Heinrich Bullinger 1504 - 1575

 

 

 Das Sterben Christi betrachten

als Beispiel für uns selber

 

(aus: Bericht der krancken 1535)

 

 

 

Übersetzung Siegfried F.Müller

 

 

 

Im Sterben Christi haben wir
ein vollkommenes Beispiel, wie wir uns zum Tod rüsten sollen.   Kapitel 12

Bis hier habe ich ausführlich berichtet, wie der Schwerkranke sich in seiner Krankheit verhalten und sich auf den Tod vorbereiten soll; jetzt will ich dieses kurz zusammenfassen, indem ich das Sterben Christi als Beispiel vorstelle. Christus ist uns ja von Gott nicht nur zur Erlösung gegeben, sondern auch, um uns die Weisheit zu zeigen. (1.Kor.1,24) Von ihm lernen wir all das, was uns zum Heil notwendig ist.

 

1. Zum Beginn seines Leidens und Sterbens setzt er das geheimnisvolle Sakrament seines Leibes und Bluts ein, zur Vergegenwärtigung seines Todes und unserer Erlösung. – Darum soll der Schwerkranke, wenn sein Krankenlager beginnt, daran denken, dass er durch den Tod Jesu Christi erlöst ist; und darum ist es recht und billig, dass er ihm Lob und Dank sagt und sich drein schickt, Kreuz und Leiden zu erleben, und sich mit Geduld in Gottes Willen gibt.

 

2. Nachher wusch Jesus seinen Jüngern die Füsse. Damit lehrte er sie die Demut, und dass einer dem andern so verbunden sein solle, dass er ihm einen Dienst leistet. – Vielleicht hat der Kranke dieses in seinem bisherigen Leben nicht beachtet, in seinem Hochmut, Verachtung, Hoffart und Eigennutz. Jetzt kann er das vor Gott beklagen; jedermann darauf aufmerksam machen, um ein abschreckendes Beispiel zu sein; es jedermann zugeben und jetzt noch ernst machen mit der Dienstbefliessenheit und der Demut; jedem verzeihen und vergeben, da er ja deutlich sieht, dass Jesus selber auch seinem Verräter Judas die Füsse gewaschen hat.

 

3. Als Jesus sich nun willig ganz in den Tod ergeben hat, da redet er fortan nichts anderes mehr als vom Vertrauen, von der Standhaftigkeit, von der Geduld und von ernstlichem Anrufen Gottes, von der Treue und Liebe Gottes, auch wie er uns nicht wie Waisen zurücklassen wolle, obschon er körperhaft von uns scheide. Das alles beschreibt der ehrwürdige Evangelist Johannes sehr ausführlich im 14.-17.Kapitel. – Darum soll der Kranke jetzt dasselbe tun: die zeitlichen Dinge vergessen, sich ganz in Gott ergeben, dem Himmlischen nachtrachten, Gott voll vertrauen, sein Wohltun bedenken und Gott loben, sich in Geduld üben und jederzeit zu ihm schreien.

 

4. Dabei wird Jesus aber auch traurig und sehr bekümmert; er scheidet nur ungern von den Seinen, sagt: „Meine Seele ist bekümmert bis in den Tod.“ (Matth.26,38) Er ringt mit sich selbst, er wird sehr geängstigt, kommt in Bedrängnis und Not, so dass er Blut schwitzt. (Luk.22,44) – Das alles soll der Schwerkranke in Vertrauen und Dankbarkeit bedenken, und er kann zuversichtlich sein, dass Jesus uns mit seiner grossen Angst die schwere Furcht vor dem Tod gemildert hat. Dieses Wissen ist uns eine Ermutigung, wenn wir bedrängt werden von Angst und Todesfurcht; er will solches in Ordnung bringen und es nicht anrechnen.

 

5. Doch Jesus wandte sich in aller seiner Not ab zum Gebet und sagte: „Vater, ist es möglich, so nimm dieses Leiden von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Er betete dann zum zweiten- und zum drittenmal mit grossem Ernst. – So sollen auch wir die Furcht nicht gewähren lassen, sondern ohne aufzuhören zu Gott rufen: „Ach Herr, sei mir gnädig, brich mir meinen Willen und lehre mich mit dir verbunden sein und deinen Willen tun, so dass ich mich gern mit deinem Sohn in den Tod begebe.“

 

6. Nun erschien der Engel und bestärkte Jesus. – So soll ein jeder gläubige todkranke Mensch nicht daran zweifeln, dass Gott ihn stärkt und zum ewigen Leben bestimmt (2.Petr.2); ja, dass Gott ihn nicht in stärkerem Masse versucht werden lässt, als es ihm erträglich ist. (1.Kor.10,13).

 

7. Dann hat Jesus sich mit dem Tod abgefunden und hat sich willig in das Sterben ergeben. (Joh.19) Er geht willig selber seinen Feinden entgegen. Er wird von diesen gefangengenommen, gebunden und in verräterischer Weise, ohne Erbarmen vom Ölberg in die Stadt geführt wie ein Übeltäter und Mörder. Dort wird er von einem Richter zum anderen geschleift; vor den Richtern wird er ungut behandelt, ja misshandelt, zum höchsten geschmäht und zuletzt durch falsches Zeugnis erledigt. – Solches alles hat er erduldet und unter grosser Not erlitten, um uns von den Banden der Sünde zu erlösen und uns freizumachen, auch um uns vor der Rache und Schmach ewiger Verdammnis zu bewahren. Ebenso hat er es getan, um uns Geduld zu lehren, uns, die wir nicht unschuldig erleiden, was wir erleiden; er aber war unschuldig. Ja, um unserer Schuld willen haben wir vielfach noch grössere Pein und Not verdient

 

8.   Es gehört hier auch dazu, dass er verspottet und angespieen wurde, mit schweren Hieben geschlagen, gegeisselt und mit der Dornenkrone gekrönt; ja, er wurde dermassen von Kräften gebracht, dass Jesaja von ihm sagte: „Er wird weder Wohlgestalt noch Ausstrahlung haben, und wenn wir ihn ansehen, wird keine Schönheit da sein; er wird der allerschlechteste und verachtetste sein, ja als so verworfen werden wir ihn erachten, dass wir unser Gesicht vor ihm verbergen werden.“ – Wenn der Kranke von den Seinen falsch behandelt wird, so denke er daran, was Christus von den Seinen widerfahren ist. Und dann: obschon Jesus viel einzuwenden gehabt hätte, so hat er doch nicht seinen Mund aufgetan. Darum wollen auch wir vom Leiden Christi lernen, Geduld zu haben. Wenn wir grosses Kopfweh haben, grosse Schmerzen an unseren Gliedmassen, innere Qual und Weh – es ist richtig, dass wir dann an die Dornenkrönung Christi denken, wie er gegeisselt wurde, und dass Pilatus ihn hinausführte vor das Volk und sagte: „Seht, was für ein elender, jammervoller Mensch.“

 

9. Noch mehr: er nimmt sein eigenes Kreuz auf seine Schultern und trägt dieses hinaus an die Richtstatt. Dort wird er unter Schmerzen an das Kreuz genagelt, hochgestellt und in der schwersten Pein dem Tod durch Entkräftung und Erschöpfung anheimgegeben. Nackt und bloss hing er da, in den grössten Schmerzen, noch drei Stunden lebend. – Das bedenke der Schwerkranke in seinen Nöten und Schmerzen; er bedenke auch, dass der Sohn Gottes diese Pein um uns Menschen willen erlitt; jawohl, die Liebe Gottes zu uns Menschen ist gross, und das Opfer d.h. die Bezahlung für die Sünde ist vollständig.

10. Das erste Wort, das Jesus am Kreuz redete (Luk.23,34) war dieses: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ – Daran soll der Kranke das Folgende erkennen: erstens, dass Jesus für uns alle gebetet hat, und dass er damit erhört worden ist (Hebr.5,7-9); zweitens dass auch er, der Kranke, all seinen Feinden vergeben und für sie beten soll.

 

11. Das zweite Wort Joh.19,26-27 war: „Frau, schau, das ist dein Sohn“, und zum Jünger sprach er: „Schau, das ist deine Mutter.“ Damit gab er die Sorge um sie weiter und verliess sie dennoch nicht. – Er lehrte uns damit: Verlass alle geliebten Dinge auf Erden, um Gottes willen. Ebenso aber: Mach allen, die Gott in unsere Verantwortung gegeben hat, ein geziemendes, ordnungsgemässes und gebührliches Testament, eine Anordnung. Darum soll der Schwerkranke sich völlig in Gott ergeben, auch wenn er vor seinen Augen Vater und Mutter, Frau und Kinder, Freunde und Wohlgesinnte stehen hat; jedoch, er soll ihrer auch in entsprechender Weise gedenken, wie oben gesagt.

 

12. Das dritte Wort Luk.23,43 war: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein“, sprach er zum Mörder; dieser schrie nämlich zu ihm mit Demut und Vertrauen: „Herr, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ – Unser Schutzherr hat mit dieser Zusage uns allen die Hoffnung gegeben, dass auch wir dank seinem Leiden in sein Reich aufgenommen werden, falls auch wir vertrauensvoll zu ihm schreien. Denn Jesus Christus ist der einzige Heiland und Trost der armen Sünder; er ist das einzige und immerwährende Opfer für unsere Sünde.

 

13. Das vierte Wort (Matth.27,46; Psalm 22,2) war: „Mein Gott, mein Gott, wie lange willst du mich verlassen?“ Dies ist aber ein geduldiges Verlangen und ein kindliches Mahnen und Bitten gewesen, sein Vater solle ihm nach seinem Willen die heftigen Schmerzen ersparen und durch den Tod wegnehmen. – Darum darf auch der Schwerkranke in seiner grossen Versuchung, Angst und Not sich freundschaftlich an Gott wenden und mit David sagen: „O Gott, mein Gott, wie hast du mich doch verlassen; die Worte meiner Klage sind ferne von meinem Heil. Ich rufe dich den ganzen Tag an, o mein Gott; du erhörst mich aber nicht; ja, auch nachts schweige ich nicht. O Herr, du bist die Hoffnung unserer Väter gewesen, sie hofften auf dich, und du halfest ihnen; sie riefen zu dir, und du erhörtest sie. So erhör auch mich, deinen armen verlassenen Diener.“

 

14. Das fünfte Wort Joh.19,28 war: „Mich dürstet.“ Da boten sie ihm einen Schwamm voll Essig an; davon versuchte er nichts, sondern er erduldete den Durst, um damit den Fluch hinwegzunehmen, der von Adam her auf uns liegt, seit er seine Lust am verbotenen Obst stillte. – So soll auch der Kranke den Durst und andere Gelüste, falls sie ihm nicht gestillt werden können, wie Christus in Geduld überwinden und immer mehr vertrauensvoll an das Wort Christi Joh.7,37 denken: „Wer da Durst hat, der komme zu mir und trinke. Wer auf mich vertraut, wie die Schrift (Jes.55) sagt, von dessen Leib werden Flüsse des lebendigen Wassers fliessen.“

 

15. Das sechste Wort war: „Es ist vollbracht.“ [Joh.23,30] Ja wirklich alles ist vollbracht, was im Gesetz und in den Propheten geschrieben und verheissen war, nämlich: Gott schickt seinen Sohn in diese Welt; der bringt alles wieder in Ordnung und versühnt Gott wieder mit dem Menschen. Er sühnt und vergibt die Sünde, zerschmettert der Schlange den Kopf, macht den Tod und die Hölle nichtig und öffnet allen Vertrauenden den Himmel und gibt ewiges Leben. Dies alles ist jetzt durch das Leiden Christi vollbracht und gänzlich vollendet. – Das soll den Schwerkranken in all seiner Anfechtung trösten und ihn bei starkem Glauben behalten. Denn es ist eher möglich, dass Himmel und Erde vergehen, als dass irgendetwas vom Worte Gottes dahinfalle.

 

16. Das siebte und letzte Wort war: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.“ [Luk.23,46; Ps.31,6] – Darum soll der Schwerkranke an seinem Ende seine Seele nicht den Seligen oder Engeln anbefehlen, sondern nur Gott allein durch Jesus Christus, und er soll Gott voll vertrauen als seinem Vater. Dieser hat sich ja auch sonst als Vater erwiesen all unser Leben lang, und er hat uns beten gelehrt: ‘Unser Vater, der du bist im Himmel’ usw.

 

17. Jetzt wird nun die Seele unseres Schutzherren Jesus in das Paradies geführt, das ist in die Freude und Seligkeit. Der Leib aber wird vom Kreuz abgenommen und begraben. – So geht es auch mit allen kranken gläubigen Menschen. Deren Seelen werden unmittelbar nach dem Sterben vom Tod zum Leben genommen, und die Leiber werden begraben, zur Auferstehung. Denn das Weizen-körnlein bringt nicht Frucht, wenn es nicht in der Erde drin stirbt; erst dann beginnt es schön zu wachsen (Joh.12,24). So muss auch unser Leib in das Erdreich gelegt werden, um dann zu seiner Zeit verklärt zu werden. Darum nennt die Schrift den körperlichen Tod einen Schlaf, und das Sterben ein Schlafen (1.Thess.4,14). Denn ebenso wie der Leib eine Zeitlang im Schlaf liegt und dann wieder wach wird und aufsteht, so stirbt der Körper im Tod, und es fehlt ihm dann eine Zeitlang das Leben; bald aber wird es ihm wieder gegeben, am letzten Tag.

 

So viel vom Beispiel Christi. Wir lernen daraus, uns friedlich in unseren Tod zu schicken.

 

 

Diese Übersetzung erlaubt sich einige Freiheiten,
 z.B. anstelle von „der Herr“: „Jesus“