, haben einst die Heiligen verfolgt. Und ich frage: wer sind, die uns heutzutage bedrängen, wenn nicht die Bischöfe, Priester und Mönche, die selbst die Fürsten gegen uns aufwiegeln und bewaffnen?
Übrigens hat ihnen der Herr im Voraus die Grenze gesetzt, die sie nicht überspringen können. "Sie werden hinschauen auf den, welchen sie durchbohrt haben" (Sach. 12,10; Joh. 19,37). Denn er lebt, der da kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten, um seine und seiner Kirche Feinde dem Feuer, und zwar dem ewigen Feuer zu überantworten und seine Gläubigen mit sich selbst in die himmlischen Freuden hinüber zu führen.
Lasset uns, Brüder, Ihn, diesen unseren Herrn und Heiland anbeten; in Ihm standhaft bis ans Ende ausharren; Ihn sehnsuchtsvoll erwarten und Ihn in demütigen Gebeten anflehen, dass er sich unser und seiner Kirche erbarme, uns vom Bösen bewahre und unbefleckt bis auf jenen Tag erhalte!
Ich bitte euch, Brüder, ertraget meine ermutigenden und mahnenden Worte.
Grüsset die Brüder in Thrazien und bei den Nachbarvölkern. Es grüssen euch in Christus alle Heiligen, die bei uns sind. Betet für uns im Herrn!
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und der Trost des Heiligen Geistes sei mit euch immerdar.
Gegeben zu Zürich in Helvetien, im Monat Juni des Jahres des Herrn 1661.[65]
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[1] K (Klausenburger Ausgabe): in der Türkei; A (= Altenburger Ausgabe): in Thrazien. - Fejérthóy erwähnte ebenfalls Thrazien und Konstantinopel in seinem Brief an Bullinger, der hier genau den Formulierungen Fejérthóy folgt. Es stand also auch in Bullingers ursprünglichem Text ganz gewiss Thrazien. Mit diesem Namen bezeichnete man eine Provinz am Ägäischen Meer, die damals unter türkischer Herrschaft stand. Bullinger denkt freilich, gleich wie Fejérthóy, hauptsächlich an die dort in türkischer Gefangenschaft lebenden ungarischen Christen. - Zum Zusammenhang zwischen der Verkündigung des Evangeliums an alle Völker und der Endzeit vgl. Mat.24,14.
[2] Im gleichen Sinne betonen Bullinger und seine Glaubensbrüder gleich in der Inschrift des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses: sie hätten dieses Bekenntnis "in der Absicht herausgegeben, um allen Gläubigen zu bezeugen, dass sie in der Einheit der wahren und alten Kirche Christi stehen, keine neuen und irrigen Lehren verbreiten und daher auch nichts mit irgendwelchen Sekten oder Irrlehren gemein haben". (Wir zitieren das Bekenntnis nach der Übersetzung von W. Hildebrandt und R. Zimmermann, hrg. vom Kirchenrat des Kantons Zürich, 1966.)
[3] K: legt dar
[4] 4 Vgl. den folgenden Abschnitt aus dem L Kapitel des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses: "Die Bibel unterrichtet uns vollkommen über die ganze Frömmigkeit; In dieser Heiligen Schrift besitzt die ganze Kirche Christi eine vollständige Darstellung dessen, was immer zur rechten Belehrung über den seligmachenden Glauben und ein Gott wohlgefälliges Leben gehört" usw.
[5] Vgl. z. B. 1. Kor. 11,2 ff;' 2. Thess. 2,15; 3,6.
[6] Das Zweite Helvetische Bekenntnis (Kap. II) verwirft die menschlichen Traditionen ebenfalls auf Grund ihrer Abweichung von der Heiligen Schrift, die zwar "mit schön klingenden Titeln" geschmückt werden, "als ob sie göttlichen und apostolischen Ursprungs wären, .. . die aber, wenn man sie mit den Schriften vergleicht, von ihnen abweichen und gerade durch diese Widersprüche beweisen, dass sie nicht im Geringsten apostolisch sind. So wie die Apostel nichts einander Widersprechendes gelehrt haben, so haben auch die apostolischen Väter nichts den Aposteln Entgegengesetztes weitergegeben. Es wäre doch wahrlich gottlos zu behaupten, die Apostel hätten durch das mündliche Wort ihren Schriften Widersprechendes überliefert. Paulus sagt unzweideutig, er habe in allen Gemeinden dasselbe gelehrt (1. Kor. 4,17)." Vgl. 2. Kor. 1,15; 12,18; Mat. 15,1 ff, Mark. 7,1 ff.
[7] 7 Johannes Cochläus oder Dobeneck (1479 -1552), römisch-katholischer Theologe, erwies sich in zahlreichen Streitgesprächen und -schriften als einer der zähesten Gegner der Reformatoren. Seine Darstellung von Luthers Leben und Werken beeinflusste das einseitige Lutherbild der römischen Kirche bis ins 20. Jahrhundert. Er schrieb 1543/44 zwei Streitschriften gegen Bullinger - vor allem über die Fragen der Autorität der Heiligen Schrift, der Tradition und der Kirche -, erhielt aber beide Male eine gründliche Abfuhr aus Zürich. (Die ursprünglichen Titel dieser Schriften wie auch die weiteren Literaturhinweise s. in den Fussnoten des lateinischen Textes.)
[8] Dieser Titel fehlt in A.
[9] Auch das Zweite Helvetische Bekenntnis (Kap. XVII) charakterisiert die ausschliessliche Treue der Kirche zu Christus und seinem Wort in packender Weise: "Die Kirche, die Braut und Jungfrau Christi. Die Kirche wird auch genannt Jungfrau und Braut Christi, und zwar die einzige und geliebte. Der Apostel sagt nämlich: Ich habe euch einem Manne verlobt, um euch als eine reine Jungfrau Christus zuzuführen (2. Kor. 11,2)." Sodann: "wie die Kirche der geistliche Leib ist, so muss sie auch ein entsprechendes geistliches Haupt haben. Und sie kann durch keinen anderen Geist regiert werden als durch Christi Geist."
[10] K: der Heiligen?
[11] Das Zweite Helvetische Bekenntnis unterstreicht wiederholte Male die unbedingte Autorität der Heiligen Schrift, der gegenüber die Autorität der Kirche, der Väter und der Synoden nur eine relative und untergeordnete Bedeutung haben kann, "sofern sie nämlich mit den Schriften übereinstimmen." "Darum anerkennen wir in Sachen des Glaubens keinen anderen Richter als Gott selbst, der durch die heiligen Schriften verkündigt, was wahr und was falsch sei, was man befolgen und was man fliehen müsse." (II. Kap.)
[12] Der Klausenburger Text lässt Ungarn (bzw. Pannonien) weg und sagt: der grössere Teil von Deutschland und Polen. Vgl. dazu unsere Einleitung (S.15 f). - Übrigens wiesen später auch Bullinger und die Seinigen in der Vorrede ihres Bekenntnisses auf ihre Einheit mit "den heiligen Kirchen Deutschlands, Frankreichs und Englands und denen anderer Völker der christlichen Welt" nachdrücklich hin.
[13] Das Christuszeugnis des Bekenntnisses (Kap. XI) sagt gleicherweise: "Er ist unsere Gerechtigkeit, unser Leben und unsere Auferstehung, ja die Vollkommenheit und Erlösung aller Gläubigen, ihr Heil und ihr über fliessender Reichtum . . . der einzige und ewige Heiland des menschlichen Geschlechtes, ja der ganzen Welt . .."
[14] Das Zweite Helvetische Bekenntnis bezeugt das Lehramt Christi verhältnismässig kurz, aber sehr kräftig, indem es ihn "den vollkommensten Lehrer der ganzen Welt" (doctorem mundi absolutissimum) nennt, in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen liegen (Kol. 2,3). Kap. XVIII, vgl. auch Kap. XIII.
[15] Man beachte, wie sehr Bullinger nicht nur hier, sondern auch in seinem Bekenntnis die Aufmerksamkeit auf Christus konzentriert, wenn er die Prädestination behandelt: "Wir sind in Christus erwählt oder vorherbestimmt . .. Daher sei Christus der Spiegel, in dem wir unsere Vorherbestimmung betrachten. Wir werden ein genügend deutliches und festes Zeugnis haben, dass wir im Buche des Lebens aufgeschrieben sind, wenn wir Gemeinschaft mit Christus haben und er im wahren Glauben unser ist, wir aber sein sind." (Kap. X.)
[16] Im XV. Kapitel des Bekenntnisses lesen wir über "Die wahre Rechtfertigung der Gläubigen": "Also spricht uns eigentlich Gott allein gerecht um Christi willen, indem er uns nicht die Sünden anrechnet, sondern seine Gerechtigkeit ... Weil wir nun diese Rechtfertigung nicht auf Grund irgendwelcher. Werke, sondern allein durch den Glauben an Gottes Barmherzigkeit und an Christus empfangen, so lehren und glauben wir mit dem Apostel, der sündige Mensch werde allein durch den Glauben an Christus . . gerechtfertigt."
[17] Dieser Titel fehlt in A.
[18] Wir weisen nochmals auf das XV. Kapitel des Bekenntnisses, und besonders auf dessen Abschnitt über die "Rechtfertigung allein durch den Glauben" hin. Es lohnt sich, auch die klassische Definition des Glaubens vom Anfang des XVI. Kapitels in Erinnerung zu rufen: "Der christliche Glaube ist nicht bloss eine Meinung oder menschliche Überzeugung, sondern ein felsenfestes Vertrauen, eine offenbare und beständige Zustimmung des Herzens und ein ganz gewisses Erfassen der Wahrheit Gottes, die in der Heiligen Schrift und im Apostolischen Glaubensbekenntnis dargelegt ist, ja Gottes selbst als des höchsten Gutes und besonders der göttlichen Verheissung, und Christi, der der Inbegriff aller Verheissungen ist."
[19] Nach K ist dieser ganze Abschnitt ein Zitat, dessen Fundort aber von ihm nicht angegeben wird und vom Herausgeber bis jetzt nicht ermittelt werden konnte. In A erscheint dieser Abschnitt nicht als Zitat.
[20] Man beachte die wichtige Unterscheidung zwischen "sola fides" und "solitaria fides": der rechtfertigende Glaube bleibt nicht untätig und einsam, sondern er ist durch die Liebe tätig; er darf also nicht mit dem leblosen Schein eines toten Glaubens ohne gute Werke identifiziert werden. Bullinger brachte dies später in seinem Bekenntnis folgendermassen zum Ausdruck: "Dieser Glaube ist und heisst lebendig, weil er Christus erfasst, der das Leben ist und das Leben schafft, und sich in lebendigen Werken als lebendig erweist." (XV. Kap.)
[21] Dieser Satz erscheint in K als Zitat ohne Fundort; in A steht er ohne Anführungszeichen.
[22] Dieses Gleichnis von der Sonne hat auch Calvin in einem ähnlichen Zusammenhang verwendet. Vgl. W. Niesel, Die Theologie Calvins (2. Aufl., München 1957) S.177 f.
[23] Eine im Grunde genommen ähnliche Bestimmung des Verhältnisses zwischen Glaube, Hoffnung nnd Liebe findet sich bei Calvin, besonders Instit. 111.2,41-43 und 11,20.
[24] Die zweite Hälfte dieses Salzes fehlt in K.
[25] Es lohnt sich, auch dieses Kapitel mit Calvins ähnlichen Ausführungen (Instit. III.18,8) zu vergleichen.
[26] Vgl. folgenden Abschnitt aus dem XV. Kapitel des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses: "Die Rechtfertigung ist nicht teils Christus oder dem Glauben, teils uns selber zuzuschreiben."
[27] Die Bestimmung der Rechtfertigung am Anfang des XV. Kapitels des Bekenntnisses klingt mit dieser früheren Formulierung wohl zusammen.
[28] Dieser Satz (Wäre - gewesen) fehlt in K. - Die Gegenüberstellung dieses und des folgenden Kapitels mit dem letzten Abschnitt des XV. Kapitels des Bekenntnisses ("Vergleich von Jakobus und Paulus") ist besonders lehrreich: "In keiner Weise widerstreitet daher Jakobus unserer Lehre, da er von einem leeren und toten Glauben redet, mit dem sieh gewisse Leute brüsteten, während sie doch nicht im Glauben den lebendigen Christus im Herzen trugen."
[29] Nach Bullingers Übersetzung: "Gott wirkt in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen, nach der guten Absicht der Seele."
[30] Bullinger zitiert hier Augustin nicht wörtlich, sondern gibt seine Gedanken frei, aber treu wieder.
[31] K gestaltet diesen Salz als Fortsetzung des vorangehenden folgendermassen: "indem wir alles tun, was Gott geboten hat, aber nicht - unsere eigenen Absichten beachtend - dem folgen, was er verboten hat." Vgl. das XVI. Kapitel des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses.
[32] K: fette
[33] Bullinger zitiert die Bibel hier - wie auch an manchen anderen Stellen - mehr oder ganz nach der Vulgata. Dies tut er hier höchst wahrscheinlich in polemischer Absicht: er will die schriftwidrigen Lehren und Gebräuche der römischen Kirche mit dem von ihr selbst als allein massgebend anerkannten Text der Bibel widerlegen.
[34] A lässt auch diesen Titel weg.
[35] A und K schreiben hier, offenbar infolge eines "lapsus calami", statt "in allen Stücken": "für uns alle' . Dies musste natürlich der Inschrift des Kapitels wie auch dem Zusammenhang des Textes gemäss korrigiert werden.
[36] Bullinger gebraucht im XVI. Kapitel seines Bekenntnisses viel schärfere Ausdrücke: "Wir verwerfen vor allem die gewinnsüchtige Lehre des Papstes von der Busse, und auf seine Simonie und seinen Simonistischen Ablasshandel wenden wir jenes Urteil des Petrus an: Dein Geld fahre mit dir ins Verderben, weil du gemeint hast, die Gabe Gottes durch Geld erkaufen zu können ... (Apg. 8,20 u. 21)."
[37] Die Messe wird im Bekenntnis am Schluss des Kapitels über das heilige Abendmahl (XXI.) summarisch abgewiesen.
[38] K gibt dieses Wort des biblischen Zitates. in Futurum: wird übergehen (transibit). - Es ist interessant, dass die Ausführungen des Bekenntnisses über das Fegefeuer (Kap. XXVI) ebenfalls in diesem Bibelzitat gipfeln.
[39] Unter den "Heiligen" sind hier freilich nach biblischem Wortgebrauch die Gläubigen zu verstehen.
[40] Der Abschnitt des Bekenntnisses, der dasselbe Thema im V.Kapitel unter dem Titel: "Man soll Gott durch den einzigen Mittler Christus anrufen" kurz behandelt, stützt sich weitgehend auf dieselben Bibelstellen, indem er die einschlägigen Gebote und Verheissungen Gottes darlegt.
[41] Die inhaltliche Parallele zu diesem wie auch den folgenden fünf Kapiteln findet sich ebenfalls im V. Kapitel des Bekenntnisses, und zwar mit manchen fast wörtlich den hiesigen entsprechenden Formulierungen, von denen die wichtigste lautet: "Uns genügt Gott und der Mittler Christus, und die Ehre, die wir Gott und seinem Sohne schuldig sind, geben wir niemand anders."
[42] K: ihre vorzüglichen Taten
[43] Das einzige Plus des Bekenntnisses ist hier ein interessantes Zitat aus Augustin, dessen letzter Satz heisst: "Daher sind sie zu ehren, weil sie der Nachahmung wert sind, aber sie sind nicht in religiösem Sinne anzubeten." (Über die wahre Religion, Kap. 55 f. MPL 34,169.)
[44] A lässt diesen Titel weg.
[45] Anthropomorphiten nannte man jene ketzerischen Richtungen, die sich Gott völlig und grob in menschlicher Gestalt vorstellten.
[46] Eine interessante Charakterisierung der Haltung des grossen Humanisten, der sich vor der Stellungnahme in Kontroversfragen hütete. Bullinger hielt seine Äusserung über den Gebrauch der Bilder in Kirchen für umso schwerwiegender und berief sich darauf öfters mit sichtbarer Genugtuung. - Dieser Problemkreis wird übrigens im IV. Kapitel des Bekenntnisses viel ausführlicher behandelt.
[47] Man beachte, dass Bullinger von hier an bis zum Schluss des Kapitels über das Abendmahl (S.45*) seine Gedanken in Auslegung und Anwendung dieses Textes (Apg. 2,42) entwickelt.
[48] Das Bekenntnis behandelt die Zeremonien und die Kirchengebete in seinem XXVII. bzw. XXIII. Kapitel wohl ausführlicher, aber wesentlich in gleichem Sinne.
[49] Beides wird ebenfalls im XXIII. Kapitel des Bekenntnisses besprochen. Es ist auffallend, dass Bullingers Auffassung vom Kirchengesang - wie eine Reaktion auf die Auswüchse mittelalterlicher Liturgie - fast an die Gleichgültigkeit grenzt. Diese Auffassung ist gewiss auf Grund der Heiligen Schrift korrektionsbedürftig.
[50] Vgl Apg. 2,42.
[51] Will sagen, dass die Gültigkeit des Sakramentes der Taufe - gleichwie eines Treueides - das ganze Leben umfasst.
[52] Dieser wichtige Satz (Wir aber - zum Leben) fehlt in der Ausgabe von Huszar. Vgl. dazu unsere Einleitung (S.16).
[53] In den grossen Kapiteln des Bekenntnisses über die Sakramente (XIX - XXI.) findet man ganz ähnliche Abschnitte von der "Form" der Taufe und des Herrenmahls. - Bullingers Ton wird in Bezug auf die Messe sowohl in diesem Sendschreiben als auch in seinem Bekenntnis ungemein scharf, weil er dort mit reformatorischer Leidenschaft nur eine schriftwidrige Verzerrung des grössten Mysteriums des Glaubens sehen kann.
[54] Die hier eben nur gestreiften Fragen werden im Bekenntnis eingehender besprochen: die Busse im XIV., die Einsetzung der Diener der Kirche im XVIII., die Ehe im XXIX., die Katechese und die Krankenseelsorge im XXV. Kapitel.
[55] K: wahrhaftig und ganz
[56] Bullinger blickt hier gleichsam auf das bisher Gesagte zurück, und nachdem er das biblisch-apostolische Wesen des "wahren, rechten und unverfälschten christlichen Glaubens" - d.h. dessen christozentrisch-trinitarische Ausrichtung - noch einmal einprägte, geht er nun zu den Ermahnungen über.
[57] Diese ketzerischen Richtungen stimmten - trotz aller sonstigen Unterschiede - miteinander darin überein, dass sie die wahre und wirkliche Gottheit des Sohnes bzw. des Heiligen Geistes leugneten und damit auch der einzigartigen Bedeutung des Erlösungswerkes Christi Abbruch taten. Mit der Abweisung dieser Irrlehren will Bullinger hier, ähnlich wie später in seiner Confessio, die Rechtgläubigkeit und Katholizität der nach Gottes Wort reformierten Kirchen unterstreichen. - (Nach den neueren Forschungen war "Ebion" keine geschichtliche Person, sondern die Ebioniten sind mit einer jüdisch-christlichen Sekte zu identifizieren, deren Anhänger sie Ebjonim", d. h. "die Armen" nannten; sie hatten ihr besonderes Evangelium, leugneten die völlige Gottheit Christi und vertraten einen antipaulinischen Standpunkt.)
[58] Bullinger lässt hier eine von den mittelalterlichen Glaubensbewegungen und den Vorreformatoren ererbte Anschauung der Reformationszeit zu Worte kommen, der gemäss die Weissagungen von Dan. 9,27; 2. Thess. 2,4 usw. in erster Linie auf den römischen Papst zu beziehen seien. Es. ist interessant, dass diese Ansicht, obwohl sie bei Calvin (Instit. IV. 2,12 und 7,25) und in einigen reformierten Bekenntnisschriften ebenfalls vorkommt, im Zweiten Helvetischen Bekenntnis nicht mehr so zugespitzt erscheint.
[59] Bullinger meint gewiss 2.Kor.6,14-18 und 1.Kor.10,13-22, wo der Apostel die Glieder Christi bzw. die Kinder Gottes vor der Vermengung mit dem Umglauben, der Finsternis und dem Götzendienst warnt.
[60] Vgl. besonders Calvins "Zwei Briefe" (1. von der Vermeidung der gottlosen und unerlaubten Zeremonien, II. von der Abweisung der priesterlichen Würden der Papstkirche)' Basel 1537 (lateinisch, später auch in deutscher Übersetzung).
[61] In A ist auch dieser Titel weggelassen.
[62] Es ist zu beachten, dass der Ton Bullingers in diesen beiden letzten Kapiteln von grösster Herzlichkeit und persönlichster Anteilnahme erfüllt wird. Er sprach zwar in seiner ganzen Unterweisung mit einer erquickenden Unmittelbarkeit. Dennoch kommt hier, in diesen biblisch geladenen Schlussermahnungen, die Solidarität mit den schwer heimgesuchten Glaubensbrüdern zum ergreifendsten Ausdruck. Kein Wunder, dass er die Herzen unserer ungarischen Väter mit seiner Lehre und später auch mit seinem Bekenntnis so bleibend erobern konnte.
[63] Es lohnt sich, im Zusammenhang mit diesen eschatologischen Schlussakkorden zu erwähnen, dass es unter den Reformatoren gerade Bullinger war, der das Buch der Offenbarung des Johannes in 100 Predigten bearbeitete.
[64] Der Gedanke, dass im Gegensatz zur Kirche, dem Leib Christi, "die Kirche des Antichristes" ebenfalls einen Leib darstellt, kommt sowohl in Bullingers anderen Schriften als auch in der polemischen Literatur der Reformationszeit öfters vor.
[65] Der Klausenburger Verleger Heltai hat das Jahr der Verfassung des Sendschreibens dem Jahr der Veröffentlichung angeglichen und die Angabe des Monates weggelassen. (Vgl. unsere Einleitung, S.15.)