Leben und ausgewählte Schriften der Väter und Begründer der reformirten Kirche.

Herausgegeben von Dr. J. W. Baum, Professor in Straßburg, R. Christoffel, Pfarrer in Wintersingen, Dr. K. R. Hagenbach, Professor in Basel, C. Pestalozzi, Pfarrer in Zürich, Dr. C. Schmidt, Professor in Straßburg, Lic. E. Stähelin, Pfarrer in Rheinfelden, Lic. K. Sudhoff, Pfarrer in Frankfurt a. M.

Eingeleitet von Dr. K. R. Hagenbach.

V. Theil: Heinrich Bullinger.

Elberfeld. Verlag von R. L. Friderichs. 1858.


Heinrich Bullinger.

Leben und ausgewählte Schriften.

Nach handschriftlichen und gleichzeitigen Quellen
von Carl Pestalozzi.

Elberfeld. Verlag von R. L. Friderichs. 1858.

Druck von B.G.Teubner in Leipzig

Vorwort.

Heinrich Bullinger ist so ganz ein Mann der Gemeinde, ein christlicher Volksmann im edelsten Sinne des Wortes, daß da, wo „die Väter und Begründer der reformirten Kirche“ für die gesammte evangelische Gemeinde dargestellt werden, seinem reichen Wirken wohl mit Recht ein ziemlich ausgedehnter Raum gewährt wird. Während Zwingli's geniale Triebkraft zur Erneuerung der entstellten Kirche den Anstoß geben mußte, ward Bullinger das geeignete Werkzeug in der Hand des Herrn, um das Errungene mit Festigkeit zu bewahren, das Angefangene mit Beharrlichkeit und unerschütterlichem Muthe durchzuführen und zu vollenden. Daher steht Bullinger unseren gegenwärtigen Verhältnissen weit näher. Jst anerkannter Maßen eine gesunde, kernhafte Frömmigkeit unserer Zeit vorzüglich vonnöthen, so mag sein fester und durch die Treue am Gottesworte zugleich so freier Charakter mit seiner Klarheit und Milde erquickend in die Herzen evangelischer Christen jetziger Zeit hinein leuchten, um Suchenden zur Förderung im Christlichen Leben zu dienen, wohl auch hie und da einen Arbeiter im Dienste des Herrn zu ermuthigen, sowie jede Mußestunde, welche ich auf genauere Erforschung seines Lebens und Wirkens verwandte, mir zur Stärkung wurde auch für die schweren Aufgaben des Amtes.

Um jedem Leser die Uebersicht zu erleichtern, sind die Abschnitte der Lebensbeschreibung in kleinere Abtheilungen gebracht worden. Durchgehends habe ich mich bestrebt, Bullinger sich selbst, sein Leben und seine vielbewegte Zeit möglichst durch seine eigenen Worte darstellen zu lassen, meine Gedanken und Betrachtungen aber zurück

VI

zu halten. Mußte auch auf starke Gegensätze eingetreten werden, besonders in solchen Punkten, welche jetzt noch das Jnteresse der Gemeinde in Anspruch nehmen, so mag man es immerhin der Darstellung abfühlen, daß sie von dem Geiste beseelt ist, dem die Gegensätze weder das Erste noch das Letzte, weder das Höchste noch das Tiefste sind, der vielmehr über Allem und in Allem, worin menschliche Schwachheit offenbar wird, das Eine Nothwendige sucht.

Aus der großen Menge solcher Schriften Bullingers, die zur Mittheilung an die Gemeinde geeignet erschienen, sind die hier beigegebenen mit Sorgfalt wirklich ausgewählt worden. Herzlichen Dank allen Befreundeten, die mich auf mancherlei Weise bereitwillig förderten, insbesondere dem werthen Amtsgefährten auf dem Lande, der die Güte hatte, die hier mitgetheilten Schriften Bullingers (mit Ausnahme der Briefe an seinen Sohn) ins Neudeutsche überzutragen, worauf sie noch von mir durchgesehen wurden.

Das kurze Lebensbild Leo Juds, welches dem anfänglichen Plane zufolge diesem Bande beigefügt werden sollte, wird nun bei der ohnehin größeren Ausdehnung dieses Bandes im letzten (oder Supplement=)Bande neben den Lebensskizzen mehrerer andern reformatorischen Männer seine passende Stelle finden.

Für Solche, die nach Quellenbenutzung und wissenschaftlicher Begründung fragen, ist die Beigabe am Schlusse.

Möge der Herr der Kirche dem Werke seinen Segen geben!

Zürich, 11. Oktober 1858.

C. Pestalozzi,

Pfarrer.


Inhaltsverzeichniß.

Lebensbeschreibung

Erstes Buch.

Die Zeit der Vorbereitung von 1504-1531.

Erster Abschnitt. Bullingers Bildungszeit. 1504-1522.

1. Heimath und Vaterhaus                                                                     3
2. Bullingers Kindheit                                                                            9
3. Die Schule zu Emmerich; die Brüderschaft des gemeinsamen Lebens      10
4. Die Hochschule zu Köln                                                                  13
5. Das stille Jahr                                                                                   19

Zweiter Abschnitt. Das Schulamt in Kappel. 1523-1529.

6. Bullingers Anstellung. Die Schule                                                20
7. Die ersten Gefahren                                                                         23
8. Bullingers Befreundung mit Zwingli                                             25
9. Anfänge von Bullingers schriftstellerischer Tätigkeit. Die Geltung der heiligen Schrift                                                                                                        27
10. Von der wahren Hirtentreue                                                        31
11. Der Kampf wider die Messe für das heilige Abendmal          36
12. Der Kampf gegen die Wiedertäufer                                            40
13. Das wahre Prophetenthum                                                          43
14. Der Ketzername. Die Rettung des Vaterlandes durch das Evangelium     46
15. Umwandlung des Klosters Kappel; Klostergut und Armenpflege. Ein Halbjahr in Zürich. Disputation in Bern. Das erste Predigtamt      49
16. Bullingers Verlobung. Sein Bewerbungsschreiben. Vom Nonnenleben   53

Dritter Abschnitt. Das Pfarramt in Bremgarten. 1529-1531.

17. Des Vaters Verstoßung; des Sohnes Berufung. Anfang des Krieges        55
18. Das Wirken in Bremgarten. Einladung nach Marburg. Des Vaters Wiederkehr. Bestreitung der Wiedertäufer                                        59
19. Neue Entzweiung der Eidgenossen. Die Vermittlungen. Zwingli's Lebewohl. Bullingers Friedenspredigten                                                              63
20. Die Kriegeszeit. Bremgartens Drangsal. Die Flucht aus der Heimat 65

Zweites Buch.
Bullinger als Vorsteher der zürcherischen Kirche. Sein Leben und Wirken von 1531 bis gegen die Mitte des Jahrhunderts.

Erster Abschnitt. Die Zeit des Schwankens und des Ringens um die Aufrechthaltung der evangelischen Kirche in Zürich.

21. Zürichs Elend. Bullingers Fassung                                            68

VIII

22. Bullingers Berufung. Die Wahl. Die Gefährdung des freien Wortes  71
23. Bullingers Vertheidigung der freien Predigt des Gotteswortes         74
24. Der günstige Erfolg                                                                       76
25. Das neue Amt                                                                                  79
26. Nachwehen der Schlacht bei Kappel                                         81
27. Bullingers Vertheidigung Zwingli's und des Evangeliums   84
28. Bullingers Zurechtweisung Fabers                                            88
29. Das Unheil des Friedens                                                              91
30. Die Kirchenzucht im christlichen Staate                                   94
31. Das Mandat vom Mai 1532                                                         100
32. Leo Judä's scharfe Predigt. Juni 1532                                    103
33. Anklage gegen Leo Judä. Seine und Bullingers Verantwortung
                                                                                                                  106
34. Anklage gegen Bullinger. Seine Rechtfertigung                   109
35. Der Angriff um des Mandates willen. Vergleich                    112
36. Genehmigung des Vergleiches. Ansuchen an die Synode 116
37. Bullinger als Friedensstifter unter den evangelischen Ständen       
                                                                                                                  119

Zweiter Abschnitt. Kirchliche Gestaltung. Bullingers Wirksamkeit zum Ausbau und zur Leitung der zürcherischen Kirche und Schule.

38. Rettung des Stiftes zum Großmünster                                    122
39. Bullingers Förderung der zürcherischen Schulanstalten  125
40. Bullingers Sorge für Stipendien                                               128
41. Bullingers Verkehr mit den Studierenden im Ausland        130
42. Bullingers Predigerordnung. Prüfung und Wahl der Geistlichen
                                                                                                                  132
43. Fortsetzung: Verrichtungen und Wandel der Geistlichen  135
44. Bullingers Synodalordnung                                                      138
45. Bullingers Handhabung der Prediger- und Synodalordnung. Censuren und übrige Synodalverhandlungen                                                          140
46. Bullingers anderweitige Kirchenleitung. Behandlung der Sekten
                                                                                                                  144

Dritter Abschnitt. Bullingers Pfarramt.

47. Bullinger als Prediger                                                                 150
48. Bullinger als Seelsorger. Seine Mildthätigkeit                      153
49. Fortsetzung: Bullingers Seelsorge bei Kranken, bei Gefangenen, bei Rathsuchenden                                                                                     155

Vierter Abschnitt. Confessionelle Entwicklung. Bullingers Mitwirkung zur Bildung des kirchlichen Bekenntnisses.

50. Anregungen zum Bekenntniß                                                   158
51. Ausgangspunkt. Die beiden Sendbriefe, 1532                      162
52. Die Vermittler                                                                                168
53. Butzer in Zürich, 1533                                                                 171
54. Bullingers Verhalten zu Württemberg, 1534                          174
55. Bullingers Entgegenkommen                                                   178
56. Capito in Zürich, 1535. Besprechung in Aarau                      181
57. Erste schweizerische Confession, in Basel,
         Februar 1536                                                                                 183
58. Herausgabe von Zwingli's letzter Schrift. Genehmigung der Confession, März 1536                                                                                               187
59. Einladung nach Eisenach. Wittenberger Artikel, Mai 1536 190
60. Butzers Ausbeutung. Anfrage an Luther, November 1536 193
61. Erläuterung der schweizerischen Confession                      195

IX

62. Aufnahme der Zuschrift an Luther. Butzer in Bern, September 1537. Sein Schreiben an Luther                                                                             198
63. Luthers Antwort, Dezember 1537. Jhre Aufnahme bei Bullinger, Januar 1538                                                                                                                  203
64. Conferenz in Zürich, Mai 1538. Bullingers brieflicher Verkehr mit Luther 207
65. Friedenshoffnung. Bullingers Schreiben an Luther und an Melanchthon, September 1538                                                                                    210
66. Neue Feindseligkeiten Luthers. Bullingers Geduld              215
67. Bullingers fortdauerndes Freundesverhältniß zu Melanchthon
                                                                                                                  218
68. Neue Angriffe, 1544. Herausgabe von Zwingli's Werken, 1545
                                                                                                                  221
69. Luthers letzter Anfall. Dessen Eindruck                                 224
70. Das Zürcher Bekenntniß, März 1545                                       229
71. Erfolg der zürcherischen Vertheidigungsschrift                  234
72. Bullinger bei Luthers Tode. Rechtfertigung der Zürcher    237

Fünfter Abschnitt. Bullingers anderweitige Beziehungen zum Auslande.

73. Die (jetzige) französische Schweiz. Bullingers Verkehr mit Calvin    243
74. Bullingers Verwendung für Farel in Neuenburg                   247
75. Bullingers Anstrengungen gegenüber Frankreich. Reislaufen
                                                                                                                  250
76. Bullingers Verkehr mit England                                               255
77. Bullingers Beziehungen zu den Evangelischen Jtaliens    258
78. Bullingers Verhalten zu dem erwarteten päbstlichen Concil 266
79. Bullingers Stellung zu vermittelnden Religionsgesprächen mit den römisch Katholischen                                                                                          272
80. Bullingers weitere Beziehungen zu Deutschland                 276
81. Bullinger während des schmalkaldischen Krieges             279
82. Bullingers Sorge für Johannes Haller in Augsburg             285
83. Bullingers Bemühungen für Konstanz                                   289
84. Bullinger in den Gefahren des Vaterlandes                           292
85. Bullingers Fürsorge für die flüchtigen deutschen Glaubensbrüder 296

Sechster Abschnitt. Bullingers schriftstellerisches Wirken.

86. Bullingers Gelegenheitsschriften                                            300
87. Bullingers Schriftauslegung                                                     305
88. Bullingers eigenes Urtheil über seine Schriftwerke. Jhre Verbreitung      309
Siebenter Abschnitt. Bullingers persönliches, häusliches und geselliges Leben.
89. Bullingers inneres und häusliches Leben                             312
90. Bullingers Gesundheit, Erholung, Reisen, Freunde unter seinen zürcherischen Amtsbrüdern                                                              317
91. Bullingers Freunde unter Zürichs Staatsmännern und auswärts. Seine Welterfahrung                                                                                        323

Drittes Buch.

Bullinger als Vorsteher der Zürcherischen Kirche. Sein Leben und Wirken von der Mitte des Jahrhunderts bis 1575.

92. Uebergang                                                                                     329

Erster Abschnitt. Bullingers fortgesetzte Wirksamkeit innerhalb der zürcherischen Kirche.

93. Bullinger als Leiter der zürcherischen Synode. Ueber Preßfreiheit  330

X

94. Fortsetzung. Bullinger in Betreff des Kirchengutes            335
95. Bullingers fortgehende Sorge für das Armenwesen und die Schulanstalten                                                                                                                  340
96. Bullingers Freude an den Früchten der Zürcher Schule, und weitere Sorge für die Studierenden                                                                             344
97. Bullingers fernere Wirksamkeit im Pfarramt. Seelsorge     348

Zweiter Abschnitt. Bullingers Beziehungen zu der übrigen Schweiz.

98. Spannung zwischen den Confessionen. Bullingers enge Verbindung mit Bern und Bünden                                                                                  352
99. Bullingers Wirksamkeit für die evangelische Gemeinde in Locarno 359
100. Fortsetzung. Bullingers Mühen bei dem Entscheide über die Locarner und nach ihrer Vertreibung                                                                        364
101. Bullingers Verhalten bei den zunehmenden Reibungen mit den römisch-katholischen Orten                                                                               369

Dritter Abschnitt. Confessionelle Entwicklung. Bullingers weiteres Mitwirken zur Bildung des kirchlichen Bekenntnisses.

102. Allgemeines. Vorbereitungen zum Zürcher Consens       373
103. Bullingers Schrift von den Sakramenten. Brieflicher Verkehr darüber. Abschluß des Zürcher Consensus, 1549                                        378
104. Annahme und Verbreitung des Consensus                        383
105. Bullinger und Calvin gegenüber den Angriffen Westphals und Anderer 387
106. Bullingers Verhalten in Bezug auf Verhandlungen, zumal Religionsgespräche mit den Lutheranern                                       392
107. Bullingers Stellung zum Religionsgespräche in Worms, 1557
                                                                                                                  398
108. Fortsetzung. Weitere Erörterungen in Folge des Wormser Gespräches 402
109. Fortsetzung, betreffend Conferenzen mit den Lutheranern 1558-1560   409
110. Bullingers Verkehr mit der Pfalz unter Churfürst Friedrich III. Uebersendung der (zweiten) helvetischen Confession, December 1565  413
111. Die zweite schweizerische Confession, herausgegeben 1566
                                                                                                                  417

Vierter Abschnitt. Bullingers anderweitige Beziehungen zum Auslande.

112. Bullingers übriger Verkehr mit Calvin und der (jetzigen) französischen Schweiz                                                                                                   422
113. Fortsetzung. Bullinger über den Kirchenbann (1553) und Genfs Bündniß mit Bern                                                                                                   429
114. Bullingers Verkehr mit Frankreich                                        433
115. Bullingers Verhältniß zu England                                          441
116. Bullingers Verkehr mit Jtalien und Jtalienern, auch mit Polen        
                                                                                                                  449
117. Bullingers fortgesetzter Verkehr mit Deutschland, zumal mit Straßburg, Friesland, Württemberg                                                                       458
118. Fortsetzung. Thamer. Die Exkommunikation in der Pfalz. Graf Sayn      461

Fünfter Abschnitt. Schriftstellerisches.

119. Predigtsammlungen, Geschichtswerke usw.                      469

Sechster Abschnitt. Bullingers persönliches, häusliches und geselliges Leben, sein höheres Alter und sein Sterben.

XI

120. Jnneres Leben. Geschäfte, Briefwechsel, Besuche          473
121. Hauswesen und häusliches Leben. Verwandte und Freunde. Erholungen                                                                                                                  478
122. Bullingers Krankenlager und häusliche Trauer                 485
123. Der Lebensabend                                                                      491
124. Das Ziel                                                                                        495
125. Schlußwort                                                                                  499

Ausgewählte Schriften.

A. Handbuch oder Summa christlicher Religion. 1556.

I. Von dem Glauben und der Predigt des heiligen Evangeliums.

Kapitel 1. Daß der Rechtgläubige Christum empfinde und in Christo lebe      505
Kapitel 2. Von der Ordnung Gottes, wie der Glaube gegeben, gepflanzt, gemehrt und erhalten werde                                                                               506
Kapitel 3. Von den Dienern Christi und der Kirche und von ihrem Amte         509
Kapitel 4. Was man von den Dienern der Kirche halten solle   510

II. Vom Gebete der Gläubigen.

Kapitel 5. Daß man beten solle und daß der Gläubigen Gebet nicht vergeblich und unnütz sei                                                                                       512
Kapitel 6. Daß Gott Jesum Christum im Himmel allein zum Mittler und Fürbitter gesetzt habe                                                                                           514
Kapitel 7. Daß Christus alle Sünder zu sich rufe und ihnen alle Gnaden und alles Gute anbiete                                                                                 515

III. Von den heiligen Sakramenten.

Kapitel 8. Daß sie zu der Predigt des heiligen Evangeliums hinzu gethan und von dem Herrn selbst eingesetzt seien                                            516
Kapitel 9. Wie die Sakramente geheiligt oder gesegnet und verwandelt werden                                                                                                                  518
Kapitel 10. Warum das Nachtmal von Christo auf solche Weise eingesetzt worden sei, und wie der Leib Christi gegessen werde                 519

IV. Vom Tode.

Kapitel 11. Daß der Mensch den Tod allezeit vor Augen haben soll
                                                                                                                  523

B. Anleitung für die, so wegen unseres Herrn Jesu Christi und seines heiligen Evangeliums ihres Glaubens halben erforscht und mit allerlei Fragen versucht werden. 1559.

I. Von der heiligen christlichen und römischen Kirche.
Frage 1. Woran die wahre christliche Kirche erkannt werden möge?    526
Frage 2. Ob die römische Kirche die rechte katholische Kirche sei?
                                                                                                                  529
Frage 3. Wo denn die wahre allgemeine christliche Kirche bisher gewesen und noch zu finden sei?                                                                              531
Frage 4. Ob außerhalb der römischen Kirche weder Heil noch Vergebung der Sünden sei? und ob Alle, die sich vorsätzlich von ihr absondern, für Ketzer und Abtrünnige zu halten seien?                                                               533

 

XII

 

II. Von dem freien Willen des Menschen.

Frage 5. Ob ein Mensch zum Guten und zum Argen einen freien Willen habe?                                                                                                                  539

III. Von Glauben, Hoffnung, Liebe und guten Werken.

Frage 6. Ob die drei Tugenden, Glaube, Hoffnung und Liebe nur Eines und ebendasselbe oder in der heiligen Schrift unterschiedene Tugenden seien, und besonders, ob eine ohne die andere sein könne?                        541
Frage 7. Ob der Mensch vor Gott gerecht und fromm werde allein durch den Glauben an Christum oder auch durch die guten Werke?
                                                                                                                  542
Frage 8. Ob der Maria Magdalena jhre Sünde darum verziehen worden sei, weil sie große Liebe zu Christo gehabt?                                                  545

IV. Von dem Meßopfer.

Frage 9. Ob sie den wahren Leib und das Blut Christi in dem Sakramente des Altars für ein wahres und Gott angenehmes Opfer halten, das in der christlichen Kirche im Amt der heiligen Messe für Lebende und Todte unaufhörlich zu opfern sei, bis Christus zum Gerichte kommen wird?                               546

C. Von dem Nachtmal des Herrn, von der Vorbereitung zu demselben, von Schwäche und Wachsthum des Glaubens. Zuschrift an Frau Anna Roist                                  550

D. Von rechter Hülfe und Errettung in Nöthen. Eine Predigt aus dem heiligen Evangelio Matthäi dem 14. Kap., gehalten in Zürich am 12. Juli 1552                                                       560

E. Denkmale von Bullingers Lebenswege.

I. Bullingers Brautwerbungsschreiben an Anna Adlischweiler, vom Jahre 1527                                                                                                                  580
II. Bullingers väterliche Vorschriften oder Anweisung für seinen Sohn Heinrich bei dessen Abgang in die Fremde. 1553                                          588
III. Briefe Bullingers an seinen Sohn Heinrich                             594
IV. Bullingers Testament oder letzter Wille an seine Herren und Obern von Zürich. 1575                                                                                            618
Nachweise und Bemerkungen                                                        623

 

Lebensbeschreibung.

Erstes Buch.

Die Zeit der Vorbereitung. 1504-1531.

Erster Abschnitt.

Bullingers Bildungszeit. 1504-1522.

1. Heimath und Vaterhaus.

Vier Stunden von Zürich auf einer Anhöhe an der Reuß liegt die kleine Stadt Bremgarten. Hier wurde am 28. Juli 1504, Morgens drei Uhr, dem Dekan Bullinger ein Knäblein geboren, das in der heil. Taufe den Namen Heinrich erhielt und das von Gott dazu erkoren war, dereinst Zwingli's Nachfolger zu werden.

Viel tausend verborgene Fäden sind es, durch die ein jeder von uns mit seiner heimathlichen Stätte verbunden ist und bewußt oder unbewußt mit seinen Ahnen zusammen hängt; so manche Anlagen, Neigungen und Stimmungen, die im Fortgang seines Daseins unter den mannigfachen Einwirkungen des Lebens bei ihm hervortreten, haben hier ihre Wurzel. Werfen wir daher zuerst einige Blicke auf Bullingers Heimath und Herkunft; er selbst soll dabei unser Führer sein.

Bremgarten sammt den umliegenden „freien Aemtern“ und der angränzenden Grafschaft Baden, jetzt zum Kanton Aargau gehörig, stand damals unter sieben von den acht alten Orten (Kantonen) der Eidgenossenschaft, welche 1415 auf Befehl der Kirchenversammlung zu Konstanz diese Landstriche erobert hatten und sie nun abwechselnd durch Landvögte regierten, deren Herrschersitz die zwei Stunden von Bremgarten entfernte, altberühmte Stadt Baden war. Gerade dieses Verhältniß führte öftere Tagsatzungen, d. h. Zusammenkünfte von Abgeordneten der betreffenden Kantone mit sich und unterhielt einen steten Verkehr dieser Ortschaften mit ihren Oberherren. Dabei erfreuten sich übrigens die Beherrschten ihrer vielfältigen alten Rechte und Freiheiten in

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reichlichem Maße, wie sie denn auch an all den häufigen Kriegszügen jener Zeiten gleich den übrigen Eidgenossen sich betheiligten.

Was nun das Geschlecht der Bullinger anbetrifft, so war dasselbe schon seit mehr als zweihundert Jahren in Bremgarten eingebürgert; viele der angesehensten Männer geistlichen und weltlichen Standes gingen daraus hervor. Zur Erhöhung des Glanzes der Familie trug aber noch Folgendes bei. Jm „alten Züricherkriege“, den alle Eidgenossen acht Jahre lang (bis 1444) gegen Zürich führten, schloss Ulrich Bullinger, der Urgroßvater unsers Berichterstatters, sammt dem Schultheißen sich so innig an Zürich an und hielt sich während der deshalb eintretenden gemeinsamen Verbannung so treulich und dienstfertig gegen den Schultheiß, daß dieser aus Dankbarkeit seine einzige Tochter mit Ulrichs einzigem Sohne Hans Bullinger vermählte, wodurch Letzterer zu einem für jene Zeit ansehnlichen Vermögen gelangte. Dieser Hans Bullinger trieb daher weder Gewerbe noch Handwerk, sondern lebte von seinen Renten und vergnügte sich, wie damals die Begüterten zu thun pflegten, vielfältig mit dem edeln Waidwerke, hatte deshalb auch viel Verkehr mit vornehmen Leuten, denen er vom erjagten Wildpret zusandte, zumal mit denen vom Adel, die ihn als einen guten Jagdgesellen liebten; „um Bremgarten her war's nämlich zu jener Zeit noch nicht so ausgerodet und angebaut wie jetzt, sondern wild mit vielem Gehölze und Wäldern, darin viel Gewild, hohes und niederes“.

Sein ältester Sohn Heinrich, geboren 1469, ist nun der Dekan Bullinger, der Vater unsers Reformators. Da in seinem Lebenslaufe, eben weil er sich dem Priesterstande widmete, sich die verschiedenen praktischen Hauptschäden des damaligen Kirchenthums recht kräftig spiegeln, ist es für uns der Mühe werth, einige Augenblicke bei ihm zu verweilen. Mußten doch ohne anders eben auch seine Erlebnisse unter höherer Fügung dazu mitwirken, dereinst den Sohn und durch ihn den Vater den Armen der verdorbenen Kirche zu entreißen.

Um sich zum Priester zu bilden, zog er in seiner Jugend nach der damaligen für Viele so verderblichen Sitte den Schulen nach „durch Meißen, Sachsen, Thüringen, Franken und Schwaben oft in großem Mangel“. Nach der Rückkehr bestand er seine Prüfung aufs Beste, empfing die Priesterweihe und versah zunächst Helfereien und Kaplaneien zu Konstanz und Arbon am Bodensee, zu Schwyz und zu Wädensweil am Zürchersee, war bei Jedermann beliebt und ungern entlassen; „denn er war ein recht schöner, freundlicher, geschickter und dienstiger Mann“. Als er endlich nach Bremgarten zurückgekehrt war und noch einige Jahre lang sich mit einer untergeordneten Pfründe beholfen hatte, wählten ihn 1506 die Räthe der Stadt sammt der ganzen Gemeinde zum Stadtpfarrer oder Leutpriester, welches Amt er dreiundzwanzig Jahre lang bekleidete.

Was aber seine Rückkehr nach Bremgarten so lange verzögerte und uns einen tiefen Blick thun läßt in die damaligen Zustände, ist Folgendes. Bald

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nachdem er Priester geworden, nahm er Anna Wiederkehr, die hübsche, häusliche und kräftige Tochter eines wohlhabenden Müllers und Rathsgliedes zu Bremgarten, zum Weibe. Es war kein leichtsinniges oder unstetes Verhältniß, sondern ewige, eheliche Treue beidseitig von Anfang ernstlich und ehrlich versprochen; insoweit war's eine vollgültige Ehe, zumal nach römisch-katholischer Lehre fehlte keines von den wesentlichen Merkmalen dieses (angeblichen) „Sakramentes“. Eine solche Verbindung lag auch so sehr in den Sitten der damaligen Weltgeistlichkeit, daß gerade die ernsteren und reineren unter den Priestern durchgängig in ein solches gebundenes Verhältniß traten, die schlechteren dagegen der Zügellosigkeit zulieb der Ungebundenheit huldigen. Zudem kam, daß in schweizerischen Landen manche Gemeinden, um den weiblichen Theil der Gemeinde eher geborgen zu wissen, schon längst keinen Seelsorger anstellten, der sich nicht in einer derartigen bleibenden Verbindung befand, ja daß im Bisthum Konstanz eine jährliche Abgabe von vier rheinischen Gulden, die dem Bischof entrichtet wurde, jeden Weltgeistlichen aller weitern Ahndung entledigte (vgl. Christoffel, Zwingli, Abth. 2. S. 337).

Dennoch litt auch dieses für jene Zeit möglichst reine Verhältniß - bis andere bessere Zeiten kamen - an dem unseligen Widerspruche, der in der entarteten römischen Kirche zwischen ihrer unevangelischen Satzung, durch die sie den Priestern das Joch der Ehelosigkeit aufgelegt hatte, und ihrer eigenen bodenlos laxen Praxis bestand. Nicht daß hier die eheliche Treue gewankt hätte; vielmehr hielt sie allen Stürmen Stand; nie war ein ehelicher Bund fester und unverbrüchlicher.

Aber bitter war für den jungen Priester der heftige Widerspruch, auf den seine Verbindung bei dem Vater und den zwei Brüdern seines Weibes stieß. Je lieber ihnen die Tochter und Schwester war, da sie dem Vater gar trefflich haushielt, desto zorniger waren sie. Alle drei heftigen Gemüthes, mächtig an Einfluß, krieggewohnt und voll wilden Kriegsmuthes, drohten sie Bullinger zu tödten, so daß er nirgends vor ihnen sicher war. Er gerieth deshalb auch in einen schweren Rechtshandel, in welchem seine Gegner vom Bischof zu Konstanz an den Erzbischof von Mainz appellirten. Nun, was that er? Er reiste nach Mainz und führte seine Anna mit sich aus dem Lande, damit sie dem Vater und den Brüdern aus den Augen käme. Er gewann den Prozeß und konnte dann, unbeirrt von seinen Obern, unter den Augen seines Bischofs in Konstanz und den übrigen bereits genannten Orten sein Priesteramt verwalten. Doch erst als die Brüder seiner Anna in auswärtigen Kriegen umgekommen waren, wagte er die Vaterstadt wieder zu betreten.

Seine freundlichen Verhältnisse daselbst sowie seinen Haushalt schildert der Sohn (zunächst nur für seine Kinder) in folgenden Zügen:

„Der Gemeinde war er gar angenehm und lieb; denn mit Speise und Tranck, mit Ehrenschenkungen gegen die Armen, ja gegen die ganze Gemeinde war er mildreich, gab große Almosen, so daß er von männiglich Ruhm und

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gar guten Namen hatte. Gegen die Reichen war er ganz freigebig und gastfrei. Sein Haus stand Jedermann offen, so daß es hieß, er halte Hof wie ein gewaltiger Herr. So war auch meine Mutter Anna gar geschickt mit Haushalten, Kochen und Rüsten, und hatte Lust und Freude, der Welt Ehre und Gutes zu erweisen. Den kranken Leuten in der Stadt that sie mit Kochen, Schicken und Besuchen viel Gutes. Viel vornehme Ehrenleute, auch die Gesandten der Eidgenossen, wann sie gen Baden oder anderswohin durch Bremgarten auf die Tagsatzungen ritten, kehrten bei ihm an. Er lud auch gern fremde Ehrenleute und führte sie mit sich heim. - Dieß gewahrten die Gewaltigen der Eidgenossenschaft gar wohl an ihm, hatten ihn lieb und werth und in Ehren, so daß er viel in der Eidgenossenschaft galt. Der Bischof von Konstanz, bei dem er viel vermochte, liebte ihn auch voraus, und wann er nach Mersburg oder Konstanz kam, ward er gar schön empfangen, gar wohl und ehrenvoll vom Bischof und den Seinigen gehalten“.

„Sein Amt in der Kirche und daneben, besonders mit Predigen, richtete er gar treulich aus, ward von der Gemeinde sehr gern gehört, so daß er deshalb allen Ruhm hatte und seinethalben keine Klage war. Was er aber für übrige Zeit hatte, die gebrauchte er zum Waidwerk mit dem hohen und niedern Gewild, Vögeln und Fischen, in dem Allem er einen besondern Ruhm hatte. Seine Jagdgefährten waren Junker Hans von Seengen, Junker Hans-Krieg von Bellikon, die Segesser von Mellingen, der Abt von Muri und viele Ehrenbürger von Zürich. Er verwandte große Kosten darauf, hielt acht bis zwölf Hunde von allerlei Art, Farbe und Größe, da er zu jeder Zeit des Jahres das Waidwerk trieb, das gerade im Gang war. Was er fing, verschenkte er meistentheils, sagte allezeit: „es freue ihn baß (besser) zu fangen, denn zu essen“, hielt dabei viel Ehrengastung. Dem Bischof von Konstantz und andern Herren machte er besonders viele Geschenke mit dem alleredelsten Geflügel, wovon er auch etliches, sowie einige Hunde ins Mailändische verkaufte. - Seine Söhne unterstützte er willig nach allem seinem Vermögen, daß sie bei den Studien bleiben und auf den Schulen lernen könnten. Er sagte allezeit, die Kosten reuen ihn nicht, wenn sie nur etwas lernen.“

Was aber an dem Manne war, wie viele kerngesunde Kraft in ihm verborgen lag, sollte erst unter schwereren Proben zu Tage treten. Zunächst gab Anlaß dazu das Auftreten des Ablaßkrämers Samson, der mit unglaublicher Schamlosigkeit ganz ähnlich wie Tezel in Deutschland wo möglich diesen noch an krasser Frechheit überbietend, nicht bloß für begangene, sondern sogar für künftige Sünden Ablaß feil bot und, obgleich beflissen den innigsten Eifer für der Eidgenossen Seelenheil zur Schau zu tragen, doch durch allzu offenkundige Geldgier vielfach das Gefühl des Volkes verletzte. Nachdem er die Kantone Uri, Schwyz, Zug, Luzern, Unterwalden und Bern mit immer zunehmendem Gepränge durchzogen und ausgesogen, kam er zu Ende Februar 1519 von Baden, wo ihm kraft seiner Gewandtheit Alles nach Wunsch gelungen

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war, nach Bremgarten, und hoffte hier um so mehr auf gute Beute, da er den Schultheiß Honegger und den Prediger Niklaus Christen schon in Baden völlig für sich gewonnen und von ihnen das Versprechen erlangt hatte, ihm in Bremgarten die Kirche zu öffnen. Allein der Dekan Bullinger widersetzte sich mit unerschütterlicher Standhaftigkeit, an der sowohl die Süßigkeit als die Derbheit des Römlings wie an einem Felsen abprallte. Der Dekan stützte sich mit vollem Rechte darauf: Samsons Vollmachtschreiben sei nicht vom Bischof von Konstanz genehmigt; ihm, dem Pfarrer, und keinem Andern stehe es zu, die Kirche dem Ablaßkram zu öffnen oder nicht, er werde nie zugeben, daß man seine ihm anvertraute Gemeinde mit unkräftigen Briefen um das Jhrige bringe.

Samson versetzte (laut Bullingers Chronik): Päbstliche Heiligkeit ist über bischöfliche Würde. Darum gebiete ich dir, in höchster Kraft, daß du die große Gnade deinem Volk nicht abwendest.

Der Dekan: Herr, ich werde das nicht thun; ich will von euch sammt euren Briefen und Ablaß in meiner Kirche nichts wissen, und sollt' es mich mein Leben kosten!

Samson, glühend vor Zorn: Dieweil du, Bestie, dich so freventlich dem heiligen Stuhl zu Rom widersetzest und dich auflehnst wider deine ordentliche Obrigkeit, so thue ich dich in höchsten Bann. Du sollst auch deß nicht entledigt werden, du habest denn zuvor dreihundert Dukaten zu rechter Buße deines unerhörten Frevels baar bezahlt.

Der Dekan drehte ihm den Rücken und gab zur Antwort: Jch getraue mich, was ich gethan, wohl und ehrlich an den Orten, wo es sich gebührt, zu verantworten. Darum frag' ich dir und deinem Banne nichts nach.

Samson: Jch sage dir, du freche Bestie, nächstens reise ich nach Zürich und will dich dort vor den versammelten Eidgenossen verklagen; denn größere Schmach und Verachtung wie von dir, du Bestie, ist mir in der ganzen Eidgenossenschaft und überall nie widerfahren!

Der Dekan: Jch darf auch vor meine Herren, die Eidgenossen, kommen, und dort vor ihnen wirst du mich gewiß finden!

So war Bullingers Vater. - Die Sache nahm übrigens für ihn einen glücklichen Ausgang, da in Zürich, wo eben damals die Abgeordneten der Eidgenossen beisammen waren, sich Alles wider den Ablaßkrämer vereinigte. Zwingli, obgleich erst zwei Monate in Zürich, hatte bereits kräftig gegen ihn gepredigt; der Bischof von Konstanz und sein allvermögender Vikar Faber, ungehalten darüber, daß Samson seine Vollmachten ihm nicht vorgewiesen und die betreffende Gebühr nicht entrichtet hatte, wirkte ebenfalls gegen ihn. Kurz, die Tagsatzung entschied sich wider ihn; sofort mußte er den Dekan Bullinger unentgeldlich vom Banne lossprechen und alsdann die Schweiz verlassen; er durfte noch froh sein, seinen schweren dreispännigen Geldwagen mit sich über die Alpen wegführen zu können.

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Wir werden später sehen, wie der Dekan Bullinger, damals noch weit entfernt von Rom oder von seinem Bischof sich loszusagen, unter Gottes Gnade zu einer köstlichen Garbe heran reifte. Hier sind noch seine Kinder zu erwähnen.

Von fünf Söhnen starben zwei in früher Kindheit; die übrigen waren: Johannes, Hans Bernhard und unser Heinrich. Johannes, geboren 1496, ward Priester, erlangte 1521 eine Kaplanei in Bremgarten, ward Pfarrer in Uri; muthig und heitern Wesens, ein großer Liebhaber der Jagd und der Waffen, zog er fröhlichen Muthes mit den Urnern als ihr Feldpriester ins Mailändische, kam aber 1527 ausgeplündert und übel zugerichtet nach Hause. Er hatte nun die Lust an Söldnerkriegen und am Pabstthum, die damals in der Schweiz aufs engste zusammenhingen, gleicher Maßen verloren. Er studirte sodann in Zürich einige Jahre lang, wurde Pfarrer in Birmenstorf, dann zu Rohrdorf in der Grafschaft Baden. Jm Jahre 1531 nach der unglücklichen Kappelerschlacht verlor er durch feindliche Ueberfälle all sein Hab und Gut, mußte sich flüchten und ward 1532 Pfarrer in Ottenbach. Da er an einem Schenkel „presthaft“ wurde, verordnete man ihn um mehrerer Ruhe willen 1557 zum Prediger nach Kappel; hier beschloß dieser etwas derbe Mann sein bewegtes Leben 1570.

Der zweite Sohn Hans Bernhard war seines Vaters Hauskreuz. Er ward aus eigener Wahl Schuster, lernte sein Handwerk trefflich, hielt sich erst fleißig, unterlag aber den für aufwachsende Schweizerjünglinge damals so furchtbar schweren Versuchungen zum leichten, üppigen Kriegerleben. „Der Arbeit überdrüßig zog er in den Rheinlanden und in der Schweiz umher, machte auf den Vater große Schulden, spielte große Spiele, nahm zwei Weiber, trieb großen Muthwillen, ward deshalb vom Vater hart bestraft, aber ohne alle Frucht, denn er rauh und boshaft war und sich gar nichts draus machte. Er fuhr hinaus ins Reich, hinab gen Köln, zog mit den Landsknechten in die Picardie, drauf nach Jtalien, von da nach Wien, und als der Türke Wien belagerte, 1529, kam er daselbst um. Das zeigten dem Vater zwei Landsknechte an; denen gab er ein gut Botenbrot.“ Von diesem Hans Bernhard sagte der Vater manchmal, daß ihm der Sohn schweren Kummer mache; „doch wie mehrtheils in allen Geschlechtern Schandflecken gefunden werden, so sei dieser elende Mensch der Bullinger Schandfleck gewesen und also demüthige Gott ein jedes Geschlecht, damit es sich nicht überhebe, sondern in der Demuth bleibe und andere Leute nicht bespöttle, auf daß man ihm nicht auch sein Gebrechen hervorziehe und ihm sage, was er nicht gerne hören möge.“

Doch der jüngste Sohn, Heinrich, sollte dem Vater diesen Kummer reichlich ersetzen und sein Geschlecht zu höherer Ehre bringen, als es je zuvor genossen. - Durchlaufen wir vorerst in Kürze die Tage seiner Kindheit.

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2. Die Kindheit.

Schon in frühen Tagen waltete über ihm Gottes bewahrende Huld, welche dieses Kind seiner Kirche zum Segen erhalten wollte. Jst es ja der Christen Vorrecht, auch im Kleinen das große Walten Gottes zu erkennen, so darf wohl auch dieß hier Erwähnung finden. Zweimal wurde er aus augenscheinlichster Todesgefahr errettet, gleichsam aus dem Rachen des Todes. Einmal nämlich ward er als Kind von der Pest so hart mitgenommen, daß man ihn bereits für todt hielt und schon das Leichenbegleit sich versammelt hatte; da kehrte plötzlich das Leben wieder gegen alle Erwartung, zum freudigsten Erstaunen Aller. Nicht lange nachher fiel er im Laufe zu Boden und stürzte so heftig auf eine Pfeife, die er in der Hand hielt, daß das Blut wie aus einer Röhre aus dem Halse hervorquoll, und er wegen Anschwellen des Halses fünf volle Tage weder Speise noch Trank genießen konnte. Jedermann verzweifelte völlig an seinem Aufkommen; dennoch erholte er sich durch Gottes Gnade. Einstmals führte ihn ein Landstreicher mit sich fort; glücklicher Weise traf er Leute an, die ihn kannten; diese entrissen ihn dem Entführer und brachten ihn wieder den Seinen. Welch ein verhängnißvolles Antreffen - für seinen ganzen weitern Lebensgang.

Rasch entwickelten sich seine Geisteskräfte unter der Pflege des rüstigen Vaters, der besonnenen Mutter und einer geistesfrischen Großmutter, die vor ihren übrigen Enkeln ihn vorzüglich liebte und ihm gerne aus ihrem langen, von Kriegsereignissen reichlich durchwogten Leben erzählte. Schon im dritten Jahre konnte er ganz verständlich reden, wußte auch das heil. Unservater und die zwölf Artikel des christlichen Glaubens auswendig. Oft schlich er sich in die leere Kirche und hob an mit seiner lieblichen Stimme von der Kanzel herab zu predigen: „Jch glaube usw.“ Vom fünften bis zum zwölften Lebensjahre besuchte er die Schule zu Bremgarten, die jedoch kaum für die ersten Anfänge ausreichen konnte.

Nun aber, wohin sollte der Vater sich wenden für seine weitere Vorbildung zum geistlichen Amte, für das was wir jetzt Gymnasialbildung nennen? Zu den größten Uebeln, die seit langer Zeit der Kirche anhafteten, am Seelenheil der christlichen Völker zehrten, Tausende ins Verderben führten und das Bedürfniß einer Reformation längst fühlbar machten, gehörte der Mangel an geeigneten Schulen und an Schulzucht, die sittliche Erschlaffung, ja die entsetzliche Verwilderung, die auch hierin durchweg herrschte. Eine nur einigermaßen bessere Schule war damals etwas Seltenes, Zufälliges und meistens von gar kurzer Dauer. Jnsgemein hatten eben die Lehrer die Gewohnheit, nach einem Aufenthalte von wenigen Monaten aus einer Stadt in die andere zu ziehen, um neue Schüler zu bekommen und ihr Auskommen besser zu finden. Daher sah man Schwärme von jungen Schülern, Schützen genannt, begleitet und verleitet von ältern, die bezeichnend genug Bacchanten hießen, durch alle

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deutschen Lande hin und her ziehen, bald üppig prassend, bald in Hunger und Mangel oft Monate lang herum schweifen, ehe sie an irgend einem Orte sich niederließen um da die Schule zu besuchen. Gefiel es ihnen daselbst nicht, kam ihnen etwa ein Rest von Schulzucht in den Weg, so brachen sie schaarenweise auf, bettelten sich von Dorf zu Dorf, durch Stadt und Land wieder weiter, schlugen hinter Zäunen und Wäldern ihre Lagerstätte auf, schickten die Jüngern unter ihnen auf den Bettel, ja selbst auf Diebstahl aus und verzehrten nach Zigeunerweise die zusammengebrachte Beute. Wie hätte dabei ernstes Lernen gedeihen können!

Wie nun? Sollte der Dekan Bullinger seinen zwölfjährigen Knaben in diese ihm selbst aus eigener Erfahrung allzuwohl bekannte, unfruchtbare Lasterschule hineinwerfen, aus der kaum Einer ohne Schaden zurück kam, Keiner ohne Verlust wichtiger Lebensjahre? Nein. Lieber entschloß sich ein so herzhafter Mann, den Sohn weit in die Ferne zu senden, ob auch dem Mutterherzen ein wenig davor bangen mochte, wenn er nur eine Stätte auffinden konnte, wo's um die Schule anders und besser stand.

3. Die Schule zu Emmerich; die Brüderschaft des gemeinsamen Lebens.

So sehen wir nun den zwölfjährigen Knaben Heinrich Bullinger im Jahre 1516 am 11. Juni zum ersten Male das elterliche Haus, die liebe Vaterstadt und die heimathlichen Gauen verlassen, zu Schiffe steigen und auf dem Rheinstrom hinunter reisen an mancher prangenden Stadt vorüber, durch die reizenden Gegenden des Rheingaus, an zahllosen Weinbergen, Dörfern und Burgen vorbei, hinaus in die weite Fläche des Niederrheins, ja bis an die nordwestliche Grenze Deutschlands, nach Emmerich (im Herzogthum Cleve), der letzten deutschen Stadt gegen die Niederlande hin. Hier langte der junge Bullinger am 4. Juli wohlbehalten an.

Aber warum denn Emmerich? Eben wegen der nahen Berührung und Gemeinschaft mit den Niederlanden. Denn hier war die Schule (auf der Stufe des Gymnasiums) eine andere und bessere geworden; hierher war von den Niederlanden aus theils für kirchliche Zwecke, theils namentlich für bessere Schulbildung namhafte Hülfe gekommen durch einen freien christlichen Verein, genannt die Brüder des gemeinsamen Lebens, die es wohl verdienen, daß wir einige Augenblicke bei ihnen verweilen. Fromme Männer von wahrhaft christlichem Sinne, theils Geistliche, theils Laien, denen das schreckliche Verderben der Kirche zu Herzen ging, die alle die Gebrechen des damaligen Klosterlebens wohl erkannten und schmerzlich empfanden, insbesondere die Ueppigkeit, den Müssiggang und die Selbstsucht der Betheiligten, die aber immerhin die gewaltige Macht zu schätzen wußten, welche der Vereinigung verliehen ist in kirchlichen Dingen, hatten seit mehr als hundert Jahren einen

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freien, nicht klösterlichen Verband geschlossen zur gegenseitigen Förderung in der Gottseligkeit durch christlich frommes Zusammenleben, zur Erbauung des Volkes zumal in der Landessprache, zur gemeinsamen Arbeit und Emsigkeit in helfender und dienender Liebe, namentlich aber zur leiblichen und geistlichen Unterstützung künftiger Kleriker, zur Heranbildung einer neuen, besseren Geistlichkeit. Während der Zeit ihrer Blüthe waltete ein stiller, milder, köstlicher Geist in dieser Gemeinschaft, ein warmer Hauch evangelischen Lebensgeistes. Noch lebt ein Zeugniß davon unter uns; es ist das wunderbar anziehende Buch von der Nachfolge Christi, als dessen Verfasser insgemein Thomas von Kempen bezeichnet wird; einer der Geistlichen unter den Brüdern des gemeinsamen Lebens, - ein Buch, das, zunächst diesem engen Kreise geweiht, schon seit Jahrhunderten zahlreiche Glieder verschiedener Konfessionen aus der äußern Kirchengemeinschaft ins innere Heiligthum lebendiger Gottesgemeinschaft geführt, in die Sprachen so vieler Völker übertragen, wie außer der Bibel kein anderes Buch, sich den Weg durch die Welt gebahnt hat und obwohl einer Zeit der Dämmerung entsprungen, doch seiner Jnnigkeit wegen wohl noch Jahrhunderte lang sich behaupten wird.

Unter der Hand von Männern solcher Gesinnung verlebte nun in Emmerich der junge Heinrich Bullinger drei seiner wichtigsten Jahre, in denen ja meist, besonders bei aufgeweckteren Geistern, dem Charakter sein unauslöschliches Gepräge zu Theil wird.

Jn mehr als zwanzig Städten der Niederlande und dann auch in mancher Stadt des nördlichen Deutschlands waren nämlich allmälig von Seiten dieses Vereines Bruderhäuser gegründet worden, und jedesmal entstand, entweder im Bruderhause selbst, oder davon abgesondert, wie es in Emmerich, dem Vororte des deutschen Theiles der Brüderschaft, der Fall war, eine stark besuchte und in ihrem dauernden Bestehen gesicherte Schule, da die Brüder den Schülern ermöglichten fast kostenfrei zu leben und zu lernen und dadurch auch den Lehrern die Sicherheit gewährten, stets eine ansehnliche Zahl von Schülern um sich zu haben. Eine Reihe ausgezeichneter Männer, in den Niederlanden, am Rhein u.s.w., welche später ganz verschiedenen Richtungen sich hingaben, erhielt in diesen Anstalten ihre Vorbildung.

Den ersten Unterricht hier in Emmerich erhielt unser Bullinger zu Hause durch seinen acht Jahre älteren Bruder Johannes, den er hier antraf, der zuvor schon zu Rottweil, Bern und Heidelberg auf Schulen gewesen, dessen ungestümes Temperament aber ohne anders gerade eine solche Zucht bedurfte, wie sie hier vorhanden war. Rücksichtlich des Unterrichts handelte sich's vor Allem um völlige Aneignung der damals alle Gelehrsamkeit beherrschenden lateinischen Sprache. Jn der Schule lernte und übte man die Grammatik ein nach den besten Schulbüchern jener Zeit, außerdem hatten die Schüler täglich schriftliche Aufgaben zu Hause zu lösen. Dann wurden Briefe des Plinius, Cicero und Hieronymus behandelt, von Dichtern Einiges aus Virgil, Horaz

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und dem in unseren Tagen weniger bekannten Battista von Mantua.[1] Wöchentlich hatten die Schüler größere Aufsätze, namentlich von ihnen selbst verfaßte Briefe zu liefern. Sie durften nur Latein sprechen; eine strenge Schuldisziplin wurde gehandhabt, welche Bullinger auch in spätern Jahren noch oft rühmte; die Religionsübungen verrichtete man mit größter Pünktlichkeit.

So gut sagte übrigens unserem Bullinger diese Strenge zu, so ganz und gar waren, wie er uns selbst sagt, seine Augen damals noch umnachtet, daß er sich vornahm, nach etlichen Jahren gerade in den strengsten Orden zu treten, nämlich Karthäuser zu werden, wie denn freilich die Anstalten der Brüder mitunter Pflanzstätten für die Orden der Bettelmönche galten. Jndeß ermahnte ihn sein Bruder, er solle doch ja einen solchen Schritt nicht unbesonnen thun, besonders nicht ohne die Einwilligung der Eltern, und er befolgte diesen Rath. Während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Emmerich wohnte er bei Cornelius Holländer, einem Bürger jener Stadt, den er hochachtete. Den Unterhalt gewann er wie Andere durch Singen vor den Hausthüren; der Vater bezahlte für ihn während dieser drei Jahre bloß 33 Gulden und kleidete ihn zweimal, nicht aus Armuth, auch nicht aus Kargheit, sondern weil er wollte, daß der Sohn aus eigener Erfahrung lerne, was Armuth sei, und alsdann sein ganzes Leben hindurch gegen Dürftige sich desto barmherziger erzeige. Und diesen Zweck erreichte der Vater auch völlig. Was der Sohn überhaupt unter den Brüdern sah von werkthätiger Liebe, konnte eben diesem Zwecke nur förderlich sein.

Noch in zweifacher Beziehung ist es uns auffallend, wie das Wesen der Brüder in unserm Bullinger sich wiederspiegelt, sei's aus natürlicher Anlage, sei's durch ihren Einfluß. Einerseits nämlich war es Grundsatz der Brüder, ihre Angehörigen nie unbeschäftigt zu lassen, nie dem verderblichen Müssiggang Raum zu gestatten, sondern sie in steter Arbeitsamkeit zu erhalten, wie denn wohl auch deshalb gerade das Brüderhaus zu Emmerich den freundlichen Namen „der Bienenkorb“ erhalten hatte. Die Arbeitslust und

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Arbeitskraft, die stete Emsigkeit durchs ganze Leben bis ins Greisenalter wird uns aber gerade an Bullinger in ganz vorzüglichem Maße entgegentreten. Anderseits veranlaßten die Brüder die Jhrigen hinwieder zu steter Selbstbetrachtung, und auch darin erscheint er uns wie ihr treuer Schüler; denn eben die fortgehende Verständigung über sich selbst, die Vorliebe fürs Sammeln, Bewahren und Ordnen alles dessen, was das eigne Leben angeht und damit zusammenhängt, die klare Anschauung der eigenen Lebenslage, die, wie wir sehen werden, in den entscheidenden Wendepunkten seines Lebens ihm mächtig durchhalf, gehört ebenfalls zu dem, was wir bei unserm Bullinger in seltenem Maße antreffen.

Jm Februar 1519 besuchte er mit seinem Bruder den Vater in Bremgarten. Jm März aber, also kurz nach des Vaters heldenmüthiger Zurückweisung Samsons, reisten beide Brüder wieder zusammen rheinabwärts. Johann blieb in Köln, Heinrich vollendete noch seinen Schulkurs in Emmerich. Jm Juli 1519 nahm er Abschied von seinen Lehrern Kaspar von Glogau, Peter von Cochem an der Mosel und Johann Aelius von Münster, sowie von seinen Freunden Eberhard von Jülich und Hermann von Meurs, und bezog sammt Michael Wüst, seinem Vetter und steten Studiengenossen, die Hochschule zu Köln.

4. Die Hochschule zu Köln.

Wunderbar genug sind die Wege des Herrn, auf denen er die Seinen führt zu dem von ihm bestimmten Ziele. Denn wohl können wir in Bullingers Aufenthalt zu Emmerich eine heilsame Berührung mit der niederländischen Frömmigkeit erkennen, gleichsam ein Anzeichen und Vorspiel der Gemeinschaft, die in der Folgezeit erst weit stärker und bedeutender werden sollte, wie denn Bullinger selbst im Falle war, in späteren Jahren mit reichlichen Gaben das dort Empfangene zu erwiedern. Daß aber Köln die rechte Geburtsstätte werden sollte für das innere Leben eines der schweizerischen Reformatoren, wer hätte das ahnen dürfen? Denn das stolze Köln, jene prachtvolle erzbischöfliche Stadt, die, gleichsam als deutsches Rom, mit ihren zahllosen Kirchen in weitem Halbrund glänzend sich hinstreckt am Rheinstrom, hatte ja eben damals in einem weltberühmten Streite sich überaus feindselig erwiesen gegen die aufblühende Wissenschaft und sollte alsbald als ein Hauptsitz finstern Grimmes sich zeigen in dem größeren Kampfe wider das neu erwachende Glaubensleben. Gerade die hohe Schule daselbst, voraus die bei ihr allvermögenden Predigermönche thaten sich in Feindseligkeit gegen die Gotteskraft des aufleuchtenden Evangeliums über die Maßen hervor. Und doch mußte das Alles unserem von Gott ausersehenen Werkzeuge nur dazu dienen, daß sein evangelisches Glauben und Leben desto mehr ein selbst errungenes und

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selbständig von oben empfangenes werde. Doch, achten wir vorerst auf das zusammentreffende Einzelne.

Zunächst hatte der fünfzehnjährige Bullinger, nachdem er ins Album der Hochschule eingetragen und in eine der vorbereitenden Anstalten, Bursa Montis genannt, aufgenommen worden, sich mit der Weltweisheit, insbesondere der Denklehre (Logik) zu befassen, die freilich in ihrer damaligen dürren und abgelebten Gestalt einem gesunden, regsamen Geiste wenig Anziehendes darbot, aber zum weitern Fortschreiten unerläßlich war und immerhin dem Schüler wider allerlei Blendwerk und trügerische Fechterkünste redefertiger Gegner einige Waffen zu reichen vermochte. Daher widmete unser Bullinger sich ihr, wiewohl sie ihn anwiderte, doch mit solchem Fleiße, daß er schon im folgenden Jahre ruhmvoll seine Prüfung bestand und (im Oktober 1520) den untersten akademischen Grad, den Rang eines Baccalaureus erlangte. Doch sehnte er sich mit gleichgestimmten Freunden nach frischerer Geistesnahrung und fand sie durch ein tieferes Studium der Alten vornehmlich der lateinischen Klassiker unter der freundlichen und treuen Leitung trefflicher Männer, namentlich des Matthäus Frischheim (Phryssemius), Johann Sobius, Arnold von Wesel und Johann Cäsarius (de Keysere), von denen mehrere mit den Bründern des gemeinsamen Lebens in Verbindung standen, der letztere auch später noch mit Bullinger in vertrautem Briefwechsel blieb und selbst im höchsten Alter mit wahrer Herzensfreude die theologischen Schriften seines ehemaligen Zöglings begrüßte und studierte.[2] Zu Hause las Bullinger mit unausgesetztem Fleiße Quintilian, Gellius, Macrobius, Plinius, Solinus, Mela, Justinus und Homer, auch Manches von Erasmus. So fröhlich trieb er diese Studien, daß er das große, damals über Alles geschätzte Heldengedicht Virgils, die Aeneide (9900 Verszeilen) seinem leichtfassenden Gedächtniß einprägte. Daneben übte er sich unermüdet, wie er schon auf der Schule zu Emmerich sich gewähnt hatte, in schriftlichen Aufsätzen, verfaßte Briefe, Reden, Gespräche, Erzählungen, schrieb auch Uebersetzungen. So haben wir noch ein Bruckstück einer lateinischen Rede über den Grundgedanken: „Fliehet die Lüste!“, das von seinem feurigen Eifer für das Edle und Reine, seinem lebendigen Widerwillen gegen alle Unlauterkeit, von dem er schon damals erfaßt war, wie von seiner Belesenheit ein rühmliches Zeugniß darbietet. Seine Begeisterung für das neu erregte wissenschaftliche Leben (welches eben in Köln damals feindlichen Angriffen ausgesetzt war) trieb ihn auch zur Abfassung von Streitschriften wider ihre Gegner in Gesprächform; doch blieben sie, als bloße Versuche eines Studierenden, im Kreise seiner Freunde.

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Nun aber kam für ihn die Zeit des theologischen Studiums und da sollte allmälig seiner Seele ein anderes und helleres Licht aufgehen. Gerade um jene Zeit (ums Jahr 1520) fing man an, wie Bullinger selbst uns erzählt, in allen Kreisen, auch in Köln heftig zu streiten für und wider Luther, dessen Schriften eben jetzt von den Universitäten zu Löwen und Köln für ketzerisch erklärt und öffentlich verbrannt wurden. „Jch, sagt Bullinger, war damals der papistischen Lehre eben so unkundig wie der lutherischen. Daher wandte ich mich an einen in der päbstlichen Lehre wohlerfahrenen Mann und fragte ihn um Rath, was ich lesen sollte, da ich doch gern mit der Zeit möchte Priester werden und ein Verlangen hätte, die ächte, immer und überall gültige christliche Lehre nach Form und Jnhalt gründlich kennen zu lernen. Dieser rieth mir den Petrus Lombardus an,“ eine Sammlung von Aussprüchen der Kirchenväter über die verschiedenen Punkte der christlichen Lehre. Bullinger las nun voll Lernbegierde diese Sammlung, die, verfaßt im zwölften Jahrhundert, jener Zeit, da die Pabstmacht auf ihren Höhepunkt stieg, seit mehr als dreihundert Jahren das gewöhnliche Lehrbuch der Theologie-Studierenden war. Er las dazu noch das damals in höchstem Ansehen stehende päbstliche Rechtsbuch, auf das man sich bei den Streitigkeiten zwischen Luther und den päbstlich Gesinnten von Seiten der letztern immer berief, Gratians Sammlung kirchlicher Dekrete, ebenfalls aus dem zwölften Jahrhundert, welche für alle päbstlichen Ansprüche den Rechtsboden bildete und willkommene Stützen darbot.

„Jch sah nun, erzählt Bullinger weiter, daß diese beiden Schriftsteller, sowohl Petrus Lombardus als Gratian sich in Allem auf die frühern Kirchenlehrer, die Kirchenväter, beriefen, Alles von diesen hernahmen, und beschloß daher, auch die Schriften der Kirchenväter mir anzusehen. Es gibt aber zu Köln im Dominikanerkloster eine ansehnliche Bibliothek, voll guter und schlechter Bücher, theils kirchlichen, theils weltlichen Jnhalts. Jn dieser Bibliothek hatte ich freien Zutritt, so oft ich wollte, hauptsächlich durch die Vermittlung eines mir befreundeten Landsmannes, des Dominikanermönchs Georg Diener aus Elgg im Kanton Zürich, welcher späterhin zum Provinzialvorstand seines Ordens erhoben wurde.

Zuerst kommt mir da in die Hände ein Werk des Chrysostomus, seine Predigten über das Evangelium St. Matthäi. Jch lese, und bemerke einen auffallenden Unterschied zwischen der Behandlung der christlichen Wahrheiten bei den ältern Kirchenlehrern und hinwieder bei denen aus der Zeit der päbstlichen Herrschaft, einem Petrus Lombardus und Gratian. Dasselbe bestätigt sich mir, da ich Einiges von Ambrosius, Origenes und Augustin durchlese.[3]“ Nunmehr schlug Bullinger auch des vielgeschmähten Luthers Schriften auf, namentlich die von der babylonischen Gefangenschaft (erschienen

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1520), von der Freiheit eines Christenmenschen (1520), die Erläuterung des Artikels von den guten Werken.[4] Er las sie mit größtem Eifer zu Hause insgeheim. Er war zwar noch nicht sofort im Stande über die äußerst schwierigen Lebensfragen der Zeit völlig ins Klare zu kommen, die althergebrachten irrthümlichen Lehren der bestehenden Kirche und ihre irrigen Gebräuche, die ihm von Kindheit auf als ehrwürdig dargestellt worden, zu durchschauen und sich davon loszureißen. Doch sagt er: „das bemerkte ich wohl, daß Luther den Kirchenlehrern der ersten christlichen Jahrhunderte weit näher komme als die schulmäßigen Theologen (Scholastiker), ferner bemerkte ich ebenfalls, daß wie die Scholastiker auf die Aussprüche der Kirchenväter, so diese auf die Autorität der heiligen Schriften des alten und neuen Testamentes sich stützen.[5] Daher verschaffte ich mir ein neues Testament, las das Evangelium St. Matthäi und was der Kirchenvater Hieronymus (im vierten Jahrhundert, der bei den Brüdern des gemeinsamen Lebens besonders viel galt) darüber geschrieben hat; ich fuhr fort auf dieselbe Weise mich mit den übrigen Schriften des neuen Testamentes bekannt zu machen, und jetzt erst gab ich den Plan auf, mit dem ich mich immer noch getragen hatte, Karthäuser zu werden, ja ich faßte nun allmälig einen Widerwillen gegen die ganze papistische Jrrlehre und fing an mich mit Entrüstung davon abzuwenden. Da fielen mir die soeben herausgekommenen Hauptpunkte der christlichen Lehre (Loci communes) von Melanchthon (dem treuen Mitarbeiter Luthers) in die Hände; die las ich mit höchstem Vergnügen; ich war ganz entzückt davon. Nun widmete ich mich vollends aus allen Kräften und mit heiligem Ernste vornehmlich dem Studium der Bibel. Solches ging in mir vor und das war meine Arbeit bei Tag und Nacht in den Jahren 1521 und 1522.“

So einfach und natürlich erzählt uns Bullinger seinen innern Entwicklungsgang, den er rücksichtlich seiner theologischen Studien, seiner religiösen Ueberzeugung und seiner kirchlichen Gesinnung durchmachte in dieser entscheidenden Zeit seines Lebens. So fingen bei ihm die Nebel der päbstlichen Lehre an sich zu heben und dem aufgehenden Lichte der evangelischen Wahrheit zu weichen. Er war nun ein Bibelfreund und im Grunde der Seele Protestant geworden. - Auf diese seine innere Entwicklung mußte hier etwas näher eingetreten werden um der Wichtigkeit dieses Wendepunktes willen; auch

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ist insbesondere noch darauf hinzuweisen, wie einflußreich die Art und Weise dieser Umgestaltung seiner Gesinnungen für sein ganzes übriges Leben wurde, indem sie seiner weiterhin sich bewährenden Entschlossenheit und Festigkeit zu stärkster Unterlage dienen mußte. Eben derselbe Weg aber, der für ihn der rechte war, der Weg des allmäligen Zurückgehens, den wir unsern Bullinger in seltener Vollständigkeit und Gründlichkeit zurücklegen sehen, möchte wohl jeweilen für Manche, namentlich für geistig Begabte und von Forschungstrieb Beseelte der rechte, gottgewollte Weg sein zur Errettung aus Roms Banden und zur Einführung in die evangelische Gemeinschaft oder Gesinnung. Scheint es doch, daß der römischen Kirche überhaupt eben auf diesem Wege des Zurückgehens auf eigene bessere Zustände früherer Tage und deren Wiedererfassung am ehesten noch möchte geholfen werden aus ihrer Verdunkelung.

Fassen wir das Gesagte noch in Kürze zusammen. Es ist, wie wir gesehen haben, Bullingers Uebertritt aus der römisch-päbstlichen Kirche in die evangelische Gesinnung nicht ein Sprung, sondern ein Gang, nicht etwas Plötzliches, sondern etwas Allmäliges, nicht ein leichtfertiges oder willkürliches Wegwerfen des Gegebenen, um ein dargebotenes Neues zu erhaschen, sondern ein nothgedrungenes, berechtigtes, in sich geschlossenes Zurückgehen von dem bloß Hergebrachten zu dem wahrhaft Alten, Aechten und Ursprünglichen. Es ist nicht ein Aufgeben des Zusammenhanges mit der Kirche und dem von ihr Dargebotenen, sondern ein sorgsames Bewahren und Forterhalten des Zusammenhanges mit der ächten christlichen Kirche bis in ihre früheren und frühesten Zeiten hinauf. Das energische Streben darnach führt ihn, wie er selbst es späterhin bezeichnet, von Stufe zu Stufe, von den Scholastikern nämlich, den päpstlichen Schultheologen des Mittelalters, zu den älteren Kirchenlehrern, den Kirchenvätern der ersten Jahrhunderte, und von diesen immer näher zum Lichte, bis hinauf zur lauteren Quelle der evangelischen Wahrheit, zur heiligen Schrift.

Damit war indeß die Richtschnur gefunden, die den Bruch mit der vom uralten, ächten, evangelischen Christenthum abgefallenen römischen Kirche vollenden und alles Weitere beherrschen mußte. Eben wegen dieses ruhigen geordneten Ganges seiner innern Umbildung, wegen dieses Festhaltens am Zusammenhange mit der allmäligen Entwicklung der Kirche beseelt ihn dann aber auch sein ganzes Leben hindurch vorzüglich kräftig das Bewußtsein, daß er in der Kirche steht, in der wahren, apostolischen und evangelischen Kirche Christi, nicht außer ihr, daß die evangelische Kirche, der er angehört, die ächte Kirche Jesu Christi sei, und daß der Vorwurf der Häresie (Ketzerei) vielmehr die päbstliche, römische Kirche treffe, nicht die evangelische. Deshalb ist er auch vornehmlich der Mann der Kirche im rein evangelischen Sinne und besonders geeignet und berufen an seinem Orte beizutragen zu ihrer Gestaltung, zum Aufbau und Ausbau der dem Evangelium gemäß reformirten Kirche.

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Jndeß würden wir uns täuschen, wenn wir uns einbildeten, daß diese verhältnißmäßig ruhige innere Entwicklung in Bullingers Geistesleben vor sich gegangen wäre ohne heftige innere Kämpfe für ihn mitzubringen. Namentlich lag ihm das Meßopfer, dieser Mittelpunkt des papistischen Kultus, hart an. Die ersten Zweifel an der Richtigkeit der Messe wurden in ihm aufgeregt durch die Kölner Theologen selbst, deren theologischen Schulgesprächen (Disputationen) er im Dominikaner-Kloster oft und gern zuhörte. Wie es ihm dabei zu Muthe war, wie er dabei litt in seiner Seele und sich daran zerarbeitete, vernehmen wir aus einem vertraulichen Briefe, worin er einem Freunde schreibt: „Oft quälte mich's so sehr, daß ich fast am Leben verzweifelte.“

Doch nein! Gott wollte ihn nicht versinken lassen; der gnadenvolle Erbarmer, der auf jedes seiner ringenden Kinder herniedersieht, nahm sich des kämpfenden, geängsteten Jünglings an; er führte ihm die rechten Mittel zu. „Gottes Gnade“ schloß ihm, wie er selbst bezeugt, die Wahrheit auch noch darüber auf; es war im Jahre 1521, daß ihm das rechte Licht aufging über das heilige Abendmahl nach der Einsetzung unseres Herrn Jesu Christi. So wunderbar und lieblich sind die Gnadenwege Gottes, auf denen er unsern Bullinger zum evangelischen Lichte hindurch dringen ließ.

Nun aber war es für ihn Zeit an die Heimreise zu denken. Noch nicht achtzehn Jahre alt, erhielt er nach glücklich bestandener Prüfung damaliger Sitte gemäß die Würde eines Magisters. „Auch ich, sagt er, war im Erstreben von Titeln so närrisch gleich Andern, wie's damals Brauch war.“ Jedoch bediente er sich später dieses Titels nie, da er dem eitlen Gepränge, das unter dem Pabstthum mit Titeln und Würden getrieben ward, von ganzer Seele abhold war.

Freundschaft pflog er während seines Aufenthaltes in Köln vornehmlich mit Jakob Bucher von Suhr im Aargau, Peter Homphäus von der Mosel, Leonhard Hospinian (Wirth) aus dem Toggenburg, Anton Protegensis aus Trier, Dietrich Bitter aus Wipperfürt. Die ganze Zeit wohnte er bei dem Diakon Dietrich Lysias; vom Vater erhielt er während dieser drei Jahre 118 Gulden und einmal die Kleidung. Noch ist hier eines kleinen Vorfalls zu erwähnen aus der ersten Zeit seines Kölnerlebens. Da er nämlich in Köln zum ersten Mal in seinem Leben über einige Baarschaft zu verfügen hatte, stellte er sich wiederholt mit andern Studenten bei einem Kramladen ein, um Naschwerk zu kaufen. Der Krämer aber, der fand, daß die jungen Leute das Geld ihrer Eltern unnützer Weise ausgäben, fuhr sie hart an: sie sollten's nicht mehr wagen zu ihm zu kommen; sonst würden sie sehen was er thue. Noch im Alter erinnerte sich Bullinger öfter mit Dank des gewissenhaften uneigennützigen Mannes.

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5. Das stille Jahr.

Im April 1522 langte Bullinger wieder in Bremgarten an, nachdem er fast sechs Jahre am Rhein verlebt hatte, und wurde von den Seinen aufs liebevollste empfangen. Jm väterlichen Hause, woselbst er den ganzen übrigen Theil dieses Jahres verlebte, hatte er bei dem vielfachen Verkehr die beste Gelegenheit im Vaterlande wieder recht heimisch zu werden.

Es bot sich ihm zwar eine Gelegenheit, als Lehrer angestellt zu werden; vom Abte eines Klosters auf dem Schwarzwald erging ein Ruf an ihn; er reiste hin. Als er aber das unsittliche Wesen und Leben der Mönche sah, war seines Bleibens nicht mehr; unter einem solchen Abte mochte er nicht dienen, in solch eine falsche Lebensstellung wollte er sich nicht verstricken lassen; rasch brach er auf und kehrte ohne Abschied sofort heim.

So war er nun wieder aufs stille Warten verwiesen. Wohl war's eine Zeit der Geduldübung. Wie köstlich aber für ihn, daß er noch eine längere Zeit hindurch ruhig seinen Studien obliegen, sich innerlich auf dem neu gewonnenen Standpunkte befestigen, die errungene Ueberzeugung noch tiefer begründen und weiter verarbeiten konnte. Das that er denn auch mit gewohntem angestrengtem Fleiße, las die Classiker, übte sich in Abfassung schriftlicher Aufsätze, bereicherte seine Kenntniß der älteren reineren Kirchenlehre, wie sie in den ersten Jahrhunderten, vor dem Emporkommen der Pabstmacht, gewesen war, las namentlich Schriften von Athanasius, dem Haupte der kirchlichen Rechtgläubigkeit im vierten Jahrhundert, und Vieles von Lactanz, der durch seine gefällige Schreibart wie durch edle Gesinnung sich auszeichnet. Jnsbesondere aber mußten für ihn von grossem entscheidendem Werthe sein die Werke Cyprians aus dem dritten Jahrhundert, die er ebenfalls studierte, da dieser hochangesehene Bischof der afrikanischen Kirche einerseits für die Einigkeit und innere Kraft der Kirche Alles gethan, gegen sittliche Laxheit wie gegen willkürliche und übertriebene Strenge mit heiligem Ernste und mit Erfolg geeifert und anderseits den damals schon beginnenden Anmaßungen des römischen Bischofs aufs entschiedenste und mit schlagenden Gründen sich widersetzt hatte. Wie treulich auch Cyprian sich an die Ueberlieferung anschloß, war sie ihm doch nicht die höchste Autorität, vielmehr sagt er unumwunden: „Die Gewohnheit ohne Wahrheit ist nichts als ein alter Jrrthum; nicht die Gewohnheit darf man zur Richtschnur machen, sondern die Wahrheit muß siegen!“

Doch genug an diesen wenigen Angaben, um anzudeuten, welche reichhaltigen Fundgruben unserm Bullinger sich öffneten durch vertrauteren Umgang mit den großen Männern Gottes aus den ersten christlichen Zeiten, welche noch einen reineren Zustand der Kirche gesehen hatten, näher standen der apostolischen Zeit und so ganz geflissentlich auf die heilige Schrift sich stützten, die auch ihm seines Lebens Kern und Stern geworden war. - Daneben

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freute er sich an jedem neu erscheinenden Werke Luthers, wie „von Abschaffung der Messe“, „von den Gelübden“, ferner „vom alten und neuen Gott“ u.s.w.

Wer da weiß, wie groß und schwer die Aufgabe des theologischen Studiums ist und sein muß für jeden, der als evangelischer Christ und künftiger Lehrer der Christen zu selbständiger persönlicher Ueberzeugung in Rücksicht auf die Gesammtheit christlicher Lehre gelangen will, wie viel Aneignung und Verarbeitung des Gegebenen dazu erfordert wird, und wie schwierig dies eben damals sein mußte, ehe unsere protestantische Kirche Bestand gewonnen, als Alles noch in Gährung durch einander wogte, der muß es wohl als eine besondere Wohlthat der göttlichen Vorsehung ansehen, daß unserm Bullinger nach Vollendung seiner akademischen Studien eine solche Zeit zu Theil wurde, in der er, unbeirrt von Geschäften und ungehindert von Seiten seiner Umgebung, noch weiter dieser Geistesarbeit obliegen konnte.

Wo sollte er aber überhaupt einen Platz in der Welt finden? Schwer mußte es ihm fallen eine angemessene Lebensstellung zu erlangen. Sollte er Priester werden, wozu der Vater im Einklang mit seinem eigenen Wunsche ihn seiner Zeit in die Ferne gesandt hatte, und anheben Messe zu lesen, wie selbst Zwingli, Leo Judä und alle Andern damals noch thaten; sollte er dies jetzt anfangen zu thun mit dem Pfeil im Herzen, unter der steten Anklage des Gewissens, daß er dabei wider Gott handle und wider sein heiliges Wort? Nimmermehr! Dafür war zu viel evangelisches Licht ihm schon aufgegangen. Jm Gegentheil hatte er schon angefangen den papistischen Gottesdienst zu meiden und besonders die Messe, die ihm „als irrig und gottlos“ erschien, mit tiefem Abscheu zu fliehen. Eine protestantische Kirche aber, der er seine Kräfte hätte weihen können, gab es noch nicht. - Sollte er also geschäftlos bleiben?

Doch auch dafür sorgte Gottes Huld zu rechter Zeit.

 

Zweiter Abschnitt.

Das Schulamt in Kappel. 1523-1529.

6. Bullingers Anstellung. Die Schule.

Drei Stunden von Bremgarten in südöstlicher Richtung und drei Stunden von Zürich entfernt im Züricher Gebiete, ganz nahe an der zugerischen Grenze liegt das Cisterzienserkloster Kappel, ausgezeichnet durch seine zierliche Kirche, in dem äußerst anmuthigen Thalgrunde, der vom südlichen Abhange der Albiskette sich gegen das Becken des Zugersees hin allmälig senkt, umgeben von saftig grünenden Matten, zahlreichen Obstbäumen, die mit

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reizenden kleinen Gehölzen abwechseln; nach Süden breitet sich die Thalebene aus, begrenzt von dunkel bewaldeten Vorbergen, hinter denen der Pilatus und Rigi sammt ihren Brüdern hervor ragen und darüber in weitestem Umkreise die ganze Kette der himmelanstrebenden Schneegebirge des Schweizerlandes, die in ihrer unaussprechlichen Herrlichkeit eine so wunderbar kräftige Sprache Gottes reden an fühlende Menschenherzen. (Apostg. 17, 27.)

Auch an dieser einst von sinnig frommen Herzen zum Preise Gottes geweihten Stätte war die Fluth des Verderbens hoch gestiegen, entsetzlich hoch. Doch seit einigen Jahren waltete hier als Abt Wolfgang Joner, zubenannt Rüppli, Sohn des Schultheißen in Frauenfeld, ein wackerer, ernstgesinnter, wohldenkender Mann, ein Freund der Wissenschaften, der anfing dem aufgehenden Lichte des Evangeliums sein Auge zu öffnen, der Willens war, gemäß der ursprünglichen Bestimmung der Klöster, Stätten der Bildung und des Unterrichts zu sein, seinem Kloster zu geistigem Auffschwung zu verhelfen und deshalb daselbst eine Schule zu errichten. Da er nun von den Kenntnissen und der Bescheidenheit des jungen Bullingers Rühmliches hörte, ließ er ihn zu sich kommen, unterredete sich freundlich mit ihm und berief ihn sofort zum Lehrer und Leiter an seine neu zu gründende Klosterschule. Bullinger nahm am 17. Januar 1523 den Ruf an, doch nur unter Bedingungen, die sowohl von der Klarheit zeugen, mit der er vom ersten Augenblicke an seine Stellung in Kappel zeugen, mit der er vom ersten Augenblicke an seine Stellung in Kappel erfaßte, als von der Entschiedenheit jede schiefe und darum verderbliche Lebensstellung zu vermeiden. Er behielt sich nämlich rücksichtlich der Religion völlige Freiheit vor und daß er durchaus nichts wolle zu schaffen haben mit den Klostergelübden, mit Mönchsthum, Kutte, Chorgesang, Kirchendienst und dem ganzen papistischen Aberglauben, wie er damals noch im Flor war. Jm Aeußern nämlich war eben noch nirgend eine Reformation vorgenommen worden, da Zwingli den Grundsatz festhielt, durch die Predigt des Gotteswortes müssen zuerst die Herzen erleuchtet werden, und die Zuversicht hegte, alsdann werden die Mißbräuche von selbst hinfallen und statt der unevangelischen Gebräuche der ächte und reine Gottesdienst willig eingeführt werden.

Daher wollte Bullinger überhaupt nicht gezwungen sein, am Gottesdienste Theil zu nehmen, sondern lediglich seinen Studien leben und Schule halten. Das Alles gestand ihm der Abt um so eher zu, da er selbst schon angefangen hatte, die einfache christliche Lehre, so weit er sie kannte, zu predigen, Bullinger aber in seinen übrigen Ansprüchen äußerst bescheiden war. Einen geheiligten Wandel zu führen und gut und treu zu lehren, war daher das Einzige, was der Abt von ihm verlangte. Bullinger hielt es nun so. "Jch ging in die Kirche, sagt er, betete zu Gott an irgend einem stillen Plätzchen und hörte die Predigt." Dann verließ er die Kirche.

Was seinen nächsten Wirkungskreis, die Schule, anlangt, so fehlte es ihm da nicht an Arbeit. Fünf Stunden hatte er täglich Unterricht

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zu ertheilen. Vier Stunden täglich unterrichtete er die Jüngern, namentlich die Schüler, die der Abt hiefür ins Kloster aufnahm, in der lateinischen Sprache nach den Lehrbüchern des Erasmus, ließ mündliche und schriftliche Uebungen vornehmen, erklärte Cicero, Sallust, Virgil u.s.w. Eine Stunde an jedem Vormittage hielt er theologische Vorlesungen, legte nach und nach sämmtliche Bücher des neuen Testamentes aus mit Benutzung der vorzüglichsten Auslegungen der Kirchenväter, las ferner über die "Ermunterung" und die damals hochgepriesene "Anleitung des Erasmus zum Studium der Theologie", sowie über Melanchthons "Hauptartikel der christlichen Lehre". Diesen letzten Vorträgen wohnte der Abt sammt den sämmtlichen Mönchen bei; der Abt gestattete Jedermann freien Zutritt, wer etwa aus der Umgegend z.B. aus dem benachbarten Zug sich einzufinden Lust hatte. Bullinger trug, was damals etwas ganz Neues war, in deutscher Sprache vor, um den Mönchen und den Uebrigen desto verständlicher zu werden; schriftliche Vorbereitung machte er sich gewissenhaft zur Pflicht.

Ganz im Einklang mit Zwingli's oben bezeichnetem Grundsatze drang der junge Schullehrer zu Kappel insbesondere in seinen theologischen Vorträgen sowie in mündlichen Gesprächen, zu denen er durch vielfache Fragen und Einwürfe seiner scharf prüfenden Zuhörer gedrängt ward, Tag für Tag auf eine Reformation in Lehre und Leben, und schärfte die Nothwendigkeit ihrer Aus- und Durchführung ein, indem er die lautere göttliche Wahrheit seinen Zuhörern vorhielt und sie dadurch von den Fesseln der papistischen Jrrthümer immer freier zu machen suchte. Der Abt, wiewohl ihm über einige Abirrungen bereits ein Licht aufgegangen, war in manchen Punkten noch eifrig den Satzungen der römischen Kirche zugethan, doch nicht unempfänglich für freundliche Belehrung. Wenn ihm nun Bullinger das Jrrige daran aus den heil. Schriften darlegte und aus Hieronymus oder andern Kirchenlehrern der ersten Jahrhunderte ebenfalls nachwies, wie diese die eine oder andere der päbstlichen Jrrlehren nicht theilen, so ließ er sich gerne belehren und sagte öfter: es nehme ihn selbst Wunder, daß er diese Dinge so oft gelesen und nicht eigentlich darüber nachgesonnen habe, sondern dem allgemein verbreiteten Jrrthum gefolgt sei. Ueberhaupt bildete sich zwischen dem mehr als fünfzigjährigen Abte und seinem anfangs neunzehnjährigen "Schulmeister" ein so liebliches Verhältniß, daß Letzterer davon sagt: "Er war wie ein Vater gegen mich, nicht wie ein Herr." Ein ähnliches Band der Freundschaft verknüpfte ihn mit dem Prior des Klosters, dem trefflichen Peter Simmler aus Rheinau, nachherigem Pfarrer zu Kappel, mit dessen Beihülfe er die Geschichte des Klosters lateinisch beschrieb, und ebenso mit dem sanftmüthigen Wernher Steiner, einem vornehmen Bürger und Priester in Zug, der auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem 1519 in Venedig sich eine Bibel gekauft und alsdann 1522 jene Bittschrift unterzeichnet hatte, mit welcher der ihm befreundete Zwingli nebst zehen Geistlichen sich an den Bischof

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von Konstanz wandte um Freiheit das Evangelium zu predigen und Aufhebung der gezwungenen Ehelosigkeit der Geistlichen von ihm zu begehren. Unter Bullingers Schülern war anfangs nur Einer, der zum geistlichen Stande bestimmt war, Johannes Frei (Liberianus), da die Zürcher noch argwöhnten, die Schüler möchten in Kappel zum Mönchsthum verlockt werden; dieser Eine hing aber mit ganzer Seele an seinem Lehrer und wurde späterhin sein Nachfolger in Kappel.

Doch bald sollte der Kreis seiner Befreundeten sich erweitern und zugleich seine Theilnahme am grossen Werke der Reformation eine vielfach gesteigerte werden.

Ueberdieß hatte er die Freude, unter den Mönchen des Klosters so erwünschte Erfolge seines Wirkens zu sehen und solchen Anklang zu finden, daß einzelne anfingen, in den umliegenden Dörfern das Evangelium zu verkündigen, und eine völlige Umgestaltung ihrer Sinnes- und Lebensweise sich vorbereitete.

7. Die ersten Gefahren.

Doch wie hätte in einer Zeit so gewaltigen Kampfes der Widerspruch ausbleiben können? Was in Kappel vor sich ging, fing an Aufsehen zu erregen. Besonders wurde in Zug übel vermerkt, daß einige Bürger von Zug sich oft in Kappel unter Bullingers Zuhörern einfanden. Sie wurden zu Hause als Neuerer und Ketzer ausgeschrieen. Der Abt, die Mönche und insbesondere der Schullehrer hatten deshalb viel Anfeindung von Seiten der Zuger; oft wurde das Kloster bedroht, oft kamen Einzelne in große Gefahr.

Namentlich wurde die Lage der Dinge sehr ernst, als im Juli 1524 durch die gewaltsame nächtliche Wegführung des evangelischen Pfarrers von Burg, bei Stein am Rhein, ein Auflauf entstand, wobei unbesonnener oder unvorsichtiger Weise das reiche Karthäuserkloster bei Frauenfeld in Flammen aufging. Bücher wurden verbrannt, über dem Feuer Fische gesotten, die Keller geleert, eine Monstranz zerschlagen, weßhalb sodann drei ungerecht Verurtheilte, muthige Bekenner des Evangeliums, als die ersten Märtyrer der erneuerten zürcherischen Kirche bluteten (s. Christoffel, Zwingli, Abth. 1. S. 188.). Nun legten die katholischen Orte, sonst schon wider Zürich erbittert, den Zürchern all diesen Unfug zur Last; nun drohten sie laut sich durch Einäscherung des Klosters Kappel, als des ihnen zunächst gelegenen zürcherischen, zu rächen. So heftig wurde der Streit auf der Tagsatzung zu Zug, daß Doctor Joachim von Watt (Vadian), Bürgermeister und Gesandter der Stadt St. Gallen, nur durch die Flucht auf abgelegenen Fußpfaden sein Leben rettete. Müde und durchnäßt fand der Flüchtling in Kappel, wo er Abends anlangte, die herzlichste Aufnahme, und vermochte es über sich beim trauten Freundesgespräche um Gottes willen seinen Feinden zu vergeben in Kraft des

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Evangeliums, um dessen willen sie ihn haßten. Da schlang sich um ihn und Bullinger ein Freundschaftsband, das Jahrzehnde hindurch unter den schwierigsten Kämpfen und vielfachen Sorgen beiden ihr Leben versüßte bis zum Ziele der irdischen Laufbahn. Jhre vertraulichen Briefe, die in ausnehmend großer Anzahl noch vorhanden sind, geben davon aufs lieblichste Zeugniß.

Nach etwa zehn Tagen lockte die warme Sonne unsern zwanzigjährigen Lehrer, mit etlichen Schülern in der nahen Lorze unweit Baar auf Zuger Gebiet zu baden. Plötzlich sieht er sich von mehr als zwanzig handfesten Burschen umzingelt; "Gott hielt ihre Augen, schreibt er davon, daß sie uns nicht erkannten, obgleich sie sonst uns wohl kannten." So entrann er ihren Händen. Doch größere Schaaren feindlich gesinnten jungen Volkes waren nahe, Willens, die schlimmsten Drohungen zu verwirklichen. Nur der Landsturm, auf Seiten der Zürcher rasch aufgestellt, konnte Schreckliches verhüten. So war Kappel in diesen Jahren von feindlichen Ueberfällen vielfältig bedroht und stets wieder beunruhigt.

Doch bei Alle dem, und wie mühsam sein Schulamt war, wie viel er sonst noch bald zu schaffen bekam, wie niedrig dabei seine Besoldung stand, da er außer Wohnung und Unterhalt nichts sich ausbedungen hatte, war es die glücklichste Zeit seines Lebens; er genoß so ganz in befreundeter Umgebung die Freude des ersten Wirkens - ohnehin jederzeit etwas so Liebliches und Unergeßliches - und dies zudem noch in den bewegten Tagen eines allumfassenden Weltkampfes, der die Gemüther bis in ihre tiefsten Tiefen erregte.

Bullinger äußerte sich später, wenn auch rüstig und fröhlich im mühevollsten Arbeitsleben, öfter: Nie sei's ihm wohler gewesen, als in Kappel. "Hier geht mir's ganz gut, schreibt er eben so einem Universitätsfreunde nach Köln; ich wohne hier in einem reichen Kloster, umgeben von blumigen Wiesen und Wäldchen, aus denen der Vögel Gesang gar lieblich ertönt, und habe da alle Gelegenheit sowohl theologische, als sprachwissenschaftliche Vorträge zu halten." Nach Aufzählung der bisher erklärten Schriften fährt er fort: "Deshalb bin ich aber durch gewisse Rathsbeschlüsse unserer Eidgenossen, wenngleich nur insgeheim, geächtet, so daß ich ganz am Kreuze Christi hange und mich nicht erkühnen darf, auch nur einen Halm breit über die Grenze des Zürcher Gebiets hinaus zu gehen, wenn ich nicht dem Tode durchs Schwert oder Feuer mein Leben will aussetzen. Doch ist's mir ganz lieb, für den süßen Namen meines Herrn Jesu Christi ein Auswurf der Menschheit zu werden (I. Kor. 4, 13.), da ich ja längst viel Schrecklicheres für meine Sünden verdient hätte. Bete zu Gott für mich, daß er in mir und allen Gläubigen kräftige, was er aus Gnaden angefangen, und daß wir in unserm Sterben mit dem heil. Jgnatius jubeln mögen: Bereit sind wir für die wilden Thiere, fürs Feuer, für die Schwerter, fürs Kreuz, wenn wir nur Christum erblicken, unsern Herrn und Erlöser." "Wohl

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war ich, fügt er noch bei, ein Jüngling rauh und scharf nach Schweizerart[6]; doch bitt ich, lieber Bruder, verzeih mir meines jugendlich ungestümen Sinnes halben, der damals eben noch nicht neugeboren war aus Gott, während ich nunmehr an dich und unsere Lehrer unaufhörlich mit brennendem Herzen gedenke."

Ja wohl sollten für unsern Bullinger die Tage auch noch kommen, in denen die heldenmüthige Gesinnung, die er hier ausdrückt, ihre Probe bestehen konnte. Aber bis dahin gab's noch auf allen Seiten zu thun, bald in Gemeinschaft mit dem Hauptkämpfer und auf seine Anregung hin, bald ohne diese.

8. Bullingers Befreundung mit Zwingli.

Wohl hatte Bullinger schon dem ersten öffentlichen Religionsgespräche in Zürich (im Januar 1523) über "die Anrufung der Heiligen", bei welchem auch der Abt von Kappel sich in Kürze hören ließ, beigewohnt, unmittelbar vor dem Antritt seines Schulamtes, doch nur als stille beobachtender Zuhörer. Nun war ein zweites Religionsgespräch in Zürich nöthig geworden "über die Bilder und die Messe", und wurde am 26. October 1523 gehalten. Merkwürdiger Weise aber hörte Bullinger erst gegen Ende dieses Jahres Zwingli zum ersten Mal predigen, und machte nun auch seine persönliche Bekanntschaft, nachdem er zuvor namentlich die eben erst erschienene Begründung seiner 67 Artikel gelesen hatte. Zwingli's Predigten sowie sein liebenswürdiger, offner und freier Charakter sagten ihm sehr zu. Hatte er doch vermöge seiner eigenen innern Entwicklung die nämlichen Ueberzeugungen gewonnen. "Jch fühlte mich um so mehr angezogen, sagt er, da ich schon seit bald vier Jahren ein feuriger Anhänger eben derselben Lehre war." "Seine kräftige, richtige und schriftgemäße Lehrweise gereichte mir aber gar sehr zur Befestigung." Dies ist das Verhältniß Bullingers zu Zwingli. Es ist in Rücksicht der Lehre nicht das eines unselbständigen, abhängigen Schülers zu seinem Lehrer, vielmehr ein freieres, ganz dazu geeignet, daß er Zwingli's tüchtiger und kräftiger Mitarbeiter werden konnte. Jmmerhin ist und bleibt Zwingli nach Bullingers eigener Auffassung derjenige, welcher als Anführer und Hauptkämpfer das Werk der Reformation zu beginnen und durchzusetzen hatte, während dem zwanzig Jahre jüngern Bullinger, wie sich später uns näher zeigen wird, eine ganz andere Aufgabe, die des Bewahrens, Erhaltens, der weitern Durchführung, des völligen Ausbaues der Landeskirche beschieden war in kommenden Tagen.

Zwingli und Bullinger - welche Verschiedenheit! Zwingli's rasches, feuriges Temperament, Bullinger's Ruhe und Gelassenheit; Zwingli's

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schneidender, stechender Witz, Bullinger's einläßliche Gründlichkeit; daher auch Zwingli's Kürze, Bullinger's Ausführlichkeit in den meisten seiner Arbeiten. Wie geeignet zur gegenseitigen Ergänzung! Daher entwickelte sich nun unter ihnen ungeachtet des bedeutenden Abstandes in Rücksicht der Lebensjahre ein gar schönes Verhältniß regen, fröhlichen Austausches und gegenseitiger Förderung. Bullinger nahm den lebendigsten Antheil an Zwingli's Studien. So zog, als er einmal bei ihm war (im Jahre 1524), ein großes Buch in Zwingli's Studierzimmer insbesondere seine aufmerksamen Blicke auf sich, überschrieben "Hauptpunkte der christlichen Lehre" (Loci communes), worin Zwingli aus den bewährtesten Kirchenlehrern der ersten Jahrhunderte, wie Augustin, Ambrosius, Chrysostomus seine Auszüge machte, indem er ihre Lehrsätze an den zugehörigen Stellen fleißig eintrug, namentlich was jeder von ihnen über die Bibel geschrieben hatte. Zwingli hinwider hatte seine innige Freude an Bullinger's produktiver Kraft, an seiner regen Emsigkeit, äußerte Wünsche, ermunterte ihn zur Behandlung dieses oder jenes Gegenstandes, lobte was zu loben war, hielt ihn zurück wo's dienlich schien, verhalf seinen ersten Schriften zum Drucke.

Bezeichnend für dieses Verhältniß ungezwungenen Zusammentreffens und Entgegenkommens in den Gedanken und Strebungen ist namentlich diejenige Unterredung über die Messe und das heilige Abendmahl, bei der Bullinger zum ersten Male Zwingli's Gedanken über das Mahl des Herrn kennen lernte. Bereits war nämlich in Zürich die Reformation größtentheils thatsächlich durchgeführt und in den letzten Monaten eine Menge falscher Gebräuche abgeschafft worden, nachdem Zwingli seit fünf Jahren schon dawider gepredigt hatte. Aber die Messe bestand noch. Bullinger stutzte über dieß Zögern. Er fand es für nöthig, Zwingli einmal seine Meinung recht ernstlich zu sagen. "Es war am 12. September 1524, erzählt unser Bullinger, daß Zwingli mir zum ersten Mal sein Herz darüber aufschloß, wie er über das Sakrament des Leibes und Blutes denke. Jch setzte ihm nämlich in guten Treuen meine Ansicht auseinander, die ich aus einer Schrift der Waldenser und aus Augustins Werken geschöpft hatte." Die Nichtigkeit der Brotverwandlung stellte Bullinger dabei ihm vor und wie ein solcher Götzendienst nicht länger zu dulden sei. Noch erklärte sich Zwingli nicht und ließ ihn weiter reden. Als er nun aber bemerkte, wie gründlich Bullinger jeden Einwurf zu widerlegen, die Zweifel zu lösen und die Schriftmäßigkeit der Lehre vom geistlichen Genießen des Herrn in dem von ihm gestifteten Mahle zu erweisen verstehe, da eröffnete er ihm eben so unverholen seine Gedanken und gab ihm völligen Beifall. Doch bat er ihn, mit der öffentlichen Bekanntmachung der schriftmäßigen Lehre für einmal noch inne zu halten, bis das Volk durch die evangelische Predigt noch besser darauf vorbereitet wäre.

Um so mehr fühlte sich unser Bullinger angefeuert, "zur Ehre Gottes und um seines hochheiligen Namens willen" für das ewig gültige

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Gotteswort und dessen freie Verkündigung, wider allen Menschentand und alle Menschensatzung, zumal gegen die abgöttische Verehrung der Hostie aus allen Kräften zu wirken, so weithin als er nur konnte, nicht bloß mündlich, sondern auch durch das schriftliche Wort in jeglicher Weise.

9. Anfänge von Bullingers schriftstellerischer Thätigkeit. Die Geltung zur heiligen Schrift.

Eben war noch die Zeit, da viel sich erringen und gewinnen ließ, auch in denjenigen Kantonen der Eidgenossenschaft, die bis jetzt überwiegend ungünstig gestimmt waren gegen die durchgreifende Umgestaltung, der Zürich unter Zwingli's Panier sich hingab. Noch war, wenn man auch grollte, die Erbitterung nicht aufs Höchste gestiegen. Noch hatten die Parteien sich nicht ausggeschieden. Ueberall fühlte man doch das Bedürfniß kirchlicher Reformen, überall gab es, selbst in Luzern, Zug, Schwyz und Uri, vollends aber in den "gemeinen Herrschaften", zu denen Bremgarten und die freien Aemter gehörten, innige, treue Freunde und Anhänger des Evangeliums, die sich nach dem lautern Gottesworte inniglich sehnten und mitunter die Zürcher baten, sie möchten alles nur Mögliche thun, damit auch bei ihnen die freie Predigt der evangelischen Wahrheit gestattet würde. Wie nun? war's nicht des Versuches wohl werth, ob es möglich sei, durch ruhige Darlegung die Einen und Andern der einflußreichsten Männer jener Gegenden für die Wahrheit zu gewinnen, Jrrende zurecht zu leiten, Wankende zu stärken, Entmuthigte durch feurige Ermunterung anzuspornen.

Unser Bullinger verfaßte deßhalb mehr als siebzig Schriften während seines nicht einmal sechsjährigen Aufenthaltes in Kappel, größere und kleinere, lateinische und deutsche, Briefe, Anreden, Abhandlungen u.s.w., die er zwar nur als Vorübungen bezeichnet, die aber der Mehrzahl nach diesen Zwecken dienten, Einzelnen zugesandt wurden in den umliegenden Gegenden und dort handschriftlich von Hand zu Hand gingen; daher denn eine Anzahl dieser Zuschriften bei der Eile und dem Mangel vorheriger Abschrift verloren ging. Die Bekanntschaften des Abtes, dem von Zwingli die Umgegend seines Klosters zur besonderen Berücksichtigung empfohlen war, allenfalls auch die seines Vaters, zu dessen Dekanate sammt den freien Aemtern die Gemeinden rings um den Zugersee gehörten, und die Wünsche Einzelner gaben Antrieb genug, die Feder zu regen.

Vor Allem galt es ein festes Fundament zu legen, auch Andere zur Ueberzeugung zu bringen von dem evangelischen Grundsatze, daß der Schrift allein die oberste und entscheidende Autorität zukomme in Glaubenssachen, daß die menschlichen Autoritäten aber, auf welche sich die römische Kirche berief, auch die sogenannte mündliche Tradition ihr nicht an die Seite gestellt werden dürfen, daß insbesondere die Einbildung

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nichtig sei, als ob die evangelische Lehre etwas Neues wäre, ein Menschenfündlein, etwa eine eben neulich gemachte Erfindung Zwingli's oder Luther's oder irgend eines andern Menschen, daß sie vielmehr das wahrhaft Alte, Aechte, Ursprüngliche und zudem das göttlich Berechtigte sei. Wie manche Bedenken waren da zu heben, wie manche Einwände zu beseitigen zur Belehrung eines römischen Katholiken, selbst eines wohlmeinenden! Jn diesem Sinne schrieb Bullinger schon am 30. Novemer 1523 im Namen des Abtes Jonas an einen Altersgenossen und alten Freund desselben, der um der "neuen Lehre" willen mit ihm unzufrieden geworden, Rudolf Asper (wahrscheinlich Dekan in Sursee am Sempachersee im Kanton Luzern). Der Hauptinhalt dieses ausführlichen Schreibens, das uns anschaulich macht, wie fest und klar die Grundlage damals schon bei Bullinger selbst war, ist folgender:

"Jch habe viel Zeit auf das mühsame Studium der Dekretalen (kirchlichen Rechtssatzungen) und der Scholastiker verwandt. Am Ende ist mir diese Arbeit zum Ekel geworden, weil Einer dem Andern widerspricht und die Meinungen der Andern heruntermacht; dieß hatte zur Folge, daß ich mit unverdrossenem Fleiße die Kirchenväter zu lesen anfing. Allein auch diese fand ich nicht einstimmig ... doch sah ich, daß alle sich durchaus auf die heilige Schrift berufen und darauf bestehen, daß man Christus allein hören müsse." Nachdem er dieß durch eine Reihe der kräftigsten Stellen der Kirchenväter bewiesen, fährt er fort: "Dieß vermochte mich, von ihnen an die Quelle selbst zu gehen, zu welcher sie mich hinwiesen. Aus ihr schöpfte ich emsig und fand köstliche, himmlische Nahrung, stärkendes Labsal ohne Ueberdruß. Jch lernte aus dem alten und neuen Testamente, daß man die falschen Propheten, d.i. die, so nicht Gottes Wort vorbringen, nicht hören und daß man dieses nicht durch menschliche Zuthaten verunstalten dürfe. Christus selbst erweist Alles aus den Schriften des alten Testamentes, selbst nach seiner Auferstehung, so auch die Apostel, selbst nachdem sie den heiligen Geist empfangen hatten. Paulus namentlich, der da sagt: Die ganze Schrift in von Gott eingegeben. Kurz, ich fand, daß das neue Testament nichts anderes sei als die Auslegung des alten. Was dieses verheißt, gibt jenes; dieses deutet nur an, was jenes unverholen ausspricht. Wenn also der Sohn Gottes selbst, der die Weisheit des Vaters ist, nichts thut ohne die Schriften, was könnte uns abhalten, auch jetzt noch den Schriften als unsrer Richtschnur in Allem zu folgen?

Freilich kam ich auf den Gedanken, es möchte doch vielleicht nicht Alles in Schrift verfaßt sein. Allein der Brief an die Römer benahm mir diese irrige Meinung; denn hier fand ich Alles, was zum Heile des Menschen gehört: das Gesetz, das Evangelium, die Sünde, die Strafe, die Begnadigung, den Glauben, die Gerechtigkeit; Christum, Gott, die guten Werke, Liebe, Hoffnung, Trübsal; Gerechte, Sünder; Starke, Schwache; wie man gegen Freunde und gegen Feinde sich zu betragen habe. Wie darf man nun

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manche Lehren der jetzigen Kirche für mündliche Aussprüche Pauli, die durch Ueberlieferung (Tradition) auf uns gekommen wären, ausgeben, obschon Paulus sich immer gleichbleibt, diese Lehren aber seinen Schriften widersprechen? Die ersten Häupter der Kirche waren mit den biblischen Büchern, die wir haben, zufrieden und erklärten Alles für falsch, was denselben Zuwiderlaufendes gelehrt oder vorgeschrieben würde.

Nach dieser frohen Entdeckung, wobei mir die Kirchenväter (deren Aussprüche er auch hier wieder einfügt) gleichsam als Stufen dienten, hielt ich mich immer fest an den Grundsatz, die heil. Schrift an und für sich allein sei hinreichend, man müsse daher einzig der heil. Schrift folgen und alle menschlichen Zusätze verwerfen. Wer deßwegen mir zürnen will, der muß auch der heil. Schrift und den Kirchenvätern zürnen, die mir, ungeachtet meines Widerstrebens, diese Ueberzeugung aufgenöthigt haben.

Nunmehr aber stieß ich auf eine neue Schwierigkeit. Darf ich, da die heil. Schrift so viel Dunkles enthält, mir allein trauen? Zwar die Kirchenväter lehren mich dieselbe verstehen. Allein die erste Kirche hatte keinen Thomas, keinen Scotus, keinen Augustin[7]. Doch der Letztere bewies seine Erklärungen aus der Schrift gemäß seinem Ausspruche: Keine Stelle der Schrift ist so dunkel, daß sie nicht durch eine andere Stelle erklärt würde, und so oft die Kirchenväter ungleicher Meinung waren, wandten sie sich an dieselbe. Hat der heil. Geist etwa gewollt, daß man ihn nicht verstehe? Hat er bloß die Rabbiner und die Gelehrten auf den wahren Sinn führen wollen? Christus sagt (Matth. 11, 25) das Gegentheil, auch Tertullian. Wer darf den Gläubigen das Verständniß absprechen? Dieß hieße Christus zum Lügner machen. Also muß die Schrift aus ihr selbst, d.h. in dem Sinn, in welchem sie geschrieben ist, erklärt werden. Wenn wir dieß nicht dürfen, warum durfte es Augustin, welcher kein besseres Recht hatte, welcher mit eben derselben Taufe getauft, mit demselben Geiste getränkt war? Muß nicht der heil. Geist der beste Ausleger der Schrift sein, da er sie eingegeben hat? Wer dieß läugnet, der glaubt Gott nicht, welcher diesen Geist verheißen hat. Wie stimmt aber dieser Unglaube mit der christlichen Gesinnung, mit den Verheißungen, mit dem Bade der Wiedergeburt? Also nicht mir glaube ich, nicht den Kirchenvätern, sondern ich bleibe bei der Schrift, indem ich die Schrift durch die Schrift erkläre, aber nichts davon noch dazu thue."

Den Einwurf, daß man, weil die alten Kirchenlehrer die Schrift so fleissig erklärt hätten, bei diesen Erklärungen stehen bleiben sollte, beantwortet er folgender Maßen: "O hätte man doch bis auf jetzt eben so viel Fleiß darauf

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verwendet wie jene thaten; wahrlich unsre Tage wären dann nicht so sturmbewegt! Wir schenken den Kirchenvätern Glauben, wo sie bei der Schrift bleiben, aber auch nur da. Augustin gesteht ja, er habe vielfach geirrt. Selbst die Scholastiker folgen ihnen nur mit Auswahl. Augustin, sagen sie, übertreibt bisweilen, Hieronymus redet allzu hart, den Origenes muß man mit Vorsicht lesen. Wie oft nennen die Rechtsgelehrten die Meinungen der Kirchenväter Spreu! Augustin selbst sagt: Hüte dich, meine Schriften als kanonisch zu verehren! Warum sollten also wir nicht thun dürfen, was die Scholastiker thaten? Jst, was sie thaten, nicht recht, warum thaten sie's denn? Jst nicht auch uns der Geist verheißen? Jst nicht die Schrift auch in unsern Händen?"

Endlich kommt er auf die Concilien und frägt: "Haben diese nicht öfter geirrt? Hat nicht das Concil zu Mileve (in Nord-Afrika, zu Anfang des fünften Jahrhunderts) sich über den freien Willen des Menschen, über die Gnade, die Sünde, das Verdienst der Werke gerade so ausgesprochen, wie die sogenannte neue Lehre unsrer Zeiten? Bezeugt nicht die afrikanische Synode völlig Luther's Lehre in Bezug auf den angeblichen Vorrang des Petrus? Wenn diese Kirchenversammlungen den Beschlüssen der übrigen widersprechen, so müssen die einen nothwendig irren; stimmen sie aber zusammen, so lehren sie ja wie wir."

Nachdem er dieß weiter ausgeführt, faßt er zum Schlusse alles bisher Gesagte kurz zusammen: "Jch habe also da die Satzungen der Kirche auf die Kirchenväter sich stützen, diese aber unter sich nicht übereinstimmen, sondern auf die heil. Schrift verweisen und nicht wollen, daß man ihnen und ihren Auslegungen blindlings glaube, mich alsbald gleichwie Paulus nicht mit Fleisch und Blut besprochen, sondern Gott um seinen Geist gebeten und mit erneuertem Gemüthe die Bibel zur Hand genommen. Sie lese ich nun für und für ernstlich, sie theile ich dem Volke mit. Und wenn auch gewisse Leute mich deßhalb hassen, so spreche ich mit Paulus: Wenn ich den Menschen noch gefallen wollte, so wäre ich Christi Knecht nicht."

Dann folgen noch sanfte, freundlich einladende Worte. Indeß hatte dieß jugendlich kräftige Sendschreiben den gewünschten Erfolg nicht. Der Briefsteller sagt uns darüber, so unfreundlich sei es von dem Empfänger aufgenommen worden, daß es schwer wäre zu sagen, ob sein Undank oder seine Lieblosigkeit größer war. "Aber so pflegt die freche und schamlose Unwissenheit sich christlicher Herzlichkeit gegenüber zu benehmen. Genug, er hält uns für Ketzer."

Doch diese ungünstige Aufnahme konnte unsern Bullinger nicht abschrecken. Nur um so dringender nöthig war es, sich an Andere zu wenden, von denen sich annehmen ließ, daß sie den Anfang einer hellern Erkenntniß gewonnen hätten, und sie zum muthigen Bekenntniß der evangelischen Wahrheit anzufeuern.

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10. Von der wahren Hirtentreue.

Allerdings erforderte es an allen den Orten, wo bis dahin die Reformation noch nicht durchgedrungen war, für einen Freund der evangelischen Wahrheit nicht bloß bessere Einsicht, sondern auch gewaltigen Muth, um die erkannte Wahrheit offen zu bekennen und so der Reformation der Kirche zum Siege zu verhelfen. Man mußte im Stande sein gleich den Aposteln Alles dran zu setzen, um Christum zu gewinnen.

So fühlte er sich bewogen, ein apostolisch eindringliches Warnungsschreiben an Pfarrer Matthias zu Seengen am Hallwylersee (Kanton Aargau) zu richten, wider den Abfall eines Hirten von Gottes Wort, das uns zeigt, welches Bild eines treuen Hirten dem Geiste unsres Bullinger vorschwebte. Mit apostolischem Gruß und Danke beginnt er:

"Gnade und Friede von Gott dem Vater und unserm Herrn Jesu Christo! Hoch gepriesen sei der hohe, allein wahre, ewige, allmächtige, lebendige und einige Gott, der Himmel und Erden und Alles, was darin ist, geschaffen und uns von Ewigkeit her erwählt hat, daß wir durch das Verdienst seines Sohnes Jesu Christi unsträflich sein sollten, die wir zuvor durch Sünden und Gebrechen so waren entblößt worden von aller Reinigkeit durch den Fall unsers Vaters Adam, daß wir nicht hätten wohnen mögen bei dem hohen, reinen Gott, den ja seine Propheten ein verzehrendes Feuer nennen, wenn er nicht aus lauter Gnade und Barmherzigkeit einen Bund, durch welchen er seine Huld gegen uns offenbart, mit uns gemacht und sich uns als den einigen Gott, d.i. Hort, Trost, Schutz, Schirm, Heil und höchstes Gut dargestellt hätte, und als den, der uns einen Samen geben wolle, in welchem alle Völker der Erden sollten glückselig und heil werden, wie denn in der Fülle der Zeiten aus Jesus Christus, der gesegnete Sohn, der zuvor durch das Gesetz und die Propheten verheißen war, gesendet, für uns in den Tod dahin gegeben und von den Todten auferweckt worden ist und jetzt sitzt zur Rechten Gottes, ein wahres Pfand der Huld Gottes gegen uns, die wir durch sein Blut von Sünden gewaschen und mit ihm zum ewigen Leben erstanden sind, so wir anders in unsern Herzen davon überzeugt sind und fest darauf beharren, daß er uns vom Vater gegeben sei zur Reinigung, zur Frömmigkeit, zur Genugthuung und für und für unser Fürsprecher sei bei dem Vater und außer ihm niemand.

Nachdem er das Erlöseramt Christi näher bezeichnet, redet er ihn an: Nun hast also auch du, inniggeliebter Bruder, dies Geheimniß durch die Gnade Gottes erkannt, und weißt, daß nicht mehr denn ein einiger Gott ist. d.i. ein einiger Trost, Hülf, Heil und oberstes Gut, auch nicht mehr denn ein einiger Christus d.i. Versöhner, Genugthuung, Gerechtigkeit, Erlösung und Heiland, und allein ein einiger heil. Geist, der uns heiliget und wahren Gottesdienst lehrt, also daß außer und neben diesem kein anderer Gottesdienst, keine

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Frömmigkeit, kein Genugthun, kein Heil, kein Trost, kein Verdienst, kein Fürsprechen, keine Ruhestatt oder Schutz irgend etwas hilft vor unserem hohen Gott, weil er auf das Herz und den Glauben sieht, wir aber nirgends von Herzen rein sind und deshalb Christus zum Versöhner aller Welt gesetzt ist. Da du nun, wie gesagt, dies Alles in Wahrheit weißt und auch wie alle Lehre außer dieser verflucht ist (Gal. 1, 8, 9.), kann ich mich nicht genug verwundern, daß du so langsam bist, hervor zu brechen mit deinem Zeugniß, das du in deiner Predigt der heiligen Dreifaltigkeit schuldig bist. Ja, wollte Gott, daß du nicht gar rückwärts gingest, sondern bloß langsam. Hast du jetzt schon vergessen, von wannen du gekommen und daß du bei dem frommen, ehrenfesten Gottesdiener Konrad Schmid [8] erzogen bist, welcher ohne Zweifel dich im Wege des Herrn unterrichtet hat, also daß du wohl weißt, daß diese Lehre von Gott ist, daß sie die Wahrheit und keine Lüge ist, und daß eher muß Himmel und Erde zusammenkrachen, ehe denn ein Wort davon ginge. Bist du aber ein wahrer Christ d.i. ein Gesalbter Gottes, so hast du schon die Kundschaft Gottes des heil. Geistes in deinem Herzen, der da Zeugniß gibt dem äußern Worte, so daß dich die Schmachreden der Welt wenig irre machen. Sieh I. Joh. 2, 27. So du aber diese Kundschaft im Herzen hast, d.i. so du ein wahrer Christ bist, warum gibst du denn deinem Gotte nicht Zeugniß, oder wie kannst du den Geist Gottes in dir ersticken? oder weißt du denn nicht, daß deine Untergebenen Tempel sind des heiligen Geistes? und daß Gott daher alle die wird zu Schanden machen, die seinen Tempel entheiligen? Betrachte doch einmal, was auf sich habe die Sünde wider den heiligen Geist (Matth. 12, 32/. Abfallen aber von der Wahrheit, ablassen und der erkannten Wahrheit Gewalt anthun (Hebr. 6, 4-6, II. Petr. 2, 20, 21.), ist Sünde wider den heiligen Geist. So sehe sich nun Mancher vor bei seinem Verlassen der Wahrheit, was für großen Zorn Gottes er auf seine arme Seele ladet, da ja geschrieben steht: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes, und abermal: Wer sich meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlechte, deß wird sich auch des Menschen Sohn schämen, wann er kommen wird in seiner großmächtigen Herrlichkeit zu richten u.s.w., und wiederum: Es werden nicht Alle, die zu mir sprechen: Herr, Herr, in das Himmelreich kommen, - nicht Alle, die wohl anheben, sondern wer nicht weicht, und beharret bis ans Ende. O denk' an Loths Weib. Du bist ein Hirt; des Kreuzes sollst du dich nicht weigern. Denn möchtest du, daß dein Herr Jesus um deinetwillen sein ewiges Wort bräche, der da spricht: So euch die Welt hasset, so wisset, daß sie mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Jhre lieb; dieweil ihr aber nicht von der Welt

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seid, darum hasset euch die Welt. Der Knecht ist nicht größer, denn sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euer nicht schonen. Aber darob lasset euch nicht grauen; denn alle haben sie verfolget die Propheten, die vor euch gewesen. Jch habe die Welt überwunden und euere Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden.

Da nun dem also ist, so muß es schlechterdings erlitten sein. Bist du nun fest, so bist du ein Hirt; weichst du aber, so bist du ein Miethling und nicht ein Hirt. Wache aber auf vom Schlafe, sei wacker und tritt hervor unter die dir übergebenen, ja dir eigenen Schafe. Fürchte dich nicht; es ist um Einen sauren Lupf (Hebung) zu thun, und gib ihnen grüne, gesunde Nahrung, frisches lebendiges Wasser, und Alles was mit Füßen verderbt und zertreten ist, thu ferne von ihnen. Allein das einige, ewige, wahrhafte, lebendige Wort Gottes macht unsere Seelen gesund, stark und fest, nach Ezechiel 34, Psalm 119, Apostelgesch. 20. Sieh, wie theuer dir deine Schafe anbefohlen sind. Gehst du diesem nach und lässest du dich nicht abwendig machen, durch jeden Gegenwind, wohl dir! der Herr ist mit dir! Folgen dir aber die Schafe nicht, so sei ihr Blut auf ihnen. Gehst du aber diesem nicht nach, so wird alles Blut aller deiner Schafe von deinen Händen gefordert (Ezech. 3.) und alle die Plagen auf dich ausgegossen werden, die im alten und neuen Testamente genannt sind. (V. Mose 28; Jerem. 23M in Micha, Amos, Offenbarung). Darum sei muthig; erheb' deine Stimme und laß das Wort Gottes wie ein Kriegshorn erschallen; bring hervor Altes und Neues, wie sich einem Boten und Abgesandten Christi vor Gottes Augen ziemt, und sei nur nicht muthlos; denn der Herr ist mit Allen denen, die ihn mit aufrichtigem Herzen suchen, und verheißt dir mit dem Munde, durch welchen keine Lüge gehen kann, Trost, Hülfe, Beistand und Errettung. Sei nur treu an ihm; denn er kann sich selbst nicht verläugnen, wie Paulus von ihm nicht bloß bezeugt, sondern zum öfteren empfunden hat. Jerem. I. spricht Gott: Steh auf und begürte deine Lenden und predige ihnen Alles, was ich dir geboten, und fürchte dich nur nicht vor ihrem Widerstreben. Jch will auch machen, daß du nicht fürchtest ihren Anblick; denn siehe ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule und zur ehernen Mauer machen wider das ganze Land, vor allen Königen und Fürsten und Pfaffen alles Erdreichs, und sie werden wider dich streiten, dennoch sollen sie nicht wider dich siegen; denn ich bin bei dir, spricht der Herr, daß ich dich errette. Ebenso Ezechiel 3. spricht Gott also: Jch habe dein Angesicht viel härter gemacht als ihre Angesichter und deine Stirne viel härter als ihre Stirn, viel härter als Demant und Kießling; darum fürchte sie nur nicht, und entsetze dich nicht vor ihrem Sauersehen; denn sie sind eben ein ungehorsames Volk. So spricht auch Christus: Jch sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe: darum seid vorsichtig wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben, und so sie euch gefangen führen, so sorget nicht, wie ihr euch verantworten oder siegen möget; denn dieweil ihr die seid,

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so Gottes Wort führen, wird euch eilends eine solche Kunst der Rede gegeben, der weder Fürsten noch Herren werden widerstehen dürfen.

So du nun weißt, daß dies das wahre untrügliche Wort Gottes ist, das dir nimmermehr fehlen mag, wen fürchtest du denn? Warum trittst du nicht hervor wie ein Löwe, allem dem zu wehren, was deinen Schafen Schaden bringen mag? Laß ja nicht zu, daß man dich je könne einen falschen Propheten schelten. Von ihnen sagt der Apostel, daß sie solches Alles thun um Ruhmes willen, den Menschen zu gefallen und daß sie dem Kreuz entlaufen. Nicht also du, mein frommer Matthias, sondern halt dich tapfer, unsträflich, wie Matthias nach Apostelg. 1. Bewaffne dich mit Gottes Wort; denn es ist genug, daß wir Gottes Güte und Geduld so lange Zeit mit unserm Jrrsal und Sünden mißbraucht haben. Laß uns betrachten, daß wir Staub und Asche sind und daß unsere Tage dahin gehen wie ein Schatten, daß es ein schädlicher Gewinn ist, wenn wir gleich alle Welt gewännen, aber Schaden anthäten unsern armen Seelen. Laß uns zu Herzen nehmen, daß wir Christen sind und das christliche Wesen nicht eine Freiheit oder Leichtfertigkeit des Fleisches ist, dieweil wir zu guten Werken geweiht sind, und Paulus spricht: die, so wahre Christen seien, kreuzigen ihr Fleisch sammt seinen Lüsten. Namentlich wird von dir, weil du ein Hirt bist, gefordert ein christliches Wesen und daß du nicht geizig, hoffärtig, trunken, zornig, gotteslästerlich, neidisch, unreiner Lippen, unlauter, unzüchtig, ehebrecherisch und dergleichen seiest, indem du Rechenschaft ablegen mußt dem Oberhirten Christo zu der Stunde, da du es vielleicht nicht meintest, und vor aller Welt dein Urtheil empfangen, wann er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Todten, um jedem zu geben, nach dem er gehandelt hat.

Diese meine treue Ermahnung nimm, lieber Matthias, zum besten auf, darum daß sie dir von deinem guten, wohlwollenden und getreuen Freunde zugeschrieben ist; denn gewißlich hätte dir sonst keiner so viel gesagt, wofern er nicht von Wohlwollen gegen dich beseelt gewesen, ein Schmeichler jedenfalls nicht. Und sei nur muthig, da du selbst wohl weißt, daß wir mit der göttlichen Wahrheit umgehen. Oder zu wem weisen wir als zu Gott? was lehren wir Anderes, als ein christliches Wesen? woraus? allein aus dem göttlichen Worte, und zwar so daß wir es seiner Art und Natur gemäß erklären, indem wir Schrift mit Schrift auslegen. Wer ist unser Trost, Hilfe und Gerechtigkeit, Fürsprecher und Leben außer Christus allein? Wem sollte da noch grauen, da ja klar gesprochen ist: Jch bin das Licht der Welt; wer mir nachgeht, der wird nicht irren in Finsterniß. Siehe, das hat geredet der Mund aller Wahrheit; dem folgen wir (du weißt's wohl) mit unserm Lehren und auch (so viel Gott gibt) mit dem Leben. Wie könnte denn jemandem unter den Christen davor grauen? Denen aber, die uns so unverschämt aus Unwissenheit Ketzer heißen, verleihe Gott sein Licht; denn wir waren auch etwann Finsterniß, nun aber ein Licht im Herrn, und

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zwar, sollte es einmal an den Pündtriemen gehen (d.h. zum Aeußersten kommen, so daß man sich graden Weges zu Leibe ginge), so wollen wir gewißlich ohne sonderliche Mühe diese Schwätzer nicht allein aus dem göttlichen Worte, sondern auch aus den alten Concilien und Kirchenvätern, den Concilien zu Nicäa, Karthago, Ephesus, Mileve, aus Tertullian, Augustin, Cyprian, Lactangius, Athanasius, Origenes u.s.w. öffentlich und klar überführen, daß sie ärgere Ketzereien lehren und zulassen, als die Ebions, Marcions, Arius' und der Manichäer je gewesen sind. Der Gott aber, der alle die begnadigt, die in wahrem Glauben und unschuldigem Leben vor ihm wandeln, und sich nicht fürchten seinem Namen Zeugniß zu geben vor aller Welt, der wolle auch dein Herz und Gemüth erleuchten, daß du seine wahre Ehre und Herrlichkeit wahrhaft und ohne Falsch verkündest, und daß deine Schafe, die dir von Christo gegeben sind, wahrhaft in wahrem Glauben und unschuldigem Leben dem hohen einigen Gott dienen! Und die Huld Gottes sei mit dir und mit Allen denen, die Christum Gottes Sohn in der Wahrheit lieb haben! Amen." Das Schreiben ist datirt: "Von Cappel, des achten Tags Februarii im 1526 Jahr; eilends und schnell."

Was war wohl der Erfolg dieses Schreibens? Er scheint nicht ungünstig gewesen zu sein, wenigstens finden wir später beim Religionsgespräch zu Bern den Pfarrer Matthias von Seengen unter denen, die sich nunmehr für überzeugt erklärten von der Wahrheit des Evangeliums.

Schon etwas früher als an Matthias hatte Bullinger ein ebenso feuriges Ermunterungsschreiben abgehen lassen in das benachbarte Zug, das er wohl mit den Augen schauen und mit seiner Liebe umfassen, aber der eigenen Sicherheit wegen mit keinem Fuße betreten durfte, und zwar an den dortigen Pfarrer Rudolf Weingartner, einen gebornen Zürcher, der als Konventsherr von Kappel und vormaliger Pfarrer in der benachbarten Gemeinde Merischwanden früher viel mit ihm und dem Abte verkehrt hatte, der im trauten Gespräche von der Macht der evangelischen Wahrheit angeregt und, wie es schien, auch überwunden worden war. Noch im Juli 1526 erbat er sich schriftlich von Bullinger die Erklärung zweier wichtigen Stellen der Evangelien und erhielt sie auch. Wie viel wäre für Zug und die Nachbarkantone gewonnen worden, wenn er zum entschiedenen Auftreten hätte bewogen werden können! Allein der Söldnerdienst, überall des Evangeliums geschworner Feind, hatte zu mächtige Gönner in Zug; solche Rücksichten mochten bei Weingartner vorwiegen, und so wurde denn auch das von ihm genommen, was er schon hatte (Matth. 13, 1). Leider war er es gerade, der in der verhängnißvollen Schlacht bei Kappel zum Unheil für seine angestammten Mitbürger alle verborgenen Fußpfade den Feinden verrieth.

Wie ganz anders war es bei dem treuherzigen Werner Steiner jenem begüterten zugerischen Chorherren, den wir schon oben unter Bullingers Zuhörern fanden, den keine Gefahr abhalten noch bei den vielfachen

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Anfeindungen, denen er fast rechtlos Preis gegeben war, in seiner Sanftmuth wankend machen konnte. Zweierlei erbat er sich damals von Bullinger, eine Auslegung der paulinischen Briefe und eine "Anleitung zur gedeihlichen Einrichtung seiner theologischen Studien." Diesem letztern Wunsche entsprach Bullinger sogleich durch eine kleine Schrift, die nachher handschriftlich manchem Studierenden zu statten kam, doch nur in engern Kreisen blieb, bis sie endlich der jüngere Zwingli, der Sohn des Reformators, zwanzig Jahre nach des Vrfassers Tode herausgab. Erfreulich ist der weite Kreis wissenschaftlicher Kenntnisse, den er als nothwendig hier vorführt. Eines aber geht ihm über Alles, das Lesen der heiligen Schrift, worüber er manche heilsame Regel gibt, bis er zuletzt in die Worte ausbricht:

"Wer kann ihre Annehmlichkeit und ihren Nutzen aussprechen? Jhre Worte sind Worte des Lebens, reine, himmlische, göttliche, feurige Reden, welche die christlichen Herzen in Bewegung setzen, ergötzen, ergreifen, anziehen, hinreißen, begeistern, mit dem reinsten Feuer entflammen und auf wunderbare Weise umgestalten; sie besitzen eine himmlische Kraft die Gemüther zu trösten, aufzurichten und durch ihre unaussprechliche und übernatürliche Anmuth einzunehmen und zu besänftigen."

Eben auf der Schätzung der heiligen Schrift und dem allen Gegnern stets entgegen gehaltenen Satze, daß man Christus allein hören müsse, beruht auch der Sinnspruch, den Bullinger allen seinen Schriften vorsetzte (nach Matth. 17, 5.): "Das ist mein lieber Sohn, in dem ich versöhnet bin; den sollt ihr hören!"

11. Der Kampf wider die Messe für das heil. Abendmal.

Was aber in jener Zeit alle Gemüther aufs lebhafteste beschäftigte und erhitzte, war das neue Licht, das nun aus den heil. Schriften hervor leuchtete über den Mittelpunkt des ganzen bisherigen Gottesdienstes, die Feier, in welcher das römische Priesterthum seine angemaßte Herrlichkeit mit wunderbarem Zauber umgeben hatte, nämlich die Messe. Wie erschien nun dieses vorgebliche tägliche Opfer vor dem hellen Lichtglanz des lautern Evangeliums? Als ein Wahn! Und die Verehrung der Hostie? Als abgöttische Uebertretung der ersten unter den ausdrücklichen Geboten des unsichtbaren, lebendigen Gottes! Wohl aber wußte Zwingli warum er unter allen Jrrthümern an diesen zuletzt Hand anlegte, und darauf die ihm Anvertrauten am längsten vorbereitet, wie wir oben sahen. Denn so sehr fand er die Gemüther davon umnachtet, daß Viele schon für Sünde achteten auch nur darüber zu denken oder irgend einer Belehrung Raum zu geben und Manche, in deren Herz ein Lichtstrahl der Wahrheit eingedrungen war, sich aufs Aeußerste darüber ängstigten, weil sie nicht mehr glauben konnten, was sie bisher geglaubt hatten,

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den alten Jrrthum, der im Widerspruch mit dem Evangelium stand, und doch auch nicht Licht und Kraft genug hatten, sich allein an dieses zu halten.

Aus dieser Gewissensnoth Seelen retten zu helfen, fand Bullinger ebenfalls sich getrieben. So schrieb er im Juni 1525 für eine Bürgerin von Zug, Anna Schwiter, zu Handen ihrer Freunde und Mitbürger, eine ausführliche Abhandlung: "Wider das Götzenbrot und vom Brot der Danksagung, wie mannigfaltig es mißbraucht und was sein echter, ehrlicher Brauch sei." Oft abgeschrieben, diente diese frische, freimüthige und volksthümliche Schrift nicht wenig zur Förderung der Wahrheit. Einige der bezeichnendsten Stellen derselben mögen hier folgen.

"Nachdem ich öfter, beginnt er, von vielen Leuten angestrengt worden, Euch vom Sakrament des Altars Bescheid zu geben, mich aber allzeit dem entzog, hat mich doch Euer großes Jrrsal und die Lieblichkeit dieser Feier dazu bewogen Euch und allen an Gott Gläubigen zu schreiben vom falschen und vom wahren Gebrauche dieses edlen Brotes.

Nun ist mir freilich wohl bekannt, wie es Euch und aller Welt so übel in den Ohren klingen wird. Da liegt aber nichts daran. Die Wahrheit muß hervor, ob sie gleich alle Welt ärgerte. Es gilt den hohen, einigen, ewigen, allmächtigen Gott und seine Ehre oder Entehrung. Es gilt unser Heil. Wie denn? Soll ein Arzt das Gebrechen nicht anzeigen, weil der Kranke darüber erschrickt? Das wäre ja ein untreuer Arzt; vielmehr soll er den Schaden tapfer angreifen, so daß alle Ungesundheit hervor gezogen und eröffnet selst zeigt, es sei wohl nöthig, daß der Arzt dazu thue. Der Mißbrauch und Schaden ist auch nicht so alt als man ihn machen will; und ob er gleich nach der Apostel Zeit begonnen hätte, wäre doch das Götzenbrot darum nichts desto weniger Götzenbrot usw."

Betreffend die Behauptung, daß das Brot der Leib Christi sei, wie er am Kreuz gehangen, und so verehrt werden müsse, sagt er: "So beweise man nun aus der heil. Schrift, daß man dies glauben müsse. Jst es wohl bewiesen, wenn man spricht: Das ist Gott möglich? Nun wäre doch Gott auch möglich, daß ein Ochs flöge. Fliegt er darum? Eben so wäre ihm möglich, daß das Bild des gekreuzigten Christus Christus selbst wäre. Jst er's darum? Nein. Und warum nicht? Weil er sich nirgends in Holz verwandelt, noch Solches verheißen hat. Ei, warum sprichst du denn, er habe sich in Brot verwandelt? ... Dein Beweisgrund ist nicht viel besser als der Beweis derjenigen, welche ihre Götzen in Schutz nehmen und sprechen: Wir beten Gott an und verehren die Heiligen und nicht das Holz, da doch Gott sie geheißen im Geist anbeten und ihm geistlichen Dienst erweisen, wie er denn auch spricht und lehrt: Vater unser, der du bst im Himmel, und nicht: Vater unser, der du bist im Sakramenthäuschen, im Behälter, im Schrein, im Stock oder in der Monstranz. Meinet ihr, daß sich Gott also ließe einschließen? So machten's ja ehedem die Heiden, die ihren

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Göttern Götzen hielten, dem Jupiter einen hölzernen Jupiter, dem Mars einen ehernen Mars, so wie wir Christus einen brötenen Christus! Wiewohl wir darin noch gar ein wenig witziger sind als die Heiden, dieweil wir sagen, das Brot sei Christus selbst und nicht Christi Bildniß. Derhalben wir ihn vom Himmel reißen, dahin er einst aufgefahren, und ziehen ihn herum, wie es uns beliebt, jagen ihn mit einer Schelle von einem Tempel zum andern, von einem Dorf und Bauernhaus zum andern, und wer da kommt, dem können wir einen Herrgott machen und geben. Niemand soll mir's für Frevel halten. Es ist die Wahrheit, was ich sage, und ich weiß, was ich rede. Das müßte doch wahrlich ein elender Gott sein, der also alle Tag' von so viel unreinen, trunkenen Pfaffen gefressen würde, in welchen alle Bosheit und bei denen keine Besserung zu hoffen ist."

Man habe leider, klagt er weiterhin, ein kaufmännisches Geschäft gemacht aus diesem Sakrament. "Und so man nun den rechten Brauch hervor bringt, so ruft alle Welt und schreit: Mordio!, die Pfaffen um ihres Bauches willen, die Laien ihres Unverstandes wegen, während sie doch wohl den Jrrthum erkennen sollten, da sie keine Gottseligkeit aus der Messe entspringen sehen. Denn was ist's, ob du gleich lange hinter den geputzten Gauklerpfaffen stehst? Ja, antwortet ihr; sie haben uns gar viel vom Nutzen gepredigt, der aus der Messe herkomme. Glaubst du aber dem Krämer, wenn er seine Waare lobt? Geh zu einem, der da Branntwein feil hat, so wirst du Wunder hören, wie er dem Haupt, den Augen, den Gliedern, der Leber und dem Blute gut sei; und, so man die Sache hinten und vorn besieht, ist's um einen Pfenning zu thun."

Den Hauptbestandtheil der Abhandlung bildet der einläßliche Schriftbeweis, daß wir gerade durch den Glauben an Gottes Wort gedrungen werden zum rechten dankbaren Genießen des heil. Abendmals im geistlichen Sinne. "Wen der Vater zieht, schließt er, der versteht's." "Denn die Wahrheit ist unüberwindlich; wer aber auf Menschen traut, der wird verletzt und noch dazu betrogen."

Noch gründlicher und gelehrter schrieb er einige Monate nachher, im November 1525, über eben diesen Punkt eine lateinische Abhandlung an drei Freunde in Zug, Werner Steiner, Bartholomäus Stocker, einen Priester daselbst, und Michael, um sie auf ihrem schwierigen Posten in der gesunden Lehre zu befestigen und ihren Muth zu stärken.

Ueberdies verfaßte er schon im November 1524, sogar auf Zureden des oben erwähnten Weingartners, für Pfarrer Jakob in Wohlen, nahe bei Bremgarten, einen schriftmäßigen Beweis, daß die Messe kein Opfer sei. Jn eine heftige Fehde gerieth er aber deshalb mit dem Dominikanermönch Dr. Johann Burkhard in Bremgarten. Letzterer hatte sich dieser Abhandlung, nachdem sie durch mehrere Hände gegangen, zu bemächtigen gewußt, und zog nun 1525 in einer Streitschrift, betitelt "Gesprächbüchlein",

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unter dem angenommenen Namen Theobald Perdutianus über den einundzwanzigjährigen Bullinger los als über einen jungen, ungelehrten und verworfenen Neuerer, der aus Bosheit und Frechheit an den heiligen Lehren der Kirche sich vergreife, Wahrheit für Lügen und Lügen für Wahrheit ausgebe. Statt stichhaltige Gründe vorzubringen, hatte er seinen jugendlichen Gegner mit einer reichlichen Fluth von Scheltworten übergossen und die vermeintlichen kirchlichen Autoritäten der heil. Schrift entgegen gestellt, um der Messe den Sieg zu erkämpfen.

Bullinger fühlte, daß er ihm die Antwort nicht schuldig bleiben dürfe; er schrieb sie 1526. Er war sich bewußt, daß er gewissenhaft in allen Treuen ohne Schimpf der Wahrheit Zeugniß gegeben hatte im guten Vertrauen, ihre göttliche Macht würde die Unwahrheit überwinden und die Gemüther im Frieden zum wahren Heile führen. Daher thut es ihm weh, er ist schmerzlich entrüstet darüber, daß Burkhard so vielfache ungestüme Scheltung gegen ihn gebraucht, die Wahrheit öffentlich verlästert, das Wort Gottes gefälscht, das Urtheil Gottes bei den Einfältigen verdächtig gemacht habe. Mit Rücksicht auf den oft wiederholten Vorwurf, daß er jung und unbärtig sei, sagt er zu seinen Lesern: "Wie? soll ich schweigen? Jch rufe meinen Gott an zum Zeugen über meine Seele, daß ich von Herzen ungern also früh in diesen Kampf für euch eintrete, da ja so viele gelehrte Männer allenthalben schreiben, ich auch viel lieber noch an Erkenntniß, Glauben, Liebe, an Jahren, Vernunft und reifer Kunst im Herrn älter und stärker werden möchte, nun aber, auf diese gröbliche Veranlassung hin, ohne Gefahr der Wahrheit es nicht unterlassen darf." Jm ersten Theile der Abhandlung begründet er einläßlich die Autorität der heil. Schrift gegenüber allem menschlichen Satzungswesen, zeigt mit großer Umsicht aus ihr selbst und aus den Kirchenvätern, doch aus diesen nur in zweiter Linie, daß man niemand als Christum allein hören solle, d.h. daß er als Mittelpunkt der ganzen heil. Schrift aufzufassen sei, was von den heiligen Schriften zu halten, wie und warum sie geschrieben und wie vollkommen sie seien. Am Schlusse dieser ersten Abtheilung redet er noch seinen mit Gelehrsamkeit sich spreizenden Gegner an:

"Also hättest auch du, Rabbuni, wider mich mit hellen und starken Gründen auftreten sollen. Du weißt aber freilich ganz gut, so wie Alle von deiner Partei, daß euere Sache faul und stinkend ist und nicht länger Stich halten mag. Gesteht doch! ihr verstehet die Sprachen nicht; die Schriften habet ihr nicht ergründet, die alten Väter nie recht gelesen und ob auch Etliche sie durchgangen, habet ihr sie doch nicht verstanden, da sie entweder griechisch oder schön latein schrieben, wovon ihr nichts versteht. Dies bedarf keines Beweises; deine "Gespräche" zeugen wider dich; sie sind so barbarisch, gothisch und verzerrt, daß ich überzeugt bin, du habest dein Leben lang niemals einen guten lateinischen Schriftsteller gelesen, geschweige daß du wüßtest, was Latein

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sei und der Sprache Eigenschaft kennetest. Doch daß sich da weder Geschmack noch Feinheit und Reinheit der Sprache findet, wäre dir noch zu verzeihen. Aber ihr Alle habet nichts als etliche Sophismen in der Tasche; wo diese auch nicht aushelfen, seid ihr am Boden. Du, Burkhard, würdest dich vielleicht besser auf allerlei List und Geschwindigkeit des Redeschmuckes verstehen, wenn allenfalls an jene Nonne in Augsburg, im St. Katharinenkloster, zu schreiben wäre! Verzeiht unsern Schimpf, fromme Christen, wenn wir je genöthigt sind, diesen Leuten einen Wink zu geben, damit sie nicht etwa meinen, man wisse nicht, wie kurz ihnen der Rock sei."

Die zweite Abtheilung behandelt die Messe; er untersucht, was Betrugs in ihr, woher und wie sie entsprungen sei. Gegen das Ende hin bekämpft er das falsche Vertrauen auf das Messelesen und insbesondere das Vorgeben: all das lästerliche Wesen des Priesters könne ja der Messe nicht schaden. "Nein, sagt er ernst, du mußt deine Hände selbst in den Teig stoßen (d.h. selbst dich recht anstrengen), fromm und ehrbar leben, dich unter das Opfer und Kreuz Christi stellen, demselben nachfolgen und selbst Oel in der Lampe haben. Denn die Opfer der Ungerechten sind Gott wahrlich, wahrlich nicht angenehm!"

Ebenso schrieb unser Bullinger eine merkwürdige Abhandlung über das Abendmal und andere wichtige Streitpunkte im Namen des damaligen Pfarrers von Hausen bei Kappel, Hans Enslin, eines Württembergers, an Christoph Stilz, Stadtschreiber in Wildberg in Württemberg.

So rang der junge Schullehrer zu Kappel als Zwingli's wackerer Mitkämpfer für die Niederwerfung des alten eingewurzelten Jrrsals und zur Herstellung unserer köstlichen Abendmalsfeier.

12. Der Kampf gegen die Wiedertäufer.

Doch es galt in jenen Tagen nicht bloß zu kämpfen nach Einer Seite hin. Die Reformationszeit hatte auch ihren Radikalismus, der die ächte, gesunde Reformation überallhin wie ein Schatten begleitete, der wie von selbst vielköpfig und vielgestaltig an mancherlei Orten zugleich auftauchte und wenn auch niedergeworfen immer wieder das Haupt erhob. Dies war die Richtung, die von ihrem allgemein gangbaren Kennzeichen der durchweg den Namen Wiedertäufer erhalten hat, deren Wesen aber darin lag, daß sie dem Worte Gottes den Geist, der dem Glauben zu Theil wird, überordneten, daher gelegentlich auch entgegen setzten, statt ihn als nothwendiges Erforderniß zum wahren und lebendigen Verständniß des göttlichen Wortes zu fassen und diesem Verständniß in aller Demuth nachzutrachten. Daher das Springende, das Plötzliche, das Abrupte in ihren Aeußerungen, das Gewaltsame in ihren Unternehmungen; daher ihre Auflehnung, ihr völliges Abbrechen des Zusammenhanges mit allem Gegebenen in Staat, Kirche, Ehe und übriger Sitte;

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daher denn auch wieder ihr wortklauberisches, willkürliches, geistloses Erfassen einzelner abgerissener Bibelworte in ihrem äusserlichsten, anscheinend wörtlichen Sinne.

Bezeichnend ist es für unsern Bullinger, daß wir gerade ihn als einen ihrer entschiedensten, gründlichsten und beharrlichsten Bestreiter finden; dies stimmt durchaus überein mit seiner ganzen Gesinnung, seiner stätigen Geistesrichtung und seiner Geistesentwicklung, in welcher wir am Anfang jenes möglichste, treue evangelische Festhalten des geschichtlichen Zusammenhangs mit der alten und anfänglichen Kirche vorfanden, wenn auch mit entschiedenster Lossagung von Allem, was sich im Laufe der Zeit Unevangelisches und Unreines ihr beigemischt hatte.

Schon im Januar 1525 wurde er von Zwingli auf den Schauplatz des Kampfes gerufen zu dem Religionsgespräche mit den Wiedertäufern, welches am 17. auf dem Rathhause in Zürich seinen Anfang nahm, dann aber der Menschenmenge wegen im großen Münster daselbst gehalten wurde. Er wohnte mit dem lebhaftesten Jnteresse diesem schwierigsten aller Kämpfe bei, den Zwingli, zum Theil gegen frühere Freunde, talentvolle, kenntnißreiche Männer, denen es aber an der rechten Geistes- und Gemüthstiefe wie an Demuth fehlte, zu bestehen hatte. Bullinger erstaunte über den verwegenen Trotz, mit dem sie ihre ausschweifenden, Alles gefährdenden Jrrthümer verfolchten. Er ist auch in seiner Reformationsgeschichte und in seiner besonderen Schrift betreffend Ursprung, Fortgang und Wesen der Wiedertäufer (von 1560) unser genaueste Berichterstatter über diese Vorgänge geworden. Bei den immer sich erneuernden Unruhen und Umtrieben wurden in jenem überall in deutschen Landen durch den ausgedehnten Bauernkrieg bewegten Jahre 1525 noch zu wiederholten Malen in Zürich Gespräche mit den Wiedertäufern gehalten, jedes Mal siegreich für das Evangelium. Doch wandte die zürcherische Regierung noch fortwährend Milde und schonende Behandlung gegen sie an, bis sie in der Folge sich zu schärferen Maßnahmen genöthigt sah.

Einen besondern Schmerz hatte unser Bullinger dabei zu erleben, der seinem treuen Herzen vornämlich Mühe machen mußte. Sein Vetter Michael Wüst, der von Jugend auf sein Wandergesell gewesen war zu Emmerich und zu Köln, ein trefflich gelehrter Mann, war Schulmeister geworden und dann Pfarrer zu Klingnau (im Kanton Aargau), nahe am Einfluß der Aare in den Rhein und unfern Waldshut. Jn Waldshut aber befand sich das Haupt der schweizerischen Wiedertäufer Dr. Balthasar Hubmeier von Friedberg, auf den Thomas Münzer seinen unheilvollen Einfluß ausübte. Auch Michael Wüst, der noch im August 1525 voll Ehrerbietung und freundschaftlicher Gesinnung an Zwingli schrieb, ließ sich von den Wiedertäufern umstricken, verließ sein Pfarramt, da diese Sektirer bei dem allgemeinen Priesterthum aller Christen sein „Predigtamt“ mehr für zulässig hielten, trat in eine Wollenweberei zu Oberglatt (Kanton Zürich), um dies Gewerbe zu

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erlernen; und wiewohl er noch ein Mal zurück schauderte vor der Dreistigkeit derjenigen seiner jetzigen Brüder, die als Gotterfüllte der heil. Schrift gar keinen Werth mehr beimaßen für die Gläubigen, und ebenso, weil Gott in ihnen, des Gebetes sich gar entledigten, auch als ein Wankender noch ein Mal nach all den gehaltenen Gesprächen Zwingli's Rath einholte und empfing, starb er daselbst in dem jämmerlichen Jrrsal dieser Sekte. - Wie konnte Bullinger anders, als hier, wo der Lebenspfad dessen, den einst jahrelange Jugendfreundschaft mit ihm verband, von dem seinigen so scharf sich trennte, in Demuth die Gnade Gottes preisen, die über ihm selbst waltete.

Auch über diesen Lehrpunkt „von der Taufe und Kindertaufe“ haben wir ein Schriftchen von Bullinger, das er 1525 verfaßte und dem Bruder seines Freundes Peter Simmler, des Priors in Kappel, Namens Heinrich, welcher Bürger zu Bern war, in herzlicher Liebe widmete. Nicht um eine einläßliche Bestreitung der Jrrlehre war es hier zu thun, sondern nur um eine möglichst kurze und faßliche Darstellung für unsicher Gewordene. Der Hauptinhalt ist folgender.

Die Taufe, sagt er, ist ein anfängliches Pflichtzeichen, d.h. ein solches Zeichen, das zur Gemeinschaft Gottes verbindet, uns Christo zugesellt und zu einem gottseligen Leben verpflichtet, ähnlich der Beschneidung in dem alten Bunde und wie das weiße Kreuz im rothen Felde das Zeichen eines Eidgenossen ist. Wiewohl der alte und der neue Bund im Grunde nur Ein Bund sind, ist doch ein anderes Zeichen dort als hier. Die Beschneidung nämlich, bei der Blut vergossen ward, deutete hin auf die Versöhnung durch das Blut Christi, das hernach für uns vergossen wurde zur Stiftung des neuen Bundes. Jn diesem aber ist darum an die Stelle der Beschneidung ein freundliches Element d.i. das Wasser des heil. Taufsakramentes getreten, weil Christi Blut im neuen Bunde alle weitere Versöhnung durch Blut unnöthig macht und beseitigt. Wie aber schon im alten Bunde die Kinder der Jsraeliten zum Volke Gottes gehörten und als Angehörige des Bundes das Pflichtzeichen erhielten, so betrachtet auch Christus die Kinder schon als zum Reiche Gottes gehörig und kommt auch ihnen die heilige Taufe als anfängliches Pflichtzeichen zu. Der natürliche Erbe, so lange er ein Kind ist, darf auh nicht enterbt werden; erst wenn er als erwachsen dem Vater ungehorsam ist, wird er enterbt; so werden der Christen Kinder erst, falls sie diesem Bunde hernach untreu werden, des Bundes und seiner Güter verlustig. Die dreiste Behauptung der Wiedertäufer, die Apostel haben keine Kinder getauft, ist nicht erweislich; daraus daß sie nicht ausdrücklich genannt sind, folgt jenes noch nicht; waren doch die Frauen auch nicht bei der Einsetzung des Abendmales und doch gehört dieß ihnen auch; daraus aber, daß es heißt, die Apostel haben ganze Haushaltungen getauft, läßt sich wohl entnehmen, daß die Gegner mit ihrer Behauptung zu weit greifen. Sie sagen ferner, die Apostel hätten zuerst gepredigt, dann getauft. Freilich soll man dieß auch jetzt noch thun bei Leuten,

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die noch nichts von Gott wissen; anders aber steht's mit Kindern, die durch die Eltern schon dem Bunde Gottes angehören. Unwahr ist die Behauptung, daß erst Pabst Nikolaus die Kindertaufe eingeführt habe; schon Origenes (ums Jahr 200 nach Christus) und Augustinus (um 400) bezeigen, daß sie schon in den frühsten Zeiten der Christenheit vorkam; die Wiedertaufe Novatians dagegen ward schon zu des Letztern Zeit als ketzerisch verworfen. Nichtig ist auch die Rede, man sei mit des Pabstes Taufe getauft worden und deßhalb müsse man wiedergetauft werden. Nein! wir wurden ja doch auf Christum getauft. Eben so nichtig ist der Einwand, die Kinder wissen noch nichts von der Bedeutung der Taufe; dieß würde ja auch gegen die Beschneidung der Kinder gelten, und doch beschnitt Abraham mit Recht seinen Sohn schon als kleines Kind. Doch der eigentliche Grund des Jrrthums liegt darin, daß sie nicht wußten, was die Taufe sei; sie bildeten sich ein, sie sei das Zeichen der wahrhaft von Herzen Gläubigen; doch dafür gibt's keine andere Gewähr als nur des heil. Geistes Siegel! Röm. 8, 16, II. Kor. 1, 22.

„Gott aber, schließt Bullinger, ist ein Gott des Friedens. Drum vermeid' du den Zank, herzlieber Heinrich, und bewäre mit guten christlichen Werken mehr als mit Worten dein christliches Gemüth; denn das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in der Kraft, und nimm dieß mein Schreiben zum Besten an. Die Gnade Gottes sei mit dir!“

13. Das wahre Prophetenthum.

Von zwei Seiten sahen sich also die wahrhaft reformatorischen Männer angefeindet seit diesen Regungen der Wiedertäufer. Doch auch dieß mußte ihnen durch Gottes Gnade zum Besten dienen. War es den papistischen Gegnern gegenüber, die ihr unwahres Priesterthum und alle ihre Jrrlehren durch Menschensatzung zu stützen suchten, nothwendig gewesen, allein auf das Wort Gottes sich zu gründen, so galt es nun gegenüber diesen stürmischen Geistern, die in eigener Willkür und eitler Selbsterhebung über das Schriftwort sich erhaben dünkten und hinweg setzten, auf gesunde, redliche, umsichtige Auslegung der heil. Schrift zu dringen, damit die ewig gültige evangelische Wahrheit hervor leuchte und die falschen Propheten zu nichte mache, sowohl die Wölfe in Schafskleidern, die bis dahin die Herde Christi so übel zugerichtet hatten, als auch diese, welche nun die eigenen jedesmaligen Eingebungen für göttliche Weisheit hielten und ausgaben.

Ein neues Amt war vonnöthen gegenüber den Einen wie den Andern, nämlich die lautere Verkündigung des göttlichen Wortes gemäß den heiligen Schriften durch die von Gott dazu Befähigten und Berufenen, damit die Gemeinde in der ächten christlichen Lehre unterwiesen und demgemäß ihr ganzes Leben nach allen seinen Richtungen hin und in allen Verhältnissen neu geregelt, umgestaltet und verklärt werde. Kein anderer biblischer Name konnte

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daher für diese Zeugen Gottes geeigneter erscheinen als der des Propheten. Wie der Prophet des alten Bundes strafend, warnend, tröstens in alle Gebiete des Lebens hineinleuchten mußte mit dem wahrhaftigen Gottesworte, so auch der Verkündiger des aus der Schrift aufs neue hervorströmenden göttlichen Wortes; wie die Propheten des neuen Bundes (nach der damaligen, wohl nicht ganz stichhaltigen Auffassung von I. Korinth. 12 und 14) als der Sprachen theilhaft bezeichnet werden, so mußten die Prediger des Evangeliums, wenn auch nicht in völlig gleicher, doch ähnlicher Weise, der Sprachen kundig sein, die zum sichern Verständniß der heil. Schriften dienen. Daher sehen wir, daß Bullinger so wenig wie Zwingli sich scheut, die Prediger des lautern Evangeliums als die wahren Propheten zu bezeichnen, wenn er gleich voraus sah, wie laut der Hohn der Widersacher erschallen werde gegen diese Benennung. Es bedarf eben doch auch der Verkündiger des Evangeliums vor Allem einer innern Berufung und göttlichen Begabung; dann muß die Ausbildung hinzu kommen. Völlig getragen von diesen Gedanken ist ein Werk Bullingers aus dieser Zeit, vom Jahre 1525, das den Namen „Der Prophet“ führt. Naturgemäß zerfällt ihm das Werk in zwei Theile. Einerseits nämlich muß es das Streben des ächten Propheten sein, die lautere göttliche Wahrheit stets völliger zu lernen aus den heiligen Schriften, durch gründliches Studium und tiefe Beherzigung sich immer mehr davon durchdringen lassen. Davon ausgehend, daß die heil. Schrift uns Alles, was zu einem frommen Leben und zur Seligkeit dient, ganz genau und vollständig lehre, und daß Alles, was in der Schrift steht, zu unserm Heile diene, sucht er mit größter Gewissenhaftigkeit die richtigen Grundsätze gesunder Schriftauslegung zu Tage zu fördern, weit entfernt von einer bloß mechanischen Behandlung der Bibel, vielmehr mit lebensvollem Eingehen auf die verschiedenartigen Bestandtheile der Schrift und die mannigfachen Arten, wie die Schrift zu uns redet. Diese Kunst, deren sorgsame Pflege auch in unsern Tagen die protestantische Welt so vielfach in Anspruch nimmt, ist ihm Gewissenssache. Steht er auch auf den Schultern eines Erasmus und anderer damals berühmter Schriftausleger, so genügen sie ihm doch nicht, indem sein ganzes Augenmerk aufs schärfste darauf gerichtet ist, daß er nirgends von der Schrift abweiche. „Wäre dieß nicht erreicht, so möchte nur gleich, ruft er aus, mein ganzes Buch zu Grunde gehen; denn lieber will ich, daß das Meinige zu Grunde gehe, als daß durch das Meinige die Brüder Schaden leiden!“ Hier kommt namentlich der früher schon von uns erwähnte Auslegungsgrundsatz zur vollen Geltung, daß man in den Schriften Christus allein hören müsse, daß er als das A und O, als Zielpunkt des ganzen alten und Ausgangspunkt des neuen Testamentes überall aufzusuchen und zu erfassen sei. - Die andere Aufgabe des Propheten ist es sodann, die göttliche Wahrheit, welche die Schrift ihm bietet, lauter und rein, würdig und edel, einfach und klar, den Verhältnissen und den Zuhörern angemessen vorzutragen.

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Daher finden wir da eine einläßliche Anleitung zum Predigen, zur geheiligten Redekunst.

Diese Schrift Bullingers hatte ein eigenthümliches Schicksal. Sie war zunächst nicht für den Druck bestimmt, sondern nur für den Kreis seiner Freunde und Zuhörer verfaßt. Leo Judä aber, der Pfarrer an St. Peter in Zürich, mit dem Bullinger wie mit Zwingli erst zu Ende des Jahres 1525 persönlich bekannt geworden, seither aber in ein sehr vertrautes, inniges Freundesverhältniß gekommen war, fand so großes Wohlgefallen daran und war so freudig erstaunt über die Reife des Urtheils, die Umsicht, Ordnung und Besonnenheit, die ihm überall in der Schrift des Jünglings entgegen trat, daß er in ihn drang, sie herauszugeben. Bullinger gab endlich, wiewohl schüchtern, nach; er widmete das Werk dem Abte Wolfgang Joner, dem Prior Peter Simmler und dem Conventsherrn Andreas Hofmann, sowie den übrigen lieben Brüdern im Kloster Kappel. Der Buchhändler Adam Petri in Basel war ganz bereit es herauszugeben. Allein die drei Büchercensoren Ludwig Ber, Amerbach und Froben in dem damals betreffend die Reformation noch sehr schwankenden Basel fanden, das Buch rieche allzusehr nach Lutheranismus (d.h. nach damaliger Ausdrucksweise: es sei zu scharf evangelisch) und lasse die Kirchenväter zu wenig gelten. Deßhalb unterblieb der Druck.

Bullinger hat uns aber darin gezeigt, welches hohe und doch lebensfähige Jdeal ihm, dem einundzwanzigjährigen Manne, damals schon für seine eigene künftige Lebensstellung vorschwebte, dessen Verwirklichung in nicht allzuferner Zukunft zu beginnen und durch eine so lange Reihe von Jahren rühmlich und kraftvoll fortzuführen ihm gewährt sein sollte.

Noch im November desselben Jahres hatte er die Freude, bei einem Besuche in Basel Oekolampad näher kennen zu lernen und in innige Freundschaft mit ihm zu treten. Er fühlte sich sehr von ihm angesprochen, und besuchte ihn auch später wieder. Oekolampad war es auch, der einige Jahre hernach an Bullingers Schrift „über den Ursprung des Jrrthums betreffend die Bilderverehrung und die Messe“ so großes Wohlgefallen fand, daß er ihn veranlaßte, sie herauszugeben. Dieß Buch fand so vielen Beifall, daß es noch zu Bullingers Lebzeiten die dritte Auflage erlebte. Bullingers Name wurde dadurch allgemein bekannt und berühmt. Ein Zeugniß von der Werthschätzung dieser Schrift ist, was Professor Zanchi (1568) an Bullinger darüber schrieb: „Gerne führe ich an, was mir einst jener italienische Mönch Giovanni Mollio, genannt Montaleino (Professor in Bologna) darüber sagte, der zuletzt (1553) in Rom um des Evangeliums willen verbrannt wurde. Kaufen mußt du's, sagte er, und hast du kein Geld, so reiß dir dein rechtes Auge aus, gieb es an Zahlungs Statt und lies das Buch mit dem linken!“

Doch wir kehren vorerst zum Gang der Ereignisse zurück.

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14. Der Ketzername. Die Rettung des Vaterlandes durch das Evangelium.

War das Jahr 1525 ein sturmbewegtes gewesen der Wiedertäuferei und des Bauernaufstandes wegen, der ganz Deutschland in Flammen setzte, so war es das Jahr 1526 für die Schweiz nicht weniger wegen des geschärften Gegensatzes der reformirten und der römisch-katholischen Partei. Erst in diesem Jahre stieg nämlich die Erbitterung auf ihre volle Höhe, seit die papistischen Kantone, angeregt durch den Generalvikar des Bisthums Konstanz Faber, sich mit dem spanisch-östreichischen Kaiserhause in Verbindung setzten und unter Beziehung desselben Dr. Eck, der einst in Leipzig mit Luther disputirt hatte, ein Religionsgespräch in Baden veranstalteten, das Zwingli schon der augenscheinlichen Lebensgefahr wegen nicht besuchen durfte. Das zu mehrern frühern hinzu kommende Feuerzeichen, das Faber dadurch gab, daß er acht Tage vorher den Prediger Hüglin von Lindau der evangelischen Lehre wegen in Konstanz dem Flammentode Preis gab, war überdieß bedeutsam genug, wenigstens nach Bullinger's Urtheil; dieser konnte nicht anders als Zwingli's Einladung nach Baden mit dem Mordanschlag gegen Paulus (Apostelgesch. 23) vergleichen. Jmmer noch hatte man bis jetzt einige Hoffnung hegen können, es würde in der Eidgenossenschaft nicht zum Aeußersten kommen, sie werde sich nicht völlig spalten; doch schwand diese Hoffnung allmälig dahin und die Ahnung von der Nähe eines furchtbaren Bürgerkrieges stieg leise auf in manchem vaterlandsliebenden Herzen. Jndeß mußte man noch thun, was man konnte, um die angefeindete Ehre des Evangeliums zu retten, ungerechte Vorwürfe zurück zu weisen und denen, die sehen wollten, zu zeigen, wie sehr dem ganzen Vaterlande geholfen wäre durch Rückkehr zu christlich-sittlicher Lebensführung gemäß dem Evangelium.

Namentlich wurde Zwingli eben damals so laut und dreist als Ketzer und meineidig verschrieen, daß Bullinger nunmehr der Zeitpunkt gekommen schien, das früher schon in dem Briefe an Pfarrer Jakob zu Wohlen angedeutete Versprechen zu erfüllen, nämlich zu zeigen, wer eigentlich den Ketzernamen verdiene, ob die Papisten oder die Evangelischen. Dieß that er nun mit Zwingli's Zustimmung (1526) in der Schrift: „Vergleichung der uralten Ketzereien und derjenigen unserer Zeiten.“ Dieß Schriftchen, das erste was von ihm gedruckt wurde, gab er indeß, um desto eher auch bei den Gegnern Eingang zu finden, nicht unter seinem eigenen Namen, sondern unter dem Namen Octavius Florens heraus. Auf dem Titel steht noch: zu warnen den einfältigen Leser, und dann: das Büchlein zum Leser:

„Willst du erfahren g'wiss und b'hend,

Wer doch Väter, Concilien schänd',

Juden und Heiden in Tempel führ'

Und Ketzereien vom Boden rühr',

So lies mein' Red' in solchem Maß,

Daß dich fürhin verhütest baß.“

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Er bezeugt vor Allem seinen Wunsch nach Frieden; einzig die Ehre Gottes vermöge und zwinge ihn, einmal zu sagen, wie die Sachen stehen. Wer sind aber Ketzer? Solche, die aus eigenem Kopf aussinnen, festhalten und ausbreiten, was göttlicher Schrift widerspricht. Wir thun das nicht, da wir gar nichts Anders wollen, als treu beim Worte Gottes bleiben nach der heil. Schrift, wohl aber unsere Gegner, die uns wider Wissen und Gewissen Ketzer schelten, die sogenannten Altgläubigen. Sie tragen jedoch diesen Namen nicht mit vollem Rechte; denn einen ältern Glauben, als den unsrigen, den von Gott und Christo gepflanzten, den der Urväter, Propheten und Apostel gibt es nicht. Dann zeigt er, wie die Schimpfnamen Hussiten, Waldenser und Wiklefiten, mit denen damals die Evangelischen hie und da belegt wurden, mit Unrecht als Ketzernamen angesehen werden, durchgeht hierauf eine Reihe von Jrrlehren, die von der alten Kirche in den ersten Jahrhunderten, die dem Evangelium noch näher stand, als ketzerisch verdammt wurden, und weist nach, wie die römisch Gesinnten sich derselben schuldig machen, wie sie z.B. durch ihre falsche Lehre von der Brotverwandlung und ihre Verehrung der Hostie betreffend die göttliche und menschliche Natur Christi eben in die Ketzereien gerathen seien, welche die Kirche verwarf, wie sie ferner durch ihre Werkheiligkeit völlig in Widerspruch mit dem von Allen für rechtgläubig geachteten Augustin gekommen und der damals verworfenen Ketzerei verfallen seien, wie sie endlich auch durch ihre Verbote des Fleischessens, ihr Geisterbeschwören und andere derartige gottlose Gebräuche, sowie dadurch, daß sie die Kirche an Rom binden, ketzerisch geworden. „Ja fürwahr, sagt er, diese Doctoren da, die ja wohl wissen, daß wir keine Ketzer sind, und ihrer Viele, die gegen ihr eigen Gewissen reden, schreien eben darum so gar laut und frech: Ketzer, Ketzer! damit man sich bei ihnen ja nicht der Ketzerei versehe.“ Endlich nachdem er nochmals versichert hat, daß er nur nothgedrungen wegen der immer ärger werdenden Anfeindungen den Gegnern etwas schärfer auf den Leib gegangen, wendet er sich noch, mit tiefem Schmerze und heiligem Zorne im Hinblick auf die schuldlos als Ketzer Verbrannten, an die ehrlichen frommen Christen: „Längst haben sie (die papistischen Lehrer) euch gewähnt in Harnisch zu kommen (aufzufahren) und unerhört die zu verfolgen, welche alle Ketzereien gehaßt, nach des einigen Gottes Ehre, nach Christi Erkenntniß und der armen Seelen Heil von Herzen gedürstet, Glauben, Liebe und Unschuld gelehrt und auf das untrügliche Gotteswort gegründet haben! Ach, himmlischer Vater, was können wir denn noch thun? Wie könnet ihr Doctoren, die ihr doch wisset, daß wir recht lehren, uns arme Schäflein so unmenschlich auf die Schlachtbank führen!“

Von demselben Geiste heiligen Ernstes beseelt und von edler Vaterlandsliebe durchdrungen sind noch zwei kleinere Schriften Bullingers aus dieser Zeit. Die erste derselben, vorzüglich bestimmt alle noch Widerstrebenden im ganzen Vaterlande darauf zu weisen, wie eben das neuerwachte Evangelium als der

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Gipfelpunkt all der großen Wohlthaten zu betrachten sei, welche Gott der Eidgenossenschaft erzeigt habe, heißt „Anklage und ernstliches Ermahnen Gottes des Allmächtigen an die gesammte Eidgenossenschaft, daß sie sich von ihren Sünden zu ihm kehre.“ Erst 1528 gaben sie seine älteren Freunde Brennwald und Uttinger mit Verschweigung seines Namens heraus. Wie die alten Propheten ihre Ermahnungen ans Volk Jsrael anhoben: Also spricht der Herr, so läßt der Verfasser Gott selbst reden; freilich ein kühner jugendlicher Versuch, doch ließ sich allerdings in dieser Form manches Treffende mit ausnehmender Kraft vorbringen.

Die andere dieser beiden Schriften, welche unter Bullingers eigenem Namen im Jahre 1526 erschien, ist die „freundliche Ermahnung zur Gerechtigkeit wider alles Verfälschen richtigen Gerichts“, auf Zwingli's Ermunterung verfaßt und an einen bedeutenden zugerischen Staatsmann gerichtet, besonders lehrreich für die, welche etwa geneigt sein möchten, irgendwie jenem oft wiederholten und stets ungerechten Vorwurfe zu huldigen, als ob die Reformation überhaupt, oder doch die schweizerische, etwas Revolutionäres in sich schlösse und daher staatsgefährliche Tendenzen begünstige. Wem dieß aus der festen Haltung Zürichs gegenüber den allerdings die staatliche Ordnung gefährdenden Wiedertäufern noch nicht klar geworden, dem könnte hier noch etwas mehr Licht darüber ausgehen. Nicht von der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, will er hier reden, sondern von der bürgerlichen, staatlichen Gerechtigkeit, d.h. von der ächten christlichen Staatsordnung und ihrer kräftigen Handhabung, wie sie aus der evangelischen Wahrheit nothwendig sich ergebe. Mit Kraft und Feuer bekämpft er hier namentlich, gleich Zwingli, jenes größte Hinderniß der Reformation in der Schweiz, welches sowohl der sittlichen Erhebung als der reineren Lehre sich entgegen stemmte, ohne dessen stete Berücksichtigung das Verständniß der schweizerischen Reformation überall nicht möglich ist, das mörderische, nur für Wenige gewinnreiche Reislaufen (ungeordneten Söldnerdienst), das alle sittlichen Bande löste und die Herzen des Volkes der Verwilderung Preis gab. Schien auch mancher Ton fruchtlos zu verklingen, dennoch lag in der erneuten Geltung der evangelischen Wahrheit die einzige Rettung für das Schweizervolk, durch ihre Rückwirkung selbst für die römisch-katholischen Kantone.

Jn Bezug auf Bullinger selbst ist diese Schrift darum von besonderer Bedeutung, weil sie uns zeigt, wie klar und richtig er bereits das Verhältniß des Gotteswortes zur Staatsgewalt und damit zugleich auch das des evangelischen Predigers, als ihres Berathers, zu letzterer erfaßte. Wie wichtig für den Mann, der berufen war, hernach während einer so langen Reihe von Jahren als kirchlicher Berather der evangelischen Obrigkeit stets die rechte Linie inne zu halten!

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15. Umwandlung des Klosters Kappel; Klostergut und Armenpflege. Ein Halbjahr in Zürich, Disputation in Bern. Das erste Predigtamt.

Endlich kam die Zeit, da Bullinger in seiner Nähe die Früchte seines reformatorischen Wirkens sehen durfte. Die äußere Umgestaltung ging, völlig in Uebereinstimmung mit Zwingli's und Bullingers Grundsätzen, nur allmälig vor sich, so daß sie Schritt für Schritt der Belehrung nachfolgte. Schon im März 1925 wurden die Bilder, denen zuvor so viel abgöttisches Vertrauen geschenkt worden, aus der Kirche zu Kappel hinaus getragen. Im April entwickelte Bullinger zum ersten Mal öffentlich die evangelische Lehre vom heiligen Abendmal. Jm September wurde in Kappel die Messe abgeschafft; doch erst zu Ostern 1526 feierte man das heilige Abendmal nach der Einsetzung des Herrn. Zugleich legten nun die Mönche ihre Kutten ab. So verstummte auch im Sommer der mechanische, andachtlose Chorgesang; statt dessen trat eine tägliche Bibellection ein. Mehrere von den Mönchen widmeten sich dem geistlichen Amte, übernahmen Pfarrstellen in der Umgegend und traten in den Ehestand. Letzteres thaten auch der Abt und der Prior zu Anfang des Jahres 1527. Diejenigen von den Mönchen, die zum Predigtamt kein Geschick hatten, jüngere besonders, verließen das Kloster, um Handwerke zu lernen und lebten fortan als thätige und ehrbare Bürger von ihrer Hände Arbeit. Einige ältere bekamen Leibgedinge; etliche, die beim Mönchsleben beharren wollten, traten in andere Klöster. Die Schule sowie der evangelische Gottesdienst wurden indeß mit allem Eifer fortgesetzt und unter den Zurückbleibenden auf strenge Sittlichkeit gehalten.

Endlich nach allen diesen Vorgängen und nachdem schon 1525 alle Klöster im Kanton Zürich eingegangen, faßte 1527 der Abt und Convent einmüthig den Beschluß (an dem Bullinger nicht wenig Antheil hatte), das Kloster der Stadt Zürich als den rechten Schirmherren und Kastvögten zu übergeben. „Dieweil wir, sagten sie in ihrer Zuschrift an den Rath, aus heiliger, göttlicher Schrift berichtet sind, daß man Gott mit solchem Dienst, wie er bisher in Klöstern üblich gewesen, mit Singen, Lesen, Messehalten u. dgl. vergeblich ehre, vielmehr die Klöster von ihrer ersten Stiftung her zu Schulen christlicher Zucht und heiliger göttlicher Schrift geordnet und bestimmt sind; so finden wir uns aus christlichem Eifer bewegt, daß wir Euch, unsern Gnädigen Herren, das Kloster mit all seiner Nutzung, die unsere Vorfahren mehrtheils mit ihrer Arbeit und sorgsamem Haushalt bekommen, frei ledig übergeben wollen, mit der Bedingung und Bitte, daß Jhr anstatt der abgeschafften Mißbräuche eine Reformation vornehmet, die dem Worte Gottes gleichförmig sei. Dazu wollen wir Alle rathen und helfen und jeglicher unter uns ist willig zu den Diensten, wozu ihm Gott Geschick verliehen hat, in der zuversichtlichen Hoffnung, daß Jhr uns Alle nach Gnaden bedenken werdet.“

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Sogleich reiste eine Abordnung des Rathes nach Kappel und traf in Betreff der Reformation das Klosters mit dem Abte die Abrede: da die Klöster von Anfang Schulen der Zucht und göttlicher Schrift gewesen, so soll Kappel für und für dabei bleiben; der Abt soll stets einen gottesfürchtigen, tugendreichen und gelehrten Schulmeister halten; hoffnungsvolle Knaben aus der Stadt oder Landschaft Zürich sollen auf Kosten des Klosters daselbst eine Zeit lang erzogen werden, bis sie zu weiterem Unterricht abberufen und durch andere ersetzt werden. Die Zahl dieser Knaben wurde einstweilen auf vier gesetzt, solle aber mit dem Vermögen des Klosters steigen; auch soll es jedem Bürger frei stehen, gegen ein billiges Kostgeld seine Knaben daselbst erziehen zu lassen. Ferner wurde verordnet, daß zu Kappel eine Pfarrkirche sei, wozu die umliegenden Dörfer und Höfe kirchgenössig, und daß überdieß die eine halbe Stunde entfernte Pfarre Hausen von Kappel aus durch den jeweiligen Schulmeister versehen werden solle.

Wie sehr diese Umwandlung Bullingern zusagen mußte, können wir uns leicht denken; er blieb nach wie vor Schullehrer; seine Schülerzahl stieg bald auf zwölf; Kappel wurde eine Pflanzstätte, welcher eine Reihe berühmter Zürcher Gelehrten in den folgenden Jahrzehnden einen schönen Theil ihrer Jugendbildung verdankte. Persönliche Vortheile hatte er indeß von dieser Umgestaltung keine. Nach wie vor bekam er keinen Gehalt. Die Pfarrbesorgung hingegen, die ihm dabei in Aussicht gestellt wurde, war nur eine Vermehrung seiner Arbeitspflicht.

Wie die hier geltend gemachte Anschauung, daß das Klostergut seiner ursprünglichen Bestimmung gemäß in evangelischen Landen theils zur christlichen Unterstützung der Armen und Kranken, theils zum Unterhalte christlicher Schulen zu verwenden sei, Bullinger's Ueberzeugung entsprach, ersehen wir auch aus seinem in eben diesem Jahre 1527 verfaßten Schriftchen: äWider den frevnen Kelchstempel, wie unbillig er den frommen Zürchern auf ihre Batzen gestempft worden.“ Die Veranlassung zu dieser Schrift gab der Umstand, daß nach Aufhebung der Klöster und Stifte im Gebiete Zürichs die Kirchenzierraten, wie Chorhemden und dergl. dazu verwandt wurden, den Armen Röcke, Hemden und andere Kleidungsstücke daraus zu machen. Die Seiden- und Sammtstoffe, die gestickten und gewirkten Tücher wurden den Meistbietenden verkauft und der Erlös zu eben diesem heiligen Gebrauche bestimmt. Gold und Silber wurde in die Münze geschickt und Goldgulden, Batzen und Schillinge daraus geprägt. Dies wurde von den Gegnern der evangelischen Wahrheit aufs gehässigste ausgebeutet, so daß Etliche zu Luzern und Zug, Zürich zu Schmach und Trotz auf alle solche Münzen, deren sie habhaft werden konnten, einen Kelch stempften (stempelten) und sie Kelchbatzen und Kelchschillinge nannten. Dies erweckte bei den Reformirten auch wieder Bitterkeit; diese fragten jene Gegner, warum sie die französischen Kriegsgelder nicht ebenso stempeln, da man doch wisse, daß man in

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Frankreich viel Kirchengut nicht zu Gunsten der Armen, sondern für Kriegsbedürfnisse geprägt habe. Faber schrieb ein gar heftiges Sendschreiben an Zwingli, worin er ihm vorwarf, daß die heiligen Gewänder in Zürich auf dem Trödelmarkt öffentlich verkauft werden und nun von Dirnen zur Schau getragen werden. Zwingli antwortete ihm zumeist mit beißendem Witze: sollte auch wider den Willen der Obrigkeit Einiges in die Hände Muthwilliger gekommen sein und zur Hoffart mißbraucht werden, so sei doch eine gottentehrende Entweihung jener Zierden schon darum nicht möglich, weil dieselben längst von unreinen Pfaffen entweiht worden. Bullinger aber behandelte die Sache ernsthafter. Eifernd für Zürichs Ehrenrettung zeigt er, daß Zürichs fromme Regierung nichts Ungehöriges oder Unchristliches gethan habe, sondern nur was Gott gefalle und was Gott sie gelehrt habe durch die heiligen Schriften. „Wir Christgläubigen, fügt er bei, wissen jetzt, daß die frommen Herzen der rechte Tempel Gottes sind und daß diejenigen Kleinodien von Edelgestein, Gold und Silber in die Tempel tragen und aufopfern, welche den armen Dürftigen, in denen Christus wohnt und von denen er spricht: was ihr dem Allergeringsten der Meinigen gethan, das habt ihr mir gethan, Gutes thun, sie speisen, tränken, kleiden und beherbergen.“ Nachdem er dies aus der Schrift erwiesen, weist er noch auf die alte Kirche hin, auf Cyprian und Lactanz, auf Ambrosius, der das Gold und Silber der Kirche zu Erlösung der Gefangenen verwandte und dies den rechten Schmuck der Sakramente nannte, auf Laurentius, der, als Diakon in Rom, im Jahre 258 die Schaar der Armen als die Schätze der Kirche darstellte, während die jetzigen Priester und Mönche durch die Menge von Abgaben aller Art die ehrlichen Armen darnieder drücken [9].

Wenige Monate nach der Umgestaltung des Klosters Kappel, im Juni 1527, reiste Bullinger mit Bewilligung des Abtes nach Zürich in Begleit seines Zöglings Johannes Frei. Er blieb da bis im November und wohnte im Kappelerhofe. Während dieser köstlichen Zeit hatte er nun Gelegenheit, den täglichen Umgang Zwingli's, Leo Judä's und der übrigen Zürcher Freunde zu geniessen; er wohnte Zwingli's Predigten und seinen theologischen Vorlesungen regelmäßig bei, übte sich emsig in der hebräischen Sprache unter Konrad Kürsner, genannt Pellican, und vervollkommnete sich im Griechischen unter Johann Müller (aus Rellikon im Kanton Zürich), genannt Thellican, Rudolf Collin und Jakob Ammann.

Jm Dezember 1927 erhielt Bullinger vom Rathe in Zürich den Befehl

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im Januar 1528 mit Zwingli nach Bern zu reisen, woselbst ein öffentliches Religionsgespräch angeordnet war, zu welchem man die bedeutendsten Vertreter beider Parteien eingeladen hatte. Jn den ersten Tagen des Jahres versammelten sich in Zürich die Geistlichen und Abgeordneten von Schaffhausen, Glarus, St. Gallen und mehreren schwäbischen Städten; mit den zürcherischen Gelehrten und Geistlichen waren ihrer über hundert. Gemeinsam und unter ansehnlicher Bedeckung reiste man ab. Zwanzig Tage lang dauerte die Disputation; Zwingli leuchtete vornehmlich hervor; er und die große Schaar seiner Mitarbeiter verfocht die Sache des Evangeliums so kraftvoll und siegreich, daß die Reformation in Bern völlig den Sieg davon trug, und nicht nur in diesem größten Kantone, sondern auch in weiterem Umkreise sich Bahn brach. Bullinger hatte dabei keine öffentlichen Geschäfte, wohl aber die schöne Gelegenheit eine beträchtliche Zahl der reformatorischen Männer, in deren Gemeinschaft er nach wenigen Jahren das Werk der Reformation fortführen und weiterbilden mußte, persönlich kennen zu lernen, Männer wie Bertold Haller, Franz Kolb von Bern, Butzer und Capito von Straßburg, Konrad Som von Ulm, Farel von Neuenburg und viele Andere, vornehmlich aus der Schweiz. Namentlich trat er mit Ambrosius Blaarer von Konstanz in ein näheres Verhältniß, das dann lange Jahre segensvolle Früchte bringen sollte; noch im nämlichen Jahr widmete ihm Bullinger seine Schrift vom Ursprung des Bilderdienstes. Mit manchen schon Befreundeten, wie insbesondere Oekolampad wurde hier die Freundschaft noch fester und inniger. Bullinger hatte etwas so Einnehmendes in seiner Art sich zu benehmen, daß ihn jedermann bald lieb gewann; dabei zeigte er solche Umsicht und Besonnenheit und wußte Anderen mit solcher Achtung zu begegnen, daß er bei Männern, die zehn und zwanzig Jahre älter waren, großes Zutrauen gewann und, obgleich noch ein Jüngling, zu den wichtigsten Berathungen und Verhandlungen gerne beigezogen wurde.

Jm Juni desselben Jahres 1528 wurde Bullinger zu der Synode, die unter Zwingli's und Leo Judä's Vorsitz im Beisein mehrerer Rathsglieder gehalten wurde, nach Zürich berufen und leistete den Synodaleid. Er wurde dadurch Mitglied der zürcherischen Geistlichkeit und verpflichtete sich damit, die evangelische Lehre nicht nur in Schulen oder durch Schriften zu verfechten, sondern auch öffentlich zu predigen, was er bisher noch nicht gethan, vielmehr stets abgelehnt hatte. Gemäß der 1527 getroffenen Verfügung hatte er jetzt als Schullehrer in Kappel zugleich die Pfarrgeschäfte in Hausen zu besorgen. Der Abt hielt ihn auch alsbald nach seiner Rückkehr dazu an. Sonntags den 21. Juni betrat er in Hausen zum ersten Male die Kanzel und damit beginnt nun seine Predigerwirksamkeit.

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16. Bullinger's Verlobung. Sein Bewerbungsschreiben. Vom Nonnenleben.

An Bullingers längeren Aufenthalt, den er im Jahre 1527 in Zürich machte, schließt sich noch ein namhaftes Ereigniß seines Lebens, das uns den Blick in ein neues Lebensgebiet und seine ganze Auffassung desselben eröffnet, nämlich seine Verlobung. Er bewarb sich um die Hand der Anna Adlischweiler aus Zürich, die im aufgehobenen Kloster Oetenbach daselbst Nonne gewesen war und auch seit der schon 1525 erfolgten Aufhebung des Klosters nebst einer einzigen älteren Nonne Namens Frau Justitia (die Bullingern bekannt war) noch darin lebte. Sie war die Tochter eines ehrbaren Bürgers, Hans Adlischweiler von Rappersweil, seit 1491 in Zürich eingebürgert, der als vorzüglicher Koch dem Bürgermeister Waldmann und dem prachtliebenden Abte Trinkler zu Kappel einst gedient hatte, dann Stubenwart zweier Zünfte wurde und 1512 vor Pavia, als Küchenmeister des Feldhauptmanns, an der Bräune starb. Er hinterließ ein ziemlich bedeutendes Vermögen. Die Mutter brachte sodann die einzige Tochter aus besonderer Andacht ins Kloster, und als sie selbst zuletzt schwächlich und mit der Wassersucht behaftet ward, verkostgeldete sie sich in ihren alten Tagen ins Kloster Oetenbach, um in der Nähe ihrer Tochter zu sein, und genoß deren liebevolle Pflege.

Bullinger's Bewerbung geschah schriftlich durch ein einläßliches an die Geliebte seines Herzens gerichtetes Schreiben, das etwas so Eigenthümliches hat, ein solches Zeugniß seines edlen Sinnes, seiner Reinheit und Geradheit, der Klarheit und ruhigen Besonnenheit ist, mit der er im Alter von dreiundzwanzig Jahren auch die ehelichen Verhältnisse anschaute, und den heiligen Ernst auch die Ehe im ächt evangelischen Sinne zu führen so kräftig bezeugt, daß man auch jetzt noch sich daran erfreuen kann und das ächt Christliche darin sich wohl mag fühlbar machen[10]. Kaum wird es eine bessere Widerlegung der Widersprüche geben, in denen sich die römisch-katholische Kirche bewegt, da sie einerseits die Ehe zum unlösbaren Sakramente emporspannt, anderseits sie wieder entwürdigt, indem sie den ehelosen Stand für heiliger ausgibt.

Zehn Tage nachher erhielt Bullinger das Ja-Wort. Dies geschah in einer Halle des Großmünsters unter vier Augen. Und so war sein künftiges häusliches Glück begründet. Doch sollte auch dieses Glück vorerst noch seine ziemlich harten Proben bestehen. Da die Mutter der Braut von der Verbindung nichts wissen wollte, so wurde das Verlöbniß bis ins folgende Jahr geheim gehalten. Da sie aber im Sommer 1528 ihre Tochter ihm entreißen und zu einer anderen Verbindung zwingen wollte, so sicherte er diese gegen solche unnatürliche und ungerechte Nöthigung, indem er sie durch die zuständige Behörde für volljährig erklären ließ; indeß machte man davon, um die Mutter

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zu schonen, einstweilen keinen Gebrauch. Wir sehen unter diesen etwas schwierigen Umständen kindliche Zartheit und männliche Festigkeit in seinem Benehmen vereinigt. So blieben die Verhältnisse, bis sich jede Schwierigkeit wie von selbst hob und das eheliche Band völlig ungehindert zur rechten Zeit geknüpft werden konnte.

Unterdessen suchte der Bräutigam der künftigen Gattin durch lehrreichen Unterricht und schriftliche Anweisungen die beste Bildung zu geben. Noch hat man vom Jahr 1528 einen solchen schriftlichen Unterricht, der den Titel führt: „Von weiblicher Zucht und wie eine Tochter ihr Wesen und Leben führen solle.“ Auf dem Umschlage steht: „Dies Büchlein und was darin ist, gehört allein meiner Hausfrau.“ Jetzt noch wird dieses niedlich geschriebene, sinnige Büchlein von seinen Nachkommen aufbewahrt. Wie alle diese kleineren Schriften verfaßte er es in großer Eile. Am Schlusse fügte er, da es ihm eben an Muße gebrach, auch noch über den ehelichen Stand sich auszusprechen, eine Erklärung des 128. Psalms bei, die er 1525 Marx Rosen, Hofmeister im Kloster Königsfelden, auf dessen dringende Bitte zugesandt hatte, zu Handen einiger den vornehmsten Bernerfamilien angehörenden Nonnen jenes Klosters, welche eine Beantwortung der Frage verlangten, ob es recht sei, das Kloster zu verlassen. Die häuslichen Verhältnisse werden in dieser Psalmauslegung gar ansprechend behandelt. Zugleich richtete Bullinger an Marx Rosen einen herzlichen Brief, worin er diesen treulich und innig zur evangelischen Lebensführung und zum unbedingten Gottvertrauen ermuntert.

Ungefähr aus derselben Zeit (1525) besitzen wir noch einen andern Brief verwandten Jnhaltes an Clara May, gewesene Nonne Predigerordens in der St. Michaels-Jnsel in Bern. Sie hatte ungemein offenherzig und zutraulich sich schriftlich an Bullinger gewandt, der mit ihren Brüdern nahe bekannt war, und ihm die Frage vorgelegt, ob es ihr gezieme in den Ehestand zu treten. Voll Freude darüber, daß sie die Klostermauern verlassen habe, sucht er in seinem höflichen und herzlichen Antwortschreiben ihr Herz zu befestigen; er zeigt ihr mit Kernstellen aus der Schrift, wie das Klosterleben eine Menschenerfindung, nicht zur Seligkeit nothwendig, vielmehr eine an falschem Vertrauen auf Aeußerlichkeiten, an Versuchungen und Sünden reiche, dem Worte Gottes zuwiderlaufende Lebensart sei, Paulus schreibe den Jungfrauen nicht vor, daß sie das Gelübde der Ehelosigkeit ablegen, sondern daß sie fromm seien, Kinder erziehen, haushalten, nicht aber unter falschem Scheine unthätig leben. „Folgt eurem Herrn Jesu nach in Demuth, Liebe, Geduld, Barmherzigkeit, Lauterkeit, Wahrheit; alsdann möget ihr fröhlich all euer Vertrauen ganz und gar auf Gott setzen!“ Weiter verweist Bullinger sie auf alle die übrigen hierauf bezüglichen Schriftstellen, und überläßt dann mit eben so weiser als zarter Zurückhaltung die Entscheidung ihr selbst, unter verbindlichem Danke für ihr großes Zutrauen und den besten Wünschen für alle die Jhrigen.

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Unter völliger Zustimmung ihres Vaters Claudius, eines der ersten Beförderer der Reformation in Bern, der ein halbes Jahrhundert theils auf den Schlachtfeldern theils im Rathe dem Vaterlande diente, faßte sie ihren Entschluß und reichte im folgenden Jahre dem Probste Niklaus von Wattenwyl die Hand, der um der evangelischen Wahrheit willen allen seinen Titeln, Einkünften und Würden entsagt hatte, mit denen die Hierarchie ihn von früh auf überhäufte, und es vorzog an ihrer Seite den Segen des häuslichen Friedens und die stillen Freuden des Landlebens zu genießen.

Dritter Abschnitt.

Das Pfarramt in Bremgarten. 1529-1531.

17. Des Vaters Verstoßung; des Sohnes Berufung. Anfang des Krieges.

Mit Anfang des Jahres 1529 traten in Bullinger's Vaterstadt Ereignisse ein, die in seinen Lebensverhältnissen eine entscheidende Veränderung herbeiführen sollten. Außer in Zürich und Bern hatte die Reformation bereits in Basel, St. Gallen, Schaffhausen, Glarus, Appenzell, Biel, Mühlhausen den Sieg errungen. Nirgends aber mußte der Kampf andauernder sein als in den sogenannten „gemeinen Herrschaften.“ Wohl neigten sich hier weit die meisten Ortschaften dem Evangelium zu. Wohl leistete ihnen Zürich allen Vorschub, um der Reformation auch hier zum Durchbruch zu verhelfen, und ermunterte zum herzhaften Vorgehen. Wohl glaubten sie sich völlig dazu berechtigt, frei darüber zu entscheiden, da ja seiner Zeit keine Verbindlichkeiten der Religion halben eingegangen worden gegenüber ihren jetzigen Oberherren. Allein gewaltsam, oft grausam drängten die Landvögte aus den römisch-katholischen Kantonen - deren Regierungszeit ihrer größern Zahl wegen die der reformirten weit überwog - die kirchliche Reform zurück, unterdrückten jede Regung, jeden Versuch dazu, wo sie nur konnten, ließen Anhänger des Evangeliums bald da bald dort aufgreifen, gefangen halten oder wegschleppen in die regierenden Orte zum schauerlichen Tode. Dessen ungeachtet brach sich die göttliche Wahrheit an manchen Orten Bahn und drang mit unwiderstehlicher Macht hervor.

So fühlte sich zu Anfang Februar 1529 der kernhafte Dekan Bullinger, den wir zehn Jahre früher zwar als Gegner unberechtigten Ablaßkrams, aber zugleich als guten Freund seines Bischofs von Konstanz kennen lernten, gedrungen, ungeachtet besonderer Abmahnung des Bischofs und langjähriger Gönner unter den Standeshäuptern der päbstlichen Kantone, nun einmal der

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Wahrheit Zeugniß zu geben. Muthvoll und offenherzig redete er von der Kanzel seine Gemeinde also an: „Drei und zwanzig Jahre lang bin ich euer Pfarrer und habe euch gepredigt und gelehrt, was ich für wahr und recht hielt, und niemanden wissentlich irre geführt. Aber die Zeiten waren Zeiten der Finsterniß, so daß ich mit vielen Andern blind war, und lehrte, wie es an mich gekommen. Doch habe ich das keinesweges aus Bosheit, sondern aus Unwissenheit gethan. Nun bekenne ich offen hier vor euch meinen Jrrthum und bitte Gott um Verzeihung. Jch bin auch fest entschlossen, euch mit der Hülfe Gottes des Allmächtigen fürhin den wahren rechten Weg zur Seligkeit zu zeigen, allein mit dem Worte Gottes aus heiliger göttlicher Schrift in und durch Jesum Christum, unsern einzigen Heiland.“ Kaum hatte er dies von der Kanzel gesprochen, so erhob sich ein lautes Gemurmel. Schultheiß Honegger und andere Rathsglieder liefen aus der Kirche mit heftigen Drohungen, Andere folgten ihnen; sie alle fluchten, wie sie sich ausdrückten, dem alten, blinden Schelm. Eilends versammelte man den Rath. Nach einer sehr stürmischen Sitzung ward der Dekan mit Mehrheit der Stimmen seiner Stelle entsetzt.

Er hatte jedoch die Pfarrpfründe 1506 nicht vom Rathe, sondern durch Beschluß der ganzen Gemeinde erhalten. Er glaubte daher, jener hätte auch kein Recht ihn zu entsetzen. Darum reiste er nach Zürich, wandte sich an die zürcherische Regierung und bat, man möchte ihm dazu verhelfen, daß in Bremgarten eine Gemeinde deshalb gehalten werde; wofern diese ihn rechtmäßig „beurlaube“ (verabschiede), so lasse er sich den Spruch ohne Widerrede gefallen. Sein Ansuchen fand in Zürich geneigtes Gehör. Auf seine Kosten reisten zwei Abgeordnete der Regierung, Bürgermeister Walder und Pannerherr Schweizer, nach Bremgarten und bewerkstelligten eine Versammlung der Gemeinde. Viele erklärten sich noch für ihren Dekan, der besonders auch als Wohlthäter der Armen beliebt gewesen, Andere aber zogen bitter über ihn los wegen seines Bekenntnisses. Durch Bitten, Drohungen und Versprechungen hatten Bullingers Gegner die größere Zahl auf ihre Seite zu bringen gewußt. Mit einer Mehrheit von bloß dreizehen Stimmen blieb der Dekan seiner Stelle entsetzt. Je mehr Ansehen er sonst genossen hatte, desto mehr richtete sich nun der Haß der römisch Gesinnten gegen ihn, so daß er Bremgarten einstweilen verlassen mußte und in Zürich seinen Aufenthalt nahm. Hier ließ er gegen Ende des Jahres seiner längst bestehenden Verbindung durch öffentliche Trauung die kirchliche Weihe ertheilen.

Jn Bremgarten hatte sich inzwischen bald nach seiner endgültigen Entsetzung von neuem heftiger Streit erhoben. Jn derselben Versammlung, in welcher die Gemeinde seine Entlassung bestätigte, hatte sie nämlich - wie es in solchen Zeiten der Schwankung zu gehen pflegt - auffallend genug beschlossen, der künftige Prediger solle ohne Menschentand und ohne Menschenfurcht das Wort Gottes klar und frei verkündigen. Der neue Prediger aber,

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Hans Aal, von Bremgarten gebürtig, den man versuchsweise anstellte, erwies sich sofort als ein eifriger Vertheidiger des Pabstthums. Viele Bürger forderten den Dekan wieder, oder begehrten wenigstens einen Mann, der ihnen dem obigen Beschlusse gemäß das Evangelium rein und lauter predige. Die päbstlich Gesinnten suchten Hülfe bei den römisch-katholischen Kantonen, die reformirten bei Zürich. Man griff zu den Waffen und stand sich wuthschnaubend gegenüber. Kaum konnten die herbei eilenden Vermittler den Ausbruch des Blutvergießens verhindern. Endlich kam es zu einer neuen Gemeindeversammlung; jetzt hatte die evangelische Partei die Oberhand. Daher wurde beschlossen, daß die Bilder, als der stete Gegenstand abgöttischer Verehrung, aus der Kirche entfernt, nicht mehr Messe gehalten, sondern evangelische Prediger angestellt werden sollten. Durch Zürich's Verwendung, die man sich dazu erbat, erhielt Bremgarten Gervasius Schuler aus Straßburg, der früher Zwingli's Helfer, hernach Pfarrer zu Bischweiler im Elsaß gewesen, für die eine Predigerstelle.

Für die andere richteten sich die Blicke und Wünsche vieler Bürger auf den um Vieles jüngern Sohn ihres Dekans, den gelehrten Schulmeister zu Kappel; ihn, ihren lieben Mitbürger, dessen guter Ruf auch bis zu ihnen gedrungen war, der weit und breit in der Umgegend schon viel Aufsehen genoß, wünschten sie wieder in ihrer Mitte zu sehen als ihren Seelenhirten und als treuen Verkündiger der lauteren Heilsbotschaft. Deshalb sandten sie im Mai 1529 Rudolf Gomann zu ihm nach Kappel, ihn dringend zu bitten, daß er ein Mal bei ihnen predige. Er kam, da der Abt und die Brüder in Kappel ebenfalls dazu rieten, und hatte die Freude am heiligen Pfingstfeste vor einer dichtgedrängten Versammlung zum ersten Mal in seiner lieben Vaterstadt die evangelische Wahrheit zu verkündigen. Seine Predigt blieb nicht ohne Erfolg. Mit solchem Nachdruck hatte er für die Anbetung Gottes im Geiste und in der Wahrheit Zeugniß abgelegt, daß man schon am folgenden Tage, den 17. Mai, in Bremgarten die Altäre beseitigte, die Bilder, die zuvor nur aus der Kirche entfernt worden waren, auf dem Kirchhofe verbrannte und zugleich, bezeichnend genug für das was man erstrebte, ein strenges Sittenmandat aufstellte, namentlich gegen Gotteslästerer, gegen die Laster des Ehebruchs, der Trunkenheit u. dgl. Die Kirche wurde für den evangelischen Gottesdienst geziemend eingerichtet. Am zweitfolgenden Tage ließ der Rath den jungen Prediger bitten, daß er in Bremgarten bleiben und hier fortfahren möchte das Evangelium zu predigen. Allein seine Antwort war: er sei den Zürchern eidlich verpflichtet und werde daher ohne die Genehmigung des Rathes von Zürich keinen Schritt thun. Sogleich eilte ein Rathsglied von Bremgarten als Gesandter nach Kappel und von da nach Zürich, trat hier vor den Rath und erwirkte die Verfügung, Bullinger solle die Stelle annehmen. Hierauf wurde er von der Gemeinde einmüthig erwählt. Er nahm noch von allen den theuern Freunden in Kappel, wo ihm so wohl war,

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woselbst er so schöne, glückliche Jahre voll Kraft und Gedeihen im ersten Arbeitsdienste verlebt hatte, herzlichen Abschied, und trat am ersten Juni sein Amt an.

So sah sich Bullinger nun seiner geliebten Vaterstadt wieder geschenkt, aber zugleich auch in einem sehr schwierigen Arbeitsfelde, hingestellt auf einen der äußersten Grenzposten des Evangeliums, zum Theil der örtlichen Lage halben, doch mehr noch wegen der politischen Verhältnisse dieser Gegenden. Für das ganze Freiamt war nämlich Bremgarten wichtig, da die umliegenden Kirchspiele seinem Beispiele folgten, und indem sie sich dem Evangelium zuwandten, ebenfalls ihre „Götzen“, wie man damals die abgöttisch verehrten Bilder nannte, verbrannten.

Waren aber schon die letzten fünf Jahre in Kappel auch für Bullinger voll Unruhen und Gefahren gewesen, so mußten nun die Zeiten bei der immer steigenden Aufregung und der stets drohender hervortretenden Erbitterung zwischen den römisch-katholischen und den reformirten Kantonen noch weit stürmischer werden. Jeder Tag gab neuen Anlaß; nur vier Tage nach Bullingers Amtsantritt kam auf dieser Grenze der Bürgerkrieg zum ersten Mal zum Ausbruche. Mit schauerlichen Flammen hatten die Schwyzer auf das Verbrennen der Götzen geantwortet, indem sie den evangelischen Prediger Jakob Kaiser, genannt Schlosser, Pfarrer zu Schwerzenbach im Kanton Zürich, unversehens aufgriffen und trotz aller Verwendung Zürichs am 29. Mai in Schwyz verbrannten. Zudem wollte Zürich wegen Unterwaldens Feindseligkeit gegen das Evangelium den neuen von dort heranziehenden Landvogt um keinen Preis die Herrschaft über Baden und die freien Aemter antreten lassen. Deshalb rückten die Zürcher aus, besetzten Bremgarten und Muri; Bullinger selbst mußte am 8. Juni mit den Truppen Bremgartens als Feldprediger ausziehen; doch bald hatten diese nur ihre Stadt zu bewachen, während die zürcherische Hauptmacht bei Kappel stand, um von dort aus den Hauptschlag zu thun. Jetzt war Zürich trefflich gerüstet und dem Feinde weit überlegen; jetzt schien Alles günstig für Zürich. Da wird plötzlich ein Friede vermittelt, der zwar nicht ungünstig schien für das Evangelium, aber dennoch ein fauler Friede war, weil er keine der brennenden Fragen löste, das Unheil nur verlängerte und den unversöhnten Gegnern gestattete, die ihnen gelegene Zeit zum Losbrechen abzuwarten. Den Bewohnern der gemeinen Herrschaften stand es vermöge dieses Friedensschlusses frei, wo die Mehrheit sich dafür entschied, das Evangelium anzunehmen; auf den folgenden Sommer sollten die römisch-katholischen Ote die Kriegskosten und eine Entschädigung an die Hinterlassenen des verbrannten Pfarrers Kaiser bezahlen, widrigenfalls die reformirten Stände befugt sein sollten, eine Sperre der Lebensmittel eintreten zu lassen. Bekanntlich schaute niemand klareren Geistes in das Dunkel einer furchtbaren Zukunft als Zwingli.

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18. Das Wirken in Bremgarten. Einladung nach Marburg. Des Vaters Wiederkehr. Bestreitung der Wiedertäufer.

Doch einstweilen sollte Friede sein. Auch Bremgarten durfte sich dessen erfreuen. Nun konnte das Evangelium die Lebensverhältnisse weiterhin durchdringen. Schon sechs Tage nach dem Friedensschlusse, am 30. Juni, ward ein wichtiger Punkt in evangelischem Sinne geordnet, nämlich die christliche Armenpflege, um nicht mehr wie in den Zeiten der Werkheiligkeit ein Heer von müssigen Bettlern zu pflanzen und zu pflegen, wohl aber wie zu der Apostel Zeiten (gemäß Apostelgesch. 4, 32. 34.) keinen darben zu lassen, sondern jedem dürftigen Mitchristen thatkräftig theilnehmende Liebe zu erweisen und damit zugleich auch den Wiedertäufern die scheinbarsten Vorwände für ihre gespannten, übertriebenen, unerechtigten Forderungen zu entwinden. Bullinger war in der That der Mann dazu, einer solchen wahrhaft urchristlichen Armenordnung Kraft und Leben zu verleihen.

Jm reichlichsten Maße aber hatte er in Bremgarten der eben vorgenommenen Umgestaltung (Reformation) des Gottesdienstes zufolge und entsprechend den damaligen Bedürfnissen das Predigamt zu versehen. Jeden Sonntag hielt er gemäß der mit seinem Amtsgenossen getroffenen Abrede die spätere Predigt, an den drei nächstfolgenden Wochentagen die Frühpredigt und überdies alle Tage Abends anstatt der Vesper eine Bibellection, genau nach der Grundsprache. So war es ihm möglich, während der dritthalb Jahre seines Hierseins in seinen Predigten fast alle Bücher des neuen Testamentes zu behandeln und die größtentheils noch nicht mit Bibeln versehene Gemeinde recht in die Schrift einzuführen. Oft predigte er auch in den umliegenden Kirchspielen Oberwyl, Lunkhofen, Gäslikon u.s.w. Die dem Evangelium Abgeneigten zogen aus Bremgarten weg nach anderen Gegenden.

Nunmehr war es für Bullinger auch an der Zeit, seine verlobte Braut heimzuführen. Dies geschah den 17. August; ihre kränkliche Mutter war wenige Wochen vorher in den Armen ihrer treuen Pflegerin verstorben. Die Vermählung fand Statt in der Kirche zu Birmenstorf, zwei Stunden von Bremgarten im Kanton Zürich gelegen, wo damals sein älterer Bruder Johann Pfarrer war. Die Predigt und Trauung hielt Peter Simmler. Außer den Verwandten war der Abt von Kappel und die hervorragendsten Bürger von Bremgarten zugegen. Nach der Mahlzeit zog man nach Bremgarten, die junge Frau zu Pferde, von Peter Simmler geleitet; daselbst aß man noch gemeinsam zu Nacht, womit die bescheidene Feier sich schloß. Die Hochzeit hielt Bullinger lieber nicht in Bremgarten „von minderen Geläufs und Gewühls wegen und daß es stiller zuginge.“ Noch haben wir von ihm als ein Denkmal dieses Tages ein eigentliches Minnelied zartsinnig edler Art, das uns in seine befriedigte, gemüthliche Stimmung, in der er sich dabei befand, lebhaft hinein versetzt. Er schließt mit folgenden Strophen, deren

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Schreibart nur zur Erleichterung des Verständnisses der neueren näher gebracht worden:

Jetzt hab ich Ruh; jetzt ist mir wohl,

Dieweil ich soll,

Herzliebste mein,

Bei dir selbst sein;

Jetzt reut mich nit

Kein Tritt noch Bitt',

Die ich gethan;

Denn ich daran

Dich, liebstes Gut, nach Willen han (habe).

O Herr, bring's du zu gutem End',

Was wir jetzt hend (haben)

Durch dich ang'hebt,

Daß hier werd' g'lebt

Jn Einigkeit

Mit B'scheidenheit,

Wie dein Gebot,

O heil'ger Gott,

Dem Ehstand theur geboten hat.

Darunter steht als biblischer Denkspruch: Was Gott zusammen gefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden; und dann noch:

Es hat mir g'stillt all Leid und Klag'

Jm Aug'st der siebenzehent' Ta

Und so war es auch; wir werden uns weiterhin davon überzeugen; wie dieses ehliche Bündniß mit Gott angefangen worden, so war es stets von ihm gesegnet. Wir können uns kaum einen Ehebund denken, der glücklicher, gedeihlicher und mehr geeignet gewesen wäre, den Wahn von der größeren Heiligkeit eheloser Seelsorger thatsächlich zu widerlegen. Jm Mai 1530 und im April 1531 wurden Bullingern in Bremgarten seine beiden ältesten Töchter geboren, Anna und Margaretha. Auch sein älterer Amtsgenosse, Gervasius Schuler, zu dem er in ein gar freundliches Verhältniß trat, empfand dankbar die wohlthuende Nähe eines solchen Hauswesens.

Eben um die Zeit aber, da Bullinger sich einen eigenen Hausstand gründete, erging an ihn eine herzliche und dringende Einladung Zwingli's, er solle ihn nach Marburg begleiten, um an dem Religionsgespräche Theil zu nehmen, das der Landgraf Philipp zur Versöhnung der Lutheraner und Reformirten angeordnet hatte. Wir sehen darin einen außerordentlich großen Beweis von Zwingli's Vertrauen und Werthschätzung gegenüber dem doch erst vierundzwanzigjährigen Bullinger. Bekanntlich mußte Zwingli's Abreise ganz insgeheim geschehen, damit er feindlichen Nachstellungen desto eher entginge; außer dem geheimen Rathe in Zürich wußte niemand darum. Wie gerne hätte Bullinger Zwingli's Einladung Folge geleistet! Er konnte aber nicht anders, als mit einigen Rathsgliedern in Bremgarten darüber Rücksprache

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nehmen. Diese jedoch gaben nicht zu, daß Bullinger jetzt sich von Bremgarten entferne, da ja hier die Saat des Evangeliums noch zu zart und zu schwach, die Reformation zu neu, die Aufregung der Gemüther zu groß sei und jeden Augenblick neue Gefahren drohen. So mußte Bullinger der vielversprechenden Anerbietung entsagen. Mit welcher lebhaften Theilnahme er aber den Verhandlungen des Marburger Gespräches folgte, erkennen wir daraus, daß er die Nachrichten darüber besonders sorgfältig sammelte und zu einer Beschreibung desselben zusammen ordnete [11].

Schon im März des folgenden Jahres 1530 durfte auch Bullingers Vater, der alte Dekan, von Zürich, wo er sich seit seiner Entsetzung aufgehalten hatte, nach Bremgarten zurückkehren; die benachbarte Gemeinde Hermetschweil hatte nämlich so eben sich für den evangelischen Glauben entschieden und er übernahm es unter Zürich's Vermittlung, von Bremgarten aus die dortige Pfarrstelle zu besorgen. So hatte der Sohn die Freude, seinen alternden Vater in seiner Nähe mit jugendlichem Muthe das Evangelium verkündigen zu sehen.

Er selbst war unterdessen unermüdet in schriftstellerischer Thätigkeit. Eine Erklärung der Wochen Daniels gab er 1530 heraus; er schrieb Auslegungen zu den vier Evangelien, welche einige Jahre später im Druck erschienen, ferner eine lateinische und deutsche Uebersetzung der dreißig ersten Psalmen mit Einleitung und Anmerkungen; daneben sammelte er zur Erholung in edler Anwendung seiner Mußestunden mit unermüdetem Fleiße für seine Schweizergeschichte, und insbesondere die Reformationsgeschichte, gewöhnlich seine „Chronik“ benannt, der wir so viel zu verdanken haben, die er jedoch erst in seinen letzten Lebensjahren vollendete.

Besonders aber nahm ihn außer der fortgehenden Bestreitung der eingewurzelten papistischen Jrrlehren der Kampf gegen die Wiedertäufer in Anspruch, die gerade auch im Freiamt, wie freilich in manchen andern Gegenden, durch ihre grenzenlosen Uebertreibungen, ihre Ueberspannung christlicher Wahrheiten und ihre selbst die Grundlagen der Gesellschaft gefährdende Lebensrichtung dem Fortgang des Evangeliums großen Eintrag thaten. Auch hier handelte es sich nicht bloß um die Kindertaufe. Jndem sie auf die Eingebung des Geistes abstellten, verwarfen sie das evangelische Lehramt, die Heranbildung und Berufung zu demselben, die Anstellung und Besoldung der Prediger, überhäuften mit maßlosen Schmähungen Bullinger und die übrigen Diener des göttlichen Wortes, wie jederzeit von ähnlich gestimmten Kreisen dergleichen zu geschehen pflegt. Jndem sie die christliche Bruderliebe in einseitiger Verzerrung auffaßten, die anfängliche Gestaltung der ersten Christengemeinde überboten und zur allgemeinen Vorschrift umdeuteten, verwarfen

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sie das Eigenthum, desnahen auch die Bezahlung der Zinse und Zehnten und lehrten Gütergemeinschaft in unevangelischem Sinne; sie wurden nach moderner Bezeichnung Communisten. Jndem sie die christliche Freiheit, die Freiheit der Kinder Gottes nicht unmittelbar und wesentlich als innere Freiheit verstanden, aus der dann erst allmälig die rechte bürgerliche Freiheit sich entwickeln müsse, sondern schlechthin auch als eine äußere, irdische Freiheit und Gleichheit, verwarfen sie das Bestehen einer bürgerlichen Obrigkeit, erklärten ein Christ dürfe nicht ein obrigkeitliches Amt bekleiden, noch einer Obrigkeit den Eid der Treue leisten; somit waren sie im vollsten Maße, um wieder modern zu sprechen, revolutionär.

Wir haben früher schon gesehen, in welchem völlig bewußten Gegensatz unser Bullinger gemäß seiner theologischen Geistesentwicklung und seiner ganzen Sinnesart nach gerade zu dieser Richtung stand, und mögen wohl auch darin die leise Spur einer höheren Fügung erkennen, daß eben der Mann, der zum Ausbau der zürcherischen Kirche und zur gesunden Gestaltung des evangelischen Kirchenwesens im Großen so viel beitragen sollte, hier noch einmal veranlaßt war, selbständig der wiedertäuferischen Richtung entgegen zu treten, die Menge ihrer Scheingründe nach allen Seiten ihres Strebens hin am Worte Gottes zu prüfen und des guten Rechtes unsrer reformirten Kirche jenen gegenüber desto sicherer und umfassender sich bewußt zu werden.

Nicht nur hielt er im Januar 1531 in Bremgarten ein öffentliches Religionsgespräch mit den Wiedertäufern in Gegenwart der ganzen Gemeinde, worin er sie ihrer Verirrungen überführte, sondern er gab auch im Februar desselben Jahres in vier Büchern eine einläßliche Schrift gegen sie heraus, worin er die anmuthige Form des Zwiegesprächs anwendet, um nach allen Seiten hin ihre mächtigen Jrrthümer klar und ruhig zu beleuchten und gründlich zu widerlegen. Als Anhang ist eine besondere Abhandlung betreffend Zinse und Zehnten beigegeben, worin deren christliche Rechtmäßigkeit nachgewiesen wird. Wir müssen diese Schrift um so höher schätzen, wenn wir bedenken, daß sie drei Jahre vor der unglückseligen Aufrichtung des vorübergehenden wiedertäuferischen Königsthrones in Münster (in Westphalen) und der damit verbundenen Enthüllung ihrer scheußlichen Verirrungen geschrieben ist. Ziemlich umgearbeitet trat dieselbe Schrift 1535, von Leo Judä übersetzt, lateinisch aufs neue ans Licht. Endlich ging, fast dreißig Jahre später, 1569, in veränderter Gestalt und mannigfach bereichert Bullingers bekanntes Werk daraus hervor: „Der Wiedertäufer Ursprung, Fortgang, Sekten u.s.w.“

Doch diesen ernsten Kämpfen sollten bald andere noch weit schwerere folgen.

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19. Neue Entzweiung der Eidgenossen. Die Vermittlungen. Zwingli's Lebewohl. Bullingers Friedenspredigten.

Wir nahen uns dem Zeitpunkte einer gewaltigen Entscheidung in der Eidgenossenschaft, deren empfindliche Wirkungen sich sofort auch auf Bremgartens Schicksal und Bullingers fernern Lebensgang erstreckten; daher wir uns hier, wenigstens in kurzen Zügen, die Lage der Dinge vergegenwärtigen müssen. Wohl hatte man im Sommer 1529, schaudernd vor den Folgen eines mörderischen Bruderzwistes, noch einmal den Frieden erfaßt, im Gefühle der Zusammengehörigkeit, eingedenk so vieler gemeinsam errungenen Siege und in der Hoffnung, die alte gegenseitige Anhänglichkeit wieder erwachsen zu sehen. Allein die alte Eintracht kam nicht wieder. Jn Folge des damals geschlossenen Friedens, den man den ersten Landsfrieden zu nennen pflegt, nahm die Reformation einen gewaltigen Aufschwung; sie hatte nun ihren ungehemmten Fortgang in den „gemeinen Herrschaften“ und weiterhin, überall kräftig, mitunter rücksichtslos gefördert von Seiten Zürichs, dessen Machtstellung sich dabei stets einflußreicher erwies, doch immer noch nicht dem emsig vorwärts strebenden Geiste Zwingli's zu genügen vermochte. Nicht weniger heftig und eifrig suchten die römisch-katholischen Kantone überall das Evangelium nach Kräften zu hemmen und zurück zu drängen; Geldbußen, Gefängniß, Folter, Verbannung traf Viele, die in ihren Gebieten es wagten, ihre Sehnsucht nach dem lautern Worte Gottes oder ihre Hinneigung dazu kund werden zu lassen. Jn engem Zusammenhalten und dann sogar in gefahrvoller Verbindung mit dem Auslande, zumal der furchtbaren spanisch-österreichischen Kaisermacht suchten sie ihren Halt und drängten dadurch die reformirten Kantone dazu durch Anwendung derselben Mittel auf ihre eigene Sicherheit Bedacht zu nehmen. Eine Fluth der gehässigsten, niedrigsten Schmähungen ergoß sich fortwährend aus den päbstlich gesinnen Orten über die Reformatoren und ihre Beschützer; nicht weniger bitter wurde entgegnet. Zu täglichen Reibungen, Mißhandlungen, Klagen aller Art gab der vielfache gegenseitige Verkehr unaufhörlich Anlaß. So sehr man sich auch bemühte, die Beschwerden abzustellen, die streitigen Punkte auszugleichen und näher zu bestimmen, öffentliche Ruhe und Ordnung zu handhaben, wurde doch die Kluft immer größer. Jmmer furchtbare erschienen die Maßnahmen und Drohungen der päpstlichen Kantone, die bereit waren, mit Gewalt die ihnen unerträglich vorkommenden Fesseln zu brechen, durch welche der Landsfriede ihr Einschreiten gegen die Anhänger des Evangeliums hemmte. Jeder Augenblick konnte, zumal bei der ungewissen Haltung des Auslandes, den gewaltsamen Ausbruch bringen. Zürich sah kein anderes Mittel, als zu den Waffen zu greifen. Dieß Aeußerste mißriethen seine Verbündeten. Nach langen Verhandlungen vereinigte man sich endlich im Mai 1531 dahin, daß den katholischen Kantonen wegen ihrer vielfachen Verletzungen des Landsfriedens von Seiten Zürichs und Berns die Zufuhr der

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Lebensmittel sollte abgeschnitten werden, die gemeinen Herrschaften sollten ein Gleiches thun. Diese geriethen in die peinlichste Lage, da auch katholische Orte ihre Oberherren waren; sie mußten aber Zürichs entschiedenem Ansinnen willfahren. Um so erbitterter wurden die katholischen Orte. Die bald herein brechende Noth steigerte ihren Unwillen zur Wuth. Neuerdings unterhandelte man zur Herstellung des Friedens unter den Eidgenossen; namentlich wurde eine allgemeine Tagsatzung nach Bremgarten ausgeschrieben, welche daselbst am 14. und 20. Juni, am 9. Juli, am 10. und 23. August Sitzungen hielt. Die meisten Orte erschienen als Vermittler, überdieß die Gesandten des Königs von Frankreich, des Herzogs von Mailand, der Gräfin von Neuenburg u.s.w. Alle arbeiteten am Friedenswerke, aber vergebens. Die katholischen Orte wollten sich durchaus auf nichts einlassen, bis die Sperre aufgehoben wäre. Zürich aber und Bern bestanden darauf, daß jene zuerst die um der Religion willen Verstoßenen zurück rufen, jedem die Annahme des Evangeliums frei stellen, die freie Predigt des göttlichen Wortes, wie es der Landsfriede - ihrer Auslegung zufolge - forderte, auch in ihren Gebieten gestatten und die Schmachredner ernstlich bestrafen sollten. Dieß wollten sie nicht, und so schienen alle Friedensversuche fruchtlos.

Mit gemeinsamem evangelischem Gottesdienst wurde die Tagsatzung in Bremgarten begonnen. Bullinger sammt seinem Amtsgenossen Schuler bot sowohl bei der Eröffnung derselben als während ihres Fortganges alle Kraft eindringlicher Rede auf, um den versammelten Eidgenossen das Unheil eines mörderischen Bürgerkrieges, das damit über sie Alle herein brechende Verderben und hinwieder den Segen der Einigkeit und Friedfertigkeit vorzuhalten, sie aufs nachdrücklichste zu warnen, daß sie nicht gegenseitig sich zerfleischen, nicht sich trennen, nicht selst ihre mit so viel theuerm Blute errungene Freiheit gefährden, nicht den Feinden der Eidgenossenschaft willkommenen Anlaß zu ihrer Unterdrückung darbieten sollten; mit Kraft und Nachdruck mahnte er, viel lieber sollten sie die religiösen Streitigkeiten durch ihre Prediger ausmachen lassen; diese sollten sie einander gegenüber stellen, daß die Geister ohne Schwert auf einander platzen, allein mit den Waffen des Gotteswortes, und also die göttliche Wahrheit das Feld behaupte. Zugleich anerbot er öfter in Gesprächen sich selbst zu diesem Kampfe mit den Waffen des Geistes. Fleißig fanden sich die Gesandten insgesammt, auch die der katholischen Orte in Bullinger's Predigten ein, gaben ihrem Jnhalte solchen Beifall und fühlten sich von dem besonnenen Ernste, der Mäßigung, der Vaterlandsliebe, dem innern Feuer des friedeathmenden Predigers so angezogen, daß gerade dadurch die allgemeine Liebe und Achtung ihm sich zuwandte, der Name des jungen Bullinger überall bekannt ward und einen guten Klang bekam unter allen Eidgenossen.

Wie ganz anders wurde von den geheimen und offenen Gegnern des Evangeliums eben in dieser Zeit Alles das aufgenommen, was der ihnen verhaßte Zwingli, freilich oft mit schneidender Schärfe, aus einem eben so

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vaterlandsliebenden Herzen predigte, um der Wahrheit zum Siege und dem Vaterlande auf dem kürzesten Wege wieder zum Frieden zu verhelfen! Um so willkommener ist es uns, Zwingli und Bullinger eben in diesem Zeitpunkte zusammen treffen zu sehen. Zwingli erkannte schon damals, daß es namentlich auf Seiten Berns an der Rüstigkeit zum kräftigen Handeln fehle, das ihm doch weit menschlicher erschien, als die grausame und nutzlose Sperre, bei der im gegnerischen Lande Schuldlose und Schuldige gleich sehr zu leiden hatten; er wünschte sehnlich, Berns lähmende Schwerfälligkeit heben zu können. Was that der kühne Mann voll Hingebung, voll Todesmuth? Jn der Stille der Nacht begab er sich selbst zu Fuß am 10. August von Zürich nach Bremgarten, bloß von zwei vertrauten Freunden begleitet, kam in Bullingers Pfarrwohnung, beschied dahin die Gesandten Berns, Jakob von Wattenwyl und Peter im Hag, und stellte ihnen mit heiligem Ernste die Verderblichkeit der gegenwärtigen Sperre vor sammt allem Unheil, was daraus entspringen werde. Alles im Geiste voraus sehend, doch mit männlicher Fassung in der unerschütterlichen Zuversicht, daß Gott sein lauteres Wort dennoch einst werde zum Siege führen. Die ganze unvergeßliche Unterredung fand Statt in Bullingers Gegenwart. Drei Rathsglieder hielten unterdessen vor dem Hause Wache; durch das Pförtchen unten an der Reuß ließ man den Reformator wieder hinaus. Bullinger gab ihm noch das Geleite bs zum nächsten Dorfe. Von ihm nahm Zwingli den rührendsten Abschied, ahnend, es möchte das letzte Mal sein in diesem Leben. Fast konnte er sich nicht von ihm trennen; mit Thränen in den Augen sprach er zum dritten Mal: „Mein lieber Heinrich, Gott bewahre Dich und bis (sei) treu am Herrn Christo und an seiner Kirche!“ Und nun zog er wieder seine Straße gen Zürich und von dannen alsbald zum Heldentode. Ja, er hatte sich nicht getäuscht, es war das letzte Mal. Wie aber Bullinger wieder zum Thore seiner Vaterstadt zurück kam, warnten ihn die Thorwächter; sie wollten so eben zwei Mal eine Erscheinung gesehen haben wie eine Frauengestalt in schneeweißen Kleidern, die hin und her ging, bis sie in den Wellen des Flusses verschwand. Bullinger sah sie nicht; doch über ein Kleines sollte er selbst nächtlicher Weise wie jetzt Zwingli von dannen weichen durch dasselbe enge Pförtchen und den schmalen Weg gehen, den dornigen Leidenspfad um des Evangeliums willen.

20. Die Kriegszeit. Bremgartens Drangsal. Die Flucht aus der Heimath.

Jmmer näher rückte die Kriegsgefahr. Mit Wehmuth sah Zwingli, daß selbst in seiner Nähe die Partei derjenigen, die der Reformation der Sitten gram waren, weil ihr Eigennutz darunter litt, die aber bisanhin sich in Alles gefügt hatten, immer breitern Boden gewann. Während daher Mißtrauen und innere Uneinigkeit Zürichs Schritte lähmten, Bern immer noch bloß an

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der unglücklichen Sperre fest hielt, aber zu nichts Weiterem zu bewegen war, finden wir die päbstlich gesinnten Orte, durch die gemeinsame Noth geeinigt, immer fester entschlossen, sich mit den Waffen in der Hand Brot und dem Pabstthum den Sieg zu verschaffen. So kam es zu der für die Reformirten so unglücklichen Schlacht bei Kappel am 11. Oktober 1531, in der Zwingli fiel, bis in den Tod der göttlichen Wahrheit getreu, und neben ihm so viele der treusten Zeugen und Förderer des Evangeliums. Nach dem abermals unglücklichen Gefecht am Gubel (den 24. Oktober) erfolgte dann, da Zürich auf seine eigenen Landleute nicht mehr sicher zählen durfte, der schimpfliche „zweite Landsfriede“ (den 16. November). Einmal für immer war damit das äußere Wachsthum der Reformation in der Schweiz gehemmt. Die Zürcher versprachen darin, die katholischen Orte und deren Verbündete „bei ihrem wahren, unzweifelhaften Christenglauben“ unangefochten zu lassen ohne Disputation, und hinwieder die katholischen Orte, sie wollen auch die Zürcher und ihre Angehörigen „bei freiem Glauben“ lassen, womit allerdings die gegenseitige Unabhängigkeit der beiden Confessionen anerkannt war, doch in einer für die reformirte Kirche herabwürdigenden Form. Jn den gemeinen Herrschaften soll es den Gemeinden frei stehen, wieder zum alten Glauben zurück zu kehren oder auch bei dem neuen zu bleiben; die Kirchengüter aber sollen unter beide Confessionen getheilt werden. Wohl jubelten die Katholiken insgemein allzu laut über den errungenen Sieg, und gaben sich zu leicht der Hoffnung hin, Alles werde nun wieder in den alten Zustand zurück kehren, und die evangelische Lehre gänzlich verdrängt werden. Nein, das war Gottes Wille nicht; vielmehr sollte die erneute Kirche erst recht geläutert aus diesem Feuer der Trübsal hervorgehen. Doch war's ein entsetzlicher Schlag!

Nirgends aber mußte man diesen furchtbaren Schlag rascher und tiefer empfinden als in Bremgarten und dessen Umgebung. Zürich konnte Bremgarten nicht mehr schützen. Von dem eben erwähnten Frieden war es ausdrücklich ausgeschlossen. Während dieses Feldzugs war die Stadt längere Zeit von den Bernertruppen besetzt, deren Hauptquartier sich öfter hier befand, so daß Bullinger Gelegenheit hatte, auch vor ihnen unter allgemeinem Beifall und Anerkennung seiner edeln Mäßigung das Evangeliums zu verkündigen und des Vaterlandes Noth mit dem klaren Gottesworte zu beleuchten. Nun aber zogen sich die Berner, ungeachtet die Bremgartner aufs allerdringendste baten sie nicht dem Feinde Preis zu geben, auf ihr eigenes Gebiet zurück. Umsonst wehklagte der Schultheiß von Bremgarten: „Was Jeremias der Prophet gesprochen: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt und Fleisch für seinen Arm hält, das wird heute treulich an uns erfüllt, die wir so großes Vertrauen auf euch, unsere Herren, gesetzt haben; Gott mög' uns helfen!“ Rachedrohend wälzte sich die ganze Heeresmacht der siegreichen katholischen Orte gegen die wehrlose und verlassene Stadt, so daß sie froh sein mußte, mit

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schweren Opfern und unter harten Bedingungen sich einen Frieden erkaufen zu können, um nur wenigstens der Plünderung und Verwüstung zu entgehen. Noch ward die Religion betreffend nichts gefordert; nur ihre evangelischen Prediger wurden vom Frieden ausgeschlossen. Der Rath ließ daher den Predigern anzeigen, daß er sie vor Gewalt nicht länger zu schützen vermöge, und riet ihnen, einstweilen nach Zürich zu fliehen, bis das Kriegsgetümmel vorüber sei; bald werde man sie dann wieder nach Hause rufen, da die Sieger der Religion halben keine Forderungen gemacht hätten.

Dieß hofften die Menschen; aber des Herrn Wege, wie anders waren sie!

So mußte Bullinger nun „um des süßen Jesusnamens“ und seines Evangeliums willen den bitteren Kreuzesweg betreten, er der für Hunderte von Vertriebenen ein Erbarmen und Retter in der Noth werden sollte. Jn der Nacht vom 20. auf den 21. November 1531 verließ er sein liebes Bremgarten in Begleit seines betagten, noch immer rüstigen Vaters, ferner seines treuen Amtsgenossen Gervasius Schuler und seines Bruders Johann, damals Pfarrer im benachbarten Rohrdorf, der so eben von herum streifenden Feinden all seiner Habe beraubt und verjagt nach Bremgarten gekommen war. Unversehrt gelangten sie nach Zürich. Alsbald drangen die Feinde in Bremgarten ein, plünderten und verwüsteten das Haus des alten Dekans, während sie sich in der Wohnung des Sohnes schonender betrugen. Nach einigen Tagen wollte diesem die Gattin sammt den Kindern folgen; sie ließ ihre Magd Brigitte im Hause zurück mit dem Auftrage die dreißig Mann Einquartierung bestmöglich zu bewirthen; als sie aber ans Thor kam, fand sie es verschlossen, der Thorwächter wollte niemanden hinaus lassen: doch sie, ohnehin eine starke und äußerst beherzte Frau, entriß ihm mit Gewalt die Schlüssel, ließ sich sammt den Jhrigen hinaus und erreichte glücklich das ersehnte Zürich. Wie erfreut war Bullinger sie wieder in seine Arme schließen zu dürfen. Auch sein Hab und Gut konnte in Kurzem ohne allzu schwere Einbuße gerettet werden. Doch wer weiß, was es heißt, flüchtig die Heimath meiden zu müssen, eine unglückliche Vaterstadt mitten in ihrem Elend zu verlassen, der mag den tiefen Schmerz ermessen und die Erschütterung, die sein Herz durchwogte.

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Zweites Buch.

Bullinger als Vorsteher der zürcherischen Kirche. Sein Leben und Wirken von 1531 bis gegen die Mitte des Jahrhunderts.

Erster Abschnitt.

Die Zeit des Schwankens und des Ringens um die Aufrechthaltung der evangelischen Kirche in Zürich.

21. Zürichs Elend. Bullingers Fassung.

Gastliche Aufnahme fand Bullinger im Hause seines langjährigen Freundes Werner Steiner von Zug, der, um des Glaubens willen aus der Heimath verdrängt, auch herzliche Gastfreundschaft in Kappel genossen und nun seit zwei Jahren in Zürich sich eingebürgert hatte; er wohnte ganz nahe dem Münster.

Doch was war dieses Zürich, das Bullinger betrat? Es war nicht mehr dasselbe Zürich, das er früher so oft besucht, nicht mehr dasselbe, das Zwingli am Morgen des 11. Oktobers verlassen hatte. Alles war anders geworden. Zwingli selbst, seit Jahren die Seele des ganzen Staates sowohl als der Kirche, draußen im Felde erschlagen; seine muthvolle Stimme verstummt, sein Alles bewegender Rath dahin; mit ihm so Viele von seinen aufrichtigsten und redlichsten Freunden ebenfalls todt, gerade die regsamsten und eifrigsten Förderer der Reformation, sieben Mitglieder des kleinen, neunzehn des großen Rathes, fünfundzwanzig Geistliche, worunter Männer gereiftester Gesinnung, wie Comthur Schmid und Abt Joner, im Ganzen fünfhundertvierzehn Mann, wovon hundert Stadtbürger, mehr als der zehnte Theil der gesammten wehrhaften Mannschaft der Stadt.

Doch nicht nur dies. Mit der äußern Niederlage war auch, wie es in ähnlichen Fällen öfter geschieht, zumal in kleineren Republiken, im Jnnern ein

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Umschlag eingetreten, ein völliger Umschlag der Stimmung in den Gemüthern Vieler zu Ungunsten der Reformation. Jene verborgenen Gegner unter den Vornehmen, zumal im engern Rathe, deren stilles Entgegenwirken auch bisher schon fühlbar gewesen, die aber seit Langem gewohnt waren, ihre wahre Gesinnung zurückzuhalten, erhoben wieder mächtig das Haupt. Aufgestachelt von den Nachbarn in den altgläubigen demokratischen Kantonen gesellten sich zu ihnen die nach bürgerlichen Vortheilen Lüsternen auf der Landschaft. Dazu kamen nun alle ängstlichen Gemüther, alle Bedenklichen, die nie aus sich selbst die entscheidenden Schritte zur Herstellung der Kirche gewagt hätten, denen zu sehr graute vor dem Beharren im Kampfe mit der gewaltigen Pabstmacht und vor der bleibenden Spaltung des Vaterlandes, die nur durch den hinreißenden Muth, das unaufhaltsame Vordringen und stete Anmahnen des bewunderten Reformators hatten bewogen werden können zur erkannten göttlichen Wahrheit zu stehen, nun aber wankten und darum überall den Boden unter ihren Füßen wanken fühlten. „Nicht gegen die Feinde draußen, gegen die Feinde drinnen laßt uns die Waffen kehren,“ hörte man daher rufen schon in der schrecklichen Nacht nach der unglücklichen Kappeler Schlacht. Die heimlichen Katholiken und die Söldlingsführer erhoben ihre Häupter und sagten: „Jetzt ist's dahin gekommen, daß ein Biedermann auch noch reden darf; Pfaff hier, Pfaff dort; die papistischen Pfaffen haben uns betrogen, diese uns belogen. All das haben wir von dem neuen Glauben, Wunden hier und Wunden dort!“ Je größer die Gefahr erschien, je trostloser die Lage, je mehr die Drangsal von allen Seiten kam, je unmöglicher der Widerstand, desto mehr vernahm man zu Stadt und Land auch unter den schwer Heimgesuchten die Anklage wider die Prediger des Evangeliums: Diese Pfaffen und Schreier, sie haben dies Alles über uns gebracht; sie haben uns gegen die Bundesbrüder, unsere alten, lieben Eidgenossen aufgehetzt; sie haben Zürich von seinem Ehrenrang in diese Schmach und Niedrigkeit hinabgestürzt; hinweg mit ihnen!

Wo waren aber zu dieser Zeit die noch übrigen Freunde des Evangeliums? gab es keine muthigen, keine beredten Männer mehr unter ihnen? Auf ihnen lastete der ganze Druck der soeben geschehenen Eeignisse. Jhre genaue Freundschaft mit dem Reformator, bisher ihr Ruhm, ward ihnen jetzt zum Vergehen angerechnet, hemmte und lähmte völlig jede ihrer Aeußerungen; Zwingli's kühnes, entschiedenes Vorgehen zur Förderung des Evangeliums schien durch den Erfolg gebrandmarkt. Tage lang mußte ein Leo Judä sich verborgen halten bei guten Freunden, da er in seinem Pfarrhause nicht sicher war vor Meuchlerhänden; kaum durfte Myconius es wagen, von seiner Wohnung die wenigen Schritte über die Straße zu gehen bis zur Schule, um daselbst sein Amt zu versehen[12].

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Das war das Zürich, in dessen Thor Bullinger als Flüchling eintrat. Er hatte sich auf ein Schiff geflüchtet, dessen Mast vom Sturme gebrochen, das jeden Augenblick in Gefahr war zu scheitern. Wer dürfte sich wundern, zumal wofern er die raschen Bewegungen republikanischer Staaten kennt, wenn damals das ganze mühsam erkämpfte Werk der Reformation wieder rückgängig geworden wäre, oder einer kümmerlichen Halbreformation hätte weichen müssen! Ja wahrlich, wäre das Werk aus den Menschen gewesen, so wäre es damals erstickt worden und hätte nicht bestehen mögen. Aber weil das Werk ungeachtet alles Menschlichen und Sündlichen, was ihm noch anhing, doch nicht aus den Menschen war, sondern aus Gott, so vermochten sie es nicht zu zerstören (Apostelgesch. 4). Vielmehr mußte all die Drangsal und Demüthigung nur zur innern Befestigung, zur Vertiefung des evangelischen Sinnes in den Herzen der Geprüften, zur Sichtung des Weltlichen und Geistlichen, des Staatlichen und Kirchlichen, zur Verklärung des ganzen Lebens durch die Gottesmacht des Evangeliums dienen, und dafür sollte vornehmlich unser Bullinger zum kräftigen Werkzeuge des Herrn werden.

Wie war es ihm aber zu Muthe in dieser schweren, bangen Zeit der Unsicherheit? Mit welcher Fassung des Gemüthes er sein Kreuz trug, wie namentlich bei ihm die eigne Trübsal die brüderliche Liebe nicht zu erkälten vermochte (Matth. 24, 12), sehen wir wohl am besten aus einem Briefe, den er eben in diesen Tagen der Ungewißheit über die eigene Zukunft (schon am 30. November 1531) an den ihm befreundeten Ambrosius Blaarer aus Konstanz, damals Prediger in Eßlingen, schrieb, um sich bei ihm für seinen bisherigen Amtsgenossen Gervasius Schuler warm zu verwenden.

„Jch empfehle dir unsern Gervasius, schreibt er, meinen Amts- und Leidensbruder, der vor wenigen Tagen mit mir mein liebes Bremgarten verlassen mußte und nun hier im Exil weilt. Er ist ein Mann von ausgezeichneter Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, voll Glaubens und Treue, dem jede Gemeinde, auch eine recht bedeutende, sicher anvertraut werden kann. Er ist von Straßburg gebürtig, hat Weib und Kinder, zwei Mädchen. Jn Bremgarten hat er bisanhin Christum rein und lauter gepredigt und wurde mit mir durch das Kriegsgetümmel vertrieben. Jch halte mih inzwischen, ebenfalls als Vertriebener, hier in Zürich auf, harrend des Ausgangs, den Gott der Sache geben wird. Haben die Propheten und Apostel und sogar das Haupt, Christus, selbst solche Verfolgungen erfahren müssen, warum sollten wir nicht in Geduld unsere Last tragen? Wissen wir doch, daß, so wir mit ihm leiden, wir einst auch mit ihm uns freuen dürfen. Nochmals, falls Gervasius dir dienen kann, so schreibe an mich oder an Leo (Judä), seinen Landsmann. Lebe wohl und bete für unser armes Schweizerland!“

Dies that Bullinger für den Freund acht Tage nach seiner eigenen Flucht. Jhm selbst aber wurde bald, wenn auch nicht ohne einen Kampf, sein Weg gezeigt.

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22. Bullingers Berufung. Die Wahl. Die Gefährdung des freien Wortes.

Eben schwebte in Zürich die wichtige Frage ob, und beschäftigte viele Gemüther, wo man einen würdigen Nachfolger Zwingli's finden könne, der an seiner Stelle als erster Pfarrer an der Hauptkirche zum Großmünster die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten zu übernehmen vermöchte. Viele inbrünstige Gebete stiegen deshalb zum Himmel empor. Man befand sich in nicht geringer Verlegenheit, da Oekolampad, an den man sich wandte, sich nicht von Basel trennen mochte, und Leo Judä, Zwingli's langjähriger Mitarbeiter, ebenfalls ablehnte, indem er sich dazu nicht für tüchtig hielt. Eben er empfahl aber zugleich den ihm genau bekannten, siebenundzwanzigjährigen Bullinger, der, obschon jung, zu diesem Amte ganz geschickt sei. Bullinger jedoch widerstrebte, indem er, als der Jüngere, durchaus nicht wollte Leo übergeordnet werden.

Gleich in den ersten Tagen nach Bullingers Ankunft in Zürich ermunterten ihn deshalb seine näheren Freunde, Leo Judä, Erasmus Schmid und Heinrich Uttinger (welche Letztern sammt den übrigen Chorherrn dem großen Rathe einen Vorschlag zu machen hatten), im Großmünster zu predigen. Er that es schon am 23. November und dann auf Geheiß des Rathes noch etliche Male.

Seine Predigten machten einen unbeschreiblichen Eindruck. Das war ein neuer, frischer Lebenshauch mitten in dieser trüben Zeit. So muthig trat er auf; so kräftig und siegesfreudig hielt er das Panier des unbesiegbaren Evangeliums hoch empor; so ernst führte er die schweren Züchtigungen Gottes den Hörern zu Gemüthe; so scharf und freimüthig rügte und strafte er die vorhandenen Laster, daß unwillkürlich die Erinnerung an den, der sonst von dieser Stätte so gewaltig Zeugniß gab, in den Herzen der Hörer erwachte, und vielfältig der Wunsch sich kund gab, ihn an dessen Stelle erwählt zu sehen. Man erinnerte sich auch, daß Zwingli vor seiner Abreise nach Kappel habe verlauten lassen, falls er selbst nicht aus dem Kriege zurückkehre, wäre Bullinger der tauglichste Mann, um alsdann an seine Stelle zu treten.

Wie viel es aber damals heißen wollte, in Zürich kräftig aufzutreten und wie mächtig Bullingers Rede einschlug, sehen wir aus einem Briefe, den Zwingli's tiefbekümmerter Freund Myconius in jenen Tagen einem Vertrauten schrieb: „Bei uns ist nichts als Jammer und Trübsal. Mit jedem Tage wächst unsere Noth. Mehr noch als Zwingli's Verlust, mehr als der Tod so vieler Wackeren drückt uns die Sorge, daß das freie Wort des Evangeliums so nahe dran ist unterzugehen. So ganz und gar ist uns jede tröstliche Aussicht verwehrt. Der kleine Rest solcher Männer, denen etwas von Gnadengaben verliehen ist, wagt nicht das Haupt zu erheben. Das Volk ist in Schrecken gejagt durch die drohende Haltung unserer Feinde. Wie sollen da die Verkündiger des Gotteswortes thun was ihres Amtes ist? So viele

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Drohungen umgeben sie, so viele Dolche und Schwerter, daß eine Kraft ohne gleichen vonnöthen wäre, ein wahrhaft apostolischer Muth, um gleich einem Paulus durch nichts sich abschrecken zu lassen von der Verkündigung des Herrn Jesu und von der Züchtigung der Gottlosen und Lasterhaften. Doch an Muth, an Feuer des Geistes, an Kühnheit würde es vielleicht dem Einen oder Andern nicht mangeln. Aber wer möchte vergebens predigen, nur zum eigenen Schaden mitten unter Solchen, die mit Schwert und Folter drohen? vielleicht wäre das der Frömmigkeit selbst nicht einmal ersprießlich. Drum fährt man in Allem jetzt gar sanft; mehr mit Bitten, als mit Kraftworten wird der Kampf geführt. Doch am letzten Sonntage hat Bullinger eine solche Predigt herunter gedonnert, daß es Vielen vorkam, Zwingli sei nicht todt, sondern er sei gleich dem Phönix wieder erstanden. Jndeß ist er nur als Gast hier.“

So weit Myconius. Seine letzte Bemerkung, daß Bullingers Aufenthalt in Zürich nur ein vorüber gehender sei, schien alsbald in Erfüllung zu gehen. Durch ein gar freundliches und dringendes Schreiben lud ihn der Rath zu Basel ein, an die Stelle des überraschend schnell verstorbenen Oekolampad zu treten, der in anderem Sinne, als die Menschen es geahnt und gewünscht, Zwingli hatte nachfolgen müssen. Schon zuvor hatten die Reformirten des Kantons Appenzell ihre Boten ausgesandt, um Bullinger dorthin zu rufen, und von Bern aus waren bereits während des Krieges Anerbietungen und Einladungen an ihn ergangen. Bullinger mußte erwiedern, schon von Kappel her den Zürchern eidlich verbunden, könne er ohne Einwilligung des Rathes von Zürich keinen Schritt thun. Dieser aber hieß ihn seine Entschließung gewärtigen. Vorgeschlagen wurden neben Bullinger Kaspar Megander (Großmann), ein geborner Zürcher, damals Prediger zu Bern, Hans Fabritius, Pfarrer zu Dällikon, und Hans Bryner, Pfarrer zu Weißlingen.

Samstags den 9. Dezember 1531 versammelte sich der große Rath der Zweihundert zur Wahl. Sie fiel auf Bullinger. Mit Einmuth ward er vom gesammten großen Rathe in die Lebensstellung berufen, die er von nun an sein ganzes Leben hindurch einnehmen sollte.

Aber noch gab's eine harte Probe, bei der sofort seine Geistesklarheit sowohl als die Festigkeit seines Charakters geprüft ward. Es galt eine Entscheidung, durch die sein ganzes amtliches Wirken geknickt und verkümmert, oder als ein gedeihliches und erfreuliches gesichert werden konnte. Denn Bitteres und Süßes wurde in verlockender Mischung mit Einem Male ihm dargeboten.

Sämmtliche Stadtprediger sammt Bullinger waren nämlich auf den Wahltag vor die Zweihundert beschieden. Alsbald nach der Wahl ließ man sie vortreten. „Liebe Herren, redete sie der Bürgermeister Walder an; die Zweihundert der Räthe und Bürger haben euch hieher berufen aus zwei

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Ursachen, erstlich um euch anzuzeigen, daß sie heute einhellig zu ihrem Pfarrer oder Leutpriester am großen Münster, an des seligen Meister Ulrich Zwingli's Statt erwählt haben Heinrich Bullinger von Bremgarten; wir wünschen ihm dazu von Herzen Glück. Fürs Andere wird man euch nun vorlesen den vierten Artikel der Uebereinkunft, welcher der neugewählte Pfarrer und ihr alle hinfort nachleben sollet, da wir Solches mit der ganzen Landschaft eben jetzt beschlossen und festgesetzt haben; wir sind auch gesinnet mit Gottes Hilfe dabei zu verbleiben.“

Durch die betreffende unmittelbar vor Bullingers Wahl getroffene Uebereinkunft, zu der die Regierung von den immer noch wegen der unglücklichen Kriegsereignisse und Verheerungen aufgeregten, namentlich gegen die Prediger des Evangeliums erbitterten Landleuten gedrängt worden war, wurde zwar „die evangelische Lehre und Wahrheit“ festgehalten; doch versprach der Rath darin ausdrücklich: „von den hergelaufenen Pfaffen, unruhigen Schreiern und Schwaben abzustehen“, also namentlich vor fremden Predigern sich zu hüten, und zudem sagte sie in dem obgenannten vierten Artikel, welcher die Geistlichen insbesondere betraf, Folgendes zu:“Wir wollen und sind erbötig, hinfort in unserer Stadt nur solche Prediger anzustellen, die friedsam sind und nach Ruh und Frieden trachten. Wir werden auch den Predigern nicht mehr gestatten, die Leute also gottlos, böswillig und mit ehrverletzenden Schmähungen anzugreifen und zu schelten, sondern mit allem Fleiß darauf halten, daß sie das Gotteswort und die Wahrheit christlich, jugendlich und freundlich, laut alten und neuen Testamentes, verkündigen, die Laster mit der Schrift strafen, sich aber keiner weltlichen Sachen, die weltlicher Regierung und Obrigkeit zustehen, in der Stadt oder auf dem Lande, im Rathe oder darneben, beladen, sondern uns regieren lassen, wie es uns christlich, löblich, auch für Stadt und Land nützlich dünkt. Wir versprechen auch, keine Gemeinde mit einem Prediger zu behelligen, die ihr nicht genehm wäre.“

Dieser vierte Artikel war vor dem versammelten großen Rathe den Predigern vorgelesen. Es entstand eine Stille. Bullinger erkannte sofort die entscheidende Wichtigkeit des Augenblicks; er überschaute die Tragweite der anscheinend unverfänglichen Forderung, durch die, zumal bei ihrer Unbestimmtheit und bei allfällig ungünstiger Auslegung, der freimüthigen Predigt des göttlichen Wortes unheilvolle Fesseln angelegt, die berechtigte Anwendung desselben auf die jedesmaligen Schäden und Abirrungen verwehrt und so das Einzige und Wesentliche, worauf für die evangelische Kirche alles Heil und aller Trost für Gegenwart und Zukunft beruhte, zum Schaden der Seelen gehemmt werden konnte. Und er besaß Entschlossenheit genug, wie sehr er auch die angebotene ehrenvolle und einflußreiche Stellung zu schätzen wußte, lieber darauf zu verzichten, als sich und seine Mitarbeiter in diese schiefe Stellung hinein treiben zu lassen.

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Deshalb nahm nun der neugewählte Pfarrer am Großmünster sogleich das Wort, dankte für die auf ihn gefallene Wahl, erklärte aber, daß es ihm nicht möglich sei, ohne nähere und bestimmte Erläuterung des vorgelesenen Artikels die Stelle anzunehmen. Er begehre daher einige Bedenkzeit, um mit seinen Amtsbrüdern die Sache in Ueberlegung zu nehmen, und wolle sich in einigen Tagen des Näheren darüber erklären. Auch die übrigen Prediger Erasmus Schmid, Hans Schmid, Dr. Engelhard, Pfarrer am Fraumünster, Rudolf Thumysen, Leo Judä, Pfarrer am St. Peter, und Niclaus Zehnder, Diakon, stimmten in dieses Ansuchen ein. Es wurde ihnen wohlwollend entsprochen, und so trat die Geistlichkeit ab.

23. Bullingers Vertheidigung der freien Predigt des Gotteswortes.

Am folgenden Mittwoch, den 13. Dezember, erschienen die Stadtprediger wieder vor den Zweihundert und nun ließ sich Bullinger also vernehmen:

„Herr Bürgermeister! Ehrsame, fromme, fürsichtige, weise, gnädige, liebe Herren. Wohl möchte es jemanden nicht unbillig dünken, daß wir ohne weitere Einrede eueren Geboten und Verboten gehorsam wären. Doch hoffen wir, wenn Euere Weisheit unsere ehrenwerthen und göttlichen Beweggründe vernehme, werdet ihr als eine christliche Obrigkeit ob unserer Einwendung keinen Unwillen empfangen. Unsere freundliche Antwort ist nämlich diese:

Was euer Begehren betrifft, daß wir das Wort Gottes friedlich und züchtig predigen, so wollen wir euch darin gerne und geziemend gehorchen. Dieweil aber doch auch ein ewiger Streit ist zwischen Gutem und Bösem, zwischen Wahrheit und Falschheit, so hat das göttliche Wort auch seinen Unfrieden oder seine Schärfe, wie denn Christus spricht: Jhr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz seine Schärfe verliert, so wird es hinaus geworfen und mit den Füßen zertreten. Und Paulus, wiewohl er seinen Timotheus bittet, die Wahrheit mit aller Langmuth vorzutragen, heißt den Titus doch auch die Widerspenstigen beschelten. Wir wollen daher Alles das hinfort sanft vertragen, was mit Sanftmuth soll vorgetragen werden; hinwieder aber auch scharf rügen, was scharfer Rüge würdig ist.

Hierzu gehört auch das, daß wir die Laster mit und nach der Schrift bestrafen sollen. Dem sind wir auch gar nicht entgegen; vielmehr danken wir Gott dafür, daß ihr uns dies befehlt. Aber billig fällt uns schwer, was gerade darauf folgt: wir sollen niemand gottlos oder auch böswillig oder mit andern ehrverletzenden Worten und Namen bezeichnen. Mit der Schrift die Laster zu strafen, habt ihr so eben uns erlaubt, die Schrift nennt und straft aber dergleichen eben mit diesen Benennungen, und wir sollen solche Worte nicht gebrauchen dürfen.

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Dies steht im Widerspruch. Ja die Schrift gebraucht oft noch viel schärfere Worte. Z.B. nennt sie die Gottlosen und Lasterhaften (Jesaj. 1.) Diebe und Mörder, ebenso (Joh. 8. 10., Apostelgesch. 13.) Teufelskinder, Betrüger, (Philipp. 3.) Hunde, Feinde Gottes u.s.w. Wenn wir nun dergleichen Worte auf der Kanzel nicht gebrauchen dürfen, so können wir auch nicht das frei heraus sagen, was in der Schrift steht. Euch aber das zu bewilligen haben wir eben so wenig Gewalt wie Petrus, als ihm der Rath zumuthete, er solle des Blutes Jesu nicht mehr gedenken, damit es nicht etwa auf sie heraus komme. Deshalb entgegnete Petrus: Urtheilet selbst, ob es recht sei, euch mehr zu gehorchen als Gott. Darum, Gnädige Herren! wollen wir uns gern aller Bescheidenheit befleißen, auch die Laster und Lasterhaften mit keinen andern als schriftgemäßen Namen strafen. Aber was Gott uns reden heißt, was ausdrücklich in der Bibel steht, das können und dürfen wir uns durchaus nicht verbieten lassen. Wir bitten euch um Gottes willen, ihr wollet uns nicht weiter drängen, sondern bei der Bibel, der Scheltworte und anderer Dinge halben, bleiben lassen. Thun wir aber zu viel daran, so wollen wir uns gern eurer Strafe unterziehen.

Ferner fordert ihr: der weltlichen Regierung sollen wir uns nicht beladen. Das wollen wir gerne halten, sofern uns nicht verwehrt wird betreffend die weltliche Regierung das zu predigen, was begründet ist in der heiligen Schrift. Da sind nun alle Bücher Mosis, die Geschichtsbücher, die Propheten voll von Dingen, welche das weltliche Regiment betreffen. Die Diener Gottes, ein Samuel, Elias, Jehn, Micha, Jeremias und andere waren sie nicht auch der Obrigkeit Lehrer und Strafprediger? Drum, Gnädige Herren! sind wir, um mich kurz zu fassen, wohl zufrieden mit Allem, wenn ihr nur uns befehlet, frei, ungehemmt, nicht beengt durch menschliches Gutdünken, das neue und alte Testament zu predigen. Wir wollen es nicht nach unsern Gelüsten und Begierden, sondern gemäß dem Glauben und der Liebe nach seinem wahrhaften Jnhalt mit bestem Fleiße, wie es sich gebührt, predigen. Denn Gottes Wort will und soll nicht gebunden sein; sondern was man darin findet, es sei was es wolle und wen es auch treffe, soll frei heraus gesagt werden. Denn wir haben nicht die Gewalt, der Bibel irgend etwas zu entziehen. Wir glauben auch nicht, daß ihr uns Solches zumuthen wollet. Wir bitten euch daher um der ewigen Wahrheit willen, ihr wollet bedenken, daß Gott es ist, der zu uns spricht (Jerem. 26, 2.): Alles, was ich dir befehle ihnen zu sagen, sieh, daß du nicht ein Wörtlein davon thuest usw. Bedenket, daß euere Ehre vor Gott und vor der Welt einen großen Stoß erleiden würde, wenn man, nach so vielen Trübsalen, auch noch das euch nachreden könnte, daß ihr wohl befohlen hättet die Schrift zu predigen, doch nur unter diesen und jenen Bedingungen. Darum ermahnen wir euch bei Gott dem Herrn und bitten allein um das unbedingte Wort Gottes, und daß ihr unser Anbringen, das in bester Meinung geschehen

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ist, auch in bester Meinung aufnehmen wollet. Den Jnbegriff der Artikel, bei denen wir bleiben wollen, übergeben wir euch hier schriftlich:

Erstlich versprechen wir, daß wir uns alles Friedens wollen befleißen und die allgemeine Ruhe, auch das Wohlergehen euerer Regierung befördern wollen, so viel wir nun immer mit Gott vermögen.

Die Laster und Uebelthaten, es betreffe die obere Gewalt oder den gemeinen Mann, es betreffe den Rath, die Gerichte, das weltliche oder geistliche Regiment, werden wir nach Maßgabe des Lasters und der Lasterhaften, je nachdem es erforderlich ist, bald sanft, bald scharf, ohne Ansehen der Person mit Worten, die der Schrift und dem Laster gemäß sind, hervor ziehen, beschelten und strafen. Denn das Wort Gottes will nicht gebunden sein, und Gott muß man mehr gehorchen als den Menschen.

Wir wollen auch mit aller Zucht und Bescheidenheit das Wort Gottes und die Wahrheit predigen und verkünden laut Jnhalt des alten und neuen Testamentes und gemäß dem Eide, den wir euch, unseren Herren, in der Synode geschworen haben.“

Der Eid lautet:

Jch schwöre, das heilige Evangelium und Wort Gottes, dazu ich berufen bin, treulich und nach rechtem christlichem Verstand, auch nach Vermög alten und neuen Testamentes, laut meiner Herren von Zürich erlassenen Mandates, zu lehren und zu predigen, und darunter kein Dogma oder Lehre, die zweifelhaft, noch nicht auf der Bahn und anerkannt wäre, mit einzumischen, sie sei den zuvor der allgemeinen, ordentlichen Versammlung (Synode), die jährlich zweimal gehalten wird, angezeigt und von derselben anerkannt worden. Ueberdies soll und will ich einem Bürgermeister und Rath, auch den Bürgern, als meiner ordentlichen Obrigkeit, treu und hold sein, gemeiner Stadt und Landes Zürich Nutz und Frommen fördern, ihren Schaden wenden und davor warnen, so weit ich's vermag, auch ihr und ihren bestellten Vögten und Amtleuten, ihren Geboten und Verboten, in geziemenden, billigen Sachen gehorsam und gewärtig sein, treulich und ohne alle Gefährde.

24. Der günstige Erfolg.

Kurz und freimüthig hatte der jugendliche Redner sich ausgesprochen vor der obersten Behörde des Landes, vor gereiften Männern und vor Greisen, die auf Schlachtfeldern und in Rathssälen im Dienste des Vaterlandes ergraut waren. Er hatte verfochten, was Pflicht und Gewissen in dieser ernsten Stunde ihn verfechten hieß, die freie Predigt des Gotteswortes, die unbedingte Geltung und Anerkennung der göttlichen Wahrheit. Nun verließ er sammt den übrigen Predigern die Versammlung der Zweihundert. Diese befand sich in großer Bewegung. Viel wurde dafür und dawider gesprochen; die lebhafte Besprechung nahm den Rath ungewöhnlich lange, gegen alle

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damalige Gewohnheit die ganze Zeit von 7 bis 11 Uhr in Anspruch. Denn Einige, die nicht gar lauter waren im evangelischen Glauben, drangen beharrlich und alles Ernstes darauf, man solle bei dem Buchstaben der mit den Landleuten getroffenen Uebereinkunft bleiben und den Predigern durchaus nichts weiter gestatten. Wohl wußten sie, daß dadurch dem Reformationswerke ein harter Stoß versetzt würde, aber gerade das war ihre Absicht. Andere kämpften angelegentlich und mit guten Gründen dagegen. „Wir wissen für ganz gewiß, erwiederten sie, wenn man sich untersteht, die Prediger in diesem Punkte zu binden oder einzuengen, so geben sie eher den Dienst auf, wie der neue Pfarrer sich schon erklärt hat, als daß sie sich dieß gefallen lassen. Jhr einfaches Begehren ist ja nur allein das, bei der Bibel, beim alten und neuen Testament zu bleiben; dieß darf und soll man ihnen gar nicht abschlagen. Die Frage ist nun, sollen sie bei der Bibel bleiben oder nicht?“

Diese Frage ward endlich mit Mehrheit der Stimmen nach dem Wunsche der Prediger entschieden. Noch am nämlichen Tage erhielten sie durch den Stadtschreiber folgende Antwort: „Meine Herren Bürgermeister und beide Räthe sind des Willens, euch das göttliche Wort des alten und neuen Testamentes, wie ihr begehrt, frei, ungehemmt und unbedingt zu lassen, guter Hoffnung, ihr werdet euch aller Bescheidenheit befleißen und es gebrauchen wie es sich gebührt, sowie in vollem Vertrauen, ihr werdet nach Frieden und Ruhe trachten.“

Dankbar gingen die Prediger auseinander, nach wiederholter Versicherung, sie wollten sich aller Bescheidenheit und alles Friedens befleißen und ihr Amt mit Gottes Hülfe so verrichten, daß es diene zur Mehrung des Glaubens und zur Besserung des Lebens.

So war nun das höchste Kleinod der erneuerten Kirche, die freie, ungehemmte Predigt des göttlichen Wortes gerettet, das Kleinod, das hundert verlorene Schlachten aufwog. Es war geschehen durch die Entschiedenheit und Festigkeit, die Bullinger im gefahrvollsten Augenblicke zeigte. Regierung und Volk, die ganze durch Zwingli's gotteskräftiges Wirken reformirte Gemeinde stellte sich damit aufs neue unter die alleinige Richtschnur des Gotteswortes, das auf Jahrhunderte hin für Lehre und Leben ihre unverbrüchliche Regel bleiben sollte. Mißlungen war der Anschlag der gefährlichen verborgenen Widersacher der Reformation, die mit Frohlocken zusahen, wie rings umher in den gemeinen Herrschaften durch den Ueberdrang der römisch-katholischen Sieger selbst in den Gemeinden, die beim Evangelium beharren wollten, wieder der päbstliche Kultus zurück geführt wurde, und schon überall siegesgewiß das Gerücht verbreiteten, Zürich werde alsbald die Messe wieder herstellen. Jhren Umtrieben und täuschenden Erwartungen war nun mit Einem Male der Nerv durchschnitten.

Nun erst konnte der neugewählte Nachfolger Zwingli's unter Gottes Segen gedeihlich wirken in gesunder, aufbauender Weise Jahrzehende lang, da er

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jetzt die rechte Stellung gewonnen und den Boden gefunden hatte, um sie, wo es nöthig ward, zu behaupten. Sehen wir in Vergangenheit und Gegenwart so manche edle Kraft fruchtlos sich abmühen und hinein getrieben in eine schiefe Lebensstellung doch verkümmern, so können wir Bullingers entschiedenes Auftreten nicht hoch genug anschlagen in seinem Werthe für ihn selbst sowohl als für den Schauplatz seines Wirkens.

Er war sich dabei dessen freudig bewußt, daß Alles von Gott so gefügt worden. Dieß bezeugt uns sein Schreiben an Bern, wodurch er die eben erwähnte Berufung dorthin ausschlug. Die schönsten Anerbietungen waren ihm nämlich schon zuvor von Bern aus gemacht worden, woselbst die Reformation, wenn auch nicht in so trübseliger Lage wie in dem weit heftiger erschütterten Zürich, damals in bedenkliche Stellung zu gerathen schien. Jnsbesondere Bertold Haller, der hauptsächlichste Reformator daselbst, gar sehr entmuthigt drang in Bullinger, daß er bei Berns gänzlichem Mangel an Gelehrten der ansehnlichen aus 187 Gemeinden bestehenden bernischen Kirche zu Hilfe komme. Bullinger hatte ihm darauf geschildert, wie eben in Zürich Alles in der Schwebe sei, und erhielt nun gerade an dem Tag, als in Zürich die letzterwähnte Sitzung des großen Rathes Statt fand, durch einen Eilboten vom Schultheißen und Rathe zu Bern, die förmliche Berufung, worin es heißt: „Wir haben aus deinem Schreiben an Bertold Haller vermerkt, mit was für Schranken und Bedingungen unsere Eidgenossen von Zürich dich und andere Verkündiger des Gotteswortes binden wollen, die eben schimpflich und unsers Bedünkens keinem Propheten annehmar sind. Deßhalb wir aus günstiger Meinung, die wir zu dir tragen wegen deines ehrbaren Wandels und christlicher Lehre, dich hiemit bittweise ansuchen und fragen, o du so gern zu uns kommen wollest, als wir deiner Person begehren und dich gerne haben möchten. Wir wünschen also, daß du dich mit diesem einzig deswegen zu dir abgesendeten Boten zu uns verfügest, unserer Kirche in Verkündung des Wortes Gottes vorzustehen. Wir wollten schon mit dir dermaßen deiner Leibesnahrung halben überein kommen und dich so wohl halten, daß du völlig mit uns zufrieden sein sollst.“

Sofort beantwortete Bullinger diesen lockenden Ruf folgender Maßen: „Daß euere Weisheit mir Kleinfügigen, Unwürdigen und Unverdienten so demüthig und tröstlich zuschreibet, mich auch zu eurem Prediger begehret, dafür sage ich euch hohen Dank, will auch eurer Ehre, Treue und Liebe in Ewigkeit nicht vergessen, sondern nach all meinem Vermögen, wo und wie ich nur kann, mit Treue, Gehorsam und bestem Fleiße wie billig erwiedern, wollte auch, daß Gott es also gefügt hätte, daß ich euch, Meinen Gnädigen Herren zu Bern, hätte dienen mögen, zu denen ich allezeit als zu Gottesfürchtigen, Getreuen und Weisen besondere Herzensneigung getragen habe. Nun aber hat Gott es also gefügt, daß mich meine Herren von Zürich angestellt haben, denen ich von etlichen Jahren her mit Eidespflicht verbunden bin, wie ich

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schon in Bremgarten euerem Prediger Franz Kolb mündlich erklärte. Nun haben auch meine Herren auf heute den Predigern das göttliche Wort dermaßen gefreiet (freigegeben), daß wir nichts mehr klagen. Darum bitte ich euch, ihr wollet deßhalb mir nicht zürnen; denn ich Ehren halb nicht anders handeln konnte. Nichts desto minder lasset mich euch empfohlen sein; will auch allezeit der Eurige sein. Damit seid Gott befohlen; der wolle euch in Ehren, Frieden und Wohlstand lange erhalten.“

Gleichzeitig sandte er auch eine freundliche Ablehnung nach Basel; bezeichnend ist, daß er dabei den Ueberbringer Gervasius Schuler, seinen Amtsgenossen in Bremgarten, für den bei der damaligen den Ausländern höchst ungünstigen Stimmung in Zürich nichts zu hoffen war, an seiner Statt ihnen aufs herzlichste empfahl. Dieß hatte auch sofort den gewünschten Erfolg.

Jndem er selbst in Zürich verblieb, sollte er noch Anlaß genug finden, seine hier gegebenen Versprechungen zu erfüllen und auf mancherlei Weise den Genossen des Glaubens christliche Bruderliebe zu erweisen weitumher.

25. Das neue Amt.

So trat denn Bullinger im Bewußtsein, daß Gott es so gefügt, nicht er die Ehre gesucht hatte, freudigen Muthes das neue Amt an. Er trat es an freilich als junger Mann, mit der Kraft jugendlicher Frische, aber nicht als unerfahrener Jüngling, sondern gereift durch neunjährige Amtsführung in sturmbewegter Zeit, als ein Mann, der selbständig durch eigene Arbeit und innere Entwicklung die Grundlage der Erneuerung der Kirche sich angeeignet, alle die Lebensfragen der Zeit mit gründlichem Ernste und klarer Einsicht vielfach durchgesprochen und schriftlich abgehandelt, ja gleichsam ihre Entfaltung in Streit und Frieden durcherlebt hatte an der Seite und im steten Verkehr mit den bedeutendsten und eingreifendsten Persönlichkeiten seiner Umgebung. Wir finden ihn daher schon jetzt so zu sagen vollendet in Gesinnung und Charakter, wenn auch stets bereit zur Erweiterung und Vertiefung seines Erkenntniß göttlicher Dinge und eifrig bemüht zu wachsen an Gnade und Weisheit durch die belebende und erleuchtende Kraft des göttlichen Wortes.

Wie groß war aber die Aufgabe, die ihm geworden! Eine Fülle von Sorgen und Mühen, von schwierigen Arbeiten und mannigfachen Kämpfen stand vor ihm. Was für ein Amt es war, das ihm übertragen worden, müssen wir deshalb vorerst in einigen Umrissen zu zeichnen suchen. Dem Namen nach war's nur ein Pfarramt, freilich ein Pfarramt, das den größten Theil der Stadt in sich befaßte und eine große Zahl von Predigten, sowie vielfache seelsorgerliche Bemühung forderte [13]. Aber der Sache nach verlangte es

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ungleich mehr. Es war auch nicht um bloße Geschäftsführung zu thun. Nachfolger Zwingli's sein, wollte in jenem Zeitpunkte mehr heißen. Zwar die theologische Professur, die der rastlose Zwingli neben allem Andern auch noch besorgt hatte, gehörte nicht nothwendig dazu; sie wurde sofort dem Theodor Bibliander (Buchmann) übertragen, einem ausgezeichneten Sprachkenner und Schriftausleger. Aber das Werk der Erneuerung der Kirche wie des Lebens war nur erst begonnen und den Grundzügen nach ausgeführt, jedoch nicht vollendet, vielmehr mit dem raschen Tode Zwingli's gleichsam abgebrochen, und unter den Stürmen der Zeit heftig erschüttert. Daher bedurfte das Werk der Reformation selbst dringend der Erhaltung, der Durchführung nach allen Richtungen des Lebens hin, und der Befestigung. Zürich bedurfte erst noch der weitern Umbildung und Neugestaltung in Hinsicht der kirchlichen und Schuleinrichtungen, der bürgerlichen Gesetzgebung, der ganzen Haltung des Staates und der Staatslenker wie des sittlichen Lebens der Einzelnen. Diese fortgehende Weiterbildung und Umgestaltung sollte geschehen nach der Richtschnur des Gotteswortes. Der Antrieb dazu aber, wie die Auslegung und Anwendung des göttlichen Wortes mußte wesentlich vom ersten unter den Dienern und Verkündigern dieses Wortes ausgehen.

Noch war Zürich keineswegs das geordnete, ehrenfeste, schlichte und arbeitsame Zürich, das es erst werden sollte, und als welches diese Wiege der Reformation späterhin Jahrhunderte lang mit Recht eines so guten Rufes genoß. Noch war die wilde Kriegslust, die damit zusammenhängende Ueppigkeit und Bestechlichkeit, die seit so langer Zeit, zumal seit den italienischen Kriegszügen unter den steten Einflüssen der fremden Botschafter, der Tagsleistungen u.s.w. vornämlich hier am leitenden Orte (Vororte) der Eidgenossenschaft reichlich gewuchert hatte, kaum erst zurückgedrängt, aber nicht beseitigt und drohte mit neuer Macht ihr Haupt zu erheben. Eine unerschütterliche Festigkeit, ein unermüdliches Arbeiten verbunden mit viel Weisheit und Geduld wurde erfordert, um diesen feindlichen Mächten zu begegnen und den gesunden ächten Grundlagen evangelischen Lebens zu ihrem Rechte und ihrer Geltung zu verhelfen.

Eben weil die evangelischen Lebensmächte noch nicht das Staats- und Volksleben durchdrungen hatten, wurde in jedem einzelnen Falle von den Dienern der Kirche, namentlich dem ersten unter ihnen Auskunft darüber erwartet, was der Schrift gemäß Gottes Wort enthalte über das eben Vorliegende. Keine irgend bedeutende Frage im Jnnern, im Staatsleben, auf dem Gebiete der Gesetzgebung, kein Vorgang im ganzen Umfange der Eidgenossenschaft oder bei ihren Unterthanen und Schutzverwandten, der auf Zürich irgend eine Beziehung hatte, kein Ereigniß im Auslande, das in seinen nähern oder

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ferneren Folgen eine Rückwirkung haben konnte auf die Schweiz, auf das Schicksal der evangelischen Kirche oder einzelner Angehöriger derselben, konnte vorkommen, ohne daß der Vorsteher der zürcherischen Kirche ihr seine genaue Beachtung zuwenden mußte. Denn bei hunderten solcher Fragen oder Vorgänge wurde von der Obrigkeit sein und seiner Amtsbrüder Gutachten eingeholt, oder aber er fand sich bewogen, gemäß seiner Amtspflicht sei's von der Kanzel dem christlichen Volke, sei's durch mündlichen oder schriftlichen Vortrag der christlichen Obrigkeit kund zu geben, was der Herr, unter dessen alleinige Leitung Volk und Regierung sich aufs neue gestellt hatte, in seinem heiligen Worte hierüber aussage oder fordere.

Daher war seine Stellung einerseits eine volksthümliche, anderseits gewisser Maßen eine staatsmännische, erforderte schon um gründlich über alles Bedeutende unterrichtet zu sein, eine außerordentlich ausgedehnte Correspondenz und steten persönlichen Verkehr mit den Staatshäuptern. Bullinger wußte aber mit so viel Ruhe und Gewandtheit, Besonnenheit und Emsigkeit, Eifer und Milde sich in allen diesen Angelegenheiten zu benehmen, daß er in seinen Umgebungen großes und immer größeres Vertrauen erlangte, die Herzen gewann und sich allgemeine Anerkennung erwarb. Frei von aller Nachahmungssucht vermied er die Klippe, an der wohl Mancher am ehesten gescheitert wäre, allzu sehr in Zwingli's Fußtapfen zu treten. Er wußte gerade hierin den Umschwung der Zeit weise zu beachten.

26. Nachwehen der Schlacht bei Kappel.

Es war aber auch ein gewaltiger Umschwung. Die Poesie war vorüber, und die Prosa des Lebens, ja der herbe Ernst war eingekehrt. Nicht mehr erschien die Reformation in der Schweiz als die rasch und kühn vordringende, vielmehr war sie für immer, in der östlichen, der deutschen Schweiz wenigstens, gehemmt, sie sah sich eingeengt, ja zurück gedrängt, sie war nun selbst die angegriffene und gefährdete Partei und lief Gefahr, gewaltsam überwältigt und erdrückt zu werden. Vollkommen verstanden die Lenker des deutschen Reichs den Werth dieser Thatsachen; König Ferdinand schrieb sofort nach der Schlacht bei Kappel seinem Bruder Karl V.: „Dies ist der erste von den Siegen, die bestimmt sind, den Glauben wieder zu beleben“, und fügte nach dem Gefechte am Gubel bei: „Gedenke, daß du das Oberhaupt der Christenheit bist und nie eine schönere Gelegenheit wieder kommt, dich mit Ruhm zu bedecken. Die deutschen Sekten sind verloren, wenn die ketzerische Schweiz sie nicht mehr unterstützt.“ Und Karl, nicht unempfänglich für eine solche Mahnung, die Unterdrückung der Reformation in der Schweiz und in Deutschland zu betreiben, erwiederte: „Meine Kaiserwürde, der Schutz, den ich der Christenheit und der öffentlichen Ruhe schulde, und das Wohl des Hauses Oesterreich stellen mir

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diese Aufgabe.“ Den beiden folgenden Jahrzehenden war es vorbehalten, die Bedeutung dieses Wortes immer furchtbarer zu enthüllen.

Vorerst war es an den reformirten Orten der Eidgenossenschaft und ihren Gesinnungsgenossen innerhalb der Schweiz, fast alle Leiden eines besiegten Volks durchzumachen, und zwar nicht nur kurze Zeit, sondern Jahrzehende lang, ja wir können zum Theil sagen, mehr als ein Jahrhundert lang. Wie schmerzlich war es, den unmäßigen Siegesjubel zu hören, der die römisch-katholischen Orte ringsum erfüllte, wie schmerzlich den Hohn und Spott, den sie bei alle Begegnungen reichlich über die Reformirten, über „die sieglose neue Lehre, bei der kein Heil und Segen sei, noch je sein werde und sein könne“, insbesondere aber selbst in allerrohester Weise über den gefallenen Zwingli ausgossen, sodann auch die damit im Einklang stehenden Stimmen höher Gestellter zu vernehmen, kurz ihn und seine heilige Sache nun von allen Seiten verkannt, entweiht, geschmäht und verworfen zu sehen und zwar unter Umständen, die für die Menge derer, die nach dem augenfälligen Erfolge urtheilen, so bestechend und verlockend sein mußten.

Aber das Allerschmerzlichste, was eben jetzt, gleich in dieser ersten Zeit von Bullingers Amtsführung zunächst und aufs bitterste empfunden wurde, war die Zurückdrängung des Evangeliums in allen den Gegenden rings um Zürichs Gebiet her, die ganz oder theilweise von römisch-katholischen Orten abhängig waren, und in denen das Licht des Evangeliums die Finsterniß überwunden, viel tausend und tausend Herzen gewonnen und die erfreulichsten Fortschritte gemacht hatte. Wie unendlich schmerzlich war es, hier überall die freundlich keimende Saat zertreten zu sehen! Jn die verlassenen Klöster St. Gallen, Einsiedeln, Muri, Wettingen, Fahr. St. Katharinenthal, Hermatschweil, Gnadenthal zogen Mönche und Nonnen aufs neue ein. Jammervoll war vornehmlich das Schicksal derjenigen Ortschaften und Landstriche, welche vom Landsfrieden ausgeschlossen waren, wie Rappersweil [14], Gaster und Wesen, ein Theil der Unterthanenlande des Abtes von St. Gallen, ferner Bremgarten, Mellingen und die freien Aemter. Nicht nur wurden sie als Empörer behandelt, ihrer althergebrachten politischen Rechte verlustig erklärt, um große Summen Geldes gebüßt, auch ihrer Prediger, ihrer Bibeln und Kirchen beraubt, zur Herstellung des schimmernden römischen Kirchenschmuckes, insbesondere der verabscheuten Heiligenbilder gezwungen, sondern sogar durch derbe Einschüchterungen und durch die heftigsten Drohungen genöthigt, wiederum die Messe zu besuchen. Ungeachtet Zürich und Bern, namentlich ersteres besonders auf Bullingers Antrieb, sich wiederholt aufs eifrigste für die Bedrängten verwandte, blieb den Getreuen nichts Anderes übrig, als

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Haus und Hof zu verlassen um des Evangeliums willen. Selbst der sterbende Schultheiß Mutschli erhielt den Befehl, Bremgarten zu verlassen. „Laßt mir nur noch ein wenig Zeit, war seine Antwort, so will ich gerne ohne Säumen eure Stadt verlassen.“ Alsbald verschied er und ward in Oberwyl begraben.

Von allen Seiten strömten die Vertriebenen nach Zürich. Gerade dieses schwere Schicksal seiner theuren Vaterstadt und ihrer Schicksalsgefährten bot aber Bullinger willkommenen Anlaß mit Rath und That den Geängsteten und Vertriebenen beizustehen, namentlich auch den flüchtig gewordenen Predigern Hülfe zu leisten. Insbesondere veranlaßte er Etliche unter ihnen sofort dazu, die allfälligen Lücken in ihren Kenntnissen und Fertigkeiten durch Benutzung der in Zürich sich darbietenden Gelegenheiten zu ergänzen, um dadurch tüchtig zu werden, als rüstige Diener des Herrn alsbald in neue Arbeitsfelder einzutreten.

Andauernder waren die Kämpfe im Thurgau und in den Gebieten des Abtes von St. Gallen. Hier kamen die mannigfaltigsten Bedrückungen und Quälereien vor gegenüber den Evangelischen, theils unter dem Vorwande des Landsfriedens, theils trotz demselben. Zürich befand sich dabei immer in der mißlichen, oft fast verzweifelten Lage gegenüber erhitzten und übermüthigen Gegnern immer nur auf dem gütlichen Wege bleiben zu müssen, da man auf kriegerische Entscheidung nach den gemachten Erfahrungen nicht aufs neue abstellen mochte, auf rechtlichem Wege aber deshalb nichts zu hoffen war, weil die gegnerischen römisch-katholischen Kantone in den Angelegenheiten der gemeinen Herrschaften das Stimmenmehr hatten. Dennoch nahmen die bedrängten evangelischen Gemeinden und ihre oft hart mitgenommenen Prediger ihre Zuflucht immer wieder zu Zürich, da sie keine andere Zuflucht zu finden wußten. Jns theilnehmende Herz des Vorstehers der zürcherischen Kirche schütteten sie ihre Herzen aus, bald mündlich, bald in dringenden Bittschreiben. Mit unermüdlicher Geduld und einer Jnnigkeit, wie nur die wahrhaft christliche Bruderliebe sie eingibt, ging Bullinger auf alle ihre Anliegen ein, mochten sie nun grade mehr geistlicher, eigentlich kirchlicher oder politischer oder ökonomischer Art sein, zog Erkundigungen für sie ein, verschaffte ihnen Fürsprecher, legte ihre Sache den Standeshäuptern ans Herz, zumal den zürcherischen Gesandten, welche die eidgenössischen Tagleistungen beschickten, und so gelang es doch immer wieder Einzelnen oder ganzen Gemeinden auf- und durchzuhalten, ihnen die evangelische Predigt und die Ausübung ihres Gottesdienstes, wenn auch hie und da verkümmert, zu retten, und niedergetretene Rechte ihnen wieder zu erlangen. Schon die lebendige Theilnahme selbst, auch wo sie des gewünschten Erfolges sich nicht völlig erfreuen durfte, wie erquickend war sie den verstoßenen Glaubensbrüdern, und wie fest knüpfte sie zwischen ihnen und Zürich das Band der kirchlichen Gemeinschaft, das den oft Bedrängten Jahrhunderte lang zu Statten kam. „Fahre fort mein

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Vater zu sein, wie bis jetzt“, schreibt schon 1532 ein sanctgallischer Pfarrer an Bullinger, und außer ihm war noch so Mancher, der den jugendlichen Bullinger wie einen väterlichen Freund und Fürsorger schätzte. Wie oft fand St. Gallens hochbegabter Bürgermeister Vadian, Zwingli's Freund, an Bullinger den eifrigsten Vermittler in Zürich und Mitberather in Betreff der äusserst schwierigen kirchlichen Verhältnisse St. Gallens, des Toggenburgs und des Rheinthals gegenüber dem mächtigen Abte und seinen immer steigenden Ansprüchen. Höchst erfreulich war dabei die durchgängige Standhaftigkeit der angefochtenen evangelischen Gemeinden. Unter dem Kreuze sollte ihr Glaube sich bewähren, da ja auch Zürich selbst, das vorher so mächtige und ruhmreiche, sich unter die gewaltige Hand des Herrn beugen mußte.

27. Bullingers Vertheidigung Zwingli's und des Evangeliums.

Mit welcher männlichen Fassung Bullinger es vermochte, das bittere Loos der äussern Erniedrigung anzunehmen und wie er dies auch Andern darlegte, sehen wir aus den Vertheidigungsschriften, die er in diesen Zeiten der Trübsal herausgab.

Schon am 28. Januar 1532, dem Karlstage, der zu Ehren Kaiser Karls des Großen von dem durch ihn geäufneten Stifte von Alters her in Zürich festlich begangen wurde, hielt er eine lateinische Rede vor den Geistlichen und Gelehrten „vom Amt eines Propheten“, die er nachher im Drucke ausgehen ließ. Nachdem er darin die Pflichten eines würdigen Dieners am Worte Gottes dargelegt, stellt er Zwingli als Muster eines charakterfesten, standhaften Propheten Gottes dar, gedenkt seiner brennenden Liebe zur Gerechigkeit und Billigkeit, seiner glühenden Vaterlandsliebe, seines gewaltigen Hasses gegen alles Schlechte, seiner Einfachheit, Biederkeit, Frömmigkeit, und zeigt, wie sein Tod in der Schlacht, in die nicht Kriegslust, sondern der Befehl der christlichen Obrigkeit ihn geführt habe, niemanden dürfe irre machen, indem die ihn tödteten, deren Heil er stets zu fördern trachtete. Er weist an biblischen und andern Beispielen nach, wie Viele der Trefflichsten, ein Jesajas, Jeremias, Zacharias, Stephanus eines gewaltsamen Todes starben, ja der Herr selbst äußerlich unterlag, wie der fromme Josias und die glaubensstarken Makkabäer auch Niederlagen erlitten, ohne daß ihr Glaube deshalb ein Gott mißfälliger oder die Sache, für die sie stritten, von ihm verlassen war. Auch seines kürzlich dahin geschiedenen Freundes Oekolampad gedenkt Bullinger in dieser Rede ehrenvoll. „Lasset uns also auf dieser Bahn fortfahren; laßt uns die Wahrheit Gottes aus allen Kräften verfechten und, wenn's sein soll, auch unser Leben dafür einsetzen.“ So schließt er.

Allein die dreisten Angriffe volksthümlicher Art, die in derbem Deutsch

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geschahen, verlangten andere Zurückweisung. Durch Heftigkeit und feindselige Entstellung der Wahrheit ausgezeichnet war eine gereimte Schrift, die 1532 in Luzern heraus kam, betitelt: „Der Tanngrotz, ein schöner Spruch von dem Krieg, der sich zwischen den fünf Orten und andern Orten der Eidgenossenschaft verlaufen.“ Der Verfasser war Johann Salat von Luzern, Barbier und Gerichtsschreiber. Er erzählte darin weitläufig den letzten Kappelerkrieg mit durchgängiger Verhöhnung der Zürcher, beschuldigte sie unter andern, daß sie die römisch-katholischen Bluthunde, Tanngrotzen (Tannzweige hatten sich diese zu ihrem Feldzeichen erkoren) u.s.w. gescholten, sie ihrer Rechte und Freiheiten wider geschworne Eide und Verträge haben berauben und zum neuen Glauben zwingen wollen, daß ihnen der ehrloseste Wüstling mehr gelte als wer auf die sieben Sakramente halte, u.s.w. mit dem Schlusse:

Hie Tannast! die von Zürich fliehen fast (sehr);

Es kann sie niemand erreiten noch ergeh'n.

Angefügt waren noch zwei kürzere Lieder, ein Loblied an Maria und die Dreifaltigkeit ebenfalls den Krieg betreffend, und ein besonderes Schmachlied auf Zwingli und die gefallenen Prädikanten.

Jn Bern fand man diese Schmachschrift so ehrverletzend, daß die Berner Regierung sich deshalb an die von Luzern wandte; doch erhielt sie den ausweichenden Bescheid, man wisse in Luzern nichts davon. Aufgemuntert von seinem innig vertrauten ältern Freunde Bertold Haller in Bern, verfaßte Bullinger eine „glimpfliche Verantwortung, daraus du auch den andern Theil verhören und die Wahrheit gründlich verstehen wirst.“ Er schrieb sie in Prosa, indem er von seiner poetischen Gabe, deren er sich nicht rühmen wollte, nur bescheidenen Gebrauch machte. Er leitet sie ein mit dem Verschen:

Tannast im Hut

Treibt Uebermuth.

Thut nimmer gut,

Es straf's denn d' Ruth'

Das unrecht Gut

Und elend Blut

Mit Schwert und Glut,

Was Gott g'wiß thut.

Sodann folgt der zweite Titel der Schrift: „Salz zum Salat“, mit der Anrede an den Leser:

Lieber Leser, lies mich,

„Salz zum Salat“ heiß ich,

Ermiß den Handel wohl;

Gott weiß, was folgen soll.

Der schießt gar weit vom Ziel,

Der sein' Ehr' stärken will

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Mit andrer Leute Schmach;

Der Unfall ist ihm nach (nah).

Drum rühm' dich nit zu viel:

Dein Hochmut hat ein Ziel.

Mit viel Reimens kann ich;

Gott ist gerecht! lug (sieh) für dich!

Einläßlich legt er die Ursachen und den Gang des Krieges dar, weist die schamlosen Unwahrheiten und Anschuldigungen Salat's zurück, und redet ihm in Betreff Zwingli's ernst ins Gewissen, indem er zu ihm sagt: „Du verfolgst mit schändlichen Worten den frommen Mann und treuen Diener Gottes Ulrich Zwingli, den du einen Bösewicht und Verführer der frommen Gemeinde nennst. Doch ist dein Schreiben nichts Anderes, als ein üppiges, neidisches, verbogenes Klatschwerk. Denn den Mann, der Frömmigkeit lehrt, Tugend pflanzt, die Laster und Lasterhaften straft und haßt, ehrbar und züchtig lebt, mag niemand billiger Weise einen Bösewicht schelten. Nun wissen und erkennen aber alle Frommen, denen Wahrheit und Recht gefällt, daß Zwingli ein solcher Mann war: drum ist deine Rede nichts Anderes, als ein ödes, ohnmächtiges Gewäsch. Unser Herr Jesus Christus ward auch ein Veführer des Volkes gescholten, Elias ein Aufrührer, Jeremias ein Verräther, und die Apostel selbst Gotteslästerer; sie waren's darum doch nicht. Denn der ist ein Verführer, der vom rechten, wahren Wege ab in Jrrthum führt. Wie nur Ein Gott und Ein wahrer Glaube ist, also ist auch nur Ein rechter Weg, welcher aus dem Worte Gottes, verfaßt im neuen und alten Testamente, erlernt wird. Weil nun Zwingli seine ganze Lehre auf das neue und alte Testament gegründet hat und sich allezeit erboten dem, der ihn daraus besser unterrichten möge, zu folgen, so war er auch kein Verführer; es wäre denn, daß die heilige, göttliche Schrift, womit er seine Lehre befestigt hat, verführe, was doch nicht möglich, auch nicht christlich zu denken ist. Mit was Glimpf kannst du ihn also einen Verführer nennen? - Zwingli lebt aber, gleichwie die Schrift von Abel sagt, obgleich er gestorben ist, und ist auch noch übrig in seinem Glauben und in seinen Schriften, die in aller Welt gelesen werden. Weiß doch jedermann, was er geschrieben, gelehrt, geglaubt und gepredigt hat. Darum schaffest du nichts mit deinem bittern, unruhigen und erdichteten Schreiben. - Hast du seine Bücher gelesen, so weißt du wohl, daß er keiner Frömmigkeit widerstrebt hat, und hast du sie nicht gelesen, so ist es eine öde Schalkheit an dir, daß du schelten darfst was du nicht kennst und verstehst.“ - Am Schlusse fügt Bullinger noch die Warnung bei:

Lieber Tannast!

Hüt dich fast (wohl).

Hat Gott Zürich also gethon (gethan),

Wird er auch Deiner nit verschon,

Zürich ist der Ehren ein Kron',

Die Gott ewiglich nit wird verlon (verlaßen).

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Das Glück wird g'wißlich wieder kon (kommen),

Daß jedem wird sein verdienter Lohn.

Denn Uebermuth

Thut nit gut.

Entsprechend den beiden kürzern Liedern Salat's sind auch hier noch zwei dichterische Beigaben, einerseits Psalm 44, ganz passend auf Zürich's damalige Lage, anderseits ein inniges, kernhaftes Lied, das sich ungeachtet seiner sprachlichen Härten, die indeß bei andern Liedern jener Zeit nicht geringer sind, wohl dazu eignet hier mitgetheilt zu werden, da es so völlig Bullingers damalige Stimmung und Auffassung uns ausdrückt, namentlich seinen Schmerz, seinen Ernst zur Buße, aber auch seinen Trost, sein mannhaftes Vertrauen, seine christliche Hoffnung. Es ist betitelt:

Aller Liebhaber evangelischer Wahrheit ernstlich Anrufen zu Gott

(nach der Melodie: Wiewohl ich bin ein alter Greis).

1. O heil'ger Gott, erbarm dich doch,

Da dein Volk leidet Zwang und Poch (Pochen);

Verzeih uns unsre Schulden,

Daß wir dein Wort so g'ring hand (haben) g'acht,

Und nit hin g'legt die stolze Pracht,

Daß wir dir möchten hulden (huldigen).

2. Deß hast uns g'straft, auch hingenan (hingenommen)

Huldreich Zwinglin, den theuern Mann;

Doch hast ihn g'nan in deine Hut,

Mit ihm viel biedre Ehrenlüt (Ehrenleute),

Die all den Tod entsaßen nit (nicht scheuten)

Und d' Wahrheit b'zeugt mit ihrem Blut.

3. Damit hast du d' Straf lassen gohn (ergehen),

Dein Haus zum Ersten wollen schlahn (schlagen),

Nach deinen alten Sitten.

Drum wär' es jetzt um uns gethun (geschehen),

Wo wir nit finden Gnad und Sun (Sühne)

Mit dringenlichem Bitten.

4. Drum rufen wir: O starker Gott,

Stell ab die große Schand' und Spott,

Die dein Wort jetzt muß leiden!

Sonst muß dein' heil'ge G'rechtigkeit

Die öde Schmach und Ueppigkeit

Mit scharfem Schwert zerschneiden.

5. Herr, gib den Deinen G'duld und B'stand,

Erheb dein' heil'ge starke Hand,

Sei unser Gott in Treuen.

Dem Bösen weich (erweiche) sein steinern Herz,

Nimm von uns alle Rach' und Schmerz,

Thu unser Herz erneuen.

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6. Daß wir dich, wahren ein'gen Gott,

Jetzt und in aller unsrer Noth

Dich recht und wahr erkennen,

Und Jesum, deinen liebsten Sohn,

Den ein'gen ew'gen Gnadenthron,

Allein im Geist verehren.

Dieser „glimpflichen Verantwortung“ setzte Bullinger übrigens seinen Namen nicht bei und gab sie auch nicht in Druck [15].

28. Bullingers Zurechtweisung Fabers.

Es zeigten sich aber noch andere bedeutendere Gegner, die das erniedrigte Zürich durch ihre schriftlichen Angriffe gänzlich zu entwürdigen, die Freunde des Evangeliums im Auslande einzuschüchtern, den Muth seiner Gegner zu beleben trachteten. Diesen gegenüber mußte ebenfalls die Wahrheit geschirmt werden. Unter ihnen ragt besonders hervor der schlaue Faber, einst Zwingli's Studiengenosse, dann sein gewandtester Widersacher, der vom Generalvikar des Bischofs von Konstanz zur Würde eines geistlichen Rathes bei Ferdinand von Oesterreich empor gestiegen und neulich Bischof von Wien geworden. Gleich nach dem Kriege ließ er ein Schriftchen voll Gift und Galle ausgehen, „Trostbüchlein“ betitelt, worin er die Evangelischen der Lüge bezüchtigte, selbst aber die Verluste der Zürcher, die in der Schlacht bei Kappel 512, beim Treffen am Gubel um 800 Mann betrugen, um mehr als das Zehnfache vergrößerte, von dem wunderthätigen Marienbilde zu Einsiedeln fabelte, wie es zweimal sich verloren habe, um die Feinde zu schrecken, den Sieg als den augenfälligsten Beweis für die Wahrheit der päbstlichen Lehre bezeichnete, die Niederlage der Evangelischen aber unter mancherlei Verhöhnung besonders ihrer Verachtung des Gotteswortes, des Sakramentes, des Betens, Fastens, ihrem „Kirchenraube“, kurz ihrer „Ketzerei“ beimaß. - Bullinger schrieb dagegen seine „tröstliche Verantwortung an alle die evangelische Wahrheit lieb habenden Menschen.“ Mit weiser Mäßigung widerlegte er in gelassenem Tone Faber's fabelhafte und unwahre Berichte, sowie die gleichzeitig im Druck erschienene „Merkliche und wahrhafte Beschreibung von den Schweizern usw.“, ausgegangen von den Pfaffen in Mainz, woselbst beim Berichte von der Schlacht bei Kappel ein Freudengeläute erklungen war. Diese erzählten von vier Schlachten, von denen zwei ganz erdichtet waren, ließen in einer derselben fünftausend Zürcher umkommen, in der andern von den Bernern, die während des ganzen Krieges nie zum Gefechte kamen, siebenhundert

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erschlagen und fünfhundert in der Reuß ertränkt werden. Um so nöthiger war die Widerlegung solcher Entstellungen, da diese und ähnliche Schriften im Auslande Glauben und Beifall fanden, wie denn bekanntlich Luther sogar noch 1544 angab, fünftausend Mann seien mit Zwingli gefallen.

Weit wichtiger war Bullingern, wie er in seiner „tröstlichen Verantwortung“ selbst bezeugt, die Beschirmung der göttlichen Wahrheit und der ächten christlichen Kirche wider ungerechte Anfeindung. Schlagend zeigt er: Nicht wir verfälschen die Schrift, wie Faber uns Schuld gibt, sondern die mißbrauchen sie, welche sie zur Beschirmung päbstlicher Anmaßungen, der Kelchentziehung u. dgl. gebrauchen. Nicht wir mißachten die alten Kirchenväter, die selbst uns von sich hinweg zur Schrift weisen als zur ächten Richtschnur, sondern die, welche diesem ihrem Winke nicht folgen. Ein großes Geschrei erhebt Faber: Gott werde doch nicht während fünfzehnhundert Jahren seine Kirche verlassen haben. Ja fürwahr, viel fromme Christen gab es, schon ehe die päbstlichen Zusätze, um welche jetzt der Streit ist, dazu kamen; sie wurden gewiß selig, ja um so viel eher, je mehr sie bei dem uralten christlichen Glauben beharrten. Denn nicht unser evangelischer Glaube ist ein neuer Glaube, wie sehr auch die römische Kirche auf das hohe Alter ihrer Satzungen poche, vielmehr sind eben diese ihre Zuthaten Neuerungen, die erst im Laufe der Zeiten, vornehmlich durch Unkenntniß, Geltung erlangten; wir aber bleiben bei der uralten apostolischen Wahrheit. Nicht wir üben Gewaltthat gegen die, so unserm Glauben nicht anhangen, wie Faber unwahr redet; sondern ihr, die ihr schuldlose, fromme Menschen jämmerlich foltert, martert und umbringt, so sie der Wahrheit hold sind. Wir nicht; denn der Glaube ist eine freie Gabe Gottes, die von den Menschen weder gegeben, noch genommen wird, und sich gar nicht zwingen läßt; denn das Herz stehet in der Hand Gottes; darum mag der Glaube weder geboten, noch verboten werden. Wohl aber hat bei uns eine christliche Obrigkeit Verordnungen erlassen gemäß dem Worte Gottes wider alle öffentlichen Laster. Dies aber ist allen Feinden des Evangeliums eine besondere Beschwerde; dies möchten sie wieder zu nichte machen.

Betreffend das Sakrament des heiligen Abendmals halten wir uns dabei allein an Gottes Ordnung und Wahrheit. Uns ist es nicht ein Bäckerbrot (wie Faber redet) oder sonst gemeines Brot; wir nennen vielmehr das Brot der Danksagung den Leib Christi, desgleichen den Wein sein Blut und anerkennen freilich ein Mysterium (etwas Geheimnißvolles); es ist uns ein ehrwürdiges, heiliges, sakramentliches Brot, darinnen Christus zugegen ist, nämlich sakramentlich, geistlich, in Anschauung des Glaubens sintemal er sonst leiblich sitzt zur rechten Hand Gottes. Gleichwie aber die Sonne am Himmel steht und doch mit ihrem Glanze zu uns herab reicht, also sitzt auch Christus zu der Rechten

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Gottes und wirket doch in aller Gläubigen Herzen. Nicht wir also verachten das Sakrament, sondern die, welche dem Herrn Jesu seine Ordnung ändern und brechen, sich mehr auf Menschen, als auf Gottes Einsetzung gründen und ein schmähliches Gewerbe zu ihrer Bereicherung daraus gemacht haben.

Eben so falsch ist Fabers Vorwurf, als ob wir uns des Kirchenraubes schuldig gemacht. Versteht er da unter Kirche die Gemeinde der gläubigen lebendigen Menschen? oder meint er die stummen und todten Bildsäulen? Gott will nicht, daß wir Stein oder Holz kleiden, und zieren sollen; sondern daß wir das Kirchengut zum Besten der Gemeinde gebrauchen. Daher hat ein ehrsamer Rath schon 1523 erkannt, daß es zur Unterhaltung der nothwendigen Kirchendienste, der Studien und Armen treulich solle verwandt werden, und diese Verordnung kürzlich aufs neue bekräftigt.

Was aber Fabers Behauptung betrifft, unsere Sieglosigkeit habe unsern Glauben thatsächlich der Falschheit überführt, so kann nichts Fälscheres erdacht werden. Denn es läßt sich klar zeigen, daß der augenfällige Sieg einen wohlbegründeten Glauben weder falsch noch gerecht mache. Wenn schon die Jsraeliten lange Jahre von den Aegyptern überwältigt waren, oft von heidnischen Völkern geschlagen und unterdrückt wurden, so hatten ja doch sie, die Ueberwundenen, den wahren Gott und den rechten Glauben, die Sieger aber einen falschen. Eben so wurden ja von den römischen Kaisern in den ersten drei Jahrhunderten der Christenheit so viele fromme Christen unterdrückt und getödtet, ohne daß darum der Glaube der Letztern falsch war; auch mußten den heidnischen Hunnen, Gothen, Vandalen usw. die Christenvölker unterliegen. Und seit 620 sind nun die Bekenner Mohammed's siegreich immer weiter vorgedrungen und überwältigen jetzt wieder aufs neue die Christenvölker. Jst darum der türkische Glaube recht und der christliche falsch? Vielmehr ist Fabers Vorgeben, daß unser Glaube, weil wir nicht siegten, nicht der rechte sei, ganz verfehlt, nur auf Sand gebaut. Ja, es gibt eine einige ewige Wahrheit, die Christus selbst ist. Dieselbe Wahrheit wird unzweifelhaft siegen; das ist auch unser Trost und unsere Hoffnung. Denn Himmel und Erde vergeht, aber Gottes Wort bleibet in Ewigkeit. Da nun unser Glaube sich in Wahrheit darauf gründet, so wird ihn keine Niederlage noch irgend ein anderer Unfall falsch machen oder entwegen, sondern er wird in Ewigkeit - wiewohl unterm Kreuze - siegen und bestehen. Der Sieg der Wahrheit steht aber allein in Gottes Kraft und Willen und ist nicht an Zeit und Ort gebunden. Nicht also sieget die Wahrheit, daß sie nicht gedrängt würde, sondern in der Drangsal findet sie ihre Bewährung. Da ist uns aber Glaube, Geduld, Langmuth und tapfere Beständigkeit nöthig. Der Sieg folgt auch zu seiner Zeit.

Sonach ist also genugsam erwiesen, daß unsere Lehre nicht neu, sektisch oder ketzerisch sei; nicht um unserer Lehre und unseres Glaubens

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willen ist der Sieg hier in der Eidgenossenschaft verloren worden; denn unser Glaube an sich selbst ist recht und gut; daran liegt der Mangel nicht. Wir hingegen sind arme, ungehorsame, sündige Menschen, daß wir deswegen nicht weiter fragen dürfen, warum uns Gott heimgesucht habe; es ist genug Schuld und Ursache bei uns. Wäre auch gleich keine hauptsächliche Schuld auf unserer Seite, so hat eben doch der gütige Gott und Vater lange Zeit unser Zürich als eine besondere Zierde und einen Spiegel seiner Gnade und Ehre hingestellt; da wir nun dafür nicht erkenntlich gewesen, sondern dies mißbraucht haben, so ist's kein Wunder, daß wir jetzt in Kummer, Jammer und Schmach trauern. Nichts desto weniger lasset euch, geliebte Brüder in Deutschland, unsere Sieglosigkeit nicht zum Aergerniß werden, noch euch unsers Unfalls wegen von der erkannten Wahrheit abtreiben; sondern beharret in Gottes Wort und gedenket, daß wir durch viel Trübsal müssen ins Reich Gottes eingehen. Wir wollen unsern Unfall für eine väterliche Heimsuchung erkennen und weiter in Hoffnung seiner Gnade leben. Rufet für uns zu Gott, daß wir bis an unser Ende - wie wir denn mit Gottes Gnade dazu entschlossen sind - in der bekannten Wahrheit beharren. -

Dies ist die muthvolle und demüthige Sprache der Besiegten aus Bullingers Munde. So fand er sich unter dem Lichte der Wahrheit in aufrichtiger Selbsterkenntniß und festem Glauben an die dennoch unerschütterliche göttliche Wahrheit alsbald zurecht in Bezug auf das Unbegreifliche, was Gott zugelassen hatte, und war im Stande auch Andere zu stärken, denen im Rathe Gottes vorbehalten war, erst nach anderthalb Jahren Aehnliches erfahren zu müssen.

29. Das Unheil des Friedens.

Doch nicht nur die erlittene Niederlage war etwas Unbegreifliches, worüber die Feinde triumphiren, woran die Freunde des Evangeliums Anstoß nehmen konnten, sondern noch viel unbegreiflicher war der unendlich nachtheilige Friede, der gar nicht der Gesammtlage der Dinge, wie sie nach den Niederlagen stand, entsprach, den man vielmehr wider alle alte Gewohnheit nur eben im Augenblicke des Schreckens und der Bestürzung mit aller Hast abgeschlossen hatte. Eben diese Hast war es, worauf die Ungetreuen im eigenen Lager so sehr gedrungen hatten, und dadurch war ihnen so Unglaubliches gelungen. Durch diesen eilfertigen Friedensschluß hatte ja Zürich den päbstlichen Glauben als den alten, ächten und ungezweifelten anerkannt, so viele treue Anhänger des Evangeliums Preis gegeben und sich zu so schweren Entschädigungen verpflichtet. Jetzt erst erkannte man das ganze Unheil dieses Friedens, da nun die Gegner ihn allmälig nach allen Seiten hin ausbeuteten und man anfing all die Folgerungen zu überschauen, die sich mit mehr oder

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weniger Berechtigung daraus ziehen ließen. Da mußte man nun zum Schaden und Spott der Feinde noch die schlimmsten Vorwürfe von befreundeter Seite hören, wie z.B.: „Jhr seid ja an Gott und am Glauben, an eueren Bünden und an euern eigenen Leuten zu Verräthern geworden!“ Bullinger nahm willig und gelassen selbst solche schwere Anklagen hin, die ihn persönlich freilich nicht trafen; wurde aber nicht müde, den Freunden in der Ferne de nnöthigen Aufschluß zu geben, um ihr geschwächtes Zutrauen wieder aufzufrischen zu der zwar gedemüthigten, aber dennoch aufrichtigen und standhaften Gemeinde des Gläubigen in seiner Umgebung. So schrieb er zu Anfang des Jahres 1532 an Butzer nach Straßburg, das zu jener Zeit in so nahen Verbindungen mit Zürich stand: „Allerdings sind wir leider Verräther geworden, doch durch fremde Schuld, wiewohl auch auf uns die Schuld liegt, daß wir niht lieber uns die Köpfe abschlagen ließen, als in ein solches Verbrechen einzuwilligen Jndeß wurden die Friedensartikel anfangs von den Befehlshabern und Standeshäuptern, unsern und den gegnerischen so entworfen, daß sie eidlich sich zum Stillschweigen verpflichteten und alsbald die Besiegelung erfolgte, ohne daß das Kriegsheer (welches beim Panner versammelt das Recht der entscheidenden Bürgerversammlung auszuüben hatte) jemals eigentlich erfuhr, wie der Friede laute. Der Grund davon war, daß unsre Anführer und Machthaber, die darin handelten, sämmtlich außer zweien oder dreien dem Reformationswerke feindlich oder Leute von zweideutiger Gesinnung waren. Darum betrieben sie Alles geheim und gottlos; den Uebrigen aber, denen Gottes Sache wirklich am Herzen lag und die etwas von ihren Tücken merkten, war all ihr Einfluß entzogen. Denn immer, wenn sie etwas herzhaft vorbrachten, bekamen sie zu hören: Jst noch nicht genug Bürger- und Christenblut vergossen worden? Sollten wir, da Alles wider uns ist, zu unserem eigenen größten Schaden den Krieg fortführen, ohne Aussicht auf Sieg, und unterdessen unsere Häuser und Felder verwüsten lassen usw. Das Volk aber stand da bestürzt und verwirrt, beraubt seiner erfahrenen frommen und redlich gesinnten Führer, des Krieges völlig überdrüssig und nach Frieden, gleichviel welchem, begierig. So konnten durch kluge Benutzung dieser Stimmung die Ränkemacher ohne viel Schwierigkeit ihre Anschläge vollführen. Daraus ist uns dieser herrliche Friede erwachsen, durch den wir an Gott und Menschen zu Verräthern geworden sind, was jetzt erst der größte Theil des Volkes zu spüren und vergebens zu beklagen anfängt. Doch ist auch das schon etwas werth, ein begangenes Verbrechen einzugestehen und zu verwünschen. Betet doch zu Gott für uns, daß er sich unser erbarmen möge.“

So konnte Bullinger das Geschehene wohl erklären, den unseligen Friedensschluß den entfernten Freunden einiger Maßen begreiflich machen, ihr wankendes Zutrauen wieder zu gewinnen suchen, aber die Sache selbst ließ sich nicht ungeschehen machen. Vielmehr mußten die Zürcher und

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Bullinger mit ihnen die ganze Fülle von Erniedrigungen kosten, die man durch das Friedensinstrument verschuldet hatte. Nicht nur Zürich's Macht und Ansehen als eidgenössisches Bundesglied hatte dadurch einen derben Stoß erlitten, und nicht bloß auf die gemeinen Herrschaften, von denen bereits gesprochen worden, erstreckten sich in Hinsicht des Glaubens die verheerenden Folgen, nicht nur wurden da die Saaten des aufblühenden Evangeliums niedergetreten; vielmehr zogen sich die Gewitterwolken über Zürich selbst immer düsterer zusammen. Auch für Zürich ließ sich beinahe das Schlimmste besorgen.

Gewaltig hoch erhob die dem Reformationswerke abgeneigte Partei ihr Haupt. Von den Hauptstützen der Reform waren nämlich, wie oben bemerkt, sieben Mitglieder des kleinen und viele des großen Rathes im Kriege gefallen, einige andere wurden hernach ausgestoßen, als solche, die zu laut nach Krieg geschrien hätten. An ihre Stelle traten nun Männer von gegnerischer oder etwas zweifelhafter Gesinnung, Der Konstaffel, dem Sitze des Adels, wurden ihre verlorenen Rechte wieder eingeräumt, und andere derartige Veränderungen zugelassen; angesehen Katholiken, sowie die zuchtlosen Mönche von Rüti, ergrimmte Gegner der kirchlichen Erneuerung, fanden bei ihren Besuchen auf diesem Gesellschaftshause die freundlichste Aufnahme; seinen Sohn ließ ihr Stubenwirth ins neu eröffnete Kloster Wettingen aufnehmen; ungescheut sprach man dort Wünsche aus nach Herstellung der früheren Zustände. Die fremden Pensionen, die man einst genossen, die fröhlichen, ruhmreichen Kriegszüge, deren man gerne gedachte, das ganze bequeme üppige Leben, an das man sich so sehr gewöhnt hatte, waren für gar Viele nicht nur vom Adel, sondern auch in der Bürgerschaft die Fleischtöpfe Aegyptens, nach denen sie sich zurück sehnten. Wie Manche fühlten sich hinwieder beengt durch die ernsten Satzungen, die gemäß dem lauteren Worte Gottes gegenüber jeder Unsittlichkeit erlassen worden, und gekränkt durch die Strafen, die sie wegen Spielens, Trinkens und allerlei anderer Uebertretungen erlitten hatten. Bereits erlaubte man sich wieder Manches aufs neue; die kaum begründete evangelische Zucht und Sitte schien wieder zu wanken. Zudem kam der Wunsch nach aufrichtiger Befreundung mit den benachbarten Eidgenossen, die nun einmal den getroffenen Umgestaltungen entschieden abhold waren. An steten Ermunterungen von dorther, ja auch von Seiten Auswärtiger, bald mehr verhüllten, bald offenkundigen fehlte es dieser weitverzweigten Partei keineswegs. Selst am päbstlichen Hofe hatte man wieder Hoffnung geschöpft, daß mit Zürich etwas anzufangen sei. Daher bat sich der früher in Zürich einflußreiche päbstliche Legat Ennio Philonardo, Bischof von Veroli, in einem schmeichelhaften Schreiben die Erlaubniß aus, wieder in Zürich seinen Aufenthalt nehmen zu dürfen mit dem Anerbieten, die Sölde auszubezahlen, die von dem 1521 durch die Zürcher zum Schutze des Kirchenstaates unternommenen Zuge noch ausstanden. Wirklich ging die Regierung insoweit auf dies lockende Anerbieten ein,

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daß sie den Seckelmeister Berger, den Führer bei jenem Zuge, nach Luzern sandte, um dort mit dem Legaten zu unterhandeln. Auf Ostern ging sogar ein Mitglied des großen Rathes, Peter Füßli, der bei Kappel Zürich's schweres Geschütz befehligt hatte, im Stillen aber dem alten Glauben anhing, bestehenden Verordnungen zuwider nach Einsiedeln und empfing das Sakrament ganz nach päbstlicher Weise, ungeachtet des großen Anstoßes, den er dadurch seinen Mitbürgern gab. Jmmer lauter und dreister wurde die Behauptung der päbstlich Gesinnten in und außer Zürich, nächstens werde Zürich die Messe wieder zulassen, was den Schein von Billigkeit haben konnte, damals aber unvermeidlich zur Spaltung des Zürcherischen Gemeinwesens oder vielmehr zur völligen Zerrüttung geführt hätte. Bald hieß es, dies sei schon bewilligt, das Versprechen sei den Papisten bereits gegeben; in einem Keller sei in Zürich insgeheim Messe gelesen worden. Ja durch die ganze Eidgenossenschaft verbreitete sich das Gerücht, Zürich wolle vom evangelischen Glauben wieder abfallen. Von Basel schrieb Myconius, von Bern Bertold Haller, und namentlich der feurige Megander, ein geborner Zürcher, an Bullinger und an Leo Judä Briefe voll Wehklagen und Bedauern und zugleich voll Tadel und Unwillen gegen die Schwäche und strafbare Gleichgültigkeit der Regierung, die das Alles zulasse, ohne ein Wort zu sagen und ohne gegen die Feinde im Jnnern, die Papisten in ihrer eigenen Mitte ihrer Pflicht gemäß mit Ernst einzuschreiten. Die bernische Regierung richtete am 22. März 1532 von Staates wegen die Anfrage an die Zürcherische, ob in Zürich die Messe zugelassen worden. Megander schrieb geradezu auch an den zürcherischen Rath: „es wäre doch eine große Schmach, wenn die abgöttische Messe wieder zugelassen würde; alle Laster des Pabstthums, auch Pensionen usw., möchten die wieder zurück führen, die die Messe begehren.“

Man fühlte, daß ein entscheidender Schritt geschehen müsse zur Behauptung des Evangeliums, wofern es nicht doch noch den Umtrieben der Gegner erliegen solle. Niemand empfand dies tiefer, als gerade die Zeugen der evangelischen Wahrheit, Bullinger und Leo Judä. Darüber aber, was für ein Schritt jetzt zu thun sei, gingen sie anfangs ein wenig aus einander. Dies führte unter ihnen eine Verhandlung herbei, die zu interessant ist, als daß sie gänzlich übergangen werden dürfte, die auch über Manches in Bullinger's fernerem Verhalten Licht gibt. Wir suchen sie daher hier wenigstens in den Umrissen zu zeichnen.

 

30. Die Kirchenzucht im christlichen Staate.

Leo Judä hielt für den richtigen Schritt, der nunmehr nothwendig geschehen müsse, die Aufstellung einer neuen Behörde, einer von der Gemeinde gewählten, mithin rein kirchlichen Sittenbehörde, die das sittliche und kirchliche Verhalten der Einzelnen genau zu überwachen, auf pünktlicher

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Beobachtung der von der Obrigkeit früher schon (1528 und 1531) erlassenen Gesetze betreffend Besuch des evangelischen Gottesdienstes und Verbot der Schmähungen wider das Wort Gottes, des Messehaltens und Besuchs der Messe und anderer dem Evangelium zuwider laufenden Gebräuche, sowie betreffend offenkundige Unsittlichkeit zu halten und Macht habe, die Betreffenden vor sich zu bescheiden, sie zu ermahnen, stufenweise nach Maßgabe des göttlichen Wortes, und die hartnäckig Fehlbaren von der Kirchengemeinschaft, auch vom Abendmale auszuschließen.

Schon zu Zwingli's Zeit hatten die Geistlichen der evangelischen Kantone hierüber unter sich öfter verhandelt: die Wiedertäufer namentlich gaben dazu Veranlassung, da sie an der Kirche insbesondere auch das tadelten, daß keine Kirchenzucht sei; von Oekolampad war Aehnliches verlangt, von Zwingli aber gemäß seiner Idee vom christlichen Staate damit abgelehnt worden, daß es der christlichen, vom Worte Gottes geleiteten Obrigkeit zustehe und ihre Pflicht sei, die nöthigen Verordnungen, betreffend christliche Zucht und Ordnung zu erlassen und zu handhaben, auch die Uebertreter gebührend zu strafen, und daß die Aufstellung und das Eingreifen einer besondern kirchlichen Behörde nur zu Conflicten führen und daher dem Gemeinwohl eher hinderlich als förderlich sein würde. Jn ähnlicher Weise hatte sich Bullinger schon im Sommer 1531 auf Bertold Haller's Anfrage brieflich ausgesprochen.

Leo glaubte nun, die jetzige Zerrüttung sei der beste Beweis dafür, daß das bisherige Verfahren nicht das rechte gewesen sei, mit großem Schaden habe man diesen Fehler entgelten müssen. Er wollte mit ganzer Entschiedenheit (wie sechs Jahre später Calvin in dem verdorbenen Genf) und doch in rein evangelischem Sinne durchgreifen zur inneren Sichtung und Aufraffung des verworrenen und gesunkenen Zürich. Es drängte ihn im März 1532, als nun das Osterfest nahte, an welchem er das heilige Abendmal austheilen sollte, seine Gedanken darüber Bullingern schriftlich mitzutheilen. Er geht davon aus, Staat und Kirche seien doch ganz verschiedene Dinge und fallen nie zusammen, wiewohl beide von Gott sind. Die Ausschließung der falschen Christen oder Unchristen von der Kirchengemeinschaft kommt aber der Kirche zu, nicht der Staatsgewalt. Da sitzen ja z.B. gerade jetzt in Zürich zügellose Feinde des Gotteswortes im Rathe, offenkundig papistisch Gesinnte, die sagen, sie glauben nicht ans Evangelium, und unsere Lehre eine Teufelslehre nennen. Solche sollten gar nicht zu stimmen haben in unseren kirchlichen Angelegenheiten, sondern eben sie sollten nach zwei- bis dreimaliger Warnung von der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen werden, bis sie Besserung versprechen. Man müßte sie darum nicht aus der Stadt verweisen oder vom Rath und von der Zunft ausschließen; denn es kann ja jemand Bürger sein oder auch Rathsherr, der nicht in der Kirche Christi ist. Zudem ist die Ausschließung von der Kirchgemeinschaft (Excommunication) ein zu mildes

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Zuchtmittel, als daß es dem Staate geziemen würde, der das Schwert führt; auch sind die Vergehen, um die es sich da handelt, nicht so groß, daß einer sollte in Gefahr der Todesstrafe kommen. Du sagst wohl: die Rathsherren haben größere Autorität, als eine bloße Kirchenehörde. Ja; aber auch größere Laster. Ferner meinst du, wenn ein Rathsglied nichts tauge, so könne man ihn ja absetzen und einen Bessern an seine Stelle wählen. Allein täglich sehen wir, daß vielmehr die Schlechteren die Besseren absetzen. Bei Kirchenältesten wäre das anders; wohl könnten auch fromme Rathsherrn, wofern sie bewährte christliche Männer sind, Kirchenälteste werden, aber sie hätten dann nur als solche, nicht als Staatsbehörde, die Kirchenzucht zu handhaben. darüber, ob die Excommunication durchaus mit der Ausschließung vom Abendmal soll in Verbindung stehen, will ich nicht streiten; aber wer noch nicht oder nicht mehr zur Kirche gehört, kann auch nicht zum Abendmale kommen. Die Ausgeschlossenen müßte man übrigens durch Freundlichkeit, Ernst, Beispiel, Belehrung und Ermahnung wieder zu gewinnen suchen. An den Früchten aber als bestimmten Kennzeichen muß der reuig Gewordene sich der Kirche, als ein solcher, zu erkennen geben. Jch will indeß nicht ein Mönchsthum oder ein Pharisäerthum aus der Kirche machen, wie die Wiedertäufer, die mir durchaus zuwider sind; aber ich will nicht Ungeziefer in der Kirche dulden. Sieh, meine Meinung entspricht genau der Schrift und der ursprünglichen kirchlichen Ordnung. Jch kann und mag nicht wider mein Gewissen reden oder schweigen. Spricht jemand, das heiße die Kirche verwirren und spalten, so sage ich: der thut das, der nicht der erkannten Wahrheit folgt. Erwäge nun Alles! Was auch deine endliche Ansicht sei, ich werde nichts gegen dich unternehmen. Kann ich nicht mehr mit gutem Gewissen der Kirche dienen, so werde ich sonst meinen Unterhalt ehrlich zu erwerben suchen. Mein Glaube wird nicht trügen, müßte ich auch unter den Türken wohnen. Aber den Gottlosen und Unwürdigen das Abendmal zu reichen, fällt mir gar schwer. Gott erbarme sich unser. Lies beiliegendes Schriftchen der mährischen Brüder; das wird dir Licht geben.

Bullinger anerkannte ganz Leo's heiligen Ernst; er war völlig damit einverstanden, daß Alles darauf ankomme, das Evangelium in seinem ungeschmälerten Bestande zu behaupten, die obrigkeitlichen Verordnungen aufrecht zu erhalten, eine ernste christliche Zucht zu handhaben gegenüber Hohen und Niederen, alles dem Evangelium zuwider Laufende nicht zu dulden, sondern zu rügen und zu strafen. Aber er ging bei seiner ganzen Auffassung mehr auf die gegebenen Verhältnisse ein. Er erkannte auch die ungemeine Schwierigkeit einer allgemeinen und bleibenden Lösung der vorliegenden Frage, und begnügte sich daher mit einer einstweiligen, indem er die bisherige Praxis als eine dem Evangelium ebenfalls entsprechende vertheidigte und dagegen das Gewagte eines Versuches nach Leo's Vorschlage hervorhob. Dabei stützte er sich vornämlich darauf, er könne doch nicht unbedingt zugeben, daß Staat

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und Kirche so ganz verschiedene Dinge seien. Jm christlichen Staate einigen sie sich; die Gesammtheit christlicher Bürger bildet da sowohl den Staat als die Kirche. Ferner ist ein Staatsmann ja auch ein Diener Gottes; daher kann ein Christ auch Staatsmann sein, ja niemand besser als der Christ. Welche Regierung wird eher nach Paulus Gottes Dienerin sein, als eben die christliche! Der Schrift zufolge soll man gottesfürchtige Männer zu Rathsherrn wählen; solchen kann man dann wohl auch die kirchliche Zucht (Excommunication) anvertrauen, die ja nicht eine innerliche, sondern eine äußerliche Züchtigung ist wegen gegebenen Aergernisses zur Wahrung der öffentlichen Sittlichkeit. Jch behaupte nicht, daß sie durchaus und überall der Obrigkeit übertragen werden müsse. Jch bin, wie du wohl weißt, ganz deiner Meinung, daß dieses Recht ursprünglich der Kirche zustehe, sowie du hinwiderum - im Gegensatze zu den Wiedertäufern, welche den ganzen Haufen, den sie Kirche nennen, darin wollen handeln lassen - damit einverstanden bist, daß die Kirche nicht als Gesammtheit diese Gewalt ausüben könne, sondern sie an irgend jemand übertragen müsse, sei es nun einer Anzahl von besonders dazu erwählten Männern (Aeltesten) oder der Obrigkeit. Bei uns nun ist, wie Zwingli an einer Stelle ausdrücklich sagt, unter seiner und deiner und der ganzen Kirche Zustimmung dies Geschäft dem Rathe der Zweihundert übertragen worden. Freilich sagst du, es seien Gottlose darunter, aber dies war ja auch damals der Fall, ja noch mehr als jetzt; hinwieder würde man auch bei besonderer Wahl nicht bloß Würdige finden, sondern eben auch nur unvollkommene Menschen, wie Zwingli den Wiedertäufern gegenüber treffend bemerkte. Dennoch könnte ich mich ganz wohl dazu verstehen, besonders erwählten Männern diese Sache zu übertragen, wofern dadurch in unserer Stadt Gottes Ehre besser befördert und den Gottlosen mehr Widerstand könnte gethan werden. Was könnten wir aber in diesen stürmischen Zeiten damit ausrichten? wer würde sich vor Solchen scheuen? Würden sie einen der Mächtigen excommuniciren, so würde er sich widersetzen und wir hätten einen Riß in der Kirche. Während wir jetzt völlige Freiheit der Predigt haben, so brächte man's dahin, daß uns auch dies entzogen würde. Jetzt hingegen ist bei uns, als in einem christlichen Staate, durch die bürgerlichen Gesetze den Lastern wenigstens ein Damm entgegen gestellt. Mögen auch bisweilen die Bessern von den Schlechten überstimmt werden, so stehen doch auch diese unter den Gesetzen, machen sich, falls sie dagegen sich verfehlen, einer Gesetzesverletzung schuldig und können als solche dafür belangt, oder auch öffentlich von den Kanzeln durch die Prediger als solche bezeichnet werden. Besser ist's also, wir predigen kräftig, rügen als Propheten mit durchdringendem Ernste die Laster und drängen dadurch wirklich den Rath dazu, daß er seiner Pflicht eingedenk werde. Was das heilige Abendmal betrifft, so wollen wir vorher die Gemeindeglieder eindringlich mahnen zur Selbstbewährung (alle zwölf Apostel waren ja auch unwürdig, wie sich gleich

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nachher zeigte). Jch liebe und ehre dich; als Bruder und Mitarbeiter möchte ich nicht, daß wir in unzeitigem Eifer darüber stritten. Wir werden auch die Welt nicht anders können machen, denn wie sie von Anfang gewesen ist. Die Meinung der mährischen Brüder mißfällt mir nicht; aber könnten wir durch Einführung ihrer Einrichtung in der zürcherischen Kirche die Ehre Gottes mehr befördern und den Lastern besser widerstehen, als bei unserm bisherigen Verfahren? Alles muß ja von uns geschehen zur Erbauung nicht zur Verwirrung der Kirche, damit man nicht etwa einen Teller aufhebe und dabei drei Schüsseln umwerfe.

Leo antwortete hierauf noch einmal schriftlich, beharrte namentlich dabei, daß die Natur und Aufgabe des Staates doch wesentlich verschieden sei und bleiben müsse von der der Kirche, wandte ferner ein, für jene Uebertragung der kirchlichen Gewalt an die Obrigkeit dürfe man sich weder auf Zwingli berufen, noch auf ihn selbst, noch sonst auf irgend jemanden; denn dies hätte eben nicht geschehen sollen stillschweigend ohne Zustimmung der ganzen Kirche. Denn nicht auf die Autorität irgend eines Menschen, sondern auf die Schrift haben wir uns zu stützen. Daß die Kirche etwas sei, das man sich nur vorstellen könne (wie Plato's Republik), aber nicht sehen, glaube ich nicht. Jch glaube, die Apostel hatten eine wahre Kirche. Jch verlange keine Kirche, in der keine Sünder seien, aber lauter reuige, eine solche, in der kein offenbarer Feind Christi geduldet werde. Absolute Vollkommenheit fordert niemand, aber stets Streben nach dem Vollkommenen. Daher sollte man - fügt er, eine sprüchwörtliche Aeußerung, die Bullingern beiläufig entschlüpft war, nach Gebühr züchtigend, bei - nicht so verderbliche Reden führen: „Wir werden die Welt nicht anders machen, denn wie sie von Anfang gewesen ist.“ Warum denn predigen wir? Gott hat uns aus der Finsterniß zum Lichte berufen; das Christenthum ist eine Erneuerung der Welt, der Christ eine neue Kreatur. Ja, gerade daran haben wir aufs eifrigste zu arbeiten, daß die Welt anders werde. O, laß uns doch trachten, daß die Kirche immer Christi würdiger und vollkommener werde.

Eine schriftliche Antwort Bullingers auf dies zweite Schreiben Leos liegt nicht vor; die Sache fand mündlich ihre friedliche Erledigung und zwar ganz in Bullingers Sinne. Es muß dahin gekommen sein, daß Leo Judä, welcher nicht der Mann war, der wider sein Gewissen geschwiegen hätte, sich von der Unzweckmäßigkeit oder Unausführbarkeit seines Vorschlages und von der praktischen Vorzüglichkeit von Bullingers Auffassung überzeugte und auf seine Weise, das Evangelium zur Geltung zu bringen, einging.

Vielleicht scheint es, wir hätten uns bei diesen Briefen schon fast zu lange aufgehalten. Doch sind noch zwei Gründe zu bemerken, weßhalb sie von besonderem Werthe sind. Einerseits spiegelt sich uns darin der Charakter der beiden verbrüderten Männer merkwürdig klar ab, das edle krystallhelle Herz des feurigen Leo, seine heilige Begeisterung, seine innige und völlige

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Hingebung für die Sache des Herrn, wornach er bereit ist lieber sein Amt aufzugeben, als in der wirrevollen Zeit sich ein gewisses Stillschweigen aufzulegen, und von Seiten Bullingers ungeachtet aller Offenheit und Entschiedenheit die männliche Ruhe, die Gelassenheit und zarte, gewinnende Freundlichkeit, mit der er dem zwei und zwanzig Jahre ältern Mitbruder begegnet, so daß er die Differenz, wiewohl Leo sie anfangs so sehr als Gewissenssache auffaßte, gar nicht zur Streitsache erwachsen läßt. Seine Weisheit war es, daß er mit angemessener Selbstbeschränkung nicht eine unbedingte Lösung zu geben erstrebte, aber desto schärfer die gegebenen Verhältnisse und das wirkliche Bedürfniß ins Auge faßte. Nicht um eine allgemeine Theorie ist es ihm zu thun, sondern um eine heilsame Praxis. Daß es ihm indeß nicht weniger aufrichtig heiliger Ernst war als seinem Mitbruder, wird sich uns in der Folge zeigen, sowohl aus seinem eigenen Thun, als auch weiterhin aus seinen Schritten für Calvin und Farel in Genf, und für Letzteren in Neuenburg. Hier haben wir aber - und das ist der zweite Grund, weshalb diese vertraulichen Wechselschreiben für uns von bleibendem Werthe sind - den Schlüssel zu Bullingers fernerem Verhalten gegenüber dem Staate und damit zu dem ganzen Verhältniß zwischen Kirche und Staat, wie es sich in Zürich während Bullingers langer Amtsführung zur steten Förderung leider ausbildete. Einerseits tritt er völlig in Zwingli's Fußtapfen, indem er davon ausgeht, daß sie als Kirche die Gesammtheit des bürgerlichen Gemeinwesens, den Staat als einen christlichen zu umfassen, Staat und Kirche wesentlich denselben Zweck zu erstreben, nämlich den Willen Gottes, wie er in der Schrift niedergelegt ist, zu erfüllen habe. Darin aber unterscheidet sich Bullingers Verhalten von dem Zwingli's, daß er dessen starkes Eingreifen in die bürgerlichen Angelegenheiten gänzlich vermeidet, und sich wohl hütet, sich jemals unmittelbar damit zu befassen. Hingegen während er die Besorgung der äußern Kirchenangelegenheiten den christlichen Staatsbehörden gerne überläßt, wahrt er fest der Kirche ihr eigenthümliches Gebiet rücksichtlich der innern kirchlichen Dinge; darein soll der Staat nie unmittelbar eingreifen. Das Wort Gottes frei predigen zu dürfen ist und bleibt ihm die Hauptsache; dies sichert ihm die Selbständigkeit der Kirche gegenüber dem Staate und den Staatsmännern; darunter begreift er aber auch Alles, was zur Betheiligung der Kirche an der Heranbildung und Anstellung der Diener des Wortes gehört; dazu rechnet er auch, daß nichts im Staate vorgehe, ohne daß Gottes Wort zuvor gehört werde, sei es nun, daß die Behörden des Staates sich an die Diener der Kirche wenden und sich bei ihnen darüber Raths erholen, oder diese von sich aus, als Ausleger des göttlichen Wortes, ihr auf die Schrift gegründetes Gutachten abgeben. Wie sich dies im Einzelnen gestaltete, werden wir allmälig im weiteren Verlaufe sehen.

Für jetzt aber ging aus der gegenwärtigen stillen Verhandlung der

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erneute Entschluß der Prediger hervor, mit apostolischem Ernste das Jhrige zu thun, muthig zu handhaben das Gotteswort, mit diesem Schwerte einzuschneiden ins faule Fleisch und dem Evangelium kräftig aufzuhelfen. Und dazu bot sich eine hervorstechende Gelegenheit sofort nach Ostern dar [16].

31. Das Mandat vom Mai 1532.

Peter Füßli's oben erwähnte Wallfahrt nach Einsiedeln, die dumpfen Gerüchte, Zürich werde in Kurzem wieder zum römischen Glauben zurück kehren und suche nur noch Steg und Weg, wie dies kommlich geschehen möge, die Wetten, die in den katholischen Kantonen überall darauf eingegangen wurden, Alles das bewirkte eine bedeutende Aufregung zu Stadt und Land. Die Prediger erhoben gewaltig ihre Stimme gegen den Rückfall in die frühern Laster wie gegen vorhandenen oder beabsichtigten Rückfall ins Pabstthum. Jm Rathe kam es zu einer heftigen Verhandlung; die einen behaupteten, man dürfte Peter Füßli nicht ungestraft lassen, da schon 1528 die Rathsglieder über ihr Bekenntniß zur evangelischen Lehre befragt, die gegnerischen beseitigt, und überhaupt jedem, der im Lande bleiben wollte, bei einer Mark Silbers der Besuch der Messe verboten worden war; Andere widersprachen. Es kam zur Entscheidung; Peter Füßli blieb straflos; doch wurde vor Rath „tugendlich mit ihm geredet. Er ward erweichet und gab eine ehrbare, bescheidene Antwort. Darauf ermahnte man ihn, hinfort fleißig die Predigten, vorzüglich die Bullingers, zu hören.“ Weit wichtiger aber war, daß zugleich der Beschluß zu Stande kam, ein Mandat, eine öffentliche gesetzliche Kundmachung, zu erlassen, welche die Gesinnung des großen Rathes, fest bei der erkannten Wahrheit zu beharren, unumwunden vor aller Welt ausspreche, und alle früheren reformatorischen Edikte und Sittenmandate bekräftige. Vorläufig schrieb man allen Landvögten, sie sollten dafür sorgen, daß das falsche

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Gerücht, als ob man die Messe wieder einführen wolle, sich lege. Bullinger erhielt den Auftrag, den Entwurf zu dem Mandate zu verfassen, der indeß noch Veränderungen unterlag. Seiner entscheidenden Wichtigkeit sowie der nächsten Folgen halben theilen wir den wesentlichen Jnhalt des Mandates mit.

„Wiewohl wir vorlängst, beginnt dasselbe, aus Grund bewährter heiliger Schrift und aus ganz christlichem Eifer den Mißbrauch der päbstlichen Messe, wie diese bisher bei der römischen Kirche, zu nicht geringer Schmälerung und Verkleinerung des bitteren Leidens und Sterbens Jesu Christi, der allein das Opfer für die Sünde und unser Seligmacher ist, abgethan und anstatt derselben den begründeten wahren Brauch des Nachtmals nach der Weise und Form, wie Christus der Herr und seine geliebten Jünger, auch die christlichen Gemeinden, im Anfang der Kirche solches gelehrt und geübt zur Ausbreitung seines Lobes, Mehrung christlicher Liebe und Besserung unseres armen sündlichen Lebens eingesetzt und zu Stadt und Land dermaßen zu halten ernstlich befohlen, so erneuern und bekräftigen wir hiermit alle unsere früheren Satzungen und Mandate, besonders das vom Jahre 1530, betreffend das Kirchengehen, Widersprechen gegen das Gotteswort, die Feiertage, Kirchengüter, wider die Götzen, Messen und Altäre, wider Gotteslästerung, Spielen, Zechen, Prassen, unehrbare Kleidung und andere Unfugen.“

Damit war namentlich erneuert das Gebot, daß jedermann sich befleiße, wenigstens alle Sonntage zur Predigt zu gehen, und daß niemand dem Worte Gottes Hohn spreche oder verächtlich davon rede bei Strafe der Ausschließung von Zunft und Gemeinde sowie von den damit verbundenen Nutzungen.

Weiter heißt es: „Betreffend die, so sich im Sakrament der Danksagung und christlicher Gemeinschaft von uns absondern und nach päbstlicher Weise anderswo zum Sakrament gehen, haben wir uns wohl aus christlicher Schonung bisher keiner äußerlichen Strafe erläutert, doch, wofern das gestattet würde, wäre höchlich zu besorgen, es möchte mit der Zeit viel Unruhe, Spaltung und Absonderung der Gemüther und bürgerlicher Freundschaften daraus erwachsen. Um nun solchem und größerem Unheil vorzubeugen, gebieten wir hiermit alles Ernstes um Gottes Ehre und um gemeiner Ruhe und Einigkeit willen zu Stadt und Land, daß niemand der Unseren weder in noch außer unserm Gebiet das Sakrament nach päbstischer Weise empfange, sondern sich jedermann dieses Mißbrauchs entmüßige und sich christliche Einigkeit lieber sein lasse als seinen eigenen Wahn. Sollte jemand dies übersehen, sich in Empfahung des Sakraments von uns sondern, und alle die christlichen Gemeinden verachten, den wollen wir auch als ein abgetrenntes ungehorsames Glied, das Christi, auch unseres Leibes und unserer Gemeinde zu sein nicht begehrt, halten, ihn nicht weiter bei uns dulden, sondern von Stadt und Land verweisen. Damit wollen wir aber niemand zum Nachtmal des Herrn zwingen. Nun brauchen wir Solche, die daran

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keinen Theil nehmen, auch nicht zu Aemtern, Ehrenstellen und christlichen Verwaltungen.

So sie sich aber auch der päbstischen Messe enthalten, wollen wir sie auf Besserung hin christlich und freundlich dulden, wofern sie sich still und ruhig verhalten. Sollten sie jedoch Umtriebe, Anschläge oder Verschwörungen machen zum Umsturz oder zur Hinderung unserer christlichen Verordnungen, so werden wir sie als ungehorsame Ruhestörer zur Verhütung größeren Schadens je nach Umständen an Leib und Gut strafen oder des Landes verweisen.

Dieweil wir uns denn in allen unsern bisherigen Verordnungen und Satzungen christliche Reformation betreffend auf die begründete Wahrheit der heil. Schrift gestützt und nichts Anderes als allein Gottes Ehr und Lob, auch allgemeine Ehrbarkeit und Gerechtigkeit zu fördern gesucht, und dabei übrigens erboten und noch erbieten, so jemand uns aus der heil. Schrift eines Bessern belehren würde, so wollten wir ihm gerne folgen, dieses aber auf unser vielfältig Ansuchen nie geschehen ist; so ermahnen wir euch allesammt gemäß den Zusagen, so ihr uns gethan, und dem Gehorsam, zu dem ihr uns göttlicher und zeitlicher Pflichten wegen verbunden seid, beim Gottesworte handfest und standhaft zu verbleiben, und, falls jemand (was wir indeß nicht glauben) sich unterstünde uns mit Gewalt davon weg zu nöthigen, zu uns als zu eurer Obrigkeit zu halten, - und daß ihr ja nichts zu Nachtheil, Verletzung und Abbruch der evangelischen Wahrheit oder zu Aeufnung und Wiederbringung des unbegründeten Pabstthums reden, rathen oder irgendwie vornehmen wollet. Denn ungeachtet des trübseligen Unfalls, den Gott vielleicht unserer Sünden halben über uns verhängte, sind wir durch Gottes Gnade des festen Sinnes und Muthes, bei erkannter Wahrheit und dem was derselben gemäß aufgerichtet, abgethan und verordnet ist oder ferner verordnet werden mag, getrost zu beharren, und bei uns zu Stadt und Land weder die Messe, päbstischen Sakramente, noch sonst etwas das in Gottes Wort nicht Grund oder festen Halt hat, zu dulden, sondern in Ewigkeit Gott und der Wahrheit Bestand, Lob, Ehr und Preis zu geben. Er wolle uns dazu Kraft und Macht verleihen und uns unter seinem göttlichen Schutz und Schirm allzeit unverzagt erhalten.“

Dies kräftige Mandat, das wohl im Stande war, die ums Evangelium besorgten Gemüther im ganzen Zürchervolke zu beruhigen, entspricht großentheils dem von Bullinger verfaßten Entwurfe. Doch ist beachtenswerth, daß gerade die Stelle zu Anfang betreffend die Messe, die sofort zu den heftigsten Streithändeln führte, nicht von ihm herrührt. Dagegen betont sein Entwurf aufs stärkste: es wäre eine Schande vor Gott und der Welt, wenn Zürich von der erkannten Wahrheit abfiele und wider das Evangelium handeln würde, da es ja nicht einen ketzerischen, neuen oder falschen Glauben habe, sondern den rechten, wahren, uralten, wohlbegründeten Christenglauben.

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Dieses Mandat, das nun in allen Kirchen zu Stadt und Land verlesen und an die Freunde nah und fern versandt ward, war also der entscheidende Schritt, zu welchem sich das gedemüthigte Zürich fast wider Willen durch das mannigfache Treiben und Drängen der Gegner genöthigt sah, das erste Lebenszeichen seit der traurigen Kappelerschlacht, aber ein so kräftiges, daß Freund und Feind den nachdrücklichen Schlag empfand, der damit aufs Haupt der heimlichen und der offenkundigen Widersacher des Evangeliums geführt war. Es war eine That, die für die Ermuthigung der Evangelischen weit und breit fast einer gewonnenen Schlacht gleich kam; so fröhliche Berichte kamen von allen Seiten, auch aus Deutschland, nach Zürich zurück, wie stärkend dies auf die Gemeinden der Glaubensbrüder wirkte. Eben war Reichtstag in Regensburg, Kaiser Carl V. selbst anwesend. Weil nun auch dort das Gerücht ging, Zürich müsse und werde bald wieder den alten Glauben annehmen, heftete jemand Nachts das Mandat an eine Kirchthüre an. Alles lief zu; in der ganzen Stadt ward dies das Tagesgespräch. Die Evangelischen priesen die wackern Zürcher und wünschten ihnen Heil. Um so mehr verdroß es die Päbstlichen in der Schweiz; sie zürnten namentlich den Predigern Zürichs, denen man zumeist und nicht mit Unrecht Zürichs feste Sprache und beharrliche Haltung Schuld gab, und sannen auf Rache, niemand mehr als der päbstliche Legat Ennio Philonardo; denn jetzt war alle Hoffnung vorüber, Zürich je wieder unter die geistliche Herrschaft des Pabstes zu bringen, anders als auf dem Wege gewaltsamer Unterdrückung. Dazu suchte er nun die katholischen Orte durch Aufreizung möglichst zu drängen. Jetzt hielt er's noch für ausführbar, da in Zürich selbst die Partei der heimlichen Anhänger des Pabstthums noch nicht überwunden, nur zurück gedrängt schien.

32. Leo Judä's scharfe Predigt. Juni 1532.

Wohl war nämlich durch das Mandat des großen Rathes dessen Willensmeinung öffentlich erklärt, aber deren Vollziehung ließ überaus viel zu wünschen übrig; die Umtriebe der päbstlich Gesinnten, namentlich der ehemaligen Söldnerchefs, ihre verdächtigen Zusammenkünfte mit mächtigen Katholiken dauerten fort, die unchristlichen Ausschweifungen ebenfalls; niemand in der Regierung schien Lust oder Muth zu haben all dem mit Ernst und Kraft entgegen zu treten; eine ungewisse Lässigkeit und Gleichgültigkeit schien Alle zu erschlaffen.

Aufs neue empfand Leo im tiefsten Jnnern den Jammer der Zeit, die Folgen des unseligen Friedens, den man seiner Meinung nach nie hätte schließen sollen; ihm war es etwas Unleidliches, Gott und sein Wort zum Spotte werden zu lassen. Eher wollte er Alles an Alles setzen. Voll Entrüstung betrat er am Tage Johannis des Täufers (24. Juni) die Kanzel, als er im

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Münster die Abendpredigt zu halten hatte; gleich jenem Bußprediger Johannes, der furchtlos selbst seinem Fürsten die Sünde vorhielt, zeigte er dem Rathe das Jammerbild seines elenden Daseins im Spiegel des göttlichen Wortes, so abschreckend als er vermochte.

„Jhr Rathsherren von Zürich, redete er sie an, ihr Obern, die Gott mit seinem Namen nennt (Ps. 82, 6. Joh. 10, 34.). Da euch doch Gott gestraft und dadurch ermahnt, daß ihr euch wieder zu ihm kehret, habet ihr ihn noch mehr erzürnt, indem ihr ein so faules, schändliches, unehrbares Abkommen, „Frieden“ darf ich nicht sagen, gemacht habet. Denn Gottes Wort, Glauben und Wahrheit habt ihr verfälscht, da ihr in den Friedensvertrag setzen ließet, der päbstische Glaube sei der wahre Glaube, was er eben nicht ist und niemals sein wird; denn er ist falsch, antichristlich, verzweifelt, vom Teufel und von Menschen erdacht. Ueberdies habet ihr die beschworenen und besiegelten Burgrechtsbriefe, die ihr mit frommen Fürsten und Städten errichtet hattet, aushin gegeben, seid also an ihnen bundesbrüchig und treulos geworden, da euch doch eben so wohl zustand jene Bündnisse und Burgrechte zu schließen, als den Eidgenossen, ihren Bund mit Frankreich zu machen. Wie habet ihr aber darin Zürichs Lob, Ehr und Nutzen und seine Freiheit bedacht und geschirmt? Wiewohl ich mich der zeitlichen Dinge nicht besonders belade; mir, als reinem Verkündiger des Gotteswortes, liegt viel mehr Gottes Ehre und eurer Seelen Seligkeit am Herzen; doch bekümmert mich, als Bürger und als Hausvater, auch euer Schaden Schmach und Schande; das drückt mich schwer, daß Zürich zu Spott und Schand soll werden in aller Welt.

Viel frommen, biedern Leuten in den gemeinen Herrschaften und Vogteien habt ihr Schutz und Schirm zugesagt, Leib, Ehre und Gut zu ihnen zu setzen versprochen. Wie schlecht wird ihnen Wort gehalten! Etliche eurer Gesandten an den Tagsatzungen helfen ihre Brüder zu Pröbsten machen, andere helfen auch das Pabstthum fördern. Eure Mitbürger sind's, die Solches thun, und haben eure Ordnungen doch beschworen wider das Pabstthum. Etliche reiten mit, Etliche sitzen dabei, wenn man dort die biedern Männer, die Diener des göttlichen Wortes, straft. Sie helfen also selbst den Glauben verfolgen, den sie bekennen. Wollte Gott, daß ihr nicht auch gar noch einen Theil von den Bußen und Strafgeldern nähmet!

Nicht selbst dabei zu sitzen, nicht dort mitzustimmen, ist aber wahrlich nicht genug. Jhr seid Hirten der Herde Gottes; drum seid ihr schuldig eure Schäflein, die euch Gott anvertraut hat, vor den Wölfen und vor allem Schaden zu behüten, und durchaus nicht zu gestatten, daß sie an Ehre, Leib und Gut, viel weniger noch, daß sie an der Seele und göttlicher Wahrheit geschädigt werden. Der ist kein treuer Hirte, der flieht, wenn der Wolf die Herde überfällt: er soll sie retten und schirmen selbst mit Gefahr des Leibes und Lebens. Wie übel steht es um die Schafe, wenn's

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der Hirt mit den Wölfen hält, daß er ihnen auch hilft würgen, aber wenigstens ihnen zusieht ohne zu wehren.

Jhr aber, ihr Hirten des Volkes, bleibt ruhig sitzen und lasset überall die biedern Leute plagen und drängen. Jhr sehet durch die Finger, und thut nicht ernstlich dazu, daß die frommen, biedern Leute möchten Schutz und Schirm erlangen.

Wenn diese Armen, Bedrängten auf die Tage kommen, empfangen sie von etlichen Boten schlechten Trost, werden wohl alsbald hart angefahren. Kommen ihre Ankläger, so sind das eure treuen, lieben Eidgenossen, ihr heißt sie gar freundlich willkommen, schenkt ihnen Ehrenwein, bückt euch vor ihnen bis auf die Erde. Heißt das nicht die Person ansehen? Ach Gott! wann wird euch endlich der Drang, die Klage, das Wehgeschrei, der entsetzliche Jammer der Armen, Bedrückten zu Herzen gehen?

Dieweil nun ihr, die ihr des Volkes Hirten seid, schlafet, so muß ich meine Pflicht thun, muß wie ein wachsamer Hirtenhund bellen, euch aufwecken und den Schaden melden. Jch weiß daneben wohl und hab' deß keinen Zweifel, daß unter euch, meinen Herren, auch unter den Boten viele sind, die Solches nicht thun, ja denen es von Herzen leid ist. Dieselben will ich hier unbeschuldigt und ungescholten lassen. Jch rede nur von denen, die Solches thun und Schuld dran tragen.

Was habet ihr aber mehr gethan? Jhr habet fromme, biedere Männer, Ehrenleute, gute, alte Zürcher, die am Worte Gottes und am Staate in alle Wege treu gehandelt, aus dem Rath gestoßen. Jhr habt sie Schreier genannt, da sie euch widersprachen; ihr habt dagegen Leute, die ihr vormals um Ehbruchs und andrer Uebelthaten willen an Gut und Ehre gestraft und der Ehre verlustig erklärt hattet, jetzt wieder ehrlich gemacht, sie hervor gezogen, sie ins Gericht gesetzt und in den Rath.

Ueber Alles das habt ihr noch mehr gethan und auch das, daß ihr die, so vordem wider Ehre und Eid hinweg gelaufen, die darum lange Zeit Stadt und Land nicht mehr betreten durften, die Zürich, Gottes Wort und ehrenwerthe Bürger lästerten, wieder herein ließet. Die Ehegesetze, die billig und recht sind, die ihr selbst aufgestellt, habet ihr gebrochen hier in der Stadt und dort mit Verletzung biederer Landgemeinden. Nun sehet zu, wie ihr das Spiel recht mischet, mögt ihr gleich thun, wie die falschen Spieler, die ihre Karten biegen, daß je einer dem andern kann abheben. Aber Gott der Allmächtige steht hinter dem Tisch und siehet euch ins Spiel. Habet ihn vor Augen, schämt euch vor ihm, oder - er wird euch noch härter strafen.

Das Alles aber habe ich müssen sagen euch zur Besserung, gedrängt durch das Beispiel des heil. Johannes des Täufers, der dem Herodes seine große Sünde und Makel vorgehalten und ihn bestraft hat, ob er gleich darum leiden mußte.“

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33. Anklage gegen Leo Judä. Seine und Bullingers Verantwortung.

Diese scharfe Predigt versetzte etliche der Räthe, die sie gehört, in Wuth; sie schrien laut wider den aufrührischen Pfaffen. Andere nahmen sich seiner an; doch auch unter diesen gab es Solche, die zugaben: „Meister Leu sagte wirklich zu viel, wie's scheint.“ “Was? zu viel, wie's scheint? versetzten die Heftigeren; Aufruhr stiften, das scheint durch; wichtig genug ist's; die Sache soll auch vor den großen Rath. Solche unruhige, aufrührische Pfaffen, denen nichts gefällt noch recht liegt, was meine Herren, die Obrigkeit, verfügt, verdienen nichts Anderes, als daß sie aus Stadt und Land verwiesen werden.“

Wirklich brachten sie's dahin, daß die Sache vor die Zweihundert gezogen wurde. Hier drangen die hitzigen Gegner der Prediger mit erneuter Heftigkeit auf Leo's Verweisung. Die dem Evangelium Ergebenen dagegen erwiederten, es sei ja doch wahr, es sei ein elender Friede, und gaben zu bedenken: wollte man den Prediger aus dem Lande weisen, so wären schlimme Folgen zu besorgen, da er so viel gelte beim gemeinen Mann, zudem würde dies Zürich in üblen Ruf bringen; denn alsbald würde es heißen, die Zürcher wollen ganz zum Pabstthum treten, drum heben sie an die Diener und Prediger des Evangeliums wegzuschicken. Vielmehr, rieten sie, man solle ihn und die andern Stadtgeistlichen rufen lassen und ihnen sagen, man stelle nicht in Abrede, daß es elend genug ergangen sei im Kriege, aber die Umstände hätten es leider nicht zugegeben, es besser zu machen; darum habe Pfarrer Leo zu viel an die Sache gethan, und werde die Obrigkeit künftig solche Predigten durchaus nicht leiden, weder von ihm, noch von andern Pfarrern, fürhin hätten die Thäter der Obrigkeit höchste Ungnade und schärfste Ahndung zu erwarten.

Dieser Vorschlag drang durch. Schon am 27. Juni wurden sämmtliche Stadtprediger vor den großen Rath berufen, und ihnen vom Unterschreiber Burkhard Wirz die Klagepunkte vorgelesen, deren Hauptinhalt war: die Prediger trügen nicht geringe Schuld an dem Schaden, den Zürich erlitten habe; denn, da vormals ein guter Friede (der Landsfriede von 1529) gemacht worden, habe er einigen nicht anstehen wollen; sie haben nach Krieg getrachtet, um einen andern Frieden zu erhalten; nun, da die Obrigkeit genöthigt und gezwungen werde, einen andern Frieden anzunehmen, statt dessen sie lieber einen bessern gehabt hätte, so schreien die Prediger gar aufrührisch auch gegen diesen, und wollen die Obrigkeit drängen, sie solle helfen und retten, während sie doch selbst wohl wissen, daß ihr dies unmöglich sei, und daß sie ja genöthigt wäre, einen neuen Krieg anzuheben; daran sei jedoch dermalen gar nicht zu denken, wohl aber - sich recht zu gedulden, bis daß es etwa mit der Zeit durch Gottes Gnade besser werde. Man beschuldige die

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Regierenden auch noch, als ob sie nicht treu und redlich seien am Worte Gottes, während doch sie eben um des Gotteswortes willen so viel gelitten und ihnen daher mit diesem Vorwurf gar Unrecht geschehe. Dergleichen muthwillige, aufrührische Predigten wolle man durchaus nicht mehr leiden u.s.w.

Auf dieses hin verantwortete sich zuerst Pfarrer Leo Judä ehrerbietig, aber unerschrocken, indem er die einzelnen Behauptungen, die in seiner Predigt vorgekommen, näher beleuchtete und begründete, indeß nichts von dem Gesagten zurück nahm. Er begann folgender Maßen: „Vor Allem bedauern wir sehr und befremdet es uns höchlich, daß wir, die wir mit unsrer Lehre bisher uns beflissen haben, nur die Einigkeit, den Frieden und des Landes Wohl zu fördern, als aufrührisch gescholten werden, da wir doch dem Aufruhr und Unfrieden mit allem Fleiß entgegen arbeiteten. Das Evangelium macht keinen Aufruhr, sondern die, die sich der evangelischen Wahrheit freventlich widersetzen. Wir haben mit unserer Lehre bisher Aufruhr verhütet. Wenn wir die Obrigkeit wegen ihrer Vergehungen mit der Wahrheit bestrafen, so bleibt der gemeine Mann desto stiller und ruhiger. Würden wir's unterlassen, so würde der gemeine Mann unruhig und zur Widersetzlichkeit gegen euch desto eher geneigt sein, und wir kämen bei ihm in Verdacht, wir sähen euch durch die Finger und billigten euere Vergehungen. Es geschieht aus guter Meinung, wenn die Worte zu Zeiten bitter und rauh sind; denn die Wahrheit ist scharf wie das Salz, Salz aber behütet vor Fäulniß. Wir haben hievon auch Beispiele in der Schrift: die Propheten, Christus selbst und seine Apostel haben zu Zeiten die großen Untugenden scharf bescholten.

Euere Ehrsame Weisheit beruft sich rücksichtlich des Friedens auf euere Freiheit und obrigkeitliche Gewalt, kraft deren euch zustehe, nach euerem Gutdünken zu handeln. Hierauf antworte ich, daß kein Friedensvertrag, kein Bündniß, keine Satzung wider Gott und Billigkeit aufgerichtet werden soll noch darf. Dies geht schon daraus hervor, daß alle Bundesbriefe, auch der Friedensvertrag, immer anfangen mit den Worten: Jm Namen Gottes, des Vaters usw. Dadurch gibt man zu verstehen, daß man nichts ohne Gott, sondern Alles mit Gott behandeln wolle. Gott ist allenthalben ausbedungen; was wider ihn beschlossen oder verordnet wird, ist ungültig, und soll auch nicht gehalten werden. Wo ihr nun vornähmet oder beschlösset, das wider Gott und seinen Willen wäre, da würde uns von Amtes wegen gebühren dem zu widersprechen, und davor würden euch weder Feinde noch Bundesbriefe noch eure obrigkeitliche Stellung schützen; denn ihr seid nicht über, sondern unter Gott. Jhm sollt ihr gehorchen, und im Fall des Ungehorsams euch mit dem Worte Gottes strafen lassen.“

Weiterhin beleuchtete Leo seine Rüge in Betreff der Untreue an den Evangelischen in den gemeinen Herrschaften und rücksichtlich laxer Handhabung der Ehesatzungen, und schloß dann: „Was ich gesagt vom Kartenbiegen, war

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nur gleichnißweis gesprochen; wie die falschen Spieler sich drauf verstehen einander abzuheben und dazu die Karten biegen, so, möchte Viele bedünken, ging's auch im Rathe zu. Denn es sind, wie ihr wisset, zwei große Parteien in Zürich; die eine will Gottes Wort schirmen und aller Gerechtigkeit wieder empor helfen, die andere will Unehrbarkeit pflanzen und das Wort Gottes ausrotten, das Pabstthum wieder aufrichten, wieder in fremde Kriege ziehen und Pensionen annehmen. Da will's nun die Frommen oft bedünken, diese letztere Partei finde mehr Gunst und Förderung denn sie. Ist's nicht Gleichsnerei und Falschheit, das Wort Gottes angenommen zu haben und sich zu stellen, als beschirme man's, und daneben den Argen ihren Muthwillen und ihre bösen Anschläge zu gestatten? Deshalb sollt ihr euch vorsehen, daß ihr das Spiel recht mischet. Denn Gott steht hinter euch und siehet euch ins Spiel.“

Schließlich bat und ermahnte Leo die Rathsherren aufs dringendste, ihm den Eifer, in den er gerathen, zum Guten auszudeuten. Denn gewißlich sei ihm nie in den Sinn gekommen, irgendwie Aufruhr gegen die Obrigkeit, die er von Herzen als seine Herren achte, zu erregen. Wie übel es im Krieg ergangen und noch jetzt den Unterthanen ergehe, wissen sie ja gar wohl. Nun bitte er seine Herren aufs inständigste, allenthalben das Beste zu thun; dazu wolle auch er, so viel ihm Gott Gnade gebe, gerne mithelfen.

Leo schwieg und Bullinger, als Vorsteher der gesammten Geistlichkeit, ergriff das Wort. Er fing an die Prediger insgemein dagegen zu vertheidigen, daß man auf sie die Schuld am letzten Kriege und am erlittenen Verluste wälzen wolle. Seine Person betreffend, wisse jedermann, daß er damals nicht in Zürich gepredigt und nie zum Kriege aufgehetzt habe. Er berufe sich auf die Gesandten, welche vor dem Kriege öfter nach Bremgarten gekommen. Diese mögen bezeugen, ob er nicht fortwährend wider den Krieg gepredigt und zum Frieden gerathen habe. Und, die Wahrheit zu sagen, habe ja die Obrigkeit selbst in ihrem Manifest die Ursache des Krieges, den Grund der Sperre u.s.w. dargelegt. Kraft all jener Erläuterungen seien mithin die Prediger durch das selbsteigne Zeugniß des Rathes hinreichend darüber gerechtfertigt, daß sie weder am Kriege, noch an der Sperre, noch an dem Unfall Schuld tragen.

Sodann ging Bullinger einläßlich auf die übrigen Klagepunkte ein, namentlich aber darauf, daß es hieß, man wolle der Geistlichen aufrührisches Predigen nicht mehr dulden. Um aller Unklarheit vorzubeugen, erklärte er selbst diese Worte, und stellte fest, was aufrührisch predigen heiße und was nicht. Er fügte dazu die dringende Bitte, daß ein Ehrsamer Rath zu seinen übrigen Sünden nicht auch noch die schwere Sünde hinzu thue, seinen Predigern zu gebieten, nur sanfte Dinge zu predigen. Sie sollten doch ja nicht in die Sünde deren fallen, von denen Jesajas (Kap. 30, 9, 10.) sage: Es ist ein widerspenstiges Volk, lügenhafte Kinder, die des Herrn Gesetz nicht hören

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wollen; zu den Propheten dürfen sie sprechen: Jhr sollet nicht sehen, und zu den Wächtern: Saget uns nichts Rechtes, sondern saget uns glatte Dinge usw. Dann fuhr er fort: „Wofern aber unsere Gnädigen Herren nichts desto weniger sich unterstehen werden uns den Mund zu verbinden, und uns heißen schriftwidrig zu predigen, so würden wir Gott mehr gehorchen, als ihnen, und lieber gewärtigen, was Gott uns dehalb zu leiden geben werde. „Doch hoffen wir zu Gott, sprach er, und zu Euch, Gnädige Herren!, und bitten euch auch demüthigst darum, daß ihr uns lasset mit aller Bescheidenheit, aber uneingeschränkt und ungehindert predigen gemäß neuem und altem Testament, wie ihr uns dies bald nach dem Kriege (am 13. Dezember 1531) freundlich bewilligt und zugesichert habet.“

34. Anklage gegen Bullinger, Seine Rechtfertigung.

Nun aber kam sofort noch eine neue Auflage zur Behandlung. Von Seiten des Rathes ward Bullingern eröffnet, daß auf der kürzlich gehaltenen Tagsatzung zu Baden die fünf Orte (die katholischen Kantone) eine schwere Klage gegen ihn erhoben und durch die zürcherischen Gesandten vom Rathe gefordert hätten, daß er seiner frevelhaften und aufrührischen Predigten wegen als des Friedensbruches schuldig bestraft würde. Die Klagepunkte überreichte man ihm schriftlich; sie lauteten also:

Den 16. Juni hat der Prädikant in Zürich gepredigt: Es nimmt mich nicht Wunder, daß euch Gott gestraft; denn ihr haltet wenig auf Gottes Wort, da ihr zu dessen Predigt an den Werktagen so unfleißig kommet. Ferner hat er gesagt: Gott strafe die Seinen zur Besserung; seinen Feinden gebe er Glück und Sieg; doch so man sich bekehre, gebe Gott den Seinen auch wieder Stärke. Wiederum hat er gesprochen: Es gebe Etliche, die der Schande lächeln, in die wir jetzt gerathen. Solche seien Buben, Schelme und die größten Bösewichte. Auch gebraucht er viele andere aufrührische Worte, so daß es bei ihm nichts ist als: dran, dran, dran! Die Widersacher nennt er Kothkäfer, und die Messe schilt er eine Gotteslästerung.

Wider diese Klagschrift vertheidigte sich Bullinger auf der Stelle so, daß der Rath fand, er brauche nur seine Verantwortung aufzuzeichnen, damit man sie auf der nächsten Tagleistung den fünf Orten vorlegen könne. Sie lautete nämlich:

„Dafür, daß keine aufrührischen Worte in meinen Predigten vorkommen, was mir ungerechter Weise zur Last gelegt wird, berue ich mich auf die ganze Gemeinde zum Großmünster, der ich zu predigen berufen bin. Die mögen euch sagen, wie sehr ich von Kriegen, Aufruhr und Blutvergießen abmahne, wie ich ihnen für und für zufolge dem Gotteswort all den Jammer vorhalte, der über die Eidgenossenschaft noch ergehen wird wegen der Unruhen und Kriege, wofern wir uns nicht bekehren und bessern.

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Ich läugne nicht, daß ich die Bösewichte bestraft habe, welche geschworen, Lieb und Leid mit der Stadt Zürich zu theilen, Ehre und Treue an ihr zu halten, welche sich rühmen gute Zürcher zu sein, und doch sich unseres Unfalls freuen. Dies habe ich nicht den Fremden, sondern den Einheimischen, den Schuldigen, nicht den Unschuldigen gepredigt.

Daß Gott etwa zu Zeiten die Seinen strafe und bösen, ungläubigen Leuten Glück und Sieg gebe, dies habe ich aus der Epistel des seligen Apostels Petrus (I. Petr. 4, 12.) gelehrt; es ist also nicht meine, sondern Gottes Lehre und Wort. Solches ist auch augenscheinlich wahr geworden an König Ludwig II. von Ungarn. Denn wer wollte darum sagen, der Türke habe den rechten und bessern Glauben, weil er den König Ludwig erschlagen und die Christen in die Flucht getrieben hat? (in der Schlacht bei Mohacs, 29. August 1526.)

Daß ich dann eine christliche Stadt Zürich gehetzt haben soll sich aufzumachen zu einem Kriegszuge, oder geredet habe, Gott werde sie jetzt stärken und ihr Sieg verleihen, drum solle sie nur frisch wieder zu Felde ziehen, die Feinde werden Kothkäfer sein, das ist eine falsche, lügenhafte Erdichtung übelwollender, unwahrhafter, unruhiger Menschen. Wahr ist's, daß ich gesagt habe, wofern man sich nicht bessere, werden Alle mit einander zu Grunde gehen, Gottes Hand sei schon ausgestreckt zur Züchtigung, und alle Starken dieser Welt seien vor ihm wie Kothkäfer und Regenwürmer.

Die Messe aber habe ich gar nicht gerühmt, bitte auch Gott, er möge mich nie den Tag erleben lassen, daß ich sie rühmen und anpreisen würde, als ob sie von Gott, apostolisch und mehr denn fünfzehnhundert Jahre alt wäre und in ihr der wahre, natürliche, wesenhafte Leib unsers Herrn Jesu Christi für die Sünden der Todten und der Lebenden von dem Priester und unter der Gestalt des Brotes und Weines aufgeopfert würde. Denn Solches ist dem Leiden unsers Herrn Jesu Christi und seiner Einsetzung nicht gemäß, sondern durchaus zuwider und abbrüchig. So denn also der wahre Christenglaube auf dem wahren Worte Gottes, wie es in den beiden Testamenten, als den allerältesten und gewissesten Schriften, begriffen ist, beruht, und wir Prediger in Zürich euch, unseren Herren und Oberen, den Eid geschworen haben, allein das neue und alte Testament zu predigen, worin von der Messe nichts, wohl aber was ihr zuwider und abbrüchig ist, zu lesen ist; so hoffe ich zu Gott und seiner Wahrheit, ich habe gar nichts in diesem Punkte und auch sonst nichts wider die Schrift, wider Ehre und Eid, wider Billigkeit und Gerechtigkeit, auch gar nichts wider den Landsfrieden gepredigt, daß ich strafwürdig geworden wäre.

Denn unser Glaube, der sich nicht auf menschliches Gutdünken, sondern auf Gottes wahrhaftes Wort gründet, ist im Landsfrieden ausbedungen und vorbehalten. Und wäre es auch nicht geschehen, dennoch ist Gottes Wort und Wahrheit frei und unverbunden, und soll und muß

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gepredigt werden, ob auch die ganze Welt dawider wäre und es aufs strengste verböte.“

Nach dieser Vertheidigungsrede Bullingers fügte Rudolf Thumysen, Pfarrer am Fraumünster, noch die wenigen Worte bei: „Gnädige Herren; wir begehren, daß man uns das nicht verbiete oder umstricke, was Gott uns geheißen hat thun, nämlich das Wort Gottes zu predigen. Betreffe es Obrigkeit oder Messe, der Mensch soll Gottes Wort hören, ihm gehorchen und sich nicht unterstehen es zu beherrschen oder zu beugen nach seinem Gefallen. Sonst darf man auch auf keinen Segen hoffen.“

Jetzt traten die Prediger ab; es erfolgte eine lange und mißliche Berathung, es kam zu einem heftigen Streite der beiden mächtigen Parteien, von denen Leo Judä so offen gesprochen hatte. Die Sitzung dauerte weit über die gewöhnliche Zeit. Mittlerweile sammelte sich viel Volk auf der nahen Limmatbrücke und auf dem Platze neben dem Rathause, neugierig, besorgt um das Schicksal seiner Prediger. Hier ging das Gerücht, man werde ihnen den Abschied geben, dort hieß es: sie werden gefangen gesetzt usw. Auch aus der Umgegend strömten Leute herbei. Alles harrte gespannt des Ausgangs. Ob diese Gruppen von Wartenden einigen Eindruck auf den Rath machten oder nicht, läßt sich nicht entscheiden. Endlich traten die obersten Standeshäupter aus dem Rathssaale, und eröffneten den Predigern folgenden Bescheid: die verlaufenen Sachen hätte der Rath im Besten beruhen lassen und aufgehoben; er wollte die Prediger nicht gefährlicher Weise einschränken oder von den beiden Testamenten wegdrängen; sie sollten die Wahrheit frei predigen kraft ihres Eides, den sie in der Synode geschworen. Trete aber der Fall ein, daß die Prediger sich in irgend etwas, das ihnen am Herzen liege, über die Obrigkeit zu beschweren hätten, so sollten sie nur kommen und an die Rathsstube anklopfen; sie sollten die Freiheit genießen, ohne Verzug vorgelassen zu werden. Werde der Sache nicht abgeholfen, so mögen sie dann auf den Kanzeln dermaßen davon reden, wie sie es für schriftgemäß und zu Gottes Ehre, zu Frieden und Ruhe, und zu der Menschen Heil dienlich erachten.

Deß waren die Prediger hoch erfreut, dankten Gott und ihrer Obrigkeit mit der Bitte ihnen nichts zu verübeln und sie in Gnaden befohlen zu haben.

So war denn der ernste gedoppelte Angriff abgeschlagen, den die Feinde des Evangeliums in der Schweiz gegen die Prediger in Zürich, als ihre zähesten dortigen Gegner, theils direkt durch die fünförtischen Gesandten, theils durch ihre geheimen Anhänger in den zürcherischen Räthen gewagt hatten. Man sah, wie auf jeden Anlaß gepaßt wurde, wie jeder Anstoß den Predigern gefahrwoll werden konnte. Aber aufs neue war das Evangelium siegreich aus dem Kampfe hervor gegangen, dessen freie Predigt wiederum und für immer behauptet und ein neues wichtiges Recht erworben worden,

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das der gesicherten, unbefangenen, persönlichen Mittheilung von Seiten der Geistlichen an die obersten Staatsbehörden in allen bedeutenden Angelegenheiten, ein Recht, welches für das richtige Verhältniß zwischen evangelischer Landeskirche und christlichem Staate, für das gute Einvernehmen zwischen den Staatsmännern und den Männern der Kirche vom nachhaltigsten und segensreichsten Einflusse sein mußte. Wirklich schreibt sich davon die noch weit ins siebzehnte Jahrhundert hinabreichende eigenthümliche Uebung her, zufolge welcher nicht nur wegen kirchlicher Dinge, sondern auch bei eingreifenden Vorlagen betreffend die Gesetzgebung, die Verhältnisse zu den Eidgenossen oder zum Auslande die Prediger sammt den Professoren der Theologie bisweilen geladen, öfter auch ungeladen, die Bibel unter dem Arm, auf dem Rathhause erschienen, und da ihr Gutachten mndlich vortrugen. Bald geschah dies von Seiten der Stadtgeistlichen bloß in ihrem eigenen Namen, bald im Namen aller ihrer Amtsbrüder zu Stadt und Land. Jn der Regel wurde das mündlich Vorgetragene den Landesvätern auch schriftlich eingereicht.

Was die Freiheit der Predigt anbetrifft, so widerfuhr es Bullingern nur noch ein Mal, ungefähr anderthalb Jahre später, daß er nebst Leo zur Verantwortung gezogen wurde, als sie sich nämlich heraus genommen, ärgerliche Ausschweifungen, deen sich eine Schar junger Zürcher in Gemeinschaft mit verlockenden katholischen Genossen aus den innern Kantonen schuldig machte, auf den Kanzeln deutlich zu rügen, doch ohne jemand zu nennen. Vor dem Rathe erlangten nun freilich die Prediger Recht. Bullinger aber, damit nicht zufrieden, beschwerte sich sehr darüber, daß man ihn vor Rath gezogen habe. „Wenn die Laster, sprach er, offenbar sind, ja so am Tage liegen, daß man überall davon spricht, und wir dann nach unsers Amtes Pflicht auch davon reden, nur so, daß man gehorsam sei und recht thue, wir aber dabei nicht mehr Schirm haben, denn daß man Tag wider uns erlangen mag und wir da jedem sollen zu Recht stehen, das fällt uns zu schwer. Jch seh' auch nicht, wohin das reichen möge, denn daß wir von jedem umgetrieben werden, dem die Wahrheit und Bestrafung nicht behagt. Wir wollen euch nicht verhehlen, eher würden wir unseres Amtes stille stehen.“

Nun ließ man die Prediger in Ruhe und hieß sie wacker fortfahren mit der Predigt des Evangeliums und mit Bestrafung der Laster.

35. Der Angriff um des Mandates willen. Vergleich.

Je völliger aber den päbstlich Gesinnten der Anschlag mißlungen war, die Zürcher Prediger aus ihren Stellungen zu vertreiben oder mundtodt zu machen, desto drohender erhoben sich nun die katholischen Orte, aufgereizt vom päbstlichen Legaten, gegen das hartnäckige Zürich insgemein. Es ist wirklich auffallend, daß erst jetzt der bedenkliche Streit wegen des schon im

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Mai in Zürich erlassenen Mandates hell aufloderte und zu furchtbarer Höhe emporstieg.

Jm Rheinthal erließen die fünf Orte, wie der Abt von St. Gallen für seine Lande, ein Mandat, wodurch die evangelischen Prediger bedrückt wurden. Diese beklagten sich in Züich und baten um Hülfe. Zürich sah in diesem Mandate eine Ueberschreitung des Landsfriedens und verlangte auf der Tagsatzung zu Baden am 1. September 1532 von den fünf Orten dessen Zurücknahme. Diese stellten nun die Gegenforderung, Zürich solle vielmehr sein Mandat aufheben, worin die Messe beschimpft worden sei, damit habe Zürich den Landsfrieden noch weit mehr verletzt. Keine Partei wollte nachgeben; jede behauptete im Rechte zu sein. Die übrigen Eidgenossen rieten auf einer neuen Tagsatzung zu einem Vergleich; von beiden Seiten solle man die Mandate aufheben, oder einander versprechen, sich künftig vor solchen zu hüten. Allein die fünf Orte blieben bei ihrem Begehren, und forderten Zürich, als es sich weigerte, vor das eidgenössische Recht.

Diesen Trotz der fünf Orte schrieb man mit Grund hauptsächlich den Aufhetzungen des päbstlichen Legaten zu. „Dieser suchte, sagt Bullinger in seiner Reformationsgeschichte, nun, da Zürich nichts von ihm wissen wollte, Unfrieden und Krieg zu stiften, so viel er nur konnte; damals versprach er den katholischen Kantonen Hülfe an Geld und Kriegsvolk. So ward auch allenthalben von Bischöfen und Priestern allerlei geschrieben und wurden die fünf Orte aufgewiesen, die Sache mit einem schnellen Kriege auszumachen; denn der zwiespaltige Glaube würde auf die Dauer nicht gut thun; drum solle man nun bei guter Zeit und dargebotener Gelegenheit das Unkraut ausjäten.“

Wirklich schien ein Krieg fast unvermeidlich. Denn es war zu augenfällig, daß die Vorladung vor ein eidgenössisches Schiedsgericht darauf zielte, Zürich das freie Bekenntniß seines Glaubens zu entreißen; Glaubenssachen, wie die Fragen über die Messe, einem Rechtsspruch anzuvertrauen und von den Gegnern des Evangeliums sich vorschreiben zu lassen, wie Zürich darüber sich zu äußern habe gegen die Seinigen, dies schien zu bedenklich für Zürich's Rechte; fiel das Urtheil ungünstig aus, so konnte man sich ja nicht unterziehen, ohne das Evangelium aufzugeben, sondern mußte dann doch einen Krieg wagen und zudem gewärtig sein, daß dannzumal alle Verbündeten wider Zürich zu Feld ziehen müßten, um die Unterwerfung unter den eidgenössischen Rechtsspruch zu erzwingen. Daher warnten die Freunde von allen Seiten, Zürich solle sich nicht in einen Rechtshandel einlassen. Schon hörte man auch von geheimen Bündnissen und Rüstungen der Gegner. Zu einem Kriege aber, der bei Rechtsverweigerung sofort zu erwarten stand, fehlte es Zürich an zuverlässigen Bundesgenossen, an Lust, Muth, Geld, kurz fast an Allem. Umsonst sah man sich da und dort um Beistand um. Mit Bern war Zürich vom letzten Kriege her, weil damals im Stich gelassen, noch

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immer auf gespanntem Fuße; in Basel und Straßburg fand es wohl herzliche Theilnahme, brachte indeß nicht einmal ein Kriegsanleihen zu Stande. Wir finden daher ein einläßliches Gutachten Bullingers aus dieser Zeit: wie man möge vor Kriegen sein und der Tyrannei der fünf Orte abkommen. Alles überlegt scheint es ihm am besten, da man nicht mehr Eines Glaubens sei, daher statt Eintracht und Unterstützung lauter Zwietracht und Feindschaft habe, den fünf Orten gütlich die Bundesbriefe heraus zu geben, sie von ihnen hinwieder zurück zu fordern und dann einander ungekränkt zu lassen. Besser sei es auch, die gemeinen Herrschaften in Frieden zu theilen und also zum Theil fahren zu lassen, als weiterhin wie zeither zuzusehen, dabei zu sitzen, mitzustimmen und überstimmt zu werden bei den Beschlüssen, durch welche die Mehrzahl der regierenden Orte sie jämmerlich vom Evangelium dränge und sie nöthige, wiederum abgöttisch zu werden; dann müsse Zürich doch nicht mehr die Verantwortung mittragen; lieber Einigen recht helfen, als mithelfen zum Seelenverderben so Vieler, das laut genug gen Himmel schreie und gewiß zu den Ohren des Allerhöchsten dringe. Zürich möge sich dann, woran es jetzt durch die widerstrebenden Kantone verhindert sei, mit solchen Städten verbünden, die Gottes Wort lieb haben, und werde an ihnen treuere Bundesgenossen haben.

Dieser friedfertige und Bullingers entschiedenem Charakter gemäß ganz durchgreifende Vorschlag, der eine völlige Umwälzung aller eidgenössischen Verhältnisse herbei geführt hätte, stieß indeß auf große Bedenken, namentlich besorgten angesehene Berner, denen er vorgelegt wurde, die fünf Orte würden bei einem solchen Anlasse das bernische Oberland und Aargau zur Abtrünnigkeit verlocken können und aus ihnen, wie auch schon verlautete, zwei neue selbständige Kantone machen.

Hin und wieder erhielt Zürich Warnungen vor einem plötzlichen Ueberfall. Jn dieser schweren unsichern Zeit schrieb der treffliche Bürgermeister Jakob Meier in Basel, „Vater der Frommen“ genannt, im Dezember 1532 an Bullinger die hochherzigen Worte: „Ermahnet das Volk zu ernstlichem Gebet, zu Geduld und starkem Vertrauen auf Gott. Denn Gott ist gewaltig auf unsrer Seite und nimmt uns oft zeitliche Mittel, auf daß wir allein auf ihn hoffen; sonst würde unser Evangelium zu fleischlich. Endlich werden wir obliegen auch in dieser Zeit; denn der Christus, der in uns ist, wird Herr und König bleiben wider allen Trotz der Welt. Wofern wir darum leiden, ja auch sterben, so ist's uns Gewinn. Doch Gott ist getreu; er gibt in der Anfechtung ein Auskommen und läßt uns nicht weiter versucht werden, denn wir wohl ertragen mögen.“

Dies war auch ganz der Sinn, in dem Zürich's Prediger zu ihrem Volke redeten und dieses zu seiner Regierung hielt. Nachdem die Regierung alles Mögliche gethan, um den verhängnißvollen Rechtsgang zu vermeiden, wandte sie sich in einer öffentlichen Kundmachung, die zu Stadt und Land

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vor allen Gemeinden verlesen wurde, an ihr Volk, legte ihr unermüdliches Streben nach Frieden, aber auch die ernste Lage der Dinge offen dar, die es nöthig mache, daß jedermann sich wohl gerüstet halte. Und alles Volk erklärte sich willig und bereit, Leib und Gut einzusetzen zur Behauptung des lautern Evangeliums.

Daher schrieb auch Ambrosius Blaarer an Bullinger: „Heil euch! Unter dem schweren Kreuze ist Zürichs Kirche viel stärker geworden und des Herrn Kraft leuchtet aus der Schwachheit nur desto heller hervor.“

Am 16. März 1533 wurde nunmehr in Einsiedeln der Rechtstag eröffnet. Die Zürcher, lautete die Klage, haben in ihrem Mandat den wahren, christlichen, katholischen Glauben einen unbegründeten, falschen, päbstischen Glauben und die Messe eine Schmälerung und Verkleinerung des Leidens Christi gescholten und also wider den neulich errichteten Landsfrieden gehandelt, in welchem ausdrücklich stehe, sie sollen die Kläger jetzt und hinfort bei ihrem Glauben „ungearguirt und undisputirt“ bleiben lassen. Zürich widersprach und zeigte, wie man da den Landsfrieden mißdeute und mißbrauchen möchte. Die Verhandlungen nahmen die bedenklichste Wendung; man stritt sich mit äußerster Heftigkeit und Leidenschaft. „Nichts steht jetzt gewisser bevor, als der Krieg; Bern rüstet“, schreibt deshalb Bertold Haller aus Bern zu Ende März an Bullinger, und um dieselbe Zeit meldet ihm Capito, daß die Straßburger bei Ausbruch des Krieges mit den fünf Orten zu Roß und zu Fuß den Zürchern zuziehen werden, und daß sie bereits auch den Landgrafen Philipp von Hessen deswegen gemahnt haben.

Auf den zweiten Rechtstage den 22. und 23. April behaupteten die Kläger mit besonderm Nachdruck, Zürich habe ihnen Brief und Siegel gegeben, daß sie den wahren, alten Glauben haben. Zürich antwortete: Nie und nimmer! denn im Frieden steht nicht: Wir von Zürich bekennen uns zu dem u.s.f., sondern: Wir lassen euch bei euerem Glauben bleiben, den ihr alt usw. nennet. Hätten wir ihn auch dafür gehalten, so hätten wir nicht nöthig gehabt uns den unsern vorzubehalten. Daran setzen wir Leib und Gut.

Doch wider Verhoffen kamen endlich nach langen und hartnäckigen Verhandlungen Vergleichsartikel zu Stande, die freilich bittere Demüthigungen für Zürich enthielten:

Erstlich sollen unsere Herren und lieben Eidgenossen von Zürich bekennen, daß sie damals, als sie besagtes Mandat ausgehen ließen, sich nicht besinnt noch bedacht, auch nicht gemeint hätten, daß solches ihren Eidgenossen in den fünf Orten so widrig und nachtheilig wäre; denn, wo sie das bedacht, hätten sie es nicht dergestalt ausgehen lassen. Sie sollen sich auch fürderhin vor solchen den Bünden und dem Landsfrieden nachtheiligen Mandaten hüten.

Zweitens sollen die Zürcher die noch nicht ausgegebenen Abdrücke des

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Mandats zu Handen nehmen und behalten und es in keiner ihrer Gemeinden ferner verlesen lassen.

Drittens soll das abgemeldete Mandat unsern Herren und lieben Eidgenossen von den fünf Orten an ihrem alten christlichen Glauben unnachtheilig sein und keinen Schaden bringen weder jetzt noch in Zukunft.

Viertens soll ein jeder Theil den andern bei seinem Glauben bleiben lassen laut des im Landsfrieden begriffenen, lautern und klaren Artikels.

Ein fünfter Artikel verwahrt beiden Theilen alle ihre hergebrachten Rechte und Freiheiten.

36. Genehmigung des Vergleiches. Ansuchen an die Synode.

Dieser Vergleich fand zwar beim großen Rathe in Zürich vielfachen und ernstlihen Widerspruch:; dennoch wurde er angenommen, da die Aussichten, auf den Fall eines Krieges allzu ungünstig erschienen und sonach kein anderer Ausweg blieb. Jetzt entstand aber eine neue Besorgniß; man mußte bei der Bürgerschaft und in manchen Landgemeinden großen Unwillen gewärtigen; darum suchte man dem Sturm vorzubeugen, die Geistlichkeit zu gewinnen und durch sie das Volk zu besänftigen.

Nun war eben zu Anfang Mai (1533) die gewöhnliche halbjährliche Versammlung der Synode. Der Bürgermeister Walder berichtete im Namen des Rathes den Verlauf des ganzen Streites, gestand offenherzig, daß ihnen (den Räthen) selbst die Vergleichsartikel nicht gefallen, daß aber die Umstände, namentlich die Besorgniß eines gefahrvollen Krieges, die Uneinigkeit der evangelischen Stände u.s.f. sie dazu gezwungen hätten, und bat dann die Prediger, dieses Vergleiches halben die Gemeinden zu begütigen, da ja der Glaube vorbehalten wäre und die Artikel einen leidlichen Sinn hätten; sie sollen aus allen Kräften jedem Aufruhr, Zank und aller Unruhe vorbeugen.

Nach diesem Vortrage traten die Räthe ab und die Synode beriet sich. Sie fand für nöthig, sich hierüber am folgenden Tage vor dem großen Rathe gründlich zu erklären. Sie ordnete dazu die Stadtprediger und die sieben Land-Dekane ab. Jhnen wurde beigegeben der straßburger Prediger Martin Butzer, welcher sich eben in Zürich befand, und auf seinen Wunsch nebst seinem Begleiter Doktor Bartolomeo Fontio aus Venedig Zutritt zur Synode erlangt hatte. Bullinger, der im Namen Aller das Wort zu führen hatte, sprach nach einigen ehrerbietigen Einleitungsworten:

„Wir besorgen allerdings, gnädige Herren! die Vergleichsartikel, welche ja auch euch nicht gefallen können, werden uns künftighin viel Unruhe bringen und euch zunächst nicht zur Ehre dienen. Jhr waret längere Zeit den Gläubigen ein Vorbild der Redlichkeit und Beständigkeit; darum dauert uns jetzt sehr, daß ihr so schwach und blöde geworden diese Artikel anzunehmen, die in vieler Hinsicht zu schelten sind. Unserthalben könnt ihr ruhig sein;

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gerne wollen wir das Beste zu der Sache reden und die Artikel milde auslegen. Aber nicht auf unser Begütigen und Auslegen wird's ankommen, sondern darauf, wie unsere Gegner sie erklären. Auch ist der Buchstabe an sich selbst so klar wider uns, daß wir wahrlich nicht wissen, wie man ihn füglich anders auslegen möge als er lautet. „So ihr gedacht hättet, steht ausdrücklich, daß euer Glaube den fünf Orten so widrig, so hättet ihr das Mandat nicht also ausgehen lassen.“ Was heißt das anders, als die fünf Orte höher achten als Gott und unseren wahren Glauben? Wir müssen dies für einen nicht geringern Fall achten, als Petrus gethan.“

Jetzt unterbrach ihn ein lautes Gemurmel; etliche Rathsglieder riefen ihm bitter zu, nirgends habe man den Glauben verläugnet; niemand sei des Sinnes; die Geistlichkeit aber wolle noch Aergeres anrichten, so daß noch mehr Unheil erfolgen und Aufruhr entstehen werde. Andere Rathsherren verlangten, man solle ihn doch ausreden lassen. Bullinger fügte bei: „Unruhe begehren wir nicht, sondern nur euch anzuzeigen, wie man Aufruhr des gemeinen Mannes verhüten und die Sache aufs glimpflichste erledigen möge; verhöret uns doch gütig.“ Als nun wieder Stille ward und der Bürgermeister sprach: „Hört, liebe Herren!“ und: „Sagt Jhr weiter Euer Anliegen!“ fuhr er fort:

„Das ist unser Anliegen allzumal; uns Allen ist's ein großer Kummer, daß ihr, gnädige Herren! in einer Sache, die den Glauben und das Wort Gottes betrifft, die eine kirchliche Angelegenheit ist, euch so gar vertieft habet, daß ihr selbst ein Mißfallen daran traget. Da es nun aber einmal geschehen und nicht mehr zu ändern ist, so bezeugen und erklären wir hiermit feierlich vor euch, daß wir dadurch in unserm Kirchendienste nicht wollen verstrickt sein, sondern wie wir in der Synode den Eid geleistet, auch fürhin wie bisher mit aller Bescheidenheit fortfahren zu predigen ohne Rücksicht auf diese Vergleichsartikel und von der Messe und Anderem zu reden, wie Gottes Wort vermag und sich gebührt. So aber euch, gnädige Herren! bedünken würde, daß wir damit eure Stadt und Land verderben und in Krieg stürzen wollten, so ist es uns viel lieber, daß ihr uns in Gottes Namen hinziehen lasset, wohin ein jeder mag. Denn wir können nicht mit gutem Gewissen uns im Predigen durch solche Artikel binden lassen.

Was aber die Beschwichtigung des Volkes gemeldter Artikel halben betrifft, so wollen wir gerne, so viel uns möglich und gebührlich, unser Bestes thun. Doch wird viel mehr auf euch ankommen, die ihr besser beschwichtigen möget. Wir hoffen indeß, wenn ihr auf folgende Punkte eingehet, so werde die Sache sich von selbst legen und jedermann erkennen, daß ihr treulich handeln wollet am Worte Gottes und an der Kirche.

Zum ersten wird nothwendig sein, daß ihr, gnädige Herren! all eurem Volke zu Stadt und Land klar darthut, daß durch diesen Vergleich unser wahre

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christliche Glaube nicht abgeschwächt sei, sondern in aller Kraft bestehe, und alle eure Mandate ungeschwächt und vollgültig bleiben.

Zweitens, daß ihr euren Vögten und Amtleuten nachdrücklich einschärfet, sie sollen Ernst zeigen, damit alle Mandate besser als bisher befolgt und beschirmt werden, und man eine wirkliche Besserung sehe.

Drittens, daß ihr, gnädige Herren! euch in einer Sache, die den Glauben und die Kirche betrifft, nicht mehr also vertiefet, sondern vielmehr bedenket, daß solche Sachen nicht sollen gerichtet werden nach Gutdünken der Menschen, sondern nach dem Worte Gottes [17].

Viertens endlich, daß ihr überall in den gemeinen Herrschaften den armen wegen des Gotteswortes bedrängten Leuen treulich , so viel nur immermöglich, rathet und helfet, daß sie nicht vom Worte Gottes weggedrängt werden.

Hierdurch hoffen wir, werde diese so gefährliche Sache minder nachtheilig. Wir bitten euch um Gottes Willen, ihr wollet diese Antwort der ganzen Synode in Gnaden aufnehmen. Wir meinen es von Herzen gut und wollen gern nach all unsern Kräften eure Ehre und euer Wohl fördern. Haltet treu und standhaft am Gotteswort. Gott aber erhalte euch gnädiglich durch unsern Herrn Jesum Christum und erbarme sich unser Aller!“

Hierauf nahm Butzer das Wort und ermahnte den Rath in einer ausführlichen Rede zum Festhalten an der Wahrheit. Da er aber sah, daß man über seinen ausgedehnten Vortrag unwillig ward, brach er ab und schloß mit den Worten: „Gnädige Herren von Zürich! Jhr habt viel Gnaden von Gott empfangen, ihr habet mehr gethan und gelitten, als zu dieser Zeit irgend ein Volk in der Christenheit; darum so behaltet euer gutes Lob und seid beständig an Christo, der euch erhalten wird!“

Die Verhandlung des Rathes über Bullingers Vorschläge dauerte gar lange. Endlich erschienen beide Bürgermeister und die obersten Meister und brachten den Predigern die Antwort: „Wir haben dermalen, das weiß Gott im Himmel, nicht anders thun können als leider den Vergleich annehmen. Wir thaten's in bester Meinung; hätten wir jenen genügen wollen, so hätten wir noch viel mehr nachgeben müssen. Wir thaten's nur darum, daß wir möchten bei der Wahrheit, dem Gottesworte und bei Frieden und Ruhe bleiben, und alle die Unsrigen, nach unserer Schuldigkeit, vor größerem Leid behüten. Deshalb geht es uns Allen nahe, daß wir an eueren Reden haben hören müssen, daß ihr uns übel trauet, ja gar einen Abfall besorget, welcher uns doch, Dank der Gnade Gottes, nie in den Sinn gekommen. Wir sind

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des festen, unverrückten Sinnes und Herzens, bei angenommener und erkannter Wahrheit mit Gottes Hülfe bis an unser Ende zu verharren und davon nimmermehr zu weichen. Wir befehlen euch daher, daß ihr das Wort Gottes treulich und mit aller Bescheidenheit, laut beider Testamente und eueres Eides, frei verkündet und niemand, wo es die Noth erfordert, verschonet. So wollen wir dann auch unserseits die von euch vorgeschlagenen Punkte in allen Treuen, so viel uns möglich, auszurichten beflissen sein. Nochmals bitten wir euch, helft uns, daß man möge bei Ruhe und Frieden bleiben. Betrachtet doch, wie großes Heil es einem Volke bringt, wenn Obrigkeit und Prediger zusammen stimmen und einander helfen, daß es recht geleitet werde.“

Nun dankten die Prediger herzlich für diese freundliche Antwort; sie versprachen, bei diesem christlichen Vorhaben ihrer Obrigkeit wollten sie zu dem guten Werke nach ihrem besten Vermögen mithelfen und Gott bitten für Stadt und Land um seinen Segen, Schutz und Schirm.

Wir sehen, wie tief auch die Demüthigung des zuvor so ruhmreichen Zürich ging, Eins blieb unentwegt: der evangelische Glaube, ja er ward gestählt in der Trübsal. Wir sehen aber auch, wie viel Entschlossenheit, Muth und Beharrlichkeit es brauchte, um dessen Kundgebung und Pflege unverkümmert zu behaupten.

37. Bullinger als Friedensstifter unter den evangelischen Ständen.

Noch gab es in den eidgenössischen Verhältnissen so Vieles, was den Bestand des Evangeliums gefährdete und sein Gedeihen hinderte. Fest zusammen haltend sehen wir die fünf oder alsbald sieben katholischen Kantone auftreten und entschlossen eingreifen, dagegen bei den evangelischen Zersplitterung und Unsicherheit; jeder der letzteren hatte mit seiner eigenen Noth zu kämpfen. Betrübend für ein protestantisches Herz war aber zumeist die Entfremdung, die zwischen Zürich und Bern eingetreten war durch den unglücklichen Krieg, in welchem sich der bernische Heerführer, der wirklich nachgerade Bern verließ und zur römischen Kirche zurück trat, mehr als zweideutig gezeigt hatte. Die Mißstimmung machte sich in Allem fühlbar. Niemand empfand aber diesen Zwiespalt schmerzlicher als Bullinger. Während die Staatsmänner grollten, stand er mit seinem lieben Bertold Haller, der ihn über Alles um Rath fragte, in stetem Briefwechsel und arbeitete unablässig an einer Aussöhung und Wiedervereinigung. Doch lange vergebens. - Freunden und Gegnern waren gewisse Ungleichheiten besonders auffallend; jenen erschienen sie anstößig, diesen lächerlich, namentlich in Betreff des Ave Maria, des Todtenläutens, der Aposteltage. Zürich hatte davon mehr beibehalten. Wenn nun die Gesandten aller Kantone Tagsatzung hielten und das Ave-Maria-Glöcklein ertönte, so

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fielen die Zürcher gleich den Katholischen auf die Kniee und bekreuzten sich, die Berner blieben aufrecht stehen, was den Gegnern begreiflich zu spöttischen Bemerkungen Anlaß bot. Jn Zürich sagten die Prediger eben so das Ave Maria nach früherer Sitte noch immer nach dem Eingang der Predigt her, indem man es nicht für unbliblisch hielt; in Bern unterließ man dies [18]. Ebenso fand Ungleichheit Statt in Behandlung der Ehesachen. Einstweilen kam es nicht einmal darüber zur Verständigung. „Hier in Zürich ist nichts anzufangen,“ schreibt Bullinger zu Ende 1532 schmerzlich bewegt an Myconius, „niemand traut dem Andern; wir sind nicht mehr zusammen zu bringen. Wahrlich, wahrlich, es ist die letzte Zeit; die Strafe des Herrn naht; es ist, wie's scheint, um uns geschehen! Doch laß werden dürfen wir nicht; noch müssen wir für's liebe Vaterland Alles versuchen, zumeist aber Gott recht herzlich anruen, daß er sich über uns erbarme, daß er uns helfe; das trau ich ihm auch treulich. O ließe er doch wieder Friede werden, wie's vormals war. Sonst sehe ich bei der Welt wenig Redliches; heuteso, morgen so!“ Durch Myconius wirkte Bullinger namentlich auf den eben erwähnten Bürgermeister Meier in Basel und versah ihn mit den genauesten Rathschlägen und Aufschlüssen über die Art, wie durch ihn die für die Sache des Evangeliums so unendlich wichtige Annäherung an Bern in Zürich zu betreiben sei. Er selbst that auf und neben der Kanzel kräftig das Seine, mochte er auch bei Manchen hart anstoßen und Bitteres dabei erfahren. „Sei nicht in Aengsten, lieber Myconius,“ schreibt er zu Anfang des folgenden Jahres, „als ob ich kleinmüthig würde. Soll ich fernerhin unter diesen Leuten leben, die ich doch größtentheils nicht für ganz gottlos halten kann, und hier das Evangelium predigen, oder aber in Tod und Verbannung gehen, nichts will ich ihnen vorenthalten, sondern ein treuer Wächter sein, wie du christlichen Sinnes mich dazu ermunterst. Jch will für und für zu Gottseligkeit und standhafter Treue ermahnen, die Gottlosen und ihre Laster bestrafen, so viel der Herr, zu dem ich flehe, mir Kraft verleiht und ich's durch seine Gnade vermag. Mehr kann ich nicht thun. Ganz und völlig aber anbefehl' ich mich dem Herrn, indem ich ihn inbrünstig bitte, daß er mich kurzsichtigen und schwachen Menschen zur Ehre seines heiligen Namens gebrauchen möge. Bet auch du für mich, lieber Bruder, und steh mir bei mit gutem Rath. Das ist meine Hoffnung, uns Verachteten und Verstoßenen werde dereinst der Herr Jesus zu Hülfe kommen und Alles, was wir ersehnen, uns reichlich schenken, sei's in dieser, sei's in der künftigen Welt.“

Nicht lange w“hrte es, so konnte er ihm freudiger schreiben: „Nur nicht laß werden! Der Grund ist gelegt und Hoffnung ist da zu völliger Einigung;“ und dann wieder: „Gegen Bern ist man in Zürich ganz gut

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gestimmt. Wir verzagen nicht; von der Gnade des Herrn hoffen wir nachgerade Besseres. Einmal hat er uns erniedrigt; er wird uns auch wieder erhöhen, wenn er's gut findet. Wiewol wir keine Erhöhung begehren, als nur daß wir der Tyrannei gewisser Dränger los würden. Doch es geschehe der Wille des Herrn! Bitte ihn für uns.“

Endlich gelang es im März 1534 durch den Freund Bullingers, Lavater, Landvogt in Kyburg, und den bernischen Landvogt in Lenzburg unter Billigung ihrer Regierungen Schritte zur Annäherung zu thun; nun wurden auf Bullingers Antrieb die bernischen Amtleute im Aargau von Staatswegen nach Zürich eingeladen, hier und in Kyburg drei Tage lang aufs glänzendste bewirthet; sie kehrten alsdann mit schriftlichen Vorschlägen Bullingers zurück über die weitere Vollführung der begonnenen Vereinigung. - Eine Folge davon war die Ausgleichung der oben berührten Verschiedenheiten in  einzelnen kirchlichen Dingen, namentlich aber eine Vereinigung der fünf evangelischen Kantone über gleichmäßiges Verfahren in Ehesachen. Bezeichnend ist es für die Anschauung jener Zeit und wohl noch immer beachtenswerth innerhalb der evangelischen Kirche, daß von der Ehescheidung in diesen Satzungen nicht wie von einem preiswürdigen Rechte des evangelischen Staates gesprochen wird, vielmehr mit tiefem Bedauern als von einer zwar berechtigten, aber bloß nothgedrungenen Rücksichtnahme auf die annoch vorhandene Blödigkeit der Menschen zur Vermeidung ärgeren Unheiles.

Jene Dränger, von denen Bullinger oben redete, die römisch Katholischen einerseits, die Wiedertäufer andererseits, waren es, die das Evangelium in Solothurn in die äußerste Gefahr brachten und endlich verdrängten, so daß nicht bloß aus der Stadt, sondern auch aus mehr als dreißig Landgemeinden ihre evangelischen Prediger nebst Hunderten von beharrlichen Bekennern des Evangeliums vertrieben wurden. Nur das festeste Zusammenwirken Berns und Zürichs hätte dieses schwere Unheil verhüten mögen. Jetzt war dies leider nicht mehr gut zu machen.

Jene Dränger waren es auch, vor denen in der Grafschaft Baden, im Thurgau, im Gebiete des Abtes von St. Gallen die evangelischen Prediger täglich und stündlich um ihr Leben besorgt sein mußten. Hatte doch der Hofmeister des letztern, wie der Pfarrer von Berg bei Rorschach wehklagend und Schutz suchend an Bullinger schrieb, offen heraus gesagt: es bessere nicht bis sein gnädiger Herr vier oder fünf Prediger in einen Thurm setze und ihnen dann eine Platte schere, daß die Köpfe an den Weg fallen, das Blut aber über sich springe.

Jener Dränger halb schwebte das ganze Land in solcher Gefahr, daß Bullinger gegen Ende des Jahres 1533 an Myconius schrieb: „Wahrlich, wahrlich, Alles droht unserm Vaterlande den Untergang; o möge Gott seine Heiligen erlösen aus all ihrem entsetzlichen Elend! Doch es geschehe der Wille des Herrn. Wir thun eifrig das Unsere und nicht ganz umsonst, aber

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freilich nicht so viel, als wir gerne möchten. Mögen übrigens noch so Viele an Zürich verzweifeln, - ich verzage doch nicht. Gibt es auch im Rathe deren, die nach beiden Seiten hinken, mehr als der Sache Christi gut ist, so ist doch rein und fest der Sinn der Gemeinde.“

Was aber die Unsicherheit erhöhte, den Sinn der Gemeinden, zumal der jüngeren Leute, am meisten bedrohte und darum Bullingers Gemüth vielfältig beängstigte, war das stete Drängen berühmter Söldlingsführer, deren Etliche Zürichs Bürger gewesen, zu Kriegszügen in fremdem Solde; Ruhm und Sieg, Gewinn und Abenteuer schimmerten so lockend der waffenkundigen Jugend entgegen trotz Allem, was das ernste Evangelium gegen des Krieges Jammer, gegen unchristliches Blutvergießen und seelengefährdendes Kriegerleben einwandte. Nur der festeste Wille der Obrigkeit konnte da der erkannten evangelischen Wahrheit Nachdruck verleihen, und diesem größten Feinde, der im Schweizerlande dem wahrhaft christlichen Sinne und Leben sich entgegen stemmte, siegreich widerstehen. Eben auch dafür aber war Zürichs erneuete Befreundung mit Bern von Wichtigkeit und geraume Zeit von großem Segen.

Doch sehen wir nun, wie Bullinger mitten in den Wirren dieser unsichern Zeiten an den Ausbau der evangelischen Kirche, an ihrer festen Gestaltung arbeitete.

 

 

Zweiter Abschnitt.

Kirchliche Gestaltung. Bullingers Wirksamkeit zum Ausbau und zur Leitung der zürcherischen Kirche und Schule.

38. Rettung des Stiftes zum Großmünster.

Wie Bullinger einerseits bemüht war, mit aller Kraft und Beharrlichkeit dem Pabstthum, das offen und geheim überall wieder nach Alleinherrschaft rang, zu widerstehen und das heiß errungene Evangelium nicht zurück drängen zu lassen; so erwarb er sich andrerseits um den Ausbau der erneuerten Kirche, um ihre weitere Gestaltung und innere Ordnung die größten Verdienste.

Vor Allem aus war hiefür von Wichtigkeit die Heranbildung tüchtiger Kräfte zum Dienste der Kirche. Hiefür aber kam es wesentlich an auf weise Verwendung der ökonomischen Kräfte des Chorherrenstiftes zum Großmünster, das vor der Reformation eine Menge müssiger Priester genährt hatte (es waren 24 Chorherren und 36 Kapläne), dann aber unter Zwingli's Leitung dem Zuge der Reformation gefolgt war und 1523 eine gänzliche Umgestaltung im evangelischen Sinne erfahren hatte (s. Christoffels Zwingli Abth. 1,

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S. 95). Freiwillig verzichteten damals die Stiftsherren auf ihre weltlichen Gerichte und Hoheitsrechte, hinwieder wurde ihnen die selbständige Verwaltung der Stiftsgüter zugesichert unter der Aufsicht des Staates und mit der Verpflichtung, daß den ursprünglichen Zwecken der Stiftung gemäß wirkliche Kirchendienste für die zugehörigen Stadt- und Landgemeinden daraus sollten bestritten, eine „ehrsame, wohlgelehrte, züchtige“ Geistlichkeit aufgezogen und ein ziemlicher Theil des Gutes für die Armen solle verwandt werden. Die Jnhaber der Pfründen wurden mit Schonung behandelt, nicht gemäß den Gelüsten etlicher Wiedertäufer, welche radikal genug sie ohne Weiteres verstoßen wollten; auf Lebenszeit verblieben sie im Genusse ihrer Einkünfte. Während die einen derselben zu den freudigsten Bekennern des Evangeliums gehörten, gab es, als Bullinger, zum Pfarrer gewählt, in ihren Kreis eintrat, noch etliche, die sich nie mit Zwingli befreundet hatten. Bullinger kam ihnen mit vieler Achtung und Freundschaft entgegen, er ehrte sie wie Väter, bot ihnen Bücher dar und forderte sie auf, wo ihnen in seinen Predigten etwas anstößig vorkäme, es ihm freimüthig zu sagen; gerne wolle er sich dann näher über solche Punkte mit ihnen besprechen. Schon dadurch gewann er ziemlich ihre Herzen. Jndeß bot sich ihm alsbald Gelegenheit, ihnen noch einen größern Dienst zu leisten, mit voller Ueberzeugung, und eben damit zugleich das Gedeihen der Kirche, zumal ihrer Lehranstalt bedeutend zu fördern.

Als nach dem Unfall bei Kappel von vielen Stimmen, wie wir früher vernommen, alles Unheil den Geistlichen beigemessen wurde, rieten Etliche der Gewaltigen im Rathe dazu, daß man die Unkosten beim Stifte suche und daraus die Schulden des Staates tilge, die um des Krieges willen gemacht worden. Noch immer sei der Einfluß der Geistlichen zu groß, klagten diese Lüsternen, und brachten die alten Klagen über Müssiggang, Vergeudung, Willkür und Habsucht der Stiftsherren aufs neue vor, Klagen, die vordem wohl begründet, nun aber, seit Alles unter der Aufsicht der Obrigkeit stand, unbillig und lieblos waren. Bereits wurde ruchtbar, wie nun die unentbehrlichsten Pfarr- und Lehrstellen mit geringer Besoldung beibehalten, sonst aber alle Häuser, Gärten, Felder, Wiesen, Weinberge, Renten, Gülten und übrigen Einkünfte des gesammten Stiftsgutes „vom Staate zu seinen Handen gezogen werden sollen.“

Die Mitglieder des Stiftes indeß, wie sie inne wurden, was man beabsichtigte, entschlossen sich, das Jhrige zu thun zur Erhaltung dieser kirchlichen Stiftung. Vier von ihnen Abgeordnete, Bullinger an ihrer Spitze, erschienen am 17. Febr. 1532 vor dem versammelten großen Rathe, und er eröffnete in einem eben so ruhigen und bescheidenen, als freimüthigen und muthigen Vortrage ihre Beschwerden. Gründlich und einfach lehnte er die erhobenen Beschuldigungen ab. Dann aber stellte er aufs augenfälligste das Unheilvolle des obschwebenden Schrittes dar: „Eben dem Evangelium, das ihr unter euch zu haben und zu fördern wünschet und um deswillen allein ich heute hier vor euch

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stehe und zu euch rede, würde daduch der stärkste Stoß versetzt, wenn ihr dieses so alte und stattliche Stift schwächen oder zerstören wolltet. Jetzt ist es ja reformirt und wird zum Dienste der Kirche und für das Studium der schriftmäßigen göttlichen Wahrheit verwendet. Gerade das zähle ich zu den edelsten Vorzügen der alten christlichen Kirche in den ersten Jahrhunderten, daß sie so treffliche Schulen besaß zur Bildung christlicher Lehrer, z.B. in Antiochia und Alexandria [19]. Wie viele von den Abirrungen des Pabstthums sind aus Unwissenheit eingeschlichen! Wollt ihr nicht wieder in den alten Jrrthum und unter des Pabstes Gewalt zurück sinken, so seht euch bei Zeiten vor. Bei 130 im Worte Gottes wohl unterrichtete Männer solltet ihr haben für den Dienst der Kirchen in eurem Gebiete. Wo will man die finden, wenn sie nicht mit der Zeit hier in Zürich herangebildet werden? Oder wie möget ihr ein recht gottesfürchtiges und gehorsames Volk haben ohne Gottes Wort? Wie groß aber dermalen dahier bei euch der Mangel ist an solchen gelehrten, weisen und erfahrenen Zeugen, das wisset ihr selbst. Bedenket, daß eure Vorfahren viele und schwere Kriege geführt, dabei aber allezeit das Stift unangefochten gelassen haben. Ja, die Feinde des Evangeliums, wie ein Faber, Eck und Murner, die würden triumphiren und in der ganzen Welt es ausposaunen, wenn ihr selbst das von euch aufgerichtete und im Drucke ausgegebene Vorkommniß, durch das ihr so oft und feierlich dieser herrlichen Stiftung ihren Fortbestand zugesichert habet, brechen würdet. Jedoch bitten wir euch ferner wie bis dahin treue Pfleger aus eurer Mitte abzuordnen, die sammt den vom Stifte dazu Bestellten über gewissenhafte Verwaltung der Güter wachen und zum Wohle der gesammten Kirche das Beste rathen.“

Diese kräftige und einleuchtende Ansprache wurde günstig aufgenommen, sie bewahrte die Obrigkeit vor der bedenklichen Klippe eines Wortbruches, der zugleich eine auffallende Abweichung von ihrem bisherigen Verfahren und eine grelle Verletzung von Zwingli's gewissenhaften Grundsätzen in sich geschlossen hätte. Der Entscheid fiel dahin aus: Das Stift soll dem Verkommniß gemäß bleiben, doch mit der Bestimmung, daß von Keinem mehr als eine Chorherrenpfründe bezogen werden dürfe; alle unter verschiedenen Titeln bisher mit einzelnen verbundenen Nebenpfründen, sodann die durch das Absterben bisherigen Jnhaber erledigten Einkünfte sollen für die Prediger, zu denen auch die der umliegenden Filialkirchen gerechnet wurden, sowie für die Leser (Professoren), Lehrer, Schüler und Studien, das sogenannte „Studentenamt“, verwendet werden.

Damit war der theologischen Wissenschaft für drei Jahrhunderte ihre Freistätte in Zürich gerettet, und das gedeihliche Aufblühen einer

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Pflanzschule von evangelischen Glaubenszeugen für einen großen Theil der östlichen Schweiz ermöglicht. „Ja, jetzt erkenne ich“, schreibt daher Bertold Haller an Bullinger bei der Nachricht von diesem Vorgange, „daß du in Zürich noch nöthiger bist als in Bern.“ Das wenig bebaute und kärgliche Feld bedurfte indeß der treuesten Pflege und des sorgsamsten Schaffens von Seiten unseres Bullinger.

39. Bullingers Förderung der zürcherischen Schulanstalten.

Wie der Baum, der gedeihen und reichliche Frucht bringen soll, seine Wurzeln tief in den Boden der Erde treiben muß, um immer neue Säfte an sich zu ziehen und in das Seinige zu verarbeiten; so nothwendig ist es jeder evangelischen Kirche zu ihrem gedeihlichen Fortbestehen, immer wieder jüngere Kräfte aufzunehmen, an den Quellen des heilbringenden Gotteswortes zu tränken und dadurch zu ihrem Dienste heranzubilden. Bullingern, der selbst Schulmann gewesen und seine glückseligsten Jahre in jugendlich frischer Wirksamkeit in Kappel zugebracht hatte, lag diese Heranbildung ganz vorzüglich am Herzen. Der Gedanke, den schon Zwingli gefaßt, daß es unerläßlich sei, durch eine tüchtige Schule hier in Zürich das Licht des Evangeliums zu wahren, war völlig der seinige. Was aber die stürmischen Zeiten seines Vorgängers nur theilweise zugelassen, sollte durch ihn nun vollständiger aus- und durchgeführt werden, damit „eine ehrsame, wohlunterrichtete und züchtige“ Geistlichkeit auferzogen werde. So war es ihm vergönnt, was die Brüder des gemeinsamen Lebens noch in den hemmenden Fesseln des Pabstthums unter ungünstigen Umständen erstrebt hatten, hier unter weit günstigern Verhältnissen im hellen Lichte evangelischer Wahrheit ins Werk zu setzen. Einheimische Prediger in hinreichender Zahl heran zu ziehen, schien ihm in der Eidgenossenschaft um so dringender, da die im Lande Gebornen eher wüßten, „was Liebs und Leids die Eidgenossen mit einander erlitten, bis sie zu dieser herrlichen Freiheit gekommen, und desto eher nach Ruhe und Einigkeit trachten würden; es auch leichter wäre ihnen im Fall eines Fehlers einzureden.“ Zudem hatte ja die zürcherische Regierung nach dem letzten Kriege versprechen müssen, sich vor den weniger rücksichtsvollen Ausländern zu hüten, wobei indeß keineswegs Bullingers Meinung war, daß nicht auch Fremde hier Bildung und Anstellung finden könnten. Noch ein Grund, weshalb er nöthig fand, daß Zürich für die Bildung tüchtiger Prediger das Möglichste thue, lag in der Rücksichtnahme auf die Glaubensbrüder in den gemeinen Herrschaften, da diese nicht vermochten, aus eigenen Kräften solche sich zu verschaffen, auf politischem Wege ihnen ja so wenig zu helfen war, und von Zürich aus fast nur dies Eine, aber freilich auch Wichtigste für sie sich thun ließ, wackere Boten

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des Evangeliums zu erziehen, damit sie der himmlischen Nahrung nicht ermangeln müßten.[20]

So sehen wir nun Bullinger, da er an Zwingli's Stelle oberster Schulherr geworden, unermüdlich wirksam zur Förderung sowohl der höheren theologischen Lehranstalt, als auch der gesammten auf die vorbereitenden Schulbildung. Gleich im März 1532 wurde, wie oben erwähnt, Theodor Bibliander (Buchmann) angestellt für die theologische Professur, die Zwingli neben all seinen übrigen Geschäften in den letzten Jahren versehen hatte; man erkannte, daß es zu viel wäre, sie auch noch auf die Schultern des Pfarrers zu legen. Bullinger selbst gehörte zu den fleißigsten Zuhörern des als Schriftausleger ausgezeichneten Bibliander. Er wisse nicht, schreibt Bullinger von ihm, ob ihm jemand an Gelehrsamkeit, Verstand und Freundlichkeit vorzuziehen sei. Noch sind fünfundvierzig eigenhändige Hefte vorhanden, die er in seinen Vorlesungen niederschrieb. Auch sonst wohnte Bullinger häufig den Collegien bei, nicht sowohl um selbst zu lernen, als um durch sein Beispiel und seine Gegenwart Lehrer und Lernende zu desto emsigeren Studien zu ermuntern. Freilich unterschied sich überhaupt die damalige Zuhörerschaft bei diesen theologischen Vorlesungen wesentlich von denen unserer Tage. Da sah man neben den Jünglingen gereifte Männer, die entladen der Verdunkelung nun erst im Worte Gottes ihre rechte Erleuchtung suchten, um zum Dienste evangelischer Kirchen tüchtig zu werden; auch Greise saßen da, indem alle Glieder des Stiftes und geistlich Genannten verpflichtet waren, jeden Morgen der an die Stelle des unerquicklichen Chorgesangs getretenen Vorlesung und Erklärung eines Schriftabschnittes beizuwohnen.

Auf Schriftauslegung nämlich war vor Allem das Augenmerk der evangelischen Theologie gerichtet und mußte es sein. Daß die Schrift ausgelegt werden müsse, hatte man den Wiedertäufern gegenüber schon so oft und nachdrücklich festgehalten; daß sie aber aus und durch sich selbst gemäß den Grundsprachen müsse erklärt werden, war der römischen Kirche und ihren Satzungen gegenüber aufs entschiedenste festgestellt worden. Nun galt es, damit Ernst zu machen, da stets tiefer einzudringen und von da aus über alle Fragen des christlichen Glaubens und Lebens immer vollständiger zur Klarheit und Wahrheit hindurch zu dringen. Daher hielt auch Bullinger vor Allem auf gründlicher Schriftkenntniß, auf genauer Aneignung der dazu nöthigen Sprachkenntnisse, und legte bei den jährlichen Schulprüfungen, denen er immer beiwohnte, und namentlich bei den theologischen Prüfungen, die er allezeit bis an das Ende seines Lebens selbst vornahm, darauf großes Gewicht.

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Wie weit und groß aber der Kreis der daran sich anschließenden und der Kirche dienlichen Kenntnisse seinem Urtheil gemäß sein mußte, sahen wir früher schon bei seiner Anleitung zum theologischen Studium, die er für Werner Steiner verfaßte, und werden es auch weiterhin wahrnehmen; neben den philosophischen und geschichtlichen Studien schloß er auch die Naturwissenschaften, die Mathematik und die neueren Sprachen nicht davon aus.[21]

Er selbst entwarf die gesammte Schulordnung, die ein wohlthuender Geist der Milde und väterlichen Ernstes durchweht. Mit gleicher Treue sorgte er darin für die Professoren und Lehrer, die Studierenden und Schüler. Alle wurden zu Ostern einer strengen Censur unterworfen. Jedem waren seine Pflichten genau vorgezeichnet, so daß er bestimmt wußte, was man von ihm erwartete. Mit Würde und Ernst hielt Bullinger Alle zu gewissenhafter Pflichterfüllung an. Unter seiner unmittelbaren Aufsicht stand die theologische Lehranstalt, von Alters her zu Ehren Carls des Großen Carolinum (Carlsschule) genannt, die anfangs nur vier Professoren zählte, und die Studierenden. Dem Gymnasium stand ein „Schulmeister“ (Rektor) vor, dem ein Provisor (Conrektor) untergeben war nebst etlichen Lehrern. Bullinger aber bekümmerte sich auch hier um jeden einzelnen Schüler.

Gehorsam und fleißiger Besuch des sonntäglichen und täglichen Gottesdienstes ist das Erste, was von jedem Zögling gefordert wurde; sodann unausgesetzter Fleiß, sowohl in als neben den Lehrstunden, fleißiges Aufzeichnen und Wiederholen des Vorgetragenen, pünktliche Lösung der Aufgaben, reichliche Uebung im schriftlichen und mündlichen Ausdrucke; niemand darf auf den Gassen müssig stehen in den Tagesstunden, die heiliger Maßen der Arbeit zu widmen sind. „Weil aber,“ heißt es sodann, „Gelehrtheit ohne Zucht und Ehre nichts gilt und nichts ist“, wird ein züchtiges, ehrbares, mäßiges Leben erwartet; vor Schlemmen, Prassen, nächtlichem Schwärmen, Tanzen, üppiger Kleidung, Verkehr mit lüderlicher Gesellschaft muß jeder sich wohl hüten, der sich nicht der Rüge und weiterer Bestrafung will aussetzen. Wo's sein muß, wird bestraft mit Wort, Ruthe, Gefängniß und endlich Wegweisung, „wiewohl gewünscht wird und jedem doch besser ansteht, daß er des Gehorsams und Fleißes, der Frömmigkeit und Tugend vielmehr aus Liebe und freiem Willen sich befleiße, denn der Strafe wegen.“ Die Lehrer haben, zumal in den untern Klassen, auf die Fähigkeiten der Schüler genau zu achten, damit Unfähige alsbald entfernt werden.

Auch für die äußeren Erfordernisse wurde auf Bullingers Antrieb und Rath das Nöthige gethan, die vorhandene Stiftsbibliothek wesentlich vermehrt, zunächst durch den Ankauf von Zwingli's Büchervorrath, sodann

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durch fortgehende Anschaffungen; auch zweckdienliche Hörsäle und Lehrzimmer wurden eingerichtet, und den Lehrern des Gymnasiums solche Häuser zur Wohnung angewiesen, in denen sie füglich Raum hatten, eine Anzahl von Schülern in Kost zu nehmen.

Dies führt uns aber nothwendig auf

40. Bullingers Sorge für Stipendien.

Als eine unerläßliche Sache betrachtete Bullinger die geregelte Unterstützung der Schüler und Studierenden durch Geldmittel. Die erneuerte Kirche nämlich bot ihren Dienern nicht mehr Ehre, Gewinn und bequeme Ruhe wie zuvor die päbstliche, sondern nicht viel Anderes als Arbeit, Mühe und Gefahr bei spärlichem Auskommen. Begreiflich, daß die einen Eltern, wie Bullinger bemerkt, keine Lust hatten ihre Söhne dafür hinzugeben, andere aber, denen es an Muth und innerem Trieb nicht fehlte, die nöthigen Mittel gebrachen zur Bestreitung der Unkosten, zumal bei den vielfach gesteigerten Anforderungen.

Schon 1527 ward daher ein kleiner Fond, das „Studentenamt“, zu diesem Zwecke angelegt, doch so gering waren anfangs die Einkünfte, die zur Verfügung standen, daß man nur drei Stipendiaten ein wenig unterstützen, sodann nach zwei Jahren ihre Jahrgelder etwas erhöhen konnte. Jhre Zahl stieg hernach auf vier, 1532 nun in Folge des oben erwähnten Rathsbeschlusses auf sechs. „Sechs Stipendiaten hat eure Kirche,“ schrieb Capito damals an Bullinger, „sechzig solltet ihr haben!“ Wie weit war aber Zürich hiervon entfernt; dies erschien wie eine baare Unmöglichkeit. Und siehe da, durch weise Sparsamkeit, treue Verwaltung und sorgsame Verwendung der allmälig durch Absterben erledigten Pfründen gelangte die zürcherische Kirche dahin, daß gegen die Mitte des Jahrhunderts die Gesammtzahl ihrer Stipendiaten  sogar achtzig betrug. Bullinger war es, der mit unablässiger Beharrlichkeit auf dies Ziel hinsteuerte; wie viel Mühe und Sorge er sich damit auflud, läßt sich eher denken als aussprechen. Wir finden ihn da völlig in seinem Elemente, unermüdlich, Taugliche heraus zu finden, sie am geeigneten Orte unterzubringen, anzuspornen, aufzumuntern, fortzuhelfen, zu dämpfen, auf alle stillen Wünsche und begründeten Bedürfnisse der Heranreifenden einzugehen. Wie er auch Schwächere mit Milde und Weisheit zu beurtheilen verstand, vernehmen wir aus einem Briefe, worin er äußert: „Joh. Fabritius ist mir wirklich lieb, weil ich bei ihm eine ungemeine Herzensgüte finde. Fürs Wissenschaftliche ist er freilich langsam, aber sonst gut und redlich. Solche Herzensgüte ziehe ich dem bloßen Scharfsinn vor. Doch die glücklichsten Naturen sind immerhin die, welche Beides von Gott empfangen haben und sich bestreben in Beidem zu wachsen.“

Die von ihm ausgearbeitete Verordnung betreffend die

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Stipendiaten setzt fest: Bei den jährlichen Prüfungen soll man ein fleißiges Aufsehen haben auf die Fähigkeiten der Knaben, damit die Besten aus ihnen zu Stipendiaten können angenommen werden. Jm ersten Jahre gibt man einem Jungen zehn Gulden. Dann soll er nach gewissenhaftem Berichte über sein Verhalten, falls dieser günstig ausfällt, den Pflegern und Stiftsherrn vorgestellt und gefragt werden, ob er das Stipendium begehre. Bejaht er es, so soll die Mühe, Gefahr und Wichtigkeit seines künftigen Berufes ihm vorgestellt und ihm zugleich angezeigt werden, daß, falls er zurück träte oder ausgeschlossen werden müßte, alle Kosten von ihm, nicht von den Eltern, die sonst Leids genug mit ungehorsamen Söhnen haben, zurück gefordert würden, so er je zu Eigenthum käme. Ferner hat ein Stipendiat den Schulherrn, Rektoren und allen Vorgesetzten Gehorsam zu leisten und darf, ehe er aus der Fremde kommt oder es ihm bewilligt wird, sich nicht verehlichen. Nach vollendeten Studien soll er sich zum Kirchen- oder Schuldienst dahier gebrauchen lassen, wo man seiner bedarf, auch keinen Dienst oder fremde Stipendien ohne Erlaubniß annehmen. Bei Zunahme der Geldmittel wurden fünf Grade verordnet zu 10, 15, 20, 25, 40 Gulden, wobei die Pfleger freie Hand hatten. Die, welche wohl studiert haben, heißt es ferner, und ehrbaren Lebens sind, so daß man das gute Zutrauen zu ihnen haben darf, sie werden anderwärts nicht leicht verführt werden, kann man an geeignete Orte ins Ausland schicken. Bei ihrer Rückkehr haben sie Zeugnisse ihres Verhaltens vorzuweisen und eine Prüfung über ihre auswärts erworbenen Kenntnisse zu bestehen.

Der größte Theil dieser Stipendiaten, zum Großmünsterstifte zugehörig, lebte in Privathäusern bei Eltern, Verwandten oder, was gar häufig vorkam, bei Lehrern, Professoren oder Stadtgeistlichen.

Ein anderer Theil dagegen befand sich Anfangs auf dem Lande, eben in dem Kappel, wo Bullinger ihr erster Erzieher gewesen, und lebte aus den Einkünften des dortigen Klosters; außerdem durften auch andere Schüler gegen ein mäßiges Kostgeld daselbst weilen. Ohnehin war Bullinger der Ansicht, daß die ländliche Stille und Abgeschiedenheit für die reine Entwicklung jugendlicher Gemüther wie für das Lernen unter zweckmäßiger Leitung und Aufsicht viele Vorzüge habe vor dem Stadtleben und seinen mannigfachen Zerstreuungen, zumal für Solche, die sich dem geistlichen Stande widmen möchten. So liegt ein anmuthiges Gutachten vor uns, worin er in Bezug auf das aufgehobene Kloster Rüti, dessen wenige übriggebliebene Mönche durch schandbare Ausgelassenheit und hartnäckige Widersetzlichkeit der Obrigkeit viele Mühe verursachten, anräth, jene Mönche in die Stadt zu versetzen, in Rüti aber eine Lehranstalt ähnlich der in Kappel (ein Progymnasium) zu errichten. Als sich jedoch in Kappel Mißhelligkeiten zwischen dem Erzieher und dem Verwalter des Klostergutes erhoben, war es Bullinger, auf dessen Betrieb die Schule in die Stadt gezogen, ins Haus zum

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Kappelerhof versetzt, erweitert und da der Raum nicht reichte, ins Haus der Aebtissin zum Fraumünster verlegt wurde. Voll Freude schreibt Bullinger darüber im Oktober 1538 an Myconius: „Der Rath hat das schöne und geräumige Haus der Aebtissin unsern Stipendiaten zur Wohnung eingeräumt. Rhellican (Johannes Müller aus Rellikon am Greifensee, ein sehr gelehrter Mann) ist ihr Erzieher, er wohnt hinter der Kirche. Ammann Köchli besorgt die Kost und die ökonomische Verwaltung. So ist für die Studien und die Studierenden gut gesorgt.“ Hier lebten nun 15 bis 20 Zöglinge beisammen, denen, auf Bullingers erneute Verwendung, alles Nöthige, selbst die Kleidung, genügend, wenn auch bescheiden und einfach gereicht wurde. Viele ausgezeichnete Diener der zürcherischen Kirche gingen bis auf die neueren Zeiten aus dieser Anstalt hervor. 1540 wurde verordnet, daß man je die vier ältesten Zöglinge in die Fremde schicken solle.

41. Bullingers Verkehr mit den Studierenden im Ausland.

Werfen wir noch einige Blicke auf diese Reisenden. Bullingers Verhältniß zu ihnen ist sehr beachtenswerth; es ist ein recht väterliches; er leitet stets ihren Gang und erhält von ihnen ihrer Verpflichtung gemäß Nachrichen über das, was sie im Auslande wahrnahmen, zumal wofern es für die zürcherische Kirche von Belang sein konnte. Zu den ersten der Zeit nach gehörten Johannes Fries, später Schulrektor, und Konrad Geßner, der nachmals weltberühmte Naturforscher; von Straßburg durfte jener nach Paris, dieser nach Bourges gehen zu dem trefflichen württembergischen Sprachkenner Wolmar; Bullinger sendet ihnen durch Vermittlung B. Hallers in Bern das Geld, verlangt aber treuste Verwendung und genauere sofortige Auskunft über ihre Studien und ihre Lehrer; sie sollen recht emsig sein, dessen eingedenk, daß sie Stipendiaten der zürcherischen Kirche seien und trachten ihr einst nützlich zu werden. Otto Werdmüller, nachher Professor in Zürich, reiste, von Bullinger selbst an Luther und Melanchthon empfohlen, 1538 nach Wittenberg. Die meisten besuchten die Universität Basel. So Rudolf Gwalter, der Nachfolger Bullingers in der Antisteswürde, an dem wir den Studiengang und Bullingers Weitherzigkeit rücksichtlich der Bildung eines Theologen leicht erkennen mögen. Geboren im Jahre 1519, nachdem sein Vater von einem herab stürzenden Balken erschlagen worden, kam er 1528 nach Kappel, blieb drei Jahre; dann nahm Bullinger den vater- und vermögenlosen Knaben in sein Haus, behielt ihn drei Jahre lang ohne alle, die übrige Zeit gegen eine geringe Entschädigung; 1537 ließ er ihn als Begleiter eines jungen vornehmen Engländers, der eine Zeit lang bei ihm gewohnt hatte, nach London reisen, einige Monate in England verweilen, und unterweges in Köln den mehr als achtzigjährigen Johannes Cäsarius, den einstigen Lehrer Bullingers, besuchen, dem die

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Anmuth und der Anstand des Jünglings das Herz abgewann. Jm Sommer 1538 empfiehlt ihn Bullinger aufs dringendste an Professor Simon Grynäus und an Antistes Myconius nach Basel. „Hier sende ich dir meinen Kostgänger“, schreibt er an Letztern, „ja vielmehr meinen Sohn Rudolf Gwalter; ich bitte dich innigst, nimm ihn unter deine Leitung und Obsorge und behandle ihn ganz, wie wenn er dir gehörte. Mir ist er lieb seiner Geistesgaben und seines lauteren Sinnes wegen. Was du ihm daher erzeigest, darfst du ansehen, als habest du mir's erwiesen. Was du für ihn auslegst, bezahle ich.“ Gwalters Briefe sind voll herzlichen Dankes gegen Bullinger und frischer Lebensanschauung. Jm Sommer 1539 durfte er nach Lausanne reisen, wo er Geßner traf, das Französische erlernte und Einsicht in die verwickelten Verhältnisse der Waadt gewann. Da Basel von der Pest heimgesucht war, reisten drei zürcherische Stipendiaten im Frühjahr 1540 nach Tübingen mit einem amtlichen Empfehlungsbriefe der zürcherischen Schulbehörde an die Professoren daselbst; doch gefiel es ihnen dort nicht, sie wünschten alle nach Marburg zu gehen. Dies wurde gestattet und Gwalter angewiesen, ihnen dorthin zu folgen. Wiewohl Bullinger damals, wegen seiner Geschäftsmenge und da nun Allles organisirt war, das Schulherrnamt bereits an Professor Ammann abgegeben hatte, ohne indeß aus der Schulbehörde auszutreten, richtete er (im Einverständnisse mit dem jetzigen Schulherrn) an Gwalter und seine drei Mitstudierenden im Herbste 1540 ein Schreiben folgenden Jnhalts: „Alle euere Briefe verlangen nur mehr Geld; dies kann aber nicht sein; 38 Gulden habt ihr des Jahres und mehr nicht. Jhr ersinnet immer Neues, was Kosten verursacht. Wozu möchtet ihr denn sonst den Magistertitel erwerben? Der zürcherischen Kirche genügt es, wenn die Jhrigen vom Ausland mit Kenntnissen wohl ausgestattet und mit guten Sitten zurück kommen auch ohne Titel. Zudem steht ja in Frage, ob nicht der Eid etwa Solches enthielte, das nicht Allen zusagen würde.“ Dann gibt er Gwaltern Anleitung, wem in Zürich er seine drei eben zum Drucke bereiten Erstlingsschriften dediciren möge, und warnt ihn, ja nichts gegen die fünf katholischen Kantone heraus zu geben, indem er über die Vorgänge in der Heimath ihm und seinen Mitstudenten in väterlicher Einläßlichkeit berichtet: „Lüge ist, was man als Gerücht bei euch ausstreue, als ob ein Treffen zwischen den Unseren und den fünf Orten Statt gefunden. Alle Eidgenossen sind ganz einig, und wollten eine Besatzung von tausend Mann nach Rottweil legen. Urner, Schwyzer und Zuger zogen in und mit den Zürchern aus unserer Stadt und riefen beim Ausziehen vom Fischmarkt an und durchs Niederdorf, man solle ihnen doch verzeihen, sie wollen uns alles Gute thun usw. So hat's Gott aus Gnaden gefügt. Die Eidgenossen wollen fortan zusammen halten und was auch über sie komme, den Glauben nicht zu einer Ursache von Trennung werden lassen. Jetzt verhandelt man darüber, daß auch die fünf Orte sammt Freiburg, Solothurn und Wallis, falls

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wir um unsers Glaubens willen angegriffen würden, uns beistehen und den Angriff als gegen den gesammten Bund gerichtet betrachten möchten. Ueberhaupt sind sie freundlicher als je zuvor. Gott weiß, was werden soll. Betet zu ihm treulich! O wie stünde es so gut, wenn wir eins würden im Glauben an unsern Herrn Jesum Christum! Wie wollten wir den armen bedrängten Glaubensbrüdern so viel gute Dienste thun und treulich denen helfen, die vom Antichrist gepeinigt werden. Um das bittet Gott inbrünstig, liebe Söhne!“ So herzlich und herzgewinnend wußte Bullinger zu heran wachsenden Söhnen des Vaterlandes zu sprechen.

Gwaltern war es noch vergönnt, im Gefolge und auf Kosten des Landgrafen Philipp von Hessen im Sommer 1541 dem Reichstage zu Regensburg beizuwohnen; täglich genoß er da des freisten Verkehrs mit den hessischen und andern Theologen. Gleich nachher sehen wir ihn im Amte und schon am 3. August 1541 verehlicht mit Regula Zwingli, der Tochter des Reformators, die gleich ihm in Bullingers Hause aufgewachsen und frühe vorzüglich schon und kräftig heran gereift war.

Doch wir werden noch weiterhin sehen, welch einen Reichthum an tüchtigen Mitarbeitern Bullinger sich heran zog zum Werke des Herrn. „Du weißt, schrieb er 1537 einem Freunde, wie wichtig zur Erhaltung und Förderung der Kirche und des Staates die gute Einrichtung der Schulen und die rechte Bildung der Jugend ist schon vom Knabenalter an. Da muß man wohl manchen Verdruß hinunter schlucken und keine Mühe scheuen. Denn der reichste Ertrag wird dereinst solche Mühe und Arbeit köstlich lohnen!“ Dies Wort sollte an ihm selbst in Erfüllung gehen.

Daß ein Mann voll dieser Begeisterung für die Jugendbildung auch andere Stätten des Evangeliums mit Wort und That zur Errichtung und gewissenhaften Pflege von Schulanstalten ermunterte, darf kaum erst noch beigefügt werden.

42. Bullingers Predigerordnung. Prüfung und Wahl der Geistlichen.

Doch nicht bloß auf die Zukunft durfte sich Bullingers Sorge für den Ausbau der erneuten Kirche Zürichs richten, auch ihre Gegenwart erforderte kräftiges Eingreifen und festere Gestaltung. War es wichtig, tüchtige Diener des Evangeliums heran zu bilden, so mußte es nicht weniger unerläßlich sein, daß die bereits angestellten Zeugen der christlichen Wahrheit in ihrem Amte treu sein und der Gemeinde ein Vorbild des christlichen Wandels darbieten. Um in beiden Beziehungen das Vehalten jedes Einzelnen zu erforschen und wofern nöthig zu rügen, auch sonst über Alles, was zum Frommen der Kirche dienen konnte, sich zu berathen und erforderlichen Falles Anträge zu stellen, waren auf Zwingli's Vorschlag schon seit 1528 halbjährliche amtliche

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Zusammenkünfte aller Geistlichen - Synoden - angeordnet worden. Allein es fehlte noch an festen Bestimmungen.

Nunmehr wurde eine umfassende Predigerordnung mit Beifügung einer Synodalordnung von Bullinger und Leo Judä entworfen, gemäß ihrem Grundsatze, daß in kirchlichen Dingen die weltliche Obrigkeit nicht von sich aus irgend etwas aufzustellen, sondern das Wort Gottes durch die Diener desselben zu hören und darnach zu verfahren habe. Von der Synode wurde der Entwurf im October 1532 angenommen; die Regierung ertheilte mit Freuden ihre Genehmigung, und verlieh ihm damit Gesetzeskraft. Dieser Entwurf ist in doppelter Hinsicht beachtenswerth, einmal weil er die einzelnen Bestimmungen sorgfältig begründet gegenüber den päbstlichen Uebungen, und fürs Andere, weil er so vollständig und glücklich ausfiel, daß im Verlaufe von beinahe drei Jahrhunderten keine wesentlichen Aenderungen vorgenommen werden mußten.

Da der Kernpunkt der Reformation darin lag, alle Menschensatzungen zu beseitigen und allein auf Gottes Wort abzustellen, so wird vor Allem die Aufstellung einer solchen Ordnung durch ihre Unterordnung unter Gottes Wort gerechtfertigt. „Keine Freiheit, beginnt daher diese Synodalordnung, weder geistliche noch weltliche kann durch göttliche, rechtmäßige Verordnungen verkürzt oder unterdrückt werden. Denn die Freiheit eines frommen Christenmenschen ist nicht von der Art, daß er begehrte vom Guten, Ehrbaren und Wahren gefreit zu sein. Vom Bösen, Unordentlichen frei und dem Guten ergeben zu sein, das achtet er vielmehr für die rechte Freiheit. So denn eine göttliche, ehrbare Verfügung nichts als Gutes pflanzt, so können rechtmäßige Verordnungen nicht unter dem Titel der Freiheit abgelehnt werden, es wäre denn, daß die Verfügung an sich selbst als ungöttlich und verwerflich könnte dargethan werden. Daher behalten wir uns vor, daß, wo sich aus Gottes Wort ergäbe, es sei einer oder viel Artikel nachfolgender Verfügung ungehörig und dem Worte Gottes zuwider, dieselben für ungültig erklärt und der Wahrheit gemäß sollen verbessert werden, damit die wahre Freiheit gar nicht durch menschliches Ansehen verdrängt werde.“

Diese Erklärung, welche ganz mit dem oben (Kap. 23) angeführten Synodaleide und mit andern reformatorischen Aktenstücken übereinstimmt, war keine bloße Redensart; sie war nothwendig, um der aufzustellenden Verordnung ihren evangelischen Charakter rein zu bewahren; sie ist der gewissenhafte Ausdruck des heiligen Vorsatzes, daß dessen ungeachtet auch künftighin nur Gottes Wort, nichts wider dasselbe Streitendes solle Geltung haben; zugleich sichert sie der kirchlichen Gestaltung, wie im Synodaleide der kirchlichen Lehre ihre gesunde und geordnete Fortentwicklung auf dem unentweglichen Grunde des göttlichen Wortes.

Betreffend die Wahl der Prediger, ihre Berufung und

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Handauflegung heißt es: „Dieweil das Pfarr- oder Predigtamt das höchste und nothwendigste ist in der Kirche Gottes, diese aber bisher an großen Mängeln und Gebrechen litt in Ansehung der Berufung, Wahl und Sendung, ist mit Gottes Wort die bischöfliche Weihe und Oelung sammt dem Priesterthum (der priesterliche „Charakter“) abgethan worden. Da uns aber Gott Befehl gegeben, nicht bloß abzubrechen, sondern auch aufzubauen, so haben wir zunächst den apostolischen Brauch der Handauflegung, den der Herr selbst geübt, anstatt des ausgerotteten bischöflichen Mißbrauchs einzupflanzen. Da der Apostel Paulus spricht (Hebr. 5, 4.): „Niemand maßt sich selbst die Würde an, sondern wer von Gott berufen wird wie Aaron“, auch in den Briefen an Timotheus viel hohe Gaben bei einem Pfarrer fordert, so ist es nicht göttlich, sondern verwerflich, daß bei Erledigung einer Pfarre ein jeder laufe, bettle, Gaben verheiße oder bringe, ganze Schaaren von Fürbittern mit sich führe und dann die Pfarre ihm aus Gunst oder wegen leiblicher Gaben und Dienste verliehen werde. Denn es zeigt dies eine Geringschätzung des hohen geistlichen Amtes, so jemand es solcher Maßen begehrt, daß er seinen Bauch damit speise, ohne darauf zu achten, ob er zu dessen Verwaltung den Beruf habe, dazu begabt und geschickt sei, die Schäflein Gottes zu weiden. Damit wird eben so schwer wider Gott und die Wahrheit gesündigt, wie zuvor vom römischen Hofe, indem man das Volk dadurch dem Verderben Preis gibt. Deshalb soll, wer selbst läuft und sich um ein geistliches Amt bewirbt, gemäß dem Worte Gottes, gleich Simon dem Zauberer, nicht zugelassen werden. Daher soll von nun an bei Erledigung eines Pfarrstelle der betreffende Dekan der Obrigkeit Anzeige machen und melden, wer der Kirchenpatron sei, dem es zukomme, dieselbe wieder zu besetzen, indem wir niemand etwas von seinen Rechten entziehen möchten. Wer dann, von wem immer es sei, vorgeschlagen wird, soll Zeugnisse über sein Leben und seine Herkunft beibringen, damit nicht etwa hergelaufene Leute, aufrührische, meineidige, übel beläumdete, die anderswo ihrer Uebelthat wegen fort mußten, hier unbedachter Weise an solche göttliche Aemter gesetzt werden, deren Schande hernach dem Evangelium zur Schmach gereichen würde.

Sie sollen daher auf einen bestimmten Tag nach Zürich beschieden werden und, sofern sie nicht schon erprobt und geprüft sind, eine Prüfung (Examen) bestehen vor einem Ausschuß, gebildet aus zwei Rathsgliedern, zwei Pfarrern und zwei Professoren (Lesern der heil. Schrift). Dabei ist den Examinatoren von der Obrigkeit anbefohlen, ihren Eiden gemäß, einzig und allein Gottes Ehre und der Kirche Nutzen aufs treuste im Auge zu behalten. Die Prüfung selbst soll sich vor Allem auf die Hauptpunkte der chistlichen Lehre beziehen; ferner darauf, wie belesen und geübt die Betreffenden in beiden Testamenten seien, welche Einsicht sie in Betreff des Jnhalts der heil. Schriften besitzen, wie sie dieselben zu handhaben und dem Volke zu erklären wissen. Ueber das Ergebniß wird dem Rathe ein schriftlicher Bericht

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zugestellt [22]. Jede weitere Bewerbung, persönlich oder durch Andere, ist untersagt, damit die Wahl frei, nicht nach Gunst geschehe und also die Kirche mit frommen, gelehrten und gottesfürchtigen Dienern versehen werde.

Nach geschehener Wahl gebührt sich aus mancherlei Gründen nicht, daß der Gewählte gleich hinlaufe und anfange, sondern die Wahl soll am folgenden Sonntage vom betreffenden Landvogte oder einem Abgeordneten des Rathes und vom Dekan der Gemeinde angezeigt und diese angefragt werden, ob jemand etwas einzuwenden habe. Jst dies nicht der Fall, so hält der Dekan eine Predigt, vornehmlich über das Amt eines Pfarrers und wie sich die Gemeinde mit ihm und gegen ihn zu verhalten habe, sodann soll er den Gewählten der Gemeinde vorstellen und zu ihm sprechen: „Sieh, lieber Bruder, diese biedere Gemeinde anbefehlen wir dir mit den Worten Pauli: Habe Acht auf die ganze Herde, über die dich der heilige Geist zum Wächter und Hirten gesetzt hat zu weiden sein Volk, das er mit seinem eigenen Blute sich erkauft hat. So sei ihr nun ein Vorbild im Worte, im Wandel, in der Liebe, im Geist, im Glauben, in der Lauterkeit, und Gott verleihe dir seinen heiligen Geist, daß du als ein getreuer Diener des Herrn handlest, im Namen Gottes.“ Und damit lege er ihm die Hände auf. Dann ermahne er das Volk, Gott um Gnade anzuflehen.

Nach vollendetem Gebete empfehle der Landvogt oder Rathsbote den Pfarrer der Gemeinde im Namen der christlichen Obrigkeit, daß sie ihn ehren, ihm rathen und helfen solle zu Allem, was sein Amt betrifft, ihn nicht beleidigen; sollte er etwas Ungeschicktes begehen, so dürfe nicht ein jeder gegen ihn einschreiten, sondern er soll der rechtmäßigen Obrigkeit verzeigt werden, die ihn nach Gebühr strafen, aber auch keinen, der es nicht verdiene, seines Amtes entsetzen werde.“

43. Fortsetzung: Verrichtungen und Wandel der Geistlichen.

„Jn Betreff der Lehre, fährt die Predigerordnung fort, sei ein jeder dessen eingedenk, daß wir nach Gottes Befehl und unserm Eide allein neues und altes Testament zu predigen haben und was darin Grund hat. Daher soll man nicht stückweise und unordentlich Selbsterdachtes oder Unnöthiges vorbringen, sondern aus der heil. Schrift ein jeder das, was seiner Gemeinde gemäß und nothwendig ist, auswählen, vortragen und auslegen, aus ihr lehren, ermahnen, trösten und strafen, und das Alles mit Geist, Ernst und Treue, so daß nicht etwa menschliche Leidenschaft darin verspürt oder ungebührliche, leichtfertige Schmäh- und Spitzworte gebraucht werden, wodurch

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einfache, biedere Leute nur abgeschreckt und unwillig würden, ja die Wahrheit selbst verdächtig, verächtlich und verhaßt würde.

Nicht, als ob die Mißbräuche, Aberglaube, Sünden und Laster, auch die Lasterhaften selbst nicht sollten tapfer, unter Umständen auch mit rauhen, jedoch schriftmäßigen Worten angegriffen und bescholten werden; denn wer möchte den für einen Prediger der Wahrheit halten, welcher aller falschen Religion, aller Laster und Lasterhaften verschonete, sie hätschelte? Sondern wir wollen, daß Maß gehalten und Alles mit kräftigem Ernst bekämpft werde, nicht mit Spötteln, Schimpfen und Witzeln, daß viel mehr die Wahrheit selbst vermöge ihrer Klarheit und Lauterkeit die Herzen ziehe, dringe und überwinde, als das unbegründete, schriftwidrige, gehässige Losziehen. Nichts ist ja stärker als die Wahrheit selbst, keine Kunst der Rede gewinnt und überzeugt eher, als die einfache, klare Darlegung, wenn sie von Treue, Liebe und Ernst durchdrungen ist. Kurz, ein jeder soll bei seinen Predigten eine solche Haltung beobachten, daß all sein Lehren und Strafen zur Ehre Gottes und zur Erbauung diene, auf daß viele Seelen für Gott und seine Gerechtigkeit gewonnen werden.

Nicht weniger als die Jrrthümer des Pabstthums soll der Prediger die immer wieder herein brechenden Laster bekämpfen; so soll er trachten, die Herzen des Volkes zu bewegen, daß es nicht bloß aus Furcht unterlasse, was von der christlichen Obrigkeit untersagt und mit Strafen belegt ist, sondern vielmehr aus Liebe zum Herrn, und eben so um Gottes willen den Sabbath feire, Gottes Haus besuche, um Gottes und seiner Liebe willen der Armen ernstlich sich annehme, die uns von Gott ganz besonders anbefohlen sind, und ihretwegen zumeist das Gut der Kirche treu verwalte. Denn darauf kommt es an, daß jeder sich fürderhin befleiße, nicht nur die abgeschafften Mißbräuche zu beschelten und äußerlich fern zu halten, damit sie nicht wieder kommen, sondern auch Göttlicheres und Besseres an deren Stelle zu setzen. Also, wie wir vordem die steinernen und hölzernen Götzen bekleidet und geschmückt und durch Opfer und kostbare Gaben geehrt haben, so mögen wir jetzt über die lebenden Bilder Gottes, die Armen, uns erbarmen, sie speisen, kleiden, pflegen, wie Christus (Matth. 25.) uns aufgetragen. Wie wir zuvor der Messe nachliefen, so mögen wir jetzt Gottes Wort lieb haben, dem nachtrachten und daraus die Frucht des Leidens Christi recht verstehen lernen, damit wir des Herrn Abendmal mit wahrem Glauben und rechter Danksagung begehen. Eben so wie wir früher unser Heil und unsere Frömmigkeit auf die Ceremonien und äußern Schein stützten, so sollen wir jetzt auf Gott allein uns stützen, ihn mit Glauben, Liebe und Unschuld verehren. Und wie wir zuvor in der Unordnung gehorsam waren, wollen wir jetzt der Wahrheit und ehrenwerthen, guten Gesetzen nicht widerstreben usw. Die Räthe und Vögte, die Eltern in jeder Gemeinde und alles Volk soll darum den Prediger bitten und mahnen, darauf zu halten, daß nach Matth. 18, 15-17.

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die Laster unter uns durch Warnen und wo dies nicht hülfe, durch Strafen abgethan, Zucht und Gehorsam aber gepflegt werde.

Außer dem Morgengottesdienste, der mit dem heiligen Unservater, den zehen Geboten und den zwölf Artikeln des christlichen Glaubens geschlossen wird, soll daher am Nachmittage des Sonntags Gebet und Ansprache gehalten und der Jugend dem (von Leo Judä verfaßten) Katechismus zufolge die christliche Wahrheit ans Herz gelegt werden. Außerdem soll auch an einem Wochentage Gebet und Predigt Statt finden.“

Rücksichtlich der Seelsorge heißt es: „Da aber der Feind unsers Heiles den Menschen nie grausamer anficht als in der Krankheit und in der Todesstunde, daher der Mensch nie mehr Trost, Erleuchtung und Stärkung bedarf, als auf dem Todbette, so soll fürhin jeder Pfarrer die Seinen besuchen (wo man sein begehren würde), die Kranken trösten und belehren, beten und von Verzeihung, von dem Erlöser Christo, von der Auferstehung und dem ewigen Leben reden, daß sich die Kranken geduldig mögen in Gottes Wissen ergeben und der zeitlichen Dinge entschlagen usw. Auch soll er die Gemeindeglieder ermahnen, die Kranken zu besuchen, sie zu trösten, ihnen Barmherzigkeit zu erzeigen mit Rath und hülfreicher That. Und so sie verstorben, soll man sie in Zucht und christlicher Demuth, als Mitgenossen der Auferstehung Christi, mit Ehren bestatten.“

„Bei allen ihren Amtsvorrichtungen sollen aber die Diener des Wortes und der Kirche großen Ernst zeigen. Denn wenn sie ohne Ernst ihr Amt verwalten, ist's kein Wunder, wenn das Volk nicht nur die Diener, sondern auch die Heiligthümer unserer christlichen Religion verachtet. So soll heiliger Ernst walten bei der Verkündigung des Gotteswortes. Auch bei der Feier der beiden heiligen Sakramente; Predigt und Feier sei da gemäß dem hochheiligen Geheimniß. Nicht so rede man von den Sakramenten, als wären sie gemeine Zeichen; nicht so ertheile man die Taufe, als ob man ohne Geheimniß die Kinder mit gemeinem Wasser begösse; nicht so reiche man das heil. Abendmal, als ob man fast gemeines Brot äße und gemeinen Wein tränke. Sondern mit geziemender Ehrfurcht rede man von den heil. Sakramenten, insbesondere von des Herrn Male, daß jedermann diese hohen Geheimnisse und ihre heilige Verpflichtung erkenne, sie daher mit rechter Andacht, mit Ernst und Glauben begehe, insonders Gott um Gnade bitte und ihm Dank sage für seine Gutthaten. Wurden doch die Korinther mit Tod und Krankheiten heimgesucht, da sie das heil. Mal nicht mit geziemender Würde begingen. Hat der Pabst darin zu viel gethan und sich Gottes Strafe zugezogen, so würde Gott auch uns nicht verschonen, wenn wir zu wenig davon hielten, das Sakrament herab setzten und nicht würdig feierten. Darum sei jeder dessen eingedenk, er habe nach Abschaffung des Mißbrauchs keinen anderen Mißbrauch, sondern den rechten Brauch, gemäß der heil. Schrift, recht und wohl zu pflanzen und zu pflegen.“ Eben so soll man die Einsegnung der Ehe dem

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Ernste und Geiste der Schrift gemäß vollziehen, damit diese heil. Ordnung Gottes in hohen Ehren gehalten werde.

Endlich bezieht sich die Predigerordnung noch auf den Wandel der Geistlichen.

„Es ist aber leicht zu erkennen, daß nichts größere Verachtung der Prediger gebiert, als wenn sie selbst sich mit unordentlichem Wandel beflecken und zu nichte machen. Die Verachtung der Prediger gereicht hinwieder zur Geringschätzung der Predigt, ist auch der ganzen Gemeinde schädlich und anstößig. Darum achten wir für hochnothwendig, daß alle, die etwa bis anhin in Verdacht der Unmäßigkeit, Trunkenheit, der Ueppigkeit in Worten, Werken und Geberden gekommen oder in Kleidung, Wehre und dergleichen sich so trugen, daß man aus ihrem Aeußern auf Leichtfertigkeit ihres Jnnern schließen mußte, sich dessen entmüssigen, sich alles ärgerlichen Wandels entschlagen, die Wirthshäuser und Gesellschaften, die ihnen nicht eben zur Ehre dienen, gänzlich meiden, kurz in Rede, Kleidung und übrigem Wandel ihrem Berufe und Amte gemäß sich halten, daß niemand einen Tadel auf sich lade und man in nächster Synode merkliche Besserung spüren möge. Denn trefflich groß ist das Wort des Herrn: „Also leuchte euer Licht vor den Menschen, daß sie euere guten Werke sehen und Gott preisen“, und was der Apostel Paulus spricht: Der Pfarrer soll heilig leben, unsträflichen Wandels sein und ein frommes züchtiges Hausgesinde haben.

Damit der christlichen Lehre nichts abgehe, sondern ein jeder Gottes Wort klar, sicher und geordnet vortragen möge, soll sich der Prediger, so weit es ihm leiblicher Noth halben möglich, der Hausarbeit und zeitlicher Gewerbe entschlagen, und sich einzig der Anrufung Gottes für sein Volk, sowie dem emsigen Studieren widmen; denn großer Fleiß ist ihm nothwendig, um mit gesunder Lehre die Gemeinde zu erbauen und die Widersacher siegreich zu widerlegen, indem Solches nicht ohne Gottes besondere Gnade, ernste Anstrengung und viele Uebung erlangt wird. Dazu empfängt er eben des Leibes Nahrung, daß er des Lehramts und der übrigen kirchlichen Dinge desto besser warten könne.“

So weit die Verordnung, betreffend die Prediger. So einfach und kurz sie uns erscheint und so vieles uns nun in der Gegenwart, nachdem der erfrischende evangelische Lebensgeist Jahrhunderte lang wieder unter uns gewaltet hat, selbstverständlich vorkömmt, so nothwendig und heilbringend waren diese festen, gesunden Grundzüge damals für die richtige Gestaltung und den Ausbau der evangelischen Kirche.

44. Bullingers Synodalordnung.

Zur Vollziehung und Handhabung vorstehender Predigerordnung war aber für die zürcherische Kirche nothwendig eine feste Synodalordnung.

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Daher war diese sogleich angefügt, indem es heißt: „Damit nun obige Bestimmungen desto besser aufrecht erhalten werden. Zucht, Einigkeit, rechtmäßige Ermahnung und Bestrafung unter den Dienern des Wortes Statt finde, Ehrgeiz und Heuchelei aber fern bleibe, soll jeder Geistliche sich jährlich zwei Mal zur Synode einfinden, der als weltliche Beisitzer der eine Bürgermeister und acht Mitglieder des großen Rathes beiwohnen. Vor Allem wird Gott angerufen um die Gnade, daß man dadurch Alles, seine Ehre und der Kirche Heil mit Ernst fördere, niemanden Unrecht thue oder vervortheile, die Fehlbaren wieder auf den rechten Weg bringen, Wahrheit, Zucht und Gottseligkeit wahren und pflegen möge.“ Hierauf geschieht die Anfrage an die anwesenden Rathsglieder, ob sie von Seiten der Obrigkeit der Synode etwas vorzubringen haben.

Sind sodann die Namen aller Pfarrer verlesen, und jedermann ermahnt, ohne Neid und Haß strenger Wahrhaftigkeit sich zu befleißen, auch Tadel oder Bestrafung bereitwillig anzunehmen, so tritt einer nach dem andern aus, zuerst von den Stadtgeistlichen und Professoren. So streng wie über die andern, soll die „Censur“ (Zeugnißablegung und Beurtheilung) über sie ergehen, damit aller Amtsneid oder Argwohn von Beherrschung ausgeschlossen sei und sie sich als Brüder Aller und Mitarbeiter am Evangelium Christi erkennen. Die Censur bezieht sich erstlich auf die Lehre, den Fleiß im Studieren, die Liebe zur Schrift, sodann auf Wandel, Leben und Sitten, endlich auf den Haushalt und das Verhalten der Pfarrfamilie. Auch der Dekan eines jeden Kapitels soll eben so gut wie die Pfarrer censirt werden, damit kein eigenmächtiges oder selbstherrliches Benehmen aufkomme. Der Dekan hat hinwieder die Pflicht, was ihm Sträfliches zur Kunde gekommen, vorzutragen. Doch soll er zuerst selbst, dann im Beisein eines oder zweier Nachbarpfarrer den Fehlbaren zuvor warnen und bestrafen „christlich und brüderlich, daß man da Treue und Liebe, nicht Stolz oder Uebelwollen spüre.“ Der Synode steht das Recht zu, die von ihr als fehlbar Erkannten mit Verweis, Gefängniß, Versetzung im Amte und Entsetzung zu bestrafen.

Der andere Theil der Synodalverhandlungen bezieht sich darauf, daß die allgemeine Anfrage geschieht, ob jemand aus den Geistlichen irgend etwas vorzubringen habe, sei es betreffend die Lehre, Jrrungen, Mißverstand, oder andere kirchliche Angelegenheiten. Von der Synode soll alsdann nach ihrem Vermögen gerathen und geholfen werden. Erfordert die Sache aber eine Verfügung der Obrigkeit, so soll sie zu Protokoll genommen,  innerhalb Monatsfrist dem Rathe vorgetragen und seine Hülfe nachgesucht werden.

Am Schlusse des Entwurfes der Synodalordnung, welcher der Regierung zur Genehmigung vorgelegt wurde und dieselbe sofort erhielt, finden wir noch das ausdrückliche Ansuchen, in Allem was Lehre und Leben der Prediger betreffe, möge der Synode sammt ihren Beisitzern die endgültige Entscheidung („kirchliche Autorität“) zustehen; dessen aber, was damit nicht zusammen

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hange, sondern äußerlicher Art sei, wolle sich die Synode gänzlich entschlagen. Auch mögen die Rathsboten, was sie für gut finden, an den Rath bringen.

„Wir bitten euch also hier abermals[23], Gnädige Herren, schreibt die Synode, daß ihr uns doch die Verwaltung der (inneren) kirchlichen Angelegenheiten nicht versperren wollet, die unser Herr Jesus Christus uns anbefohlen, nicht um zu herrschen und zu verderben, sondern zu dienen und aufzubauen. Denn wir begehren Solches nicht in der Meinung, eine eigene Gewalt aufzurichten und als ob wir, wie im Pabstthum geschehen, uns der ordnungsmäßigen Obrigkeit entziehen wollten, sondern damit ein ehrsamer Rath, da er, ohnehin mit Geschäften beladen, nicht allezeit nach Nothdurft unsern Anliegen kann Gehör schenken, nicht mit diesen Kirchenhändeln belästigt und über Gebühr bemüht werde, aber auch in der Lehre und in den kirchlichen Dingen nichts verwahrlost noch versäumt werde.“

Wir sehen hier wiederum, so bescheiden die Stellung ist, welche die evangelische Kirche der durchaus evangelischen Obrigkeit gegenüber einnimmt, und so klein der Kreis dessen, was hier die Prediger als ihre Vertreter sich selbst vorbehalten, so ist doch die Selbständigkeit und Unverletzlichkeit der Kirche gewahrt gegenüber möglichen Willkürlichkeiten oder Eingriffen in das, was ihr Wesen ausmacht, die lautere evangelische Schriftwahrheit, sowie deren freimüthige, nach allen Seiten hin ungehemmte Verkündigung und Anwendung auf alle Persönlichkeiten und alle Verhältnisse des Lebens. Wir werden weiterhin sehen, welch einen gedeihlichen Zustand dieses anscheinend Wenige, indem es genau gewahrt ward, ermöglichte.

45. Bullingers Handhabung der Prediger- und Synodalordnung. Censuren und übrige Synodalverhandlungen.

Wie diese Prediger- und Synodalordnung, die drei Jahrhunderte hindurch sich wesentlich in Geltung erhielt, vornehmlich Bullingers Werk war, so sehen wir nun auch ihn hauptsächlich thätig, um sie thatsächlich ins Leben einzuführen und den reichen Gewinn, der nur keimartig in ihr lag, zu Tage zu fördern. Dazu bedurfte es eben seines durchgreifenden Ernstes, seiner Festigkeit, Milde und Gewandtheit, besonders aber seiner Jahrzehende lang fortgehenden unermüdlichen Ausdauer. Theils in den Synoden selbst finden wir ihn, als Vorsitzenden, in diesem Sinne wirksam, sowohl bei den Censuren, als bei den übrigen Verhandlungen, theils in der stätigen Leitung der kirchlichen Angelegenheiten zwischen den Synoden.

Heben wir zur Veranschaulichung aus der reichen Fülle von Beispielen

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einige hervor und zwar zunächst von den uns vorliegenden „Censuren,“ die freilich mitunter uns ein abschreckendes Bild von einem Theile der eben aus dem Pabstthum herausgetretenen Geistlichkeit  darbieten, uns zur Genüge zeigen, wie nöthig es da war, die Spreu vom Waizen zu sichten und Solche, die beharrlich den neuen Wein in den alten Schläuchen haben wollten, zu bestrafen. Trunk, Unzucht u. dgl. gaben, wie anderwärts überall, anfangs viel zu schaffen, auch Uebelstände in mancher dem scheinbaren Cölibate des Pabstthums entstammenden, erst nachträglich bekräftigten Ehe. Das evangelische Pfarrhaus sollte erst noch werden zu dem, was es seither geworden, zur vorzüglichen Pflanz- und Segensstätte christlichen Lebens. So heißt es z.B. in den Synodalakten von 1533: Jakob Hegner, Diakon zu Altstätten, hält sich übel mit seiner Frau; sie schwört viel. Er hält übel und ärgerlich Haus, ist lüderlich und trinkt gern, hat keine oder wenig Bücher; ist bereits von M. Heinrich (Bullinger) und M. Leu (Leo Judä) gewarnt, hat aber wenig gefruchtet. Antwort: Jch will mich bessern; bitte, Jhr wollet mir das Beste thun. Urtheil: Das soll er mit der That bewähren und nicht mehr so zum Vorschein kommen. - Ferner: Laurenz Meier, Pfarrer zu Stammheim, Dekan, ist rauher, kriegerischer Geberden, zieht ein lang Schwert nach sich, ist reuterisch und leichtfertiger Bekleidung. Deß Alles soll er sich abthun; denn man sonst an seiner Lehr und Leben ein gut Vergnügen hat. - Sodann: Thomas Goldenberg, Pfarrer zu Ossingen, und Johannes Kübler, Kaplan daselbst; der Pfarrer und Kaplan neiden und hassen einander nun wohl in die dreizehen Jahr. Sie haben beide böse, schalkhafte Weiber, die sich keifen und höchst ärgerlich einander beschimpfen. Der Kaplan hilft dem Pfarrer nicht treulich die Sakramente administriren. Sein Weib geht nicht zum Nachtmal des Herrn, schwört übel, ist in einem halben Jahre nicht zur Kirche gekommen. Des Pfarrers Weib schilt und schimpft selbst ihren Mann aus, nennt ihn einen Volksverführer. Jn Summa: Da ist aller Mangel. Und wie sie beide darüber verhört wurden, war ihre Entschuldigung kalt, kahl und jämmerlich; der Weiber halb, sagten sie, es wäre ihnen leid. Urtheil: Die Weiber sollen nächstens vor das Chorgericht (Ehegericht) beschickt, gestraft, ihnen die Ohren wohl entschoben, sodann beide für ein oder zwei Tage im Wellenberg (einem Gefängnisse, das mitten in der Limmat stand) gethürmt werden. Um den Pfarrer und Kaplan hätte wenig gefehlt, so hätte man sie gar abgestellt; doch will man zusehen, was und wie sie sich bessern und wie sie einander verzeihen und hülfreich sein wollen. Kommt wieder eine einzige Klage, so sollen sie schon abgesetzt sein. Und das soll aufgeschrieben und dem pünktlich nachgelebt werden ohne Gnade. Denn eine Synode hat ein groß Mißfallen an ihnen gehabt. - Weiter von Georg Schwarz, Pfarrer zu Oberglatt: Er gibt sich viel mit Arznen ab, behängt sich mit seidenen Schnüren, trägt kürze Röcklein, Feuerbüchsen, kommt gar rumorisch, redt üppig und schachert gern. Er soll sich aller dieser Dinge

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enthalten; er soll zu andern Aerzten weisen, und so das nicht hilft, die Leute nicht übertheuern, und die Kirche um seines Arznens willen nicht versäumen. - Von Johann Bullinger, dem Bruder des Antistes, Pfarrer in Ottenbach, den wir früher als einen Freund des Krieges und der Waffen kennen lernten, heißt es einmal: Er hat sich selbst gerochen und einen mit der Faust geschlagen; das steht ihm übel an. Ein Pfarrer soll nicht schlägeln und ein streitbar Gemüth haben; ädes Mannes Zorn wirkt nicht, was vor Gott recht ist.ä (Jakob. 1, 20.)

Auch über die Stadgeistlichen wurde bei diesen Censuren freimüthig gesprochen. So heißt es vom Antistes Bullinger beim Frühjahr 1535: Er ist zu mild mit seinen Predigten, sollte etwas tapferer, rauher, härter, räßer (gesalzener) sein, besonders was die Händel des Rechts betrifft. Bullinger trug eigenhändig diese Censur in die Synodalakten ein, die ihm indeß, da sie in Gegenwart des Bürgermeisters und der acht Räthe abgegeben wurde, kaum anders als angenehm sein konnte. Wie unerschrocken er sich immerhin dem Rathe gegenüber verhielt, hatten wir oben schon Gelegenheit warzunehmen.

Ueberschauen wir die Synodalcensuren etlicher Jahrzehende, so läßt sich klar erkennen, wie bei der unter Bullingers Leitung pünktlich und beharrlich durchgeführten Fortsetzung derselben allmälig eine wahrhafte Läuterung vor sich ging, und der evangelische Lebensgeist immer kräftiger die Geistlichkeit durchdrang. Wie köstlich mußte die erhebende Anschauung einer so nachhaltigen Umbildung die Herzen derer laben, die gewürdigt wurden, Zeugen davon und Mitarbeiter zu sein! Wahrlich, wir dürfen uns nicht wundern, daß wir einen ernsten Diener des göttlichen Wortes aus benachbarter Gegend seufzen hören: „O daß wir nur eure Synoden hätten zur Schärfung des Eifers und Ernstes bei den Predigern!“

Dieselbe Achtsamkeit auf Alles, was der Kirche und christlichen Lebensgestaltung förderlich sein konnte, durchzieht auch die übrigen Verhandlungen der Synode. Die Synode ertheilt einem ihrer Mitglieder (Leo Judä) den Auftrag zur Abfassung eines Katechismus, erläßt Bestimmungen über die Stellung der Dekane zu ihren Amtsbrüdern und einzelner Pfarrer zu ihren Kaplanen, ordnet für jeden Landestheil einen Diakon zur Aushülfe in Abhaltungsfällen, dringt auf Beeidigung der Kirchenvorsteher (Ehegaumer) und auf gehörige Erhaltung der Pfründen, Kirchen und Pfarrhäuser, ahndet unerlaubte Bewerbungen, bestimmt, daß so wenig als möglich römisch-katholische Taufzeugen sollen beigezogen werden, befiehlt Besprechungen der Examinatoren mit solchen Landjunkern, welche die Predigt besuchen, aber dem Abendmal sich entziehen, wehrt den Umtrieben der Wiedertäufer, rügt Sonntagsentheiligung, Unsitten bei Hochzeiten, Taufen, Begräbnissen und die noch etwa vorkommenden Ueberreste von Zauberei, Beschwörungen u. dgl., namentlich aber wendet sie sich wiederholt an den Rath mit ernsten Vorstellungen und dringenden Gesuchen um durchgängige feste Handhabung der zur Erneuerung

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und Herstellung christlicher Lebensführung und Bestrafung der Laster erlassenen Mandate. Sie erhält hinwieder vom Rathe Mittheilung solcher Verfügungen, bei denen ihm erneute Einschärfung ihrer christlich sittlichen Grundlage aus dem Worte Gottes vorzüglich nöthig schien, wie betreffend den Eid, das Reislaufen usw. Die Synode weist, wie wir oben in einzelnen Fällen sahen, die Geistlichen an, gemäß der Predigerordnung sich einer anständigen Kleidung zu befleißen, „ohne die wahre christliche Freiheit beschränken zu wollen; schreiende Farben (verfügt sie) wie roth, grün, gelb, sollen dieselben meiden; denn obschon die Farben frei sind, bringen sie doch Aegerniß und da gilt das Wort Pauli: „Es ist mir Alles erlaubt, aber es frommt nicht Alles“ (I. Kor. 6, 12.; I. Tim. 3, 2.); sind doch der Farben sonst noch genug.“

An den Rath wendet sich die Synode mit der Bitte, die hier und da noch stehenden Feldkapellen schleifen oder in Wohnungen umwandeln zu lassen, da über ihren Gebrauch vielfach Streit und Aergerniß entstehe. Ebenso gelangt sie wiederholt an ihn mit dem Ansuchen um Abstellung der Marien- und Heiligentage, die man 1526 und 1530 nur einstweilen aus Schonung der Schwachen noch beibehalten hatte. Das von Bullinger deßhalb verfaßte Gutachten sagt: Sie nähren immerhin den Aberglauben und bringen viel Zank und Span, da die Einen feiern, die Andern nicht. Gottes Wort sagt aber klar: Du sollst mir und nicht der Creatur Fest halten. Uebedies ärgern sich Alle, die das Evangelium angenommen haben, an uns; unsere Widersacher aber getrösten sich deß und halten's auch den Unsrigen vor: daß man in Zürich noch die Heiligen feiere. Jndem sind diese Feiertage erst auf und seit dem vor 270 Jahren in Lion gehaltenen päbstlichen Concil geboten worden. Schafft man sie ab, so ist und wird an der Predigt des Gottesworts kein Mangel sein, wenn man nur fleißig herzu kömmt, es zu hören. - Die Feste wurden endlich im Jahre 1543 auf Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten und Neujahr (Beschneidung Jesu) beschränkt, dabei auch Festnachttage begangen, und in der Charwoche öfter gepredigt.

Auch von auswärtigen kirchlichen Vorgängen und den Verhandlungen mit andern Kirchen wird der Synode durch ihren Vorsteher Kenntniß gegeben; so z.B. von Farels und Froments reformatorischem Wirken in Waadt und in Genf, dann 1538 von den Verhandlungen mit den Lutheranern u.s.w.  Selbst durch die Wogen stürmischer Zeiten die Synode Zürichs wohlbehalten und in erwünschter Einigkeit hindurch zu führen, gelang ihrem kundigen Steuermann. Freudig kann Bullinger z.B. im October 1544 an seinen vertrauten Ambrosius Blaarer nach Konstanz schreiben: „Gestern hielten wir hier Synode; Alles steht gut durch des Herrn Gnade; die höchste Einstimmigkeit ist unter uns in Allem. O möge der Herr stets bei uns sein, mit seiner Gnade!“ Auch Andere sahen dies und freuten sich; so schreibt aus Basel Antistes Myconius im Januar 1540 an Bullinger: „Wie doch

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euere Kirche so glücklich ist! Es kann aber nicht anders sein, wo die Vorsteher zur Erhaltung der Eintracht sich die Hände bieten und man keine Entzweiung, auch nicht in Unbedeutendem, läßt aufkommen. Das heißt in Wahrheit auf dauerhaften Grund das Wohl der Kirche bauen, so daß der stärkste Andrang arger Widersacher es nicht zertrümmern mag. Die Vortheile, welche euch dies Glück gewährt, ungehindertes Wachsthum der Frömmigkeit, erfreuliches Gedeihen der Wissenschaft, die kenne ich wohl besser als ihr in ihrem ganzen Umfang, da ihr im Besitze dieser Güter seid, die ich diesmal leider, von lauter Zwietracht umringt, schmerzlich vermisse.“

Wie große Anstrengung indeß die Synoden für ihren Präsidenten mit sich bringen mußten, da ihm die Vorbereitung aller Vorlagen und hernach wiederum ihre Erledigung fast allein oblag, ist leicht zu ermessen.

46. Bullingers anderweitige Kirchenleitung. Behandlung der Sekten.

So Vieles aber mußte außer und neben den Synoden in einer kirchlich so bewegten Zeit vorkommen, das ebenfalls zur Erhaltung und Behauptung der evangelischen Kirche zu beachten nothwendig war, worauf der Vorsteher der zürcherischen Kirche seine Fürsorge zu richten oder worüber er sein Gutachten abzugeben hatte. Jmmerhin beriet er sich im letzteren Falle mit seinen Amtsbrüdern, wenigstens mit den Stadtgeistlichen.

Von der Art war vornehmlich das Verhältniß zu den bereits erwähnten Wiedertäufern. Das Uebel war durch die früheren Maßnahmen wohl gedämpft, aber nicht ausgeheilt. Hielten sie sich auch auf dem zürcherischen Gebiete längere Zeit zurück gezogen, so kamen sie doch, wie in allen deutschen Ländern, bald da, bald dort, wieder zum Vorschein. „Was muß ich anfangen?“ schreibt z.B. der Pfarrer von Laufen (beim Rheinfall) an Bullinger: „Güte richtet da wenig aus und Schärfe hilft auch nicht; ich bitte dich, rathe mir!“ Beonders aber zeigten sie sich zahlreich im Aargau, Thurgau, im Kanton Bern und im Solothurnischen, woselbst, wie oben erwähnt, zumal auch durch sie der Umsturz der evangelischen Kirche verschuldet wurde. Oefter erbittet sich Bertold Haller Bullingers Ansicht über die rechte Art, sie zu bestrafen, die Obrigkeit sei geneigt zur Todesstrafe zu schreiten, da sie auch die Obrigkeit verwerfen, ihm aber sage dies nicht zu, doch wisse er nicht recht, wie eine feste Regel aus dem Worte Gottes abzuleiten und zu begründen sei. Bullinger ließ ihn einige Zeit auf die Antwort warten, versah ihn aber, als von der Berner Regierung im Sommer 1532 ein neuntägiges Religionsgespräch mit den Wiedertäufern nach Zofingen (im Aargau) angeordnet wurde, bei der als Hauptkämpfer der letztern einige Flüchtlinge aus dem Kanton Zürich erschienen, mit einer sehr genauen Anleitung, wie dabei zu verfahren sei, um wo möglich das Gespräch auf gehöriger Bahn und in

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Ordnung zu erhalten. Vor Allem soll man feststellen, daß aller Zwist unter Christen nach der biblischen Schrift des alten und neuen Testamentes zu erledigen sei; sodann daß die Schrift nicht bloß dem Buchstaben nach verstanden, sondern ausgelegt werden müsse; ferner, wie sie auszulegen sei, nämlich nicht nach Menschengeist und menschlichem Gutdünken, sondern aus und durch sich selbst, nach der Regel des Glaubens und der Liebe. Zu allen diesen Punkten fügt Bullinger die biblischen Beweisstellen und Beispiele. „Doch,“ setzt er bei, „mit den Täufern ordentlich verhandeln ist halbe Arbeit (d.h. rein unthunlich). Sie werden euch grade im Anfang so entleiden, daß sie hernach im Fortgang des Gesprächs nirgends hin kommen mögen. Gott gebe dir und den lieben Brüdern Weisheit, Verstand und Sieg bei seinem Wort!“

Ja, Weisheit und Kraft war vonnöthen, damit das unheilige Feuer, das alle deutschen Lande durchzuckte und in so mancher Stadt nur auf den günstigen Augenblick lauerte, um aufzulodern, nicht etwa ausbreche, - das erkannte Bullinger und suchte, so weit sein Einfluß reichte, die Freunde vor all dem Jammer zu behüten, der bald hernach über Münster in Westphalen so fürchterlich herein brechen sollte. Daß nicht in der Schweiz, daß nirgends in Oberdeutschland dieses Unheil losbrach, vielmehr ganz in der Ferne, das dürfen wir wohl als eine der glücklichsten Fügungen des Herrn für diese Gegenden sowohl, wie für die reformirte Kirche im engern Sinne betrachten. Wie leicht wäre sonst, sei's auf die republikanischen Formen der Eidenossenschaft, sei's auf Zwingli's Lehrweise, der Verdacht der Schuld vornehmlich gewälzt worden! Daß aber jenes nicht eintrat, ist, soweit Menschen hierin etwas vermochten, unter Anderm auch Bullingers Geistesklarheit, Scharfsicht und unveränderlicher Wachsamkeit zu verdanken. So schrieb er, als in Straßburg die Wiedertäufer zahlreich sich sammelten, ihr Haupt, der vielgereiste Kürschner Melchior Hofmann (als dessen Schüler der münstersche Prophet, Jan Matthys, Bäcker aus Leyden, zu betrachten ist) hier den Sitz des „neuen Jerusalems“ erwartete und der Rath in Straßburg eine Gelindigkeit zeigte, die er selbst hernach bereute, schon im Juli 1533, einen Monat vor Hofmanns Gefangennehmung in Straßburg, an die beiden ausgezeichnetsten Geistlichen in Konstanz, Ambrosius Blaarer und Johannes Zwick:

„Die Lästerungen des Melchior Hofmann in Straßburg, dieses gotteslästerlichen Menschen, gegen den Herrn Christum (dessen Gottmenschlichkeit Hofmann aufhob) haben mich um so mehr erschreckt, da die Straßburger, wie ich sehe, nur zu geneigt sind, Menschen solcher Art bei sich aufzunehmen. Straßburg ist nämlich der Ort, wohin dermalen die ganze Hefe der schlechtesten Taugenichtse und Ketzer zusammen strömt. Wessen Schuld das ist, weiß ich nicht. Aber bis anhin sehen wir, daß die Wiedertäufer sich dorthin als an ihre Freistatt gestürzt haben. Hütet euch, liebe Brüder, ich beschwöre euch, hütet euch davor, daß ihr nicht solche, die sich bei euch in Konstanz

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einschleichen, aufnehmet. Nehmt an den Straßburgern ein warnendes Beispiel. Weiser ist's, Ketzer und der Ketzerei Verdächtige nicht aufzunehmen, und ihnen zum voraus den Zutritt in die Stadt zu verwehren, als nachher erst, wenn der größte Schaden angerichtet ist, sie entweder verjagen oder mit Feuer und Schwert bändigen, wobei sie dann die Strafe für ihr Unheil zu ihrer Schutzwehr machen, indem sie schreien: eben so seien die Heiligen umgebracht worden. Es ist unglaublich, wie viel sie durch dergleichen über den gemeinen Mann vermögen. Wachet also, ihr Brüder, seid fest!“

Bekanntlich strömte die Fluth der Wiedertäufer, wenigstens aus Niederdeutschland, im Dezember 1533 nach Münster in Westphalen und gewann daselbst im Februar 1534 die Oberhand; erst im Juni 1535 endete ihre gräuelhafte Herrschaft durch Erstürmung der Stadt.

Sahen wir vorhin, wie ernst und angelegentlich Bullinger schon seine Konstanzer Freunde vor dem Einlassen zuströmender Wiedertäufer warnte, so wird es uns um so willkommener sein, seine endliche Ansicht über jene schon oben von Bertold Haller beregte und immer wiederkehrende Frage zu vernehmen: ob es der Obrigkeit zustehe, Wiedertäufer oder andere im Glauben verführte oder verführerische Leute an Ehre, Leib und Leben zu strafen. Gerade vom Juni 1535 haben wir ein Gutachten der zürcherischen Geistlichkeit darüber, zu Handen des Rathes; indem man damals, wie leicht zu erachten, überall schärfere Maßregeln gegen die Wiedertäufer ergriff und manche, dadurch veranlaßt, sich in die Schweiz flüchteten und nächtlicher Weile in Wäldern und abgelegenen Gehöften sich vesammelten. Da die römisch Katholischen sie überall jämmerlich mit dem Tode bestraften und den Protestanten zumutheten, dasselbe zu thun, um nicht selbst als Verächter Gottes zu erscheinen, so war es nicht leicht heraus zu finden, was das rechte evangelische Verhalten sei. Einen bedeutenden Schritt dazu finden wir in diesem sehr einläßlichen und besonnenen Gutachten. Es verdient um so mehr unsre Beachtung, da sich Zürichs und Bullingers Stellung zu der ganzen Frage auch weiterhin (namentlich bei Servede) danach richtet. Die Hauptgedanken dieses Gutachtens sind:

I. Zwei Gründe führte man an für Verneinung der Frage; der erste ist: Die Apostel haben Solches auch nicht gethan, der andere: Der Glaube sei eine Gabe Gottes und möge deßhalb nicht mit Zwang gegeben oder genommen werden. Beide Gründe haben schon vor tausend Jahren die Donatisten[24], eine irrige und verführerische Rotte, wider alle gute Ordnung und die Mandate der Kaiser angeführt, um ihre Trennung zu rechtfertigen. Was das Erste, die Apostel, betrifft, ist leicht zu antworten. Sie waren Lehrer und

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Prediger, nicht Regenten, gleichermaßen auch die Propheten im alten Bunde. Lebten diese unter abgöttischen Regenten, welche die Wahrheit verfolgten und die Unwahrheit beschirmten, so lehrten sie allein und litten Verfolgung, nicht weniger als die Apostel unter den gottlosen Kaisern. Wenn aber gläubige Könige waren, wie zu Jesajas und Jeremias Zeit Ezechias und Josias waren, so wurde die Wahrheit auch von ihnen beschirmt, Verführte und Verführer dagegen bestraft, was der heilige Geist in der Schrift höchlich rühmt. So litten die Apostel Verfolgung um der Wahrheit willen, bis sich der Zustand der Kirche änderte und Herrscher kamen, die der Wahrheit Hand boten und die Unwahrheit verhinderten, wie denn den Königen zusteht nach der Gerechtigkeit zu regieren. Solches bezeugen die alten Geschichtsbücher von den christlichen Kaisern Konstantin, Valentinian, Theodosius, Arkadins, Honorius und andern.

Für's Andere folgt die Verneinung unserer Frage auch nicht daraus, daß der Glaube eine freie Gabe Gotte ist. Denn Verstand und Weisheit ist auch eine Gabe Gottes; doch folgt daraus nicht, daß man bösen und unverständigen Kindern keine Lehrer und Zuchtmeister geben müsse, sondern Gott hat dennoch eine Ordnung und Zucht verordnet. So ist's auch mit dem Glauben. Denn obwohl er eine Gabe Gottes ist, wie die Frömmigkeit, gute Gesinnung und dergleichen, so folgt doch nicht, daß ein jeder Macht habe, ungestraft zu handeln, was er wolle, oder wenn er gottlos, aus bösem Sinne stiehlt und Arges thut, daß man ihn nicht dafür strafen sollte, weil die Frömmigkeit allein von Gott ist.

Das muß demnach jedenfalls voraus gehen, daß der, welcher straft, die Wahrheit auf seiner Seite habe, nicht der, welcher gestraft wird; denn wer in einer guten und wahren Sache gestraft oder auch getödtet wird, der ist ein Märtyrer. Wer hingegen eine unwahre und unrechte Sache hat, der leidet als ein Uebelthäter, und hat sich nicht zu rühmen, wie der Apostel Petrus und auch Augustinus wider die Donatisten anführt.

II. Bisher haben wir bloß im Allgemeinen gezeigt, daß die Obrigkeit verführte und verführerische Menschen strafen möge. Nun wollen wir auch vom Unterschiede zwischen Verführten und Verführern reden, woraus dann auch das Maß und der Unterschied der Strafen, wie er billiger Weise Statt finden soll, sich ergeben wird.

Wie eine Krankheit nach Beschaffenheit der Umstände schwerer und schädlicher ist, nämlich je nachdem sie nicht nur an Einem Gliede haftet, sondern um sich frißt, und nicht bloß in den äußern Theilen des Körpers bleibt, sondern auch die innern, edlern angreift; so ist's auch mit den Jrrthümern und Verführungen. Diejenigen Verführer und Verführungen sind grausamer, die zur Schmach und Lästerung Gottes, zur Verläugnung des lebendigen Glaubens und der Hauptstücke unseres Heiles, wie auch zur Zerstörung der Kirche, guter Gesetze und rechter Wahrheit gereichen, als ein solcher falscher Wahn oder irrige Meinung, die weder zu Gottes Schmach noch zur

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Zerstörung allgemeiner Wahrheit, des Glaubens und guter Sitten gereichen, auch weiter niemand vergiften noch sich verbreiten. Wie man nun nicht jeden Schaden brennt oder ätzt, auch nicht jedes kranke Glied abhaut, sondern nur ein solches, das nicht heil werden will durch gelinde Arznei, vielmehr andere anzustecken droht, so soll man auch nicht jeden Verführer und Verführten hinnehmen, sondern allerlei Arzneien anzuwenden suchen, und dann erst abschneiden, wenn sie sich nicht nur nicht wollen helfen lassen, sondern auch Andere vergiften.

Dies klarer zu machen, führen wir einige Arten von im Glauben Verführten und Verführern an, worunter auch andere leicht mögen gebracht werden:

1. Fürs erste gibt es etwa einen Wahn, eine einfältige, unrichtige Meinung bei einem einfältigen, nicht bösartigen Menschen, die aus großem, doch nicht recht weisem Eifer, auch etwa aus einem blöden, erschrockenen Gewissen erwächst, jedoch niemanden verbösert, die Wahrheit nicht umstürzt, auch nicht mit Verachtung und halsstarrigem Trotze verbunden ist.

2. Oder aber es ist eine öffentliche, große, schändliche und gleichsnerische Gotteslästerung, die wider Gottes Ehre und Namen streitet, die göttliche Schrift verachtet, Gott und die heilige Dreifaltigkeit schmäht, entweder die Gottheit oder die Menschheit Christi verneint, die Artikel, auf denen unser Heil beruht, wegstößt, verachtet und umstürzt.

3. Es gibt eine Verführung, welche die aus dem Worte Gottes erwachsene Kirche trennt und zertheilt, und so viel sie vermag, zu Grunde richtet.

4. Endlich gibt es Verführer, die durch ihre Verführungen gute göttliche Gesetze zerstören, wider gute Staatsordnung streiten, biedere Leute an Leib und Gut schwächen, und mit der Zeit Aufruhr und Unruhen erregen.

Da nun von den genannten Arten eine schädlicher und gefährlicher ist als die andere, so folgt daraus, daß auch die Strafe an Ehre, Leib und Gut je nach den Umständen verschieden sein müsse. Dabei kommt in Betracht:

1. Die Persönlichkeit dessen, den man strafen soll. Wenn er nämlich einen ehrlichen, guten Namen hat, in seinem ganzen Lebenswandel sonst ehrbar und rechtschaffen, nicht üppig, lügnerisch, aufrührisch, zänkisch, fremden Gutes begierig war, nun aber etwas in die Jrre gerathen ist, so soll man billig in der Bestrafung so verfahren, daß er möge zur Buße kommen und von seinem Jrrthum abstehen. Jst er hingegen übel beläumdet, unehrbar, lügnerisch, so mag man wohl den Glauben nach der ganzen Persönlichkeit ermessen und die Strafe darnach richten.

2. Fürs Andere mag dabei auch die Lehre oder die Meinung des Verführten oder Verführers in Betracht gezogen werden. Denn falls die Lehre gotteslästerlich ist, den Glauben und die Wahrheit umstürzt, die Kirche zertrennt, die Staatsordnung durchbricht, auch andere Leute vergiftet, so soll das

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schadhafte Glied abgehauen werden. Jst's doch besser, die Hand werde abgehauen, als daß der ganze Leib verderbe; eben so ist's besser, ein Verführer oder Verführter, der, nachdem er seines Jrrthums berichtet worden, Andere verführt, werde an Leib und Leben gestraft, denn daß Viele verdammt werden müssen.

Wiewohl nun dies allen Verständigen gewiß und klar genug ist, kann man doch in dieser Sache nicht eine ganz bestimmte Regel aufstellen; denn die Umstände vergrößern oder verringern die Sache und sind daher genau zu berücksichtigen. Ein Mann von frommem Sinne aber, der obgenannten Unterschied versteht, wird wohl die verschiedenartigen Fälle sichten und endlich darauf sehen können, daß die Wahrheit erhalten, die Unwahrheit unterdrückt, die Einfältigen und Schwachen auf Besserung hin geduldet, frevelhafte, böse Buben hingegen abgethan werden.

III. Das Gesagte betrifft nicht die Wiedertäufer allein, sondern Verführer und Verführte von Sekten aller Art, die in der Kirche Unwahrheit pflanzen und Trennung anrichten. Was nun die Wiedertäufer insbesondere anlangt, so möchte diese irrige Meinung, dieser falsche Wahn, wofern er ohne anhängende böse Zusätze wäre, vielleicht durch Langmuth überwunden und mit der Zeit gebessert werden. Allein da dem nicht so ist, so darf man sich nicht täuschen, als ob an ihrer Weise und Taufe nichts gelegen wäre und sie wenig schaden brächten. Denn die Zerstörung guter Einrichtungen und guter Ordnung bricht also ein, daß sie anfänglich nichts scheint, hernach aber thut sie großen Schaden. Die Hauptsache ist, daß ihre Lehre im Widerspruch steht mit Gottes Wort. Ferner streitet sie auch wider die Staatsordnung und gute Gesetze, indem sie lehren, kein Christ dürfe ein Oberer sein; denn daraus folgt, daß diejenigen, welche die obrigkeitliche Gewalt führen, Ungläubige seien. Was beschweren sie sich denn noch über die Obrigkeit, als über ungläubige Tyrannen? Ungehorsam pflanzen sie auch durch ihre Lehre, kein Christ dürfe einen Eid schwören; auch sind sie Ursache von Ehetrennungen, daß ehrliche Eheleute einander verlassen und ganze Haushaltungen zu Grunde gehen. Endlich geben sie Anlaß zu Unredlichkeit und zu vielerlei Betrug, wenn sie sagen, kein Christ dürfe Zinse oder Zehnten nehmen. Ja, dergleichen Jrrthümer sind mehr, als wir in Kürze aufzählen könnten.

Findet sich also, schließt endlich das Gutachten, daß jemand mit der wiedertäuferischen oder einer andern Sekte behaftet ist, so frage man ihn nicht nur, ob er die Kindertaufe für gut, und die Wiedertaufe für böse halte, sondern man erkundige sich vielmehr, wie obgemeldet, über seine ganze Persönlichkeit, darnach in was für Punkten oder Artikeln er wiedertäuferisch gesinnt sei. Man verhöre ihn aber mit sanftmüthigem Geiste. Jst er von guter Art, so wird er die Belehrung nicht verachten; ist er von böser, so zeige man Langmuth. Jst aber gar keine

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Besserung zu hoffen, so gar nicht, daß er nicht bloß selbst zu Grunde gehen, sondern auch Andere mit sich verderben will, so überweise man ihn, daß seine Lehre und sein Wesen zur Zerstörung des Glaubens, Zertrennung der Kirche und zum Nachtheil einer guten Staatsordnung gereiche; man verschaffe aber zugleich, daß er niemand mehr vergiften könne. Verspricht er Treue und hält sie nicht, sondern kehrt wieder um zu seinem Wust, so ziehe man der Sache den Mantel ab und handle mit ihm wie mit andern Uebelthätern, je nach Gestalt der Sache und nach göttlichen, weltlichen und kaiserlichen Rechten. -

Dieses Gutachten bildete die Grundlage, an die man sich in Zürich bei und nach Bullingers Zeit fortwährend hielt. Todesstrafe gegen Jrrlehrer war dadurch nicht ausgeschlossen, kam aber in Zürich nicht mehr vor, wie dies im Anfange der Reformation gegenüber einigen Wiedertäufern, freilich „zugleich um Aufruhrs und Eidbruches willen“ der Fall gewesen.

Jn eben diesem Jahre 1535 kamen zu weiterer Belehrung Bullingers Gespräche über die Wiedertäufer, deren oben gedacht worden, neu heraus, von Leo Judä umgearbeitet und ins Lateinische übersetzt.

Welch eine Fülle kirchlicher Gutachten liegt noch vor uns, aus Bullingers Feder geflossen und ausgezeichnet durch Ernst und Gründlichkeit, sowie lateinische Reden über bedeutende kirchliche Punkte, von ihm bei festlichen Anlässen vor Lehrenden und Lernenden gehalten. Doch wir wenden uns zu seinem engeren Wirkungskreise.

 

Dritter Abschnitt.

Bullingers Pfarramt.

47. Bullinger als Prediger.

Um festen Boden zu gewinnen, war es vorerst nothwendig, bei der Wirksamkeit Bullingers als Vorstehers der zürcherischen Gesammtkirche zu verweilen. Nun aber haben wir ihn auch in sein näheres und engeres Wirken zu begleiten, ihn als Pfarrer seiner besonderen Gemeinde zu betrachten, und zwar vor Allem als Prediger.

Achten wir zunächst auf seine äußere Erscheinung, die ja gerade beim Prediger nicht zu übersehen ist. Er war von hohem Wuchse, schlanker Gestalt, gesunder Gesichtsfarbe, in seinen Bewegungen rasch und kräftig; er trug nach damaliger Sitte einen langen, breit auf die Brust herab wallenden Bart. Aus seinem Blicke leuchtete eine liebenswürdige Freundlichkeit, verbunden mit ehrfurchtgebietendem Ernste hervor, wodurch er die Herzen ungemein zu gewinnen und an sich zu ziehen vermochte. Die schimmernden Priestergewänder

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sammt Allem, was damit zusammen hing, waren entfernt, und noch keine amtliche Kleidung für die Prediger üblich geworden. Bullinger erschien daher gleich den übrigen Kirchendienern im täglichen Leben wie auf der Kanzel in ehrbarer bürgerlicher Kleidung nach damaliger Gewohnheit; er trug insgemein einen langen schwarzen Pelzrock und darunter ein weißes Wamms (Camisol) von einem Gürtel umgeben, an welchem ein kurzes Stilet und ein Seckel hing, worin er seine Papiere und dergleichen verwahrte; unter dem Wamms trug er ein rothes, wollenes Brusttuch, auf dem Haupte das Baret. Sein ganzes Auftreten war würdevoll, Maß haltend und von einer ihm eigenthümlichen Anmuth. Seine Stimme hatte nach der vollgültigen Aussage eines Ohrenzeugen (des Professors Stucki) zumal auf der Kanzel etwas Rührendes, Herzergreifendes. Große Gewalt der Rede war ihm verliehen. Seine Sprache war einfach und klar in der Darlegung der schriftmäßigen Lehre, fein und treffend beim Widerlegen der Jrrthümer, sie wurde scharf und einschneidend, wo er die Laster der Hohen und Niedern züchtigte, erschütternd, wenn er ihnen den Jammer ihres jetzigen und den Abgrund ihres künftigen Verderbens aufdeckte, sanft und erquickend beim Darbieten des evangelischen Trostes. Bekümmerte aufzurichten, dazu hatte er eine besondere Gabe; da strömte ihm das Wort vom Munde so mild und zart, doch nicht in unmännlicher Weichlichkeit, sondern allein gegründet auf das ewig feste, unerschütterliche Gotteswort, das er trefflich auf die jedesmaligen Umstände anzuwenden wußte. So haben wir ihn schon in Bremgarten als Friedensprediger auftreten gesehen, inmitten der entzweiten Eidgenossen, dann als mächtigen Glaubenszeugen in dem entmuthigten Zürich, und hernach auch als unerschrockenen Kämpfer wider jegliche Unsitte und Verderbniß. Seinen eigenen Grundsätzen getreu, die er nach dem Antritte seines Amtes in Zürich in lichtvoller Rede (am 28. Januar 1532) seinen Amtsbrüdern insgesammt vorgetragen hatte, hielt er sich (entgegen vorheriger und anderwärts herrschender Entwürdigung der Kanzel) in seinen Predigten von allen Spottreden, allem Schmähen und Schelten fern, „stets dessen eingedenk, daß er dastehe als Diener Gottes.“ Auch über schwierige Punkte der christlichen Lehre wußte er so faßlich zu predigen, daß jeder einfache Christ bei aufmerksamem Hören ihn wohl verstehen konnte; unnützen Streitfragen aber und Spitzfindigkeiten war er wie überhaupt so auch als Prediger durchaus abhold. „Aufs klarste und wahrhaft allgemein verständlichste, bezeugt einer seiner regelmäßigen Zuhörer, Professor Pellican in seinem Tagebuche (zum Jahr 1536), weiß Bullinger die Schrift auszulegen, z.B. die Propheten so kommlich vorzuführen, wie wenn sie selbst leibhaftig unter uns aufträten und zu niemand anders als geradezu ans Zürcher Volk vom Herrn geschickt worden wären, so daß auch von den Geringsten im Volke niemand sich zu klagen hat, es sei ohne Frucht und rechten Nutzen geredet worden in der Kirche.“ Daher hörte ihn das Volk sehr gern, so daß „in zehen Jahren,“ wie derselbe bemerkt, „wohl nicht zehen Personen die Kirche

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verließen vor Ende der Predigt.“ Dahin gehört auch Folgendes: „Aus einer alten Ueberlieferung habe ich mir erzählen lassen (schreibt ein Zürcher vor hundertfünfzig Jahren), daß einstmals eine vornehme deutsche Standesperson bei Herrn Bullinger in der Predigt gewesen, in der Großmünsterkirche oben auf dem Gewölbe gesessen und eine besonders gelehrte und kunstreiche Predigt von diesem so großen Manne erwartet habe. Allein vergebens; denn Bullinger habe nach seiner Weise zwar kräftig und erbaulich, aber eben landlich und einfaltig und in einem recht schweizerischen Accent gepredigt. Darüber verwundert habe dieser vornehme Herr nach der Predigt Bullingern um die Ursache dessen befragt und von ihm zur Antwort erhalten: „ob Ihr Gnaden nicht von der Emporkirche herab etwa einmal hinunter in den unteren Raum derselben geschaut und da die dicht in einander sitzenden Otterkäpplein und alten Weiber-Tüchlein wahrgenommen. Um derentwillen müsse er vornehmlich predigen, nicht um großer Herren und gelehrter Leute willen.“ Dies habe der hohe Besuch denn auch wohl begriffen und Bullingern seiner einfachen Predigtweise halber nachgehends selbst gerühmt.“

Um nicht bloß Bruchstücke darzubieten, sondern alles Volk in den Gesammtinhalt der ganzen heiligen Schrift einzuführen, behandelte Bullinger stets, wie er schon früher gethan, auch nach Zwingli's Vorgange, je ein ganzes Buch der Bibel in einer Reihe von Predigten (was bekanntlich auch Luther als völlig berechtigt und im Grunde vorzüglicher betrachtete). So predigte er im ersten Jahre über den Brief an die Hebräer, der ihm trefflichen Anlaß bot, der Aeußerlichkeit des römisch-katholischen Gottesdienstes die wahrhafte innere Gottesverehrung und die Erlösung durch den einigen Mittler Jesum Christum und sein einmaliges Versöhnungsopfer entgegen zu stellen, ferner über die beiden Episteln St. Petri und das Evangelium St. Johannis. Jm Verlaufe der ersten zwölf Jahre predigte er über beinahe sämmtliche Bücher des alten und neuen Testamentes.

Dabei ist nicht zu übersehen, daß die Menge der Predigten, da sie auch an die Stelle der so häufigen Messen getreten waren, erstaunlich groß war. Bullinger selbst hatte während der ersten fünf bis sechs Jahre seines Pfarramtes in Zürich sechs und sieben, bisweilen sogar achtmal wöchentlich zu predigen, wodurch er, wie leicht zu erachten, nicht wenig belastet, mitunter auch sehr beschwert war. Erst 1538 erhielt er einen Amtsgenossen, der ihm einen Theil dieser Predigerpflichten abnehmen mußte; endlich wurde 1542 am nämlichen Tage, als Leo Judä seinen großen Anstrengungen erlag, auf Andringen seiner Amtsbrüder durch einen Rathsbeschluß verfügt, er solle bei der großen Anhäufung seiner übrigen Amtsgeschäfte nur noch wöchentlich zweimal, nämlich Sonntags und Freitags, predigen.

Begreiflich wurden nicht alle diese Predigten aufgezeichnet. Um so weniger aber konnte bei ihm dies nachtheilig werden, da er gerade in den ersten Jahrzehenden seines zürcherischen Pfarramtes, bis 1548, seine trefflichen

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lateinischen Auslegungen aller Bücher des neuen Testamentes (mit Ausnahme der Offenbarung) bearbeitete und heraus gab. Von da an erschienen keine Auslegungen der Schrift mehr, wohl aber seit 1549 im Laufe von etwa achtzehen Jahren eine große Anzahl von Predigten: 100 über die Offenbarung St. Johannis, 66 über den Propheten Daniel, 170 über Jeremias, 190 über Jesajas, 24 Festpredigten, nebst einer Menge einzelner Predigten. Besonders zu bemerken ist aber sein „Hausbuch“, eine Sammlung von Predigten über die heiligen zehen Gebote, die zwölf Artikel des christlichen Glaubens, die heil. Sakramente und alle übrigen Punkte der christlichen Lehre. Dieses Hausbuch, sowie die übrigen genannten Predigten, mit Ausnahme der einzelnen, die deutsch erschienen, gab Bullinger, obgleich er sie deutsch gehalten hatte, lateinisch heraus, da er in dieser Sprache damals weit Mehreren, namentlich den Predigern der verschiedenen evangelischen Länder, verständlich werden konnte. Das Hausbuch, sowie die Offenbarung, wurde dann auch deutsch heraus gegeben und ins Französische, Holländische und Englische übersetzt. Die Predigt „von rechter Hülfe und Errettung in Nöthen“, welche zur unmittelbaren Vergegenwärtigung von Bullingers Predigtweise unten mitgetheilt wird, gehört zu den ursprünglich deutsch erschienenen.

48. Bullinger als Seelsorger. Seine Mildthätigkeit.

Jndeß bildete das Predigtamt, wenn auch groß und wichtig, doch nur einen verhältnißmäßig kleinen Theil seiner Pfarrthätigkeit. Wie hätte es anders sein können? Er faßte das evangelische Pfarramt in seiner vollen, umfassendsten Bedeutung als den steten, nicht bloß mit dem Worte, sondern auch mit der That zu vollbringenden Liebesdienst des berufenen Verkündigers Christi zum Heil der gesammten Gemeinde. Dies vernehmen wir aus seinem eigenen Munde.

„Du hast ein heiliges und schweres Amt, schreibt er 1539 an den ihm befreundeten Matthias Erb; sieh, daß du ihm zur Zierde gereichest! Nicht der Menschen Diener, sondern Diener des ewigen Gottes sollen wir sein. Nicht Jrdisches bloß ist uns anvertraut; es handelt sich um die Rettung vieler Seelen! Durch unsern Fleiß können wir daher Vielen nützen, durch unsere Lässigkeit Viele ins Verderben stürzen. Es handelt sich um Ruhm oder Schmach des Namens Gottes, und nicht eine vergängliche Belohnung liegt vor uns, sondern eine ewige und unvergängliche. Drum laß uns weise und tapfer laufen. Alsdann werden wir viele Seelen dem Herrn zuführen, und er, der große Oberhirt, wenn er kommen wird, wird uns mit dem unverwelklichen Ehrenkranze krönen!“

So dachte, so handelte Bullinger. Vom frühen Morgen bis in die Nacht stand sein Haus jedermann offen; es war eine Frei- und Zufluchtsstätte für Hülflose aller Art, für Arme und Schwache, für Wittwen und Waisen,

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Bedrängte und Angefochtene, kurz für alle Rath- und Hülfsbedürftigen. Mit der größten Geduld, Langmuth und Sanftmuth hörte er sie an; ihm öffnete man so gerne das Herz und fühlte sich gedrungen mit vollem Zutrauen ihm Alles zu sagen, auch die geheimsten und verborgensten Leiden; man durfte aber auch völlig auf seine Verschwiegenheit rechnen, wie auf seine aufrichtige, herzliche Theilnahme an aller und jeder Noth. Er wußte sich zu Allen herab zu lassen; niemand ging ohne Trost und Stärkung von ihm hinweg. Er verstand es die Geängsteten zu ruhiger Besinnung über sich selbst zu leiten, sie ins eigene Jnnere, zum Bewußtsein der eigenen Verschuldung zu führen, sie zur Reue zu bewegen, zur Geduld und Ergebung zu stimmen, dann aber auch mit dem erquickenden Troste des Evangeliums zu laben und mit froher, seliger Hoffnung zu erfüllen. Zudem wußte er auch für die zeitlichen Beschwerden mancherlei Rath. Er, den einst, wie wir wissen, sein Vater absichtlich vor den Thüren sein Brot suchen ließ, hatte Barmherzigkeit gelernt. Es ist staunenswerth, wie freigebig und wohlthätig er sich zeigte bei seinem nicht eben großen Vermögen und seiner zahlreichen Kinderschar. Ein Strom von milden Gaben floß durch seine Hand fortgehend den Bedrängten zu. Er versah sie mit Speise, Trank, Kleidern, Geld, kurz mit Allem, was zur Fristung des Lebens je das Nöthigste war. Wie er aber selbst mit dem guten Beispiele voran ging, so empfahl er die schöne Tugend der christlichen Barmherzigkeit auch Andern zu jeder Zeit und an allen Orten, auf und neben der Kanzel, sowohl den Standeshäuptern, als den Privatpersonen, dem Staate wie den Einzelnen. Wo seine eigenen Mittel nicht ausreichten, war er unermüdlich durch solche Empfehlungen und Verwendungen bei Vermöglichen den Hülfsbedürftigen milde Beisteuern, Schutz, Unterkommen und Obsorge auszuwirken. Und nicht bloß gegen Mitbürger handelte er so, sondern auch gegen Fremde, gegen vertriebene Glaubensgenossen von nah und fern, aus den verschiedensten Ländern, ja selbst gegen Leute von anderem Bekenntnisse. Niemanden versagte er seinen Beistand; wiewohl er auch zu unterscheiden wußte und mitunter seine Freunde, wie z.B. Myconius in Basel, vor argen Taugenichtsen, Arglistigen und Unverschämten warnte.

Was er an einer armen Waise, wie Rudolf Gwalter, that, haben wir schon vernommen; so manches armen Knaben nahm er sich überdies auf mannigfache Weise an. Was er der Wittwe und den Kindern seines Vorgängers erwies, ist bekannt; er wirkte ihnen durch eindringliche Verwendung einen anständigen Jahrgehalt aus, nahm sie in sein Haus auf und unter seine liebevolle Pflege, bis jene nach sieben Jahren ihrer Wittwenschaft im Frieden heimging; die beiden Kinder Ulrich und Regula erzog er mit und neben seinen eigenen, völlig wie die seinigen, bis Ulrich zum Dienste der Kirche heran gebildet war und Regula sich, wie oben bemerkt, mit dem ehrenwerthen Gwalter vermählte. So Manche der flüchtigen Glaubensbrüder beherbergte er selbst Wochen und Monate lang, gab ihnen klaren Aufschluß über ihre

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nunmehrige Lebensstellung und trefflichen Rath für die fernere Verwendung ihrer Kräfte nebst Empfehlungsschreiben und, wo's nöthig war, auch Reisegeld.

Einer von diesen Geretteten, der berühmte Celio Secondo Curioni, dessen wir später noch gedenken müssen, schreibt ihm daher im Juli 1544: „Mein Landsmann Girolamo Mariano hat mir nicht genug von der liebevollen Aufnahme, die er bei dir gefunden, und von deiner Gutthätigkeit erzählen können. Er sagte mir indeß nichts Neues; ich wußte ja das Alles aus eigener Erfahrung. Wie liebreich hast du öfter mich aufgenommen; wie freundlich mich sammt meiner Gattin und zahlreichen Kindern bei dir beherbergt und weiter befördert. Ja, ich kenne meines Bullingers ausgezeichnete Gottseligkeit und sein für Unterstützung verfolgter Glaubensbrüder brennendes Herz. Das erst heißt in That und Wahrheit ein Bischof sein: durch vorzügliche Geisteskraft und Macht der Rede die Herzen der Völker lenken und Bedrängten, besonders verstoßenen Brüdern Gastfreundschaft erzeigen um des Herrn willen. Dies Beides fordert ja der heilige Apostel Paulus von einem Bischof, da er sagt, ein solcher müsse zum Lehren geschickt und dabei gastfrei sein. Diese Forderungen und so viel Anderes erfüllst du ganz. Darum bist du, theuerer Bruder, ja du, sage ich, ein Bischof; du und deinesgleichen, ihr, verdient diesen Namen, nicht jene, die ihn um ihrer Mützen und Binden willen sich anmaßen.“ So manches ähnliche Zeugniß für Bullingers thatkräftige Bruderliebe quoll aus gerührten und dankbaren Herzen.

49. Fortsetzung: Bullingers Seelsorge bei Kranken, bei Gefangenen, bei Rathsuchenden.

Wie Bullinger durch seine mannigfaltige Mildthätigkeit und die damit verbundene liebevolle christliche Zusprache sich als ein rechter Seelenhirt erwies, eben so finden wir ihn auch am Krankenbette. Den Krankenbesuch achtete er für eine der Hauptpflichten des Seelsorgers. Mit großer Bereitwilligkeit kam er bei Tage und bei Nacht, wohin man ihn rief; auch ungerufen stellte er sich ein und wußte so tröstlich, so herzlich, so ernst und liebreich zu den Kranken und Sterbenden zu sprechen, daß man wohl fühlte, wie er da so ganz an seinem Platze sei. Auch die Schrecken der Pest, die sich zu wiederholten Malen einstellte, vermochten ihn von dieser Pflichterfüllung nicht im mindesten abzuhalten, gerade in solchen Zeiten entfaltete sich die ganze Größe seines Charakters; er empfahl seine Seele Gott dem Herrn über Leben und Tod, und ging dann den ganzen Tag hindurch mit christlichem Muthe von einem Pestkranken zum andern, ohne eine Spur von Furcht vor Ansteckung.

Hören wir einige seiner Aeußerungen aus solchen Zeiten. „Bete zu Gott für mich, lieber Bruder, schreibt er zu Ende August 1535 an Myconius,

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denn die Pest ist in mein Haus eingekehrt; sie hat einen hoffnungsvollen Jüngling, einen Verwandten von mir, heftig angefallen; und bisanhin hat sie keines der Häuser in der Nachbarschaft verlassen, bis es ganz leer wurde. Aber Preis sei dem Herrn unserm Gott, der über Tod und Leben gebietet!“ Dann am 2. October: „Was die Pest anlangt, brauchst du meinethalben dir keine Sorge zu machen. Rafft der Herr mich dahin, so wird er seiner Kirche einen geeigneteren geben!“

Hinwieder im October 1538 schreibt er demselben Freunde: „Wie schmerzt mich's doch, daß die Pest in dein Haus eingebroche ist und so heftig darin wüthet. Der Herr, der den Daniel aus der Löwen Rachen errettete und mitten unter den Plagen der Aegypter sein Volk verschonte, möge auch dich, seinen getreuen Knecht, erretten und noch lange im Wohlsein erhalten zum Heile seiner Kirche!“ Darauf im Dezember: „Wohl dem, der, dahin gerafft von der Pest, zum Herrn wallet; nicht bloß deshalb, weil Gott, unser größtes Gut, ewiglich zu genießen die höchste Glückseligkeit ist, sondern weil unsere Zeit sich so gestaltet, daß sterben vorzüglicher ist als leben. Denn Alles drängt und treibt den Herrn zur Strafe zu schreiten. Die sind zu beklagen, welche nicht vorher noch durch den Tod dem Strafgerichte Gottes entzogen werden.“ „Drum, fügt Bullinger hinzu, nachdem er auf die drohende Stellung der Türken und dergleichen hingewiesen, wenn Gott die Deinen entrückt, ja wenn er mit den Schafen selbst dich den Hirten abruft, so glaube ich fest, daß er Alles wohl macht. O könnten wir euer Loos theilen! Soll's aber nicht sein, so haben wir zu warten auf die Hand des Herrn. Er lebt, er lebt der uns erlöset hat! Er wird die nicht verlassen, die seinen Namen anrufen. Also: laß uns muthig sein im Herrn, der unser Fels ist und unsere Zuflucht! Er bewahre dich.“

Schon 1540 muß er wieder melden: „Die Pest hat angefangen ihre Verheerungen anzurichten hie und da im Niederdorf (einem Stadttheile Zürichs). Wir sind gewärtig, was Gott mit uns vorhabe. Jn seiner Hand liegt unser Loos. Schwindel und ein fast unausstehliches Kopfweh quält mich so, und hat mich in solche Betäubung versetzt, daß ich seit einigen Tagen mir und Andern zur Last bin. Jch muß mich alles Studierens gänzlich enthalten. Kaum brachte ich diesen Brief zu Stande. O möchte Gott die frühere Gesundheit mir wieder schenken!“

Jm folgenden Jahre durfte er ein köstliches Zeugniß ablegen: „Jch lebe noch durch Gottes Gnade, schreibt er seinem vertrauten Vadian nach St. Gallen; auch meine Haushaltung ist wohl (ein gar liebes, zweijähriges Knäblein starb indeß sofort dahin); ja alle Diener des Wortes sammt ihren Haushaltungen befinden sich wohl. Allein noch hat die Pest nicht ausgewüthet und ist auch jetzt für Einzelne furchtbar, während man in Verhältniß zur Größe der Stadt und ihrer zahlreichen Bevölkerung nicht sagen kann, sie wüthe bei uns; es sterben in einer ganzen Woche bald 30, bald 20,

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bald vierzig Personen. Die, welche sterben, scheiden mit großem Glauben und recht gottselig, so daß auch ihre Angehörigen Gott preisen und mit jedem Tage weniger Furcht haben.“ Dasselbe meldet er seinem Ambrosius Blaarer in Konstanz mit dem Beifügen: „Wir ermuntern das Volk zur festen Hoffnung auf Gott!“

Welch entzückende Genugthuung für ihn als Seelsorger solche Erfolge mit Augen zu schauen, selbst ein Zeuge von den Siegen des Auferstandenen an den Sterbebetten pestkranker Christen werden zu dürfen!

Noch ein einfach kräftiges Zeugniß von Bullingers Glaubensleben aus einer solchen Zeit herrührend liegt vor uns, das wohl hier seinen Platz finden darf. Es ist folgendes bisher ungedruckte Lied, das nun erst aus dem Schoße der Verborgenheit hervor tritt:

1. Hilf, Herr Gott, hilf                                                                                         in dieser Noth,

Dieweil der Tod                                                                                               ist an der Thür;

Steh', Christe, für (vor);                                                          denn du ihn überwunden hast!

2. Zu dir ich gilf (flehe)                                                                                und bitt dich hoch;

Verzeih du doch                                                                              den Feinden min (mein),

Die mich gend (geben) hin                                                und auf mich wälzen diese Last.

3. Jch opfre's dir;                                                                                          verzeih auch mir,

Was ich begangen han (habe)                                                                                    gen dir

Jm Thun und lan (Lassen),                                                                          Herr Jesu Christ!

Mein Heiland bist;                                                                 verlaß mich nit, ich treulich bitt.

4. Und hilf der Kilch (Kirche),                                                      die ich dir b'filch (befehle),

Die ich hab' g'lehrt                                         und mit dim (deinem) heilgen Wort gemehrt;

Darnach ich bitt,                                                                   vergiß, o Herr, der Meinen nit. -

5. Tröst, Herr Gott, tröst;                                                                    die Todesnoth wachst,

Weh und Angst faßt                                                                           an Seel' und Lib (Leib),

Darum dich schieb (neige)                                              gen mir, einiger Trost, mit Gnad',

6. Die g'wiß erlöst                                                                                              ein jeden, der

Sein herzlich B'gehr                                                                                   und Hoffnung setzt

Jn dich, verschätzt                                   darzu dies Zeits (dieser Zeit) all Nutz und Schad

                                                                                                                              (Schaden)[25].

7. Mein' Zeit ist um;                                                                                  denn ich verstumm,

Mag sprechen nit ein Wort                                                       denn all mein' Kraft verdorrt;

So ist mein' Bitt,                                                                              daß du mein Strit (Streit)

Führest fürhin;                                                                                     denn ich bin din (dein).

8. Drum stärk' mein (meinen) Geist;                                                          dein' Zusag' leist;

Mein' Seel' mir b'wahr';                                                                                   nimm sie zu dir

Jn d' (die) Engelschaar;                                                                   erbarm dich min (mein),

Herr Jesu Christ;                                                                                mein' Seel' nimm hin[26]!

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Jn der Pestzeit des Jahres 1538 schrieb Bullinger auf die Bitten Vieler seinen wahrhaft trostvollen und herzerhebenden Bericht für Kranke, worin er zeigt, „wie sich der Christ in seine Krankheit schicken und aufs Sterben rüsten solle.“

Noch ein Zweig der Seelsorge, in welchem Bullinger Preiswürdiges leistete, war die geistliche Pflege der Gefangenen, insbesondere die Vorbereitung zum Tode verurtheilter Missethäter. Er stand ihnen liebreich bei mit dem rechten Troste des Evangeliums, ging ihnen zur Seite bis zur Richtstätte und harrte bei ihnen aus bis zu ihrem letzten Athemzuge.

Wie viele Zurechtweisungen, Ermahnungen u.s.w. kamen überdies vor in seiner Seelsorge. Wie oft hatte er Entzweite zu versöhnen. Sein außerordentliches Geschick verwickelte Knoten zu lösen und ausgebrochenen Hader in Güte beizulegen, erwarb ihm ein so allgemeines und unbegrenztes Vertrauen, daß er von den verschiedensten Seiten und bei den mannigfaltigsten Vorgängen um seine Vermittlung oder Fürsprache angegangen wurde, und immer wieder fand man in ihm denselben treuen und gewandten Rathgeber. Es gab kaum eine Familie, mit der er nicht dadurch im Laufe der Zeit in nähere vertraute Beziehungen kam.

So stellt sich uns in ihm das lebende Bild eines evangelischen Seelsorgers im vollsten Sinne des Wortes dar, ein anregendes Vorbild für alle seine damaligen Amtsbrüder, wie für so viele auch noch in kommenden Tagen.

 

Vierter Abschnitt.

Confessionelle Entwicklung. Bullingers Mitwirkung zur Bildung des kirchlichen Bekenntnisses.

50. Anregungen zum Bekenntniß.

Bisanhin haben wir Bullingers muthvolles und rüstiges Schaffen und Wirken zur Erhaltung und zum Ausbau der evangelischen Kirche in seiner nähern Umgebung wahrgenommen, zumal innerhalb des zürcherischen Gebietes. Nunmehr aber haben wir unsere Blicke weiterhin zu wenden, um seinen

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namhaften Antheil an der Entwicklung des kirchlichen Bekenntnisses der gesammten reformirten Kirche der Schweiz zu betrachten. Die mannigfache Verflechtung der Verhältnisse nöthigt uns zu einigen einleitenden Bemerkungen.

Die große Bedeutung der Aufstellung und Bewahrung eines kirchlichen Bekenntnisses zeigt sich uns innerhalb der Kirche unter verschiedenen äußeren Zuständen immer wieder. Auch dieses nämlich gehört zur völligen Entfaltung jeder kirchlichen Gemeinschaft, daß sie es vermöge in bestimmter Weise ihren eigenthümlichen Glaubensinhalt auszudrücken. Daher sehen wir so viele Berathungen, so großen Kraftaufwand in den verschiedensten Zeiten der Kirche diesem Punkte gewidmet.

Wie aber der einzelne Christ nur da in den Fall kommt, seinen Glauben einläßlich und vollständig zu bekennen, wo ihm eine besondere Veranlassung gegeben wird; so ist es auch mit der Kirche oder einer einzelnen Abtheilung derselben. Auch für sie bedarf es zur Aufstellung eines Bekenntnisses einer Veranlassung. Diese aber liegt insgemein darin, daß die Einzelkirche, wie sehr sie auch in und aus sich selbst sich gestalte, ein Glied ist an der gesammten christlichen Kirche und daher zu den übrigen Theilen derselben sich in ein bestimmtes, sei es ein freundschaftliches, oder gegnerisches Verhältniß zu setzen hat. Von beiden Seiten her kam ein solcher Anstoß in dieser Zeit für die erneute Kirche der Schweiz.

Auf der einen Seite lag eine Veranlassung dazu in den Beziehungen zu der römisch-katholischen Kirche. Wie sehr sich die evangelische Kirche in entschiedenen Gegensatz hatte stellen müssen zu allem Unevangelischen in der päbstlichen römischen Kirche, so war man sich doch des gemeinsamen Glaubensgrundes und der Zusammengehörigkeit aller Christen bewußt und in diesem Zeitraume noch nicht alle Gemeinschaft abgebrochen. Die Hoffnung wenigstens auf irgend eine friedliche Ausgleichung schwebte aus verschiedenen Gründen, äußern und innern, noch eine Zeit lang dem Zeitalter vor, durchgängig unter der Form eines freien, allgemeinen, christlichen Concils, so etwa wie die großen Kirchenversammlungen des fünfzehnten Jahrhunderts der Jdee nach hätten sein sollen. Jmmer hatte sich der Pabst einem solchen von den Völkern längst ersehnten und vom Kaiser öfter schon verheißenen allgemeinen Concil abgeneigt gezeigt. Nun aber, als im October 1534 Paul III. (Farnese) den päbstlichen Stuhl bestieg, schien der Pabst selbst dazu bereitwillig, sandte dazu seinen Legaten Vergerio nach den deutschen Landen und schrieb endlich 1536 das Concil nach Mantua aus. Sollte es wirklich dazu kommen, unter annehmbaren Bedingungen, so daß man sich evangelischerseits dabei konnte vertreten lassen, wie wünschbar mußte es da sein, daß die schweizerischen evangelischen Kirchen, als eine Einheit, wie sie faktisch bisanhin schon eins waren, mit einem gemeinsamen Glaubensbekenntnisse Angesichts der übrigen Christenheit auftreten könnten. Jn der That schien die Aussicht auf

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Besammlung des Concils eine Zeit lang ihrer Verwirklichung nahe. Jmmerhin war es etwas werth und dienlich zur Aufrechthaltung eines nachbarlichen, leidentlichen Verhältnisses zu den römisch-katholischen Bundesbrüdern, bereitwillig hiefür das Seine zu thun, um nicht dem Vorwurfe sich auszusetzen, man fürchte sich, von seinem Glauben Rechenschaft zu geben vor einem allgemeinen Concile und in Verdacht zu kommen, alle früheren Anerbietungen dazu seien nur Verstellung gewesen. Dies ist das Eine, was die Aufstellung eines gemeinsamen schweizerisch-evangelischen Bekenntnisses veranlaßte.

Ein anderer Anstoß dazu kam von Seiten der evangelischen Kirchen in Deutschland. Es war ja Gottes gnädiger Wille, daß von zwei Punkten aus selbständig, von Zürich und von Wittenberg, die Erneuerung seiner Kirche ausging, und es war wohl auch sein Wille, daß beide Zweige der erneuten Kirche sich alsbald in diese ihre ebenbürtige Stellung sollten zu finden wissen, um auf dem Einen Grunde des Gotteswortes stehend sich gegenseitig zu stärken und zu erbauen. Und doch ist ja bekannt, wie gerade die Darlegung der beiderseits wieder errungenen Herrlichkeit des einfachen und ursprünglichen ächt christlichen Males der Liebe der Anlaß wurde zu gegenseitiger Zurechtweisung, alsdann zu Verkennung, zu Mißtrauen und endlich zu offenem Zwiste, ja von der einen Seite mitunter zu harter Verdammung. Hatte zuerst zwischen untergeordneten Mitarbeitern ein wirrer Kampf darüber sich entsponnen und die menschlichen Leidenschaften entzündet, so waren nachgerade wider Willen auch die hochbegnadigten Häupter der Kirchenerneuerung, Zwingli sammt seinem Oekolampad einerseits und Luther anderseits in den Streit verflochten worden, nicht ohne verdeckten Einfluß papistisch gebliebener Zwischenträger wie Erasmus, und hatten mit gewaltigem Ernste gekämpft, Luther selbst mit voller Hitze in der Meinung, ein Theil müsse des Teufels sein und Gottes Feind, Zwingli sammt Oekolampad mit gemessener Festigkeit im Bewußtsein, die einfache, schriftmäßige Wahrheit festzuhalten und eben durch unerschütterliche Treue am hellen Worte Gottes Ehre am besten zu wahren. Jmmerhn fehlte es nicht an ernsten Bestrebungen zu ihrer Versöhnung und zur Annäherung beider Parteien; es konnte nicht anders sein; ja so mächtig war der Zug, der die beiden Theile der evangelischen Kirche zu einander hinzog, daß wir auch nach Zwingli's Tod unter Bullingers Amtsführung einen zwölf Jahre lang stets wieder erneuten Fortgang der angestrengtesten und mannigfachsten Bemühungen vor uns haben, eine wahrhafte Einigung (Concordie) unter ihnen zu bewerkstelligen.

Nirgends mußte sich das Bedürfniß darnach fühlbarer machen, als in denjenigen Gegenden des mittlern und obern Deutschland, die auf der einen Seite namhafte Anregungen von der Schweiz her empfangen hatten, mit Zwingli und den Seinigen sich durchaus eins wußten, gerade bei dieser Einfachheit der Lehre und des Cultus sich wohl fühlten - nicht nur die Geistlichen, sondern auch das Volk, die Bürgerschaften -, und die auf der andern

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Seite durch ihre politische Lage, ihren Verband mit Kaiser und Reich, sich genöthigt sahen, mit den mächtigsten evangelischen Fürsten und Städten auch des nördlichen Deutschlands Verbindungen anzuknüpfen, um ihres Schutzes zu genießen. Je mehr der gemeinsame Hauptfeind sich stärkte, je enger Pabst und Kaiser sich verbanden, je drohender der Kaiser nahte und von ihm her die Gefahr wuchs, desto mehr mußte ihnen daran liegen, daß das an sich selbst schon so schöne, ächt christliche Vereinigungswerk gelinge.

Von hier aus, namentlich von Straßburg sehen wir denn auch die verschiedensten langjährigen, unermüdlichen Bestrebungen ausgehen, bei welchen kirchliche und politische Rücksichten sich aufs mannigfaltigste die Hand reichen und verflechten, so daß eine völlig richtige und genaue Darstellung derselben nicht ohne einläßliche Vorführung der vielgestaltigen gleichzeitigen Geschichte Deutschlands möglich wäre. Hauptsächlich ist es Martin Butzer, der hier überall auf dem Schauplatz erscheint, während die politische Hauptperson, Straßburgs begabter Diplomat, der Stättmeister Jakob Sturm, für uns in den Hintergrund zurück tritt.

Jndeß liegt es nicht in unserer Aufgabe, eine umfassende Geschichte aller der Verhandlungen zu liefern, die zwischen den evangelischen Kirchen Deutschlands und der Schweiz in diesem Zeitraum gepflogen wurden. Wir begnügen uns damit, Bullinger und sein Verhalten auch in diesen Verhandlungen möglichst klar und scharf zu zeichnen. Wie viel leichter waren alle andern Kämpfe, wie viel leichter die Kämpfe gegen offenbare Gegner, als die mit Solchen, welche wesentlich auf demselben Standpunkte sich befanden, doch unter so mannigfach wechselnden Wendungen. Jst es für uns nicht eben leicht, mit klarem Blicke das Einzelne zu überschauen, wie viel schwieriger war es damals für die Betheiligten. Um so mehr muß es uns erfreuen, gerade hier in diesen langjährigen Unterhandlungen Bullinger in seiner männlichen Geradheit, Offenheit, Festigkeit und zugleich in seiner Friedensliebe, Besonnenheit und Mäßigung sich bewähren zu sehen. Ohne auf die fast unglaubliche Menge von unrichtigen Auffassungen, mehr oder weniger bewußten Jrrthümern, Entstellungen, Schiefheiten, die uns in manchen Darstellungen entgegen treten, einzugehen, suchen wir so einfach wie möglich die geschichtliche Wahrheit darzubieten, getreu dem Satze Bullingers: die beste Widerlegung des Jrrthums sei die klare Darlegung der Wahrheit. Muß es uns auch betrübend vorkommen, Männer, die ihrem innersten Streben nach eins sind, getrennt, mitunter entzweit zu sehen, während man sie so gerne in brüderlicher Eintracht beisammen sähe und sie oft nur noch durch eine dünne Scheidewand gesondert scheinen, so wird gerade das lehrreich und beschämend genug sein, und zugleich heilsame Warnung enthalten für unsere Tage, in denen ein neues Verständniß und Jnteresse für die Kirche, daher auch für das kirchliche Bekenntniß und dessen hergebrachte Besonderheiten aufgegangen, zugleich aber, wie es scheint, erneute Verkennung, strafbarer, als die vor drei Jahrhunderten, je mehr der

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Herr der Kirche dafür gethan, daß die beiden Zweige der evangelischen Kirche sich gegenseitig als fruchtbringende Schosse am wahren Weinstocke erkennen möchten. Müssen wir unserseits rücksichtlich der Lehre den Vorzug der reformirten Kirche als unbestreitbar ansehen, so thun wir es ohne Verdammung, ohne darauf einen zu hohen Werth zu legen und ohne dabei anderweitige Vorzüge der lutherischen Schwesterkirche zu übersehen oder verringern zu wollen. Müssen wir menschliche Schwachheit hier gerade selbst an Luther offen erkennen und darlegen, so geschieht es zugleich mit hoher Schätzung dessen, was Gott ihm aufgetragen und zuvor schon durch ihn vollführt hatte zur Reinigung und zum Heile der Kirche, mit Achtung gegen den kampfgewohnten Helden, auch da, wo er seine derben Waffen gegen einen bloß vermeintlichen Feind wendet, indem wir auch darin nur eine Bestätigung des evangelischen Satzes finden, der immer wieder seinen hohen Werth behält, daß der Herr nur durch unvollkommene Werkzeuge seine Kirche hienieden bauen will.

51. Ausgangspunkt. Die beiden Sendbriefe, 1532.

Als Bullinger das schwierige Amt in stürmischer Zeit in Zürich antrat, sah es so friedlich aus nach der lutherischen Seite hin. Wer hätte denken sollen, daß er so bald zur Abwehr eines heftigen Angriffs genöthigt würde? Hatten doch auf dem Schlosse zu Marburg, wohin Zwingli so gerne ihn als Begleiter mitgenommen hätte, am 3. October 1529 die sämmtlichen zehen anwesenden Theologen jene fünfzehen von Luther selbst entworfenen Artikel eigenhändig unterzeichnet, in denen sie ihre Einstimmigkeit in allen christlichen Hauptlehren bezeugten, und deren letzter die noch obwaltende unausgeglichene Abweichung in bestimmten Ausdrücken angab und auf ihr bescheidenes Maß zurück führte:

äWir glauben und halten Alle, daß das Sakrament des Altars (das heilige Abendmal unsers lieben Herrn Jesu Christi) ein Sakrament des wahren Leibes und Brotes Christi, und daß die geistliche Nießung desselbigen Leibes und Blutes jedem Christen vornehmlich von Nöthen sei, desgleichen daß der Brauch des Sakraments wie das Wort von Gott dem Allmächtigen gegeben und geordnet sei, damit die schwachen Gewissen zum Glauben und zur Liebe zu bewegen durch den heiligen Geist. Und wiewohl wir uns dermalen nicht darüber vereinigen konnten, ob der wahre Leib und das wahre Blut Christi leiblich im Brot und Wein sei, so soll doch jeder Theil dem andern christliche Liebe erzeigen, so weit nur immer das Gewissen jedem zuläßt, und beide Theile Gott den Allmächtigen fleißig bitten, daß er uns durch seinen Geist im rechten Verständnisse bekräftigen wolle.ä (Siehe Bullingers Reformationsgeschichte B. 2. S. 235, und Christoffels Zwingli, Abth. 1. S. 206-216, 252-330.)

Zudem hatten beide Reformatoren dem hochherzigen Landgrafen Philipp

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noch mündlich versprochen, sich fürhin freundlich und friedlich gegen einander zu verhalten und sich des bitteren und zänkischen Schreibens zu enthalten. Demgemäß hatte jeder nach seinem Schriftverständniß, aber ohne Bitterkeit, 1530 auf den Reichstag zu Augsburg sein Glaubensbekenntniß gesandt. Zwingli hatte bis zu seinem Tode das beim Landgrafen gegebene Versprechen treulich erfüllt, Luther anerkannte dasselbe 1531 (in einem Briefe vom 1. Februar an Herzog Ernst von Lüneburg und in einem Schreiben an Butzer vom 22. Juni) ausdrücklich als noch bestehend an.

Dessen ungeachtet ließ er wenige Monate nach Zwingli's Heldentode, eben als Bullinger und die Seinen gegenüber den in Zürich selbst und von außen drängenden Papisten für den ungeschmälerten Bestand der evangelischen Kirche so schwer zu kämpfen hatten, ein Sendschreiben im Drucke ausgehen, durch welches er für ganz Deutschland, namentlich für Franken, Baiern und Schwaben das Signal gab zur Erneuerung des Zwiespaltes, und zu bitteren Schmähungen und Verlästerungen aller derjenigen Evangelischen, die der schweizerischen Lehre anhingen. Es war an den Markgrafen Albrecht von Brandenburg gerichtet. Er schilt darin die Zwinglischen Schwärmer, Rottengeister, u.s.w., stellt sie mit Münzers Genossen auf Eine Linie, schließt aus der Niederlage der Zürcher bei Kappel auf die Verwerflichkeit der Lehre Zwingli's, nennt das Beharren bei dieser die rechte Sünde wider den heiligen Geist; er bedauert den getödteten, aber wie einen Gerichteten, findet an den Siegern nur das nicht lobenswerth, daß sie, die Verfechter des Pabstthums, nach dem uns bekannten Ausdruck des Landsfriedens die Evangelischen „bei ihrem Glauben bleiben lassen“, und bittet den Markgrafen aufs dringendste, wofern er nicht sein Gewissen gräulich beschweren wolle, die Anhänger der zwinglischen Lehre nicht zu dulden, sondern aus dem Lande zu treiben[27].

Wir lassen dahin gestellt, ob Luther sein gegebenes Versprechen durch Zwingli's Hinschied für aufgehoben ansah - ; der Zeitpunkt zum Losschlagen und Niederschmettern schien nicht übel gewählt, da alle schweizerischen und süddeutschen Protestanten eben unter dem erschütternden Eindrucke der verlorenen Kappelerschlacht schmachteten, in Deutschland aber die Verhandlungen über das schmalkaldische Bündniß im vollen Gange waren. Um so weniger konnten die Freunde und Wahrheitszeugen, die der gefallene

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Vorkämpfer auf Erden zurück gelassen, dazu schweigen und lautlos ihre Glaubensbrüder von einem evangelischen Fürsten verfolgen lassen.

So weit konnten sie den Wünschen der sofort besänftigenden Straßburger mit gutem Gewissen nicht entsprechen. Doch kam Bullinger, um sein Möglichstes für den Frieden zu thun, ihnen darin entgegen, daß er nicht in seiner Antwort gegen Faber auch Luthers Angriff zurück trieb, sondern bloß mit einem Winke auf diesen hinwies, Leo Judä's und Carlstadts schneidende Antwortschreiben zurück hielt, und sich begnügte, das von Leo ins Deutsche übersetzte Schriftchen des Priesters Bertram „vom Leib und Blut des Herrn“, das ums Jahr 840 auf Carls des Kahlen Wunsch verfaßt worden und ihm gewidmet war, heraus zu geben und mit einem ruhig gehaltenen Vorworte zu begleiten[28]. Trefflich gewählt, nicht ohne göttliche Schickung, - wie Bullinger sich ausdrückt - wieder ans Licht gezogen, war Bertrams Schrift, um Luthers namhafteste Beschuldigung, wie wenn die zwinglische Abendmalslehre eine neue Erfindung, „aus den Fingern gesogen“ wäre und sich von dem Zeugnisse der gesammten christlichen Kirche, wie es von Anfang gewesen, losrisse, schlagend zu widerlegen. Nicht nur ergab sich daraus, daß noch im neunten Jahrhunderte ganz überein stimmend mit Zwingli gelehrt worden, sondern durch zahlreiche Zeugnisse der Schrift und der trefflichsten alten Kirchenlehrer wie Augustin, Ambrosius, Hieronymus, Jsidorus, Fulgentius ward darin erwiesen, daß auch diese als ächte Zeugen der Rechtgläubigkeit in der Kirche hochangesehenen Männer im Einklang mit der heiligen Schrift eben im Sinne Zwingli's und der Seinigen vom Abendmale lehrten.

Das von Bullinger verfaßte, im Namen der Diener des Wortes in Zürich beigefügte Vorwort ist, entsprechend dem Angriffe Luthers, ebenfalls ein Sendbrief an Albrecht, Markgrafen von Brandenburg und Herzog von Preußen. So sehen wir hier die Vertreter beider Konfessionen sich an den Ahnherrn desjenigen Fürstenhauses wenden, dem eine so hohe Stellung zur Verknüpfung beider Zweige der evangelischen Kirche zukommen sollte. „Wir sind entschlossen, schreiben die zürcherischen Prediger, Luthern nicht zu antworten; denn er dessen nicht werth ist, sein unwürdiges Schmähen richtet sich selbst; er würde uns auch nicht hören. Aber um der armen, unschuldigen Christen willen richten wir an Euer Fürstliche Gnaden die demüthige, dringende und herzliche Bitte, E. F. G. wolle der Zumuthung, solche unerhört zu verfolgen, keine Folge leisten und nicht etwa Euer Gewissen durch ungerechte Verfolgung gräulich beschweren. Wahrlich nicht in apostolischem Geiste hat Luther dies verlangt.“ „Alle Schmach und Schande, die er uns anthut, wollen wir gerne tragen um der Wahrheit und um dessen willen,

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der für uns auch ist geschmäht worden, werden aber um seiner bitteren und giftigen Worte willen nicht ein Haar breit von der erfaßten und bekannten Wahrheit weichen, es wäre denn, daß wir mit der Schrift der göttlichen Wahrheit besser möchten berichtet werden.“ „Statt dessen ruft Luther die Fürsten auf (heißt es weiterhin), daß sie uns mit dem Schwerte tödten, und übergibt uns, die wir keine Ketzer noch Rottengeister sind, sammt so zahlreichen Kirchen, in denen viel tausend fromme, gläubige Menschen leben, wie Ulm, Memmingen, Eßlingen, Augsburg, Konstanz, Lindau, Straßburg, Basel, Bern usw. dem Teufel. Wir besorgen wahrlich, Luther haue zu weit über die Schnur christlicher Bescheidenheit; denn er auch ein Mensch ist und menschlicher Anfechtungen nicht ganz ledig.“ „Zwingli, sagen die Zürcher Prediger, halten wir für einen frommen, theuren Lehrer der Wahrheit, für ein Werkzeug Gottes, durch das uns Gott seine Wahrheit kund gethan, für einen Glaubenszeugen, der um der Ehre Gottes willen in den Tod gegangen. Aber seinen Namen (zwinglisch), den man uns zur Schmach aufheften will, lehnen wir ab; denn wir rühmen uns allein Christi“[29].

Luthers Hitze gegenüber zeugt auch folgende Stelle von der bemerkenswerthen Gelassenheit und dem friedfertigen Sinne des zürcherischen Sendschreibens: „Wir begehren keineswegs Luthern seine Ehre nd seinen guten Namen zu schmälern. Wir halten ihn für einen theuern Diener Gottes, erkennen, daß Gott viel und großen Nutzen durch ihn aller Welt verschafft hat; dessen aber sollte er gedenken, daß er auch ein Mensch und daß nicht Alles Geist sei, was er redet, schreibt und handelt, daß er auch irren möge, und sollte darum seine armen Mitarbeiter im Werke Gottes, uns, nicht so gar verachten. .. Darum bitten wir den Luther, er wolle uns für Brüder erkennen, sich nicht von uns abtrennen, uns nicht verschnupfen; wir erbieten uns alles Friedens und aller Liebe gegen ihn; allein er dränge uns nicht von erkannter Wahrheit.“

Was die Verschiedenheit in der Lehre anlangt, um deren willen Luther die schweizerischen Kirchen und die ihnen gleichgesinnten in Deutschland so arg drängte, so handelte es sich, wie wir bereits wissen und sich aus dem oben angeführten Marburger Artikel ergibt, nicht etwa darum, ob die Sakramente leere Zeichen seien, oder ob Christus wahrhaft im Abendmale geistlich genossen werde, lag außerhalb des Streites; sondern das war Luthers Forderung, sie sollten zugeben, daß Christi Leib und Blut nicht bloß geistlich wahrhaft genossen werde im Abendmal, sondern auch leiblich, oder natürlich,

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(materiell, wie wir heut zu Tage sagen würden; z.B. Stier, Reden Jesu. Barmen, 1848. B. 6. S. 1232. Anm.), so daß auch der Ungläubige, der das Brot zermalme, seinen Leib wahrhaft esse. Nur das, daß Luther betreffend die Gegenwart dieses natürlichen (materiellen) Leibes, auf der er so viel hielt, denn doch wieder in Abrede stellte, daß er örtlich oder räumlich zugegen sei, bewahrte ihn noch vor der krassen römisch-katholischen Auffassung und ließ eine, wenn auch spärliche Aussicht auf die Möglichkeit einer dereinstigen Verständigung. Daß er aber mitunter sich auf die schon in der Scholastik (der mittelalterlichen Schultheologie) vorkommende Annahme einer Allenthalbenheit (Ubiquität) des verklärten Leibes Christi, als eine Art von Erklärung oder Begründung seiner Behauptung berief, erschwerte hinwieder eine allfällige Annäherung und machte die Sache desto verwickelter. Gerade er, der Zwingli's und Oekolampads klare und einfache Auslegung der Einsetzungsworte Christi, wornach das Sichtbare beim heiligen Abendmal Christi Leib bedeute, sinnbildlich darstelle, verneinte und sich darauf viel zu gute that, daß er buchstäblich bei den Worten selbst bleibe, entfernte sich dadurch weit mehr von dem schlichten Verständniß derselben und verwickelte sich in Schulbestimmungen. Jndem für ihn die Worte: Dies ist mein Leib, den Sinn erhielten: Ja, mit und unter diesem Brote befindet sich mein verklärter, überall gegenwärtiger Leib, löste er den (Luk. 22. u. I. Korinth. 11.) damit verbundenen Satz „der für euch dahin gegeben wird“ ziemlich davon ab, als eine diese Erläuterung in Bezug auf das, was nunmehr mit seinem sichtbaren, natürlichen Leibe vergeben werde. Den mit Zwingli Gleichgesinnten dagegen erschien es als heilige Gewissenspflicht, nichts zuzugeben, wodurch dem äußeren Gnadenmittel wiederum zu viel zugeschrieben, demselben, abgesehen von Glauben, eine Heilswirkung beigemessen würde, etwas, das der freien Gnade Gottes, der Wirkung des heiligen Geistes und dem durch ihn allein gewirkten selig machenden Glauben zukomme.

Unser Sendbrief faßte sich darüber kurz. Gegenüber Luthers Pochen auf die bloßen, „dürren“ Einsetzungsworte wird kurz und treffend nachgewiesen, daß sie nach ihrem Sinn und Geiste gemäß der Schrift verstanden und ausgelegt werden müssen, wie auch der fromme Bertram immerfort darauf dringe, daß der Leib und das Blut Christi, das am Kreuz für uns geopfert ist, nicht leiblich da sei, sondern allein im Glauben, im Andenken, im Geheimniß und Sakramente. Ueberdieß sagen die Briefsteller im vollen Bewußtsein ihrer Kirchlichkeit: „Wir vermeinen auch Christen zu sein, ob wir gleich in diesem Artikel dem Luther nicht können zufallen. Die Liebe mit dem Glauben der Worte Gottes ist uns der theuerste Schatz. Den Glauben der Schrift halten wir theuer und hoch, forschen ihm täglich fleißig nach, Gott bittend, daß er uns die Schrift aufschließe. .. Der heiligen Väter (Kirchenlehrer) Schriften nehmen wir mit aller Zucht und Ehrerbietung an, vegleichen sie fleißig mit der Schrift und halten sie soweit

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in Ehren, wie sie selbst es begehren; was die Schrift nicht verwirft, verwerfen wir auch nicht. Wir bieten allen Menschen Liebe an und nehmen sie auch an von andern, und ob gleich etliche irren, verwerfen wir sie darum nicht gleich, und sind allezeit bereit mit Sanftmüthigkeit der Lehre halben Bescheid zu geben und anzunehmen (I. Petri 3, 15. 16.) Wir sprechen nicht, daß es schlecht (bloß) Brot und Wein sei, reden auch nicht verächtlich davon, sondern nennen's mit Paulo Brot des Herrn, Brot der Danksagung, nennen's Leib und Blut Christi mit Christo. Aber die von Luther und Andern hinzu gethanen Worte, aus welchen Zank und Verstrickung entnommen werden mag, halten wir für unnöthig, ärgerlich und gefährlich. Wir bekennen und glauben, daß der Leib Christi, der für uns in den Tod gegeben, und sein Blut, das zur Abwaschung unserer Sünden am Kreuze vergossen worden, wahrhaft im Nachtmal zugegen sei und von den Gläubigen genossen werde, aber so, wie es dem Glauben und der Schrift gemäß ist, wie es von den Gläubigen erfaßt und genossen werden und insoweit es eine Speise der Seele sein mag. Wir begehren offen und klar in dieser Sache zu reden. Wir gehen mit Wahrheit um, und begehren niemanden zu betrügen, niemanden zu verführen, darum scheuen wir das Licht gar nicht. Folge man dem Rathe Gamaliels; ist unsere Sache nicht aus Gott, so mag sie nicht bestehen; ist sie aber aus Gott, woran wir keineswegs zweifeln, was will man denn sich vergebens bemühen und zudem wider Gott streiten?“

So schreiben die Zürcher am 17. Juni 1532, sie, die doch getreue Anhänger der zwinglischen Abendmalslehre waren und wissen mußten, was dieser entspreche; und von keiner Seite hören wir Aeußerungen, als ob sie dieselbe damit überschritten hätten. Wir halten es nicht für überflüssig, dieß hier ausdrücklich zu bemerken, da dieselbe in den Darstellungen Neuerer gewöhnlich irrthümlicher Weise allzu knapp zurecht geschnitten erscheint.

Diese Abwehr der Zürcher verfehlte nicht den Zweck, die eigene Würde zu wahren; an Luther aber ging, wie zu erwarten, auch diese sanfte Antwort fruchtlos vorüber. Es stand um ihn, wie der milde Oswald Myconius schreibt: „Er wüthet aufs gräulichste, verdammt uns, als wäre er Gott; wie soll man ihm thun? Schreibt man, so wird er böser; schweigt man, so werden die Gläubigen geärgert.“ Ja, Luther ging so weit, in einem Sendbriefe an die von Frankfurt am Main noch heftigere Scheltungen auszustoßen und zu schreiben: „Wer von seinem Seelsorger öffentlich weiß, daß er zwinglisch lehrt, soll ihn meiden und eher sein Leben lang des Sakraments entbehren, als es von ihm empfangen, ja eher darüber sterben und Alles leiden.“ Unter Klagen über den um sich greifenden Zwinglianismus dringt er mit den derbsten Schmähungen auf Vertreibung der betreffenden Prediger von Amt und Kanzel.

Was that nun Bullinger? Weit entfernt die Lieblosigkeit zu erwiedern, widmete er dem hart angefochtenen Senate der freien Stadt Frankfurt seine Auslegung der Apostelgeschichte, zu einem Zeugnisse für den Glauben der so

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arg Geschmähten. Mit der edelsten Zurückhaltung, ohne ein bitteres Wort gegen Luther legt er die Lehre vom Abendmal dar. Sehr abstechend von Luthers Sprache übergibt er sein Werk bescheiden dem frommen Leser zu unbefangener Beurtheilung: „Jch will meine Schriften niemanden als kanonische Bücher aufbürden und dem Urtheil frommer und gelehrter Männer nicht vorgreifen. Hat ein Anderer bessere Einsichten, nie werd' ich ihn beneiden.“ Er rühmt den Rath, daß er nicht nach Anderer Beispiel durch unweise Bücherverbote die Freiheit und den Ruhm der Stadt verdunkele[30]. Er erhielt dafür eine gar freundliche Danksagung und als Ehrengabe, ausdrücklich nicht als Vergeltung, zwölf Goldgulden. Da aber nach damaligem Gesetze kein Zürcher Geschenke von fremden Regierungen annehmen durfte, stellte er diese sofort dem Rathe in Zürich zu, und letzterer ließ sie unter die Armen im Spital austheilen.

52. Die Vermittler.

Inzwischen ruhten die Vermittlungsversuche nicht. Zu solchen nöthigten die politischen Verhältnisse der Protestanten in Deutschland. Die furchtbare Gefahr, in der sie Alle insgesammt schwebten von Seiten des Kaisers, ließ sie keine andere Rettung sehen als in einem näheren Zusammenschließen unter einander. Man sollte denken, nichts wäre natürlicher gewesen, als daß man hier, wo es sich um die staatliche Sicherheit und deren gegenseitige Beschirmung handelte, nicht um theologische Erörterungen, von den feinern Verschiedenheiten, namentlich der einzig noch übrigen Differenz in der Abendmalslehre, absehen und sich auf dem gemeinsamen Grunde des evangelischen Glaubens die Hand reichen würde. Doch keineswegs. So weit war die Staatskunst der Protestanten noch nicht; die Theologen erhoben die äußersten Bedenken; durch diese glaubte zumal Sachsen sich gebunden. Von Seiten des Landgrafen Philipps von Hessen, welcher persönlich der Lehre Zwingli's zugethan war und die augsburgische Confession nur auf Luthers besonderes Andringen unterzeichnet hatte, indeß jedenfalls einer der Häupter des protestantischen Bundes werden mußte, bedurfte es aller Entschiedenheit, um nur die Möglichkeit der Aufnahme der süddeutschen Städte vorzubehalten. Doch hatte man sie endlich auf die bloße Versicherung der Straßburger, die Verschiedenheit zwischen ihrer und der lutherischen Lehre sei nicht eben bedeutend, bei der Schließung des schmalkaldischen Bündnisses, am 29. März 1531 zugelassen, obgleich Luther und die Seinigen der obwaltenden Verschiedenheit sich völlig bewußt waren. Außer den vier Städten Straßburg, Constanz,

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Memmingen und Lindau, welche in Augsburg 1530 ihr eigenes Bekenntniß abgegeben hatten, schloß auch Ulm, Reutlingen, Biberach und Jsny sich an.

Nun aber griff der von Luther (welcher immerhin durch Schroffere mochte aufgestachelt worden sein) wieder erregte Sturm gegen die reformirte Lehre unmittelbar ins praktische Leben. Bei der Zusammenkunft der Protestanten in Schweinfurt, Mitte April 1532, als Luthers Sendbrief an Markgraf Albrecht von Brandenburg soeben heraus gekommen war, sahen sich die Straßburger mit Argwohn und Vorwürfen aufgenommen; man drängte sie durch Rücksichten theils auf den Kaiser theils auf andere protestantische Stände zur Annahme der augsburgischen Confession. Doch fand sich ein Ausweg, der ihnen möglich machte, ihre Ueberzeugung zu wahren; der Wortlaut der augsburgischen Confession betreffend das Abendmal schien nämlich einer Auffassung im zwinglischen Sinne nicht gerade zuwider. „Wir mögen euere Confession (die augsburgische) neben der unsrigen, als die uns nicht zuwider, wohl annehmen, so viel die Lehre betrifft,“ lautete Butzers vorsichtige Unterzeichnung. Er behielt sich dadurch das eigene Bekenntniß ausdrücklich vor, machte zwischen euer und unser auch fernerhin einen bestimmten Unterschied, und verwahrte sich durch den letzten Zusatz vor Aenderungen im Gottesdienste, welche die Gemeinden sich, wie er wohl wußte, nicht hätten gefallen lassen.

Jndeß verbreiteten sich über diese Unterschrift allerlei Gerüchte bis in die Schweiz. Manche Lutheraner schmeichelten sich mit der Hoffnung, diese Unterschrift wäre eine Art Widerruf oder würde doch dazu führen. Jn der Schweiz hörte man mit Entrüstung davon, indem man bei der Unbestimmtheit der Nachrichten eben dasselbe befürchtete. Schon am 8. Juli schrieben aus Zofingen die bernischen Geistlichen an die Zürcher, sie haben sammt ihren Nachbarn sich aufs neue vereinigt, fest bei der bisherigen Lehre vom Abendmal zu beharren, und ermahnten die Zürcher dasselbe zu thun. Butzern konnte es aus mancherlei Gründen, sowohl aus politischen als kirchlichen, namentlich auch wegen des persönlichen Ansehens nicht gleichgültig sein bei seinen alten Freunden, den Schweizern, in solchen Verdacht zu kommen, und er lehnte daher in wiederholten Briefen an Bullinger und Leo Judä denselben aufs ernstlichste von sich ab, doch öfter unter dem Vorgeben, als ob die Verschiedenheit zwischen Luther und ihnen bloß ein Wortstreit sei, der eben nur in den Ausdrücken oder auf Mißverstand beruhe. Dadurch machte er sich aber verdächtiger und steigerte den Argwohn, da ja die Zürcher, ob sie schon die Verschiedenheit nicht für grundwesentlich ansahen und um deswillen Freundschaft und kirchliche Gemeinschaft mit Luther zu halten bereit waren, ganz gut wußten, daß dem nicht so sei, sondern allerdings eine nicht bedeutungslose Verschiedenheit im Gedanken zu Grunde liege. Dies sagten sie auch Butzern in ihren Antworten als ächte Freunde mit der völligsten Offenheit und mit den entschiedensten Warnungen an ihn, sich nicht durch Menschengefälligkeit und falsche Vermittlungssucht von der erkannten und von ihm selbst in einer

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Anzahl von Schriften seit Jahren bekannten, schriftmäßigen Wahrheit abbringen und weiter hinreißen zu lassen, als ihm selbst lieb sein könne. Kam es auch bei diesen offenherzigen Erklärungen zu ziemlich scharfen Aeußerungen, so wurden sie doch in Liebe ausgesprochen und eben so aufgenommen.

Jn diese Zeit nun fällt der Anfang des sehr freundschaftlichen Verkehres, den unser Bullinger, gleich seinem Vorfahr, mit dem entschlossenen und entschieden freundlich gesinnten Landgrafen Philipp von Hessen Jahrzehnde lang unterhielt. Jm August 1532 widmete er dem Landgrafen mit dessen Bewilligung seine Auslegung des Hebräerbriefes. Jndem er ihm in der Widmung freimüthig die Pflichten eines evangelischen Fürsten ans Herz legte, fügte er in einem wie es scheint, bisher unbeachteten Begleitschreiben bei, Zwingli habe ihm von der Gradheit, Tapferkeit und Freundlichkeit des Landgrafen so viel Gutes erzählt; er möge in seinen Landen auch fürderhin solche Schriften nicht verbieten, wie anderwärts unverdienter Maßen geschehe. „Denn wir haben ja keine andere Absicht, als daß die ewige Wahrheit rein und klar an den Tag gebracht und die herrliche Ehre Gottes aller Welt hell geoffenbaret werde in der Kraft und Zukunft unsers Herrn Jesu Christi. Hat uns Gott gleich dermalen gedemüthigt und heimgesucht, so hat er uns doch väterlich gesucht, uns nicht weiter versucht, als wir ertragen mögen, und hat die Seinen als das Gold im Feuer bewährt, auch unsere Sünde hier mit zeitlicher Schande bestraft, auf daß er uns der ewigen Schande entlüde. Darum sagen wir ihm auch Dank, erkennen seine väterliche Treue und beharren nichts desto weniger bei Gott und seinem Wort wider alles Pabstthum unter Gottes gnädiger Hand und sind Willens mit seiner Gnade weiterhin dabei zu beharren bis ans Ende.“ Habe auch der äußere, geschriebene Bund, den Zürich und die evangelischen Schweizerstädte mit dem Landgrafen hatten, wegen des Ueberdrangs der fünf Orte aufgelöst werden müssen zum Leidwesen aller Frommen, so tragen diese dennoch je länger je mehr herzliche Liebe zu ihm, da sie von seiner Treue am Gotteswort mit großer Freude hören.

Der Landgraf antwortete alsbald gar huldvoll: „es sei nit ohne,“ er hätte wirklich gerne sein Bestes gethan, damit alle evangelischen Stände in Ruhe, Frieden und Einigkeit möchten beim Evangelium bleiben können, und strebe auch ferner darnach.

Hohen Dank sagt ihm Bullinger in seiner bisher ebenfalls unbeachteten Antwort vom 22. October für sein Bemühen und sein Anerbieten. „Es gibt auch nichts, wonach ich mehr begehre von Gott, schreibt er, als nach einer rechten Vergleichung und Einigung mit allen denen, so Christum rein und lauter predigen, und daß kein Zwiespalt des Nachtmals Christi halben unter uns wäre, die wir sonst einmündig Christum Jesum verkündigen. Daher sind wir auch bereit, Alles das willig zu thun, was wir mit der Wahrheit verantworten können. Wir hätten deshalb vermeint, der hochgelehrte D. Martin Luther sollte uns nicht weiter drängen, da wir je und je

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zugegeben und noch bekennen, daß im heiligen Abendmal der Leib und das Blut Christi also zugegen sei, wie Christus unter den Galatern gekreuzigt worden war (Gal. 3, 1), nämlich im Anschauen des Glaubens, welchem Glauben zukömmt, daß Christi Leib wahrhaft, nicht aber natürlich zugegen ist, wie sich denn weiter in unsern Schriften findet. Dies schreibe ich darum, damit Euer Fürstliche Gnaden sehe, daß es der Vergleichung und Einigkeit halben an uns nicht fehlt, und wir deren begierig sind, sofern wir nicht von der einfachen Wahrheit weggedrängt werden. Gott wolle Euch seinem Volke lange bewahren und zu seiner Ehre erhalten!“

Vom folgenden Jahre 1533 liegt uns ein gar treuherziges Schreiben des Landgrafen vor, wodurch er Bullinger und seinen Freund Landvogt Lavater zum Muthe und zum Beharren beim Evangelium ermuntert und ihnen von neuem all seine besten Dienste anbietet.

53. Butzer in Zürich, 1533.

So schwierig war, wie aus dem Gesagten zu ersehen, Butzers und der Seinigen Stellung, daß ihnen Alles daran liegen mußte, doch noch eine Annäherung zwischen Luther und den Schweizern zu Stande zu bringen. Dazu kam auch bei Butzern ein inniger, ächter Liebestrieb, dem nur zu viel Geschmeidigkeit, Eilfertigkeit und Redseligkeit, dagegen zu wenig Offenheit und Charakterstärke zur Seite ging. So schrieb er noch 1532 an die Zürcher: „Nur darum arbeite ich so eifrig an einer Vereinigung, damit nicht jene in euch und ihr in ihnen Christum verfolgen; bin ich doch versichert, weil beide in Christo ihr Heil suchen, Christus wohne in beiden.“

Freilich von Luther durfte Butzer sich nicht viel Annäherung versprechen. Er hatte schon früher seine Ausgleichungsformel: „im Abendmale gebe Christus uns seinen wahren Leib und sein wahres Blut zu einer Speise der Seele wahrhaft zu essen und zu trinken,“ zurück gewiesen und ihm sofort die schärfsten Spitzen seiner Abendmalslehre entgegen gestellt, während Zwingli (s. Christoffels Zwingli, Abth. 1. S. 329) fand, der von Butzer vorgeschlagene Ausdruck wäre wohl mit der richtigen Lehre vereinbar, gäbe aber leicht zu Mißdeutungen Anlaß, und daher nicht vom klaren, verständlichen Ausdrucke zu einem dunkeln, zweideutigen übergehen wollte, indem man sich dadurch um keinen Schritt näher käme, sondern nur für die Zukunft Verwirrung anrichten würde. Seither hatte Luther überdies, wie wir wissen, Sendschreiben ausgehen lassen, die jede Hoffnung auf eine Ausgleichung abzuschneiden schienen; doch hatte Butzer mitunter auch schon erfahren, wie von Zeit zu Zeit der bessere Luther etwa unverhofft, großartig hervor brach, der unter begünstigenden Umständen nicht unfähig schien, statt des Scheltens und Drängens Gott walten zu lassen hoffend und betend, daß er einst noch eine rechte Einigung

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werden lasse. Dergleichen ließ Butzern nicht verzagen, wo er nur konnte, aus allen Kräften fortzuarbeiten.

Je schwieriger und zufälliger aber bei Luthers Persönlichkeit jede Einwirkung auf ihn erschien, um so mehr fühlte er sich bewogen, Alles zu versuchen, um die Schweizer Luthern näher zu führen, ihnen eine günstige Meinung von Luther einzuflößen, seine Lehre ihnen im mildesten Lichte darzustellen, ihnen so viel wie möglich seine eigene Auffassung beizubringen, daß, wenn auch die Verschiedenheit in der beidseitigen Abendmalslehre eine tiefere zu sein scheinen möchte, sie im Grunde doch nur auf verschiedener Ausdrucksweise beruhe und gegenseitigem Nichtverstehen, während das, was man damit sagen wollte, im Grunde dasselbe sei. Die Mannigfaltigkeit und theilweise Unbestimmtheit der Ausdrucksweise bei den angesehensten Kirchenlehrern der ältern Zeit bot ihm ein weites Feld für derartige Nachweisungen.

Da er nun wohl wußte, wie er in der Schweiz durch seine Schritte verdächtig geworden, hoffte er durch persönliche Gegenwart sich am ehsten des Verdachtes zu entledigen. Ueberdies mußte es bei den gefahrvollen Zeitverhältnissen, da Straßburg und Süddeutschland immerhin jedem Angriff am meisten bloß gestellt war ungeachtet des schmalkaldischen Bundes, der sein Schwergewicht im nördlichen Deutschland hatte, und bei der damals berühmten Wahrhaftigkeit der Schweiz höchst wünschenswerth sein, im Fall der Noth auf die Evangelischen daselbst rechnen zu dürfen. Aus all diesen Gründen kam Butzer im April 1533 zuerst nach Basel, woselbst er auf Myconius, der ihn früher nur einmal in Gesellschaft bei Zwingli gesehen hatte, nicht geringen Eindruck machte; dann reiste er nebst seinem Begleiter, dem gelehrten D. Bartolomes Fontio, früher Minorit in Venedig, dem ein guter Ruf bei den Schweizern vorausging, nach Schaffhausen, wo man eilends eine Versammlung von Geistlichen veranstaltete und Butzer zweimal an einem Sonntage predigte[31]. Darauf langte er im Mai in Zürich an, wie wir bereits wissen, gerade zur Zeit der Frühlingssynode, die ihm auf seinen Wunsch gestattete ihr beizuwohnen, ihn sogar beauftragte, mit ihren Abgeordneten vor dem Rathe zu erscheinen zur Mittheilung ihrer Bedenken betreffend den wegen des zürcherischen Mandats vom Mai 1532 endlich mit den fünf Orten getroffenen Vergleich, wobei indeß seine Mitwirkung unbedeutend war. Jn einer besonderen Zusammenarbeit mit den Stadtgeistlichen und Professoren, die in Bullingers Wohnung Statt fand, suchte er nun in einer längern Rede vor Allem den Verdacht zu zerstreuen, als ob er seine bisherige Meinung, die er besonders 1528 bei der Berner Disputation ausgesprochen, geändert hätte und zu Luther abgefallen wäre: alsdann begann er aus einander zu setzen, wie Luthers Lehrmeinung doch einen erträglichen Sinn habe und nicht so kraß

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sei, als sie scheine; Luther weiche eigentlich doch nur im Ausdrucke, nicht im Sinne von der den Schweizern und ihm (Butzer) gemeinsamen Lehre ab, er sei auch im Herzen nicht so unfreundlich gestimmt, als man wohl meinen möchte. Endlich beschwor er die Zürcher nicht bitter gegen Luther zu schreiben.

Butzer besaß wirklich ausgezeichnete Gaben: einen durchdringenden Verstand, große Beweglichkeit des Geistes, eine jedermann einnehmende Gemüthlichkeit, und dabei stand ihm stets eine Fülle von Gedanken und Worten zu Gebote; er wußte seinem Gegenstande immer neue Seiten abzugewinnen und ihn in so mancherlei verschiedenen Wendungen vorzutragen, daß es viel brauchte, um seiner Beredsamkeit zu widerstehen, nicht für den Augenblick wenigstens sich von ihm fortreißen und den eigenen Gesichtspunkt sich verrücken zu lassen.

Bullinger indeß sammt den Seinigen behielt die gewohnte, ungetrübte Ruhe und Klarheit. Jn ihrer Antwort, die Butzer sogar schriftlich von ihnen erlangte, befreuten sie sich seiner Versicherung, daß er völlig bei seiner früheren Lehre und der der schweizerischen Kirchen bleibe; sie wünschten wohl auch, daß Luther mit ihnen einstimmig und freundlich gesinnt wäre, allein sein so eben erschienenes Sendschreiben an die Frankfurter zeige nur allzuklar, daß sich Butzer in beiden Beziehungen über ihn irre, Luthern lassen sie seine Art vom Abendmal zu reden, behalten aber die ihrige, die der Schrift und den Vätern gemäß sei; wie bisanhin werden sie auch künftig auf den Kanzeln nicht gegen ihn losziehen. „Wir sind fest entschlossen, dabei mit Gottes Hülfe zu beharren, fügen sie bei, bis wir aus heiliger Schrift eines Bessern belehrt werden. Wir bitten dich dringend, daß du nicht weiter versuchest, jemand davon abzubringen und zu einer dunklern, unserer Kirche nicht durchgehends zusagenden Ausdrucksweise zu verleiten. Zu Allem, was zum Frieden dient ohne Nachtheil der Wahrheit, wollen wir jedoch gar gerne Hand bieten.“

Aufs ehrenvollste und freundschaftlichste von den Zürchern behandelt und entlassen schied Butzer, um noch Bern zu besuchen und damit seine dermalige Rundreise zu beschließen. Für uns ist es nicht ohne Jnteresse, die Urtheile dieser Fremden über Bullinger und Zürich zu vernehmen. Schon von Bern schreibt Fontio an Vadian nach St. Gallen höchst erfreut über den ihm gewordenen Empfang; eben die äußere Niederlage (bei Kappel) habe dem religiösen Leben zur Förderung gedient nach allgemeinem Zeugniß, und, indem er zugleich auf Farel blickt und auf sein Wirken in den französischen Gegenden, setzt er voll Zuversicht bei: „Einst wird auch über die Alpen, ja über den ganzen Erdkreis das Evangelium sich ausbreiten!“ Und Butzer schreibt ebenfalls an Vadian: „Darin hat Gott die von Zürich vor allen andern Schweizern gnädiglich angesehen, daß er ihnen so auserwählte und wahrhaft ausgezeichnete Diener des Wortes gewährt; auch des Volkes Frömmigkeit ist eine mehr als gewöhnliche.“ An Bullinger schreibt er mit Bezug

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auf Zürichs Erniedrigung gegenüber den fünf Orten: „Doch beugt mich's nicht nieder, da ich sehe, mit welchem Glauben, Ernst und Eifer die Sache des Evangeliums bei euch betrieben wird zu Stadt und Land. .. Ueber unsern Besuch bei euch sind wir hocherfreut; denn wir haben an euch solche Leute gefunden, daß wir Gott ewig dafür Dank sagen und alles Gute hoffen für euer ferneres Gedeihen. Offen gesteh' ich: während ihr Diener des Wortes, obgleich ich mit den besten Hoffnungen zu euch kam, zu Stadt und Land unseren Erwartungen völlig entsprochen habet, ist die Rathsversammlung (in der es eben, wie oben erwähnt, in Butzers Gegenwart etwas hitzig zuging) dahinter zurück geblieben und zwar um viel. Dennoch stehen die Sachen gut, so lange nur das Salz unversehrt bleibt. Wir sagen euch noch großen Dank für eueren Empfang, euere freundliche Aufnahme und die - nur allzu große - Ehre, die ihr uns erzeigt habt.“ Bullinger persönlich betreffend hören wir durch Bertold Haller: „Jn Bern konnte Butzer die Zürcher nicht genug rühmen, namentlich Bullinger, in dem er sehr gefürchtet hatte einen barschen und starrsinnigen jungen Menschen zu finden, den er nun aber als einen frommen, gebildeten und ungemein liebenswürdigen Mann kennen gelernt hatte.“ Ganz im Einklang damit schreibt der gelehrte Pellican um diese Zeit: „Bullinger nimmt außerordentlich zu an Eifer und Ansehen, an Beredsamkeit und Gottseligkeit;“ und bezeugt ein anderer Zürcher sein Erstaunen darüber, wie doch Zürichs Zustand durch Bullingers Bemühung und Streben gedeihe, auch die Sitten durchs Evangelium geheiligt werden.

So war Butzers Reise namentlich in Rücksicht auf persönliche Bekanntschaft nicht ohne Erfolg. Doch in Einer Hinsicht wich Bullinger von ihm ab. Bullinger wollte, was sich jetzt nicht ausgleichen ließ, zwischen den Luheranern einerseits und den schweizerischen und oberländischen (süddeutschen) Protestanten anderseits einstweilen ruhen lassen, Butzer dagegen durch Geschmeidigkeit und Doppelsinn in Bälde Alles vereinen. Um so mehr sah sich Bullinger zur Behutsamkeit genöthigt, damit nicht aus wohlgemeinter, aber bloß scheinbarer Vereinigung größeres Uebel erwachse.

54. Bullingers Verhalten zu Württemberg, 1534.

Das sturmbewegte Jahr 1534 brachte neuen Antrieb zu Vereinigungsversuchen zwischen den beiden Zweigen der evangelischen Kirche, neue Anfeindungen von lutherischer Seite und für Bullinger neue Gelegenheit, seine Friedfertigkeit und Umsicht zu bewähren.

Mit der lebendigsten und herzlichsten Theilnahme folgte Bullinger den Kriegsereignissen im benachbarten Württemberg. Was man so gerne von Zürich aus für den seit fünfzehen Jahren vertriebenen, mit Zwingli nahe befreundeten Herzog Ulrich gethan hätte, aber wegen staatsrechtlicher

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Verhältnisse zu thun gehindert war, gelang endlich durch die kräftige Beihülfe des kühnen Landgrafen Philipp von Hessen, nämlich die Wiedereroberung seines angestammten Erblandes und die Vertreibung der Oestreicher. So gut war man in Zürich von den dortigen Kriegsbegebenheiten unterrichtet, daß am Tage des entscheidenden Treffens bei Laufen am Neckar, 13. Mai 1534, Bullinger an die beiden zürcherischen Studierenden Fries und Konrad Geßner nach Paris schreibt, jeden Augenblick erwarte man die Nachricht von einer großen Schlacht. Gegen Ende Aprils hatte der Landgraf sein Kriegsmanifest nach Zürich geschickt und an Bullinger geschrieben, man möchte es doch nachdrucken und möglichst weit verbreiten. Jetzt war bei den Staatsmännern von einem Bündnisse zwischen den evangelischen Orten der Schweiz und Württemberg die Rede. Bullinger freute sich des errungenen Sieges, um so mehr, da es der erste war seit dem Unfall bei Kappel, der von Protestanten erfochten worden. Er schrieb an die beiden Fürsten Glück wünschend und ermunterte zu einer gesunden Reformation des Landes.

„Gott unserm himmlischen Vater sei ewig Lob und Dank, schreibt er an den Landgrafen, der unser Flehen erhört und euch Sieg, Ehre und Ruhm gegeben hat und die Schmach von uns genommen, womit unsere Gegner insgemein die ewige Wahrheit Gottes verhaßt machten, indem sie sagten, bei ihr sei weder Sieg noch Glück und Heil. Gott wolle euch Weisheit, Stärke und Demuth verleihen zur glücklichen Vollendung des begonnenen Werkes, auf daß göttliche Wahrheit und allgemeine Gerechtigkeit gedeihe.“ „Eure Fürstliche Gnaden weiß ja wohl, fügt Bullinger noch bei, daß wir keine Schwärmer, Aufrührer und Verächter der heil. Sakramente sind.“

Besonders einläßlich und kraftvoll sind aber Bullingers treffliche Ermunterungsschreiben an den Herzog, der sofort und nicht ohne Hast sein Land zu reformiren begann. Ja, Gottes Wille, erinnert ihn Bullinger, fordere von ihm, gleich wie von den Jsraeliten nach der babylonischen Verbannung, seine Dankbarkeit dadurch zu bezeugen, daß er Gottes Tempel baue, nämlich die Kirche Christi, hergestellt nach Gottes Wort, jedoch weislich und mit Bedacht, weder zu schnell, noch zu langsam und durch treue Diener Gottes; dadurch werde sein Reich befestigt. „Denn unsere Predigt des Evangeliums Jesu Christi zielt wahrlich nicht auf Zerstörung und Zerrüttung guter Ordnungen, Sitten und Rechte, wie man von uns ausgibt, und nicht auf Herabsetzung der heil. Sakramente und Bewältigung des Gotteswortes, nicht auf Aufreizung des gemeinen Mannes und Verachtung der Wissenschaft - das darf uns Euer Fürstliche Gnaden zweifellos glauben - sondern auf Herstellung der Kirche und darauf, daß in dieser Alles nicht nach menschlichem Gutdünken vorgehe, vielmehr die heilige biblische Schrift allein der Richter sei.“ Rücksichtlich des heil. Abendmals bemerkt Bullinger: „Euer Fürstliche Gnaden weiß wohl, was unsere Meinung und daß wir die wahre Gegenwart Christi nicht verläugnen und nie verläugnet haben,

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doch mit dem Unterschied, daß alle fleischlichen Gedanken hingelegt und Alles geistlich, himmlisch in Anschauung und Betrachtung des Glaubens, nach Art der Sakramente - sakramentlich - zugehe, so daß der Leib Christi nicht fleischlich, sondern wahrhaft im Geiste gegessen wird von den Gläubigen, die Ungläubigen dagegen zwar das Sakrament essen, nicht aber das, was durch dasselbe bedeutet und vorgestellt wird.“ Nachdem er noch die Förderung guter Sitten, Recht und Gerechtigkeit, insbesondere auch die Pflege der Studien (Wissenschaft) ihm dringend ans Herz gelegt hat, bittet er ihn demüthig, nicht auf die geringfügige Person dessen zu achten, der dies schreibe, sondern „auf die untödtliche Wahrheit, die wahrlich Alle die erhält, die ihr trauen und auf sie bauen.“ Den Schluß macht eine eben so ehrerbietige als freimüthige Mahnung zur Demuth.

Wir begreifen, daß Manche wünschten, der Herzog möchte gerade ihn nach Württemberg berufen; doch war seine Stellung in Zürich zu bedeutend, als daß er sie auch nur auf einige Zeit hätte verlassen können. Zu großer Freude gereichte es ihm daß der Herzog neben Erhard Schnepf aus Heilbronn, Professor in Marburg, seinen edlen Freund und Gesinnungsgenossen Ambrosius Blaarer aus Konstanz, der schon in den schwäbischen Reichsstädten Memmingen, Ulm und Eßlingen Großes gewirkt hatte, zur Durchführung der Reformation berief. Hier mußte es nun, da dieser eben so entschieden zwinglisch gesinnt war, wie jener lutherisch, nothwenig zu einer Annäherung kommen zwischen den beiden Zweigen der evangelischen Kirche, zu einer gegenseitigen Anerkennung, wofern überhaupt das Wirken beider Männer für das württembergische Land ein gedeihliches werden sollte. Wirklich kam auch ein Vergleich alsbald zu Stande, wenn auch in etwas geschraubten und dennoch doppelsinnigen Schulausdrücken, dahin gehend, daß Christi Leib im Abendmal wahrhaft, das heißt: wesentlich und eigentlich (essentiell und substantiell), nicht aber quantitativ oder qualitativ oder räumlich gegenwärtig sei. Wohl zufrieden, daß man Ausdrücke gebrauchte, deren Luther in seinem Sinne sich vordem schon bedient hatte, sprach Schnepf zu Blaarer: „Könnt ihr mir so viel zugeben, so fordere ich weiter nichts!“ und ließ das eigentlich Unterscheidende, woran man sonst von lutherischer Seite so zähe festhielt, nämlich die Beifügung, daß auch die Gottlosen wahrhaft den Leib Christi essen, die er anfänglich barsch gefordert hatte, fallen. Er that dies, da Blaarer mit Bezug auf den südlichen Theil des Landes zu bedenken gab, es würde übel stehen, wenn man hier eine andere Lehre einführen wollte, als in den übrigen schwäbischen Kirchen. Blaarer, der seinerseits hier dem Frieden zu lieb sich zu Ausdrücken bequemte, welche bisdahin von Seiten der zwinglisch Gesinnten der Einfachheit wegen gemieden worden, dieselben aber doch durchaus nur im Sinne seiner bisherigen Lehre verstand und immerhin so verstehen konnte, sagte dabei dem Herzog Ulrich frei heraus: die

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zwinglisch Genannten haben keine andere Meinung als diese, worauf der Herzog gelassen erwiederte: „Nun das walte Gott! der lasse es eine gute Stunde sein! dabei soll's bleiben!“

Bullinger sagte die aufgestellte Formel nicht recht zu. „Jch vermisse darin, schreibt er seinem Vadian, Einfachheit und Klarheit und glaube, daß dadurch nur viele Streitigkeiten werden veranlaßt werden“[32]. Ueber Blaarers Gesinnung war er indeß sofort beruhigt, schon ehe dieser, genöthigt durch das Geschrei, das wie immer bei Annäherungen von beiden Seiten sich erhob, als ob er zu Luther abgefallen wäre, in einer besonderen Schrift erwies, daß dem nicht so sei; Blaarer versicherte Bullinger dessen auch brieflich aufs nachdrücklichste. Um so mehr hatte Bullinger Ursache, auf Klarheit und Einfachheit zu halten, da Butzer immer weiter ging, alle bisherigen Ausdrücke doppelsinning hin und her zu deuten, und anderwärts ausbreitete, Bullinger sei damit ganz einverstanden.

Jnzwischen drängten die politischen Verhältnisse immer stärker zu einer völligern Vereinigung hin; waren doch aus dem durch Sachsens Vermittlung mit König Ferdinand geschlossenen Frieden, welcher dem Herzog von Württemberg den Besitz seines Landes aufs neue sicherte, die zwinglisch Gesinnten, gleich den Wiedertäufern, unter dem Schmähnamen „Sakramentirer“ ausgeschlossen worden, ganz entsprechend den immer noch fortgehenden Schmähungen Luthers, und damit den größten Gefahren bloß gestellt von Seiten der kaiserlichen und päbstlichen Macht, des Schutzes völlig beraubt, dessen sich die übrigen Protestanten Deutschlands erfreuten. War dies auch für die schweizerischen Kirchen nicht von unmittelbarer Bedeutung, so ging ihnen doch die entsetzliche Lage ihrer deutschen Glaubensbrüder zu Herzen. Luther hinwieder, der freilich fortfuhr in den stärksten Ausdrücken seine Lehre vom Abendmal gegenüber allen Vermittelungen Butzers scharf hervor zu heben und sich anzustellen, als ob er immer noch meinte, die zwinglisch Gesinnten hätten nichts als „leere Zeichen“ beim heiligen Abendmale, nicht Christum, sondern bloßes Brod und Wein, schien doch, vom Landgrafen Philipp zum Frieden gemahnt, einer Verständigung nicht abgeneigt.

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55. Bullingers Entgegenkommen.

Wie gerne war Bullinger bereit auch von seiner Seite hiefür das Möglichste zu thun. Kurz gefaßt theilte er daher einerseits seinem Blaarer, anderseits Butzern mit, wie weit er glaube, ohne Beschwerung des Gewissens und ohne Verdunkelung der erkannten Wahrheit gehen zu können, und stellte ihnen frei, diese seine kurze Erklärung Luthern, Melanchthon, Schnepf, Osiander usw. zu zeigen, auch, wenn sie's gerathen fänden, sie drucken zu lassen. Da er aber sah, daß Butzern gegenüber noch einige nähere Bestimmungen nöthig seien, um jeder Mißdeutung vorzubeugen, und daß eine gemeinsame Erklärung der schweizerischen evangelischen Kirchen wünschbar sei, so versah er sein diesfälliges „Bekenntniß betreffend das Abendmal, worin gezeigt wird, wiefern wir mit Luther eine Bereinigung eingehen können“ mit einer einläßlichen Erklärung und sandte es, nachdem seine Amtsbrüder ihre Zustimmung ertheilt hatten, im November 1534 Namens der zürcherischen Geistlichen in die übrigen Schweizerstädte.

Das zürcherische Bekenntniß lautete kurz: „Der wahre Leib Christi, der für uns am Kreuze gebrochen, und sein wahres Blut, das zur Vergebung unserer Sünden vergossen worden, ist in dem Sakramente des heiligen Abendmals wahrhaft gegenwärtig und wird den Gläubigen gegeben und ausgetheilt, welche durch den Glauben den wahren Leib Christi und sein wahres Blut essen und trinken. Die vom Herrn eingesetzten Sakramente sind nämlich Sinnbilder (Symbole), Zeichen und Zeugnisse, welche die göttlichen Verheißungen und Gottes Gnadenerweisungen gegen uns nicht bloß bedeuten, sondern dieselben auch auf eine ihnen eigene Weise den Sinnen zubringen.“ Damit, sagen die Zürcher ausdrücklich, bekennen und bezeugen sie aufrichtigen Sinnes eben dasselbe, wie stets zuvor. Die nähere Erläuterung, welche zur Vermeidung jeder Zweideutigkeit beigefügt ist, spricht schon ganz klar und bestimmt diejenigen Gedanken aus, welche Bullinger auch weiterhin festhält in Bezug auf das heilige Abendmal. Die lutherischen Vorwürfe werden in ihrer Nichtigkeit gezeigt, aber ausdrücklich unter treuer Festhaltung am zwinglischen Lehrbegriffe. Christus, sagen sie, bietet sich den Gläubigen an, „da er uns inwendig durch den heiligen Geist lehrt, daß er uns durch die Aufopferung seines Leibes von dem Tode der Sünde zum Leben wiedergebracht habe;“ „denn er selbst ist das Leben gebende Brod (Joh. 6.)“, den Leib des Herrn essen heißt nichts Anders als „durch den Geist und Glauben überzeugt sein und gläubig festhalten, Jesus Christus, der Sohn Gottes, sei für uns gekreuzigt worden und habe durch die Aufopferung seines Leibes uns das Heil erworben. Diese Speise ist die Leben gebende Seelenspeise, nicht eine Speise des Leibes. Diese Speise beseelt zu aller thatkräftigen Frömmigkeit und zum ewigen Leben.“ Weiterhin zeigen sie, wie die Sinnbilder das Bezeichnete den Sinnen darstellen; daß die Ungläubigen wohl die

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Zeichen, aber nicht die Sache selbst genießen; daß nicht die äußere Handlung die Gnade bringe, sondern der Glaube, Mit der höchsten Verehrung reden sie von dem Abendmal als von dem hochheiligen Mysterium, worin Christus selbst, der wahre Hohepriester und das einige Opfer gegenwärtig sei, ebenso mit aller Hochachtung vom Predigtamt, doch ohne dem äußern Dienst eine besondere Kraft beizulegen. Feierlich erklären sie, daß sie keine andere als diese wahre und geistige Gegenwart und Darreichung, welche durch den Glauben bedingt ist, anerkennen und als Ehrenmänner und Diener Christi, die auf keines Menschen Wort geschworen, in dieser allerheiligsten Sache nur die christliche Wahrheit, und weder Täuschung oder Zweideutigkeit, noch Streit und eiteln Ruhm suchen. Mit Luther und den Seinen wünschen sie von Herzen im Frieden zu leben; nur möge er einräumen, daß der Leib Christi im Abendmal zwar wahrhaft, aber nicht fleischlich, so daß er von den Sinnen könnte empfunden werden, sondern geistlich durch den Glauben genossen werde, und daß Christus darin wahrhaft, auf eine dem Sakramente eigenthümliche Weise gegenwärtig, nach seiner menschlichen Natur aber allein im Himmel sei. Jmmerhin möge er denn seine Redensarten weiterhin gebrauchen, gleichwie sie bei den ihrigen verbleiben. Um nicht neuen Jrrthum zu pflanzen, halten sie in diesen gefahrvollen Zeiten für nöthig, sich der größten Deutlichkeit zu befleißen.

Wir sehen, wie willig Bullinger war zum Entgegenkommen, so weit es ihm möglich war, ohne seine längst gewonnene und wohl begründete Ueberzeugung zu verleugnen.

Sofort fand dieses zürcherische Bekenntniß die freudigste Zustimmung in Basel, Schaffhausen und St. Gallen; die Basler fanden es ganz übereinstimmend mit ihrer im Januar dieses Jahres augestellten und von allen Bürgern beschwornen Basler Confession[33] und ihren neulich den Straßburgern gegebenen Erklärungen. Nur den Bernern mißfielen einige der gebrauchten Ausdrücke, wiewohl auch sie anerkannten, daß der wahre Leib Christi im Abendmal wahrhaft den Gläubigen gegenwärtig sei. Sie fürchteten, man irre von Zwingli's einfacher Lehre der Wahrheit ab, besonders könnte durch den Ausdruck „der Leib Christi werde ausgetheilt“ bei den Nachkommen die Wahrheit verdunkelt werden. Bullinger, von Leo Judä und Bibliander, sowie von Basel aus durch Myconius aufs lebhafteste unterstützt, suchte ihnen zu zeigen, daß dies aufgestellte Bekenntniß nicht im mindesten von Zwingli's Meinung abweiche, indem der ihnen anstößige Ausdruck nichts Anderes sage, als was auch sie selbst anerkennen, daß Christus sich wahrhaft

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mittheile, nämlich den Gläubigen; eben durch diesen Beisatz sei man gegen das Jrrige der lutherischen Lehre gesichert usw.

Nachdem man im Januar 1535 durch mehrere zum Theil scharfe, doch nicht feindselige Briefe sich zu verständigen gesucht, wurde im April eine Konferenz nach Zofingen angeordnet; doch das plötzliche Gerücht, die Zuger stehen in den Waffen, die Bergkantone wollen Zürich überfallen, hinderte den zürcherischen Abgeordneten Leo Judä an der Abreise; Bertold Haller, der trotz seines beschwerlichen Körpers die Reise gemacht, mußte unverrichteter Sache nach Bern zurück kehren. Endlich verständigte man sich zu Ende Aprils 1535 völlig auf einer Konferenz in Brugg, der Leo Judä von Seiten Zürichs und Megander von Seiten Berns beiwohnte.

„Nur keine Spaltung unter uns, schreibt Bullinger bei diesem Anlaß an Myconius; gern will ich dafür Alles thun!“ Darauf sehen wir nun fortan sein Augenmerk gerichtet, daß nicht, während man mit den Fernen sich auszugleichen strebe, im Jnland irgend ein Zwiespalt erwachse.

Jnzwischen schrieb Butzer im Dezember 1534 plötzlich eine Konferenz von Geistlichen der oberdeutschen Städte Ulm, Augsburg, Konstanz, Memmingen, Lindau, Jsny, Kempten und Biberach nach Konstanz aus, er lud auch Bullinger dazu ein; dieser, durch Unwohlsein und Unwetter ohnehin verhindert, übersandte das so eben von Zürich, Basel, Schaffhausen und St. Gallen unterzeichnete „Bekenntniß betreffend das Abendmal.“ Um so lieber begnügte er sich damit, da die Zürcher darin so weit als nur irgend möglich der lutherischen Lehre entgegen gekommen und daher entschlossen waren, jedenfalls keinen Schritt weiter zu gehen; zudem war die Zeit zu kurz, als daß man die zur Sendung von Abgeordneten erforderliche Verständigung mit den übrigen schweizerischen Orten gehörig hätte treffen können[34]. Die in Konstanz Versammelten, obgleich sie, geleitet von Butzer, der ihnen Luthers Hartnäckigkeit vorstellte, und gedrängt durch ihre gefahrvolle politische Lage, ein von Butzer aufgesetztes, künstlich gewundenes Bekenntniß unterzeichneten, das Luthern noch mehr entgegen zu kommen schien, die Zugeständnisse aber doch wieder durch Einschränkungen milderte oder aufhob, bezeugten in einer gar freundschaftlichen Zuschrift an Bullinger und die Seinigen ihre Billigung des zürcherischen Bekenntnisses. Es ist, als klänge fast ein Seufzer darüber durch, daß sie selbst noch größere Rücksichten zu nehmen hätten auf anders Gesinnte. Sie versprechen auch in ihrer Zuschrift, ohne ihre evangelischen Brüder in der Schweiz in der so wichtigen Vereinigungssache nichts vorzunehmen.

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Sechs Tage blieben sie beisammen; Butzer indeß sah sich schon am zweiten zur Abreise genöthigt, da der Landgraf von Hessen ihn eilends nach Kassel rief zu einer Konferenz mit Melanchthon.

56. Capito in Zürich, 1535. Besprechung in Aarau.

Wie übel sah sich aber Bullinger belohnt für sein gutmüthiges und bereitwilliges Entgegenkommen! Abgesehen von der Schwierigkeit, die sich anfangs von Seiten der Berner erhoben hatte, genügte er Butzern nicht, zu dessen vieldeutigen, mannigfach gewundenen Redeweisen er sich Gewissens halber nie und nimmer verstehen konnte, wie sehr auch Butzer fortfuhr in ihn zu dringen und dabei zu betheuern, daß er seiner bisherigen zwinglischen Ansicht nicht untreu geworden. Von lutherischer Seite aber verdunkelte sich die Aussicht auf Friedfertigkeit und etwelche Nachgiebigkeit mehr wie je, Luther that aufs neue in mehreren Schriften die feindseligsten Ausfälle gegen die zwinglisch Gesinnten, stellte seine Lehre wo möglich noch schroffer als je zuvor hin, behandelte den zürcherischen Gelehrten Pellican, der sich in einem wohlwollenden Schreiben an ihn wandte, verächtlich und verunglimpfte namentlich das Andenken an den gottselig entschlafenen Oekolampad, der Bullingers Herzen so überaus theuer war, indem er unter schimpflicher Zusammenstellung deutlich genug zu verstehen gab, als ob er vom Satan jählings umgebracht worden [35]. Zudem kam, daß namhafte Anhänger Luthers, wie Amsdorf, Schnepf, Brenz sich ebenfalls in Verunglimpfungen immer ungescheuter ergingen.

Dies Alles, namentlich aber Oekolampads Schmach, schien denn doch mehr als man stillschweigend übersehen durfte. Bullinger berief daher im August 1535 die Stadtgeistlichen und Dekane zusammen, um zu berathen, wie man sich diesen Spottreden und Anfeindungen gegenüber verhalten wolle. Einmüthig entschloß man sich, in einer Vertheidigungsschrift sich dagegen zu verwahren und vor aller Welt Rechenschaft von dem in Zürich geltenden schriftmäßigen Christenglauben abzulegen. Diese Schrift sollte in deutscher und lateinischer Sprache verfaßt, nachdem sie vom großen Rathe genehmigt worden, gedruckt und namentlich dem Herzog Ulrich von Württemberg und Landgrafen Philipp von Hessen offiziell überbracht werden.

Kaum hatte man in Straßburg hiervon gehört, so eilte Capito, scheinbar zufällig, herbei und bat die Zürcher aufs dringendste, einstweilen davon abzustehen, schon seien viele Fürsten und Gelehrte auf dem Punkte den unglückseligen Abendmalsstreit zu erledigen, eine solche Schrift würde Alles zu nichte machen und ein Feuer entzünden, das kaum wieder gelöscht werden könnte;

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Luther sei eben von heftiger Gemüthsart, zudem auch durch Zwischenträger falsch berichtet und aufgereizt worden; sollte Zürich etwa schon Druckkosten gehabt haben, so anerbiete Straßburg vollen Ersatz. Man entgegnete ihm, schon lange habe man zu Allem geschwiegen, nicht ohne Gefahr, der lautern Wahrheit zu viel zu vergeben, und sich von solchen Friedenshoffnungen hinhalten lassen, die immer wieder zerronnen seien, während die Gegner ihre Feindseligkeiten fortsetzten [36]. Mit Mühe brachte Capito die Zürcher dahin, vom Drucke ihrer schon fast vollendeten Schutzschrift einstweilen abzustehen, unter der Bedingung, daß die Schmähungen Schnepfs und Brenzs unterblieben.

Bullinger erstattete darüber am 31. August 1535 umständlichen Bericht an Myconius und schrieb am nämlichen Tage seinen ersten Brief an Melanchthon, welcher den Anfang eines Jahre lang fortgesetzten Briefwechsels bildet. Sehr höflich und bescheiden entschuldigt er sich, daß er nunmehr an ihn zu schreiben wage, was er schon seit Jahren im Sinne gehabt. „Jch weiß wie arg wir leider bei euch verschrieen sind; dennoch schreckt mich der gegen uns vorhandene Argwohn nicht davon ab. Denn du wirst, falls nicht alle deine Schriften trügen, nicht anders können als uns mit herzlicher Liebe umfassen, so wie du dich davon überzeugst, daß unsere Gesinnung und Lehre recht und schriftmäßig sei. Fürwahr wir sind nicht solche Menschen, wie man uns euch vormalt; nicht Gottes, der Sakramente, der bürgerlichen Ordnung und aller Lutheraner geschworne Feinde. Wir haben den Herrn Jesum Christum wahrhaft und von Herzen lieb und verlangen darnach, mit euch vereint, die wahre Religion, jeglich würdige und gläubige Wissenschaft, die gerechte Staatsordnung zu fördern und zu kräftigen selbst mit Hingabe unseres Lebens. Drum weiset uns nicht zurück, die wir Gott und euch, unsere christliche Religion und alle guten Sitten aufrichtig lieben. Wir sind ja mit euch Diener und Glieder eines und desselben Herrn und Erlösers! An Dr. Martin Luther meine Empfehlung; der von Augsburg an ihn gesandte Dr. Geryon Sailer hat uns wissen lassen, wie freundlich er unser erwähnt habe. Der Gott des Friedens und der Eintracht gebe uns Allen, daß wir jeglichen Hader und Argwohn bei Seite legen und gemeinsam den Ruhm unseres Herrn Jesu Christi fördern trotz allem Prangen des Antichrists!“

Man sieht, wie emsig Bullinger auch jetzt noch bemüht war, den Boden zu ebenen für die Saat des Friedens. Gerade um des Friedens willen hatte er dermalen, wie er einem Freunde meldet, besser gefunden an Melanchthon zu schreiben, als an Luther.

Wirklich eröffneten sich neue Aussichten zu einer Verständigung durch die günstige Aufnahme, die der so eben erwähnte Augsburger (im Juli 1535)

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bei Luther fand, und durch Luthers Schreiben (im October und November) an die Straßburger, worin er sich zum Frieden ganz bereit erklärte, man solle nur eine Zusammenkunft ansetzen. Zudem handelte es sich unter den deutschen Protestanten eben um die Erneuerung des schmalkaldischen Bundes (im Decemer 1535) und um dessen Erweiterung, wobei unter andern Württemberg und die Städte Augsburg, Frankfurt, Kempten Aufnahme finden sollten. Um so mehr mußte eine Ausgleichung höchst wünschbar erscheinen. Jnsbesondere aber glaubte man die Eröffnmung eines allgemeinen Concils, dessen bereits erwähnt worden, nahe bevor stehend.

Zu einer vorläufigen Besprechung darüber, wie man bei der Einladung zu einem allgemeinen Concil sich verhalten und woran man bei einer bevorstehenden größeren Zusammenkunft in Betreff einer Vereinigung mit Luther festhalten wolle, kamen daher im December 1535 die Basler Myconius und Grynäus mit den Zürcherischen Geistlichen Leo Judä, Pellican und Bibliander in Aarau zusammen; sie vereinigten sich auf eine etwas einfachere Formel zumal mit Rücksicht auf die Berner, nämlich: „Jn dem geheimnißvollen (mystischen) Male des Herrn wird der für uns in den Tod dahingegebene Leib Christi und sein zur Vergebung unserer Sünden am Kreuze vergossenes Blut von den Gläubigen wahrhaft gegessen und getrunken, zur Stärkung der Seele und zum Wachsthum des geistlichen Lebens.“ Bullinger, der die zürcherischen Abgeordneten mit Instruction versehen hatte für diese Versammlung, ertheilte auch zu dieser Formel seine Zustimmung. Den Bernern, von welchen wegen der Kürze der Zeit niemand eingetroffen war, wurde dieselbe übersandt nebst Erläuterung, warum man sich dieser Ausdrücke bedient habe. Dennoch fanden die bernischen Geistlichen Einiges noch zu wenig einfach, äußerten indeß selbst den Wunsch nach einer neuen, allgemeinen Zusammenkunft.

57. Erste schweizerische Confession, in Basel, Februar 1536.

Diese allgemeine Zusammenkunft der schweizerischen Geistlichen aus den verschiedenen evangelischen Orten kam vorzüglich durch Basels Antrieb zu Stande, und zwar unter Vorwissen und Mitwirkung der Regierungen, für welche sowohl das Verhalten in Bezug auf ein allgemeines Concil, als das angestrebte Versöhnungswerk mit den Lutherischen auch in politischer Beziehung von großer Bedeutung war, gleichwie in Deutschland alle derartigen Verhandlungen für die zum schmalkaldischen Bunde gehörigen Stände. Bullinger und Myconius berieten brieflich den Gang der vorzunehmenden Geschäfte. Ob die Straßbuger sollten eingeladen werden oder nicht, kam dabei auch in Frage. Je heftiger Butzer darnach begehrte, desto mißlicher schien es. Bullinger schreibt daher, er wolle nicht, daß die Straßburger von Anfang dabei seien; sonst werde nichts daraus, „denn ein wild Gehäck“, ein

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unlauteres Gewirr, zumal wegen ihres Wortschwalls und ihrer steten Zweideutigkeiten; auch möchten sie wohl durch Erregung von mancherlei Besorgnissen über die gefährliche Lage der reformirten Schweiz auf den Fall, daß die Vereinigung mit Luther nicht zu Stande käme und daher ein näheres Verhältniß zum schmalkaldischen Bunde nicht eintreten könnte, auf die Rathsboten einzuwirken, sie von der beharrlichen Behauptung der lauteren Wahrheit wegzulocken und zur Verdunkelung derselben hinzudrängen suchen. Jndeß erkannte er, daß man bei ihrem Drängen zugelassen zu werden, sie nicht gänzlich werde ausschließen können. Doch erklärte Bullinger Butzern brieflich zum voraus, er solle sich nicht schmeicheln, die schweizerische Kirche je zur lutherischen Lehre hinüber zu ziehen, nie und nimmer werden sie eine solche Vereinigung eingehen und eben so wenig eine Vereinigung durch doppelsinnige Redensarten erkaufen. Er sandte ihm zugleich Zwingli's letzte, noch ungedruckte Schrift.

Nach all diesen Vorbereitungen traten nun am 30. Januar 1536 im Augustiner Kloster zu Basel die weltlichen Abgeordneten und die Geistlichen der evangelischen Kantone und ihrer Verbündeten zusammen. Letztere waren: Bullinger und Leo Judä von Zürich, Megander von Bern, Myconius und Grynäus von Basel, Ritter und Burgauer von Schaffhausen, Fortmüller von St. Gallen und Gemuseus von Mühlhausen (im Elsaß); von Biel und Konstanz waren keine Geistlichen, wohl aber Rathsboten zugegen.

Einmüthig beschloß man die Abfassung eines Glaubensbekenntnisses, das man nöthigen Falls einem allgemeinen Concilium vorlegen, zu dem man in der Folgezeit stehen, an das man sich halten könne. Dabei wurde auch der Uneinigkeit der evangelischen Kirchen rücksichtlich des Abendmals gedacht. Mit der Ausarbeitung wurden beauftragt Bullinger, Myconius und Grynäus. Fast waren sie mit ihrer Arbeit zu Ende, als von Straßburg Butzer und Capito anlangten und dringend baten, man möchte doch zumal beim Artikel vom Abendmale auf die mit Luther zu erlangende Vereinigung noch besondere Rücksicht nehmen. Nun wurde Leo Judä und Megander den Obgenannten auch noch beigegeben. Man verhandelte aufs neue besonders über die Artikel vom freien Willen, vom eigentlichen Ziel und Zweck evangelischer Lehre, vom Dienst des göttlichen Wortes, von der Kraft und Wirkung der Sakramente. Butzer entwickelte seine ganze Liebenswürdigkeit und Gewandtheit. Auf den dringenden Wunsch der Straßburger wurden namentlich bei der letztgenannten Lehre, nicht ohne Widerstreben z.B. von Seiten Bullingers, einige Ausdrücke augenommen, die sie für höchst dienlich hielten, um Luthers Zustimmung zu gewinnen. Bullinger verstand sich dazu um des Friedens willen, obgleich er besorgte, sie möchten etwa späterhin mißdeutet werden in einem der zwinglischen Lehre zuwider laufenden Sinne.

Nachdem der lateinische Entwurf von sämmtlichen Geistlichen noch

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durchgangen und verbessert worden, erhielt Leo Judä den Auftrag ihn ins Deutsche zu übersetzen. Diese Uebersetzung, die nun als Urtext erklärt wurde, ward sodann auf dem Rathhause zu Basel am 4. Februar 1536 in Gegenwart der sämmtlichen weltlichen und geistlichen Abgeordneten vorgelesen, und von ihnen unter Vorbehalt der Zustimmung ihrer Obern genehmigt und mit den Namen aller Anwesenden versehen. Dabei wurde auch Butzers und Capito's Mitwirkung und Beistimmung ausdrücklich angemerkt. Dies ist das erste schweizerische oder zweite baslerische Glaubensbekenntniß, kurz und ansprechend in 27 Artikeln verfaßt, unter uns viel zu wenig gekannt.

Wir heben nur heraus, was für die weitere Darstellung von Bullingers Verhalten unentbehrlich erscheint. Von den Sakramenten heißt es: „Sie sind bedeutliche heilige Zeichen hoher Geheimnisse, nämlich göttlicher und geistlicher Dinge, deren Namen sie auch tragen, sind aber nicht bloße und leere Zeichen, sondern bestehen in Zeichen und wesentlichen Dingen. Denn in der Taufe ist das Wasser das Zeichen, das Wesentliche und Geistliche aber ist die Wiedergeburt und Aufnahme in das Volk Gottes. Jm Nachtmale oder der Danksagung sind Brot und Wein Zeichen, das Wesentliche und Geistliche aber ist die Gemeinschaft des Leibes Christi, das Heil, das am Kreuz erobert ist und Vergebung der Sünden. Diese wesentlichen, unsichtbaren und geistlichen Dinge werden im Glauben, gleichwie die Zeichen leiblich empfangen, und in diesen wesentlichen und geistlichen Dingen besteht die ganze Kraft, Wirkung und Frucht der Sakramente. Deshalb bekennen wir, daß die Sakramente nicht allein äußere Zeichen christlicher Gemeinschaft seien, sondern wir bekennen sie für Zeichen göttlicher Gnaden, durch welche die Diener der Kirche dem Herrn mitwirken zu dem Vornehmen und Ende, das er uns selbst verheißt, anbietet und kräftig verschafft, doch so, daß alle heilbringende und seligmachende Kraft Gott dem Herrn allein zugeschrieben wird.“

Ueber das heil. Abendmal insbesondere wird gesagt: „Vom heil. Abendmal halten wir, daß der Herr darin seinen Leib und sein Blut, das ist: sich selbst den Seinen wahrhaft anbietet, und zu solcher Frucht zu genießen gibt, daß er je mehr und mehr in ihnen und sie in ihm leben. Nicht daß der Leib und das Blut des Herrn mit Brot und Wein natürlich vereinbart oder räumlich darin verschlossen oder daß eine leibliche, fleischliche Gegenwärtigkeit hier gesetzt werde, sondern daß Brot und Wein, kraft der Einsetzung des Herrn hochbedeutende, heilige Wahrzeichen seien, durch die von dem Herrn selbst durch den Dienst der Kirche die wahre Gemeinschaft des Leibes und Blutes Christi den Gläubigen vorgetragen und angeboten werde, nicht zu einer hinfälligen Speise des Bauches, sondern zu einer Speise und Nahrung des geistlichen und ewigen Lebens, u.s.w.“

„Deshalb legt man uns gar unbillig zu, als ob wir den hohen Wahrzeichen zu wenig beimessen. Denn diese heil. Zeichen und Sakramente sind heil. und ehrwürdige Dinge, als die von Christo, dem Hohenpriester, eingesetzt

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und gebraucht werden. Sie tragen uns dermaßen, wie oben gesagt ist, die geistlichen Dinge, die sie bedeuten, vor und bieten sie an. Sie geben von den geschehenen Dingen Zeugniß. Sie bilden uns an und stellen uns dar so hohe, heilige Dinge, und durch eine besondere Aehnlichkeit mit den Dingen, die sie bedeuten, bringen sie ein großes und herrliches Licht in die heiligen und göttlichen Geheimnisse. So hoch und theuer halten wir von den hochbedeutenden Wahrzeichen; jedoch legen wir die lebendigmachende und heilbringende Kraft allweg dem allein zu, der allein das Leben ist. Dem sei Lob in Ewigkeit!“

Am Ende der Confession findet sich noch folgende bemerkenswerthe Erklärung: „Diese Artikel sind von uns, den Dienern des Wortes, nicht in der Meinung aufgestellt, daß wir gerade dies allen Kirchen aufdrängen und ihnen hiermit vorschreiben wollten, oder daß wir jemand in Worten fangen und zu einer besonderen Art zu reden, die den Kirchen unnütz und unverständlich, zwingen möchten, sondern daß wir nunmehr also unsern Glauben und Verstand (Verständniß) von wahrer christlicher Religion haben aussprechen, bekennen und gegen einander erklären wollen. Uebrigens bekennen wir vorab, daß die heilige biblische Schrift allein die allgemeine und untrügliche Richtschnur sei in Angelegenheiten des Glaubens, um recht und wahrhaft zu richten und zu handeln.

Darum mögen wir's auch wohl leiden, so jemand sich anderer schriftmäßiger Worte bedient, als wir hier gebraucht haben, und heiterer, verständlicher und den Kirchen nützlicher hievon reden und schreiben kann; doch daß er in der Substanz der Religion mit uns halte heiliger biblischer Schrift gemäß. Mit Solchem wollen wir wohl zufrieden sein.

Hinwieder so jemand uns unsere Confession durch Mißverstand der Worte würde fälschen, und dieselbe auf eine irrige, falsche Meinung wider ihren Sinn und gesunden Verstand ziehen, behalten wir uns allweg vor, den einfachen, gesunden Verstand zu retten und vorzutragen, damit Gott und seine Wahrheit zu allen Zeiten den Preis davon trage und siege. Amen.“

So war denn das Band der evangelischen Kirchengemeinschaft sichtbar geknüpft, das die schweizerisch reformirten Kirchen schon seit Jahren umschlungen hatte. Ein Zeugniß war aufgestellt, das ihnen selbst eine bestimmte Versicherung ihrer Zusammengehörigkeit und ihrer Glaubenseinigkeit gewährte, und das nach außen hin, je nachdem die Umstände es erforderten, gebraucht werden konnte, sowohl gegenüber der römischen Kirche, als bei Berührungen mit den lutherischen Glaubensbrüdern.

Diese Einigkeit der schweizerischen Kirchen erquickte noch das Herz des bernischen Reformators Bertold Haller auf seinem Sterbelager.

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58. Herausgabe von Zwingli's letzter Schrift. Genehmigung der Confession, März 1536.

Als Bullinger nach Hause zurück kam, fand er ein Knäblein vor, das ihm mittlerweile geboren worden, seinen zweiten Sohn. Doch durfte er nicht an Ruhe denken. Denn nun erst galt es dem aufgestellten Bekenntnisse, von dem zu erwarten war, daß es etwa da und dort wie ein fremder Gast erscheinen werde, überall Eingang und willige Aufnahme zu verschaffen. Da nun alle Geistlichen, Staatsmänner und übrigen Glieder der Kirche an Zwingli hingen, als an dem Vorkämpfer des evangelischen Glaubens, indem sie nichts Anderes wußten, als daß er die rechte, reine evangelische Lehre verkündigt habe, so war die freudige Anerkennung des jetzigen gemeinsamen Bekenntnisses wesentlich dadurch bedingt, daß man es erkenne als das, was es wirklich war, nämlich als ächte Darlegung der von ihm erkannten und gepredigten, einfachen, christlichen Wahrheit und gesunde Vertiefung seiner Lehrweise. Bullinger gab daher sofort diejenige Schrift Zwingli's heraus, die bisdahin noch unbekannt geblieben, von ihm aber mit Recht als die letzte, reifste Frucht von Zwingli's ernster Erforschung der christlichen Wahrheit betrachtet wurde, die er deshalb auch kurz vor der Abfassung der schweizerischen Confession handschriftlich an Butzer übersandt hatte. Es ist dies „die kurze Erklärung des christlichen Glaubens“, die Zwingli wenige Monate vor seinem Tode für Franz I. verfaßt hatte[37]. Bullinger versah sie mit einer ganz kurzen Vorrede, in der er den hohen Werth dieser gedrängten, kernhaften Auseinandersetzung des Christenglaubens betont, die so hell und lieblich klinge, gleich als Zwingli's Schwanengesang: „Solchen großen Schatz, christlicher Leser, haben wir dir nicht wollen vorenthalten; nimm, fügt Bullinger vorsichtig bei, was dir redlichen Sinnes geboten wird, mit lauterem Gemüthe auf!“

Keine Täuschung! war Bullingers Losung bei all den obschwebenden Verhandlungen. Eben dazu war die Herausgabe dieser zwinglischen Schrift gerade im jetzigen Zeitpunkte völlig geeignet. Einerseits konnte sie bei den Freunden der irrigen Befürchtung begegnen, als ob man von Zwingli abgewichen und zu Luther übergetreten wäre, anderseits, wenn etwa derselbe Ruf in lobendem Sinne von lutherischer Seite sich erheben sollte, Luther und die Seinigen vor der Täuschung bewahren, als ob die schweizerischen Kirchen jemals dahin gebracht werden könnten, durch Preisgebung Zwingli's eine Vereinbarung mit den Lutherischen zu erkaufen oder von ihrem bisherigen Standpunkte in Rücksicht der Abendmalslehre zu weichen. Das nämliche, doppelte

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Streben bewog gleichzeitig den Myconius, Bibliander bei der Herausgabe von Zwingli's und Oekolampads Briefwechsel, der über die jetzige Hauptfrage so Vieles enthielt, namhaft zu unterstützen. Eben dahin zielten Vadians treffliche Aphorismen über das heilige Abendmal, die um eben diese Zeit heraus kamen, in denen er mit edler Einfachheit die Bedeutung der Sakramente darlegt.

Solche Bemühungen blieben nicht erfolglos. Aller Orten fand die Confession willige Aufnahme, wenn auch im Einzelnen noch einige Verbesserungen verlangt wurden, namentlich von Zürich aus die Beifügung des schon angeführten Schlußsatzes. Zu seiner großen Freude konnte Bullinger schon in der Mitte des Februar an Butzer schreiben: „Es läßt sich nicht beschreiben, mit wie innigen Segenswünschen und Danksagungen gegen Gott man die Confession hierorts aufgenommen hat, nicht nur wegen der unter uns zu Stande gekommenen Einigung und der Gemeinschaft mit euch, sondern namentlich auch deshalb, weil du uns so bestimmt die fröhliche Aussicht eröffnet hast, es werde Luther, Melanchthon, Osiander und die übrigen frommen und tapfern Verfechter des Evangeliums nichts Weiteres von uns verlangen. O welch ein Glück für mich, wenn ich den Tag erlebe, an dem du mir die sicheren Zeugnisse darüber vorlegen kannst! Jch hoffe aber, der gnadenreiche Gott werde uns nach seiner Barmherzigkeit ansehen und jenen Männern ihre Herzen erweichen, daß sie anfangen mögen auch uns mit wahrer Liebe zu umfassen, wie wir allen Argwohn aus unsern Herzen verscheuchen und sie herzlich lieben werden, ob sie's wollen oder nicht. Helfet doch nur (setzt Bullinger deutsch bei), daß sie uns auch freundlich seien und uns schreiben; das wollen wir ihnen auch thun. Stellet die Schmäher in Wittenberg ab. Da geht's nun gar zu grob zu. Jhnen muß von den Unsern nichts Verdrießliches mehr geschehen, sondern was ihnen lieb und dienlich ist.“

Am 27. März 1536 traten aufs neue Abgeordnete in Basel zusammen, bloß Rathsboten, um im Namen ihrer Kantone die Confession förmlich zu ratificiren. Von Geistlichen war niemand zugegen, als Capito, der sich ohnehin gerade in Basel befand. Die Gesandten von Zürich, Bern, Basel, Schaffhausen, St. Gallen, Mühlhausen und Biel erklärten, daß ihre Herren und Oberen das aufgestellte Glaubensbekenntniß einhellig genehmigen „mit großer Danksagung gegen Gott unsern himmlischen Vater, daß er dieses heilige Werk durch seine Gnade so reichlich bei uns Allen gefördert hat.“ Demgemäß wurde die erste schweizerische Confession von sämmtlichen schweizerischen Abgeordneten unterzeichnet, und beschlossen, kein Stand solle irgend etwas daran ändern ohne Vorwissen der übrigen.

Die Straßburger und Konstanzer, nun erst zur Versammlung zugelassen, erklärten, daß sie dem wesentlichen Jnhalte der Confession, als völlig überein stimmend mit ihrem vierstädtischen Bekenntnisse, beipflichten, dieselbe aber deshalb nicht unterzeichnen, weil sie mit andern Fürsten, Herren und

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Städten dem Kaiser ihr Bekenntniß übergeben haben und ohne deren Vorwissen nichts thun dürfen. Obgleich, wie wir wissen, Capito und Butzer selbst bei der Abfassung der schweizerischen Confession mitgeholfen hatten, wurde nun von Seiten Straßburgs der Vorschlag gemacht, die schweizerischen Kirchen möchten statt dieses neu aufgestellten Bekenntnisses sich an das schon 1530 von den vier Städten (Straßburg, Konstanz, Memmingen und Lindau) auf dem Reichtstage zu Augsburg überreichte Bekenntniß anschließen (s. Christoffels Zwingli Abth. 1, S. 326, f.). Aus Liebe zum Frieden trat man selbst jetzt noch darauf ein. Man gestattete, daß Straßburg jedem Stande dies Bekenntniß der vier Städte zur nähern Einsicht übersende, und beschloß zugleich ebenfalls dem Wunsche Straßburgs gemäß die helvetische Confession einstweilen nicht drucken zu lassen[38]. Letzteres geschah ebenfalls aus Neigung zum Frieden, um bei den bevorstehenden Verhandlungen mit den Lutherischen rücksichtlich der einzelnen Ausdrücke desto weniger zum voraus gebunden zu sein und somit das Vereinigungsgeschäft um so mehr zu erleichtern. Hinwieder empfahl man den Straßburgern, bei der nächsten Versammlung der christlichen deutschen Stände, die Schweizer „als Hausgenossen Eines heiligen Glaubens in Treuen anzuzeigen.“ Die Straßburger versprachen es.

Somit ward nun auch Bullinger veranlaßt, sich über das Bekenntniß der vier Städte öffentlich förmlich auszusprechen. Er fand es so völlig mit der schweizerischen Confession überein stimmend, daß auf seinen Rath und Antrieb die Zürcher ihre förmliche Beistimmung zu demselben aussprachen durch die Erklärung: „sie mögen dasselbe wohl dulden und in rechtem christlichem Verstand annehmen“[39]. Doch wies er es begreiflich als arge Lüge zurück, als in Schaffhausen deshalb ausgestreut wurde, Zürich sei zum Lutherthum abgefallen, weil es dem Bekenntnisse der vier Städte beipflichte.

Andere Stände hatten indeß gegen eine förmliche Zustimmung zu dem Bekenntniß der vier Städte Bedenken, und so unterblieb sie.

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59. Einladung nach Eisenach. Wittenberger Artikel. Mai 1536.

Schon im Januar hatten die Straßburger den Wunsch ausgesprochen, die schweizerischen Kirchen möchten, wofern eine kirchliche Versammlung behufs einer Vereinigung mit den Lutherischen zu Stande käme, sich ebenfalls dabei betheiligen, indem gute Aussicht vorhanden sei, daß Luther von seiner früheren Schärfe nicht wenig ablasse.

Gegen Ende Aprils sandte nun der Rath von Basel ein straßburgisches Schreiben nach Zürich, welches die Anzeige enthielt, daß am 14. Mai in Eisenach eine Zusammenkunft Luthers mit verschiedenen evangelischen Geistlichen Statt finden werde zur Vereinbarung über das Abendmal, und den Wunsch aussprach, daß von Seiten der schweizerischen Kirchen namentlich Bullinger von Zürich und Bürgermeister Vadian von St. Gallen abgeordnet würden. Zugleich lud Basel die schweizerischen Orte auf den 1. Mai zu einer gemeinsamen Berathung nach Aarau ein. Der Rath in Zürich ließ sich sofort von den zürcherischen Geistlichen ein Gutachten darüber einreichen, ob eine Abordnung nach Eisenach rathsam und nützlich wäre. Die Antwort fiel in ablehnendem Sinne aus; „das freundliche und gewaltige Gespräch zu Marburg“ (1529) habe bei Luther wenig ausgerichtet; über das Abendmal sei bereits so viel und gründlich geschrieben, daß sich von einer mündlichen Erörterung nicht mehr hoffen lasse; Luther könnte sich daran genügen lassen; ohnehin sei, wie die Straßburger selbst anerkennen, die Zeit zu kurz, um eine allfällige Jnstruction mit den übrigen Schweizerkirchen gehörig durchzuberathen; namentlich aber bemerkte man, daß die beabsichtigte Versammlung zu Eisenach nicht ordentlich von geordneter Obrigkeit, von Fürsten, Städten oder Ständen, sondern nur von besonderen Personen und Gelehrten sei angeordnet worden und an die Schweizer nicht einmal von Luther selbst oder in seinem Auftrage eine Einladung gelangt sei. Man könne sich die großen Kosten also wohl ersparen, den Straßburgern schriftlich das Nöthige mittheilen und ihnen die Sache übertragen, da sie sich ebenfalls dazu bereit erklärt und versprochen hatten, ohne Vorwissen der Schweizer wider unsere Confession gar nichts anzunehmen oder einzugehen.

Mit diesem Gutachten völlig einstimmig war die Versammlung der Rathsboten in Aarau am 1. Mai. Man schrieb den Straßburgern gar freundlich, wie sehr man nach Eintracht mit Luther verlange, übersandte ihnen zu Handen Luthers die schweizerische Confession, „guter Hoffnung, wofern Luther und die Seinigen dieselbe ernstlich erwägen, werden sie wohl sich zufrieden geben,“ bat sie aus den angegebenen Gründen das Wegbleiben schweizerischer Vertreter zu entschuldigen und aus allen Kräften jeden fernern Streit zu verhüten. Schließlich verlangte man, daß sie von den Verhandlungen zu Eisenach unverzüglich Bericht einsenden sollten.

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Bullinger richtete überdies an Butzer und Capito ein Privatschreiben, worin er seine Sehnsucht nach Frieden in vollem Maße kund gibt. „Luther, heißt es unter andern, lieben wir von Herzen als einen theuerwerthen Bruder im Herrn; wir verehren ihn als einen auserwählten Diener Christi, durch dessen Dienst der Herr gar Großes in der Welt vollführt hat; wir schätzen ihn als einen vorzüglich frommen und gelehrten Mann, der wahrhaft groß sich erwiesen in der Erneuerung der Kirche und sich um die Religion und die Wissenschaft die größten Verdienste erworben. Daher wünschen wir nichts sehnlicher, als in heiliger Eintracht zu stehen mit ihm und den ausgezeichneten Männern in seiner Umgebung. Wir sind nicht so verblendet, daß wir nicht merken sollten, daß der Verdacht, wir seien zwieträchtig, den Feinden des Evangeliums höchst willkommen ist und das gewaltigste Hinderniß bildet für den Fortschritt des Evangeliums. Auch sind wir nicht so gottlos und kriegslustig, daß wir nicht den Frieden lieber wollen als den Krieg, und daß ein solches Aergerniß aus der Kirche entfernt werde. ... Jhr wisset am besten, daß wir von gewissen Lehren, die man uns zuschreibt, weit entfernt sind. Wir bitten euch daher, liebe Brüder, um Christi willen, der unser ewiges Sühnopfer ist, unser einige Hohepriester, der Richter über die Lebendigen und Todten, daß ihr in euerer Zusammenkunft für die Wahrheit und für uns euer Zeugniß ablegt, und daß ihr uns und unsere Kirchen unserm theuren Bruder Doctor Luther und allen seinen Mitarbeitern aufs beste empfehlet. Wir wollen inzwischen unermüdlich Gott bitten, daß er, was etwa von Zwist zwischen ihnen und uns eingetreten, gänzlich aus den Herzen vertreibe und uns mit einem heiligen Bande unauflöslicher Bruderliebe verknüpfe, auf daß wir, den Feinden Christi furchtbar, muthvoll und mit bestem Erfolge den Rest des widerchristlichen Heeres schlagen und Christi Reich so weit nur möglich ausbreiten mögen. Es sei; es sei! Lebet wohl in Christo usw.“

Doch nur zu bald zeigte sich's, wie viel Ursache die schweizerischen Kirchen gehabt hatten, in Rücksicht der nur durch Butzer an sie ergangenen Einladung zur Beschickung der beabsichtigten Zusammenkunft vorsichtig zu sein.

Es ist bereits erwähnt worden, daß es sich um eine Erneuerung und Erweiterung des schmalkaldischen Bundes handelte, namentlich auch um die Aufnahme mehrerer oberdeutschen Reichsstädte. Während noch die Gesandten deshalb in Frankfurt am Main tagten, reiste Butzer nebst neun andern Predigern, die sieben Städten des mittlern und südlichen Deutschlands angehörten, auf den angesetzten Tag nach Eisenach, und da sie wegen Luthers Erkrankung niemanden antrafen, nach Wittenberg. Hier trafen sie Luther aber ganz anders, als sie hatten erwarten dürfen. Er empfing Butzer mit allerlei Vorwürfen, namentlich wegen seiner doppelsinnigen Vereinigungsversuche, forderte sogar einen Widerruf, dem indeß Butzer durch eine feine Wendung sich entzog, und verlangte sodann, nachdem man näher eingetreten war, wider alles Erwarten die Aufstellung eines neuen Bekenntnisses rücksichtlich des

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Abendmals. Butzers Widerstreben gegenüber begründete er seine Forderung damit, daß der Churfürst von Sachsen und andere Fürsten große Erwartungen hegen von dieser Zusammenkunft und es ungern sehen würden, wenn man aus einander ginge, ohne ein sichtbares Denkmal der erfolgten Vereinbarung aufzustellen. Es war offenbar genug, daß die Aufnahme der oberdeutschen Städte in den schmalkaldischen Bund, mithin ihre ganze staatliche Sicherheit davon abhing. Somit sahen sich die anwesenden Prediger durch politische Rücksichten gedrängt, in Luthers Forderung einzuwilligen; sie hätten kaum in ihre heimathlichen Städte zurück kommen dürfen, ohne sich mit Luther vereinigt und, was dadurch bedingt war, den Abschluß des gewünschten schmalkaldischen Bündnisses ermöglicht zu haben.

So entstanden die Wittenberger Artikel, zusammt der betreffenden Verhandlung insgemein die Wittenberger Concordie (Vereinbarung) genannt, durch deren Annahme die süddeutschen Städte sich ihren bisherigen wesentlich zwinglischen und mit der schweizerischen Lehre überein stimmenden Standpunkt einiger Maßen verrücken ließen, ob sie auch damals dessen keineswegs sich klar bewußt sein mochten[40]. Wohl suchten sie des schroffsten Ausdruckes sich zu erwehren; doch ließ schon die Behauptung, daß mit dem Brot und Wein der Substanz nach auch der Leib Christi gegenwärtig sei, sich eher in Luthers, als in ihrem bisherigen Sinne deuten, namentlich aber enthielten die Worte, Leib und Blut Christi werden auch den Unwürdigen gereicht (wenn auch nicht den Gottlosen) eine zwar den Zwiespalt künstlich verhüllende, doch nur gezwungen mit der zwinglischen Auffassung vereinbare Bestimmung.

Bei der kleinen Zahl der Anwesenden betrachtete man übrigens die gegenwärtige Zusammenkunft nur als Vorversammlung. Luther übernahm es die Protestanten im Norden zur Annahme der aufgestellten Artikel zu bewegen, während die Straßburger die in der Schweiz, in Schwaben und am Rhein dafür gewinnen sollten. Erst dann sollte die Vereinbarung abgeschlossen und im Drucke bekannt gemacht werden. Ueberdies wurde es den Kirchen frei gestellt, bei ihren bisherigen kirchlichen Gebräuchen zu verbleiben, auch dem Volke den Jnhalt der Lehre an jedem Orte so vorzutragen, wie es daselbst am klarsten und faßlichsten sei. Jndem man so zwischen der kirchlichen Praxis und der staatskirchlichen Formel unterschied, konnten auch die süddeutschen Prediger hoffen, ohne Anstoß bei ihren Gemeinden durchzukommen.

Erst am vorletzten Tage, dem 27. Mai, übergaben die beiden straßburgischen Geistlichen Luthern das schweizerische Glaubensbekenntniß, entschuldigten die Abwesenheit schweizerischer Prediger und empfahlen die Schweizer seiner Gewogenheit, indem diese im Sakrament nicht bloße Zeichen bekennen noch sonst unehrerbietig davon halten. Luther aber gab hierauf die Antwort, er hätte nicht gewußt, daß so Viele, ja auch die Eidgenossen

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kommen würden; er hätte sonst früher geschrieben. Nachdem er dann die schweizerische Confession gelesen, erklärte er sich zwar recht freundlich darüber, er bezeugte, daß er nichts daran auszusetzen habe, bezweifelte aber, ob sie aus redlichem Herzen hervor gegangen, und erklärte, daß er zu desto festerer Vereinigung doch noch „ein weiteres Bekenntniß“ wünsche.

60. Butzers Ausdeutung. Anfrage an Luther, November 1536.

Mit gespannter Erwartung harrten die schweizerischen Geistlichen auf die versprochenen unverzüglichen Berichte über die Verhandlungen in Wittenberg, aber mehrere Wochen lang umsonst. Myconius ahnte nichts Gutes; ohnehin war man in dieser Zeit gar aufgeregt wegen des neuen Krieges zwischen dem Kaiser und Frankreich; er theilte Bullingern seine Besorgnisse mit. Dieser antwortete: „Von dem Convent in Eisenach weiß ich nichts. Aber das weiß ich, die Wahrheit wird siegen ewiglich. Deshalb mache ich mir nichts aus ihrer Schrift, sollten sie etwas der Wahrheit zuwider aufstellen. Darum bin ich ganz ruhig bei dieser Sache. Kampf wird immer sein; wir werden gesichtet werden; Gott wird uns durchs Feuer bewähren; aber selig, wer bis ans Ende beharrt.“

Endlich übersandten Capito und Butzer die Wittenberger Artikel an die Basler; schon die Aufschrift erklärte, daß sich nichts Neues darin finde, sondern nur, was schon in Zwingli's und Oekolampads Schriften, dem Bekenntniß der vier Städte und der schweizerischen Confession enthalten sei. Doch anders lautete das Urtheil der Basler Geistlichen. Zu ihrem Befremden nahmen sie eine bedeuende Abweichung wahr. Grynäus und Carlstadt wurden deshalb nach Straßburg abgeordnet. Acht Tage suchte ihnen Butzer die Uebereinstimmung darzuthun und gab ihnen auf ihr Begehen seine ausführliche Ausdeutung auch schriftlich mit. Doch ob Luther denselben Sinn wie Butzer damit verbinde, blieb auch nach der Rückkehr der beiden Abgeordneten den Baslern zweifelhaft, es kam ihnen sogar höchst unwahrscheinlich vor. Aus Auftrag ihrer Obrigkeit reisten daher Myconius und Grynäus ab, um die Ansicht der übrigen schweizerischen Kirchen zu vernehmen. Zu Zürich fand Bullinger die Wittenberger Artikel dunkel und mißverständlich; er hielt's deshalb für gerathener, einfach bei der schweizerischen Confession zu verbleiben. Auf seinen Vortrag hin wurden daher durch Beschluß des großen Rathes vom 15. August die Geistlichen angewiesen, die wittenbergischen Artikel nicht zu unterzeichnen; „da man nur in Spott und Schand käme, wenn man sie im Sinne von Butzers Ausdeutung annähme, Luther aber diesen Sinn nicht anerkennen würde. Doch sollte nichts ohne die übrigen Stände geschehen gemäß dem früher gegebenen gegenseitigen Versprechen. Bullinger versäumte inzwischen nicht, Melanchthon, der neulich freundlich an ihn geschrieben durch ein

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freundschaftliches Schreiben und Uebersendung von Vadians Aphorismen über den Sinn der schweizerischen Auffassung des Näheren in Kenntniß zu setzen.

Auf den 24. September wurde daher eine dritte Versammlung von Rathsboten und Geistlichen nach Basel angeordnet, bei der auch Straßburg, Konstanz und Neuchatel vertreten waren. Bullinger wohnte derselben bei; er beleuchtete den vorliegenden Gegenstand von allen Seiten. Aufs neue bemühte sich Butzer die Unterzeichnung der wittenbergischen Artikel zu erwirken, erreichte aber nicht mehr, als daß man beschloß seine nähere Erläuterung den Obrigkeiten und Synoden von neuem vorzulegen. Sowohl die bernische, aus 296 Personen bestehende, am 19. October versammelte Synode, (bei der auch Calvin sich befand) als die zürcherische, die am 28. October zusammen kam, lehnte aber ungeachtet des aufrichtigsten Verlangens nach Einigkeit mit den lutherischen Brüdern die Unterzeichnung ab. Man wollte sich nicht aus der Helligkeit ins Dunkel führen lassen; man war überhaupt nicht geneigt, nach allem Früheren eine neue Formel zu unterzeichnen, da man die aufgestellte schweizerische Confession genügend fand und da sich erwarten ließ, daß die neuen Artikel in der Folge nur wieder zu neuen Zwistigkeiten Anlaß bieten würden. Wohl aber beschloß man in Zürich auf Bullingers Antrag durch eine einläßliche nähere Erklärung über einige Punkte der schweizerischen Confession dem laut Butzers Aussage bei einigen Reichsständen noch immer vorhandenen Argwohn zu begegnen, als ob die schweizerischen Kirchen von den Sakramenten und dem Amte der Kirchendiener zu gering dächten. Die zürcherische Synode gab dem von Bullinger verfaßten Entwurfe ihre Genehmigung.

Durch diese Erweiterung des bisher besprochenen Hauptpunktes wurde nun die Sache um einen Schritt weiter gefördert. Eine vierte Versammlung schweizerischer Abgeordneten in Basel, am 12. November, der Bullinger und Leo Judä beiwohnten, beschloß, diese nähere Erklärung nebst Butzers schriftlicher Ausdeutung der Wittenberger Artikel Luthern selbst zukommen zu lassen, um zu vernehmen, ob Luther sich damit zufrieden gebe und daraufhin mit den schweizerischen Kirchen Einigkeit zu halten bereit sei. Wäre dies nicht der Fall, so finde man sich genöthigt, die schweizerische Lehre betreffend das Abendmal in deutscher und lateinischer Sprache öffentlich bekannt zu machen und dadurch ihre Wahrheit und die Unschuld der Schweizer deutlich zu erweisen. Nur wurde, damit die eidgenössische Ehre gewahrt werde, auf Berns Verlangen verfügt, nicht unmittelbar an Luther diese Schriften zu übersenden, da dieser bisher nie mit den Schweizern selbst verhandelt habe, vielmehr dieselben Butzer und Capito zuzustellen, wiewohl man bereits nicht wenig Verdacht hegte gegen die Ehrlichkeit Butzers. Er schien denn doch als zweifelhafter Unterhändler ein gefährliches Spiel zu treiben, hier so, dort anders zu reden; durch seine künstlichen Auslegungen täuschen, die schweizerischen Kirchen wider ihren Willen von ihrer ursprünglichen und einfachen Lehrweise abbringen, sie in verfängliche Redeweisen verstricken, wohl noch zu der lutherischen Lehre

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hinüber ziehen zu wollen und zwar aus bloßer Scheu vor Luther und aus politischen Rücksichten selbst wider seine eigene bessere Ueberzeugung, die er bisanhin in vielen Schriften ausgesprochen hatte.

Dennoch anvertraute man ihm, obgleich die Offenheit und Einläßlichkeit der Erklärung ihm gerade mißfiel, die Ueberbringung der betreffenden Schriften an Luther, da er selbst sich dazu anbot. Man konnte es um so eher thun, je mehr man die Ueberzeugung hegen durfte, er könne die nun ertheilten unumwundenen Erklärungen jedenfalls nicht verdunkeln.

 

61. Erläuterung der schweizerischen Confession.

Wie das ganze Verfahren, das die schweizerischen Kirchen einschlugen, den Charakter völliger Aufrichtigkeit und Geradheit in sich trägt, so sprechen sie in der Luthern übersandten, ehrerbietig abgefaßten Erläuterung mit der größten Offenheit ihre Lehre von den Gnadenmitteln, der Predigt des göttlichen Wortes und den heiligen Sakramenten aus.

Vor allem wird anerkannt: „Wir glauben und bekennen, daß uns der allmächtige Gott unser Heil und unsere Seligkeit in Christo durch die äußerliche Predigt des Evangeliums und durch die heiligen Sakramente verkünde und vor Augen stelle.“ Obschon Gott auch ohne alle Mittel ziehen könne, wen und wie er wolle, so habe er den Dienst am Worte angeordnet, wiewohl die seligmachende Kraft der Predigt allein von Gott komme.

Von den Sakramenten heißt es: „Ein Sakrament ist nicht das bloße Zeichen allein, sondern ein jedes Sakrament hat ein irdisches, sichtbares Zeichen und ein himmlisches, wesentliches Ding, das bezeichnet und angebildet wird. Wiewohl aber beide im Sakramente vereinart sind, sind doch die äußerlichen Zeichen nicht wesentlich und natürlich das, was sie bedeuten, geben es auch nicht aus sich selbst oder aus eigener Kraft. .. Wie nun dem Dienste am Worte Gottes kein Abbruch geschieht, wenn man spricht, die äußere Predigt nütze nichts, wo Gott das Wachsthum im Herzen nicht gibt, so verachtet oder vermehrt der die Sakramente nicht, der alle Kraft und Heilswirkung dem Schöpfer zuschreibt. .. Daher sollen wir keineswegs auf die äußeren Zeichen unser Vertrauen setzen, obschon sie heilige, von Gott eingesetzte Dinge sind, deren sich Gott um unsertwillen zu unserm Besten bedient; es soll auch ihnen, an sich selbst, die Ehre Gottes nicht beigemessen werden, sondern es soll durch sie unser Glaube sich aufrichten von dem Jrdischen zum Himmlischen, zu Gott dem Schöpfer und Ursprung aller Dinge, auch der Sakramente.“

Jm heiligen Abendmale „ist die Hauptsache die Gabe Gottes, nämlich der Leib und das Blut Christi, ja der Leib, der für uns in den Tod gegeben, und das Blut, das zur Abwaschung unserer Sünden am Kreuze vergossen ist. Denn also ist der Leib und das Blut Christi uns zu einer lebendigmachenden Speise der Seelen zubereitet, so der Sohn Gottes im Fleische

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für uns stirbt, daß er uns lebendig mache; so er sein Blut für uns vergießt, daß er uns von Sünden wasche und reinige; so er seinen Leib von den Todten auferweckt, daß auch unsere Leiber Hoffnung und Kraft wieder aufzustehen empfangen. Also gibt der Herr sich selbst zu essen und zu genießen, und nicht etwas von falschem Menschengedicht und eitelem Bildniß an seiner Statt. Denn nichts ist im Himmel und auf Erden, das unsere Seelen speisen und sättigen möge, als allein der Herr selbst. So wird der Leib Christi im Abendmal wahrhaft gegessen und sein Blut wahrhaft getrunken, aber nicht so roh und fleischlich, wie es bisher die Päbstler gelehrt und vorgegeben haben, nämlich, daß man ihn esse substanzlich, das ist leiblich und fleischlich, also daß das Brot in das rechte natürliche Fleisch verwandelt oder der Leib im Brot verschlossen werde, sondern geistlich, das ist geistlicher Weise und mit dem gläubigen Gemüthe.“

„Aus dem Allem nun, heißt es weiterhin, ergibt sich klar, daß wir den Herrn Jesum Christum, den Bräutigam der Kirche, nicht aus unserem Abendmal ausschließen; wir vermeinen auch nicht, daß der Leib und das Blut Christi im Abendmal zur Speise der Seelen und zum ewigen Leben genossen werde. Das haben wir aber, sammt unsern Vorgängern in der Lehre Christi, verneint und verneinen es auch noch auf den heutigen Tag, daß der Leib Christi an sich selbst leiblich oder fleischlich gegessen werde, oder daß er mit seinem Leibe leiblich und natürlicher Weise allenthalben gegenwärtig sei. Denn wir bekennen mit der heiligen Schrift und mit allen alten heiligen Vätern, daß unser Herr Christus die Welt verlassen hat und zur Rechten Gottes des Vaters im himmlischen Wesen sitzt, und nimmer in dieses vergängliche irdische Wesen gebracht und gezogen wird, daher die wahre Gegenwärtigkeit Christi im heiligen Abendmal himmlich und nicht irdisch oder fleischlich ist.“

Damit waren nun einmal im Zusammenhang Luthern die Gründe dargelegt, warum die schweizerischen Kirchen, nicht etwa aus bloßem Eigensinn, sondern aus wohl begründeter Ueberzeugung, ungeachtet ihres sehnlichen Wunsches nach Frieden und Eintracht mit den Lutherischen, bei ihrer bisherigen Lehrweise fest beharren müßten.

äSo haben wir nun, heißt es am Schlusse, unsere Antwort verfasset, an der, wie wir verhoffen, Euer Ehrwürden keinen Mangel finden wird. Denn wir meinen ja die Sache wohl und von Herzen, suchen Gott und die Wahrheit und den Frieden der Kirchen in guten Treuen. So haben wir auch wohl spüren mögen, daß ihr gegen uns in dieser Angelegenheit gutherzig seid, dieweil uns unsere geliebten Herren und Brüder von Straßburg gar eigentlich angezeigt haben, wie bei dieser Vereinbarung nichts desto weniger allen Kirchen ihre Freiheit von dieser heiligen Sache aufs verständlichste zu reden unversehrt bleibe, und daß ihr vermeinet, es sei daran genug, so die Gemüther zusammen gehen und man im

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Hauptinhalt der Artikel eins sei, und jeder Theil das meide, daß in dieser Sache zu viel oder zu wenig behauptet werde, das heißt, daß man dem äußeren Werke im Sakramente das nicht beilege, was allein Christi ist, und hinwider daß man sie auch nicht herabwürdige oder für eitle Zeichen halte. Denn das hieße freilich dem Abendmal des Herrn zu wenig beimessen, wenn Brot und Wein nicht anders sollte geachtet werden, denn nur als ein bloßes Zeichen christlicher Gemeinschaft bei Abwesenheit Christi. Zu viel aber wäre es, so man lehrte, daß das Brot an sich selbst wäre der Leib Christi fleischlich, wie er am Kreuze gehangen, und daß das Sakrament, selbst ohne Glauben genossen, Gnade mit sich bringe.

Wir achten aber, Euer Ehrwürden sehe, daß wir uns befleißen, weder zur Rechten, noch zur Linken abzuweichen, sondern uns an die heilige Schrift und an die Worte Christi halten. Daher hoffen wir nun unzweifelhaft, die angefangene Vereinigung sei zwischen uns gemacht, da ja vornehmlich aus unserer Confession und jetzt aus gegenwärtiger Zuschrift vernommen. Der allmächtige Gott, der ein Gott alles Friedens ist, gebe seine Gnade, daß wir beiderseits zum rechten Aufbau seines Evangeliums, in wahrer christlicher Liebe, Frieden und Einigkeit leben und handeln. Er wolle auch allen Unwillen, der vorgekommen, durch seinen kräftigen Geist hinnehmen und wahre Liebe unter allen seinen Gliedern groß machen zu seinem Lob und seiner Ehre! Amen.“

So trefflich hatten nun die Schweizer dem Begehren Luthers nach einem „weiteren Bekenntniß“ zur Beförderung der Einigkeit entsprochen, wobei sie jedoch, überzeugt, daß eine wenn auch nicht grundwesentliche Verschiedenheit in der Lehre über das Abendmal obwalte und jeder Theil die seinige nicht werde fahren lassen, keineswegs zu trügerischen oder mißverständlichen Verhüllungen ihre Zuflucht nahmen, sondern offen den Unterschied aussprachen, aber dessen ungeachtet Frieden und Einigkeit im Leben zu pflegen anerboten und zu erlangen wünschten. Somit kamen sie auf denselben Weg der Vereinbarung zurück, oder blieben vielmehr auf demselben Wege, den sie schon im Februar am Schlusse ihrer Confession angedeutet hatten, da sie von niemanden verlangten, daß er gerade ihr Worte gebrauche, sondern gerne wollten mit jedem zufrieden sein, der nur im wesentlichen Gehalt des Glaubens gemäß der Schrift mit ihnen überein stimme.

Einige Schwierigkeiten erregte noch die Genehmigung der abzusendenden Erklärung von Seiten der eidgenössischen Orte; doch wurden sie bald gehoben. Bei diesem Anlaß schreibt Bullinger (im Dezember 1536) an Myconius zu Handen des Rathes von Basel: „Lasset uns bei einander bleiben. Jhr wisset, aus was für einem Gemüth ich rede, und daß, wenn ich mein Herz mit euch und euerer Kirche theilen könnte, ichs thäte. Hiemit seid Gott befohlen in seine Gnade; den lasset uns bitten, daß er uns weise gnädiglich

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und uns in Einigkeit lasse bleiben.“ Nur zehen Tage später bittet er ihn abermals: „Wollet gute Sorge tragen, daß wir nicht getrennt werden. O wie würde der Teufel so fröhlich, wie würden unsere Feinde so beherzt sein! Wachet; es sind gar seltsame Praktiken auf der Bahn. Eilet nicht so von uns! Was wäre das für eine Vereinigung, wenn wir Nachbarn uneins würden, die allezeit die besten Freunde waren, und mit denen wollten eins sein, die, wie zu besorgen, kein solch Gemüth zu uns haben als die, von denen ihr eilet.“

Butzer war es besonders, der durch seine Einflüsterungen und Ränke in der Schweiz schien Zwiespalt zu säen und sie, so zu sagen, um jeden Preis Luthern willfährig machen zu wollen. Namentlich erregte seine Schrift, die er Retractationen (Umarbeitung, Zurücknahme) betitelte, begreiflich großen Anstoß in der Schweiz; es ergab sich daraus, daß gegenwärtig seine Ansicht vom Abendmal nicht mehr dieselbe sei wie früher, während er doch immer noch kühn genug war, dies zu behaupten. Bullinger gestand es ihm offen mit sanftem Verweise, den indeß Butzer unwillig ablehnte. An Myconius schreibt Bullinger bei Anlaß der Retractationen: „Das Urtheil über Butzer wollen wir der Nachwelt überlassen. Wir haben genug getagt. Wir müssen arbeiten, unsere Gemeinden vorwärts zu bringen, daß sie viel Frucht tragen.“ Jn Bern war der Unwille so stark, daß man damit umging, Butzers Schrift zu verbieten, indem man ihn geradezu für einen Achselträger erklärte, der nun ohne Scheu auf Luthers Seite trete. Bullinger war es, der die Berner von dieser Maßregel zurück hielt. Er thut bei diesem Anlasse gegen Myconius die bezeichnende Aeußerung: „Wir (Zürcher) werden's keineswegs verbieten, obgleich es uns gar nicht durchgehends gefällt. Prüfet Alles, behaltet das Gute, sagt der Apostel. Bei uns darf man selbst die Schmähschriften von Eck und Faber feil bieten.“

62. Aufnahme der Zuschrift an Luther. Butzer in Bern, September 1537. Sein Schreiben an Luther.

Das Schreiben der Scheizer, das Butzer im Februar 1537 auf den Tag der Protestanten nach Schmalkalden überbrachte, fand bei den Fürsten eine überaus günstige Aufnahme. Auch Melanchthon und andere lutherische Theologen, die eben daselbst versammelt waren, um wegen eines Concils ihr Gutachten abzugeben, fanden dasselbe zur Aufrechthaltung der Einigkeit mit den Schweizern völlig befriedigend, und waren, obgleich einige noch auf dem alte Argwohn beharrten, sehr geneigt, auf diese ihre Erklärung hin mit ihnen Frieden zu halten. Luther selbst, der Krankheits halben sich hatte zurück ziehen müssen, traf Butzer in Gotha, legte ihm die schweizerische Erklärung vor und erhielt von ihm mündlich die befriedigendsten Versicherungen. Da sich Luther zu schwach fühlte, einläßlich zu schreiben, erhielt Melanchthon vom

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Churfürsten von Sachsen den Auftrag, sofort von Schmalkalden aus ihn deshalb bei den eidgenössischen Regierungen zu entschuldigen mit dem Versprechen, sobald Luther von seiner Krankheit genese, werde er ihnen selbst schreiben und Luther richtete schon am 20. Februar ein bloß vorläufiges Briefchen höchst friedfertiger Art an den Bürgermeister Jakob Meier von Basel.

So war nun durch Luthers Krankheit in diesem äußerst günstigen Zeitpunkte der völlige Abschluß der von beiden Theilen gleich sehr gewünschten Vereinigung aufgehalten.

Allein volle drei Vierteljahre vergingen, ehe Luther das versprochene Schreiben an die Schweizer sandte. Während dieser langen Zeit traten einige Vorgänge ein, die leicht der Annäherung hätten hinderlich werden können, und namentlich auf den bisherigen Unterhändler, Butzer, ein nachtheiliges Licht warfen. Schon aus seiner Berichterstattung vom 1. April 1537 über die gepflogenen Verhandlungen ging hervor, daß er den Schweizern zumuthete, um derjenigen Lutheraner willen, die noch immer den alten Argwohn hegten, als ob sie nur leere Zeichen im Sakrament anerkennen, noch weiter zu gehen, und sich um der Vereinigung mit Luther und den Seinigen willen zu Ausdrücken zu verstehen, die ihrer eigenen Auffassung der Sache zuwider waren oder doch dieselbe in mißverständlichen Doppelsinn eingehüllt hätten.

Was aber allen bisherigen Verdacht gegen ihn bestätigte, die Entrüstung über seine geheimen Umtriebe in hohem Grade steigerte, sein verborgenes Treiben enthüllte und seine Freunde in der Schweiz in große Verlegenheit brachte, war ein vertraulicher Brief von ihm an Luther, schon am 19. Januar 1537 geschrieben, der in Straßburg von einer Hand zur andern ging und so auch in die eines zürcherischen Studierenden daselbst geriet, der sich als Stipendiat verpflichtet fühlte, im Interesse seiner heimathlichen Kirche eine Abschrift davon nach Zürich an Bullinger zu senden. Hier redet Butzer, wie ein ganz mit der lutherischen Ausdrucksweise Einverstandener, spricht von der schweizerischen Lehrweise nicht wie wenn auch ihr gebührende Achtung und Anerkennung zu zollen wäre, vielmehr in geringschätzigem Tone, wie von einer bloßen Schwachheit; er nennt ihre Erkläruing, die er hier übersendet, ein redseliges Schreibsel. Klar schien daraus hervor zu leuchten, wie sehr er strebe, die schweizerischen Kirchen zu trennen und ihnen immer weitere Zugeständnisse abzulocken, an denen er als an einer Handhabe sich halten könne, um sie schrittweise und vereinzelt immer mehr zur lutherischen Lehrweise hinüber zu führen.

Begreiflich, daß Bullinger und die Männer in seiner Umgebung über eine solche Sprache eines Unterhändlers, dem man so viel Zutrauen geschenkt hatte, empört, und über die dadurch offenbar gewordene große Gefahr, daß durch ihn die Einigkeit unter den schweizerischen Kirchen selbst untergraben würde, betroffen waren. Bullinger, dem besonders das treue Zusammenhalten der reformirten Schweizer unter sich vor Allem am Herzen lag, äußerte

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sich auch unverholen und kräftig darüber. „Du hast doch wohl, schreibt er am 9. April an Myconius, aus Butzers Schreiben nun ersehen, was er uns für Streiche macht und wie er uns an der Nase herum führt. Leider erfuhr ich zu spät, was ich schon lange bang besorgte. Jhr habet mitunter geglaubt, ich handle nicht aufrichtig genug, es sei mir zu wenig am Vereinigungsgeschäfte gelegen. Aber Gott, der Herzenskündiger, weiß, wie aufrichtig ich gehandelt habe! Nichts desto weniger werden wir zur Erhaltung des Friedens und der Eintracht die Hand bieten; wir werden mit Luther Freunde zu werden suchen, aber nur verwerfe er billige Bedingungen nicht. Butzer werden wir einstweilen machen lassen und keinen Streit erregen in diesen wirrevollen Zeiten. Wir wollen gelegnere Zeit abwarten.“

Myconius sowie Grynäus gaben sich alle Mühe, Bullinger zu besänftigen. Und dieser, wie er schon in den eben angeführten Zeilen sich dazu bereit erklärte, beherrschte sich. Er wollte den Gang des begonnenen Friedensgeschäftes nicht stören, und namentlich vor Allem Luthers längst verheißene Antwort gewärtigen.

Jnzwischen nöthigte ein neuer Vorgang in Bern und das über Erwarten lange Ausbleiben von Luthers Antwort doch noch vorher auf jenen widerlichen Brief einzutreten. Großen Einfluß übte nämlich der vielgewandte Butzer auf einige bernische Staatsmänner, bei welchen das staatliche Jnteresse das kirchliche überwog, denen die günstigsten politischen Ansichten, welche auf den Fall einer Vereinigung mit den deutschen Protestanten sich eröffneten, gar sehr einleuchteten. Durch ihre Vermittlung war es ihm gelungen, einige der einflußreichsten geistlichen Stellen in Bern mit Männern zu besetzen, die insgeheim zur lutherischen Lehre hinneigten und ihm persönlich ergeben waren. Um so entschiedener erklärten sich Andere gegen Butzers neueste Wendung, namentlich gegen das, wodurch er in seinen Retractationen wider die Berner Disputation, - die staatlich anerkannte Lehrnorm (seit 1528), - an der er selbst seiner Zeit sich betheiligt hatte, verstieß. Um sich nun zu rechtfertigen, begab er sich im September 1537 selbst nach Bern und wußte nicht nur die Mehrheit der nach seinem Wunsche versammelten Synode durch seine äußerst gewandte Darstellung für sich zu gewinnen, sondern sogar seinem Verlangen zufolge ein mit dem Stadtsiegel versehenes Zeugniß völliger Zufriedenheit mit seinem Verfahren und seiner Lehre auszuwirken. Ueberdies drang er mit dem Antrage durch, daß Meganders Katechismus, der von selbst im Kanton fast überall Eingang gefunden hatte, bedeutend umgearbeitet werden müsse, hatte rasch diese Umarbeitung selbst besorgt, und da der weniger gewandte Megander, den die Zürcher auf den dringenden Wunsch der Berner seit 1528 diesen je auf zwei Jahre für den Dienst der bernischen Kirche überlassen hatten, der verletzenden Art, wie diese Sache vollzogen ward, widerstrebte, so wurde er vom Rathe entlassen. Ein so hartes Verfahren, insbesondere auch ein so gewaltsames Eingreifen der Obrigkeit in die inneren kirchlichen

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Angelegenheiten, wie es bis anhin in der Schweiz unerhört war, erregte bedeutendes Aufsehen. Nirgends aber bedauerte man das Vorgefallene mehr als in Zürich. Begreiflich fand Megander, der sich ungeachtet seines feurigen oft heftigen Wesens um Berns Kirche vielfache Verdienste erworben, in seiner Vaterstadt lebhafte Theilnahme. Meganders Freunde, die beiläufig Butzer als Luthers Cardinallegaten bezeichneten, wandten sich an die Zürcher. Umsonst richteten diese ein freundschaftliches Schreiben an Bern zu Gunsten Meganders; er blieb abgesetzt, in Zürich erhielt er indeß bald eine Anstellung als Bullingers Amtsgenosse. Weitere Schritte Berns gegenüber unterließ man, indem Bullinger guter Hoffnung war, der „Butzerismus esse sich daselbst, wie er sich ausdrückte, mit der Zeit von selbst ab“. Da in Bern die Akten der Berner Disputation von 1528, die schweizerische Confession und deren Erläuterung von 1536, laut Beschluß der Berner Synode vom Mai 1537, die Lehrnorm blieben, so war immerhin zu erkennen, daß eine darüber hinaus gehende Neigung zur lutherischen Lehre nur durch Täuschung eine Zeit lang überwiegenden Einfluß daselbst bekommen, mit der Zeit aber doch sich als unhaltbar erweisen müsse, wie dies denn auch im Verlauf von zehn Jahren der Fall war. Während dieser so langen Zeit vermochte Bullinger es über sich, um des Friedens willen ruhig zuzuwarten im festen Vertrauen auf die wiederkehrende Macht der Wahrheit und begnügte sich nur mit seinen Freunden daselbst in vertrautem Verkehr zu bleiben.

Seine Klagen über das Benehmen Butzers ergoß er mit männlichem Ernste in den Schoos seines Myconius, den er bisweilen selbst etwas schwankend fand. „Jch wünschte, schrieb er ihm am 4. November 1537, das besiegelte Zeugniß wäre von den Straßburgern weder begehrt noch erhalten worden. Jch weiß nicht, was ich von ihnen denken und noch von ihnen besorgen muß, da sie mit der einfachen Antwort der Synode nicht zufrieden, so ängstlich sich um die Billigung ihrer Confession beworben haben. War es denn nicht genug an der Basler (d.h. ersten helvetischen) Confession? warum noch eine neue? wann soll es denn endlich einmal mit den ewigen Confessionen und Subscriptionen ein Ende nehmen? Erst legte man uns die Schrift (Butzers) an die zu Münster vor, dann die Basler Confession, dann das Bekenntniß der vier Städte, dann die sächsische (Augsburger) mit ihrer Apologie, wiederum die Wittenberger Artikel; nun ist auch noch eine Art Approbation seiner Retractationen gesucht worden; endlich siebentens wurden von Schmalkalden aus Artikel durch Butzer zur Unterschrift übermittelt. Zu Bern schreibt er eine neue Confession, die alle vorigen an Dunkelheit weit übertrifft. Wir sperren dabei Augen und Maul auf, unterschreiben frisch darauf los, billigen Alles[41]. Wahrlich ein wunderseltsames Nachgeben. So kömmt

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man uns täglich mit neuen Schreibereien über den Hals. Jch aber bleibe bei unserer Basler Confession und deren Erklärung an Luther. Mehr bekenne ich nicht. Meinetwegen mögen Andere tausend Confessionen schreiben, mir ist diese genug. Jch will aber jeden bei seiner Privat-Konfession lassen und sie weder billigen noch mißbilligen. Was nicht mit der unsrigen streitet, verwerfe ich nicht. Butzers Confession aber verstehe ich bei meiner Ehre nicht; ich weiß nicht, wohin sie reicht. Dies schütte ich in dein Freundesherz aus; du weißt meine Einfalt zu ertragen. Uebrigens darf dir, lieber Myconius, vor einer neuen Tragödie nicht bange sein. Wir werden ferner nach Einigkeit trachten. Nur billige ich nicht diese neuen Umtriebe und Anschläge. Gott kennt mein Herz; er weiß, wornach ich strebe und er wird richten am letzten Tage! Butzer habe ich geschrieben, ich verstehe seine Schreiberei nicht, das aber von Melanchthon verstehe ich, und das gefalle mir, was dieser in seiner Glaubenslehre über die Sakramente sagt.“ Jn eben diesem Bewußtsein schrieb Bullinger ebenfalls an Myconius, er wolle wohl Einigung aber ohne alle Zweideutigkeit, „und wenn auch Alle, die jetzt leben, uns verdammen sollten“.

Einige Wochen vorher, indeß nach Butzers Auftreten in Bern, hatte Bullinger mit Kraft und Ernst diesem seine Entrüstung kund gegeben über seinen oben erwähnten vertraulichen Brief an Luther, wie nämlich Butzers Ehrlichkeit ihm dadurch so rätselhaft geworden, wie wenig seine Aeußerungen denen eines aufrichtigen und treuen Vermittlers entsprächen usw. Ueber die Sache selbst, nämlich Butzers neue Zumuthungen, Pläne und Forderungen schreibt er ihm: „So ist denn wirklich keine Hoffnung mehr auf Vereinigung? So müssen wir denn wieder von neuem auf den Kampfplatz treten, Synoden halten, Apologieen schreiben? Nein; was wir gesagt und geschrieben haben, das gilt und dabei bleibt's. Es bleibt bei der Basler Confession und bei der nachherigen Erklärung. Was nicht damit streitet, das wollen wir gelten lassen. Lassen sie uns gelten, so lassen wir auch sie gelten, und dann ist die Concordie geschlossen.“ Ueber die Butzern besonders mißliebige, von ihm ihrer Weitläufigkeit halben bespöttelte „Erklärung zur Basler Confession“ sagt er: „Daß wir unsere Gedanken in dieser Schrift so einläßlich ausgedrückt und Alles entfernt haben, was in künftigen Zeiten neuerdings Stoff zu Jrrthum und Entzweiung hätte geben können, das ist nicht aus übertriebener Aengstlichkeit geschehen, sondern weil wir unserer Kirche Heil suchen im schlichten und klaren Zeugniß der Wahrheit. Der verdient vielmehr einen Vorwurf, welcher eine klare deutliche Sache durch Spitzfindigkeiten verdunkelt“. Ueber Butzers fehlerhaftes, fortschreitend

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mißlicheres Verfahren sagt er unter andern: „Anfangs sagtest du nur, man verstehe einander auf beiden Seiten nicht; wir nämlich verstehen nicht, daß Luther unsern Glauben nicht angreife und so verstehe auch Luther nicht, was wir angreifen, du aber wollest leicht beweisen können, Luther stehe im Einklang mit uns und wir mit ihm, du sagtest, Luther rede freilich kraß über das Abendmal, aber er denke nicht kraß darüber. Zur Erhaltung der Eintracht wäre es genug, wenn wir nur seine Redensarten ertragen könnten, so daß unser Glaube und unsere Redeweise dabei unbefangen und ungekränkt bleiben sollten. Als du dann die Artikel von Wittenberg mitbrachtest, schriebst du mir noch am 8. August des vorigen Jahres (1536): „die Vereinigung ist geschlossen, wenn ihr euch nur in allen Theilen nach euerer Confession richten, und das, was mit ihr übereinstimmt, nicht verwerfen wollt“. Du gedachtest mit keinem Worte der Unterschrift. Als wir nun aber am 24. September (1536) nach Basel kamen, fordertest du, als hättest du alles Frühere vergessen, ausdrücklich unsere Kirchen zur Unterschrift auf, und als wir sie ausschlugen, ja da erst erklärtest du dich ausdrücklich, dann erst sei die Vereinigung geschlossen, wann wir bekennen werden, der wahre Leib und Blut Christi werde mit Brot und Wein substanzlich genossen, und wenn wir die Artikel unterschreiben würden, was fast alle Kirchen in Deutschland gethan hätten. Nun aber - sag, ob's nicht wahr ist - schlugen wir die Unterschrift aus; wir wollten das dunkle und für die Wahrheit gefährliche Wort „substanzlich“ nicht annehmen. Dies bezeugt unsere an D. Luther gesandte Erklärung“.

Am Ende des Briefes wiederholt Bullinger die schon dem Myconius gegebenen Versprechungen, daß er an seinem Orte es am Streben nach Erhaltung der Einigkeit mit Luther nicht werde fehlen lassen. Auch in einem folgenden Briefe, ebenfalls vom October 1537, bezeugt er ihm, „es sei ihm gar nicht darum zu thun gewesen, ihn aufs neue unwillig zu machen, sondern nur freimüthig rund heraus seine Meinung zu sagen und dann nach Ausleerung aller Bitterkeit ihm freundschaftlich wieder die Hand zu bieten“.

Auch in Briefen an vertraute Freunde äußert Bullinger, er liebe Butzer immer noch und wolle nicht über ihn den Stab brechen. Jndeß war es doch richtig, wie sich aus einem gleichzeitigen Schreiben Butzers an Luther ergibt, daß Ersterer darauf ausging durch das Gewirre auf einander folgender Bekenntnisse die schweizerischen Kirchen so zu umstricken, daß sie sich nicht mehr regen könnten.

63. Luthers Antwort, December 1537. Jhre Aufnahme bei Bullinger, Januar 1538.

Endlich, nachdem Bullingers Friedensliebe und Geduld durch Butzers Treiben und Luthers Zögerung auf so viele und peinliche Proben gestellt

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worden und sie ausgehalten hatte, kam wieder einmal ein hellerer Tag. Es war gegen Ende Januar, als endlich Luthers vor eilf Monaten versprochene Antwort auf die Zuschrift der Schweizer und ihre Erklärung der Basler Confession in Zürich anlangte. Sie war datiert vom 1. Dezember 1537, und kam über Straßburg und Basel, mit Begleitschreiben der Prediger in diesen beiden Städten versehen.

Hatte es lange gedauert, bis daß Luther darüber mit sich ins Reine gekommen, so war nun doch die erfreuliche Frucht, die er nunmehr darbot, so langen Besinnens werth.

Nachdem er in Kürze mit seinen vielen Geschäften das lange Ausbleiben der Antwort entschuldigt, bezeugt er seine hohe Freude über den ganzen großen Ernst der Schweizer, Einigkeit zu fördern, den er aus ihrer Zuschrift erkenne; so große Zwietracht könne zwar nicht so leicht und bald wieder ganz ohne Ritz und Narbe geheilt werden. „Denn es werden bei euch und uns Etliche sein, welchen solche Einigkeit nicht gefällig, sondern verdächtig sein wird“. „Aber, fährt er fort, so wir zu beiden Theilen, die wir's mit Ernst meinen, fest und fleißig anhalten, wird der liebe Gott und Vater wohl seine Gnade geben, daß es sich bei den Andern mit der Zeit auch zu Tod blute und das trübe Wasser sich wieder setze“. Deshalb sei es seine freundliche Bitte, sie wollen verschaffen, daß die Schreier, die gegen ihn und die Einigkeit plaudern, sich des Schreiens enthalten, sowie auch er und die Seinigen sich in Schriften wie in Predigten gar still halten wollen, da ja „des Fechtens und Schreiens bisher genug gewesen, wofern das etwas hätte ausrichten mögen“. „Und zuvörderst, fügt er bei, will ich ganz demüthig bitten, versehet euch zu mir, als zu einem, der es ja auch mit Herzen meine, und daß, was zur Förderung der Einigkeit dient, so viel mir immer möglich, an mir nichts mangeln soll, das weiß Gott, den ich zum Zeugen auf meine Seele nehme. Denn die Zwietracht weder mir noch irgend jemanden geholfen, sondern vielen Schaden gethan hat, wie denn freilich nichts Nützliches noch Gutes darin zu hoffen gewesen, noch zu hoffen ist“.

Betreffend den Jnhalt der schweizerischen Erläuterung erklärt er sich einläßlich sowohl mit ihrer Lehre vom Dienst am Worte, als von der Taufe ganz einverstanden. Eben so äußert er sich in Betreff des Abendmahls. Da sich die Reformirten wider den leiblichen Genuß des Leibes Christi besonders auf die Himmelfahrt Christi berufen hatten, sagt er darüber bloß: „Wir haben noch nie gelehrt und lehren auch jetzt nicht, daß Christus vom Himmel hernieder oder auffahre, weder sichtbar noch unsichtbar: wir bleiben fest bei dem Artikel des Glaubens „aufgefahren gen Himmel, von dannen er kommen wird usw.“, lassen's göttlicher Allmächtigkeit befohlen sein, wie sein Leib und Blut im Abendmal uns gegeben werde, wo man nach seinem Befehl zusammen kommt und seine Einsetzung gehalten wird.“ „Doch, wie gesagt, wo wir hierin einander nicht gänzlich verständen, so sei das jetzt das Beste, daß wir gegen

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einander freundlich seien und immer uns des Guten zu einander versehen, bis sich das trübe Wasser setzt. So kann Capito und Butzer hie und in Allem wohl zurathen, wo wir nur die Herzen zusammen schicken und allen Unwillen fahren lassen, damit dem heiligen Geiste Raum gegeben werde.

Weiter die Liebe und freundliche Einigkeit vollkommen zu machen, wie wir denn unseres Theils, besonders ich was meine Person betrifft, will ich allen Unwillen von Herzen fahren lassen, und euch mit Liebe und Treue umfassen. Denn wenn wir, die wir's ernst meinen, schon das Höchste thun, so bedürfen wir dennoch wohl die höhere Hülfe und den Rath Gottes, weil der Satan, uns und der Einigkeit feind, wohl wird die Seinen zu finden wissen, die da Bäume und Felsen in den Weg werfen werden, so daß nicht Noth thut, daß auch wir unwillig und verdächtig auf einander seien, sonddern Noth ist, daß wir Herzen und Hände einander reichen, geben und festhalten, damit es hernach nicht ärger werde, denn zuvor.

Vom Bann oder Schlüsseln[42] weiß ich mich nicht zu erinnern, ob jemals Streit oder Zwietracht zwischen uns gewesen sei, vielleicht ist es in diesem Stück bei euch besser gefaßt als bei uns, und wird sich, wo es sonst Alles vollkommen sein wird, die Einigkeit hieran nicht stoßen oder säumen, ob Gott will, Amen.“

Er bittet sein kurzes Schreiben gut aufzunehmen. „Hiemit befehle ich E. E. allesammt und alle die Euern, sagt er zum Schlusse, dem Vater aller Barmherzigkeit und Trostes; der verleihe uns zu beiden Theilen seinen heiligen Geist, der unsere Herzen zusammen schmelze in christlicher Liebe und ausfege allen Schaum und Rost menschlichen Verdachts und teuflischer Bosheit und Argwohnes zu Lob und Ehre seinem heiligen Namen, zur Seligkeit vieler Seelen, zuwider dem Teufel und Pabst sammt allen seinen Anhängern. Amen.“

Bullinger war, wie leicht zu erachten, hoch erfreut über dies Antwortschreiben Luthers; Luther hatte seine schönsten Hoffnungen übertroffen und nicht nur die seinigen, sondern die Erwartungen Aller, mochten auch Einige gerade von den zürcherischen Theologen noch Mißtrauen hegen. Da war ja in seinem Schreiben nichts zu lesen von „substanzlicher“ oder „leiblicher“ Gegenwart des Leibes Christi beim Abendmal, nichts von real, essentiell und allen dergleichen Bullingern so wenig zusagenden Schultermen; nichts vom Genusse der Ungläubigen oder der Unwürdigen, nichts von Allenthalbenheit des Leibes Christi; da war überall nichts von den Schweizern gefordert; nicht das Mindeste gegen ihre Lehre von der Taufe eingewandt, in allen Punkten Luthers Uebereinstimmung mit ihrer so ganz offenherzigen Erläuterung ausgesprochen; überall die freundlichsten Versicherungen seines Zutrauens zu ihnen; und was sie schon längst gewünscht hatten, abgesehen von völliger Uebereinstimmung in der Lehrweise, auch auf den Fall, daß man im Einen oder

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Andern nicht gänzlich mit einander einverstanden wäre, doch die Bruderhand gereicht und Bruderliebe zugesichert.

Was konnte Bullinger mehr wünschen! war man nicht plötzlich, nach langem, immer bangerem Harren am Ziele angekommen, eben an dem Ziele gegenseitiger Anerkennung auf Grund der gemeinsamen Glaubenssubstanz, nach dem er schon so lange hingestrebt hatte.

An Myconius schreibt er deshalb (im Februar 1538): „Luthers Antwort ist klar, einfach, durchaus ungeschmückt und völlig christlich. Was das Abendmal betrifft, so greift er nichts in unserer Schrift an, verwirft nichts, schreibt uns gar nichts vor, spricht einfach seine Ansicht aus; am Schlusse anerkennt er uns als Brüder, und bittet um unsere Freundschaft, auch wenn noch etwas dahinten bleibe, worin der eine Theil mit der Auffassung des andern nicht ganz einverstanden sei. Kurz; es ist gut gegangen; verhöhn' man's nur nicht.“ Betreffend „die Schreier“ sagt er „Solche gibt es bei uns gar nicht; seit langen Jahren haben wir ernstlich darauf gesehen, daß alles Gezänk auf den Kanzeln abgeschafft und den christlichen Gemeinden die lautere Wahrheit allenthalben einfach verkündigt werde.“

Jn Rücksicht der Aufforderung Basels mit Ernst darüber nachzudenken, was nun hierin weiter zu thun sei, damit eine rechte, wahre Einigkeit bestehe, antwortet Bullinger: „Uns dünkt nichts besser, um die Einigkeit der Kirche zu pflanzen und zu erhalten, als wenn alle Kirchen in der Eidgenossenschaft einmüthig bei unserer Confession und deren Erläuterung verbleiben, die Luther ja mit Wohlgefallen aufgenommen und an denen er sich genügen läßt.“ .... „Tagen (Zusammenkünfte von Abgeordneten halten) wollen wir nicht weiter, sondern die Einigkeit sonst treulich halten mit Schreiben, Reden und Predigen; deß sind wir hier Alle eins.“

Man war sich so außerordentlich nahe gekommen. Allein merkwürdiger Weise ward nun gerade der Mann, der bisdahin als Unterhändler so viel dazu beigetragen, da er noch mehr erreichen wollte, dem guten Fortgange eher hinderlich. Butzer nämlich betreffend hatte Bullinger neulich schon in einem Briefe an Myconius bemerkt: „Mit Recht schriebst du mir einst, wir werden in Kurzem mit Butzer mehr zu schaffen haben als mit Luther; denn jener stellt uns seine Einigkeit in Aussicht, falls wir nicht alle butzerischen Ausdrücke gut heißen und seine Redeweisen annehmen. Jch hoffe aber, Luther selbst billige dies Treiben Butzers gar nicht.“ Nun fügt er mit Rücksicht auf das straßburgische Begleitschreiben, das mit Luthers Antwort angekommen war, bei: „Jch und Andere sind der Meinung, Butzer würde gescheiter handeln, wenn er sich nun des Handels gänzlich entschlüge; durch seine ewige Geschäftigkeit macht er die Sache nur schlimmer statt besser. Er sei recht ruhig, so bleiben wir auch ruhig und ist kein Verantworten vonnöthen! Es bedarf dessen nicht gegen uns. Wir begehren und bedürfen der Unruhen nicht. Unsere Kirche ist zufrieden, will auch mit jedermann Friede

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halten. Er (Butzer) wollte gen Bern und Friede machen, und ist der größte Unfriede daraus geworden. Also möchte es hier und anderswo auch gehen. Anderer Leute Beispiel muß uns witzig (behutsam) machen.“ „Jch bitt euch drum, setzt Bullinger noch bei, um Gottes Willen seid davor, daß man nicht immer also tagen müsse, und daß Butzer seine Kirche zu Straßburg versehe und ruhig sei, so werden wir mit ihm zufrieden und liebe, gute Brüder bleiben; sonst weiß ich nicht, was mit der Zeit daraus wird.“

64. Conferenz in Zürich, Mai 1538. Bullingers brieflicher Verkehr mit Luther.

Jndeß ging Bullingers Wunsch, nicht wieder tagen zu müssen, nicht in Erfüllung. Zur Abfassung einer gemeinsamen Antwort der evangelischen Stände der Schweiz an Luther wurde eine Versammlung ihrer Rathsboten und Prediger für nothwendig erachtet. Sie fand in Zürich Statt vom 29. April bis 4. Mai 1538; auch Calvin und Farel trafen ein wegen ihrer Vertreibung aus Genf. Unwillkommne Gäste waren dabei die Straßburger Butzer und Capito; groß war die Erbitterung gegen sie noch bei Vielen sowohl wegen des, wie wir wissen, durch einen zürcherischen Studierenden aus Straßburg übersandten argen Briefes Butzers an Luther, als namentlich wegen der durch ihn verschuldeten Zerrüttung der bernischen Kirche und Meganders auch von Calvin mißbilligter Verabschiedung. Selbst auf der Straße erhielt Butzer ein Zeichen des Unwillens, der gegen ihn rege war; aus jugendlicher Unbesonnenheit höhnte ihn einer der Studierenden, mußte aber dafür sofort ins Gefängniß wandern. Jn der Versammlung selbst bekam Butzer scharfe Worte zu hören über sein unlauteres Treiben und Drängen, über die falsche Art seines ganzen Verfahrens in dem Vereinigungsgeschäfte, da er die obschwebende Verschiedenheit bald abzuläugnen, bald durch trügerische Formeln zu verdecken suche und diese hier in einem, dort in anderem Sinne ausdeute. Mit großer Gewandtheit suchte er sich heraus zu winden, aber ohne den gewünschten Erfolg.  Endlich versicherte er hoch und theuer, daß sie (die Straßburger) im völligen Einklang mit der Basler d.h. der ersten schweizerischen Confession bekennen, Christi Leib und Blut werde im Abendmal nur geistlich und durch den Glauben genossen und daß Luther zusehends den schweizerischen Kirchen näher gekommen sei.

Rücksichtlich der Antwort an Luther wurde ein Antrag, erst dann die Einigung als gültig und geschlossen anzusehen, wenn er förmlich widerrufe, was er wider Zwingli geschrieben, sowie andere, etwas mildere, nicht ohne ziemliche Anstrengung beseitigt. Das Antwortschreiben hält völlig den treuherzigen und ganz freundschaftlichen Ton von Luthers Brief inne, bezeugt hohe Freude über die aus Luthers Schreiben hervor leuchtende wie aus der Straßburger mündlichen Aussagen sich ergebende Gesinnung und Denkweise, spricht aber nochmals als Lehre der schweizerischen Kirchen bestimmt aus, daß im

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heiligen Abendmale der Leib und das Blut des Herrn allein von den Gläubigen wahrhaft empfangen werde, durchaus nach Jnhalt und Wortlaut der Basler Confession und ihrer an Luther übersandten Erklärung, bei der wir unseres Theils fest und unverrückt bleiben. Doch befinden sie nunmehr nach Luthers Versicherung, er wolle keine die wahre Menschwerdung und die Himmelfahrt Christi gefährdende Gegenwart Christi im Abendmal lehren, daß beide Theile Gott Lob! im Sinn und wesentlichen Lehrinhalt mit einander eins und wohl zufrieden, auch kein Streit mehr zwischen ihnen sei und daß Gott ihnen zu wahrer Einigkeit zusammen verholfen habe, wofür sie Gott Lob und Dank sagen ewiglich. Daher dürfen sie sicher annehmen, es werde Luther nicht beschweren, wenn sie die Art der Gegenwärtigkeit nach ihrer Ausdrucksweise so vortragen, wie es dem Volke am allerverständlichsten sei. Uebrigens wollen sie alles dessen sich befleißen, was zur Erhaltung und Mehrung wahrer Einigkeit dienlich sei. „Desgleichen, sagen die Schweizer weiterhin in ihrer Antwort, getrösten wir uns auch zu Euer Ehrwürden hinwiederum alles Guten, bitten euch hiebei freundlich, unsere Kirche in alle Wege in väterlicher Sorge, Liebe und Treue befohlen zu haben, und wofern euch etwas anlangen würde, das christlicher Einigkeit und Treue und dieser unserer Verkommniß zuwider oder ungemäß wäre, dem nicht leichthin Glauen zu schenken, sondern jedenfalls unsere Meinung dagegen zu vernehmen. Das sind wir erbötig hinwieder zu thun, uns aller christlichen Liebe und Treue zu befleißen, die Sachen dermaßen anzustellen, daß die wohlangefangene Concordie mit der Gnade des Herrn Beistand habe; was irgend noch irren möchte, freundlich abzuwenden und zu vollkommener Einigkeit zu bringen,  dazu sind wir auch erbötig.

Gott, unser himmlische Vater, der da ist der Herr der Heerscharen, der Vater aller Barmherzigkeit und alles Trostes, entzünde in uns beiden Theilen durch seinen heiligen Geist das Feuer seiner göttlichen Liebe, damit wir dies christliche Werk dieser Concordie, zur Heiligung und Ehre seines heiligen Namens, auch zur Seligkeit vieler Seelen, dem Satan und der Welt sammt allen ihren Anhängen zuwider durch die Gnade Gottes zugerichtet, seliglich erhalten mögen“ usw.Dieses seinem Jnhalte nach gleich dem früheren unzweideutige Schreiben, das keine Unterwerfung unter Luther noch unter Butzers doppelsinnige Formeln, kein Aufgeben der eigenen Ueberzeugung enthielt, aber redliche und aufrichtige Gesinnungen des Friedens ausdrückte und gegen das Ende hin namentlich auch für die Zukunft allen ferneren Zwistigkeiten durch die bestimmte Abrede gegenseitiger freundschaftlicher Mittheilung der allfällig vorkommenden Anstöße vorzubeugen suchte, wurde Luthern durch einen obrigkeitlichen Läufer in der Zürcher Farbe und Ehrenzeichen zugesandt; dieser hatte zugleich dem Churfürsten von Sachsen und dem Landgrafen von Hessen das Dankschreiben zu überbringen für die von ihnen den Schweizern überschickten Akten des

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Tages zu Schmalkalden, wodurch die deutschen Protestanten sich endlich völlig von der päbstlichen Gewalt losgesagt hatten.

Bullinger seinerseits versäumte nichts, was zur Förderung des Friedens und der Eintracht dienen konnte. Schon zu Ende März 1538 schrieb er sowohl an Osiander in Nürnberg, als an Luther selbst; beide Briefe gab er einem jungen Zürcher mit, Otto Werdmüller, der eben die Universität Wittenberg bezog. Luthern übersandte er zugleich zwei Schriften „über die Autorität der heil. Schrift“ und „über die Bischofswürde,“ die er so eben auf Ansuchen einiger bei ihm weilenden Engländer für die Kirche Englands verfaßt hatte. Jn diesem seinem ersten Briefe wünscht er, mit aufrichtiger Ehrerbietung gegen Luther „als den Feldherrn ersten Ranges in der Kriegsführung gegen die Papisten“, gegenseitige Freundschaft und Liebe zur Förderung des Heiles der Kirche, grüßt auch von Seiten Pellicans, Vadians und der Uebrigen Luther selbst, sowie Melanchthon, Cruciger, Jonas u.s.w.

Bald nach der Versammlung in Zürich erhielt er Luthers freundliche Antwort. Jnhalt und Styl mancher schweizerischen Schriften gefalle ihm, wiewohl in Rücksicht der Gemüthsanlage und der Lehrweise gewisse Verschiedenheiten obwalten zwischen ihm und ihnen. „Jch will es offen gestehen, sagt er; Zwingli habe ich, seit ich ihn in Marburg gesehen und gehört, für einen trefflichen Mann (optimum virum) gehalten, sowie auch den Oekolampad. Jhr unglückliches Schicksal hat mich darum fast aus der Fassung gebracht, vornehmlich deshalb, weil ich zu glauben genöthigt war, er sei von unserer Lehre, die wir für die wahre halten, so weit entfernt gewesen und geblieben. Jch bedauerte auch, daß du sein Buch an den König von Frankreich heraus gabest mit so großer Lobeserhebung, da du doch denken mußtest, es sei darin gar Vieles, woran nicht nur wir, sondern alle Frommen mit Recht sich ärgern mußten. Du siehst, ich rede ganz offen mit dir, ohne allen Groll.“ Uebrigens, fügt Luther sei, würde es ihn über Alles freuen, wenn vor seinem Tode Einstimmigkeit einträte. - Es waren Vorwürfe in diesem so ruhig gehaltenen Briefe, die Bullinger nicht unbeantwortet lassen mochte, die er daher, wie wir unten hören werden, bald möglichst eben so ruhig von sich ablehnte.

Wenige Wochen nachher, am 27. Jun 1538, beantwortete Luther das Schreiben der schweizerischen reformirten Stände vom 4. Mai, beinahe im Tone seines vorherigen Schreibens (vom 1. Dezember 1537). Er bezeugt ihnen nochmals seine Freude darüber daß ihrer Aller Herzen zur Einigkeit bereit seien und daß ihnen sein Schreiben (vom 1. Dezember) gefallen habe. Ohne Zweifel sei ein sehr fromm Völklein in der Schweiz, und er hoffe zu Gott, so man säuberlich thue, werde Gott mit der Zeit gänzlich zur fröhlichen Aufhebung aller Jrrung verhelfen. Er wolle, so viel er immer könne, obgleich Etliche ihrer Schriften wegen ihm noch verdächtig seien, auch sie für gut halten, bis sie auch herzu kommen. Er habe, fügt er etwas seltsamer Weise bei, „Alles, was nicht schriftlich konnte gegeben werden“, Butzern angezeigt, und

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verweist sie nochmals an dessen mündliche Mittheilung. „Jch bitte demnach, schließt er, ihr wollet auch, wie angefangen, solches göttliche Werk vollführen helfen zu Frieden und Einigkeit der christlichen Kirchen, wie ich denn nichts Anderes spüre, als daß ihr's mit Lust und Freuden zu thun bereit seid.“

Sonach hatte man aufs neue die besten Freundschaftsversicherungen von Seiten Luthers, aber auch dieselbe Unbestimmtheit wie früher, darüber ob er sich wirklich für den endlichen Abschluß der gewünschten Einigung (Concordie) begnüge nach dem Vorschlage der Schweizer mit dem beiden gemeinsamen, wesentlichen Lehrinhalt, der „Substanz“ evangelischer Lehre, oder ob dafür von seiner Seite die Aufstellung und Unterzeichnung einer beiden gemeinsamen Lehrformel doch noch als unerläßlich angesehen werde. Man hatte abermals die Verweisung auf einen Unterhändler, dessen Geschmeidigkeit und Fertigkeit in Verdunklung des obschwebenden Hauptpunktes allgemein bekannt, dessen Credit aber eben darum bei den Offenen und Aufrichtigen gebrochen, bei dem auch, wie man in der Schweiz immer mehr fühlte, seit auf dem Tage in Zürich seine verhüllenden Formeln völlig abgelehnt worden, eine Mißstimmung und Entfremdung eingetreten war. Eben deshalb hatte man ja in aufrichtiger Friedensliebe den unmittelbaren Verkehr mit Luther vorgezogen.

Daher war Bullinger von diesem Schreiben Luthers nicht ganz befriedigt; die Sache mußte dadurch ins Stocken gerathen. Er drückt sich darüber so aus: „Luther antwortete anders als man erwarten durfte, und dabei ist das Vereinigungsgeschäft ganz und gar ersessen.“

Was Butzer betrifft, mußte Bullinger nun von ihm her längere Zeit eine Reihe von schiefen Auffassungen seines festen Standhaltens, von Mißdeutungen und ungerechten Anschuldigungen erfahren, die er indeß zu ertragen oder, wo es nöthig ward, zu widerlegen wußte. Doch that er dies möglichst geräuschlos, wie sehr ihn auch Butzers Charakterschwäche und seine schillernde Haltung verdroß. So schreibt Bullinger später einmal gelegentlich einem Freunde: „Butzer hätte wohl einen Haarrupf verdient; aber wir wollen allweg die Bessern sein.“ Noch im höheren Alter sagte er freilich zu den Seinen beim Rückblick auf diese Zeiten öfters, unter allen Menschen habe ihn niemand so geplagt wie Butzer.“ Dieser legt von Bullingers Charakter auch späterhin das ehrenvolle Zeugniß ab: „Er ist ein Mann, dem man alle Anerkennung zollen muß, nicht von streitsüchtigem Gemüthe und treu im Kirchendienste, der einfach die Erbauung der Gemeinden im Auge hat und im Urtheil über die Brüder die Liebe mitsprechen läßt.“

65. Friedenshoffnung. Bullingers Schreiben an Luther und an Melanchthon, September 1538.

Jmmerhin hatte man doch Großes erreicht durch die bisherige Annäherung, die Eröffnung eines amtlichen und privaten Schriften- und

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Briefwechsels, das gegenseitige Versprechen alle Feindseligkeiten abzustellen, und allfällig vorkommende Anstöße nicht auf dem Wege polemischer Schriftstellerei laut werden zu lassen, sondern durch briefliche Mittheilung einander kund zu thun.

Noch immer glaubte man einer festen, dauerhaften Vereinigung oder doch Befreundung ganz nahe zu sein. Bestärkt wurde man durch die Meldung, die der Rath von Straßburg unterm 26. August 1538 an die schweizerischen Kantone richtete: „daß ihre Schreiben (vom 4. Mai) an den Churfürsten von Sachsen und den Landgrafen von Hessen von den Fürsten und den in Eisenach versammelt gewesenen Gesandten des schmalkaldischen Bundes sowie von Luther selbst gar günstig und freundlich aufgenommen und als ganz christlich gerühmt worden seien.“

Daher gab Bullinger um so weniger die Hoffnung auf, daß, abgesehen von Butzers Vermittlung, ein gedeihliches Verhältniß zu Luther nunmehr erreichbar sei und befliß sich durch unmittelbaren brieflichen Verkehr, den er einem durch Butzer vermittelten weit vorzog, hiefür sein Möglichstes zu thun. Er schrieb deshalb sofort an Luther und an Melanchthon, um die letzten Hindernisse zu heben, die etwa noch der aufrichtigen Befreundung zwischen Luther und den Schweizer Kirchen im Wege stehen konnten. Beide Briefe sind vom 1. September. Der an Luther ist für Bullingers ganze Haltung Luther gegenüber bezeichnend. Vorerst dankt er Luthern ehrerbietig für die Freundschaft und das Wohlwollen, die er ihm durch seinen letzten Brief (vom 12. Mai) ezeugt habe. „Jch habe dich immer lieb gehabt und dich mit hoher Achtung verehrt, indem ich die ausgezeichneten Gaben Gottes, die dir verliehen sind, anerkannte und wie Großes der Herr durch dich für seine Kirche gethan. Jetz aber verehre und liebe ich dich noch mehr um deiner Freimüthigkeit willen; denn diese leuchtet vornehmlich aus deinem Schreiben hervor. Heutzutage ist der Sinn der Meisten von der Art, daß der als liebreich und freundlich gilt, der etwas Anderes auf der Zunge als im Herzen trägt. Du aber hassest Solche mit Recht; du willst dich nicht verstellen, sondern freimüthig heraus sagen, was du denkst. ... Ueber Zwingli und Oekolampad hast du freimüthig und gut dein Urtheil ausgesprochen. Ebenso aufrichtig und klar hältst du aber unsere und euere Lehrweise aus einander. Doch erlaube mir, hochgeehrter Luther! frei heraus zu sagen, was ich denke. Wir hier zu Lande hatten aufs bestimmteste die Hoffnung geschöpft, daß fürderhin jene Ausdrücke, die nur zu deutlich eine Spaltung zwischen uns verrathen, nicht mehr gehört würden. Denn die Brüder aus Straßburg versicherten uns ausdrücklich, unsere Confession und deren Erläuterung, die wir zu Basel verfaßt und durch Butzer auf den Tag zu Schmalkalden übersandt haben, werde von euch nicht mißbilligt. Jst dem so, wie wir in der That glauben müssen, so sehe ich fürwahr nicht ein, wie dir unsere Lehrweise und unser Glaube noch als verschieden oder fremdartig erscheinen könne. Drum sind mir, ich muß es unumwunden gestehen, jene Ausdrücke „unser“ und „euer“, da sie

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Verschiedenheit der Lehre verrathen, sehr störend. Auch das betrübt mich nicht minder, was du sofort beifügst, du bedaurest, daß durch meine Veranstaltung Zwingli's „Darlegung des Glaubens an den König von Frankreich“ heraus gekommen, da ich doch habe denken müssen, es sei darin gar Vieles, woran die Frommen mit Recht sich ärgern müßten. Hätte ich Solches gedacht und nichts desto weniger der Kirche diese Schrift aufgedrungen, so hätte ich freilich eine fast unverzeihliche Missethat begangen. Denn ich habe wohl im Gedächtniß den Ausspruch unsers Herrn: „Wer einen dieser Kleinen ärgert usw.“Allein ich muß dich bitten, E. Luther, mir billiger Maßen Besseres zuzutrauen, als daß ich absichtlich und wissentlich je den Frömmsten Aergerniß gäbe. D. Butzer hat mehr als Ein Mal uns gemeldet, Luther wolle nicht eine körperliche oder krasse Gegenwärtigkeit des Herrn im Abendmal behaupten, oder verfechten, sondern eine wahre und heilsame, daß Christus in uns lebe und wir in ihm. Eben jenes hat aber auch Zwingli gerade in dieser Schrift bekämpft, dagegen zur wahren und heilsamen Gegenwart sich völlig bekannt. Daher sehe ich nicht ein, wie ich durch die Veröffentlichung dieser Schrift gegen dich oder andere fromme Männer mich sollte versündigt haben. Denn nirgends hat Zwingli seine Ansicht hierüber gedrängter und deutlicher ausgesprochen. Jn dem Bekenntniß, das er 1530 auf den Reichstag nach Augsburg übersandte, beruft er sich auf Augustin, hier auch noch auf Chrysostomus. Denn ausdrücklich sagt er: „Wir glauben, daß Christus wahrhaftig sei im heil. Abendmal, ja wir glauben, es sei kein Abendmal, wenn Christus nicht da sei. Wir behaupten aber, nicht so fleischlich und kraß werde der Leib Christi gegessen, wie die Papisten wähnen, sondern wir glauben, der wahre Leib Christi werde im heil. Abendmal sakramentlich und geistlich gegessen von der frommen, gläubigen und heilsbegierigen Seele, wie auch der sel. Chrysostomus schreibt.“ Dies sind Zwingli's eigene Worte. Dies mißbilligst du nicht, denke ich. Ohne anders genügt es dir und allen Frommen, wenn man sich zum Glauben der großen Kirchenlehrer Augustin und Chrysostomus bekennt. Denn diese beiden Männer, mögen sie auch in ihren Erörterungen und Begründungen hie und da geirrt haben, da sie eben auch Menschen waren, sind doch bei allen Frommen zumal in Bezug auf diesen Punkt und überhaupt auf den wesentlichen Jnhalt der christlichen Lehre als ächte Beschirmer der Rechtgläubigkeit anerkannt. Sonst weiß ich nichts in dieser Schrift, was einen billigen Leser und Beurtheiler sonderlich stoßen könnte.

Am Schlusse deines Briefes bemerkst du noch, ihr könnet nicht alles das Unsrige billigen. Allein, da wir unsere ganze Lehre in unserer dir bekannten Confession dir offen dargelegt haben, so wäre es, Verehrtester! dienlich gewesen, du hättest es uns freundschaftlich angegeben, wofern du etwas nicht billigst oder dich woran stößest; ja, wenn du's grade jetzt noch thust, so werden wir der Verdächtigungen los werden und desto eher unzertrennlich verbunden

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sein. Einiger Abweichungen halben in einzelnen kirchlichen Bräuchen wirst du, denke ich, dir nicht eben große Bedenken machen, da die einzelnen christlichen Kirchen, wie dir ja wohl bekannt ist, von Anfang an nie sich gleich waren hinsichtlich der Ceremonien.

Jnniglich bitte ich dich, nimm diese Zeilen wohlwollend auf, so wie sie aus aufrichtigem Herzen geschrieben sind. Denn ich wünsche von Grund meiner Seele, daß einmal die Zwistigkeiten und Verdächtigungen aufhören, weder Zwietracht noch auch der bloße Schein davon zwischen uns fortdaure, sondern wir gegenseitig uns aufrichtig lieben im Herrn, zumal wir ja sehen, daß die Widersacher Christi alle ihre Zuversicht auf unsere Entzweiung gründen. Fahren wir damit fort, so wird das Reich Christi durch uns Schaden leiden und das Reich des Antichrists am meisten gefördert werden, die Kräfte unserer Widersacher werden wachsen, wir aber unsere Kräfte aufreiben, nach dem bekannten Spruche des Apostels: „So ihr euch unter einander beißet und fresset, so sehet zu, daß ihr nicht von einander verzehrt werdet“[43]. Denn Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm; wie auch der Herr Christus spricht, er, der uns zu Dienern seiner Kirche, welche er mit seinem theuren Blute erkauft hat, eingesetzt: „Daran wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe unter einander habet.“ Wohlan denn, theurer Luther! liebe uns nach des Herrn Gebot, und, wenn du meinst, wir glauben oder handeln in irgend etwas nicht ganz richtig, so zeige es uns an, und du darfst dir Alles von uns versprechen, was sich nur immer erwarten läßt von Brüdern, die gerne mit dir der Liebe pflegen! Es grüßen dich meine Mitarbeiter, Leo, Pellican und die Uebrigen. Grüße Jonas und die Uebrigen. Lebe wohl im Herrn.“

Das gleichzeitige Schreiben Bullingers an Melanchthon athmet denselben Geist ächter, christlicher Bruderliebe. Er dankt ihm vorab für alle Otto Werdmüllern erwiesene Freundlichkeit; sodann spricht er seine zuversichtliche Hoffnung aus, es gehe nun mit der Concordie gut; nur solle man ja keinen Verdächtigungen und Verläumdungen Gehör schenken.

„Gottes Gütigkeit, fährt er dann fort, hat uns zum Dienste seiner Kirche berufen. Auf uns sieht die Herde Christi als auf ihre Vorbilder und weisen Leiter. Wie ernst aber ermahnt uns der selige Apostel Jacobus zur rechten Weisheit (Jacob. 3, 13-18): „Wer ist weise und klug unter euch?; der erzeige mit seinem guten Wandel seine Werke in der Sanftmuth und Weisheit usw.“ Weg also mit allem Argwohn, mit allem Sreit und Gezünke, weg mit aller Verstellung, allen Ohrenbläsereien und Beschuldigungen! Wir wollen uns als Brüder lieben in wahrer christlicher Liebe, wollen einander hülfreiche Hand leisten im Werke des Herrn. Wir wollen das Reich Christi

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wieder aufbauen und mit vereinten Kräften das Reich des Antichrists vertilgen. Jhr kennet unsere Confession, ihr wisset was unsere Lehre ist usw. .. Habet ihr noch etwas daran auszusetzen, nun, so beschwöre ich euch, saget es frei heraus, damit aller Argwohn und Gross ein Ende habe. Dasselbe habe ich auch an D. Luther geschrieben. Denn wir lieben euch und wünschen Alles entfernt zu sehen, was die aufrichtige Liebe hindern möchte.“

Jm Einzelnen bemerkt er: „Allerdings haben wir die Bilder aus unsern Kirchen entfernt und abgeschafft, aber ordentlich und ohne Tumult, nach Gottes Geboten mit Zustimmung unserer Gemeinden und laut Anordnung der christlichen Obrigkeit. Dies wird, denke ich, doch wohl niemanden von euch anstößig sein; sind doch, wie du wohl weißt, Bildsäulen und Gemälde erst spät, bei vierhundert Jahren nach Christus in der christlichen Kirche aufgekommen. Ebenso ist ja auch die Beichte[44], wie du weißt, nicht eine apostolische Anordnung, sondern rührt erst von den Kirchenvätern her. Uebrigens lassen wir's nicht daran fehlen, gemäß unserm Amte und Berufe die durch Erkenntniß der Sünde und des göttlichen Zornes erschrockenen Gewissen zu trösten, ihnen fleißig Gottes Verheißungen vorzuhalten und sie im Glauben an Christum zu stärken. Das öffentliche von jeher in der Kirche gebräuchliche Sündenbekenntniß behalten wir bei.“

„Doch vielleicht, fährt Bullinger fort, hat der traurige Ausgang unsers unglücklichen Krieges (1531) Etliche der Eurigen uns entfremdet, zumal man unsern Zwingli gottseligen Andenkens für den Anstifter und Urheber desselben ausgibt. Jch lege dir deshalb hier einige Bogen (das Kriegsmanifest) bei, welche unsere Landesobrigkeit damals öffentlich ausgehen ließ. Daraus kannst du dich wenigstens einiger Maßen von den Ursachen des Krieges und von Zwingli's Schuldlosigkeit überzeugen.“ Ohne anders um Luther endlich von der dunkeln Vorstellung loszureißen, als ob Zwingli, gleich einem Münzer usw. als ein Aufrührer umgekommen sei, entwirft nun Bullinger in Kürze ein lebhaftes Bild der Schlacht bei Kappel und zeigt, wie Zwingli nicht aus Kriegslust, Muthwillen oder Leidenschaft, sondern auf Befehl der rechtmäßigen Obrigkeit daran Theil genommen und muthig im pflichtmäßigen Kampfe für des Vaterlandes Wohl einen ehrenwerthen Tod erlitten habe. „Doch, setzt er bei, will ich dir jetzt damit nicht weiter beschwerlich fallen. Jch schreibe dies nur, damit, wenn etwas hievon einer aufrichtigen Befreundung sollte im Wege stehen, es nunmehr gehoben werde und verschwinde, und wir Eins seien in Christo und kein Anstoß oder Hader unter uns übrig bleibe. Der Herr Jesus erhalte dich uns lange im Wohlsein!“

So hatte Bullinger wenigstens das Seine gethan zur Befestigung und Forterhaltung eines freundschaftlichen Verhältnisses mit Luther; mit

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Melanchthon fühlte er sich ohnehin durch Gemüthsart und Gesinnung verbunden. „Melanchthon habe ich von meinem Knabenalter an lieb gehabt, schreibt er später einmal und er hat mich auch lieb, wie ich längst vernommen.“

Wirklich trat eine Zeit friedlicher Ruhe ein.

66. Neue Feindseligkeiten Luthers. Bullingers Geduld.

Doch wie wenig entsprach der Erfolg den ungeheuren Anstrengungen. Kaum ein Jahr dauerte die längst ersehnte Friedenszeit. Begreiflich gab es, wie Luther zuvor erkannt, immer noch Eiferer, denen die Einigkeit zwischen den beiden Zweigen der evangelischen Kirche mißfiel und die so eingenommen waren von ihrer Besonderheit, daß Streit ihnen verdienstlicher erschien. An Aufhetzungen gegen die Reformirten fehlte es in Luthers Umgebung nicht. Das Schlimmste aber war, daß er selbst sich aufs neue gegen sie reizen ließ.

Schon 1539 begann er in seiner deutschen Schrift „von den Concilien“ auf Zwingli zu sticheln, indem er ihn mit dem Ketzer Nestorius, der im fünften Jahrhundert wegen Trennung der beiden Naturen in Christo verworfen worden, in gehässige Verbindung brachte. Jn einem ruhigen und ehrerbietigen Schreiben, das Bullinger Namens der zürcherischen Geistlichkeit an ihn richtete, machte ihm diese hierüber ihre Vorstellungen: „Wir haben, hochgelehrter Luther, deine Schrift von den Concilien gelesen, die den gegenwärtigen Zeiten höchst angemessen und gar nöthig ist. Der Herr stärke dich, daß du immer fortfahrest, das Reich des Antichrists mit eiserner Beharrlichkeit und unerschütterlicher Tapferkeit zu bekämpfen und zu zerstören! Jndeß geht es uns sehr nahe, daß du in dieser Schrift unseres in Gott ruhenden, redlichen und gelehrten Ulrich Zwingli nicht eben in Ehren gedenkst.“ Sie weisen den Vorwurf mit Berufung auf die Marburger Artikel (3.; vgl. Christoffels Zwingli, Abh. 1, S. 320), Zwingli's Bekenntniß von 1530 und die schweizerische Confession von 1536 zurück. Von Zwingli sagen sie: „Er hatte nichts mit dem Nestorianismus gemein. Er war fromm und rechtgläubig, ein eifriger Verehrer der katholischen (allgemein christlichen) Wahrheit, voll heiliger Mäßigung. Hättest du ihn vordem recht gekannt, wahrlich es würde in dem unseligen Zwist unter euch nie so weit gekommen sein. Da nun aber leider das Gegentheil eintrat und der Streit bei seinen Lebzeiten nicht völlig konnte beigelegt werden, so geht wenigstens unser Wunsch dahin, daß nun doch endlich nach gründlicherer Kenntniß und Erwägung seines Glaubens die Zwistigkeiten aufhören, ja auch der kleinste Funke des alten Haders möge ausgelöscht werden. Wir, liebster Luther, hielten uns für verpflichtet, dir dies schritlich zu melden. Laut unserer Zuschrift von der Versammlung in Zürich, 4. Mai 1538, haben wir versprochen dir brüderlich anzuzeigen, was uns etwa in deinem Benehmen auffallen sollte, damit der Friede zwischen dir und uns festen Bestand habe. Sieh also hier die Beschwerde redlicher Freunde; dir,

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dem bescheidenen Luther, machen wir diese Anzeige, und fordern auch dich bei aller Liebe auf falls dir in unserm Verfahren etwas Tadelhaftes vorkäme, es uns als Brüdern zu melden, inzwischen unserm Zwingli einen bessern Glauben zuzutrauen und uns unsere freundschaftliche Freimüthigkeit nicht zu verargen.“

Luther antwortete nicht, unterließ aber etliche Jahre hindurch jede Anfeindung. Die deutschen Religionsgespräche mit den Katholiken 1540 und 1541 waren für den Frieden mit den Reformirten nur günstig.

Doch seit 1541, eben als der Protestantismus in Deutschland wieder frische Kraft gewonnen hatte, zogen die düstern Wolken des Haders sich aufs neue zusammen, obgleich die Schweizer von ihrer Seite keinen feindseligen Schritt gethan, sondern treu der getroffenen Verabredung Frieden hielten. Luther seinerseits, vielfach verdüstert in seinen spätern Lebensjahren durch körperliche Leiden und schwere Arbeitslast, reizbarer noch als vordem, argwöhnisch und mißtrauisch gemacht durch hitzige Parteigänger wider eine große Anzahl milder Denkender in seiner Umgebung und namentlich wider seinen treuen Freund Melanchthon, welcher bei aller Nachgiebigkeit doch in Rücksicht der Abendmalslehre seine Selbständigkeit nicht ganz aufgab, mochte hauptsächlich durch den Unwillen über diejenigen in seiner Nähe, die zur reformirten Lehre hinneigten, aufs neue gegen Zwingli sich verbittern und um deswillen den Aufwallungen des Zornes den Lauf lassen. Jmmerhin mußten sich alle die, welche Zwingli so viel zu danken hatten, tief verletzt fühlen, wenn sie gleich stille trugen was zu tragen war.

Jm Jahre 1541 stellte Luther in einem Schriftchen „vom Gebet wider die Türken“ nicht nur Zwingli zwischen Münzer und die Wiedertäufer, sondern schrieb auch, unfreundlich genug, einen großen Theil der türkischen Wuth und Grausamkeit auf Rechnung der Zwinglischen. Die Zürcher schwiegen. Manche ihrer Freunde machten es ihnen zum Vorwurfe, daß sie nicht öffentlich die offen verletze Wahrheit in Schutz nähmen, und beschuldigten sie deßhalb der Lässigkeit. Dennoch schwiegen sie. „Sie unterstunden sich, wie L. Lavater sich ausdrückt, mit verharrigem Stillschweigen Luthern das Herz zu erweichen.“ Sie begnügten sich in Privatbriefen an ihre Freunde über die Schmachreden Luthers sich zu beklagen und seine schweren Beschuldigungen als nichtig von sich abzulehnen.

Als im Jahre 1543 die Bibel, von den zürcherischen Gelehrten ins Lateinische übersetzt, heraus kam, sandte der Buchhändler Christoph Froschauer ein Exemplar dieses zierlich ausgestatteten Werkes Luthern zum Geschenk, erhielt aber schlechten Dank. Luther, wie's scheint, längst mißvergnügt über den freundschaftlichen Verkehr der Schweizer mit Melanchthon, der ihre Schriften gerne annahm und Gefallen daran fand, überdies besonders unzufrieden über Melanchthons Haltung bei dem Reformationswerke in Köln, vielleicht auch von Eifersucht nicht frei, schrieb an Froschauer (den 31. August 1543) ein

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Briefchen, das der 1538 zwischen ihm und den Schweizern getroffenen Abrede völlig widersprach. Er meint darin, ihre Prediger seien genugsam ermahnt, von ihrem Jrrthum abzustehen und nicht die Leute durch ihre lästerliche Lehre zur Verdammniß zu führen; er wolle wider sie beten und lehren bis an sein Ende; man solle ihm keine von ihnen verfaßte Bücher mehr überschicken; sie seien doch verloren; Gott möge helfen, daß die Kirchen solcher falschen, verführerischen Prediger einmal los werden, und alle unschuldigen Herzen vor ihrem Gifte behüten.

Begreiflich erregte dieses Briefchen bedeutendes Aufsehen. Die Zürcher theilten es einigen ihrer Freunde in Deutschland mit und äußerten ihre Entrüstung. Gerade hier aber haben wir Anlaß in Bullingers Gemüth tiefer hinein zu blicken. An Butzer schreibt er bei diesem Anlaß (im October 1543): „Jch bedaure von Herzen, daß Luther, ein Mann von diesem Alter, so arg wider uns loszieht. Vieles haben wir bis anhin übergangen, um den Frieden unter den Kirchen zu erhalten, viel haben wir seiner Anmaßung ungeachtet ihm nachgesehen; Vieles geduldig verschluckt um Christi willen, um den Schwachen kein Aergerniß zu geben. Aber er übertrifft sich selbst an Rohheiten und legt es darauf an, durch seine unsäglichen Schmähungen unsere Geduld zu brechen. Selbst wenn wir wirklich im Jrrthum wären, hätte er uns nicht so verdammen, verwerfen und zertreten sollen. Wo ist nun die Vereinigung mit Luther, an deren Zustandebringen du so sehr gearbeitet hast? Du siehst und erfährst nun, daß wir nicht blindlings, sondern mit Grund manche Besorgnisse hegten... Gott verzeihe ihm seine große Sünde und heile die giftige Wunde, die übrigens nicht uns, sondern, wie ich fürchte, ihm selbst verderblich sein wird. Wir beten nicht wider ihn, sondern für sein Heil und Wohlergehn. Wir wollen auch nicht wider die sächsischen Kirchen und deren Angehörige lehren oder schreiben; denn wir dürfen hoffen, alle frommen und Wahrheit liebenden Menschen in jenen Kirchen stehen ganz gut mit uns, mag auch Luther und etliche streitsüchtige und leidenschaftliche Menschen, die ihn aufreizen, die Gemeinschaft und Verbindung mit uns verabscheuen.“

Butzer beschwor Bullinger doch ja Luthers Brief an Froschauer nicht öffentlich zu erwiedern; er versprach ihn abschriftlich an Melanchthon zu senden, um diesen von der Nothwendigkeit zu überzeugen, Luther sanfter zu stimmen. Bullinger antwortete (am 8. Dezember 1543): „Du darfst nicht besorgen, daß wir etwa aus leidenschaftlicher Hitze den Kampf von neuem beginnnen; wenn Luther nicht durch eine Druckschrift öffentlich uns zum Kampfe herausfordert, und uns so anficht, daß wir ohne Schaden der Wahrheit und des Gewissens nicht schweigen können, so werden wir uns nie mit ihm in Kampf einlassen.“ Dann bedauert er, daß Luther auch sonst immer mehr sich gehen lasse, in Rücksicht unanständiger Ausdrücke und gewagter, unbedachtsamer Aeußerungen über biblische Bücher usw. Man sollte ihn doch

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abmahnen; die Nachwelt werde freilich daraus sehen, daß Luther eben auch ein Mensch sei, menschlichen Anfechtungen unterworfen. „Wir sind nicht ungeduldig, setzt er bei, allein du siehst, Luther will keine Concordie. Wir überlassen's Gott; wir können und mögen ihn ja nicht dazu zwingen. Uns genügt es, wenn die mit uns einig sind, die dem Gottesworte glauben, es in schlichter Treue befolgen und dadurch erneuert werden zu ihrer Seligkeit. Mehr begehren wir nicht; das ist uns Concordie genug!“

67. Bullingers fortdauerndes Freundesverhältniß zu Melanchthon.

Je mehr sich Luther verbitterte, desto lieblicher gestaltete sich Bullingers Verhältniß zu Melanchthon. Eben zur nämlichen Zeit, als Luther Froschauers Gabe so grimmig erwiederte, war Bullinger aufs neue veranlaßt, Melanchthon für alle Freundlichkeit und Liebe zu danken, die er etlichen Zürchern, welche in Wittenberg studierten, erzeigt, und fühlte sich getrieben, ihm, als ein geringes Zeichen seiner Hochschätzung, seine eben erschienene Auslegung des Evangeliums Johannis zu schenken. „Geliebter Melanchthon, schreibt er ihm, gerne möchte ich dir eine größere Gabe bieten. Was ich aber dermalen habe, gebe ich mit redlichem Herzen. Nimm es nach deiner Güte freundlich auf. Jch weiß, wie du an schriftstellerischen Bestrebungen Anderer so viel Freude hast. Gegenwärtige Schrift ist die Arbeit von neun Monaten. Der Endzweck der ganzen Auslegung ist der, daß Christus, wahrer Gott und Mensch, und was durch ihn der himmlische Vater uns geschenkt hat, recht erkannt und gläubig angenommen werde. Die göttlichen Geheimnisse des hochfliegenden Adlers habe ich den Wißbegierigen so auszulegen gestrebt, daß niemand mir wird vorwerfen können, ich lege mehr Gewicht auf neue und subtile Streitfragen, als auf das, was schon von der ursprünglichen Kirche, die man die katholische (allgemeine) Kirche zu nennen pflegt, durch den Geist der Wahrheit mit großer Einstimmigkeit angenommen und behauptet worden ist. Jch widerlege und bestreite darin oft und nachdrücklich die neuen schädlichen Lehren Schwenckfelds, durch die er Viele verwirrte[45], ebenso die Lästerungen des Spaniers Servede, des Schwätzers Johann Campanus und der unsinnigen Wiedertäufer in Betreff der Artikel von der Dreieinigkeit, dem heiligen Geiste, der ungetrennten Verbindung beider Naturen in Christo u.s.w. Denn schon so Viele sind dadurch irre geführt worden. Jch widerlege aber, ohne sie zu nennen, nur ihre Jrrlehren. Wahrlich von ganzem Gemüthe habe ich getrachtet, die falschen Lehren zu vernichten und die katholische (allgemein christliche) Wahrheit zu verfechten zum Nutzen aller Frommen. Das weiß unser Herr Jesus, der unser aller

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Herzen kennt! Er erhalte dich seiner Kirche und uns Allen, sammt Luther und dem ganzen Kreise von frommen und gelehrten Männern in eurer Umgebung.“

Melanchthon hinwieder bezeugte Bullingern im März des folgenden Jahres großes Wohlgefallen an dessen schriftstellerischen Werken, die er fast alle gelesen, zum Theil durchstudiert habe. Namentlich lobt er dieselben, wie er schon vorher öfter gethan, ihrer Einfachheit, Klarheit und Rechtgläubigkeit wegen, Bullingers Schriftauslegungen besonders auch deshalb, weil dieser nicht wie manche Andere Fremdartiges beibringe, sondern treu bemüht sei, je bei der vorliegenden Stelle zu verbleiben und diese ins Licht zu setzen. Er muntert Bullinger herzlich auf, sich weiter durch solche Schriften um die Kirche verdient zu machen.

„Sollte etwa von den Unsern, fügt er bei, der Eine oder Andere sich in heftigeren Briefen vergessen, so wollen wir Anderen der Eintracht pflegen und der Einigkeit des Geistes, und unsere Kirchen nicht weiter aus einander reißen lassen. Man muß Männern von Verdienst, wenn sie's im Uebrigen gut und redlich meinen, schon etwas nachsehen, und mit Sorgfalt das Uebel heilen. Basilius sagt mit Recht, Eintracht sei für die Kirche noch unentbehrlicher als die rechte Hand für die linke. Erst dann kann man erfolgreich die Wahrheit verfechten, wenn die Lehrenden durch Einmüthigkeit und Wohlwollen unter sich verknüpft sind. Darum möchte ich, best meiner Kräfte, unsere Verbindung lieber inniger machen, als zertrennen. Jch schreibe, wie mir's ums Herz ist, aufrichtig. Melde mir bald, l. Bullinger, weß Sinnes du bist. Meinem alten Freund Pellican melde meinen herzlichen Gruß.“

Welch ein ungeheurer Abstand zwischen einem solchen Briefe voll Freundschaftsversicherungen und Friedensliebe von Luthers bedeutendstem Freunde und der schnöden Verdammung Luthers selbst in seinem Briefe an Froschauer! Sollte Bullinger den Anlaß nicht benutzen, um aufs dringendste sich an den sanften Melanchthon zu wenden, daß er Luther milder zu stimmen, ihn zu ruhiger Auffassung des gegenseitigen Verhältnisses zurückzuführen und Aergeres zu verhüten suche? Ungewiß, ob Melanchthon auf Luthers ebenbezeichneten Brief anspiele, ob er diesen je zu sehen bekam, theilt er ihm seinen tiefen Schmerz darüber mit, daß ein so hochstehender Mann sich so gar wegwerfen, so wider Unschuldige rasen und sich selbst so sehr entehren könne. Und nun beleuchtet er jeden Satz des Briefchens ruhig und schlagend. Jn Luthers Worten: „Sie sind genugsam ermahnt, daß sie sollten von ihrem Jrrthum abstehen und die armen Leute nicht so jämmerlich mit sich fahren lassen usw.“ bemerkt er z.B.: „Wer sollte uns denn, lieber Philipp, so genugsam ermahnt haben? wer hat uns eines Jrrthums in der Lehre überwiesen? Vielmehr haben die schweizerischen Kirchen ihr Glaubensbekenntniß Luthern übergeben; sie haben ihm die nähere Erläuterung der Artikel vom Amt des Wortes und

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von der Kraft der Sakramente nachgesandt. An Allem dem hat Luther nichts Verdammenswerthes gefunden, hat uns keines Jrrthums überwiesen, nicht einmal durch irgend eine Erwähnung uns von einem falschen Lehrsatz abzuführen gesucht. Jch selbst habe ihm auch Privatbriefe geschrieben, habe ihn beschworen, falls ihn in unserer Lehre irgend etwas irrig dünke, es uns freundlich und brüderlich zu verdeuten. Ueberdies habe ich aus Auftrag und im Namen der gesammten zürcherischen Geistlichkeit an ihn geschrieben. Er antwortete auf Alles keine Sylbe. Und nun heißt es doch, wir seien genugsam ermahnet, leider aber gegen alle guten Rathschläge taub, wir führen die uns anvertrauten Seelen mit uns in die Hölle usw. ... Luther beschimpft dadurch nicht nur uns, sondern die heiligen christlichen Kirchen, deren Diener wir sind nach der Berufung Gottes; er beschimpft den Herrn Jesum selbst, ihn, das oberste Haupt der Gemeinde, unsern König und Hohenpriester, an den wir glauben, dem wir anhangen und dienen.

Diese Klagen schütten wir nun in deinen Schooß aus, lieber Freund und Bruder; wir kennen dein edles Herz ohne Falsch und Arglist. Du siehest nun selbst, was das für Briefe sind, die wir aus eurer Gegend bekommen. Jch könnte dir noch von manchen ähnlichen Jnhalts sprechen; aber wir haben ihre Bitterkeit verschluckt und vergessen. Was sollen wir von andern unter euern Theologen denken, da der Oberste unter euch so hämisch über uns abspricht? Sollten wirklich auch noch andere Gelehrte und Geistliche in Sachsen so gegen uns gesinnt sein, wie Luther es ist, wie groß müßte nicht das Aergerniß der Kirche, wie groß der Schmerz jedes Gutgesinnten, wie groß der Schaden für alle insgesammt sein, wenn's mit dieser Eiterbeule bis zum Ausbruch kommen sollte! Denn, das sage ich frei heraus, fährt jener mit seinen Feindseligkeiten fort, so sehen wir uns gezwungen, unsere Unschuld und unsere Ehre und die unserer Kirche öffentlich zu vertheidigen.

Doch, welch eine Freude wäre es, wenn dem Uebel ohne weiteren Streit könnte gesteuert werden! Würdest du, herzlich geliebter Melanchthon, du treues frommes Herz, mit all deiner Kraft dich für die Beilegung dieser so gefährlichen Händel verwenden wollen, wie's ja bisher dir immer Freude war mitzuwirken zur Förderung der Ehre Gottes und für das Heil der Kirche, so zweifle ich durchaus nicht, du werdest bei deinen Landsleuten dem großen Uebel wehren können. Wie? wenn du dein ganzes wohl verdientes Ansehen in die Wagschale legtest, wenn du die Deinen wiederholt und mit allem Ernste zur Bescheidenheit, Billigkeit und Gerechtigkeit ermahntest, sie auffordertest, sie sollten erst unsere Schriften mit Nachdenken lesen, ehe sie uns verdammen, sie sollten bedenken, daß wir durch Gottes Gnade rechtmäßig berufene Diener des Herrn Jesu sind, der durch uns und die schon im Herrn Entschlafenen (Zwingli und Oekolampad) rohe und zügellose, ja dem Antichrist völlig ergebene Völkerschaften zu sich bekehrt und viele reichgesegnete Kirchen in der Schweiz gestiftet hat, die um Christi willen Großes gethan und

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erduldet haben, Christum mit wahrem Glauben annehmen und anrufen, ihn durch Gottseligkeit, Liebe und geheiligten Christenwandel verehren, den Widerchrist dagegen, den Wahnglauben und alle Gottseligkeit fliehen und meiden, - wenn du das ihnen mit Nachdruck einschärfen würdest, wahrlich es könnte nicht ohne Frucht bleiben! - Wir unserseits bedürfen keines Abmahnens und Abhaltens; denn wir sind Alle zum Frieden gestimmt und zur Eintracht bereit. Von ganzer Seele, frommer Philippus, lieben wir dich und alle Andern, die so wie du fromm, gelehrt und bescheiden sind. Solche Mäßigung und so herzliches Wohlwollen würde Alles ins Reine bringen. Würden wir auch in unseren Kirchen in Rücksicht auf Lehrsätze und Ceremonien nicht ganz übereinstimmen, sondern immer noch Unterschiede sich finden in Ansehung des Abendmals, der Beichte und Absolution, sowie der Bilder, so würde bei solchem Liebeseifer doch gewiß mit der Zeit bessere Kenntniß und Erfahrung uns näher zusammen bringen, daß das Einzelne richtiger gewürdigt und ruhiger beurtheilt würde. (Auf die Herbstmesse erbitte ich mir deine Antwort)“.

Wir fühlen, wie Bullingers friedeliebendes Herz rang zwischen christlichem Dulden und christlicher Abwehr des Unrechts. So innig bittet er Melanchthon um seine Verwendung; und dieser ließ es wohl nicht an sich fehlen. Doch konnte er auch nicht Alles; litt doch er selbst genug unter Luthers Druck, wie er hernach gestand, während Luthers Lebens „eine fast schmähliche Knechtschaft erduldet zu haben“; zudem fand er sich überall belauert, umgarnt, ja auch verdächtigt von denen, die Luther zu wildem Eifer reizten.

68. Neue Angriffe, 1544. Herausgabe von Zwingli's Werken, 1545.

An neuen Feindseligkeiten von lutherischer Seite fehlte es daher keineswegs. Jmmer wieder kam Kunde von bitteren Ausfällen, die Luther in täglichen Gesprächen wie in seinen Vorlesungen und Predigten sich beikommen lasse, auch von feindlichen Schriften, die er heraus zu geben vorhabe. Andere in Luthers Gefolge fielen ebenfalls über Zwingli und die Seinen her. Dazu kam bald ein neuer unseliger Schritt, der den Hader noch verschlimmerte. Zu Anfang des Jahres 1544 erschien der erste Theil von Luthers Auslegung des ersten Buches Mose nach seinen in Wittenberg an der Universität gehaltenen Vorlesungen im Drucke. Was man bis dahin Uebles vernommen, war nun völlig bestätigt und zwar öffentlich vor aller Welt. Zwingli war darin aufs neue Schwärmer und Sakramentsfeind gescholten, Münzern, den Wiedertäufern und anderen Sektirern beigesellt und zwar mit dem Verdeuten, als ob die sogenannten Sakramentirer jetzt bei Luthers Lebzeiten noch durch die Macht der Wahrheit zurück gehalten würden und nur auf seinen Tod warteten, um in hellen Haufen hervor zu brechen und ihre Ketzerei auszubreiten.

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So waren denn Zwingli's Freunde und Nachfolger gewaltsam zum Kampfe heraus gefordert. Man fühlte in Zürich, die Zeit, da man schweigen durfte, sei vorüber; denn jetzt wußte durch ein offenkundiges Zeugniß jedermann, wie Luther gesinnt sei und wessen man sich in der Zukunft von ihm und einem Theile der Seinigen zu versehen habe. Man erkannte insbesondere, daß man dem ungerecht geschmähten Zwingli eine Ehrenrettung schuldig sei, „daß man sonst schamroth werden müßte.“ Man sah sich um so mehr gedrängt, je weniger man sich verbergen konnte, bei der Stimmung der Lutherischen und den vielfachen Angriffen von ihrer Seite werde doch endlich ein offenes und entschiedenes Wort müssen gesprochen werden, und dies nicht wollte versparen bis nach Luthers vielleicht nahem Lebensende. Man durfte sich, da Feigheit dem eidgenössischen Sinne so ganz zuwider war, dem Vorwurfe nicht aussetzen, man habe aus Furcht gezögert, schon früher hervor zu treten bei seinen Lebzeiten und schelte nun erst den todten Gegner. Zu tief hatte man die Lästerung des eigenen theuern Verstorbenen als etwas Unedles empfunden. Und doch entschloß man sich noch nicht zu einer Streitschrift gegen Luther, wohl aber dazu, Zwingli's Schriften, die bisanhin nur zertreut vorhanden waren, in einer Gesammtausgabe erscheinen zu lassen, um der Mit- und Nachwelt zu zeigen, wer Zwingli gewesen und was er wirklich gelehrt habe. Die deutschen Schriften sollten ins Lateinische übersetzt werden, damit auch die andern Nationen außer der deutschen im Stande wären ein selbständiges und unbefangenes Urtheil über Zwingli zu gewinnen. Mit jugendlicher Rüstigkeit ging Rudolf Gwalter, mit dem seligen Zwingli als Schwiegersohn näher verbunden, an das große Werk, und vollendete es innerhalb Jahresfrist. Die vier Bände erschienen zusammt im Februar 1545.

Bullinger war ganz entschieden für die Herausgabe, an die man schon seit Luthers argem Schreiben an Froschauer gedacht hatte. Er gibt darüber Auskunft in einem Briefe (vom 5. September 1544) an seinen Freund Ambrosius Blaarer, gegen den Frecht in Ulm den Wunsch ausgesprochen hatte, daß die Herausgabe unterbleibe: „Zwingli hat die Wahrheit geschrieben; er hat den Antichrist tapferer und glücklicher angegriffen und überwunden durch seine Schriften als manche Andere. Wer mag's also verwehren, daß so nützliche, gelehrte, fromme Bücher heraus gegeben werden? Zwingli's Lehre ist bisanhin noch nicht des Jrrthums überführt worden, daß man sie deshalb verbieten oder wir uns seiner Schriften schämen müßten. Jch trage nichts dazu bei; Andere haben's übernommen; ich habe nur die Lebensbeschreibung des Schriftstellers versprochen, wofern man dafür nicht einen besseren Bearbeiter findet, was indeß leicht der Fall sein kann. ..... Sind auch Streitschriften gegen Luther dabei, so dürfen diese so gut neu aufgelegt werden als die von Luther zwei und mehr Mal neu erschienen, z.B. das Bekenntniß gegen Zwingli und Oekolampad. Oder sollte Luther dürfen so wüthend schreiben und wir nicht einmal Zwingli's fromme und nützliche Werke heraus geben

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mit einer ganz bescheidenen Vorrede! Ja, unsere Lehre werden wir schirmen, doch nicht mit unserer, sondern mit Christi Kraft und Hülfe“. „Bullinger (so hatte jemand aus Wittenberg an Frecht geschrieben) spürt und hofft den Sieg.“ - „ja, fährt Bullinger fort, weil Christus der Sieg ist, und die Wahrheit Gottes in Ewigkeit bleibet. Sonst bin ich nicht kampfbegierig; das weiß der, der in alle Herzen schaut, Christus. Doch werde ich den Kampf nicht scheuen, wenn Christi Ruhm es fordert.“ „Müßte man, fügt er bei, um die Genehmigung zur Herausgabe einer Schrift erst bei Luther und seinen Rathgebern einkommen, so würden ja die Gläubigen aller Orten sagen, Wittenberg w“re ein neues Rom geworden.“

„Bei Zwingli's Lebensbeschreibung, schreibt er an eben denselben etwas später (am 8. October), werde ich allen Fleiß anwenden und Gott um Beistand anrufen, daß ich durchaus nichts aus persönlicher Leidenschaft zu Lob oder Tadel von irgend jemand sage, sondern alles wahr und besonnen, richtig und gemäßigt, daß es diene zur Erbauung.“ Blaarer und Vadian, die anfangs ebenfalls Bedenken hegten mehr der römisch-katholischen Eidgenossen als der Lutheraner wegen, überzeugten sich völlig von der Berechtigung und Angemessenheit der Herausgabe von Zwingli's Werken. Jener rühmt die Lauterkeit und Milde der Zürcher, ihre Mäßigkeit und Friedensliebe, und ihr Streben nach einem nicht eiteln und vergeblichen, sondern soliden und aufrichtigen Frieden; „selbst jetzt noch, sagte er, halten sie Luthers Brief, den er an Froschauer geschrieben (31. August 1542) zurück.“ Vadian bemerkt: „Niemand von den Zürchern nahm es übel, daß man Luthers Schriften überall verkaufe; und sie sollten Zwingli's Werke nicht heraus geben dürfen?“

Eben so weist Bullinger Butzern, welcher meinte Luthern zu Liebe sollte man die Herausgabe unterlassen, in einem Schreiben vom 29. September 1544 nach, daß nicht die Zürcher den Kampf aufs neue angefangen, und entgegnet ihm in Erwiederung seiner diesfälligen Aeußerungen, es käme ihm wundersam vor, wie Luther durch die Werke Zwingli's gegen die Zürcher hätte aufgebracht werden können, da diese ja noch nicht ausgegeben worden. Dann fährt er fort:“Luther fürchten wir nicht und verachten ihn nicht. Wir treten nicht gern mit ihm auf den Kampfplatz, aber wir werden auch nicht feige fliehen; sondern frisch, im Vertrauen auf unsere gute Sache und auf den Beistand von oben, doch in aller Bescheidenheit diesem Manne antworten, falls wir ihm antworten müssen. Wir sind fest davon überzeugt, daß unser Glaube katholisch und orthodox (allgemein christlich und rechtgläubig) ist; daran halten wir fest und werden bis zum letzten Athemzuge ihn bekennen mit Gottes Hülfe.“

Die beabsichtigte Lebensbeschreibung wurde auf Vadians Rath, als noch nicht zeitgemäß, weggelassen. Man begnügte sich Zwingli's Werken bloß eine von Gwalter verfaßte Apologie (Vertheidigung) Zwingli's beizufügen. Darin ward zuerst der Jnbegriff und Entwicklungsgang der schriftmäßigen Offenbarung in

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Kürze dargelegt, sodann gezeigt, wie dieselbe in den ersten Jahrhunderten der Kirche treulich sei gewahrt worden, ferner Zwingli's Einstimmigkeit damit nachgewiesen und zuletzt die Vorwürfe der Gegner beseitigt.

Bullingers Augenmerk war darauf gerichtet, zu verhüten, daß nichts Leidenschaftliches darin vorkäme; daher er sich's zur heiligen Pflicht machte, diese Schutzschrift vor dem Drucke gewissenhaft zu prüfen; er durfte ihr mit Ueberzeugung das Zeugniß edler Mäßigung ertheilen.

So finden wir denn auch hier wieder bestätigt, daß da, wo die Menschen es dachten übel zu machen, Gott es zum Guten wandte; die ungerechten Schmähungen, mit denen Zwingli überhäuft worden, mußten nur zur Ehre des Geschmäheten beitragen, und durch die Herausgabe seiner Werke der gesammten reformirten Kirche, ja vielmehr der ganzen evangelischen Kirche eine bleibende köstliche Frucht bringen.

Doch sollte dies nicht die einzige Frucht dieses erneuten Bruderkampfes bleiben für die Angegriffenen, sondern noch weitere daraus hervorgehen, wie betrübend auch die Veranlassung dazu sein mochte.

69. Luthers letzter Anfall. Dessen Eindruck.

Man ließ Luthern keine Ruhe; die schroffe Partei unter den Seinigen, an deren Spitze wir Amsdorf finden, gab sich alle Mühe ihn zu noch stärkeren Aeußerungen zu bringen gegenüber den Reformirten und ihn endlich zu einer Kriegserklärung zu drängen. Dabei war es zunächst nicht bloß auf Bekämpfung der Schweizer abgesehen und der vielfach zur zwinglischen Lehre hinneigenden süddeutschen und rheinländischen Protestanten, sondern namentlich der milder gesinnten Lutheraner, insbesondere Melanchthons. Den Frieden zu stören, der die Evangelischen noch zusammen hielt, schien dieser schroffen Partei ein Verdienst, und darum kaum ein Mittel zu unedel, wenn es dazu diente, den mit zunehmendem Alter ohnehin argwöhnisch gewordenen Luther aufzureizen und immer mißtrauischer zu machen. Man hinterbrachte ihm allerlei Arges von den Schweizern, indem man all ihre Aeußerungen als Feindseligkeit gegen ihn auslegte. Man suchte ihm beizubringen, sein Ansehen sei bei seinen Anhängern deshalb gesunken, weil er schon so lange in keiner Schrift sich offen erklärt habe, daß er mit denen, die Zwingli's Lehre anhangen, uneins sei; drum wage es sogar Schwenckfeld an ihn zu schreiben und rühme sich, er sei im Abendmal Eines Sinnes mit den oberdeutschen Städten, mit denen Luther in kirchlicher Gemeinschaft stehe; daß Luther den Brauch der Elevation (Erhebung des Brotes beim Abendmal) 1543 aufgegeben, habe ihn selbst in Verdacht gebracht, er sei zur schweizerischen Lehre abgefallen, habe dies ihnen zu lieb gethan u.s.w. Luther, sehr beunruhigt, ließ sich hinreißen zu dem Versprechen gegen die Schweizer zu schreiben. Man sah ihn die alten bittern Streitschriften, die vor Jahrzehenden gewechselt worden waren, hervor suchen.

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Endlich brach er hervor; wider den Willen und ohne Vorwissen seiner treusten Freunde ließ er im August 1544 das ihn selbst am wenigsten ehrende „kurze Bekenntniß vom Abendmal“ erscheinen, eine Streitschrift der unglückseligsten Art, in höhnischem Tone, voll der ungemessensten Beschimpfungen, der bittersten Schmähungen und Verdächtigungen. Zwingli und Oekolampad sammt ihren Anhängern und Nachfolgern in Zürich und anderwärts schilt er darin geradezu Ketzer, Schwärmer, Sakramentsfeinde und ewig Verdammte, sagt sich von jeder Gemeinschaft mit ihnen aufs entschiedenste los und wirft sie mit Schwenckfeld und anderen „Ketzern“ in Eins zusammen, so daß er nun ein leichtes Spiel hat ihnen alle möglichen Schmähworte beizumessen, die jemals früherhin von irgendwem, sei's auch nur von Sektirern, im Streite mit Luther mochten gebraucht worden sein.

Den Bruch des Marburger Vertrages (Luther selbst bedient sich dieser Bezeichnung), der in dieser harten Anklage lag, sucht er in ähnlicher Weise zu beschönigen, wie fast Alle, die Willens sind, sich an eine geschlossene Uebereinkunft nicht mehr zu halten, indem er, freilich künstlich genug und im Widerspruche mit sich selbst, Zwingli zur Last legt, er habe den Vertrag zuerst gebrochen, nämlich durch seine „Auslegung des christlichen Glaubens an Franz I.“ (1531), er sei darin zum Ketzer und ganz zum Heiden geworden. So mißdeutete ihm Luther hier jene Stelle, wo Zwingli in rednerischem Schwunge, um den König zum Trachten nach dem himmlischen Reihe anzufeuern, ihm die Aussicht vorführt dort alle Gläubigen aller Zeiten vereint zu schauen, und dabei neben den hervor ragenden Personen des alten und neuen Testamentes die Namen einiger Weisen und Helden des klassischen Alterthums, wie Sokrates, Aristides usw. erwähnt, (s. Christoffels Zwingli Abth. 2, S. 296.). Luther zieht daraus in leidenschaftlichem Unmuthe die falsche Folgerung, als ob Zwingli deshalb Christum entehre und das Heil in Christo zu nichte mache, und erlaubt sich ihn und seine Anhänger als Ketzer zu verdammen.

Man hätte wohl annehmen dürfen, auch die in den Jahren 1536 bis 1538 gepflogenen Concordien-Verhandlungen und die damaligen gegenseitigen Versicherungen und Zusagen hätten Luther abhalten sollen von so feindseliger und unbilliger Verdammung. Allein alle diese Vorgänge übergeht er gänzlich. Ja so sehr sehen wir hier, um uns aufs mildeste auszudücken, seine Erinnerung durch die Leidenschaft gehemmt, daß ihm selbst einfache Thatsachen entschwinden sogar in Rücksicht dessen was er von sich aussagt. Er habe, sagt er, nachdem jene Schrift Zwingli's heraus gekommen und er gesehen habe, daß die Zwinglischen sie loben und ehren, so sehr alle Hoffnung ihrethalb aufgegeben, daß er weder Briefe noch irgend etwas von ihnen mehr habe annehmen wollen noch auch für sie beten. Und doch haben wir oben gesehen, wie Luther, nachdem jene Schrift aus den oben angegebenen Gründen im Februar 1536 erschienen war und er davon sowie von der Gesinnung der

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Schweizer genaue Kenntniß genommen, im Dezember 1537 und Juni 1538 in Antwort auf das ihm übersandte schweizerische Bekenntniß und dessen Erklärung jene Schreiben übersandte, in denen er sie seiner Liebe und Treue versichert, Friede und Einigkeit zu halten sich verpflichtet ungeachtet etwelcher noch obwaltenden Verschiedenheit, und, ohne jemanden auszunehmen, für sie betet. - Daraus, daß Luther nicht näher Liegendes oder Späteres namhaft macht als jenes 1536 erschienene Schriftchen Zwingli's (von 1531), ersehen wir, wie wenig Anlaß ihm die Schweizer gegeben hatten nunmehr so heftig wider sie loszubrechen. Jn seiner ganzen Streitschrift redet Luther überdies in hochfahrendem Tone so von sich selbst, wie wenn er Zwingli und Oekolampad längst des Jrrthums überführt hätte[46].

Man kann sich nicht verwundern, daß diese Schrift Luthers, die so sehr dem widersprach, was er in besseren, ruhigeren Zeiten selbst anerkannt und bezeugt hatte und von so unabsehbaren verderblichen Folgen für die ganze Stellung der beiden Zweige der evangelischen Kirche theils zu einander theils zu ihren gemeinsamen Gegnern werden mußte, theils Entrüstung hervor rief, theils schmerzliches Bedauern darüber, daß der verdienstvolle Luther seine Würde so sehr habe vergessen können. Sie zerstörte alle bisherige Annäherung und schien auch für künftige Zeiten alle Friedensversuche bedeutend zu erschweren. Eine Reihe von Theologen, wie Blaarer, Musculus, Frecht, Butzer, Pistorius, Myconius bezeugten in ihren Briefen ihr ernstes Mißfallen darüber. Melanchthon schrieb an Frecht nach Ulm: „Könnte ich auch so viele Thränen vergießen, als Wasser in eure Donau fließt, so würde dies doch lange nicht meine Schmerzen erschöpfen, die ich über die Erneuerung des Sakramentstreites empfinde.“ Eben so in andern Briefen. An Bullinger schrieb er gleich nach dem Erscheinen des „kurzen Bekenntnisses“: „Du wirst vielleicht, noch bevor dieser Brief an dich gelangt, die scheußliche Schrift D. Luthers empfangen, worin er den Krieg wegen des Herrn Nachtmals wieder erneuert. Noch nie ist er in dieser Sache stürmischer verfahren. Nun ist alle meine Hoffnung auf Frieden unter unsern Kirchen dahin! Wie werden unsere Feinde, die den mönchischen Götzendienst beschirmen, ihr Haupt erheben, unsere Kirchen aber wieder je länger je mehr aus einander gerissen werden!

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Dies zerschneidet mir das Herz. Die eigene Gefahr, die jetzt über meinem Haupte schwebt, macht mir wahrlich, obschon sie nicht gering ist, bei Weitem nicht so bange, wie die Verwirrung und Entzweiung unter unseren Kirchen und Gelehrten. Jch habe deinen letzten Klagebrief gelesen, worin du mir auf meine Aufforderung, manches Bittere zu übersehen, antwortest. Aber die Erneuerung des Krieges hindert mich, dir auch jetzt noch etwas von Mäßigung zu schreiben.“

Viele waren der Meinung, man solle Luthern antworten und zwar um so schärfer, da er, weder heimlich noch öffentlich dazu veranlaßt oder verletzt, so freventlich und muthwillig nicht bloß die Lebenden, sondern auch die Todten gehöhnt und so zu sagen mit Füßen getreten habe. Andere dagegen, unter denen namentlich Butzer, stellten den Zürchern vor, da sie bisanhin so viel Feindseliges geduldig hingenommen um des Friedens willen und in Ansehung des friedlichen Verhaltens sich rühmlich ausgezeichnet, so sollten sie sich diesen ihren Ruhm nicht noch am Ende rauben lassen, sondern dem alten Luther, dessen Verdienste um die Kirche so groß seien, auch dies zu gute halten, zumal anzunehmen sei, er habe nicht sowohl aus eigenem Antrieb, als auf Anstiften seiner Schmeichler so grimmig geschrieben.

Bullinger aber, so lieb ihm der Friede war und so gerne er jederzeit zu einer rechten, aufrichtigen Vereinigung die Hand geboten, konnte jetzt diesen Zumuthungen kein Gehör schenken. Dazu war der Angriff zu grell. Durch den Vorwurf der Ketzerei hatte Luther ihm den Lebensnerv seines kirchlichen, evangelischen Bewußtseins wie seiner ganzen theologischen Gesinnung getroffen. Jn ihm, dem vornämlich die Erhaltung und Gestaltung, der Ausbau und die Befestigung der nach Gottes Wort erneuten Kirche oblag in seinem nächsten Kreise und so weit sein Wirken reichte, lebte besonders stark und lebenskräftig das Bewußtsein innerhalb der vom Herrn Christus gestifteten, durch die Jahrhunderte fortgepflanzten, nun aber nur heller wieder zu Tage getretenen wahren, christlichen Kirche zu stehen. Jetzt schien ihm der Zeitpunkt gekommen, da die Pflicht es erheische, die hart angefochtene Ehre und Unschuld der Kirche durch eine einläßliche Vertheidigung zu wahren. „Lieber will ich sterben, schreibt er, als die unserer Kirche anvertraute einfache und sichere Wahrheit verläugnen um einer erträumten Eintracht willen. Lieber Eintracht mit der Wahrheit und Zwietracht mit Luther, als Eintracht mit ihm und Zwietracht mit der Wahrheit!“, und ebenso: „Die christliche Geduld schweigt wohl zu manchen Schmähungen; aber schweigen zu der Beschuldigung der Ketzerei und Gotteslästerung, das heißt nicht mehr christliche Geduld üben!“ Dann wieder bezeugt er: „Allenthalben und von allen Seiten umgibt uns Krieg und Streit, doch sind wir munter und ruhigen Herzens in Christo Jesu, unserm Herrn, dem Lob und Preis sei ewiglich!“

Wohl aber war ganz nach Bullingers Sinn, was ihm Calvin im November 1544 schrieb: „Jch höre, Luther sei mit einer entsetzlichen

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Schmähschrift nicht bloß gegen euch, sondern gegen uns Alle hervor gebrochen. Jetzt darf ich kaum wagen von euch zu verlangen, daß ihr schweiget. Denn es wäre unbillig, denen, die unverdient sich so mißhandelt sehen, zu verwehren, daß auch sie sich ihrerseits vertheidigen, und schwer anzunehmen, daß solche Nachsicht von Nutzen wäre. Aber dies wünsche ich, daß ihr beherziget, was für ein großer Mann Luther ist, welche außerordentlichen Gaben ihn auszeichnen, mit welcher Seelenkraft und Beharrlichkeit, mit welcher Geschicklichkeit er bis auf diesen Tag durch seine Lehre so glücklich gekämpft hat, um das Reich des Antichrists zu stürzen und zugleich die Lehre des Heils zu verbreiten. Jch habe schon oft gesagt, daß, wenn er mich auch einen Teufel nennen sollte, ich ihm doch so viel Ehre erweisen würde, ihn für einen ausgezeichneten Knecht Gottes anzuerkennen, der freilich, wie mit außerordentlichen Tugenden begabt, eben so auch mit großen Fehlern behaftet ist. Wollte Gott, er hätte sich mehr bemüht, sein überaus hitziges Temperament, das beständig in Wallung geräth, zu beherrschen! Wollte Gott, er hätte die ihm natürliche Heftigkeit nur gegen die Feinde der Wahrheit gebraucht, nicht auch gegen die Diener Gottes geschleudert! Wollte Gott, er hätte mehr Fleiß angewandt, seine eigenen Fehler zu erkennen! Gar viel haben ihm auch seine Schmeichler geschadet, die den ihm natürlichen Hang zur Selbstgefälligkeit noch steigerten. Unsere Pflicht aber ist es, seine Fehler so anzugreifen, daß wir seinen großen Gaben doch auch einige Rechnung tragen.“

Wenige Tage, nachdem Bullinger Luthers Schrift zu sehen bekommen, schreibt er an Melanchthon (3. Dezember 1544), die Zürcher werden von ihrer bisherigen Mäßigung auch jetzt nicht ablassen in ihrer Antwort; Luthers beispiellos grober Styl gefalle ihnen nicht. Dann erwiedert er Melanchthons Klage über seine eigene Gefahr, da es eine Zeit lang sogar ungewiß war, ob er Luthers wegen in Wittenberg bleiben könne, mit Anerbietung aller seiner Dienste: „Sofern durch unsere Hülfe dir irgend welche Erleichterung kann verschafft werden, bieten wir dir Alles an, was uns zu Gebote steht. Siedle zu uns über. Jedes Haus steht dir bei uns offen. Dem Rathe und der Bürgerschaft wirst du ein willkommener Gast sein. Für anständigen Unterhalt soll dir gesorgt werden.“

Gerade der Grund, den Butzer anführte, um von einer Vertheidigungsschrift abzuhalten, Luthers Alter und sein vielleicht nahes Ableben, drängte die zürcherischen Geistlichen um so mehr dazu die Antwort zu beschleunigen, da sie, wie oben bemerkt, besorgen mußten, man würde ihnen Furchtsamkeit vorwerfen, wenn sie erst nach Luthers Tode seine Anschuldigungen ablehnen würden; zudem hatten sie ja selbst das Gehässige der Angriffe gegen ihre theuern Verstorbenen wiederholt empfunden.

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70. Das Zürcher Bekenntniß, März 1545.

Bullingern wurde die Abfassung der Vertheidigungsschrift übertragen. Sie erschien im März 1545 in deutscher und lateinischer Sprache, „allen Liebhabern göttlicher Wahrheit und christlicher Unschuld in der allgemeinen (katholischen) christlichen Kirche“ zugeeignet, unter dem Titel: „Wahrhaftes (orthodoxes) Bekenntniß der Diener der Kirche zu Zürich, was sie aus Gottes Wort mit der heiligen, allgemeinen, christlichen Kirche glauben und lehren, insbesondere aber von dem Abendmal unseres Herrn Jesu Christi, mit gebührlicher Antwort auf das unbegründete, ärgerliche Schmähen D. Martin Luthers, besonders in seinem letzten Büchlein, kurzes Bekenntniß von dem heil. Sakrament benannt.“

Wie sehr es den Zürchern widerstrebte mit Luthern auf den Kampfplatz zu treten, erklären sie gleich im Eingang: „Wir selbst tragen schweren Kummer und großen Verdruß über das Kämpfen in der Kirche, namentlich über den Streit und die Zwietracht, die sich bei des Herrn Nachtmal zugetragen und nun eine lange Zeit angehalten hat. Jst doch das Abendmal Christi von dem Herrn selbst unmittelbar vor seinem letzten Hingang als ein herrliches, großes Geheimniß, als das ehrwürdige Sakrament seines wahren Leibes und Blutes und unserer Erlösung durch seinen Tod, und als das heiligste Band christlicher Liebe und Eintracht eingesetzt worden. Deshalb haben wir auch lange Zeit, obgleich oft aufgereizt, geschwiegen und viel und allerlei erlitten, guter Hoffnung, die Zwietracht und der Span, der Unwille und Unrath würde sich selbst mit der Zeit und in der Geduld friedlich abessen und verzehren. Da nun aber diese unsere Hoffnung je länger je mehr fällt, und unser Dulden und Schweigen nicht mehr bringt, als daß wir und mit uns viele rechtgläubige Kirchen, unser Amt sammt vielen biederen Leuten, Todten und Lebenden öffentlich ohne Noth und muthwillig gehöhnt, aufs Aeußerste geschmäht, verdammt, verlästert, angeschwärzt, und als die ärgsten Ketzer auf Erden, als Verächter, Lästerer und Schänder Gottes, der Sakramente und alles Heiligen verschrieen werden, so will uns Ehren, Amts, Pflichten, Anstands, Treu und Glaubens halben fürderhin nicht gebühren, weiter zu schweigen und den ärgerlichen, bösen Muthwill zu dulden, es wäre denn, daß wir untreulich, faul und unredlich handeln wollten an der göttlichen Wahrheit, an unseren Kirchen, denen wir dienen, ja auch an unserem Amt und Glauben, dazu an frommen, wohlverdienten Ehrenleuten, Todten und Lebenden. Wir bitten deshalb alle frommen Christen und Liebhaber der Wahrheit, der Unschuld und des Friedens, sie wollen dies unser Schreiben achten, wie es wahrlich an sich selbst ist, als eine abgedrungene, unvermeidliche Nothwehr und nicht als muthwilligen Hochmuth, als unveranlaßten Frevel oder neidische, ungeberdige Zanksucht, die wohl hätte mögen unterlassen und vermieden bleiben. ... Luthers Büchlein ist

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so voller Teufel und unchristlicher, ausgesuchter Schmähworte, Unzüchten, wüsten, unreinen Redens, Zorns, Schalkheit, Grimmes und Wüthens, daß Alle, die es lesen und nicht gar mit ihm unsinnig geworden, sich höchlich und mit Erstaunen über das elende und unerhörte Beispiel verwundern müssen, daß ein so alter, betagter, vielgeübter und wohlgeachteter Mann sich nicht besser kann im Zaum halten, denn daß er so grob und wüst heraus falle und sich ganz und gar vor allen Vernünftigen zu nichte mache. Er hat einen großen Namen bei Vielen, überhebt und tröstet sich freilich dessen, und untersteht sich, uns damit zu erschrecken, abzufertigen und zu erdrücken. Denn weil er nun unsere Gemeinschaft gar nicht will, weder unsere Briefe, Bücher, Grüße, Segen, Schriften, Namen noch Gedächtniß in seinem Herzen (also redet er) wissen, auch weder sehen und hören, gibt er jedermann deutlich zu verstehen, was ein jeder an seinem Ort thun soll, wenn er nach D. Luthers Beispiel recht thun will, nämlich uns als die schädlichsten Leute meiden, unsere Bücher, unsere Schriften nicht annehmen, unsere Verantwortung und Unschuld nicht anhören, sondern uns kurz und glatt für verdammte und verrufene Leute halten usw. Was ihn nun hiezu treibe, ob vielleicht unruhige Leute ihn aufhetzen oder der böse Feind alles Friedens, oder ob sein eigen Herz ihn reize und dränge, stellen wir ihm anheim und dem, der die Herzen kennt. Der weiß, daß wir keinen bösen Neid noch Haß gegen Luther in uns tragen. So ist uns auch in Treuen leid, daß mit Erneuerung dieses Spans viel gutherzige Leute bekümmert und übel beschwert, auch viele schwache, einfältige Menschen verärgert und durch das Zanken über Sachen des Glaubens etwas gehemmt werden. Die der wahren Religion Mißgünstigen dagegen freuen sich des Spans und überheben sich deshalb, breiten die Schmachreden aus und meinen damit sich und ihre Sache beschönigen und zieren zu können. Aber wir hoffen, das Aergerniß dieser Sache und andere Punkte halben solle und werde einiger Maßen durch unser Bekenntniß und unsere glimpfliche Verantwortung gemildert werden. Die arme, betrübte Christenheit ist in diesen letzten Zeiten ohnehin voll Leidens und Aergernisses, voller Verfolgungen und Gefahren, voller Empörungen und Kriege, ja ganz und gar zum Verderben gewandt. Wenig Treue, Glauben, Liebe und Zucht ist bei gar vielen Menschen. Eine große Zahl verachtet nicht allein, sondern haßt und verfolgt das göttliche Wort, alle Ermahnung, Lehre und Strafe. Darum sehen wir denn das schwere Gericht Gottes über der ganzen Christenheit, so daß es Christenleuten, besonders christlichen Lehrern besser anstände einander die Hand zu bieten und einander Trost und Hülfe zu erzeigen, damit Gottes Zorn abgewandt, christliche Liebe, Zucht und Einigkeit gepflanzt und allgemeines Wohlergehen möchte gemehrt und erhalten werden[47]. Solches stände wahrlich vor Gott und allen

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Christenleuten besser, denn daß man einander muthwillig schändet, verdammt und dem Teufel übergibt. Da nun aber Einigkeit und Freundlichkeit D. Luthern nicht gefiel, sondern er lieber feindselig hat handeln wollen, wie leider am Tage liegt, so wollen wir uns in diesem unserm hier folgenden Bekenntnisse und unserer Antwort mit Vertrauen auf den gnädigen Gott und unter Anrufung unsers lieben Herren und Erlösers Jesu Christi befleißen aller Bescheidenheit und dessen, daß wir die Wahrheit nach unserm besten Vermögen frei bekennen und treulich beschirmen, damit die heiligen Kirchen, denen wir dienen, entschuldigt, unser Amt, unsere Ehre, unsere Würde und Unschuld gerettet und fromme, treue Ehrenleute, Todte und Lebende vor Unbill geschirmt, auch der grausamen Schmähungen entledigt, vorab aber Gott geehret und die Kirche gebessert werde. Dazu helfe uns der Geist unsers lieben Herrn Jesu Christi!“

Das Ganze zerfällt nun in drei Theile. Der erste erzählt den geschichtlichen Fortgang der Verhältnisse zwischen Luther und den Schweizern von dem Marburger Vertrag an, 1529, bis auf Luthers letzte Schrift von 1544, und zeigt, wer den Marburger Vertrag gehalten habe, wie nicht Zwingli, sondern Luther ihn mehrfach verletzt und endlich gebrochen habe, während Zwingli und die Seinigen stets redlich bemüht gewesen, ihn aufrecht zu halten. Ferner wird gezeigt, wie Luthers Verketzerung Zwingli's wegen dessen, was er in der „Auslegung des Glaubens an Franz. I.“ (1531) über das Seligwerden einzelner Heiden geäußert, auf Mißverstand oder Verdrehung, jedenfalls auf gänzlicher Verkennung seines Sinnes beruhe, wie die Schrift nicht alle Heiden außerhalb Jsraels verdamme, wie daher Zwingli jenes ausgesprochen ohne anders nicht um über die Seligkeit oder Unseligkeit der einzelnen Persönlichkeiten abzusprechen, wohl aber um anzudeuten, es dürfte auch unter den Heiden Solche geben, die, nachdem sie gläubigen Sinnes nach dem Höheren strebten, dort der Vollendung möchten theilhaft werden, nicht ohne Christus und nicht ohne Glauben, auch nicht aus eigenem Willen oder Verdienste, sondern durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Schlagend wird nachgewiesen, wie Luther selbst diesen Gedanken gehegt und ausgesprochen habe schon früher (1528) sowohl, als auch wiederum in seinen 1544 erschienenen Auslegungen zum ersten Buch Mose, nur daß er etwas unklarer von „zufälliger“ Barmherzigkeit Gottes spreche. Da er nun um deswillen nicht dafür halte, daß er zum Ketzer oder offenbaren Heiden geworden, so hätte er nicht nöthig gehabt sich so über Zwingli zu ereifern, sondern umsichtiger, bescheidener und freundlicher handeln dürfen. Ueberdies wird einläßlich dargethan, wie trefflich Zwingli gerade in dieser Schrift den hohen Werth der Sakramente darlege; bei Erwähnung der schweizerischen Confession (vom Februar

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1536) und deren näherer Erläuterung (vom November 1536), werden hier die Stellen, die das Abendmal betreffen, wörtlich angeführt. Dabei wird auch betont: hätte Luther die schweizerische Lehre für verdammlich oder ketzerisch gehalten, so hätte er damals ihnen das mitteilen sollen, da er die bestimmte Veranlassung und Aufforderung dazu hatte; statt dessen vernahmen sie damals durch die Straßburger, er habe an ihrer Confession kein Mißfallen gehabt.

Der zweite Theil, der umfangreichste und für die Jetztzeit wohl der wichtigste, enthält den ausführlichen Beweis, daß die nach Gottes Wort reformirte Kirche der Schweiz nicht zwinglisch, nicht ökolampadisch, noch viel weniger lutherisch zu nennen sei, sondern allein auf Christum sich gründe, daß sie gemäß der heiligen biblischen Schrift („in der wir nichts Strohernes finden“) eben das glaube, lehre und bekenne, was die heilige, allgemeine, rechtgläubige christliche Kirche von Alters her geglaubt, gelehrt und bekannt habe, daß sie mit dieser in völliger Uebereinstimmung sich befinde gemäß den altchristlichen Fundamental-Bekenntnissen; daß sie, während Luther ihr Schuld gebe, daß sie keinen Artikel des Glaubens recht glaube und damit so jäh über sie herfalle, Gott in sein Urtheil greife und die Herzen richte, mit keiner Ketzerei Theil oder Gemeinschaft habe, jeder Ketzerei, auch der nestorianischen, gänzlich fremd und feind sei, daß sie namentlich auch in der Lehre vom heiligen Abendmal der Schrift gemäß, aus der sie sich allezeit gern belehren lasse, glaube und lehre, und darin auch mit den namhaftesten Vätern der Kirche im Einklang stehe, was von Luthers Auffassung des Abendmals, die freilich gar kein Glaubensartikel der Kirche sei, nicht gelte. Jnsbesondere wird betont, daß diese hochheilige Handlung so von Christus eingesetzt sei, daß sie wohl zur Stärkung und Belebung des Glaubens diene, aber nicht ohne Glauben Frucht schaffe, daß gerade die reformirte Kirche bei dem rechten, einfachen Sinne der Einsetzungsworte Christi verbleibe, während Luther mit seiner künstlichen (scholastischen) Lehre von unräumlicher, aber doch leidlicher Gegenwart des Leibes Christi im Brote wohl zusehen möge, ob er nicht einer verworfenen Jrrlehre, der des Eutyches verfalle[48]. Der Jrrthum, als ob

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Luther mit der römischen Kirche darin gleichförmig sei, wird hier ebenfalls ausdrücklich und einläßlich zu nichte gemacht, das Mangelhafte und Ungenügende der lutherischen Abendmalslehre unverholen aufgedeckt, auch wird betreffend Luthers Wort, man dürfe da die Vernunft nicht fragen, gezeigt, wie er es übel anwende, während eben die reformirte Lehre sich demselben gemäß durchaus an die Schrift und den Glauben halte.

Jm dritten Theile endlich wird nachgewiesen, daß Luther nicht von ferne eine rechtmäßige Ursache habe sich zu brüsten, als habe er je, geschweige denn mehrmals, die Reformirten einer Ketzerei überwiesen, während ihre Gründe, die sie seiner Meinung entgegen gestellt, unwiderlegt seien, namentlich die Berufung auf die Himmelfahrt Christi und sein Sitzen zur Rechten Gottes im Zusammenhang mit ihrer Behauptung, daß das Abendmal, das Christus mit seinen Jüngern hielt, der Schrift zufolge ein wahrhaftes Abendmal war.

Einen wohlthuenden Eindruck macht noch der Schluß, worin die Zürcher ganz in Uebereinstimmung mit dem Eingang bezeugen, daß es ihnen durchaus nicht darum zu thun sei, Luthers ärgerliche Schimpf- und Spitzworte zu erwiedern, wiewohl sie seine Schmähungen nicht unberücksichtigt lassen konnten. „Hätten wir aber auch, fügen sie bei, etwa zu viel daran gethan, so bitten wir den Herrn um Verzeihung und die Gläubigen Geduld mit uns zu haben, in Betracht, daß wir viel lieber auch dies unterlassen hätten, wofern wir mit Fug hätten schweigen dürfen.“ Sie glauben aber, daß durch ihre gebührliche züchtige Verantwortung das von Luther gegebene Aergerniß etwas gemindert und bei Vielen beinahe ganz gehoben werde. Nochmals versichern sie nur aus Nothwehr, nicht aus Leidenschaft oder Rachsucht geschrieben zu haben. Sie wollen nicht den ganzen Luther verwerfen. „Und wie wir auch, sagen sie, seine Worte und Gründe aufgefaßt und widerlegt haben, so tragen und behalten wir doch gar kein Uebelwollen, keinen Haß oder Unwillen gegen Luthers Person, gönnen ihm alles Gute und bitten den Herrn für ihn, daß er ihm Demuth und den Geist sich selbst zu erkennen verleihe. Beharrt er aber auf seinem Sinne, so befehlen wir's Gott und seiner gläubigen Kirche.“ Wolle er dieses Bekenntniß lesen, und alsdann sie freundlich und mit der Schrift gründlicher als bisher belehren, so wollen sie's mit Dankbarkeit willig von ihm annehmen und der göttlichen Wahrheit allezeit Raum geben und ihr folgen.

„Uebrigens wissen wir wohl, setzen sie hinzu, daß - darum weil Luther uns jetzt verdammt - doch nicht grade alle evangelischen Kirchen und Gläubigen uns und unsere Kirchen verdammen. Gibt es gleich etliche feindselig Gesinnte, so gibt es doch viel mehr friedliebende, die

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einander wohl verstehen und mit einander wohl zufrieden und eins sind. Und hie erklären und bezeugen wir hell und ausdrücklich, daß wir uns überall von niemanden trennen oder scheiden. Denn wir sind mit allen denen wohl zufrieden, ja alle die erkennen wir für unsere lieben Brüder, die in der Substanz, im Wesen und in den Hauptpunkten unseres Bekenntnisses mit uns eins sind.“ „Handelt es sich um Worte und etliche Redeformen, wobei das Wesen und Fundament der Lehre unversehrt bleibt, so wollen wir uns deshalb mit niemanden zerschlagen oder überwerfen. Auch bei den alten Vätern der Kirche wurden immer andere und andere Formen der Rede gebraucht, doch von den rechten Hauptpunkten der Lehre nicht gewichen.“ „Wir hoffen auch zu Gott und zu der Liebe und Bescheidenheit aller Evangelischen, sie werden sich durch Luthers Schreiben wider uns nicht verbittern lassen, sondern in diesem unserm Bekenntnisse mit uns eins und zufrieden sein und bleiben, auf daß auch Gott mit uns eins sei und wir mit ihm.“

Jm Blick auf die immer ernster sich gestaltenden Zeitverhältnisse, namentlich Deutschlands insbesondere wegen der drohenderen Haltung des Kaisers und Papstes und des Friedens mit Frankreich wird beigefügt: „Es ist zur Zeit der römischen Kaiser Maximian und Diocletian der Kirche nicht wohl bekommen, daß sie in Zwietracht wider sich selbst stritt, und die Diener der Kirche feindlich, unbrüderlich wider einander kämpften. Denn der Herr kam mit seinem Gerichte über sie und gab die Diener und die Kirche in die Hände der Ungläubigen und Verfolger. Wie? wenn der Herr auch zu dieser Zeit mit seinem Gerichte über seine Kirche käme und säuberte sie mit dem Schwerte der Verfolgung und bewährte sie mit dem Feuer der Trübsal? Oder sehen wir noch nicht, wie der Herr dem assyrischen und babylonischen Tyrannen viel Glückfall und Gewalt läßt? Unsere Uneinigkeit, Unbußfertigkeit und Untreue ist seine größte Stärke. Unsere größte Kraft, Glück und Heil wider alle unsere Feinde wäre rechte Einigkeit, Treue, Liebe und Besserung des sündigen Lebens, Einigkeit in Gott, die Gott selbst über Alles liebt.“

71. Erfolg der zürcherischen Vertheidigungsschrift.

Der Ton der zürcherischen Antwort ist ruhig und würdig, dem Luthers sehr unähnlich; wenn auch Luthers Anschuldigungen und Unrichtigkeiten klar und scharf widerlegt werden[49]. Um Fortbildung oder Vertiefung der Lehre vom Abendmal war es hier nicht zu thun, auch nicht darum,, Zwingli's Lehre darüber für die einzig zulässige und in jeder Hinsicht vollendete

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Darstellung auszugeben. Wohl aber kam es darauf an, zu zeigen, daß Zwingli's Lehre auch in ihrer ursprünglichen und einfachen Fassung auf dem richtigen und ewig gültigen Grunde der Heilswahrheit beruhe, daß sie schriftgemäß und ächt christlich sei. Und dieser Nachweis war her völlig geleistet. Jm Ferneren aber ist namentlich auch von Bedeutung, daß hier die reformirte Kirche ungesucht die schönste Gelegenheit fand, vor aller Welt ihren ächt christlichen (katholischen) und rechtgläubigen Charakter öffentlich darzulegen. Bullinger erkannte das Providentielle, was eben deßhalb in dieser bittern, schweren Unbill und deren Abwehr lag, und wir dürfen in letzterer wohl eine zweite Frucht erkennen, die Gottes Güte wider den Willen derer, die zum Angriff getrieben hatten, der reformirten Kirche aus dieser schmerzlichen Erfahrung zu Theil werden ließ, und nicht nur ihr, sondern mit ihr der gesammten evangelischen Kirche. Daß daraus dann weiterhin die Anregung hervor ging zu näherem Zusammenschluß der reformirten Kirchen unter sich selbst, werden wir später zu betrachten haben und dürften darin eine dritte Segensfrucht erkennen, die ebenfalls noch in Zusammenhang stand mit dieser an sich so traurigen Verkennung.

Ein Zeichen seltener Unbefangenheit ist es, daß die Zürcher am Ende ihrer Antwort Luthers Schrift wörtlich abdrucken ließen, damit jedermann beide Schriften vergleichen könne, „ungeachtet, wie Ludwig Lavater sagt, Luther und sein Anhang allenthalben ernstlich anhielten, daß man allein ihre Schriften, nicht aber die Erwiederungen der Gegenpartei feilbieten, verkaufen und lesen ließe“[50].

Am 12. März 1545 sandten die Zürcher dieses ihr „wahrhaftes Bekenntniß“ an Landgraf Philipp von Hessen, Herzog Ulrich von Württemberg, Pfalzgraf Otto Heinrich, an den Rath zu Frankfurt am Main mit der höflichen, aber angelegentlichen Bitte, weder diese nothgedrungene Vertheidigung, noch andere zürcherische Schriften in ihren Ländern und Herrschaften verbieten und unterdrücken zu lassen; dasselbe Ansuchen erging an Albert Hardenberg, der kürzlich Bullinger besucht und sich mit ihm befreundet hatte, mit Rücksicht auf seine einflußreiche Stellung bei dem zur Reformation übergetretenen Erzbischof von Köln. „Wir sind nicht so anmaßend, bemerkt Bullinger im Schreiben an Hardenberg, daß wir all das Unsere vermöge besonderer Autorität irgend jemanden als göttlihes Orakel aufdringen möchten.“ Nach Bern wurde die Schrift sowohl dem Rathe als der Geistlichkeit überschickt. Ebenso sandte sie Bullinger an Butzer, den man absichtlich in dem Bekenntniß nur kurz und aufs schonendste erwähnt hatte, an A. Blaarer, Myconius usw. An Marcus Crödel, Schulmeister (Gymnasiallehrer)

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zu Torgau, der (gleichsam als Luthers Cartelträger) Luthers Schrift Bullingern überschickt hatte, mit der Zumuthung an die Zürcher, ihre Ansicht vom Abendmal aufzugeben, schrieb Bullinger einläßlich, er thue es nicht. „Denn ich weiß, sagt er, an wen ich geglaubt habe und fühle in meinem Gemüthe die Kraft dessen, an den ich geglaubt habe... Jch bin bereit, öffentlich, ausdrücklich und unumwunden zu widerrufen, wenn mir ein treuer Bruder begegnet, der mit festen Schriftgründen mich des Jrrthums überführt. Hinwieder gestehe ich, daß allein die kanonischen Schriften, vom heiligen Geiste eingegeben, die einzige und absolute Richtschnur der Glaubenswahrheit und der rechten Lebensführung sind, die weder selbst irrt, noch jemanden irre führt. Du sagst: „Die Leser tadeln nichts in deinen Schriften als einzig jene irrige Lehre vom Abendmal, die du vor ungefähr achtzehn Jahren, noch als ganz junger Mensch und, wie man sagt, durchaus nicht auf hohen Schulen gebildet, von Zwingli überkommen hast usw.“ „Hoher Schulen und Gnade und dergl., erwiedert Bullinger, will ich mich nicht rühmen, lieber der wahren Erkenntniß Christi und des orthodoxen Glaubens;“ weist ihm sodann durch einläßliche Darlegungen seines ganzen Bildungs- und Lebensganges die Grundlosigkeit jenes Geredes und die Selbständigkeit seiner Entwicklung nach, und schließt mit dem freudigen Ausspruche: „Wir schämen uns unseres Bekenntnisses nicht. Der Papst kämpft wider uns; die Wiedertäufer und andere Sektirer kämpfen wider uns; Luther kämpft wider uns. Wir widerstehen aber, gegründet auf Gottes Wort. Die Wahrheit wird siegen; Christus ist, der da regiert und regieren wird in alle Ewigkeit, ihm sei Preis!“

Begierig wurde die Vertheidigungsschrit der Zürcher gelesen; der Buchhändler Froschauer setzte sofort auf der Frankfurter Frühlingsmesse (1545) alle Exemplare ab. Die Beurtheilung war aber, wie leicht zu erwarten, eine sehr verschiedene. „Gott gab Gnade, erzählt Bullinger in seiner Reformationsgeschichte, daß unsäglich viel Leute, die zuvor Luthern anhingen, ein großes Mißfallen an seiner Unbescheidenheit bekamen und richtiger vom Abendmal und von der Zürcher Kirche hielten.“ Butzer dagegen, der bekanntlich schon seit 1538 und namentlich wegen der bernischen Verhältnisse in Spannung mit den Zürchern lebte, sprach sich in manchen Briefen mißvergnügt über die zürcherische Vertheidigungsschrift aus. Die Sprache der Zürcher war ihm zu frank; er legte ihnen sogar zur Last, sie verwerfen die schweizerische Confession (von 1536). Er wirkte auch auf Calvin. Dieser, der indeß Luthers maßloses Schriftchen nicht selbst gelesen, äußert sich in einem Briefe an Melanchthon über die zürcherische Entgegnung sehr unbefriedigt, spricht aber eben so offen sein Mißfallen aus über Luthers und seiner schroffen Parteigänger tobende Schmähsucht und Anmaßung; er bekennt, daß er bei aller Hochachtung sich für ihn schäme. Melanchthon in einem Briefe an Frecht bedauert, daß die Zürcher nicht gemäßigter geschrieben hätten.

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Von Bern, das seit Butzers Einwirkung (1537) sich in mancherlei Zerwürfnissen befunden, kam schnell ein äußerst freundliches Dankschreiben, das gänzliche Zustimmung aussprach und die demnächst erfolgende Herstellung völligen Einverständnisses ankündigte.

Die Herausgabe dieser Schrift gab überhaupt Anlaß zu weiteren Verbindungen. Aus verschiedenen Ländern, namentlich aus Frankreich, aus den Niederlanden, aus Friesland erhielt Bullinger alsbald Besuche von Seiten solcher Männer, die bei ihm weitere Belehrung suchten. Von Köln fand sich D. Gerhard von Wüsterburg ein, von Augsburg der Stadtschreiber Georg Fröhlich (Lätus). Namentlich die Sakramente waren der Gegenstand ihrer einläßlichen Unterredungen mit Bullinger. Dadurch veranlaßt entwickelte dieser seine Lehre hierüber näher in seinem Buche „von den Sakramenten“, das er noch in eben diesem Jahre vollendete, und hernach handschriftlich nach Genf an Calvin, dann nach Emden an den ihm befreundeten polnischen Edelmann Johann Laski zur Beurtheilung übersandte [51]. Dies war der Schritt, der, wie wir später sehen werden, die nähere Verbindung Calvins mit Bullinger herbei führte.

72. Bullinger bei Luthers Tode. Rechtfertigung der Zürcher.

Sahen wir Bullinger wider Willen in herbem Kampfe mit Luther, doch so, daß jener wohl entschieden Verdammung ablehnen, nicht aber hinwieder Luthers Jnnerstes richten, noch die persönliche Achtung ihm versagen will, so ist es erquickend eben dieses bei Luthers Tode und nach demselben von Seiten Bullingers bestätigt zu finden auch in seinen vertrautesten Briefen. Jn einem solchen schreibt er bei der ersten noch unsicheren Kunde von dem am 18. Februar 1546 erfolgten Hinschiede Luthers: „Jst Luther gestorben, so wünsche ich, daß er glücklich gestorben sei; denn es ist an ihm Vieles, was je die Besten mit Recht bewundern und loben. Selbst die großen M“nner der Kirche in der alten Zeit hatten ihre Fehler und ebenso Luther, nach göttlicher Vorsehung, damit man auch ihn nicht zum Gotte mache.“

Ebenso äußert er sich in dem Schreiben an Melanchthon vom 1. April 1546, aus dem wir überhaupt Bullingers Bemühungen erkennen die Wunden der Kirche möglichst zu heilen. Da man nämlich auf Melanchthon nunmehr alle Hoffnung baute betreffend die Aufrechterhaltung des Evangeliums und des kirchlichen Friedens, so wurde Bullinger von einigen Freunden, denen am Frieden zwischen den beiden Zweigen der evangelischen Kirche Alles liegen mußte, namentlich auch von dem Bürgermeister von Augsburg, Jacob

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Herbrot, dringend aufgefordert, mit Melanchthon wieder in Verbindung zu treten, und entsprach sofort. Er gibt Letzterem den Grund seines längeren Stillschweigens an; nur um Luther nicht zu erzürnen, habe er seit einiger Zeit nicht an ihn geschrieben. Er anerbietet ihm von Seiten der Zürcher Eintracht, Liebe und Freundschaft, und übersendet ihm einige von Zürchern neulich bearbeitete Uebersetzungen von Kirchenvätern. „Daß D. Luther, fährt er fort, dieser gelehrte und um die Kirche so hochverdiente Mann, in seine Ruhe eingegangen, freut mich herzlich, nicht etwa um des Streites willen, den wir mit ihm auszufechten hatten, - Gott weiß es! - sondern darum, weil er seinen Lauf glücklich vollendet hat, so großer Leiden enthoben, und den schweren kommenden Wirren entronnen ist. Nun darf er mit unserem Herrn, dem er dienete, sich freuen in Herrlichkeit. Es geht mir indeß sehr nahe, daß wir diesen Mann verloren haben, dessen Rath und Hülfe in den uns gemeinsamen Religionsangelegenheiten uns so förderlich sein könnte. Hatte er auch nach der Schwachheit des menschlichen Fleisches seine Fehler, so war ihm ein ausgezeichnetes Maß ausharrender Standhaftigkeit beschieden. Tapfer und beharrlich hielt er an der rein evangelischen Lehre fest gegenüber den Papisten, denen er nichts Preis geben wollte durch diese oder jene Vermittlungen und Verkommnisse. Mit dem ihm eigenen Scharfblicke erkannte er eben, daß solche Gegner durchaus unehrlich, ja arglistig zu Werke gehen, daß daher von ihnen wenig oder nichts mehr zu hoffen sei; er sah sie für solche an, von denen Paulus sagt: „Sie sind Menschen von verdorbenem Gemüth, verwerflich im Glauben, wende dich von ihnen.“

Auf dich setzen wir aber die Hoffnung, auch du werdest nach der dir von Gott verliehenen Gnade eben so standhaft und stark im Geiste die reine und einfache Lehre des Evangeliums gegen alle Verderber in Schutz nehmen. Sollten wir dir irgend dazu Hülfe und Beistand leisten können, so darfst du versichert sein, daß wir uns selbst und Alles, was in unsern Kräften steht, für dich und alle Gläubigen darzubieten bereit sind. Du wirst doch wohl nicht, lieber Philippus! mit uns als mit Unreinen keine Gemeinschaft haben wollen?“ „Wir anerkennen, sagt er weiterhin nach näherer Bezeichnung der reformirten Lehre, im heiligen Abendmale das Symbol der Eintracht und Zusammengehörigkeit, ja das christliche Einheits- und Friedensband; und deshalb betrübt es uns so sehr, daß gerade dies vom Satan und von einer gewissen Partei streitsüchtiger Menschen zum Gegenstand arger Fehden und Entzweiungen herab gewürdigt wird. Von ganzer Seele wünschen wir uns mit allen denen, welche Christum in der Wahrheit anbeten und verehren, fest zu verbinden zum gemeinsamen Kampfe und mit vereinten Kräften für die Kirche Christi die heiligen Kriege des Herrn zu führen gegen die Widerchristen. Mit brüderlichem Gruße thun wir dir dies kund, als dem Hauptanführer der Heeresmacht des Herrn, und wir beschwören dich bei Christo, unserm Könige, und bei unserer Bruderliebe, richte auf diesen Einen Zielpunkt

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all dein Sinnen und Denken, daß wir Alle, die wir Christum angenommen und dem Antichrist entgegen sind, mit Beilegung alles Grolles und aller innern Fehden einmüthig werden und seien in Christo, unserm Herzoge, und ihm allein als seine Streiter dienen!“ Schließlich grüßt Bullinger auch von Seiten der übrigen Zürcher Melanchthon und seine Mitarbeiter.

Wie friedfertig aber auch Melanchthon gesinnt war und wie gerne er auch späterhin die Verbindung mit Bullinger unterhielt, er selbst sah sich von der schroffen Partei aufs härteste angefeindet und bedrängt.

Von verschiedenen Seiten streute man nach Luthers Hinschied über die Zürcher arge Gerüchte aus, als ob sie des hingeschiedenen Luther spotten, ihn als einen Abgöttischen verlästern und sich brüsten, wie wenn er aus Verdruß darüber, daß er ihre Vertheidigungsschrit nicht zu widerlegen vermocht, gestorben sei. Eben so wurde ihnen auch (namentlich, wie wir wissen, von Seiten Butzers) zur Last gelegt, die schweizerische Confession, die sie seiner Zeit (1536) Luthern übersandt, sei ihnen so zuwider, daß sie mit niemanden, der sich daran halte, Gemeinschaft haben wollen.

Der Landgraf Philipp von Hessen setzte sie in den Stand auf diese ungegründeten Anschuldigungen zu antworten, indem er Bullingern sehr freundschaftlich und offenherzig davon Kenntniß gab durch einen von seinem Hofprediger Johann Lenyng verfaßten Brief vom 5. Juni 1546. Bullinger übergab das Schreiben des Landgrafen dem Rathe in Zürich sowie der Geistlichkeit und erhielt sofort den Auftrag, es Namens der zürcherischen Geistlichen zu beantworten und dem Landgrafen den wahren Sachverhalt mitzutheilen. Er schrieb ihm am 28. Juni: „Daß wir je D. Luthern, seligen Andenkens, auf den Kanzeln oder in den Vorlesungen oder anderswo öffentlich in der Kirche, deren Diener wir sind, als einen Abgöttischen dargestellt oder dafür ausgegeben, ist Euer Fürstlichen Gnaden unbillig vorgegeben worden. Denn wir haben Solches vormals nie gethan und thun es auch jetzt nicht. Wie wir auch je mit Luther in Zwist waren, der uns Abgöttische, Unchristen, verteufelte, versteckte Leute, Schwärmer, Ketzer, Sakramentschänder und ärger denn Türken und Juden schalt, so haben wir doch weder seinen Namen noch den der Seinigen je mit Unehre oder Schmach auf den Kanzeln angeführt, sondern die christliche Lehre zur Besserung des Volkes ohne Zank und in Einfalt verkündigt, dabei auch angezeigt, daß, was dieser unserer aus Gottes Wort geschöpften Lehre nicht ähnlich oder gleichförmig, irrig und nicht anzunehmen sei, wer auch dergleichen einführen und schirmen möge; denn Gottes Wort bleibe in Ewigkeit[52]. Dafür dürfen wir uns offen und frei auf das Zeugniß, der ganzen Kirche der wir dienen, berufen. Das wird

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aber E. F. G., so Sie Nachfrag hielte, gründlich erfahren, daß wir öffentlich von Vielen in Sachsen und Hessen arg geschmäht werden, statt daß wir es gegen D. Luther thäten. Denn dortige Prediger richten den mehreren Theil ihrer Predigten vor dem Volke wider die zwinglischen Schwärmer, Götzenstürmer, Sakramentschänder, Rottengeister und Gotteslästerer. Hr. Theobald Thamer zu Marburg in E. F. G. Stadt hat insgemein im Brauch, daß er in seinen öffentlichen Vorlesungen mit ausdrücklicher Anführung unsers Namens an uns und den Unsrigen nicht viel Gutes läßt, unverdient und unverschuldet von unserer Seite. Darum gelangt an E. F. G. unsere demüthige Bitte, solche Unbill so viel möglich gnädigst abzustellen, da wir ja auch niemand verunglimpfen und überdies erbötig sind, so wir etwas schreiben oder thun würden, das jemanden Unrecht dünkte, wenn wir aus Gottes Wort des Bessern belehrt würden, dem zu folgen.

Eben so wenig haben wir von D. Luther vorgegeben, er sei elend und vor Leid darüber, daß er auf unser Bekenntniß nicht habe antworten können, gestorben. Wir bedauern unserseits von Herzen, daß man E. F. G. mit solchen unbegründeten Reden uns zu Nachtheil und Ungnad beunruhigt. Wir hatten allezeit ein großes Mißfallen an dem Schmähen und Schänden verstorbener Männer, auch wenn sie nicht besondere Verdienste haben. So sind wir gar weit davon entfernt, daß wir D. Luthern, der dem Herrn Christo und seiner Kirche nicht wenig oder untreu gedient hat, üble Nachrede aufladen wollten. Denn ausgenommen und vorbehalten des Herrn Abendmal, die Bilder und daß er etwa unsauber (was wir ihm doch auch nicht so hoch anschreiben) geschrieben hat, geben wir ihm seine gebührliche Ehre, würden auch nicht gestatten, so weit es in unserer Macht stände, daß er von Andern geschmähet würde. Und da er nun vom Herrn abgerufen ist, lassen wir die streitigen Punkte gerne ruhen; es sei denn, daß wir von Andern angefallen und getrieben werden zu sagen, was uns widerfahren und zu dem Kampfe und unserer letzten Schrift gedrungen hat. Doch gebrauchen wir auch dann gleichwohl gebührende Bescheidenheit, guter Hoffnung, um alles dessen willen ein gutes Zeugniß zu erlangen bei allen Ehrbaren.

Ferner verfährt man gegen uns auch darin gar übel, daß man E. F. G. vorgibt, die, welche sich an die zu Basel (1536) aufgestellt und D. Luthern übersandte (schweizerische) Confession gern halten wollten, werden bei uns nicht geduldet. Denn bis zur Stunde ist niemand je von unserer hohen Obrigkeit deshalb verwiesen oder vertrieben worden. Es bedurfte auch nach Gottes Gnade unter uns dessen gar nicht, da die Obrigkeit, die Diener der Kirche und die ganze Gemeinde in Ansehung des heiligen Abendmales Eines Sinnes, ganz einig und mit einander zufrieden sind. Wir hätten uns hier weit billiger zu beklagen, daß die zu unserer Confession sich halten und der Lehre, wie wir sie haben, anhangen, nicht allenthalben, wo D. Luthers Bücher gelten, Platz und Sicherheit finden, ja nicht geduldet werden. Wir bitten

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E. F. G. dies gnädig zu bedenken. Somit entschlagen wir uns der in Basel aufgestellten und D. Luthern übersandten Confession gar nicht, sofern man nämlich etwelche Worte darin uns nicht anders drehen und ausdeuten will, als sie von uns ihrem gesunden Sinne nach gestellt sind. Und sofern D. Luther und die Seinen uns dabei hätten bleiben lasssen, nicht zuerst uns mit Schmähschriften angefallen und dermaßen gedrängt hätten, daß wir Ehren und Pflichten halb nicht hätten schweigen können, so wäre aller Unrath vermieden worden. Es ist uns von Herzen leid, daß E. F. G. an Kaiserlicher Majestät Hofe solche Zwietracht vorgeworfen worden, woran aber wir keine Schuld tragen, die wir viel lieber Friede gehabt hätten.

Wir wollen auch nach E. F. G. Begehr uns fürderhin gebührlich und friedlich halten, so daß wir, ob Gott will, keine Ursache zu neuem Zank geben wollen; wir können aber nicht davor sein, wenn Andre mit uns anheben; dann können wir die Wahrheit und die Unsern, Todte und Lebende, nicht unvertheidigt lassen. D. Luther ist, wie bemerkt, von uns bisher nicht geschmäht worden, wie man E. F. G. vorgab, soll auch mit Unwahrheit nicht geschmäht werden. Daher bedarf es diesfalls bei uns keines Abschaffens unverdienter Schmachreden. So sind wir nicht begierig, Böses mit Bösem, Schmach mit Schmach zu vergelten, viel weniger eigenen Sieg zu suchen. Wir sind auch erbötig, willig, gern und redlich bei der christlichen Lehre, wie sie in der zu Basel (1536) aufgestellten (schweizerischen) Confession und von uns hernach in unserem letzten Bekenntniß oder Antwort an D. Luther ganz klar gemeldet ist, nicht weniger als die anderen evangelischen Städte der Schweiz zu bleiben und mit Gottes Gnade zu verharren. Denn wie E. F. G. bemerkt, bekennen wir, daß in dem heiligen Abendmal unsers Herrn Christi nicht allein Brot und Wein sei, sondern daß die Gläubigen auch den wahren Leib und das wahre Blut Christi essen und trinken, doch nicht leiblich, sondern geistlich durch den Glauben, also daß der Leib Christi zur Rechten Gottes bleibt und nicht herab kommt, wir aber nichts desto weniger mit und durch den Herrn Christum und sonst durch keine andere Speise gespeist, genährt und erhalten werden, also daß er auch in uns lebt und wir in ihm leben; wie wir in unsern Schriften vollständig erklärt und bekannt haben. Dabei hat man uns aber bisher nicht wollen bleiben lassen, schmäht uns noch als Sakramentschänder und als Solche, die nur leere Zeichen haben, ja die als Schwärmer nichts Rechtes vom Glauben lehren noch lehren können. Zudem wird von uns dürr gefordert, daß wir von dem geistlichen Genießen, als welches zu gering sei, schweigen und eine leibliche Gegenwart Christi bekennen u.s.w. Das können wir jedoch mit Gott und der Wahrheit nicht thun, noch viel weniger dafür halten, wie Luther gelehrt hat, des Herrn Brot sei sein rechter, natürlicher Leib, welchen der Gottlose oder Judas ebensowohl mündlich empfängt als St. Petrus und alle Heiligen; so lauten seine eigenen Worte.

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Wir schweigen jetzt davon, daß er und Einige der Seinigen öffentlich haben im Druck ausgehen lassen, sie halten vom Sakrament in alle Weise und Wege (ausgeschlossen die Transsubstantiation) wie die römische Kirche. Das beschwert uns billiger Maßen; wir können auch Solches nicht annehmen noch für gut geben und auch also reden oder Solches unterschreiben; und bedünkt uns gänzlich, der Zwist liege nicht bloß in Worten, sondern in der Sache selbst[53]. Offenbar gegen den in Hessen viel geltenden Butzer, sowie im Folgenden das "nicht verstehen." - "Erboten" hatten sie sich zum Friedehalten namentlich in dem Briefe an Melanchthon.

... Die Worte und die helle Wahrheit dringen uns. Unser Herz und Gemüth steht treulich zu christlicher Einigkeit und wir haben uns durchaus erboten, Alles das zu thun, was Christenleuten und getreuen Kirchendienern geziemt, nur daß man uns nicht dränge das zu reden und zuzugeben, was wir nicht verstehen und auch Andern nicht können zu verstehen geben. Wir sollen ja vor Gott in seiner Kirche Alles klar und verständlich nach seinem Worte behandeln, nicht widersprechende Dinge einführen, den Verstand der Einfältigen verwirren und mit unseren unbeständigen Redensarten Aergerniß anrichten. Wir sehen deshalb in dieser Sache nicht auf unsere eigenen Neigungen, sondern auf Gott, auf klare, verständliche Wahrheit und auf Erbauung und Erhaltung der Kirche.

Dabei erbieten wir uns aber zu aller Treue, Liebe und Einigkeit gegen Alle die, seien sie in Hessen, Sachsen oder anderen Orten, welche keinen Widerwillen gegen uns haben, mit uns den Herrn Jesum Christum unsern einigen Heiland predigen, das Heil der Menschen durch den Glauben an ihn und nicht durch andere Mittel verkündigung und sich damit dem Antichrist widersetzen. Wir bitten E. F. G. um Gottes willen, Sie wolle diese unsere Rechtfertigung in Gnaden aufnehmen, auch gegen Churfürstliche Gnaden (den Chufürsten von Sachsen) und gegen Andere, bei denen wir verklagt sind, gnädig verantworten, nicht bald glauben, so wir beschuldigt werden, und uns auch künftig gnädigst, wie diesmal, anhören.“ usw.

Bullinger legte diesem amtlichen Schreiben noch einen kurzen Privatbrief bei an den Landgrafen, worin er demselben den Gruß an den Bürgermeister Rudolf Lavater erwiedert und ihm dessen Dienstwilligkeit zusagt, indem er beifügt: „Und weil denn jetzt wider die wahre Religion große Rüstungen vorgehen und sich große Gefahren erheben, bitten wir den Allmächtigen, daß er E. F. G. Verstand, Weisheit, Stärke, Macht und gutes Glück verleihe. Die Sache ist an sich selbst recht und gut. Da verläßt Gott die Seinen nicht, ob er sie gleich in große Gefahren hinein führt. Sterben in Ehren getrost um Gottes willen ist die größte Ehre und das rechte Leben. Leben in Abgötterei, in falscher Lehre und unter der Tyrannei der abgefallenen Kirche (Pabst, Cardinal und ihren Anhang meine ich) ist die scheußlichste Knechtschaft

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und der schmählichste Tod. E. F. G. rufe zu Gott, ergebe sich an Gott und sei fest! Gott wolle E. F. G. lange und siegreich zum Besten seiner Kirche erhalten.“

Der Landgraf, der stets den Frieden liebte und suchte, aber wahrhaft „hochherzig“ einen solchen Frieden, bei welchem auch die reformirte Kirche ungekränkt und unverkümmert bestehen könne, nahm diese Schreiben günstig auf. Dies zeigen uns seine Grüße und Briefe, die er alsbald, wenige Wochen später, an Bullinger sandte - mitten aus dem Geklirre der Waffen, aus dem Heerlager. Denn schon nahten die schweren Gerichte Gottes, die Bullinger so geistesklar voraus gesehen und geweissagt hatte, dem armen, aus unzeitigem Eifer und allzu weit reichender Gründlichkeit in sich entzweiten protestantischen Deutschland.

Doch bevor wir unsere Schritte dorthin lenken, haben wir auf die übrigen Beziehungen zum Auslande einige Blicke zu werfen.

 

 

 

 

 

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Fünfter Abschnitt.
Bullingers anderweitige Beziehungen zum Auslande.

73. Die (jetzige) französische Schweiz. Bullingers Verkehr mit Calvin.

Wenden wir uns vorerst zur jetzigen französischen Schweiz. Damals nämlich gehörte diese Zürich gegenüber zum Auslande. Neuenburg und Genf waren wohl mit einigen Schweizerkantonen verbündet, ersteres vorzugsweise, letzteres (seit 1534) einzig mit dem mächtigen Bern. Zu Zürich standen diese Orte in keiner unmittelbaren politischen Beziehung[54].

Die Sache des Evangeliums aber mußte bei Bullingers lebhaftem Jnteresse für die ganze protestantische Welt alsbald die einen und anderen Berührungen herbei führen. Schon ehe Calvin an den Punkt festgebannt ward, dessen Name mit dem seinigen weltberühmt geworden, da er noch als ein französischer Flüchtling vorüber gehend in Basel weilte, machte Bullinger seine Bekanntschaft. Es war im Jahre 1536 bei Anlaß von Bullingers Verweilen in Basel zur Abfassung der ersten schweizerischen Confession. Als nun Calvin im Herbste desselben Jahres durch Farels erschütterndes Machtwort in Genf

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festgehalten und schon 1537 von dem nicht eben ehrenwerthen Caroli wegen einiger Lehrausdrücke betreffend die Dreieinigkeit heftig angefallen ward, schreibt Bullinger an Myconius: "Gar schlimm würde es gehen, wenn man jetzt jene alten, höchst gefährlichen Lehrstreitigkeiten über die Einheit der Substanz und den Unterschied der drei Personen in der heiligen Trinität von neuem erheben wollte. Besser scheint es mir, mit ganzem Gemüthe zur Anbetung dieser hocherhabenen Geheimnisse herzu zu treten und daran zu glauben einfach so, wie die Schrift davon redet, als mit gelehrten, subtilen und haarscharfen Bestimmungen darüber her fahren zu wollen. Wir wenigstens werden dafür Sorge tragen, daß bei uns über diese Sache und über jene Lehrausdrücke keine Streitigkeiten entstehen. Der Apostel Paulus heißt die Seinigen nicht Wortgezänk treiben, sondern weise sein zu Förderung des Glaubens, den Streit des Lebens aber meiden. Darauf werde ich halten. Bei der erkannten Wahrheit wollen wir bleiben ohne Gezänke; möchten wir sie nur besser befolgen." Darin drückt sich ganz seine Gesinnung aus. Da den Genfer Geistlichen an der Zustimmung der übrigen schweizerischen Kirchen sehr viel mußte gelegen sein, schrieben sie über diese Streitsache auch nach Zürich. Dies gab Anlaß zu Bullingers erstem Briefe an Calvin, 1. November 1537, worin er ihm und Farel bezeugt, wie sehr er sie schon lange liebe und schätze. Er erklärt sich ganz für sie und gegen Caroli, den er als einen elenden Verläumder bezeichnet. Bekanntlich trat Caroli späterhin zum Pabstthum zurück.

Noch näher wurde aber Bullingers Verhältniß zu Calvin bei dessen Vertreibung aus Genf zu Ostern 1538. Veranlaßt war diese zumeist dadurch, daß in Genf, dem verbündeten Bern zu lieb, die Beschlüsse der kurz zuvor gehaltenen Lausanner Synode angenommen wurden, welche Taufsteine, ungesäuertes Brot und die Feier der hohen Feste wieder einführten. Daß der Rath und die Bürgerschaft, ohne die Prediger zu befragen, dies festgesetzt hatte, schien diesen unerträglich. Zudem erklärten sie der herrschenden Sittenlosigkeit wegen das heil. Abendmal zu Ostern nicht austheilen zu können. Am 23. April beschloß die Bürgerschaft, sie hätten die Stadt Genf zu verlassen.

Gleich hernach fand in Zürich vom 29. April bis 4. Mai die oben erwähnte ansehnliche Versammlung von Abgeordneten aller reformirten Stände der Schweiz Statt, um zu berathschlagen, wie man Luthern auf sein Schreiben vom Dezember 1537 zu antworten habe. Eine solche Versammlung war ganz, was Calvin wünschte; überdies hatte er früher schon Bullingern den Wunsch ausgedrückt; "Daß ich doch nur einen Tag bei dir sein könnte!" Voll von Gedanken über die Nothwendigkeit einer Kirchenzucht fanden sich Calvin und Farel ein, schilderten die Zerrissenheit ihrer Kirche, die Zuchtlosigkeit, die Gefahr ihrer völligen Zerstörung, erklärten ihre Willigkeit in Rücksicht der äußern Gebräuche nachzugeben und legten bestimmte Artikel betreffend Einführung der Kirchenzucht vor. Die Versammlung anerkannte auf

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Bullingers Anrathen die Wichtigkeit dieser Artikel, empfahl ihnen Mäßigung, schrieb nach Genf um ihre Wiederaufnahme und legte den Bernern ans Herz, hiefür durch eine Gesandtschaft kräftig mitzuwirken. Bullinger empfahl sie aufs dringendste einem einflußreichen Freunde in Bern: "Wohl haben sie allzu großen Eifer gezeigt (was Calvin auch selbst anerkannte); es sind aber fromme und gelehrte Männer, denen man wohl etwas zu gute halten darf." Bern that Alles für sie was möglich war; mit der bernischen Gesandtschaft reisten sie bis in die Nähe Genfs. Allein die lutherisch Gesinnten unter den Berner Geistlichen, namentlich der hitzige Kunz, dessen Betragen schon in Bern überaus kränkend für sie war, wirkten arglistig ihrer eigenen Regierung entgegen, so daß die Genfer in heftiger Aufregung ihren vertriebenen Predigern die Rückkehr verweigerten. Bald darauf fand Calvin in Straßburg, Farel in Neuenburg einen neuen Wirkungskreis.

Mit Beiden kam Bullinger aufs neue in Berührung.

Calvin nämlich hatte Butzers Verfahren in Bern Megandern gegenüber (1537) und sein ganzes Verhalten im Concordienwerke keineswegs gebilligt, vielmehr in einem sehr freimüthigen Briefe ihm Gewaltsamkeit gegen Megander und dessen zahlreiche Meinungsgenossen, alszu große Willfährigkeit gegenüber Luthers anmaßlichem Trotz sowie Mangel an Entschiedenheit und an Aufrichtigkeit zum Vorwurf gemacht. Nun aber lernte er in Straßburg die besseren Seiten in Butzers zuweilen schillerndem Charakter näher kennen. Um so mehr bedauerte er die Erkältung, die zwischen ihm und dem entschiedenen, aufrichtigen Bullinger namentlich seit jener Versammlung in Zürich (Mai 1538) eingetreten war. Daher benutzte er im März 1540 die Gelegenheit, als er einige vornehme französische Protestanten Bullingern empfahl, dies ihm auszusprechen. Wider Willen, bemerkt er, sei es geschehen, daß er seit anderthalb Jahren an Bullinger nicht geschrieben habe. "Von der höchsten Wichtigkeit ist es aber, brüderliche Liebe unter einander zu pflegen und zu befestigen, namentlich unter denen, welchen der Herr ein Amt in seiner Kirche anvertraut hat. Nun sehe ich, daß noch immer zwischen der Straßburger Kirche und der eurigen zwar kein Streit, aber nicht solche Jnnigkeit ist, wie ich wünschen möchte. Noch hegt man Verdacht und dies läßt keine rechte Freundschaft aufkommen; von den Unsrigen (Capito und Butzer) kann ich indeß versichern, daß sie nichts mehr wünschen, als brüderliche Liebe und zwar auf dem Grunde lauterer Wahrheit. Gern möchte ich, ich bekäme Gelegenheit einmal vertraulich mit dir über die Sache (das heil. Abendmal) zu reden, um zu wissen, was eine völlige Uebereinstimmung unter euch noch hindere. Jmmerhin bin ich überzeugt, daß kein Grund zu Entfremdung vorhanden ist."

So war es in der That; das schwierige, undankbare, verwickelte Concordiengeschäft hatte das Vertrauen gestört; Butzer hatte vor Kurzem geargwohnt, Bullinger, der ihm in jener Sache nicht hatte folgen und seine

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doppelsinnigen Formeln zulassen wollen, befeinde ihn, und dieser den Vorwurf als grundlos abgelehnt. Jmmerhin wurde der freundschaftliche Verkehr von Zeit zu Zeit erneuert.

Eine Veranlassung dazu gaben die Bemühungen der Genfer und Calvins Rückkehr nach Genf. 1540 gab dieser einer genferischen Abordnung auf Andringen seiner deutschen Freunde, die ihn bei dem Religionsgespräche in Worms und Regensburg durchaus nicht entbehren mochten, einen Abschlag; dasselbe geschah auf ihr wiederholtes schriftliches Begehren. Nun wandte sich Genf an Zürich, Bern und Basel mit dem dringendsten Ansuchen um ihre nachdrückliche Fürbitte; die drei Schwesterstädte entsprachen willig. Bullinger, Namens der zürcherischen Geistlichen, stellte in seinem Schreiben vom 4. April den Straßburgern aufs kräftigste die Nothwendigkeit vor, Calvin wieder nach Genf zurück zu lassen. "Denn die Genfer Kirche, sagt er, liegt gleichsam auf der Grenzscheide von Deutschland, Frankreich und Jtalien; eben von dort aus kann ein von Gott mit den außerordentlichsten Gaben ausgerüsteter Mann wie Calvin mehr als sonst irgendwo den Kirchen mehrerer Länder nützen und zur Ausbreitung des Reiches Christi wirken." Aufs unwürdigste sei Calvin vertrieben worden, aufs ehrenvollste rufe Genf ihn nun zurück. Das sei Gottes Werk. Dafür müsse man Gott innig danken, und darum aus allen Kräften trachten dies zu fördern. "Jhr allein, fügt Bullinger bei, könnt jetzt, wenn ihr wollt, jene Kirche retten! Verweigert ihr ihnen Calvin oder treibt ihr ihn nicht kräftig dazu an, so stürzet ihr sie sicherlich ins äußerste Verderben!

Die Antwort war, Calvin sei noch abwesend in Regensburg; sobald er zurück komme, solle der Entscheid erfolgen. Calvin selbst, an den die Zürcher ebenfalls ein kräftiges Schreiben richteten, schrieb an die zürcherischen Geistlichen noch von Regensburg aus (31. Mai 1541) einen überaus freundlichen Brief, worin er ihnen aufs herzlichste dankt für ihre lebendige Theilnahme, die sie an Genfs und an seinem eigenen Schicksale gezeigt, und sie versichert, an seiner Willigkeit fehle es nicht. Jmmer habe er Zürich besonders hoch gehalten. - Straßburg willigte ein. Am 13. September 1541 zog er im Triumph in Genf ein.

Bullinger ließ es sich angelegen sein, bei den schwierigen Verhältnissen zwischen Genf und dem verbündeten Bern zum Frieden zu rathen. "Die Genfer und Berner streiten sich über die Grenzen des ehemaligen bischöflichen Gebietes, schreibt er im October 1543 an Calvin; sie sollten sich doch vergleichen! Denn der Kaiser wird, sobald er mit Frankreich Frieden bekommt, Deutschland unterwerfen und wohl auch den Herzog von Savoien (dem Bern die Waadt usw. abgenommen) wieder einsetzen."

Für die treffliche Schrift, die Calvin 1541 an den Kaiser richtete, um ihn von der Nothwendigkeit der Erneuerung der Kirche zu überzeugen, dankt ihm Bullinger mit ehrender Anekennung. Aber an Carl V., erklärt er

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ihm, sei's verlorene Mühe. "Gibt Gott ihm den Sieg, so wird er ihn mißbrauchen zur Verfolgung des Namens Gottes! denn sein Herz ist verhärtet." Gleichzeitig gibt er ihm Nachricht über einen in Zürich studierenden Genfer. Uebrigens ging die Correspondenz höchst unregelmäßig, da zwischen Zürich und Genf keine ordentliche Verbindung Statt fand, und die Briefe daher bald einem Studenten bald einem Handwerksburschen anvertraut wurden.

74. Bullingers Verwendung für Farel in Neuenburg.

Um dieselbe Zeit, da es sich um Calvins Rückkehr handelte, kam Bullinger in den Fall, sich auch für Farels Stellung in Neuenburg zu verwenden.

Mit demselben regen Eifer wie zuvor in Genf arbeitete diese feurige Mann auch in Neuenburg für Herbeiführung größerer Sittenstrenge, und fand hier wie dort grimmige Feinde, die auf seinen Sturz lauerten und davon die Wiederkehr vergnügter Tage hofften. Ein äußerer Anlaß fand sich im Sommer 1541. Eine vornehme Dame von üblem Rufe hatte durch muthwillige Scheidung von ihrem Manne öffentliches Aergerniß gegeben und Farel als Seelsorger sich umsonst bemüht sie zu ihrer Pflicht zurück zu führen. Er wandte sich an die Behörden, fand aber nicht die gewünschte Unterstützung.Nun rügte er dies Aergerniß wiederholt auf der Kanzel. Er klagte heftig auch über das Verhalten des Rathes und der Gemeinde in dieser Sache. Gereizt von den Vornehmen beschloß eine ungeregelte Volksversammlung seine Entsetzung. Calvin, eben auf der Rückreise nach Genf begriffen, eilte herbei; er und Andere suchten zu vermitteln. Doch vergebens. Die bernische Staatsgewalt, auf deren Haltung Alles ankam, war allen Regungen, die eine gewisse Selbständigkeit der Kirche bezweckten, abhold. Der Berner Schultheiß von Wattenwyl huldigte so sehr der Oberherrlichkeit des Staates über die Kirche und ihre Diener, daß er behauptete, man könne Prediger so gut wie Dienstboten nach Belieben entlassen. Farel aber unerschütterten Muthes und voll heiligen Ernstes erklärte, von der Kirche berufen, wolle er auch von der Kirche entlassen sein; Gott habe sie ihm anvertraut und fordere sie auch wieder aus seinen Händen; ohne ein Verräther an Christus und an seiner Kirche zu werden, könne er unter solchen Umständen seine Kirche nicht verlassen. Dabei berief er sich auf seine Lehre und auf seinen Wandel, über die keine Klage sei. Seine Amtsbrüder fühlten, daß ihrer Aller Sache auf dem Spiele stehe, und es, falls er so ungerecht entfernt würde, künftig um alle kirchliche Zucht geschehen wäre. Sie bestärkten ihn daher in dem Entschlusse sein Amt nicht zu verlassen, und sandten aus ihrer Mitte den Prediger Pichon nach Zürich, Konstanz, Basel und Straßburg ab, mit der Bitte um Rath und Verwendung bei Neuenburg und Bern. An Rath, Geistlichkeit und Gemeinde von Neuenburg richtete jede dieser Kirchen ein

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Ermahnungsschreiben, von denen besonders das von Bullinger verfaßte, als ausgezeichnet durch Wärme und Gehalt, große Anerkennung fand.

Es ist ein würdiges Denkmal der brüderlichen Gemeinschaft, die damals selbst entfernte Kirchen verband, und des liebevollen Christensinnes, der den Schreibenden beseelte. Zudem gibt es uns über manche Punkte, die Bullinger sonst weniger zu beleuchten in den Fall kam, erwünschten Aufschluß, und zeigt uns namentlich, wie die Grenzlinie zwischen der staatlichen und der kirchlichen Sphäre, so wenig scharf sie in Zürich selbst gezogen war, doch seinem Bewußtsein gar bestimmt vorschwebte, wie wichtig immerhin der bescheidene Kreis der kirchlichen Rechte, die er stets wahrte, ihm war, und wie ferne es ihm lag, die Selbständigkeit der Kirche auf dem ihr zukommenden Gebiete aufzugeben und sie in die allgemeine Selbstherrlichkeit der Staatsgewalt aufgehen zu lassen. Daher wird es angemessen sein, den Hauptinhalt in Kürze hier mitzutheilen.

Vor Allem bezeugen die zürcherischen Prediger ihr tiefes Bedauern über die in Neuenburg eingetretene Spaltung, als das größte Verderben für eine Kirche. Auf der Einheit und Einigkeit der Brüder beruhe die Stärke der wahren Religionsgemeinschaft; der arge Feind des Heiles aber, dies wohl wissend, sei eben deshalb stets geschäftig das Band der Eintracht, das der Herr geknüpft, zu lösen. - Zuerst wenden sie sich an Farel, um ihm zu zeigen, wie der Herr von ihm als oberstem Pfarrer der neuenburgischen Kirche fordere, seine Herde zu weiden mit dem Worte der Wahrheit und des Lebens, Buße zu predigen und Vergebung der Sünden nach der Lehre Christi, die Sünden und Laster klar darzulegen und zu verdammen, mit Klugheit und Würde, aber furchtlos und unverholen, daß nicht die Laster unter dem Scheine von Tugenden im Schwange gehen und ihre Schande nicht mehr empfunden werde. Durch glatte und verblümte Redensarten könne dies nicht geschehen, sondern nur durch entschiedenen Ernst, der Sünde Sünde, Laster Laster nennt. Freilich entstehe aus der Bestrafung Haß und Verfolgung, wie der Herr und die Apostel es vorausgesagt und erfahren haben; allein die, welche so leiden, werden von dem Herrn besonders geliebt. "Darum sind wir der Meinung, du solltest um solcher Leiden willen die dir anvertraute Gemeinde nicht verlassen. Wir hoffen zuversichtlich, die, welche jetzt von Leidenschaft erhitzt dich so heftig verfolgen, werden schon wieder nüchtern werden und dich nur um so mehr lieben. Harre also aus in dem Dienste (Amte), zu dem du berufen bist. Doch bitte den Herrn, den Stifter und Freund des Friedens, daß er deine dir eine Weile entrissenen Schafe wieder zurück bringe, damit sie Zucht und Ermahnung nicht fliehen. Das ist deine Pflicht, guter Hirt! und wenn du sie mit Treue, Kraft und Klugheit gewissenhaft vollführst, so wird der eine kurze Frist siegreiche Satan bald von dir zertreten sein."

Dann wird die Versammlung (Klasse) der Geistlichen Neuenburgs angeredet: "Jhr seid das Salz der Erde. Bedenkt, was ihr zu erwarten

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hättet, wenn ihr euch in dieser Sache lässig, unweise, schwach zeigen würdet. Euer Kirchendienst wäre entkräftet, wenn Farel um seiner Freimüthigkeit willen vertrieben würde; eure Kirchen nähmen Schaden, wenn sie ihn verlören, den heldenmüthigen und ausgezeichneten Mann, der für alle euere Kirchen zu Stadt und Land die Hauptsorge trägt. Ueber ihn hat Gott alle die Gnaden ausgegossen, die ein treuer Bischof vonnöthen hat; er ist fromm, unbescholten, umsichtig, anspruchlos, muthvoll, gelehrt und von großer Beredsamkeit; ein Vater, reich an Erfahrung, der die erneute Kirche bei euch gründete; ein wahrer Apostel, der die Wundmale, die er um Christi willen empfangen, an seinem Leibe trägt; ein standhafter, in den größten Kämpfen siegreicher Prediger und Bekenner der Wahrheit, daher sein christlicher Ruf auch in deutschen Landen weit verbreitet ist. Nie dürft ihr zugeben, daß ein so verdienstvoller Mann ohne Recht und Gesetz unverdient und unverhört vertrieben werde. Thut also, was die Kirche schon von der Apostel Zeit an gethan hat. Haltet eine Synode, aus Geistlichen, Räthen und frommen Bürgern bestehend. Laßt seine Ankläger kommen, ihn selbst sich verantworten, untersuchet Alles genau. I. Timoth. 5, 19. Sonst würdet ihr allen Kirchen Aergerniß geben, selbst den papistischen. Durch eure Stimmgebung ward er zu seinem Amte berufen und eingeweiht; nun so laßt nicht zu, daß er ohne euere Stimmgebung dessen beraubt werde."

Hierauf wenden sich die Zürcher an den Rath mit ernsten Mahnungen aus der heil. Schrift, die Satzungen des Herrn zu halten; dazu gehören die kirchlichen Anordnungen, die zur Ausübung und Kundgebung des Christenglaubens dienen. Darüber dürfe man sich nicht hinweg setzen. Die Apostel des Herrn wollten nicht, daß eine Kirche ohne Kirchenzucht sei; daher diese als Satzung des Herrn zu betrachten ist. Wollen die Geistlichen diese wieder einführen, so sei es Pflicht einer christlichen Obrigkeit ihnen dazu hülfreiche Hand zu bieten, damit eine bestimmte Art und Weise bestehe, die Sünder zu ermahnen und die Lasterhaften im Zaume zu halten. Niemand würde in seinem Hause Ausgelassenheit dulden; und die von Gott verordneten Hirten des Volkes sollten in der Kirche jede Ausschweifung hingehen lassen? Eine apostolische Anordnung ist's ferner, daß die Bischöfe, das ist: die Hirten oder Prediger von der Einsetzung der Bischöfe (Pfarrer) nicht ausgeschlossen werden. Denn wer könnte doch besser und richtiger über Lehre und Leben der Hirten urtheilen, als eben die Geistlichen? Daher geht mit Recht der erste Vorschlag zur Wahl eines Pfarrers von den Geistlichen aus. Mit Recht kommt dann hinzu die Abstimmung des Rathes oder der Aeltesten. Mit vollstem Rechte aber wird der Gewählte der ganzen Gemeinde, der er vorstehen soll, durch Andere vorgestellt, welche Vorsteher der ganzen Kirche sind, damit in der Kirche Alles durch gemeinsame Zustimmung geschehe. Daß es ehmals so zugegangen und die Pfarrer auf solche Weise unter Handauflegung eingesetzt worden, das bezeugen uns nächst der Apostelgeschichte auch

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die ältesten Kanones (Kirchensatzungen) und selbst das kaiserliche Recht (wie zu ersehen aus einigen Constitutionen; 1. 2. 3.) So wird auch heutiges Tages die Einsetzung der Pfarrer beobachtet und heilig gewahrt in unserer Zürcher Kirche. Endlich werdet ihr den nicht ohne den Vorschlag der Geistlichen von euch Gewählten gleicher Weise nicht ohne das Urtheil und die Zustimmung der Bischöfe vom Amte entfernen, wofern ihr in den Ordnungen des Herrn wandeln wollet. Dann wird aber der Herr auch mit euch sein und eurer Kirche wiederum aufhelfen."

Zuletzt richten die Schreibenden ihre Ermahnung noch an die Gemeinde, zur Besonnenheit zurück zu kehren, Gott zu danken für so treffliche Hirten und sich nicht selbst durch Undank Gottes schwere Gerichte zuzuziehen. "Bedenkt, wo man treue Lehrer unverdienter Maßen vertreibt, wird damit zugleich das Glück eines Volkes und der Friede der Kirche verbannt. Wir sind überzeugt, ihr würdet die unglücklichsten Menschen, wenn Farel so wäre, wie Manche unter euch sich wünschen. Er ist ja wie ein Vater, brennend von Liebe zu seinen Kindern, redlich in all seinem Thun, er kann nicht schmeicheln. Was auch im Unwillen und aus Leidenschaft von Etlichen aus euch mag angehoben worden sein, wir btten euch um der unendlichen Liebe Christi und um seines bittern Todes willen, legt ab die Leidenschaft, gebet nicht mehr Raum dem Satan, versöhnt euch unter einander und dann mit euerem Hirten. Phil. 2, 1-4. Das schreiben wir euch aus aufrichtiger, herzlicher Liebe; schon seit langen Jahren waret ihr uns lieb um eueres Eifers und euerer Standhaftigkeit willen. Gott führe euch durch seinen heil. Geist wiederum zu fester Eintracht!"

Unterzeichnet ist das zürcherische Schreiben (von vier Stadtgeistlichen und zwei Professoren): Leo Judä, Kaspar Megander, Erasmus Fabritius, Konrad Pellican, Theodor Bibliander, Heinrich Bullinger und die übrigen Diener der zürcherischen Kirche.

"Nie haben wir, antworteten die Neuenburger Geistlichen, ein Schreiben empfangen, das mit größerer Freude von uns gehört und aufgenommen wurde, nie eines, das mehr dazu diente unsere Herzen zu erleuchten, zu trösten und zu stärken: das düfen wir euch vor Gott und dem Herrn Jesu bezeugen." Auch auf die bernische Regierung wurde von Zürich aus gewirkt. Farel behauptete seinen Platz; er erwarb neuen Ruhm bei der eben ausgebrochenen Pest, aber noch dauerte der Kampf, bis Ende Januar 1542 der Entscheid zu seinen Gunsten ausfiel. Bald erfolgte dann eine völlige Versöhnung.

75. Bullingers Anstrengungen gegenüber Frankreich. Reislaufen.

Gehen wir nun zunächst zu Frankreich über. Frankreich nämlich hatte an den Eidgenossen seit langer Zeit in den lebhaftesten politischen Beziehungen

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gestanden und alle übrigen Mächte übertroffen in der Kunst, die schweizerische Wehrkraft seinen Zwecken dienstbar zu machen. Französisches Gold hatte so oft Hohe und Niedere bestochen, französische Geschmeidigkeit immer wieder selbst die Widerstrebenden gewonnen. Wie war das Alles aber so ganz anders geworden, seit Zwingli's hoher christlich sittlicher Ernst auch diese Netze zerrissen und den hochherzigen Entschluß auf Seiten der evangelischen Kantone ins Leben gerufen, hinfort keinen Verlockungen Gehör zu geben, keinerlei Bestechungen anzunehmen, kein unschuldiges Blut zu vergießen, allem sich darbietenden Gewinn zu entsagen, um als Christen schuldlos und unbefleckt zu leben. Allein wie viel wollte es heißen, dies auf die Dauer zu halten! Wie groß der Entschluß selbst war, nicht weniger groß, vielleicht noch größer waren die Anstrengungen, die während Bullingers Amtsführung Jahrzehende lang gemacht werden mußten, um dabei treu zu beharren. Und er, gerade als der Nachfolger Zwingli's und der Vertreter seiner Gesinnung auch in dieser Hinsicht, hatte besonders auch dafür zu wirken, theils auf das Volk durch die Kraft der evangelischen Predigt, theils auf die Führer desselben zu ihrer Befestigung, wie wir schon früher erwähnten, durch immer erneutes Geltendmachen der ächtchristlichen auf die Schrift gegründeten Grundsätze in seinen Gutachten hierüber. Der nichts weniger als blühende ökonomische Zustand Zürichs erschwerte noch die Durchführung dieser Grundsätze; Handel und Gewerbe lagen damals noch darnieder, und der Landbau, ebenfalls vernachlässigt, konnte sich nur allmälig erholen.

Mit wie viel Sorge und Unruhe diese Bemühungen für Bullinger verbunden waren, hören wir schon 1533 zum öftesten in seinen Briefen; namentlich das Mißlingen der Herbstlese brachte in jenem Jahre ernste Besorgniß, die Armuth würde Viele geneigt machen, den Lockungen des französischen Geldes zu folgen. "Eher müssen wir Alle untergehen!" schrieb ihm damals Myconius. Die Gefahr stieg ungleich höher bei dem Wiederausbruch des Krieges zwischen Franz I. und Carl V. im Jahre 1536 (des dritten zwischen diesen Fürsten) als französische und kaiserliche Gesandte überall aufs neue wetteiferten Werbungen zu erlangen und die ersteren in allen katholischen Orten die Oberhand gewannen. Hatte Bullinger zuvor schon (1535) Butzer und Melanchthon gewarnt, dem Blutsauger Deutschlands, Franz I., ja nicht zu trauen, so schreibt er jetzt an Myconius nach Basel schmerzbewegt: "Tiefer Gram erfüllt mich wegen des furchtbaren Heißhungers nach Gold, woran unser Schweizervolk krankt. Feil ist uns Freiheit, Vaterland, Religion und was nicht? Doch die Zürcher hüten sorgsam, daß niemand der Jhrigen dem Kaiser oder dem französischen Könige zuziehe." Und gleich darauf schreibt er: "Dein Brief, geliebter Bruder im Herrn, bezeugt mir, daß dein Gemüth schon genug und mehr als genug beängstigt ist. Kein Wunder inmitten solcher Wirren. Doch sei guten Muthes,. lieber Bruder! Noch lebt der, der uns frei macht, ob auch der Himmel zusammen breche. Jch muß gestehen, seit tausend

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Jahren waren keine Zeiten gefahrvoller als die jetzigen. Jn meinem Leben hat mich nichts mehr gequält oder mein Herz tiefer verwundet, als die allgemeine Gleichgültigkeit, da doch die Saat so reif ist, daß schon die Sichel erklingt. Ganz Europa droht eine erstaunliche Umgestaltung, vielleicht grauenvoller Untergang. Aber da hebt niemand sein Haupt empor; man stolzirt noch, man zankt, man spaltet sich, man berauscht sich, kaum der Hundertste betet und merkt, wie der Tag der Heimsuchung so nahe vor der Thür steht. Drum walte Gott; er verkürze die Jammertage unseres elenden Lebens! Nun ist's genug mit der Verschonung; Langmuth genug hat der Herr uns erzeigt. Wir haben sie leider verschmäht, seine Nachsicht gering geachtet und in raschem Laufe die Bahn aller Laster durchbrannt." Dann fährt er fort mit tiefem Bedauern üer die Hinneigung mancher Eidgenossen zu Franz I., dem Verfolger der Protestanten: "Nie saß ein ärgerer Verbrecher auf einem Königsthrone. Seine Hände triefen von Christenblut. Alles hat er mit Ehebruch, Unzucht und unreinen Begierden erfüllt, daß keine ehrbare Frau noch Jungfrau in seinem Reiche vor seinen Nachstellungen sicher sein konnte. Alle Fürstenhäuser und alle Freistaaten Europa's hat er verderbt; er hat mehr Blut vergossen, Franzosen- und Schweizerblut, als je ein König. Er hat in unser freies und einiges Vaterland zuerst den Zwiespalt herein gebracht, der uns bald ganz zu Grunde richtet. Kurz, er ist's, der seit bald 23 Jahren Europa verwirrt, viele Ortschaften entvölkert, Jtalien, Deutschland, Spanien durch beständige Kriege bedrängt, geschwächt und ermattet, sogar die Türken gegen die Christenvölker aufgehetzt und nie etwas Vorzügliches gethan hat. Und ihn verehren wir[55] jetzt als Freund und nehmen seine Partei. Jch sag's im Vertrauen. Gewiß ist denen am besten geschehen, die bei Kappel um des Namens Christi willen gefallen sind im tapfern Kampfe für die gerechte Sache!"

Nachdem er dann erwähnt hat, wie bereits in den inneren Kantonen blutige Raufhändel vorgekommen als Folge der Werbungen, und wie man in Zürich Tag und Nacht Wache halte, damit nicht die Söldner aus Schwyz und Toggenburg den Zürcher See hinab und durch die Stadt nach Baden hin durchziehen und Unruhe stiften, schließt er mit der Wehklage: "'s ist Alles ein elender Jammer, wie ich mein Lebtag nicht gesehen; nie in meinem Leben war ich aufgeregter. Du, lieber Bruder, bete für die uns anvertrauten Gemeinden (Kirchen). Gott allein ist unser Schild. Er wird uns heraus reißen. Laß uns nur ihm vertrauen. ""Wenn's übel geht (setzt er deutsch hinzu), so ist's eben um ein Sterben zu thun."" Laß uns um nichts sorgen als nur, daß wir alsdann mit Ehren im Dienste unseres Gottes sterben. ""Jch find aber bis jetzt nichts Anderes hier bei unserem Volke, als daß es ganz gut gesinnt ist. Betet für uns! Seid auch redlich und sehet zu, wie ihr Glauben und Freiheit, Weib und Kind, Land und Leute wahren möget. Gott

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erbarme sich unser! Nichts als fromm, tapfer, redlich sein mag uns Trost verleihen.""

Ganz in demselben Sinne schrieb Bullinger auch an Megander nach Bern, um ihn anzutreiben, daß er Allem aufbiete, damit die Wankenden daselbst sich ermannen. Bisweilen schien's, als ob es gelänge alle Kantone zurück zu halten, auch dafür that Bullinger sein Möglichstes. Doch umsonst. Sieben Tausende eilten Frankreichs Fahnen zu. Nur Zürich und Bern hielten andauernd Stand. Etliche der kräftigsten Söldlingsführer aber, die freilich ihr Bürgerrecht einbüßten, waren Zürcher und um so gefährlicher für die kriegsmuthige Jugend ihrer bisherigen Heimat.

Aufs neue brach die Gefahr von allen Seiten herein auch über Bullinger und seine Umgebung, als 1542 wieder zwölftausend Eidgenossen den Franzosen zuzogen. "Aller Orten, schreibt Bullinger 1542 wieder an Myconius, ist man voll Angst und Schrecken!" Aufs dringendste bittet er Vadian in St. Gallen und Ambrosius Blaarer in Konstanz aus Auftrag des Bürgermeisters von Zürich um schleunigste Nachrichten über alle politischen Vorgänge in Frankreich, Jtalien, Deutschland, Ungarn, Venedig, welche auf die gefährdete Schweiz irgend Bezug haben. Er dankt innigst ebenfalls im Namen der Regierung für die bereitwillige Gewährung der Bitte. Zugleich meldet er Blaarern, eben in diesen Tagen habe ihm der Herr sein liebes anderthalb Jahre altes Söhnchen Diethelm hingenommen. "Aber es ist dem Kindlein wohl geschehen, setzt er bei, da es mit Einem Mal so viel Trübsale überstanden hat." Gleichzeitig gibt er der Regierung, von ihr aufgefordert, sein Gutachten über die Lage der Dinge, worauf die zürcherischen Gesandten den Auftrag erhielten, allen Eidgenossen die große Gefahr vorzustellen, die wegen ihres Zuzuges zu Frankreich dem gesammten Vaterlande nun von Seiten des Kaisers drohe, und insbesondere mit den Abgeordneten der reformirten Stände Bern, Basel und Schaffhausen näher zu besprechen, wie dem Uebel "zur Ehre Gottes" am kräftigsten zu steuern sei.

Jm Dezember 1542 übersendet er an A. Blaarer zur Mittheilung an Bürgermeister Welser in Augsburg das erneute zürcherische Mandat wider das Reislaufen, und drückt seine Besorgniß aus, ob etwa die Fürsten von Sachsen und Hessen, die mit gewaffneter Hand die protestantischen Städte Goslar und Braunschweig gegen ihre Dränger in Schutz genommen, sich mit Frankreich gegen den Kaiser verbünden würden. "Jch möchte nicht, sagt er, daß jemand auf die Seite des Königs von Frankreich träte; denn er ist Christi Feind und ärger als Belschazar. Wiewohl auch der Kaiser Christum nicht liebt noch auf sein Wort achtet, so möchte ich doch lieber Frieden haben als Krieg. Der Franzose aber will nur Krieg. Allein freilich solche Fürsten verdient ein Volk, wie wir sind (er meint die Deutschen insgesammt). Gott erbarme sich unser und verleihe uns, daß wir uns zu ihm bekehren, damit er sich auch zu uns kehre und Frieden mache unter den

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Fürsten, die seinen Namen tragen und uns errette von der Bluthand des Türken."

Jm nämlichen Monat schreibt er an Vadian: "Mit der Schweiz ist's nun dahin gekommen, wohin Zwingli gesegneten Andenkens immer befürchtete, daß es kommen würde, daß sie nämlich durch die unverantwortliche Sündenschuld der Pensiöner (Söldlingshäupter) gänzlich zerfällt. Abscheulich ist's, aber wahr, daß man sagen muß: um Geld sei uns Leben und Freiheit feil. O Gott, nimm doch diese Pest vom Erdboden hinweg! Ja, es hat biedere Männer gegeben, die diesen drohenden Untergang des Volkes voraussahen und ihm darum zuvor kommen wollten, aber wie jämmerlich wurden sie aufs empörendste (bei Kappel) nieder gemetzelt. Drum nahet nun Gottes Gericht."

Als im Sommer 1543 wieder zwölftausend Mann Frankreich bewilligt wuden von Seiten fast aller Kantone, schreibt er Blaarern: "So war denn alles Abmahnen umsonst! Der Teufel überschüttet Alles haufenweise mit Kronen (Geldstück). Aber mit Feuer und Schwert wird gerächt werden das unschuldige Blut, das seit Jahren und Jahrzehnden wie Wasser vergossen worden. O laß uns Alle zur Buße und zum Glauben mahnen! Das steht mir fest, daß wir die Frommen und Redlichen nie dürfen im Stiche lassen inmitten solcher Stürme!"

Jm October desselben Jahres athmet er wieder etwas freier. "Um uns steht's gut inmitten dieser Stürme, schreibt er an den trefflichen Pfarrer Matthias Erb nach Reichenweyer (im Elsaß). Unsere Kirche hat Ruhe. Die Wenigen, welche den Franzosen zuliefen, wurden schwer gestraft und durch ein strenges Mandat das Reislaufen verboten. Schwer und gefahrvoll sind unsere Zeiten; aber Gott weiß die Frommen aus der Versuchung zu erretten mit Noah, Loth, Abraham, Jeremias und den Aposteln, die Gottlosen aber auf den Tag des Gerichtes aufzubehalten. Laß uns desnahen Alle, die uns anvertraut sind, ermahnen zum Eifer in der Heiligung. Dies wird Rath schaffen bei den Verhandlungen, Kraft in den Versuchungen und endlich einen glücklichen Ausgang. Der Herr Jesus erhalte dich sammt all den Deinigen!"

Eine andere Reihe von Berührungen mit Frankreich bilden die Verwendungen für die dortigen Protestanten, die indeß nach der Mitte des Jahrhunderts noch bedeutender werden. Als Franz I. 1536 Savoien eingenommen, viele Evangelische theils vertrieben theils gefangen gelegt hatte und auf Andringen des Pabstes Paul III. auch in Frankreich die Maßnahmen gegen die Protestanten verschärfte, reiste 1537 eine ansehnliche Gesandtschaft Zürichs und Berns, der sich auch Abgeordnete Basels und Straßburgs anschlossen, nach Frankreich und verwandte sich für die Verfolgten. Allein obgleich begünstigt von der Schwester des Königs, der Königin von Navarra, sowie von seinem Sekretär Wilhelm Budé und höflich aufgenommen erfuhren sie doch eine herbe Abweisung. Für fernere Verwendungen bildete sodann Calvin ein Mittelglied. So schreibt er, kurz vor seiner Rückkehr nach Genf,

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von Regensburg aus an die zürcherischen Geistlichen zugleich mit der oben erwähnten Danksagung wegen ihrer lebendigen Theilnahme an seinem Schicksale, die protestantischen Fürsten Deutschlands ließen vom Regensburger Reichstag aus dem König von Frankreich die Evangelischen Frankreichs empfehlen; die zürcherischen Geistlichen möchten doch ihre Regierung dringend auffordern dies ebenfalls zu thun. Jm November 1544 und Juli 1545 bittet er Bullinger inständig um eine Verwendung, für die alles Beistandes würdigen, seit Jahren unleidentlich bedrückten Waldenser in der Provence. Es handle sich nicht bloß um sie, sondern entweder werde durch ihre Bedrückung einer grausamen Verfolgung der Protestanten in ganz Frankreich der Weg gebahnt, oder das Evangelium auf diese Art durchdringen. Leider war die Zuschrift der evangelischen Schweizerkantone an Franz I. gleich der der schmalkaldischen Bundesgenossen vergeblich, wie Bullinger (15. Juli 1545) mit Betrübniß Vadian meldet. Die entsetzlichste Verfolgung brach los. Mit unmenschlicher Grausamkeit wurden die Dörfer des harmlosen Völkleins geplündert, verwüstet, vierzig Frauen in einer Scheune verbrannt, siebenhundert Wehrlose in Stücke gehauen, noch andere Schandthaten verübt, hunderte von Männern auf die Galeeren geschmiedet, zahlreiche Schaaren ins Elend gejagt.

Begreiflich, daß Bullinger bei der Nachricht vom Tode Franz I. (31. März 1547) kurzweg bemerkt: "Da ist nichts Gutes gestorben."

Milder schien anfangs sein Sohn und Nachfolger Heinrich II. Er ließ einige der Urheber jener Verfolgung bestrafen. Die Eidgenossen erbat er sich zu Taufpathen der neugebornen Prinzessin Claudia zu Ende des Jahres 1547, und erwies ihren Gesandten dabei alle mögliche Ehre. Die evangelischen Stände verwandten sich bei diesem Anlasse für einen trefflichen Kaufmann Octavian Blondel aus Turin, der "wegen zwinglischer und lutherischer Lehre" in Lyon gefangen gesetzt worden. Dennoch ließ er ihn, wie Bullinger im Februar 1548 Vadian meldet, in Paris an einem langsamen Feuer verbrennen. Jn eben diesem Jahre bot er Allem auf, um ein Bündniß mit sämmtlichen Orten der Eidgenossenschaft zu erwirken; nichts blieb unversucht, um auf Bullinger einzuwirken und durch ihn auch Zürich zu gewinnen. Doch umsonst. Mochte ein solches Bündniß wohl in mancher Beziehung günstig scheinen, auch für die Protestanten Frankreichs, Bullinger blieb den von Zwingli und ihm als wahr und christlich erkannten Grundsätzen mit festem, männlichem Sinne unerschütterlich getreu.

76. Bullingers Verkehr mit England.

Spärlicher waren in diesem Zeitraum Bullingers Beziehungen zu England, aber auch angenehmer. Bullingers erste Bekanntschaft mit dem in der Reformationsgeschichte Englands so sehr hervorragenden Thomas Cranmer,

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Erzbischof von Canterbury, wurde durch den Basler Professor Simon Grymäus vermittelt, dem Bullinger bei der Abfassung der ersten schweizerischen Confession näher gekommen. Es war gerade die Zeit, als Heinrich VIII. sich (20. Mai 1536) in dritter Ehe mit Jane Seymour vermählt hatte und während der siebzehn Monate bis zu ihrem Tode das Werk der Reformation bedeutend förderte. Bullinger sah sich bald mit Cranmehr näher befreundet, daher schon im August 1536 drei junge Engländer von edlem Geschlechte sich in Zürich einfanden, um Bullingers Umgang zu genießen, Zürichs Kirche näher kennen zu lernen und durch Theilnahme an dem wissenschaftlichen und religiösen Leben daselbst sich fortzubilden. Zwei derselben John Butler und William Udrof erhielten bei Pellican ihre Wohnung, den dritten Namens Nicolas Partridge nahm Bullinger in sein Haus auf. Sie blieben ein Jahr und etliche Monate. Jm nächsten Jahre folgte, mit Nicolas Eliot, Bartholomew Traheron, der sich durch ein lateinisches Gedicht bei Bullinger einführte, worin er sich ebenfalls die Gunst bei ihm wohnen zu dürfen erbat. Bullinger gewann diese englischen Jünglinge sehr lieb; er gab sich viel mit ihnen ab, erklärte ihnen zu Hause den Propheten Jesajas und widmete auf ihr Ansuchen (1538) ihrem Könige die beiden Schriftchen: "von der Autorität, Gewißheit und Vollkommenheit der heiligen Schrift," und "von der Würde und dem Amt der Bischöfe (der Diener der Kirche)." Sie versicherten ihn, gerade dies seien Punkte, deren Behandlung für England am fruchtbarsen sei. Wie wir wissen, sandte Bullinger diese beiden Schriften auch Luthern, da er gerade damals an ihn schrieb.

1537 reiste Partridge nach England zurück, begleitet von Rudolf Gwalter, der eine ziemlich einläßliche Reisebeschreibung davon hinterlassen hat. Nachdem Partridge abermals nach Zürich gekommen, ging er sammt Butler, Eliot und Traheron im November 1537 nach Genf zu Calvin und Farel, denen Bullinger sie aufs kräftigste empfahl. Von nun an blieben sie in stetem brieflichem Verkehr mit Bullinger. Schon von Genf aus dankten sie ihm innigst für alle empfangenen Wohlthaten. Vom Rheine, wohin sie gleich nach Ostern 1538 (bei Calvins und Farels Vertreibung) sich wandten, und später aus England melden sie Bullingern, wie der König evangelische Prediger aussende, Wallfahrten, Reliquien- und Heiligenverehrung abschaffe, Klöster aufhebe, auch damit umgehe die Messe abzuschaffen; Bullingers Schriftchen seien ins Englische übersetzt und in England gedruckt worden. Aehnliche erfreuliche Nachrichten erhielt Bullinger aus Basel durch den daselbst studierenden Gwalter. "Gute Berichte, schreibt ihm dieser im Septemer 1538, brachte aus England Hans Holbein, der Maler; er will in einigen Wochen wieder dorthin reisen"[56].

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Jn mehreren Briefen, die Partridge noch 1538 aus Frankfurt an Bullinger richtet, bezeugt er immer aufs neue seine innige Dankbarkeit gegen ihn, selbst gegen seine liebevoll besorgte Gattin, seine ehrwürdige, fromme Mutter und alle übrigen Glieder seiner Haushaltung. Mit denselben Ausdrücken der Verehrung und Hochschätzung sowie der Anhänglichkeit an Bullinger und alle die Seinigen schreiben ihm Eliot und Traheron; englische Handschuhe und einige Denkmünzen sind die kleinen Zeichen ihrer Erkenntlichkeit, die sie bald für ihn, bald für die Seinigen beilegen. Jm März 1539 schreiben sie alle drei mit Butler an Bullinger und seine Amtsgenossen: "Wir schreiben deshalb gemeinsam an euch, weil wir hier in London wieder zusammen getroffen uns im Sinn und Geist so innig verbunden fühlen, daß wir gleichsam nur Ein Herz und Eine Seele geworden. Vor Allem möchten wir euch unsern schuldigen Dank sagen für euere ausnehmende Freundlichkeit, die ihr uns erzeigt habt. Zu viel haben wir euch zu verdanken, als daß wir darüber weitläufiger sprechen dürften. Seid dessen versichert, wir würden willig Alles für euch thun, was nur in unsern Kräften steht." Schon im folgenden Jahre raffte aber ein frühzeitiger Tod den hoffnungsvollen Partridge hinweg.

"Deine Schriften, schreibt im August 1539 Eliot an Bullinger, das kann ich dich aufs gewisseste versichern, haben unserm Könige und nicht weniger seinem Geheim-Siegelbewahrer, dem Erzbischof Cranmer, sehr gefallen. Es ist unglaublich, wie großen Ruf und Ruhm bei den Engländern (ich rede nicht von andern Nationen) deine Schriften dir erworben haben. Die Buchhändler werden reich durch deine Bücher."

Auch von den furchtbaren Schwankungen, denen unter den Launen und Grausamkeiten Heinrichs VIII. das Reformationswerk ausgesetzt war, bekam Bullinger erschütternde Nachrichten durch seine englischen Freunde, namentlich durch Kaufleute, die um des Evangeliums willen England verließen, sich etwa in Basel, vorzugsweise aber in Straßburg aufhielten, wie Richard Hilles, der obgleich Tuchhändler dem Studium der Kirchenväter eifrig obliegt, sich dafür Bullingers Rath erbittet, ihm treuherzig dankt für seine Warnung vor bloßer Geschäftigkeit, ihm öfter Geld sendet für arme vertriebene Glaubensbrüder und hinwieder Bullingers Schriften zum Geschenk erhält, sowie John Burcher, Bullingers langjähriger, treuer Straßburger Correspondent, der 1545 das zürcherische Bürgerrecht zu erwerben wünscht und zu diesem Behufe sich an Bullinger wendet, um das dazu erforderliche Zeugniß glaubwürdiger Männer zu bekommen, daß er nicht wegen Jrrlehren oder Verbrechen, sondern um der wahren Religion willen im Exil lebe. Er blieb übrigens in Straßburg. Er und Hilles hatten immer ein wachsames Auge auf die in Straßburg studierenden Zürcher.

1546 schreibt John Hooper, der nachmalige Bischof und Märtyrer, von Straßburg aus an Bullinger, er sei so sehr durch seine Schriften

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gefördert worden und würde zu ihm nach Zürich kommen, wäre sein Vater nicht so völlig dagegen; er legt ihm, ernstlich um das Heil seiner Seele besorgt, namentlich die Frage vor, ob ein evangelischer Christ der Schrift zufolge der Messe und andern abergläubischen Gebräuchen der römischen Kirche beiwohnen dürfe oder nicht. Er berichtet Bullingern bald nachher, wie er nach England zurück gekehrt, daselbst gefangen gesetzt, wie sein Vermögen eingezogen worden und er nun sammt seiner Gattin wieder nach Deutschland gekommen. Endlich sehen wir ihn in Zürich mit Bullinger in vertrautem Umgange leben. "Hooper, den du mir empfahlst, schreibt Bullinger an Myconius im April 1547, mußte ich in mein Haus aufnehmen, da sich für ihn sonst keine geeignete Herberge fand. Jch nahm ihn aber freudig und von Herzen gerne auf; denn er ist, wie mir scheint, ein aufrichtiger Christ."[57] Hooper war, wie er aus Zürich an Butzer schreibt, überzeugt, niemand dürfe sich für unfehlbar halten in Ansehung von Glaubensbestimmungen, und daher solle man einander in Liebe tragen; Luther habe darin gefehlt; auch sei seine Meinung über das Abendmal nicht richtig; von den Zürchern sage Butzer mit Unrecht, sie halten die Sakramente für bloße Zeichen. Hoopers Töchterchen Rahel hob Bullinger aus der Taufe. Jm März 1549 kehrte derselbe sammt seiner Familie nach England zurück. Auch seine Gattin Anna, geborne von Tserclas, dankt von dort aus Bullingern inniglich für all seine Freundschaft.

Traheron, der als Sekretär seine Laufbahn begonnen und 1547 Parlamentsglied ward, versicherte Bullinger ebenfalls, in England sei man insgemein der reformirten Abendmalslehre zugethan und Johann von Ulm (aus Thurgau), der um diese Zeit als Studierender in England weilte, bezeugte ihm (1548) noch insbesondere, Cranmer, über den man eine Zeit lang zweifelhaft war, habe das von Bullinger hierüber, sowie über seine Pflichten als Bischof an ihn gerichtete Schreiben sehr günstig aufgenommen.

Um eben diese Zeit vermochte nun Cranmer sich durch Gelehrte, die aus dem verworrenen Deutschland seinem Rufe nach England folgten, bedeutend zu verstärken, nachdem im Januar 1547 der junge Eduard VI. den Thron bestiegen. Um so reichlicher entfaltete sich Bullingers Verkehr mit seinen englischen Freunden.

77. Bullingers Beziehungen zu den Evangelischen Jtaliens.

Viel näher lag Jtalien; daher waren Bullingers Beziehungen dazu wohl mannigfaltiger und unmittelbarer. Auch in Jtalien hatte die Reformation bekanntlich mannigfachen Anklang gefunden. Eine Anzahl der bedeutendsten Persönlichkeiten hatte sich einem sehr gemäßigsten Katholicismus zugewandt und sich zu ernsten innern Reformen geneigt erzeigt. Jn diesem Sinne

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waren noch 1541 die Verhandlungen mit den Protestanten Deutschlands über eine Aussöhnung mit der päbstlichen Kirche gepflogen worden. Von da an aber welch ein mächtiger Umschwung! Wie ganz anders gestaltete sich Alles, als man erwarten durfte, seit im Juli 1542 auf Betrieb des Cardinals Caraffa, des nachherigen Pabstes Paul IV., und Loyola's, des Stifters der Jesuiten-Gesellschaft, eine neue, überall gegenwärtige, mit den äußersten Vollmachten ausgerüstete Jnquisition angeordnet ward.

Sogleich erschienen Flüchtlinge von hohem Range diesseits der Alpen und nahmen ihre Zuflucht zu unserem Bullinger. Er selbst gibt darüber in einem längeren Briefe seinem Vadian vertraulichen Bericht mit einem gewissen bei ihm seltenen Anfluge von Humor, wozu ihn offenbar das Neue und Ungewohnte dieser Erscheinungen reizte. "Was du beiläufig andeutest in Betreff jener Jtaliener, verhält sich so. Jm August kam aus Jtalien ein beleibter Mönch Hieronymus,[58] Capuziner-Ordens (dieser Orden hat sich neulich von den Franziscanern oder Observanten unter Bernardino Occhino's Leitung losgetrennt, um einer strengern Regel zu folgen) noch in der Capuze und dem abenteuerlichen Mönchsgewand und begehrt sich mit mir zu besprechen über unsere Lehre. Er habe nämlich, sagte er, in Jtalien, selbst in Neapel, meine Schriften gelesen, habe sich nun aber wegen der Verfolgung von Seiten des Pabstes zu mir geflüchtet, um über Vieles mit mir zu reden. Jch nahm ihn auf, hörte seine Erörterungen an mit der größten Geduld, antwortete auch darauf, so viel mir Gottes Gnade zuließ. Kurz, ich fand den Mann gelehrt und sonst unklagbar. Jch gab ihm seiner Armuth wegen Unterhalt ungefähr einen Monat lang und sandte ihn dann, mit Empfehlungsbriefen und Reisegeld versehen, nach Chur, ob man etwa dort einen des Jtalienischen kundigen Mann im Dienste der evangelischen Kirche brauchen könnte; er fand aber keine geeignete Stelle und kam zurück. Jnzwischen, während er weg war, kam zuvörderst ein gewisser Cölius Secundus (Celio Secondo Curioni), im Lateinischen und Griechischen sehr bewandert, reich an theologischen Kenntnissen und jeder Art von Bildung. Er frägt, ob nicht ein gewisser Hieronymus zu mir gekommen und wohin er gegangen sei. Jch setzte ihm auseinander, was geschehen war. Bald merke ich, daß auch er aus Jtalien vertrieben sei und sich um eine Stelle umsehe. Jch riet ihm daher, nach Bern zu gehen; er war dazu bereit; ich versah ihn mit Briefen und Reisegeld und nach etlichen Tagen reiste er nach Bern. Jch hatte ihn dem Schultheiß und einigen bernischen Patriziern empfohlen, und so geschah es durch ihre Verwendung, daß er bald an die Spitze der Schule zu Lausanne gestellt wurde, um über Theologie und

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Literatur zu lesen. Er hat nämlich bisanhin in Jtalien, zuerst in Pavia, dann in Venedig, Mailand und zuletzt in Lucca über Beides öffentliche Vorträge gehalten.

Während dies vorgeht, stellt sich auch Bernardino Occhino ein, aus Siena gebürtig, ein Mann ausgezeichnet durch seinen musterhaften Wandel wie durch Gelehrsamkeit, ein ehrwürdiger Greis mit grauem Haar, eine langgestreckte Gestalt von gar absonderlich majestätischer Haltung. Jhn hatte der Fürst Ascanio von Colonna mit Pferden, Bedienten und Reisegeld versehen. Er blieb zwei Tage bei uns, und unterredete sich mit uns über religiöse Gegenstände. Er legte uns mehrere päbstische Breven vor, die er von Pabst Paul III. erhalten hatte, worin er ihm auftrug, zuerst in Genua, dann in Florenz, nachher in Venedig zu predigen.[59] Als aber der Pabst bemerkte, daß er wirklich Christum predige, berief er ihn durch ein neues Breve nach Rom. Muthig machte sich Occhino auf den Weg, wurde aber in Florenz durch fromme Freunde abgehalten, die ihm nachwiesen, in Rom sei ihm der sichere Untergang schon bereitet; diese wiesen ihn nach Deutschland. Daher brach er endlich auf, um in Genf zu weilen wegen der Nähe Jtaliens; dort wird er auf eigene Kosten leben. Er läßt daselbst viele seiner italienischen Predigten drucken, und von dort nach Jtalien bringen, damit sie schriftlich ihn hören, da sie nicht mehr ihn selbst persönlich hören können. Wie billig genießt er bei den Jtalienern insgesammt großes Ansehen, ja sie verehren ihn so zu sagen wie einen Halbgott. Hier hast du zehn seiner zu Genf gedruckten Predigten, die mir zugeschickt worden; die des Jtalienischen kundigen Kaufleute, die ihr in St. Gallen habet, mögen dir's auslegen. Nach einem Monat kommt Curioni von Lausanne zurück, um von neuem nach Jtalien zu gehen und seine Gattin und Kinder zu holen. Er bittet mich, an die Herzogin von Ferrara, die eine Tochter König Ludwigs von Frankreich ist, zu schreiben. Jch willfahre ihm, ermahne die Fürstin zur Gottseligkeit, und dazu, die um Christi willen Vertriebenen huldvoll zu bedenken; ich lege als Geschenk meine Auslegung des Evangeliums Matthäi bei; er schnürt sein Bündel und verreist.

Kaum ist er weg, siehe da kommt Peter Martyr (Pietro Martire Vermigli), vierspännig, so zu sagen, daher gefahren, auch selbst aus Jtalien vertrieben. Er war Probst in Lucca und Abt in Neapel, irre ich nicht, Prämonstratenserordens;[60] er hatte zum Reisegefährten einen Gelehrten, Namens Paolo Lacisio. Er selbst ist sehr gelehrt in Latein, Griechisch, Hebräisch, einiger Maßen auch im Chaldäischen, ein feingebildeter, beredter und gottseliger

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Mann. Auch er frägt mich um Rath, wohin er mit seinen Gefährten sich wenden könne. Basel ist ihm recht, wenn er etwa eine Stelle fände, um an der Universität zu lesen. Beiliegender Brief von ihm, den er mir aus Basel schrieb (5. October), giebt dir darüber näheren Aufschluß. Er ist nun nach Straßburg berufen worden an eine dortige Professur ...

Spät kehrte Curioni aus Jtalien zurück, sammt seiner Frau und Kindern; Merkwürdiges erzählt er von der Verfolgung, die der Pabst immer weiter fortsetze.[61] Er brachte mir ein sehr freundliches Schreiben von jener Herzogin Ferrara's, ein Zeugniß ihres gar frommen Sinnes; sie verdankt mein Geschenk und ermuntert hinwieder zur Gottseligkeit. Wie Curioni eben nach Lausanne verreist, schickt der Fürst Ascanio Colonna, Herzog von Tagliacozzo, einen Diener und läßt fragen, wohin der berühmte Professor der Theologie, Bernardino Occhino, gezogen sei. Jch sagte nach Genf, dorthin begab er sich, versteht sich, um den Mann Gottes mit Geld zu versehen. Auf dem Rückweg erbat er sich von mir einen Brief an seinen Herzog oder Fürsten, der vom größten Eifer für die Frömmigkeit erfüllt und der entschiedenste Feind des Pabstes sei.[62] Jch schreibe also und lege zum Geschenk meine Auslegung des Matthäus bei. Hurtig reist er fort und verspricht bald eine Antwort zu bringen; er werde nämlich in einigen Monaten wieder zurück reisen zu Dr. Occhino. Dies geschah ungefähr am 6. Dezember. Das Alles beschreibe ich dir deshalb hier etwas einläßlicher, weil ich bisanhin nicht mit einem Worte dieser Vorgänge gedachte in der Voraussetzung, du wissest schon darum. Wahrhaftig, ich erliege fast unter meiner Geschäftslast, nicht daß sie so gar groß wäre, sondern weil ich mich zu unerfahren und zu schwach fühle, um sie tragen zu können. Jch lege dir noch den Brief eines andern Jtalieners bei, damit du den neu erwachten Glauben dieses Volkes daraus erkennest. Bete für sie sammt all den Deinen und preise Gott dafür. Die babylonische Hure dort wird gerichtet und verworfen werden. Gott sei Lob und Preis!"

Wir hören es aus diesen letzten Sätzen des Briefes, wie schwer es Bullingern vorkam diesen neuen Anforderungen ein Genüge zu leisten. Jn der That, bedenkt man die Selbständigkeit des reformatorischen Elementes bei den Jtalienern, ihre eigenthümlichen philosophischen Spekulationen, so war es keine Kleinigkeit, die neuen Ankömmlinge zu durchschauen und über ihre Lauterkeit in Rücksicht der Lehre rasch ins Klare zu kommen. Allerlei Erfahrungen,

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erfreulicher und mißlicher Art, waren Bullingern hierüber noch vorbehalten; doch erst in späterer Zeit konnten die unlauteren Elemente zum Vorschein kommen. Zwei treffliche Männer hatte er nun schon an Martyr und Curioni Hülfe leistend zu Freunden gewonnen, von denen der Erstere dereinst durch die innigsten Bande der Verwandtschaft des Geistes- und Gemüthslebens mit ihm verknüpft werden sollte; er fühlte sich im Umgang mit Bullinger und den Seinigen so wohl, daß er jetzt schon im Stillen wünschte bei ihnen bleiben zu dürfen. Hinwieder bedauerten sie lebhaft ihm keine Stelle in Zürich anbieten zu können.

Er und Curioni bezeugen Bullingern aufs herzlichste ihre Erkenntlichkeit für die von ihm durch Rath und That ihnen geleistete Hülfe, Martyr von Basel und Straßburg aus; er preist Hilles Freigebigkeit, bei dem er noch im December 1542 mit einem Empfehlungsbriefe Bullingers erschienen war. Von Curioni haben wir oben bereits vernommen, wie er in Bullinger seine Jdee von einem ächten Bischof verwirklicht fand; er schreibt ihm aus Lausanne, am 10. December 1542: "Deine Freundlichkeit und deine christliche Sorge für uns, während unseres Aufenthaltes bei euch, verpflichtet mich zum innigsten Danke. Grüße uns freundlich und herzlich deine Gattin, die sich so voll Dienstfertigkeit und Liebe gegen uns zeigte, sowohl im Namen meiner Gattin als in meinem eigenen; grüße uns ebenso deine lieblichen Kinder, die sich so zärtlich, huldreich und dienstfertig gegen uns erwiesen. Jch gehöre ganz dir und den Deinen, da ich dir Alles verdanke, was ich bin." Er habe sehr viel zu thun, setzt er hinzu, und meldet ihm im März 1543 sein und der Seinigen Wohlbefinden mit dem wehmüthigen Ausrufe: "Wären wir nur eben so gut daran der Seele nach! Aber unsere Kirchen leiden unter Zwiespalt der Ansichten, Verdächtigungen, Angebereien u.s.w. O möchtet ihr doch durch Briefe rathen, mahnen, helfen!"[63] Eben so dringend bittet er Bullingern an den im Veltlin weilenden Sicilianer Camillo Renato zu schreiben, der mit Curioni Jtalien verlassen hatte. Jnnig bedauert er 1543 Bullingers Erkrankung und empfiehlt ihm einen jungen Buchhändler aus Jtalien, dessen Vater daselbst ein großes Geschäft besitze und ihn nach Zürich und Basel sende um Bücher zu kaufen; Bullinger möchte ihm hierin mit seinem Rathe beistehen. Bullinger seinerseits freut sich über Curioni's Wirksamkeit und hofft von einer Schrift desselben, sie werde einen wohlthuenden, mildernden Eindruck machen auf Viele in Jtalien.

Außer den genannten Jtalienern, denen noch so viele Flüchtlinge nachfolgten, wußte man zu jener Zeit in Zürich noch manche Männer von Bedeutung, die in Jtalien dem Evangelium huldigten, wenn auch allmälig immer

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mehr nur im Verborgenen.[64] Jm Venetianischen gab es gewisser Maßen evangelische Gemeinden. Für diese wirkte so lange wie möglich der edle und unermüdliche Baldassare Altieri, der durch ausnehmende Klugheit und Behendigkeit längere Zeit in Venedig unangefochten zu leben vermochte, anfänglich als Sekretär des englischen Gesandten, dann seit 1546 als Geschäftsträger des Churfürsten von Sachsen und des Landgrafen von Hessen, die damals durch ihn wiewohl vergeblich um ein Bündniß mit Venedig warben. Schon im November 1542 wandte sich Altieri im Namen der Brüder zu Venedig, Vicenza und Treviso flehentlich an Luther, die evangelischen Fürsten Deutschlands möchten sich doch bei der Republik Venedig dafür verwenden, daß die harten Maßnahmen der eben eröffneten Jnquisition daselbst verschoben würden bis zu einem allgemeinen Concilium. Offen gestand er ihm, wie schwanken und unsicher in Lehre und Verfassung diese evangelischen Brüder annoch seien aus Mangel an erleuchteten Führern. Er selbst gab sich für Beilegung der über das Abendmal unter ihnen eingetretenen Zwistigkeiten alle Mühe. Allein was konnte mehr geeignet sein in diesen zarten, erst aufkeimenden und schutzlosen Gemeinden Alles zu verderben, als die Heftigkeit, mit der Luther in seiner Antwort vom 15. Juni 1543 und später, eben um die Zeit seiner unglücklichen "kurzen Bekenntnisses", seine Lehre von nicht bloß geistlicher, sondern auch leiblicher Gegenwart des Leibes Christi im Abendmal als die allein zulässige gegenüber der reformirten Abendmalslehre hinstellte und forderte, sie sollten vor den "trunkenen Leuten" zu Zürich als vor "falschen Propheten" sich hüten. So bescheiden und anspruchslos nimmt sich dem gegenüber Altieri's sinnvolles und kindlich demüthiges Wort aus: "Christus ist bei uns klein", in seinem Schreiben vom 6. December desselben Jahres, worin er Bullinger bittet doch öfter zu schreiben zum Heil der evangelischen Venetianer. Auch weiterhin blieb sein Verhältniß zu Bullinger ein ungetrübtes. "Unsere Freundschaft bleibt ewig, schreibt ihm Altieri, weil sie himmlisch ist, vom heiligen Geiste gestiftet!" Als nach Eröffnung des Concils zu Trient (1545) auf Andringen des Pabstes die evangelische Gemeinde im nahen Vicenza zersprengt ward, dann die beiden deutschen Fürsten, auf deren Herrschermacht Altieri's Stellung und Sicherheit in Venedig beruhte, in die Gefangenschaft des Kaisers gerieten, wandte sich jener 1549 nach der Schweiz, zumal an Bullinger, um von den evangelischen Ständen (ohne Besoldung) als ihr Geschäftsträger bei der Republik Venedig beglaubigt zu werden; er sah sich von Bullinger aufs liebreichste und kräftigste bei seinen Bewerbungen hiefür unterstützt wie in Zürich, so auch in Bern, Basel und St. Gallen. Dennoch erlangte er kein Creditiv, sondern nur ein Empfehlungsschreiben für seine Person. Umsonst trat er damit vor den Doge und Rath; er mußte eilends

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Venedigs Gebiet verlassen. Lange wohnte er mit Weib und Kind in der Verborgenheit nahe bei Brescia. Unter großen Gefahren wagt er sich hin und wieder ins Venetianische, um die dortigen Brüder zu stärken, schreibt öfter glaubensfrisch an Bullinger, empfiehlt ihm noch 1550 den Girolamo von Cremona, den seine Glaubensgefährten zum Einkauf von Büchern nach Zürich senden, sowie einen dem Kerker entronnenen Protestanten aus Lucca, bittet ihn um Verwendung theils in England, um aufs neue unter Englands Schutz wirken zu können, theils bei der Herzogin von Ferrara, und dankt ihm aufs herzlichste für die erwünschte Gewährung beider Bitten. Mitten in seinen Plänen stirbt er im August 1550.

Noch war das Evangelium in diesen Jahren hie und da im Stillen regsam; 1547 schreibt der Buchhändler Knight aus Venedig an Bullinger, reiner als an andern Orten in Jtalien werde das Evangelium in Venedig gepredigt; die Zahl der Gläubigen mehre sich täglich; Bullingers Auslegungen der biblischen Schriften werden von den Jtalienern immer mehr geschätzt, und wären sie weniger beleibt, so würden sie mehr Absatz finden als keine anderen Bücher. "Gott hat euch erwählt, sagt er, zu unserm frommen und gläubigen Seelenhirten!"

Noch Eines ist hier für uns zu bemerken, nämlich das Verhalten Bullingers und seiner Amtsbrüder gegenüber der evangelischen Gemeinde in Chiavenna (Cleven). Hieher, wie in die übrigen damals unter Bünden stehenden italienischen Herrschaften, das jetzige Veltlin, hatten sich besonders viele italienische Protestanten geflüchtet. Hier wirkte der greise Agostino Mainardi ungefähr seit 1539 zuerst im Stillen, dann als Prediger bis zu seinem Tode 1563, in welchem Jahre er einundachtzig Jahre alt starb. Paolo Pestalozzi (der Großvater Antonio's, von welchem die zürcherische Linie dieses Geschlechtes stammt) und je die Angesehensten gehörten zu seiner Gemeinde. Da nun der Sicilianer Camillo, der sich seit seinem Austritt aus der römischen Kirche den Zunamen Renato beilegte und 1542 hieher floh, durch allerlei (skeptische) Zweifel und Einwürfe die Gemeinde beunruhigte, namentlich über die Kraft der Sakramente, die Gültigkeit der im Pabstthum empfangenen Taufe, die Fortdauer der Seele nach dem Tode, und dadurch Streit erweckte, wandten sich die Entzweiten 1548 an die Geistlichen in Chur und nach deren Ablehnung an die Zürcher und an die Basler, um ihren Entscheid zu vernehmen. Mainardi kam selbst deshalb im Juni über die Alpen und legte sein Bekenntniß vor. Beachtenswerth ist, mit welcher Keuschheit des Herzens, scheu vor jedem leisen Anfang hierarchischer Anmaßung Bullinger sammt den Seinigen dieser Aufforderung entsprach. "Jhr habet schriftlich euere Meinung uns vorgelegt, schreibt er Namens der zürcherischen Prediger, und wünschet die unsrige zu vernehmen. Dies mißfällt uns nicht, wiewohl wir uns nicht zu Richtern über Andere aufwerfen, sondern nichts Anderes uns beimessen, als was uns Gott zutheilt, nämlich Diener der Kirche zu sein, Mitarbeiter

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aber, Brüder und Gefährten aller anderen Diener, die das Wort Gottes lauter und rein verkündigen." Was die Sache selbst anlangt, so fiel die Antwort im nämlichen Sinne aus, wie früher. Schon 1545, in demselben Jahre, da die Vertheidigungsschrift der Zürcher gegen Luther erschien, hatte nämlich Bullinger sich veranlaßt gefunden, an Camillo zu schreiben und ihn darüber zu belehren, wie das heilige Abendmal nicht bloß als eine Erinnerung aufzufassen sei und man mit Recht nicht bloß sage, man gedenke dabei an Christi Leiden und Tod, sondern Christi Leib und Blut werde wahrhaft gegessen und getrunken. Wenn es überhaupt noch eines Beweises bedürfe gegenüber der eben nicht seltenen, irrigen Behauptung, als ob damals die zürcherische Lehre das heilige Abendmal zu einem bloßen Gedächtnißmal gemacht hätte, so ließe sich kaum eine schlagendere Widerlegung finden, als diese Zuschrift Bullingers an Camillo von 1545 und sodann das von ihm gemeinsam mit seinen Amtsbrüdern abgegebene Gutachten vom Jahre 1548. Unter sorgfältigster, mildester Beseitigung all der verfänglichen Einseitigkeiten und umsichtigster Darlegung des Wesens, der Kraft und Wirksamkeit der Sakramente im klaren und festen Zusammenhange mit der Rechtfertigung durch den Glauben wird die Meinung, als ob die Sakramente bloße Zeichen, Wahrzeichen, Erkennungszeichen wären, durch deren Gebrauch man den vorhandenen Glauben bekenne und bezeuge, verneint und vielmehr anerkannt und geltend gemacht, daß sie als Gnadenmittel, als Werkzeuge, durch welche Gott wirke, den Glauben bekräftigen, daß sie Stiftungen seien, welche, immerhin unter Gottes Mitwirkung, dazu dienen, sowohl den Glauben zu heben und zu befestigen, als auch den Namen Gottes in der Gemeinde wie vor der Welt zu bekennen und zu verherrlichen. Zugleich werden in dem Gutachten Bedenken ähnlicher Art, die der Mantuaner Francesco Stancaro eben daselbst aufwarf, erledigt. Der Erfolg war freilich nur theilweise befriedigend; die Gemeinde in Chiavenna wurde befestigt. Da Camillo aber, ungeachtet die rhätische (bündnerische) Synode Alles anwandte um ihn zurecht zu leiten, beharrte, ja vielmehr trachtete, eine wiedertäuferische Gemeinde um sich zu sammeln, erfolgte endlich im Juli 1550 seine Ausschließung (Excommunication, Kirchenbann). Eine bald hernach durch den geschäftigen Pietro Paolo Vergerio versuchte Wiederaufnahme mißlang. Auch weiterhin bereiteten diese allzu beweglichen Geister Jtaliens den bündnerischen Geistlichen mannigfache Sorge, wobei Bullinger fortfuhr, diese bei ihren redlichen Bemühungen zur Zügelung jener und zur Bewahrung der Gemeinden vor den Verirrungen ihres spitzfindigen Scharfsinnes zu unterstützten, damit die Kirche Bündens bei der einfachen evangelischen und zugleich ächt katholischen Wahrheit erhalten werde.

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78. Bullingers Verhalten zu dem erwarteten päbstlichen Concil.

Doch nicht bloß mit dem evangelisch gesinnten Jtalien stand Bullinger in mannigfachen Beziehungen; auch das Pabstthum machte Ansprüche an ihn und die Seinen und verlangte Berücksichtigung. Wir sahen oben, wie die Abfassung der ersten schweizerischen Confession (1536) namentlich auch im Hinblick auf ein erwartetes allgemeine Concil Statt fand, um darauf gerüstet zu sein und sich zumal gegenüber den römisch-katholischen Eidgenossen nicht etwa dem Vorwurf auszusetzen, als ob man sich scheue von seinem Glauben Rechenschaft abzulegen. Die Frage darüber, unter welchen Bedingungen die reformirte Schweiz an einem Concil Theil nehmen könne und solle, zieht sich nun durch diesen ganzen Zeitraum hindurch, und kehrt daher in Bullingers Briefwechsel zum öftern wieder. Er war darüber ganz entschieden. Schon von 1532 haben wir ein kurzes Gutachten von ihm, "wie man in ein Concilium einwilligen möge;" und diesem blieb er treu. Vor Allem hält er fest, es müsse, wie man sich damals insgemein ausdrückte, frei und christlich gehalten werden, so daß man nicht zuvor dem Pabste den Eid leiste. Der Zweck desselben sei Gottes Ruhm, das Heil des Nächsten, die Ergründung der reinen Wahrheit. Ferner sei zu fordern, daß allein die kanonischen Bücher des neuen und alten Testamentes gelten, die Traditionen, Concilienbeschlüsse und Aussprüche der Kirchenväter nur, insoweit sie mit der Schrift stimmen, daß man die heilige Schrift nicht nach dem Sinne der römischen Kirche auslege, sondern Schrift durch Schrift (besonders wo Späne sind) und nach der Regel des Glaubens und der Liebe, daß Gottes Wort und keine Menschen Richter seien, daß vorher die Artikel müssen bezeichnet und bekannt gemacht werden, über die man verhandeln wolle. Ueberdieß sei auszubedingen, daß der Ort, wo man das Concil halte, frei und so fest sei, daß weder Verrätherei noch Mord zu besorgen, daß sicheres Geleit gegeben und nicht, wofern jemand mit Ernst und Eifer redet, angenommen würde, er habe das Geleit verwirkt, auch nicht für Schmähung geachtet würde, was mit der Schrift kann nachgewiesen werden; sonst sollen billig alle ehrverletzende Spott- oder Schmähworte wegbleiben; für Personen, für deren Sicherheit etwas zu besorgen, sollen Geißeln gestellt werden, wie dies den Böhmen im Basler Concil zugegeben ward.

Den in der Schweiz 1526 und 1528 gemachten Erfahrungen zufolge begreift man auch die letztere Hälfte dieser Bedingungen. An Myconius schreibt Bullinger deshalb, wenn ein Concil zu Stande komme, werde es so ausfallen, wie die Badener Disputation (1526) ausgefallen wäre, wofern Zwingli sich dort eingefunden hätte. Er war fest überzeugt, Zwingli wäre nicht mit dem Leben davon gekommen. Von demselben begründeten Mißtrauen erfüllt schreibt er im Juli 1533 an A. Blaarer und Johann Zwick nach Konstanz:

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"So viel ich sehe, zielt der Anschlag des Pabstes und Kaisers zur Veranstaltung eines Concils dahin, die Diener des göttlichen Wortes theils durch Gift theils durch Nachstellungen umzubringen, sie durch Geschrei zu besiegen und durch die Autoritäßt eines Concils die evangelische Wahrheit gänzlich zu unterdrücken. Denn wofern wir nicht nach Jtalien gehen wollen, so wird der Pabst und die Seinen uns verdächtigen, als ob wir unserer Sache nicht trauen. Gehen wir aber, so erreicht er seinen Zweck. Aber der Ueberwinder der Welt, der zur Rechten Gottes thront, wird die Anschläge der Gottlosen zu nichte machen und der aufleuchtenden Wahrheit beistehen!" Als der Kaiser 1535 den katholischen Eidgenossen versprach, das ersehnte Concilium nun wirklich zu halten, äußert Bullinger aufs neue gegen Butzer, für das Evangelium werde es übel ausschlagen.

Näher kam die Gefahr, als 1536 das Concil vom Pabste auf den 23. Mai 1537 nach Mantua förmlich ausgeschrieben wurde. Als man Bullingern die deshalb von den deutschen Protestanten in Schmalkalden aufgeworfenen Fragen vorlegte, erklärte er, man solle die Einladung des Pabstes nicht annehmen, "weil schon seine Bulle unsere Lehre verdammt;" mit einer Hindeutung auf Huß in Konstanz verwirft Bullinger insbesondere Mantua; "denn der Pabst wäre da mit den blanken Waffen der Stärkere." Beiläufig bemerkt er, wohl nicht ganz im Ernste, die Fürsten könnten auch verlangen, daß der Pabst Boten (Legaten) umher sende, um die einzelnen evangelischen Orte zu belehren; er habe ja auch vor achtzehn Jahren seinen Ablaß aller Orten umher gesandt. Er freute sich sehr, daß man in Schmalkalden ganz in diesem Sinne das Concil ablehnte und die deuschen Protestanten dabei zum ersten Mal den Primat (Oberherrlichkeit) des Pabstes völlig verwarfen.

Als nun der Pabst zusehends weiter ging in seiner feindlichen Haltung gegenüber den Protestanten, und den Kaiser sowie Frankreich dafür zu gewinnen suchte, schreibt Bullinger 1542 an Vadian: "Der Pabst gibt sich Wunders viel Mühe, der Herrscher Sinn zusammen zu leimen, um dann ihres Beistandes sich gegen die Deutschen zu bedienen, und ein Concil nach Trient zu versammeln, worin die lutherische Ketzerei unterdrückt würde." "Jch glaub nit anders, fügt er im Blick auf die verderbendrohende Gemeinschaft der gewaltigen Gegner des Evangeliums bei, denn daß die Päbste, Könige und Fürsten eingefleischte Teufel seien." Und mit Bezug auf die große Reaction des römischen Katholicismus in Jtalien, zumal im Collegium der Kardinäle, schreibt er noch zu Ende desselben Jahres: "Jst der Pabst und die Seinen klug, so wird er jetzt ein Concil versammeln aus seinen Anhängern, die Entscheidung über die kirchlichen Angelegenheit sich beimessen, und Alle die in den Bann thun, welche das dreiköpfige Thier nicht anbeten." Dem römisch-katholischen Polemiker Cochläus gegenüber sagt er daher 1545: "Was wir von einem Concilium halten, das der Pabst mit den Seinigen veranstaltet, weißt du gar wohl. Wir aber haben den Boten des obersten Concils; wir haben

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das heilige Concilium der Propheten und Apostel, das im Himmel thront; dessen Aufschlüsse und Beschlüsse stehen in den heiligen Schriften. Dabei wollen wir mit Gottes Hülfe bis zum letzten Blutstropfen beharren!" Eben so schreibt er an A. Blaarer: "O des Conciliums, das der päbstische Kaiser beruft! Die Religion auf solch ein Concil stellen, heißt sie gar verleugnen. Der Erfolg wird's beweisen!"

Wir begreifen nach alle dem, wie das Gutachten ausfallen mußte, welches Bullinger Namens der zürcherischen Geistlichen der Regierung von Zürich am 1. August 1546 abzugeben hatte, als der Pabst aufs neue in die Eidgenossen drang, das schon eröffnete Concil in Trient zu besuchen und dem Kaiser, der den schmalkaldischen Krieg unter dem Scheine eines bloß weltlichen Krieges bereits begonnen hatte, "zur Ausrottung der Ketzer" Hülfe zu leisten.

"Auf des Pabstes Aufforderung in das so geheißene Concil nach Trient zu kommen ist uns nicht schicklich noch gelegen, sagen die Zürcher Prediger, und zwar aus folgenden wohlbegründeten Ursachen. Alle Päbste von Leo X. an bis auf den jetzigen, Paul III., haben unsere Lehre, die wir aus dem wahrhaften, ewigen, unüberwindlichen Worte Gottes in den Kirchen Zürichs predigen, als Ketzerei verdammt und uns, die Prediger dieser Lehre, als Ketzer mit dem Banne belegt und verrufen. So hat auch dieser Pabst Paul III. sein Vorhaben nicht verhehlen mögen, sondern in seinem Ausschreiben selbst aufgedeckt, indem er angibt, "es werde veanstaltet um der neulich erwachsenen Ketzereien willen," "zur Ausrottung" derselben. Eben so unverhohlen und unverschämt verketzert er unsere Lehre und unseren Glauben in den beiden Schreiben an alle Eidgenossen und an die schweizerischen Prälaten. Nun aber ist bei dem Pabste und den Seinen als gewiß und unzweifelhaft angenommen, daß man einem Ketzer, wofür sie uns wider Gott, Ehre und Recht halten und ausgeben, kein Geleit halten, sondern ihn wo man je mit Fug kann, auf welche Art es nur sein möge, vom Leben zum Tode bringen solle. Und diesen bei ihnen anerkannten Rechtsgrundsatz haben sie thatsächlich an M. Johann Huß und M. Hieronymus (von Prag), welche kaiserliches Geleit hatten, auf dem Concilium in Konstanz grausam ausgeübt und an den Tag gelegt, auch seither an manchen frommen Christenmenschen, wovon wir Beispiele genug anzuführen wüßten. Daher können wir jetzt aus ihren vorangegangenen Urtheilssprüchen und verübten Blutthaten wohl schließen, weß wir uns zu diesem Concilium, in welchem der Pabst Herr und Meister ist, zu versehen hätten.

Gott aber hat uns verboten ihn zu versuchen, und uns nirgends geboten, daß wir uns ohne alle Noth in solches Verderben und in die Hand unserer Verfolger liefern sollen. Wir haben hierfür auch das Beispiel des Apostels Paulus (Apostelgesch. 23), der sich keineswegs wollte in den Rath zu Jerusalem führen lassen, als er den Anschlag seiner Widersacher vernommen hatte. Desgleichen haben auch die alten heiligen Diener der Kirche, Maximus

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von Jerusalem, Athanasius von Alexandria und Ambrosius von Mailand, obgleich von Königen und Kaisern dringend aufgefordert, es rundweg abgeschlagen in die Concilien zu kommen, die sie für parteiisch und von bösen Leuten in arger Absicht versammelt hielten.

Daß aber dies trientische Concil gar parteiisch sei, sieht nur der nicht, der gar nichts sieht. Denn es ist ja männiglich kund, daß sie sich hinsetzen und darstellen als Kläger und Richter. Ebenso offenbar ist, daß dieses vermeinte Concil veranstaltet ist, um unsere Lehre auszurotten. Offenbar ist auch, daß darin bloß diejenigen Sitz und entscheidende Stimme haben, welche Prälaten und des Pabstes Geschworene sind, die ihm den Eid gethan haben, sie wollen niemals dazu rathen oder stimmen, ja auch nicht zulassen, daß man des Pabstes Herrschaft mindere oder an seiner Religion etwas ändere, sondern Solches aus allen Kräften verwehren; ihn in seinem Zustande erhalten und gegen jedermann beschirmen.

Da sie sich also dazu eidlich verbunden und verpflichtet haben, können wir gar nicht denken noch hoffen, sie würden sich durch unsere Ankunft, wenn wir auf das Concil gingen, mit dem Worte Gottes des Wahren und Rechten berichten lassen. Ueberdies haben sie unsere Bücher vorlängst gelesen, daraus über unsern Glauben und unsere Lehre genugsam Bericht erhalten, auch etliche redliche und gelehrte Männer mündlich und persönlich verhört, sie aber nichts desto weniger ins Gefängniß geworden, sodann unterdrückt, verschickt und getödtet. Daraus mögen wir eben auch wohl entnehmen, weß wir uns von diesen Leuten zu versehen haben, besonders da der vorerwähnte Pabst noch zu dieser jetzigen Zeit nicht aufhört, gegen unsere Glaubensgenossen und wider unsere Bücher mit schweren Strafen einzuschreiten.

Daher würden wir ja Gott versuchen, uns selbst muthwillig ins Verderben stürzen, unweise und an den Kirchen, denen wir dienen, untreu handeln, wofern wir arme Schafe vor dem Wolfe zu Gericht erscheinen und das Heil der Christengemeinde den Verschworenen unterwerfen würden, die ihr eigen Heil aufgeben, und bisher schon nichts anderes als ihre Ehre und Pracht gesucht und gefördert haben, wie denn seit langer Zeit offen am Tage liegt.

Dabei aber bezeugen wir vor Gott und allen Frommen, daß wir darum das Licht nicht scheuen; wir erbieten uns, jedem, der es ohne Nachstellung und redlich begehrt, von unserem Glauben Rechenschaft zu geben, und zwar vor den Kirchen, in welchen wir gelehrt haben, denen daher unsere Lehre wohl bekannt ist. Dies wollen wir mit Gottes Hülfe thun aus dem wahrhaften Worte Gottes, wie es begriffen ist in den rechten zuverlässigen Büchern des alten und neuen Testamentes, außer denen wir gar keine Lehre annehmen, indem die heilige Schrift Alles das vollkommen begreift und lehrt, was zu unserm Heile und zu rechter Vollkommenheit der Kirche dienlich und nöthig ist.

Jn Betreff der Schmach der Ketzerei, die der Pabst in seinem Schreiben unserem Glauben und unserer Lehre unchristlich aufladet, erklären wir

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uns also: daß er und die Seinigen in Ewigkeit nicht werden erweisen oder darthun können, daß wir in einigen oder einem Artikel unseres heiligen christlichen und apostolischen Glaubens ketzerisch lehren oder halten, oder auch in einem oder allen zwölf Artikeln unseres uralten, unzweifelhaften Christenglaubens nicht also glauben, wie man glauben soll.

Wir bezeugen mit Mund und Herz, daß wir einen Greuel und Abscheu haben an allen Ketzern und Ketzereien, die von Anfang bis auf jetzt in der christlichen Kirche mit und durch das Wort Gottes sind überwunden und verdammt worden. Dagegen glauben, lehren und halten wir, was die zwölf Artikel unseres heiligen unzweifelhaften uralten christlichen Glaubens enthalten, auch was die alten Symbole (Glaubensbekenntnisse) aussprechen, die der heiligen Schrift gemäß zu Nicäa, Konstantinopel, Ephesus und Chalcedon aufgestellt worden, wie wir uns darüber einläßlicher erklärt haben in dem Bekenntniß unseres Glaubens, worin wir dem seligen Dr. Luther Antwort ertheilt haben. Ueber dies Alles können wir uns berufen auf die Confession, die von allen evangelischen Ständen der Eidgenossenschaft zu Basel (1536) in rechtem christlichem Sinne in Schrift verfaßt worden, auch auf die zu Bern (1528) gehaltene Disputation und deren Schlußsätze und Erläuterungen. Wir hoffen zu Gott und der christlichen Wahrheit, es habe sich schon bewährt, daß der Pabst mit Muthwillen und Unwahrheit sich unterstanden hat, viel redliche christliche Städte und Landschaften in der Eidgenossenschaft mit der entsetzlichen Schmach der Ketzerei zu beflecken, welche doch durch Gottes Gnade allezeit das Laster der Ketzerei und Sodomie mit Feuer gestraft und großen Abscheu davor gehabt haben und noch haben.

Ueber dies Alles haben wir mit dem Pabste, mit seinem unreinen Hofe zu Rom und mit seinem Concilium zu Trient gar nichts zu schaffen noch zu thun. Denn wie wir den Pabst nicht halten für unseren Herren, Hirten und Vater, so haben wir auch unsern Glauben und unsere Lehre weder von seinem unreinen Hofe zu Rom, noch von seinem vermeinten Concil zu Trient. Daher hat er auch gar kein Fug und Recht, uns als ob wir die Seinen und seines Glaubens Genossen wären, zu laden und vor sich zu bescheiden. Zudem haben wir ihm nicht geschworen, und anerkennen als unsere Herren und Oberen keine Anderen, als die uns von Gott gegebene Obrigkeit, der wir als Bürger und Prediger eidlich verpflichtet sind.

Unser Vater ist in den Himmeln; unser Herr und Hirt ist Christus Jesus, der sein Leben für seine Schafe hingegeben und uns mit seinem unschuldigen Tode vom ewigen Tode erlöset hat. Die Lehre unseres Glaubens haben wir aus den Büchern oder Schriften des göttlichen Gesetzes und der heiligen Propheten, aus dem heiligen Evangelium Christi und der lieben Apostel. Diese Schrift und Lehre lehrt uns glauben, daß Jesus Christus der Sohn Gottes und der ewig reinen Jungfrau Maria, unser einiger ewiger Herr sei, daß  er allein das Haupt der Kirche, sie nie verlasse und

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darum keines Statthalters bedürfe, daß er seiner Kirche oberster Hirt und Priester bleibe, mit dem Ein Mal gefallenen Opfer am Kreuze alle Gläubigen von Sünden reinige und entledige, auch vor dem Angesicht des Vaters für alle Gläubigen, als der einige ewige Mittler fürbitte, daß er unsere Gerechtigkeit, Genugthuung und Leben sei, daß man ihm im Glauben, Liebe und Hoffnung, wie er geboten hat, dienen solle, und daß ein jeglicher, der diese Lehre nicht bringt, sondern etwas von ihr Abweichendes oder ihr Zuwiderlaufendes einführt, verbannt und verflucht sei.

Dagegen ist jedermann kund, daß der Pabst sich darstellt als den Statthalter Christi, als das Haupt der Kirche, als den Herren und obersten Hirten der Kirche, welcher die Sünde verzeihen und vergeben, heiligen und den Segen geben könne. Er weiht täglich Solche, die dem Herrn täglich opfern und zeigt der Kirche unzählig viele Fürbitter im Himmel, weist auch auf unsere Gerechtigkeit und Verdienst und Genugthun, lehrt mit Menschensatzungen Gott dienen. Das Alles aber ist ja der obgemeldeten Lehre unsers Herrn Christi und seinen zwölf Boten nicht nur nicht gleichförmig, sondern ganz und gar zuwider. Deshalb ist er und seine Lehre verbannt; daher wir seines Bannes ganz und gar nicht achten, sondern ihn für den rechten Antichristen erkennen.

Zu diesem Allem ist auch jedermann offenbar, was für einen Wandel und Wesen des Pabstes Cardinäle, Bischöfe und Prälaten führen mit Hochmuth und Pracht, christlicher Demuth zuwider, mit Uebermaß in Essen und Trinken, womit sie die Kirchengüter üppig vergeuden wider christliche Liebe zum Nachtheil der Armen, mit Simonie und Verkaufen aller Dinge in der Kirche, mit offener Hurerei und Unzucht, die sie nicht abläugnen können[65], auch mit dreistem Anstiften zu Kriegen und Unruhen u.s.w. Hinwieder ist nicht minder offenbar aus der Lehre der heil. Apostel, daß Alle, die Solches thun und darin beharren, nicht nur keine Vorgesetzten der Kirche, sondern nicht einmal Glieder derselben sind.

Würden wir nun also doch einwilligen, diesen Leuten, die keinen andern Ruhm, als wie wir eben gehört, von Gott erhalten, die Lehre und Regierung der Kirchen, denen wir bisher gedient haben, zu unterwerfen, so würden wir nicht allein wider das ausdrückliche Wort Gottes und wider unsere Gewissen handeln, sondern auch untreu mit den frommen (evangelischen) Kirchen und den biedern Leuten verfahren. Desnahen erklären wir, wir wollen so viel uns Gott Gnade gibt an besagten Kirchen treulich handeln, uns  des Pabstes und seines vermeinten Concils gänzlich entschlagen, dahin nicht kommen, sondern bei den Kirchen, zu denen wir ordnungsgemäß berufen sind, bleiben und verharren bereit uns zu verantworten gegen jedermann, der uns mit

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heiliger biblischer Schrift widerlegen wollte, zuversichtlicher Hoffnung, Gott werde uns in seiner Wahrheit wider alle Verführung treulich erhalten."

Dies die kräftige Antwort Bullingers und der Seinigen zur Ablehnung eines solchen Concils wie das zu Trient, auf welchem die moderne Gestaltung des römischen Katholicismus beruht. Bei Anlaß dieses Concils erhielt Bullinger einige Besuche von Seiten durchreisender Prälaten.

79. Bullingers Stellung zu vermittelnden Religionsgesprächen mit den römisch Katholischen.

Parallel mit der Erwartung eines allgemeinen Concils zieht sich bald wegen Annäherung, bald wegen Verzögerung desselben, namentlich in Deutschland, eine Reihe von Versuchen hin, auf andereWeise durch kleinere Besprechungen eine wenigstens vorläufige Verständigung zwischen der erneuten evangelischen Kirche und der ihr entgegenstehenden päbstlichen zu Stande zu bringen und dadurch eine Ausgleichung, eine Hebung des Streites und Wiedervereinigung der zerrissenen Christenheit einzuleiten. Auch diesen Unterhandlungen finden wir Bullinger fast durchgängig, mit Ausnahme eines einzigen Zeitpunktes, entschieden abgeneigt.

Schon 1534 fand sich der französische Gesandte, Wilhelm de Cange, ein Bruder des Erzbischofs von Paris, bei ihm ein, der mit Rücksicht auf das zu erwartende Concil den Wunsch aussprach, Bullinger möchte "Schiedmittel", Friedensartikel abfassen und nach Paris senden als Grundlage weiterer Verhandlungen. Er aber in Verbindung mit dem anwesenden Pellican antwortete: "Wir haben kein anderes Friedensmittel, als das, welches der Friedenskönig Christus den Aposteln anvertraut hat, das Friedenswort des Evangeliums; dies predigen wir, darnach ist Alles bei uns eingerichtet und angeordnet, davon auch nur eines Nagels breit abzugehen ist mißlich; wir lieben indeß den König um seiner friedfertigen Gesinnungen willen, und sind bereit, wofern die übrigen evangelischen Schweizer Städte einwilligen, unsern Glauben summarisch darzulegen und den Schwachen so viel einzuräumen, als wir der Wahrheit unbeschadet können." Der Franzose meinte, es müßten dabei alle für die römisch Katholischen irgendwie stoßenden Ausdrücke wegbleiben. "Daraus erkannte ich gleich, sagt Bullinger in seinem Bericht an Myconius, daß nichts zu hoffen sei, wofern wir nicht mehr als billig nachgäben." Das Ganze erschien ihm nur als ein Blendwerk, um ihn und die Seinigen für Frankreich etwas günstiger zu stimmen und der päbstlichen Tyrannei durch erheuchelte Freundlichkeit Vorschub zu leisten.

Der Gesandte betrieb die Sache auch im folgenden Jahre. Bullinger erklärte seinem Unterhändler bestimmt: die Lehren der römischen Kirche seien der heil. Schrift und ihrer Lehre völlig zuwider, so daß eine gehörige Vereinigung der evangelischen und der päbstlichen Kirche unmöglich sei;

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die Schweizer wünschen indeß Eintracht in Christo mit Allen, aber unbeschadet der Wahrheit. Jn diesem Sinne stellte er auch die beidseitigen Lehren einander gegenüber, während Butzer und Melanchthon sich hinreißen ließen den französischen Lockungen, ungeachtet Bullingers Warnung (s. oben Kap. 75, S. 251.), zu viel Gehör zu schenken.

Noch stärker räth Bullinger 1537 davon ab, sich in solche vergebliche Verhandlungen mit den römisch Katholischen einzulassen. "Sie suchen nur das Jhre, nicht die Warheit, schreibt er an Myconius; wir haben abgeschafft, was die Schrift uns hieß hinweg thun. Was haben wir also zu schaffen mit den Feinden der Wahrheit? Warum treten wir mit ihnen in Berathungen ein? warum nehmen wir sie in die unsrigen auf? Jst's nicht besser und rathsamer, gänzlich auf sie zu verzichten und ihnen etwa so zu antworten: Wir haben unsere ganze Gottesverehrung der heil. Schrift gemäß eingerichtet, Alles daraus geschöpft und damit bewährt. Bei dieser unserer Religion weden wir bis ans Ende beharren, gestärkt durch die Gnade Christi. Meinet ihr, unsere Bestimmungen streiten in irgend etwas mit der Frömmigkeit und der heil. Schrift, nun so kommt, überweiset uns; könnt ihr uns des Bessern belehren, so werden wir alle Ketzerei abschwören. Könnt ihr's aber nicht mit klaren Stellen der Schrift, so habt ihr von uns nichts zu erwarten. Euere Rathschläge sind uns ein Greuel; euere Religion wollen wir nicht; eueren Stolz und Prunk verwerfen wir von Herzen. Wir wünschen allein, daß Christus und Christi Geist in unseren Herzen lebe. Verzeih, lieber Myconius, fügt er schließlich bei, meine Derbheit; verschmähe nicht meine, wie ich glaube, christliche Einfachheit."

Aufs neue schreibt er in demselben Sinne an Myconius 1539, als es sich in Deutschland abermals um derartige Vermittlungen handelte: "Wir fußen ja auf der kanonischen Wahrheit; dabei wollen wir sterben... Was braucht man ein Gespräch zuzulassen mit jenen, von denen uns ja wohl bekannt ist, was wir von ihnen zu hoffen haben? Wenn der Eva Gespräch mit der Schlange gut ausschlug, so werden auch uns Gespräche mit den Papisten über Vereinbarung Christi und Belials, das ist: des Evangeliums und des Pabstthums gut ausschlagen. Dahin aber zielte das ängstliche Streben gewisser Leute nach Vereinbarung. Die Unseren sind hoch bekümmert, indem sie besorgen, durch das Vermitteln werden die getrennt, die zuvor eins waren... Darum wird es große Verfolgungen geben. Gott verleihe der einfachen Wahrheit den Sieg! Amen." "Was kann für eine Eintracht sein zwischen Licht und Finsterniß?", schreibt er zur nämlichen Zeit an Grynäus.

Es wurden auf einem Convente in Frankfurt am Main im April 1539 zum Behufe weiterer Verhandlungen Artikel aufgestellt, die von Straßburg durch den Rath zu Basel insgeheim auch dem Rathe in Zürich mitgetheilt wurden. Es

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konnte in Frage kommen, ob auch die schweizerisch reformirten Stände zu ihrer eigenen Sicherheit durch Abgeordnete daran Theil nehmen sollten, um dereinst auch in den davon zu erwartenden allgemeinen Religionsfrieden eingeschlossen zu werden. Bullinger sah sich dadurch veranlaßt für den Rath in Zürich sein Gutachten hierüber aufzuzeichnen. Er faßt seine Bedenken folgender Maßen kurz zusammen: "Mißlich ist es, bei denen Frieden zu suchen, die Gott und seinem Worte zuwider sind; denn 1) denken sie darauf, den Frieden zu ihrem Vortheil zu machen und zu unserem Nachtheil. 2) Sie halten ihn nicht länger, als es ihnen gelegen ist und wohl kommt. Auch ist es 3) ein gewisses Zeichen des Mißtrauens gegen Gott. Wenn man wahrhaft glaubte, die Sache sei Gottes und er könne sie auch wider alle Welt wohl schirmen, so würde man darnach vornehmlich trachten, wie man mit Gott einen Frieden machte. Er mag aller Welt Herz zu Frieden und Krieg bewegen. Wir wollen nicht mehr sehen auf die Zusage unserer Feinde, als auf die Verheißung Gottes. Nicht daß man um deswillen Gott versuchen solle, wofern ein zuträglicher Friede angeboten würde, wohl aber ist dabei große Behutsamkeit vonnöthen."

Auch die zum voraus getroffene Bestimmung, man wolle keine hartnäckigen und keifigen (zänkischen) Leute zu dem Gespräch berufen, mißfiel Bullingern. "Auf gut Deutsch heißt das: keine tapfern, festen, beharrlichen Männer! Die sollen zu Hause bleiben, weil kein Theil von seiner Sache ganz weichen kann und man dann Mittel und Weg suchen will, aus beiderlei Glauben ein Mittelding zu machen, das beiden Theilen leidenlich sei. Das aber kann und mag nicht sein; denn unsere Gegenpartei hält unseren Glauben und Lehre für ketzerisch bis auf den heutigen Tag; wir haben den ihrigen für das Antichristenthum erklärt. Dieses können und dürfen wir nicht annehmen; sie werden unsere Ketzerei auch nicht annehmen wollen. Was will man also die Welt in einen Wahn der Einigung bringen, da doch keine Ausgleichung möglich ist. Es ist um den Glauben nicht ein Ding wie um andere Sachen, die man durch Vor- und Nachgeben beilegen mag. Es geht hier nicht an, daß man's heute so mache, morgen anders." Er zeigt dann, wie gerade ein solcher nothwendiger Weise jedenfalls doppelsinniger und schief gestellter Vergleich nur Verwirrung und Mißtrauen unter den Evangelischen erwecken und die Gegner nicht gewinnen würde. "Wissen doch Alle, was ihre vermeinten Geistlichen für Leute sind und wie sie gesinnt sind gegen Gott und die Wahrheit, wider alle Ehrbarkeit, wie sie mit Abgötterei, Gotteslästerung, Unzucht, Ehebruch, Gottesräuberei und großem Blutvergießen und andern wüsten Lastern also überladen sind, daß sie billig von Christgläubigen nicht sollten der Ehren werth geachtet werden, daß man sich mit ihnen in gemeinen Händeln, geschweige denn in so göttlichen Dingen einlasse...... Die Apostel haben sich auch nirgends darauf eingelassen Vergleiche zu treffen mit den widerspenstigen Pfaffen. Die aber,

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welche durch die gesunde Lehre in die Kirche gezogen wurden, haben alsdann mit ihrem Ernst und Fleiß das Beste gethan; sie haben mit Lehre und Gebet Andere zu sich gezogen und dann Gott walten lassen. Dies ist auch die rechte Weise das Reich Gottes zu erweitern. So hat auch die deutsche Nation Christum angenommen und nicht durch solche Vergleiche. Gott wird uns wohl auch ohne solche erhalten mögen!" Man sollte nur "weniger Menschenfurcht hegen, dagegen feste Zuversicht auf Gott setzen."

Ganz anders erschienen Bullingern die Artikel, welche im folgenden Jahre (1540), als Grundlage für das Religionsgespräch in Hagenau evangelischerseits aufgestellt wurden. "Nie haben mir die Rathschläge der niederdeutschen Protestanten besser gefallen, schreibt er an Vadian; nie sind sie uns näher gekommen (rücksichtlich der Haltung gegenüber dem Kaiser und Pabste). Gott sei Lob und Ehre; ihn wollen wir bitten, daß er kräftige, was er in ihnen angefangen!" Doch lehnte man das Ansuchen der Basler, einige Gelehrte nach Straßburg abzuordnen, auch jetzt freundlich ab, da Bullinger davon sich mehr Schaden als Nutzen versprach.

Als im nachherigen Jahre, 1541, die Lage der Dinge sich noch günstiger gestaltete und jener merkwürdige Augenblick eintrat, da eine wirkliche Annäherung von Seiten Roms eingetreten schien, der Cardinal Contarini als päbstlicher Legat auf dem Religionsgespräche in Worms und in Regensburg (Januar bis Mai 1541) dem protestantischen Grundsatze der Rechtfertigung durch den Glauben beitrat, da versichert Bullinger seinen A. Blaarer ebenfalls, "niemand von den Zürchern spöttle über die Bemühungen der lieben Brüder, noch mißfalle ihnen die Wormser Verhandlung. Jm Gegentheil beten wir für die kämpfenden Glaubensbrüder, da ihr Wohl und Weh mit unserm Heil oder Unheil innig verknüpft ist." Doch die Sache zerschlug sich; die aufgestellten Vergleichsartikel wurden von beiden Theilen verworfen und mit Recht. "Uebrigens gefällt mir das Bedenken der sächsischen Theologen über die Artikel von Regensburg, schreibt daher Bullinger an eben denselben; überaus gefällt mir's, daß sie endlich sich losgemacht haben von jenem verworrenen Vergleiche und nun erkennen, daß weit mehr Zwistigkeit als rechte Einigkeit daraus entstände. Gott sei Lob und Preis!"

Nun aber war auch der Bruch entschieden. Was späterhin, selbst 1546 noch von dergleichen Vergleichsverhandlungen angeordnet ward, so lange der Kaiser Zeit gewinnen und die Protestanten hinhalten wollte, erklärte Bullinger sofort für Blendwerk und Künstelei; daß Butzer sich immer noch täuschen und gebrauchen ließ, mißfiel ihm aufs äußerste; er mißbilligte es scharf. Er wußte sich darin ganz eins mit Luther: "Jch lobe Luther im Tode noch dafür, schreibt er im April 1546, daß er diese vergeblichen Religionsgespräche nie billigte."

Deshalb war aber auch der deutsche Religionskrieg unvermeidlich, der

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unter dem Namen des schmalkaldischen bekannt ist und auch Bullinger mannigfach in Anspruch nahm.

Blicken wir vorerst näher auf

80. Bullingers weitere Beziehungen zu Deutschland.

Begreiflich stand Bullinger denn doch zu keinem andern Theile des Auslandes in so mannigfaltigen Lebensbeziehungen wie zu Deutschland. Zwar hatte die Schweiz seit dem heftigen Kriege mit dem schwäbischen Bunde, den sie (1499) siegreich bestanden, vom deutschen Reiche sich wesentlich abgelöst; sie lieferte keine Truppen zum Reichsheere, gab keine Reichssteuer und hatte mit dem Reichskammergerichte nichts zu schaffen; als bloße Form blieb noch eine Zeit lang die Begrüßung des Kaisers bei seinem Amtsantritte und seine Bestätigung ihrer Rechte. Dennoch fühlte Bullinger sich eins mit der deutschen Nation; bei den verschiedensten Anlässen spricht er: "wir Deutschen."

Schon bei den Nachwehen des Kappelerkriegs und bei der confessionellen Entwicklung haben wir gesehen, wie der briefliche und persönliche Verkehr, namentlich mit dem Elsaß und Schwaben, ein fast ununterbrochener war, insbesonders mit den beiden Reichsstädten Straßburg und Konstanz. Zu Anfang von Bullingers Amtsführung stand das weit und breit viel geltende Straßburg mit Zürich im innigsten Verhältnisse. Durch die Vorgänge von 1537 und 38 trat darin eine gewisse Erkältung ein, da die Schweizer zu Butzers doppelsinnigen Redeweisen betreffend das Abendmal sich keineswegs verstehen mochten. Das eilfertige Streben nach Vereinbarung mit den Fernen brachte, wie Bullinger so oft voraus gesagt, Entfremdung zwischen die Nahen, die alten guten Freunde. Jndeß hatten dazu, wie wir wissen, die schwankenden und verwickelten politischen Verhältnisse Deutschlands viel beigetragen. Jmmerhin war der briefliche Verkehr zwischen Bullinger und Butzer damit nicht aufgehoben; das Leben bot dafür der Anlässe zu viele dar; namentlich studierten immer wieder zürcherische Jünglinge in Straßburg. Es kam vor, daß sich solche daselbst der Communion enthielten, um nicht etwa dadurch zu einem ihnen fremden Lehrausdrucke betreffend das damals so viel bestrittene Abendmal sich zu bekennen. Darüber beschwerte sich Butzer und einige andere Straßburger Theologen in Zürich; man verlange ja von jenen Studierenden nichts weiter, als daß sie sich zur schweizerischen Confession bekennen. Jndeß war Bullinger der Ansicht, es müsse dem Gewissen eines Jeden üerlassen bleiben, ob er an einem Orte, wo eine von der seinigen abweichende Feier des heiligen Abendmals Statt finde, zum Tische des Herrn treten wolle oder nicht; möge ein in Zürich weilender Fremder nicht an der Communion Theil nehmen, so werde es ihm auch nicht übel genommen; ein Zwang dürfe da nicht Statt finden.

Ein anderes Band, das Bullinger mit dem Elsaß verknüpfte, bildeten die

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damals unter Württemberg stehenden Herrschaften Horburg und Reichenweier. Graf Georg von Württemberg, von welchem das jetzige württembergische Königshaus abstammt, regierte daselbst sowie in Mümpelgard als Statthalter seines Bruders, des Herzogs Ulrich; er erbat sich sofort 1535 von Zürich Leo Judä zur Reformation der dortigen Kirchen; da man Leo nicht entbehren konnte, erhielt er statt seiner Erasmus Fabritius (Schmid) für etliche Jahre; ihm folgte 1539 als Vorsteher des dortigen Kirchenwesens Matthias Erb, der sich sofort mit Bullinger in Verbindung setzte und bei ihm in den kommenden schweren Zeiten Rath und Ermuthigung suchte und fand. Da das dortige Hofleben als ein vorzüglich ehrbares, mäßiges und christlich frommes gerühmt ward, so empfahl Bullinger öfter junge Zürcher dorthin, wie Wilpert Zoller, Gerold Meyer von Knonau, Zwingli's Stiefenkel usw., die sich zum Staatsdienste auszubilden wünschten. "Ja, etwas Ungeheures, schreibt Bullinger bereits im Jahre 1541 an Erb, trägt unsere Zeit in sich, wie du sagst, und wird endlich einen Basilisk ausbrüten! Aber der Herr hat für jeden, der nach Gottseligkeit trachtet, durch seinen Propheten gesprochen (Ps. 91, 13.): Auf Schlangen und Basilisken sollst du gehen; den Löwen und den Drachen wirst du zertreten. Halten wir uns also in diesen gefahrvollen Zeiten fest an den wahren, lebendigen und ewigen Gott, und fest ans Wort der Wahrheit. Laß uns nirgends auch nur ein Haar breit davon weichen, so werden wir den Anschlägen der Gottlosen gewiß entrinnen. Oft traure ich freilich bei mir im Stillen über den Undank unserer Zeit und ihr verkehrtes Treiben. Denn es gibt Solche, die sich den Schein geben Lastwagen voll Evangelium herzuführen; deckst du aber ihre Waare ab, so ist's Heuchelschein; mit dem Munde klingeln sie Evangelium, ihre Werke sind Teufelswerk.... Aber mag unsere Zeit gebären, was sie kann; laß uns nur Sorge tragen, daß wir durchs Evangelium recht viele Söhne zeugen. Mögen jene, deren Pflicht es wäre, sich keine Mühe geben, oder thun sie's nur saumselig und lässig, so laß uns trachten, daß wir nichts versäumen; laß uns lehren und beschelten gelegen und ungelegen; laß uns stärken, aufrichten, befestigen; laß uns herzlich beten zu dem Herrn, der die Bitten der Seinen nie unerhört läßt. Er wird zur rechten Zeit beistehen denen, die ihn anrufen. "Jhm sei Preis!" Aehnliche Briefe voll apostolischer Kraft folgten in den Zeiten des Sturmes.

Was Hessen betrifft, so kennen wir Bullingers freundschaftliches Verhältniß zu Landgraf Philipp. Dennoch ließ er sich nicht herbei, sich irgendwie zu Gunsten seiner Doppelehe, die Luther und Melanchthon insgeheim zugestanden, zu erklären, oder seine Lehre von der Ehe irgendwie zurück zu halten; Bullinger bestand auch diese Probe. An den Hofprediger Johann Lenyng, der ihm in Folge der eben erschienenen Auslegung des Matthäus deshalb tadelnde Vorstellungen machte, schrieb er einen ernst zu nehmenden Brief. "Jch bedaure sehr, sagt er darin, daß du, den ich schon seit etlichen

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Jahren kenne und liebe, in diese Sache verwickelt bist. Jch habe in meiner Auslegung des Matthäus nur meine Ueberzeugung ausgesprochen gemäß dem Worte Gottes und sie aussprechen müssen; dies erwarteten Viele von mir; wie ich, denken alle zürcherischen und schweizerischen Geistlichen und die in unserer Nachbarschaft.... Man hätte nie eine so unglückselige Sache durch öffentliche Schriften vertheidigen sollen. Gut, wenn sie jetzt einschläft; ich wollte und will sie nicht aufwecken. Aber auf zwei Stühlen sitzen, wie man zu sagen pflegt, oder anders stehend, anders sitzend reden, werd' ich nicht. Denn mein Lebtag war mir nichts verhaßter als Charakterlosigkeit und Zweizüngigkeit. Jm Glauben rein, im Geiste klar, im Herzen fest werden wir die Sache der Wahrheit verfechten überall, wo's die Umstände verlangen."

Weiterhin finden wir Bullinger in langjährigem Verkehr mit dem Orte, wo er seine akademische Bildung empfangen hatte, mit Köln. Einer seiner ehemaligen Studiengefährten, Dietrich Bitter (Pikroneus) aus Wipperfürt, Rektor der gelehrten Schule zu St. Ursula in Köln, dem er schon von Bremgarten aus seine erste Schrift gegen die Wiedertäufer zum Geschenk machte, hernach auch die Antrittsrede in Zürich "vom Prophetenamte", las die letztere 1532 dem Ezbischofe Hermann von Wied vor und berichtete ihm von dem stillen Keimen des Evangeliums in Köln und dessen näherer und weiterer Umgebung, im Jülichschen, Lippeschen, ganz Westphalen usw. von der günstigen Stimmung des Herzogs von Jülich, des Grafen von Meurs usw., auch davon, wie Bullingers Schriften in den Buchläden von Köln vorhanden seien. Er hatte nichts Anderes geglaubt, als daß Bullinger ebenfalls bei Kappel erschlagen worden; die Thränen der Freude konnte er nicht zurückhalten, als er nun wieder die Handschrift des für todt Gehaltenen vor sich sah. Er bot sich an, wenn Bullinger allenfalls etwas gegen Luthers Anfeindungen schreibe, es diesem zuzustellen. Auch über das Reich der Wiedertäufer in Münster und mancherlei andere Vorgänge erhielt Bullinger von ihm Kunde. "Hast du wohl nicht gerade was Besonderes zu schreiben, so schreib mir doch, gleich wie ich dir, und laß alte Freundschaft nicht zerrinnen," fügt Bitter einmal bei, um den vielbeschäftigten Freund zu baldiger Antwort zu bewegen. Als endlich "nach langem Sinnen und Brüten," wie Bullinger an Vadian schreibt, der Erzbischof 1542 den großen Entschluß faßte, sein Land zu reformiren und dazu Butzer und Melanchthon berief, schrieb der erstere aus Bonn an Bullinger; dieser theilte ihm hinwieder seine Freude und Sorge darüber mit, schrieb auch im August 1543 an den Erzbischof selbst, um ihn zu ermuntern und in seinem großen Vorhaben zu bestärken. Er bietet ihm jede mögliche Unterstützung an; "schon seit zwanzig Jahren, schreibt ihm Bullinger, diene ich dem Herrn Christo; er wollte hier mich als seinen Diener und Verkündiger seines Wortes gebrauchen; alle Lehrer und Prediger in Zürich sind aber gerne bereit mitzuhelfen". Doch schon am 1. September erschien Carl V. in Bonn und vernichtete sodann das eben erst begonnene Gotteswerk.

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Auch der gelehrte Humanist und Philosoph Cäsarius, einst Bullingers Lehrer, schrieb diesem bisweilen; öfter erhielt er Bullingers Bücher zum Geschenke; durch Gwalters Besuch 1537 ward das Band der Freundschaft aufs neue geknüpft. "Alle lutherischen Bücher, schreibt Cäsarius um 1540, hat der Rath den Buchhändlern verboten; nur insgeheim mit Furcht bekommt man sie. Es gibt da und dort einen Prediger, der nur nach der Schrift lehrt; ihnen wird aber scharf aufgepaßt. Doch sind unter den hohen Priestern etliche Gamaliele und Nikodemusse." "Sieben Monate, meldet er bald neunzigjährig im März 1540, war ich beim Grafen von Nuenar, besonders der Pest wegen, die seit zwei Jahren in Köln vorkömmt; er möchte, ich bliebe ganz bei ihm; im Sommer will ich gerne bei ihm weilen, im Winter aber lieber in Köln." Auch der gelehrte Peter Mettmann, der hauptsächliche Rathgeber des Erzbischofs und Erzieher der Grafen von Wied, schreibt an Bullinger; er benachrichtigt ihn über die Stimmung und Stellung aller ihm früherhin Bekannten in Köln.

Aus Mähren und aus der Lausitz erhielt Bullinger ebenfalls Briefe, deren wir unten zu gedenken haben.

81. Bullinger während des schmalkaldischen Krieges.

Kehren wir in die Nähe zurück, so ist, wie bemerkt, das damals bedeutende Konstanz diejenige deutsche Stadt, mit der Bullinger fortgehend im lebhaftesten Verkehr stand. Die Nähe erleichterte persönliches Zusammenkommen. Mit Pellican, Uttinger und Werner Steiner machte Bullinger im October 1553 einen Besuch daselbst, predigte in der St. Stephanskirche und befreundete sich aufs innigste mit den Geschwistern seines Ambrosius Blaarer, dem nachmaligen Bürgermeister Thomas und seiner ebenfalls ausgezeichneten Schwester Margaretha. Auch später traf er etwa in Stammheim, bei dem ihm vertrauen Pfarrer Stumpf, dem Verfasser des großen geographisch-historischen Werkes (Chronik) über die Schweiz, mit Ambrosius Blaarer zusammen. Auch der hochherzige Johannes Zwick, der Herausgeber des konstanzer Gesangbuchs, der gleichwie Baarer geistliche Lieder dichtete, war Bullingern sehr theuer.[66] Je mehr das Verhältniß zu Straßburg sich lockerte und die Verhältnisse der deutschen Protestanten zu dem gewaltigen Kaiser sich verdüsterten, desto inniger und reichlicher wird der Austausch namentlich zwischen Bullinger und A. Blaarer, oft, wie oben erwähnt, im Auftrage oder doch zu Handen der Regierungen. An steten Warnungen, Ermunterungen und Tröstungen

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ließ Bullinger es nicht fehlen, da er mit großer Ruhe und hellem Auge frühzeitig, als noch Manche sich täuschten, die weitreichenden, auf Ueberwältigung der Reformation und der deutschen Selbständigkeit zielenden, aber stets verschleierten Absichten des Kaisers durchschaute und hinwieder die Blößen des protestantischen Bundes gar bald erkannte. Bullinger, belehrt durch die Erfahrungen, die man im eigenen Vaterlande nur zehn bis fünfzehn Jahre früher gemacht hatte, nahe dem Schauplatz der deutschen Dinge und doch außerhalb desselben, befand sich dafür in besonders günstiger Lage.

"An des Keisers argen Anschlägen, schreibt er schon 1539 an Myconius, habe ich keinen Zweifel. Jch bitte aber Gott, daß er den krieg- und blutgierigen Mann unterdrücke zu Ehre seines Namens. Doch erschrecken mich beständig unsere Sünden, unsere Undankbarkeit, Verkehrtheit, Ehrfurcht, unser üppiges, unbußfertiges Leben. Aber nicht uns, o Herr, sondern deinem Namen gib Ehre, auf daß nicht die Heiden sprechen: Wo ist nun ihr Gott? Ja, laß uns um so inbrünstiger wachen und beten, je grimmiger jene uns Unheil bereiten." Bei den Fortschritten des Kaisers 1540 wünscht er: "Möge doch sein hochmüthiges Losungswort: ""Plus ultra:"" (""Jmmer mehr!"") in ""Plus minus!"" (""Jmmer minder!"") umschlagen!" "Die Deutschen, wenn sie klug sind, mögen jetzt die Augen aufthun! Sonst beginnt er den Krieg gegen sie mit Verhandlungen und Gesprächen, und endigt mit Kanonen und Schwertern." Als der Kaiser im September 1543 am Niederrhein siegte und die Kölner Reformation unterdrückte, schreibt er an Blaarer: "Was, meinst du, steht Hessen, Sachsen, den Schweizer Kantonen bevor? Traue dem Kaiser, wer Lust hat!" und im folgenden Jahre: "Trauen die Eurigen dem Kaiser im mindesten, so seid ihr verloren!" ebenso hernach (1545): "Der Kaiser ist spanisch und möchte uns nur unterjochen"; "des Kaisers Herz ist unerforschlich; so sind seine spanischen Künste"; "Summa, er hat die Leut' im Sack". Daher kommt Bullinger immer wieder darauf zurück: "Trauet ihm nicht, so betrügt er euch nicht!"

Hinwieder drückt er schon 1539 seine tiefe Besorgniß aus in Betreff des schmalkaldischen Bundes. "Des Bundes halben, der sich täglich mehrt, schreibt er an Vadian, bin ich in Sorgen und Kummer; unter uns gesagt, ich fürcht', es sei nicht Alles lauter und rein und es werden Solche aufgenommen, die's nicht redlich meinen. So schreckt mich unser Exempel. Je mehr unser christliches Bürgerrecht (der evangelische Städtebund, 1529) sich erweiterte, desto schwächer wurden wir. Jch besorge, sie vertrauen auf Menschenkraft wie wir, und Gott werde wie bei uns erzeigen, daß sein Wort nicht durch Gewalt der Waffen, sondern nur durch seine Kraft und Gnade erhalten wird. Mich erschrecken auch unsere großen Sünden. Jch fürchte, die Rache ist schon vor der Thüre. Der Herr erbarme sich unser um seines Namens willen!" Ebenso schreibt er an Blaarer 1545: "Etliche der protestantischen Fürsten Deutschlands suchen Frieden vom Kaiser, den

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Frieden aber, der von Christus kommt, suchen sie nicht. Es wird aber so heraus kommen, daß der Kaiser sie täuscht und Gott sie straft. Den Kaiser aber werden schwere Geschicke treffen!" Schon 1540 wünschten Zwick und Blaarer eine engere Verbindung der Schweiz mit den deutschen Protestanten. Aber die unerläßliche Rücksicht auf die römisch-katholischen Orte ließ es nicht zu. Auch 1544, als Blaarer an Bullinger schreibt: "Laßt uns in Himmel schreien. Es thut nie nöther. Es hangen grimmige Wetter da oben. Der starke Gott verleih, daß sie sich gnädiglich niederlassen"; muß Bullinger, dessen innigster Wunsch es war Alles für Konstanz zu thun, erwiedern: "Sehr gerne möchte ich eine feste Verbindung zwischen Zürich und Konstanz, aber wie, weiß ich nicht." Als die Gefahr näher rückte, fand sich im September der Stadtschreiber Fröhlich (Lätus) von Augsburg in Zürich ein; er wurde aufs freundlichste aufgenommen. Die Gesandten der reformirten Schweizerstädte berieten, wie man sich verhalten wolle bei einem Angriff des Kaisers auf den schmalkaldischen Bund. Allein es konnte unter den gegebenen Umständen kein anderes Ergebniß heraus kommen, als daß alle Kantone sowohl protestantische als katholische neutral zu bleiben beschlossen.

So brach das verhängnißvolle Jahr 1546 an. Am Neujahrstage bringt Bullinger Blaarern und den Seinigen herzlich seine Segenswünsche dar Angesichts der furchtbaren Ereignisse, die da kommen werden, wie er offen sagt; ja er verhehlt nicht seine deutliche Ahnung, es werde den deutschen Protestanten ergehen wie den Zürchern bei Kappel. "Jch zweifle nicht daran, setzt er bei, daß Kaiser, Pabst, Frankreich und viele Andere zusammen rathschlagen wider Christum; aber der im Himmel thront, lachet ihrer." Und zu Anfang Februars spricht er bei den Verhandlungen über Erneuerung und Erweiterung des schmalkaldischen Bundes schon wieder eben dieselbe so überraschend schnell und genau erfüllte Ahnung in einem Briefe an Myconius aus: "O daß die Deutschen nicht zu viel auf ihre Bündnisse bauen möchten und es ihnen nicht erginge, wie einst den evangelischen Schweizern, daß sie in Einer Stunde von einer kleinen Anzahl Nichtswürdiger überwunden und zersprengt werden!" "Der Kaiser ist ganz daran, meldet er ihm im März, das Evangelium in Deutschland auszurotten und Deutschland zu unterjochen", und im April ganz treffend: "Der Kaiser beschwichtigt die Protestanten durch Schmeicheleien, bis daß er die gute Gelegenheit findet gegen sie zu wüthen." "Der Kaiser setzt Allen Honig dar, um sie durch Gift zu tödten. Ueberall lauert Hinterlist und Verrath." "Gewiß ist der Kaiser dem schmalkaldischen Bunde gänzlich feind. Er hat einen Botschafter nach Zürich geschickt mit einem Briefe, der überaus schmutzig (schmunzelnd) d.h. schmeichlerisch ist."

Von allen Seiten gelangte man nämlich an die Eidgenossen. Der schmalkaldische Bund bat sie, keinen italienischen oder spanischen Truppen den Durchzug zu gestatten. So viel konnte Bullinger versprechen, Zürich und Bern

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würden solche sicherlich nicht durchlassen. Der Pabst seinerseits verlangte, daß sie dem vom Kaiser heimlich mit ihm geschlossenen Bündnisse beistehen und sich dem Concilium anschließen. Wie scharf Bullinger auf die zweite dieser Zumuthungen antwortete, haben wir oben ausführlich mitgetheilt, die erstere derselben, deren ebenfalls schon gedacht worden, lehnten sämmtliche Kantone ab. Man säumte nicht, evangelischerseits von jenem Bündnisse "zur Ausrottung der Ketzer" den deutschen Protestanten sofort Kenntniß zu geben, und diese breiteten die willkommene Kunde alsbald weiter aus, um wenigstens eine Arglist des Kaisers zu entschleiern, der, um die Protestanten getheilt zu erhalten, bloß weltliche Gründe als Ursachen des Krieges dargestellt hatte.

Schon hatten inzwischen die Streifzüge begonnen; die Protestanten befehligte der tapfere Schärtlin von Burtenbach. Jn der Schweiz zeigte sich große Spannung, von Seiten der Evangelischen die herzlichste Theilnahme am Schicksale ihrer deutschen Glaubensbrüder. Wiewohl sie keine Hülfstruppen senden konnten, liefen sofort ganze Scharen von Freiwilligen namentlich aus Zürich ihnen zu, doch nicht unter eignen Führern, da solche mit dem Tode oder dem Verlust des Bürgerrechts hätten bestraft werden müssen. Während die übrigen Orte die Jhrigen zurück rufen wollten, war Zürich weit davon entfernt und wußte es abzulehnen; selbst ein Sohn des Bürgermeisters war unter jenen Freischaaren wenn gleich ohne des Vaters Zustimmung; sogar zwei Studierende der Theologie zogen mit aus, von jugendlichem Feuer fortgerissen[67]. "Bitten wir Gott, schreibt Bullinger an Vadian, daß er Muth und Kraft den Unsern einhauche, den Gegnern aber Zaghaftigkeit und Taumel!" und an Blaarer: "Hübsche, redliche und selbst reiche Leute ziehen euch zu, viele nicht um des Soldes willen, sondern aus reiner Liebe zum Gotteswort. Das sag' ich in Wahrheit, daß ich in Zürich solche Einigkeit und solche Gutherzigkeit gegen euch noch nie gesehen habe. Jhr dürftet euch fürwahr alles Guten zu uns versehen." Jndeß fand man bald, es sei genug Mannschaft bei den Reichsstädten, es sei besser, die Uebrigen bleiben zu Hause um das eigene Land nicht bloß zu stellen. Bullinger bedauert nur, daß die jungen, unerfahrenen Krieger gleich anfangs hineilten und in Sold genommen wurden, viele ältere aber erst später kamen und deshalb wieder heimkehren mußten. "Tausend von diesen wären besser als dreitausend von jenen. Doch ist ja das Herz von Gott; Stärke und Weisheit wird vom Herrn gegeben. Er wolle sie stärken und ihnen verleihen, daß sie mannlich und behutsam seien!" Auch in den inneren Kantonen, versichert Bullinger, sei der gemeine Mann nicht unwillig gegen das Reich," sondern nur die Pensiöner.

Doch bald vernehmen wir aus Bullingers Munde nur allzu wohl begründete Wehklagen. Noch gegen Ende des Juli (1546) schreibt er an Myconius: "Was ihr fürchtet, fürcht' ich auch, die Reichsstädte gehen zu langsam

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mit der Sache um. Der Kaiser will nur erst sein Volk zusammen bringen und dann schnell Rumpf machen!", und einen Monat später an Blaarer: "Wenn man doch nur etwas thäte! Allmächtiger Gott, hilf, hilf... Gott besser's; ihm traue ich wohl," und wieder im September: "Das Zaudern bringt die größte Gefahr. Aller Frommen Hoffnung ist einzig und allein auf Gott zu setzen!"

Die Berner hatten während dieses Feldzugs Hartmann von Hallwyl als ihren Berichterstatter im Lager der Verbündeten; von Zürich befand sich Heinrich Thommann in der Kanzlei des Landgrafen von Hessen. Dieser hatte auf Bullingers Ansuchen seine Anstellung erhalten; durch jenen ließ der Landgraf, entschlossen "zu siegen oder zu sterben für das Evangelium," Bullinger grüßen; er schrieb auch selbst an Bullinger und erhielt zur Antwort: in Zücher sei jedermann bereit "zur Erhaltung christlicher Religion und deutscher Nation." Da die römisch-katholischen Kantone sich rüsteten, wurden in Zürich alle Zünfte versammelt und sämmtlichen Gemeinden die Lage der Dinge vorgelegt. Sie erklärten einmüthig, Gut und Blut zum Evangelium zu setzen. Schon seit dem Juli 1546 wurde öffentlich in den Kirchen Zürichs für den Bund des Evangelischen Deutschlands gebetet, auch wöchentlich zweimal außerordentliche Gebetsgottesdienste deshalb gehalten. Bullinger predigte während dieser Zeit über den Propheten Daniel mit besonderer Rücksicht auf die obschwebenden Weltereignisse. "Nie sah ich die Kirchen so gedrängt voll wie gerade in diesen Zeiten", schreibt er seinem Myconius.

Allein wie traurig war der Gang der Dinge! Nicht Mangel an Kriegern oder an Geldmitteln, nicht die Fehler in der langsamen Kriegsführung, zu der die Protestanten zum Theil durch Täuschung über des Kaisers geheimes Bündniß mit Baiern veranlaßt worden, nicht die Reibungen zwischen den Heerführern, die unter Verbündeten nie ausbleiben, gab den Ausschlag zum Verderben der Protestanten[68], vielmehr die geheime Verbindung des protestantischen Herzogs Moritz von Sachsen mit dem Kaiser wider den Churfürsten. Der Ueberfall seines Landes nöthigte Letztern zum Rückzug und veranlaßte den Abzug des protestantischen Heeres noch im November 1546. So waren die süddeutschen Reichsstädte dem Kaiser bloß gestellt und mußten sich der Reihe nach unterwerfen, vorerst das mächtige Ulm und andere noch im Dezember 1546, Frankfurt, Augsburg u.s.w. im Januar 1547.

Schmerzlich ward Bullingers Gemüth dadurch bewegt; doch in herrlichen Glaubensworten klingt immer wieder sein felsenfestes Gottvertrauen kräftig durch. "Der schmalkaldische Krieg, schreibt er gleichsam weissagend

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am 27. November 1546 an Myconius, ist ein unentwirrbarer (gordischer) Knoten. Doch der Herr wird ihn lösen zur Ehre seines Namens und zum Heil seiner Kirche. Sollte er auch die Seinigen in die Hände des Kaisers übergeben, so werden doch die Besiegten noch siegen und der Sieger besiegt werden. Du kennst ja die Wege des Herrn. Herrlicher war Daniels Sieg in Babylon, als der eines Jehojachin oder Zedekia gewesen wäre zu Jerusalem," und ebenso schreibt er zehn Tage früher ins Heerlager an Thamer: "Wir hoffen zu Gott, er werde nach seiner Gnade uns nicht verlassen, doch will er freilich, wie du mit Recht annimmst, nicht, daß wir sicher sein, sondern wie das Gold durchs Feuer will er uns durchs Kreuz bewähren, ohne anders damit wir nicht entschlafen im Tode dieser Welt und mit der gottlosen Welt verdammt werden." Stündlich rückte die Gefahr näher. Jm December schreibt er an Blaarer: "Die Zürcher sind gerüstet jeden Augenblick mit den Jhrigen aufzubrechen, und durch Gottes Gnade ist jedermann, jung und alt, willig und einig;" und dann: "Durch das Elend und die Wirren des Krieges bin ich so mitgenommen, daß ich oft nicht weiß, ob mir das Haupt noch auf den Schultern sitzt oder durch die Lüfte dahin gerissen und fortgerollt wird. Dabei leide ich fast unaufhörlich an Blödigkeit des Kopfes. Aber das ist noch Alles nichts in Vergleich mit dem, was erst noch kommen wird und kommt." Wie er am 25. December seinem Myconius ein gutes, glückhaftes Neujahr wünscht, fügt er bei: "Das bedürfen wir eben wirklich; denn die Sachen stehen ganz spitz und gefährlich. Gott der Allmächtige wolle sich unser erbarmen! So viele schwäbische Städte ergeben sich. Jch bin ganz angsthaft um den herrlichen, gelehrten Brenz. Der allmächtige Gott schirme ihn!.. Der Herr wird aber die Seinen nichts desto minder erhalten. Jhm allein gehört der Sieg!"

"Herzlichen Dank, schreibt Blaarer ihm hinwieder, für deinen köstlichen Brief; wie dann immer ein kräftiger Hauch göttlichen Trostes in jedem deiner Briefe weht!"

Als der Kaiser im April 1547 gegen Sachsen aufbrach, schreibt Bullinger an Blaarer: "Gott wolle (sei's nicht wider seinen Willen gebeten) daß er zwischen die Sachsen und Böhmen komme und treulich wohl zerbläut werde." Doch die zahlreichen Protestanten Böhmens waren längst umstrickt von den Schlingen des Kaisers und großentheils an ihn gebunden; am 24. April ward der Churfürst von Sachsen bei Mühlberg geschlagen und gefangen und am 19. Juni sogar der Landgraf Philipp arglistig in Halle zum Gefangenen des Kaisers gemacht. Der ganze Protestantismus Deutschlands beugte sich vor dem allgewaltigen Kaiser. Nunmehr, nachdem auch in Deutschland die Protestanten mit den Waffen in der Hand hatten kämpfen müssen und unterlegen waren, ähnlich wie fünfzehn Jahre früher in der Schweiz, gelangten Manche unter den Deutschen leichter zu einem unbefangenen Urtheile über

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Zwingli's Verhalten. "Jetzt erst, schrieb man Bullingern aus Straßburg, anerkennen Viele Zwingli's ausgezeichnete Vaterlandsliebe."

"Wer hätte vor einem Jahre eine solche Veränderung der Religion in Deutschland für möglich gehalten! schreibt Bullinger im October an Erb; aber so läutert Gott die Seinen und vertreibt ihnen die Schlaffheit. Den Rohrstab entreißt er uns; er nimmt uns das falsche Vertrauen auf das Fleisch, auf Bündnisse, Fürsten und Bundestruppen... Weit Schrecklicheres aber wird noch folgen, wann die Beschlüsse der tridentinischen Concils uns zur Annahme vorgelegt werden. Dennoch wird Gott seine Kirche erhalten, wenn auch unter Trübsalen."

82. Bullingers Sorge für Johannes Haller in Augsburg.

Was in dieser schweren Zeit Bullinger noch besonders in Anspruch nahm, war Augsburg. Ein großer Theil der Bürgerschaft, früher schon der zwinglischen Abendmalslehre zugethan, hatte sich wohl 1536 dem sogenannten Wittenberger Vergleich (Concordie) gefügt um des Friedens willen, war aber durch Luthers Friedensbruch und seine erneute Verdammung der schweizerisch Gesinnten in seinem unglücklichen "kurzen Bekenntnisse" (von 1544) abgestoßen worden; die nothgedrungene Schutzschrift der Zürcher von 1545 hatte bei ihnen vollen Anklang gefunden, so daß sie wenigstens Einen Prediger, der unverkümmert ihre Gesinnung vertrete, zu haben wünschten und von Zürich einen solchen verlangten. "Manche Rathsglieder und viele Bürger, schreibt Bullinger an Vadian, wollen eben jene Lehre vom Abendmal nicht annehmen, von der das Volk nicht versteht, wie sie gemeint sei und die auch die Lehrer nicht hell auslegen können." Die Bitte war so dringend, so oft wiederholt und gerade damit begründet gewesen, daß dadurch allein der drohenden Spaltung vorzubeugen möglich sei, daß man sie nicht abschlagen konnte. Der Stadtschreiber Augsburgs Georg Lätus (Fröhlich), der schon seit dem April 1545 öfter an Bullinger deshalb geschrieben, unterstützte sie aufs neue persönlich, als er im September 1545 sich, wie oben erwähnt, in Zürich nach der militärischen Beihülfe der Schweizer umsah. Bullinger verwahrt sich, indem er Vadian über den ganzen Hergang Auskunft gibt, ausdrücklich gegen die Zulage, als ob er einen Prediger nach Augsburg "geschickt" hätte; Zürich habe eben nur dem gestellten dringenden Ansuchen entsprochen. Bullingers Sache war es aber den tüchtigen Mann für diese, wie voraus zu sehen, schwierige Stelle zu finden. Johannes Haller[69] wurde dazu ausersehen, dessen Vater bei Kappel gefallen; die zürcherische Kirche hatte sich seiner angenommen; er war sammt seinem Bruder Wolfgang ein Zögling der durch Bullinger so sehr geförderten zürcherischen Schulanstalten, seit 1542

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Pfarrer auf dem Lande. Ulrich Zwingli, des Reformators Sohn, begleitete ihn auf der Reise, um die schwäbischen Städte kennen zu lernen, kehrte aber sofort zurück. Haller begann sein Predigtamt in Augsburg am 22. November 1545. Wolfgang Musculus, damals der bedeutendste der dortigen Prediger, ein Zögling Butzers, war anfangs über seine Ankunft unwillig. "Jch werde darnach trachten, schreibt aber Bullinger in dem angeführten Briefe an Vadian, daß sie sich gut vertragen." Er unterließ es nicht, Hallern fortwährend mit seinem, väterlich weisen und milden Rathe beizustehen. "Bitte Gott, schreibt er ihm sofort im December 1545, daß er seine Gaben dir mehre zu seines Namens Ehre und zur Förderung seiner Kirche;" er brauche nicht auf die zürcherische Form der Abendmalsfeier zu dringen, er solle es bei der dort gangbaren bewenden lassen, und sich dahin erklären, an die Worte der Schrift halte er sich gerne, er werde sich ihrer willig bedienen, sie aber gottselig auslegen auf der Kanzel, so daß die Gemeinde deutlich verstehen könne, was dem Glauben zuzuschreiben sei, und was unserer Handlung, was dem Herrn und was den Kirchendienern, was dem Sakramente und was ihrem Endziel, Christo. "Christus reinigt, rechtfertigt, speist, beseligt; der Diener reicht dar die heiligen Zeichen, die Sakramente bezeugen und besiegeln. Fruchtlos ist Alles, wenn nicht der Glaube uns verbindet mit Christo. Dies ist die Summa (Hauptsache)." Haller erklärte nun vor den versammelten Geistlichen, er halte sich an die schweizerische Confession, lasse aber auch die Wittenberger Concordien-Artikel zu, insoweit sie nämlich gottselig erklärt werden; damit war der Rath und die übrigen Geistlichen zufrieden. Auch an Musculus wandte sich Bullinger, indem er ihm aufs schärfste die Verschiedenheit der schweizerischen und der lutherischen Lehre aufzeigte. Merkwürdiger Weise gestaltete sich das Verhältniß zwischen Haller und Musculus immer lieblicher; es trat eine so innige Freundschaft ein, daß sie zeitlebens beisammen zu bleiben wünschten.

Jndeß nahte der Krieg. "Predige lauter; bet' zu Gott um Erleuchtung. Christus ist unser Friede!" schreibt Bullinger seinem Schützling. "Die Augsburger sind standhaft, antwortet dieser zu Ende Juni 1546. Jch will mich als ein christlicher Mann und als ein ächter Schweizer zeigen und mich, so viel ich kann, Allen als ein Muster der Tapferkeit und Herzhaftigkeit darstellen. Grüßt mir die Brüder (Prediger) und meinen Schwiegervater (den Rathsherrn Kambli); er solle sich um uns nicht zu sehr Sorge machen." Zur nämlichen Zeit richtet Bullinger die väterlich ernste Mahnung an den erst drei und zwanzigjährigen Haller:

"Zweierlei verlange ich von Dir, lieber Haller, erstlich daß du fortfahrest Dich so zu zeigen, wie Du durch Gottes Gnade bis jetzt Dich erwiesen hast, sodann daß Du in der Stunde der Gefahr Dich selbst übertreffest und überwindest. Sei stark im Herrn! Tröste deine Gemeinde! Treibe sie ins Gebet! Sie sollen nicht auf das Fleisch, sondern auf Gottes Geist vertrauen.

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Mach sie bereit, daß sie lieber sterben wollen, als schimpfliche Friedensbedingungen eingehen, durch welche sie einen Verrath an der heiligen Sache begeben würden. Honigsüß schreibt der Kaiser, und ist doch ein Skorpion. Wir haben für euch zu Stadt und Land öffentliche Gebete angeordnet. Unser Rath thut sein Möglichstes für euch bei den übrigen Eidgenossen und ich hoffe das Beste. Aber setzet euer Vertrauen nicht auf die Eidgenossen. Mögen diese kommen oder nicht kommen, Gott sei euere Furcht und euer Heil. ""Die biederen Leute bitten Gott gar treulich und sehen auf den Herrn."" Der Herr Jesus bewahre dich. ""Trostlich und unverzagt! Gottes Stärke sei unser Trost.""

Als im Januar 1547 Augsburg sich ergab, wünschte Haller sehnlich nach Zürich zurück berufen zu werden. Allein Bullinger mußte ihm antworten, die zürcherische Regierung woolle dies nicht. Bullinger ermuthigt ihn daher in apostolischem Geiste; so am 26. Januar: "Haller, stähle dein Herz wider alle Gefahren; denk dir nichts Anderes, als daß du sterben müssest!.. Mußt du sterben, nun so trage männlich dein Schicksal. Noch bleibt uns die Seele, ob sie uns schon den Leib tödten... Mußt du fallen, so falle mit Ehren; thust du's nicht, so fällst du doch, aber mit Schanden. Nur frischen Muth gefaßt, erheb dein Gebet zum Herrn; treu in deinem Berufe erfülle die Pflichten eines wackeren Streiters!" Wehklagend antwortet Haller im März: "Wie ein mastloses Schiff treibt unsere Kirche auf dem stürmischen Meere. Fürchterlich heult der Sturm; so schrecklich toben die Wogen, daß es wahrlich kein Wunder wäre, wenn der junge, unerfahrene Schiffer, zu ohnmächig das Steuer zu führen, sich in die Gluthen stürzen und sein Leben durch Schwimmen würde zu retten suchen. Was sollte er Anderes thun können in dem tiefen Dunkel, in der dichten Finsterniß der Nacht, wo kein Stern scheint, der dem Steuermann den Weg weist, während die Balken des Fahrzeugs erkrachen und jeden Augenblick der Schiffbruch droht. Jn einer so entsetzlichen Lage bin ich hier. Bald sind es Gedanken über mein eigenes Geschick die mich ängstigen, bald die Thränen der Gattin, bald der wehmüthige Anblick der lieben Kinderchen. Aber dann steht wieder auf der andern Seite die mir anvertraute Gemeinde und fordert Selbstverleugnung, fordert Hülfe." Bullinger erwiedert im April:

"Halte dich nur in Allem an Gottes Wort und an das Beispiel der Propheten und Apostel. Das gefällt mir ganz, was du in deinem letzten Briefe schreibst, die Augsburger Kirche sei dir lieb und du seist bereit für sie im Herrn zu sterben, wenn sie nur im wahren Glauben erhalten bleibe. Dies ist wahrhaft apostolisch gesprochen! Der Herr Jesus bestärke dich in diesem herrlichen Entschlusse. Was indeß die Gefahren, die Untreue Vieler, die Unruhe und Aengstlichkeit, die Unschlüssigkeit Mancher anlangt, worüber du mit großer Betrübniß schreibst, so mußt du nur daran denken, daß der Herr selbst das Alles im Evangelium voraus gesagt und noch hinzu gesetzt hat: Das aber ist erst der Schmerzen Anfang; wer bis ans Ende beharret, der

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wird selig werden! Dies sei dein Trost; sieh in Allem nur auf Gottes Wort; denn dies ist eine Leuchte für unsre Füße und ein Licht auf unseren Wegen." Hallter faßte neuen Muth; mit frischer Kraft wußte er die lautere evangelische Wahrheit auch in Gegenwart der kaiserlichen Offiziere und Soldaten, die sich häufig in seiner Kirche einfanden, mannhaft, klug und unerschrocken zu verkündigen. Schon erkannten indeß auch andere Prediger, daß ihres Bleibens nicht mehr sei. "Dem Musculus und Cellarius, fügt daher Bullinger bei, darfst du sicherlich Alles anbieten von Seiten der Zürcher." Allein der Rath von Zürich wollte auch jetzt noch und selbst im Juli ungeachtet Bullingers dringender Aufforderung Haller nicht zurück rufen. Denn es war kaum möglich, von einer schweizerischen Regierung jener Zeit einen Beschluß zu erlangen, der auch nur von ferne einen Schein von Feigheit auf sie hätte werfen mögen. Vielmehr glaubte der Rath, wie Bullinger Hallern meldet, die lautere Predigt und der standhafte, beharrliche Dienst am Gottesworte mitten unter Gefahren schaffe große Frucht. Er selbst fügt bei: "Wohl weiß ich, daß du in der größten Gefahr bist. Aber ich bin auch fest überzeugt, vom Herrn ist es geschehen, eine besondere Fügung seiner Güte ist's, daß du nach Augsburg versetzt, dort vor dem Kaiser und vor ganz Deutschland Zeugniß ablegen darfst von deinem Christenglauben... Wenn du aurichtig bist und den Herrn von ganzem Herzen suchst, so wird er nicht von dir lassen. Sei nur standhaft, treu und vorsichtig. Doch versuch den Herrn nicht, fährt Bullinger weiter fort, indem er die schwierige Frage berührt, ob es einem christlichen Seelenhirten erlaubt sei in der Verfolgung zu fliehen. Du weißt, daß der Herr selbst und der Apostel Paulus mehr als einmal auf Flucht bedacht waren. Nur sei sie nicht unüberlegt, nicht voreilig, nicht leichtfertig. Sei tapfer und standhaft. Du weißt, woher alle Hülfe kommt, das Wollen und das Können. Gen Himmel erhebe dein Herz und deine Seele!"

Nicht weniger kräftige Ermuthigungen richtete Bullinger zur nämlichen Zeit an die Ulmer Prediger, und etwas später, als die Gefahr noch höher stieg, schreibt er nach Reichenweier (im Elsaß) an Erb und dessen Amtsbrüder: "Wohl weiß ich, daß ich nicht nöthig habe euch zu trösten. Jhr habet einen Tröster, den heil. Geist. Des Herrn Wort faßt ihr zu Herzen. Jhr tröstet Andere... Thut, was ihr könnt, durch eifrige Predigt des Gotteswortes. Haltet aus, so lange als möglich. Ruft den Herren um Hülfe an. Doch versuchet Gott nicht! Wenn Gottes Geist selbst und die Lage der Dinge euch zur Flucht treibt, so schämt euch nicht, gleichwie Christus, Petrus und Paulus euch für bessere Zeiten der Kirche zu erhalten. Sind wir dann noch am Leben und im Stande, so steht euch Alles, was wir haben, zu Gebote. Wir nehmen euch alsdann gerne auf und werden euch beistehen aus allen Kräften. Sind wir dannzumal selbst aus unsern Wohnsitzen vertrieben oder getödtet, so wird unser Herr uns doch nicht versäumen. Auf ihn setzen wir all unser Vertrauen. Jetzt ist die Zeit gekommen, von der wir längst

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gehört: ""Die Zeit wird kommen, daß, wer euch tödtet, meinen wird, er thue Gott einen Dienst daran."" Doch wahrlich, der Herr wird uns nicht versäumen!"

Am 25. October 1547 meldet Bullinger seinem Myconius: "Haller ist gesund und wohl zurück!" Ehrenvoll nahm man ihn auf; sofort ward er Archidiakon am Großmünster, indeß auf Berns dringendes Ansuchen erst für ein halbes Jahr, dann stets aufs neue für dieselbe Zeitdauer, endlich für immer nach Bern entlassen, wo er in großem Segen als erster Pfarrer des ganzen Landes bis an sein Ende (1575) wirkte.

83. Bullingers Bemühungen für Konstanz.

Noch andere Sorgen gab es für Bullinger in diesen Schreckensjahren. Namentlich lag ihm das Schicksal von Konstanz am Herzen. Konstanz zu retten war er eifrigst bemüht. Nach dem Abzug des schmalkaldischen Heeres aus Süddeutschland (im November 1546) und dem Falle der mächtigsten schwäbischen Reichsstädte konnte man sich die große Gefahr für Konstanz nicht verbergen und ebenso einleuchtend waren die bedenklichen Folgen einer Unterwerfung dieser Stadt unter den Kaiser oder unter das längst schon lüsterne Oestreich zunächst für die evangelischen Kantone, im Weiteren aber für die gesammte Schweiz. Wie sehr wünschte man hinwieder in Konstanz auf Sicherheit von Seiten des das Weichbild der Stadt beinahe ganz umschließenden schweizerischen Gebietes, im Falle der Noth auch auf den Beistand der Schweiz rechnen zu dürfen. Die Wichtigkeit dieses Platzes, des Schlüssels zum gemeinsam beherrschten Thurgau, besonders auch in militärischer Hinsicht und die allgemeine Gefahr, falls derselbe in die Hände des Kaisers fiele, allen Kantonen aufs eindringlichste klar zu machen und sie zu einer kräftigen Verwendung beim Kaiser zu bewegen, war daher das Erste, wofür sich die Gesandten der reformirten Kantone namentlich Zürichs auf mehreren Tagsatzungen bemühten. Bullinger von den Konstanzer Freunden um seine Verwendung ersucht, stellte die Beweggründe dafür zuvor in einem einläßlichen Gutachten zusammen. Allein nach den lebhaftesten Besprechungen wurde am 13. April 1547 mit bedeutender Mehrheit beschlossen, sich nicht in die Reichsangelegenheiten zu mischen, sondern bei der früher schon eingenommenen Neutralität zu verbleiben.

Als aber wenige Tage nachher der Kaiser bei Mühlberg (in Sachsen) siegte, dann selbst den Landgrafen von Hessen arglistig gefangen nahm, da erschien er als Unterdrücker deutscher Freiheit, auch die katholischen Kantone öffneten den diesfälligen emsigen Einflüsterungen der Gesandten Frankreichs und des Pabstes, der sich nun selbst mit dem Kaiser entzweit hatte, ihr Ohr. Es war eine allgemeine Einigkeit unter den Schweizern, sagt Bullinger, wie seit zwanzig und mehr Jahren nie gewesen. Nun that man von Zürich alles

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Mögliche, um für Konstanz ein Bündniß zu Stande zu bringen, sei's mit der ganzen Eidgenossenschaft, sei's wenigstens mit den vier evangelischen Städten oder, wenn auch dies nicht sein könnte, doch mit Zürich allein; bald fanden öffentliche, bald geheime Zusammenkünfte beiderseitiger Staatsmänner Statt; Bullinger nahm an den diesfälligen Verhandlungen den lebhaftesten Antheil, ward auch mitunter zu den Berathungen derjenigen Regierungsglieder, denen wegen der Schwierigkeit der Lage und der nothwendig erachteten Verschwiegenheit, als "geheimen Räthen", die Sache übertragen war, zugezogen. Aber Alles war umsonst. Wohl erkannten die einsichtsvollsten und muthigsten Staatsmänner der gefährdeten Stadt in einem solchen entscheidenden Schritte das einzige Rettungsmittel; allein in der Bürgerschaft von Konstanz, in welcher nach Bullingers Ausdrucke "etwas faul war," überwog (wie eben derselbe sagt) das Geschrei: "sie anerkenne den Kaiser für ihren Herrn, sie wolle nie vom heiligen römischen Reiche weichen", welches Letztere man übrigens, setzt Bullinger in seinem Briefe hierüber an Vadian bei, auch nie von ihr verlangte. Auch Frankreichs Bemühungen richteten nichts aus. Konstanz verscherzte den günstigen, nie wiederkehrenden Augenblick seiner Rettung. So schloß das Jahr 1547. Jn der Neujahrsnacht macht Bullinger seinem A. Blaarer genaue Angaben über eine nach Stein am Rhein angesetzte geheime Zusammenkunft von Abgeordneten aus Zürich und Konstanz, und wünscht ihm noch einmal: "Der allmächtige Gott wolle euch und uns ein glückhaftes, gutes Jahr verleihen. Gott wolle sich unser erbarmen!" "Die Konstanzer hoffen immer noch auf Milde vom Kaiser", schreibt er dann im Februar 1548 an Myconius: "O daß es ihnen besser gehe, als ich besorge!"

Seine Befürchtungen waren nur allzu begründet. Am 15. Mai 1548 erließ der Kaiser auf dem Reichstage zu Augsburg eine einstweilige Kirchenordnung für die Protestanten Deutschlands, gewöhnlich Jnterim genannt, wornach sich diese wieder dem Pabste und den Bischöfen unterwerfen, sich der katholischen Lehre fügen und nur für einzelne äußere Dinge Nachsicht erhalten sollten bis zu endgültigen Entscheidungen eines allgemeinen Concils. Fast überall fand dieser Erlaß anfangs lebhaften Widerstand. "Das ist nichts Anderes, schreibt Bullinger sofort an Calvin, als der baare Papismus!"

Auch Konstanz, in allem Uebrigen geneigt, gleich andern Städten sich dem Kaiser zu ergeben, bat um das Eine, daß doch die Religion unangetastet bliebe. Doch umsonst harrten die Gesandten viele Wochen lang in Augsburg. Der Kaiser antwortete am 5. August mit der Acht, am 6. August mit plötzlichem Ueberfall und Verheerung der jenseits des Rheins an dessen nördlichem Ufer gelegenen Vorstadt Petershausen. Des Kaisers Begehren, vom schweizerischen Gebiete her ebenfalls angreifen zu dürfen, hatten sämmtliche Kantone der Schweiz entschieden abgeschlagen. Vielmehr eilten zahlreiche Freiwillige aus Thurgau und Zürich dem bedrängten Konstanz zu Hülfe. Nunmehr bat Konstanz die Eidgenossen um ihre Vermittlung; allein jetzt

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machten die katholischen Kantone, wie man glaubte vom Kaiser bestochen, vor Allem die Annahme des verschmähten Jnterim und die Entlassung aller schweizerischen Zuzüger (Freiwilligen) zur Bedingung, und als nun die Bürgerschaft von Konstanz sich selbst dazu verstand und die Eidgenossenschaft hinwieder einmüthig sich beim Kaiser für sie verwandte, blieb die Fürbitte vergeblich. Eine Unterstützungssumme von 25000 Gulden war das Einzige, was Zürich der lieben Nachbarstadt noch bieten konnte. Noch war Konstanz unbesiegt und reich an Hülfsmitteln; doch verrätherische Umtriebe und Bestechungen österreichisch und katholisch Gesinnter zerrütteten und spalteten die Bürgerschaft, so daß sie endlich am 11. October 1548 sich bedingungslos an Oesterreich ergab mit Aufopferung ihrer bürgerlichen Freiheit und völligem Verluste des Evangeliums. Konstanz, das so kräftig getrunken aus dem wieder eröffneten frischen Born des Lebenswassers und zu einem Quell des Lebens geworden, versank und verschwand aus dem Kranze der evangelischen Schwesterstädte. Seine Leuchte, die so lieblich die reizenden Gestade des Bodensees erhellt hatte, erlosch. Die edelsten Männer, die Prediger, die beharrlichen Freunde des Evangeliums flohen in die Schweiz; Ambrosius Blaarer, nicht mehr des Lebens sicher unter seinen eigenen Mitbürgern, hatte sich schon fünf Wochen vor der Uebergabe auf Anordnung des Rathes zu seiner Schwester, "einem gar treuen Weib", wie Bullinger sie nennt, der Wittwe Heinrichs von Ulm auf das thurgauische Schloß Grießenberg flüchten müssen, dann auch sein Bruder der Bürgermeister Thomas Blaarer, "ein unvergleichlicher Mann", wie eben derselbe bezeugt.

Wie sehr diese Vorgänge Bullinger in Anspruch nahmen und wie tief sein Schmerz war, vernehmen wir aus einem Briefe, den er gleich nach der Uebergabe der unglücklichen Stadt an Calvin richtete. "Meine Antwort kommt spät, denn jetzt bin ich so von Geschäften erdrückt und abgehärmt von Kummer über den Untergang der oberdeutschen Kirchen." .. "Ach, um Deutschland ist's geschehen, schreibt er ihm einige Wochen später, dahin ist mit der Freiheit die evangelische Wahrheit. Sachte und listig wird an den einen, durch Schreckmittel und Drohungen an den andern Orten das Papstthum wieder eingeführt und sogar aufgedrungen. Am allerkläglichsten steht's um Konstanz." "So ist denn also, schreibt er Theil nehmend seinem A. Blaarer, das unglückliche Konstanz von der Wahrheit zur Lüge, von Christus zum Antichrist zurück gekehrt zur tiefsten Schmach dieser sonst so preiswürdigen Stadt. Jch weiß gar wohl, lieber Bruder, wie tief dich's schmerzt, da dein Herz so voll Liebe ist zum Herrn und zum Vaterlande... Gefallen und verwelkt ist dein Ehrenkranz, doch in den wahrhaft Frommen nicht, und gewiß ist ihre Zahl durch ganz Schwaben hin noch größer als wir meinen. Einst glaubte ja Elias auch, er sei allein noch übrig geblieben als Verehrer des wahren Gottes, und doch vernahm er von dem Herrn: Jch habe mir noch siebentausend übrig gelassen, die ihre Kniee nicht gebeugt haben vor Baal. Warum

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sollten wir nicht heute noch dasselbe hoffen? Jst auch in unserer verdorbenen Zeit ihre Zahl vielleicht kleiner, so steht doch fest, daß unsere Arbeit im Herren nicht vergeblich ist. Mögen Unzählige abtrünnig werden, so bleibt doch jenes Wort des Johannes wahr: Sie sind von uns weggegangen, aber sie waren nicht aus uns, sonst wären sie bei uns geblieben. Auch sind wir nicht die Ersten, die Solches erleiden von Seiten unserer Kirchen. Du weißt, was Moses, Zacharias, Jeremias litt, namentlich aber der Herr selbst, und wie vor neunhundert Jahren so viele von Aposteln gegründete Kirchen zu dem schändlichen Mohammed abfielen. Die aber abfallen von der Wahrheit, schaden nur sich selbst dadurch, nicht denen, die so gerne sie bei der Erfüllung ihrer Pflicht erhalten möchten." Bezeichnend ist für Bullinger, bei welchem müssige Traurigkeit nichts galt, daß er sofort den vertriebenen Freund durch dringende Ermunterung zu bewegen sucht, das eben in Bern für ihn offene, bedeutende Kirchenamt zu übernehmen, und ebenso, obgleich schon reich mit Flüchtigen beschert, aufs zarteste all den Gliedern der blaarerischen Familie Herberge und Förderung anbietet.

84. Bullinger in den Gefahren des Vaterlandes.

Nicht gering war während dieser Jahre zeitweise die eigene Gefahr für Bullingers Umgebung, vorübergehend für die gesammte Schweiz, länger und in höherem Maße für die evangelischen Kantone, zumeist aber für Zürich. Die Stimmung der römisch-katholischen Kantone war sehr wechselnd; der Fall von Konstanz, den man ihnen hauptsächlich Schuld gab, machte einen starken Riß in die vorherige Einmüthigkeit. Einigend hinwieder wirkte, daß man, zumal als der Kaiser auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, nicht wissen konnte, wohin und wie weit er greifen würde. Verdächtig war sein Antrag eines Bündnisses an die Eidgenossen mit Ausschluß von Zürich, Bern, Basel und Schaffhausen; verdächtig Oesterreichs Begehren längst aufgegebene Herrschaftsrechte wieder einzulösen; wie leicht konnte der Kaiser auch die Ablehnung des Concils zum Vorwande für einen Angriff nehmen. Alles das fühlte man und äußerte es vertrauten Freunden gegenüber. Erst in der Folge entdeckte Zürich, wie tief in sein eigen Fleisch der Kaiser bereits den zerspaltenden Keil getrieben hatte durch einen Freibrief, den er insgeheim (schon 1544) der unter Zürichs Hoheit stehenden Stadt Winterthur ertheilt hatte.

Hören wir, wie Bullinger im Gefühle der Gefahren für das eigene Vaterland sich äußert. "Du wünschest, schreibt er 1547 an den Prediger Leonhard Sörin, damals in Ulm, daß der Herr alle Anschläge unserer Feinde ändere. Nun, wir sind alle Sünder, so wie auch ihr es gewesen und noch seid. Gott hat euch euerer Sünden wegen heimgesucht. Möglich ist's, daß er auch mit uns solche Wege vorhat. Wer will der Allgewalt des gerechten Richters entrinnen? Wir gründen aber unser Vertrauen auf seine Barmherzigkeit, die

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weder uns noch unsere Vorfahren jemals verlassen hat. So viel an uns liegt, sollen unsere Feinde niemals gerechte Ursache haben uns zu bekriegen. Thun sie's aber doch, und wollen sie uns, neidisch auf unsere vom Herrn empfangene Freiheit, unterjochen, so sollen sie an uns unter Gottes Beistand wackere Kämpfer finden. Lieber wollen wir als tapfere Männer fallen, als sclavisch und schmählich der Willkür eines gottlosen Feindes uns fügen. Sollten aber die Umstände der Art sein, daß es uns unmöglich wäre ins Feld zu rücken, und wollte der Feind uns durch Zögerung, Sperre und Unkosten ermüden und überlisten, so soll er, will's Gott, ein mäßiges Volk finden, das mit gar Wenigem zwischen seinen Bergen zu leben vermag. Unsere Unkosten werden lange nicht an die seinigen reichen und er weit eher ermüden als wir, die wir an Strapatzen gewohnt sind. Muthige Ausfälle von unserer Seite werden ihn ängstigen, daß er wohl selbst auf den Geanken kommen wird, es sei dienlicher, es mit uns aufzunehmen in offenem Schlachtfeld. Und thut er das, so hoffen wir, der Herr wird für uns streiten. Gott Lob, nichts mangelt uns, was zu einem langwierigen Kriege gehört. Unter den Eidgenossen herrscht die größte Eintracht. Denn welcher Religion die Einen oder Anderen angehören, stimmen wir doch darin überein, der Sieg hänge ab von Gott, er helfe denen, so sich zu ihm bekehren und seinen Namen anrufen. Mann für Mann will jeder Leib und Leben wagen fürs Vaterland. Dem darf bange sein für seinen Kopf, der in Kriegesnöthen auch nur den Verdacht auf sich lüde, daß er's mit dem Feinde hielte." Eben demselben schreibt er späterhin: "Die ganze Schweiz waffnet sich, um jeden Angriff mit Gewalt zurück zu treiben. Leute jedes Standes, Geschlechtes und Alters sind völlig entschlossen, sich gänzlich Gott zu weihen und lieber zu sterben in der Freiheit und im wahren Glauben als wieder unter das Joch der Knechtschaft und des Antichrists sich zu  beugen." Aus einem andern Briefe Bullingers vernehmen wir, daß es noch damals in den inneren Kantonen nicht Wenige gab, die in der Stille dem Evangelium anhingen; "sie leben ehrbar, sie glauben an Christum, sie sind eben unter einer Tyrannei. Aber wenn der Kaiser oder ein anderer Feind uns angreifen sollte, so ist zu hoffen, daß sie ihre Pflicht thun; wiewohl nicht auf sie zu vertrauen ist, sondern auf den Herrn. Kommen nur dreißig Solche, so sind sie uns willkommener als dreihundert Gewöhnliche."

Ebenso muthvoll und gottergeben schreibt Bullinger im November 1547 an Myconius: "Mag's denn nicht anders sein, wohlan so mögen sie kommen, diese Unholde. Sie sind Fleisch und Blut. Gott gibt Sieg und Stärke. Laßt uns nur darauf dringen, daß unser Volk sich bessere und treulich zu Gott schreie. Will uns Gott helfen, so wird sich's wohl machen. Wenn ihrer so viel sind als Land und Gras, so wollen wir sie mit Gottes Hülfe niedermähen. Will aber er uns nicht helfen, sondern uns strafen, so sollen wir nicht fragen: warum, sondern dazu uns Gnade und Geduld erbitten, daß wir uns christlich und getrost unter's Kreuz stellen und darunter

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erliegen. Jch trau' aber Gott, er erbarme sich unser und verlasse uns nicht. Wollen sie uns nicht ruhig lassen, so helfe Gott und eine gute Streitaxt. Es wird ihnen schwer genug werden, uns aus unserm Vaterland zu treiben von Weib und Kindern. Da wird mancher Heuer werden; denn 's wird gewiß wackere Streiche geben. Gott komme uns zu Hülfe!" Ebenso schreibt er ihm im April 1548, wohl sei die Lage noch gefährlicher geworden: "Aber wir wollen uns nur unerschütterlich zeigen und auf dem graden Wege des Herrn vorwärts schreiten. Gottes Wort richtig theilen und alle zur Buße mahnen." Als im August der Bullingern befreundete Prediger Frecht in Ulm vom Kaiser in Fesseln gelegt worden, Konstanz schon schwankte und offenbar ward, daß es der von ihm zugemutheten Wiederaufnahme des Bischofs und der Priesterschaft sich nicht werde erwehren können, schreibt er an eben denselben nach Basel: "Wie, wenn der Kaiser nun auch den Baslern ihren Bischof und die Pfaffen wieder aufbringen wird?"; schon venehme man, "der Kaiser wolle auch Genf erschnappen. Denn all sein Ding ist trennen; ih, daß Gott ihn auch zerschneide! Gott verzeih mir's, ist mir's Sünd"... "Unersättlich ist sein Ehrgeiz (schrieb er an Sörin schon im Februar) und seine anmaßende Herrschsucht. Gewiß ist, des Kaisers Macht wird endlich durch ihre eigene Last zusammen stürzen, wo immer dies seinen Anfang nehme." Wie ging doch dies ahnungsreiche Wort so wunderbar in Erfüllung, bis das kronenschwere Haupt des Kaisers erdrückt von der Last seiner Kronen müde niedersank und sein zerschnittenes Herz hinter der Klosterpforte von St. Just seine Heilung suchte.[70] Auf was für einen Herrscher Bullinger allezeit baute, hören wir noch so recht stark aus seinen Zeilen an Myconius vom September 1548: "Gott mit uns! ... Freilich wird, wie du mit Recht sagst, Gott seine gerechte gute Sache nicht verlassen; all den Seinen wird er Gnade, Hülfe und Trost erzeigen, seine Widersacher aber strafen hier und dort. Drum laß uns getrost sein in Verkündung seines Wortes. Jn dieser letzten Zeit thut der Teufel seinen letzten Rung. Siegen aber wird der unbesiegliche Sieger Christus der Herr und triumphiren in den Seinigen. Denn er ist Herrscher nicht bloß über Deutschland, Spanien, Ungarn, Sicilien und Neapel usw., sondern über Asien, Afrika, Europa, die Jnseln, ja über das Weltall, über Himmel und Hölle. Sein Wort wird bleiben!... Messelesen hast du nicht gelernt, ich eben so wenig, und wir werden's nicht lernen, Gott steh uns bei! Lieber laß uns Leib und Leben hingeben für den Bund Gottes. Denn das Zeichen des Thieres wird empfangen, wer kaufen und verkaufen will (Offenb. Joh. 13, 17). Das will ich nie und nimmer. Gott stärke uns in seiner Wahrheit!" Von demselben Sinne zeugt, was er gleich nach dem Falle von Konstanz an Calvin

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schrieb: "Nun droht auch uns das Unheil. Wir sind gewärtig, was in diesem Winter noch oder im nächsten Frühjahr die Feinde der Wahrheit gegen uns unternehmen. Gott sei bei uns und stärke uns in seiner heiligen Wahrheit, daß wir nichts unseres heiligen Amtes Unwürdiges zulassen. Betet für uns! Wohl sind die Unsrigen jetzt noch hurtig, unverzagt und standhaft, bereit allen Gefahren die Stirne zu bieten. Aber wenn nicht der Herr uns behütet, so wachet der Wächter umsonst. Unsere Sünden freilich, Blut, Undank, Habsucht, Neid, Streit und Anderes der Art drücken uns Alle, die wir den Namen Christi führen, und wir verdienen, daß der Herr mit der Geißel uns aufwecke. Doch ist er milde und gnädig, so wir mit wahrem Glauben und herzlichem Gebete zu ihm nahen. Gefällt es ihm uns dieser Welt zu entreißen, so will er aus unsäglichem Jammer uns erlösen und uns ewiges Leben schenken. Jhm allein sei Preis in Ewigkeit!"

Bullinger selbst sah sich angefochten von Seiten der römisch-katholischen Kantone wegen der Herausgabe von fünf Predigten, in denen Gwalter gegenüber dem 1546 aufs neue vom Pabste gegen die Evangelischen gebrauchten Ketzernamen nachwies, daß der Pabst der wahre Antichrist sei, von dem die Schrift rede. Bullinger sowohl, als der Verfasser mußte sich deshalb im Januar 1547, einer Zeit voll ängstlicher Spannung, vor dem zürcherischen großen Rathe persönlich verantworten. Er sah sich hier im Falle den Schutz, den man der Wahrheit und der Presse schulde, zu verfechten. Wohl gelang ihm dies völlig. Doch hinderten die der zürcherischen Regierung daraus erwachsenen Unannehmlichkeiten, zumal bei der noch drohender gewordenen Stellung des Kaisers, die Herausgabe seiner Widerlegungen des Jnterim. "Jch habe in deutscher Sprache meine Bemerkungen gegen das Jnterim zusammen gestellt, indeß nicht in der Meinung sie heraus zu geben, schreibt er an Calvin. Auch habe ich in der Versammlung der Geistlichen eine Rede wider dasselbe gehalten; doch ist sie nicht der Art, daß sie verdiente gedruckt zu weden. Auch weiß ich nicht, ob sie hier erscheinen dürfte. So hat man unsere Regierung herum geschleppt wegen der Herausgabe von Gwalters Antichrist, auch Gwalter und mich deshalb so arg mitgenommen, daß es besser ist, es werde bei den klaffenden Wunden unsers Zeitalters hier in Zürich gerade in diesem Zeitpunkt, da die Tagsatzung eine Einigung Aller zu Wege zu bringen sucht, nichts von mir veröffentlicht, damit ich nicht Oel ins Freuer gieße und mehr niederreiße als erbaue."

So ließ sich Bullinger, dem es nicht ums Erbittern, sondern ums Erbauen zu thun war, hiedurch wohl davon abhalten, sein nach Blaarers Urtheil fast zu scharfes Schriftchen zu veröffentlichen. Etwas aber, wovon er sich nicht abhalten ließ, obschon die römisch Katholischen es ebenfalls ungerne sahen, war die treue Pflege der flüchtigen Glaubensbrüder.

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85. Bullingers Fürsorge für die flüchtigen deutschen Glaubensbrüder.

Wie Viele wurden von den Wogen der jammervollen Zeit aus ihren Wohnsitzen weggerissen! Nur aus Augsburg und Konstanz allein mußten mehr als zwölf Prediger ihre Arbeitsfelder räumen, die nebst vielen andern in der Schweiz eine Zuflucht suchten, hier Schutz und Unterhalt, ja auch größtentheils noch vor Ende 1548 eine Anstellung fanden. Achten wir auf Bullingers Benehmen gegen die Flüchtigen. Wie eifrig, hingebend, unermüdlich sorgte er für sie, wie umsichtig, treu und behutsam ging er dabei zu Werke, damit jedem wo möglich der geeignete Platz werde. Und wie edelmüthig finden wir ihn in Gesinnung und That auch Solchen gegenüber, von denen er zuvor verkannt worden, die sich ihm in dem leidigen Streite über das Abendmal einiger Maßen entfremdet hatten. Wir begnügen uns mit einigen Beispielen. Sein Verhalten gegen Schuler und Musculus mag zum Zeugnisse dafür dienen.

Gervasius Schuler, Pfarrer in Memmingen, einst Bullingers Amtsgenosse in Bremgarten, welcher seit der von ihm freilich im Sinne von Butzers mildester Auslegung unterzeichneten Wittenberger Concordie ihm etwas ferner gerückt worden, doch immer noch mit ihm in Briefwechsel geblieben war, schreibt ihm im Mai 1548: "Das entsetzliche Jnterim zu predigen, zu vertheidigen und zu leben, wie der Kaiser befiehlt, das weiß ich vor Gott und meinem Gewissen nicht zu verantworten. Jst demnach meine freundliche Bitte, du wollest bedacht sein um Christi und gemeinsamer Liebe willen, wofern die Sache bei uns nicht besser wird, daß ich möchte bei euch ein Unterkommen finden, in Betracht, daß ich auch vormals in euerer Trübsal bei Kappel gewesen und es treulich gewagt, auch gerne ferner bei euch geblieben wäre und mich gegen die Eidgenossen, welche bei unserm unglücklichen Kriege (1546) zu Memmingen gewesen, aller Treue und Liebe beflissen habe. Darum versag mir nicht dein Hülf und Rath." Woche für Woche sendet er Schreiben ähnlichen Jnhaltes, im Herbste finden wir ihn bei Bullinger. Dieser versagte ihm seine Hülfe nicht. Gerade bei Schuler hielt es indeß wegen früherer Anstöße schwer, eine neue Pfarrstelle für ihn zu finden; doch gelang es Bullingers fortgesetzten Bemühungen, die zu Lenzburg für ihn auszuwirken, welche er dann bis zu seinem Ende (1563) versah. Stets unterhielt er durch zahlreiche vertrauliche Briefe sein gar freundliches Verhältniß zu Bullinger.

Schon im Sommer 1548 langte Wolfgang Musculus aus Augsburg in Zürich an und fand ebenfalls bei Bullinger die erwünschte Zuflucht. So heftig war gerade er verfolgt, daß er etliche Monate keinen festen Wohnsitz fand; auch der Rath in Zürich wagte es bei der gewaltigen Uebermacht des Kaisers nicht sofort, ihm einen bleibenden Aufenthalt zu sichern. Er ging daher für kurze Zeit nach Basel, Konstanz und St. Gallen. Zudem war Zürich zu Stadt und Land damals bereits mit Predigern hinreichend versehen.

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Ungesäumt wandte sich aber Bullinger (am 9. Juli 1548) nach Bern an den mächtigen Schultheiß Nägeli und stellte ihm die Drangsal der verfolgten Glaubensbrüder lebhaft dar sowohl in seinem eigenen Namen, als auch im Namen beider Bürgermeister Zürichs. "Nachdem der gerechte und wahrhafte Gott, schreibt er, die Reichsstädte an Leib und Gut übel gestraft, ist doch das Alles erträglich im Vergleich mit dem, was ihnen zu dieser Zeit begegnet von den Pfaffen und von aller Pfaffen Schirm und Schild, dem Kaiser und dem römischen Könige, welche zu dieser Zeit alle Reichsstände mit einer Form des Glaubens, die bei Etlichen als eine Reformation und Verbesserung[71] dargegeben und gerühmt wird, im Grunde aber nichts Anderes als das schändliche, abgöttische Pabstthum ist, zu großer Pein ihrer Gewissen und zu Verderbung ihrer Seelen beschweren. Denn die armen Leute sind so kleinmüthig, daß sie nicht eher den Tod, als ein solch abtrünnig, elend Leben erwählen, und nehmen deshalb allenthalben die Form des kaiserlichen Glaubens an, wodurch sie zur Messe, Anbetung des Sakraments, Haltung der Bilder, zu den Vigilien und Todtenrecht, zur Ohrenbeichte und andern verkehrten Dingen gedrungen werden. Denn der Kaiser schreitet ein nicht bloß mit Dräuen, sondern auch mit Schicken der Kriegsleute. Wir haben also Kundschaft, daß die Städte mehrentheils nothgedrungen vielgedachte Form des Unglaubens angenommen haben .... Hin und her werden Kirchen wiederum geweiht und ist Freude und großer Jubel bei Pfaffen und Mönchen. Jn dem Allem fallen an etlichen Orten auch die Kirchendiener dahin, insonders in der Ober-Pfalz. Dagegen bleiben viele mit Gottes Hülfe standhaft, wollen das Jnterim nicht annehmen, verlassen was sie haben und ziehen ins Elend.

Also ist dieser Tagen allhier gen Zürich kommen deren von Augsburg vorderster Pfarrer Wolfgang Musculus (Mäuslin), ein trefflich gelehrter Mann, als er im Reich gewesen, treu und redlich. Es ist kommen Paul Rasdorfer, Prediger zu Kempten. So erwarte ich auch M. Gervasius Schuler, Prediger zu Memmingen, und wie man mir berichtet, rüsten sich auch andere Ehrenleute ins Elend zu ziehen und dem Greuel zu entfliehen und ist wahrlich ein großer Jammer und Elend.

Laßt euch das Elend dieser armen, um der Wahrheit willen Vertriebenen zu Herzen gehen. Rathet und helfet, daß man sich ihrer auch in der ehrlichen Stadt Bern annehme, wie dieß auch hier in Zürich der Fall ist. Bern hat viele Kirchen und bedarf der Kirchendiener viele, möchte daher um so eher im Fall sein den Vertriebenen des Herrn Jesu zu Hülfe zu kommen. Dennoch will ich hiermit nicht daran sein, daß jemand angestellt werde, der unserer Religion nicht ist und sich nicht willig erklärt nach allgemeiner Stadtordnung und loblicher (Berner) Disputation zu lehren, zu halten und zu

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predigen. Jch habe auch mit Herrn Musculus hievon geredet und ihn rechtschaffen funden. Doch weiß auch Herr Johannes Haller seinethalb besser zu berichten. Jch bin recht froh, daß ein solcher frommer, trefflich gelehrter Mann, deß sich ein ganz Land freuen mag, zu uns in die Eidgenossenschaft den Spaniern aus den Händen entronnen ist. Er ist als Professor zu lehren, für den Druck zu schreiben, zu disputiren und zu predigen, als der vieler Sprachen kundig ist, zu gebrauchen. Bitt um Gottes willen, lasset ihn und andere Arme Eurer Weisheit befohlen sein, ihnen das Beste zu reden."

Haller seiner Seits, damals schon in Bern, that ebenfalls sein Möglichstes. "Daß mein theurer Bruder Musculus entronnen ist, schreibt er den 11. Juli an Bullinger, freut mich so sehr, als daß ich selbst entronnen bin. Jch liebe ihn als meinen Herzensfreund und als tapfern Kämpfer zum Preise des Herrn. Es freut mich auch dein Zeugniß, daß seine Lehre über das heilige Mal lauter sei, besonders auch darum, weil ihr nun erkennt, daß unser Zeugniß wahr war", und zwei Tage später berichtet er ihn über seine Verwendung bei den bernischen Staatsmännern: "Jch verhehlte ihnen keineswegs, wie er durch Butzer (1537) auch in die lutherische Concordie geführt worden und also verhoffte, Alles sei geschlichtet, auch nach der Form dieser Concordie und Vergleichung hernach Alles das gestellt habe, was er in seinen Auslegungen der Schrift und seinem Katechismus vom Nachtmal ausgehen ließ, so daß er sich dessen beflissen also zu schreiben, daß er keinen von beiden Theilen erzürne. Doch habe er niemanden gescholten oder mit Namen angetastet."

Jndeß dauerte es bis zum April 1549, bis er in Bern eine Pfarrstelle erhielt; seine Gattin und seine neun unerzogenen Kinder konnten ihm erst einige Monate später dorthin folgen. Jnzwischen sorgte Bullinger, obgleich mit mancherlei Hülfesuchenden belastet, sechs Monate lang auf eigene Kosten für den Unterhalt dieser zahlreichen, gänzlich entblößten Haushaltung, für die Pflege der Mutter insbesondere; er übernahm bei dem neugeborenen neunten Kinde bereitwillig die Pathenstelle und gab jedem derselben noch zwei Gulden mit auf den Weg. Dafür blieb ihm auch ihre innige Dankbarkeit. "Heute haben wir deinen und der Deinigen Briefe erhalten, schreibt ihm Musculus aus Bern am 2. Juni 1549. Sie waren uns höchst willkommen. Du hättest sie sehen sollen, die Freude und das Frohlocken der Meinigen während des Lesens; wahrlich es hätte dich zu Thränen gerührt. Es war uns Allen, wir wären noch in euerer Mitte. So lebendig wurde uns das Andenken an euch durch euere Briefe! O euere Liebe bleibt unauslöschlich in den Herzen der Meinen! Gott lohne dir und den Deinigen für alle Beweise euerer redlichen Freundschaft. Besonderen Dank für den gar willkommenen Brief deiner trefflichen Gattin an die meinige. Jhre Ermunterung wird hoffentlich nicht fruchtlos sein. Die meinige wird ihr heute antworten." Sechs Söhne von Musculus widmeten sich dem geistlichen Amte, eben so deren Nachkommen Jahrhunderte lang.

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"Deiner Empfehlung wegen, muß Bullinger eben in dieser Zeit an Calvin schreiben, hätte ich den von dir Empfohlenen gerne aufgenommen. Allein meine Geldkräfte sind zu sehr zusammen geschmolzen, als daß sie ausreichten um noch mehr Brüdern in ihrer Dürftigkeit aufzuhelfen, und unsere Kirche ist ohnehin genug und mehr als genug belastet. Doch entschloß ich mich ihn einige Zeit an die Kost zu nehmen." Dergleichen Tischgenossen sah Bullinger lange Zeit hindurch alltäglich eine bedeuende Zahl an seinem Tische. Und doch fielen die Aufgenommenen nicht immer nach Wunsch aus. Jm Mai 1549 klagt Bullinger den Gebrüdern Blaarer: "Etliche Flüchtlinge halten sich so, daß sie anderen schaden, unseren guten Satzungen zuwider spielen, übel schwören, zerhauene (üppige) Kleidung tragen, wenig oder so viel als nicht zur Kirche gehen, dem Franzosen (französischen Gesandten) nachreiten, kurz sich betragen nicht wie vertriebene Christen, sondern wie muthwillige Leue."

Jndeß bekam Bullinger noch andere Flüchtlinge aus Deutschland in dieser Zeit zu sehen. Namentlich besuchte ihn der oben erwähnte Graf Georg von Württemberg, Statthalter in der Grafschaft Mümpelgard, sowie in den Herrschaften Horburg und Reichenweier (im Elsaß). Er und der junge Herzog Christoph flohen nach der Schweiz. Auf dem Wege nach Basel kam er im September 1547 nach Zürich zu Bullinger. "Graf Georg besprach sich mit mir einläßlich rücksichtlich der Uebereinstimmung in der Lehre," schreibt dieser an Blaarer, und an Erb: "Er ist mir durch sein Wohlwollen und seine Humanität ganz vertraut geworden." Von Basel sandte er Bullingern Melanchthons Gutachten über das Jnterim, lebhaft bedauernd, daß man an vielen Orten anfange schwach zu sein, und schrieb ihm öfter gar herzlich. "Es steht hier stets sorglicher um uns, schreibt er im Juli 1548; Butzer und Andere ermahnte ich zur Standhaftigkeit. Der liebe Gott wolle uns in seiner gnädigen Hand mit wahrem Glauben erhalten und denselben in uns mehren," und im Januar 1551: "Wahrlich, Bullinger, Gott ist mit seiner Ruthe öffentlich am Tage; darum laßt uns wachen und beten von Herzen; denn die Axt ist wahrlich gewaltiglich an den Baum, ja den ganzen Baum Deutschland gelegt worden. Der lieb Gott wolle sich über uns arme, verachtete Deutsche erbarmen, damit wir uns auch zu mehrerer Besserung schicken mögen, und Gnade geben, daß wir nicht zu viel fahrlässig seien, damit es dem Herrn angenehm und gefällig sein möge!"

Bullinger hinwider stand ihm tröstend und stärkend bei; schon 1547 widmete er ihm ein kleines Schriftchen vom Abendmal, dann 1551 einen in kurze Sätze zusammen gefaßten "Gegensatz der evangelischen und päbstlichen Lehre," und 1552 den trefflichen "Beweis, daß die evangelischen Kirchen weder ketzerische noch abtrünnige (schismatische), sondern ganz rechtgläubige und wahrhaft katholische Kirchen seien," dessen Vorwort die kräftigste Glaubensgewißheit und Glaubensfreudigkeit athmet, und zumal

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verfolgten Christen rechten Herzenstrost und die lebendigste Ermunterung darbietet, von der Wahrheit nicht ein Haar breit zu weichen.

Auch der tapfere Oberst Sebastian Schärtlin, ausgezeichnet in den Türkenkriegen, Feldhauptmann der Evangelischen im schmalkaldischen Kriege, fand sich, nachdem er vergebens das sinkende Konstanz zu halten gestrebt, in Zürich bei Bullinger ein. Großen Dank sagt er diesem von Basel aus im October 1548 für die Uebersendung der gegen ihn erlassenen Achtserklärung und sendet Bullingern seine Verantwortung mit der Bitte um Nachbesserung. Fünf Mal, bemerkt er ihm, habe er Carl V. mit Erfolg gegen Frankreich gedient; die Reichsacht sei nun der Dank dafür. Jn französische Dienste getreten suchte auch er Bullinger für ein französisches Bündniß zu gewinnen; nichts, meine er, wäre der protestantischen Sache förderlicher. Bezeichnend ist es für Bullinger, daß er, weit entfernt darauf einzugehen, nicht nur selbst fest blieb, wie oben schon erwähnt worden, sondern auch Schärtlin wohlmeinend erinnerte, daß er ein Deutscher sei, daß die Verhältnisse Frankreichs sich ändern können, und ihm riet, durch keine feindseligen Schritte gegen Kaiser und Reich eine spätere ehrenvolle Rückkehr ins Vaterland sich zu verschließen. Wie unerwartete Glücksfälle brauchte es, daß ihm diese, obgleich er dem Rathe kein Gehör gab, schon 1552 (im Passauer Vertrag) wieder gewährt ward.

Doch lange genug haben wir uns bei Bullingers Verkehr nach außen aufgehalten, begleiten wir ihn wieder an die Stätte seines inneren Lebens, zunächst zu seinen schriftstellerischen Arbeiten.

 

Sechster Abschnitt.
Bullingers schriftstellerisches Wirken.

86. Bullingers Gelegenheitsschriften.

Bedenkt man, was Alles von Bullingers Geschäften bisanhin schon erwähnt worden, so dürfte sich niemand verwundern, wenn er damit sich begnügend bloß als praktischer Geistlicher gewirkt, der schriftstellerischen Thätigkeit aber sich gänzlich enthalten hätte. Dennoch finden wir seine Feder stets geschäftig und sehr ergiebig. Die Verhältnisse und Ereignisse der Zeit drängten ihn zum Theil dazu, zum Theil eigene Lust und Neigung auch auf diese Weise den Bedürfnissen seiner Zeit- und Glaubensgenossen, so viel an ihm lag, ein Genüge zu leisten. Manche seiner Schriften hat daher bereits Erwähnung gefunden, Anderes ist hier noch nachzutragen. Jndeß sind die Schriften Bullingers so zahlreich, daß hier großentheils nur kurze Andeutungen über dieselben gegeben werden können.

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Wie früher bemerkt, brachte sein Amtsantritt als Vorsteher der gesammten zürcherischen Kirche es mit sich, daß er seine lateinische Rede "vom Prophetenamte" heraus gab, worin er den evangelischen Prediger, wie er in Lehre und Leben sein soll, in kurzen Zügen schildert, namentlich auch mit klarem Bewußtsein die Würde der Predigt wahrt und die eingetretenen Fehler abwehrt. Er erntete dafür vielfaches Lob."Wäre doch, schreibt ihm der redliche Bertold Haller aus Bern, deine Rede vor einem Jahre erschienen! Sie hätte viel Unheil verhütet. Denn damals meinte man, wenn einer nicht bald den Rath, bald die fünf Orte, bald das Pabstthum mit Schmäh- und Spottreden übergoß, er sei kein rechter Prediger." Bullingers Predigtweise war, wie wir wissen, anders und besser. Noch ist eine Anzahl solcher lateinischen Festreden Bullingers vorhanden, vor den Predigern, Lehrern und der studierenden Jugend gehalten, in deren jeder er eine wichtige kirchliche Zeitfrage behandelt. So zeigt er z.B., wie Maß zu halten sei in Betreff der Lehre von der göttlichen Vorsehung, der Gnade Gottes und dem freien Willen des Menschen; Gottes ewiger Rathschluß hebe die Reue nicht auf u.s.w. Am Carlstage (28. Januar) 1546 redet er im Vorgefühl der Dinge, die da kommen sollten, davon, wie der Herr durch mancherlei Drangsale seine Kirche übe und jeweilen geübt habe, nicht um sie zu verderben oder zu erdrücken, sondern um sie zu retten und zu heben, sodann an der Kirchweih (11. September) 1547 nach II. Timoth. 3, 12. 13. von den Aergernissen, die bei Manchen aus dem unglücklichen Gange des schmalkaldischen Krieges entsprangen. "Der Sieg bestätigt eine Religion nicht, und die Niederlage erschüttert ihre Wahrheit nicht," erweist er durch reichliche Beispiele aus der Religionsgeschichte und fährt dann fort: "Selbst die gänzliche Herstellung der alten Religion wäre kein Zeichen ihrer Wahrheit; die eigentlichen Ursachen dieser Trübsale sind eben unsere Sünden, wie ich schon am 28. Januar 1546, als Manche ihr Eintreten erst fürchteten, hier bezeugt habe." "Ja, das ist eine Rede voll herrlicher Tröstungen für die geprüften Kinder Gottes!" urtheilt Ambrosius Blaarer mit dem Beifügen, "zum Trösten habe Bullinger eine vorzügliche Gabe."

Dem pastoralen Wirken Bullingers (als Seelsorgers) entsproßte außer der schon früher genannten "Anweisung für Kranke" (1538 und 1544) die ebenfalls jetzt noch sehr lesenswerthe Schrift: "der christliche Ehestand" (1540), worin er die gesegnete evangelisch-christliche Schließung und Führung der Ehe sammt allen dahin gehörigen Fragen, betreffend Ehelosigkeit, Ehescheidung, Kinderzucht, schriftgemäß mit Umsicht, Milde und heiligem Ernste behandelt. Auch wird darin nachgewiesen, wie der Pabst den Geistlichen wider Gott, Ehre und Recht die Ehe verboten habe.[72]

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Die Verwerfung des alten Testaments von Seiten der Wiedertäufer veranlaßte Bullinger 1534 zur Herausgabe einer Schrift betitelt: "Der eine und ewige Bund Gottes", worin er den großen Gedanken von der Einheit des durch alle Zeiten sich fortsetzenden Bundes Gottes, der in Christo seine Vollendung finde, darlegt und namentlich hervor hebt, wie auch schon vor Christo der Glaubensweg der einzige Weg in den Himmel gewesen, wie es auch schon damals ein recht geistliches Jsrael gegeben habe, das selbst unter dem Gesetze nicht durch das äußere Halten des Gesetzes, sonderndurch die Herzensfrömmigkeit, durch wahren Glauben aus Gottes Gnaden selig wurde.

Verwandten Jnhalts ist die gegen die römisch Katholischen gerichtete Schrift von 1537: "Der alte Glaube, das ist, klarer Erweis, daß der christliche Glaube von Anfang der Welt gewährt habe und dies der rechte, wahre, alte und ungezweifelte Glaube sei." Viel wurde damals über den "alten" und "neuen" Glauben hin und her gestritten, zumal die Evangelischen in dem oben erwähnten unglücklichen Landsfrieden (von 1531) hatten zulassen müssen, daß die römisch Katholischen ihren Glauben als den wahren, ungezweifelten christlichen Glauben bezeichneten. Bullinger zeigt nun, daß, wenn auch ein Theil der unevangelischen römischen Gebräuche und Lehren alt sei, wiewohl nicht so als als man gewöhnlich meine, doch der evangelische Glaube weit älter sei, ja uralt, indem er wesentlich derselbe sei, der schon zu Anfang der Welt begonnen, stets fortgedauert, in der Gnadenzeit Christi aber seine Vollendung gefunden habe. Er durchgeht dafür alle Zeiträume der Offenbarungsgeschichte. Beiläufig bemerkt er bei Josua: "Sein Kriegführen war nicht ein fleischliches, glaubenloses Werk, wie Etliche, von manichäischem und wiedertäuferischem Schwindelgeist verworren, vermeinen; auch jetzt ist es nicht unchristlich, wenn eine christliche Obrigkeit das Schwert braucht zur Vertheidigung des Vaterlandes oder zur Bestrafung der Gottlosen." Diese Schrift ist einem treuherzigen Alten, dem vertriebenen solothurnischen Rathsherrn und vormaligen Landvogte Winkeli, der ein Verwandter Leo Judä's und damals in Basel ansäßig war, gewidmet.

Heftig angefallen sah sich Bullinger 1543 und 1544 von Johann Cochläus, einem der namhaftesten Verfechter des Pabstthums, theils wegen seiner 1538 auf Bitten der in Zürich weilenden Engländer Heinrich dem VIII. gewidmeten Schrift "Von der heil. Schrift usw.", theils wegen der 1539 erschienenen neuen Auflage des Buches "Vom Ursprung des Jrrthums in Betreff der Heiligen- und Bilderverehrung." Den wiederholten mit reichlichen Beschimpfungen durchzogenen Angriffen setzte er zwei Schriften entgegen. Die erste vollendete er innert vierzehn Wochen unter ziemlichem Verdruß sich damit schleppen zu müssen; die zweite widmete er dem Pfalzgrafen Ottheinrich. Er gibt darin seine rechtgläubige (orthodoxe) Antwort über die Autorität

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der heil. Schrift und das wahre Ansehen der Kirche in ihrem gegenseitigen Verhältnisse und beleuchtet noch insbesondere den Begriff der heiligen wahrhaft katholischen Kirche.

Dessen war Bullinger sich aufs klarste bewußt, daß die evangelische Kirche der katholischen nicht gegenüber stehe, sondern vielmehr selbst das wahrhaft Katholische, das wesentlich und allgemein Christliche enthalte und darbiete; eben so wenig will er die römische Kirche als solche bekämpfen oder vernichten, vielmehr die römische Kirche, wie sie ungefähr in ihren ersten sieben bis acht Jahrhunderten gewesen, gern ehren und lieben, gleichwie alle übrigen Kirchen; wohl aber muß er bekämpfen und verwerfen das dem Evangelium und ächten Christenthum Widersprechende, was sie seit den letzen sechs oder sieben Jahrhunderten großentheils aus Unkenntniß in sich aufgenommen, was sie nun im Widerspruch mit der lauteren Wahrheit so zähe festhält, ja selbst den anderen Kirchen beharrlich aufdrängen will.[73]

Sowohl Blaarer als Vadian spenden Bullingern großes Lob über die Klarheit und den gemäßigten Ton seiner Antworten gegen Cochläus. "Salz haben sie wohl, aber möchten doch, sagt jener, dieses dein Beispiel Alle nachahmen, die heut zu Tage durch ihre Rohheit und Gemeinheit die Wahrheit mehr besudeln, als vertheidigen!" Für uns ist wohl am bemerkenswerthesten das Selbstzeugniß, zu welchem Bullinger durch ein hingeworfenes Feindeswort veranlaßt war. Er erwiedert seinem Gegner am 1. Februar 1545: "Luther nennst du einen abtrünnigen Mönch. Was du bist, fügst du bei, oder einst gewesen bist, habe ich noch nicht vernehmen können; ich frage auch nicht viel darnach. Du hegst also doch wohl irgend einen Verdacht. Nun wohlan, frage mir nur nach, so genau du willst; du darfst. Jch darf mich freilich keines Dinges rühmen; ich bin ein Sünder, habe aber all meine ganze Hoffnung auf Christum gesetzt. Jetzt bin ich Diener der Kirche zu Zürich, rechtmäßig von der Kirche in dies Amt berufen; vor meiner Berufung aber stand ich einer Schule vor und gab Unterricht sowohl in theologischen als in andern Fächern. Schon in meinem Knabenalter gelangte ich zum ächten Christenglauben, schon seit jener Zeit befliß ich mich des Studiums der heil. Schrift und der Kirchenväter. Niemals habe ich mich einem Bischof, Abt oder Prior auf seine Satzungen verpflichtet. Niemals nahm ich irgend eine Mönchsweihe an. Nie hatte ich damit irgend was zu schaffen. Jch lebte als Privatmann und Laie, lebte mir und der Wissenschaft, beflissen mich fortzubilden in edeln und heiligenKenntnissen. Drum frage nur nach, du darfst; Gott Lob wirst du nichts finden in meinem Leben, dessen ich mich schämen müßte, außer daß ich ein sündiger Mensch bin vor dem Herrn meinem Gotte."

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Sonst war Bullinger nicht geneigt sich mit jedem römisch-katholischen Polemiker einzulassen. So schreibt er im Juli 1546 an Johannes Haller mit Bezug auf einen solchen: "Dem antworte ich nicht. Denn sie prahlen nur bei den Bischöfen, wenn einer der Unsern gegen sie schreibt; sie wollen nämlich als Säulen der Kirche erscheinen und bekommen Belohnung."

Schriftstellerisch aufzutreten sah sich Bullinger auch veranlaßt durch den lange Jahre in Süddeutschland, besonders in Straßburg und Ulm weilenden schlesischen Edelmann Kaspar Schwenckfeld, der wohl der Reformation in ihren Anfängen sich angeschlossen hatte, nicht aber mit ihrem nothwendigen Fortgang Schritt halten konnte, da er bei seiner mystischen Richtung jedem Bestand gewinnenden äußeren Kirchenwesen abhold war, selbst bis zu dessen Verwerfung, ein Vorgänger gewisser modernen, zumal in der vornehmeren Welt vorkommenden Strömungen. Als Bullinger an die Spitze der zürcherischen Kirche trat, war der Bruch zwischen ihm und den bestehenden reformirten Kirchen, wegen seiner Neigung zu den Wiedertäufern, schon ziemlich nahe. Durch häufige Briefe suchte Schwenckfeld Bullinger und Leo Judä zu gewinnen. Allein bei Bullinger war seine Mühe ganz vergebens; ihm kam seine Unklarheit sofort höchst verdächtig vor. Jahre lang warnte er daher die ihm Befreundeten vor Schwenckfelds Schlingen, da dieser mit seiner Zudringlichkeit unausgesetzt fortfuhr die bestehenden Kirchen zu untergraben, namentlich ernstere Gemüther, besonders aus den höheren Ständen, zur Absonderung zu verlocken. Jnsbesondere aber mißfiel Bullingern Schwenckfelds Lieblingsvorstellung von der "Vergottung des Fleisches Christi"; Bullinger sah darin eine Beeinträchtigung der gesunden christlichen Lehre von der wahren Vereinigung, aber nicht Vermischung des Göttlichen und Menschlichen in der Person Christi, ein Hinüberschweifen in den von Alters her (auf der Synode zu Chalcedon 451) verworfenen eutychianischen Jrrwahn, als ob die Menschheit Christi in seinem göttlichen Wesen aufginge. Er besprach sich darüber mit den ihm näher Stehenden, wandte sich auch an Vadian, den theologisch hoch gebildeten Bürgermeister St. Gallens, und gab endlich 1539, um, so viel an ihm lag dem Uebel zu steuern und den an ihn ergehenden vielfachen Anfragen zu genügen, Vadians Brief, von ihm selbst im Einverständnisse mit dem Verfasser überarbeitet, heraus zugleich mit einer schon tausend Jahre zuvor verfaßten Schrift des Bischofs und Märtyrers Vigilius über denselben Gegenstand. Als Schwenckfeld 1542 seine Gegenschrift an Bullinger und die zürcherischen Geistlichen übersandte, erhielt er die für Bullinger bezeichnende Antwort: "Wir enthielten uns bisher so viel möglich aller scharfen Disputationen hierüber und lehrten über die Gottheit und Menschheit Christi unsere Kirchen in apostolischer und evangelischer Einfalt." Nach seinem eigenen Geständniß trug Schwenckfeld zur Erneuerung des Streites zwischen der lutherischen und reformirten Kirche bei; indeß ward er auch in

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Deutschland immer mehr als Jrrlehrer erkannt. Bullinger behandelte indeß auch den irrenden Schwenckfeld würdig; er ließ sich nicht zur Leidenschaft hinreißen; er unterschied sich auch darin von Luther. Oft nahm er in seinen Commentaren auf Schwenckfeld Rücksicht, ohne ihn zu nennen, wie wir auch aus seinem Briefe an Melanchthon bereits vernommen haben. Bullinger widmete die erwähnte Schrift dem bündnerischen Staatsmanne Johann Travers, dem "stählernen Ritter im Dienste des Herrn." Jhm schreibt er, indem er so einfach die praktische Seite des schwierigen Problemes von der Gottmenschlichkeit Christi hervor zu heben weiß: "Schreitet vorwärts, ich beschwöre euch, auf dem heiligen Wege des Herrn! Die Tugend ist unsterblich; sie adelt wahrhaft. Wir sind nach Gottes Ebenbilde geschaffen und zu seiner Aehnlichkeit. Dies müssen wir darlegen durch Unschuld und Heiligkeit in allen unsern Anschlägen, Worten und Thaten. Dies ist der Zweck unseres ganzen Lebens! Gott wird mit den Seinigen sein, die ihn von Herzen suchen und anrufen. Er ist stark genug uns gegen all unsere Feinde zu schirmen. Diejenigen allein halten wir in Wahrheit für sicher und unbesiegbar, die, dem Herrn einverleibt, den Herrn zum Beschützer haben."

87. Bullingers Schriftauslegung.

Beachten wir noch Bullingers Auslegungen, die er in diesem Zeitraume lateinisch heraus gab über sämmtliche Bücher des neuen Testamentes mit Ausnahme der von ihm besonders hoch geschätzten Offenbarung St. Johannis, die er, wie schon bemerkt, erst später (1557) in hundert Predigten auslegte. Einfachheit und Klarheit mit vorwaltend praktischer Richtung ist der durchgängige Charakter seiner Schriftauslegung. Diese war damals ein großes Bedürfniß; theils mangelte es an evangelischen Schriftauslegungen, theils waren sie unzureichend. Bullinger erntete daher sofort von allen Seiten großes Lob, als er 1532 seine Arbeit über den wider das Pabstthum, das ein neues Judenthum der Kirche aufgedrungen, so wichtigen Hebräerbrief erscheinen ließ. Gervasius Schuler, damals in Basel, las darin vor brennender Begier die ganze Nacht hindurch. Bertold Haller rühmt "den Geist, die Liebe, die Kürze", preist Bullingers Talente; aber der grundehrliche Haller geht sogleich zur Warnung über, "Bullinger solle doch ja demüthig bleiben, nicht etwa selbstgefällig, ehrsüchtig, hochmüthig werden; nicht daß Bullinger ihm zu Besorgnissen Anlaß gegeben hätte, aber vor den Schlingen des Satans könne man sich nicht genug hüten, er habe auch Zwingli seiner Zeit gerade so gewarnt und dieser es niemals übel genommen." Hinwieder trieb er Bullinger aufs kräftigste an fortzufahren. Von sich selbst sagt er bescheiden, "er habe viele Lehrer gehabt, aber nie einen geordneten Studiengang, er sei eben was Eck einst dem Zwingli mit Unrecht vorwarf, ein ""selbstgewachsener Theolog""; daher lerne er so gerne von Bullinger wie ein Schüler

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vom Lehrer; seine Schriften seien ihm sowie anderen frommen Brüdern (Amtsbrüdern) so lehrreich und ansprechend, weil sie hell und klar, wahr, offen und einfach seien und so die Finsterniß der Unwissenden gründlich heben". Als Bullinger im folgenden Jahre (1533) Hallern die Auslegung des Römerbriefes widmete, antwortet dieser, "von Ehrsucht und Ruhmsucht wisse er sich frei; es sei ihm leid, daß sein Name je gedruckt worden, es wäre denn, daß er noch einst der Welt eine Spur desselben aufdrücken könnte; Bullingers Dedication dieses Buches irgendwann zu erwiedern sei er ja nicht in Stande."

Nachdem er Bullingers Notizen zu den Evangelien in der Handschrift gelesen, bittet er ihn aufs neue dringend, er solle mit der Ausarbeitung fortfahren, besonders um derjenigen willen, die ungefähr so eine ähnliche Bildung haben wie er selbst, und spricht sich dann näher aus: "Du wirst vielleicht sagen, Butzer habe dies ja schon längst geleistet. Aber du weißt, in welcher Zeit er schrieb, wie er genöthigt war, einzelne Lehrpunkte ausführlicher als billig ist zu behandeln; auch scheuen die im Latein weniger Geübten seine langen Perioden. Vieles bei ihm scheint auch etwas seltsam und gesucht. Doch hat er seine Aufgabe gut gelöst. Die Gabe aber hat Gott dir verliehen, in einfachem Styl mit vieler Anmuth und Gewandtheit den eigentlichen Sinn darzulegen (Gott weiß, daß ich dies ohne Schmeichelei sage und schreibe), den Scheffel wegzuthun (ich meine die Schwierigkeiten und Dunkelheiten des Sinnes) und das Licht des göttlichen Wortes in seiner Klarheit leuchten zu lassen, so daß niemand unter den Brüdern sich fernerhin mit seiner Unkenntniß entschuldigen kann. Jn Zwingli's Commentaren hat man den schweren Styl und den Wechsel der Sprachen nicht gern, in denen Butzers die Weitschweifigkeit, eben so bei Capito. Luthers bedienen sich nur ganz Wenige, und über Bugenhagens Commentare klagen sie, man werde dadurch um nichts gefördert. Den ersten Rang nehmet in gegenwärtiger Zeit ihr Beide ein, du und Pellican. Pellicans Commentar wird in Paris öffentlich verkauft, wie Farels Begleiter und Amtsgenosse eben in dieser Stunde berichtete in Gegenwart Farels, der euch grüßen läßt. Alle deine Schriften gehen dort, wiewohl insgeheim, durch aller Frommen Hände, sowie Schriften von Zwingli und Butzer; Zwingli'sd Schriften sollte man durchaus heraus geben."

Myconius rühmt an Bullingers Schriften "besonders die göttliche Lehre, woraus, wer ein ruhiges Gewissen haben möchte, wohl schöpfen kann was ihn befriedigt." Ebenso spricht sich der Frankfurter Prediger Melander aus. Jodocus Textor (Weber) schreibt betreffend Bullingers Commentar zum Briefe an die Römer, "man sehe, daß derselbe Geist, den Paulus vom Himmel her empfing, auch auf Bullinger gefallen sei, da er so klar den Sinn des Paulus, ja des heiligen Geistes ins Licht stellt", und der feingebildete Simon Grynäus sagt: "Ewiglich müssen wir den Herrn dafür preisen, daß du mit diesem göttlichen Lichte dies unser Zeitalter erhellest."

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Auch Erasmus lobte, als Pellican 1536, kurz vor seinem Tode, ihn besuchte, Bullingers schriftstellerischen Fleiß sehr und versprach sich von ihm für die Zukunft noch Großes. Vadian erinnert sich "an der Leichtigkeit, Klarheit und Eleganz der bullingerschen Schriften."

Ebenfalls groß waren die Lobsprüche Butzers, welchem Bullinger zu Ostern 1535 bescheiden erwiedert: "Du bemerkst, du habest dich recht freimüthig gegen mich ausgesprochen über meine Erklärung der Briefe Pauli. Du hast mich nicht im mindesten dadurch verletzt, im Gegentheil; du schreibt mir nur zu viel zu. Fürwahr du hoffst von mir zu viel; ich bin nicht so hoch begabt, wie du meinst. Doch hat mir Gottes Güte das verliehen, daß ich Christum als das einige Sühnopfer für den ganzen Erdkreis, als unsere Weisheit und unser höchstes Gut, von ganzem Herzen liebe, von Eifer glühe seine Gnade und seine Ehre den Völkern ans Herz zu legen, und in aller Einfalt vor seinen Augen wandle. Er durchschaut Aller Herzen. Er weiß, wie ich gegen ihn gesinnt bin oder mit welcher Gesinnung ich meine Erklärung der biblischen Briefe an Hand genommen. Er sieht auch jede Regung meines Gemüthes. Würde ich sagen, ich sei ganz rein, so wäre ich ganz befleckt; doch er ist barmherzig und weist den demüthig Bittenden nicht ab, sondern reinigt mich noch von Tage zu Tage, auf daß ich reichlicher Frucht bringe. Gewiß betest du auch für mich, daß der Herr sich mein erbarme, daß er zu seinem Ruhme seine Gaben in mir mehre und kräftige."

So fuhr denn Bullinger in seinen schriftstellerischen Arbeiten fort ungeachtet seiner übrigen Geschäftsmenge. Jndeß wurde dem rüstigen Arbeiter denn doch mitunter der Arbeit fast zu viel. "Stunde um Stunde, schreibt er im Juni 1535 an Myconius, reiche ich die Blätter, eher beschmiert als beschrieben an den Buchdrucker ab; so bin ich durch die Bitten der Brüder in diese Tretmühle gerathen", und am 7. Juli bittet er Vadian um Christi willen ihm den Fehler zu verzeihen, daß er ihm so lange nicht geschrieben. "Aber, sagt er, ich bin mit Geschäften unsäglich überschüttet. Schon zum zweiten Mal wird mein Commentar zur Apostelgeschichte gedruckt (er erschien zuerst 1533); auch habe ich den zum Galaterbrief geschrieben und will, so Gott dazu Gnade verleiht, noch zum Philipper- und Kolosserbriefe schreiben vor der nächsten Frankfurter Messe (vor Mitte Septembers)." "Die Presse preßt mich", seufzt er 1539 in einem vertraulichen Briefchen an den nämlichen Freund, und 1543 in einem an Blaarer: "Jch arbeite am Commentar zum Kap. 14 des Evangeliums Johannis, gedruckt wird am Kap. 10. Kaum kann ich so viel schreiben als die unersättliche Presse verschlingt." "Daß ich dir seltener schreibe, meldet er schon etliche Jahre früher (1538) seinem Myconius, das machen die überaus vielen Geschäfte, die mich zerreißen und fast ertödten." "Und doch ist's recht und gut, daß es so um mich steht", bemerkt er 1540 in einem Briefe an Vadian.

Näheres über Bullingers Geschäftslast, auf die er sich hier öfter bezieht,

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vernehmen wir in einem Schreiben an eben denselben vom September 1541: "So willkommen, nützlich, lehrreich sind mir deine Briefe; ich bitte laß nicht nach mir zu schreiben, auch wenn ich's seltener thue. Jch bin eben beladen mit häufigen und beschwerlichen Predigten; dazu kommen die Vorlesungen (Collegien), denen ich als ein fleißiger und emsiger Zuhörer beiwohne. Stets mehren sich meine kirchlichen und häuslichen Geschäfte, deren ich mich durchaus nicht entschlagen kann. Diesen und jenen lieben Freunden muß ich auch manche gute Stunde widmen, den einen schreiben, mit andern Raths pflegen, da ich mich ihnen nicht entziehen darf; wann sie eben dazu hieher kommen, um sich mit mir zu berathen. Jnzwischen ist es mein Wunsch auch jenen, die weithin zerstreut sind, Christum zu predigen und denen, welchen es schwer fällt, in der Ergründung des Schriftsinnes beizustehen. Darum schreibe ich Erklärungen der heiligen Schriften für den Druck, was mich wundersam plagt und drückt. Wie viel Zeit glaubst du, daß mir da noch übrig bleibe zum Essen, zum Schlafen, zu anständiger Erholung des Geistes und Leibes? Jch will nur gar nichts sagen vom Gewimmer und Getümmel der zahlreichen Kinderschaar, da solche Klagen zu leicht dem Hörer ein Lächeln entlocken würden." Aehnlich klingt's im März 1542: "Jch habe noch nichts von den Schriften gelesen, deren du erwähnst. So oft ist zu predigen, so oft sind Bibellectionen und Vorlesungen zu besuchen, so sehr kommen mir häusliche und öffentliche Geschäfte in die Quere, daß ich mitunter ein wenig ungeduldig mein Loos beseufze. Ueberdies hat der Druck des Matthäus begonnen, mit meinen Erklärungen versehen. Täglich wird ein Folio-Blatt gedruckt; wenn ich nicht so viel schreibe, ausarbeite, korrigiere und zudem abgebe, so kann er nicht erscheinen zur Frankfurter Messe oder bis Anfang August, wobei Froschauer an dem bereits Gedruckten eine bedeutende Einbuße erleiden würde."

Ermunternd mußte aber für Bullinger in Bezug auf seine schriftstellerische Bethätigung auch der Beifall seines alten Lehrers, des sehr gebildeten Johann Cäsarius, sein, der ihm um eben diese Zeit aus Köln schreibt: "Je mehr ich mich mit deinen Arbeiten abgebe, desto mehr Vergnügen finde ich daran mit jedem Tage;" und im März 1543: "Diesen Winter habe ich ganz auf deinen Kommentar über Matthias verwendet. Jch kann nicht sagen, wie viel Frucht für Geist und Herz ich daraus gewann. Schreibe doch über Lukas:" ebenso im August 1544 und im März 1545: "Mit Sehnsucht erwarte ich deinen Commentar zum Lukas. Jetzt in meinem vorgerückten Alter beschäftige ich mich nämlich nicht mehr mit der schönen Literatur, sondern ausschließlich mit Theologie." Mitten im Kriege arbeitete Bullinger daran. "Jch schreibe am Commentar zum Lukas, meldet er Joh. Hallern nach Augsburg im Juli 1546, inmitten dieser Unruhen, derenthalben ich so oft davon wegeilen, so viele Briefe schreiben, so viel Besuchende anhören muß usw., um von den Predigten nur nichts zu sagen." "Jch bin ganz mit dem Lukas beschäftigt, schreibt er im August neben gar vielem Andern an Blaarer; ich wünsche ihn

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dem Bürgermeister Welser in Augsburg zu widmen", und im September nachdem das Buch, diesem schon seit etlichen Jahren ihm sehr gewogenen Manne dedicirt, erschienen war: "Dein Lob meines Commentars zum Lukas schreibe ich deiner Freundschaft zu. "Von Welser verlange ich nichts für die Dedication, als daß er fest bleibe!"

88. Bullingers eigenes Urtheil über seine Schriftwerke. Jhre Verbreitung. Koran.

Bullinger betrachtete eben sein schriftstellerisches Wirken als eine heilige Arbeit im Dienste des Herrn; wornach er dabei zielte, hören wir von ihm selbst, da er (1544) an Melanchthon schreibt: "Christus dem nichts auf der Welt verborgen ist, weiß, welches Ziel ich erstrebe bei meinen schriftstellerischen Arbeiten. Darnach strebe ich, das Heilswerk und die große uns in Christo zu Theil gewordene Gnade Gottes ins helle Licht zu setzen. Darnach strebe ich, allen Redlichen und Wahrheitsuchenden zur Erforschung der heil. Schrift Lust und Liebe zu erwecken. Manche wähnen, die heil. Schrift sei roh und barbarisch geschrieben und ohne gehörige Ordnung; deshalb haben Manche einen Widerwillen gegen sie! Darum zeige ich bei jeder Gelegenheit, wie ihre hocherhabenen und heilskräftigen Wahrheiten in schönster Ordnung unter sich zusammen hängen und uns schlicht und einfach in ungetrübter Lauterkeit darin überliefert sind. Darnach trachte ich, die alten reinen Glaubenslehren der rechtgläubigen Kirche Christi, die durch den Geist und das Wort ihres Bräutigams regiert wird, aus der Verdunkelung, in die sie durch die sophistische Lehre des Pabstthums gerathen sind, heraus zu heben, und in ihrem alten Glanze herzustellen, dagegen die Ketzereien und die neuen fremdartigen und verderblichen Meinungen zu widerlegen, die durch frohe und unerfahrene, der alten Kirche gänzlich unkundige Menschen in unserer Zeit aufgebracht werden, und sie zu bewältigen, bevor sie in den Gemüthern der Einfältigen feste Wurzel fassen. Darnach strebe ich, in Allem und durch Alles möglichst Viele für Christum zugewinnen, das Wort des Lebens auf jegliche Weise zu verherrlichen, auf daß alle darnach als nach dem allergrößten Schatze begierig werden."

Auf Einfachheit war daher Bullingers Augenmerk auch in seiner Schriftauslegung vorzüglich gerichtet. "Entwirren, nicht die Leute verwirren, sollen wir durch unsere Schriften", sagt er im Hinblick auf den zweideutigen Erasmus, dessen Verdienste er sonst wohl anerkannte; "klar, lauter und einfach soll man reden über die religiösen Wahrheiten". Gleichermaßen erwiedert er dem an Körper und Geist ausgezeichneten polnischen Baron Laski, der 1544 als Superintendent Ostfrieslands von Emden aus in ein Freundesverhältniß mit ihm zu treten begehrte: "Die Einfachheit gefällt dir - schreibst du - in meiner Schriftauslegung und in der Erörterung der kirchlichen Streitfragen. Das ist gut, lieber Bruder, und freut mich gar sehr; denn zu

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meinem Bedauern haben nicht alle Gelehrten in unsern Tagen daran Gefallen. Eben ihre schwankende und gesuchte Darstellungsweise bringt der Kirche so viel Streit und Unsicherheit. Die Apostel unsers Herrn hingegen, welche die Erstlinge des heil. Geistes empfingen, haben, so viel ich sehe, vor Allem nach Einfachheit getrachtet bei ihrer Predigt des Evangeliums und gerade durch ihre Einfalt alle Welt zu Christus bekehrt. Auch haben diejenigen Kirchen, so viel ich wahrnehme, am meisten Ruhe und Festigkeit, denen die christliche Lehre einfach, fest, kräftig, stets gleichmäßig vorgetragen wird. Deswegen strebe ich in meinen Schriften wie in meinen Vorträgen nach Einfachheitl und freue mich sehr über die, deren Streben gleichfalls darauf gerichtet ist." Gleichzeitig mit dieser Antwort an Laski richtete Bullinger auf Laski's Wunsch an Johann Rekamp, Abt des Klosters Aduwert in Großfriesland, eine Ermunterung zur Reformation seines Klosters nebst ausführlicher Anleitung, wie dieselbe könne ausgeführt werden. Bullinger, der seiner Zeit selbst die völlige Reform eines Klosters mit durchlebt und gefördert hatte, konnte darüber aufs Beste Aufschluß geben. "Aus aufrichtigem Wohlwollen schreibe ich dir dies, sagt er schließlich; nimm's gut auf. Denn ob ich schon hier in der Schweiz am Fuße der Alpen wohne, du aber in Friesland am deutschen Meere, so ist's ja doch Ein Geist, der uns verbindet; deshalb bin ich dir von Herzen zugethan und wünsche all den Deinen Heil und Segen."

Wie Bullinger durch seine einfachen Schriften an Laski einen bedeutenden und treuen Freund gewann, so finden wir auch in der Mitte Deutschlands hie und da Solche, die besonderes Wohlgefallen daran fanden. So spricht der Stadtschreiber von Zittau in der Lausitz, Oswald Pergener, der nebst andern angesehenen Männern daselbst ganz der zwinglischen Lehre zugethan war, 1533 Bullingern seine innigste Freude aus über seine Schrift "vom Prophetenamte." Er hatte sie als Gesandter in Prag bei einem Gleichgesinnten, Baron Konrad von Krayku vorgefunden; bloß zwei Exemplare davon waren auf der Leipziger Messe feil; er schreibt es göttlicher Gnade zu, daß ungeachtet des Tobens der Gegner zürcherische Bücher bis zu ihnen gelangten. Ebenso bemerkt er 1538, in Böhmen, Schlesien und der Lausitz habe die große Mehrzahl der Evangelischen an Bullingers, Zwingli's und Oecolampads Schriften grosse Freude. "Sie zeigen uns, sagt er, euere Frömmigkeit, Liebe und Sanftmuth; Vielen, auch Katholiken, gefiel dein mildes Urtheil über Erasmus, da du sagst, er sei unsterblichen Ruhmes werth." Nachdem drei Jahre lang kein zürcherisches Buch dorthin gelangt war, las er und seine Freunde mit neuer Freude 1544 Bullingers Commentare zu den Evangelien des Matthäus und Johannes. - Auch aus Znaym in Mähren wurde Bullinger um Rath gefragt, selbst aus Ungarn und Siebenbürgen. Wie seine Schriften sich nach Frankreich, England und Jtalien verbreiteten, ist oben gelegentlich erwähnt worden. Noch haben wir hier Bullingers angelegentlicher Verwendung für

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die Herausgabe des Korans zu gedenken; er selbst schreibt darüber im December 1542 an Vadian: "Merkwürdiges hätte ich dir auch in Betreff des Korans zu schreiben, wenn Zeit und Muße, vornehmlich aber mein Kopfschmerz es gestatten würde. Doch so viel in Kürze: Johannes Oporin in Basel druckte das Gesetzbuch Mohammeds, das man Koran nennt, nebst lateinischen und griechischen Widerlegungen, und einer arabischen, saracenischen und türkischen Geschichte bis auf unsre Tage; ein ausgezeichnetes, Epoche machendes Werk. Unser Bibliander hat es bearbeitet, und zwar zur Bekämpfung des mohammedanischen Greuels und der türkischen Herrschaft, unter Beifügung eines zierlichen Vorwortes. Eine arabische Handschrift des Korans bekam er aus Jtalien, benutzte auch zwei lateinische; er schrieb ihn aber ganz von neuem mit eigner Hand. Von der Arbeit ermattet mußte er im letzten Juli einige Wochen das Bett hüten. So theuer kam ihn dies Werk zu stehen; und nun, da es eben ausgegeben werden sollte, so bringen, ich weiß nicht welche Esel dem hochpreislichen Rathe von Basel bei, man dürfe durchaus nicht gestatten, daß dasTürkengesetz in der Stadt Basel heraus komme. Dem widersetzen sich die Geistlichen, Myconius, Bersius, Gast, Keller u.s.w., und zeigen, es liege dies im Jnteresse der Frömmigkeit. Aber jene dringen durch  Oporin wird gefangen gesetzt und der Koran mit Beschlag belegt. Das geschah vor der Frankfurtermesse. Jnzwischen hört Luther davon, der Koran sei in Basel gedruckt worden, schreibt daher an den Rath und beschwört ihn so zu sagen. man solle die Veröffentlichung zugeben; denn er habe von jeher ein gar sonderliches Verlangen darnach gehabt, dies Buch zu sehen. Jch will dir seiner Zeit sein Schreiben in Abschrift mittheilen. Nun gewärtigen wir also, was erfolgen werde; wir Kirchendienr haben in diesen Tagen deshalb auch nach Basel geschrieben. Was der Erfolg sein wird, weiß Gott und auch du sollst's vernehmen. ""Der Teufel rümpft sich und hat nicht gern, daß man ihm auch noch das andere Horn zerstoßen will."" Verzeih die schlechte Schrift, ich schrieb in größter Eile." Die hier erwähnte Zuschrift der zürcherischen Geistlichen enthielt eine förmliche Beschreibung zu Gunsten Oporins des Korans halben. Sie bezeugen darin, Bibliander habe keinen andern Zweck als daß "der schändliche, türkische, antichristliche Glaube widerfochten und abgewehrt, der heilige Christenglaube geäufnet werde." "Wir stehen ganz zu ihm, sagen sie, und wollen nöthigen Falls unsere Namen beisetzen lassen. Gegen den Pabst haben die Kaiser mit dem Schwerte nichts ausgerichtet; durch die Schrift aber ist er gefällt worden; der Fall, hoffen wir, werde auch Mohammed, diesem größten Verführer, zustoßen." Wie klar tritt uns hier dasselbe feste Vertrauen auf das Schwert des Geistes entgegen, wie in dem bekannten: "ein Wörtlein kann ihn fällen!" Und dies bleibt uns werthvoll, mochte immerhin der gottgewollte Gang der Dinge anders sich gestalten und langsamer, als die Väter unserer evangelischen Kirche sich's dachten.

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Siebenter Abschnitt.
Bullingers persönliches, häusliches und geselliges Leben.

89. Bullingers inneres und häusliches Leben.

So Manches haben wir schon im Bisherigen erwähnt, worin sich Bullingers inneres und innerstes Leben uns kund gab. Namentlich erkannten wir seine Geradheit, Offenheit und Festigkeit im Bunde mit steter Friedensliebe vornehmlich bei den konfessionellen Verhandlungen, seine Zuversicht und Standhaftigkeit in den Zeiten der Pest, des inneren und äußeren Krieges, seinen heiligen Ernst und seine Demuth und Hingebung in seiner ganzen Amtsführung und insbesondere in der Fürsorge für Hülfsbedürftige, sowohl Fremde als Einheimische. Sein inneres Leben aber war mit Christo in Gott verborgen (Kol. 3, 3), ein anhaltendes Gebetsleben, daher wir in seinen Briefen die stets wiederkehrende Hinweisung aufs Gebet fanden und das öftere Ansuchen um die kräftige Fürbitte der Brüder. Eine aufrichtige, herzliche und kräftige Frömmigkeit bildet den Grundton seines Lebens; davon ist bei ihm Alles getragen und durchdrungen. Sie überhebt ihn aller Menschenfurcht im alltäglichen Leben wie in Zeiten des Sturmes, sie hält ihn aufrecht unter ungünstigen Verhältnissen und schweren Erfahrungen; sie läßt ihn nie muthlos werden und die Hände in den Schoos legen, sondern immer wieder rüstig vorwärts schreiten, ja sie treibt ihn zur unausgesetzten regen Wirksamkeit. "Du hältst eine gewisse Lehre für nöthig, schreibt er einmal (1543) seinem Myconius, und mit Recht! Keine Gewißheit aber ist fester als die der heiligen Schrift. Sie ist für uns; auf sie stützt sich unsere Sache. Drum bin ich ruhig, und bitte Gott nur, daß er uns nie lasse abirren von dieser festesten Richtschnur." Nichts war Bullingern verhaßter, wie wir oben von ihm selbst vernahmen, als Charakterlosigkeit und Zweideutigkeit. Wie er insbesondere von jedem evangelischen Diener des göttlichen Wortes erwartete und forderte, daß er in Rücksicht auf Charakterfestigkeit seiner Gemeinde voran leuchte, so legte er auch selbst ein in Christo befestigtes Gemüth überall an den Tag.

Dieselben Charakterzüge, die sich uns in seinem öffentlichen und amtlichen Leben zeigten, finden wir nun auch in seinem häuslichen und geselligen Leben. Wir wissen, mit welchen heiligen Empfindungen und mit welcher Geistesklarheit er ächt evangelisch in das eheliche Bündniß eintrat; und haben angedeutet, wie ihm das Glück zu Theil ward, das eheliche Leben in seinem schönen Einklang mit dem kirchlichen Amte als ächt christlich darzustellen. Jn der That stand in völligster Einstimmigkeit seine sinnige Gattin ihm in Allem zur Seite. Mit ihr und zwei kleinen Kindern war er zu Ende des Jahres 1531 in Zürich angelangt. Hier wurde nun aber der Kreis, in

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welchem er als Hausvater zu walten hatte, bald ein zahlreicher. Aus fünfzehen Personen bestand seine Haushaltung, als sie nach dem Tode des Chorherrn Uttinger, im Spätjahr 1536, während er selbst eben den kirchlichen Verhandlungen in Basel beiwohnte, aus seiner ersten Amtswohnung, dem "grünen Schloß", in das neben stehende Pfarrhaus hinüber zog, welches von da an Jahrhunderte lang das zürcherische Antistitium blieb. Nicht nur leitete Bullingers treue Gattin mit Besonnenheit und weiser Sparsamkeit dieses ganze ausgedehnte Hauswesen, sondern war auch stets bereit Besuchende, besonders Vertriebene aufzunehmen und aufs freundlichste zu beherbergen. Bei aller Einfachheit des Haushaltes erwarb ihr edler Anstand, ihre Gottseligkeit und Lauterkeit ihr die hohe Achtung und Anhänglichkeit Aller, die längere oder kürzere Zeit des Hauses Gastfreundschaft genossen oder da eine willkommene Zuflucht fanden. "Grüß deine Hausfrau, meiner Trübsal theure Mitleiderin," schreibt der dankbare Schuler an Bullinger, und ähnliche Zeugnisse liegen uns noch viele vor. Daß sie an Musculus' Gattin auch noch nach Bern ermunternd schrieb, haben wir oben vernommen.

Betrachten wir nun Bullingers häuslichen Kreis näher. Ulrich Zwingli's Wittwe sammt zweien ihrer Kinder hatte Bullinger gleich nach seinem Amtsantritt zu sich genommen; er war ihr ein treuer Freund und Versorger bis zu ihrem seligen Ende (1538). Jhre Tochter Regula, stattlich heran gewachsen in Bullingers Hause, an Leib und Seele kräftig und schön, reichte, wie oben erwähnt, 1541 Rudolf Gwaltern die Hand, den Bullinger als vaterlose Waise ebenfalls ins Haus aufgenommen, genährt, auf alle Weise gefördert und zum tüchtigen Diener der Kirche heran gebildet hatte. Ulrich Zwingli aber, des Reformators Sohn, der gleichfalls die Bemühungen seines Erziehers mit gewünschtem Erfolge krönte, bewarb sich, nachdem er 1549 ins geistliche Amt getreten, um Bullingers älteste Tochter Anna, und nicht umsonst.

Auch Bullingers Eltern lebten seit ihrer Vertreibung aus Bremgarten meistens bei ihrem Sohne in Zürich, nur zuweilen in Ottenbach bei ihrem älteren Sohne Johannes, dem dortigen Pfarrer. Der Vater, Dekan Bullinger, hatte sich durch seine freiwillige Theilnahme am Kappeler Kriege das Bürgerrecht in Zürich erworben. Wacker wie vordem äußerte der einst so wohlhabende Mann rücksichtlich der großen Verluste, die er dabei an seinem Vermögen erlitten, in seinen alten Tagen manchmal, das Alles wolle er gern und willig verloren haben von wegen des Herrn Jesu und seines Wortes. Von seinem Lebensende meldet sein jüngerer Sohn in den für seine Kinder verfaßten Familiennachrichten: "Bei mir ist er selig und christlich verstorben im Jahre 1533 am 8. April, ein wenig vor zwei Uhr Nachmittags, vier und sechzig Jahre, zwei Monate und neun Tage alt, und ward beim großen Münster begraben. Ehe er am Morgen des vorbemeldten Tages gar schwach wurde, dankte er Gott besonders treulich, daß er ihn aus dem

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Pabstthum durch die Predigt des heiligen Evangeliums in die Erkenntniß Jesu Christi, des ewigen einigen Heilands geführt, auf welchen er all sein Trost und Hoffnung setzte, ermahnte auch seine Söhne, daß sie gottesfürchtig und tapfer in der evangelischen Wahrheit und deren Verkündigung beharrlich bleiben und sich nicht sollten davon treiben lassen." So war er, der einst am Hofe des konstanzischen Bischofs so gern gesehen war, ein treuer Freund des rechten Bischofs der Seelen geworden und hatte, während er zuvor dem Waidwerk so emsig obgelegen, ein höheres Ziel gefunden, dem er nun mit ganzer Kraft nachjagte. - Auch Bullingers Mutter, deren Todeszeit der Sohn eben so genau bezeichnet, verschied in seinen Armen "selig und christlich über siebzig Jahre alt (im Jahre 1541) und ward bei und zu ihrem Eheherrn mit Ehren zum großen Münster begraben." Sie war die fleißige Gehilfin ihrer Schwiegertochter in der Fürsorge für Arme und Bedrängte, wie diese hochgeachtet von allen Gästen des Hauses, deren zahlreiche ehrende Grüße von dem erquickenden Eindrucke Kunde geben, den die würdige Greisin auf sie machte. Schuler, Myconius, Gwalter, die Konstanzer, die Engländer, die Jtaliener unterlassen nicht ihrer neben Bullingers Gattin in ihren Briefen freundlichst und dankbar zu gedenken.

Mit eilf Kindern ward Bullingers Ehe gesegnet. Anna, Margaretha und Elisabeth waren geboren 1530, 31 und 32, Heinrich, Hans Rudolf und Christoph 1534, 36 und 37; Johannes und Diethelm, geboren 1539 und 41, starben schon im Alter von Anderthalb Jahren, jener an der Pest, dieser zum Schmerze der Eltern an einem furchtbaren Husten nach entsetzlichen, drei Wochen andauernden Leiden, so daß der Vater um so eher nach seinem Hinschiede einem Freunde schreiben konnte, es sei dem lieben Kindlein wohlgeschehen, da es mit Einem Male so vieler Trübsale überhoben worden. Die drei jüngsten Kinder waren Veritas, Dorothea und Felix, geboren 1543, 45 und 47, von denen der letztere 1553 starb, wobei er sich über sein Alter hinaus gottselig und ergeben zeigte." Unter den Taufpathen dieser Kinder treffen wir neben den angesehensten Personen Zürichs auch die langjährige Magd des Hauses, worin sich uns, wie auch in anderen Zügen, jenes treuherzige Verhältniß zwischen Herrschaften und Diensten spiegelt, das so wesentlich zu einem wohlbestellten Hauswesen älterer Zeiten gehörte. (Jhr Jahrlohn betrug vier Gulden und ein Paar Schuhe.) Wir haben oben ersehen aus einem Dankbriefe des Celio Secondo Curioni, wie anmuthig das Benehmen der Kinder Bullingers den seinigen gegenüber, die eben erst aus Jtalien gekommen, sich gestaltete; nicht minder war dies der Fall in Bezug auf die zahlreiche Kinderschar des entblößten Musculus; auch in ähnlichen Fällen sehen wir sie in den Sinn und Geist des Vaters und der Mutter eingehen. Rücksichtlich ihrer Erzhiehung liegt uns aus dieser Zeit nicht Vieles vor. Auch in Bullingers Haus brachte die Weihnachtsfeier ihren besonderen Festglanz, wobei die Bescherung nach der bis in neuere Zeiten in Zürich üblichen

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Landessitte unter dem Namen des St. Niklaus erfolgte, eines von Alters her als Freund der Kinder berühmten Bischofs. Noch heutigen Tages werden zwei gereimte Sprüche, die Bullinger bei dieser Gelegenheit seinen Kindern zum Besten gab, von seinen Nachkommen aufbewahrt. Kaum dürfte etwas Anderes uns einen tieferen Blick gestatten in Bullingers Verkehr mit seinen Kindern als gerade diese Sprüche. Hier sehen wir ihn ganz in seinem Hauskleide. Eine wohlthuende Mischung von Ernst und Heiterheit, sehr verschieden von anderweitiger damaliger und späterer Erziehungsweise, spricht uns daraus an. Ganz kurz ist der erstere der beiden Spüche, aus dem sonst so sorgenschweren Jahre 1548, mit der Unterschrift "Sankt Niklaus, Gottes Diener und Gesandter" versehen und nur auf die drei jüngsten Kinder bezüglich. Er lautet:[74]

Der Felix ist ein lieber Mann,
Den ersten Theil soll er mir han (haben).
Ein Theil nimm hin und heisch nit me (mehr),
Mein liebes Bäsli Dorothe;
Und bis (sei) allweg ein gutes Kind,
Damit Ruh sei in diesem G'sind.
Jch hab' gar gute Mähr' vernan (vernommen),
Wie Veritas wohl spinnen kann;
Drum ist's mir lieb und geht ihm wohl,
Doch z' Nacht es auch Ruh haben soll!
Jn dem anderen Spruche von 1549 wendet sich St. Niklaus zunächst an eben dieselben:
Nun grüß euch Gott, ihr lieben Kind,
Jhr drei, die jetzt die jüngsten sind.
Der Felix nehm' zum ersten s' Horn;
Das Fräuli esse er erst morn;
Kein ander Weib soll er noch han,
Denn die er fröhlich essen kann.
Wie wär' er so ein guter Mann,
Wenn er nit z' früh wett' fürhin gahn;
Er ist jetzt kalt und ringsum schoch,
Drum wart' am Bett, bis man dir koch'.
Und du, mein liebes Dorothe,
Von Herzen gern ich dich anseh'.
Du bist mir lieb und gehst gern nieder;
So thu noch Eins und schütt' das Gfieder
Der Kunkel, spring ihr zu dem Grind,
Damit viel Garn die Klunglerin find',
Und nimm den Hirsch, die Tasch', das Kind.
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Noch eins ist hier in diesem G'sind,
Das ist des Aetti's Veritas;
Es ist mir lieb, nur sag' ich das,
Daß ich drei Mängel an ihm find',
Sonst wär' es weit das feinste Kind.
Z' Nacht will's mit keim Lieb' nieder gan,
Noch, so man ihm Rath thut, still han.
Es spinnt gar fein und nit zu grob;
Wenn es nur g'säß und lieb' darob.
Thu, was dich heißt dein Mütterlin
Und nimm dir auch dein Pörtzlin hin.
Das Geld und Zucker theilet glich,
Gott geb' euch z' leben seliglich!
Dann zu den Knaben:
Jhr Gäuch', was lachet ihr so laut!
Jch mein', ich müss' euch über d' Haut.
Du Stoffel, Geini, thu d' Gosche zu,
Ulrekunz Heini hab du Ruh!
Der Ruedi hat sich dannen g'schwänzt;
Sonst würde ihm auch sein' Sentenz.
Nun kybet nit und lernet gern,
Daß ihr nit seiet hür als fern.
Der Knab sich übertreffen soll
An Tugend und sich schicken wohl;
So wird er werth und kommt zu Ehren;
Sein Glück und Heil, das wird sich mehren.
Das geb' euch hier den rechten Grund;
Habt reine Hand und stillen Mund!
Gott geb' euch, daß ihr seid gesund.
Und nehm' ein jeder ein Pfenning hin!
Der hübschest' soll des Mütterlins sin;
Das Bridli soll auch einen nehn;
Der Elsbeth sollt ihr einen gen.
Damit so b'hüt' euch Alle Gott
Vor allem Leid, vor Schand' und Spott!

Die älteste Tochter, Anna, hatte damals das elterliche Haus beeits verlassen, und die zweite, Margaretha, stand im Begriff sich ebenfalls zu

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vermählen. Beide finden wir daher nicht unter den hier Beschenkten.[75] Wir sehen, wie die Spindel von frühester Jugend auf die Hände der Mädchen beschäftige. Anderwärts vernehmen wir auch, daß etliche der Töchter unter der Anleitung ihrer Muhme eine damals seltene kunstreiche Wirkerei, das "heidnisch Werk" genannt, erlernten.

Von jungen Leuten finden wir überdies in Bullingers Hause außer den oben erwähnten Engländern einige Söhne genauer Freunde Bullingers, die dieser auf Bitten ihrer Väter während der Zeit ihres Schulbesuchs bei sich beherbergte, wie Heinrich Lavater, Sohn des Landvogts in Kyburg, der hernach als Studierender in Straßburg ertrank, sodann Josias Simmler, Sohn des Peter Simmler in Kappel. Bei diesem weilte hinwieder Bullingers ältester Sohn Heinrich. "Meinen Sohn Heinrich, schreibt Bullinger 1546 nach dessen Rückkehr an seinen alten Freund Peter Simmler, habe ich verhört und ihn befunden, daß es mich freut. Gern will ich's um unsern Sohn Josias wieder verdienen. Heinrich will ich nun bei mir behalten. Er wird's zwar "rücher" (strenger) bei mir haben; es ist das aber nothwendig. Er war länger bei euch, als Josias bei mir. Daher bitt' ich ernstlich: sendet mir die Rechnung, kurz in Einer Summe. Hiermit wollen wir darum nicht "getheilt" haben, sondern alte Liebe und Freundschaft bewahren und mehren bis in unser Grab." Wie Bullinger hier von Josias Simmler redet, eben so nennt er auch in einem Schreiben an Myconius ihn und Ulrich Zwingli "unsere Söhne."

90. Bullingers Gesundheit, Erholung, Reisen, Freunde unter seinen zürcherischen Amtsbrüdern.

Erwägen wir die ungeheure Arbeitslast, die Bullinger zu tragen hatte, so begreifen wir leicht, daß auch seine anfangs sehr kräftige Gesundheit, wie wir bereits gelegentlich vernommen, manche Störungen erfahren mußte. Jn den früheren Jahren ergriff ihn öfter das Fieber. "Arbeit und Fieber drücken mich fast zu Boden," klagt er 1535 seinem Bertold Haller. Dennoch übernahm er zu all seinen "unmäßigen Geschäften" 1537 noch eine wöchentliche Katechese. Jn den folgenden vier Jahren brach zu wiederholten Malen die Pest herein und hielt mitunter längere Zeit an. Wie köstlich Bullingers Glaubensmuth sich da bewährte, wie er sich selbst nicht schonte, sondern um des Herrn willen zum Heile der Pestkranken sich täglich jeder Gefahr aussetzte, haben wir oben gesehen. Obschon er nicht von der Pest ergriffen ward, fühlte er doch heftige Kopfschmerzen, die in Verbindung mit Schwindel ihn von da an nicht selten plagten, bisweilen längere Zeit hindurch. Umsonst riet ihm

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Grynäus, "durch sorgsame Diät diesem Uebel zu begegnen und nicht dieselbe Kost zu genießen wie seine Haushaltung"; umsonst mahnte ihn A. Blaarer sich mehr zu schonen. "Gerne, antwortet er diesem 1543, würde ich für meine Gesundheit sorgen, lieber Bruder, gerne mich schonen, wenn nur die Zeiten, die Geschäfte und Menschen meiner auch schonen würden. Es liegt eine Bürde auf meinen Schultern; die muß ich tragen, bis ich unter ihr zusammen sinke. Gar nichts Anderes kann ich hoffen oder erwarten. Doch will ich gerne um des Namens unseres Herrn willen und in den heiligen Geschäften der Kirche erliegen, wenn dies des Herrn Wille ist; denn ihm hab ich mich ganz ergeben." Noch fügt er bei: "Du klagst, unzählige Briefe habest du zu schreiben; so hab ich's auch. Doch schreibe ich dir immer gern."

Begreiflich, daß Bullingers anfangs gar zierliche Handschrift allmälig unleslicher wurde. Oft schrieb er, der des Morgens sehr früh war, bis tief in die Nacht hinein. "Die drei letzten Nächte schlief ich wenig," schreibt er beiläufig um ein Uhr Nachts 1544 am Schlusse eines Briefes an Blaarer. Und wie sehr vermehrten nachher die Kriegswirren seine Sorgen und Mühen. "Seit zwei Monaten schrieb ich dir nicht, lautet seine Klage an Myconius; aber stets zunehmende Menge von Geschäften, kirchlichen, öffentlichen, Schul-, Privat-, ökonomischen, beengt mich, drückt und erdrückt mich; davon bin ich bisweilen so sehr ermattet." "Soll ich aber etwas leiden an diesem vergänglichen Erdenleibe, hatte er aber schon zuvor demselben geschrieben, so nehme ich's als recht und billig an; denn ich erwarte mit festester Hoffnung eine Auferstehung der Todten!"

Zu seiner Erholung begab er sich im Sommer 1534 und im Frühjahr 1547 je für vier Wochen aufs Land ins Bad Urdorf, im Gebiete Zürichs gelegen, da er, wie Bertold Haller warnend ihm mit Grund bemerkte, ohne stete Lebensgefahr die zürcherische Grenze nicht überschreiten durfte. Bullinger hatte den sanftmüthigen Pellican nebst andern vertrauten Freunden zu Badegefährten und empfing als Zeichen vielseitiger Anerkennung und Liebe mancherlei damals allgemein übliche Badegeschenke, namentlich Geflügel, Wildpret, Fische und andere Lebensmittel, welche der wohl ziemlich mangelhaften Ausrüstung des Wirthes etwelcher Maßen nachhelfen mochten. Wie mußte ein solcher Aufenthalt, der keineswegs durch Correspondenz und dergleichen unterbrochen worden zu sein scheint, dazu dienen, die Gemüther vertrauter Freunde noch inniger mit einander zu verknüpfen. Außer Landes finden wir Bullinger äußerst selten; 1533 bei dem kurzen Besuche den er um kirchlicher Besprechungen willen in Verbindung mit Pellican, Leo, Chorherr Uttinger und Werner Steiner in Konstanz machte, wobei er in der St. Stephanskirche daselbst predigte; ferner 1536 bei den Verhandlungen über die schweizerische Confession in Basel, wohin er zwei Male aus Auftrag der Regierung im Begleite von Rathsboten reiste. Ueberdies sehen wir ihn 1534 an der Spitze eines glänzenden Zuges von zweihundert Zürchern, die dem in Baden

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(im Aargau) weilenden verdienstvollen Bürgermeister Diethelm Roist durch ihren zahlreichen Besuch und ein reiches Badgeschenk ein öffentliches Zeichen ihrer Verehrung und Dankbarkeit zu geben suchten.

Auch an den mancherlei Gastmälern, wie die damalige Sitte es mit sich brachte, Theil zu nehmen, hegte Bullinger seine Bedenken; er wußte aber allezeit den Genuß zu veredeln und das Mal aufs lieblichste mit dem Salze seiner anziehenden Unterhaltung zu würzen[76]. Er hatte etwas sehr Umgängliches; mit Leuten jedes Standes wußte er ansprechend und wohlthuend zu verkehren. Zum Kreise seiner näheren Freunde aber gehörten je die angesehensten Männer des Staates und der Kirche. Unter den letztern ist voraus der edle, treue Chorherr Uttinger; mit tiefem Schmerze schreibt Bullinger 1536 an Myconius: "Uttinger, jener theuerste unter allen Menschen, ist am 6. September nach 2 Uhr des Morgens zum Herrn heimgegangen; einen so großen Glauben habe ich mein Lebtag noch bei Keinem gefunden. Gott sei gelobt! Er hieß mich dir sein letztes Lebewohl sagen. Es kam den Umstehenden vor, er schlummere ein, nicht er sterbe. Sie alle gaben ihm das Zeugniß, in ihrem ganzen Leben haben sie keinem ähnlichen Abscheiden beigewohnt. Allein ich verliere meinen besten Freund. Jch bin tiefer betrübt, als ich's je gewesen. Doch er ist zum Herrn gepilgert." Der eben erwähnte Konrad Pellican, der ausgezeichnete Ausleger des alten Testamentes, welcher nach seinem eigenen Zeugnisse in seinem ganzen Leben keine drei Tage traurig und niemals erzürnt war (ein Engel Gottes, wie Beatus Rhenanus ihn nennt) gehörte, obgleich 26 Jahre älter als Bullinger, zu seinen aufrichtigen Bewunderern und innigsten Herzensfreunden. Hinwieder meint Bullinger, als man 1536 von einer allfälligen Abordnung an Luther sprach, Pellican eigne sich besser dazu als er, da er älter, gelehrter, von bedeutenderm Ansehen und Luthern schon bekannt sei. Er selbst, schreibt Pellican 1548 an Myconius, sei den Fragen und Kämpfen dieser Zeit nicht gewachsen, aber er sehe Gottes Gnade reichlich an dem jüngeren Geschlechte; diese seien dazu tauglicher, als er's je gewesen, wie Bullinger, Bibliander und nun auch ihre Zöglinge, ein Gwalter, Werdmüller, Wolf, Haller. -

Was Leo Judä unserm Bullinger war und hinwieder dieser ihm, dem

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um zwölf Jahre ältern, weniger gewandten Freunde, ward oben schon gelegentlich angedeutet; es tritt auch bei Leo's Hinschied hervor im Juni 1542. "Unsere Kirche, schreibt Bullinger an Vadian, hat an Leo einen unschätzbaren Schatz verloren, ein Kleinod von Demant. Fürwahr mit diesem theuren Bruder ist ein gut Theil meines Lebens dahin geschieden. Wahrlich, würde nicht die Hoffnung des künftigen Lebens und der Auferstehung mich trösten, so könnt' ich diesen Verlust nicht ertragen!" Doch Bullinger gab sich nicht dem dumpfen Schmerze hin; er wußte zu handeln; seine Verwendung verschaffte den Hinterlassenen die nöthige Hülfe. Dasselbe war der Fall, als 1547 sein Amtsgenosse Buchter mit Zurücklassung von sieben Waisen dahin starb. Das einfach schöne Zeugniß kann Bullinger ihm geben: "Jm Bekenntniß des wahren Glaubens ging er gen Himmel." "Gebe Gott uns den zum Nachfolger, fügt er bei, den er der Kirche heilsam findet!" Nur ein Jahr vorher hatte er den Schmerz einen andern verdienten Amtsbruder dahin sinken zu sehen. "Erasmus Fabritius (Schmid), schreibt Bullinger an Matthias Erb, der in Reichenweier dessen Nachfolger war, ist sterbend an der Wassersucht. Bewundernswürdig ist seine Geduld, sein Glaube und seine Hoffnung. Wir verlieren ihn nicht! Wir müssen ihn nur vorangehen lassen; wir folgen ja bald ihm nach. Betet für uns!" Ebenfalls ergreifend war das Sterben Peter Choli's, des Conrectors der Schule am Großmünster. "Dieser gelehrte und fromme Mann, schreibt Bullinger im December 1542 an A. Blaarer, hat am 2. dies unserem Erlöser Jesu Christo seinen Geist übergeben, innert drei Tagen von der Pest aufgerieben; am nämlichen Tage wurden die Apokryphen fertig gedruckt, die er mit vielem Fleiße aus dem Griechischen ins Latein übersetzte." Es gehörten diese zu der von Leo Judä gefertigten lateinischen Bibelübersetzung, die nach Leo's Tode der gelehrte Professor Theodor Bibliander trefflich vollendete. Auch mit dem Letztgenannten stand Bullinger in langjähriger aufrichtiger Freundschaft. Es zeigte sich dies namentlich 1545, als dieser feine und eigenthümliche Mann, der oben bereits als Kenner der morgendländischen Sprachen, insbesondere als Herausgeber und Uebersetzer des Korans genannt worden, wegen etwelcher Abweichung in der Lehre von der göttlichen Vorsehung und Vorherbestimmung sich gering geschätzt und von einem nicht näher bezeichneten Collegen verletzt glaubte, und nun auf den Gedanken geriet, zu den damals so mächtigen Türken und zu den Arabern zu reisen, um ihnen das Evangelium zu verkündigen. Bullinger vermittelte aufs freundschaftlichste. Aber alle Bemühungen, ihn von seinem Missionsentschlusse abzubringen, schienen fruchtlos abzugleiten; sein Herz, das auch für Heiden und Mohammedaner warm schlug, haftete daran mit großer Zähigkeit. Endlich schrieb ihm Bullinger einen sehr ausführlichen Brief, worin er alle Gegengründe zusammen faßte. Er beginnt dies denkwürdige Schreiben also:

"Jch halte es für besser, lieber Gevatter und theuergeschätzter Bruder, wenn ich schriftlich mit dir spreche und dir mein Herz öffne. Mündlich kann

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ich's nicht recht sagen, da du zu bewegt bist und beständig widerredest. Aber wenn ich dir schreibe, so hast du Zeit zum ruhigen Nachdenken und Ueberlegen; vielleicht wird eher etwas haften. Kürzlich hast du mir rasch deinen Entschluß eröffnet. Aber gönne doch den Vorstellungen eines Bruders, der dich von ganzer Seele liebt, gönne einem Prediger des Evangeliums, der sich noch nie untreu gegen dich bewies in seinem Berufe, gönne einem Freunde, der Alles für dich thun will, was in seinen Kräften steht, der auch bisher immer als Freund gegen dich gehandelt hat, ein offenes Ohr. Seine christlichen und herzliche Bitten so geradezu von dir zu weisen, würde dir noch einmal schwer aufs Herz fallen, würde auch für dich und Andere traurige Folgen haben. ... Was für unheilvolle und verderbliche Mißstände müßten nicht der Ausführung deines Vorhabens auf dem Fuße nachfolgen? Nicht einmal zu gedenken deren, die dich selbst treffen könnten, wie nachtheilig müßte es für unsere Kirche sein, für sie, die bisher dich schätze, ehrte und der du so viel Gutes zu verdanken hast. Da würde sich ja allervörderst überall das Gerücht verbreiten, in der zürcherischen Kirche sei Zwietracht, zum Jubel der Papisten, Butzeraner und Lutheraner. Jeder Redliche würde sich darüber grämen; die Gottlosen und Lasterhaften hätten nun erwünschten Anlaß, unseren Kirchendienst (Ministerium) zu beschimpfen und uns anzufechten. Statt der Ruhe und Eintracht, die nun zu Stadt und Land herrscht, würden allenthalben Zänkereien entstehen; man würde sagen, in allen Artikeln des Glaubens sei die größte Zwietracht. Auch in unserem Rathe, der eines solchen neuen Zankapfels doch so gar nicht bedarf, würden Händel erwachsen. Jetzt hätten gewisse Leute, die schon lange auf einen solchen Zeitpunkt gewartet, gewonnen Spiel. Unsere Eintracht hat viele Uebel von uns ferne gehalten. Es sind jetzt vierzehn Jahre, daß wir in unsern Kirchen, Gott Lob!, einträchtig lebten unter allen Verfolgungen, Versuchungen und Nöthen. Wir sind es noch und, will's Gott, wollen wir's stets bleiben; nur beharre du nicht so unerbittlich auf deinem Entschlusse. Es gibt Mittel genug, sonst die Sache beizulegen, die dich mit Recht plagt. Du hast Freunde und treue Brüder, mehr als du denkst." "Jch beschwöre dich also, schließt Bullinger nach weiteren Vorstellungen, bei dem Herrn, dessen Diener wir sind, unserem Erlöser, und bei der Ruhe und Wohlfahrt unserer Kirche; ich bitte dich bei unserer Bruderliebe, bedenke meine Vorstellungen, ohne leidenschaftliche Hitze, mit kaltem Blute; bitte den Herrn um seine Gnade und gib dem Widersacher keinen Raum. 's ist eben deine Sache, wiewohl auch die der Kirche; in seiner eigenen Sache ist aber ein jeder blind. Drum, lieber Bruder und werthgeschätzter Gevatter! wenn die herzlichen Bitten eines redlichen Freundes, wenn die Wohlfahrt der Kirche, wenn ihre Ruhe und die Ehre Christi etwas über dich vermögen, so bitte und beschwöre ich dich, bleibe bei uns; bleibe unser Mitbruder und Mitarbeiter im Dienste an unserer zürcherischen Kirche, zu welchem du berufen bist."

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Bullingers Anstrengung blieb nicht fruchtlos; der Friede mit den Amtsbrüdern ward alsbald hergestellt. Der Rath schenkte ihm zudem das Bürgerrecht (wie er dies schon 1534 Bullingern selbst gethan hatte). Aber länger dauerte es, bis Bibliander sein Vorhaben aufgab. Bullinger hielt daher sein Versprechen, für ihn zu thun, was er könne; er gab sich alle Mühe über die Möglichkeit und die rechte Weise der Ausführung, auch über die Geldmittel dazu, sich Gewißheit zu verschaffen. Er benutzte dafür seine Verbindung mit der damals so hervorragenden Handelsstadt Augsburg, namentlich mit dem umsichtigen Stadtschreiber Lätus (Fröhlich), doch ohne Bibliander zu nennen. Lätus antwortet im März 1546: "Das Vorhaben des ansehnlichen und gelehrten Mannes halte er für gefährlich, ja gar nicht einmal für ausführbar; so haben die Mohammedaner den Zugang zu sich ganz verschlossen", und sodann im April: "der gelehrte Mann solle doch ja nicht zu den Mohammedanern reisen, um sie zu bekehren; man könne wohl von Venedig aus als Kaufmann nach Konstantinopel, Alexandrien, Algier usw. gelangen; wer aber nun ein Wort sage gegen die mohammedanische Religion, verliere den Kopf."[77]

Die große Kunst und Neigung, Frieden zu stiften und zu erhalten, welche Bullinger auch bei diesem Anlaß bewährte, kam seinen Umgebungen auf mannigfache Weise zu statten. Jnsbesondere freute es ihn aber, die zürcherische Kirche vor jedem Zwiespalt (wozu in jenen Zeiten so viel Anlaß war) wahren zu können. "Um uns steht es gut inmitten dieser Stürme, schreibt er z.B. an Erb im October 1543; unsere Kirche hat Ruhe", und etwas später: "Das Christenthum macht bei uns Fortschritte und, Gott sei Dank! ist unter uns die völligste Eintracht."

Auch mit Kaspar Megander (Großmann), der bei großen Verdiensten, bei feuriger Hingebung und Entschlossenheit etwas Schneidendes und Eckiges hatte, stand Bullinger im besten Verhältniß. Freudig begrüßte er ihn 1538 als Amtsgefährten, als er von Bern schnöde entlassen in seine Vaterstadt zurück kehrte. Schon 1533 hatte ihm Bertold Haller, dem sein derbes Auftreten für die Sache des Evangeliums in Bern oft beschwerlich fiel, das ehrende Zeugniß gegeben: "Er ist fromm, untadelhaft in seinem Wandel und gelehrt." Als 1537 durch Butzers Umtriebe der Zustand der bernischen Kirche gestört und selbst Myconius da hinein gezogen worden, schreibt Bullinger an Letzteren: "er und Megander seien ihm von Herzen lieb, daher er keinen Hader unter ihnen ertragen könnte," und meldet ihm im October 1539: "Kein wahres Wort ist an einem Zwiespalt zwischen Megander und mir;

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wir sind Alle aufrichtig eins; wir haben, Gott Lob! Einen Sinn und Einen Mund, Ein Herz und Eine Liebe." Wie völlig Myconius davon sich überzeugte, zeigt seine oben angeführte Aeußerung in einem Schreiben an Bullinger und Bibliander vom Neujahr 1540 über das Glück der Eintracht, deren man sich in Zürich erfreue.

Megander starb 1545. "Mit großem Schmerze, schreibt Bullinger an Blaarer, melde ich dir, daß am 17. August Megander nach langwieriger Krankheit zum Herrn gegangen ist"; und nennt ihn auch in seinem Tagebuche: seinen geliebten Mitarbeiter.[78]

Unter den Amtsbrüdern auf dem Lande zählte Bullinger ebenfalls manchen näheren Freund, wie z.B. den als Geschichtsschreiber bekannten Dekan Johannes Stumpf in Bubikon, dann in Stammheim, welchen er bei seinen geschichtlichen Studien vielfach förderte. Jm August 1539 empfiehlt er ihm einen Wolfgang Meier aus Salzburg, Pfarrer in Matt, Kantons Glarus, mit den Worten: "Thue diesem armen Bruder wohl; denn du thust es Christo."

91. Bullingers Freunde unter Zürichs Staatsmännern und auswärts. Seine Welterfahrung.

Auch mit den bedeutendsten Staatsmännern Zürichs finden wir Bullinger im freundschaftlichsten Verkehr. Er wußte von Anfang, wie viel für das Gedeihen der Kirche und des Staates auf den Einklang ihrer Vertreter ankomme; zumal bei der äußerst nahen Verknüpfung des Kirchlichen und Staatlichen, wie sie damals in Zürich bestand, mußte daran Alles liegen. Er genoß dabei das Glück mit freudigem Herzen sich den Lenkern des Staates annähern zu dürfen, wiewohl anfänglich mitunter auch Rathswahlen vorkamen, bei welchen er an Myconius schreiben mußte: "Es schämt und verdrießt mich der Unsrigen." Er kannte die einzelnen Glieder der Regierung aufs genaueste und wußte eine getreue Charakterzeichnung eines jeden derselben zu liefern. Vor Allen war es der ehrwürdige Diethelm Roist,

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zwanzig Jahre lang Zürichs Bürgermeister, dem er mit inniger Hochachtung zugethan war; "Zürichs Herz" nennt er diesen "weisen und frommen" Staatsmann in einem Briefe an Blaarer, und bezeichnet ihn in seinem Tagebuche als rechten Vater des Vaterlandes."Jhm und seinem Amtsgefährten Haab widmete Bullinger 1542 seine Auslegung des Evangeliums St. Matthäi. Nach Anerkennung aller seiner großen Verdienste um Kirche und Staat ruft er in der Widmung jenem zu: "Fahre fort, das Reich Christi, die wahre Lehre, gute Gesetze und fromme Studien zu wahren, für die Wittwen, Waisen und Armen treulich zu sorgen."

Sein damaliger Amtsgenosse, der treffliche Johannes Haab, war mit Bullinger ungefähr gleichen Alters, einst Zwingli's begeisterter Gefährte, der (wie Josias Simmler bezeugt) von Anfang der Reformation nichts sparte, weder Mühe noch Kosten, zur Förderung der lauteren Predigt des Evangeliums. Als Gesandter in Württemberg, in Frankreich usw. zeigte er seine Tüchigkeit und Uneigennützigkeit; seine Vorsicht wußte das Staatsschiff glücklich durch die Wogen und Klippen des schmalkaldischen Krieges hindurch zu lenken. Neunzehn Jahre lang (bis an seinen Tod 1561) stand er an der Spitze der Republik. Bullinger war mit ihm innig befreundet.

Niemand aber von Zürichs Staatslenkern stand Bullingers Herzen näher als der acht Jahre ältere Hans Rudolf Lavater, an Leib und Seele herrlich ausgestattet, einst der schönste unter den Fähndrichen der Eidgenossen, der nach ruhmvoller kriegerischer Laufbahn, als Gesandter in Rom selbst die ganze Verderbniß gesehen, 1525 als Landvogt in Kyburg durch seine besonnene Ansprache den großen Bauernaufstand im Kanton Zürich völlig unblutig gestillt hatte, 1531 die Schlacht bei Kappel verlor, sich dabei aber so männlich hielt, daß "seine Unschuld klar an den Tag kam und seine Ankläger alle verstummen mußten." "Voll von christlichem großmächtigem Glauben und Geduld" erwies er sich sammt seiner Gattin, als 1535 ihr hoffnungsvoller Sohn Heinrich als Studierender in Straßburg ertrunken war. Nachdem er eilf Jahre lang die ausgedehnte Grafschaft Kyburg als Landvogt mit strenger Gewissenhaftigkeit regiert hatte, gelangte er 1536 zu Bullingers großer Herzensfreude in den Rath. "Er ist ein vorzüglicher Gönner des Evangeliums und der öffentlichen Gerechtigkeit, schreibt dieser bei der Mittheilung dieser Wahl an Myconius. Dazu ist er ein hochherziger, begüterter, tapferer, standhafter und beredter Mann. Bittet Gott, daß er seine Gaben in diesem Manne mehre und stärke." Zwölf Jahre lang (bis 1557) bekleidete er die Bürgermeisterwürde. Jm März 1550 wurde sein ausgezeichneter Sohn Ludwig (der nachherige Antistes) Bullingers Diakon, im Mai sein Schwiegersohn; Bullingers zweite Tochter Margaretha ward seine Gattin.

Wir begreifen, daß Bullinger bei solchen persönlichen Verhältnissen an Vadian schreiben konnte: "Ja, frei sind wir, die wir hier in Zürich Christum predigen, umgeben, wie du richtig erinnerst, von einem ansehnlichen und

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festen Schutz und Schirm. Gott erwecke und belebe die Seinen für uns für zur Förderung Alles dessen, was seiner Kirche zu Ehr und Nutzen dient!"

Der auswärtigen Freunde Bullingers, mit denen er in fortgehendem Briefwechsel stand, ist öfter schon gedacht worden; daher hier nur noch Weniges beizufügen ist. Die herzlichste Jnnigkeit, ja zärtliche Anhänglichkeit an Bullinger athmen die Briefe des bedächtlichen Bertold Haller in Bern, der zwölf Jahre älter als Bullinger bald lernbegierig wie ein Schüler, bald in väterlich besorgtem Tone über alles Vorkommende an ihn schreibt, und ihm jetzt versichert, "so ganz sei er ihm zugethan, daß er mit ihm gern auch das Schwerste ausstehen möchte", dann wieder seine Sehnsucht ausdrückt, ihn noch einmal in seinem Leben persönlich zu sehen (was ihm indeß nicht vergönnt war) und nicht müde wird ihn anzureden: "mein Herz, mein Leben", "mein größter und bester Freund", "meiner Seele nicht geringster Theil." Schon 1536 hauchte er, beladen mit der Last einer schwerfälligen Leibeshülle, seine kindlich lautere Seele aus.

Mit Basel stand Bullinger in stetem Verkehr durch unausgesetzten Briefwechsel mit dem ihm so nahe befreundeten Antistes Oswald Myconius, der zuvor an Zwingli's Seite in Zürich wirksam, auch nachher bis ins Einzelnste mit den zürcherischen Personen und Verhältnissen vertraut zu bleiben wünschte, und daher sofort Bullingern vorhielt, wie stärkend und ermunternd, wie segensreich in jeder Hinsicht der briefliche Verkehr sei zwischen den Kirchenmännern verschiedener Gegenden, der damals eben auch die kirchlichen Blätter und Zeitschriften einiger Maßen ersetzen mußte. Wirklich kam Bullinger öfter in den Fall den bekümmerten Freund zu ermuntern, nicht bloß in Zeiten der Pest, vielmehr auch der kirchlichen Dinge wegen, insbesondere bei den wegen des Doctortitels in Basel entstandenen Reibungen, wobei sich Myconius so bei Seiten gesetzt sah, daß er an Bullinger schrieb: "Jch werde wie eine Null geachtet." Treffend tröstete dieser ihn: "Du nennst dich eine Null; aber ich und meine Freunde halten unendlich viel auf dir. Wir Alle, die wir Diener Gottes heißen, sind Nullen und vermögen nur durch seine Gnade Gutes zu thun." Ebenso versichert er ihn seiner unwandelbaren Freundschaft nach der Conferenz in Zürich (Mai 1538): "Zwar konnte ich nicht als Freund bei dir sein während dieser Versammlung. Aber du bist mir dennoch ein vorzüglicher Freund und wirst es sein, so lange ein Athemzug meine Glieder bewegt. Das Hinderniß lag einzig in meinen dringenden Geschäften; du hast selbst gesehen, daß ich kaum zum Essen Zeit fand." Als jene Streitigkeiten in Basel aufs neue ausgebrochen, hatte Bullinger Gelegenheit seine freundschaftliche Hingebung zu bewähren; voll dienstwilligen Eifers schreibt er an Grynäus, Myconius und Bersius: "Müßt ihr weichen, so anerbieten wir euch uns und Alles, was wir sind und vermögen, bis daß es dem Herrn gefallen wird, euch wieder einzusetzen in eueren Kirchendienst, zu dem ihr berufen seid." Wie innig er Simon Grynäus liebte, zeigt die Mittheilung

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seines Hinschiedes an Vadian 1541: "Seit zwei Tagen weiß ich vor Trauer nicht was ich thue. Es sind noch so Wenige übrig, die ich so innig liebe wie gerade ihn. Jn ihm war Wissenschaft mit Feinheit und ausgezeichneter Frömmigkeit aufs schönste vereint. Wie viel schmerzliche Tauerfälle haben wir dies Jahr zu beklagen... Aber es ist Gottes ewig guter Wille; er nimmt die verdientesten Männer in seine Wohnungen auf und mahnt uns, daß wir sollen Gutes üben und uns aufs Sterben rüsten."

Gerne ließ Bullinger Männern wie Vadian, Pellican, Grynäus, ehrerbietig den Vorrang; es war 1536 sein aufrichtiger Wunsch, daß, wenn jemand nach Sachsen abgeordnet werden müßte, (wie in Bezug auf Pellican bemerkt worden) nicht er selbst, sondern jemand von diesen Männern dafür bezeichnet würde. Es war ihm lieb, mit dem hochgelehrten Dr. Vadian, der zwanzig Jahre älter und unter Zwingli's Gefährten wohl der geistig höchststehende war, über je die schwierigsten Fragen seine Gedanken auszutauschen und ihm über alle wichtigeren Vorgänge zu berichten. Willig ließ er von ihm sich zurecht leiten und etwa den eigenen Eifer ermäßigen, wogegen der Staatsmann Vadian das Urtheil des Freundes, daß er selbst sich manchmal zu gelinde zeige, zu würdigen wußte und diesem einen ihn weit übertreffenden Scharfblick beimaß. Gleich von Anfang konnte Bullinger zur Sicherung St. Gallens dem Abte gegenüber viel wirken; hinwieder vermochte Vadian durch seine bedeutende poltische Stellung auf eidgenössischen Tagen das Evangelium kräftig zu fördern, in voller Waffenrüstung des Geistes ganz entsprechend Bullingers Meinung, "man müsse daran festhalten, die Obrigkeit habe die Wahrheit zu schirmen nicht bloß mit den Waffen, sondern auch mit Gründen." "Fahre fort, schreibt ihm Bullinger 1539, die wahre Religion zu schützen und zu beleuchten, auch den Jrrthum zu widerlegen. Gott wird deinen Fleiß krönen!"

Wie sich das Verhältniß zu Ambrosius Blaarer in Konstanz und zu dessen ansehnlicher Verwandtschaft immer herzlicher gestaltete und im Feuer der Trübsal sich aufs schönste bewährte, ist schon erwähnt worden. Als Bullinger 1541 von Blaarer "einen hebräischen Sekel mit samaritanischer Aufschrift" erhalten, dankt er hocherfreut über dies schöne Geschenk, und bemerkt, das sei ihm viel mehr werth als pures Gold und kostbares Edelgestein. Jn einem ahnungsvollen Schreiben bezeugt er seine innige Theilnahme an der Trauer seines Ambrosius und der ganzen blaarerschen Familie gegen Ende desselben Jahres beim Tode der an Geist und Herz ausgezeichneten Margaretha Blaarer, in deren Leben sich die evangelische Barmherzigkeit in neuer Herrlichkeit spiegelte: "Von Herzen bedaure ich, daß deine liebe Schwester Margaretha, die treffliche Trösterin so vieler Darbenden, die edle Perle von ausgezeichneter Reinheit, ist abgerufen worden. Der Herr, der Alles wohl macht, tröste dich und jene, die an ihr die größte Stütze hatten. Gewiß hat es dem ewig gütigen Gott gefallen, seine treue Dienerin aus den Banden der Zeitlichkeit zu erlösen, ja allen bevorstehenden Uebeln zu entreißen,

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damit sie nicht mit großem Schmerze mitansehen müsse, was der Herr bald über uns wird herbei führen unseres Undanks und so unzähliger anderer schweren Sünden wegen. Sie freut sich jetzt in unaussprechlicher Freude und preist den Hochgelobten. Freu dich also mit ihr im Herrn und bete: Es komme dein Reich!"

Besonders anziehend seinen wahrhaft demüthigen Sinn kund zu geben und zugleich über den tiefsten Grund aller christlichen Freundschaft sich auszusprechen, fand sich Bullinger veranlaßt, als sich im Sommer 1544 der polnische Edelmann Johann Laski von Emden aus um seine Freundschaft bewarb (vgl. Kap. 88.). Er antwortet ihm: "Du bittest mich, dich in meine Freundschaft aufzunehmen. Jn der That auch von dir gilt, was von allen wahrhaft tüchtigen Männern der Wissenschaft gesagt wird, daß nämlich mit vorzüglicher Bildung des Geistes auch vorzügliche Anspruchlosigkeit und Freundlichkeit verbunden sei. Wie wäre es sonst möglich, daß du, ein durch Gelehrsamkeit und mancherlei Verdienste hervor ragender Mann, einen Bullinger, der in Wahrheit nichts Ausgezeichnetes an sich selbst findet, von dir aus um seine Freundschaft bätest, während ja ich sammt allen Wohlgesinnten die deinige längst hätte suchen sollen? Ja, das ist eben die Gesinnung wahrhaft frommer Gemüther, die das bessere Theil sich erwählt haben, daß sie noch mehr darnach streben zu lieben als geliebt zu werden. Und diesen wahrhaft göttlichen Sinn haben sie von dem, der so sehr die Liebe selbst ist, daß er uns zuerst geliebt, uns arme, niedrige Sterbliche, die wir nur Staub und Asche sind, mit unaussprechlicher Liebe umfaßt und diese seine Liebe zu uns nicht etwa durch ein kleines Zeichen, nein durch die höchste und herrlichste Kundgebung, durch die Sendung und Hingabe seines eingebornen Sohnes uns bezeugt hat. Diese von Gott dir verliehene Anspruchlosigkeit und Demuth des Herzens ist mir darum überaus viel werth, und ich werde aus allen Kräften streben, daß, wenn ich auch nicht Schritt halten kann mit deinen Leistungen, ich so nahe wie möglich deinen Fußtapfen folge."

Hell und klar sehen wir überhaupt Bullingers Blick in Rücksicht der verschiedensten Lebensverhältnisse. Manches treffende Wort darüber begegnet uns beiläufig in seinen vertraulichen Briefen. Rücksichtlich des großen Banquiers Fugger (in Augsburg) bemerkt er einmal dem baselschen Antistes: "Ja, du hast ganz Recht, dem Fugger gefällt die Sprache Jtaliens; daß nur auch die Sprache des Evangeliums ihm gefiele! Aber solche Kaufleute haben eben zu ihrem Titulargott den Merkur, den sie verehren und nachahmen." Doch bemerkt er hinwieder bei Anlaß eines jungen Zürchers von edlem Geschlechte, der vorhatte sich am Hofe eines deutschen Fürsten für die staatsmännische Laufbahn zu bilden, dies Vorhaben aber aufgab, "er werde jetzt Kaufmann, und dies sei noch besser als Hofmann." - Durch abergläubische Gerüchte ließ er sich nicht leicht täuschen; sein besonnener Glaube schützte ihn. Als man 1546 vor dem Ausbruch des Krieges in Deutschland in Luzern

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ein wunderbares Zeichen wollte gesehen haben, schreibt er: "'s ist eine Gassenmähr'; niemand schenkt ihr Glauben; denn wenn Gott durch Zeichen ein Volk schrecken will, läßt er diese nicht ein oder zwei weniger Gesellen sehen"; ebenso "es ist unwahr, daß man zu Kappel unverweste Leichen gefunden; er habe genau nachgefragt." Betreffend die damals und später bei so vielen starken Geistern hoch gehaltene Astrologie schreibt er: "Die Sterndeuter sagten (1499) dem Kaiser Maximilian fälschlich voraus, er werde bei Dornach über die Schweizer siegen. Daher achte ich die Aussprüche der Astrologen nicht für mehr als das Gerede der elendesten und niedrigsten Schwätzer." Unter Bullingers Leitung widersetzte sich die Synode, wofern etwa noch ein Pfarrer zur Arznung von Kranken solcher Mittel sich bediente, welche auf Zauberei oder Beschwörung zielten. Ueberall ist's des Glaubens Kraft und Herrlichkeit, die sein Herz mit Jubel und Siegesfreude erfüllt. Als der Kaiser 1546 einen Buchdrucker in Antwerpen hatte hinrichten lassen wegen des Druckes einer Bibel mit Luthers Anmerkungen, schreibt er an Vadian: "Wohl betrübt mich's sehr. Aber ich freue mich auch, darüber nämlich, daß Christus seine Blutzeugen also stärkt, daß wir in dieser unserer Zeit die hehren Beispiele der alten Kirche wieder finden!"

 

Drittes Buch.

Bullinger als Vorsteher der zürcherischen Kirche. Sein Leben und Wirken von der Mitte des Jahrhunderts bis 1575.

92. Uebergang.

Während wir zu Anfang unserer zweiten Periode Bullinger in ganz neue, zum Theil schwankende Verhältnisse eintreten sahen und deshalb einer einläßlichen Darstellung derselben bedurften, um uns sein Streben und Ringen beim Antritte seines Amtes in Zürich, unmittelbar nach einer bitteren Niederlage, recht zu vergegenwärtigen, wird es nunmehr, da wir in die dritte Zeit seines Lebens eintreten, an einigen wenigen Umrissen genügen, um den Unterschied derselben von der voran gehenden bemerklich zu machen. Jm Ganzen war und blieb seine Lebensstellung fortwährend dieselbe. Jn den umgebenden Verhältnissen aber liegt der Grund, weswegen sich gegen die Mitte des Jahrhunderts schicklicher Weise ein neuer Hauptabschnitt in dem Leben unseres Reformators beginnen läßt.

Der eben zu Ende gegangene deutsche Religionskrieg, den man den schmalkaldischen zu nennen gewohnt ist, schnitt gleichsam durch zwischen Deutschland und der Schweiz. Sein unglücklicher Ausgang und die Jammerzeit, welche für die Bekenner des Evangeliums in ganz Deutschland darauf folgte, schloß auch für Bullinger eine Menge früherer Verbindungen. Hinwieder sehen wir eben um diese Zeit nach anderer Seite hin den Kreis der kirchlichen Gemeinschaft sich erweitern und alsdann in immer größerer Ausdehnung die Fäden sich schlingen, welche die verschiedenen Theile der reformirten Kirche im weiten Umfang mannigfacher Volksthümlichkeiten zur freien, aber bewußten Zusammengehörigkeit vereinigen. Bullinger sehen wir hiebei in besonders hervorragender Stellung. Seine gewichtige Stimme wird bei allen vorkommenden kirchlichen Zeitfragen von mancher Seite her erbeten und findet ihre Geltung.

Jm Widerspruche aber gegen das Dasein der erneuerten Kirche schärft sich

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die Feindseligkeit der römisch-katholischen Kirche immer mehr und wir sehen sie bereits auf mehreren Punkten ihre Kräfte zum Vernichtungskampfe zusammen nehmen. Auch davon wird Bullinger mitbetroffen, sowie von den neuen Angriffen von lutherischer Seite her, an denen es auch in dieser Zeit kineswegs fehlt, vornehmlich im Zusammenhange mit der Art, wie der Friede für Deutschland geschlossen wurde.

Jn den näheren Umgebungen ist der gedeihliche Fortgang der wesentlich von Bullinger begründeten und geleiteten kirchlichen Einrichtungen nicht zu übersehen, namentlich läßt sich leicht erkennen, wie ihm in diesem Zeitraume schon vergönnt ist, die Früchte seiner angestrengten Bemühungen zur Heranbildung tüchtiger Diener der Kirche zu genießen. Wir sehen ihn umgeben und unterstützt von einer ansehnlichen Zahl wissenschaftlich durchgebildeter, geistig regsamer und sittlich ehrenwerther jüngerer Männer, die mit freudigster Hingebung Leib und Leben dem Dienste des Evangeliums weihen und theils in seiner nächsten Nähe, theils in entfernten Theilen des Vaterlandes dasselbe Werk emsig fördern, dem nämlichen Ziele kräftigst zustreben, mit ihm durch die Bande der Dankbarkeit, der Verehrung und des Vertrauens verbunden[79].

Bei der Erweiterung der Lebenskreise, in welchen der seinem Charakter nach uns schon Bekannte sich von nun an bewegt, wird hauptsächlich hervor gehoben werden, was als Neues auftritt; die wachsende Fülle des Stoffes scheint dies zu fordern.

Wenden wir uns vorerst zu Bullingers fortgesetzter Wirksamkeit innerhalb der zürcherischen Kirche.

Erster Abschnitt.

Bullingers fortgesetzte Wirksamkeit innerhalb der zürcherischen Kirche.

93. Bullinger als Leiter der zürcherischen Synode. Ueber Preßfreiheit.

Noch galt es, mit dem evangelischen Lebensgeiste gemäß dem lautern Gottesworte das ganze Leben zu durchdringen, sowohl das Leben des Volkes und seiner Regenten, als auch die Lebensführung der Kirchendiener. Es war deshalb nöthig, die bestehenden Verordnungen hie und da zu vervollkommnen,

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zu schärfen oder zu ermäßigen, allfällige Lücken darin zu ergänzen, namentlich aber dieselben treulich festzuhalten und genau zu handhaben. Denn es ist Bullingers bei Gelegenheit, namentlich Auswärtigen gegenüber, oft wiederholter Grundsatz, in kirchlichen Dingen vor jeder nicht nothwendigen Neuerung sich sorgfältig zu hüten. So sehen wir ihn denn mit unausgesetzter Beharrlichkeit und mit heiligem Ernste auch weiterhin fortwirken zur Aufrechthaltung und gewissenhaften Durchführung der aufgestellten Normen, zur allseitigen Beobachtung christlicher Zucht und Sitte. Das hauptsächlichste Mittel hiefür boten stets die Synoden der zürcherischen Geistlichen in Gemeinschaft mit den von Seiten der Regierung ihr zugegebenen Beisitzern.

Welch ein ganz anderes Schauspiel bietet aber die zürcherische Synode um die Mitte des Jahrhunderts als in den Anfangszeiten von Bullingers Wirksamkeit! Jhre sittliche Haltung ist wesentlich umgestaltet, ist eine ungleich erfreulichere geworden. Während dort die Nachwehen von jener Fülle von Uebeln, welche die trügerische Ehelosigkeit des Klerus über die Kirche ausgegossen hatte, noch mannigfach spürbar sind, sehen wir hier die häuslichen und ehelichen Verhältnisse der zürcherischen Geistlichkeit (die alle Halbjahre einer strengen Censur unterworfen wird) in geordnetem Fortgange mit wenigen ganz seltenen Ausnahmen. Ebenso kommt in diesen späteren fünfundzwanzig Jahren kaum Ein Beispiel von ungehörigem Werben um ein kirchliches Amt vor. Als dasjenige Uebel, welches damaligen Sitten des Volkes gemäß, bei Hohen und Niedern am meisten im Schwange ging, erscheint die Unmäßigkeit im Trinken. Vom beharrlichsten Eifer beseelt sehen wir die Synode immer wieder mit Bitten um kräftige Abwehr dieses Unheils an die Regierung gelangen, und endlich von dem richtigen Gesichtspunkte ausgehend, die Geistlichen müssen da mit größter Entschiedenheit bei sich selbst anfangen, nach einer lebhaften Debatte und einer Abstimmung, bei der 53 gegen 51 Stimmen standen, Bullingern nebst zwei Stadtgeistlichen und den sieben Dekanen vor dem Rathe erscheinen mit dem Antrage der Synode, daß jeder Geistliche, der jemals trunken betroffen würde, seiner Stelle sollte entsetzt werden. Sie berufen sich dafür auf zahlreiche Stellen des alten und neuen Testaments und in zweiter Linie, was nicht zu übersehen ist, auf die altkirchlichen Satzungen (Canones)[80]. Rücksichtlich des Volkslebens sehen wir ferner die Synode ebenfalls unablässig bemüht, auf durchgängige Heiligung des Sonntags zu dringen und allen ungebührlichen Störungen entgegen zu treten, sowie auch den althergebrachten Unsitten, die bei Kirchweihen, Hochzeiten und ähnlichen Anlässen sich immer wieder einzuschleichen wußten, ebenso den Ueberrresten alten, den Glauben trübenden, vom Pabstthum aber begünstigten Aberglaubens. Jn allen diesen Beziehungen sehen wir ihre Bemühungen mit gesegnetem

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Erfolge gekrönt. Schwieriger war die Frage, ob man das Tanzen, welches hie und da mit Rücksicht auf die früherhin insgemein damit verbundene Unkeuschheit untersagt worden war, gänzlich untersagen oder zulassen solle. "Freilich lautete öfter die Antwort der Regierung, sei ihr, wie die Geistlichen wohl wissen, ungetanzt lieber als getanzt"; indeß ging doch gegen Ende der Wirksamkeit Bullingers der Entscheid dahin, ein ehrbarer und ehrlicher (d.h. anständiger) Tanz, sofern er zur rechten Zeit Statt finde, sei nicht ganz zu verwehren.

Auch von den Predigten der Geistlichen wird bei Anlaß der Synoden entschieden verlangt, daß sie nebst einfacher, klarer Einführung in den Schriftinhalt kräftig und freimüthig den Sünden des Volkes zu Leibe gehn, doch mit Vermeidung schriftwidriger Scheltworte. Daher wird es gerügt, wenn ein Pfarrer allzu viel aus dem römischen Geschichtschreiber Livius vorbringt; ein Anderer, der sich wenig vorbereitete, sich mehr auf seine Gewandtheit verließ, über das erste Buch Mose 160 Predigten hielt und doch erst im sechsten Kapitel war, ferner ein ganzes Jahr über die Epistel an die Epheser predigte und noch im zweiten Kapitel stand, konnte nur durch Abbitte und Versprechen der Besserung der Strafe entgehen. Die damalige Sitte, über Bücher der heiligen Schrift fortgehend zu predigen, sollte wirklich dazu dienen, den Jnhalt der Bibel der Gemeinde lebendig zur Kenntniß zu bringen. Noch übler wurde es aufgenommen, als über einen gelehrten Prediger in Winterthur das Zeugniß abgegeben worden, in seinen Predigten fahre er hoch daher, bringe Sophisterei vor, mache viel aus der Dialektik und Rhetorik, habe einen stolzen Kopf, wolle gesehen sein, bringe unbegründete Dinge vor, wie z.B. der Leib sündige, die Seele nicht, Petri Fall und Verläugnung sei die Sünde wider den heiligen Geist. Nach langem Hin- und Herreden gab ihm die Synode noch eine kurze Bedenkzeit, und nachdem er sich mit Bullinger unterredet hatte, erklärte dieser auf seine Bitte schon am Nachmittag desselben Tages vor der versammelten Synode, der Beklagte nehme das Gesagte förmlich zurück, was dieser nachher selbst bestätigte. Hierauf ward er ermahnt sich hinfort der Einfachheit zu befleißen und gemäß dem Synodalgelübde kein Dogma vorzubringen, es sei denn zuvor von der Synode genehmigt worden; überdieß mußte er als Buße eine Mark Silbers entrichten zu Gunsten der armen Predigerwittwen. Jndeß kommen derartige Verirrungen in den Synodalakten äußerst selten vor, sowie auch Hinneigung zum Pabstthum, die bei Predigern sofortige Absetzung zur Folge hatte, sonst aber sehr schonend und langmüthig behandelt wurde.

Etwas strenger war man gegen die Wiedertäufer, die indeß in der Schweiz ihre frühere Bedeutung verloren hatten. Die häufigen Klagen einzelner Pfarrer über ihre verdeckten Umtriebe werden Jahre lang damit erwiedert, man solle sie der Wahrheit berichten, und dann, wofern nöthig, vor das Chorgericht nach Zürich schicken. Sodann wurden die öfter Gemahnten von Seiten der Regierung mit Güterentziehung und Gefängniß bedroht;

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Einer derselben, welcher Besserung versprochen und doch fortfuhr "aufrührerische" Reden zu führen, ward von Synode wegen gewarnt, sich ja nicht mehr auf zürcherischem Boden betreten zu lassen, um sich nicht Schlimmeres zuzuziehen. Dasselbe erfolgte in Bezug auf einige der Synode als Proselytenmacher Bezeichnete, mit dem Bemerken, sie mögen sich wohl an solche Orte begeben, wo man ihrer nicht habhaft werden könne. Wir sehen in diesem die einzelnen Fälle berücksichtigenden Verfahren durchaus die Vollziehung des von Bullinger früher (1535) darüber der Regierung abgegebenen Gutachtens (s. oben Kap. 46).

Ueberdies sehen wir Bullinger theils in Verbindung mit den Stadtgeistlichen, theils als Präsidenten derjenigen aus Geistlichen und Rathsgliedern bestehenden Behörde, welcher die theologischen Prüfungen oblagen und allmälig die fortgehende Besorgung der gewöhnlichen kirchlichen Geschäfte insgemein zukam, stets bei allen Verhandlungen, welche das Kirchliche betreffen oder mit dem kirchlichen Gebiete irgend zusammen hängen, als Führer und hauptsächlichen Rathgeber betheiligt. Dahin gehört 1553 seine merkwürdige Verwendung beim zürcherischen Rathe zu Gunsten einer gewissen Freiheit der Druckerpresse, welche, obschon geeignet ein so mächtiger Hebel der Reformation zu sein, in Zürich schon zu Zwingli's Zeit (1523) gleichzeitig wie im deutschen Reiche, jedoch unabhängig davon zur Abwehr gefahrbringender Zügellosigkeit der Censur unterworfen worden war. Bullinger sah sich veranlaßt in Verbindung mit zwei andern Stadtpredigern deshalb vor Rath zu treten, als man aus allzu großer Aengstlichkeit, um nicht den römisch-katholischen Kantonen und heimlichen Parteigängern derselben mißfällig zu werden, verbot, den englischen Katechismus und das in 42 (später erst in 39) Artikeln verfaßte Bekenntniß Englands in Zürich lateinisch heraus zu geben, nachdem diese beiden Schriften in England erschienen und zu deren weiterer Verbreitung auch in Zürich eine Ausgabe davon veranstaltet werden sollte[81]

Nachdem Bullinger dem Rathe vorerst gezeigt hat, es erwachse nicht geringer Schaden daraus, wenn man das zu drucken verbiete, was zum Schirm der wahren Religion und zur Widerlegung der Jrrthümer diene, und im gegenwärtigen Falle bringe es der reformirten Schweiz großes Ansehen, daß ein so großes und berühmtes Königreich Einen Glauben mit ihr habe, fährt er fort: "Der Druckes wegen bitten wir euch überhaupt die Sache wohl zu bedenken und den Druck in guten Sachen, zur Förderung der Ehre Gottes und der Wahrheit, frei gehen zu lassen und nicht zu hindern in Betracht, daß der Druck die herrliche Gabe Gottes ist, die erst in dieser letzten Zeit hat hervor kommen lassen, damit der arme, gemeine Mann der Wahrheit möchte und könnte berichtet, dagegen der Betrug und die Verführung des Pabstes und der geistlich Genannten zugleich aufgedeckt werden, während doch

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in der letzten Zeit der Trug der Päbstler so gewaltige Wurzel gefaßt und so viel Ansehen, Schutz und Schirm bekommen hatte, daß es, menschlich zu reden, gar nicht so aussah, als ob es je dazu kommen würde, daß der Trug und auch die Wahrheit an den Tag käme. Es hat aber Gott gnädiglich durch den Druck dem Antichrist und Antichristenthum den Hals abgedruckt, daß es in der Gläubigen Herzen anfängt zu sinken und zu ertrinken (nach II. Thessal. 2, 8.)... Es ist von Gott eröffnet, daß jetzt auf Einen Tag durch vier Personen 1500 Bogen mögen gedruckt werden, die früher durch Schreiben von etlichen hundert Personen in vielen Tagen nicht hätten mögen zu Stande gebracht werden." Weiterhin deckt Bullinger die Nichtigkeit des gegnerischen Einwurfes, "es seien schon genug Bücher gedruckt", auf, und macht bemerklich: "es gebe ja auch Orte, wo man keine evangelischen Prediger dulde, und wo doch viele ehrenwerthe Leute seien, die der evangelischen Predigt herzlich begehren. Solchen, sagt er, wird gepredigt durch die gedruckten Büchlein, die man zu ihnen und in sie still und heimlich bringen mag und damit sie lehren, stärken und trösten."

Ferner bittet er: "Bedenket unser Amt, das uns von Gott befohlen ist, und daß er kein ander Schwert denn sein Wort in unsere Hände gegeben und uns befohlen hat, auszureuten und hinwieder zu pflanzen und alle Unwahrheit und was sich wider Gott und sein Wort auflehnt, zu bestreiten mit Predigen und Schreiben, und daß wir, wenn gleich die ganze Welt Unwillen darob faßte und uns Solches verböte, doch schuldig sind Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. (Apostelgesch. 4. u. 5.)... Uebrigens werden ja bei uns die Bücher der Päbstler am freien Markte verkauft, da wir nicht dawider sind, daß sie nicht verkauft und gelesen werden... Wir begehren aber nicht, fügt Bullinger schließlich bei, daß ein jeder möge drucken lassen, was er wolle, sondern allein, was beiden Testamenten gemäß, zudem nütze und nothwendig ist, auch von den Censoren besichtigt und zu drucken erlaubt worden ist. Wir können hier erkennen, daß der Druck, wie alle gute Dinge, gröblich mag mißbraucht werden. Den Mißbrauch loben wir aber nicht; wir begehren sein nicht[82]."

Dieser Vortrag hatte völlig den erwünschten Erfolg; eine neue Censurordnung kam zu Stande; auch fernerhin zwar war keinem Einwohner Zürichs gestattet, sei's im Jn- oder Auslande etwas drucken zu lassen ohne Genehmigung der zürcherischen Censoren; diese aber wurden angemessener als zuvor bestellt, namentlich für jene Zeit, in der es sich meist um theologische Dinge handelte, ganz zweckmäßig einer derselben aus den Geistlichen gewählt.

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94. Fortsetzung. Bullinger in Betreff des Kirchengutes.

Zu einer andern besondern nachdrücklichen Vorstellung sah sich Bullinger an der Spitze seiner Amtsgenossen zwei Jahre später (1555) gedrungen in Bezug auf die gewissenhafte Verwaltung und Verwendung des Kirchengutes. Die Veranlassung dazu gab die auffallend rohe und harte Verhaftung des jungen, tüchtig (auch in England) gebildeten Pfarrers Hüslin in Töß, der empört über das Verhalten des in seiner Gemeinde angestellten Verwalters des dortigen Klostergutes in einer allerdings scharfen Predigt alle die diesfälligen Uebelstände, gleichwie früher schon die von demselben verschuldeten Sonntagsstörungen, einschneidend gerügt hatte, und nun rasch vom Rathe entsetzt wurde. Wenige Tage später erschien Bullinger, anstatt der ergangenen Einladung gemäß einen Vorschlag zur Wiederbesetzung der erledigten Pfarrstelle zu machen, an der Spitze von fünf Amtsbrüdern vor dem Rathe, und begann eben so freimüthig als umsichtig den Entsetzten zu rechtfertigen, die gewaltsame Art des gegen ihn beobachteten Verfahrens, zu welchem der Rath ohne anders durch kurz zuvor auf der Tagsatzung zu Baden geschehene höhnische Aeußerungen der römisch-katholischen Gesandten aufgereizt worden war, zu rügen, namentlich aber die Hauptsache, den offenbaren Mißbrauch der Kirchengüter ehrerbietig, aber mit der entscheidenden Kraft fester Ueberzeugung offen und unumstößlich darzulegen.

Man habe Hüslin, der doch sonst sich immer ordnungsgemäß verhalten, auf eine solche Weise in die Stadt geführt, stellte Bullinger vor, daß man's nicht härter hätte thun können, wenn er ein arger Mensch gewesen, nicht aber im Kirchenamt gestanden hätte; es sei dadurch viel mehr Gerede gegen die Obrigkeit entstanden, als wenn er zwanzig solche Predigten gehalten hätte. Auffallend sei übrigens, daß die betreffende Predigt längere Zeit keinen Unwillen erregte, sobald er aber eine Kuh (d.h. Weideland für eine solche) begehrt habe, da erst seien Verhöre jener Predigt halben aufgenommen worden. Darum solle man ihn wieder zum Kirchendienste verwenden; ein Nachfolger könnte sonst nur gleich dasselbe Schicksal haben, falls er etwas wegen des Kirchengutes sagen müßte.

Der offenbare Mißbrauch aber, der mit dem Kirchengute getrieben werde, sei etwas, das schon seit längerer Zeit den Geistlichen schwer auf dem Herzen liege. Denn die Kirchengüter haben ihren Ursprung von Gott, wie aus dem alten und neuen Testamente zu ersehen. Jn der alten Kirche seien, wie Bullinger mit großer Kenntniß der Kirchengeschichte nachweist, die herrlichen christlichen Anstalten für die Kirchen und den Gottesdienst, für Schulen und Spitäler zum Besten der Gebrechlichen und Betagten, der Fremden und Armen in reicher Fülle zu Tage getreten. Erst durch das Pabstthum sei auch hierin die Verderbniß gekommen. Zum Behuf der nöthigen Reformation seien alsdann die Kirchengüter der Obrigkeit übergeben worden, doch nicht

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blos weil sie Obrigkeit sei, sondern ihr als einer christlichen Obrigkeit, die aus evangelischen Christen und Gliedern der Kirche bestehe und deshalb als der rechte Schirmherr der evangelischen Kirche gelten könne. Damals habe die Obrigkeit erklärt, daß sie die Kirchengüter keineswegs zu ihren Handen ziehe, sondern sobald die großen Leibgedinge zu Ende gehen, wolle sie noch reichlicher allenthalben der Nothdurft der Kirche zu Hülfe kommen.

Nunmehr haben jene Beschwernisse aufgehört, überdies sei auch der allgemeine Wohlstand, Gott Lob! bedeutend gestiegen. Aber, wie es eben zu gehen pflege, daß das Gottesreich allerwärts nur langsam von den Menschen gefördert werde, Verschlimmerungen aber immer wieder eintreten, so wollen hier beim Kirchengute die alten Mißbräuche aufs neue herein brechen, so daß man es reichlich dahin verwende, wohin es nicht gehört, nur kümmerlich aber dorthin, wohin es gehört.

So sei ein böser Bruch eingetreten, daß man, wo ein Pfarrhaus so elend und baufällig werde, daß man bauen müsse, den Pfarrer versetze und die biederen Leute anderswohin heiße zur Kirche gehen. "Jst doch, fährt Bullinger fort, selbst da, wo die Pfarrer in den Gemeinden wohnen, der Kirchenbesuch und die Zucht, wie sie kann und mag; wie viel mehr, wo kein Pfarrer in der Gemeinde ist und die Leute anderswohin gehen sollten. Da gehen sie erst nicht und unterbleibt also viel Gebets um des Geldes willen, da doch viel hundert Gulden nicht ein recht gläubiges Vater Unser vergelten oder bezahlen mögen. Kurz, die Schafe sind trostlos und zerstreut, wenn der Herr sein besonderes Bedauern hat (Matth. 9, 36)... Etliche Pfarrer, wenn sie alt und beinahe untauglich, d.i. ohne Gedächtniß und kindisch geworden, daß sich biedere Leute klagen und man offenbar sehen muß, daß das Amt schlecht versehen wird, läßt man dessen ungeachtet bleiben, ohne etwas zu ändern, nur damit man keine Kosten mit Leibdingen für die abgehenden Pfarrer haben müsse, und wo etwa Abänderungen vorgenommen werden, geht's doch so langsam und beschwerlich zu, daß wir uns mit Recht darüber beklagen müssen. Etliche Pfarreien sind so schlecht besoldet, daß, wie lieb auch die Pfarrer der Gemeinde seien, man sie nichts desto minder auf bessere Pfründen versorgen muß, will man sie anders nicht gar verderben lassen... Stirbt ein solcher Pfarrer, so müssen die Seinigen als Bettler unterstützt werden, auch wenn er zwanzig, dreißig Jahre diente und allezeit haushälterisch war. Die Pfarrer welche Mangel leiden, dürfen sich nicht einmal über ihre Armuth klagen; denn lieber wollen sie Armuth leiden, als von Etlichen hören: "Wann hätte man doch den losen Pfaffen genug gegeben?" ungeachtet ihnen ein Mehreres gebührt. Hingegen vernimmt man keine Klage der Art, wenn man viele tausend Gulden für das ausgibt, wofür die Kirchengüter niemals von ihren Stiftern bestimmt wurden, nämlich für zeitliche Zwecke, wie denn jedermann wohl weiß, daß eine Zeit her von Euch, Unseren Herren,

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gar bedeutende Summen ausgegeben worden sind zur Erwerbung von Herrschaften und Gütern."

Sodann werden die verschiedenen Zwecke aufgezählt, für welche die treue Verwendung des Kirchengutes höchst nöthig wäre. "Mit den kirchlichen Gebäuden, den Kirchhöfen und den Kirchen steht es an etlichen Orten erbärmlich. Das gibt unsern Gegnern Anlaß zu sagen, wir haben Kirchen gleich Roßställen. Wenn man etwa die Kirchen verfenstern sollte, würde man sie lieber vermauern. Gerade das Pfarrhaus zu Töß ist dermaßen baufällig, daß niemand gern um Lohn bei starkem Wind drin wohnete vor Gefahr des Einfallens. Die Kirche ist daselbst auch elend. Dagegen ist das Schloß zu Wädensweil gebaut nicht zur Nothdurft, sondern zum Ueberfluß."

Ferner wird namentlich mannigfacher dringender Bedürfnisse für Schulzwecke gedacht, z.B. habe man zur Zeit der Reformation das Singen der armen Schüler vor den Hausthüren abgeschafft, statt dessen einer Anzahl (22) derselben, worunter vier fremde waren, aus dem Almosenamt etwas verabreicht, die Gaben an fremde Schüler aber eingehen lassen, während doch der selige Bürgermeister Roist mit Recht zu sagen pflegte, die Gutthaten, die man zur Zeit des Schwabenkrieges den ausländischen Armen in der Schweiz erwiesen, seien gute Friedensmittler geworden, und auch jetzt durch solche Knaben, so man sie in der wahren Religion unterrichtete, die Wahrheit auch im Auslande möchte gefördert werden. Die Schule zu Rüti habe man eingehen lassen, ebenso die Schule von Kappel, der einst alle die sechs Männer, die eben jetzt vor dem Rathe stehen, angehörten, in die Stadt gezogen. Vor Allem aber seien deutsche Schulen nöthig, damit die lateinischen Schulen nicht durch Solche überfüllt werden, die nicht Latein lernen, sondern nur überhaupt Unterricht empfangen wollen, und damit die für jene bestimmten Schüler hier vorgebildet werden im Lesen, Schreiben und den Anfangsgründen des Religionsunterrichtes.

Ferner komme bei den Klosterverwaltern manche Härte vor. Viele meinen, die Pfarrer sollten vom Brauch und Mißbrauch der Kirchengüter auf der Kanzel gar nichts sagen, weil es den gemeinen Mann unruhig und zur Auflehnung geneigt mache. Aber den Predigern seien die Armen von Gott anbefohlen; das Christenthum betreffe alle Stände; verwalte man das Gut recht, gemäß der Reformation, so brauche man solches Predigen nicht zu scheuen, wiewohl es mit Bescheidenheit geschehen soll. Predigt man nicht auch darüber, so reden nur die Bürger und Bauern desto unbescheidener davon und würden sagen, Wolf und Hund seien eins geworden. Allerdings wäre es den Geistlichen lieber, auch hätten sie's ruhiger, wofern sie keinerlei Laster durch ihre Predigt zu strafen brauchten.

Ergreifend und sehr bezeichnend namentlich für das Verhältniß von Kirche und Staatsgewalt ist endlich die treuherzige Anrede am Schlusse: "Schließlich bitten wir Ew. Weisheit, diesen Vortrag so aufzunehmen wie er

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geschieht, in Treuen, aus Nothdurft und gutem Herzen, auch zu bedenken unser Amt und unsere Bestellung. Euer, als der Obrigkeit Amt ist aus Gott, und Gott will in der Regierung (staatlich) durch euch wirken und der Gemeinde mit Gericht und Recht, mit Strafe und Schirm Gutes thun. Ebenso ist unser Amt auch von Gott; wir sind auch seine bestellten Diener; durch unseren Dienst will Gott auch in seiner Kirche (kirchlich) wirken. Darum ist uns die Gemeinde Christi in unserem Amte nicht minder denn euch in eurem Amte anbefohlen. Ja, nach unserer Bestellung, darvon der heilige Prophet Ezechiel sagt im 3. und 33. Kapitel, müssen wir um euch und um die ganze Gemeinde Rechenschaft geben an unserm Ende und letzten Tage. Darum verschätzt unseren Dienst, der Christi ist, und unsere Arbeit nicht, vermeinet nicht, daß die Dinge uns wohl nichts angingen. Wir sind mit der Pflicht Gottes gebunden, so daß wir gründlich wohl wissen, daß, so in dem und Anderem nicht Besserung erfolgt und wir dazu schweigen, wir ewig verloren sind. Wir hoffen aber, unser Herr und Gott, der E. W. viel Gaben und Gnade verliehen hat, werde auch durch die Gnade hinzu thun, daß ihr in der Sache der Kirchengüter treulich handeln werdet und Besserung verschaffen. Hierzu ermahnet, dringt und treibt euch eure Pflicht, Amt, Schuld und Zusage. Gott wird alsdann euch gnädig sein und seinen Segen geben, auch alle Anschläge derer, die euch die Kirchengüter wieder zum Behuf der papistischen Aberglaubens entreißen wollen, zu nichte machen. Wir werden auch der Strafe Gottes entrinnen, während Gott dagegen den Mißbrauch der Kirchengüter nie ungestraft hat hingehen lassen. Der Reichskrieg, der vor Jahren (1546) ergangen, soll uns warnen; denn da sie aus dem Kirchengute Kanonen gossen, Truppen besoldeten, Basteien und Festungen bauten, diente es mehr zu ihrem Verderben als zu ihrem Heile. Das Gebet der Armen, die gespeist, getränkt und erhalten werden, dringt durch die Wolken, die Klage der Armen kommt auch vor Gottes Ohren. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ist die stärkste Mauer. So habet ihr, unsere Gnädigen Herren, keinen größeren Schatz, denn so ihr eine willige Gemeinde habet, die euch lieb hat... Unser ein jeder ist schuldig aus dem Seinigen den Armen Hülfe zu thun; wie viel mehr soll man aus dem Gutes thun, was dazu schon vorlängst von biederen Leuten gegeben ist. Und so der Fehler an denen liegt, die sich für Arme ausgeben, aber verkommene, trunkene, vergeuderische Leute sind, die nicht arbeiten wollen, so wehre man da bei Zeiten; denn so man die Zahl der Bettler alle Tage wachsen läßt, wird's sonst mißlich, ja fruchtlos sein, was man auch darin thue. Hiermit erbieten wir uns zu helfen in Allem und jedem, was E. W. uns auflegen wird und uns möglich ist."

Dieser kühne Vortrag Bullingers, so reich an Fruchtkeimen, blieb nicht ohne Wirkung. Sofort wurde Pfarrer Hüslin begnadigt, so daß ihm das Geschehene nicht schaden und ihm wieder ein Pfarramt übertragen werden solle. Die einläßliche Antwort des Rathes verzog sich bis zu Anfang Mai

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des folgenden Jahres 1556, unmittelbar vor der Frühlingssynode. Die Regierung wies nach, wie sie stets bemüht gewesen, die Kirchengüter doch vornehmlich für Kirche, Lehre, Arme und allgemeine Nothdurft zu verwenden, wie sie namentlich den Spital aus dem Kirchengute reichlich bedacht, an mehreren Orten Kirchen gebaut, Pfründen gestiftet, während das Stift zum großen Münster seinerseits darin noch manches zu thun habe; alle Pfarrer seien mit dem nöthigen Unterhalte versehen worden. Die Verfügungen betreffend die Schulen in Rüti und Kappel seien ja gemäß dem Rathe der Geistlichen erfolgt. Zwei deutsche Schulen sollen in der Stadt errichtet werden; auch sei für gut erkannt, Lehrfrauen für die Töchter, so man solche finden kann, anzustellen. Unweislich werfe man der Regierung vor, sie habe die Kirchengüter zu zeitlichem Gebrauche verwendet; es sei zu bedenken, daß sie eben der Reformation wegen so große Unkosten gehabt, im Reichskriege dreiezhntausend Gulden habe aufnehmen und neulich die Herrschaft Wädensweil ankaufen müssen um Frieden, Ruhe und Einigkeit willen. Sie sei bereit, wie bisher auch fernerhin als christliche Obrigkeit zu handeln, für Kirchenbauten und das Kirchenwesen überhaupt alles Wünschbare zu leisten, ebenso für das Armenwesen und für Schulanstalten. "Dagegen sollen sich, heißt es am Schlusse, unsere Prediger und Gelehrten nicht beschweren, daß wir ihnen nicht in allem ihrem Begehren willfahren können. Denn viel junge, gelehrte, aber unerfahrene Prediger vorhanden sind, die den gemeinen Mann nicht zu leiten wissen, und die mit ihrer Keckheit und Unbedachtsamkeit bald viel Widerwillen und Unruhe angerichtet hätten, was ihnen und uns mittlerweile zum Nachtheil gereichen möchte. Wir wünschen das, was zu Friede und Einigkeit mit unseren Nachbaren und unter den Unsrigen dient, recht zu befördern; wir begehren darum, daß sie, die Prediger, das Wort Gottes und die Wahrheit christlich, tugendlich und freundlich laut alten und neuen Testamentes verkünden, die Laster insgemein bestrafen; daran thun sie uns besonderen Gefallen. Und so ihnen ja zu Zeiten, es sei der Kirchengüter oder anderen Sachen halb, in Bezug auf uns, die Obrigkeit, etwas Namhaftes oder Beschwerliches angelegen ist, sollen sie solches nicht von offener Kanzel ausbreiten und das gemeine Volk unruhig machen, sondern dies ihr Anliegen unserem Bürgermeister oder Statthalter anzeigen oder vor Rath zu treten verlangen; alsdann wollen wir sie gütig anhören und verfügen, was göttlich, ehrenwerth und geziemend ist. Wofern aber dies nicht geschehe, mögen alsdann die Pfarrer und Prediger ihres Amtes halben den vorhandenen Mangel und Gebrechen auf den Kanzeln melden und anzeigen gänzlich dermaßen, wie ihnen gleich nach unserem Unfall (im December 1531) vergönnt und zugelassen worden ist. Zudem, was die Ordnung der Synode ihrer Lehre und Lebens halber besagt, dawider wollen wir auch nichts vornehmen. Solches Alles, erachten wir, soll zwischen den Gelehrten und uns, der Obrigkeit, zu rechter Einigkeit und guter Ruhe dienen und möge hiemit jeder Theil sein Amt

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und Beruf, dazu er von Gott verordnet ist, getreulich versehen und ausrichten, jeder dem anderen seine Mängel und Gebrechen ohne alles Mißtrauen in Freundlichkeit anzeigen und davor warnen. Das, hoffen wir, wird uns Allen Lob und Ehre bringen und Gott gefallen; er wolle uns dazu seine Gnade und Hülfe verleihen."

Die Prediger, obgleich sie den Sinn und Jnhalt der vom Rathe gegebenen Antwort dankbar anerkannten, verwahrten sich sofort gegen die darin angedeutete Beschränkung der freien Predigt des göttlichen Wortes. So verletzbar waren sie in diesem Punkte, so sehr lag ihnen Alles an der völlig freien Predigt und so wenig waren sie geneigt sich hierin irgend ein Joch auflegen zu lassen, daß gleich in den nächsten Tagen, als der Bürgermeister aus Auftrag des Rathes und ganz im Sinne des mitgetheilten Schlusses der eben angeführten Antwort desselben eine freundliche Ermahnung an die Prediger richtete, ein hitziges Wortgefecht erfolgte. Gwalter, Pfarrer beim St. Peter und Dekan des Züricher See-Kapitels sammt allen Dekanen erhob sich gegen die Zumuthung, die darin liege, als ob ein Pfarrer hinfort auf der Kanzel vom Gebrauch und Mißbrauch der Kirchengüter nicht mehr frei reden dürfte; man müsse das Wort Gottes predigen, was auch darauf folge; den Ruhm, den die zürcherische Regierung bis anhin genossen, daß sie in deutschen Landen dem Worte seinen freien Lauf gelassen, solle sie sich nicht rauben lassen.

Auch Bullinger unterstützte die Dekane: "eine Beschränkung der freien Predigt des Gotteswortes dürfe weder die Regierung fordern, noch die Synode zugeben." Endlich beschloß diese, ihre Gegenvorstellung der Regierung einzureichen, doch in der milden Form einer Bitte, womit die Sache auf eine für Alle hinreichend beruhigende Weise erledigt war.

Sonach war nicht bloß der stiftungsgemäße Gebrauch des Kirchengutes auf lange Zeiten hinaus gesichert, sondern auch der freien Predigt der biblischen Wahrheit, als dem wesentlichen Mittel der christlichen Sittenzucht, aufs neue der Sieg gewonnen.

95. Bullingers fortgehende Sorge für das Armenwesen und die Schulanstalten.

Wie wir hier Bullinger für die Erhaltung des Kirchengutes besonders auch um der Armen willen sich kräftig verwenden sehen, so finden wir ihn noch öfter bemüht, für die geordnete Gestaltung des Armenwesens in evangelisch christlichem Sinne gewissenhaft das Seinige beizutragen. Unter den verschiedenen Vorträgen, die er deshalb meist in Folge von Berathungen der Synode vor dem Rathe hielt, ist besonders der von 1558 bemerkenswerth, welcher auf entschiedene Strenge gegen die starken, d.h. arbeitsfähigen Bettler, dagegen auf kräftige Unterstützung der wirklich Bedürftigen dringt. Nachdem

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nachgewiesen worden, "daß die Armen als Glieder der heiligen Kirche allen Christen, insbesondere den Dienern der Kirche anbefohlen seien", heißt es, "dieser ganze Handel aber stehe auf dem Wort oder Gebot Gottes. V. Mose 11, 4. ""Es soll gänzlich kein Armer unter euch sein"", und bald darnach, Vers 15: ""Es werden nicht aufhören Arme zu sein im Lande; darum gebiete ich dir und sage, daß du deine Hand aufthuest deinem Bruder, der arm ist in deinem Lande."" Darum solle man die Dürftigen nicht betteln lassen, sondern sie sonst unterstützen, wie auch von der heil. christlichen Kirche, Apostelgesch. 4, 34. 35. zu lesen und an dem Beispiel des Apostels Paulus zu ersehen ist. Denn bei dem Umherlaufen eilen die Allerfrechsten und Unverschämtesten den Armen, Schamhaften, Dürftigen vor und nehmen's vorweg, so daß dann für den recht Dürftigen wenig zu hoffen sei. Unter jenen gebe es Solche, die zu arbeiten fänden, aber allein darum sich nicht wollen vom Bettel abhalten lassen, weil sie mit dem Bettel mehr als mit ihrer Arbeit gewinnnen; bei diesen sei der Bettel schon zum Gewerb geworden. Die sich nun also in den Bettel begeben, kommen in keine Kirchen, beten nicht, sind unter keinem Gesetz und leben in keiner Ordnung, thun Alles was sie wollen, sind verrucht und verkommen. Aus diesen und vielen anderen Gründen sei wohl zu erkennen, warum Gott geboten habe, daß man den Armen helfen solle und jede Gemeinde ihre Armen nicht betteln lassen. Almosen wäre genug vorhanden und zu finden, wenn man die Sache in eine rechte Ordnung brächte.

Nach dieser Ordnung zu trachten und darauf zu halten, war Bullingers unausgesetztes Streben. Aufgefordert von der Regierung gab er ihr nun darüber seine Rathschläge bis ins Einzelnste, und darauf gestützt erließ dieselbe ihre diesfällige Verordnung. Dabei wurde auch die Einsammlung des Almosens an den Kirchthüren in der Stadt aufs sorgsamste angeordnet, auf Jahrhunderte hin für Zürich eine ergiebige Quelle des Wohlthuns gegen darbende Brüder nah und fern.

Auch der Spital, der aus dem Kirchengute so reichlich bedacht worden, lag Bullingern sehr am Herzen. Als daher 1558, zehn Jahre nachdem ein ungetreuer Verwalter mit dem Schwerte hingerichtet worden, ein naher Verwandter seiner Gattin, Georg Stadler, das Amt eines Spitalmeisters antrat, ertheilte er ihm seine freundschaftlichen Rathschläge in einer denkwürdigen Zuschrift, welche noch hundert Jahre später würdig befunden wurde, je vor der Wahl eines Spitalmeisters im Rathe verlesen zu werden. Sie ist uns ein lebenskräftiges Zeugniß, wie Bullingers Ordnungsliebe und Gottseligkeit aufs innigste mit einander zusammen hingen.

Hinwieder waren es Zürichs Schulanstalten, denen Bullinger seine Liebe und Fürsorge fortdauernd in vollem Maße zuwandte. Wir haben soeben gesehen, wie auf seinen Betrieb zwei deutsche Schulen ins Leben traten;

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bald finden wir deren Zahl auf sechs angestiegen und darin auch eine Anzahl "welscher" Knaben zur Erlernung der deutschen Sprache. Diese Anordnung konnte den Verhältnissen jener Zeit gemäß zunächst nur die Stadt betreffen. Erst einem späteren Zeitalter war es vorbehalten, den weiteren Kreisen des gesammten Volkes dieselbe Wohlthat in durchgängig geregelter Weise zuzuwenden, wobei es Zürich beschieden war, durch einen seiner liebereichsten Mitbürger eine so würdige Stellung einzunehmen. Doch leuchtet derselbe Sinn liebevollen Wohlwollens gegen alle Landesgegenden schon aus Bullingers oben berührtem Wunsche hervor, die lateinischen Schulen in Kappel und Rüti wo möglich wieder hergestellt zu sehen, auf daß je für die ganze Umgegend gleichsam Brennpunkte der Bildung vorhanden wären.

Jndeß mußte man damals die Kräfte concentriren und zunächst die unmittelbar dem neu gewonnenen Evangelium dienenden Schulanstalten in Zürich auf den möglichst hohen Grad der Vollkommenheit zu erheben trachten. Dafür sehen wir Bullinger fortwährend thätig. Einerseits wurde eine verbesserte Schulordnung erlassen, die auch anderen Evangelischen zum Muster dienen konnte und gelegentlich bei allfälligen Anfragen, wie z.B. aus Polen, ihnen bereitwillig mitgetheilt ward. Anderseits bemühte sich Bullinger besonders bei Besetzung der Lehrstellen sowohl für die Gymnasialstudien, als für die höhere Lehranstalt, theils jedem Amte den rechten Mann zu finden theils die vorhandenen Lehrkräfte aufs Beste zu benutzen. Jn dem Gymnasium wirkten tüchtige Schulmänner, die unter Bullingers Augen und wesentlich unter seiner Mitwirkung gebildet worden. Er war es auch, der nach dem Tode seines lieben Freundes Pellican, welcher die Professur des alten Testamentes bekleidet hatte, die Berufung des ausgezeichneten Pietro Martire Vermigli sehr wünschte, dessen erste Bekanntschaft er, wie wir wissen, schon vierzehn Jahre früher gemacht hatte, und alsdann nachdem er überraschend freudige Zustimmung gefunden, den in Straßburg hart Angefochtenen freundlich einlud dem Rufe zu folgen. "Kaum zu zählen, schreibt er ihm am 1. Mai 1556 nach Straßburg, sind die Gründe, die dich zu dessen Annahme bestimmen sollten. Fürs erste die wahrhaft von Gott eingegebene, völlig gesetzliche und einmüthige Wahl. Sodann wirst du befreit von der Feindschaft und Streitsucht deiner Collegen und kommst in Gemeinschaft mit Männern, die dich lieben und allen Zänkereien abhold sind. Du findest hier deinen alten Freund und Bruder Occhino; du findest eine italienische Gemeinde, wie es wohl in ganz Deutschland keine gibt. Du bist in Jtaliens Nähe; willst du etwa mit deinen Leuten dort verkehren, von hier aus kann es leichter geschehen, als von irgend anderswo. Du bekommst einen anständigen, schönen Gehalt. Große Anstrengungen wird man dir nicht zumuthen, sondern Rücksicht nehmen auf dein angestiegenes Alter. Solltest du durch Krankheit oder Abnahme der Kräfte zur Ausübung deines Berufes unfähig werden, bleibt dir dennoch der volle Gehalt bis zu deinem Lebensende. Auch anderswo hast du schon

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vernommen, daß in der Humanität die Zürcher unter allen Eidgenossen nicht die letzte Stelle einnehmen. Diesen Augenblick zwar schreibt mir Vergerio, du habest von dem Churfürsten[83] einen Ruf nach Heidelberg erhalten. Nicht wenig hat uns diese Nachricht erschreckt. Doch bei näherer Ueberlegung fasse ich wieder Hoffnung, du werdest dennoch lieber zu uns kommen. Jn England hast du erfahren, was es heißt, einem Fürsten dienen. Und doch war der durchlauchtige Eduard ein junger Mann; der Pfalzgraf hingegen ist ein alter Herr, der, so zu sagen, schon den einen Fuß im Grabe hat. Du weißt, wie viele Veränderungen der Tod eines Fürsten nach sich zieht. Und wie mühevoll der Dienst an einer hohen Schule ist, hast du sattsam erfahren. Nicht unbekannt ist dir auch, daß die Reichsfürsten nur zu sehr von des Kaisers Winken abhangen, und auf seine Befehle bald dieses bald jenes geändert wird in den deutschen Kirchen[84]. Bei uns hingegen lebst du unter einem freien Volke, das nichts zu schaffen hat mit dem Kaiser und den wetterwendischen Reichstagen. Unsere Kirche hält jetzt noch an derselben Religion fest, die sie vor dreißig Jahren angenommen; sie war und ist den Neuerungen und Zänkereien ganz abhold." Endlich fügt Bullinger bei, wofern der Churfürst zur Ordnung seiner Kirchen Martyrs Dienste bedürfte, so könnte dieser etwa für ein halbes Jahr nach Heidelberg gehen, man würde ihm inzwischen die Stelle in Zürich offen behalten.

Martyr ging überhaupt nicht nach Heidelberg; er kam nach Zürich und weilte hier zuerst drei Wochen lang in Bullingers Hause. Eine innige Freundschaft entspann sich zwischen Beiden, die durch keinerlei Zerwürfniß oder Spannung je getrübt ward. Nicht nur in ihren Ansichten trafen sie völlig zusammen, sagt uns ein Augen- und Ohrenzeuge, auch ihre Naturen waren harmonisch gestimmt. Jeder war so bescheiden, daß er das eigenthümliche Verdienst des Andern würdigend ihm nur aus Ueberzeugung den Vorrang ließ. Jn der That standen sie auf gleicher Höhe; nur die Richtung ihres Wirkens war verschieden und ergänzte sich trefflich. Martyr war ausgezeichnet auf dem Katheder und bei Disputationen in der Lösung auch der schwierigsten Fragen, Bullinger auf der Kanzel, in der Seelsorge und der ganzen kirchlichen Geschäftsführung. Klarheit und Einfachheit lagen Beiden über Alles am Herzen; unnütze und spitzfindige Erörterungen dagegen, welche mehr dazu dienen mit den Scharfsinn zu prangen, als zu erbauen, waren beiden gleich sehr verhaßt. Oft äußerte Bullinger, es sei sich höchlich zu verwundern, daß, während doch die Jtaliener, zumal wenn sie gelehrt seien, mehrtheils ihre besonderen Meinungen haben, dieser "so reiner Lehre und richtigen Dinges sei." Anmuthig und fein waren Beide im Umgange, fröhlich und heiteren Sinnes, jedoch eingezogen und mäßig, mild und freundlich gegen Untergebene und gegen alle die Fremden,

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die bei ihnen Rath und Trost begehrten. So stimmten auch ihre Manieren überein und gewann ihr wechelseitiger Verkehr für Beide tagtäglich neuen Reiz.

Dies das Verhältniß Bullingers zu dem Manne, welcher, einst hoch geehrt in den Kreisen der Cardinäle, selbst Calvin an Gelehrsamkeit überragend, von diesem als "das Wunder Jtaliens" bezeichnet, die letzten sechs Jahre seines Lebens Zürichs Schule mit dem Lichte seiner Wissenschaft erhellte.

Außerordentliche Ehrenbezeugungen erwies man ihm bei seiner Ankunft in Zürich und beschenkte ihn sogar ausnahmsweise mit dem Bürgerrecht. Bereitwillig erfüllte die Regierung hierin alle Wünsche Bullingers, äußerte aber zugleich den Wunsch, daß man auch inländische Kräfte zum theologischen Lehramte heran ziehe. Sofort erging deshalb an die drei Diakonen der Stadt die Aufforderung, sich dafür bereit zu machen. Da kam ihnen nun die von Bullinger so dringend eingeschärfte Benutzung ihrer Studienjahre wohl zu Statten, zudem war ihnen der damals immer noch in Zürich übliche Besuch der akademischen Vorträge von Seiten der Geistlichen und Gelehrten förderlich, und so sehen wir in der Folge eine Reihe talentvoller und gründlich gebildeter Zürcher, wie Johannes Wolf, Josias Simmler, Ulrich Zwingli, Wilhelm Stucki, (gleich dem zuvor schon verstorbenen Otto Werdmüller) mit dem besten Erfolge im Kirchendienste und im theologischen Lehramte wirksam, während Aerzte, wie der berühmte Konrad Geßner und Andere, die naturwissenschaftlichen Kurse hielten. Welch einen Fleiß diese Männer entwickelten in verschiedenen Gebieten der Wissenschaft, davon geben ihre zahlreichen und bedeutenden Schriftwerke rühmliches Zeugniß. Bullinger finden wir mit ihnen allen innig verbunden, als älteren Freund und geistlichen Vater verehrt und geliebt.

96. Bullingers Freude an den Früchten der Zürcher Schule und weitere Sorge für die Studierenden.

Ueberhaupt sehen wir, auch auf dem Gebiete des Kirchendienstes, jenen Wunsch Bullingers immer mehr in Erfüllung gehen, den er bald nach seinem Amtsantritte ausgesprochen hatte und immer festhielt, daß Zürich inländische Kirchendiener in hinreichendem Maße erziehe, um sowohl die eigenen Kirchgemeinden mit würdigen Führern zu versehen, als auch den größtentheils bedrängten Glaubensbrüdern in der Umgebung solche darbieten zu können. Schon 1550 kann er gelegentlich darüber an Myconius schreiben: "Wir haben, Gott sei Lob! eine so große Menge von Studierenden und Geistlichen, daß wir nicht mehr Femde nöthig haben, die ihrer Stellen entsetzt sind." Bezeichnend ist in dieser Beziehung, daß, nachdem Johannes Haller, wiewohl ungern, den Bernern auf ihr dringendes Bitten überlassen worden, für das erledigte Archidiakonat am Großmünster sechs Stadtbürger, als fromme, gelehrte, in jeder Hinsicht tüchtige und vertrauenswürdige Männer vorgeschlagen werden konnten. "Wir hoffen, schreibt dabei Bullinger Namens der

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kirchlichen Behörde dem Rathe, Euere Weisheit werde daran einen Gefallen haben und Gott dankbar sein, daß er die Unseren also begnadet, daß sie zu Kirchendiensten geschickt sind." Jn seinem vorletzten Lebensjahre zählt Bullinger mehr als zweihundert dreißig Solche auf, die fast insgesammt während seiner Amtsführung Stipendien genossen zur Vorbereitung auf den Kirchendienst.

Sehr bezeichnend für Bullingers bescheidenes Urtheil über alle die Beihülfe, welche Zürich unter seiner Leitung den Glaubensbrüdern weitumher durch Auferziehung und Ueberlassung von Predigern leistete, ist sein Schreiben nach Bünden vom Sommer 1558. Bei Erledigung der Pfarrstelle in Davos wandte sich nämlich der Pfarrer Fabritius in Chur und sein College Namens der rhätischen (bündnerischen) Kirche mit der dringenden Bitte an Bullinger, um christlicher Liebe und Gemeinschaft willen ihnen doch ja einen in jeder Beziehung trefflichen Geistlichen zu senden, zumal bei den großen Gefahren von Seiten des Pabstthums und weil Davos die vorderste Gemeinde des dritten Bundes sei. "Freilich, schreibt Fabritius, ist's ein schwerer Handel; denn der Weg ist rauh und mühsam und Davos eine große Wildniß; haben wenig Sommers. Zudem, obgleich die Vornehmen der Räthe verständig sind, ist wohl zu vermuthen, das übrige Volk sei rauh und wild. Die Davoser haben bis jetzt einem Pfarrer höchstens hundert Gulden gegeben, jetzt aber eine Aufbesserung von dreißig Gulden hinzu gethan. Es müßte einer nicht seinen eigenen, sondern der Kirche Nutzen betrachten; mit Gottesfurcht und Bescheidenheit möchte Einer viel Gutes ausrichten... Es ist aber Gebrauch in diesen Landen, daß sie keinen annehmen, sie haben ihn denn zuvor selbst predigen gehört."

Bullinger antwortete ungesäumt und zwar deutsch (ohne anders damit seine Antwort der Gemeinde Davos könne mitgetheilt werden): Euer ernstlich Schreiben und Betheuern habe ich seines Jnhalts gelesen und verstanden und wäre gar willig, in dem und dergleichen Händeln zu rathen und zu helfen; ja, so es mir möglich wäre! Jhr dinget aber so viel an, und wollet, daß man euch einen so gelehrten, ernsthaften, langgeübten und bewährten zuschicke, daß ich wahrlich nicht weiß, wie oder wo man einen solchen finden könnte. Jch hab' nun in die 35 Jahre der Kirche Christi gedienet; daß ich mich aber für einen solchen ausgebe, das thue ich nicht; kann aber mithinzu wohl erkennen, was der selige Apostel von den Dienern der Kirche fordert, I. Timoth. 3, und daß wir als Menschen "presthaft" (mangelhaft) sind. Jch halte es auch für gut, daß ihr so sorgsam seid für die fromme Kirche und die Ehrenleute auf Davos, die ihr gerne wolltet wohl und voraus wohl versehen. Jch erachte aber, ihr werdet euch doch an einem gebührlichen Manne vergnügen lassen in Betracht, daß man je zu den Zeiten thun muß, wie man eben kann und mag, und daß Gott immerdar Gnade gibt seinen Dienern, daß etwa die, so geringen Ansehens sind, bei den Kirchen mehr Nutzen schaffen, denn die man für hochgelehrt und weiß ich wofür

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hält. Das kann ich euch, lieben Brüder, in der Wahrheit berichten, wie ihr, lieber Herr Gevatter (er redet damit Fabritius an), wohl wisset, daß wir, ob wir gleich hier eine gute Schule haben, doch uns auch müssen mit Leuten vergnügen lassen, wie uns die je Gott und die Zeit gibt. So haben wir hier seit dem Herbste mehr als sechszehen Stellen versehen und erst dieser Tage Prediger gen Altstätten in das Rheinthal, gen Zurzach und an andere Orte hingeschickt, daß wir dieser Zeit gar nicht eine Menge von Personen haben. Jhr redet wohl hoch und theuer und ermahnet, wie man euch mit Leuten versehen solle. Ja! wo man's hätte! oder so Meine Herren in Zürich zu ihrer so großen Landschaft nicht selbst viel bedürften, da sie mit großen Kosten Leute auferziehen und dennoch fast nicht so viel, als nothwendig wäre, haben mögen. Darum müsset auch ihr Bescheidenheit halten, und uns nicht zu viel zumuthen oder zu viel fordern. Das wollet von mir in allem Guten verstehen... Damit ihr aber sehet, daß ich gern den Ehrenleuten auf Davos und auch euch, meinen ehrsamen, lieben Brüdern, dienen wollte, habe ich meinen lieben Gevatter, Herrn Samuel Collmarn, der hier Meiner Herren Stipendiat, examinirt und im Predigtamt ist, dazu vermocht, daß er zu euch herauf reist, die Kirche Davos besehen und sich da sehen und hören lassen will. Er ist ein frommer, redlicher und treuer Mann, hat vor Jahren im Toggenburg gepredigt, da ihm der Meßpfaffe aufgesessen und ihn von dannen vertrieben hat. Jhr wißt vielleicht, was und wie Meine Herren darin gehandelt und doch wenig auszurichten vermochten. Er entbietet sich, so er euch und den biedern Leuten gefallen möchte, daß er ehrbar leben, sein Bestes thun, redlich studieren und sich treulich halten will... Himit verstehet mein Schreiben im Besten; denn ich allezeit der Euere bin und liebe euch im Herrn, bin auch euch zu dienen allezeit bereit. Seid allezeit treu; denn unsere Sache vor Gott aufrecht ist und Gott will, daß wir immer aufrecht handeln. Bittet allezeit den Herrn für mich. Jch hätte gern mehr geschrieben, hab es aber vor Geschäften nicht vermocht. Gott mit euch!"

Für dieses an heilsamen Winken in Bezug auf Pfarrwahlen so reiche Schreiben empfing Bullinger warmen, herzlichen Dank nebst dem Versprechen, man wolle künftighin bei ähnlichen an ihn zu richtenden Begehren weniger hoch fahren.

Ungeachtet des schon Gewonnenen ließ aber Bullinger in seinem regen Eifer für die fortwährende Heranbildung fähiger und ihrem Charakter nach vorzüglicher Jünglinge nicht nach. Seine liebende Fürsorge erstreckte sich nicht bloß auf die in Zürich weilenden, sondern fortgehend auch auf die im Auslande befindlichen, wie uns auch in diesem Zeitraum sein Briefwechsel mit den in England und Deutschland Studierenden zeigt. Ansprechend ist auch, was er 1553 an zwei in Paris studierende Mediciner, Kaspar Wolf und Georg Keller, denen der Rath außerordentlicher Weise wegen des damaligen Mangels an Aerzten eine Unterstützung zukommen ließ, mit väterlichem Ernst

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und seiner Einfachheit schreibt bei Uebersendung ihres Stipendiums: "Seid sparsam; denkt stets: Was du nicht nöthig hast, ist um einen Schilling zu theuer. Sinne nicht dem nach, was du wünschest und verlangest, sondern was du durchaus nicht entbehren könnest. Macht nicht unnützige Ausgaben; sonst wäre Gefahr, es könnte den Rath der getroffenen Anordnung gereuen." Einen Vorwurf wolle er ihnen jedoch damit nicht machen, fügt er bei, und fährt fort: "Ueberdies nehmt euch immerdar fest vor, die aufgewendeten Kosten sollen nicht umsonst sein, sondern ihr wollet vielmehr emsig euch dessen befleißen, wozu ihr in die Fremde gesendet seid. Bedenket beständig, wie große Erwartungen man von euch hegt. Verbindet also mit eurem Fleiße und unablässiger Arbeit häufiges Gebet, um euch die Hülfe von oben zu erflehen. Längst habt ihr ja erkannt, die ärztliche Kunst, wiewohl sie durch Fleiß erworben wird, sei nichts desto weniger ein Geschenk Gottes und werde gegeben vom Himmel her. Lebt christlich und flieht alle Entweihung! Seid demüthig; denn Gott widerstehet den Hoffärtigen, den Demüthigen aber gibt er Gnade. Seid der festen Ueberzeugung, alle Zeit sei für euch verloren, die ihr nicht aufs Studieren verwendet und der Verlust der Zeit sei etwas so Wichtiges, daß sie durchaus durch nichts könne ersetzt werden; mit reißender Schnelligkeit eilt sie dahin!"

Man kann sich leicht denken, wie Bullinger, der so an Mediciner schrieb, mit Theologie Studierenden verkehrte. Die beste Gelegenheit aber, uns des Näheren davon zu überzeugen, bieten uns die mahnenden Vaterworte, die er seinem eigenen Sohne in die Fremde mitgab und die anmuthigen Briefe, durch die er seinen Studiengang leitete.[85]

Auch in Betreff der Behandlung jüngerer Schüler hatte er seine bestimmten Grundsätze. Wiewohl er sich nicht leicht dazu entschloß solche ins Haus aufzunehmen, that er's doch 1557 seinem bündnerischen Freunde Friedrich von Salis zu Gefallen, seinen jungen Sohn zu beherbergen, und meldet ihm nach einiger Zeit: Unser liebe Sohn Johannes ist Gott Lob! gesund und macht in den Studien erfreuliche Fortschritte für sein Alter. Freilich erlauben mir es meine gehäuften Geschäfte und meine Kränklichkeit, die öfter, als ich wünsche, wiederkehrt, nicht, ihm selbst Lectionen zu geben. Doch geschieht es öfter, daß ich ihn prüfe. Jndeß geht er täglich eine Stunde zum Provisor (Conrector) mit den anderen Knaben und übt sich da in den Regeln der Grammatik. Er muß mir fleißig zu Hause bleiben, um nicht auf der Gasse die köstliche Zeit zu verschleudern. Uebrigens lasse ich ihm dann auch seine Erholungsstunden; denn meiner Meinung nach erzweckt man durch übertriebene Strenge so wenig Gutes, als durch übertriebene Nachsicht und Güte. Durchgängig halte ich ihn wie meine eigenen Kinder. Alle seine Anliegen, Wünsche und Bedürfnisse darf er mir offenherzig sagen. So sehr mir überflüssige Ausgaben zuwider sind, so wenig leide

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ich, daß es meinen Tischgenossen am Nützlichen oder Nöthigen gebreche oder daß es ihnen nur kärglich zukomme. Mit Kleidern ist er hinreichend versehen. Jüngst hat er mich um einen Pelzrock gebeten, und auch diesen soll er haben. Er hat das Geld noch, das du ihm geschickt hast. Jch erlaube ihm nicht, daß er es nach Gelüsten verwende oder heimlich krämle (Näschereien kaufe). Manche hoffnungsvolle Knaben sind, wie ich aus Erfahrung weiß, eben dadurch zu Grunde gegangen. Uebrigens schärfe ich ihm oft ein, er solle mir's doch ja nicht verheimlichen, wenn er etwas wünsche. Es ist nie gut gewesen, wenn Knaben heimlich Geld gehabt und damit mögen krämlen und schalten, wie's ihnen beliebte. Er ist zwar Meister über das Geld und hat es unter seinem Schlüssel; aber er gibt Rechnung von Allem, sobald ich will. Er ist mäßig und verbraucht nichts ohne mein Vorwissen. Kurz, laß dir um ihn nicht bange sein; so lange er bei mir ist, soll's ihm an nichts mangeln, was er bedarf." Bullingers treue Sorge für die Schuljugend auch bis ins anscheinend Kleine spiegelt sich uns hier vereint mit reifer Erfahrung.

97. Bullingers fernere Wirksamkeit im Pfarramt. Seelsorge.

Mit dem zuletzt Erwähnten nähern wir uns dem fortgesetzten Wirken Bullingers in seinem Pfarrdienste. Seine Predigten betreffend mag man sich an das oben Bemerkte erinnern, daß dieselben seit der Mitte des Jahrhunderts in reichlichstem Maße gedruckt erschienen, zum Theil in deutscher Sprache, größeren Theils aber in lateinischer Sprache, un den Predigern verschiedener Nationen, welche immer aufs neue darnach verlangten, als Muster und Hülfsmittel zu dienen.

Das weitere Gebiet aber von der Wirksamkeit Bullingers als Seelsorgers ist begreiflich ins Meer der Vergessenheit hinab gesunken, oder liegt uns wenigstens nicht in so ausgedehntem Maße vor Augen. Doch einzelne Spuren lassen sich finden. "Jch bin erdrückt vom Schwarm der Kommenden und Gehenden," schreibt Bullinger beiläufig (1551) an Myconius, und um dieselbe Zeit: "Es ist dermalen hier ein großer Mangel an Dingen und ein noch größerer Ueberfluß an Armen." Gelegentlich vernehmen wir, daß er (1559) einen armen, aber redlichen Schul- und Rechenmeister, Hans König aus Augsburg, der des Abendmals wegen von Lauingen vertrieben worden, sammt seinem Weibe sechs Wochen lang im Hause hatte; sodann empfahl er ihn angelegentlich nach Bünden. Schaaren von Flüchtigen spendete er ähnlicher Weise zugleich mit der Seelenpflege thatsächlichen Trost.

Wie er ängstliche Gemüther aufzurichten wußte, zeigt uns sein an eine christliche Freundin gerichtetes Schreiben (9. April 1573) vom Nachtmal des Herrn, von der Vorbereitung auf dasselbe, von Schwäche und Wachsthum des Glaubens[86].

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Aus Bullingers Briefen an seinen Sohn ersehen wir, wie vielen Gemeindegenossen er in ihrer letzten Noth tröstlich beistand und alsdann liebreich die Augen zudrückte. "Wir stehen gegürtet und folgen willig denen, die Gott abruft," schreibt er bei einem neuen Ausbruche der Pest. Unumwunden sprach er sich aus, als Pfarrer Fabritius in Chur bei der furchtbaren Pest von 1564 mit Zanchi, damals Prediger in Chiavenna, darüber stritt, ob ein Pfarre sich des Besuches der Pestkranken enthalten, oder vollends, wie der Prediger in Plurs gethan, die Gemeinde um der Pest willen verlassen dürfe. "Barbarisch ist die Meinung deines Gegners, schreibt er an jenen; auf alle Weise muß man, wie mir scheint, sich dagegen wehren, daß jene thierische Gewohnheit eindringe in unsere Gemeinden. Mögen jene (Jtaliener) fliehen, wie sie wollen, sie werden der Hand Gottes doch nicht entrinnen, und wie sie auch sich und ihre Sache zu vertheidigen suchen, ist's und wird's nimmer recht[87].

Wie Bullinger sich als Seelsorger gegen Gemüthskranke verhielt, sehen wir an dem Beispiele des kunstfertigen Steinhauers Hans Linz, auch Motschon genannt, von Trient gebürtig, der als evangelisch Gesinnter aus Tyrol mit Weib und Kind nach Zürich kam und hier um seiner Kunst willen das Bürgerrecht erlangte. Als er in melancholischer Verstimmung sich für Elias ansah, suchte ihn Bullinger durch liebreiche Ermahnung von seinem Jrrwahn abzubrigen, riet ihm sich zu Hause stille zu verhalten und sich ärztlicher Hülfe zu bedienen. Linz genas völlig; Jahre lang stand Bullinger mit ihm auf freundschaftlichem Fuße und hielt oft mit ihm religiöse Gespräche. Um so mehr mußte ihn sein gewaltsames Lebensende schmerzen und erfreuen, worin sein Glaube sich in glorreicher Festigkeit bewährte. Der üppige Schultheiß Ritter in Luzern, ein prachtliebender Söldlingsführer, wollte in Luzern ein Haus bauen, dem keines in der Schweiz an Schönheit gleich käme. Er bewog Linz deshalb nach Luzern zu kommen, indem er ihm die Zusicherung gab, daß er unangefochten seines Glaubens leben könne, wofern er ihn nicht verbreite. Als aber der Meister sein Werk vollbracht hatte, klagte der Schultheiß (nach allgemeiner Ansicht, um sich der Bezahlung zu entledigen) seinen Gläubiger als Ketzer an und bewirkte seine Enthauptung. Glaubensstark starb Linz (im Mai 1559); die Augen gen Himmel gewandt beschied er seinen Verfolger vor den obersten Richter. Derselbe folgte ihm bald nach; im blühendsten Alter erlag er seinen Ausschweifungen. Bullinger erkannte darin Gottes gerechtes Gericht, sowie hinwieder Gottes segnende Liebe in dem heitern Muthe, den er seinem Pfleglinge, jenem Märtyrer des evangelischen Glaubens, bei seiner Bluttaufe verlieh.

Auch von Bullingers geschickter Behandlung schwieriger ehelicher

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Verhältnisse liegen uns einige Beispiele vor. Als die Gattin Junker Heinrich Göldlins, dessen Geschlecht zu den vornehmsten in Zürich zählte, sich eigenmächtig nach Basel, ihrem früheren Wohnorte, hinweg begeben, that Bullinger alles Mögliche zurAussöhung. Er wandte sich deshalb an den dortigen Antistes Sulzer. "Jch habe euch, schreibt er diesem im Januar 1558, vergangener Tagen der Frau Göldlin halb vertrauter Meinung zugeschrieben, darauf ihr mir geantwortet, da sei nicht viel Spans, so daß die Sache wohl möge ausgeglichen werden. Mithinzu aber bleibt sie zu Basel, nicht mit Bewilligung ihres Ehemannes, dem sie keine Beiwohnung thut, da doch nach göttlichen Rechten billig wäre, daß sie von ihm nicht so lange getrennt wäre. Deshalb haben sich allhier etliche vornehme, gar ehrenwerthe Leute über die Sache berathschlagt und schreiben ihr freundschaftlich zu, daß sie nunmehr wiederum zu ihrem ehelichen Mann kehre und ihm gebührlich beiwohne. Dieweil denn mir, als dem Pfarrer ihrer Beiden, da ich hoffe, daß sie mich dafür erkenne, gebühren will, in solcher Sache insonders und in Treuen zu handeln, weiß ich dies nicht besser, denn durch euch, der vormals ihr Pfarrer auch gewesen, und den sie, wie ich erachte, noch für einen Diener Gottes und seiner Kirche erkennen wird, auszurichten, bitte und ermahne daher euch, als meinen lieben Herrn und Mitbruder, ihr wollet euch doch dieser Sache mit Ernst beladen, gedachte Frau Göldlin freundlich vornehmen und sie vermahnen, daß sie das ihrem ehelichen Gemahl erweise in ehelichem Zusammenleben, wovon sie, ohne daß ihr sie ermahnet, wohl weiß, daß sie es nach göttlichen Rechten schuldig ist. Hat sie schon etliche Ursachen ihres langen Ausbleibens, so erachte ich doch gänzlich, sie seien keine genügenden, daß Obrigkeiten oder vernünftige, gottesfürchtige Leute ihr Wegbleiben billigen könnten. Trifft es leibliches und zeitliches Gut an, so wird, ob Gott will, wohl eine Ausgleichung mögen gefunden werden. Die Ehrenfrau soll gedenken, daß das Band der Ehe nicht leichthin mag aufgelöst werden, daß solches ganz besonderen Schaden bringt der Seele und der Ehre. Auch sind wir Alle sterblich; sollte ihr eine tödtliche Krankheit zustoßen, so möchte sie dann im Wegsein von ihrem Haupte gar schwer angefochten werden. Ohne das bringt das lange Ausbleiben allerlei Gedanken und Redens, da sich der Böse zuschlägt und aus Bösem Aergeres macht, und so wir uns dann begeben in solch widerwärtiges Leben, ist uns forthin kein Theil unseres Lebens süß und ruhig, während wir doch sonst viel Ungemach und Leiden in unserem Leben haben, daß wir uns nicht erst solche Bürden auflegen sollten. Der heilige Paulus ermahnt auch die Eheleute gar dringend, sie sollen sich hüten, daß sie dem Bösen keine Statt geben, droht auch gar streng schwere Rache den ungehorsamen. Dieweil denn gedachte Frau Göldlin auf Gott sieht, sein Wort liebt und nicht verachtet, so ermahnt sie das Beste zu thun, und ob sie gleich vermeinte, es wäre ihr dies und das begegnet, was sie nicht zu leiden wisse, solle sie doch Besseres hoffen und gedenken, daß ein Mensch, wofern Gott ihm ein Kreuz zu tragen auflegt, der Bürde nicht werde

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entrinnen mit Ungeduld und Abtreten; denn uns Gott allenthalben findet. So leiden manch andere ehrenwerte Weiber und Männer wahrlich in dem Stande der Ehe viel und weit Schwereres, als der Junker und sie noch erlitten, thun aber nichts desto weniger einander das Beste. Sind sie etwa uneins, so werden sie wiederum eins; denn das Band der Ehe läßt sich nicht um jeder Ursache willen zertrennen. Nun so thue sie recht als eine Ehrenfrau, willig zu dem, was man ihr hernach vielleicht gebieten würde, falls die Sache weiter kommen sollte, schone ihr selbst und ihres Junkers recht, komme heim, lebe mit ihm zusammen, da er dieses auch begehrt und sich aller Ehre und Gebührlichkeit entbietet. Solches wird auch vielen Reden und Unruhen vorbeugen und manchem Gassengeschwätz ein Ende machen. Jch, der ich auch vormals sie ermahnet habe, ihrem Ehemanne das Beste zu thun, ermahne sie anmit abermal, will auch gern mit ihrem Junker reden, daß er sich auch gebührlich halte, allein, damit die Uneinigkeit, die mir leid thut, gehoben, dem Bösen aller Anlaß genommen und sie in Gott wiederum mit einander vereinbart werden. Jch meine ja die Sache gut; ich ersuche euch, ihr wollet sie von mir grüßen, auch zu euch nehmen Pfarrer Jung und ihren ehemaligen Vogt, diese auch von mir grüßen und ernstlich bitten, ihr Bestes in der Sache zu thun, damit wenig Geschrei und Unwille erregt werde. Jndeß wißt ihr wohl darin das Rechte zu treffen ohne Vorschrift von meiner Seite. Kann ich je euch oder den beiden Genannten, meinen Herrn und guten Freunden, irgendwie dienen, so will ich allezeit willig sein. Gott mit euch!"

Noch heikler war die Frage, was rathsam sein möchte, als Gervasius Schuler, Pfarrer zu Lenzburg (im Aargau), einst Bullingers Amtsgefährte in Bremgarten, das Mißgeschick erlebte, daß seine Tochter Anna von dem Pfarrer in Gachnang (im Thurgau) entführt worden, da die Liebenden, ungeachtet der Brautwerber sonst ein rechtschaffener Mann war, des Vaters Einwilligung nicht erlangt hatten. Sie waren schon vermählt, als Bullinger dem entrüsteten Vater am 3. Juni 1553 voll Theilnahme, mit eben so viel Milde als Ernst schrieb, "ja, er begreife völlig seinen Schmerz; doch solle Schuler das Uebel nicht vergrößern durch allzuheftigen Gram oder Unwillen gegen seinen Schwiegersohn, er würde ihm die Tochter sonst nur eher verleiden und ihr häusliches Glück stören. Unversöhnlich dürfe er nicht sein, wegen Röm. I. 31. Die Ehe sei ja an sich eine gute Sache, aber die Art des Verfahrens sei hier allerdings unrecht gewesen. Man müsse nicht Alles sogleich verzeihen, aber, wie das lateinische Sprüchwort sagt: Es gibt in Allem ein Maß. Daher solle er sie nicht verwünschen oder sich selbst verfluchen auf den Fall, daß er ihr je verzeihen würde, sondern, wenn die jungen Eheleute nach einiger Zeit um Vergebung bitten, ihren Fehltritt eingestehen, den sie in einer an sich guten Sache begangen, und ihnen das Unrecht leid sei, welches sie ihm angethan, solle er sie wieder als die Seinigen anerkennen. Dann möge er sie einige Zeit nachher väterlich bei sich aufnehmen und ihnen die

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nöthige Zurechtweisung ertheilen, hernach aber auch nicht mit einem Worte mehr ihnen deshalb beschwerlich fallen."

Begreiflich, daß Bullinger mitunter auch aus der Ferne, einst selbst vom Hofe zu Jülich her, über schwierige Fälle zu Rathe gezogen wurde. Zum Erfreulichsten auf diesem Gebiete gehörte wohl die durch Bullingers wiederholtes Bemühen (1569) endlich doch gelungene Versöhnung des Arztes Ludwig Muralto (von welchem der bernische Zweig dieser Familie stammt) mit seinem Schwiegervater dem edlen Schultheißen Berns, Beat von Müllinen. Wie Manches ließe sich noch aus Bullingers Wirksamkeit beibringen zum Zeugnisse des ungemeinen und wohl begründeten Zutrauens, das ihm als Seelsorger fortwährend im reichlichsten Maße zu Theil ward.

 

Zweiter Abschnitt.

Bullingers Beziehungen zu der übrigen Schweiz.

98. Spannung zwischen den Confessionen. Bullingers enge Verbindung mit Bern und Bünden.

Schon im Bisherigen sahen wir Bullingers Wirksamkeit über Zürichs Grenzen hinaus reichen. Dies haben wir uns nun näher zu vergegenwärtigen. Jn immer zunehmendem Maße finden wir ihn veranlaßt und genöthigt, nicht bloß am Wohl und Weh der Evangelischen im ganzen Umkreise der Eidgenossenschaft wohlwollend Theil zu nehmen, sondern mehr oder weniger unmittelbar sich dabei zu bethätigen.

Die allgemein schweizerischen Verhältnisse sehen wir nämlich in wachsender Spannung, vermöge des sich schärfenden Gegensatzes der Confessionen. Wohl hatte es noch während des Krieges, den der Churfürst Moritz von Sachsen im Bunde mit Frankreich (1552) gegen den Kaiser führte, den Anschein, als ob die Liebe zum gemeinsamen Vaterlande den Hader der beiden Confessionen in der Eidgenossenschaft mäßigen und vielleicht stillen möchte. Allein kaum ist diese Gefahr vorüber, so erhebt sich die römisch-katholische Macht gleichwie im übrigen Europa auch hier heftiger als je, um auf allen Punkten das Evangelium zurück zu drängen und es wo möglich zu überwältigen. Die Umtriebe der päbstlichen Legaten, die Bemühungen der Jnquisition, die Ansprüche des tridentinischen Concils, die Versuche der Jesuiten, Spaniens Einwirkungen von Mailand her, Savoiens Plane streben alle gemeinsam nach diesem Einen Ziele. Jn den vier Waldstätten (Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden) finden sich dafür die Stützpunkte, von denen alle dem Evangelium feindseligen Einwirkungen ausgehen, die sich sowohl auf die übrigen römisch-katholischen Orte, als

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namentlich, bald mehr bald weniger gewaltsam, auf die gemeinsam beherrschten Vogteien erstrecken. Jn Bezug auf die letztern und Alles, was sonst in den Bereich der Tagsatzung fällt, wird von jenen Orten das ihnen vermöge der Stimmenzahl zustehende Uebergewicht immer schroffer benutzt und ausgebeutet zur Einengung des Evangeliums. Es konnte nicht anders sein, als daß Bullinger sich getrieben und seiner Stellung gemäß sich heilig verpflichtet fühlte, mit Rath und That, mit dem Schwerte des Geistes sowohl, als mit helfender, rettender Liebeserweisung auf allen Punkten Schritt für Schritt nach Kräften Widerstand zu leisten und das Loos der Bedrängten möglichst zu lindern. Was Zürich selbst betrifft, ist bereits erwähnt worden, wie er gegenüber feindseligen Einflüssen der Gegner den rechten Gebrauch der Druckerpresse und die freie Predigt des göttlichen Wortes so entschieden festhielt.

Jn Bezug auf die evangelischen Stände finden wir Bullinger während dieses Zeitraums besonders nach zwei Seiten hin thätig. Vor allem sehen wir ihn nun aufs innigste verbunden mit den Amtsbrüdern in Bern, da seit 1546 das übertünchte Lutherthum daselbst zerfloß und dann 1548 auf Berns dringende Bitte Johann Haller, Archidiakon am Großmünster in Zürich, zur Herstellung der bernischen Kirche den Bernern für einige Zeit überlassen wurde. Hallers wohlthuender Einfluß war alsbald in Allem spürbar, namentlich auch in Rücksicht der Kirchen des Waadtlandes, deren Verhältniß zu ihren bernischen Oberherren aus manchen Gründen lange Zeit ein schwieriges sein mußte. So bitter und peinlich dünkte dies aber Haller, daß er durchaus erklärte, er kehre nach Zürich in seine ihm offen behaltene Stelle zurück. "Wer die Kirche zu Bern und die Walchen (Welschen) nicht erfahren hat, der mög's erfahren so wie ich," schrieb er an Bullinger. Es bedurfte aufs neue dringender Verwendungen Farels und Calvins bei Bullinger und dann des ganz entschiedenen Auftretens Bullingers, um ihn zum längeren auch nur einstweiligen Bleiben zu bewegen, das dann freilich zum andauernden wurde. Um so mehr aber mußte Bullinger sich verpflichtet fühlen, bei allen schwierigen Lagen, in denen Haller jedes Mal ihn um Rath fragte, trotz all seiner eigenen Geschäftslast ihm treulich und rüstig beizustehen. So sehen wir nun während Jahrzehende bis an Beider Lebensende Bullinger und seinen jüngern Freund Haller, durch unausgesetzten Briefwechsel verknüpft, in allen kirchlichen Angelegenheiten eben so einstimmig, ja noch erfolgreicher zusammen wirken, als es einst (bis 1536) zwischen Bullinger und seinem älteren Berner Freunde Bertold Haller der Fall war. Mit freudigem Stolze blickte Bullinger auf seinen Haller und dessen kraftvolles Ringen, auch da, wo etwa der Wille des bernischen Rathes, von politischen Motiven bestimmt, diesem ein unübersteigliches Hinderniß ward.

Auf der andern Seite finden wir in ganz ähnlicher Weise Bullingers unausgesetzte Aufmerksamkeit und vielfältige Mitwirkung ebenfalls stark in Anspruch genommen für die Kirchen Graubündens (auch bloß Bünden genannt), deren Verhältnisse ebenfalls ungemein schwieriger Art waren. Schon

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die staatlichen Zustände dieses aus einem Geflechte von Bündnissen zusammen gesetzten, selbständigen und mit der Eidgenossenschaft verschiedenartig verbündeten Freistaates boten für ein geordnetes Dasein der evangelischen Kirche daselbst des Schwierigen nicht wenig dar, zumal bei der ans Unglaubliche grenzenden Selbstherrlichkeit jeder einzelnen Gemeinde. Dazu kamen die Getheiltheit rücksichtlich der Confessionen und der Sprachen, die französischen und österreichisch-spanischen Einflüsse, die Ansammlung der italienischen Flüchtlinge in den Gegenden des Veltlins und deren beständige Unruhe. Bullingers Mitwirkung zur Erledigung der in Chiavenna eingetretenen Streitigkeiten ist oben erwähnt worden. Doch wie wohlthuend sie für die Hebung des eben vorliegenden Haders wirkte, aus derselben ruhelosen Sinnesweise tauchten immer neue gewagte und unfruchtbare Fragen und Erörterungen auf, die nicht zur Erbauung der Gemeinden auf dem evangelischen Lebensgrunde dienten, vielmehr diesen selbst gefährdeten. Als die rhätische (bündnerische) Synode sich deshalb im Jahre 1552 zur Abfassung der rhätischen Confession veranlaßt fand, war es Bullinger, dem man sie zur Durchsicht vorlegte; nachdem er sie gutgeheißen, fand 1553 von Seiten aller bündnerischen Geistlichen, auch der Jtaliener ihre Untezeichnung Statt, und sie bildete fortan das Band, das sie insgesammt verknüpfte und ihren gemeinsamen Glaubensgrund bezeugte. Eben zu derselben Zeit entfernte sich ein Mann, dessen Anmaßung und Zudringlichkeit sowohl den bündnerischen Geistlichen als auch Bullingern zu wiederholten Malen äußerst lästig ward, der unstäte, in den Ränken des römischen Hofes nur zu erfahrene vormalige Legat des Pabstes, Pietro Paolo Vergerio. Als er im Jahre 1549 zum ersten Mal nach seinem Uebertritte nach Basel reiste, gab ihm Bullinger auf dringendes Ansuchen Sozzini's eine immerhin vorsichtige Empfehlung an seine dortigen Freunde, wiewohl er Vergerio noch nicht zu sehen bekam, da dieser wegen einiger Spuren der Pest Zürich sorgfältig vermied. Auch in den nächstfolgenden Jahren von Bullinger gefördert macht sich Vergerio, damals Pfarrer in Bergell, höchst bereitwillig an die Uebersetzung einiger lateinischen Schriften Bullingers ins Jtalienische. Bullinger mahnt die von Vergerio gekränkten Prediger Churs zu Geduld und schonender Nachsicht für den vormals Hochstehenden, muß sich aber endlich, da dieser, neben andern verdächtigen Schritten, auch Wiedertäufer in die Kirche einzuschwärzen suchte, von der Gefährlichkeit des Mannes überzeugen, daher auch er seinen Weggang nach Tübingen (1553) keineswegs bedauern konnte, wohl aber die öftere Wiederkehr dieses Friedestörers, der mehr zum geschmeidigen Höfling und diplomatischen Agenten geeignet erschien, als zu einem schlichten Diener des Evangeliums[88].

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Jmmerhin verweigerte ihm Bullinger das Empfehlungsschreiben an Brenz keineswegs, das er sich beim Abgang nach Württemberg (im Sommer 1553) von ihm erbat. Auch späterhin kam es noch zuweilen vor, daß Vergerio sich Bullingern näherte, ja sich ihm aufdrängte, und dieser ihm etwelchen Verkehr nicht versagte. Doch mußte er wiederholt und nachdrücklich die Bündner vor ihm warnen, da Vergerio, wiewohl er erklärt hatte, nicht Mitglied der bündnerischen Geistlichkeit sein zu wollen, und man in Bünden seine persönliche Laxheit in Glaubenssachen durchschaut hatte, doch, seit er in Dienste des strenglutherischen Herzogs Christoph von Württemberg getreten war, den von ihm ins Jtalienische übersetzten Katechismus des Lutheraners Brenz und dergleichen Schriften in den italienischen Gemeinden Bündens zu verbreiten suchte. Bullinger sah darin und in mancherlei derartigem Treiben Vergerio's nicht ein Erbauen, sondern ein Verwirren und Zerrütten der Kirche, und forderte ihn, sobald er Anlaß fand, (1563) mündlich auf, er solle anstatt die Ruhe und die kirchliche Ordnung jener Gemeinden durch solches hier unnöthige, ja ungehörige Aufdrängen des Lutherthums zu beeinträchtigen, doch lieber mithelfen zur Bekämpfung und Ueberwindung jener verderblichen italienischen Jrrlehrer, welche eben dort (gleichwie in Polen und anderwärts) die ewigen Grundlagen alles Christenglaubens unterwühlten. Sehr bezeichnend ist dies für Bullingers Schätzung der zwischen den beiden Zweigen der evangelischen Kirche obschwebenden Verschiedenheiten im Vergleiche zu den größeren damals erst aufdämmernden, wesentlich aber der Neuzeit aufbehaltenen Hauptfragen in Betreff des christlichen Glaubensgrundes.

Was Bünden anlangt, so strebte der Pabst unter Mitwirkung des Kaisers im Jahre 1553 durch einen besondern Legaten der Jnquisition Eingang daselbst zu verschaffen. Bullinger war es, der sich das betreffende Breve des Pabstes zu verschaffen wußte und es rechtzeitig seinen Freunden in Chur mittheilte, worauf ein entschiedener Abschlag der päbstlichen Zumuthungen erfolgte.

Noch stätiger aber mußte Bullinger sich mit den bündnerischen Angelegenheiten befassen, als 1557 nach dem Tode des ersten Pfarrers in Chur der dortige Rath sich an die Zürcher wandte mit der dringenden Bitte um einen tüchtigen Mann und diese den dreißigjährigen Johannes Fabritius (Schmid, zubenannt Montanus, aus Berkheim im Elsaß) dorthin sandten. So ungerne dieser die äußerst mühselige Stelle annahm, deren Schwierigkeiten ihn zurück schreckten, so konnte er doch dem ernsten Ansinnen des zürcherischen Rathes, daß er das lästige Amt wengistens für zwei, drei Jahre übernehme, sich nicht entziehen, hatte er doch nach dem Tode seines Oheims Leo Judä und zu dessen Ehren gänzlich auf Zürichs Kosten seine Studien im Jn- und Auslande vollenden dürfen. Wie hätte aber unter diesen Umständen Bullinger, der ihn innig liebte und an den auch er sich, als an seinen geistlichen Vater, in allen schwierigen Fällen wandte, ihm seinen Rath und Beistand versagen

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können? Lag doch Bullingern selbst Alles daran, daß er nicht etwa aus Unerfahrenheit fehl greife und seine Stellung unhaltbar mache, woraus dem Evangelium daselbst Schaden hätte erwachsen müssen; Bullinger wußte ja wohl, wie sehr gerade Bünden wachsamer und eifriger Hirten bedurfte. Mißlich genug, wenn etwa der gar unsicheren Communication wegen wichtige Briefe verloren gingen oder lange Zeit verschleppt wurden.

Gleich zu Anfang des Jahres 1558, als in Bünden die Frage zur Erörterung kam, ob man schuldig sei dem Abte zu Pfäffers den Zehnten zu geben, wandte sich Fabritius auf den Wunsch des Bürgermeisters ganz insgeheim an Bullinger, zeigte die bedenklichen Folgen, die eine solche Nachgiebigkeit haben müßte in Bezug auf die Ansprüche des Domstiftes zu Chur, dessen Untergang in Aussicht stehe, falls man bei dem bisherigen Verfahren beharre, und wies nach, aus welchen rechtlichen Gründen die Evangelischen glauben, den schon seit dreißig Jahren nicht mehr entrichteten Zehnten dem Abte nicht mehr schuldig zu sein.

Schon nach vier Tagen gab Bullinger eine Antwort, die Zürichs redliche Gesinnung und seinen eigenen Charakter rücksichtlich der pünktlichen Gerechtigkeit gegen jedermann ohne Ansehen der Personen oder Confession in hellem Lichte zeigt. "Er habe, erwiedert er, mit ehrenwerthen, verständigen und gutherzigen Männern sich ganz im Vertrauen über die Sache besprochen, sie finden aber einhellig, es werde auf diesem Wege wenig heraus kommen." "Daß man sich weigert, dorthin den Zehnten zu geben, wohin er von Alters gehört, gefällt niemanden, es müßten denn Urkunden dafür vorhanden sein. Denn daß man fordert, der, welcher ihn in Besitz gehabt hat, solle mit Brief und Siegel beweisen, daß er sein sei, ist nicht nach Form Rechtens gehandelt. Wer etwas, das er bisher entrichtet hat, nicht mehr geben will, der soll beweisen, daß er es nicht schuldig sei... Sagt aber der Zinser, der Lehensherr brauche den Zins nicht recht, so erhält er zur Antwort, dies gehe den Zinser nichts an. Und wenn er erwiedert: ""Es ist aber in der Religion anders; da weiß man doch, daß die Zehnten für die Lehre und für die Armen bestimmt sind, und an diese soll man sie verwenden,"" so wird ihm entgegnet: Das ist noch lange nicht von allen Zehnten erwiesen. Zudem gilt dies zwar wohl, wo die Obrigkeit, der das Recht über die Vergabungen (Stiftungen) zusteht, Solches bekennt; wenn aber der Besitzer das nicht bekennt und unter einer anderen Obrigkeit ist, so wird die Einrede nichts helfen. Meine Herren von Zürich haben die Zehnten an den Orten reformirt, wo sie Herren sind und der Besitz ihren Stiften und Klöstern gehört, aber nicht weiter. Der Bischof und die Domherren von Konstanz haben Zehnten und Gülten zu Weiningen, Bülach und anderswo in Meiner Herren Gericht und Gebiet, da sie auch möchten sagen: Wir wollen's zu dem rechten Brauch, dieweil es in unsern Landen ist, behalten. Das haben sie aber nie gesagt noch gethan, sondern dem Bischofe und den Domherrn das Jhrige verabfolgen lassen.

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Sehen sie zu, wie sie es gebrauchen oder mißbrauchen." Eben so werde es gehalten mit den Zehnten an alle die umliegenden Klöster; man versperre niemanden etwas unter Vorschützung des Evangeliums. "So haben's die Zürcher von Anfang an gehalten, fährt Bullinger fort. Darum kann ich gar nicht annehmen, daß sie jemand schirmen werden, der das Gegentheil thut. Es wird auch nicht allein nur unter Meinen Herren von Zürich so gehandelt, sondern ebenso unter und von den Bernern, Schaffhausern, Baslern und allenthalben im (deutschen) Reiche, daß man einen jeden bei seinen zeitlichen Gütern bleiben läßt, das ist, in dem Besitz der Güter, je wenn da eine andere Obrigkeit ist. Wartet, ob Gott Gnade gäbe, daß es besser werde. Denn man könnte ja die, so im Besitz sind und unter fremden Obrigkeiten sich befinden, nicht anders als mit dem Schwerte davon treiben. Das läßt aber das Evangelium nicht zu, daß man das Schwert bloß um solcher Ursachen willen brauche. Noch viel schlimmer ist's, wenn man den geistlich Genannten die Güter darum vorenthält, weil sie es nicht wohl anwenden, und die, welche sie vorenthalten, sie auch nicht allein zur Lehre der Kirchen und zum Behuf der Armen verwenden. Gott mit euch!" - Bullinger räth daher zu einem Vergleiche, der auch nach einiger Zeit erfolgte.

Sofort gelangte Fabritius mit einer neuen schwierigen Frage an Bullinger betreffend eheliche Verhältnisse. Unverzüglich erhielt er von diesem hierüber und über vieles Andere Aufschluß. Tief gerührt schreibt er in Antwort darauf schon am 1. Februar an Bullinger: "Jch kann nicht Worte genug finden, mein hochverehrter Vater in Christo, um dir meinen warmen, recht herzlichen Dank abzustatten, daß du mich, wie wenn ich dein leiblicher Sohn wäre, so väterlich und zutrauensvoll mit deinen Gedanken und Rathschlägen bekannt machst. Was hab' ich nicht alles dir zu verdanken von Jugend auf! Was ich bin, das bin ich durch dich! Zeitlebens bleibe ich dir verpflichtet, werde auch nie vergessen, wie sehr ich dein Schuldner bin; käme ich nur bald in den Fall auch nur einen Theil davon erstatten zu können! Wahrlich du solltest mich nicht undankbar finden. Wäre ich doch im Stande, irgend jemanden aus deiner Familie deine väterliche Sorgfalt zu erwiedern und zu helfen, wie du mir geholfen hast! Allein alle Glieder deines Hauses sind durch dich in einer so glücklichen Lage, daß sie keiner fremden Hülfe bedürfen, und ich selbst werde nie so hoch steigen, daß ich's je erwiedern könnte. Nimm inzwischen den guten Willen, an dem mir's nicht fehlt, für die That. Das war mir herzlich erwünscht, daß du bei all deinen vielfältigen Arbeiten alle meine Fragen so schnell und ausführlich beantwortet hast. Aber da ich nun merke, daß du eben von Geschäften völlig in Anspruch genommen, ja damit überhäuft bist, so mache ich mir ernste Vorwürfe, daß ich so dreist gewesen bin, deine gottseligen Bemühungen durch meine Störungen zu unterbrechen. Nun habe ich mir selbst eine Strafe auferlegt, die mich aber sauer genug ankömmt, daß ich mich nämlich fürderhin vor ähnlichem Geschreibe sorgfältig hüten wolle.

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Lieber will ich alle theologischen Bücher, deren ich habhaft werden kann, nachschlagen, als dir, einem Manne, der so hoch steht, beschwerlich fallen. Doch - du verzeihst! Jch wünschte nur deine Ansicht zu vernehmen, da vom Rathe dahier die Anfrage über den bewußten Punkt an mich gelangte; was du mir schreibst, hat unser Beider vollen Beifall. Die Gesandtschafts-Akten, die Zuschriften der Herren Sulzer und Beza erhältst du durch Herrn Friedrich von Salis selbst sicher zurück; ... er wird mündlich manche Neuigkeit aus Jtalien und von uns her berichten und ein lebendiger Brief sein, was mich des weiteren Schreibens überhebt. Jhm habe ich viele Gefälligkeiten zu verdanken, wofür ich dich in meinem Namen ihm bestens zu danken bitte. Lebe wohl, herzlich wohl, ehrwürdiger Vater in Christo sammt all den lieben Deinigen. Herzliche Grüße von uns Allen. Auch meine liebe Gattin empfiehlt sich bestens dem freundlichen Andenken deiner vortrefflichen Gattin und deiner Töchter."

Ungeachtet des hier gegebenen Versprechens reihte sich Brief an Brief während der neun Jahre, da Fabritius dieses sein Amt bekleidete. Mit welcher Freude erquickte sich Bullinger an dem muthvollen Auftreten seines lieben Zöglings für christliche Wahrheit und Gerechtigkeit! Er gab ihm auch sein väterliches Wohlgefallen und Zutrauen unzweideutig zu erkennen. Als Fabritius einiger Mörder wegen dem französischen Gesandten[89] ernst entgegen getreten war und den ganzen Hergang einläßlich an Bullinger berichtet hatte, antwortete ihm dieser (1559): "Wohl hab' ich deine ganze Beschreibung gern gelesen; doch war's unnöthig, daß du dir damit so große Mühe gabst. Möchten mir die Gesandten darüber schreiben, was sie wollten, so laß ich mich dennoch nicht im mindesten gegen dich aufbringen. Ja vielmehr denk' und sag' ich, du habest deine Pflicht als ein wackerer Pfarrer erfüllt. Du darfst also darüber völlig beruhigt sein. Möge Gottes Huld diese Wirren glücklich beilegen." Dann setzt Bullinger scherzend noch deutsch hinzu: "Jhr müßt euch in Gottes Namen des Rumorens gewöhnen. Die großen Herren sitzen auf Eiern. Man mag ihnen ein klein Stößchen geben, so schreien sie gar laut und fürchten ihrer Eier."

Neue Stürme brachte das Jahr 1561 von innen und von außen über Bündens Gemeinden. Einerseits betrieb der Legat des Pabstes, unterstützt vom mailändischen Gesandten, bei dem bündnerischen Bundestage aufs nachdrücklichste die Vertreibung aller italienischen Flüchlinge, die Beseitigung der Buchdruckerei im Puschlav (Poschiavo), die Einführung der Jesuiten, die Rückgabe der Kirchen, der Pfründen und der geistlichen Gerichtsbarkeit an die römischen Priester, und zwar unter Androhung gänzlicher Sperre. Anderseits erhitzten sich die reizbaren Gemüther der italienischen im Veltlin als Prediger wirkenden Flüchtlinge über das Geheimniß der Dreieinigkeit und über

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eine Menge anderer Fragen, auch über die Aufstellung von Confessionen dergestalt, daß die rhätische Synode sich nothgedrungen damit befassen mußte. Ueber eine Reihe (nämlich 26) solcher Streitfragen wandte man sich vorerst um Aufschluß an die Zürcher. Bullinger und seine Amtsbrüder gaben bereitwillig ihr einläßliches, mit weiser Mäßigung abgefaßtes Gutachten darüber, so jedoch, daß sie gleich zu Anfang ausdrücklich erklären, sie wollen nicht befehlen oder vorschreiben, sondern nur brüderlich rathen. Sie wiesen nach, wie "durch das Hervortreten von Jrrlehren die Aufstellung von Bekenntnissen zur Nothwendigkeit werde; namentlich seien die altkirchlichen Bekenntnisse (Symbole) auf diesem Wege allmälig entstanden, auch in neueren Zeiten haben dieselben Uebel die nämlichen Mittel der Abwehr hervor gerufen; wer sich daher weigere, dem Bekenntnisse seiner Kirche beizutreten, errege Verdacht gegen seinen Glauben. Wer sonach von Herzen die Lehre der Schrift von Gott als Vater, Sohn und Geist annehme, der werde auch keinen Anstand nehmen, dieselbe Lehre mit anderen Ausdrücken, wie sie in den kirchlichen Symbolen vorgetragen werde, zu bekennen, ja dieses Bekenntniß sei zum Heil allerdings nothwendig und werde durch keinen noch so lobenswerthen Wandel überflüssig gemacht." Uebrigens warnen sie vor häufigen und unnöthigen Neuerungen, eigenwilligem Auflehnen wider kirchliche Ordnungen und zähem Hängen an eigenen Meinungen, ohne jedoch einer allzu großen Strenge zur Beschwerung der Gewissen das Wort reden zu wollen. - Durch die besonnenen Maßnahmen der rhätischen Synode erfolgte darauf eine fast allgemeine Verständigung, während die zwei hauptsächlichsten Unruhstifter sich veranlaßt sahen das Land zu verlassen. Auch jene gefahrdrohenden Anfeindungen, welche die evangelische Kirche Bündens von außen her bedrohten, wurden durch die entschiedene Haltung des bündnerischen Bundestages abgewiesen, namentlich auch die schon eingedrungenen Jesuiten (1561) völlig beseitigt. Nichts desto weniger blieb das Feld der bündnerischen Kirche ein dornenvolles, das Bullingers Obhut und Fürsorge auch in den späteren Jahren fortwährend sehr bedurfte. Auch der Nachfolger des Fabritius, Tobias Egli (1566-1574), welcher aus der Nähe von Zürich stammte, stand mit Bullinger unausgesetzt im Briefwechsel.

99. Bullingers Wirksamkeit für die evangelische Gemeinde in Locarno.

Ein weiteres Feld des Wirkens voll jahrelanger Mühen und schwerer Sorgen, aber überaus köstlich und lieblich wie kein anderes zur Bewährung des Glaubens, der ausharrenden Treue und Liebe eröffnete sich Bullingern durch die Bedrückung der Evangelischen in Locarno. Was er für sie gethan, ist so hohen Ruhmes werth, daß wenn er nichts Anderes vollbracht hätte, dieses allein ihm ein ehrenvolles Andenken sichern müßte. Zur Belohnung für ihre Heldenthaten in Ober-Jtalien hatten die eidgenössischen Orte 1512 den

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größten Theil des jetzigen Kantons Tessin erhalten; sie verwalteten diese Landschaften durch vier Vögte, welche je zu zwei Jahren wechselten; jährlich erschienen Gesandte aller regierenden Kantone zur Rechnungsabnahme und zur Erledigung schwerer Fälle; die wichtigsten blieben dem Entscheide der Tagsatzung vorbehalten. Unsicher war daher die Rechtspflege, Bestechlichkeit das Gewöhnliche, Gewaltthat und mancherlei Bedrückung nur allzu häufig; freilich noch lange nicht in dem Maße, wie im benachbarten Herzogthum Mailand, zu welchem diese Herrschaften früher gehört hatten. Die geistige und sittliche Pflege des Volkes lag beinah gänzlich darnieder zumal bei der fast unglaublichen Verderbniß des Klerus. Dennoch sollte auf Einem Punkte wenigstens die Saat des Evangeliums keimen und kräftig gedeihen. Am nördlichen Ende des Langen-Sees (Lago maggiore) liegt Locarno, seine weißen Mauern damals im Gewässer spiegelnd, von üppigen Wiesen umgeben, prangend mit Lorbeer-, Granat- und Feigenbäumen, mit Cypressen und weitrankenden Weinreben, die ohne Obsorge von Baum zu Baume sich schlingen. Gegen den Nordwind ist die Stadt durch steil ansteigende Berge geschützt, deren Abhänge bis hoch hinaus Buchen- und Kastanienwaldung bekleidet. Von Fasanen wimmelten damals die Wälder, von Fischen der See; zwei Mal des Jahres gaben die Felder bis zwanzigfachen Ertrag; aus den wilden Bergthälern und von den Ufern des Sees strömten zur Zeit der Märkte zahlreiche Schaaren herbei, mannigfacher Verkehr verband die Bewohner mit den Nachbarn ringsumher; ansehnliche Familien des Adels, wie die Duni, Orelli, Muralto hatten seit Langem hier ihren Wohnsitz. Schon zu Zwingli's Zeiten treffen wir hier die ersten wenngleich kärglichen Spuren evangelischer Lebensregung; ein Brief voll heißer Sehnsucht nach dem Evangelium und den Schriften der Reformatoren gelangte im März 1531 von hier nach Zürich; drei Mönche des Carmeliterklosters waren die Lechzenden; durch den redlichen zürcherischen Landvogt Werdmüller ward ihnen einige Labung zu Theil. Doch Zwingli fiel und mit ihm wie manche Hoffnung! Jndeß die Begierde nach dem Evangelium erhielt sich; sie dehnte sich über eine ziemliche Zahl von evangelisch Gesinnten aus, und für diese ließ um 1543 der reformirte Landvogt Bäldi, dessen Unbestechlichkeit das Staunen seiner Unterthanen erregte, von Zürich her eine bedeuende Zahl von Bibeln kommen, sowie auf ausdrückliches Verlangen des frommen Franziskaners Benedetto mehrere von Bullingers Schriften, die, wie der Bittsteller bezeugte, ihrer ächt christlichen Gesinnung wie ihres wissenschaftlichen Werthes wegen in ganz Jtalien über die Maßen geschätzt seien. Um dieselbe Zeit wurden die evangelischen Locarner durch die aus Jtalien immer zahlreicher Vertriebenen veranlaßt in Briefwechsel mit wohlwollenden Zürchern zu treten und einzelne Jünglinge zur Ausbildung nach Zürich zu senden. Namentlich finden wir den Priester Giovanni Beccaria, Locarno's Schullehrer, welcher die Seele der im Stillen wachsenden evangelischen Gemeinde war, in solchem Briefwechsel. An ihn, den schlichten, redlichen Zeugen evangelischer

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Wahrheit, schlossen sich talentvolle Jünglinge voll Jugendfeuer, sowie gereifte Männer und würdige Frauen. Gerne wollte er auch die dem Glauben entsprechende Liebe seinen Mitbürgern fühlbar machen in der Zeit der Noth; durch Bullingers kräftige Verwendung begünstigt suchte er bei der Theurung von 1548 ihnen von Mailand her eine vermehrte Zufuhr an Getreide zu verschaffen. Um dieselbe Zeit war die Zahl der Evangelischen in Locarno bereits auf nahe an zweihundert gestiegen, so daß er es wagte, ihnen an den Festen in einer benachbarten Kirche zu predigen. Doch dieser entscheidende Schritt rief nun auch einen stärkeren Widerstand von Seiten der gegnerisch Gesinnten hervor. Noch im Sommer desselben Jahres wurde er des Landes verwiesen, Andere mit Strafen bedroht, jene Verweisung zwar wieder aufgehoben, schon im folgenden Jahre aber zur Vertheidigung des alten Glaubens ein Predigermönch nach Locarno berufen, dessen Predigten jedermann bei schwerer Strafe anhören mußte, sodann eine Disputation veranstaltet, in Folge deren über Beccaria, obgleich er sich treffend verantwortete, ein Verhaftsbefehl erging, dessen Vollziehung nur durch die Aufregung des Volkes verzögert wurde. Er entwich und begab sich nach Zürich zu Bullinger. An ihm fand er seinen treuen Berather und Beschützer, der von nun an die Sache der Locarner nie mehr aus dem Auge ließ. Bullinger trug in seinem Namen (am 21. August 1549) dem Rathe die angelegentliche Bitte vor, daß den Evangelischen in Locarno, gleich anderen Unterthanen der Eidgenossen, gestattet werden möchte, eine Gemeinde zu bilden und die Predigt des göttlichen Wortes zu hören, überhaupt jede Religion frei gelassen und unverwehrt sein möchte. Dringend empfahl er Beccaria auch den Predigern Berns, Schaffhausens und Basels, wo dieser genöthigt war seine Sache ebenfalls vorzutragen. Die Räthe erklärten ihre Willigkeit zu helfen; doch ein Entscheid erfolgte noch nicht; die Zeit schien für die Evangelischen dazu nicht günstig. Beccaria durfte daher nicht in seine Heimath zurück. Jnnig gerührt anerkannte aber die locarnische Gemeinde Bullingers eifrige Bemühung. "Noch sind wir, Gott sei Dank, nicht entmuthigt, schrieben sie an die Prediger nach Zürich, und mit Freuden sind wir bereit, für unseren Heiland noch weit Schwereres zu erdulden. Eines nur schmerzt uns: daß wir nur Ein Leben aufzuopfern haben. Könnten und müßten wir hundertfachen Tod für ihn leiden, lieber thäten wir es als ihn verläugnen. Mit dem wärmsten Danke anerkennen wir, was ihr für uns gethan, namentlich du, verehrungswürdiger Bullinger, der du keine Kosten, keine Mühe sparen willst, uns zur freien Predigt der christlichen Wahrheit zu verhelfen. Wohlan denn, theuerste Brüder (verzeiht, daß wir euch, unseren durchlauchtigsten Herren, diesen Namen zu geben wagen; es geschieht einzig aus Liebe zu euch, die ihr so menschenfreundlich seid), leget, wir beschwören euch, die letzte Hand ans Werk, bändigt jene argen Menschen in unserer Bürgerschaft, daß nicht länger die Christengemeinde ihren Verläumdungen ausgesetzt sei. Verschaffet uns, daß wir einen Hirten haben dürfen, der die Herde mit

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evangelischer Lehre speise und sie schütze gegen die gierigen Wölfe, die blutdürstigen Löwen, die rings auf sie lauern. Hilft nicht der Herr uns durch euch, so ist's um uns geschehen.!" Jn einem beigelegten Privatschreiben an Bullinger drückte der gelehrte Duno, Doctor der Medicin, die Hoffnung aus: "werde ihnen freie Religionsübung gestattet, so dürfte binnen Kurzem die ganze Bürgerschaft sich der evangelischen Lehre zuwenden. Groß sei bereits die Zahl der Gläubigen, aber freilich einige noch schwach und daher zarter Speise bedürftig. Sei die freie Religionsübung nicht erhältlich, so werde nichts übrig bleiben, als der Heimath Lebewohl zu sagen."

Nicht ohne Grund war das Christenhäuflein in Angst vor jenen lauernden Verfolgern. Jmmer schärfere Maßnahmen erfolgten von Seiten der römisch-katholischen Orte, bald vermöge ihrer Stimmenmehrheit auf der Tagsatzung, bald durch einseitiges Vorschreiten. Jm October 1550 wußten sie sich, ohne Vorwissen der evangelischen Orte, eine im Namen des locarnischen Rathes und Volkes ausgestellte schriftliche Zusicherung zu verschaffen, daß Locarno beim alten Glauben verbleibe, und verhängten nun Strafen über Solche, die der römischen Kirche ungehorsam erschienen. Die Evangelischen mußten ganz in der Stille ihrem Gotte dienen; nur insgeheim und mit großer Gefahr konnte etwa Beccaria aus dem benachbarten Misox, woselbst er sich niedergelassen, oder ein evangelischer Prediger aus Chiavenna zu ihnen hinüber kommen, um ihre Herzen zu stärken, das heil. Abendmal zu halten oder ein neugeborenes Kind zu taufen; hinwieder wurden solche Kinder heimlich nach Chiavenna zur Taufe getragen. Einzelne, die sich hervor thaten, wurden 1554 des Landes verwiesen, sodann auch ihre Gattinnen. Allen forderte man die "verbotenen Bücher" ab unter schwerer Strafandrohung und verlangte von ihnen den Besuch der Messe und die Beichte mit immer härterer Bedrohung.

Flehend wandten sie sich an die vier evangelischen Kantone, "die Gott ihnen zu Herren gegeben in diesem zeitlichen Reiche, zu Brüdern aber in seinem ewigen und geistlichen Reiche," mit der Bitte für sie zu thun was möglich sei. "Gefällt es dann dem Allerhöchsten, fahren sie fort, Tod oder Verbannung oder Verlust des Vermögens um seines Wortes willen über uns zu verhängen, so bleibt uns doch der Trost, kein Mittel zur Rettung unversucht gelassen zu haben; mit Gewißheit werden wir dann erkennen, daß es eben Gottes Wille sei." Zwietracht soll nicht um ihretwillen zwischen den Eidgenossen sein: "Eueren Frieden, euere Eintracht stören, wollen wir nicht. Zeigt euch aber ohne dieses Gott einen Weg, uns aus dieser Knechtschaft Babels und des Antichrists zu befreien, so schaffet, daß unsere Kirche es durch die That spüren möge." Gegen die böswillige Verläumdung, als ob sie Wiedertäufer und arges Gesindel wären, verwahren sie sich nachdrücklich: "Unsere Kinder taufen wir nach christlicher Weise, wie Gott es will und unser Gewissen fordert, und das Sakrament des Leibes und Blutes Christi genießen können wir nur mit größter Gefahr; eine nicht geringere Qual für unsere

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Seelen, als für den Körper, wenn ihm die Nahrung vorenthalten wird. Jn der That wissen wir kaum, wohin uns wenden. Taufen wir heimlich, so schelten sie uns Wiedertäufer; thun wir es öffentlich, so lauern sie uns und unsern Kirchendienern auf, heißen uns Ketzer und Lutheraner, weil wir weder Salz noch Oel noch Speichel noch Teufelaustreibung zulassen. Wohlan denn, helfet uns, errettet uns, ob Gott will, aus dieser Knechtschaft des Antichrists!" Dieselbe Versicherung, daß sie keine Wiedertäufer seien, ließen sie mehrfach durch schriftliche Zeugnisse und mündlich durch einen Abgeordneten an Bullinger gelangen, welcher Letztere nicht säumte dies durch Zürichs Gesandte auf der Tagsatzung möglichst geltend zu machen. Sie sandten auch deshalb ihr unzweideutiges Glaubensbekenntniß nach Zürich, worin sie erklären, daß sie völlig mit den Kirchen zu Zürich, Bern, Basel und Schaffhausen überein stimmen; ja zum thatsächlichen, öffentlichen Zeugnisse, daß sie keine Wiedertäufer seien, ließen sie nun (im August 1554) in einer Kirche zu Locarno zwei Kinder taufen durch einen von Chiavenna her berufenen evangelischen Geistlichen, der hernach noch eine Predigt hielt.

Wie gerne hätten die vier evangelischen Orte ihnen geholfen; an vielfältigen Berathschlagungen fehlte es nicht; aber der unselige Landsfriede (von 1531), der nach der Niederlage bei Kappel eilfertig geschlossen worden und auf den die sieben katholischen Orte sich nun steiften, gab ihnen keinen Halt. Schon begannen die letzteren sich zum Kriege zu rüsten. Es war für jene eine fast hoffnungslose, verzweifelte Lage. "Wohl sind die Unsrigen emsig, schreibt Bullinger um diese Zeit (9. September 1554) an Calvin, aber so roh, so wild, so hartherzig sind die Gegner, daß mir um die Frommen in Locarno gar bange ist. Täglich erfahre ich's mehr, daß die Hartherzigkeit jener Leute unüberwindlich ist." Gleichzeitig richtete er, wie er dieses ganze Jahr hindurch oft that, einen beruhigenden und stärkenden Trostbrief an die bedrängten Glaubensgenossen in Locarno, der ihren Herzen mitten unter beängstigenden Gerüchten äußerst wohl that[90]. Kühn traten daher (im Ocotber 1554) bei einem abermaligen Verbote gegen alle Neuerungen in Glaubenssachen ihrer mehr als dreißig stattliche Männer, ältere und jüngere, Edelleute und drei Doctoren an ihrer Spitze, vor den Landvogt und erklärten mit einer bis dahin an ihnen nicht gekannten Zuversicht, "sie werden dem Verbote keineswegs folgen; Gott seien sie mehr schuldig als den Menschen; in Sachen des Leibes und Gutes dagegen, worin die Obrigkeit zu gebieten habe, wollen sie gerne alle Unterthänigkeit beweisen; über zweihundert seien bereit, das Bekenntniß ihres Glaubens einzureichen." Dies war ihre Protestation.

Hinwieder richteten sie auf das Gerücht von einem drohenden Religionskriege unter den Eidgenossen am 7. November 1554 ein Schreiben voll

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Edelmuthes und christlicher Hingebung an die vier Städte. "Mit Gottes Hülfe, sagen sie darin, sind wir entschlossen, die erkannte Wahrheit und den Glauben an Christum nie zu verläugnen, sollten wir auch eines gewaltsamen Todes sterben müssen. Könnt ihr daher, fromme, gnädige Herren, uns helfen ohne Gefährdung des Friedens und eueres Bundes, so nehmen wir eure Hülfe, als vom Herrn kommend, mit dem wärmsten Danke an. Wo nicht, so flehen wir, so beschwören wir euch aus Einem Munde: Stellet unsere Sache Gott anheim und lasset uns eher Verfolgung leiden, als daß ihr wider einander zum Schwert greifet." Gleicher Maßen schrieb Duno in Betreff seiner locarnischen Glaubensbrüder an Bullinger: "um ihretwillen sollten sich die evangelischen Orte so großer Gefahr nicht aussetzen; vielmehr die ganze Sorge für die evangelische Gemeinde Locarno's Gott anbefehlen; er werde die Seinen nicht versäumen, auch wenn sie die Heimath zu verlassen genöthigt würden."

Bullinger riet ihnen, der entscheidenden Tagsatzung durch einen besondern Abgeordneten ungesäumt eine eindringliche Bittschrift und Vertheidigung gegen alle ungerechten Anschuldigen einzureichen, und übersandte ihnen dazu den umsichtig abgefaßten Entwurf. Kräftig ward darin der Vorwurf der Wiedertäuferei zurück gewiesen und die dringende Bitte gestellt, man möchte gegen sie "arme Leute" (Unterthanen) gnädig handeln und ihnen vergönnen, daß sie friedlich mögen bei ihrer Religion, wie dieselbe in den vier evangelischen Städten und Landen gepredigt werde, bleiben; "in Ansehung, daß an vielen Orten der Christenheit auch die Juden geduldet werden, welche doch unsers Seligmachers Jesu Christi und der ewig reinen Jungfrau Mariä, seiner lieben Mutter, Feinde und Schänder sind; daß der Glaube, eine Gabe Gottes, nicht mag mit Zwang aufgerichtet noch niedergelegt werden; daß wir uns auch erbieten, aller anderen Religionen uns zu entschlagen und allein bei obgemeldeter friedlich, ohne Aufruhr und Verwirrung, zu verbleiben und euch, als unseren gnädigen Oberherren, willig und treulich gehorsam zu sein." Sofort befolgten die Locarner Bullingers Rath. Mit Absicht war in dieser Schutzschrift der Jungfrau Maria mit Ehren gedacht, da bereits ein Mitglied der locarnischen Gemeinde, der Schuster Greco, wegen angeblicher Schmähung wider dieselbe im Gefängnisse saß; ebenfalls absichtlich das religiöse Gebiet und die Unterthanenpflicht so klar und scharf wie möglich aus einander gehalten. Nun wußte doch jedermann zweifellos, daß man es weder mit jener Sekte, noch mit einer Empörung zu thun hatte; und dies konnte zur Milderung des Entscheides viel beitragen.

100. Fortsetzung. Bullingers Mühen bei dem Entscheide über die Locarner und nach ihrer Vertreibung.

Jnzwischen bot Bullinger in Zürich Allem auf, damit dieses niemals einwillige, die evangelischen Locarner irgendwie, sei's auch nur durch

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Verweisung, ihres Glaubens halben zu bestrafen, was die römisch-katholischen Orte immer aufs neue und immer heftiger forderten. Er erreichte dies völlig.

Mochte sich nun der Gesandte Frankreichs, ein äußerst gewandter Prälat, welcher sowie des Pabstes Legat sich bei der Tagsatzung einstellte, da ihm Alles daran lag, daß kein innerer Krieg unter den Eidgenossen ausbreche, wiederholt und in feinster Weise an den einflußreichen Bullinger wenden, ihn im Namen seines Königs und um des holden Friedens willen um Nachgiebigkeit bitten, ihm die Schrecken des Krieges vorhalten und ihm aufs höflichste seine stete Freundschaft anbieten, Bullinger blieb unbeweglich. Mochten auch die Vermittler, insbesondere der staatskluge Aegidius Tschudy, seinerseits dem Pabstthum zugethan, eine Ausgleichung vorschlagen, die mit möglichster Schonung der evangelischen Stände den Willen der römisch-katholischen Mehrzahl festhielt, mochten endlich selbst Bern, Basel und Schaffhausen, wenngleich ungern, sich dazu bequemen und alle Mühe anwenden, um auch Zürich zur Zustimmung zu bewegen; Alles war umsonst. Zürichs Räthe beharrten bei der Verweigerung, Zürichs Zünfte und Landgemeinden erklärten insgemein ihre völlige Zufriedenheit mit dem Entscheide ihrer Regierung, ganz bereit für den Glauben im Fall eines Angriffs Gut und Blut einzusetzen. Der Haupturheber dieser einmüthigen Festigkeit aber war, wie damals jedermann wußte, Bullinger.

Feierlich erklärte deshalb der Gesandte Zürichs (am 3. December 1554) vor den in Baden versammelten Tagherren: Zürich könne es nicht gebühren, die, so "unseres" Glaubens sind, davon abzumahnen oder sie dafür strafen zu helfen, da Gott durch seine Gnade ihnen Solches eingegeben; Zürich wolle indeß um des Friedens willen darüber nicht weiter rechten, jedoch weder Hülfe, Rath, That, noch irgend welche Stimme oder Bewilligung dazu geben, auch darin nicht begriffen sein, sondern solche Handlung Gott dem Allmächtigen heimstellen. - Die Kraft innerer Ueberzeugung, womit der Gesandte sprach, fesselte die Versammlung unwiderstehlich, tiefes Schweigen folgte. - So zog Zürich sich von allen weiteren Schritten zurück. Die Tagsatzung aber genehmigte jene Vorlage der Vermittler, welche die Vernichtung des Evangeliums in Locarno, und somit die Vertreibung der treuen Bekenner derselben in sich schloß.

Dem Gesandten Frankreichs, dem Abte von St. Laurent, antwortete Bullinger (im December 1554) einläßlich und treffend, weit davon entfernt sich durch vermeinte Gefahren von dem, was seiner religiösen Ueberzeugung entquoll, abziehen oder durch Höflichkeiten blenden zu lassen. Schrieb er doch um dieselbe Zeit an Calvin das ganz bezeichnende Wort: "Verhaßt ist mir in Sachen der Religion jenes höfliche Capituliren." Klar weist er daher dem Gesandten nach, "nicht die Zürcher veranlassen Krieg, aber für ungerecht und für schwere Sünde hielten sie es, die Religion zu verfolgen, welche sie selbst für die wahre halten und zu der sie sich bekennen. Auswanderung, meine man

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vielleicht, sei keine Strafe; nenne man doch die Sache beim wahren Namen: Verbannung, die nach aller Rechtskundigen Urtheil dem bürgerlichen Tode gleich komme, sei es, womit man hier Schuldlose strafen wolle. Warum? Weil sie sich vom herrschenden Jrrthum losgemacht und dem göttlichen Worte zugewandt haben. Aber Gott werde es rächen. Zu einem dauerhaften Frieden, fährt Bullinger fort, wird man übrigens auf diesem Wege nicht einmal gelangen; denn Gottes Zorn wird den Frieden in Krieg verwandeln. Möchten daher unsere Eidgenossen Großmuth üben, oder wenn sie durchaus strafen wollen, wenigstens Andern nicht zumuthen, zu einem Verfahren einzuwilligen, das sie verabscheuen. Möchten sie einsehen, daß Tod und Verbannung nichts vermögen gegen die wahre Religion, und daß jenseits ein Richter ist, vor dem wir einst allesammt Rechenschaft abzulegen haben. Der mir anvertrauten Gemeinde gebe ich den Rath, für Erhaltung des Friedens kein Opfer zu scheuen, das sich mit der gesunden Vernunft, mit unserer religiösen Ueberzeugung, mit der ungeschmälerten Aufrechthaltung des Glaubens verträgt. Allein fern von ihr sei jedes Zugeständniß, das Gott, der waren Religion und ihrem Gewissen zuwider wäre. Vor jedem gewaltsamen Verfahren warne ich sie und vor jedem Versuche, ihre Religion über ihr eignes Gebiet hinaus zu verbreiten durch Verordnungen oder wohl gar mit dem Schwerte; in den gemeinsamen Herrschaften sollen sie nach Billigkeit handeln und wie es der Landsfriede zugibt. Als ein Mann von religiösem Sinne wirst du, hoff' ich, diese Grundsätze nicht mißbilligen.

Mögest du übrigens wachen, fügt Bullinger hinzu, daß nicht anderswoher die Gemüther aufgeregt werden. Die Anwesenheit römischer Prälaten in der Schweiz war noch jedesmal verderblich, für die Krone Frankreichs nicht minder, als für gesammte Eidgenossen. So war es mit Ennio, mit Pucci, mit dem Cardinal von Sitten. Unglück und Verderben brütet Rom, "der Kriege Mutter und Urquell," wie einst Petrarca sang. Friede wird vorgeschützt und unter der Maske des Friedens wird Krieg bereitet. Jesus, unser Heiland, erbarme sich unser und schenke uns den Frieden, einen dauerhaften, keinen Scheinfrieden! Gern will ich auf dieses Ziel hinwirken aus allen Kräften, soweit es geschehen kann ohne Nachtheil für die wahre Religion. Dasselbe werden alle Gutgesinnten mit mir thun." - Der scharfblickende St. Laurent würdigte Bullinger auch fernerhin seiner hohen Achtung und vielfachen vertrauenvollen Verkehres; gerne las er Bullingers Schriften.

Wohl wußte Bullinger, daß er durch seine Beharrlichkeit in dieser locarnischen Sache in den übrigen evangelischen Orten, besonders bei den Staatslenkern des vielvermögenden Bern seinen Credit aufs Spiel setze; hatten doch letztere den Widerstand ihrer eigenen Prediger, namentlich des kecken, von Bullinger angefeuerten Haller schlau zu vereiteln gewußt. Aber auch das vermochte Bullinger zu tragen um des Herrn willen. Völlig empfand er den Jammer Simpert Vogts, der von Schaffhausen her ihm wehklagte:

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"Fast möcht' ich wünschen, daß die Erde mich verschlänge, so tief kränkt mich der Hiesigen Entschluß in der Locarner Sache. Mit welcher Stirne dürfen wir noch erscheinen vor unsern bewährten evangelischen Brüdern? Große Schelmen hat man bisanhin liberirt; fängt dagegen Einer an fromm werden und lernt er beten, so muß er ins Elend." Bullinger selbst konnte indeß ganz getrost an Calvin schreiben: "Auch ich bin, wie ich höre, von irgend welchen falschen Brüdern in Bern verklagt worden und nun sehr in Ungunst. Jch anbefehle das Alles dem Herrn, seinethalb ist's ruhig in meiner Seele. Jch weiß, was ich gethan und gewollt habe. Jch weiß, daß ich nichts als Wohlwollen gegen jene hege. Auch die, welche jetzt mich schmähen, werden dereinst sehen, daß ich redlich gehandelt habe und ihnen Freund bin." "Durch Festigkeit und Geduld müssen wir siegen," fügt er den selbst bekümmerten Freund ermunternd bei. Völlig erntete Bullinger Calvins und Farels Beifall. "Eine edle Großmuth, schieb jener voll Entrüstung über die durch französischen Einfluß abgelenkten Regierungen der drei andern evangelischen Kantone, das Leben der Menschen zu schonen und Gottes heilige Wahrheit der Verachtung Preis zu geben! Euch aber segne der Herr in eurem heiligen Eifer, auf daß er durch euch triumphire über die Treulosen, die fälschlich eure Gewissenhaftigkeit Starrsinn schelten, während sie, Pilato gleich, Christum geißeln, um ihn mit dem Kreuze zu verschonen!" Und der greise Farel, noch immer voll Liebesfeuer, bezeugt ihm: "Jch danke dem Vater der Barmherzigkeit, dem allmächtigen Gotte, daß er dich und den frommen Rath zu Zürich also gestärkt hat in der Beschirmung des Evangeliums, daß ihr durch keine Besorgnisse, keine Drohungen, keine Scheingründe euch dazu bringen ließet, zu einer so verruchten Schmach einzuwilligen, wodurch das herrliche Anlitz des Erlösers und das Evangelium des Heiles sind bespeit worden mit dem häßlichen Unrathe des Antichrists. Mögest du dich nicht abhärmen über diese schwere Heimsuchung Jsraels, sondern zu deiner Gesundheit Sorge tragen, damit du uns und der Kirche erhalten werdest." Bullinger härmte sich nicht ab; doch hatte er der Locarner wegen schwere Kämpfe bestanden Monate lang, die ihn an Leib und Seele hart angriffen; daß tiefer Gram auf ihm gelastet, hatte er seinem Calvin nicht verhehlt, ja "die Locarner Sache tödtet mich fast" ihm einst aufrichtig bezeugt, aber hinwieder auch: "Der Herr lebt noch, der Herr der Könige, auch der größten auf Erden; und Christi Wahrheit wird bleiben in Ewigkeit!"

Hatten schon die bisherigen Vorgänge so viele Sorgen und Mühen für Bullinger mit sich gebracht, so häuften sich dieselben noch, als nun der von der Tagsatzung gefaßte Beschluß zur Vollziehung gelangte. Jnmitten des Januars 1555 ritten die Gesandten der sieben katholischen Orte über den schneebedeckten Gotthard, dessen Lawinen Gefahr drohend vor und hinter ihnen rollten, nach Locarno und beschieden die Unterthanen vor sich. Jn langem Zuge erschienen die Evangelischen, voran die Männer, dann paarweise die Frauen, ihre Kleinen an der Hand oder auf den Armen. An die hundert und

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zwanzig Erwachsene waren es sammt achtzig Kindern. "Ein Stein hätte sich erbarmen mögen, sagt ein zürcherischer Augenzeuge, doch bei jenen Leuten erregte es nur Gelächter." Sie legten ihr Bekenntniß vor. Der Legat des Pabstes eilte herbei, um sie abwendig zu machen. Muthig widerstanden ihm selbst die Frauen. Ungeachtet aller Lockungen und Schreckmittel, ungeachtet schwerer Bußen und Verhaftbefehle, ungeachtet der Hinrichtung des nie überführten Greco sah man am 3. März 1555 drei und neunzig Evangelische ihre schöne Heimath verlassen, um ihres theuern Glaubens willen. So sehr weilte Bullinger im Geiste bei ihnen, daß er an eben demselben Tag an Calvin schrieb: "Schon wandern die Locarner; betet für sie." Bald folgten ihnen noch Etliche. Die Kinder ihnen wegzunehmen, wie der Legat im Namen päbstlicher Heiligkeit verlangte, zu dieser Unmenschlichkeit entschlossen sich die Eidgenossen nicht. Jm Thale von Misox suchten die Vertriebenen einstweilen einen Aufenthalt, bis die mildere Jahreszeit ihnen den Uebergang über das Hochgebirge gestatten würde. Gerne wären sie irgendwo in der Nähe verblieben unter bündnerischer Hoheit. Allein gerade darin arbeitete ihnen der Legat mit aller Macht entgegen, um eine solche Gemeinde, deren Standhaftigkeit in ganz Jtalien die Theilnahme der Gleichgesinnten erregte und dieselben bestärkte, von Jtaliens Grenzen fern zu halten. Daher wurde bei ihnen der Wunsch rege in Zürich einstweilen sich nieder lassen zu dürfen, um wo möglich beisammen bleiben und einen italienischen Prediger haben zu können. Schon war ihnen von Zürich aus die Aussicht, nöthigen Falls Aufnahme daselbst zu finden, durch Bullinger eröffnet worden. Willig entsprach nun Zürich ihrem Ansuchen und öffnete ihnen seine Thore, obgleich überfüllt mit Flüchtigen, namentlich Engländern. Glücklich hindurch gedrungen durch das noch mit tiefem Schnee bedeckte Hochgebirge langte die Hauptschaar heiteren Muthes am 12. Mai 1555 in Zürich an, hundert und zwölf Seelen stark, während Einige vorher, Andere nachher eintrafen oder sich hie und da zerstreuten. Mit wahrhaft brüderlicher Liebe wurden sie aufgenommen und mit dem nöthigsten Lebensbedarf beschenkt. Freudig schrieb Bullinger an Calvin: "Ehrenfeste Leute sind es, die bei uns eingewandert; unsere Bürger sind ihnen hold und günstig." Aber welch ein Zuwachs von Geschäften und Sorgen fiel dadurch ihm selbst zu! Beccaria, den er zuerst zum Prediger vorschlug als den "rechten Anfänger evangelischer Lehre und Wahrheit in Locarno", lehnte bescheiden ab; "ich will euer Schulmeister sein" sprach er zu seinen Landsleuten. Nun berief man den berühmten Occhino, der eben als Flüchtling aus England zurück gekehrt war. Auch Bullinger beehrte ihn mit seinem Zutrauen und hob ihm ein Kind aus der Taufe. Wie sollten aber nun die Locarner ihr irdisches Fortkommen finden? Gar oft nahm diese Sorge Bullinger in Anspruch. Wohl steuerte man für sie in Bern, Lausanne, Neuenburg, Biel und Basel: doch reichte dies nicht lange, da selbst die Wohlhabenden unter ihnen durch ihren raschen, unfreiwilligen Wegzug aus der Heimath große Einbußen

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erlitten hatten. Sehr eng aber war damals der Kreis der Gewerbe in Zürich, und leicht glaubte sich irgend ein Bürger beeinträchtigt durch die Betriebsamkeit der Fremdlinge. Verfehlten sie sich noch hie und da gegen die Landessitte, wie sehr hatten sie Bullingers Fürsprache nöthig, und immer wieder sehen wir ihn dazu willig und unermüdlich, selbst da wo er der Engherzigkeit der eigenen Mitbürger mußte entgegen treten. Denn lange dauerte es, bis Zürichs Bürger sich überzeugten, wie großen Gewinn die Gewerbsamkeit dieser Ankömmlinge, insbesondere die Verfertigung von Seidenstoffen auch ihnen und ihrem ganzen Lande bringen könne.

Wohl wurde Bullinger späterhin durch zwei dieser Eingewanderten tief betrübt, einerseits durch den Kaufmann Besozzo, der sich ärgerliche Reden über Glaubenssachen auf der Messe in Zurzach erlaubte, anderseits durch ihren Prediger Occhino. Zu seinem großen Schmerze mußte er im Jahre 1563 an diesem die peinliche Erfahrung machen, daß er sein greises Haupt durch Leichtsinn entehrte, da er dem Evangelium zuwider mit der buhlerischen Schlüpfrigkeit eines leichtfertigen Schöngeistes die unverletzliche Heiligkeit des ehelichen Bundes unterhöhlte, mit listiger Umgehung der bestehenden Verordnung über die Druckerpresse, und so das Gesetz und die Ehre seines Schutzortes verletzte. Das Verfahren der Obrigkeit erschien Bullingern wohl mit Recht als ein durchaus gerechtes, ja verhältnißmäßig gelindes, die Ausweisung Occhino's aus dem Gebiete Zürichs als völlig verdient. Bullinger bedauerte den tief Gefallenen, fand sich aber weder innerlich noch äußerlich berechtigt den Gang der Gerechtigkeit zu hemmen, hätte es auch nicht vermocht. Wohl aber suchte er zu verhüten, daß nicht die Unschuldigen unter den Locarnern es entgelten müßten. Was er für die Uebrigen gethan, die wahrhaft evangelisch sich erwiesen, gereute ihn nicht. Allmälig erstarkte der Baum, den er so treulich gepflegt und der auf Jahrhunderte hinaus gedeihen sollte. Mit inniger Dankbarkeit gedachten in unseren Tagen, nachdem drei Jahrhunderte dahin geflossen, die blühenden Familien von Orelli und von Muralto in Zürich, sammt dem bernischen Zweige der letzteren, vor dem Angesichte des Herrn, der ihre Väter so wunderbar rettete und führte, auch dessen, was Bullinger einst für sie gethan.

101. Bullingers Verhalten bei den zunehmenden Reibungen mit den römisch-katholischen Orten.

Durch den Sieg, den die römisch-katholischen Orte in der Locarner Sache ertrotzt hatten, wurden sie nur kecker zu weiterem Vordringen. Jhre Haltung gegenüber den Evangelischen zeigt sich zusehends feindseliger. Wir finden sie immer völliger den päbstlichen Einflüssen hingegeben, den Bestrebungen der Jnquisition und der Jesuiten. Dazu schlossen sie sich immer fester zusammen. Schon während der Verhandlungen betreffend Locarno zeigt sich dies im Verhalten

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Luzerns und der übrigen am Vierwaldstätter-See liegenden Kantone gegen Zug. Diesen, Zürich am nächsten liegenden und am wenigsten feindseligen Kanton drängten sie (1555), die ausübende Gewalt in die Hände Weniger, eines "geheimen Rathes", zu legen, wie dies bei ihnen selbst geschehen war, um gleichwie in Kriegszeiten zum raschesten Handeln allezeit bereit zu sein. Sodann brachten sie es durch Umtriebe und Drohungen dahin, daß der Stadtpfarrer von Zug, dem man Hinneigung zum Evangelium vorwarf, verabschiedet, im März des Jahres 1556 die in beträchtlicher Anzahl vorhandenen Bibeln den Besitzern abgefordert und auf dem Rathhause in Zug verbrannt wurden. Bullinger enthielt sich nicht seinen lebhaften Abscheu auszudrücken über dieses bisanhin in der Eidgenossenschaft unerhörte Vorschreiten, das überall in den evangelischen Orten großen Anstoß gab und daher Mißhelligkeiten auf der Tagsatzung herbei führte. Auf ähnliche Weise, wie in Zug, bedrängten die vier Waldstätte die großentheils den höheren Ständen angehörigen Freunde des Evangeliums im Wallis, zumal in den wohlhabenden Ortschaften wie Sitten, Brieg und Visp. Auch hier kam es zur Verbrennung der Bibeln. So wurde auch im Wallis die Saat des Evangeliums, über deren liebliches Gedeihen Peter Venetscher, ein Walliser, welcher in Württemberg ein Pfarramt bekleidete, nach einem Besuche in der Heimat, im September 1555, Bullingern hocherfreut berichtet hatte, nieder getreten.

Die römisch-katholischen Orte gingen noch weiter. Einen neuen Anlaß, um, wie sie meinten, mit dem Buchstaben des Rechtes, die evangelischen Kantone zu bedrängen, schien ihnen die Frage über den Bundesschwur darzubieten, die sie nun aufs neue anregten. Früher waren alljährlich die eidgenössischen Bünde in jedem Kantone feierlich beschworen worden in Gegenwart aller übrigen Orte; der Gesandte Zürichs, als des Vororts, hatte dabei den Eid vorzusprechen. Seit dem Eintritt der Reformation aber war der Bundesschwur unterlassen worden, da man sich über die Formel nicht vereinigen konnte. Aufs neue forderten nun die römisch-katholischen Orte 1555 auf der Tagsatzung, man solle gemäß dem Wortlaute der Bundesbriefe auch in den evangelischen Orten nach der althergebrachten Form "bei Gott und den lieben Heiligen" schwören oder doch, wie Aegidius Tschudy aus Glarus, der gewandte Verfechter des römisch-katholischen Glaubens, schlau vermittelnd vorschlug, den Eid in dieser Form vorsprechen. Aufs entschiedenste widersetzte sich Bullinger dieser Zumuthung als einer Verläugnung des lautern Evangeliums; schon früher hatte er aufgefordert mehrmals sein Gutachten hierüber abgegeben. Auch jetzt wieder erklärte er, "die Eidgenossen haben kein Recht dies zu fordern; es sei nicht etwas Kleines, sondern ein Hauptartikel des Glaubens, daß man bei Gott allein und bei keinem Andern schwöre; der Eidschwur sei ein Bezeugen bei dem höchsten Gut, ein Bekennen, wer uns helfen oder strafen möge, auch ein Bitten und Anrufen." Jn demselben Sinne schrieb er nach Bern, Basel und Schaffhausen, um die Obrigkeiten und die

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Amtsbrüder zu stärken. Dennoch gab Bern anfangs nach und raffte sich nur in Folge von Hallers äußerster Kraftanstrengung bald wieder auf. Bullinger zeigte, wie schädlich und schmachvoll eine so elende Nachgiebigkeit wäre. "Wenn unsere Eidgenossen, schrieb er an die Prediger zu Basel, forderten, wir sollten einen Tag lassen Messe lesen, da sie als Gesandte in unserer Stadt sich aufhalten, und sollten wieder Bilder aufrichten, doch so, daß niemand der Unseren gezwungen wäre hinzugehen, würden wir es gestatten? Nein. Warum sollten wir sie denn unserem Volke den Eid nach ihrer Weise geben lassen, in unserer Kirche? Es ist nicht ein gering Ding um den Eid, ist auch nicht nur, wie Etliche sprechen, um ein Wort zu thun, sondern um den Glauben; der ist ein Knopf und Band der Religion und des Staates. Es ist auch kein Bundesartikel, daß man nicht möge schwören, denn nur bei den Heiligen; nur das ist einer, daß man schwöre. Und wenn es auch einer wäre, so gilt doch Gott und sein Gebot mehr. Wir können um der Menschen und menschlicher Bünde willen Gott und seinen Bund nicht übergeben. Will man uns dabei nicht bleiben lassen, so ist's wohl ein Zeichen, daß man etwas Anderes sucht oder Neckerei treibt." Um beim Frieden zu bleiben räth er daher zu der Antwort, "man wolle die Bünde nichts desto weniger halten, als ob sie beschworen wären, wenn man gleich dermalen der Form halben nicht eins werden könne; die Bünde, beschworen oder unbeschworen, sollen ewig bleiben; mit der Zeit werde man einander schon besser verstehen." Auch in seinen Predigten drang Bullinger alles Ernstes darauf, bei dem einfachen Eide: "als ich bitt', daß mir Gott helf'" zu bleiben. So schloß er im October (1555) eine Predigt mit den Worten: "Sehet zu, daß ihr nicht Freundschaft bei den Menschen suchet und Gottes Huld verlieret! Sehet zu, daß ihr nicht zu viel auf Menschenbündniß setzet und in Gefahr kommet, wie vor vierzig Jahren zu Marignano und vor bald vierundzwanzig Jahren wegen der Burgrechte (des christlichen Bürgerrechtes). Handelt so, daß euer Glaube unversehrt bleibe. Jhr laßt ja doch die Andern auch bei ihrem Wesen bleiben. Schwöre man bei Gott und melde man den Eid also, damit niemandem wider sein Gewissen zu handeln zugemuthet werde, sondern daß Glück und Gnade dabei sei. Darum bittet Gott!"

Bullinger hatte die Genugthuung, daß in Folge des vornehmlich von ihm betriebenen einmüthigen Widerstandes von Seiten der evangelischen Orte die römisch-katholischen, obschon ihnen die Mehrzahl der Stimmen auf der Tagsatzung zu Gebote stand, diese Sache fallen ließen, und einstweilen sein Rath befolgt ward. Dasselbe Ergebniß folgte neun Jahre später einer ähnlichen Begutachtung, die er über die nämliche Frage abzugeben veranlaßt war.

Nun aber richteten die römisch-katholischen Orte ihre Angriffe auf Glarus, um diesen Kanton, in welchem die Reformirten weitaus die Mehrzahl bildeten, ihren Absichten dienstbar zu machen. Als ihre vornehmsten Führer im März 1556 bei dem Pabste in Rom erschienen und von ihm mit dem größten

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Pompe hochgeehrt wurden, stellte der in ihrem Namen auftretende römische Redner, der die Protestanten als "scheußliche Ungeheur" bezeichnete, die Rückkehr von Glarus unter die geistliche Herrschaft des Pabstes in Aussicht. Drohend forderten sie sodann im August desselben Jahres die Herstellung des römisch-katholischen Gottesdienstes selbst da, wo alle Einwohner reformirt waren, ja sogar (1560) die Rückkehr des ganzen Kantons zum Pabstthum unter willkürlicher Ausdeutung früherer Verträge. Trotzig verweigerten sie den reformirten Glarnern den Entscheid auf dem Rechtswege und kündigten ihnen den Bund auf. Acht Jahre lang dauerten diese Bedrängnisse; mehrmals drohte der Krieg in der ganzen Eidgenossenschaft loszubrechen. Bei Zürichs unmittelbarer Nähe und der engen Verbindung mit Glarus, dessen reformirte Prediger der zürcherischen Synode zugehörten, sah Bullinger sich aufs mannigfachste in diese Jahre lang sich fortspinnenden Verhandlungen verflochten. Aus Freundschaft für die Glarner und aus Liebe zum Frieden im Vaterlande gab er sich unablässig Mühe, den Streit friedlich beizulegen ohne Beeinträchtigung des Evangeliums. Zahllose Briefe schrieb er deshalb, bald an die Bedrängten, um sie bei eintretender Niedergeschlagenheit zu stärken und zu trösten, oder dann wieder zum geduldigen Stillhalten zu mahnen, oder ihre Anfragen zu beantworten, bald um ihre Angelegenheit Andern da und dort in der Eidgenossenschaft warm zu empfehlen. Erst 1564 gelang es einen kaum erträglichen Vergleich zu Stande zu bringen.

Bereits hatte das päbstliche Concil zu Trient mit dem Ketzerrufe gegen alle Protestanten geschlossen. Schon 1565 schlossen sodann die römisch-katholischen Eidgenossen ein förmliches Bündniß mit dem Pabste von höchst bedenklichem Jnhalte gegenüber ihren reformirten Bundesbrüdern. Die Jnquisition strebte immer weiter vorzudringen; eines ihres zahlreichen Opfer ward Francesco Cellario, Prediger zu Morbegno im Veltlin, den man widerrechtlich auf bündnerischem Gebiete gefangen nahm und 1569 in Rom langsam verbrannte. Es kam die Zeit, da die römische Kirche, obgleich sie sich scheute das Messer an die Wurzel des Uebels zu legen, die schlimmsten Auswüchse in der Lebensführung ihrer Diener zu beseitigen suchte, und Carlo Borromeo, der hiefür sich bemühte, zugleich die Kluft zwischen den beiden Confessionen in der Eidgenossenschaft unausfüllbar machte, überdies die Jesuiten, welche er schon 1571 in die italienischen Vogteien einführen wollte, (1574) in Luzern[91] und bald auch in Freiburg Aufnahme fanden.

Besonders gefahrvoll war dieses Vordringen des Pabstthums für die Protestanten in den gemeinen Herrschaften, die oft Jahre lang unter römisch-katholischen Landvögten standen. Namentlich sahen sich die Zürich so nahe gelegenen reformirten Thurgauer schon seit 1555 bedroht, wie sie Bullingern voll Besorgniß meldeten. Bullingers Sorgen und Arbeiten ihrethalben

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mehrten sich, als 1567 durch Beschluß der sieben regierenden Kantone die Geistlichen des unteren Thurgaus der zürcherischen Synode einverleibt wurden, übelwollende katholische Gutsherren aber dessen ungeachtet da und dort die ihrigen öfter mit Entsetzung bedrohten, falls sie sich in Zürich zur Synode einfinden würden. Gegen Pfarrer Schneewolf in Steckborn suchte (1567) der schweizerische Landvogt sogar ein Todesurtheil auszuwirken wegen einer angeblich gegen die Messe und Wallfahrten, sowie gegen Maria und die Heiligen unehrerbietigen Predigt. Bullinger, der dem Beklagten mit seinem erwünschten Rathe beistand, schrieb ihm: "Bei dem süßen und beseligenden Namen Jesu ermahne ich dich: Halte Stand im Bekenntniß des wahren Glaubens und rede offen die Wahrheit vor dem Richterstuhl des Blutrichters!" Schneewolf entging dem Tode; doch Absetzung und Landesverweisung nebst schwerer Geldbuße war sein Loos.

Hatte sonach Bullinger vielfältig sich der bedrängten Evangelischen anzunehmen, so erfreute ihn hinwieder der Uebertritt des tapfern, ihm befreundeten Freiherrn von Sax, der sich sammt den ihm zugehörigen Dörfern Sax, Sennwald und Salez (zwischen dem Sentis und dem Rhein gelegen, im jetzigen Kanton St. Gallen) seit 1563 der reformirten Kirche zuwandte.

Haben wir uns vorerst in den näheren Kreisen von Bullingers Wirksamkeit umgesehen, so sind nun auch wieder in diesem Zeitraume die weiteren Verhältnisse ins Auge zu fassen, zunächst seine Betheiligung an der confessionellen Entwicklung.

 

Dritter Abschnitt.
Confessionelle Entwicklung. Bullingers weiteres Mitwirken zur Bildung des kirchlichen Bekenntnisses.

102. Allgemeines. Vorbereitungen zum Zürcher Consens.

Wir haben früher gesehen, wie die beiden Zweige der evangelischen Kirche von einem mächtigen inneren Triebe sich zu einander hingezogen fühlten, aber auch wie alle die jahrelangen Versuche sich fest zu vereinigen mißlangen, wie Bullingers und der Seinen williges Entgegenkommen durch Butzers Doppelsinnigkeit und Luthers Widerstreben zu nichte ward, ja wie durch Luthers letzten Anfall (von 1544) der Riß zwischen ihm und der reformirten Schweiz, namentlich Zürich ein völliger wurde, wenn auch ein großer Theil der Seinigen diesem seinem letzten Auftreten keinen Beifall schenkte. Der unglückliche Ausgang des bald erfolgenden schmalkaldischen Krieges, die Jammerzeit des Jnterim, in welcher die deutschen Protestanten der römischen Kirche sich annähern

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mußten und doch den kaiserlichen und päbstlichen Ansprüchen nicht genug thun konnten, machte die Wiederanknüpfung früherer Bande längere Zeit unmöglich und drängte namentlich die reformirte Richtung in Süddeutschland sehr zurück.

Während aber jener Zeitraum mit einer so betrübenden Wendung schloß, eröffnete sich uns der jetzige mit einer desto erfreulicheren. Wurde nach der Seite Deutschlands hin dies Band der Gemeinschaft gelockert, so knüpfte es sich desto fester unter den übrigen Protestanten. Während eine Vereinigung mit den Lutherischen in weite Ferne hinaus gerückt ward, fanden sich nämlich die Gliedmaßen der reformirten Kirche durch ganz Europa hin und gelangten zu ihrer von Gott gewollten organischen Verbindung. Vor allem kam es (1549) zu dem völligen Einverständniß zwischen Bullinger und Calvin, und dadurch zwischen der zürcherischen und genferischen Kirche, woran sich die übrigen schweizerischen Kirchen und andere Reformirte anschlossen, zu dem sogenannten Zürcher Consens, jenem für die ganze evangelische Kirche so werthvollen Bande. Von da an wurde die reformirte Kirche im Großen ihrer Einhait sich immer völliger bewußt.

Es gibt aber auf dem geschichtlichen Gebiete Verhältnisse, die, wofern nicht auf das Einzelnste eingegangen werden darf, nicht wohl richtig zu schildern und zu erfassen sind. Von solcher Art sind die Beziehungen Calvins zur Waadt und zu Bern, in denen eine Anregung zum öffentlichen Aussprechen jener Einstimmigkeit lag. Nicht die unmittelbaren Beziehungen nämlich zwischen Zürich und Genf trieben dazu, vielmehr die Zerwürfnisse, in welche die bernische Kirche und in Folge davon die Bern untergebene waadtländische durch Butzers Einflüsse gerathen war und durch eine Anzahl von lutheranisirenden Predigern, deren geheimes Streben in nicht geringem Widerspruche stand mit den von ihnen scheinbar anerkannten Grundlagen der bernischen Kirche und bei ihren Amtsbrüdern ein um so strengeres Festhalten an Zwingli's Lehrweise hervor rief. Als nach Luthers letztem Losbrechen wider die Zwinglischen und der zürcherischen Verantwortung ihre Stellung völlig unhaltbar ward und die Hauptführer beseitigt wurden (1546 bis 1548), bedrohte ihr Fall auch Virets Stellung in Lausanne, sowie das Ansehen Farels und des ohnehin wegen Genfs politischer Haltung bei Berns Staatsmännern mißbeliebten Calvins.

Dennoch würde das richtige Verständniß des sogenannten Zürcher Consens fehlen, wofern man ihn rücksichtlich seines Jnhaltes aus solchen staatlich-kirchlichen Verhältnissen herleiten wollte; vielmehr lag ihm ein tieferes inneres Bedürfniß zu Grunde. Dies zeigt uns am ehsten ein Blick auf den voran gehenden zwischen Bullinger und Calvin rücksichtlich der Lehre vom Abendmal gepflogenen Verkehr, den wir durch Berücksichtigung bisher unbeachtet gebliebener Data in vollständigem Zusammenhang zu überschauen im Stande sind.

Bullingers und Calvins frühere Beziehungen sind oben berührt worden, doch mit absichtlicher Uebergehung des auf die Lehre Bezüglichen. Wir sahen, wie nach dem ersten flüchtigen Zusammentreffen in Basel (Januar 1536) Bullinger kräftig mithalf sowohl gegen Calvins Vertreibung (1538) als für seine

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Rückkehr nach Genf (1541), wie er auch in den folgenden Jahren zum Frieden riet (namentlich 1543) bei der schwierigen politischen Stellung Genfs zu Bern, und über einzelne in Zürich weilende Zöglinge, über Zeitereignisse und dergleichen mit Calvin verkehrte. Was aber die gegenseitige Beziehung beider zum Abendmal betrifft, soll hier im Zusammenhange seine Erwähnung finden.

Nie war es zwischen Bullinger und Calvin zu irgend einem Streite gekommen, so verschieden auch ihre Stellung (insbesondere zu Straßburg und zu Bern) war. Bullinger war sich vielmehr seiner wesentlichen Einigkeit mit Calvin rücksichtlich des Abendmals längst bewußt, schon ehe zwischen ihnen eine Besprechung hierüber eintrat. Schon im Mai 1544 äußert er in einem Briefe an Vadian, daß er mit Calvin ganz gut übereinstimme, während Luther dem Calvin nie zustimmen werde, es wäre denn, daß Luther Früheres zurück nähme. Ebenso gibt Bullinger dem Prediger Leonhard Sörin in Znaym (in Mähren), der, befremdet über Calvins zweite Bearbeitung seiner Glaubenslehre (von 1543 oder 1545), ihn um seine Ansicht befragte, im September 1545 dadurch Antwort, daß er vorerst seine eigene Abendmalslehre darlegt, wie sie seit bereits zwanzig Jahren sich gleich geblieben; sodann beifügt, auf Calvin halte er viel; die zweite Ausgabe seines Lehrbuches habe er freilich noch nicht gesehen; jedoch setzt er im Gefühle seiner völligen Selbständigkeit bei: "Lehrt er aber so, wie du sagst, so folge ich nicht ihm, sondern der Wahrheit!" - Einige Zeit nachher finden wir Bullinger und Calvin in unmittelbarer Besprechung dieses in jenen Zeiten so ungemein viel verhandelten Lehrpunktes.

Es wurde oben erwähnt, wie Bullinger, dessen Art es überhaupt nicht war, je bei Negationen stehen zu bleiben, sich im Jahre 1545 nicht begnügte mit der gegen Luther gerichteten Vertheidigungsschrift, sondern, angeregt durch Wünsche von Besuchenden, nun auch den vielbesprochenen Hauptgegenstand der Verschiedenheit in der Lehre im Zusammenhang mit den nächstliegenden Lehrpunkten in einer besonderen lateinischen Schrift "von den Sakramenten" ausführte. Er vollendete sie 1545 mit dem Jahresschlusse, und feilte sie zu Anfang des folgenden Jahres aus.

Diese Schrift theilte Bullinger Calvin mit, sodann auch dem Polen Johann Laski, der in England weilte, um die Urtheile beider Männer zu vernehmen. Es war dies ein Akt des männlichen Vertrauens und des aufrichtigsten Strebens nach Wahrheit, zumal beiden die Vertheidigungsschrift der Zürcher gegen Luther noch nicht genügt hatte. Zuvor schon bekam auch Johann Lenyng, der oben erwähnte Hofprediger des Landgrafen Philipp von Hessen, diese Abhandlung handschriftlich zu Gesichte; im Juni 1546 vor dem Ausbruche des schmalkaldischen Krieges bittet er Bullingern, in dieser gefahrvollen Zeit sie nicht zu veröffentlichen, damit nicht etwa eine Flamme des Haders aufs neue empor lodere. Jn der That ließ sich Bullinger alle Zeit mit ihrer weiteren Verwendung.

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Erst im folgenden Jahre, 1547, erhielt sie Calvin. Es geschah dies bei Anlaß einer kleinen Reise, welche dieser im Februar 1547 eilends nach Basel, Zürich und Bern machte mitten in Jammer der Unterwerfung Süddeutschlands unter den furchtbaren Arm des siegreichen Kaisers, wobei er mit Freuden wahrnahm, wie eifrig man in Zürich für Konstanz, und ebenso, alles früheren Zwistes vergessend, für Straßburg besorgt war. Bullinger gab ihm die Schrift nach Genf mit, damit er Muße habe sie zu lesen und ihm schriftlich seine Bemerkungen mittheilen könne, doch unter der ausdrücklichen Bedingung Stillschweigen darüber zu beobachten. Und nun entspann sich zwischen ihnen darüber ein denkwürdiger brieflicher Verkehr, der, zwei Jahre lang fortgesetzt, Schritt für Schritt zur völligen Verständigung führte und endlich (im Mai 1549) im Zürcher Consens seinen Abschluß fand. Es dürfte kaum ein erfreulicheres Beispiel eines solchen Austausches zu finden sein unter Männern, deren jeder seine ganz bestimmte Vergangenheit, sein gewichtiges Ansehen in seiner Umgebung und bedeutende Festigkeit des Charakters hatte. An Unterbrechungen fehlte es diesem vielfach gefährdeten Briefwechsel freilich nicht. Kaum ist es uns heutiges Tages möglich, uns hinein zu versetzen in die Langsamkeit und Unsicherheit des brieflichen Verkehrs, wie er damals zwischen Zürich und dem noch nicht schweizerischen Genf Statt fand. Wie oben angedeutet bedurften die Briefe oft zwei, drei Monate Zeit, auch wenn man die besten sich darbietenden Gelegenheiten benutzte, wurden mitunter veruntreut oder gingen sonst verloren, ein ander Mal langten sie entsiegelt an; selbst wenn man sie einem Gesandten Frankreichts anvertraut hatte.[92] Fast jedes Mal hatte daher der Absender des Briefes Zeit hin und her zu sinnen und sich allerlei sorglichen Gedanken darüber hinzugeben, weshalb wohl der Empfänger ihn so lange auf Antwort warten lasse. Und doch war dieser stille schriftliche Weg der einzige, auf welchem die Verhandlungen, geborgen vor störenden Verdächtigungen von Seiten bernischer und waadtländischer Gegner Calvins, gedeihen und eine völlige Zusammenstimmung wirklich ausreifen konnte. Um so mehr ist die Geduld und Ausdauer beider Männer, ihr gegenseitiges festes Vertrauen und ihr aufrichtiges Verlangen nach völliger Verständigung zu bewundern.

Nicht weniger verdient die männliche Offenheit, die kräftige Entschiedenheit und der Ernst der Gesinnung, womit sie sich unerhohlen ihre Ueberzeugung mittheilten, Anerkennung, auch wenn es dabei mitunter an fast verletzender Schärfe nicht fehlte. Denn eben das Gegentheil hievon, jene doppelsinnige Geschmeidigkeit, wodurch Butzer seiner Zeit Bullingers Vertrauen verscherzt hatte, bildete anfänglich ein Haupthinderniß der Verständigung. Bei dem nahen Verhältnisse, in welchem Calvin lange Zeit zu Butzer gestanden, ruhte auch auf ihm der Verdacht, daß er und sein Streben nach Zusammenstimmung

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von derselben Art sein möchte, bis daß es ihm gelang diese Wolken zu zerstreuen. Wenn gleich Bullingers Selbstgefühl ihm bisweilen als Stolz, seine Beharrlichkeit als Hartnäckigkeit oder Rechthaberei erschien, so ließ er sich durch Bullingers Bedachtsamkeit doch so wenig irre machen, als dieser durch Calvins Feuer, das so leicht zur Hitze sich steigerte.

Was die Sache selbst anbetrifft, so handelte es sich darum, die Bedeutung der Sakramente, ihre Kraft und Wirksamkeit, die besondere Förderung, welche dem Christen durch sie zu Theil wird, in vollem Maße zur Geltung zu bringen, ohne die Wirksamkeit der freien Gnade Gottes, das Walten des heiligen Geistes, die Rechtfertigung durch den Glauben nach irgend einer Seite hin zu gefährden. Für Bullinger lag darin allerdings nichts Neues, da er selbst und mit ihm die schweizerischen Kirchen schon 1534 und in der ersten helvetischen Confession 1536 in eben dieser Richtung ihr Bekenntniß abgelegt hatten.[93] Wie begreiflich ist es aber, daß nach allen Mißdeutungen, die sein williges Eingehen auf Butzers Bemühungen, trotz aller Vorsicht, ihm gerade von Seiten des Letzteren zugezogen, nach all den Trübungen der bernischen Kirche, zu denen Butzer in jener Annäherung den Vorwand gefunden, endlich nach der Scheltung "Sakramentschänder" von Seiten Luthers und dessen Ketzerrufe Bullinger, in dessen Wesen es so wenig lag sich Einschüchterung gefallen zu lassen, zu doppelter Behutsamkeit aufgefordert war, und lieber mit dem einfachsten, wenn auch nicht erschöpfenden Ausdrucke sich begnügen wollte, als irgend etwas aufnehmen, was von neuem eine Handhabe hätte werden können, um der lauteren evangelischen Wahrheit Zuwiderlaufendes der nach Gottes Wort reformirten Kirche aufdringen zu lassen.

Ueberdies handelte es sich bei Bullingers Austausch mit Calvin nicht bloß darum, daß er selbst zur Ueberzeugung gelange von Calvins völliger Uebereinstimmung mit ihm, sondern daß er dieselbe auch seinen Amtsbrüdern insgesammt nachzuweisen vermöge, auch denjenigen in Bern und Waadt, welche durch den Gegensatz zum desto strengeren Festhalten an Zwingli's Lehrausdrucke bewogen worden. Um so verständlicher wird uns sein behutsames Vorgehen. Jmmerhin haben wir anzuerkennen,, und dies ist wohl das Größte und für alle Zeiten Fruchtbarste, was sich uns hier thatsächlich darbietet, daß es nicht ein bloßes Wort war, wenn Bullinger und sie Seinen jederzeit in ihren Verordnungen und Bekenntnissen sich bereit erklärt hatten und auch fernerhin erklärten, weitere Belehrung aus Gottes Wort willig anzunehmen.

Beachten wir die Einzelheiten der Entwicklung in gedrängter Kürze.

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103. Bullingers Schrift von den Sakramenten. Brieflicher Verkehr darüber. Abschluß des Zürcher Consensus, 1549.

Gleich nach seiner Rückkehr von der Reise durch die Schweiz im Februar 1547 schreibt Calvin an Farel nach Neuchatel, nun habe er etwas in Händen, was er aber bald zurück senden müsse, Farel möchte schleunig kommen ihn zu besuchen. Schon nach wenigen Tagen ließ er an Bullinger ein sehr einläßliches Schreiben abgehen, worin er ihm Punkt für Punkt seine Ausstellungen mittheilte über Alles, was ihm in Bullingers Schrift "von den Sakramenten" unrichtig oder ungenügend erschien. Er tadelte z.B., daß Bullinger nach Zwingli's Vorgang den Gebrauch des Wortes Sakrament gemäß dem klassischen Sprachgebrauche vom Soldateneide herleitete anstatt es als Uebersetzung des griechischen Ausdrucks Mysterium aufzufassen u.s.w. Noch sechs Monate nachher war Calvin in Ungewißheit, wie seine Bemerkungen aufgenommen worden, wobei indeß die Unruhe der jammervollen Zeitläufe, die Bullinger tausendfach in Anspruch nahmen, nicht zu vergessen ist; erst zu Anfang des Jahres 1548 erhielt er Bullingers ziemlich scharfe Widerlegungen, die ihn keineswegs befriedigten. Calvin verhehlte dies nicht in seiner Rückantwort vom 1. März 1548, fügte jedoch bei: "Wiewohl ich mir einer innigern Gemeinschaft mit Christo in den Sakramenten bewußt bin, als du in deinen Worten ausdrückst, so wollen wir darum doch nicht aufhören denselben Christus zu haben und in ihm eins zu sein. Einst werden wir wohl zu einer völligern Einhelligkeit zusammen wachsen." "Dies wäre nicht das Letzte unter meinen Wünschen, daß wir völlig eins würden." Jnzwischen wurde in Bern die Reibung der kirchlichen Parteien so heftig, daß der Rath, nach Frieden und Ruhe sich sehnend, den geeigneten Anlaß ergriff die namhaftesten der lutheranisirenden Prediger zu entfernen. Viret in Lausanne schwebte in Gefahr ihr Schicksal theilen zu müssen, da über seine und Calvins Lehre mancherlei nachtheilige Gerüchte ausgingen. Um nun bei den Zürchern, bei welchen sie sich ebenfalls verklagt wußten, übeln Verdacht zu zerstreuen und durch ihre Fürsprache Viret in seiner Stellung zu erhalten, eilten Calvin und Farel im Mai 1548 nach Zürich. Sie sahen sich von Bullinger und seinen Amtsgenossen, deren Einfluß auf Bern von neuem befestigt war, freundlich aufgenommen und so kräftig unterstützt, daß der Zweck erreicht ward und Viret seine einflußreiche Stelle in Lausanne behielt. Jmmerhin entgingen sie bei ihren Gegnern in Bern übler Ausdeutung ihrer zürcherischen Reise nicht.

Rücksichtlich der Abendmalslehre kam es bei diesem Besuche in Zürich noch nicht zur völligen Verständigung. Dazu war man in Zürich nicht hinreichend vorbereitet, und die Sache überstürzen oder sich überraschen lassen wollte man nicht[94]. Noch hatte nämlich Bullinger den Brief Calvins vom 1. März

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nicht erhalten; er empfing ihn aber bald nach Calvins Heimkehr. Gleich am 26. Mai 1548 antwortet er darauf: "Hochgelehrter Calvin, mein theurer Bruder; ich habe nun aus deinem Briefe ersehen,was deine Ansicht ist in Betreff meiner Antwort. Auch ich will also nicht weiter das bereits Dargelegte wiederholen. Jndeß, Gott ist mein Zeuge, er, der allein die Herzen durchschaut, ich kann nicht anders darüber denken noch reden, als ich geredet habe und denke. Jch anerkenne, daß Christus in seinem Geiste durch den Glauben sich uns ganz mittheilt, so weit dies uns zur Erlangung des Heiles und zum gottseligen Leben vonnöthen ist. Eben dieß wird uns durch die Sakramente dargestellt und besiegelt auf eine den Sakramenten eigenthümliche Weise, sowie dies auch durchs Wort verkündigt und durchs Bezeugen eingeprägt wird... Als du letzthin hier warst, zähltest du wohl uns Allen insgesammt her, was Andere tadeln oder vermissen an unserer Luthern (1545) ertheilten Antwort. Jndeß erklärtest du, dir mißfalle unsere Darlegung nicht, die wir in Betreff des Abendmals heraus gegeben, und versprachest, du werdest stets der Unsrige sein. Jch denke auch, dies Versprechen habe dich noch nicht gereut." Durch Haller in Bern vernahm sodann Bullinger, wie sehr dort Calvin die Einigkeit rühme, in der die Zürcher mit ihm sich befänden. Calvin selbst, der Bullingers Brief auch wieder verspätet erhielt, antwortet am 26. Juni in Betreff der Schrift Bullingers von den Sakramenten: er hätte freilich gewünscht, daß es Bullingern sammt seinen Amtsbrüdern genehm gewesen wäre, bei seiner Anwesenheit in Zürich näher auf die Abendmalslehre einzutreten; gewiß hätte man etwas erreicht; einen Theaterstreich zu spielen sei er nicht gekommen; dergleichen sei ihm eben so sehr zuwider wie den Zürchern. Und nun legt er in kurzen Zügen aufs bündigste seine Abendmalslehre dar, so daß er durchgehends zeigt, wie die Ueberzeugung Bullingers und der übrigen Zürcher völlig damit überein stimme. Ueberdies bezeugt er, daß sein nahes Verhältniß zu Butzer für ihn durchaus kein Hinderniß sei, selbständig und frei offen seine Ueberzeugung auszusprechen.

Damit war nun ein neuer kräftiger Schritt zur weiteren Verständigung gethan. Zwar drängten die immer drohender werdenden Zeitverhältnisse den Verkehr hierüber eine Zeitlang zurück. Wir finden etliche Briefe, in denen viel von Jnterim und tridentinischen Concil die Rede ist und von der dringenden Nothwendigkeit gegen beide zu schreiben, aber nichts vom Abendmal. Doch antwortete Bullinger über Letzteres im October, wiewohl von Geschäften, von Sorgen für die flüchtigen deutschen Glaubensbrüder, wie von Kummer über den Fall von Konstanz fast erdrückt, und sandte, da er Nachricht erhielt, der Brief sei nicht an Calvin gelangt, im December einen zweiten Brief nach sammt der Abschrift des ersten. Calvins bündige kurze Sätze, wie sie in seinem Briefe vom 26. Juni rasch hingeworfen sich vorfanden, theilt Bullinger in 24 Punkte ab und bemerkt nun aufs neue über jeden einzelnen, wie weit und in welchem Sinne er mit Calvin einverstanden sei oder nicht. Er antworte

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nicht, bemerkt er dabei, um ihn zu bekämpfen, sondern um ihn zu noch deutlicherer Auseinandersetzung seiner Ansicht zu veranlassen, "ob es uns wohl irgend möchte gegeben werden ein und dasselbe zu denken und zu reden." Doch verwahrte er sich nochmals gegen alle butzerische Halbheiten und Bemäntelungen der Wahrheit, und wollte dessen gewiß sein, daß die Zürcher nicht als Feinde betrachtet würden.

Beide Briefe Bullingers bekam Calvin fast mit einander. Aufs neue versichert er in seiner Antwort vom Januar 1549 Bullinger seiner Redlichkeit, Offenheit und Unabhängigkeit von fremdartigen Einflüssen; Umschweife seien gerade am wenigsten seine Sache, niemals habe er um Menschen, auch nicht um Luther zu gefallen, seinen Ausdruck gemodelt. Er gehöre nicht zu den Schmeichlern Luthers, habe sich frei erhalten, als selbst Beherzte furchtsam waren. "Hätte nicht bis jetzt ungegründetes Mißtrauen im Wege gestanden, so wäre schon längst unter uns entweder gar keine Abweichung oder nur ein Minimum davon gewesen." Ueber jeden der 24 Punkte gibt er sodann näheren Bescheid, wiewohl es ihm fast nicht mehr nöthig scheint.

Damit war nun wesentlich das Ziel erreicht. Bullinger erklärte sich völlig befriedigt. Seine denkwürdige Antwort vom 15. März 1549 lautet: "Fürwahr viel hast du bei mir ausgerichtet durch deine Antwort, theuerster Bruder. Jetzt versteh' ich dich besser aus deiner letzten Antwort, als bisanhin; wie du hier aus meiner Erwiederung (betreffend alle die 24 Punkte) sehen wirst. Und darüber darfst du dich nicht verwundern, daß ich so scharf an dich schrieb. Denn heut zu Tage findest du gelehrte und zwar ausnehmend gelehrte Männer, die ihre Meinungen öfter wechseln, als gut ist. Nicht daß ich dich für einen solchen halte; aber ich mußte wünschen ausdrücklich von dir zu hören, was ich nun gehört habe. Eine üble Meinung hatte ich durchaus nicht von dir. Halte mir deshalb meine Derbheit zu gute. Jch will gar nicht meine Ansichten und Ausdrücke verfechten, außer in so weit sie wahr sind. Du bezeichnest sie auch nicht als irrig und überführst mich keiner Unrichtigkeit. Du sagst, nur so weichest du von uns ab, daß Du dem Sinne nach gar nicht von uns verschieden seiest. Da sehe ich in der That nicht, warum Du von uns abweichest. Jch hoffe, wenn du nun meine Erwiederung liesest, werdest Du jegliche Abweichung in diesem Punkte (in Betreff des Abendmals) fallen lassen. Gegen Butzer hege ich keinen Haß; Sein Mißgeschick geht mir nicht wenig zu Herzen[95]. Doch ist nicht zu bezweifeln, daß er durch seine Unstätigkeit der Kirche nicht geringen Nachtheil gebracht hat. Gott vergebe ihm und uns, so wir von Leidenschaft befangen uns gegen ihn verfehlen! Der Herr gebe uns Allen solche Herzen, die ganz lauter seien in der Liebe! Mir ist's genug, daß Du uns, wie Du schreibst, aufrichtig liebest. Darauf darfst

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du auch unserseits zählen. Lassen wir also fortan die Beschwerden; lieber wollen wir uns gegenseitig aufrichtig lieben und die Gemeinden erbauen! Gott Lob steht bei uns Alles gut. Wir haben Frieden; o möchten wir so leben, daß wir ihn lange behielten! ... Wohl ist die Kirche Christi über den ganzen Erdboden zerstreut; aber heutzutage sind so wenige Kirchen übrig, die offen den Namen evangelischer Kirchen festhalten. Fast alle Kirchen Deutschland, Oberdeutschlands wenigstens, haben das Jnterim angenommen. Laß uns ernstlich für sie beten und alle unsere Kräfte in der Schweiz zusammen nehmen, damit unsere Kirchen einträchtig seien. Darauf verwende alle deine Bemühung; wir werden ebenfalls unsere Pflicht thun nach unseren Kräften."

Wie wohlthuend spricht uns Bullingers Herzenswärme aus diesem Schreiben an, und doch wie sicher stellt es uns vor irgend einer Einwilligung von seiner Seite zu halbherzigen Vermittelungen. Calvins Freude darüber war außerordentlich; er gibt selbst davon Zeugniß in seinem nächsten Briefe (vom 5. Mai) an Bullinger: So angenehm sei ihm Bullingers Brief gewesen wie kaum je einer, und habe viel dazu beigetragen ihm seinen häuslichen Kummer zu erleichtern, die Trauer um seine (zu Anfang Aprils) verstorbene Gattin. Gern wolle er sich die Mühe nehmen nach Zürich zu kommen, wofern Bullinger dies für gut finde. Doch jetzt schreibe er, um die Zürcher zum Eintritt in das französische Bündniß zu bewegen, zumeist um der in Frankreich zahlreichen Protestanten willen.

Bullinger antwortete am 21. Mai. Aufs herzlichste bezeugt er seine innige Theilnahme an Calvins Trauer, lehnt aber Calvins Anerbieten einer persönlichen Zusammenkunft freundlich ab. "Wir haben ja bisanhin auf dem schriftlichen Wege uns besser verstanden als durch mündliche Rede und Gegenrede. Schriftlich ist bisanhin Alles aufs Beste von Statten gegangen. Drum bedarf's ja dessen nicht, daß du deine Kirche verlassest, mit großen Unkosten zu mir kommest und dich ermüdest durch die Beschwerden einer Reise." Er solle fortfahren wie bisanhin schriftlich mitzutheilen, was er wolle und es jederzeit offen und unumwunden sagen, wenn er etwas an Bullingers Schriften oder Schritten auszusetzen habe; dieser wolle dasselbe auch gegen ihn thun.

Wie weit etwa die obschwebende Tagesfrage in Betreff des französischen Bündnisses zu dieser freundlichen Ablehnung eines Besuches beitrug, mag dahin gestellt bleiben. Bullinger, welcher eben damals trotz jeglicher Lockung Alles daran setzte Zürich von einem so unheilvollen Schritte abzuhalten, bemerkt Calvin gegenüber in demselben Briefe mit der größten Entschiedenheit, von einem Bündnisse mit Frankreich wolle das Zürcher Volk nichts wissen; er glaube wirklich, in wenigen Jahren wäre die evangelische Religion, Gottesfurcht, Zucht und Sitte dahin, wenn man wieder solche Bündnisse einginge; er wolle Calvins biblische Gründe nicht im Einzelnen widerlegen[96].

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Doch Calvin hatte Gründe genug, eine sichtbare Kundgebung seiner Einstimmigkeit mit den Zürchern zu wünschen, in seinem noch immer gespannten Verhältnisse zu einen großen Theile der bernischen Kirche und zu Bern überhaupt, in Farels ähnlicher Lage und namentlich in Virets Stellung in Lausanne. Auf Betrieb Hallers, der seit einem Jahre so wohlthuend eingewirkt, ward nun wieder einmal in Bern eine Synode der gesammten bernischen Geistlichkeit veranstaltet, um über Lehre und Leben der Prediger Censur zu halten und die von Hallers lutheranisirenden Vorgängern versäumte Zucht wieder kräftig an Hand zu nehmen. Sie fand im März 1549 Statt (in denselben Tagen, da Bullinger jenen höchst erfreulichen Brief an Calvin richtete). Längst hatte dieser und seine Freunde sich nach einer solchen Synode gesehnt. Gerne wollte er den Anlaß benutzen, um sich und die Seinen gegen jeglichen falschen Verdacht rücksichtlich der Abendmalslehre zu sichern, und reichte ihr daher durch Viret in zwanzig kurzen Sätzen ein Bekenntniß hierüber ein, das indeß auf der Synode, wiewohl sie für Viret befriedigend ablief, keine weitere Berücksichtigung scheint gefunden zu haben[97]. Farel nun, dessen Liebesfeuer in stets frischer Lebendigkeit flammte, der schon früher Calvin durch das Wort ermuntert hatte, "durch Bescheidenheit und Liebe werden wir siegen," lag ihm aufs neue an, die Reise nach Zürich zu machen. Das französische Bündniß bot Calvin  einen erwünschten Vorwand zu dieser Reise, da ihm niemand Verwendung für seine Volksgenossen verdenken konnte[98]. Plötzlich faßte er den Entschluß, brach gegen Ende des Maimonats auf, holte Farel, dem seine langjährigen Verdienste um

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die Kirche großes Ansehen verschafften, in Neuenburg ab, und erschien in Zürich.

Wohlwollend wurden sie von Bullinger und den Seinigen augenommen. Und Gott gab seinen Segen zu dieser Zusammenkunft Calvins mit den zürcherischen Geistlichen, die im Beisein einiger Rathsherren etliche Tage fortdauerte. Die Berathungen gingen, obgleich sie anfangs schwierig schienen, über alles Hoffen und Erwarten rasch und glücklich von Statten. Schon in den ersten zwei Stunden[99] vereinigte man sich auf jene bündigen zwanzig Artikel, welche Calvin der letzten Berner Synode übersandt hatte. Jhre Zahl stieg sodann durch einige Zusätze und Veränderung der Abtheilung auf 26 an. Dies ist die berühmte Consension, zu deutsch: Einverständniß (Uebereinstimmung) oder nach damaligem Ausdrucke: Einhelligkeit, die nach dem Orte ihres endgültigen Abschlusses den Namen Zürcher Consensus erhielt[100]. Dieses Dokument war geeignet aller Welt zu zeigen, daß Calvins Lehre mit der Bullingers und der schweizerischen reformirten Kirchen nicht in Widerspruch stehe, vielmehr eine und dieselbe sei, und daß die Kirche der reformirten Schweiz und die Genfs nicht verschiedene Kirchen seien, sondern zu einer und derselben Kirche gehören.

104. Annahme und Verbreitung des Consensus.

Geschlossen war der Consens zwischen Bullinger und Calvin, und damit etwas Großes vollbracht zum ersehnten festeren Zusammenschlusse der reformirten Kirche. Aber wie unendlich viel Mühe, Umsicht und Geduld erforderte

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es nun erst, um wirklich den erwünschten Gewinn daraus zu ziehen, einerseits nämlich, um diesem Consens in möglichst weiten Kreisen Eingang zu verschaffen, da besonders, wo er zunächst wohlthuend wirken sollte, und anderseits um störende Einflüsse fern zu halten, namentlich lügnerische Gerüchte, wie Uebelwollende sie insgemein bei solchen Gelegenheiten auszustreuen pflegten, als ob der eine oder der andere Theil von der Wahrheit abgefallen und seiner Ueberzeugung untreu geworden wäre. Hier zeigt sich uns Bullingers Eifer und Besonnenheit sowie seine Ausdauer aufs neue in hellem Lichte.

Vor Allem kam es darauf an, den Consens den reformirten schweizerischen Kantonen auf die geeignetste Weise mitzutheilen. Genaue Kenntniß der Personen und der speziellen Verhältnisse war hiefür vonnöten. Daher war verabredet worden, nicht Calvin und Farel, die in Bern bei manchen Machthabern so sehr in Mißkredit standen, sollten es thun, sondern Bullinger. Dies geschah. Schaffhausen und St. Gallen unterschrieben mit Freuden, ebenso die Bündner. Der Zustimmung Basels hielt man sich versichert. Jn Zürich selbst waren die Bedenken, welche einzelne Rathsherren um der früherhin mit den Lutheranern gepflogenen, aber so arg mißlungenen Verhandlungen überhaupt gegen formelle Vereinigungen hegten, bald beseitigt. Die Prediger in Lausanne, denen Calvin den Consens brachte, frohlockten und sandten ihre Dankgebete zu Gott. Gerne nahm man die von ihnen vorgeschlagenen Vervollständigungen auf. Der jugendliche Beza (erst seit einem halben Jahre in Lausanne) begrüßte den Consensus mit ausnehmender Lebhaftigkeit; er sprach das ahnungsvolle Wort, "diese Verbindung werde ewig dauern;" und diese seine große Hoffnung sollte köstlicher Erfüllung theilhaft werden.

Am meisten Schwierigkeiten stellten sich begreiflich in Bern entgegen. So gerne die Prediger wie Haller, Musculus, der kürzlich erst dahin gekommen, und ihre Freunde ihre Zustimmung aussprachen und so sehr sie den Consensus zu unterschreiben wünschten, erklärte sich der Rath schon am 2. Juni in ablehnendem Sinne: "man halte ein neues Bekenntniß nicht für ersprießlich, da in der Berner Disputation (von 1528) und dem zürcherischen Bekenntniß gegen Luther (von 1545) Alles zur Genüge aus einander gesetzt sei. Auch sei zwischen der bernischen und der Genfer Kirche nie ein offener Zwiespalt gewesen, welcher nöthig machen könnte, öffentlich auch den Papisten ihre Uebereinstimmung zu bezeugen"[101]. Der Rath scheute begreiflich nach all den betrübenden Erfahrungen, die er mit den lutheranisirenden Predigern gemacht, jeden neuen Schritt aus Furcht vor abermaligen Verwicklungen. Bereitwillig suchte Bullinger den Bernern die Zustimmung zu erleichtern durch Umgestaltung des

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Vor- und Nachwortes. Das Vorwort bildete nun ein Brief Calvins an die Zürcher Geistlichen vom 1. August 1549, der die Veranlassung zum Consensus angibt, die Nachschrift eine von Bullinger verfaßte Antwort der zürcherischen Prediger und Professoren, worin klar hervor gehoben wird, daß nicht ein Streit die Ursache der Abfassung und Veröffentlichung des Consensus sei, sondern der Wunsch, daß die hie und da beargwohnte Einstimmigkeit überall anerkannt werde auch von den Kirchen anderer Nationen. Es finde sich darin dieselbe Lehre ausgedrückt, die schon seit vielen Jahren in den schweizerischen Kirchen verkündigt worden. Auch fernerhin wird hier, wie in allen früheren zürcherischen Erklärungen und Bekenntnissen, ausdrücklich beigefügt, man sei bereit bessere Belehrung gerne anzunehmen, obgleich überzeugt, daß die hier gegebene Darlegung völlig mit der Schrift und mit der katholischen (rechtmäßigen) Kirche im Einklang stehe.

Allein da der bernische Rath bei seiner Ablehnung beharrte, so ließ sich nur von der Zustimmung der übrigen Kirchen und der Fortdauer ruhigerer Zustände mit der Zeit eine günstige Rückwirkung hoffen. Deshalb verschob man auch einstweilen den Druck auf gelegenere Zeit. Zu Ende Novembers 1549 wurde nun der Concens von den sämmtlichen Predigern in Genf und in Neuenburg unterzeichnet. Jnzwischen sandte ihn Bullinger in Abschrift an vertraute Freunde im Auslande, zumal in Deutschland, sowie nach England an Hooper, der alsbald (1550) zum Bischof von Gloucester ernannt ward, an den ebenfalls schon erwähnten Traheron, der einst bei Bullinger gewohnt hatte, Hofmeister des Herzogs von Suffolk (1550),[102] und an Utenhofen, Laski's Busenfreund. Viel lag ihm auch an dem Urtheile Laski's, der eben Preußen und Polen bereiste; an ihn wandte sich Bullinger daher insbesondere um seine Ansicht zu vernehmen. Gerne überließ er es hinwieder Calvin, im Einverständniß mit Farel den Consens gleicher Maßen einzelnen Männern in Frankreich und anderwärts mitzutheilen, doch Alles unter der Bedingung, daß er bis auf Weiteres bloß im Kreise zuverlässiger Freunde bleibe.

Bemerkenswerth ist, daß dies gelang. Denn überaus lange währte die Zeit des Harrens. Mehr als ein Jahr verstrich, ehe Laski's Antwort einlief. Kaum schien es möglich, daß nicht die Sache, wie in anderen ähnlichen Fällen, bevor sie zur gehörigen Reife gelangt war, verrathen und von Widersachern angefeindet werde. Merkwürdiger Weise aber waren die Maßnahmen so gut getroffen, die Freunde so treu und vorsichtig, und so freundlich waltete Gottes Obhut über dem Werke, daß man ungestört den rechten Zeitpunkt abwarten konnte. Endlich im Januar 1551 langte Laski's Zustimmung aus London an, wobei er sich zugleich entschuldigte, Bullingers Mittheilung sei ihm erst

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etwa ein Jahr nach ihrer Absendung zugekommen wegen seines beständigen Wegseins. Freudig meldet Bullinger das Eintreffen von Laski's Beistimmung zu Anfang Februars 1551 an Calvin mit dem Bemerken, jetzt, halte er dafür, sollte der Consensus in Zürich und in Genf gedruckt werden. Calvin, noch ehe er den Brief erhielt, sprach ebenfalls Bullingern den Wunsch aus, "um dem Treiben Uebelwollender zu begegnen, möchte dies nunmehr geschehen, wofern Bullinger die Zeit dazu geeignet finde; er hoffe die Herausgabe werde auch für die sächsischen Kirchen von großem Nutzen sein." "Nicht ohne höhere Fügung sei's gekommen, erwiedert ihm dieser, daß gerade als er (Calvin) die Herausgabe begehrte, die Zürcher sich eben damit beschäftigten."

Zu Anfang März konnte Bullinger den Consens gedruckt an Myconius übersenden, der völlig beistimmte und nur bedauerte, daß Basel nicht von Anfang beigezogen worden. Voll froher Hoffnung schreibt Bullinger: "Jch weiß, es werden sehr Viele nun richtiger über uns urtheilen, die uns bis jetzt als "Sakramentirer" verdammten." Und welche Freude war es ihm, den alternden, unter großen Beschwerden dem Grabe zuwankenden Vadian (er starb 6. April 1551) noch damit erquicken zu können, dem er zugleich, wie er früher so oft und gerne that, eine Uebersicht des Geschehenen mittheilte. "Hier sende ich dir den Consens, schreibt er ihm, und zweifle nicht, er werde dir zur größten Freude gereichen. Vor dem Drucke haben ihn mehrere ausgezeichnete Männer Englands, Preußens, Frankreichs, Jtaliens, Ungarns gesehen und gebilligt[103]. Daher schien es endlich gut ihn heraus zu geben und zwar gerade jetzt, da unsere Gegner (die Papisten, durch Erneuerung des tridentischen Concils) Alles wider uns aufbieten." Die größte Freude hatte Calvin wie an der Herausgabe des Consensus, so auch an der gleichzeitig erschienen fünften Abtheilung (Dekade) von Bullingers Predigten über die christliche Lehre[104], welche die Sakramente behandelte. Bullinger übersandte sie ihm mit dem Bemerken, "er habe genau dafür gesorgt, daß Alles darin völlig mit dem Consensus übereinstimmend sei, er habe sich gegen das Ende hin selbst der Worte Calvins aus seinem Lehrbuch bedient." Eben so schreibt er an Vadian darüber: "Jch denke namentlich in den vier Reden über die Sakramente etwas der Mühe Werthes gethan zu haben, und glaube, diejenigen werden ihre Sünde erkennen, welche uns als Ketzer und Sakramentirer verdammen." "Gerne lasse ich mich auch durch Anderer Schriften fördern, antwortet ihm Calvin erfreut, und das ist eben die rechte

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brüderliche Gemeinschaft, wenn wir anerkennen, daß die Geistesgaben so unter uns vertheilt sind, daß keiner allein sich selbst genüge." Bald erschien der Consensus auch deutsch, von Bullinger selbst übersetzt.

Ueber den Erfolg des Consensus sagt Ludwig Lavater: "Es wurden auch im Ausland viel herrliche gelehrte Leute dadurch erfreut und im Glauben nicht wenig gestärkt." "Jch habe, fügt er bei, von einem vornehmen, ehrenwerthen Mann, der viel um Melanchthon gewesen, gehört, daß Melanchthon erst aus dieser Consension die Abendmalssache recht und gründlich verstanden oder doch von der Zeit an recht angefangen sich zu den Zwinglischen zu neigen, so daß er nie wider sie reden oder schreiben wollte, wie heftig auch unruhige Leute ihm zusetzten." Voraus aber wurde, wie wir dies schon in obigem Briefe Bullingers an Vadian angedeutet finden, die reformirte Kirche in den verschiedenen Ländern Europa's, welche von nun an ihren Umkreis bilden sollten, sich ihres inneren Zusammenhanges recht bewußt; das Band des Vertrauens und der christlichen Gemeinschaft sehen wir von nun an um ihre weit aus einander liegenden Glieder fester sich schlingen.

105. Bullinger und Calvin gegenüber den Angriffen Westphals und Anderer.

Ein großer Segen hätte sich von dem Zürcher Consensus allerdings auch für die lutherischen Glaubensbrüder in Deutschland hoffen lassen, wofern sie, ob auch nicht in allen Theilen mit seinem Jnhalt einverstanden, doch, wie man's bei Melanchthon annahm, wenigstens zu der Anerkennung gekommen wären, daß es sich bei der Verschiedenheit, welche rücksichtlich der Lehre vom Abendmal zwischen ihnen und den Evangelischen in der Schweiz noch obwalte, nicht um eine Ketzerei oder Gotteslästerung handle, überhaupt nicht um etwas, das die kirchliche Gemeinschaft aufhebe oder verletze, sondern nur um solche Ungleichheit in der Auffassung, wie sie je und je in der Kirche vorgekommen und immerhin zu ertragen sei. Die würdige und objective Haltung des Consensus wäre dafür ganz geeignet gewesen, da er ohne Nennung eines Namens nur als Ergebniß der darin enthaltenen Darlegung aufführt, "es werden dadurch alle groben Gedanken und untauglichen Spitzfindigkeiten widerlegt, welche entweder die himmlische Herrlichkeit des Herrn herab ziehen oder mit seiner wahren Menschheit sich nicht vertragen." Für feinere und behutsame Darlegungen der gegenüberstehenden Abendmalslehre blieb damit immer noch ein Raum offen.

Allein die Wendung der Dinge war eine andere. So günstig, wie Bullinger sowohl als Calvin es wünschte und hoffte, sollte sich die gegenseitige Stellung der beiden Zweige der evangelischen Kirche noch lange nicht gestalten. Bereits hatte innerhalb der lutherischen Kirche unter andauernden inneren Streitigkeiten eine Gesinnung um sich gegriffen, die einer friedlichen

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Entwicklung jenes Verhältnisses keinen Spielraum gewährte. Wie hätte sich dies erwarten lassen, da derselbe leidenschaftliche Geist, wo er die Oberhand gewann, nicht einmal die mildern Lutheraner dulden mochte! Jm Norden Deutschland gab es der letzteren sehr viele. Um so eher kam eben von dorther ein Angriff gegen den in Zürich geschlossenen Consensus. Der hamburgische Prediger Westphal war es, der sich 1552 wider denselben erhob, indem er die Uebereinstimmung der Reformirten höhnte, sie aufs neue "Sakramentirer" schalt und der "Blasphemie" bezüchtigte, auch die Obrigkeit zum Einschreiten wider sie ermunterte. 1553 rief er alle ächten Lutheraner gegen die schweizerische "Sakramentschwärmerei" auf, welche auch in der lutherischen Kirche weit verbreitet sei durch Umtriebe, Arglist, Betrug u.s.w. Zu diesen schriftstellerischen Angriffen kamen nun Thaten. Die niederländischen und französischen Protestanten, welche unter Eduard VI. in England Schutz gefunden, im October 1553 aber durch die blutige Maria vertrieben, unter Laski's, Utenhofens und Micronius Führung an den Küsten Dänemarks und Deutschlands eine Zuflucht suchten, sahen sich wider Erwarten um der reformirten Lehre willen mit ausnehmender Härte behandelt, indem fast überall Regenten und Pöbel, von den lutherischen Predigern aufgereizt, ihnen den Aufenthalt versagten. Bullinger und Calvin wurden von tiefem Schmerz darüber ergriffen.

Bullinger widmete, um den Haß gegen die Reformirten wo möglich zu mildern, 1554 seine Schrift "über die allein durch den Glauben an Christum uns rechtfertigende Gnade", ein Werk, das Melanchthon öfter in seinen Collegien und brieflich rühmte, dem Könige von Dänemark. Auf Bitten und Rath trefflicher Männer habe er dies gethan, schreibt er im Mai 1554 an Utenhofen nach Emden. "Vielleicht werden aber, fügt er bei, die Lutheraner bewirken, daß der König das Buch nicht erhalte von dem "Schwärmer"; denn mit diesem ehrenvollen, ja vielmehr unsinnigen Worte bezeichnen sie uns. Gott verzeihe ihnen und verleihe ihnen den Geist der Besonnenheit und Milde!" An die Gräfin Anna von Ostfriesland, welche jenen Verfolgten ein Unterkommen gewährte, richtete er einen gar herzlichen und tröstlichen Dank- und Ermunterungsbrief. Er dankt ihr dafür, daß sie die vertriebenen und verwaisten Kirchen aus England und Frankreich aufgenommen, rühmt ihren in guten Werken sich bewährenden Glauben, wobei er sie gegenüber jenen hartherzigen Lutheranern, die ihres Glaubens sich rühmten, auf die Epistel Jacobi (2, 13-16) verweist; er ermuntert sie zu vollständiger Verbesserung des Kirchenwesens und des Gottesdienstes; Gott werde ihr beistehen, sie solle nur beharren bis ans Ende.

Die Anfrage des von Westphal hauptsächlich angefeindeten Calvin, ob er gegen Westphal auftreten solle, beantwortete Bullinger anfänglich in ablehnendem Sinne, später fand er es nothwendig. "Gewiß bei mir hat es nicht gestanden, schreibt Calvin an Laski, daß wir nicht gleich mit dem ersten Tage den Entschluß faßten Widerstand zu leisten; aber unser bester Vater

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Bullinger dacht anders, er setzte den Sieg in das Schweigen und Ertragen. Nachher aber änderte er seinen Sinn und ermahnte mich aus eigenem Antriebe, jene schmutzigen Verläumdungen durch ein kurzes Werkchen zu widerlegen."

Da der Consensus eine gemeinsame Sache der schweizerischen und genferischen Kirche war, beabsichtigte man anfangs die von Calvin entworfene Vertheidigung desselben gleich dem Consensus selbst von allen diesen Kirchen unterzeichnen und im Namen aller erscheinen zu lassen. Calvin schickte daher im October 1554 seinen Entwurf den Zürchern zur Begutachtung. Sehr bezeichnend ist ihre von Bullinger verfaßte Erwiederung. Sie sagen Calvin großen Dank, fügen aber bei: "Es will uns dünken, lieber Calvin, du verfahrest durchaus etwas zu derb mit unsern Gegnern. Drei bis viermal nennst du sie Taugenichtse und machst ihnen die Rinder ihres Hematlandes und die Nähe des Eismeeres zum Vorwurf; den Westphal nennst du "Bestie." Nun, wir geben freilich zu, sie habens verdient etwas hart mitgenommen zu werden, aber - weder von dir, noch von uns. Weit besser will es uns geziemen milde zu sein. Gerade so heftige Schimpfworte waren Schuld, daß Luthers Schriften viele redliche Leute mit Unwillen erfüllten; und darum sollte eben auch nach unserer Meinung diese deine Schrift durchgängig so gemäßigt sein, daß man allenthalben spüren möge, es sei dem Verfasser um die Erhaltung und Vertheidigung des freien, einfachen Bekenntnisses der Wahrheit zu thun: er bewahre christliche Würde und Milde und nehme Rücksicht auf unser stürmisches und heftiges Zeitalter. Dem Westphal, diesem wortreichen und streitsüchtigen Menschen, wünschen wir, so viel an uns liegt, den Anlaß zu weiterem Hader abzuschneiden. Es giebt eben in Sachsen und nördlich am baltischen Meere viele tausend Wohlgesinnte, deren Freundschaft man, wie du richtig bemerkst, wahren soll. Vielleicht aber würden eben diese sich durch deine Ausfälle beleidigt finden, da du in allgemeinen Scheltworten von eisigen und kalten Menschen, von Bestien und Taugenichtsen redest. Besser wäre es also, wenn du diese Stellen streichen und den Erneuerer des Sakramentstreites Westphal nennen würdest, damit jedermann wisse, wir treten wider ihn auf."

Während die Zürcher solcher Maßen rücksichtlich der Form zu größerer Milde rathen, finden sie Calvins Voraussetzungen rücksichtlich derjenigen Lehrausdrücke, die Luther selbst gebraucht habe, zum Theil unrichtig und ungenau und warnen ihn, nicht durch eine zu günstige Darstellung von Luthers eigener Lehrweise, welche Calvin als überein stimmend mit der Melanchthons annahm, den Gegnern einen willkommenen Anlaß zur Widerlegung darzubieten. Da Calvin behauptete, Luther würde gewiß der schweizerischen Lehre, so wie sie nun von ihm erklärt sei, seinen vollen Beifall schenken, bemerkt ihm Bullinger: "Gerade hier würden dich die Lutheraner der Unredlichkeit zeihen und zeigen, du seiest der, von welchem Luther prophezeite, daß er kommen werde, der nämlich trachten werde mit Luthers Worten die Schwärmerei zu erhärten. Vielleicht ist dir nicht einmal bekannt, wie kraß und roh Luther von

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diesem geistlichen Male dachte und schrieb. Du warst eben nicht im Fall, seine Schriften zu lesen und zu verstehen, da er das Meiste der Art nur deutsch schrieb. Du glaubst vielleicht, er habe so gedacht, wie jene guten und friedliebenden Leute seine Worte auslegten, die behaupteten, sie hätten ihn ganz gefaßt. Es ist aber nur zu gewiß, daß Luther weit krasser geschrieben und geredet hat, als jene ihm andichten, und daß er diese seine krasse Lehre in Druckschriften so hitzig verfochten hat, daß eine milde Erklärung nur nicht einmal möglich bleibt. So schrieb er im Anfang des Streites, so in der Mitte, so am Ende. Es thut uns wehe, daß wir das sagen müssen. Jmmer haben wir ihm ein besseres Los gewünscht; denn wir anerkennen seine großen Verdienste um die Kirche wohl. Es thut uns herzlich wehe, daß er jedes Heilungsverfahren aufs hartnäckigste verworfen hat. Du wirst dies freilich kaum glauben; denn, wie gesagt, du hast seine deutschen Schriften nicht gelesen. Wir schicken dir daher hier, damit du nicht in Unkenntniß seiest über das in dieser Sache am meisten Dienliche, eine Anzahl bestimmter Stellen aus seinen Schriften, bei denen wir die Blätter der deutschen Original-Ausgaben bemerken, damit du dir sie wörtlich kannst übersetzen lassen. Gern wollen wir dir diese Bücher selbst leihen, wenn du's begehrst... Lieber Calvin, nach der Art, wie du das Abendmal erklärst, würde dir Luther nur gar nicht brüderlich die Hand reichen. Das Alles, was du vorbringst, hat ihm schon Zwingli und Oekolampad im Jahre 1529 zugegeben und sie haben das selbst bekannt, aber vom Handbieten wollte er doch gar nichts wissen." Sie weisen dies nach durch Aufführung einer Reihe von Stellen aus den Schriften dieser beiden Reformatoren. Daher warnen sie ihn auch vor dem Gebrauche solcher Ausdrücke, welche wohl den Lutheranern genehm scheinen, über die aber der Streit sich nur weiter fortspinnen würde, namentlich vor der Wendung, daß Christus im Abendmal real genossen werde, sofern darunter (ohne nähere Bestimmung) verstanden werden möchte, "körperlich." Lieber wollen sie sich mit den einfachen Bezeichnungen "wahrhaft" und "geistlich" begnügen; denn diese seien schriftgemäß, auch von den ältesten Kirchenvätern und in allen Jahrhunderten gebraucht worden. "Freilich muß man den Lutheranern sagen, daß wir mit diesen Worten keine Begriffe von Träumerei, Einbildung oder leerem Hirngespinnst verbinden, sondern des heiligen Gottes spürbare, fruchtbringende und lebendig machende Wirksamkeit auf die Herzen der Menschen... Der Geist ist real genug; dies Wort erklärt die Größe der göttlichen Gnade sattsam."

Calvin dankt in seiner Antwort den Zürchern sehr für ihre Freimüthigkeit; ja das ist ihm der Gipfel der Freude, so brüderlich zutraulich zu verkehren; nur gering sei das, worin er ihnen nicht ganz beipflichte. Das Wort "real" behielt er bei, doch mit näherer Bestimmung, Jn Bezug auf Zwingli und Oekolampad überzeugte er sich so völlig von der Richtigkeit ihrer Mittheilung, daß er im Eingang zu seinem Schriftchen selbst erklärt: beide würden,

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wenn sie noch lebten, kein Wort am Consensus ändern. Rücksichtlich des Geheimnißvollen im Abendmal bemerkt er im Briefe an die Zürcher: "Wofern euch im Sinne liegt, Wunder, welche abergläubige Leute ersinnen, zu verwerfen, stimme ich bei, aber nichts von Geheimniß (Mysterium) darin anzuerkennen geht zu weit ab von der geheimen Wirksamkeit des Geistes, die wir so oft preisen."

Damit waren nun hinwieder die Zürcher völlig einverstanden, sowie mit Calvins ganzer Ueberarbeitung, auch bereit sie zu unterzeichnen. Jndeß fand man überhaupt rathsamer, nicht erst von den einzelnen schweizerischen Kirchen die schriftliche Zustimmung einzuholen, sondern sich mit der einfacheren Form einer Zuschrift Calvins an sie und die mit ihnen verbundenen Kirchen zu begnügen. Sofort wurde nun diese "Vertheidigung" in Genf gedruckt, sodann im März 1555 auch in Zürich mit einem Nachwort Bullingers, worin sich die Zürcher bereit erklären, wofern nöthig, weiter in Gemeinschaft mit Calvin die Widersacher zu bekämpfen.

Calvin hatte neulich bei den Warnungen der Zürcher gemeint, diese seien nur zu behutsam; doch sollte er erfahren, wie richtig sie die Lage der Dinge, zumal die Stimmung der Lutheraner beurtheilt hatten und daß der Name "Calvinist" bald von demselben Hasse sollte getroffen werden, mit welchem man bis dahin die "Zwinglianer" verfolgt hatte. Eine Fluth von Streitschriften größtentheils von ungemessener Heftigkeit erschien in Deutschland wider ihn in den folgenden Jahren, auch Brenz, Schnepf u.s.w. gehörten zu den Streitern. Bullinger, von Calvin befragt, riet ihm aufs neue, sich doch ja zu mäßigen, mit Sanftmuth die Sache zu verfechten, persönliche Unbill aber zu übergehen. Er selbst ließ im Frühjahr 1556 eine bescheidene "Apologie" (Vertheidigungsschrift) erscheinen, "allen Liebhabern reiner Wahrheit und heiligen Friedens" gewidmet, worin er, ohne die Gegner zu schmähen oder auch nur zu nennen, bewies, daß die zürcherische Kirche und ihre Kirchendiener in Rücksicht des Abendmals keiner ketzerischen Lehre anhangen, daß sie, weit entfernt sich von dem fortgehenden Consens (Uebereinstimmung) der katholischen (rechtmäßigen) Kirche zu trennen, sich im völligen Einklang mit der alt christlichen, evangelischen Kirche zu der orthodoxen (rechtgläubigen) und ächt katholischen (rechtmäßigen) Lehre bekennen[105].

Von welcher Gesinnung Bullinger bei Abfassung dieser Schrift befreit war, zeigt uns ein Brief, den er bei Uebersendung derselben im März 1556 an Melanchthon schrieb, bei dem sich eben sein ältester Sohn aufhielt: "Wie thut es mir so leid, ehrwürdiger Vater, daß der traurige Sakramentstreit wieder neu losbricht. Man hat uns recht eigentlich bei den Haaren auf den Kampfplatz gezogen und wider Willen gezwungen auf etliche bittere Schriften zu antworten. Jch nehme die Freiheit, dir, theurer Bruder, ein

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Exemplar unserer Apologie zu senden. Jch kämpfe darin zwar, doch immer so, daß ich den Frieden anbiete, der jedem der Unseren tausendmal lieber wäre als der Krieg. Jch rede, wie es wahrhaftig ist, vor dem Herrn! O wenn du etwas vermagst (dein Einfluß aber ist ungemein groß) so tritt mit aller Macht ins Mittel! Bändige die rasende Heftigkeit gewisser, dir wohlbekannter Männer; sag' ihnen, wenn doch geschrieben sein müsse, so sollen sie wenigstens die Schimpfworte und bitteren Beschuldigungen bei Seite lassen und auf gottesfürchtige, bescheidene Weise mit Schriftgründen fechten. Es wäre aber weit besser, wenn wir uns gegenseitig in Geduld tragen würden, obwohl wir uns nicht über Alles verständigen und ausgleichen können. Welchen Schaden bringt dieser Zwiespalt unter Brüdern! Unsere gemeinsamen Feinde gewinnen dadurch an Stärke und die Schwachen werden übel geärgert. Was uns betrifft, können wir, so widerlich uns der ewige Streit ist, doch unsere gerechte Sache nicht Preis geben. Jch meinerseits habe von Natur einen Widerwillen gegen alle Zänkereien; jedoch fordert die Religion, daß wir den vom Herrn uns angewiesenen Platz tapfer behaupten. Noch einmal bitte ich dich, frommer, hochgelehrter Herr und Freund, tritt doch selbst ins Mittel; du siehst ja klar, daß wir nichts Gottloses oder Ungereimtes lehren."

Melanchthon erwiederte dies Schreiben gar freundlich im September, indem er als Gegengeschenk Bullingern seine Auslegung des Römerbriefes übersandte; er preist darin Bullingers Frömmigkeit, er (Bullinger) rufe Gott recht an; er verhehlt seine eigene Bedrängniß nicht, ja die Gefahr, in der er schwebe, verabschiedet zu werden. "Gerne würde ich viel an dich schreiben, sagt er; Geschäfte hindern mich gerade nicht, obgleich ich nicht wenig belastet bin. Aber mein Schmerz ist so groß, daß ich an nichts Anderes sinnen kann. Doch vielleicht werden wir uns bald sprechen; denn auch ich erwarte, wie es in der Kirche so oft vorgekommen, von dannen ziehen zu müssen."

106. Bullingers Verhalten in Bezug auf Verhandlungen, zumal Religionsgespräche, mit den Lutheranern.

Besonders schlimm war, daß Westphal den aus England gekommenen Flüchlingen (wie früher schon anderwärts) die Zuflucht, welche sie unter Laski's Vermittlung in Frankfurt am Main gefunden, nicht gönnte, sondern als wären sie "ärger denn Räuber und Mörder", vom Rathe ihre Verjagung verlangte, was nicht ohne Wirkung blieb. Laski hoffte von der Veranstaltung eines Religionsgespräches Abhülfe. Er theilte seine Gedanken Bullingern und Calvin mit. Allein Bullinger konnte sich bei der Erhitzung der Gemüther davon nichts Ersprießliches versprechen. Er begründete seine Ansicht darüber in Zuschriften an Beide einläßlich. Es ist der Mühe werth, diese Gründe näher zu kennen und Bullingers Einsicht in die deutschen Verhältnisse auch in Bezug auf ihre politische Seite und in Rücksicht darauf, wie weit

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man für kirchliche Verhandlungen dadurch gebunden war, sich zu vergegenwärtigen.

Laski, schreibt er am 20. April 1556 an Calvin, hat auch an mich geschrieben in Betreff der Hoffnung, die er auf ein Religionsgespräch setzt. Jch hoffe davon, gleich wie du, wenig oder nichts, ja ich fürchte, aus einem mäßigen Brande werde dadurch eine weit um sich greifende Feuersbrunst werden. Jene, mit denen man ein solches Gespräch zu halten hätte, sind ja entweder von heftigerer, völlig Lutherischer Gemüthsart, wie Brenz, Schnepf, Westphal und unzählige Andere von dieser Sorte, oder gemäßigt, wie Melanchthon, Paceus und einige Wenige sonst noch. Diese aber wollen ihrer weichern und sanfteren Gemüthsart nach jene nicht vor den Kopf stoßen. Jene aber werden nicht einen Halm breit weichen, vielmehr ihrer Rohheit gemäß Haufen von Scheltworten auf uns werfen, ja auch nach dem Gespräche (was, wie wir sehen, auch nach dem Marburger Gespräche geschah)[106] in ihren Briefen und auf den Kanzeln ein Triumphgeschrei erheben. Wir können uns durchaus nichts Anderes und Besseres versprechen; diesen oder jenen süßen Einbildungen dürfen wir uns nicht hingeben. Zu gut sind uns die Lutheraner bekannt, schon seit dreißig Jahren. Doch es hoffen Manche, diese Sache lasse sich mildern durch die Einwirkung der Fürsten; durch ihre friedfertige Stimmung könne die rohe und wilde Art der Prediger leicht besänftigt werden. Aber hör', was ich da hoffe. Wofern wir unsere Ansicht aufgeben oder das, was wir bisanhin klar und deutlich gelehrt haben, künstlich verhüllen, werden wir die Fürsten holdselig finden, und man wird die augsburgische Confession zur Vereinigungsformel machen. Verstehen wir uns dazu nicht, so wird man uns entlassen als stolze und hartnäckige Menschen. Aufrichtig muß ich aber sagen, die augsburgische Confession kann ich dermalen nicht annehmen und anerkennen, aus manchen Gründen, namentlich wegen der damit verknüpften Apologie, und weil du nun eben aus Westphals Schrift erfahren hast, was jene von ihrer augsburgischen Confession halten. Wie er da schreibt und redet, so denken sie insgemein davon. Und du würdest erfahren, daß nicht einmal Melanchthon deiner Hoffnung entspräche. Warum ich aber von den Fürsten so denke, will ich dir sagen. Die meisten Fürsten sind nun einmal ihrem Bekenntniß nach lutherisch. Sie hangen alle vom Kaiser ab. Jhm haben sie die augsburgische Confession überreicht und auf dem nämlichen Reichstage die zwinglische verworfen. Wir dürfen nicht meinen, sie haben es auf den späteren Reichstagen besser gemacht. Denn noch auf dem letzten Reichstage sind wir Zwinglianer (vom Religionsfrieden) ausgeschlossen worden. Und wie? hat nicht der Herzog von Württemberg, der nun die Hauptrolle spielt und völlig von Brenz abhängt, auf das Concil zu Trient eine Confession geschickt, die gut lutherisch ist in diesem Punkte, und

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dieselbe deutlich und lateinisch drucken lassen. Die Verwerfung der Zwinglianer haben sie alle in ihren kaiserlichen Reichstagsabschieden. Drum kann ich mir durchaus nicht einreden, daß sie auch nur in irgend etwas irgendwie von dem abgehen würden, was sie mit den Kaiser und den Reichsständen so vielfältig und offenkundig eingegangen sind.

Was bleibt also übrig, als daß unseren Kirchen aus einem solchen Religionsgespräche unsäglicher Schaden und Schande erwachse? Geht man aber aus einander ohne rechte Einigung, so ist für jeden klar, daß das Aergerniß weit ärger ist, als es bisanhin war. Ueberdies besorge ich, es würde dadurch über noch mehr Lehrpunkte Streit angefacht, als wir jetzt denken. Die schrecklichen Erfahrungen, die wir früher gemacht haben, stehen mir noch lebhaft vor Augen. Nicht zu gedenken der vom Kaiser veranlaßten Religionsgespräche, ach wie viel Unheil hat Butzer durch solche in der Schweiz angerichtet, ungeachtet er gewiß den Frieden suchte und, wie's schien, aus edlem Eifer die Wunde der Tochter Zion heilen wollte.... Daher wünsche ich Laski Behutsamkeit und daß er nicht etwas vornehme, was ihn hernach sein ganzes Leben lang gereue."

Auf Vergerio (welcher damals in Württemberg weilte) fügt Bullinger bei, rechne Laski vergeblich; Vergerio habe selbst an Bullinger geschrieben, Laski's Bemühen sei fruchtlos. "Die Berner, fährt er fort, würden glaube ich, nie zu einem Gespräche Hand bieten, da ihnen noch in Erinnerung ist, in was für Verwicklungen, Unannehmlichkeiten und Gefahren sie durch Butzers Gespräche gerieten. Was die Zürcher anlangt, so würden sie, wofern sie eine Abordnung schickten, ihr jedenfalls auftragen durchaus nur zu hören, unsere Lehre darzulegen und zu vertheidigen und dann Bericht zu erstatten an den Rath und die Bürgerschaft. Denn dies ist hier althergebrachte Sitte, und da ließen sie sich nichts Anderes einreden. Auch sie sind nämlich Religionsgesprächen über die Maßen abgeneigt, und zwar zumeist wegen der vielen und langwierigen Verhandlungen, welche die schweizerischen Kirchendiener unter vielfacher Gefahr und mit großem Kostenaufwand seiner Zeit mit Butzer hielten. Jch schreibe dir hier einläßlich hierüber, damit du völlig klar wissest, was ich von Religionsgesprächen mit jenen Leuten halte und denke. Könntest du meine Amtsgenossen und Mitarbeiter darüber sprechen hören, so würdest du weit schärfere Aeußerungen vernehmen. Jch sage rundweg, ich wollte lieber mit den ärgsten Papisten verkehren als mit dieser Art von Leuten. Denn ich sehe, sie haben ja alle Menschlichkeit abgelegt und sich mit bedauernswerther Härte bewaffnet, um nicht bitterer mich auszudrücken. Doch mag Laski selbst sammt den Seinigen durch Erfahrung lernen, was er bei ihnen ausrichte. Findet er sie geneigt und geht ein Hoffnungsschimmer auf, so wird man auf schriftlichem Wege mehr ausrichten als durch mündliche Besprechung. Es ist mir gar nicht unlieb, wenn du diese meine Auseinandersetzung Laski mittheilst; denn er verlangt meine Meinung zu hören, und ich will ihm schreiben,

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weiß aber nicht, wann ich einen Ueberbringer finden werde; du hast vielleicht eher Gelegenheit. Liebe uns; denn wir lieben dich und die Deinen. Leb wohl sammt allen deinen Amtsbrüdern."

Ganz ähnlich schrieb Bullinger am 1. Mai an seinen hoch geschätzten Laski. Dieser reiste dessen ungeachtet nach Württemberg und hielt am 25. Mai in Stuttgart mit Brenz ein Religionsgespräch, welches völlig scheiterte, und zwar, wie Bullinger voraus gesehen, an der Zumuthung, er solle die Augsburger Confession annehmen. Auch wurde zu neuen Streitigkeiten dadurch Anlaß gegeben. Laski fand da weder Trost noch Hülfe.

Um so leichter können wir uns denken, was Bullingers Ansicht war, als im nächsten Jahre in Folge der französischen Verhältnisse ähnliche Versuche auf die Bahn gebracht wurden. Heftig erneuten sich nämlich um diese Zeit die Verfolgungen wider die mit ihrem evangelischen Glauben offener hervor getretenen Waldenser Piemonts, welches damals unter französischer Herrschaft stand. Farel und Beza eilten deshalb, nach Berathung mit Calvin, im April 1557 in die evangelischen Städte der Schweiz und flehten sie um ihre Verwendung bei dem Könige von Frankreich an, für welchen der eben erneute Krieg ein günstiges Einvernehmen mit den Eidgenossen besonders wünschbar zu machen schien. Jn Zürich fanden sie von Seiten Bullingers die freunschaftlichste Aufnahme und emsige Unterstützung; er erwirkte ihnen einen Vortritt vor den großen Rath, begleitete sie dabei selbst, legte Beza's lateinische Anrede bereitwillig auf deutsch aus, übersetzte ebenso die einläßliche Anweisung für eine allfällige Gesandtschaft, welche dieser auf den Wunsch der Zürcher abfaßte, und betrieb nun die Abordnung einer Gesandtschaft an den Beherrscher Frankreichs. Diese erfolgte auch zu Anfang Juni gemeinsam von Seiten der evangelischen Orte der Schweiz.

Beza und Farel reisten inzwischen zu demselben Zwecke auch an die süddeutschen Höfe. Hier verlangte man Seitens der Hofprediger vor Allem Auskunft über den Glauben der Verfolgten und begnügte sich nicht mit ihrer Erklärung, daß dieselben keine Ketzer, keine Wiedertäufer usw., sondern mit Calvin in der Lehre eins seien, dessen berühmtes Lehrbuch seinen Glauben hinlänglich darlege. Da sie wohl sahen, es handle sich um die Stellung jener bedrängten Glaubensbrüder und ihrer selbst zur Augsburger Confession, als Bedingung irgend welcher Hülfe, so ließen sie sich dadurch verlocken, eilends ein "Bekenntniß der in den schweizerischen und savoiischen Kirchen[107] geltenden Lehre" aufzusetzen, welches so gestellt war, daß die Lutheraner ihre lutherische Lehre darin fanden, und dasselbe in Württemberg und Baden zu überreichen. Voller Freuden über die Aussichten, die man ihnen nun eröffnete, kehrten sie nach der Schweiz zurück, erstatteten in Zürich Bericht über das, was sie in

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Süddeutschland ausgerichtet, verhehlten aber die Abfassung und Ueberreichung einer neuen Confession. Viel hatte man in Deutschland mit ihnen von einem Congreß von Fürsten und Theologen gesprochen, der schon im Juni in Frankfurt zusammen treten sollte, um die völlig unter sich entzweiten Lutheraner Deutschlands einander näher zu bringen und auf ein Religionsgespräch zwischen Katholiken und Protestanten vorzubereiten, welches man einem Wunsche des Kaisers zufolge auf den August nach Worms angesetzt hatte. Voll Eifers für Vereinigungen suchte der feurige Beza bei der Anwesenheit in Zürich Bullingern für Beschickung solcher Versammlungen von Seiten der Schweiz günstig zu stimmen. Doch umsonst.

Wie erstaunte aber Bullinger, als ihm aus Frankfurt am Main zwei Monate später jenes neue Bekenntniß zukam, welches Beza schriftlich in Deutschland zurück gelassen und das nun weit und breit in Deutschland von den Lutheranern wie ein Triumph, den sie über die Reformirten davon getragen hätten, bekannt gemacht wurde. Wie entrüstet war er sammt allen Zürchern und Bernern, als sie in dieser Confession das verderbliche Spiel, welches Butzer seiner Zeit zum großen Schaden der Sache getrieben hatte, erneut sahen. Bullinger verhehlte es dem Verfasser nicht. "Man hat, schreibt er ihm (am 16. Juli), die Confession, welche du auf deiner Gesandtschaftsreise bei den Fürsten überreicht hast, an Peter Martyr geschickt[108]. Solltest du sie wirklich überreicht haben, so hättest du uns doch davon in Kenntniß setzen sollen. Zur großen Freude unserer Gegner und zu der Unsrigen großen Leidwesen wird sie überall verbreitet. So schreibt man von Heidelberg und Frankfurt. Confessionen aber sollen klar und deutlich und durchaus nicht doppelzüngig sein, besonders in den noch streitigen Punkten. Jch wahrhaftig würde eine solche Confession weder schreiben, noch, wenn sie von Anderen geschrieben wäre, unterschreiben. Jch muß wünschen, daß du sie niemals abgegeben hättest, wenn du sie abgegeben hast, und Alle, die sie gesehen haben, sind meiner Meinung." Beza gestand nun Calvin seinen großen Mißgriff, den er aus Unerfahrenheit in Deutschland begangen und daß er sodann aus überkluger Bedenklichkeit diesen Schritt in Zürich verhehlt habe, und Calvin gab sich hierauf alle Mühe ihn, so gut es gehen wollte, damit bei Bullinger zu entschuldigen; daß er's eben zur Besänftigung der leidenschaftlichen Leute in Deutschland gethan habe. Bullinger antwortete jedoch (am 13. August 1557): er hätte dies von Beza nie geglaubt, daß er eine solche Confession in den Händen der Fürsten hätte zurück lassen können. "Beza und Farel, sagt er, haben bei uns ernstlich auf das Religionsgespräch (das vom deutschen Reichstage nach Worms angesetzt war) gedrungen und doch verschwiegen, daß sie ohne unser Vorwissen eine Bekenntnißschrift abgegeben haben und zwar eine solche, welche wider uns und für die Gegner sei; denn wir anerkennen

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durchaus nicht, daß wir oder unsere Vorgänger in unserer Kirche je vom Abendmal so gelehrt haben, wie sie in ihrem Bekenntniß. Jn unserem öffentlich erschienenen  Consensus steht unsere und der Unsrigen Lehre. Wollten sie den Fürsten unsere Confession überreichen, warum überreichten sie nicht den Consens? Man sollte doch über einen schon so lange streitigen Punkt nicht solche Redeweisen brauchen, durch welche die Einfältigen gestoßen werden können. Man sollte meiner Meinung nach einfach die Wahrheit bekennen mit klaren Worten und bestimmten Ausdrücken, damit es nicht scheine, man führe entweder den Gegner hinter's Licht, oder man fürchte sich mit der Wahrheit ans Licht zu treten. Sieh, mein werther Calvin, in welche Verlegenheit sie uns gebracht haben, auf den Fall, daß es zum Colloquium kommen sollte. Denn ich kann vor Gott und vor der Kirche eine solche Confession nie anerkennen. Wird ihr aber von mir und Andern widersprochen, so wird Westphal alsbald schreien: Habe ich's nicht gesagt, daß sie selbst unter einander uneins sind!" Endlich fügt Bullinger bei, diese Confession stimme weder mit dem Consens überein, noch mit den gegen Westphal heraus gegebenen Schriften; Solches möge man Beza zu wissen thun und ihm diesen Brief zeigen.

Calvin war bestürzt über den ungewohnt scharfen Ton dieses Schreibens, so daß ihm Bullinger im folgenden Briefe (schon am 20. August) beschwichtigend schreibt, er solle sich denn doch nicht allzu sehr grämen, indeß mit dem Beifügen: "Jch einmal kann nicht anders reden und je mehr ich Beza liebe, um so herzlicher wünsche ich, es wäre nichts von solcher Art von ihm ausgegangen." Nachdem Farel und Calvin bei Bullinger Fürsprache gethan hatten zu Gunsten Beza's, bat dieser im September 1557 Bullinger und Martyr reuevoll um Verzeihung seines freilich aus fast unerklärlicher Unerfahrenheit oder Flüchtigkeit, aber wie er hoch und theuer versichert, nicht aus Arglist oder Betrug hervor gegangenen Benehmens. Bullinger fand bald Gelegenheit ihn seinerseits der Vergebung zu versichern. Sehr bezeichnend ist für Bullingers ächt väterliche Milde und Treue, daß er gleichzeitig, während er sich gegen die Beeinträchtigung seiner Kirche, gegen den eigenmächtigen Mißbrauch ihres Namens und die ganze durch Beza verschuldete Abirrung vom heilsamen Wege so scharf und kräftig wehrte, Allem aufbot, um ihm bittere Folgen seines Schrittes, die von Bern aus ihm drohten, zu ersparen. Haller zitterte für Beza überzeugt, daß schwere Bestrafung seines willkürlichen Abgehens von den in Bern anerkannten Bekenntnissen erfolgen würde, sowie die Sache vor die Regierung käme. Denn nicht dazu hätte ihm diese Urlaub und Creditiv ertheilt. Haller frägt deshalb Bullinger um Rath, und dieser schärft ihm in wiederholten Briefen ein, die Angelegenheit geheim zu halten, damit der Rath wo immer möglich die Sache unbeachtet lasse.

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107. Bullingers Stellung zum Religionsgespräche in Worms 1557.

Hinsichtlich jenes Religionsgespräches (Colloquiums), das vom deutschen Reichstage behufs einer Verständigung zwischen den römisch Katholischen und den deutschen Protestanten auf den August 1557 nach Worms angesetzt war, verspürte Bullinger, wie bemerkt, keine Lust dazu, daß man von Seiten der reformirten Schweiz sich daran betheilige. Es erschien ihm, und gewiß mit Recht, als eine völlige Täuschung, wenn man jetzt noch meinte den großen Riß des Jahrhunderts, wenigstens für die deutsche Welt, durch eine Besprechung heilen zu können. Hatte sich doch in den letzten sechszehen Jahren, seit 1541, da der letzte derartige Versuch in Regensburg Statt gefunden und mißlungen war, die Kluft zwischen den beiden Confessionen, welche schon damals für eine solche Abhülfe zu groß war, noch sehr erweitert. Mochten daher Andere sich zeitweise solcher Täuschung hingeben, Bullinger überließ sich ihr nie, und konnte es nicht, so wie er die Verhältnisse kannte. Kaum war indeß dies neu angeregte Gespräch von irgend einer Seite ernstlich gemeint, von römisch-katholischer Seite wohl nie; erschien es doch eher als eine bloße Drohung des Kaisers gegenüber dem eben damals widerstrebenden Pabste. Wenn nun Andere daran denken mochten, sich bei einem solchen Anlasse mit den Lutheranern näher zu verbinden, so konnte Bullinger, wie sehr er auch Frieden wünschte, davon sich nichts versprechen. Nur zu wohl war es ihm bekannt, wie leider, innerhalb der katholischen Kirche selbst, die zwei Parteien der schroffer und milder Gesinnten sich trotz aller vorangegangenen Ausgleichungsversuche in entschiedenster Feindseligkeit gegenüber standen, wie die letzteren durch die ersteren und alle zusammen durch so viele Reichstagsabschiede, durch die augsburgische Confession und deren Apologie, sowie durch die Ausschließung der Reformirten aus dem Frieden gebunden waren. Besonders heftig war der Zwist zwischen den herzoglich-sächsischen und den churfürstlich-sächsischen Theologen, wie sich gleich beim Zusammentritt in Worms zeigte; mit ungemessenen Forderungen erschienen jene, durch deren Gewährung sich der anwesende Melanchthon verworfen gesehen hätte; eine ihrer Forderungen war auch die sofortige Verdammung der Zwinglianer. Hierüber kam es nun (wie man protestantischer Seite zuvor schon gefürchtet hatte) zum Ergötzen der römisch Katholischen zwischen den Lutheranern zur völligen Spaltung, in Folge deren ein Theil der lutherischen Theologen sofort abreiste. Nachdem sodann die zurückgebliebenen Lutheraner, worunter Melanchthon, Brenz, Marbach, Andreä usw., von den römisch Katholischen deshalb ins Gedränge gebracht, zwei Denkschriften (Protestationen) dem katholischen Vorsitzer des Collegiums eingereicht hatten, in welchen sie ebenfalls die Zwinglianer und Alle verwarfen, welche sich nicht an die Augsburger Confession hielten, ging man im December völlig unverrrichteter Sache aus einander. Wie hätte Bullinger, der mit freiem Blicke alles so kommen sah,

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Neigung haben können, sich unberufen in solche Wirren zu mengen, und wie hätte er sich bei solcher Zerrissenheit irgend etwas Ersprießliches davon versprechen dürfen!

Daran sehen wir ihn denn auch festhalten bei den vielfachen, meist brieflichen Erörterungen, welche er darüber mit seinen Freunden französischer Zunge, namentlich mit Calvin und Beza, pflog, die ihre heiße Sehnsucht nach schleuniger Vereinigung aller Evangelischen und Errettung ihrer bedrängten Glaubensbrüder in Frankreich mitunter den wirklichen Stand der Dinge übersehen ließ.

Noch im März 1557 hatte Beza ihm völlig beigestimmt. "Alle Redlichen, schreibt ihm dieser, sind ganz der Meinung, die du aussprichst, das versprochene Colloquium sei ein nichtiges Vornehmen." Erst im Mai hatte er sich in Süddeutschland auf seiner ersten Gesandtschaftsreise, bei der er freilich seine Unerfahrenheit so sehr an den Tag gelegt, umstimmen lassen.

Zu einer zweiten Reise solcher Art drängte ihn nun in der zweiten Hälfte des September 1557 die schreckliche Verfolgung der Gemeinde in Paris. Völlig vergab ihm Bullinger, da er jetzt mündlich wie zuvor schriftlich seine Uebereilung und sein Unrecht eingestand und ihm versprach, daß künftig nichts mehr der Art vorkommen solle und daß er durchaus beim Consensus (von 1549) verbleiben werde. Gerne that Bullinger auch jetzt wieder, so viel er vermochte, damit Beza's Bitte gemäß eine zweite Gesandtschaft nach Frankreich abgehe.

Calvin seinerseits verhehlte sich keineswegs, daß es bei dem Gespräche in Worms von Seiten der römisch Katholischen auf Täuschung der protestantischen Fürsten abgesehen sei, und hatte keineswegs Lust nach Worms zu gehen, versprach sich indeß sehr viel von Melanchthon; er hoffte immer durch wiederholte Mahnungen ihn doch einmal zu kräftigem Auftreten bewegen zu können, und hatte ihm in Aussicht gestellt, er selbst würde sich wohl zu einem künftigen Colloquium einfinden. Bullinger aber, der freilich den deutschen Dingen näher stand, konnte seine Hoffnungen nicht theilen. "Es gefällt mir gar nicht, erwiedert er ihm (schon am 10. September 1557), daß du deine ganze Hoffnung auf Melanchthon baust und all deine Plane auf ihn stützest. Das gebe ich zwar zu, Melanchthon ist ein redlicher Mann, aber ein Mensch und zwar ein furchtsamer. Würde man auch hundert Mal zusammen kommen und sich in Besprechungen einlassen, so würde er seinerseits für unsere Kirchen doch lange nicht so viel Heil bringen, als Schnepf, Brenz und andere Wuthentbrannte, mit denen wir's da eigentlich zu thun hätten, Unheil. Jch hab's durchgemacht; ich spreche aus Erfahrung. Als der selige Butzer ehedem so zuversichtlich eine Vereinigung zwischen Luther und unseren Kirchen versprach und dabei sehr viel auf Melanchthons Mäßigung baute, wie sehr hatte er sich geirrt! Nach allen sauren Arbeiten und Unkosten und Besprechungen waren unsere Gegner in Sachsen fast noch feindseliger, ja selbst der Friede in

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unseren eigenen Kirchen wurde nicht wenig getrübt; Viele, die vorher ganz mit einander überein stimmten, gerieten an einander. Wenn du also dem Melanchthon versprochen hast, an einem Colloquium Theil zu nehmen, so verspreche ich meiner Seits nichts. Es steht auch nicht in meiner Macht und Gewalt. So etwas gehört vor die ganze Kirche, der ich diene. Erst müssen sich die gesammten Geistlichen darüber berathen; die Obrigkeit muß ihre Einwilligung und unsere Nachbarn ihren Rath und ihre Zustimmung geben. So lange dies nicht vorliegt, verspreche ich nichts. Sehe ich aber, daß ein gesetzmäßiges Colloquium zu Stande kommt, und ist die Sache der Kirche, der Obrigkeit und den Amtsbrüdern, vorgebracht, so werde ich mich mit Gottes Hülfe halten, wie's einem treuen Diener Christi geziemt." Nochmals erklärt aber Bullinger, daß er nie sich dazu verstehen würde, eine solche Confession wie Beza neulich (im Mai 1557) in Süddeutschland abgegeben habe, die so stark nach der gegnerischen Seite hinneige, zu unterschreiben und seinen Glauben in so dunkle, doppelsinnige Worte zu zwängen, anstatt der bisher gebrauchten klaren und verständlichen. "Jch merke schon, fügt er bei, daß unsere Gegner sich mit der Hoffnung, als mit einer ganz sicheren, schmeicheln, wir würden, wenn es einmal zum Colloquium komme, einer solchen Glaubensformel beifallen, da man von dieser heilig versichert hat, mündlich und schriftlich, solcher Maßen lehre man in allen schweizerischen Kirchen." Nicht ohne Jnteresse ist in Betreff dieser ganzen Frage, daß Bullinger bei diesem Anlasse auch geneigt war, allenfalls auf die werthvolle erste helvetische Confession zurück zu gehen, welche 1536 mit Rücksicht auf die Protestanten Deutschlands abgefaßt worden, aber, weil nie gedruckt, seit längerer Zeit fast unbeachtet geblieben war; schon im Mai 1557 hatte er sie zu erneuter Berücksichtigung an Calvin übersandt[109].

Nicht ohne Besorgniß vernahm Bullinger, daß Beza sich nicht begnügte, auf seiner zweiten Gesandtschaftsreise die süddeutschen Höfe zu besuchen, sondern sogar nach Worms reiste. "O daß sie nur nicht wiederum unsere Kirchen in Nachtheil bingen, oder wenn sie etwas vornehmen, es in ihrem, nicht in unserem Namen thun möchten!"

Auch an Bullinger schrieb Melanchthon von Worms aus mehrmals. Er dankt ihm für seine Predigten "über die Offenbarung," die er als Geschenk erhalten, klagt über den Versuch der schrofferen Lutheraner gleich anfangs die Zwinglischen zu verdammen, und meldet, daß jene sich hinweg begaben. Bullinger hinwieder legte ihm (in einem Schreiben vom 25. October

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1557) dringend ans Herz jeder Verdammung der Reformirten sich auch ferner kräftig zu widersetzen, und bemüht sich, ihm dies zu erleichtern. Eindringlich bezeugt er ihm aufs neue, daß dieselben von aller Ketzerei frei seien: "Wir halten uns an die kanonischen Schriften alle und an ihren ächt katholischen und orthodoxen Sinn. Wir halten uns ans apostolische, nicänische und athanasianische Symbolum, sowie an das von Konstantinopel, von Ephesus und von Chalcedon. Wir verabscheuen alle von der Kirche nach der Autorität der heil. Schrift verdammten Ketzer und Ketzereien." Nach näherer Darlegung der reformirten Lehre fährt er fort: "Wir sind nie so übermüthig gewesen, daß wir bessere Belehrungen aus der heil. Schrift verworfen oder weggewiesen hätten. Und obschon zwischen uns und den Sachsen Streit obwaltete, wovon unsere beidseitigen Schriften Zeugen sind, so haben wir ihnen doch nie Freundschaft und Bruderliebe aufgekündet, nie sie als Feinde verschmäht und verfolgt. Daß wir gegen sie schreiben mußten, dazu zwang uns die Noth. Nie aber haben wir uns so weit vergessen, den Dr. Luther, seligen Andenkens oder die sächsischen Kirchen oder ihre Kirchendiener von den Kanzeln zu verunglimpfen, zu verfolgen und zu verdammen, wie wir hören, daß es in ihren Kirchen geschehen sei. Vielmehr thun wir derselben gelegentlich ehrenhafte Meldung, bezeugen auch immer noch, es gehe uns sehr zu Herzen, daß jener leidige Sakramentstreit entstanden, den wir lieber christlich beigelegt wünschten, und daß es unser innigster Wunsch sei, falls nichts Besseres könnte erhalten werden, daß doch von beiden Seiten Friede möge gehalten und gepflegt werden, bis uns der Herr noch das Größere und Bessere verleihen wird. Früher oder später ist doch dies, will's Gott, auch zu erwarten."

"Und was finden denn nun, ruft Bullinger deshalb aus, jene guten Brüder an uns so Verdammungswürdiges? warum verfolgen sie ihre Freunde? warum vereinen sie sich mit unsern gemeinsamen Feinden? Drum bitt' ich dich also, schätzbarer Herr und Freund, bei Christo unserem Herrn, daß, wenn du nach den dir von Gott verliehenen außerordentlichen Gaben merkst, wohin die Unbill und der Starrsinn unserer Brüder zielt, du durch deine Autorität, die bei allen Frommen (Evangelischen) so groß ist, den treuen und redlichen Christen, welche einzig von dir dies erwarten, deutlich und verständlich den Weg zeigest, den sie in dieser Sache zu gehen haben, damit nicht etwa Viele aus unverständigem Eifer sich beflecken, indem sie Leute hassen, schmähen und sogar verfolgen, die unschuldig und der Wahrheit treu geblieben sind. Moses, der große Mann im Hause Gottes, ließ sich nicht verdrießen, sich seiner bedrängten und geängstigten Brüder anzunehmen. Nur noch eine kleine Zeit ist's, die wir in dieser Welt zu verleben haben. Der Tag des Herrn naht sich uns. Der Herr wird nach seiner Macht und Güte die nicht versäumen, so aufrichtigen Herzens sind und ihn anrufen in der Wahrheit." Schließlich lud Bullinger Melanchthon herzlich ein, ihn in Zürich zu besuchen.

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Melanchthon indeß, weit entfernt, energisch auftreten zu können für seine eigene Ueberzeugung, sah sich zu Worms in kläglicher Lage, eingeengt, bedroht und bewacht von Gegnern, die ihm sogar Briefe auffingen. Bullingers Schreiben erhielt Melanchthon nicht, wiewohl jener es zwei dorthin reisenden Doctoren anvertraut hatte, von denen der eine als Ueberbringer eines Briefes von Melanchthon nach Zürich gekommen war. Melanchthon schrieb ihm selbst im Dezember 1557, er wisse, daß die Briefe von seinen Feinden mit großer Gier aufgefangen, dagegen (was noch schlimmer sei) unter Calvins, Bullingers und seinem eigenen Namen Briefe, sei's ächte oder falsche, herum geboten worden; es drohen ihm große Gefahren. Melanchthon erhielt Bullingers Brief erst im März 1558, als dieser eine Abschrift nachschickte.

108. Fortsetzung. Weitere Erörterungen in Folge des Wormser Gespräches.

Wäre aber Bullingers Brief auch sofort angelangt, er hätte, für jetzt wenigstens, doch nichts ausgerichtet, da in Worms von Melanchthon sammt den übrigen protestantischen Theologen bereits am 21. October die eine jener zwei Denkschriften (Protestationen) abgegeben worden war, worin sie erklärten, daß sie von der 1530 in Augsburg überreichten Confession nicht abweichen, noch abweichen werden, daß sie in der Lehre derselben nichts ändern noch ändern werden und alle damit streitenden Lehren verwerfen; Zwingli's Lehre war dabei noch ausdrücklich genannt.

Als Bullinger am 7. März 1558 die Copie des obigen Briefes an Melanchthon übersandte, drückte er ihm darüber seine Verwunderung aus: "Ganz unerwartet war es mir und meinen Amtsbrüdern, daß wir von unseren Freunden in Worms zwei Protestationen erhielten, die du verfaßt und dem (römisch-katholischen) Präsidenten des Colloquiums eingereicht hast, von denen die eine den vortrefflichen Zwingli geradezu verdammt, die andere aber euch Alle so sehr an die Augsburger Confession bindet, daß ihr erklärt, es sei bisanhin in derselben Alles unverändert geblieben, und es solle auch weiter so bleiben. Es kränkt uns, daß man der Wiedertäufer, des Osiander, des Schwenckfeld und Anderer geschont und nur allein Zwingli genannt und seine Lehre verdammt hat, wodurch dann zugleich auch sämmtliche schweizerische Kirchen, wie jedermann leicht einsehen kann, verdammt worden sind. Wie kömmt es, daß, da ihr es selbst anfangs höchst ungerecht fandet, als euere Collegen unsere Kirchen ungehört verdammten, ihr nun Dies selbst gethan habt?"

Noch wichtiger aber erschien Bullingern der andere Punkt, die starre Fixirung der augsburgischen Confession, das Aussprechen ihrer Unabänderlichkeit, weil er dadurch alle Aussicht für die Zukunft versperrt sah. So gerne hätten sich ja die reformirt Gesinnen in Deutschland ihr

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angeschlossen, wenn sie hätten darauf rechnen dürfen, nicht mit dem Wortlaut derselben von ihren lutherischen Brüdern gedrängt zu werden. Allein Bullinger sah mit Bedauern, wie in Deutschland die frühere Freiheit in Bezug auf dieselbe bereits abgenommen hatte und eben jetzt vollends verloren zu gehen drohte. Er wußte, daß, wer sie einmal anerkenne, bereits nicht mehr unangefochten bleibe bei einer Erklärung, wie Peter Martyr (1553) in Straßburg sie abgegeben, "er nehme sie an, wofern sie richtig verstanden werde." Sah sich doch eben darum dessen Schüler Zanchi, Professor in Straßburg, auf Marbachs Betrieb von den in Worms versammelten lutherischen Theologen angefeindet. Daher konnte sich Bullinger nicht schmeicheln, daß man, wie Calvin immer noch meinte, durchdringen würde mit der Erklärung, man nähme die augsburgische Confession an, verstände sie aber im Sinne ihres Verfassers Melanchthon. Er beschwert sich deshalb um so lebhafter über die zu Worms ausgesprochene Unabänderlichkeit dieser Confession, indem er in seinem Briefe an Melanchthon fortfährt: "Wenn so gar nichts zu ändern ist an der Augsburger Confession, so wird mithin eben sie auch in Zukunt die einzige Formel sein, welcher Alle werden zustimmen müssen, wofern sie katholisch und orthodox scheinen wollen. So wird dann, möchte man auch hundertmal zusammen kommen zur Abhaltung freundschaftlicher Besprechungen über die streitigen Punkte, diese vorgefaßte Meinung (dieses Präjudiz) allen Erfolg verhindern, den man etwa noch von einem freundschaftlichen Gespräche hätte erwarten können. Ueber den Sinn des zehnten Artikels der Confession (das Abendmal betreffend) geben die Zeiten, da sie vefaßt worden, und ihre Apologie genugsamen Aufschluß. So sehr man sich auch Mühe gegeben hat, die Härte jener Confession zu mildern, und dies fromme Streben, wie wir nicht leugnen, wohl zu rechtfertigen ist,[110] so können wir doch diese mildere Deutung unseren Gegnern nicht vorhalten, welche immer behaupten, es liege der Sinn darin, welchen Luther ihm beigelegt habe, und der in der Apologie ausgedrückt sei. Wenn man also so genau auf die Confession halten will, wie ihr es in euerer letzten Protestation gethan habt, so sehe ich gar nicht, wie wir uns je werden vereinigen können. Ueberdies weißest du selbst, daß, was in jener Confession von der Ohrenbeichte und Messe vorkömmt, gemäß der Zeit, in welcher sie aufgesetzt worden, doch immer von der Art ist, daß wir, falls man von uns verlangen würde, sie einfach zu unterschreiben, mehrfache und gewichtige Gründe hätten, die Unterschrift zu verweigern. Während man uns also Hoffnung machte, es werde noch dazu kommen, daß durch ein freundschaftliches Colloquium manches Rohe ausgeebnet und was damals den Zeitumständen entsprechend angegeben ward, jetzt angemessener ausgedrückt werde, ihr aber, von welchen dies einerseits hätte geschehen sollen, euch neuerdings

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zu dieser alten Augsburger Confession in Allem verpflichtet habet, so bedauern dies mit Recht alle frommen Christen. Wir unserseits hören indeß nie auf, den Herrn zu bitten, das durch seine göttliche Weisheit zu heilen und wieder in Ordnung zu bringen, was durch der Menschen Unbedachtsamkeit verfehlt wird.Wir geben auch noch nicht alle Hoffnung einer Vereinigung auf. Dich aber bitten wir, nach deiner Frömmigkeit darauf zu denken, daß nicht durch solches Vorgreifen zwieträchtige Gemüther noch mehr sich entflammen und die Aergernisse vermehrt werden. Freimüthig und redlich, wie's einem Diener Gottes geziemt, schreib ich dir dies, mein lieber Melanchthon, in der Hoffnung, du werdest dir Solches allezeit lassen angelegen sein, was zur Förderung der Wahrheit und des Kirchen-Friedens dient."

Was hatte aber inzwischen Beza gethan? Während Bullinger solcher Maßen den Boden für allfällige weitere Verhandlungen frei zu erhalten strebte, hatte er zum zweiten Male vorgegriffen, und, wenn auch um etwas vorsichtiger als das erste Mal, ohne Noth und ohne Frucht sich abermals verstrickt. Er hatte nämlich seine Reise weiter ausgedehnt, als anfänglich verlautete, hatte sich nach Worms begeben und hier sich an die lutherischen Theologen gewandt um Beistand für die Reformirten Frankreichs. Wiederum war die Frage, welches Glaubens diese seien, das Erste. Er berief sich darauf, daß Calvins in acht Sprachen gedruckter Katechismus in allen jenen Gemeinden als ihr Lehrbuch gebraucht werde. Doch was half es ihm? Der milde Melanchthon gab ihm zu verstehen, man begehre eine schiftliche Erklärung darüber, wie jene bedrängten französischen Protestanten zu dem Bekenntniß der deutschen Protestanten, zur Augsburger Confession, ständen. Und gleich am folgenden Tage (den 8. October 1558) überreichte Beza sammt seinem Begleiter eine solche Erklärung, Namens der "französischen Kirchen," worin sie der Augsburger Confession in Allem beistimmen, einzig den Artikel vom Abendmal ausgenommen, und ihre Begierde nach einem Colloquium mit den Lutheranern aussprechen in der Meinung, dadurch lasse dieser Punkt sich wohl beilegen.

Entzückt über das Vergnügen, das er durch diesen unzeitigen Schritt den Lutheranern in Worms bereitet, und das ihm sogar ein lateinisches Loblied von Melanchthon eingebracht hatte, sandte er, nun aufrichtiger als das letzte Mal, die in Worms abgegebene Erklärung an Bullinger, voll Eifers ihn ebenfalls nach einem Colloquium begierig zu machen. Dieser dankte ihm für die Bemühungen auf der Reise, legte ihm aber Namens der zürcherischen Geistlichkeit in einer einläßlichen, sehr lehrreichen und sorgfältig abgefaßten Zuschrift (vom 15. December 1557) die Bedingungen dar, unter welchen allein die Zürcher von einem Colloquium sich etwas Ersprießliches versprechen könnten, ohne daß man von Seiten der Reformirten die eigene Ueberzeugung Preis gäbe. Es müsse, wann ein solches von den Fürsten ordnungsmäßig angesetzt sei, eine genaue Vorberathung Statt finden unter den Reformirten selbst, damit in keinem Falle Aehnliches eintreten könne, "wie zu unserem Leidwesen

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geschehen ist unter den Lutheranern zum Jubel und Triumph der Gegner, ihnen zur Schmach, den Schwachen zur bedenklichen Aergerniß." "Uebrigens, fährt Bullinger Namens der Seinigen fort, fliehen wir das Licht nicht, auch nicht eine Zusammenkunft; wir setzen kein Mißtrauen in die gute Sache, die Gott sichtbarlich unter so vielen Gefahren schon manche Jahre, sogar durch die Einfältigen gegen die listigsten Feinde vertheidigt hat. Wir sind daher bereit, nach der Vorschrift des Apostels jedermann Rechenschaft zu geben des Glaubens, der in uns ist. Wir haben gar keinen Widerwillen gegen eine aufrichtige Vereinigung mit denen, die einen und denselben Christus mit uns bekennen, es seien Sachsen oder Schwaben. Christus hat uns zu Gliedern Eines Leibes bestimmt, uns geschmückt mit seinem heiligen Namen und er fordert nichts so dringend, als gegenseitige Liebe und aufrichtige Eintracht. Jndeß wollen wir nicht jegliche Vereinigung, von welcher Art sie auch sei, sondern eine heilige, geziemende, welche der bisher bekannten lauteren Wahrheit nicht widerstreite, die das offenbare Licht und die klare Lehre nicht verdunkele oder zweifelhaft mache, die um ihrer Lautekeit willen allen Frommen insgesammt angenehm sei, eben deswegen Dauer und Festigkeit habe und nicht die Ursache zu neuen Zwistigkeiten in sich trage. Du wirst es uns also gewiß nicht übel nehmen, wenn wir dir hier die Gründe darlegen, weshalb wir glauben, ja vielmehr Besorgniß haben, das an sich wohl heilsame Vereinigungsgeschäft möchte schwerlich mittelst eines Colloquiums leicht und glücklich von Statten gehen.

Doch soll uns niemand dies wieder so mißdeuten, als ob wir durchaus den Brüdern, welche der augsburgischen Confession anhangen, unversöhnlichen Sinnes entgegen ständen, oder gegen sie und ihre Kirchen Haß trügen und sie gehässig verdammen würden, oder durchaus gegen jedes Colloquium Widerwillen hätten. Oft haben wir bei anderen Anlässen schon bezeugt, wie leid uns jener unglückliche Zwiespalt sei und wie hoch wir im Uebrigen jene unsere Brüder schätzen, von denen doch Einige uns auch für Brüder achten. Was wir daher hier erwähnen, geht darauf, daß wir aus vielen und gewichtigen Gründen befürchten müssen, Religionsgespräche bringen da am wenigsten Nutzen, indem uns scheint, sie können kaum jenem Ziele näher bringen, das man durch sie erreichen möchte, und weil wir von ganzer Seele wünschen, man möge doch ja verhüten, daß man nicht aus übergroßem Vereinigungseifer etwas verschulde, was einen hernach gereuen würde, nämlich daß sich Unwillen erhebe bei je den trefflichsten vom Lichte der Wahrheit erleuchteten Männern aus England, Frankreich, Jtalien sowie von andern Nationen, und diese anfangen sich von uns zu trennen."

Wir können uns allerdings noch nicht überzeugen, bemerkt Bullinger aufs Einzelne übergehend, daß man durch Religionsgespräche zur Eintracht komme mit den Lutheranern oder daß dies der einzige Weg sei, der Zwietracht los zu werden, es wäre denn, daß wir noch vor Beginn des Gespräches uns entschließen würden, nur einfach die augsburgische Confession zu

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unterschreiben, so wie sie dem Kaiser und den Reichsständen im Jahre 1530 ist übergeben und in den letzten Jahren dem tridentischen Concil eingereicht worden. Seit dem Erscheinen dieses Bekenntnisses sind nicht wenige Colloquien gehalten worden; in diesen allen ist dasselbe beinahe mehr beachtet worden, als das hochheilige Evangelium Jesu Christi selbst, so sehr, daß wer es nicht in allen Stücken annimmt und anerkennt, auch wenn er den evangelischen Glauben und die apostolische Lehre vollständig und lauter bekennt, angesehen wird, als ob er kein Jota der reinen Lehre erkannt hätte oder annähme. Wir befürchten deswegen nicht ohne triftigen Grund, auch wenn's zu einem Colloquium käme, wäre Mühe und Kosten verloren, wenn wir nicht die Augsburger Confession vor Allem und in Allem unterschrieben. Dies sagen wir indeß durchaus nicht in dem Sinne, als ob wir die augsburgische Confession gänzlich zurück weisen möchten, sondern wir führen es deshalb an, weil es ja so viele Kirchen Christi giebt allerwärts in der Welt zerstreut, die in gewissen Punkten einfacher und reiner lehren, als es nach Maßgabe der Zeit und Verhältnisse, unter welchen dieses Bekenntniß erschien, in diesem geschehen konnte, jene aber nichts desto weniger beständig diese ihre augsburgische Confession Allen als die einzige und vollkommenste Glaubensregel vorzuhalten und aufzuzwingen suchen und jeglichen, der nicht sie in allen Stücken annimmt, der Gemeinschaft des Leibes Christi unwürdig achten. Und wie sie sich immer bei den Colloquien am Schwierigsten zeigten, so scheint es auch jetzt bei den Meisten unter ihnen nicht darauf abgesehen zu sein, freundschaftlich und friedlich zu unterhandeln, sondern den Schein des Sieges zu haben, uns aber stets vom Klaren zum Dunkeln, vom Gewissen zum Zweifelhaften, vom Deutlichen zum Verworrenen und so von unserer Ueberzeugung zu ihrer Meinung hinüber zu ziehen. Denn allzu übermüthig prahlen sie ja, ihre Lehre dort sei die reine und werde daher triumphiren über die "Schwärmer" und über die Pforten der Hölle."

Hierauf wird Beza, der ja erst seit 1548 mit der reformirten Schweiz als mitwirkend in Verbindung stand, gezeigt, wie schon früher zur Zeit von Butzers Bemühungen, ungeachtet die Schweizer ihre Confession (1536) vorlegten und Luther sie nicht mißbilligte, ihnen zugemuthet worden sei, die augsburgische Confession zu unterschreiben, damit man versichert sei, sie glauben von Grund ihres Herzens, was sie in ihrer Confession bekannt haben; endlich sei Luther (1544) gar so ungerecht gegen sie losgebrochen.

Auf dasselbe weisen die neueren Erscheinungen: "Es sind etliche Jahre, seit wir uns zu Zürich mit Calvin und Farel, unseren lieben und verehrten Brüdern, unterredeten (1549); der Consensus wurde abgefaßt. Das hat den Westphal dergestalt erzürnt, daß er fast alle Prediger am baltischen Meere gegen uns aufhetzte. Es erschienen eine Menge Confessionen. Alle aber gingen auf die augsburgische zurück. Darüber gerade waren sie am meisten aufgebracht, daß Calvin seine Lehre mit der Lehre der ausgburgischen Confession, in der Meinung, sie weichen ganz wenig von einander ab, verbinden wollte.

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Denn diesen Menschen ist's bei Weitem nicht genug, wenn man sagt, man wolle jene Confession willig nehmen, aber nur im rechten (gesunden) Sinn und Verstand. Es zeigt sich also, sie begehren eben nichts Anderes, als daß wir einmal unsere Redeweise und die Lehre unserer Kirchen lassen, und nur einfach die augsburgische Confession unterschreiben. Wenn es also jemals behufs einer Vereinigung zu einem Colloquium käme mit den Sachsen, so würden ohne anders jene Leute nicht die geringste Rolle spielen und nicht die wenigsten Stimmen für sich haben, welche dieser Tage, wie du selbst erwähnst, den König von Dänemark und den Churfürsten von Sachsen gegen Melanchthon in Harnisch gebracht haben. Daraus schließen wir aber auch, daß in dem Colloquium, worauf man so begierig ist, die Autorität des gelehrten, frommen, gegen uns und alle frommen Christen nicht ungünstig gesinnten Melanchthon wenig gelten werde. Auch in Worms vermochte er ja durch sein Ansehen nicht mehr zu bewirken, als daß jene zuerst unsere Verdammung dem Präsidenten überreichten und dann sich von allen ihren Amtsgenossen trennten und abreisten. Wie du weißt, haben wir unsere Lehre von der Erlösung des Menschengeschlechtes, vom Dienste am göttlichen Worte und von den Sakramenten in unserem Consensus klar und deutlich dargelegt und ausdrücklich bezeugt, daß wir im Sakrament nicht bloße Zeichen annehmen. Wie kommt es denn, ich bitte dich, daß du bei deinen wiederholten Zusammenkünften nicht mit den wüthenden, sondern mit den insgemein gemäßigtern Männern, von denen man einige Hoffnung hegt, daß sie sich zu einer Vereinigung verstehen möchten, nicht ein einziges Mal unsern Consensus bei ihnen vorgebracht hast? Du merkest ohne Zweifel, daß auch von ihnen nicht diese Vereinigung, sondern etwas Anderes, Mehreres verlangt werde."

Hieran knüpft sich, was Laski (25. Mai 1556) bei Brenz widerfuhr, sowie Beza selbst bei andern Lutheranern und endlich wird bemerkt: "Die Confession ist ihnen wie eine Fessel fest angelegt und zwar nicht allein den Theologen, sondern auch den Fürsten. Nicht umsonst fürchten die Meisten, daß wohl über dem einzigen Artikel vom heil. Abendmal die ganze Religionssache (in Deutschland) in die größte Gefahr kommen könnte. Denn der Kaiser verspricht die Religionsverschiedenheit nur bis zu einem künftigen Concilium  und nur unter der Bedingung zu übersehen, daß die Protestanten bei Allem dem verharren, was sie in der überreichten Confession bekannt haben und auf keine Weise jenen beitreten, welche die Bilder weg thun und die leibliche Gegenwart Christi im Abendmale nicht annehmen. Das bezeugen die deutschen gedruckten Reichstagsabschiede hinlänglich. So wurde auf allen Reichstagen, von jenem augsburgischen (von 1530) bis zum letzten zu Regensburg abgehaltenen, immer erklärt, daß allein jenen Protestanten Friede gewährt werde, die der augsburgischen Confession nicht Angehörigen dagegen von demselben ausgeschlossen seien, ja unter dem Namen "Sakramentirer"

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wurden diese ausdrücklich als ausgeschlossen bezeichnet. Das ist die Nothwendigkeit, welche sie gebunden hält, und darum wundern sich diejenigen, welche diese Verhältnisse kennen, nicht, daß man so dringend das Unterschreiben der Augsburger Confession von uns begehrt und daß Viele, die der reineren Lehre unserer Kirche nicht abhold sind, diese dennoch nicht bekennen noch für sie einstehen." Dazu, wird beigefügt, komme dann noch die stete Einflüsterung durchtriebener Weltleute, die den Fürsten unablässig beibringen, sie dürften sich nicht dem leisesten Verdachte beim Kaiser und bei denen, die sich katholisch nennen, aussetzen.

Aus Allem dem, insbesondere aus dieser Gebundenheit der deutschen Protestanten (wodurch die Katholiken sie gleichsam gefesselt hielten) ergibt sich nun nicht bloß die Fruchtlosigkeit, sondern auch das Nachtheilige und Verwirrende solcher einseitigen und vorgreifenden Schritte, wie Beza in diesem Jahre zwei Mal aus eigener Willkür in Deutschland gethan. Mit den eindrücklichsten Warnungen vor weiterem derartigen Vorgehen verbinden Bullinger und seine Amtsbrüder die herzlichsten Versicherungen ihrer innigen und aufrichtigen Sehnsucht nach Vereinigung aller Evangelischen, aber, wie sehr sie auch dazu geneigt seien, wider das Gewissen können und wollen sie nichts eingehen, auch nichts Doppelsinniges. "Um der Reichsbeschlüsse willen, sagen sie näher, oder aus andern Rücksichten uns dazu zu verstehen, will uns nicht geziemen. Mögen sie ihre Bräuche, Satzungen und Redeweisen behalten, aber uns nur auch zulassen, der unsrigen uns zu bedienen. Mögen sie nur, wenn sie können, die anmaßenden und verwilderten Geister im Zaume halten, daß sie nicht immer wieder mit solchen Schriften gegen uns losbrechen, die wir, ohne Pflicht und Glauben zu verletzen, nicht mit Stillschweigen übergehen können. Drum wollen wir, wenn nun nichts Besseres, nichts Umfassenderes, nichts Klareres sich erlangen läßt, wenigstens unter uns den Frieden pflegen und mit den Gleichgesinnten, bis der Herr bessere Gelegenheiten und günstigere Zeiten verleiht. Jhn laßt uns inzwischen ernstlich bitten, daß er, was menschliche Klugheit, menschliche Emsigkeit, menschliches Bemühen nicht zu heilen vermag, herstelle nach seiner göttlichen Macht, Weisheit und Gnade!"

Jn diesem Schreiben, das Bullinger zwar den Leitern der Berner Kirche, welche ganz mit ihnen einverstanden waren, confidentiell mittheilte, aber dem Beza ausdrücklich als ein vertrauliches bezeichnet, sehen wir die Beweggründe von Bullingers Verhalten in dieser ganzen Sache offen dargelegt. Als der gereifte und erfahrene, mit den deutschen Verhältnissen durch und durch vertraute Mann tritt er hier seinem jugendlich kühnen und unternehmenden Mitstreiter Beza belehrend zur Seite, welcher erst allmälig durch eigene langjährige Erfahrung von der Richtigkeit dieser Darstellung und der daraus sich ergebenden Grundsätze rücksichtlich des diesfalls angemessenen Verhaltens sich überzeugen sollte. - Am Schlusse dieses Schreibens finden wir bereits die positiven Rathschläge, welche Bullinger zur Erreichung und Förderung des

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konfessionellen Friedens in und mit Deutschland für geeignet erachtete und einzelnen deutschen Reichsfürsten weiterhin noch näher zu entwickeln veranlaßt war.

109. Fortsetzung, betreffend Conferenzen mit den Lutheranern 1558-1560.

Dieselbe durchdringende Einsicht in die Zeitverhältnisse zeigt Bullinger in seinem Briefe an Laski (vom 24. Juni 1558), welchem er die sämmtlichen Aktenstücke, betreffend die Verhandlungen in Deutschland, nach Polen übersandte, woselbst Laski seit Ende des Jahres 1556 sich einen bedeutenden Wirkungskreis eröffnet hatte. Bullinger gedenkt dabei auch des neuesten protestantischen Fürstentages, auf dem sich die lutherischen Fürsten im März 1558 bei Anlaß der Kaiserkrönung zu Frankfurt über Beilegung der Zwistigkeiten unter ihren eigenen (lutherischen) Theologen berathen hatten. "Du siehst aus diesem Receß, bemerkt Bullinger, daß jetzt der augsburgischen Confession mehr beigelegt wird, als sonst je irgend einer Confession beigelegt wurde. Die Apologie is ausdrücklich ebenfalls damit verbunden..... Lieber wollte ich, man würde diesem Bekenntniß nicht eine so große Autorität beimessen für alle Kirchen."

Beza, der sich aufs neue auf diesem Fürstentage in Frankfurt einfand, um sich zum dritten Mal zu Gunsten der verfolgten Protestanten Frankreichs zu verwenden, machte dabei die Erfahrung, daß die Geistlichen der Churfürsten von Sachsen und Brandenburg ihm und seinem Begleiter nicht einmal die Hand reichen wollten; dessen ungeachtet schrieb er an Bullinger, er verzweifle selbst jetzt noch nicht an der Möglichkeit, auf einem Colloquium sich über die Hauptgrundsätze zu einer Vereinigung zu verständigen.

Calvin äußerte sich, selst im Rückblick auf das mißlungene Wormser Colloquium, ähnlich (23. Februar 1558); sein Wunsch nach einem Colloquium sei nur noch heißer geworden seit dem Mißlingen des Wormser Gesprächs; er meinte doch, bei freier Besprechung könnte man die Gegner lehren, bescheidener zu werden. Jndeß gestand er, er habe sich getäuscht sowohl in Melanchthon, als in Brenz. Jn starken Ausdrücken (wie sie immerhin bei ihm gewöhnlich sind) äußert er sich über Melanchthons Schlaffheit und Schweigsamkeit[111]; wiewohl diese ihm nicht unbekannt gewesen, sei Melanchthon doch viel weiter ausgeglitten, als er je von ihm vermuthete; auch von Brenz hätte er nicht gedacht, daß er so feindselig verfahren würde, indeß habe er darüber an (den jungen) Andreä geschrieben.

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Bullinger suchte aufs neue Calvins Begierde nach einem Colloquium zu ermäßigen und seine Hofnungen herab zu stimmen, um ihn vor weiterer Selbsttäuschung zu bewahren; zugleich rechtfertigt er (am 11. Juni 1558) die eigene, gar nicht unbedingte Abneigung gegen mündliche Verhandlungen, von denen sich dermalen kein Erfolg erwarten lasse. Jndeß sei bisanhin nie ein gehöriges (legitimes) Religionsgespräch auf gehörige (legimime) Weise angesagt werden und noch nie von den Fürsten eine Einladung dazu an die Schweizer ergangen. "Was du dir aber von den Fürsten und ihren Theologen versprechest, da magst du selbst zusehen. Denn mich dünkt, ihre Meinung von uns und unserer Lehre sei keine gute gewesen, da sie für die bedrängten Brüder in Frankreich nichts thun wollten, bevor ihnen dergleichen Confessionen (wie Beza überreichte) niedergeschrieben wurden. Jhnen genügte also Alles das nicht, was bisanhin von unserer Seite Angesichts der Kirchen ist heraus gegeben worden.... Jch werde nachgerade mehr und mehr in der Ueberzeugung bestärkt, daß diese Leute nicht ein Haar breit je werden abgehen von ihrer augsburgischen Confession und ihrer Apologie, auch in keine Gemeinschaft treten mit irgend jemand, es sei denn, daß man jene Apologie und Confession unterschreibe. Dies erwähne ich hier deshalb, damit du, wenn du dich mit diesen Leuten je in ein Colloquium einlässest, doch ja behutsam verfahrest." Schließlich rechtfertigt Bullinger die Zürcher noch gegen übles Gerede, daß nicht die, welche uns zu entzweien suchen, dir schlimme Meinungen von uns beibringen, daß du von uns argwöhnest, was nicht ist. Wir wollen uns gegenseitig die Liebe bewahren!"

Wie stark war die Bestätigung für Bullingers richtige Auffassung der deutschen Verhältnisse, und wie sehr schwanden die Hoffnungen, denen ein Calvin und Beza sich hingegeben hatten, als nur vierzehn Tage später (den 25. Juni 1558) der Herzog Christoph von Württemberg ein Edikt erließ gegen die Wiedertäufer, Schwenckfeld usw., wodurch er auch die Reformirten verbannte, die doch zur Zeit der Reformation Württembergs (1534) so willkommen gewesen waren und als Geistliche manche Pfarrstellen übernommen hatten. Zudem wurde hier (1559) durch Brenz die Lehre von der Allenthalbenheit (Ubiquität) des Leibes Christi so stark ausgeprägt, daß selbst die Sachsen nicht zustimmten.

Auch in diesem Jahre (1559) wechselte Bullinger mit Calvin Briefe in Betreff eines etwa noch bevorstehenden Colloquiums mit den Lutheranern[112].

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Jm Mai 1560 aber schreibt ihm dieser, nunmehr enttäuscht: von Luthers Nachbetern (er braucht den grellen Ausdruck "Affen") sei gar nichts, von Jakob Andreä und ähnlichen Leuten wenig zu hoffen.

Bald hernach, im Juni und Juli 1560, wandte sich der Landgraf Philipp von Hessen an Bullinger und bat ihn um sein Gutachten, da die Theologen Jena's, damals die Vorkämpfer des strengen Lutherthums, eifrig auf eine allgemeine, evangelische Synode drangen, von der sie indeß die Reformirten, als welche bereits verdammt wären, gleich den Schwenckfeldern usw., zum voraus ausschließen wollten. Dies gab Bullingern Anlaß, in einer einläßlichen, Namens der zürcherischen Geistlichkeit ausgestellten, Antwort sich aufs treffendste über die vorliegenden Hauptfragen auszusprechen.

Dieses mit Bullingers ausgezeichneter Ruhe und Klarheit verfaßte Aktenstück verdient nähere Beachtung. Vor Allem wird schlagend gezeigt, welch ein schreiendes Unrecht in einer solchen vorgängigen Ausschließung der Reformirten läge, und dies durch Beispiele aus der älteren Kirchengeschichte bestätigt, sowie durch Hinweisung auf die weite Ausdehnung, welche die reformirte Kirche gewonnen, auf die Hingabe ihrer Blutzeugen für die evangelische Wahrheit, auf die große Zahl ihrer ausgezeichnet gelehrten und frommen Männer. Zu viel, zeigt Bullinger weiterhin, versprechen die Jenenser sich und den Fürsten von einer allgemeinen Synode, da sie meinen, dadurch werde völliger Friede und Ruhe hergestellt; dies sei nie der Erfolg der Synoden gewesen, wie ebenfalls aus der alten Kirchengeschichte erhelle; vielmehr bezeuge schon Gregor von Nazianz, mißliche Angelegenheiten seien durch Synoden jederzeit mehr verbittert als geheilt worden. "Wir wollen damit keineswegs sagen, fährt Bullinger fort, daß Synoden gar keinen Nutzen haben; sie dienen allerdings, wenn sie gehörig (legitim) gehalten werden, dazu, Zwistigkeiten in helleres Licht zu setzen, die für Manche zuweilen in einem gewissen Dunkel schweben. Und das wäre gerade bei der Sakramentssache überaus wünschbar, die ihrer Natur nach einfach und leicht ist, aber in Folge langen Haders und der Einflechtung räthselhafter Fragen für Viele verwickelt geworden ist und im Finstern liegt; aber den guten Anlaß hiefür rauben jene, welche wollen, daß darüber durchaus nichts erörtert, verhandelt und gesprochen werde." So erwünscht den Zürchern eine friedliche und ruhige Synode wäre, so können sie desnahen eine solche gegenwärtig nicht hoffen, noch dem früheren und jetzigen

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Gebahren jener starren Partei der Lutheraner, die sogar das Andenken des verdienstvollen Melanchthon (der im April 1560 gestorben war) entehrten. Des Melanchthon wird nun in allen Ehren gedacht; "habe er auch gleich allen selbst den heiligsten Menschen seine Fehler gehabt, so sei er doch ausgezeichnet an Milde, Friedensliebe, Wissenschaft, Reinheit, ja die Ziede von ganz Deuschland gewesen. Es wolle daher die Zürcher scheinen, es fehle denen an Bescheidenheit und christlicher Liebe, die schon im Leben ihn genugsam plagten und nun allzu eifersüchtig streben sich den Ruhm zu sichern, als ob, während alle Andern abgefallen wären, sie allein das reine Lutherthum gewahrt hätten.

Daran schließt sich ferner ein kurzgefaßtes Bekenntnis der reformirten Lehre, da Beschuldigungen aufgetaucht waren, als wichen die Reformirten nicht nur in der Abendmalslehre, sondern in vielen Punkten von ihren lutherischen Glaubensbrüdern ab. Sodann wird rücksichtlich der augsburgischen Confession insbesondere bemerkt, "die zürcherische Kirche verachte dieselbe nicht und weise sie nicht unbedingt zurück, gebe ihr aber auch nicht unbedingt in allen Stücken Beifall, noch lege sie ihr gleiche Autorität bei mit der heiligen Schrift, so daß man ihr gar nicht widersprechen dürfte. Namentlich sei Einwendung zu erheben gegen den zehnten Artikel (betreffend das Abendmal), wofern er, wie die schrofferen Lutheraner wollen, nach der Apologie erklärt werde, ferner (was die Zürcher auch Beza bereits 1557 schriftlich bemerkt hatten) die Art, wie sich die Augsburger Confession über die Messe, die Ohrenbeichte und die bischöfliche Gewalt ausdrücke." .. "Ungeachtet solcher Abweichungen, bezeugt Bullinger weiter, trachten aber die zürcherischen Kirchendiener immerdar nach Frieden und Einigkeit, so daß, wenn nicht Luther mit Verwerfung aller Friedensbedingungen (1544 durch sein kleines Bekenntniß) das Kriegssignal gegeben hätte, es nie zum offenen Kampfe gekommen wäre. Auch ist bei ihnen nicht erlaubt, öffentlich in Predigten die Lutheraner zu nennen, viel weniger sie zu schmähen." "Auch jetzt seien die Zürcher Synoden und Conferenzen nicht durchaus abgeneigt, wofern sie gehörig vorbereitet werden und dabei beobachtet werde, was recht und billig ist, hingegen unverdienter Verdammung widersetzen sie sich mit aller Macht; sie wollen sich nicht, nachdem Gott sie vom päbstlichen Joche und von der Gewaltherrschaft Roms befreit hatte, unter eine neue Gewaltherrschaft derer beugen, die unter dem Vorwand des Evangeliums nach einem Primat und Diktatur (Vorrang und Herrschaft) in der Kirche trachten. Unbillig sei das Verbot gegen Zwingli's Schriften, welche seiner Unschuld Zeugen sind, in Deutschland; die Zürcher ihrerseits verbieten ja die Schriften seiner Gegner nicht, ermahnen vielmehr zum Lesen derselben, damit man nach Vergleichung beider urtheile und die Wahrheit siege.

Wirklich erklärte sich Landgraf Philipp kräftig gegen die ungerechte Forderung der Jenenser; die deutschen Fürsten reichten sich aufs neue die Hand,

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um im Januar 1561 auf dem Fürstentage zu Naumburg die obschwebenden Händel der entzweiten lutherischen Theologen möglichst zu beseitigen.

110. Bullingers Verkehr mit der Pfalz unter Churfürst Friedrich III. Uebersendung der (zweiten) helvetischen Confession, December 1565.

Jnzwischen hatten sich bereits in der Pfalz neue Verhältnisse entwickelt, seit der kernhafte Churfürst Friedrich III. (vom Februar 1559 an) in Heidelberg regierte. Sie verdienen um so mehr unsere Beachtung, da Bullinger sich dadurch (1565) zu einer für die ganze reformirte Kirche stets denkwürdigen That veranlaßt sah.

Schon zu Anfang Novemers 1559 fand Bullinger, der, wie wir wissen, von Colloquien damals nicht viel erwartete, und sich daher zu den derartigen Anregungen mehr negativ verhalten mußte, sich bewogen, zunächst mit Bezug auf die Pfalz, positiv seine Ansichten über das richtige Verfahren behufs Friedensstiftung unter den streitenden Protestanten Deutschlands darzulegen. Da der Diakonus Klebitz in Heidelberg, welcher dem schroffen Lutheraner Hesshusen, dem obersten Würdenträger der pfälzischen Kirche, widersprach, von diesem abgesetzt und gebannt wurde, sogar von ebendemselben der Statthalter des Churfürsten, Graf Georg von Erbach, der den Streitenden Stillschweigen auferlegte, was auch der Churfürst bittweise zu erzielen suchte, in den Bann erklärt ward, traf im September 1559 die beiden Streitenden, da sie fortfuhren gegen einander zu predigen, Entsetzung. Fast gleichzeitig mit Melanchthons berühmtem Gutachten, das sich gegen übertriebenes Lutherthum klar aussprach, richtete nun Bullinger ein friedeathmendes Schreiben an die beiden churfürstlichen Räthe, die Grafen Eberhard und Georg von Erbach, worin er zeigt, wie nach seiner Ansicht der Streit zwischen den Lutheranern und Reformirten an ehesten zu schlichten sei, nicht durch ein Colloquium, sondern dadurch, daß die Fürsten die öffentlichen Schmähungen gegen die Zwinglianer, gegen die sogenannten "Schwärmer" und "Sakramentirer" verbieten und unterdrücken. Die meisten Protestanten, wird beigefügt, in Frankreich, Jtalien, England, Polen, Ungarn seien immerhin auf Seiten der Reformirten. Man möge das Beispiel der Zürcher nachahmen, von denen Bullinger hier sagt: "Wir lehren Glauben und Buße, und tragen das dem Volke vor, was zur Erbauung dient: wir widerlegen die Jrrlehren und den Aberglauben des Antichrists. Luthers und der Seinigen gedenken wir in Ehren. Und wir hätten auch nicht öffentlich gegen sie geschrieben, wären wir nicht zuvor von ihnen herausgefordert und gleichsam bei den Haaren auf den Kampfplatz gerissen worden. Denn wir Alle würden gern jenen Frieden festhalten, der, wie ihr wisset, in Marburg geschlossen wurde, wenn jene uns dabei verbleiben ließen. Denn wir hegen und

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lieben nicht Zwietracht, sondern der Friede ist uns lieber. Dessen sind Zeugen Alle, die unsere Predigten und Vorlesungen hören."

Da um eben diese Zeit die Wiedertäufer sich mehrten, und Bullinger nun sein großes Werk wider dieselben heraus gab, das er binnen vier Monaten verfaßt hatte, nahm er Anlaß im Frühjahr 1560 dasselbe auch dem Churfürsten Friedrich III. zu übersenden, damit er sich dest fester von der Reinheit der evangelischen Lehre in den schweizerischen Kirchen überzugen möge. Da der mit Bullingern so befreundete Graf Georg von Württemberg, Statthalter in Mümpelgard und Reichenweier, 1558 gestorben war und nun eben von Württemberg aus unter dem Namen von Visitationen und Aufstellung von Kirchenordnung die Vernichtung des reformirten Kirchenwesens und die Einführung des Lutherthums bewerkstelligt und sein theurer Freund, der Matthias Erb nach langjährigem Dienste nebst andern Predigern aus keinem andern Grunde seines Amtes entsetzt wurde, so wandte sich Bullinger an den Landgrafen Philipp von Hessen, dem Württemberg so viel zu verdanken hatte und ersuchte ihn bei Uebersendung dieses Werkes sich der Reformirten anzunehmen, die in jenen Kirchenordnungen als Wiedertäufer, Sektirer und Gotteslästerer beschrieben werden, und ihre Unschuld bei Fürsten und Herren hervor zu ziehen. Ebenso übersandte Bullinger sein Werk an den Herzog Christoph von Württemberg selbst, und zeigte, daß Zwingli und seine Nachfolger in den zu Tübingen gedruckten Kirchenordnungen ungebührlich unter die Anhänger Servede's und die Wiedertäufer gesetzt werden. Er erinnerte ihn auch, wie sein seliger Vater, Herzog Ulrich, Zwingli außerordentlich geliebt habe und er sowohl als der verstorbene Graf Georg bis ans Ende den Zürchern wohl geneigt gewesen. Jndeß nahm man an, Herzog Christoph stehe sehr unter dem Einfluß seiner Theologen. Bullinger sah sich im folgenden Jahre, wohl nur um so heftiger, von Brenz angegriffen wegen einer Predigt über Joh. 14, 2. "Jn meines Vaters Hause sind viele Wohnungen." Er blieb ihm die Antwort nicht schuldig, da er seiner Ueberzeugung gemäß für die wahre Menschheit Christi einstehen mußte, welche durch Brenz's neue Scholastik gefährdet erschien; eine Reine von Streitschriften wurde deshalb gewechselt, wobei man sich wohl auf beiden Seiten rücksichtlich des Jnhaltes vom Eifer nach umfassender Begründung der aufgestellten Behauptungen zu weit führen ließ.

Der pfälzischen Kirche kam Bullinger noch näher durch die Katechismus-Angelegenheit. Aus Auftrag der zürcherischen Synode verfaßte er 1559 seinen lateinischen Katechismus für die reifere Jugend zum Gebrauche in den Schulen[113]. Die beiden Männer, welche später als Verfasser des

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berühmten Heidelberger Katechismus so großen Ruf erlangten, fanden sich um diese Zeit in Zürich ein. Kaspar Olevian machte 1558 einen Aufenthalt in Zürich, Zacharias Ursinus, der schon 1557 da gewesen, kam 1560 aufs neue, und wurde dann 1562 auf Empfehlung Peter Martyrs und an dessen Statt, acht und zwanzig Jahre alt, von Friedrich III. als Professor nach Heidelberg berufen[114]. Nach Vollendung des Katechismus, den er hier in Verbindung mit Olevian aus Auftrag des Churfürsten und unter dessen Mitwirkung verfaßte, schreibt er Bullingern (am 14. April) 1563: "Gewiß wenn irgend Durchsichtigkeit darin sich findet, so haben wir ein gut Theil davon dir und den hellen Geistern des Schweizerlandes zu danken. Der Ruhm gebührt dem Herrn allein. Jn unser Aller Namen übersende ich dir's, und wünsche sehnlich dein Urtheil zu hören." Wie mußte es ihm zu Freude gereichen, daß der dreißig Jahre ältere Bullinger sich in großartiger Demuth so überaus anerkennend darüber aussprach: "Den Katechismus, welcher auf Veranstaltungen des durchlauchtigsten Churfürsten Friedrich III. von der Pfalz heraus gegeben worden, habe ich mit großer Begierde gelesen und während des Lesens Gott, der das Werk, welches er angefangen, befestigt, inbrünstig Dank gesagt. Die Anordnung dieses Buches ist klar, sein Jnhalt lautere Wahrheit. Alles ist sehr verständlich, gottselig, fruchtbar; in bündiger Kürze enthält es eine Fülle der wichtigsten Lehren. Jch halte es für den besten Katechismus, der je erschienen ist. Gott sei Lob; er kröne ihn mit seinem Segen!" Ein schönes Zeugniß von der Einigkeit des Geistes leuchtet uns aus diesen Worten entgegen, und reichlich sollte Bullingers gottseliger Segenswunsch in Erfüllung gehen.

Seit diesem Jahre nahm der Churfürst Friedrich III. überhaupt Bullingers Beihülfe in Anspruch, zumal seine Lage eine immer gefahrvollere wurde. Aus dem Religionsgespräche zu Maulbronn 1564, zu dem ihn sein Nachbar Herzog Christoph von Württemberg gedrängt hatte, war nichts Anderes hervor gegangen als Anschuldigungen wegen neuer und weiterer Jrrthümer, welche zumal die lutherischen Theologen an den reformirten entdeckt zu haben glaubten. Während des Jahres 1565 wuchs der Zwist zusehends. Lutherische Fürsten schienen entschlossen, auf dem Reichstage, der wegen Bekämpfung der Türken und Beilegung der Kirchenspaltung, insbesondere aber zur Unterdrückung der Ketzereien und Sekten 1566 in Augsburg gehalten werden sollte, auf Ausschließung des Churfürsten aus dem Reichsfrieden anzutragen, wegen seiner Abweichung von der lutherischen Lehre; sie wirkten bei dem milden Kaiser Maximilian II. ein Dekret aus, das die Abschaffung des "Calvinismus" von ihm verlangte. Man sprach von Entsetzung von der Churwürde, sogar von Todesstrafe. Der schwer bedrohte Churfürst, um auf alle Fälle gefaßt zu sein, um namentlich auch dem Vorwurfe begegnen zu können, als wären die Reformirten uneins und vielen

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Jrrlehren ergeben, wandte sich an mehrere Vorsteher reformirter Kirchen, auch an Bullinger und erbat sich seinen Rath. Dieser, kaum aufathmend aus schweren häuslichen Trübsalen, in welche er aufs neue durch die Wuth der Pest sich versetzt sah, entsprach. Er ertheilte bereitwillig auf die ihm vorgelegten Fragen (am 12. December 1556) Bescheid in einem an die churfürstlichen Räthe gerichteten Schreiben. Vor Allem war er um seine Ansicht über die damaligen politischen Zustände Deutschlands angefragt. Er verhehlte nicht, wie bedenklich ihm, die Lage der Evangelischen in Deutschland überhaupt erscheine. Jetzt liege dem Kaiser freilich Alles daran, den Beistand der Fürsten gegen die Türken zu erhalten; seien aber diese besiegt, so werde er suchen die Protestanten zu unterdrücken, wie aus einer Menge von Anzeichen sich entnehmen lasse; indeß sei Gott Alles möglich und oft kommen die Dinge ganz anders, als die Feinde Christi wollen und meinen. "Daher, fährt er fort, müssen wir unverdrossen arbeiten, den Erfolg aber Gott anheim stellen. Sollte dieser unserer Hoffnung nicht entsprechen, so wissen wir dann doch zuverlässig, daß wir einen gnädigen Gott haben und daß unsere Arbeit im Herrn doch nicht vergeblich ist. Gott kann die Seinen auf mancherlei Art bewahren, ob wir gleich nicht wissen wie.

Darum leiste ich gerne auch meine Beihülfe dem wahrhaft christlich gesinnten Churfürsten, obschon ich sie, offen gesagt, für sehr gering anschlage, wiewohl in großen Dingen auch schon der gute Wille etwas ist. Zudem sehe ich, daß mein Beistand nicht so sehr vonnöthen ist; denn aus der Fassung der im Namen des Pfalzgrafen mir übersandten Artikel ist leicht zu ersehen, daß dem Fürsten Männer zur Seite stehen, denen es weder an der Durchdringung des Stoffes noch am treffenden Ausdrucke fehlt und die weit besser als ich die Sache darzulegen vermögen."

Mit diesen bescheidenen Aeußerungen übersandte Bullinger dem Churfürsten ein Kleinod von unschätzbarem Werthe, jenes ausführliche Glaubensbekenntniß, das unter dem Namen der zweiten schweizerischen (helvetischen) Confession bekannt ist. Auch dies lag nämlich in den schriftlich an Bullinger gerichteten Wünschen des Churfürsten, daß er ihm möglichst schnell ein einläßliches Bekenntniß überschicke, worin der evangelisch-reformirte Glaube in bestimmter Fassung ausgesprochen sei mit ausdrücklicher Ablehnung aller gegen die Reformirten erhobenen Anschuldigungen.

Jn aller Stille war  diese Confession entstanden, hatte aber bereits eine höhere Weihe empfangen. Bullinger hatte sie nach seinem eigenen Zeugnisse schon 1562 verfaßt und mit dem gelehrten Peter Martyr durchgesprochen, der ihr völlig zustimmte[115]. Er hatte sie abgefaßt, um, falls er stürbe, ein bleibendes

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Zeugniß und Denkmal des Glaubens zu hinterlassen, in welchem er gelebt und gestorben, und sie als solches in seinem Testamente dem großen Rathe Zürichs zu übermachen.

Als er dann im Jahre 1564 an der Pest schwer erkrankt darnieder lag, also daß niemand seine Genesung zu hoffen wagte, fügte er jenem Vorsatze gemäß Angesichts des Todes dieses Bekenntniß seinem Testamente bei.

Der wahrhaft fromme Churfürst Friedrich III. erkannte sofort den hohen Werth der von Bullinger ihm mitgetheilten Confession. Er drückte Bullingern sein lebhaftes Wohlgefallen aus und erbat sich von ihm die Erlaubniß, sie ins Deutsche übersetzen und noch vor dem Reichstage lateinisch und deutsch drucken zu lassen, um zu beweisen, daß er (der Churfürst) keine besondere Lehre habe, sondern eben dieselbe, welche auch in vielen anderen und volkreichen Kirchen gepredigt werde, und daß der Vorwuf, als ob die Reformirten unter sich uneins in Sekten zerfallen wären, Unwahrheit sei.

111. Die zweite schweizerische Confession, herausgegeben 1566.

Wie denn aber, wo etwas Namhaftes soll zu Stande kommen, der zusammenwirkenden Ursachen mehrere sich einzufinden pflegen, so war es auch hier. Eben damit nämlich ward nun die Lösung gegeben zu einer Frage, welche die Leiter der schweizerischen Kirchen damals ernstlich beschäftigte. Auch in der reformirten Schweiz fühlte man schon längere Zeit das Bedürfniß nach einem neuen, einläßlichen, den in den letzten Jahrzehnden hervorgetretenen Ansprüchen genügenden öffentlichen Glaubensbekenntnisse. die Zeitverhältnisse schienen darauf hinzuweisen, wie nützlich ein solches Bekenntniß werden und den einzelnen Kirchen zu ihrer Sicherung und Befestigung dienen könnte, da sich eben die Gegner in größere Gruppen zusammengeordnet hatten und immer mehr abschlossen. Namentlich schien ein solches nothwenig theils wegen der größeren Festigkeit, welche die römische Kirche durch das in den letzten Jahren beendigte Concil von Trient errungen hatte, theils bei dem immer schrofferen Auftreten der strengeren Lutheraner. Gingen doch diese so weit, die reformirten Kirchen nicht nur überall als zerstreut und uneinig auszuschreien, sondern ihnen stets aufs neue zur Last zu legen, fast in keiner Lehre hätten sie den rechten Glauben, eine Aussage, durch die sie zwar nicht unmittelbar die schweizerischen Kirchen, wohl aber die zahlreichen reformirten Kirchen Frankreichs und Polens in sehr große Gefahr brachten.

Bei den Verhandlungen, welche deshalb zwischen Zürich, Bern und Genf angeknüpft wurden, ward theils das zürcherische Bekenntniß von 1545, theils

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das erste schweizerische von 1536, als Grundlage einer neuen und erweiterten Confession in Vorschlag gebracht; doch jenes mochte zu weitläufig und zu speziell, dieses zu kurzgefaßt erscheinen; es erhoben sich allerlei Bedenken[116].

Nun aber, als man vernahm, daß Bullinger sein Bekenntniß dem Churfürsten übersandt und welch ein Wohlgefallen dieser daran gefunden habe, daß er auch den Druck desselben begehre, zeigte sich alsbald an manchen Orten ein großes Verlangen, dasselbe kennen zu lernen. Jn Zürich wollte man auch nicht zum Druck desselben einwilligen, ohne die Glaubensbrüder, mit denen man am innigsten verbunden war, zu Rathe zu ziehen. Die Genfer und Berner, denen man es daher zur Beurtheilung zusandte, gaben sofort ihre freudige Zustimmung. Die Berner wünschten eine ganz kleine Aenderung, die Bullinger gerne aufnahm. Von Genf eilten Beza und Colladon am 16. Februar nach Zürich und erbaten sich's, ebenfalls als Theilnehmer an der Confession genannt zu werden, während die Zürcher vielmehr vorgeschlagen hatten, daß Beza für Genf und die französischen Kirchen ein besonderes Bekenntniß aufsetzen möge. Man willfahrte nun dem Wunsche der Genfer, fand aber allseitig, daß aus Rücksicht auf die gefahrvolle Lage der evangelischen Kirchen Frankreichs doch für diese ein besonderes Bekenntniß abzufassen, darin dann aber ihre völlige Zustimmung zur schweizerischen Confession auszusprechen sei. Sobald Bern und Genf zugestimmt hatten, schickte man diese hierauf nach Schaffhausen, Basel, Mühlhausen, Biel, Bündten, St. Gallen. Alle, ausgenommen Basel (das erst gegen achtzig Jahre später beitrat), erklärten ebenfalls bereitwillig ihre Zustimmung[117].

So erschien die Confession im März 1566 im Drucke unter dem Titel: "Einfaches Bekenntniß und Darlegung des orthodoxen Glaubens und der katholischen Lehren der lauteren christlichen Religion, einhellig von den Dienern der genannten Kirchen herausgegeben in der Absicht, um allen Gläubigen insgesammt zu bezeugen, daß sie in der Einheit der wahren und alten Kirche Christi verharren und keinerlei neue oder irrige Lehren ausstreuen, und daher auch nichts gemein haben mit irgend welchen Sekten oder Ketzereien; dermalen allen Frommen vorgelegt, damit sie sich davon selbst überzeugen mögen." Das Motto ist dasselbe wie vor der ersten helvetischen Confession, Röm. 10, 10. "Mit dem Herzen glaubt man usw." Man fand es den Verhältnissen angemessen, sich im Vorworte, das Josias Simmler, Bullingers Schwiegersohn, nach einem Entwurfe des Letztern ausarbeitete, nicht an den Kaiser zu wenden, wie der Churfürst von der Pfalz gewünscht hatte, sondern an alle Gläubigen

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insgemein in ganz Deutschland und in den übrigen Nationen. Bullinger, wiewohl überhäuft von zahllosen Geschäften, übertrug selbst die Confession ins Deutsche. "Jch biete Allem auf, schreibt er um diese Zeit an seinen vertrauten Fabritius, um die Confession lateinisch heraus zu geben und sie ins Deutsche zu übersetzen; so ist mir niemals Muße vergönnt. Doch, fügt er bei, indem er uns einen tiefen Blick in sein an Hingebung reiches Herz thun läßt, ich arbeite voller Freude im Weinberge des Herrn! Jch hoffe aber, über ein Kleines rufe er mich ab in die glückseligen Wohnungen, nach denen ich mich herzlich sehne, da ich dieses Erdenlebens übersatt bin."

So rasch und glücklich gingen alle die vorbereitenden Verhandlungen und Zurüstungen von Statten, daß die Confession schon am 12. März 1566 aufs Staatskosten gedruckt, lateinisch und deutsch, dem Churfürsten übersandt werden konnte. Bullinger that es aus Auftrag des Rathes und fügte ein Begleitschreiben hinzu. Gleichzeitig überschicker er sie ebenfalls auftragsgemäß auch dem Landgrafen Philipp von Hessen, wobei er diesem zugleich die Sache des Churfürsten einläßlich darlegte und ihn aufs dringendste bat, sich seiner auf dem Reichstage nun kräftig anzunehmen. Ueberhaupt gab man der Confession, welche Beza sofort ins Französische übersetzte, die möglichst weite Verbreitung. Auf dem gefürchteten Reichstage nun, der schon auf die Mitte Januars 1566 angesagt war, aber erst gegen Ende März eröffnet werden konnte, war es dem von lutherischer Seite hart angefochtenen Churfürsten verliehen, ein so heldenmüthiges Bekenntniß abzulegen, daß sogar seine Gegner einen mächtigen Eindruck von seiner lebendigen Frömmigkeit empfingen und die größte Gefahr an ihm vorüberzog. Zur Erzielung größerer Uebereinstimmung in den Religionsangelegenheiten wurde auf den 1. September 1566 ein Religionsgespräch der evangelischen Theologen nach Erfurt angesetzt, dem auch Abgeordnete des Churfürsten von der Pfalz beiwohnen sollten. Um dieses letztern Umstandes und der Friede bezweckenden Veranstaltung dieses Colloquiums willen kam es auch für die schweizerischen Kirchen und die ihnen befreundete genferische aufs neue ernstlich in Frage, ob sie sich durch Abgeordnete ebenfalls dabei betheiligen sollten. Am 1. August wurde deshalb eine Conferenz in Zürich gehalten, der von Genf Beza und der Stadtschreiber Roset, von Bern Haller beiwohnten; wie man aber bisanhin stets vermieden hatte, sich in die gefahrvollen Verwicklungen der deutschen Protestanten hinein zu begeben, so ging der Beschluß dahin, man wolle sich jeder Einmischung in fremde, namentlich Reichshändel enthalten[118]. Wirklich blieb auch dieses Colloquium eben so erfolglos, wie frühere.

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Weit und breit aber in der reformirten Welt fand Bullingers erweiterte helvetische Confession die freudigste Aufnahme. Schon in diesem und dem folgenden Jahre sprachen die reformirten Kirchen Frankreichs, Schottlands und Ungarns förmlich ihre völlige Zustimmung aus und wiederholten dies in der Folge öfter, ebenso die Reformirten in Polen. Die Neuenburger, welche man aus Rücksicht auf ihr Verhältniß zum Herzog von Longueville nicht zur Theilnahme beigezogen hatte, wünschten dies von ganzem Herzen und erscheinen seit 1568 ebenfalls in der Aufschrift der Confession. Auch in England, in den Niederlanden und bei den Reformirten Deutschlands fand diese Confession großen Beifall. Alsbald wurde sie daher auch in die verschiedenen Landessprachen übersetzt, so daß sie, neben dem heidelberger Katechismus, als das verbreitetste Glaubensbekenntniß der reformirten Kirche zu betrachten ist.

Eben deshalb möchte es kaum nöthig sein, über ihren Jnhalt hier Näheres anzugeben, wiewohl sie vielleich nicht in dem Maße gekannt ist, wie sie von den Angehörigen beider Zweige der evangelischen Kirche gekannt zu sein vediente. Nur auf Einiges ist immerhin hier hinzuweisen.

Diese Confession, zu der Bullinger zweimal Angesichts des Todes sich bekannte, erscheint als das reife Ergebniß seines Glaubenslebens, seiner reichen inneren und äusseren Erfahrung, als der Jnbegriff seiner theologischen Ueberzeuung wie seiner kirchlichen Grundsätze, als die ächte, wahrhafte Entwicklung und Fortbildung seiner früheren Bekenntnisse, zumal der ersten helvetischen Confession (von 1536). Sie ist ein Muster von Klarheit und Einfachheit, wie selbst hervorragende Gegner anerkennen, ausgezeichnet durch den Ueberblick, der das Ganze der christlichen Lehre umfaßt, der völlige Ausdruck von Bullingers Gesinnung, scharf ausgeprägt gegenüber den Verirrungen des römisch-katholischen Kirchenthums, milde in Bezug auf die lutherischen Besonderheiten, ohne doch der eigenen Ueberzeugung irgend Eintrag zu thun. Was aber vornehmlich beachtenswerth, sie ist durchaus getragen von dem vollen, klaren und ruhigen Bewußtsein, das mit so durchgreifender Kräftigkeit Bullinger beseelte, der ächten apostolischen und katholischen Kirche anzugehören, der wahrhaft berechtigten und rechtgläubigen Kirche Christi. Sie ist fern davon, bloß mit der Bibel in der Hand Alles das zu verwerfen, was nicht ausdrücklich in der heiligen Schrift gelehrt und geboten ist, wiewohl ihr diese von höchster Geltung ist, als oberste Richtschnur der christlichen Wahrheit. Sie bricht nicht mit dem geschichtlich Gewordenen (der Ueberlieferung), außer sofern dieses der Schrift nicht gemäß ist. Die ganze Entwicklung der christlichen Kirche seit den Tagen der Apostel bis auf die Gegenwart ist ihr von hohem Werthe

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und findet ihre ernste Berücksichtigung, nur daß sie sich nach der obersten Norm muß richten lassen. Insofern steht sie mit ihrer evangelischen Schwesterkirche lutherischen Bekenntnisses ganz auf demselben Boden und kann ihr stets die Hand reichen zur Annäherung, möglicher Weise auch zu einer Einigung, wenn gleich die Auffassung der christlichen Wahrheit nach gewissen Richtungen hin sich unterscheiden und deshalb die Entscheidung über diese oder jene einzelnen Lehrpunkte und Gebräuche verschieden ausfallen mag.

Jn Bezug auf diese große Hauptsache, das wahrhaft kirchliche Bewußtsein, welches sich in dieser von Bullinger verfaßten und in der reformirten Kirche allgemein anerkannten Confession so kräftig ausspricht, ist vor Allem zu beachten das voran geschickte kaiserliche Edikt des vierten Jahrhunderts aus dem von den Gegnern insgesammt anerkannten römischen Rechtsbuche, worin der Begriff der katholischen Kirche und ihr gegenüber die Ketzerei klar bezeichnet und abgegränzt wird. Ferner ist zu beachten, wie im zweiten Kapitel, nachdem das erste die oberste Gültigkeit der heiligen Schrift festgestellt hat, die Lehrer und Väter der alten griechischen und lateinischen Kirche ihrer eigenen Selbstschätzung gemäß anerkannt werden, soweit sie nicht abweichen von der heil. Schrift; ebenso die Concilienbeschlüsse, während dagegen die menschlichen Traditionen, welche die römische Kirche irrig für apostolische ausgibt, sofern sie der Schrift zuwider laufen, verworfen werden. Denn nicht die Menge der menschlichen Meinungen, nicht das Herkommen, nicht das hohe Alter, sondern Gott allein, wie er durch die heil. Schrift sich ausspricht, soll der Richter sein in Sachen des Glaubens. Derselbe Sinn leuchtet uns entgegen aus dem lesenswerthen siebenzehnten Kapitel und den folgenden, welche von der Kirche reden, auch über den Charakter des christlichen (evangelischen) Staates, über die Berechtigung und Bedeutung des geistlichen Amtes (Predigtamtes) und die damit zusammen hangenden Fragen, von welchen die Gegenwart so vielfach bewegt wird, kernhafte Belehrung geben. Ueberall sind bei den einzelnen Abschnitten der Confession diejenigen Abirrungen von der christlichen Wahrheit mit Namen bezeichnet, die schon in früheren Tagen der Kirche verworfen wurden und, als der heil. Schrift widerstreitend, eben so von der reformirten Kirche verworfen werden[119]. Die großartige Weitherzigkeit, welche die Confession mit diesem kräftigen kirchlichen Bewußtsein verbindet, spricht sich gleich in ihrem Eingange aus (bereits in Bullingers Entwurf desselben); Mannigfaltigkeit der Ausdrucksweisen in der Darlegung der christlichen Lehren sowie Verschiedenheit in den kirchlichen Gebräuchen seien von Alters her in der Kirche gewesen; Auferstehung der kirchlichen Gemeinschaft (Separation), wofern sie deshalb geschehe, sei verwerflich. "Die alte Kirche begnügte sich frommen Sinnes völlig mit der Uebereinstimmung in den Hauptlehren des

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christlichen Glaubens, im rechtgläubigen Sinne und in der brüderlichen Liebe." Endlich wird, wie in allen früheren Bekenntnissen, bei denen Bullinger betheiligt war, in rechter Freiheit und wahrhaften Treue am Gottesworte noch insbesondere bemerkt: "Vorab erklären wir, daß wir allezeit ganz bereit seien, alles und jedes, was hier von uns dargelegt ist, wofern es verlangt wird, ausführlicher zu erläutern, und alsdann Solchen, die uns aus dem Worte Gottes Besseres lehren, mit Danksagung Gehör zu schenken und zu folgen im Herrn, welchem sei Preis und Ehre!"

Dies ist die Gesinnung, in der Bullinger sich bei der bekenntnißbildenden Aufgabe seines Zeitalters betheiligte, an welcher ihm eine so namhafte und nachhaltige Mitwirkung beschieden war.

Vierter Abschnitt
Bullingers anderweitige Beziehungen zum Ausland.

112. Bullingers übriger Verkehr mit Calvin und der (jetzigen) französischen Schweiz.

So Manches ist schon im Bisherigen über Bullingers Verkehr mit Calvin mitgetheilt worden. Doch war dieser Verkehr seit der Mitte des Jahrhunderts und schon etwas vorher so außerordentlich rege und mannigfach, daß von dem Vielen, was beigebracht werden könnte, wenigstens das Nöthigste hier noch zu erwähnen ist. Es war eben für Calvin noch immer eine Zeit, da er in Genf öfter um seine Existenz kämpfte. Zudem arbeiteten Bullinger und Calvin gemeinsam den feindseligen Bestrebungen des römischen Katholicismus entgegen, - wie zuvor dem Jnterim, so nun dem Concil zu Trient - dessen Besuch sie trotz allen Aufforderungen in der Schweiz und in England zu verhüten wußten. Calvin erkannte Gottes Walten darin, daß sie beide von selbst darüber so ganz einstimmig nach England geschrieben hatten. Jhre gemeinsame Entschiedenheit gegenüber dem Pabstthum gibt sich auch in der gleichförmigen Verneinung der damals verführerischen Frage kund, ob ein Christ dürfe falschen Lehren und Gebräuchen beizustimmen scheinen, die er innerlich verwerfe. Calvin ließ (1549) das zürcherische Gutachten seiner Schrift hierüber beidrucken. Ueberhaupt sehen wir Bullinger und Calvin, jeden zwar selbstständig, jedoch beide einträchtig mitwirken zur Förderung des Evangeliums in Frankreich und Jtalien wie in England und Polen.

Jn Rücksicht auf die schwierigen Verhältnisse Genfs und insbesondere Calvins zu Bern und der unter Berns Herrschaft stehenden Waadt suchte Bullinger auf Calvins Wunsch öfter ausgleichend und besänftigend

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einzuwirken; so 1550, als von Bern aus um mehrerer Ruhe willen verfügt worden war, daß die waadtländischen Geistlichen nicht mehr wöchentlich ihre offiziellen Zusammenkünfte halten sollten, sondern nur drei bis vier Mal im Jahre. Bei diesem Anlaß und sonst mitunter hatte Bullinger Calvins erregbares Temperament, wornach er bei seinem hochdringenden Geiste so leicht die Menschen und die Verhältnisse überforderte und dann sich unbefriedigt fühlte, zu mildern. So bezeugt er, bei einer Klage Calvins im März 1551, ihm ein herzliches Bedauern darüber, daß sich Schurken (Taugenichtse) in der genferischen Kirche vorfinden, fügt indeß bei: "Uebrigens weißt du wohl, was für Leute es immer in der Kirche gab, sogar in der prophetischen und apostolischen Kirche, als noch die Propheten und Apostel selbst lehrten. Gott gebe dir seinen Geist der Tapferkeit und der Klugheit."

Von ähnlicher Art war Bullingers Verhalten in dem heftigen Streite Calvins mit Bolsec über die Gnadenwahl, welcher gegen Ende des Jahres 1551 ausbrach. Da Bolsec sich zu seiner Vertheidigung auf die Schweizer berief, holte der genferische Rath die Gutachten der Geistlichen Zürichs, Berns und Basels ein. Die zürcherische Antwort (vom 1. Decemer 1551) stellte aus dem Zürcher Consens (von 1549) diejenigen Punkte zusammen, in welchen Calvins Lehre wesentlich enthalten war und Bullinger mit Calvin übereinstimmte. Gleichzeitig aber ermahnte Bullinger Calvin zur Mäßigung und zur Aussöhnung, und bemerkte ihm dabei, "Viele stießen sich eben an seiner Lehre; die Apostel hätten diese feine Sache nur mit Wenigem berührt, nur wo sie dazu gezwungen waren, und so maßhaltend, damit die Frommen nicht etwa daran Anstoß nähmen." Als Calvin dadurch keineswegs befriedigt in heftiger Aufwallung nach Zürich zurück schrieb, benahm sich Bullinger in höchstem Maße sanftmüthig; er zeigte, um Calvin zu schonen, den Brief durchaus niemanden, sondern behielt ihn gegen alle Gewohnheit ganz für sich, theilte dies aber ganz gelassen Calvin mit, worauf dieser, bereits ruhiger geworden, erwiederte, in Betreff der zürcherischen Antwort habe er wohl Ursache gehabt zum Schelten und zu schmerzlicher Empfindung, doch möge er wohl leiden, daß sein Brief, wofern er Anstößiges enthalte, begraben bleibe. Bezeichnend ist, was Bullinger (im Februar 1552) bei diesem Anlasse an seinen vertrauten Myconius schreibt:: "über Bolsec sei er noch nicht ganz im Reinen; er selbst glaube und lehre mit allen Frommen: "Gott habe von Ewigkeit her in Christo alle Gläubigen erwählt zur Seligkeit; darum seien erwählt die, welche glauben, verworfen die, welche nicht glauben....; der Glaube sei nicht aus uns, sondern durchaus ein Geschenk Gottes; daß aber nicht Alle glauben, geschehe nicht durch Gottes, sondern durch unsere Schuld." Daß Gott nicht zum Urheber der Sünde gemacht werde, lag Bullingern vornehmlich am Herzen. Ausführlicher sich auszusprechen, sah Bullinger sich veranlaßt durch ein Gerede das man in England verbreitete; er schrieb deshalb im März 1553 eine dreitheilige Abhandlung über diesen Gegenstand an seinen ehemaligen

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Hausgenossen, den gelehrten Traheron. Wie man bald darauf Calvin durch das Gerücht beunruhigte, als wolle Bibliander, der unter allen Zürchern am wenigsten sich mit Calvins Meinung befreundete, wider ihn schreiben, widerlegt dies Bullinger (im Mai 1553) und fügt bei: auch er sei nicht Calvins Feind, obgleich er ihm nicht in Allem beistimme. "Jn den alten Schriftstellern, fährt er heiter fort, gefällt mir auch nicht Alles und doch halte ich sie nicht für Feinde. So schreibst du ja ebenfalls, wenn wir schon deiner Erwartung nicht entsprochen haben in Bolsecs Sache, sei das Band der Einheit und der Bruderliebe deshalb nicht gelockert. Jndeß gibt es eben Leute, die gerne unter Brüdern Zwist erregen und unterhalten möchten." Calvin seiner Seits ließ es an innigen Freundschaftsversicherungen nicht fehlen[120]. Als sodann zwei Jahre später die Angriffe Bolsecs, der aus Genf verbannt auf bernischem Gebiete weilte, sich erneuten und überdies ein Verbot von Bern ausging, daß man sich nicht aus der Waadt hinweg begeben solle, um in Genf das Abendmal zu begehen, war Bullinger alsbald bereit, auf Calvins bittere Wehklage hin sein Möglichstes zu thun zur Abhülfe, besonders durch eindringliche Mahnungen an Haller in Bern. Er drückt Calvin (3. März 1555) sein aufrichtiges Bedauern aus über Berns Verfahren; Hallern habe er an seine Pflicht erinnert und dieser sich völlig gerechtfertigt. "Nun denn, theurer Calvin, hochgeschätzter Bruder, fährt er Theil nehmend fort, laß uns in Geduld tragen, was immer der Herr uns zu tragen auferlegen mag. So sind die Zeiten, so sind die Gesinnungen der undankbaren Menschen. Von solchen läßt sich nichts Anderes erwarten." Und nachdem er die eigenen Anfeindungen, denen er eben in Bern ausgesetzt war, und seine völlige innere Ruhe dabei erwähnt hat, setzt er bei: "Auch dich, theurer Bruder, hochgeschätzter Freund, möchte ich ernstlich ermahnen, mit ruhigem Gemüthe diese Anfeindungen zu ertragen. Du weißt, was unserem Erlöser widerfuhr von Seiten seines Volkes. Du weißt, daß der Apostel schwerere Klagen führen mußte über die Untreue falscher Brüder, als über die Unbill offenbarer Feinde. Durch Festigkeit und Geduld müssen wir siegen. Wir dürfen hoffen, daß mit der Zeit sich Manches gebe, weil sich zur gelegenen Zeit das Verborgene enthüllt; auf die gelegene Zeit kommt aber in schwierigen Sachen das Meiste an; der Strömung sich entgegen zu stemmen, wäre ja doch unklug. Nicht so gar selten stürzen die Widersacher durch ihre eigene Schwerkraft; stürmische Befeindung dagegen fördert sie insgemein. Laß uns alle jenes Wort unseres Erlösers beherzigen: Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben. Laß uns anhaltend

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beten, unverzagt in unserem Amte fortwirken, und der Herr wird mit uns sein!"

Wohl mußte es Calvin erwünscht sein, bisweilen bei solchen Anlässen durch Bullingers kräftiges Freundeswort ermuntert und gestärkt zu werden. Hatte er doch in den Zeiten nach Bolsecs Verbannung aus Genf aufs neue einen harten Stand in Bezug auf die hartnäckig ihn bekämpfende Gegenpartei. Eine neue große Gefahr trat für ihn 1553 ein durch Servede's Rückkunft und Gefangennehmung, seine Gegenklage gegen Calvin und die Frage über seine Bestrafung, da Calvins Gegner diese Gelegenheit zu seiner Vertreibung zu benutzen suchten und während dieser Zeit Alles gegen ihn in Bewegung setzten. Durch Beza erhielt Bullinger im August 1553 Nachricht von der Verhaftung des berüchtigten, ihm seit mehr als zwanzig Jahren bekannten Lästerers Servede. Bullingers Antwort entsprach ganz seinen früher ausgesprochenen Grundsätzen. Während er bei Verführten und bei Jrrgläubigen, welche ihre Jrrthümer nicht ausbreiteten oder sich der Belehrung zugänglich zeigten, ein mildes Verfahren für zulässig und angemessen erachtete, so hielt er die genferische Obrigkeit für verpflichtet, gegen Servede nach den betreffend wirkliche Ketzer gültigen Rechtsbestimmungen vorzugehen. Denn dieser, der seine früher schon von Oekolampad, Zwingli, Melanchthon mit Abscheu verworfenen Jrrlehren erst neulich wieder durch eine Druckschrift ausgebreitet, erschien ihm nicht als ein Verführter, irre Geleiteter oder Zweifelnder, sondern als ein hartnäckiger Lästerer der göttlichen Majestät, als halsstarriger Verführer, als ein Urheber und Verbreiter der Ketzerei, ja als das eigentliche Haupt einer weitverzweigten, die Grundfesten des Christenthums unterwühlenden Richtung, welche in Jtalien, in der Umgebung der Schweiz, wie in Polen dem Keimen und Gedeihen des Evangeliums nicht geringen Eintrag gethan habe und noch thue, die Jrrlehren der Wiedertäufer in sich berge und nur den günstigen Augenblick erspähen möchte, um aus Genf ein zweites Münster, einen Sitz der grellsten Zuchtlosigkeit und des äußersten Wahn- oder Unglaubens zu machen. So oft hatten die Reformirten, wann sie von römisch Katholischen fälschlich als Ketzer ausgeschrieen und die Gönner und Förderer der Ketzerei ausgegeben wurden, dies abgelehnt mit dem Versprechen, wirkliche Ketzer, wofern solche in ihren Gebieten vorkämen, nach Gebühr ernstlich zu strafen[121]. Um so mehr erschien es nun Bullingern heilige Pflicht der christlichen Obrigkeit, in diesem keineswegs zweifelhaften Falle Wort zu halten, um vor aller Welt ihren Abscheu gegen Ketzerei kund zu geben und damit zugleich die eigene Ehre zu retten. Doch kam Bullinger erst in den Fall, sich näher auszusprechen, als Servede selbst sich auf das Urtheil der auswärtigen Kirchen berief und nun von Genf aus Zürich nebst Bern und Biel angefragt wurde. Als Calvin ihm mittheilte, bloß aus völligem Mißtrauen gegen ihn sei dieser

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Beschluß hervor gegangen; man arbeite ihm in Genf so arg entgegen, daß er bald sich entschließen werde, diesen Ort zu verlassen, antwortete Bullinger voll Bekümmerniß, im bangen Gefühle, daß es sich um eine große Entscheidung handle, tröstend und ermuthigend (am 14. September 1553): "Verlaß doch, ich bitte dich, jene Kirche nicht, die ja so viele vortreffliche Männer in ihrem Schooße hat. Gedenke jenes Zurufs an Paulus (Apostelgesch. 18, 9. 10.): Fürchte dich nicht; denn viel Volk habe ich noch in dieser Stadt. Mögen immerhin weit mehr Säue und Hunde drin sein, als wir wünschen möchten, (Matth. 7, 6. II. Petri 2, 22) so muß man sich doch um der Erwählten willen viel gefallen lassen. Ueberdies kannst du dir wohl vorstellen, wie in Frankreich alle Feinde des Evangeliums frohlocken werden und wie großen Gefahren du die Flüchtlinge aus Frankreich aussetzest, falls du weggehst. Bleib also, bleib und dulde den Schimpf, die Verachtung, die Gefahren und all die Leiden, welche der Herr über dich schickt! Der Herr wird dich nicht verlassen! Durch viele Trübsale müssen wir eingehen ins Reich Gottes. Freilich hat der Herr dem erlauchten Rathe zu Genf die günstigste Gelegenheit von der Welt dargeboten, sich und die Kirche von dem Makel und Unflat der Ketzerei zu reinigen, da er Servede ihm in die Hände gegeben. Jhn kennt man in einem guten Theile der Christenwelt zumal aus seinen im Druck erschienenen Lästerschriften über die Jrrthümer der Dreieinigkeit und seine wahrhaft jüdische ebenfalls gedruckte Schrift für die Rechtfertigung aus den Werken. Wie du vernimmst, hat er jetzt durch eine neue Druckschrift sich selbst an Gottlosigkeit übertroffen. Würde also euer erlauchte Rath ihm zutheilen, was einem nichtswürdigen Gotteslästerer gebührt, so würde alle Welt sehen, daß die Genfer die Gotteslästerer hassen, daß sie Ketzer, die in Wahrheit hartnäckige Ketzer sind, mit dem Schwerte der Gerechtigkeit bestrafen und die Ehre der göttlichen Majestät schirmen. Sollten sie dies aber nicht thun, so darfst du dennoch jene Kirche nicht verlassen und dadurch noch zu viel anderem Unheil Anlaß geben. Kämpfe denn unerschütterlich, vertrau auf Gott durch Jesum Christum, erfleh von ihm dir Rath und Beistand, damit er dir durchhelfe! wir wollen eifrigst durch unser Gebet dich unterstützen. Lebe und lebe wohl!" Auch an Haller nach Bern schreibt Bullinger, Servede sei nicht einfach der Ketzerei schuldig, sondern der äußersten Lästerung gegen die Majestät Gottes; er sieht das Walten der göttlichen Vorsehung darin, daß er nach Genf gekommen sei, um dort den verdienten Lohn zu empfangen und damit Genf sich von der Beschuldigung der Ketzerei und Lästerung vor aller Welt entledige. Ganz in diesem Sinne drückt sich das zürcherische Gutachten (vom 2. October) aus. Calvins wird darin aufs ehrenvollste gedacht, die Strafwürdigkeit Servede's ausführlich nachgewiesen, die Art der Bestrafung aber dem genferischen Rathe zu bestimmen überlassen. "Auf welche Art, sagen die Zürcher, dieser Mensch, der die vorlängst von der Kirche gemäß den Schriften widerlegten und verworfenen Ketzereien wieder auffrischt, die festen Hauptpunkte unseres

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Christenglaubens bestreitet und dabei Gott und seine Heiligen lästert, zu bändigen sei, das überlassen wir Euer Weisheit zu beurtheilen. .... Unserer Ansicht nach bedarf es hierin vieler Treue und Sorgfalt, hauptsächlich da unsere Kirchen bei den auswärtigen übel verschrieen sind, als ob sie ketzerisch wären und Gönner der Ketzer. Nun aber hat Gottes heilige Vorsehung gegenwärtig die Gelegenheit dargeboten, euch und uns zugleich vom üblen Verdachte dieses Unheils zu reinigen, wofern ihr wachsam seid und sorgfältig verhütet, daß nicht durch diesen das ansteckende Gift sich weiter verbreite, woran ihr's, wie wir keineswegs zweifeln, nicht werdet ermangeln lassen. Der Herr Jesus Christus gebe euch Weisheit und Kraft, er lasse euch finden den rechten Weg, die rechte Art und Weise, seinen Willen zu thun zur Ehre seines Namens wie zur treuen Erhaltung der Kirche und des lautern Christenglaubens."

Nach dem für Calvin günstigen, doch keineswegs seinen Wünschen entsprechenden Ausgang der Sache (Servede's Verbrennung) bezeugte Bullinger (28. November 1553) Calvin seine Freude darüber, daß die Genfer Kirche und er selbst einer so großen Gefahr entronnen sei; er werde indeß wohl thun, um üblen Nachreden zu begegnen, in einer Druckschrift den Hergang der Sache darzulegen und zu zeigen, daß die Obrigkeit Fug und Recht habe, Gotteslästerer mit dem Tode zu bestrafen. Calvin that es unter Beifügung des zürcherischen Gutachtens, wozu er die Erlaubniß der Zürcher sich erbeten und sofort erhalten hatte, und Bullinger, wiewohl er Calvins Schreibart allzu großer Kürze wegen nicht faßlich genug fand, dankte ihm herzlich dafür. Bei den fortgesetzten Angriffen, denen Calvin deshalb ausgesetzt war, schreibt ihm Bullinger, 12. Juni 1554: "Jch weiß wohl, lieber Calvin, hochverehrter und theurer Bruder, daß es Manche gibt, welche wünschen, du hättest dich auf diese Frage gar nicht eingelassen. Aber dann gibt es auch wieder Andere, welche dir für deine Arbeit Dank wissen und erkennen, daß es heutzutage nöthig sei, diesen Punkt zu behandeln. Zu diesen gehören auch wir, die Diener der Kirche in Zürich. Schon vor geraumer Zeit hat Urbanus Regius (König) sammt allen Predigern der lüneburgischen Kirche in einer deutschen Schrift gezeigt, daß man nach göttlichem und menschlichem Rechte die Ketzer bändigen müsse, dann auch nach dem bürgerlichen, wenn sie nicht aufhören, Gottlosigkeit zu verbreiten, oder wenn sie Gotteslästerungen ausgestoßen haben. Warum sind jene darüber nicht zornig, welche dich tadeln um des Verfahrens willen, das sie billigen würden, wenn sie die Sache genauer überlegen möchten? Jüngst wurde ein gewisser Titian aus Jtalien, ein Wiedertäufer, Ebionit und Helvidianer[122], von den Bündnern ins Gefängniß geworfen und hätte ohne anders verbrannt werden müssen, wenn er nicht widerrufen hätte; so strich man ihn in Chur mit Ruthen aus und

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verwies ihn des Landes. Wer hat nun da zur Härte oder Schärfe gerathen? Calvin doch wahrlich nicht. Auch sonst gibt's allerwärts tüchtige Männer, welche der Ueberzeugung sind, die Gottlosen und Gotteslästerer seien nicht nur zu verwarnen und ins Gefängniß zu legen, sondern auch am Leben zu strafen. Laß dich also die übernommene Mühe nicht verdrießen. Der Herr wird deine heiligen Anstrengungen und Bestrebungen segnen. Jch weiß, daß dein Gemüth nicht grausam ist und du keine Wildheit gut heißest. Wer wüßte nicht, daß man auch hierin Maß halten muß. Wie man aber den Servede, diesen Ausbund (diese Hyder) aller Ketzerei und Verstocktheit hätte schonen können, sehe ich nicht ein."

Auch später noch spricht Bullinger seinen Abscheu über Servede aufs stärkste aus; so 1556 in einem warnenden Briefe an die Polen: "Meine Seele schaudert jedesmal, so oft ich seiner Ketzereien und Lästerungen gedenke. Jch bin überzeugt, daß, wenn der Satan aus der Hölle zurück käme, er sich vieler Redensarten dieses Spaniers Servede bedienen wüde."

Ueber die Bestrafung der Ketzerei erklärt er sich des Näheren in einer sehr bezeichnenden, durchaus ruhig gehaltenen Zuschrift an Lelio Sozzini, vom Juli 1555, worin er die noch jugendlichen Meinungen des Letzteren beantwortet: "Auch ich bin der Ansicht, daß mit dem geistlichen Schwerte die ketzerischen Menschen weggeschnitten werden müssen, vornehmlich die, welche Lästerungen ausspeien gegen die göttliche Majestät, und daß man sie durchaus meiden solle. Jndeß wenn sie, obschon sattsam ermahnt und ihrer Jrrthümer überführt, doch nicht Maß halten, sondern immer fortfahren, die Frommen zu verwirren und Unruhen zu erregen und nicht nur sich selber, sondern auch Schaaren Anderer mit sich in den Abgrund des Verderbens fortzureißen, so setze ich hinzu: da sei es Pflicht einer frommen Obrigkeit, dergleichen verpestende Menschen zu bändigen und ihrem Beginnen Einhalt zu thun; ich füge überdies bei: Solche dürfen und sollen gestraft werden, zumeist wegen der Gotteslästerung, und zwar nach Maßgabe des Vergehens und der Umstände, mit Mäßigung und gerechter Milde. Jch sehe auch, daß dies jederzeit ausgeübt und angenommen sei von allen Frommen in der ganzen Welt; doch will ich darüber nicht ausführlicher sein, da diese Sache von alten und von neueren Schriftstellern genugsam behandelt worden ist...... Jnzwischen wenn du gleich vielen Anderen dies jetzt noch nicht einsiehst, daß die Obrigkeit Ketzer strafen dürfe, so wirst du es vielleicht dereinst einsehen lernen. Dem Augustinus schien's auch einst unbillig, mit Gewalt, nicht bloß mit dem Worte Gottes die Ketzer zu bändigen, endlich aber hat er nach vielen schweren Erfahrungen durch Thatsachen gelernt, daß es heilsam sei, Gewalt anzuwenden. So haben auch die Lutheraner einst es nicht eingesehen, daß man Sektirer bändigen und strafen müsse, aber nach der Niederlage von Münster und nachdem Tausende von armen, verführten Menschen, ja bedenk' nur auch von recht gläubigen, umgekommen, sahen sie sich gezwungen

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einzugestehen, klüger und besser sei die Ansicht derer, welche die Obrigkeit heißen nicht nur die frechen Köpfe bändigen, sondern auch durch die Hinrichtung des Einen oder Anderen, der es verdient, für die Tausende von Einwohnern zu sorgen. Davon haben die Diener der lüneburgischen Kirche durch Urbanus Regius Zeugniß abgelegt in einer deutsch erschienenen Schrift."

Es ist wohl kaum zu verkennen, daß wir hier Aufgaben angedeutet finden in Bezug auf das richtige Verhältniß des Kirchlichen zum Staate, deren allmälige Lösung erst der weiteren Entwickelung des Protestantismus mußte vorbehalten bleiben. von ähnlicher Art ist das gleich Folgende.

113. Fortsetzung. Bullinger über den Kirchenbann (1553) und Genfs Bündniß mit Bern.

Noch während Servede's Prozeß sah Calvin die kirchliche Ordnung in Genf aufs bedenklichste verletzt, indem der große Rath, genannt der Rath der Zweihundert, einen vom Consistorium, als der obersten kirchlichen Behörde, exkommunicirten angesehenen Mann, Namens Berthelier, willkürlich wieder in die Kirchengemeinschaft aufnahm, ja im November 1553 den letzten Entscheid über Exkommunication (den Kirchenbann) vom Consistorium auf sich selbst übertrug. Damit stand für Calvin Alles auf dem Spiele. Seiner Kirchenverfassung, welche die Kirche von den Staatsbehörden möglichst unabhängig zu stellen suchte, war hindurch der Lebensnerv zerschnitten. Daher protestirte das Consistorium ganz entschieden. Endlich beschloß man, die Gutachten der schweizerischen Kirchen einzuholen. Die genferischen Geistlichen wandten sich an die zürcherischen, der Rath von Genf an den von Zürich, Calvin noch insbesondere mit dringenden Schreiben an Bullinger. Da aber in Zürich die Kirchenordnung anders gestaltet, namentlich dem großen Rathe bei der friedlichern inneren Entwicklung mehr anheim gestellt war, so erschien die Entscheidung sehr zweifelhaft. Kürzlich erst (im März 1553) bei Anlaß einer Reibung in Neuenburg, als eifrige Anhänger der französischen Kirchenzucht diejenigen als unapostolisch verdächtigten, welchen diese nicht gefiel, hatte Bullinger in einem vertraulichen Schreiben an den mit ihm gleichgesinnten Haller die ganze Reihe von Bedenken, welche er gegen dieselbe hegte, sehr bestimmt ausgesprochen. "Die Verfechter derselben in Neuchatel, meinte er, scheinen wohl von redlichem Eifer getrieben zu sein, daran aber, ob der Weg, den sie betreten, der rechte sei, zweifle er, und er befürchte, sie werden ihr Ziel nicht erreichen; die alte Kirche zeige, was aus dergleichen Hader erfolge; das Abendmal, von dem der Herr wollte, daß es allgemein sei, werde durch ihre Satzungen zu einem Ehrenpreise für diejenigen, die sich äußerlich gut verhalten zu haben scheinen usw.; der unruhige Geist der Welschen gebe sich eben in stetem Neueren der Dinge kund." "Jch besorg', fügt er deutsch hinzu, es wolle Hoffahrt und Begierde nach Gewalt in vieler Herzen stecken. Gott verzeih mir, so ich ihnen Unrecht thu'."

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Nun aber bei der Anfrage von Genf aus zeigte sich Bullingers Unbefangenheit und Freiheit in Rücksicht der kirchlichen Formen aufs klarste. Er gab sich die äußerste Mühe, Calvin in Zürich sowie auch anderwärts zu unterstützen und die genferische Kirchenordnung aufrecht zu erhalten. Sein Brief vom 12. December 1553 gibt darüber die beste Auskunft; er meldet Calvin: "'S ist nur ein kurzes Schreiben, das euer erlauchte Rath an den unsern gerichtet hat. Da es aber französisch geschrieben war, gab es der Bürgermeister unserem Gwalter zum Uebersetzen ins Deutsche. So bekam ich's auch zu sehen und zu lesen. Drei Fragen legen sie unserer Regierung vor: 1) wie der Kirchenbann (die Exkommunication) dem Gebote Gottes zufolge und gemäß der heil. Schrift ohne Beeinträchtigung der Religion zu handhaben sei, 2) ob man ihn nicht auch auf andere Weise als durch ein Consistorium handhaben könne, 3) wie man's in dieser Beziehung in unserer Kirche halte. Der Brief ist vor dem zahlreich versammelten Rathe verlesen und drei der vorzüglichsten Rathsglieder nebst dem Bürgermeister sind sofort dazu bestimmt worden, unter Zuziehung der Prediger[123] unserer Kirche sich über eine angemessene Beantwortung zu berathen. Es wurde vorgeschlagen und einmüthig genehmigt, dem erlauchten Rathe von Genf zu erwiedern, ""wir bedauern sehr, daß die Genfer Kirche solchen Wirren ausgesetzt sei, daß Streit und Hader sich an Streit und Hader reihe; längst haben wir von den Consistorial-Gesetzen ihrer Kirche gehört und anerkennen, daß sie christlich seien und der Vorschrift des göttlichen Wortes nahe kommen, und darum scheine es nicht zulässig, eine Neuerung zu machen und dieselben abzuändern. Man thue besser, sie in ihrem Bestande unversehrt zu erhalten, zumal in diesem Zeitlaufe, im welchem die Menschen nachgerade sich verschlimmern. Und wiewohl unsere Sittenzucht der eurigen nicht in allen Stücken gleichförmig sei, so sei jene eben nach Maßgabe der Zeit- und Ortsverhältnisse und des Volkscharakters angeordnet worden und euere um deswillen nicht umzustoßen. Weil man aber zu wissen wünsche, wie's bei uns gehalten werde, überschicke man einen kurzabgefaßten Abriß davon."" Dies ist heute einmüthig beschlossen worden und morgen wird dieser Vorschlag dem ganzen Rathe vorgelegt. Ob er ihn annehmen oder verwerfen werde, weiß ich nicht. Jch bitte Gott von Herzen, daß er Alles zum Guten wende zu seines Namens Ehre. Wir unserseits haben mit Aufbietung aller unserer Kräfte darauf hingearbeitet, daß von unserer Regierung ja nichts geschehe, was auf Abschaffung eurer guten Kirchengesetze abzielen würde. Auch euch ermahnen wir, daß ihr fortfahret treu zu sein dem Herrn und Maß haltet in allen Dingen, damit ihr nicht durch allzu große Strenge die verstoßet, welche der Herr gerettet sehen möchte, er, der das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht." Schon am folgenden Tage konnte Bullinger diesem denkwürdigen, in höchster Eile verfaßten Schreiben hinzufügen, der Vorschlag sei angenommen; sofort

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schreibe er deshalb an die Leiter der Kirchen zu Bern, Basel und Schaffhausen. Die innigsten Wünsche und Grüße setzt er bei an Calvin selbst, an Budé, an den Grafen von Martinengo, den Prediger der italienischen Gemeinde in Genf, namentlich aber an den kaum erst aus einem Volkstumult in Genf erretteten, "um die Kirche hochverdienten, vortrefflichen Greisen Farel, den ersten Apostel jener Gegenden."

Jn jenen dem Schreiben der zürcherischen Regierung beigelegten zürcherischen "Ehesatzungen" kamen freilich Angaben vor, welche der Gegenpartei Calvins sehr dienlich erscheinen konnten; so hieß es nämlich darin betreffend Ehebruch und Exkommunication: "der große Rath, so man nennt die Zweihundert der Stadt Zürich[124], als eine christliche Obrigkeit und anstatt der gesammten Kirche, habe verordnet, Ehebrecher sollen von aller christlichen Gemeinschaft ausgeschlossen sein, namentlich von dem Abendmal unsers Herrn Jesu Christi und zu keinen Aemtern gebraucht werden"; und dem entsprechend: "bei sichtbarer Besserung aber mögen solche vom großen Rathe, anstatt der gesammten Kirche, wieder versöhnt und zu christlichen Mitbrüdern angenommen werden." Jndeß erklärte die zürcherische Regierung in ihrer Zuschrift den Genfern ausdrücklich: "in solchen und dergleichen Sachen müsse eine jede Obrigkeit in ihrem Gebiete auf ihres Landes und Volkes Art Rücksicht nehmen und sehen, wodurch man am meisten auszurichten vermöge"; "ihre Satzung überschicke sie nicht, um den Genfern auch nur im mindesten damit etwas vorzuzeichnen, es sei besser, daß man in kirchlichen Dingen bei dem einmal Eingeführten, was der heil. Schrift gemäß Christliches eingeführt sei, verbleibe." - Calvin sprach am 31. December 1553 Bullingern seine innige Freude darüber aus, daß er ihn so trefflich unterstützt habe in der Frage betreffend die Exkommunication, mit dem Beifügen, dies sei auch von Schaffhausen geschehen, aber nicht von Basel.

Die Sache selbst zog sich in Genf lange hin; das ganze Jahr 1554 verstrich unter unsicheren, für Calvin entsetzlichen Zuständen. Erst im Jahre 1555 gelang die völlige und bleibende Herstellung seiner Kirchenordnung in Genf. Ein Aufruhr, in welchem er und die ihm ergebenen französischen Flüchlinge hätten ermordet werden sollen, führte den völligen Sturz der Gegenpartei herbei; vier Schuldige wurden (im Juni, Juli und August 1555) hingerichtet, die übrigen verbannt. Dies brachte aber Genf abermal in heftige Spannung mit Bern und zog Calvin mancherlei Vorwürfe zu, als ob er grausam sich bei der Tortur eingefunden und dem wichtigen, alsbald ablaufenden und daher zu erneuernden Bündnisse mit Bern entgegen sei. Bullinger hatte auch hier wieder versöhnend und vermittelns einzutreten. Als ächter Freund theilte

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er Calvin (28. September) offen jene Klagen mit, und gab ihm dadurch Anlaß, sich zu rechtfertigen. Betreffend Bern erinnert er ihn, "daß dieses doch nach Gottes Fügung zu Genfs Befreiung von der weltlichen und geistlichen Tyrannei geholfen habe; sollte sich Bern auch etwas zu viel anmaßen, so möge er dabei denken, er habe es stets mit Menschen zu thun und die menschlichen Dinge seien eben nie so rein, daß nicht immer noch viel zu klagen und zu wünschen übrig bliebe. Während des bisherigen Bundes mit Bern sei ja die Genfer Kirche staunenswerth gewachsen und eine Zuflucht geworden für so viele um Christi willen Verfolgte und eine Stätte, von der aus das Evangelium nach Frankreich usw. siegreich vordringe." "Freilich, fährt Bulliger glaubenskräftig fort, kann Gottes Macht und Güte auch wohl ohne das Bündniß euere Stadt erhalten; ja es wäre schmählich und unchristlich, wenn man das Wohlergehen Genfs für gebunden an ein Bündniß mit Menschen betrachten würde; verflucht, sagt der Prophet, wer Fleisch für seinen Arm hält. Aber da Gott nicht allezeit durch Wunder, vielmehr durch geordnete Mittel wirkt, da er Menschenhülfe nicht überhaupt verwirft und bisanhin dies Bündniß für euch nicht übel ausschlug, so ist's kein blinder Wahn, wenn Männer von Einsicht finden, daß keine Aufhebung des Bündnisses eintreten solle, und daß, falls diese einträte, eben die christlich Gesinnten sehr darunter leiden müßten. Wahrlich, oft macht mir schon der bloße Gedanke an die Mölichkeit der Trennung viel zu schaffen, wenn ich mir die Menge derer vergegenwärtige, die um der Religion willen vertrieben zu Genf Herberge finden, und dann dabei denken muß, daß diese zersprengt werden, falls der Krieg mit Savoien wieder losbrechen, dieStraßen besetzt werden, irgend ein schwereres Mißgeschick erfolgen oder etwa gar noch ein Krieg mit den bisherigen Bundesgenossen daraus erwachsen sollte. Wohl kann Gott freilich die Seinen wieder sammeln und ihnen aufs neue Zufluchtsstätten bereiten; wo aber solche schon bereitet sind, sollte man, glaube ich, nicht blindlings sie aufgeben oder zerstören. Halt mir dies zu gute; nur meine Liebe zu euch erfüllt mich so mit Sorge; du weißt, was ich sage, kommt aus dem Herzen eines Freundes." Bullinger fand sich durch Calvins Antwort und ferneres Verhalten völlig befriedigt.

Genfs Bündniß mit Bern lief indeß wirklich aus; das ganze Jahr 1557 hindurch, in welchem, wie oben gemeldet, wegen des Wormser Gespräches, der verfolgten Waldenser und Pariser und wegen Beza's Schritten in Deutschland  so viel zu verhandeln war, war Genf ganz ohne einen Bundesgenossen inmitten mächtiger Feinde; Savoien erhob sein Haupt. Jnzwischen arbeitete Bullinger auf Calvins Andringen durch seine Fürsprache bei Zürichs Regierung unablässig an der Erneuerung des Bündnisses; die Geneigtheit, welche eine Anzahl der Kantone, zumal die evangelischen, zeigten, sich mit Genf zu verbünden, hatte endlich den gewünschten Erfolg; Bern verstand sich zu günstigeren Bedingungen und schloß 1558 aufs neue sein Bündniß mit Genf und zwar auf ewige Zeiten. So trug das Band der Glaubensgemeinschaft, das

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Calvin mit Bullinger, Genf mit Zürich verknüpfte, wesentlich bei, für immer jenes auch der übrigen Schweiz näher zu bringen.

Wie freute sich Bullinger auch in der Folgezeit über "die feste Einstimmigkeit und Brüderlichkeit," die zwischen ihm und Calvin bis an dessen Lebensende waltete. Jn seinen Schooß schüttete Bullinger, als im Jahre 1560 sein treuer Laski in Polen, Melanchthon in Wittenberg hinschied, seine wehmüthigen Empfindungen aus und seine Sehnsucht, den Entschlafenen nachzufolgen.

114. Bullingers Verkehr mit Frankreich.

Auch auf Frankreich sehen wir Bullingers Auge in diesem Zeitraum fortwährend gerichtet; die wechselnden Schicksale der schwer bedrängten Glaubensgenossen daselbst nehmen stets seine innige Theilnahme in Anspruch. Oefter sucht er sich ihrer anzunehmen. Sein naher und lebhafter Verkehr mit den jeweiligen französischen Gesandten gibt ihm mitunter willkommenen Anlaß, mit dem Freimuth eines Mannes, der für sich nichts sucht und nur für seine Ueberzeugung einsteht, diesen Hofleuten hin und wieder das helle Licht der unverfälschten evangelischen Wahrheit vorzuhalten. Anderwärts bricht wohl sein gerechter Unwille über den ruchlosen Söldnerdienst, zu dem sich besonders die katholischen Kantone durch französisches Geld immer wieder verlocken ließen, kräftig hervor. Endlich liegt ihm die Eintracht und die Einfachheit der Lehre bei den angefochtenen französischen Glaubensbrüdern bis ans Ende am Herzen.

Vor Allem ist zu bemerken, wie 1551 gleichzeitig das in Deutschland überwältigte, in Frankreich hart bedrängte Evangelium Bullingers Wirksamkeit nach dem letzteren Lande hinzog. Als der Kaiser auf der Höhe seiner Macht stand, von der Freiheit Deutschlands in doppelter Beziehung kaum noch ein Schatten übrig zu sein schien, die beiden erlauchten Häupter des evangelischen Bundes in Banden lagen, da richteten sich begreiflich die Blicke deutscher Fürsten nach Frankreich, um dort eine Hülfe zu erspähen. Graf Georg von Württemberg, sammt dem Obersten Schärtlin als Flüchtling in Basel, dem Landgrafen von Hessen (seit 1534) so sehr zum Danke verpflichtet, klagt Bullingern, dessen wahres Verhältniß zum Landgrafen Philipp ihm wohl bekannt war, im September 1551 voll Entrüstung: "wie der Kaiser die Prediger des Evangeliums aus dem Reiche treibe und nach Alleinherrschaft trachte, (woran er aber noch werde zu Grunde gehen)," und bittet ihn zugleich, "er möchte doch an den König von Frankreich schreiben, daß er sich ja christlicher halte denn der Kaiser." Jndeß hatte eben im Juni 1551 der französische König Heinrich II. ein furchtbares Edikt wider die Protestanten erlassen, welches alle Hoffnungen, die man früher auf ihn setzen durfte, zu nichte machte; jede in Genf erschienene Schrift war darin zum voraus verboten, so daß

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niemand von dort für die Unglücklichen auch nur seine Stimme erheben konnte[125]. Jndeß kam gerade im September der Krieg zwischen Heinrich II. und dem Kaiser in Jtalien zum Ausbruch, daher jener, aufs neue nach schweizerischen Hülfstruppen begierig, desto eher veranlaßt war, auch auf die evangelischen Kantone schonende Rücksicht zu nehmen; seine unter den damaligen Umständen natürliche Annäherung an die deutschen Protestanten schien eben dafür günstig. "Der Krieg ängstigt mich, schreibt Bullinger an Calvin; für Frankreich fürchte ich Schlimmes, weil ich vernehme, wie der König wüthe gegen die Evangelischen. Mehr Hoffnung könnte ich fassen, wofern er sich enger mit Christo verbände." Um so eher war Bullinger bereit, dem Wunsche Graf Georgs gemäß durch eine Schrift sich an den König zu wenden, um ihn wo möglich "milder zu stimmen," wiewohl er dabei Calvin ausdrücklich bemerkt, "schwerlich könne Zürich und Bern etwas ausrichten bei Heinrich II., und deshalb für nöthig findet, daß auch von anderer Seite, namentlich von England in gleichem Sinne kräftig auf ihn eingewirkt werde; Calvin solle darum an Eduard VI. und den Herzog von Somerset schreiben, er selbst wolle ebendies bei Cranmer, Jane Grey und anderen Hochstehenden Englands betreiben."

Schon im October 1551 befand sich Bullingers kurzes Schriftchen an Heinrich II. unter der Presse, betitelt: "von des Christen Vollkommenheit" oder dem Sinne nach: "Volle Genüge in Christo!" Es ist ein schlichtes, kräftiges Zeugniß für die Macht und Herrlichkeit des einfachen Christenglaubens, womit er vor dem Könige diejenigen in Schutz nimmt, die nichts Anderes begehrten, als Christen zu sein und unbeirrt in seinem Reiche ihres Christenglaubens zu leben. Aehnlicher Weise hatten früherhin Zwingli und Calvin vor Franz I. Zeugniß abgelegt. Bullinger knüpft treffend an den alten Wahlspruch der Könige Frankreichs an: "Christus siegt, Christus regiert, Christus gebietet!" und zeigt, in Christo sei das ganze, volle Heil für die Gläubigen, in ihm, der einst Chlodwig den Sieg verlieh (in der Schlacht bei Zülpich 496). Mit einem leisen Winke auf die durch die Tagesereignisse so stark hervor tretende Ungewißheit aller menschlichen Dinge sucht er den König, der ja nach seinem Ehrennamen der "allerchristlichste" sein müsse, zu bewegen, in Christo allein sein Heil zu suchen.

Das Schriftchen erschien lateinisch und deutsch; Beza, der Meister im französischen Ausdrucke, übertrug es ins Französische, Vergerio ins Jtalienische. Jener, höchst erfreu über "das vortreffliche Werkchen," bittet nur, daß auch die französische Ausgabe in Zürich erscheine, weil die Wirkung zum voraus verfehlt wäre, wofern sie in Genf erschiene. Er räth, der Schwester des Königs, der wohlgesinnten Herzogin Margareta, etliche Exemplare überreichen zu lassen. Dies wäre wohl der einzige Weg, dem Buche beim Könige

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Zugang zu verschaffen, wenn auch nicht zu hoffen sei, daß man bei ihm etwas ausrichte. "Aber wie dies auch ausfallen mag, setzt er bei, so wird dir gewiß die gesammte Kirche Gottes Dank dafür wissen, zumal unsre französischen Protestanten, um derentwillen du diese Arbeit unternommen hast." Eben war die Verbindung des Churfürsten Moritz und der mit ihm zur Befreiung der erlauchten Gefangenen wirksamen deutschen Fürsten mit Heinrich II. im März 1552 im besten Gange; der Oberst Schärtlin, welcher dabei eine so bedeuende Stellung einnahm, war es, durch den Bullinger sein Glaubenszeugniß an den König gelangen ließ. Beza übernahm es, die übrigen französischen Exemplare sicher nach Frankreich durchzubringen. Doch der König, je mehr er die Protestanten gebrauchte, um gegenüber dem Kaiser und dem Pabste seine Zwecke zu verfolgen, glaubte nur um so mehr durch schonungsloses Verfahren gegen die Ketzer seine Rechtgläubigkeit vor jedem Argwohne seines Volkes schützen zu müssen.

Ein alsbald eintretendes, betrübendes Ereigniß, das auch Bullinger tief ergriff, gab davon ein erschütterndes Zeugniß, nämlich die Verhaftung von fünf französischen Jünglingen, welche ihre theologischen Studien in Lausanne gemacht hatten und so eben in ihr Vaterland zurück gekehrt waren. Sie erfolgte in Lyon am 1. Mai 1552. Von Beza darüber benachrichtigt, erwirkte Bullinger bei der zürcherischen Regierung, daß ungeachtet der früheren herben Erfahrungen Zürichs Bürgermeister, der sich eben als schweizerischer Gesandte am französischen Hofe befand, persönlich sich bei dem Könige für sie verwandte. Allein dieser, umlagert von den grimmigsten Feinden des Evangeliums, ertheilte eine schnöde Antwort, indem er jede Einmischung sich verbat und zugleich die Anschuldigung hinwarf, "Alle in seinem Reiche, die von dieser Religion, seien Aufrührer und arge Leute." Auch alle weiteren Schritte blieben erfolglos. Am 16. Mai 1553 erlitten die fünf jugendlichen Zeugen der Wahrheit heldenmüthig den Flammentod - für die Gemeinden ihre einzige, aber thatkräftige und ewig denkwürdige Predigt von der weltüberwindenden Herrlichkeit ihres Erlösers.

Kurz vor ihrem Ende bezeugten sie schriftlich ihren herzlichen Dank für Alles, was von der Schweiz aus zu ihrer Rettung versucht worden. Bullinger aber drückt gleich nach jener harten Antwort des Monarchen nur um so kräftiger seine Glaubenszuversicht aus: "Laß uns, schreibt er an Calvin (15. August 1552), nur um so inbrünstiger für und für zu Gott flehen! Noch lebt, der sein Volk aus Egypten befreite. Noch lebt, der die Gefangenen aus Babel zurück führte. Noch lebt, der Kaiser, Könige und Fürsten niedergewofen, seine Kirche aber beschirmt hat. Wohl müssen wir durch viel Trübsale ins Reich Gottes eingehen. Aber wehe denen, die Gottes Augapfel antasten! Wir wollen standhaft fortfahren Gottes Wort zu predigen, das Evangelium Christi zu verkündigen und dabei mit allen Heiligen unsere Augen gen Himmel erheben. Der wird uns nicht verlassen, der gesprochen hat: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende; in der Welt

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habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Christus wird uns bewahren und seine Kirche!" Den vollen Ernst seiner Entrüstung aber bezeugte er nach dem Heldentode jener fünf Blutzeugen dem französischen Gesandten in der Schweiz, dem gebildeten d'Aubespine, Abt von Bassefontaine, späterhin Bischof von Limoges, den jene Gefangenen selbst für einen rechtlichen und beim Könige viel vermögenden Mann hielten. Erst im März 1553 hatte dieser seinen Gesandtschaftsposten angetreten und sich nach seines Vorgängers Beispiel sofort durch ein verbindliches Schreiben mit Bullinger in Verbindung gesetzt. Großen Unwillen, erklärt ihm Bullinger (1. Juni 1553), habe die Verbrennung jener fünf jungen Theologen in der reformirten Schweiz erregt, welche sich für dieselben so lange und so treu verwandt habe. "Sie waren nicht Wiedertäufer, wiederholt er mit Nachdruck, nicht Quintianer, nicht Georgianer oder Davidiker, auch nicht mit irgend einer andern Ketzerei angesteckt, sondern Genossen des wahren Glaubens der Schweizer[126]. Dasselbe sagte ich neulich dem Cardinal dü Bellay, der die lautere Wahrheit kennt." Jn alten und neuen Zeiten, fährt er fort, habe die göttliche Strafe noch immer die Verfolger der Christen erreicht; mit ernster Warnung für den Beherrscher Frankreichs weist er auf Kaiser Karl V: "Auf diesem erschöpften Körperchen liegen so viele große Verbrechen und die schwere Strafe Gottes; er wird's nicht lange treiben. O daß er die begangenen Gottlosigkeiten erkennen und gerettet werden möchte! Schwer, schwer ist's, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen."

Ganz in ähnlicher Weise antwortet er eben demselben im September 1553; er anerkennt Carls V. schlechte Künste und Ränke, die er von Anfang an geschmiedet. "Aber auch König Heinrich II., der Blutmenschen die Regierung überläßt, ist übel daran und wird den Händen Gottes nicht entrinnen. Wiewohl der Hohepriester und die Priester Christum dem Pilatus überliefert hatten, mußte er doch vom Herrn das Wort hören: "der mich dir überliefert hat, hat größere Sünde."

Bemerkenswerth ist noch der Abschiedsbrief, den Bullinger an diesen Gesandten richtete, als derselbe ihm seinen Weggang angezeigt und ihm seinen Nachfolger, den schon erwähnten Abt von St. Laurent, bestens empfohlen hatte. Bullinger ermahnt ihn eindringlich zur (evangelisch) christlichen Frömmigkeit und endlich zu deren öffentlichem Bekenntniß; er solle sich doch ja hüten, Hand oder Mund je in Frankreich mit unschuldigem Blute zu beflecken. "Bis jetzt, schreibt er ihm, hast du der Welt gelebt, du hast deinem mächtigen Könige gedient. Noch ist, verehrungswürdiger Mann, eine kleine Frist deines

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Lebens übrig. Es lebt und herrscht noch mächtiger als dein König unser Herr und Gott im Himmel, unvergänglich, allwissend und voll Liebe zu dem menschlichen Geschlechte. Diesem nun also weihe den Rest deines Lebens!.... So lange du des Lichtes genießen darfst, wandle im Lichte! Versäume nicht die gelegene Zeit; denn der, welcher jetzt noch unser Erlöser und Fürsprecher ist, wird an jenem Tage der strengste, aber freilich auch der billigste Richter sein. ....Dort, dort werden wir uns wiedersehen durch Gottes Gnade, während uns nienieden nie mehr vergönnt ist, uns vertraulich zu unterreden." Endlich hält er ihm noch das Unrecht vor, das darin liege, daß er (Bullinger) sammt allen seinen Schriften in Frankreich längst verpönt und verdammt sei, während er doch kein Feind der Religion, sondern nur des Aberglaubens und des Mißbrauches sei, und erklärt unumwunden, "die Wahrheit durch Wort und Schrift so weit wie möglich auszubreiten, werde er bis zum letztem Athemzuge aus allen Kräften sich bemühen." Es findet sich nicht, daß der Gesandte Frankreichs dies Schreiben übel genommen, vielmehr erwiederte er's sehr freundlich und dankbar, und ganz in demselben Tone redet davon sein Nachfolger St. Laurent.

Nicht weniger nahe als diesem französischen Gesandten bei der schweizerischen Eidgenosssenschaft stand Bullinger dem Johann de Fresse, Bischof von Bayonne, der als französischer Botschafter in Bünden weilte, einem Manne von ausgezeichnet vielseitiger Bildung, der gleich seinem Vater schon bei den Unterhandlungen der deutschen Protestanten mit Frankreich thätig gewesen, mit Melanchthon in Wittenberg vor fünfzehn Jahren vertraulich verkehrt, eine Menge der bedeutendsten Gelehrten kennen gelernt hatte und dem Evangelium nicht abgeneigt schien. Er versicherte Bullinger im Juni 1553 seiner Hochschätzung, die er gegen ihn hege um seiner Lehre und Frömmigkeit willen. Dieser erwiedert: "er liebe Frankreich, weil es so viele Märtyrer liefere und mehr wahrhaft Gläubige als keine andere Nation und weil es der Wissenschaft und verdienten Männern so viel Huld erzeige." "O daß nur nicht, fügt er hinzu, die argen Höflinge den König verdürben!" "Dein Urtheil über Melanchthon, sagt er weiterhin, scheint mir sehr ricvhtig. Stets gefiel auch mir seine Frömmigkeit, aber sehr mißfiel mir seine allzu große Bewunderung der Astrologie." Nur acht Tage später spricht Bullinger sich noch offener und stärker gegen ihn aus in einem einläßlichen Schutzschreiben zu Gunsten der bedrängten Glaubensbrüder gegenüber den Anschuldigungen, welchen diese damals in Frankreich ausgesetzt waren. Aufs neue betont er darin, "die Evangelischen seien keine Neuerer, keine Störer der öffentlichen Ruhe, keine Schismatiker oder Ketzer und dulden solche nicht, auch machen sie keinesweges durch ihre Lehre dem Volke die Zügel zu locker, sie schwächen und lösen auch nicht die Autorität des kirchlichen Dienstes oder Amtes." "Die Autorität der Diener, bemerkt er, gründen ja die Apostel auf die reine Lehre und die Heiligkeit des Lebens, nicht auf irgend welchen

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äußeren Pomp; und sie gehorchen den Obrigkeiten bis zu den Altären, aber dann sprechen sie mit Petrus: Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen. So überführen wir durch Gottes Gnade Hohe und Niedere, und haben, wie wir sehen, keine andere Würde (Autorität) des göttlichen Wortes zu behaupten, als daß Gottes Wort frei, klar und fest, wenngleich mit Klugheit, von uns verkündigt werde, ob auch die Pforten der Hölle dagegen wüthen." Aus der nächsten Umgebung des Botschafters durch den bündnerischen Prediger Saluz erhielt Bullinger die Kunde, derselbe habe dies Schreiben mit großer Freude aufgenommen. Auch durch Vergerio vernahm er, "wie ehrenvoll de Fresse seiner gedenke, wie sehr er ihn schätze und liebe." Der Gesandte ging noch weiter. Ueberall emsig, stets bemüht, mit größter Betriebsamkeit die Zwecke seines Herrn zu verfolgen, wagte er es freundschaftliche Anerbietungen an Bullinger gelangen zu lassen, und sollte dadurch Anlaß bekommen, noch höhere Achtung vor ihm zu gewinnen. Schlecht und recht antwortete ihm Bullinger am 16. December 1553, aber so unzweideutig, daß er vor jedem weiteren Versuche sicher sein konnte. Bullingers Gesinnung findet sich so ganz in diesem Schreiben ausgedrückt: "Jch gestehe, schreibt er ihm, daß ich dir für deine zuvorkommende Bereitwilligkeit und die Geschenke, die du mir durch Vergerio und dann brieflich angeboten, großen Dank schuldig bin. Einem Bürger Zürichs ist es bei Todesstrafe verboten, auch nur einen Heller von irgend einem Fürsten anzunehmen. Jch bin aber Bürger und bin ein Hüter der Gesetze; ich bin Hirt und Diener der Kirche dahier. Der Herr Jesus verleihe mir, daß ich sei, was ich heiße. Jch bekenne, daß ich ein Sünder und so hoher Verpflichtungen nicht würdig bin; doch ist mir Gnade widerfahren, daß ich ein williges Herz habe meine Pflicht zu thun. Wäre ich aber auch nicht Bürger dahier und nicht Diener dieser Kirche und durch keine heiligen Gesetze und Todesstrafe gebunden, so ist mein Sinn doch so äußerst nach Freiheit begierig und nach einem ruhigen Gewissen, wie ich dies durch Gottes Gnade von Kindheit an besessen habe, daß ich einen Abscheu empfinde gegen Geschenke. Oft sind mir von Hochgestellten, die mir aufrichtig befreundet sind, reiche Gaben angeboten worden. Aber ich habe nie irgend etwas von einem derselben angenommen. Jch bin zufrieden mit meiner Besoldung; ich selbst lebe so einfach wie möglich und erziehe die Meinigen in aller Einfachheit. Nächstens steht mir zudem eine andere Wallfahrt bevor; denn bald lege ich mein fünfzigstes Lebensjahr zurück. Die Lebenstage, die mir  noch übrig bleiben, gedenke ich daher, wenn der Herr unser Gott es mir einräumt, im Mittelstande oder in meiner Aermlichkeit zu verbringen. Schätze sammeln ziemt den Theologen zumal in dieser Zeit nicht; wohl ziemt ihnen hingegen die Lehre, die sie vekünden, durch ihre bescheidene Lebensweise zu zieren. Du kennst ja den goldenen Spruch des Apostels Paulus: Die Gottseligkeit mit Genügsamkeit ist ein großer Gewinn. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; so ist offenbar, daß wir auch nichts hinaus bringen

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können, sondern wenn wir Nahrung und Kleidung haben, so sollen wir uns daran genügen lassen. Die aber reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstricke usw. (I. Tim. 6, 6-10.) Jch bitte den Herrn unablässig, daß nicht sowohl ich, als Alle, die wir als Prediger des Evangeliums Christo dienen, für unsern obersten Priester und für seine Braut, die Kirche, so zugerüstet werden mögen, daß wir stets mit dem Apostel sprechen können: Jch habe gelernt, mir an dem, was ich habe, genügen zu lassen usw. (Philipp 4, 11-13.)

Dies lege ich dir in keiner andern Absicht so ausführlich dar, als nur damit du meines Herzens Gesinnung ganz klar erkennest und nicht etwa denkest, es geschehe da irgend etwas von mir aus Stolz oder Mangel an Achtung. Sonst wirst du mich nicht undankbar finden für dein Wohlwollen. Von selbst und aus freien Stücken bin ich bereit in Allem, was fromm ist, dir meine Dienste zu leisten und wohl noch treuer, als insgemein Solche, von denen du meinst, sie seien am meisten an dich gebunden. Doch ich weiß, es ist einem Manne von edlem Herzen peinlich, wofern er nicht gleichsam wetteifern kann in Dienstleistungen. Drum wohlan, im Herrn Hochgeschätzter, hilf, so viel du kannst, bei den Kämpfen für die Erhebung und Bezeugung der evangelischen christlichen Wahrheit denen, welche so schwer zu kämpfen haben, insoweit wenigstens, wenn du nicht weiter zu gehen wagst, daß sie nicht grausamer Verfolgung unterliegen; hilf, daß jene Wahrheit, die allen Menschen heilsam ist, einmal deinem mächtigen Fürsten und seinem blühenden Reiche in ihrer Reinheit bekannt werde! Du weißt, damit erwirbst du dir nicht bloß mein Wohlgefallen, sondern vielmehr das Wohlgefallen dessen, dem du ganz angehörst mit Leib und Seele, der dich erschaffen, dich erlöst hat, dir sein Leben gibt und über dich richten wird." Der Gesandte hatte die Artigkeit, Bullingern auf dies Schreiben zu erwiedern, "er (Bullinger) sei ein seltener und glücklicher Mensch; übrigens verlange nicht jeder eine Frucht von seiner Freigebigkeit." Bullinger aber seinerseits ließ nicht nach. Da man gerade für die flüchtigen Franzosen milde Steuern sammelte und de Fresse wohlwollend dazu mitwirkte, schrieb ihm Bullinger: "Wenn du bewirkst, daß in Frankreich nicht das Vermögen der Frommen eingezogen und sie vertrieben werden, so ist das in meinen Augen weit mehr, als noch so große Collecten für die vertriebenen Protestanten."

Wie kräftig Bullinger im Jahre 1557 bei den Verfolgungen der Waldenser und der evangelischen Gemeinde in Paris Beza in Zürich unterstützte, und zu einer zweimaligen Gesandtschaft an Heinrich II. mitwirkte, ist oben erwähnt worden[127]. Als dieser plötzlich im Turnier seinen Tod fand, richtete

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Bullinger sofort, im August 1559, eine "Unterweisung in der christlichen Religion" als neues offenes Zeugniß für den evangelischen Christenglauben an seinen Nachfolger, den erst sechszehnjährigen Franz II. (den Gemahl der Maria Stuart), mit dessen Gesandten Coignet Bullinger ebenfalls in vielfachen Verkehr treten mußte, der auch unter Carl IX. fortdauerte. Unsägliche Mühen, Sorgen und Arbeiten erwuchsen unserem Bullinger, als nun 1562 die langdauernden inneren Kriege Frankreichs begannen, in denen der evangelische Glaube erstickt werden sollte. Wie es ihm zu Muthe war, als er Tausende von Söhnen seines Vaterlandes zu diesem Zwecke Frankreichs Fahnen zueilen sah, mag Folgendes andeuten. Ein Fähnlein von Schwyz trug die Jnschrift: "Wir fahren dran, Gott woll' sie walten,

Den jungen König beim alten Glauben z' b'halten."

Dagegen machte Bullinger den Spruch:

"Jhr fahret dran, Gott woll' der Seinen walten

Und euch Unruhigen die Köpf' zerspalten."

Als nun ihre namhaftesten Führer, darunter der ruhmbedeckte Oberst Fröhlich, Zürichs entarteter Sprößling, in großer Zahl fielen, sah er darin die verdiente Strafe und fuhr fort:

"Da saß Gott zu Gericht und thät die Köpf zerspalten

Den'n, die den König wollten beim alten Jrrthum b'halten."

Als acht Jahre später (1570) nach dem Frieden von St. Germain von zehntausend Eidgenossen kaum viertausend jämmerlich und elend heim kamen, während die übrigen sechstausend im fremden Lande verdorben und gestorben waren, von den Heimgekehrten aber gar viele zu Hause hinstarben, fügt Bullinger der Nachricht hierüber in seinem Tagebuche bei: "Jch mein', sie haben empfunden, was es heiße, das Evangelium vertreiben wollen. Sie haben's müssen lassen bleiben und sind darob erworget (daran erstickt)." Bullingers ganzer Abscheu vor diesen gottlosen Söldnerdiensten wird uns hierin offenbar; gegen diese erkärte er sich trotz aller Vorspiegelungen und Artigkeiten, wodurch die Gesandten ihn zu gewinnen oder wenigstens zu beschwichtigen suchten[128], allezeit aufs stärkste. Als nun die Gräuel der Bartholomäusnacht 1572 sich von Paris aus weithin durch Frankreich verbreiteten, war er gleich Anderen nicht ohne Besorgniß vor ähnlichen Vorgängen im Vaterlande[129]. Mit Herzeleid bemerkte er, welchen erschütternden Eindruck dies Ereigniß auf schwächere Gemüther nicht bloß in Frankreich machte. Jn ihrer Stärkung gab er im Februar 1573 seine Schrift "Von den Verfolgungen der Kirche" heraus, worin er die Gründe der Verfolgungen sowie die Strafen Gottes

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wider die Verfolger nachweist und alle Gläubigen zu unerschütterlicher Standhaftigkeit aufruft. An den Grafen Ludwig von Sayn-Wittgenstein schreibt er darüber: "Mit großem Schmerze habe ich wahrgenommen, daß jenes treulose und scheußliche Blutbad in Frankreich gar Vielen in ganz Deutschland zum Anstoß geworden ist, so daß sie an der Wahrheit unserer Religion und Lehre anfangen zu zweifeln. Um ihrer Schwachheit aufzuhelfen, habe ich beiliegende Schrift verfaßt."

Daß aber die Evangelischen in Frankreich durch all den Jammer hindurch ihre Kirche retteten, war Bullingern eine rechte Herzensfreude. Konnte er auch nicht ihren Synoden beiwohnen, so verfehlte er nicht, sie wie ein Vater zur Einigkeit und zur Einfachheit im Lehrausdruck wie in der kirchlichen Ordnung zu ermahnen und zum treuen Ausharren unter Allem, was kommen möge. Erquickend mußte es ihm sein, mit welcher herzlichen Aufrichtigkeit der junge Prinz Heinrich von Condé (geboren 1552), der bei der Bartholomäusnacht zum Abfall von seinem Glauben gedrängt worden, nach seinem Wiedereintritt in die evangelische Kirche ihn (1574) noch insbesondere bat, er möge ihm doch verzeihen und ihn wieder als Glaubensgenossen betrachten.

115. Bullingers Verhältniß zu England.

Ebenfalls bedeutend und mannigfaltig war Bullingers Verkehr mit England während dieses ganzen Zeitraumes in den guten Tagen unter Eduard VI., wie in den bösen Zeiten unter Maria der katholischen, und dann wieder als unter Elisabetha das Evangelium gesichert empor blühte. Außerordentlich reichhaltig ist unter Eduards Regierung (1547-1553) sein Briefwechsel mit Engländern, mit seinen älteren Freunden sowohl als mit neuern, worunter Männer vom höchsten Range, wie Cranmer, Warwick, Dorset, usw., denen es, als Lenkern eines noch immer sturmbewegten Staates und Volkes, manchmal willkommen war, seinen Zuruf, als den eines vielerfahrenen Führers der Kirche zu vernehmen; ferner finden wir darunter die Erzieher des Königs, Cox und Cheke, neben dem damals in England wirksamen Peter Martyr, Laski und seinem Freunde Utenhofen aus Gent, den Hooper 1549 an Bullinger empfahl und dieser "sehr ausgezeichnet" fand, namentlich aber den ihm überaus anhänglichen Johann Hooper, auch Martin Micronius aus Flandern, der als Hoopers Begleiter sich in Zürich aufgehalten hatte und nun als Prediger der Fremden-Gemeinde in London segensreich wirkte, indem er "recht volksthümlich und erbaulich nach zürcherischer Weise" predigte.

Auch die schweizerischen Studierenden, welche in dieser Zeit in England weilten, hielten sich mit Bullinger in fortwährender Verbindung. Da nämlich das übrige Ausland ihnen fast verschlossen war, Deutschland unter dem Drucke des Jnterim schmachtete, England dagegen eben bedeutende Lehrkräfte

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an sich gezogen hatte, so war es ganz natürlich, daß sich Studierende aus der Schweiz damals nach England wandten. Es ist oben erwähnt worden, daß 1548 Johann von Ulm aus dem Thurgau (späterhin Ulmer genannt), ein Verwandter der Familie Blaarer, aus einem reichsritterlichen Geschlechte Schwabens stammend, der Studien halben nach England ging. Wohl hatte er anfangs einige Schwierigkeit sich zurecht zu finden, aber durch Bullingers wiederholte Empfehlungen gefördert, sah er sich bald in einer günstigen Lage, meist in Oxford; von Engländern selbst wird gerühmt, wie er so ganz die englische Sitte sich anzueignen wußte. An ihm hatte Bullinger während der vier Jahre seines Hierseins einen überaus fleißigen und einsichtigen Correspondenten. Welch ein Entsetzen für diesen, als er wenige Monate nach seinem Weggang das jammervolle Schicksal des geliebten Konstanz vernehmen mußte; seine herzzerreißende Wehklage schüttet er in Bullingers Vaterherz aus; um so ernster gelobt er, dermaleinst etwas Tüchtiges zu leisten. Bullinger preist er in einem Briefe an Gwalter als den "treuen Patron aller Studierenden." Etliche seiner Verwandten aus Thurgau folgen ihm nach England auf seine Ermunterung hin, sowie einige Zürcher. Sie waren hoch erfreut darüber, Bullingers Name und Schriften in England so außerordentlich hoch geschätzt zu finden. Unter den Zürchern, die damals in Oxford studierten, ist besonders zu nennen Johann Rudolf Stumpf, der Sohn des Bullingern nahe befreundeten Gechichtsforschers und nachherigen Antistes. Als Hooper im März 1549 heimreiste, erbat sich Stumpf die Erlaubniß, ihn zu begleiten; Bullingers gütige Fürsorge, sein Abschiedsgespräch blieb ihm unvergeßlich; durch Bullingers Empfehlungen an Traheron und an Peter Martyr erhielt er unter günstigen Bedingungen Zutritt in das sogenannte Königs-Collegium zu Oxford, wiewohl er als Ausländer nicht wirkliches Mitglied werden konnte. Jndeß verließ er es auf Bullingers Rath bald wieder, um ja nicht wider Zürichs strenge Gesetze irgend etwas von auswärtiger Unterstützung zu beziehen.

Auch an politischen Verbindungen mit England fehlte es nicht. Jm December 1550 trat ein Fremder in Bullingers Zimmer, der sich anfangs nicht zu erkennen gab, dann aber herzlich willkommen geheißen wurde. Es war Christoph Mont, schon früher englischer Gesandte in der Schweiz und bei den Protestanten Deutschlands, mit dem Bullinger längst in Briefwechsel gestanden. Er brachte der Zürcher Regierung ein sehr verbindliches Schreiben seines Königs, wünschte, daß Zürich in nähere Gemeinschaft treten möchte mit England, zunächst in Bezug auf ein allgemeines Concil, bat auch Bullinger, sich alle Mühe zu geben, daß die Schweiz zur Aussöhnung Frankreichs mit England mitwirke. Bullingern schien es nicht unpassend, daß die evangelische Schweiz wider den übermächtigen Kaiser mit dem glaubensverwandten England zusammen halte. Als der Kaiser im Februar 1551 auf dem Reichstage zu Augsburg den Widerstand der Protestanten gegen den Besuch des tridentischen

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Concils niederwarf, schreibt er an Calvin:"Nun haben die deutschen Protestanten sich zu dem verwerflichen Concil von Trient verstanden. Also wird man jetzt die Schweiz und England unterjochen." Bullinger warnte daher im Einklang mit Calvin die Engländer dringend vor Beschickung des tridentischen Concils. Es ist oben erwähnt worden, wie er im nämlichen Jahre Calvin ermunterte, sie wollten ihre beiderseitigen Verbindungen mit England auch dazu benutzen, um auf König Heinrich II. in Frankreich mildernd einzuwirken. Jndeß betreffend ein Bündniß zwischen den reformirten Kantonen der Schweiz und England bemerkt er ihm, "er (Bullinger) wolle gern Alles dafür thun, hoffe aber wenig."

Jnzwischen erregte ein neues Ereigniß großes Aufsehen. Hooper, der sich als Prediger und erbaulicher Schriftausleger außerordentlich auszeichnete[130], ward im Mai 1550 zum Bischof von Gloucester ernannt. Wie wir es bei Bullinger beim schweizerischen Bundesschwur gefunden, fand er es unzulässig, den Eid bei Gott und allen Heiligen zu leisten, verlangte auch rücksichtlich des bischöflichen Ornates mehr Einfachheit. Dies führte zu langen Verhandlungen und mancherlei Reibung. Hooper kam ins Gefängniß. Bullinger, dem er und Andere die Sache vorlegten, ließ deshalb ein Schreiben an Eduard VI. abgehen, worin er seinen bekannten Grundsätzen gemäß sich dahin erklärte, Alles in der Kirche solle reinlich, einfach und von weltlichem Pompe möglichst ferne sein, wenn er gleich anerkannte, daß man sich in manchen Dingen wohl nach dem Hergebrachten und Ueblichen bequemen könne. Calvin pries auch dies als eine köstliche Eingebung Gottes, daß er und Bullinger in ihren Gutachten darüber so völlig zusammen trafen. Nachdem man Hoopern den anstößigen Eid erlassen und er rücksichtlich des Kirchenornates etwas nachgegeben, wurde er im März 1551 in sein Bisthum eingesetzt, bei dessen ausgezeichneter Verwaltung Bullinger ihm öfter rathend und leitend zur Seite stand. - Große Behutsamkeit hielt Bullinger übrigens für nöthig rücksichtlich der damaligen Zustände Englands. Als Christoph Hales, der in Zürich gewesen, nach seiner Heimkehr sich die Portraits von fünf Zürcher Theologen erbat, wurden dieselben zwar gemalt; allein hernach, als sich bei anderen Engländern Bedenken zeigten, fand man doch besser, daß jeder sein Bild für sich behalte. Hales versicherte Bullingern zwar, er wolle durchaus keinen Götzendienst damit treiben und niemand könne es ihnen als Eitelkeit auslegen. Allein man blieb bei der Weigerung, damit nicht doch etwa irgend ein Mal späterhin ein Mißbrauch einträte; es half ihm nichts, daß er des steinernen Bildes von Carl dem Großen gedachte, das ja in Zürich am Thurm des Großmünsters sich befinde, ohne von irgend jemand angebetet zu werden.

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Vornehmlich auf Hoopers Wunsch widmete Bullinger 1550 dem Könige Eduard die dritte und vierte Dekade seiner Predigten über die Hauptstücke des Christenglaubens (die er, wie oben bemerkt, anstatt einer Glaubenslehre erscheinen ließ) mit einem Vorworte, worin er zeigt, worauf Heil und Unheil der Könige und der Staaten beruhe. Von Hooper erhielt er die Nachricht, daß der junge König, dessen Ernst zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, diese Predigten mit wahrer Freude aufgenommen. Johann von Ulm meldete ihm, daß sie ungesäumt ins Englische übersetzt wurden.

Auf Ulms Anregung dedicirte Bullinger 1551 die fünfte Dekade der nämlichen Predigtsammlung dem Marquis von Dorset, Henry Grey, der sich alsbald zum Herzog von Suffolk erhoben sah; er begleitete sie mit einem Schreiben gegen das tridentische Concil und die unberechtigten, von diesem aufs neue erhobenen Traditionen der römischen Kirche. Der Herzog dankte ihm herzlich sowohl dafür, als für die gottseligen Briefe, worin er seine vierzehnjährige Tochter Jane Grey zum ächten Christenglauben, zum Studium der heiligen Schrift, zur Reinheit des Wandels und zur Unschuld des Lebens ermuntert habe, und bittet ihn, diese Ermahnungen so oft wie möglich fortzusetzen.

Es ist ein besonders liebliches Verhältniß, das sich zwischen Bullinger, dem Manne voll gereifter Erfahrung, und der ebenso liebenswürdigen als lernbegierigen Jane Grey gestaltete. Drei eigenhändige Briefe von ihr an Bullinger geben davon Zeugniß, welche die zürcherische Stadtbibliothek als Kleinodien aufbewahrt, während Bullingers Briefe an sie nicht mehr vorhanden sind. Jm Spätherbste 1550 las sie Bullingers Schrift "über die christliche Ehe," welche Johann von Ulm, der mit ihrem Hofmeister Aylmer bekannt geworden, für sie ins Englische übersetzte. Einen großen Theil davon übersetzte sie ins Griechische und überreichte diese Probe ihres Fleißes ihrem Vater 1551 zum Neujahrsgeschenk. Johann von Ulm bat Bullinger, doch an sie zu schreiben und ihr ein Exemplar der Schrift, die er ihrem Vater zu widmen Willens war, zukommen zu lassen; man meine, schrieb er, sie würde einst die Gemahlin König Eduards werden. Bullinger entsprach. Sie dankte ihm im Juli 1551 aufs innigste für seinen ihr äußerst willkommenen Brief und für alle darin enthaltenen Räthe, da sie nichts mehr wünsche als zu wachsen an Weisheit und Frömmigkeit; sie schätze sich glücklich, einen solchen Berather zu haben; aus der neulich übersandten Schrift, die Bullinger ihrem Vater gewidmet, sammle sie wie aus einem lieblichen Garten die köstlichsten Blumen; da finde sie wahren, ungeheuchelten Glauben in Fülle. Mit zarter Bescheidenheit preist sie Gott für Alles, was er ihr zugetheilt, empfiehlt sich Bullingers Fürbitte und ersucht ihn, da sie Lust habe hebräisch zu lernen, um Anweisung über die beste Methode. Auch ihr Lehrer Aylmer danke Bullinger für seine freundliche Bemühung. Jn einem zweiten Briefe im Juli des folgenden Jahres (1552) drückt sie aufs neue Bullingern ihren herzlichsten Dank aus für seine

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vortrefflichen Lehren; aus seinen Briefen ziehe sie beim wiederholten Lesen so großen Nutzen wie kaum aus anhaltender Lektüre der besten Schriftsteller; sie dankt auch für die Anweisung betreffend das Erlernen des Hebräischen. Jhr letzter Brief ist ebenfallsvoll Hochschätzung, und voll Lobes und Dankes für all seine Liebe und Güte. "Denn Gott hat, sagt sie in ihrer Kindlichkeit sehr treffend, auf dich scheint's mit solchem Wohlgefallen geschaut, daß er dich für sein Reich und zugleich für diese Welt tüchtig gemacht; du führst ja im Gefängnisse dieses Erdenlebens deinen Lebenslauf, als wärest du todt, wiewohl du lebst und zwar vor Allem Christo lebst, ohne den es kein Leben geben kann, und dann nicht etwa dir selber, sondern unzähligen Anderen, die du unablässig und eifrig bemüht bist mit Gottes Hèlfe zu jener Unsterblichkeit zu bringen, welche du selbst wirst erlangen, wann du dereinst aus diesem Leben hinweggehst."

Aber wie bald sollte die Stunde schlagen, da die junge Königin nach neuntägigem Schimmer königlicher Herrschaft, die man ihr nach Eduards VI. Tode aufdrang (10. bis 19. Juli 1553), Anlaß fand, Angesichts des Todes diesen ihren Glauben heldenmüthig zu bewähren. Sie hatte, einer Biene gleich, den Honig aus Bullingers Schriften getrunken; aus seiner fünften Dekade wußte sie alle die Hauptstellen auswendig. Bis zu ihrem Ende gedachte sie sein; ehe sie zur Richtstätte geführt ward, zog sie ihre Handschuhe aus mit dem Auftrage, sie ihm zu senden; lange blieben diese in seiner Familie aufbewahrt. Ebenso wird in Betreff der übrigen Glieder der Familie Grey besonders auch Bullingers Einwirkung die Standhaftigkeit beigemessen, mit der sie ihrem Glauben treu blieben bis in den Tod.

Jm ganzen Reiche erfolgte mit Maria's Thronbesteigung eine entsetzliche Umwandlung. Unter den Vielen, die davon betroffen wurden, ist hier namentlich Bullingers naher Freund, Bischof Hooper, zu erwähnen. Aus dem Gefängnisse bat er seinen "lieben Gevatter" Bullinger innigst, sich der vielen armen Vertriebenen zu erbarmen. Traurig darüber, daß er sehr lange keinen Brief von Bullinger erhielt, schreibt er im Mai 1554: "Du weißt doch, wie sehr ich dich hochachte, immer hab' ich auf dich geschaut als auf einen hoch verehrten Vater und Führer. Unter Allen, die dir anhänglich sind, kann keiner dir ein treuerer Freund sein als ich, und auch ich habe in Wahrheit nie einen aufrichtigern Freund gefunden als dich." "Ueber ein Kleines, fügt er bereits hinzu, werde ich im Blute Christi zum Himmel gehen." Ueberaus erfreute es den hart Eingekerkerten, als endlich im December 1554 einer von den vielen Briefen, die Bullinger ihm geschrieben, zu ihm in den Kerker gelangte. "Dein Schreiben, erwiedert er tiefgerührt, erquickte mich sehr; denn es war reich an Trost. Jch spürte gleich darin die alte Liebe und Freundschaft zu mir und bin dir recht dankbar, daß du meiner nicht vergessen hast zu dieser Zeit inmitten so großer Gefahren." Christlichen Todesmuthes voll empfiehlt er sich in Bullingers Gebet, und bittet ihn, sein theures Weib zu stärken und ihr die

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Erziehung der beiden Kinder als Aufgabe ihres Lebens vorzuhalten. Zwei Monate später pries Hooper seinen Herrn unter den furchtbarsten Qualen der Feuersgluth. Bullinger fuhr fort, wie er zuvor schon gethan, die Wittwe des theuren Märtyrers, die sich in Frankfurt am Main aufhielt, treulich aufzurichten, bis im März 1556 Micronius (damals Prediger zu Norden in Friesland) ihm meldete, Hoopers Wittwe und sein Töchterchen Rahel seien gestorben und desnahen niemand mehr übrig von denen, die in Zürich zu Hoopers Haushaltung gehörten, als nur er selbst.

Jnzwischen waren die Flüchlinge aus England schaarenweise nach dem Festlande gekommen. Für Bullinger erwuchs daraus eine Reihe von Mühen und Sorgen, denen er sich mit größter Bereitwilligkeit und außerordentlicher Thätigkeit hingab. Wie oft war sein Tisch stark besetzt in dieser Zeit mit solchen Gästen. Die Aermeren unter den Vertriebenen empfahl er den Reicheren in und außer Zürich zu kräftiger Beihülfe. Es galt, die Vertriebenen zu pflegen und heran zu bilden für Englands Zukunft. Für zwölf derselben, größentheils jüngere Leue, die den theologischen Studien oblagen, wurde in Zürich Fürsorge getroffen, daß sie nach ihrer heimathlichen Weise wie in einem Collegium im Hause "zur Linde" beisammen leben konnten; es war für sie eine glückselige und höchst bildende Zeit, an die sie sich zeitlebens mit Dank und Freude erinnerten, wobei namentlich Bullingers väterliche Fürsorge und sein freundlicher Ernst ihnen unvergeßlich blieb. Bullinger lernte sie recht genau kennen. Zu denen, mit welchen er sich vorzüglich befreundete, gehören John Parkhurst, John Jewel, Robert Horn, Richard Chambers, Thomas Lever, Laurence Humphrey, Thomas Spencer, Michael Reniger, Thomas Bentham, William Cole u.s.w. Bullinger war unermüdlich, sich für die englischen Flüchtlinge auch anderwärts zu verwenden; fünf und zwanzig durch die Lutheraner aus Wesel vertriebene Familien erhielten durch seine Vermittlung vom Rathe zu Bern Aufnahme in Aarau. Freilich wurde Bullinger auch mit dem englischen Spleen gelegentlich bekannt: so bemerkt er späterhin über einen von denen, die zu hohen Würden empor stiegen: "Er hat ein stets unzufriedenes Gemüth, ist immer mißstimmt; England hat manche solche Charaktere; ich habe einen natürlichen Widerwillen gegen Leute von solchem Gepräge." Doch Bullinger that auch Solchen wohl. Wie anhänglich ihm übrigens die in Zürich Aufgenommenen waren, bezeugen ihre herzlichen Dankschreiben und ihr bis an sein Lebensende fortgesetzter Briefwechsel.

Am 1. Dezember 1558 langte die Nachricht vom Tode der "blutigen" Maria in Zürich an. Freudvoll kehrten die Flüchtigen heim. Bullinger sah sie nicht ohne Besorgniß ziehen und versprach ihnen Wiederaufnahme, falls sie je sollten aufs neue vertrieben werden. Fünfe von denen, die in Zürich geweilt hatten, wurden Bischöfe, manche der Uebrigen dienten der Kirche Englands in andern bedeutenden Stellungen. Jndeß erstaunten sie über die Rückschritte, die in ihrem Vaterlande eingetreten, über all den Unrath des

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Pabstthums, der wieder eingeschleppt worden und den Elisabeths Rathgeber nicht wegzuschaffen wagten. Schon bei der Uebernahme der ihnen übertragenen Bisthümer legten sie daher Bullingern die Frage vor, wie weit man sich solchen Ueberresten des Pabstthums anbequemen dürfe, und ebenso holte man weiterhin bei allen vorkommenden Fragen, die zum Theil zu heftigen Zwistigkeiten führten, gerne sein Gutachten ein. Sein mildes, reifes Urtheil gibt sich überall in seinen Beantwortungen kund. Die Ruhe und Besonnenheit, mit der er einerseits in aufrichtiger Treue am lauteren Gottesworte festhielt, anderseits eben so sehr am geschichtlichen Zusammenhange mit der wahrhaft katholischen Kirche, entsprach sehr der englischen Gesinnung. Jn ihm waren die beiden Richtungen aufs schönste geeinigt, die nachgerade in England so weit aus einander gingen. Eben deshalb hatte Jewels "Vertheidigung der anglikanischen Kirche" (1562), das wichtige Werk, welches deren Berechtigung aufs nachdrücklichste nachweist, seinen vollen Beifall. Er warnte Befreundete ernstlich, ja nicht um des Kirchenornates willen aus der Kirche zu treten. Hinwider ermahnte er (1566) den ihm persönlich bekannten Grafen von Bedford, der im geheimen Rathe der Königin war, sowie hochstehende Kirchenmänner kräftig daran zu arbeiten, daß die Ueberreste des Pabstthums aus der Kirche Englands weggeräumt werden, namentlich auch damit man nicht den unter dem Kreuze schmachtenden Nachbarkirchen Schottlands, Frankreichs und der Niederlande Anstoß gebe. So groß war Bullingers Ansehen, daß in mehreren Bisthümern die Geistlichen, namentlich die weniger geübten, deren Zahl damals sehr groß war, verpflichtet wurden, sich vornehmlich mit seinen Predigten vertraut zu machen und diese sich zum Muster zu nehmen. Bullinger sah sich dadurch auch veranlaßt, seine Predigten über den Propheten Daniel 1565 den fünf ihm am nächsten stehenden Bischöfen Englands zu widmen. Eine bedeuende Anzahl von Bullingers Schriften wurde ins Englische übersetzt.

Da nun ungeachtet aller Mäßigung immer neue Anschläge von Seiten der römisch Katholischen gegen die protestantische Beherrscherin Englands vorkamen und endlich der Pabst 1570 durch eine heimlich nach England eingeschleppte Bulle sie des Thrones verlustig erklärte und die Unterthanen vom Eide der Treue entband, woraus ernstliche Unruhen zu besorgen waren, verfaßte Bullinger auf Ansuchen englischer Bischöfe eine geharnischte Abfertigung der päbstlichen Bulle. "Aus der Geschichte zeige ich darin, schreibt er darüber an den Grafen Sayn, wie großes Unheil die Päbste von Gregor VII. an bis auf unsere Zeit über die Christenwelt gebracht haben durch Absetzen der Könige und Fürsten, durch Bannen, durch Entbinden der Unterthanen vom Eide der Treue. Das ist freilich ein Spiegel zum Entsetzen, darin alle Verständigen sehen können, wie sehr man sich vor den Päbsten und der Päbste abscheulichen und gottlosen Künsten zu hüten habe." Bullinger widmete seine Widerlegung der Bulle denen, die ihn dazu aufgefordert hatten, dem Erzbischof von Canterbury Grindal und

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den Bischöfen Cox und Jewel. Sehr anspruchlos meinte er, jeder von ihnen hätte die Sache besser abhandeln können, doch habe er sich ihrem Begehren nicht entziehen mögen. "Denn, sagt er, ich bin euch zu großem Danke verpflichtet, da ihr, ungeachtet des weiten Zwischenraumes, der uns von einander trennt (euch jenseits des Meeres in England und mich hie am Fuße der Alpen in der Schweiz), nichts desto weniger durch so häufige Briefe unsere vorlängst geschlossene Freundschaft und Bruderliebe so emsig pfleget und bewahret, ja in immer steigendem Maße fortsetzet." Zugleich bittet er sie, seine herzlichen Grüße ausrichten zu wollen an die theuren Brüder, die Bischöfe Horn, Sandys, Parkhurst und Pilkington, sowie an Aylmer, Sampson, Humphrey, Lever, Foxe und alle Uebrigen, die einst mit ihnen als Vertriebene in der Schweiz und in Deutschland lebten. - Bullinger empfing ihren wärmsten Dank für seine kräftige Widerlegung der Bulle; sie wurde sofort der Königin Elisabeth vorgelegt und mit ihrer Genehmigung in London gedruckt.

Noch sind drei hohe, glatte, silberne Becher (sogenannte Staufe) vorhanden, welche drei der einstigen Flüchlinge aus England, die Bischöfe Jewel, Horn und Parkhurst der Zürcher Kirche als Zeichen der Dankbarkeit übersandten, ebenso ein kunstreich gearbeiteter Pokal, den die Königin Elisabeth um der ihnen erwiesenen Gastfreundschaft willen durch Parkhurst (1560) Bullingern zukommen ließ mit lateinischer Aufschrift des Jnhalts:

Englands Flüchtlinge hegte die Zürcher Kirche so freundlich

Unter Maria's Szepter. Elisabeth fühlte dies dankvoll

Und hat Bullinger ehrend beschenkt mit diesem Pokale.

Doch verbat sich Bullinger in der Folge alle Geschenke auch von Privatpersonen, sobald er vernahm, daß Uebelwollende es mißdeuteten. "Denn ich sah Briefe euerer Neuerer, schreibt er an Grindal und Sandys, welche sagen, die Bischöfe schicken den Gelehrten Geschenke, um sie auf ihre Seite zu ziehen. So könnten sie auch uns und unsern Kirchendienst in übeln Ruf bringen; daher gilt hier das Wort des Apostels, I. Kor. 10, 23: Es ist mir wohl Alles erlaubt, aber es frommt nicht Alles!"

Unter denen, welche aus England an Bullinger schrieben, finden wir auch zwei Spanier. Der eine ist Francisco Enzinas (Dryander) aus Burgos, der Uebersetzer des neuen Testaments ins Spanische, der, Bullingern längst persönlich bekannt, ihm 1549 aus Cambrigde schreibt: "Leiblich bin ich freilich weit von dir entfernt, aber in der Gesinnung, in den Studien, in der religiösen Ueberzeugng bin ich wahrlich recht mit dir vereint." Der Andere Antonio Corrano aus Sevilla, schreibt ihm 1574 als Prediger der spanischen Gemeinde in London: "Jch gehöre zu denen, die aus deinen Schriften eine reinere Erkenntniß der christlichen Lehre geschöpft haben. Vor zwanzig Jahren bekam ich nämlich durch eine Fügung der göttlichen Vorsehung die günstige Gelegenheit, mich mit deinen Büchern abzugeben, indem sie mir von

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den spanischen Jnquisitoren selbst zugeschoben wurden; sie waren mir vom größten Nutzen; ich bin dir dafür zum innigsten Danke verpflichtet."

116. Bullingers Verkehr mit Jtalien und Jtalienern, auch mit Polen.

Jn zweierlei Beziehungen stand Bullinger zu Jtalien auch in diesem Zeitraum, einerseits in Beziehungen zum päbstlichen Jtalien, anderseits zu den evangelisch gesinnten und zu den freigeistigen Jtalienern. Eben um die Mitte des Jahrhunderts sah sich Bullinger von Rom aus verdammt. Beim Jahre 1550 bemerkt er in seinem Tagebuche: "Jn diesem Jahre sind Edikte an mich gesandt worden, erstlich aus Jtalien, wo der Gesandte des Pabstes in Venedig (mit Venedig stand Bullinger damals noch in häufigem Verkehr) durch einen gedruckten Erlaß mich und meine Schriften verdammte; sodann aus den Niederlanden, woselbst die Löwener Theologen und Carl V. selbst mich zugleich mit vielen Andern durch eine im Druck erschienene Bekanntmachung verdammte; fürs dritte aus Frankreich, woselbst die Pariser Theologen ebenfalls mich und meine Bücher verdammten, ihr Edikt ist in Paris gedruckt." Es war gerade die Zeit, da der Kaiser und Pabst im besten Einklang handelten. Jm Jahre 1552 erschien sodann in Florenz ein Ketzerverzeichniß, das auch die schweizerischen Geistlichen betraf; Bullinger erhielt es durch Vergerio; empört darüber, alle seine lieben Freunde, die nach seiner Ueberzeugung wahrhaft rechtgläubig und ächt katholisch waren, ungerechter Weise von dem "Gegner Christi zu Rom", dem herrschsüchtigen "Tyrannen" der Christenheit, darin als Ketzer gebrandmarkt zu sehen, schrieb Bullinger seine scharfen Anmerkungen zu dieser "schamlosen" Schrift und theilte sie Vergerio mit, der sogleich sich vornahm, sie heraus zu geben; wie er auch die Rede Bullingers italienisch heraus gab, worin dieser am Carlstage (28. Januar) 1551 darthat, "daß das tridentische Concil nicht angeordnet sei, um die Wahrheit aus der heiligen Schrift zu erforschen und ins Licht zu setzen, sondern um sie zu verkehren, dagegen die Jrrthümer der römischen Kirche zu befestigen." Mit welcher Entschiedenheit Bullinger daher die Seinigen von der Theilnahme an dem so beschaffenen und deshalb "unheilvollen" Concil abhielt und abmahnend nach Frankreich und England hin wirkte, ist oben berührt worden, ebenso, wie sehr er bedauerte, daß die Deutschen endlich hingingen, "um sich verdammen zu lassen." Es sträubte sich sein Jnnerstes gegen ein solches Concil, das mit so großen Ansprüchen veranstaltet worden, und auf dem nun statt einer Erfüllung all der schönen Hoffnungen, die man einst für das Heil der gesammten Kirche von einer freien, allgemeinen, christlichen Kirchenversammlung gehegt hatte, diejenigen ungerecht verdammt würden, welche nichts Anderes wollen, als der christlichen Wahrheit treu bleiben. Er schrieb darum auch (1561) sein bedeutendes Werk: "Von den

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Concilien." Hinwider war er unermüdet, für und für zu zeigen, "daß diese evangelische Kirche weder den Vorwurf der Ketzerei, noch den der Kirchenspaltung (Schisma) verdiene, sondern wahrhaft rechtgläubig und ächt katholisch (berechtigt) sei." Jmmerhin unterscheidet Bullinger sorgfältig zwischen der römischen Kirche, wie sie einst gewesen in alten Zeiten, und zwischen der römischen Kirche seines Zeitalters, und läßt jener gerne die Ehre, die ihr dem Evangelium gemäß gebührt[131]. Er versäumte aber auch nicht, gelegentlich einzelnen Würdenträgern der römischen Kirche, wie wir oben sahen, z.B. dem Cardinal dü Bellay, einem hervorragenden Diplomaten, der die zweite Hälfte seines Lebens meist in Rom verbrachte, sowie den Gesandten Frankreichs, den Unterschied zwischen der evangelischen Kirche und zwischen Ketzern, und die Ungerechtigkeit des gegen jene erhobenen Vorwurfs der Ketzerei nachdrücklich vorzuhalten.

Noch reichlicher finden wir Bullingers Beziehungen zum evangelischen Jtalien in dessen verschiedenen Abstufungen bis zu den äußersten Grenzen der Freigeisterei. Mit den italienischen Gemeinden Bündens in vielfachem Verkehr, unterließ er nicht außer der schon erwähnten locarnischen Gemeinde auch andere flüchtige Glaubensbrüder aus Jtalien aufzunehmen oder an Andere zu empfehlen, auch die ohne Leiter in ihrem Heimatlande zurück gebliebenen, deren Menge, wie ihm noch im November 1551 gemeldet wurde, ungeachtet der lange schon verschärften Jnquisition, mitten unter den Verfolgungen zunahm, hin und wieder zur Standhaftigkeit zu ermahnen und aufzurichten, zum Beispiel im Juli 1553 die in Cremona.

Es war dies um so wünschbarer und nöthiger, da, wie früher bemerkt, bei einer großen Zahl evangelisch gesinnter Jtaliener bedenkliche Schwankungen in Rücksicht der Glaubenslehren vorkamen, längst in Jtalien eine mit vorwiegend zersetzender Verstandesschärfe das Gegebene auflösende Weltweisheit um sich gegriffen hatte. So meldet Bullinger im März 1551 seinem Calvin: "Jn Padua (die Universität-Stadt im Venetianischen) taucht wieder die schreckliche ebionitische Ketzerei auf; Jesus Christus, lehren sie, sei aus dem verderblichen Samen Josephs geboren. Um dies zu bewähren, negiren sie einen guten Theil der Evangelien. Dies schmerzt mich sehr. Möge der Herr die Aergernisse hinweg thun!" Auch unter denen, die sich zur Kirche hielten, fand Bullinger Manches zu berichtigen. Wie er seiner Zeit Camillo Renato zu belehren im Falle war, so mußte er auch dessen einstigem Freunde Curioni, der seit 1546 in Basel Professor war, wiederholt empfehlen, sich ans Einfache zu halten in Rücksicht der christlichen Lehre. Curioni's Meinung, Vieles sei in der Theologie bisanhin nicht genug aufgehellt, ließ er ihm

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rücksichtlich der eigentlichen Heilslehre nicht gelten. "Mir ist's eine ausgemachte Sache, schreibt er ihm (1553), was wahrhaft zum Heile dient, ist durch Gottes Gnade bereits aufgehellt und genugsam dargelegt." Jndeß will Bullinger die Prophetie nicht verkürzt oder ausgelöscht wissen. "Denn alle Zeiten und Zeitalter haben ihre besondern Krankheitszustände und ihre besonderen Aufgaben, welche die göttliche Prophetie heilt und löst." Für einen süßen Traum dagegen erklärt Bullinger Curioni's Meinung von einer mittleren Ankunft Christi, wo durch die Könige der Antichrist solle weggethan werden.

Besonders beachtenswerth ist aber in dieser Hinsicht Bullingers Verhältniß zu Lelio Sozzini aus Siena, der einer vornehmen, durch Rechtsgelehrsamkeit hervorragenden Familie entsprossen, im Alter von zwei und zwanzig Jahren sein Heimatland verließ, in Chiavenna die Bekanntschaft Camillo's machte, der nicht ohne Einfluß auf ihn sein mochte, und 1548 über die Alpen kam, durch Niklaus Maier, der vom Herzoge Württembergs abgeordnet sich in Bologna aufhielt, den schweizerischen Kirchen empohlen als ein sehr frommer und gelehrter Mann, der um des Glaubens an Christum willen im Ausland weile. Nachdem er die Schweiz, England, die Niederlande und Frankreich bereist, kam er über Genf nach Zürich und nahm hier seinen bleibenden Aufenthalt, der inzwischen durch kürzere oder längere Reisen, wie nach Wittenberg, nach Polen und Jtalien wiederholt unterbrochen wurde. Es war nicht seine Art, mit kecken Behauptungen aufzutreten gleich einem Servede und dieselben der Welt zu verkündigen, vielmehr legte er, immerfort mit religiösen Zweifeln beschäftigt und von ungestilltem Wissensdurste umgetrieben, lieber seine Fragen einzelnen Männern vor, von denen er einsichtige Beantwortung zu erlangen hoffte. Daher behandelte Bullinger ihn auch ganz anders, als jene selbstgefälligen und trotzigen Verführer der Schwachen, zumal Sozzini sich als einen durchaus ehrenwerthen, liebenswürdigen, feingebildeten Jüngling erzeigte, treu, dankbar, gemüthlich, anhänglich und von seinen ausgezeichneten Talenten, seinem durchdringenden Verstande, seinem klaren Blicke in alle weltlichen Geschäfte, seiner Leichtigkeit, sich in Verhältnissen jeder Art zurecht zu finden, sich Großes erwarten ließ für die Förderung des Evangeliums in Jtalien. An Bullinger, den vielerfahrenen, festen und dabei gegen Jüngere so wohlwollenden Mann, schloß er sich mit besonderem Vertrauen an. Er übertrug Bullingers in Jtalien so sehr geschätzte Schrift "vom Ursprung des Jrrthums in der römischen Kirche" ins Jtalienische. Seine Zweifel anlangend, die bald die Taufe betrafen, bald das Abendmal, ähnlich wie bei Camillo, dann wieder die Auferstehung des Fleisches, die Busse, die Gottheit Christi, das Verhältniß des heiligen Geistes usw., wies ihn Bullinger bisweilen gerne an Andere in und außer Zürich, auch an den geistesscharfen Calvin, bisweilen ertheilte er selbst ihm Antwort, z.B. im Februar 1552 schriftlich auf die Frage, "aus welchem Grunde Jesus seinen Jüngern verboten habe

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zu sagen, daß er der Christus sei." Doch ließ er es dabei nicht an freundlich ernster Warnung fehlen. "Da ich dich liebe, mein Bruder, sind seine denkwürdigen Worte, und dir nichts anderes wünsche, als daß du möchtest als mein bester und aufrichtigster Freund aufs beste berathen sein, füge ich dieser meiner Beantwortung noch etwelche Erinnerungen bei und zweifle nicht daran, du werdest diese Freiheit, die ich mir treuen und aufrichtigen Sinnes erlaube, gut aufnehmen. Jch sehe wohl, daß du mit großem Eifer das Studium der heil. Schrift und unserer Heilslehre betreibst, aber darüber zugleich grübelst, da du fortwährend so viele verwickelte Fragen dir aussinnest und ausspinnest und dann begehrst, man solle sie dir nun lösen. Jch lobe jenen brennenden Eifer in Hinsicht der so heilig ernsten Sache. Jch erkenne darin eine vorzügliche Gabe und Wohlthat Gottes gegen sich. Andere gehen an die Höfe der Fürsten und ergeben sich den Wollüsten, so daß sie endlich qualvoll verfaulen und lebendig Leichen ähnlich sehen. Du hättest ja die schönste Gelegenheit, dich in jenen Kreisen umzuthun, ziehst aber, durch die Rechte Gottes erhoben, es vor, auf Wanderungen durch Unterredungen und durch Fragen, gelegene und ungelegene, zu lernen, um zu einem festen Glauben zu gelangen, dir inzwischen wegen des Studiums über religiöse Dinge den süßen Umgang mit lieben Eltern zu versagen, kurz deinen Neigungen zu leben. Allein ein Maß verlange ich selbst in der besten Sache und so auch hierin. Die Lernbegierde lob' ich mir, welche Alles auf das bestimmte Ziel unseres wahren und ewigen Heiles bezieht, die sich sättigen läßt, die zuweilen ein wenig ruht, ja recht gelassen ausruht bei dem, was sie lange gelernt hat. Unsere Religion ist nicht grenzenlos, sondern hat ihre bestimmte Fassung. Recht erfaßt reicht sie hin, den richtigen und einfachen Sinn der Schrift zu verstehen. Nichts Fremdartiges läßt sie zu. Alles bezieht sie auf die Frömmigkeit. Sie kümmert sich nicht um mancherlei und verwickelte Fragen. Die lobt der Apostel nicht, die immer lernen und nie zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen (II. Tim. 3, 7.), in der sie ruhen möchten. Deshalb ermahne ich dich, mein lieber und werthgeschätzter Lelio, dir hierin Zügel, Maß und Ziel zu setzen. Das Ende (Ziel) des Gesetzes ist Christus zur Rechtfertigung für jeden, der an ihn glaubt; Christum aber hast du kennen gelernt und hast inne und weißt, daß du Alles, was Leben ist, ja deine Vollendung in ihm hast. Daß du in ihm feststehest und bestehest, beschwör' ich dich. Es ist eben die Theologie zwar freilich eine Wissenschaft (etwas Theoretisches), allein doch noch mehr etwas Praktisches. Glaube, hoffe, liebe, harr' aus, bete, daß du das könnest, damit du vor allem Unheil bewahrt bleibest. Die Streitfragen sammt all dem Hin- und Herreden überlaß denen, die es mehr ergötzt, glänzend zu lernen, als einfältigen Sinnes bei den Worten des Herrn zu ruhen und gottselig zu leben. Verschmäh doch ja diesen meinen Rath nicht; bin ich doch nicht der Erste, der dir dies vorhält." Am Schlusse fügt Bullinger noch aus Tertullian eine treffende Stelle zur Bekräftigung des Gesagten bei. So tief hatte Bullingers Liebe in die ruhelos ringende Seele Sozzini's

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hinein geschaut; in dieser Stelle läßt er uns bereits das ganze Unglück seines Lebens ahnen.

Allmälig fing man an, da und dort Sozzini's vielgestaltige Fragen nur als eine gefällige Form zu betrachten, unter der er verderbliche Jrrlehren zu begünstigen und die Kirche zu trüben suche, zumal er sich auf seinen Reisen nicht immer mit derselben Behutsamkeit ausdrücke, auch nicht überall nachsichtig beurtheilt ward. Jm Herbste und gegen Ende des Jahres 1554 erhielt Bullinger deshalb von Genf aus durch den Grafen Martinengo und Calvin ernste Winke, vor ihm auf der Hut zu sein, indem er ähnliches Gift in sich berge wie Servede; sodann kamen eben solche Warnungen von Basel, von Chur, endlich gelangte 1555 von Poschiavo im italienischen Bünden, wo man allerdings in das innere Getriebe des freigeistigen Jtaliens am tiefsten und sichersten hinein schauen konnte, von dem trefflichen Giulio Milanese die bestimmte Nachricht an Bullinger, Sozzini neige sich zu den Wiedertäufern und zu Servede's Anhängern; damit war eine dringende Mahnung zu pflichtmäßiger Wachsamkeit verbunden. Hatte Bullinger anfangs Calvin geantwortet, er setze dem Vorwitz Sozzini's so viel als möglich Schranken, so mußte er nunmehr die Sache genauer untersuchen, um sich von des Beklagten Schuld oder Unschuld zu überzeugen. Sozzini's Ehre und Jnteresse forderte es nicht weniger als seine eigene Stellung, ebenso die Rücksicht auf die erst im Mai 1555 in Zürich aufgenommene italienische Gemeinde.

Es ist aber höchst bemerkenswerth und ganz bezeichnend für Bullinger, mit welcher Umsicht und mit welchem Zartgefühl für beide Theile er dabei verfuhr. Ohne Aufsehen zu erregen, beschied er Sozzini zu sich, las ihm ohne Nennung der Namen die erhaltenen Briefe vor und forderte ihn auf, sich frei und offen über seinen Glauben zu erklären. Sozzini that es zuerst mündlich, dann auf Bullingers Wunsch auch schriftlich. Er erklärt, er fliehe die Jrrthümer der Wiedertäufer, verabscheue Servede's Lehre und alle derartigen Lehren, stimme mit der rechtgläubigen (orthodoxen), katholischen und mit der zürcherischen Kirche überein, genieße deshalb auch mit dieser das heilige, geheimnißvolle (mystische) Mal des Herrn, wenn er auch für seine Person eine einfachere, bloß biblische Ausdrucksweise der in der Kirche gangbaren vorzöge. Er behält sich das Recht bescheidener und ehrerbietiger Forschung vor; will aber ruhig für sich leben, sucht niemanden etwas beizubringen. Bescheiden bittet er Bullinger, "er möge mit ihm beten, daß er nicht immer ein Knabe bleibe, sondern heraus komme aus seinem Schwanken und, die Wahrheit in Liebe festhaltend, recht gefördert werde."

Bullinger würdigte sein Bekenntniß einer genauen Durchsicht, schlug ihm etliche Verbesserungen vor, suchte ihn über Einiges näher zu belehren, wie über den Sinn, die Unentbehrlichkeit, die Entstehung der berührten kirchlichen Ausdrücke und die Schriftgemäßheit der dadurch bezeichneten Begriffe. Da Sozzini auch über die Bestrafung der Ketzer im Hinblick auf Servede's Ende

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sich geäußert, so sagte er ihm darüber seine entschiedene Meinung, die oben (Kap. 142) mitgetheilt worden. Endlich erinnert er ihn an dasjenige, was er schon früher (1552) ihm über die nothwendigen Schranken der Schriftforschung und des Fragens in Glaubenssachen geschrieben habe. Man verwehre ihm die Freiheit bescheidenen Fragens keineswegs; aber eben so wenig könne man es gutheißen, wenn er oder ein Anderer seine anstößigen Gedanken oder "Fühler" überall und rücksichtlos ausstreue, ja dieselben unter Streit und Hader verfechte. Leicht werde auf diese Weise ein verderblicher Funke in ein argloses Herz geschleudert und es wäre ja besser, in der Tiefe des Meeres umzukommen, als Einen dieser Kleinen zu ärgern. Solche Zweifel und Anfechtungen eines zerrissenen Gemüthes sollte man nur denen offenbaren, welche sie zu heben im Stande sind; dann gezieme es sich aber auch, ihren Belehrungen Gehör zu geben und nicht immer in demselben Schlamme stecken zu bleiben und sich mit den gleichen Fragen stets aufs neue zu schleppen. Ungeachtet dieser ernsten Warnungen verhieß ihm Bullinger, sein Bestes zu thun zur Beseitigung der üblen Nachrede und des Verdachtes, sowie zur Herstellung von Friede und Freundschaft.

Bullinger erfüllte dies Versprechen treulich; er schrieb einläßlich darüber an Giulio Milanese, ließ Sozzini weiterhin unangefochten in Zürich weilen, förderte ihn auch späterhin auf alle Weise. Als Sozzini 1558 wünschte, mit möglichst einflußreichen Empfehlungen nach Jtalien zu reisen, schrieb Bullinger an Calvin deshalb, empfahl ihn seinem Freunde Laski nach Polen, wohin Sozzini sich zuvörderst verfügte, als trefflich geeignet zur staatsmännischen Laufbahn im Dienste bei irgend einem Fürsten. Doch statt der glänzenden Aussichten, die sich Sozzini damals in seiner Heimath zu eröffnen schienen, fand er seine Anverwandten zersprengt, oder in den Kerkern der Jnquisition, und sein Vermögen von dieser unerbittlich eingezogen. Stille verbrachte er seine letzten Jahre in Zürich; er starb im Frühling 1562, sieben und dreißig Jahre alt. Sein Leben war thatenlos geblieben; er hatte trotz Bullingers väterlicher Warnung seine Kraft in Erörterungen verschwendet, denen er doch nicht gewachsen war, für die er auch keinen wahren inneren Beruf hatte. Es war Gottes Zulassung, daß was er in der Stille schrieb, von seinem Neffen, dem bekannten Fausto Sozzini, überarbeitet und so das scharfsinnig ausgedachte Gebäude in seiner Haltlosigkeit und Unzulänglichkeit der Welt kund ward erst lange nach Bullingers Tagen.

Sehen wir Bullinger so väterlich milde gegen den bescheidenen Zweifler, so tritt er dagegen ganz anders auf gegen jene kecken Geister Jtaliens, zumeist Aerzte, Rechtsgelehrte, Sprachkundige, welche gestützt auf jene zersetzende Weltweisheit, deren Sitz zunächst Padua war, in selbstvermessener Einbildung über die obersten theologischen Fragen absprachen, insbesondere die christliche Gotteslehre (ihre Tiefe kaum ahnend) antasteten, ohne eine höhere Lösung geben zu können, aber nichts desto weniger das bunte Gewirre ihrer

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widerstreitenden Meinungen, großentheils Servede's Fußtapfen nachtretend, wie etwas Ausgemachtes der Kirche aufdringen wollten. Nicht nur an den Grenzen Jtaliens, woselbst Genf, Zürich und Bünden ihnen am meisten bloß gestellt war, hatte Bullinger wider sie Stand zu halten und für ihre Niederhaltung zu wachen, sondern namentlich auch mit Rücksicht auf Polen. Polen nämlich, woselbst die reformirte Lehre schon lange ihre Anhänger hatte, besonders seit 1555 aber die Reformation einen mächtigen Aufschwung nahm, so daß die ganze Nation, König, Adel und Volk, im Begriffe zu stehen schien, sich ihr völlig zuzuwenden, war das Land, wo diese freigeistigen Jtaliener bei der Schwäche des Königs, der Selbstherrlichkeit des Adels, und dem gutmüthigen, leichtbeweglichen Volkscharakter den offensten Spielraum fanden und das sie namentlich seit 1558 sich zu ihrem Tummelplatz ersahen, da von dieser Zeit an in Genf, wo Calvin sie so lange trug und zurecht wies, ihres Bleibens nicht mehr war. Da der ausgezeichnet gewandte Arzt Biandrata, ein Edelmann aus Saluzzo, Lust zeigte, sich nun in Zürich festzusetzen, war es Bullinger, der, treu besorgt für die ihm so sehr am Herzen liegende italienische Gemeinde, ihm, nachdem seine schlau verhüllte Lästerung entdeckt war, aufs nachdrücklichste verdeutete, daß hier nicht der Platz für ihn sei, und dabei mit der Versicherung aus seinem Hause entließ: "in keinem Jahrhunderte habe irgend jemand ungestraft sich Christo entgegen gestemmt." Wüthend und unter Drohungen entfernte sich Biandrata. Bullinger unterließ nicht, seine Freunde in Polen, woselbst Biandrata Leibarzt der Königin (sowie in Siebenbürgen Leibarzt ihrer Tochter) und ein auch in politischen Dingen einflußreicher Mann gewesen und nun aufs neue selbst bei treuen Bekennern des lauteren Evangeliums sich einzuschmeicheln wußte, mit seiner wahren Sinnesart genau bekannt zu machen. Als es Biandrata gelungen war, selbst den großen Beförderer der Reformation, Fürst Nikolaus Radziwill, Schwager des Königs, Großmarschall und Erzkanzler von Lithauen, Palatin von Wilna, für sich einzunehmen, und er diesem vorgab, ein bloßes Mißverständniß habe Calvin gegen ihn aufgebracht, enthüllte Bullinger dem Fürsten, der sich (1561) durch einen Abgeordneten an ihn wandte, das Trugspiel dieses Vorgebens mit völliger Klarheit und warnte mit weiser Umsicht vor falschem Frieden.

Was für Polen so verhängnißvoll ward und den Jtalienern den Zutritt so sehr erleichterte, war die Umgebung der seit 1548 verwittweten Königin Bona Sforza, deren Tochter Jsabella an den Fürsten von Siebenbürgen vermählt war. Schon im März 1555 erschien ihr Beichtvater, der Franziscaner Lismanini, als Abgeordneter des Hofes in Zürich, damals, wie es schien, dem schlichten Evangelium aufrichtig ergeben. Nachdem er in Genf offen zum Protestantismus übergetreten war und sich vermählt, dadurch aber die Heimath für eine Zeit lang sich verschlossen hatte, sandte Bullinger bei seiner Zurückberufung (1556) durch ihn ein anregendes Schreiben an den König

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Sigismund August, sowie an eine Reihe von Reichsmagnaten und Kirchenmännern. Dem Prediger von Pinczow, woselbst unter dem mächtigen Olesnicki ein Hauptsitz des Protestantismus war, beantwortete er eine Reihe wichtiger Fragen über die Lehre vom Gottessohn, wobei er ihm seinen tiefsten Abscheu vor Servede bezeugt. Jn einem trefflichen Schreiben der zürcherischen Geistlichkeit an Felix Cruciger und die Prediger sowie den Adel seiner Umgebung legt er den Polen aufs dringendste ans Herz die höchst wichtige Errichtung und Pflege christlicher Schulen, um eine nationale evangelische Geistlichkeit durch Gottes Wort und zugleich durch christliche Zucht und Sitte heran zu bilden. Jn gleicher Absicht wurden auch späterhin die genauesten Beschreibungen der zürcherischen Schulen den polnischen Freunden mitgetheilt[132].

Als sodann Bullingers theurer Freund Laski im December 1556 in sein Heimathland zurück kehrte, voll Eifers, der Reformation zum entscheidenden Siege zu verhelfen, hatte Bullinger neuen Anlaß und Antrieb zu warnen, zu mahnen und zu rathen, damit das lautere Evangelium daselbst gefördert werde. Bei der Verschiedenheit der Meinungen unter den evangelisch Gesinnten in Polen räth er, sich einfach an die alten kirchlichen Bekenntnisse zu halten. Er findet sich bewogen, Vergerio, der mehrmals Polen bereiste, darüber ernste Vorstellungen zu machen, daß er dort mehr für das lutherische Bekenntniß arbeite, als für das Evangelium Christi. Auf den Wunsch seiner polnischen Freunde widmete Bullinger 1558 seine "Festpredigten" dem für Zürich sehr günstig gestimmten Fürsten Radziwill, für dessen Art und Gesinnung bezeichnend ist, daß er einst den Nuntius, als dieser die würdigsten Reformatoren Ketzer schalt, darauf hinwies, daß weit eher er selbst als Römling ein solcher sei. Ebenso richtete Bullinger kräftige Ermunterungsschreiben zu muthiger Förderung des Evangeliums an den ruhmbedeckten Kronfeldherrn, Grafen von Tarnow, Statthalter von Krakau, an den einflußreichen Grafen von Ostrorog, an den wahrhaft edeln Kastellan Bonar und an Chelmski, sowie namentlich an den Bischof von Cujavien, Uchanski, nachherigen Erzbischof von Gnesen und Primas, den er dringend mahnte, daß er das Zeitliche aufgebe, Bisthum und Pabstthum, und offen das Evangelium bekenne. Bullinger hatte die Freude, daß diese Männer in der That auf dem Reichstage zu Petrikau, 1559, eifrig für die Reform sich aussprachen. Er durfte (1559) gegen Utenhofen, der eben aus Polen nach England reiste, die Hoffnung aussprechen, in "Polen und England werde das Reich Christi gebaut werden, wenn auch unter Stürmen, wie zu der Apostel Zeiten." Auch nach dem Hinschiede Laski's, 1560, der ihn schmerzlich bewegte, schreibt er an Radziwill unverzagt: "Wohl ist Laski todt, aber noch lebt Christus, die

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unüberwindliche Wahrheit!" und ermuntert ihn darum zum kühnen Vorwärtsschreiten.

Jmmer und immer wieder muß er aber vor den grundverderblichen Jrrlehrern warnen, die es merkwürdig verstehen, bei Großen und bei Gelehrten sich einzuschmeicheln, die schon damit groß thun, in Polen werden sie einen festen und sicheren Sitz haben, und prahlerisch verkündigen, in Kurzem sollen in Polen noch viel reinere Kirchen erstehen als in Deutschland, Frankreich und England. Gerne unterstützte er den trefflichen Stanislaus Sarnicki, der die Seele des Widerstandes war gegen all jenes Unheil. - Was Bullinger hierin für Polen that, gereichte auch den Protestanten Ungarns zum Heile, wie diese dankbar anerkannten; auch sie wandten sich wiederholt um Rath und Trost an ihn.

Auf die dringenden Bitten des polnischen Predigers Christoph Thretius, der an die reformirten Schweizer Kirchen und an die deutschen Universitäten abgeordnet war, verfaßte Bullingers Schwiegersohn, Josias Simmler, 1568 sein Werk "von dem ewigen Sohne Gottes," und Bullinger selbst führte es durch eine reichhaltige Vorrede ein. Jn dieser vertheidigt er die reformirte, insbesondere die zürcherische Kirche gegen die Vorwürfe eines von ihm nicht genannten römisch-katholischen Polen, des jesuitisch gesinnten Cardinals Hosius, namentlich gegen den Vorwurf, als ob die Läugner der göttlichen Dreieinigkeit ächte Kinder der Reformation wären und nur das von dieser aufgestellte ausschließliche Ansehen der heiligen Schrift ganz folgerichtig durchgeführt hätten zu übermüthiger Verachtung und Verwerfung des christlichen Alterthums und aller nicht biblischen Begriffe und Ausdrücke. Bullinger erklärt sich aufs nachdrücklichste gegen diesen Vorwurf der Verwerfung des alt Kirchlichen; auch in der reformirten Kirche werde den Beschlüssen der Kirchenversammlungen sowie den Aussprüchen der Kirchenväter, soweit sie mit der Schrift überein stimmen, verdiente Achtung gezollt und der Widerwille jener Bestreiter der Dreieinigkeit gegen Ausdrücke, die zwar nicht wörtlich, wohl aber dem Begrife nach in der heiligen Schrift enthalten seien, dürfe keineswegs als Folgerung aus dem protestantischen Grundsatze betrachtet werden, sondern sei nichts Anderes als öder Buchstabendienst. (Er beruft sich dabei auf das, was er schon 1544 einem andern Vorfechter der römischen Kirchenlehre, Cochläus, in Betreff des Ansehens der heiligen Schrift geantwortet hatte.) So finden wir hier die Autorität der Bibel von Bullinger mit wahrhaft protestantischer Kraft und Freiheit geschirmt.

Oefters bekam Bullinger auch Besuche von polnischen Glaubensbrüdern, welche über kirchliche Angelegenheiten bei ihm Rath suchten; so besprach sich 1566 der Fürst Niklaus Radziwill mit ihm bei Anlaß einer Reise nach Jtalien. Mit dem Reichsgrafen Kiska aus Lithauen, der 1564 sechs Monate in Zürich verbrachte, stand er auf ganz vertraulichem Fuße. Polnische Große anvertrauten ihm gerne ihre Söhne während ihrer Bildungszeit; ihrem Wunsche

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entsprechend nahm er mehrmals solche in sein Haus auf; beim Abschiede suchten sie damaliger Sitte gemäß etwa durch Schenkung eines Pokals ihre Dankbarkeit auszudrücken. Wie klar übrigens Bullinger den Zustand Polens durchschaute, zeigt, was er 1573 an den Grafen von Sayn schreibt: "der Herzog von Anjou sei nun freilich zum König von Polen gewählt, werde aber dort nichts weiter sein als der Knecht der Knechte." Polens damals noch glänzendes Elend könnte wohl kaum kürzer bezeichnet werden.

Noch ein weiterer Blick in die Ferne war Bullingern vergönnt, der uns andeutet, wie weithin die Regungen der Reformation sich damals erstreckten. Aus Polen erhielt er (1557) die frohe Kunde, selbst Rußland begehre nach dem Worte Gottes, Mönche aus Moskau seien gekommen, das lautere Evangelium zu hören. "Diese Nachricht, schreibt er zurück, hat uns recht gemahnt an jenes Wort (Matth. 24, 14.):Und es wird gepredigt werden das Evangelium vom Reiche in der ganzen Welt, und dann wird das Ende kommen!" Das Antwortschreiben der Zürcher Geistlichen von 1560 auf die an sie ergangenen Anfragen ist daher "an alle gläubigen Kirchendiener in Polen und Rußland" gerichtet, eben so Bullingers Vorrede zu Simmlers Werk von 1568 "an den Adel und die evangelischen Geistlichen in Polen, Lithauen und Rußland, sowie in Ungarn und Siebenbürgen."

117. Bullingers fortgesetzter Verkehr mit Deutschland, zumal mit Straßburg, Friesland, Württemberg.

Kehren wir nochmals zu Bullingers mannigfaltigem Verkehr mit Deutschland zurück. Wie Manches darüber schon oben vorgekommen bei den Verhandlungen über Lehrentwicklung, so ist doch Einiges hier noch zu erwähnen, da Bullinger Deutschlands Geschicken stets mit der lebhaftesten Theilnahme folgte. Wohl war es für ihn nach der Unterwerfung der Protestanten eine Zeit lang fast ein verschlossenes Land, aber doch nicht ganz. Noch drangen seine Ermunterungen zum Standhalten ins Elsaß, in die Herrschaften des ihm so nahe stehenden, damals flüchtigen Grafen Georg. Zu den namhaftesten Zeugnissen seiner Kraft und Liebe gehört auch die mannhafte Ermahnung zu entschiedenem Widerstand und zu treuem Festhalten am unverfälschten Glauben und Gottesdienste, die er 1549 an die evangelische Gemeinde zu Emden in Ostfriesland ergehen ließ, als diese in Laski's Abwesenheit ihn um Rath angegangen hatte betreffend ihr Verhalten gegenüber dem Jnterim. Auch später bestärkte er sie. Doch schreibt er schon 1549 überhaupt an Calvin, über das Jnterim sei wohl viel geschrieben: "An denen aber, die zu Grunde gehen wollen, ist alles Schreiben, Warnen, Sagen, Rathen umsonst. Der Bauch hat weder Augen noch Ohren." Hinwieder ermuntert er (1550) seinen theuren Freund Erb mitten unter anhaltenden großen Gefahren zur muthigen Ausdauer: "Denn je mehr der äußere Mensch verwest, desto mehr wächst der Geist und wird

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kräftig, entgegen athmend der künftigen Herrlichkeit." Der "zweite deutsche Krieg," wie Bullinger sich 1552 ausdrückt, ängstigte ihn anfangs sehr; er bedauerte Deutschlands vielfältiges Elend, doch wunderte er sich auch nicht, "daß für so verzweifelte Krankheiten der Herr solche Mittel anwende." Um so mehr freute er sich des glücklichen Ausgangs, besonders als ihm der Landgraf Philipp von Hessen (im December 1552) selbst meldete, er sei befreit und nie sei er vom Glauben abgefallen.

Nun konnte Bullinger (1553) seinen ältesten Sohn Heinrich nach Deutschland senden, namentlich auf die Hochschulen Straßburg und Wittenberg, und bei diesem Anlasse manche frühere Freundschaftsbande aufs neue anknüpfen z.B. mit straßburgischen Theologen, mit Hyperius in Marburg, der ihn sehr hoch schätzte, dem er seinen Sohn Heinrich zuzusenden wünschte, wovon nur die Pest ihn abhielt, und bei dem er später seinen Sohn Rudolph studieren ließ, ferner mit Melanchthon und andern Wittenbergern, mit Chyträus in Rostock usw. Wie Bullinger der Gräfin Anna von Ostfriesland 1554 so herzlich dankte für ihre menschenfreundliche Aufnahme der evangelischen Flüchtlinge aus England, ist oben erwähnt worden. Er unterließ nicht, dem Prediger derselben Micronius auch fernerhin mit Rath und Trost beizustehen in den Kämpfen, welche dieser besonders mit Wiedertäufern, mit Menno namentlich, zu bestehen hatte.

Auch eine bemerkenswerthe Annäherung an Brenz in Württemberg fällt in diese Zeit, die oben übergangen wurde, um den Gang der confessionellen Entwicklung nicht zu unterbrechen. Als Vergerio im Sommer 1553 dorthin abging, auf seinen Wunsch von Bullinger mit einem Empfehlungsschreiben an Brenz versehen, begleitete ihn Josias Simmler, Bullingers Schwiegersohn, um durch eigene Anschauung den Zustand der schwäbischen Kirchen kennen zu lernen. Brenz nahm Bullingers Schreiben gut auf und versicherte diesen in seiner Antwort, daß er ihn seines Eifers und seiner Schriften wegen hoch schätze und sich gefreut habe, seinen Schwiegersohn kennen zu lernen; er versprach, dem von Bullinger empfohlenen Vergerio zu zeigen, daß bei ihnen (in Schwaben) wirklich sei, was sie bekennen, der Eifer christlicher Liebe; er bittet Bullinger, daß er und seine Amtsbrüder ihn und die schwäbischen Gemeinden Gott in ihrem Gebete empfehlen; er und die Seinigen thun es hinwieder. Wiewohl Simmler schon damals Brenz mit Scharfblick beurtheilte, finden wir Bullinger hocherfreut; er erwiedert Brenz's Brief auf solche Weise, daß sich wohl erkennen läßt, wie gerne er sich über die Gegensätze erheben mochte. "Seit vielen Jahren, schreibt er ihm, habe ich dich von Herzen geliebt[133] und deine Schriften gerne und nicht ohne Nutzen gebraucht. Jch wünschte daher mit dir in Freundschaft zu kommen. Weil wir aber in Einigem nicht derselben Meinung folgen, fürchtete ich immer, meine

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Schriftwerke wären dir nicht genehm. Jetzt aber, da ich höre und spüre, daß du meine Freundschaft nicht verschmähst, will ich deine Freundlichkeit fortan gerne durch öfteres Schreiben erwiedern. Wir wollen uns lieben ob wir auch in etwas Wenigem verschieden denken, ja, sage ich, wir wollen uns gegenseitig lieben; denn Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott. Fürwahr wir haben gemeinsame Feinde, solche, gegen die wir kämpfen müssen, Christi Feinde und Sectirer, die täglich neue Lehren aufbringen. Gott wird uns, wofern wir gegenseitig mit aufrichtiger Liebe uns im Herrn lieb haben, gewiß verleihen, daß wir auch in jenen wenigen Punkten uns gegenseitig besser verstehen. Viel ist schon an wahrer Eintracht gewonnen, wenn man allen Groll und Verdacht bei Seite setzt, ein gutes Zutrauen zu einander faßt, und in welchselseitiger Liebe sich in freundschaftlichen Briefen bespricht. Jch und meine Amtsbrüder hören nicht auf, euch und eure Kirche Gott im Gebete anzubefehlen. Es schmerzt uns herzlich, wenn euch etwas Widriges zustößt. Wir vertrauen darauf, auch ihr seiet so gegen uns gesinnt und gegen unsere Kirchen. Wohl dringen gewaltige Uebel auf die unserer Obsorge anvertrauten Kirchen ein; wofern wir aber einander gegenseitig rathen und helfen, werden wir sie durch Christum abwehren können. Laßt uns daher wachen und beten und unsere Pflicht thun!"

"Jch sende dir hier zwei Predigten über das Abendmal, die ich neulich herausgab; ich hoffe, sie werden dir nicht so übel gefallen. Jch lege dir bei: den Consensus der genferischen Kirche mit der unsrigen in Betreff dieses Punktes, da ich von meinem Schwiegersohne (Simmler) vernommen, du wünschest ihn und habest ihn nie gesehen. Jch wünsche dir mit Größerem dienen zu können; bediene dich nur meiner Beihülfe."

"Wie tief, fügt Bullinger am Schlusse bei, schmerzt mich Deutschlands Zerrüttung! O Gott verschone dein Volk! Laß uns, mein verehrter Brenz, so viel an uns liegt, auf Glauben und Buße dringen, inbrünstig Gott anflehen und dazu Alle auffordern, ob er etwa sich unser erbarme und wahren Frieden gebe. Heftige Kopfschmerzen hindern mich, mehr zu schreiben; ich habe so eben an Vergerio geschrieben; laß dir meinen Brief an ihn mittheilen."

Es ist bereits erwähnt worden, wie schon nach fünf Jahren die Reformirten in Württemberg verdammt und verbannt wurden, und seit 1561 Bullinger sich von Brenz heftig angegriffen sah. Der Stuttgarter Pfarrer Wilhelm Bidenbach gab 1570 Brenz's äußerst feindseliges "Testament" mit giftigen Beisätzen heraus; daß er sich dann im Wahnsinn im Kloster Bebenhausen aus dem Fenster eines Thurmes zu Tode stürzte, erwähnt Bullinger in seinem Tagebuche, ohne ein Wort beizufügen. An Graf Sayn schreibt er aber mit Bezug auf jenes "Testament": "Jch möchte nicht solche Spuren hinterlassen, woraus jedermann entnehmen müßte, ich habe im Tode nicht die Gesinnung gehabt, welche die Frommen haben, fern von Ränken, Neid, Schmähung, Schimpf, Ungerechtigkeit und Zerwürfniß. Vielleicht werden wir

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nothgedrungen mit Gottes Hülfe etwas antworten in Bezug auf die Sache, nicht die Person. Denn wer möchte mit Verstorbenen streiten? Uns ist's genug, wenn wir durch unsere Antwort unsere Unschuld darthun, das Uebrige übergeben wir Gott. Gott weiß, daß wir wider Willen auf den Kampfplatz gezogen werden." Jndeß wurde Bullingern von dieser Seite keine Ruhe gelassen; Andreä war es, der den Kampf aufs kränkendste fortführte, sich marktschreierisch rühmend: "Hier steht der Mann, der den Zwinglischen recht zur Ader lassen kann," was freilich geeignet war, ihn entsprechendem Spotte auszusetzen. Auch die hohen Titel, mit denen er geschmückt war, machten auf Bullinger und die Seinigen durchaus keinen günstigen Eindruck. Bullinger hätte als Siebziger, wie er selbst sagt, lieber der Polemik mögen überhoben sein. Jndessen traten die Seinigen aufs bereitwilligste mit ihm und für ihn ein.

118. Fortsetzung. Thamer. Die Exkommunication in der Pfalz. Graf Sayn.

Ein eigenthümlicher Fall, der etwas näherer Beachtung werth ist, kam wenige Monate nach der Befreiung des Landgrafen Philipp vor. Jm Mai 1553 sandte er Bullingern seinen vormaligen Hofprediger Theobald Thamer zu, der (gebürtig aus dem Elsaß) früher schon als Hofprediger und Professor in Marburg durch auffallende Effekthascherei sich bemerkbar gemacht, seit dem unglücklichen Ausgang des Krieges von 1546 aber am Glauben Schiffbruch gelitten hatte, während man von ihm wohl Besseres hätte erwarten dürfen. Aus dem Feldlager nämlich hatte er, über dessen maßlose Scheltungen sich die Zürcher, wie oben erwähnt, kurz vorher nach Luthers Tode gelegentlich beim Landgrafen beschweren mußten, sich an Bullinger gewandt und ihm eröffnet, er sei nun von der Feindschaft gegen die reformirte Lehre zurück gekommen und möchte sich gerne mit Bullinger besprechen. Dieser antwortete ihm herzlich, versicherte ihn seines Wohlwollens und legte ihm den tiefen Gehalt des Sakramentes dar; er schließt mit den freundlichen Worten: "Kommst du, so steht dir mein Haus offen;" in Betreff des Krieges bemerkt er ihm: "Wir hoffen, Gott werde nach seiner Gnade uns (Evangelische) nicht verlassen, doch ist's, wie du mit Recht annimmst, sein Wille nicht, daß wir uns der Sicherheit hingeben, sondern er will uns durchs Kreuz wie das Gold im Feuer bewähren, ohne anders, damit wir nicht im Tode dieser Welt schlafen und mit der gottlosen Welt verdammt werden (I. Cor. 11, 30. 32.)" Jn der That wich das Kriegsglück, das Thamer keck ungeachtet der Warnungen seines Fürsten ganz zuversichtlich prophezeit hatte, Thamer sann nach, "warum Gottes schrecklicher Zorn über die Protestanten gekommen sei," und glaubte den Grund des Unheils, da seine idealen Erwartungen vom neuen Leben der Gläubigen durch das Benehmen mancher Kriegsleute gestört worden waren, in der lutherischen Rechtfertigungslehre (der Lehre vom Glauben) zu finden. Da er dies

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aufs heftigste auf der Kanzel äußerte, erfolgte nach langen fruchtlosen Beschwichtigungen endlich 1549 seine Entlassung, jedoch in Ehren. Nunmehr ließ er sich vom Erzbischof von Mainz als römisch-katholischer Prediger in Frankfurt am Main anstellen und trat in Predigten und Schriften als grimmiger Streiter wider die Reformation auf. Er stellte indeß zugleich in allegorisch vernünftelnder Weise, nicht ohne etwelche Verworrenheit, Ansichten auf, welche erst in neueren Zeiten großen Anhang gefunden haben, indem er selbst hinsichtlich der religiösen Dinge Natur und Gewissen der heiligen Schrift voran setzte und von dieser nur, was mit jenen überein stimme, anerkennen wollte. Deshalb verlor er sein Amt wieder. So wie nun der Landgraf in seine Staaten zurück kehrte, suchte er sich ihm als ein von Papisten und Lutheranern ungerecht Verstoßener darzustellen und bat denselben, ihn nicht ungehört zu verdammen, sondern vor eine Versammlung von Gelehrten zu bescheiden; werde er als Ketzer erfunden, so habe J. Fürstl. Gnaden von Gott das Schwert, um ihn als Ketzer zu strafen. Der Landgraf selbst widerlegte seine Meinungen in zweimaligen Antwortschreiben so schlagend, daß Thamer wähnte, er habe einen Theologen zu Rathe gezogen, und anerbot Thamern schließlich, falls er nicht hartnäckig in seinem Jrrthume zu beharren gedächte, wolle er ihn mit Zehrung u.s.w. versehen, damit er zu Gelehrten in Sachsen und dann nach Zürich reisen könne, auf daß ihm in seinem Gewissen geholfen werde. Jn Begleit eines vom Landgrafen beauftragten Edelmannes langte er in Zürich an mit einem Schreiben, worin der Landgraf Bullingern berichtet, wie alle bisherigen Schritte fruchtlos geblieben, und alsdann fortfährt: "Da wir Euere Schriften, Büchlein und Predigten gelesen, so haben wir daraus so viel vermerkt, daß Jhr der heil. Schriften erfahren seid und ein rechtes Verständniß und Urtheil davon habet, auch darin besonders gelehrt seid, und haben daher für gut erachtet, ihn auch zu Euch zu schicken. Es ist demnach unser gnädiges Begehren an Euch, Jhr wollet mit göttlicher Hülfe allen möglichen Fleiß anwenden, ob der allmächtige Gott seine Gnade verleihen und Thamer wiederum von seinem Jrrthum zur rechten Erkenntniß der Wahrheit gebracht werden möge; denn er daneben ein gelehrter Mensch und in seinem Leben mäßig ist. Das wird Gott belohnen und wir wollen's gegen Euch in Gnaden erkennen, Euch dem Herrn hiemit befehlend." Thamers Absicht und Lehre nun, wie sie den Zürchern vorlag, finden wir ihren Hauptpunkten nach folgender Maßen ausgedrückt: "1.) Sein Vornehmen ist, eine neue Lehre in der Kirche aufzurichten. Darum schilt er Beide, die Lutherischen und die Papisten. 2) Besonders dringt und streitet er wider den Hauptartikel der Lehre Christi und der Apostel, welcher ist, daß wir allein durch den Glauben, ohne die Werke, sondern umsonst und aus Gnaden selig werden. Diese Lehre nennt er ein greulich Bild und den Antichrist selbst. 3.) Weil wir aber auf das lautere Wort Gottes bauen, das in der Schrift begriffen wird, so verkleinert er dasselbe und setzt vor die Gewissen und die Creaturen; er endet

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zuletzt dahin, daß man die Heilssache aus den Creaturen und aus dem Aristoteles[134], der bei der Creatur geblieben, besser und sicherer lerne als aus dem bloßen Text der Bibel. Sein Beweisgrund, womit er große Dinge verspricht, lautet: ""Wer etwas lehrt, das er mit drei Zeugen beweisen kann, das muß die Wahrheit sein (5. Mose 17; Hebr. 10.; 2. Korinth. 13), und wer die Wahrheit hat (welche Christus selbst ist), der kann nicht fallen oder fehlen. Meine Lehre bewähre ich mit drei Zeugen, nämlich mit dem Gewissen, mit den Creaturen und mit der heil. Schrift. Daraus folgt, daß es die Wahrheit sei und ich nicht fehlen könne."" Nun folgen vier Punkte: 1. Vom Gewissen. Es sind zweierlei Gewissen, das menschliche und das geistliche. Das menschliche, welches sich auf diese weltlichen Ehren und zeitlichen Güter bezieht, gehört zum alten Testament und heißt (geistlich davon zu reden) die Menschheit Christi. Das geistliche Gewissen aber, welches uns lehrt und treibt zur Ehre Gottes und ewigen Gütern, gehört zum neuen Testamente und heißt nach der Redeweise der heil. Schrift, die Gottheit Christi. Christus, insoweit er Mensch ist, ist in uns das alte Gewissen; insoweit er auch wahrer Gott ist, heißt er in uns das geistliche Gewissen[135] oder der in uns wohnende heilige Geist. Diese beiden machen nun einen Menschen, der sich Gott ganz ergibt, sich selbst ihm aufopfert und derselbige mag dem Gewissen (welches nichts Anderes, als die Gottheit oder der Geist Christi ist) glauben und folgen. 2. Von den Creaturen, daß sie mehr lehren, als die Bibel. a) Die Creaturen reden selbst nach ihrer Art, Ps. 18; die Schrift hingegen muß von uns gelesen oder gehört werden, die wir aber von ihrem Verstand nichts Gewisses haben. b) Die Creaturen sind sich selbst gleich an allen Orten und zu allen Zeiten; das Feuer brennt allenthalben. Das Wort Gottes dagegen ist sich selbst ungleich und wird durch mancherlei Sprachen ausgesprochen. c) Die Bibeln sind sich selbst nicht gleich, weder in Worten, noch im Verstand. d) Es fallen vom äußerlichen Worte ganze Sprüche hinweg, während die Creatur bestehet, und Christus von seinem göttlichen Gesetz sagt, es solle kein Pünktlein davon fallen. 3. Von Aristoteles. Welcher Knecht bei dem Werk seines Meisters bleibt, der handelt und lehrt gewisser und sicherer; Aristoteles bleibt bei dem Werke Gottes; deshalb ist seine Lehre gewisser als der bloße Buchstabe der Bibel, welcher auf vielerlei Weise ausgelegt und täglich von den Lutherschen anders ausgelegt wird. 4. Wider die Lutherschen. Die Lutherschen lehren keinen Artikel recht. Die Lutherschen predigen einen bloßen Glauben, von der Liebe und den guten Werken abgesondert. Wo Christus nicht das Fundament der Gerechtigkeit ist, ja die Gerechtigkeit selbst, da ist nichts als Sünde; denn es ist keine Gemeinschaft zwischen dem

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Licht und der Finsterniß. Die Lutherschen haben Christum nicht; denn sie lehren einen bloßen Glauben ohne Werke und richten ein Bild auf, das nicht sieht, hört, geht, redet (Ps. 115). Daraus folgt, daß bei ihnen nichts als Sünde und keine Gerechtigkeit sei. Nun, sie beweisen Solches mit ihren Werken."

Hier hatte es Bullinger also mit einem Manne zu thun, der allerdings gewißer Maßen als "Vorgänger moderner Geistesrichtungen" bezeichnet werden mag. Er berief zu der Besprechung mit Thamer die beiden Professoren der Theologie, Pellican und Bibliander, sowie die Stadtgeistlichen Gwalter, Johannes Wolf, Ludwig Lavater und Wolfgang Haller; auch den Abgeordneten des Landgrafen ließ man beiwohnen, damit er Alles selbst hören und sehen möge. Die Verhandlung lief jedoch fruchtlos ab. Die Zürcher bemerken in ihrem Berichte, den sie dem Landgrafen sofort erstatteten: "Wir haben gemäß Ew. Fürstl. Gnaden Ansuchen Thamer zu uns berufen, freundlich begrüßt, uns aller Liebe und Freundschaft erboten und, da Ew. Fürstl. Gnaden eines freundlichen Gespräches mit ihm begehrt, auch dazu, ihn friedlich zu hören." Die erste Frage nun, um die es sich handelte, war die: ob er erkenne, daß die heilige Schrift, die Bibel, das wahrhafte Gotteswort sei. "Er antwortete aber, sagt obiger Bericht, so dunkel und verworren, daß wir mit viel und allerlei Fragen seine Antwort von ihm bringen mußten, welche die war: wenn die Natur und das Gewissen nicht damit stimmte, so wäre es nichts. Wir befanden auch, daß er der heiligen Schrift nicht zugabe, was er sollte und worauf wir ihn wiesen. Er war aber so ungeberdig, unzüchtig; schrie, wollte nicht hören, was man ihm freundlich sagte, daß uns dergleichen wüster Mann nicht vorgekommen ist, an dem das Alles verloren war, was wir gütlich mit ihm verhandelten. Zuletzt kam's dahin, daß er frei bekannte: da wir ja seine Prinzipien, die Creaturen und sein Gewissen nicht annähmen, so wollte er unser Prinzip, den Buchstaben oder die Schrift, auch nicht annehmen. Dadurch wurden wir verursacht, nicht weiter in dem Gespräche fortzufahren; wir befahlen ihn Gott, als einen armen Menschen, verworrenen und zerstörten Sinnes, was Ew. Fürstl. Gnaden Diener weitläufiger erzählen kann." Das Nähere wird somit dem mündlichen Bericht anheim gestellt. Jndeß findet sich eine gedrängte schriftliche Widerlegung von Thamers Lehrartikeln vor, welche damals in Zürich verfaßt wurde und geeignet sein dürfte, die Darstellung von Bullingers Denkweise nach gewissen Seiten hin im Einzelnen zu vervollständigen. Sie redet: 1. Vom äußerlichen Worte Gottes: Das äußerliche Wort Gottes nennen wir die Eröffnung des göttlichen Willens, die in der heil. Schrift des alten und neuen Testamentes begriffen und laut derselben verkündigt wird. Dasselbe Wort ist das rechte Mittel, aus welchem wir lehren und lernen sollen; dasselbe ist auch gewiß, sicher und vollkommen. a. Erstens nämlich weiset Christus auf die Schriften, Joh. 5, 39. Daß Thamer sagt, Christus strafe daselbst die Juden, daß sie auf die Schrift gesehen und

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nicht sein Wort betrachtet haben usw., ist dem Texte zuwider; denn er straft sie darum, daß sie die Schrift nicht recht besehen und dem Mose nicht geglaubt hatten. b. Paulus sagt: der Glaube kommt aus dem Hören, Röm. 10, 17. Dies legt Thamer aus von dem Gewissen und von dem lebendigen Wort, während doch Paulus hier klar vom Berufe und Dienste der Prediger redet, welchen das äußerliche Wort anbefohlen ist. c. Christus spricht: Prediget das Evangelium aller Creatur (Mark. 16, 15.) Hier erdenkt Thamer eine neue Auslegung, als ob es hieße: durch alle Creaturen. Vielmehr ist dies entsprechend Apostelg. 1, 8. und Col. 1, 23. und 28. auszulegen, und ist alle vernünftige Creatur, die des Wortes fähig ist, nämlich das ganze menschliche Geschlecht darunter verstanden. d. Die Creaturen können uns die höchsten Artikel unseres Heils nicht lehren; darum sollen sie der Bibel nicht vorgesetzt werden. e. Wenn man die Creaturen allein, ohne das Wort Gottes, besieht, lehren sie uns mehr, das Gott und unserem Heile zuwider ist; so ist's den Heiden und allen Philosophen ergangen Röm. 1. f. Die heil. Schrift ist von Gott eingegeistet und ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, daß der Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk geschickt (2. Tim. 3, 16, 17.) 2. Von den Creaturen und der Bibel: a. Alle Creaturen zergehen, allein das Wort Gottes bleibt ewig. Jesaj. 40, 6-8. 1. Petr. 1, 24. 25. b. Die Ungleichheit der Bibeln macht keine Jrrung, da wir ja die hebräische, als das rechte Original haben; ferner: die Aehnlichkeit des Glaubens, nach welcher alle Prophetie sicher ausgelegt wird. Röm. 12, 6. c. Daß Thamer sagt, es falle von dem geschriebenen Worte vielerlei dahin ist eine sophistische Schmachrede; denn der Mißverstand kehrt die Schrift an sich selbst nicht um. 3. Von dem Gewissen: a. Paulus unterscheidet zwischen unserem Geiste oder Gewissen und dem Geiste Christi, Röm. 8, 16. Darüber hat sich Thamer keineswegs verantwortet. b. Thamer geht aus von zwei Gewissen, schreibt eins dem alten Testament zu und nennt es die Menschheit Christi, das andere dem neuen Testamente und heißt es die Gottheit Christi, - Alles ohne Zeugniß der Schrift; daher seine Deutung nichts beweist. Vielmehr folgen daraus Absurditäten: erstlich, daß er das alte Testament des Geistes Christi beraubt, da wir doch wissen, daß die Gläubigen in demselben auch den Geist Christi hatten, 2. Petr. 1, 21. 1. Petr. 1, 11. Joh. 8, 56. 58. Fürs Andere macht er die Creatur zu einem Gott, ja zu der Gottheit selbst. Dies heißt ein Götzenbild aufrichten, dergleichen kaum ein gräulicheres gesehen worden. Drittens würde auch folgen, daß unser Gewissen niemals trügen möchte, und was wir bei uns selbst für gut hielten, das sollten wir auch thun. Diesem ist zuwider das Wort Gottes; 4. Mos. 15, 22-29., ferner die Fehler der Heiligen und die tägliche Erfahrung aller Gläubigen. 4. Von dem Glauben an Christum und daß wir allein durch denselben gerecht und selig werden: Wir gehen aus vom gleichen

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Grunde wie Thamer: Wo Christus nicht der Grund und die Gerechtigkeit selbst ist, da ist keine Gerechtigkeit, ja eitel Sünde. 1. Corinth. 3, 11. 2. Corinth. 5, 17-21. Wir erlangen und fassen Christum allein durch den Glauben, Joh. 6, 29-58. Daher werden wir auch allein durch den Glauben gerecht. Eben dasselbe folgt aus der Stelle: "Das Werk Gottes ist, daß ihr glaubet an den, den er gesandt hat," und aus allen übrigenSchriftstellen vom Glauben, wie dieselben genugsam in des Landgrafen Antwort angeführt sind. - Damit aber, daß uns Thamer beschuldigt, wir lehren einen Glauben, der ohne Liebe und nachfolgende Werke sei, thut er uns gar Unrecht. Denn wir reden von einem lebendigen Glauben, durch den wir Christum fassen, ihm einverleibt und seines Geistes theilhaft werden. Derselbe wird ohne nachfolgende Werke nicht sein, Jakob. 2, 14-26. Gal. 5, 13-26. So viel aber den Ruhm unseres Heiles anbetrifft, legen wir denselben dem Glauben allein zu als der Ursache, welche dann erst die guten Werke bewirkt, und nicht dem, was durch ihn erst bewirkt wird, und zwar darum a. weil ja kein Werk Christum fassen kann, sondern der Glaube thut dasselbe allein wie schon bemerkt, b. ferner sind die Werke nicht gut, wofern sie nicht aus Glauben geschehen. Röm. 14, 23. Hebr. 11, 6. c. zudem, sollten uns die Werke gerecht machen und von Sünden entledigen, so müßten sie ein Verdienst haben, welches der Schrift und dem Verdienste Christi zuwider ist, Röm. 3 und 4. Die Werke sind des Glaubens Früchte und eine schuldige Pflicht, die der Gläubige Christo schuldig ist zu leisten um der Gutthat der Erlösung willen, die er ihm erwiesen hat. Und weil denn Christus unsere Gerechtigkeit ist, müssen wir allein der göttlichen Zurechnung nach gerecht sein um des Glaubens willen, durch den wir Christum fassen, Röm. 4. Joh. 20, 29. - So weit die Widerlegung.

An Thamer freilich war all dieß, wie bemerkt, vergeblich. Er begab sich von Zürich nach Mailand und Rom, fiel dann später ins Pabstthum zurück und erlangte zuletzt eine Professur in Freiburg im Breisgau. Doch läßt sich aus dem Angeführten entnehmen, daß Bullinger sammt den Seinigen auch solchen Gegensätzen gegenüber keineswegs wehrlos war, sondern die Grundlagen des evangelischen Glaubens wohl zu wahren wußte.

Ein erfreuliches Gegenbild zu dem unglücklich abirrenden Thamer bildet der angesehene Jesuit, Anton Klösel, Hofprediger des Erzherzogs Ferdinand, der schon 1568 anfing, wenn auch mit Behutsamkeit evangelisch zu predigen, und endlich im Juli 1569 an Bullinger ein herzliches Schreiben richtete voll inniger Hochachtung und freudigen Dankes. "Nachdem er lange schon von schwerer Gewissensangst gequält worden und in mancherlei Büchern umsonst sich Rath gesucht, sei er durch Bullingers köstliches Werk "über die Offenbarung St. Johannis" (seine hundert Predigten über dieselbe) aus der dichtesten Finsterniß in die lieblichste Helligkeit versetzt worden. Von unbeschreiblicher Wonne und Entzücken ward da sein ganzes Gemüth

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durchströmt; er könne Gott nicht genug dafür Dank sagen und immer wieder kehre er zu dem unerschöpflichen Schatze zurück. Bullinger betrachte er daher als seinen hochverehrten Lehrer und Führer; zeitlebens werde er ihn hochschätzen und sich an das schweizerische Bekenntniß halten, das mit der Wahrheit und der heil. Schrift besser als irgend ein anderes zusammenstimme. Nichts werde ihn abhalten, sein jetziges Amt zu verlassen; bald möchte er bei Bullinger eintreffen, wenn er nur unter Bullingers Fürbitte den ihn umringenden großen Gefahren glücklich entrinne." Sofort floh Klösel aus Jnnsbruck, indem er sich an einem Seile aus dem Fenster des Jesuiten-Gebäudes herab ließ, und legte seinem Fürsten in einem recht treuherzigen Schreiben die Gründe seines Weggangs dar; wahrlich nicht aus Ueberdruß an strenger Lebensweise verlasse er die römische Kirche und den Jesuitenorden, sondern um des Gewissens willen, dessen Qualen ihm zu schwer geworden.

Um eben diese Zeit kam in der Pfalz zunächst in Folge der Behauptungen, welche der Engländer Withers in Heidelberg verfocht, die verhängnißvolle Frage über Einführung des Kirchenbannes, zumal der Ausschließung vom Abendmale (Exkommunication), ernstlich zur Sprache. Man hatte dabei französische Vorbilder und mehrere in den Rheingegenden bestehende Fremdengemeinden vor Augen. Bullinger sah sich durch verschiedene Anfragen veranlaßt, in Verbindung mit den beiden anderen Stadtpfarrern Zürichs 1568 und dann wieder nach der zweiten Vermählung Friedrichs III. 1569 sein Gutachten darüber zu übersenden, um, so viel an ihm lag, "Frieden zu stiften, Trennung und Aergerniß zu verhüten." Bullinger riet dem Pfalzgrafen von der Einführung der Exkommunication ab, ungeachtet er, wie oben erwähnt, den Genfern (1553) von der Abschaffung der dort eingeführten, dort zeit- und ortgemäßen, dem Volkscharakter und den Verhältnissen entsprechenden Kirchenzucht abgemahnt hatte. Die Verhältnisse der Pfalz schienen ihm von anderer Art zu sein. Er meinte auch, "die Ausschließung vom Abendmal sei gegen das Beispiel Christi und der Apostel, dem Zwecke der Einsetzung nicht entsprechend," und besorgte, "wenn man gleich in guter Meinung jetzt nur eine Züchtigung zur Besserung des verderbten Lebens anstrebe, so möchte doch mit der Zeit Hochmuth und menschliche Leidenschaft sich dabei geltend machen, wenig Ersprießliches dabei heraus kommen, dagegen viel Aufregung und Widerwille auch gegen die Prediger. Die alte Kirche, namentlich Augustin, habe darüber abschreckende Erfahrungen gemacht. Jnsbesondere sei großes Unheil, Entsetzungen, Verbannungen und dergleichen zu gewärtigen, wofern die Obrigkeit den Bannherren ihren Arm leihe und weltliche Zwangsmittel verhänge über die Widerstrebenden; weit mehr Zerstörung und Zerrüttung, als Erbauung der Kirche werde daraus erfolgen." Zugleich weist Bullinger darauf, daß die Sache als etwas Fremdländisches erscheinen werde. Vielmehr räth er dem Churfürsten "ähnlich zu verfahren, wie es in den evangelischen Kantonen der Schweiz gehalten werde, welche gerne bekennen, daß sie auch noch ihre Gebrechen

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haben und Gott um Mehrung seiner Gnadengaben bitten, aber doch rechte Kirchen haben und auf christliche Sittenzucht halten; er möge gute Satzungen dem Worte Gottes gemäß erlassen gegen jegliche Laster und Unsitte und ernstlich darauf halten, daß sie genau gehandhabt werden und sichbar, wie sich's gebühre, alles Schandbare, Lasterhafte, Ungebührliche nach voran gegangener Warnung gestraft und abgestellt, Ehrbarkeit, Zucht und Sitte dagegen gepflanzt und geschirmt werde, wie es einer christlichen Obrigkeit gezieme. Die Diener der Kirche aber sollen ihr Amt auch treulich verrichten, nicht herrschen, nicht zum Schwerte greifen, sondern allein aus und mit dem göttlichen Worte lehren, ermahnen, strafen, trösten, insbesondere jedes Mal vor der Feier des heiligen Abendmales bei guter Zeit jedermann mahnen, daß er sich selbst bewähre und warnen, daß er es ja nicht sich selbst zum Gerichte genieße. (Dies seien die rechten ""Schlüssel"".) Darin sollen sie ihrem Gewissen treulich Genüge thun."

Bullingers Stimme, welche die bedenkliche Schärfe eines allfälligen Einschreitens der damaligen Staatsgewalt bereits berücksichtigte, wurde freilich überhört, indem anderweitige Einflüsse überwogen; an bitteren Erfahrungen sollte es indeß beim Churfürsten und seiner Umgebung schon in den nächsten Jahren nicht fehlen.

Jn demselben Sinne wie gegen ihn selbst äußerte Bullinger sich auch gegen Andere, z.B. gegen Ursinus, der hinwieder schon im März 1570 sich brieflich gegen ihn aussprach, der mühevolle Kampf sei unnütz, denn man werde es weder in der Pfalz noch irgendwo in Deutschland in dieser Angelegenheit auch nur zu etwas Mittelmäßigem bringen[136]. Namentlich theilte er seine Ansicht über die diesfälligen Entzweiungen in der Pfalz dem ihm nahe befreundeten regierenden Grafen Ludwig von Sayn-Wittgenstein mit, als dieser im Jahre 1574 zum Oberhofmeister Friedrichs III. ernannt ward. Schon im Sommer 1568 hatte derselbe ihn in Zürich besucht, begleitet von zwei Grafen von Solms, Brüdern seiner Gemahlin, und im folgenden Jahre sich auch schriftlich um Bullingers Freundschaft beworben. Ein sehr vertraulicher Briefwechsel mit ihm zieht sich von da bis zu Bullingers Lebensende fort. Ueber eine Reihe wichtiger Punkte betreffend die Reformation in seinen Herrschaften frägt der Graf Bullingern um Rath, z.B. über Abschaffung der Bilder, Verwendung des Kirchengutes, und dieser ertheilt ihm seine Rathschläge hierüber gemäß dem Worte Gottes mit all der Mäßigung, Ruhe und Besonnenheit, die seiner reichen Erfahrung zur Seite ging. Daneben kommen reichliche Zeitnachrichten in diesem Brieffwechsel vor, sowie Persönliches aus

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Bullingers späteren Lebensjahren, durchweht von einem wohlthuenden Geiste gelassener Ergebung und innigen, festen Gottvertrauens.

Zum Schlusse dieser Uebersicht von Bullingers Verkehr mit Deutschland mag noch bemerkt werden, daß er sammt den Lehrern und Dienern der zürcherischen Schule im Jahre 1571 bei Anlaß eines Stipendiums ein sehr wohlwollendes und ehrerbietiges Schreiben von Seiten der Universität Wittenberg erhielt.

 

Fünfter Abschnitt.
Schriftstellerisches.

119. Predigtsammlungen. Geschichtswerke usw.

Bis in die höheren Lebenstage war es Bullingern vergönnt, auch diese Art von Wirksamkeit mit ungebrochener Kraft fortzusetzen, ja selbst im Greisenalter, wenn gleich in etwas anderer Weise als zuvor.

Die Reihe seiner Predigtsammlungen, welche, wie oben bemerkt, seit der Mitte des Jahrhunderts im Drucke erschienen, eröffnen die schon mehrmals erwähnten Dekaden, auch Hausbuch genannt, worin er die gesammte christliche Lehre behandelt. "Auch andere Männer von Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, bemerkt er darüber seinem vertrauten Myconius, haben diese Punkte behandelt, fromm und gelehrt; doch meine ich, meine Behandlung habe eine gewisse Durchsichtigkeit und vielleicht mehr Einfachheit, weniger fremdartige Erörterungen," und an Calvin schreibt er ebenso bei Uebersendung der dritten Dekade: "Für deine goldenen Geschenke schicke ich dir hier kaum ein ehernes; Alles suchte ich so durchsichtig und einfach wie möglich zu behandeln zum Besten der Studierenden und der Diener des Wortes." Wie früherhin hören wir dabei wiederholt von ihm, unter welch großem Geschäftsdrang er daran arbeitete. Aus diesen Dekaden ging 1555 sein gehaltvolles Compendium oder Handbuch der christlichen Religion hervor, auch Summa genannt, als ein gedrängter Jnbegriff, indem er laut der an Landgraf Wilhelm von Hessen gerichteten Widmung den Wünschen und Bedürfnissen derer zu genügen strebte, die nach einem Jnbegriff davon verlangten und doch etwas Eingehenderes begehrten, als sie in den gangbaren Katechismen fanden[137]. Es wurde, wie bemerkt, in den höheren Klassen der zürcherischen Lehranstalt benutzt.

Seine hundert Predigten über die Offenbarung St. Johannis (1557)

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von denen Klösel (s. Kap. 118.) so stark angeregt wurde, widmete Bullinger "allen evangelischen Flüchtlingen in Deutschland und der Schweiz, aus Frankreich, England, Jtalien und den übrigen Staaten und Völkern." Die Offenbarung nämlich, welche er schon mehr als dreißig Jahre früher in ihrem besonderen Werthe erkannte, fand er besonders tröstlich für Verfolgte, wie er auch 1561 in seinem Trostschreiben an die in Jtalien um des Evangeliums willen Bedrängten bemerkt, weil sie uns die großen Entscheidungen zwischen dem Reiche Christi und dem antichristlichen Reiche vorführe und uns zum treuen Ausharren in jenem, zum Ausscheiden aus diesem antreibe. Der alte, treuherzige Freund Gervasius Schuler drückt ihm aufs lebhafteste seinen innigen Dank aus für diese Schrift über die Offenbarung: "Sie hat mich sehr gestärkt und erquickt, vornehmlich durch die wundervolle Einfachheit, mit der du die großen Geheimnisse der Kirche Christi aus einander setzest. Fürwahr, unsere Zeit bedarf solcher Stimmen!" Micronius rühmt an Bullingers Predigten "ihre Kürze, Reichhaltigkeit, Saftigkeit."

Daß diese beiden Predigtsammlungen auch ins Holländische übersetzt wurden, ist oben bemerkt worden; betreffend die erstere, "het huisboek" genannt, sagt ein höchst zuverlässiger Gewährsmann, sie sei in den Niederlanden seit Beginn der Reformation nächst der Bibel mehr als irgend ein anderes Buch gelesen und von den Kirchenbehörden den Gemeinden empfohlen worden, um daraus vorzulesen, wo in Ermanglung eines Geistlichen nicht konnte gepredigt werden. Bullingers innigste Theilnahme begleitete hinwieder die Freuden und Leiden der Reformirten daselbst. 1566 schreibt er einem Freunde von dem wunderbaren Aufschwung des Evangeliums in Flandern, Holland, Brabant und einem großen Theile Belgiens: "Ja, wahrlich der Herr unser Gott ist ein wunderbarer Gott, der unerwartete und unglaubliche Dinge wirkt. Oft muß ich dabei an den seligen (Buchhändler) Froschauer denken, gesegneten Angedenkens, der schon seit zwanzig Jahren oft zu mir sagte: Jch verkauf' nirgendshin mehr von deinen Büchern, als ins Niederland, und ich erachte, du werdest's noch erleben, daß große Aenderungen da erfolgen und diese Lehre nicht ohne Frucht wird bleiben." Zudem hing Bullinger mit alter Anhänglichkeit von seinen jugendlichen Jahren her an den Niederlanden. "Es schmerzt mich tief, schreibt er daher (1569) unter Alba's Schreckensherrschaft an Tobias Egli (nach Chur), daß der Albanisch Teufel so viel Blutvergießens anrichtet. Gott stille ihn mit seiner Kraft!"

Jn Bullingers bedeutendsten Schriften aus seinen letzten Jahren gehört seine vortreffliche "Ermahnung an alle Diener des Wortes Gottes und der Kirche Jesu Christi, daß sie ihre Späne, die sie wider andere haben und üben, hinlegen, und der Welt einhellig allein und einfältig den wahren Glauben an Christum und die Besserung des Lebens predigen wollen." Sie athmet ganz Bullingers nach Einigkeit strebenden Geist, dem gemäß er der steigenden Zanksucht entgegen zu arbeiten sucht. Er hat dabei nicht eben das

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Jnland, sondern vielmehr die Auswärtigen im Auge. Vor Allem erklärt er sich gegen die Verdrehungen und Mißdeutungen rücksichtlich der Lehre Anderer, wodurch mancherlei Hader ohne alle Noth erweckt werde; er verwahrt sich gegen die neue Schulweisheit, den zunehmenden Scholasticismus, der durch Vermengung der Philosophie mit der Theologie dermalen wiederkehre, so daß man an manchen Orten sogar die philosophischen Schultermen auf die Kanzel bringe statt des einfältigen Schriftwortes; das rechte Studium der Philosophie und ihre richtige Anwendung will er drum nicht schelten, wohl aber alle die Grübeleien derjenigen, die stets neue Fündlein zu Markte bringen, sie jeglichem aufdringen und den, der's nicht will, Tollkopf schelten; bei ihnen möchte gelten: Je gelehrter je verkehrter. Nunmehr durchgeht er der Reihe nach die Hauptstreitfragen seiner Zeit, wie die vom Wesen der Sünde, von der Rechtfertigung und den guten Werken, von der Gottheit und Menschheit Christi sowie von der Dreieinigkeit, von der Art der Gegenwart Christi im Abendmal, und zeigt aus der Schrift die rechte Lösung des Streites. Um recht fruchtbar zu predigen, möge man beachten, wie Christus gepredigt und zu predigen befohlen habe, ebenso seine Apostel. Wie der Hader der Jrrlehrer in der alten Kirche die Christenheit so verwirrt, zerstreut und geschwächt habe, daß der Greuel Mohammed's das Morgen- und Abendland einnahm, so verkündigt Bullinger der hadernden evangelischen Christenheit schwere Trübsale, voll banger Ahnung, die rechte gesunde Lehre möchte bald hinfallen und in Abgang kommen. Möchten die Herrscher, wünscht er, gleich Konstantin dem Großen die Bibel vorlegen als Richtschnur heiliger Einigkeit, und insbesondere den rechten Gebrauch der von Gott seiner Kirche in der letzten Zeit verliehenen Kunst des Druckes schützen und pflegen, den argen Mißbrauch zu Schmähschriften dagegen verwehren.

Wiewohl Bullinger auch in seinen späteren Lebensjahren von zahllosen Geschäften fast erdrückt, durch seinen ausgedehnten Briefwechsel sehr in Anspruch genommen und zudem öfter von Krankheit heimgesucht war, hatte er dennoch die wunderbare Kraft, gerade in diesen Jahren des ansteigenden Alters seine wichtigsten Geschichtswerke zu verfassen, namentlich seine umfangreiche Geschichte der Eidgenossenschaft, gewöhnlich Bullingers Chronik genannt, ausgezeichnet durch Klarheit, Treue und große Unbefangenheit. Während die beiden ersten Folianten der Handschrift die Geschichte der Schweiz, insbesondere Zürichs bis zu Zwingli's Auftreten erzählen, enthalten die zwei letzten die Reformationsgeschichte von 1519 bis 1532, woran er selbst großen Theils als Augenzeuge und Mithandelnder Theil genommen, eine ausnehmend wichtige Quelle für unsere Kenntniß dieser tief bewegten Zeit. Schon vierzig Jahre zuvor sammelte er sich mit sorgsamstem Fleiße den Stoff dazu; mit Predigern, Staatsmännern, Geschichtsforschern setzte er sich deshalb in Verkehr, auch mit dem Geschichtschreiber Aegidius Tschudy in Glarus, obgleich dieser eifrig dem Pabstthum zugethan blieb. Bemerkenswerth ist überdies,

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wie in dem Kreise, der sich an Bullinger anschloß, geschichtliche Studien mit Fleiß und Vorliebe betrieben wurden. Seine Chronik bearbeitete Bullinger hauptsächlich in den Jahren 1567 und 1568, legte dann aber aufs neue Hand daran. "Es nimmt mich selbst Wunder, schreibt er im Mai 1563, als er den ersten Band dem Stift zum Großmünster widmete, wie ich neben meinen Predigten, Schreiben und vielen anderen Geschäften dies mein vorgenommenes Werk so bald (in etwas weniger als einem Jahre) habe vollenden können. Jch schreibe Solches gänzlich der Güte und Hülfe Gottes zu, dem ich auch von Herzen dafür Dank sage und ihn bitte, daß dies mein Werk zu seiner Ehre und vieler Leute Heil und Wohlfahrt diene, daß er mir auch Kraft gebe, so es sein gnädiger Wille ist, das Uebrige, was ich mir noch vorgenommen, noch wohl auszuführen." Gott gab ihm Kraft dazu; im December 1574 war das ganze Werk vollendet[138].

Zu seinen geschichtlichen Arbeiten gehört ferner eine Chronik der Bischöfe von Konstanz, des Klosters Einsiedeln, der Grafen Habsburg usw., des Klosters Königsfelden, des Stiftes zu Luzern, der zürcherischen Kirchen usw. Jn seinem Tagebuche bemerkt er beim Jahre 1569, er habe aus allen ihm zugänglichen Schriftstellern die Biographien der Päbste entworfen; "mag wohl zum Theil genennt werden die Schelmenzunft". Diese Schrift, wie die eben genannten, blieb ungedruckt. Bullingers ausgebreitete Kenntniß der gesammten Kirchengeschichte und deren lebenskräftige Handhabung tritt, wie in manchen Gutachten und dergleichen, zumal in seinen Werken "von den Concilien" und "von der Entstehung des Jrrthums in der römischen Kirche" hervor. Ein Zeugniß davon ist auch seine sinnige Eintheilung der Kirchengeschichte in Zeiträume von je drei Jahrhunderten, "Trecenen" von ihm benannt," welche vor der damals üblichen Abtheilung in Abschnitte von bloß hundert Jahren viele Vorzüge darbietet; der eigenthümliche Charakter einer jeden seiner Perioden ist dabei betreffend bezeichnet.

Eine Schrift vom türkischen Glauben und Reiche, betitelt "der Türk," verfaßte Bullinger 1567 aus Gefälligkeit für seinen alten Freund Matthias Erb, von welchem der mächtige Herr von Rappoltstein, bei dem er Zuflucht gefunden, bei Anlaß einer Rüstung wider diesen Feind der Christenheit eine solche Darstellung begehrt hatte. Bullinger willigte ein, daß sie unter Erbs Namen im Drucke erschien, obgleich dieser nur wenig dazu beitrug; er hoffte, Erbs hoher Gönner würde demselben sich desto huldvoller erzeigen.

Jn seinen letzten Jahren schrieb Bullinger auch eine Abhandlung "vom Glockenläuten;" sowie eine andere: "wider die Schwarzkunst, abergläubiges

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Segnen, unwahrhaftes Wahrsagen und andere dergleichen verbotene Künste" gemäß der heil. Schrift.

Wie er übrigens auch in diesem Abschnitte seines Lebens über seine Schriften dachte, zeigt unter anderen sein Brief an Martin Borrhaus (früher Cellarius, Keller genannt), Professor in Basel, als dieser ihm sein Urtheil in Betreff seines Werkes über die Offenbarung St. Johannis mittheilte und ihm bemerkte, daß er ihm eben nicht in allen seinen Erklärungen zustimmen könnte. "Jch bin so gesinnet, antwortet Bullinger (im September 1557), daß, wenn man in den Glaubenslehren selbst übereinstimmt, ich durchaus nicht meine, wegen abweichender Erklärung einzelner Stellen müssen Glaubensbrüder in langwierigem Hader mit einander liegen oder gar sich die Freundschaft aufkünden. Ueber das neue Testament und zuletzt über die Offenbarung habe ich wohl geschrieben, aber so, daß ich, wenn Andere auch darüber schreiben und Besseres zumal Einfacheres der Kirche darbieten, ich gar nicht unwillig werde oder auf dem Meinigen hartnäckig beharre, sondern ihnen dafür Dank sage. Jch sehe, daß ursprünglich in der Kirche unter den gelehrtesten und frömmsten Männern des christlichen Alterthums solche Gnade war, daß jeder seine Gabe darbrachte zur Erbauung und die Anderen ihre Gaben ebenfalls darboten, jedoch nicht mit jenen stritten oder die Schriften Anderer verschmähten oder bekämpften, außer wenn etwa jemand eine neue und unerhörte Lehre vorgebracht hätte. Wie vielerlei Auslegungen des Gesetzes und der Propheten gab es, die gar weit von einander abwichen. Niemand aber lehrte, man solle um deswillen diese oder jene verspeien oder niedertreten. Uns heut zu Tage halte ich darum für unglückliche Menschen, da, wie wir sehen, die Ausleger einander befehden und einer die Gabe, die dem Andern verliehen ist, verwirft."

 

Sechster Abschnitt.
Bullingers persönliches, häusliches und geselliges Leben, sein höheres Alter und sein Sterben.

120. Jnneres Leben. Geschäfte, Briefwechsel, Besuche.

Wir nahen uns dem Ziele. Kehren wir noch einmal zu Bullingers persönlichem Leben zurück, so finden wir ihn durch alle die Jahrzehende seines reiferen und höheren Alters fortwährend sich selbst gleich, ja, diese stete Gleichmäßigkeit, die sich bei ihm in besonders hohem Maße findet, erscheint als das Bezeichnende in seinem Wesen und Leben. Es sind wesentlich dieselben Gedanken und Stimmungen, dieselben Strebungen und Gesinnungen, die

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uns immer wieder entgegen treten, wenn auch unter den verschiedenartigsten äußern Zuständen und Anregungen. Wir haben eben nicht ein Rohr vor uns, das vom Winde hin und her bewegt würde, sondern einen Mann im vollen Sinne des Wortes, fest, durchgebildet, gediegen, einen starken, bei aller Beweglichkeit und großer Befähigung, auf mannigfache Persönlichkeiten und Strömungen des Lebens einzugehen, unwandelbaren Charakter.

Es ist bei ihm auch stets dieselbe Emsigkeit und sorgsame Benutzung der Lebenszeit, die hienieden dem Menschen gegeben ist, dieselbe Treue im Großen wie im Kleinen selbst bei den immer weiter und größer werdenden Verbindungen, bei der Menge von Anfragen und von hohen Besuchen. Keiner von den vielerlei kleinen Pflichten in der nächsten Umgebung hält er sich deshalb enthoben, nicht der Fürsorge für irgend einen Rath- oder Hülfsbedürftigen bis hinab zu dem jüngsten Schüler, nicht einmal seiner Uebung, allen Leichenbegängnissen in Zürich beizuwohnen, was von den Zeitgenossen als besondere Freundlichkeit an ihm gelobt wird. Eben so finden wir bei ihm stets dieselbe richtige Selbstkenntniß, Selbstachtung ohne Ueberschätzung seiner selbst, aufrichtige Bescheidenheit, gepaart mit männlichem Selbstgefühl welches jedoch alle Ehre dem Herrn gibt. Letzteres leuchtet wohl hindurch, da er im vertraulichen Briefe an Myconius (1550) jene Dekaden, die er nebenbei nur "ein ehernes Geschenk" nannte, als eine vom Herrn selbst durch ihn den Lernbegierigen dargereichte Wohlthat ansieht. Jene Bescheidenheit aber stellt sich uns, wie in so manchen anderen Zügen, in der Antwort dar, womit er (1550) Vergerio's höchst ehrerbietiges erstes Schreiben erwidert. "Jch war ganz erstaunt, entgegnet er, beim Lesen deines Briefes, als ich sah, daß du, ein so großer Mann, so Großes von mir sagst, während ich, der ich mich selbst wohl kenne, mich für den Kleinsten ansehen muß. Jch bin zwar ein Diener Christi und ein Diener seiner Kirche, und wie ich hoffe, kein ungetreuer. Aber so Vieles fehlt mir, wie ich wohl weiß! Geschrieben und herausgegeben habe ich freilich viel, aber in der Absicht, um durch diese meine Schriften, deren Werth ich dahin gestellt lasse, Gelehrteren Anlaß zu geben, daß sie Vorzüglicheres ans Licht treten lassen. Stets suchte ich allerdings unserem Herrn Christo und seiner Kirche zu dienen, und auch jetzt würde ich willig mein Leben lassen, wenn ich durch dessen Hingabe die Ehre unsers Herrn Christi und die Wohlfahrt seiner Kirche fördern könnte. Und da ich sehe, daß auch du dieses Ziel im Auge hast und auf jegliche Weise anstrebst, so halte ich dich um dieser deiner Gottseligkeit willen lieb und werth in unserem gemeinsamen Herrn und Erlöser."

Dabei nehmen wir an Bullinger stets dieselbe Liebe zur Einfachheit in Allem wahr, denselben sittlichen Ernst, dieselbe Strenge gegen sich selbst und gegen Andere. So schreibt er einmal an Blaarer (1550) bei Erwähnung Englands: "Sonst ist's dort wie anderwärts; gar Viele haben die Gewissensfreiheit zum Deckmantel gemacht für die Lüste des Fleisches", und im Sommer

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des folgenden Jahres (1551) an Myconius bei Anlaß einer großen Theurung: "Wir sind von Mangel an Allem gedrückt, womit eben Gott die zügellose Trunksucht straft. Die Meisten glauben, es breche ein heftiger Krieg aus. Kommt nun die Pest noch dazu, so haben wir eine dreifache Geißel aus Skorpionen, werth aufs schärfste über unsere Rücken geschwungen zu werden."

Dieses sein ernstes sittliches Urtheil gab Bullinger stets mit entschiedenster Offenheit und Geradheit, oft mit einschneidender Schärfe kund. Bullinger schmeichelte nie, sagt von ihm sein Leichenredner; er war am weitesten davon entfernt, nach Volksgunst zu haschen, wie's jetzt von Manchen zu geschehen pflegt, oder nach Menschenwunsch zu reden oder zu predigen; er war der schärfste Beurtheiler und Tadler alles Unsittlichen, und doch war er ja Allen so lieb und werth und angenehm, den Höchsten wie den Niedrigsten im Volke, und stand in so hohem Ansehen bei Allen insgesammt, bei Leuten jeden Standes, Alters und Geschlechtes." Es war eben nicht ein erheuchelter, sondern ein gründlicher Ernst in ihm bei seinem scharfen Tadel, eingehaucht von der lebendigen christlichen Liebe, ein stetes Losgehen auf die Hauptsache mit Unterordnung aller Nebendinge.

Ja diese stete Liebe, diese unermüdliche Theilnahme am Wohl und Wehe Aller bildet den innersten Kern und Grundtrieb all seines Schaffens und Waltens. Nicht eine weinerliche, nicht eine weichliche Theilnahme ist's, und nie eine müssige, sondern eine kraftvolle und allzeit rüstige, entschlossen zu jeglichen Opfern, getragen von heiliger Glaubenszuversicht, von stets hell aufleuchtendem Gottvertrauen. So schreibt er seinem Mitstreiter Calvin im Frühjahr 1551 nach Vadians und Butzers Ableben. "Wir, lieber Bruder, werden für einen heißeren Kampf aufgespart. Aber wenn Gott uns in denselben hinein führt, so wird er uns gewiß nicht verlassen. Er selbst wird Kraft schenken, daß wir durch unser Bekenntniß unsere Lehre und an unserem Leibe ihn stets verherrlichen mögen." Ebenso bezeugt er im Herbste desselben Jahres in angstvoller Zeit voll Zuversicht: "Aber wir werden siegen über alles Böse, siegen durch wahren Glauben, Gebet und Ausdauer." Auch der Bemerkung, die er 1566 eigenhändig unter das Synodal-Protokoll schrieb (vielleicht wegen erneuerter Ueppigkeit bei Tänzen und Kirchweihen): "Man pfeifet fast auf dem letzten Löchlein," fügt er doch zugleich bei: "Gott wird's nicht leiden!"[139] Bei hereinbrechender Pest und drohenden Kriegesnöthen schreibt er (1567) an den Prediger Johann Weidner nach Danzig ebenfalls unverzagt: "Wie dem sei, wird die Zukunft offenbaren; wir vertrauen auf Gott und beten: Dein Wille geschehe, mag's dein Wille sein, daß wir siegen oder unterliegen; lebend und todt sind wir sein." Es war eben in seinem Gemüthe, wie wir früher schon sahen, die Hoffnung auf die zukünftige

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Herrlichkeit eine recht lebendige; deshalb fehlt es ihm nie an erquickendem Troste für sich und für Andere. So schreibt er zur Zeit der Pest im Frühjahr 1550 an Calvin: "Etliche sind an der Pest gestorben. Aber dies ist die Hand des Herrn. 'S ist wohl gethan. Es geschehe der Wille des Herrn. Ob wir leben, ob wir sterben, so sind wir des Herrn!" An der Krankheit des alternden Myconius, den er als "einen Veteranen, einen ausgedienten Krieger oder vielmehr Hauptmann im Heere Christi" bezeichnet, nimmt er innigen Antheil; "das aber lindert meinen Schmerz, schreibt er in einem seiner Trostbriefe, daß den Knechten des Herrn nichts ohne oder wider seinen Willen zustößt." "Wohl können wir selten uns schreiben, tröstet er 1551 seinen theuern Erb, aber doch uns innig lieben in Christo. Wird es uns aber dereinst zu Theil, zu ihm zu pilgern, nach dem uns einzig verlangt, so werden wir dort gewißlich zur Genüge und doch nicht zum Ueberdrusse uns erquicklich mit einander unterreden und in dem allein ewiglich uns ergötzen, der jetzt schon unsere Hoffnung und unsere Sehnsucht ist." Seine stete Erfrischung findet Bullinger im Gebete, wie er 1565 an seinen schwer bekümmerten Fabritius schreibt bei der Versündigung von dessen Collegen (gegen den er Strenge anräth): "doch vergiß da des Gebetes nicht! Auf keine Weise erlangt man's vom Herrn als nur durch gläubiges Gebet. Weiß ich oft nicht, wo aus und ein, so wend' ich mich zum Beten und spüre alsdann, wie Gottes Trost und Hülfe mir so nahe ist."

Und freilich, wir begreifen es, wie sehr er dieser Erfrischung des Geistes und Herzens bedurfte. Nur so konnte es ihm verliehen sein, unter seiner erdrückenden Geschäftslast auszuharren und sie muthig zu bewältigen. Er klagt freilich mitunter einem vertrauten Freunde wie Myconius (1549) "Zwei Monate schrieb ich dir nicht, nur wegen vieler Arbeiten. An meinen Dekaden arbeite ich wohl fort, richte aber nicht viel aus. Denn meine Geschäfte sind mannigfach und zahlreich, ja schwerer fast, als daß ich's tragen kann. Zuweilen liege ich von Anstrengungen erschöpft darnieder; zuweilen thu' ich nicht gar rüstig, was ich thue"; so vielen Fremden und Einheimischen müsse er Bescheid geben; "doch dies nur unter uns" fügt er ein ander Mal (1550) hinzu. "Jch bin erdrückt vom Schwarm der Kommenden und Gehenden" heißt's dann (1551) wieder. "Die Sorgen erdrücken mich fast, schreibt er an Erb (1553); bitten wir Gott, daß er bei uns sei!" und eben so (1557) an Friedrich von Salis: "Gefoltert werd' ich bis auf's äußerste von den Amtsgeschäften und erschöpft von den unaufhörlichen Mühen. Jndeß Gott stärke mich! Meine Kraft reicht nicht hin, so viele Briefe zu schreiben; einen Schreiber hab' ich nicht und oft muß ich so eilen, daß er mir nichts nützen würde." "Jch sinke fast ein, schreibt er auch noch 1562 an Fabritius, unter der Last der Geschäfte und der Sorgen; ich bin so müde, daß ich Ruhe begehren möchte von dem Herrn, wenn's nicht wider ihn gebeten wäre", und bald nachher: "Viel wär' zu schreiben, kann's aber nicht, muß hin und her laufen, auch zu den Kranken."

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Daß die zahllosen Briefe, welche damals so viel Kraft verzehrten, wie Bullinger auch früher dessen gedachte, großentheils die Stelle unserer Zeitungen, Zeitschriften usw. einnahmen, ist oben erwähnt worden. Bei Vadians Tode (1551) bemerkte Bullinger, habe er wohl etliche seiner an Vadian geschriebenen Briefe zurück erhalten, aber von tausend bloß zehn. Welche Ausdehnung Bullingers Briefwechsel allmälig gewann, deutet uns in seinem Tagebuche die kurze Bemerkung an, er habe im Jahre 1569 bloß zu seinen Briefen "mehr als ein Rieß Papier verbraucht."

Zu dem Zeitaufwande, den ein so viel umfassender Briefwechsel erforderte, kam seit der Mitte des Jahrhunderts in steigendem Maße eine Menge von Besuchen, die von Ausländern ihm gemacht wurden, insgemein um über schwierige, kirchliche und religiöse Fragen seine Ansicht und seinen Rath zu vernehmen. Kurze Angaben darüber finden sich in Bullingers Tagebuch; z.B. 1568 bekam Bullinger, abgesehen von dem schon erwähnten Grafen Ludwig von Sayn-Wittgenstein und dessen Schwägern, derartigen Besuch von dem jungen Pfalzgrafen Christoph aus Heidelberg (der 1574 in der Schlacht auf der Mockerhaide fiel), von einem Beauftragten des Prinzen von Condé, einem Abgesandten aus Polen, überdies von Männern verschiedenen Standes aus Preußen, Meißen, Nürnberg, Böhmen, Schlesien, Flandern, Frankreich und Schottland. Jm folgenden Jahre besuchte ihn Petrus Ramus, Professor aus Paris, der ihm mehrere Arbeiten zur Beurtheilung vorlegte, Johannes Bächli aus Augsburg, Prediger der Grafen von Pappenheim im Allgau, auf dessen Bitte Bullinger den beiden Brüdern Christoph und Philipp, Erbmarschällen des römischen Reiches, seine "sechs Predigten über die Bekehrung" widmete; ferner der bei der Erhebung der Niederlande stark betheiligte Florentius von Palland, Graf von Kuylenburg, "eben kaum den Händen des Herzogs von Alba entronnen" u.s.w., finden wir in seinem Tagebuche bei den übrigen Jahren noch manche bemerkenswerthe Personen aus verschiedenen evangelischen Ländern verzeichnet, die sich bei ihm einfanden, wie (1563) Georg Weigel aus Königsberg, Hofprediger des Herzog Albrecht von Preußen, der im Auftrage seiner Fürsten Bullinger über kirchliche Fragen beriet und von ihm Schreiben an den Herzog und an seine Räthe empfing; ferner (1564) kamen Katharina, Erbtruchsessin zu Waldburg, Gräfin von Tübingen, zusammt der Gräfin von Hohenlohe und Schaumburg; sie wünschten über verschiedene Punkte Aufschluß von ihm; im Jahre 1571 kam der Prinz von Condé, sowie Daniel Toussaint, Sohn des Predigers Peter Toussaint in Mümpelgard, für den sich Bullinger in Frankreich, Hessen und in der Pfalz liebreich verwandte, ferner 1573 der Graf Philipp Ludwig von Hanau usw.

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121. Hauswesen und häusliches Leben. Verwandte und Freunde. Erholungen.

Was nun Bullingers Hauswesen anlangt, so vernehmen wir darüber Manches theils aus seinem Tagebuch, theils aus seinem Briefwechsel, zumal dem, welchen er mit seinem ältesten Sohne unterhielt während dessen Aufenthalte im Auslande (siehe die zweite Abtheilung). Werfen wir vorerst einen Blick auf Bullingers ökonomische Lage. Wie vielerlei Ausgaben der mannigfache Verkehr mit Auswärtigen, besonders die Unterstützung vertriebener Glaubensbrüder bei seiner außerordentlichen Gastfreundschaft mit sich brachte, läßt sich wohl denken; zudem bezeugen es seine Zeitgenossen. Hiezu kam seine große und unermüdliche Mildthätigkeit gegen Einheimische. Da Bullingers Vermögen nur mäßig, sein Einkommen nicht eben groß war, so bedurfte es der weisesten Sparsamkeit und Ordnung im Haushalte, um den beim Heranwachsen seiner zahlreichen Kinderschaar steigenden Bedürfnissen zu genügen, wobei die Erziehung der drei Söhne wie die Ausstattung von vier Töchtern und die fernere Unterstützung der letzteren hauptsächlich in Betracht kam. Der damaligen Sitte war es z.B. ganz entsprechend, daß er im Juni 1556 den ihm im Jahre 1550 zugekommenen Wein, über 27 Eimer, beim Kopf (zwei Maß) verkaufte, zu einem Kreuzer den Kopf; "ging flux aus" sagt er in seinem Tagebuch. Jm Jahre 1561, als sein zweiter Sohn sich verehlichte und als Pfarrer einer Filiale ohne Amtswohnung war, kaufte der Vater das Haus zum "Schönenberg" im Neumarkt, baute es 1562 "mit Gottes Hülfe" um, wozu er vom Rathe, dem die Herstellung der großentheils verfallenen Häuser erwünscht war, an die Kosten ein Geschenk von neunzig Gulden erhielt. Später bei veränderten Verhältnissen verkaufte er das Haus um 1350 Gulden.

Wie gewissenhaft Bullinger Geschenke ablehnte, dergleichen damals in so mannigfacher Art üblich waren, haben wir öfter schon gesehen, namentlich bei den höflichen Anerbietungen des französischen Botschafters. Doch ließ sich dies begreiflich nicht unbedingt durchführen. So bemerkt er (1549) Vadian: das Geschenk vom Rathe St. Gallens, Leinwand (daselbst ein Landesprodukt) für seine (Bullingers) Gattin, nehme er endlich an, wiewohl er sonst aufs beharrlichste jedes Geschenk, wie von Bern, Augsburg, ebenso von Engländern ausgeschlagen habe. Als aber Graf Georg von Württemberg, dem Bullinger mehrere Schriften gewidmet hatte, 1552 noch mehr Exemplare davon begehrte und ihm hinwieder aus Dankbarkeit ein Faß gar guten Weines (über sechs Eimer) übersandte, wies Bullinger das Geschenk völlig zurück und schickte dem Fürsten zu seiner Entschuldigung die Stadtsatzungen wider die sogenannten Pensionen; den Wein ließ der Rath zu Gunsten der Staatskasse verkaufen und beschenkte Bullinger in Anerkennung seiner "Treue" mit zwei Kronen. Später hieß der Rath selbst ihn bisweilen ein solches Ehrengeschenk annehmen, z.B. 1566 als Churfürst Friedrich III. von der Pfalz ihm als

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Zeichen der Hochschätzung und des Dankes für seine schon seit Jahren öfter in Anspruch genommenen Dienste einen kunstreich gearbeiteten, vergoldeten Doppelbecher übersandte. Ein ganz ähnliches Geschenk von künstlerischem Werthe erhielt er 1573 von dem Grafen Ludwig von Sayn-Wittgenstein, der wiederholt sein Gutachten eingeholt hatte, "das Zeichen der Dankbarkeit und steter Freundschaft"; Bullinger nahm es nicht als Dank, sondern bloß als freundlichen Beweis seiner Liebe und Freundlichkeit auf. Der ältere Froschauer, sein lieber Freund, der als Buchhändler ihm für seine vielen Schriften stets nur wenig bezahlte, inzwischen durch große Thätigkeit ein reicher Mann ward, verordnete ihm testamentlich ein Geschenk von mehr als dreihundert Gulden.

Noch ist hier insbesondere zu erwähnen der begüterte Wolfgang Weidner, Rechtsgelehrter zu Worms. Nachdem er sammt seiner Gattin Zürich besucht hatte, meldet er Bullingern 1549, "er wolle nach Zürich übersiedeln, so sehr gefallen ihm die Geistlichen daselbst und die Stadt." Vielleicht komme er bald nach Zürich, schreibt er ihm 1551, er denke Tag für Tag an Bullinger. Jm Jahre 1553 an den Rand des Grabes versetzt, wünscht er "nur recht bei voller Besinnung zu sterben", was wegen heftiger Kopfschmerzen dermalen so Vielen in Worms versagt sei und empfiehlt sich aufs angelegentlichste in Bullingers Fürbitte. Er schickte diesem aus Dank für seine Schriften auch einen silbernen Becher; Bullinger ließ denselben indeß schätzen und wägen und schickte dem Geber den vollen Werth dafür. Jn der zartesten Weise bot ihm Weidner wiederholt ein reiches Geldgeschenk an, um ihm die stille Sorge für seine schwere Haushaltung und die Hülfeleistung für Bedrängte zu erleichtern. Bullinger schlug es aus und bewirkte, daß Weidner tausend Gulden der Schule in Zürich verordnete und dreitausend der Basler Hochschule; doch fügte Weidner die Bedingung bei, wenn jemals Zürich oder Basel lutherisch würde, sollten diese Summen dem Spital oder dem Armengute anheim fallen. Er und besonders seine Gattin hatten nämlich ihres reformirten Glaubens wegen von den strengen Lutheranern in Worms viel zu leiden, so sehr, daß Bullinger späterhin letztere deshalb zu trösten hatte, wofern sie nun der Predigt und des heil. Abendmals entbehren müsse. Mit großer Verehrung hing Weidner an ihm; "du bist wahrhaft von oben gesandt," schrieb er ihm einst. Als ihm Bullinger die "Predigten über Jeremias" zueignete, glaubte er sich aufs neue zu einem thatsächlichen Zeichen des Dankes verpflichtet; er ließ Bullingern einen kostbaren goldenen Pokal zukommen, doch sandte ihn dieser durch den nach Marburg abgehenden obrigkeitlichen Läufer zurück. Weidner benutzte dann die Vermählung von Bullingers zweitem Sohne, um ihn diesem, der ihm persönlich bekannt war, als Hochzeitsgabe zu schenken.

Treten wir näher ins Jnnere von Bullingers häuslichem Leben, so finden wir ihn eben mitten in allen den Freuden und Leiden, die ein reicher Kindersegen und eine zahlreich heran wachsende Nachkommenschaft mit sich zu führen pflegt. Eine Schar von Enkeln und Enkelinnen blüht um ihn her auf,

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während andere wieder dahin sinken; auch "Urgroßvater ward er durch Gottes Segnung, daß er sah Kinder und Kindeskinder bis ins vierte Glied," wie er selbst in seinem Tagebuche anmerkt. Achten wir zuvörderst auf das Schicksal der Söhne, da dieses ja stets im Leben des Vaters einen so bedeutenden Rang einnimmt. Es war im September des Jahres 1553, daß sein ältester Sohn Heinrich das Vaterhaus verließ, um in Straßburg seine theologischen Studien fortzusetzen, vom Vater mit jener trefflichen Anweisung versehen, die hernach auch andern studierenden Jünglingen mitgegeben wurde; und stets von des Vaters ernsten und liebreichen brieflichen Mahnungen begleitet. Derselbe bezog dann die hohe Schule zu Wittenberg, woselbst er von Melanchthon ein rühmliches Zeugniß erhielt, welches rücksichtlich des Glaubens besagt, daß er sich an die prophetischen und apostolischen Schriften halte und an die drei Glaubensbekenntnisse, das apostolische, nicänische und athanasianische, und daß er desnahen mit der alten Kirche übereinstimme." Von Wien, wo er eine Zeit lang verweilte und ebenfalls ein günstiges Zeugniß empfing, reiste er, um weniger Gefahr zu laufen, nicht unter dem allbekannten Namen Bullinger, sondern unter dem Familiennamen seiner Mutter als "Heinrich Adlischweiler" (wie ihn das wienische Universitätszeugniß bezeichnet) durch Kärnthen und das Venetianische über Padua nach Hause, wurde Pfarrer in Zollikon und Schwiegersohn Gwalters, zwei Jahre später dessen Diakon bei St. Peter. Nach seines Vaters Tode und seines Schwiegervaters Beförderung bekleidete er rühmlich daselbst die Pfarrstelle. Von eilf Kindern überlebte ihn nur ein Sohn.

Aehnlich doch weniger glänzend war die Laufbahn von Bullingers zweitem Sohne Hans Rudolf, welcher sich ebenfalls der Theologie widmete. 1555 traf er in Straßburg ein, als sein Bruder von da abging, bezog hernach die Hochschule zu Marburg, wo er sich besonders an den seinem Vater so theuern Hyperius hielt, kam nach vierjähriger Abwesenheit zurück, verehlichte sich 1560, bei welchem Anlasse Weidner, wie bemerkt, ihn beschenkte und Hyperius dem Vater schrieb, er wünsche, daß Psalm 128. an ihm in Erfüllung gehe. Er ward Pfarrer in Zollikon, dann zu Berg; er geriet daselbst ohne besondere Verschuldung in große ökonomische Bedrängniß.

Der dritte Sohn Christoph ward Bäcker, begab sich zwanzig Jahre alt auf die Wanderschaft, kam nach Augsburg, München, Wien, Venedig, reiste hernach den Rhein hinunter, kam an den Hof des Landgrafen Philipp von Hessen, der solches Wohlgefallen an ihm fand, daß er ihn mit einem Ritterleben in der Herrschaft Rheinfels belehnte; es war im März 1567, drei Wochen vor dem Tode des Landgrafen. Unter den hessischen Truppen mußte nun Christoph 1568 mit sechs Pferden in den Krieg nach Frankreich mitziehen zu Gunsten der Evangelischen; von Straßburg eilte er für einige Tage zu den Seinigen; es war das letzte Mal, daß der Vater das Angesicht dieses wackeren Sohnes sah. Unter Wilhelm von Oranien machte er 1569 mit acht Pferden

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den unglücklichen Zug nach Frankreich mit; viele starben an Seuchen dahin; unweit Chalons in der Champagne befiel ihn die Bräune, er verschied "seliglich" und ward von seinem Obersten ehrenvoll in der Kirche begraben, mit seiner Verlassenschaft aber wurde so übel gewirthschaftet, daß der Vater es vorzog, das Erbe auszuschlagen.

Wie Bullinger für die eigenen Söhne in der Fremde besorgt war, so ward er auch von Andern, zumal von Verwandten, in dieser Hinsicht vielfach in Anspruch genommen, wo es galt, Hemmungen oder Uebelstände zu heben; eines wohlwollenden, aber festen, nöthigen Falls scharf einschneidenden Einwirkens war man seiner Seits gewiß. Freundlich mahnt er (1551) einen Bruderssohn, der als Kürschnergeselle in St. Gallen verweilte, seine Familie aber lange ohne Nachricht ließ: "Es grüßt dich mein ganzes Haus. Sei nicht faul und schreib doch, wie's um dich stehe. Sei alle Zeit gottesfürchtig, fromm, wahrhaft, treu und dienstfertig." Jn ganz anderem Tone schreibt er an Hans Jakob Adlischweiler, den dreisten Sohn seines Schwagers. Letzterer war an den Hof des Markgrafen von Röteln und Niederbaden gekommen und sodann durch dessen Gunst Stadtschreiber und Seckelmeister zu Rheinfelden geworden. Der Sohn aber strebte durch Fürstengunst noch viel höher zu steigen und brachte dadurch die Seinigen in großes Herzeleid. Aufs schärfste hält ihm Bullinger, da er 1555 dem Gefängniß entsprungen und in seine Nähe gekommen war, den elenden Hochmuth vor, daß er seinen ehrenwerthen Namen Adlischweiler in "Adelschweiler" umsetze, sich aber mit solcher Schmach beflecke, bei Fürsten und Herren, die selbst nichts Uebriges haben, mit seiner neuen Adelschaft prunke und mit Worten groß thue, statt durch Thaten sich zu adeln. Jndeß wurde derselbe vom Kaiser wirklich geadelt und zum Statthalter im Frickthal ernannt; Bullinger übersandte durch ihn seine Predigten "vom jüngsten Tage" an den Pfalzgrafen Ottheinrich. Doch dauerte es nicht lange, so gingen Bullingers schlimme Voraussagungen zur schweren Betrübniß für seine Angehörigen völlig in Erfüllung. "Du hast die erwiesenen Wohlthaten mit Verläumdung bezahlt, schreibt ihm Bullinger. Wohl hab' ich und mein Weib an dir gehobelt in den Stücken, die uns an dir mißfielen, doch deine Haut ist dicker, als der Tannen und Eichbäume Rinde." Bullingers Gattin schrieb deshalb ihrer Schwägerin einen herzlichen Trostbrief, wohl unter seiner Beihülfe, worin sie ihr zuredet: "Du sollst meinen Bruder (den Vater dieses hoffärtigen Sohnes) immerdar stärken, daß er nicht so kleingläubig sei. Gott sucht oft die Menschen heim von Sünden wegen und tröstet sie dann auch wieder. Darum wollen wir Gott treulich bitten und hoffen, er werde doch noch das Beste thun. An uns hier soll's nicht fehlen. Den Hans Jakob müssen wir recht zur Ueberlast haben, sowie andere Ehrenleute auch dergleichen haben, so lange es Gott also gefällt; er wolle dir und uns Allen gnädig sein." Hinwieder erstreckte sich auch Bullingers verwandtschaftliche Mildthätigkeit selbst auf die entferntesten Grade; ein betagtes Mütterchen, welches Fabritius in Chur in

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ihrer Bedrängniß kennen lernte und ihm (1558) als eine entfernte Verwandte bezeichnete, fand alsbald unter seinem Dache Schutz und von da aus weitere Versorgung.

Jm Kreise der Seinigen fand Bullinger seine liebste Erholung und sie alle fühlten sich immer aufs neue angezogen von seinen belebten, lehrreichen und anmuthigen Gesprächen; gern und oft erzählte er ihnen in späteren Jahren von all den Erfahrungen seines reichen Lebens. Ehrfurcht und Liebe zu ihm erfüllte gleich sehr ihre Herzen. Seine ausgezeichneten Schwiegersöhne, Josias Simmler, Ludwig Lavater und Ulrich Zwingli, sowie sein ehmaliger Pflegesohn, der etwas ältere Rudolf Gwalter, waren wahrhaft die Seinigen, wesentlich unter seiner Mitwirkung gebildet und in wissenschaftlicher wie in kirchlicher Hinsicht ihm innig verbunden. Auch gegen sie übte er aber, wo er etwas unschicklich fand, väterliche Zucht. Als einst sein Eidam Lavater, sagt eine alte Ueberlieferung, gen Baden reisen wollte und mit dem Degen über dem Kirchenrocke umgürtet vor Bullingers Hause zu Pferde saß, rief ihm dieser aus dem Fenster hinunter: "Ludi (Ludwig), willst du reiten, so reite; willst du predigen, so predige!" Zu seiner Erholung machte er mitunter in Gesellschaft guter Freunde einen Ausflug nach dem Schlosse Kyburg und Winterthur, wo sein alter Freund Ambrosius Blaarer wohnte, oder nach Eglisau, nach dem Rheinfall, zu seinem Sohne nach Berg, immer innerhalb des zürcherischen Gebietes, da er dieses ohne Gefahr nicht überschreiten konnte. Ueberdies erforderte seine durch Ueberanstrengung öfter angegriffene Gesundheit zuweilen einen Aufenthalt auf dem Lande. Ueber heftige Kopfschmerzen in Folge von allzu viel Nachtwachen, Sorgen und Arbeiten muß er im Jahre 1551 vertraulich seinem Myconius klagen; im folgenden Jahre fiel er in eine schwere Krankheit. "Jm Namen aller Christen bitt' ich Euch, schreibt ihm Saluz aus Chur im Jahre 1556 aufs neue bekümmert, Jhr möget Rath thun Euerem Leibe und Euer selber schonen, minder predigen und studieren, daß Euch die Christenheit noch lange habe als ein edles Kleinod und ein schön Licht. O Gott, erbarme sich unser!" Wie früher finden wir Bullingern wieder im Bade Urdorf (1562) und später (1567 und 1571) im innern Gyrenbade, in einer lieblichen Berggegend gelegen am Fuße des Bachtel, dessen Gipfel in weitem Umfange über dem reizendsten Vorgrunde den freien Blick auf den schimmernden Kranz der Alpen gewährt. Jedesmal dauerte der Aufenthalt etwa vier Wochen. Hier labte sich Bullinger, stets aufmerksam auf die Führungen Gottes in der äußeren Naturwelt, wovon sein Tagebuch zahlreiche Spuren trägt, an den Wundern der Schöpfung, an der ländlichen Stille und den harmlosen Freuden des Landlebens in angenehmem Umgange mit Verwandten und Befreundeten. Nach Urdorf begleiteten ihn sein Eidam Ulrich Zwingli, Pfarrer am Spital oder an der Predigerkirche (was damals noch ungetrennt war), sein Bruder Johannes, Pfarrer in Ottenbach, dann in Kappel, einst in Emmerich sein erster Lateinlehrer, vormals so kriegslustig, nunmehr am Schenkel leidend, ferner

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sein Schwager Georg Stadler, Tischler, später Spitalmeister usw., während die Prediger Gwalter, Lavater, Wolf, die Lehrer Collin, Ammann und manche Andere hin und wieder zum Besuche kamen und zum Theil kostfrei gehalten wurden. Dem Wirthe schenkte Bullinger sammt seinen Mitgästen eine gemalte Fensterscheibe, darstellend die Freunde David und Jonathan. Jm Gyrenbade waren außer dem Bruder und dessen Gattin die beiden Töchter Dorothea und Veritas, 1567 im Alter von 22 und 24 Jahren, bei ihm, 1571 die letzteren wieder und überdies seine beiden Söhne, "badeten da, sagt das Tagebuch, von Gottes Gnaden glücklich, kamen frisch und gesund wieder heim." An vielfachen Zeichen der Liebe und Hochschätzung fehlte es bei diesen Anläsen nicht; namentlich wurden ihm nach damaliger Sitte kleinere und größere Badgeschenke in überaus reichlichem Maße zu Theil theils aus der Umgegend theils von besonderen Verehrern und Freunden. So brachte ihm 1571 der Dekan des Kapitels Winterthur einen Becher Namens der dortigen Prediger, ferner Abgeordnete "einen schönen hohen Becher" von 24 Mitgliedern des großen Rathes, "ebenso einen gedeckten Becher" von 24 Meistern, Herren und Gesellen," worauf Bullinger übungsgemäß nach seiner Heimkehr "die 48 Mann zu Gaste hielt und ihnen für die erzeigte Ehre, Gunst und Liebe dankte."

Wie nahe befreundet Bullinger war mit den beiden Bürgermeistern Haab und Rudolf Lavater, von denen jener, einst Zwingli's naher Freund, 1560 sein Amt niederlegte, dieser, Bullingers Gegenschwäher 1560 starb, ist oben bemerkt worden. Mit ihren beiden Nachfolgern stand er ebenfalls im besten Einvernehmen. Der eine war Bernhard von Cham, der schon bei der Rettung der Locarner thätig, als Landvogt von Wädensweil diesen die ersten Freundesdienste erzeigte auf zürcherischem Gebiete; unglaublich gastfrei bei Ehrenanlässen, wie bei Vermählung seines Sohnes mit der Tochter des Untervogtes Jakob Wirz zu Erlenbach, "des reichsten Mannes in Stadt und Land," und (1560) bei seinem Amtantritte. Bei diesem schreibt Bullinger an Fabritius: "Von dem neuen Bürgermeister hoffe ich viel Gutes. Am Sonntag war auf dem Lindenhof (einer Anhöhe in Zürich) eine Schenke; bei zwölfhundert Mann waren da beisammen züchtig und fröhlich. Die beiden Gesandten von Bern und beide Bürgermeister waren bei mir zu Gaste und standen erst um neun Uhr auf vom Mal; so fröhlich waren sie." Sichtbares Wohlgefallen von Seiten des Kaisers Maximilian II. erwarb sich Cham durch Würde und Gewandtheit, als er sich 1566 in Augsburg einfand, nur in "schlechter, eisengrauer" Kleidung, obgleich ein Mann von bedeutendem Reichthum. Chams Amtsgenosse, der Bürgermeister Georg Müller, ein ganz schlichter, aber höchst verdienter Mann, früherhin Sattler, war Bullingers Altersgenosse und sein vertrauter Freund. Als er sich 1564 die Wiedererwählung wegen Altersbeschwerden verbat und heimlich die Stadt verließ, legte ihm Bullinger nach einer schlaflosen Nacht aufs ernstlichste ans Herz, er

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solle doch sein Amt nicht niederlegen, er würde sich Jonas Strafe zuziehen; "ich bitte Euch, schreibt er ihm, als Euer von Gott berufener und verordneter Pfarrer, auch williger Diener, um Gottes und seines Volkes willen, Euch unter das Joch des Herrn zu begeben und nicht kleinmüthig, sondern tapfer zu sein in diesen gefährlichen Zeiten." Er ließ sich bewegen und wurde ehrenvoll abgeholt.

Wie Bullinger bei Chams Amtsantritt auch das Ungewöhnliche nicht mißbilligte, so war er anständigen Volks- und Bürgerfreuden, wie allgemeinen Schießfesten, öffentlichen Schauspielen und dergleichen keineswegs abhold, während er den üppigen Tänzen, ausschweifenden Kirchweihen, wie sie noch vom Pabstthum her hie und da zurück geblieben, wie wir oben sahen, sammt der Synode unermüdlich und kräftig entgegen trat. Er selbst verfaßte1553 ein deutsches Schauspiel, welches das Märtyrerthum der zürcherischen Blutzeugen Felix und Regula zum Gegenstand hatte; so weit er immer davonentfernt war, frommen Leuten der Vorzeit göttliche Verehrung zu bezeugen, so lag es doch ganz in seinem Sinne, daß ihnen ein ehrenvolles Gedächtniß gebühre. Gerade rücksichtlich der Veredlung der Volksfreuden und Reinigung des Volkssitte hat Zürich Bullingern ohne anders überaus viel zu verdanken.

Wie manches Verhältniß der Achtung und Liebe wäre noch zu erwähnen! Von seinen geistlichen Freunden sind noch zwei besonders zu nennen, Otto Werdmüller und Johannes Wolf, beide zugleich Professoren und Prediger. Jener, schon als Jüngling gleich so vielen Anderen von Bullinger gefördert, rüstig und hoffnungsvoll, "ein Mann von gediegener Gelehrsamkeit und wahrhaft fromm" ward zu Bullingers tiefstem Schmerze schon im neun und dreißigsten Lebensjahre dahin gerafft. "Mit großem Seelenschmerze, schreibt dieser an Myconius, melde ich dir, daß unser innig geliebter Bruder, unser fromme und gelehrte Mitarbeiter Otto Werdmüller gestern zu Anfang der Nacht gegen neun Uhr im Glauben gesund zum höheren Lichte eingegangen ist. Jhm zwar ist's wohl geschehen, das gestehen Alle, daß er befreit ist von den Beschwerden und Trübsalen, mit denen der Herr dies unser undankbares Geschlecht bedroht; uns aber, seine Mitbrüder, läßt er in tiefster Trauer zurück. Du weißt ja, wie er war, so fromm, mildthätig, bescheiden, emsig, gründlich gelehrt und mir überaus anhänglich. Möge der Herr, der seiner Kirche Lehrer und Hirten gibt, an seine Statt einen Andern setzen, welcher der Kirche frommt!" Johannes Wolf, Bullingern verwandt, zwanzig Jahre Pfarrer am Fraumünster, ein Mann von sehr feiner Bildung und weitem Herzen, stand Bullinger treulich bei in der Lösung der schwierigsten kirchlichen und wissenschaftlichen Fragen; auch von den Ausländern ward er hoch geehrt und sehr geliebt. Leider mußte Bullinger auch ihn vor sich abscheiden sehen.

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122. Bullingers Krankenlager und häusliche Trauer.

Wie meistentheils gegen das Ende des Erdenlebens schwerere Prüfungen sich einstellen, so fehlte es Bullingern in seinen späteren Jahren auch daran keineswegs. Besonders verhängnißvoll wurden für ihn die Jahre 1564 und 65, in welchen die Pestseuche mit unerhörter Gewalt herein brach. Von auswärtigen Freunden starben ihm 1564 namentlich Calvin in Genf und Hyperius in Marburg, von inländischen Froschauer und Bibliander. Er selbst fühlte sich längere Zeit hindurch ermattet. Schon im März schreibt er Fabritius: "Jch spüre, daß nachgerade meine Leibes- und Geisteskraft bedeutend abnimmt," eben so am 14. April: "Während stündlich meine Geschäfte wachsen, sinken die Kräfte. Doch so hat es Gott meinem Vater gefallen; steht nur er mir bei mit seiner Gnade, so begehre ich weiter nichts in der Welt. Jch bin die letzten acht Tage, fügt er hinzu, nicht stark gewesen, habe nichts thun mögen, meine Schwäche fängt an mich sehr zu hindern in allen meinen Sachen. Aber so gefällt's Gott; so gefällt's auch mir." Dessen ungeachtet dauerten die außerordentlichen Anstrengungen fort; fünf Tage später schreibt er wieder: "Du schonest meiner. Jch reiche nicht aus für so viele und so ausgedehnte Briefe. Du kannst mir glauben; seit früh Morgens hab' ich nicht Athem schöpfen können, dessen nicht zu gedenken, daß ich die Nacht schlaflos verbracht habe." Auch im Juni bemerkt er über sein leibliches Befinden: "Jch bin immerdar wie ich bin, übel daran, und muß doch ziehen, bis ich darunter erliege." So oft war er der Pest nahe getreten und verschont geblieben. Jetzt ergriff sie ihn und zwar mit aller Heftigkeit. "Es war am 15. Septemer, schreibt er in seinem Tagebuche, zu Abend nach dem Nachtmal (Nachtessen), da stieß mich die Pestilenz an, stark und an drei Orten (denn sie herrschte damals in Zürich), auf dem linken Schenkel vorn an der Dicke fast in der Mitte und am rechten Schenkel unterhalb des Kniees außen am Schenkel; dies war ein gar böses Geschwür; und oben am nämlichen Schenkel war eine ungeheure Pestbeule; darzu schlug unsäglich heftiges Haupt- und Seitenweh, daß ich Tag und Nacht wenig schlief. Die Doctoren Konrad Geßner, Keller und Wolf sammt dem Wundarzt Johannes Muralt, dem Locarner, kamen fleißig zu mir, und Muralt brannte mir die Wunde unten am Knie." "Gott aber macht gesund," fügt Bullinger bei. "Jndeß war sein Zustand sehr bedenklich. Viele drängten sich daher herbei, ihn noch Ein Mal zu sehen. Was ihm aber voraus am Herzen lag, war das Wohl der Kirche. Am 17. September berief er deshalb alle Diener der Kirche, gnadete ihnen (nahm Abschied von ihnen), ermahnte sie zur Beständigkeit, Treue und Einigkeit und empfahl ihnen die Kirche aufs eindringlichste. Nun aber stieg die Krankheit immer höher. Ohne Unterlaß befahl Bullinger seine Seele dem Herrn und erwartete sein Ende. Jammer und Wehklage erfüllte die ganze Stadt. Zwei Tage lang lag er ohne Bewußtsein; ängstlich harrte man Stunde für Stunde

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auf Nachricht von dem theuern Kranken; heiße Gebete stiegen für ihn gen Himmel. Schon verbreitete sich weithin das Gerücht von seinem Tode, den Einen zur Freude, den Andern zur tiefsten Betrübniß. Endlich, als gerade die ganze Gemeinde am Sonntage inbrünstig vor dem Herrn versammelt war, ward es etwas besser; er begann wieder aufzuleben, so daß jedermann dafür hielt, er wäre von Gott erbeten und der Kirche wiederum geschenkt. Doch genas er nur langsam. Dreizehen Wochen dauerte es, bis er das Krankenlager verlassen durfte. Erst zu Anfang December konnte man die große Pestbeule aufschneiden, die zu ihrer Heilung noch sechs Wochen bedurfte. Ungeachtet großer Schwäche und heftiger Schmerzen begann er aber Freitags den 15. December wiederzu predigen.

Allein mitten in seiner Krankheit traf ihn der schwerste Schlag. Seine treu liebende Gattin, die mit völliger Hingebung seiner pflegte, die nur um sein Leben besorgt war, deren Worte und Gedanken gänzlich auf ihn sich richteten, erkrankte ebenfalls an der Pest und erlag ihr schon am neunten Tage (den 25. September) zu unnennbarem Schmerze ihres Gatten. Jn gläubigem Flehen, umringt von ihren Kindern, Tochtermännern und übrigen Verwandten übergab sie ihre Seele dem Herrn, nachdem sie fünf und dreißig Jahre in ungetrübter Ehe ihrem Manne zur Seite gestanden und thatsächlich dargethan hatte, wie der heilige Ehebund für den Diener der Kirche nicht etwas Ungöttliches, sondern ächt christlich und evangelisch sei.

Doch nicht genug. Noch ein mächtiger Schlag sollte den tiefgebeugten Dulder treffen. Auch seine Tochter Margareta wurde von der Pest erfaßt und folgte schon am 30. October unter erschwerenden Umständen ihrer Mutter.

So standhaft ertrug indeß Bullinger sowohl seine eigene Krankheit als auch diese harten Prüfungen, daß er selbst die Theilnehmenden, welche kamen, ihr Beileid zu bezeugen, zu stärken und aus der unerschöpflichen Quelle seines Trostes, der heiligen Schrift, zu trösten vermochte. Wie tief sich aber seine Seele beugte unter diesen gewaltigen Führungen des Herrn, vernehmen wir aus der schlichten Mittheilung, die er am 2. November seinem Fabritius macht:

"Sei mir gegrüßt, mein theurer Bruder, und im Herrn gesegnet! Dir schreibe ich wieder den ersten Brief, ich kann nicht sagen, seit meiner Krankheit, sondern in meiner Krankheit, da ich noch immer unter großen Beschwerden und schwerer Betrübniß mit den Ueberbleibseln derselben zu kämpfen habe. Wenn der Herr nicht außerordentlicher Weise mich stärken würde, so wüßte ich nicht, wie ich je wieder genesen könnte, zumal da Schlag auf Schlag, Trübsal über Trübsal kömmt. Fünf Wochen sind's, seit mir der Herr meine inniggeliebte Gattin entriß; du weißt, wie sie gewesen, und kannst dir daher leicht denken, welch einen Schmerz dies mir erwecken mußte. Jetzt aber, nur fünf Wochen später, am nämlichen Wochentage, an welchem die Gattin mir zu Grabe

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getragen wurde, ist meine herzliebe Tochter Margareta bestattet worden, Lavaters Gattin, ebenfals von der Pest hingerafft. Sie war ihrer Niederkunft nahe; sie gebar unter der Gewalt der Krankheit; das Knäblein lebte, es empfing die heilige Taufe, starb aber am folgenden Tage und in der Nacht darauf folgte ihm die Mutter, die sieben unerzogene Kinder und einen von der Trauer tief gebeugten Gatten hinterläßt. Jch weiß, daß Alles dies nach Gottes Rath geschehen, und daß ich solchen weder tadeln soll noch kann; ihm übergeb ich daher mich und Alles was ich habe und alle die Meinigen und erflehe seine Barmherzigkeit. Jch bitte auch dich insbesondere, daß du mich und mein Haus, ja die ganze Kirche in deinem Gebete dem Herrn empfehlest.

Heute sind es sieben volle Wochen, seit ich bettliegerig wurde, von drei Pfeilen des Herrn getroffen. Zu diesem an sich schon so äußerst schweren Uebel kamen noch andere fast unausstehliche Leiden, ein Schmerz in der hart mitgenommenen rechten Seite und im Kopfe. Und noch sind sie nicht völlig gewichen. Es ist keine Kraft in dem blöden Körper, der sonst schon vor dieser Krankheit erschöpft war. Jch bin noch nicht ganz vom Bette los und schreibe dies aus dem Bette."

Ebenso schreibt er am 11. November an seinen alten Freund Ambrosius Blaarer nach Winterthur: "Du weißt, der Herr hat mir nun in meinem Alter den Stab meines Alters entzogen, meine theure, auserwählte, überaus fromme Gattin. Aber gerecht ist der Herr und gerecht sind seine Gerichte! Jn den letzten Tagen hat er mir auch meine geliebte Tochter, Lavaters Gattin, entrissen, auf die ich große Hoffnung setzte. Sie hinterließ sieben Waislein. Aber gut ist der Herr und gut ist sein Wille, ohne den dies nicht geschehen ist. Er mag auch fernerhin thun, was gut ist in seinen Augen, wenn er nur seine Barmherzigkeit mir und den Meinigen nicht entzieht. Die Pest rafft immer noch Viele hinweg. Zu Anfang dieses Monats habe ich von unserem gemeinsamen Freunde Beza, diesem treuen Knecht des Herrn, einen Brief bekommen, den ich dir hier beilege."

Eben diesem Ambrosius Blaarer hatte Bullinger schon im September am vierten Tage seiner eigenen Krankheit, als sich ihm eine gute Gelegenheit darbot, entbieten lassen, "daß sie zwei jetzt die ältesten Kirchendiener seien, und so Gott ihn (Bullinger) jetzt von diesem Krankenlager hinnehmen werde, deß er sich versehe (obschon wohl möglich sei, daß er wieder aufkommen und noch mehr Sorge und Arbeit tragen müsse), so solle er wissen, daß er ihm bald nachfahren werde." Blaarer nahm diese Botschaft auf wie Eli und schrieb zurück, daß Gottes Wille möge bald an ihm erfüllt werden. Er erkrankte an der Pest am 29. November und starb selig am 6. December.

Auch darüber gibt Bullinger seinem Fabritius Nachricht: "Unser liebe Ambrosius Blaarer ist am 6. December heim gegangen; mithin ist niemand mehr übrig von meinen Bekannten, der länger im Dienste der Kirche

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stände, als einzig Farel[140]. Was ist also übrig, als daß auch ich alsbald mein Ränzchen schnüre!"

Jn demselben Briefe erklärt er sich aufs kräftigste gegen die Meinung italienischer Prediger, als ob ein Pfarrer sich des Besuchs der Pestkranken enthalten oder gar die Gemeinde um der Pest willen verlassen dürfe. "Dies ist eine barbarische Meinung; sie werden Gottes Hand doch nicht entrinnen," schreibt er, wie oben (Kap. 97.) angeführt worden, und sagt über die Ansteckung: "Dein Gegner irrt, wenn er wähnt, ich sei von meiner Gattin mit der Pest angesteckt worden; denn sie erkrankte erst nach mir. Vielmehr, während ich vor mehreren Jahren in beiden Pestseuchen zu Allen ging, war ich jetzt nur bei Wenigen, da sie vor meiner Erkrankung nicht so heftig wüthete wie jetzt. Dennoch hat mir der Herr sie diesmal bescheert. Wüßtest du, wie das erste Gefühl von der Krankheit bei mir eintrat, du würdest sagen, sie sei unmittelbar vom Herrn mir zugesandt worden. Und von denen, die mich besuchten, ist auch nicht einer gestorben oder von der Krankheit befallen worden. Ja, sieh, meine Söhne, meine Töchter, Tochtermänner, andere Verwandte, meine Nachbarn, welche Tage und Nächte durch nicht von meinem Bette weichen wollten, haben keinen Schaden genommen. Einzig meine Tochter Margareta, Lavaters Gattin, ist gestorben. Und doch habe ich sie immer von mir weggeschickt, weil sie ihrem Wochenbette nahe war. Also die gerade, die am wenigsten bei mir war, ist gestorben und von ihren Kindern bis anhin keines. Gott sei mit uns noch fürderhin!"

Es war wohl nöthig, die Furcht vor der Ansteckung nicht zu vergrößern; denn die Seuche wüthete fürchterlich selbst bis in die höchsten Berggegenden hinauf; sie raffte Tausende von Opfern dahin; in Rheinfelden starb Bullingers Schwager sammt allen seinen Söhnen und Töchtern bis auf das jüngste Mädchen.

Schon im folgenden Jahre kehrte die Pest mit erneuter Wuth wieder und drang aufs neue verheerend in den Kreis von Bullingers Lieben. Jn dem Einen Monate November entriß sie ihm zuerst eine liebe Pflegetochter, Regula Zwingli, des Reformators Tochter, seit vier und zwanzig Jahren mit Rudolf Gwalter verehlicht; sodann zwei seiner Töchter, Elisabeth, Josias Simmlers, und Anna, des jüngeren Ulrich Zwinglis Gattin. Wie er auch diese dunkeln Führungen des Herrn ertrug, hören wir ebenfalls am besten von ihm selbst. Er schreibt am 16. November 1565 an Fabritius: Jn meinem letztem Brief habe ich dich benachrichtigt, daß unsere herzlich geliebte Schwester Regula, Gwalters Gattin, schwer darnieder liege. Jetzt muß ich dir melden, daß sie in völligster Reinheit des Glaubens am 14. dieses Monats in der Frühe zwischen 2 und 3 ihren Geist dem Herrn zurück gegeben hat und mit gar großer bewundernswürdiger Freudigkeit heim gegangen ist zu unser Aller tiefstem

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Schmerze. Jhr Gatte Gwalter trägt zwar diesen schweren Schlag mit Heldenmuth, aber er ist so durch und durch erschüttert und so entstellt, daß ich gar sehr um ihn besorgt bin. Bitte darum zu Gott, daß er der Kirche dies treffliche Rüstzeug nicht zertrümmere und den Gläubigen entreiße.

Schon am 22. November muß Bullinger melden: "Jch bin schon wieder in einer nicht geringen Betrübniß. Bald nach dem Tode von Gwalters Gattin mußte meine geliebte Tochter Elisabetha sich niederlegen und übergab am dritten Tage ihren Geist selig ihrem Gotte. Sie war Josias Simmlers Gattin. Jetzt liegt auch meine andere Tochter Anna, Zwingli's Gattin, in den letzten Zügen; in ihrer Wohnung schreibe ich dies. Was Gott über mich und die Meinigen verhängt hat, ist ihm allein bekannt. Jch bin ganz bereit. Lebe wohl, mein theuerster Bruder in Christo! Mehr zu schreiben läßt der Schmerz mir dermalen nicht zu, weil ich eben ein Mensch bin; indeß trösten mich die Verheißungen Christi und daß meine Töchter unter aufrichtigem Bekenntniß und Anrufung Christi verschieden. Bitte den Herrn für uns. Es grüßen dich Lavater und Zwingli, die der Sterbenden treulich beistehen." Anna starb gleich am folgenden Tage.

Erkennen wir schon aus diesem Schreiben Bullingers Ergebung, so leuchtet uns seine völlige Todesbereitschaft noch heller entgegen aus dem folgenden vom 30. November, das ebenfalls an Fabritius gerichtet ist: "Wir sind Alle so ziemlich wohl. Doch stehen wir in Bereitschaft dem Herrn und gewärtigen seinen Ruf. Will er, daß wir hier sterben, so wird er uns Leben geben in den Himmeln und unsere Leiber zu seiner Zeit von der Erde auferwecken. Will er, daß wir noch länger hier leben, in der Uebungsschule der mühseligen Welt, so scheuen wir die Mühsal nicht. Sein Wille geschehe! Bitte du zum Herrn für uns. Wenn es uns gehen soll wie andern Leuten hier, so wird's nicht aufhören, bis unsere Häuser leer stehen. Marx Roist ist mit Weib und Kindern dahin bis an zwei Söhne. Der Küster Kaspar Küng liegt jetzt auch; seine Haushaltung hat er voran geschickt. So starben an mehreren Orten die Häuser ganz aus. Verschont uns der Herr noch, so wird es sein Wille sein, daß wir weiter uns mühen. Das stellen wir ihm anheim. Jhm habe ich mich ergeben und die Meinigen und Alles, was mein ist; doch in Wahrheit nicht mein, sondern sein. Das ist die Summe von Allem, und wie würde ich aus so viel Elend erlöst, wenn der Herr mich holete. Doch wie er will und nicht wie ich will!"

Und es war des Herrn Wille, daß zu Allem noch ein für Bullinger höchst schmerzlicher Trauerfall hinzu komme, der Hinschied seines lieben Freundes und einstigen Pfleglings, des hochberühmten Arztes und Naturforschers Konrad Geßner, dem seine Wissenschaft keineswegs den Glauben getrübt hatte. Bullinger tieferschüttert schreibt darüber (am 14. December 1565) an den Antistes Keßler nach St. Gallen: "Jn der verflossenen Nacht ist Konrad Geßner gestorben, diese außerordentliche Zierde nicht bloß unsers Zürich,

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sondern des ganzen Schweizerlandes. Es hatte sich bei ihm in der Herzgegend ein Pestgeschwür der schlimmsten Art angesetzt und unter seiner linken Achsel war eine Beule heraus gewachsen. Am letzten Sonntage war er noch in der Kirche, so wie er überhaupt ein sehr fleißiger Zuhörer meiner Predigten war. Er grüßte mich nach seiner Gewohnheit. Bald nachher überfiel ihn die Krankheit; er lag jedoch nie zu Bette, oder wenn er sich etwa für einige Augenblicke niedergelegt hatte, stand er sogleich wieder auf, ging oder saß und redete unterdessen immerfort von heiligen und nützlichen Dingen; ja er arbeitete sogar noch bis auf den letzten Athemzug, er, der sonst schon von seinen Arbeiten erschöpft war. Gestern noch schrieb er Vieles, und bat mich ""seinen Freunden, die ich ja alle wohl kenne, an des Kaisers Hof, in Deutschland, Frankreich, England, Jtalien zu gnaden (Lebewohl zu sagen) und daß alle möchten redlich sein am christlichen Glauben."" Hierauf ergriff er meine Hand, legte mir noch das Bekenntniß seines Glaubens ab und seiner gewissen Hoffnung des ewigen Lebens durch Jesum Christum, und nahm unter tausend Thränen, die wir beide vergossen, von mir Abschied. Und so ruft der Herr, wie du siehst, die gelehrtesten und wackersten Männer einen nach dem andern aus dieser Welt ab. Was weiter daraus folgen wird, darf ich dir nach deiner frommen Gesinnung nicht erst sagen." Noch tiefer seufzt Bullinger im Briefe an Fabritius: "Was soll ich schreiben oder sagen, mein lieber Bruder? Trübsal reiht sich an Trübsal und nimmt über die Maßen zu. Du weißt, wie groß der Schmerz ist, der aus den Todesfällen unter meinen Angehörigen mir erregt worden. Nun der Tod des berühmtesten, gelehrtesten und frömmsten Mannes, Doctor Geßners, tödtet mich fast. O ich Armer, der ich halb todt den Särgen so vieler Lieben folgen muß! Doch mit Gott schick' ich mich drein, gerne unterwerf ich mich seiner Zucht."

Jn eben demselben Jahre verlor Bullinger durch den Tod seinen Schwager, Spitalmeister Georg Stadler, sowie die beiden von ihm hochgeschätzten trefflichen Schulmänner Johannes Fries, der seiner Zeit mit Geßner in Paris studierte, und Sebastian Guldibeck; auch entschlief nach fünf und dreißigjährigem treuen Dienste die alte Magd Brigitta Schmied, die schon zu Bremgarten in den Dienst eingetreten, alle Kinder mit auferzogen, stets Freude und Leid mit dem Hause getheilt hatte. Jm folgenden Jahre sank der oft erwähnte Johann Fabritius, Pfarrer zu Chur, ins Grab, neun und dreißig Jahre alt, treu seinem Dienste inmitten der wüthenden Pest, die ihn erfaßte, nachdem seine Gattin und ein Söhnchen von ihr hingerafft worden. Sterbend bat er Bullingern, für seine Kinder Fürsorge zu treffen, was dieser ihm schon früher treulich zugesagt hatte.

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123. Der Lebensabend.

So war nun Bullinger freilich um viele Häupter seiner Lieben ärmer geworden, doch bewährt erfunden im Glauben und in der Geduld  durchs Feuer der Trübsal. Es ist wunderbar und wohl ein recht deutliches Zeichen seiner wahrhaften Gottinnigkeit, wie er inmitten und gleich nach diesen schweren Heimsuchungen sofort wieder so kräftig und geistesfrisch ins Leben eingreifen und an der Lösung mannigfacher Aufgaben der bewegten Gegenwart mitarbeiten konnte. Um von Vielem nur Eines zu nennen, war's eben um diese Zeit, daß er wiederholt die Anfragen des Churfürsten Friedrichs III. von der Pfalz so trefflich beantwortete und ihm (am 12. December 1565) die (zweite) helvetische Confession übersandte.

Von manchen Seiten drang man in Bullinger, sich wieder zu verehlichen, was damals auch bei betagten Männern sehr häufig vorkam; man riet es ihm an auch um der Gesundheit willen. Allein er verweigerte es; nicht daß er eine zweite Ehe für einen Diener der Kirche für unerlaubt gehalten hätte; allein er entgegnete: seine Ehegattin lebe noch in seinem Herzen, sie, die ihm so viele Pfänder der Liebe hinterlassen, und da er eine Tochter habe, die sein Hauswesen vortrefflich leite, möge er auf dieser seiner jetzigen Lebensstufe nicht an eine Hochzeit und Heirath denken. Es war seine jüngste Tochter Dorothea, die von nun an sein Haus besorgte und ihn aufs treuste und zärtlichste pflegte; erst nach ihres Vaters Tode ward sie die Gattin des Bürgermeisters Großmann. Jhre Schwester Veritas dagegen ehlichte 1559 Heinrich Trüb, der Obmann und Schultheiß am Stadtgericht gewesen, nunmehr aber das Spitalmeister-Amt bekleidete.

Wirklich bedurfte Bullinger allmälig mehr Pflege. Jm Sommer 1565 zeigten sich nämlich die ersten Spuren eines neuen, höchst schmerzhaften Uebels, von welchem er nie mehr völlig genas; es waren Harn- und Nierenbeschwerden. Oefter warfen ihn diese aufs Schmerzenslager und erweckten in ihm erneutes Todessehnen, wie er solches auch früher schon empfunden hatte. So schreibt er im August 1569 nach Berleburg an den öfter genannten Grafen Ludwig von Sayn-Wittgenstein: "Jm Mai und Juli war ich heftig krank. Mit großer Freude erwartete ich meinen Heimgang ins ewige Vaterland. Aber durchs Gebet der Kirche genesen, von Gott zurück gerufen vom Tode, diene ich wieder in meinem Amte der Kirche, doch sind meine Kräfte noch nicht recht hergestellt, indeß hoffe ich, in Kurzem werde sie mir der Herr befestigen, und bitte ihn auch herzlich, daß er, so es ihm gefällt, sich meiner weiter zu bedienen im Dienste der Kirche, mich segne und mir beistehe, wie er verheißen hat, er wolle beistehen."

Noch immer finden wir Bullinger auch in diesen Jahren vielfältig als Schriftsteller wirksam; doch sagt er in einem Schreiben an Graf Sayn vom März 1570, das uns überhaupt einen Blick in die Zufriedenheit seines höheren Alters gewährt, er habe den Professor Johannes Wolf veranlaßt, ihm

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(dem Grafen) seine Auslegung des Buches Nehemia zuzueignen. "Da ich nämlich selbst, gebrochen durch andauernden Kraftaufwand in meinem Dienste, nichts Größeres oder Umfassendes an Hand nehmen kann, so ermuntere ich jüngere, kräftige Männer, die etwas Tüchtiges anstreben, ihre Werke je den Trefflichsten zu widmen, um desto mehr Nutzen zu stiften und Ehre einzulegen. Jch aber bin dabei ganz zufrieden mit meinem Loose; ich danke Gott, daß er mich gewürdigt hat, als ich, ebenfalls durch seine Gnade, besser bei Kräften war, je meine größten Anstrengungen zu seines Namens Ehre und zum Heile seiner Kirche zu verwenden, und bitte ihn jetzt, daß er mich in meinem kraftlosen Greisenalter segne, und mich, deß Schifflein nicht mehr fern vom Hafen des Heiles ist, bald den Wogen entreiße und zu sich ziehe. Mit Geringerem zufrieden, habe ich sechs deutsche Predigten "von der Bekehrung" heraus gegeben."

Wie betrübend für den greisen Bullinger, daß er gerade den hier erwähnten jüngern Amtsbruder im Alter von ein und fünfzig Jahren mußte scheiden sehen. Jmmer mächtiger zog's ihn nach oben. Jn schmerzlicher Aufregung seufzte er: "O daß Gott im Himmel erbarm'! daß ich alle meine lieben, treuen Brüder überleben muß, Leo, Pellican, Bibliander, Geßner, Martyr, Otto, Megander, Fries. Lebt ja doch kein Einziger mehr von Allen, die damals lebten und der Kirche dienten, als ich vor fünfzig Jahren von dem Herrn berufen ward. Ach, so erlös mich, o Herr, mein Gott, aus diesem Jammerthal und mach' nach deiner Güte endlich ein Ende!" "Mit dem größten Seelenschmerze, schreibt er ebenso dem Grafen Sayn (im Februar 1573), melde ich Euch, edler Herr, daß mein lieber Mitarbeiter Johannes Wolf, dieser unvergleichliche Mann, mein treuster Verwandte, mein innigst geliebter Bruder, dieser wahrhaft fromme, gelehrte und bescheidene Mann, der Frieden und Eintracht aufs höchste liebte, im letzten November aus dieser Welt heim gegangen ist. Jch gönne ihm gerne die Ruhe und daß er befreit ist von diesem lastervollen Zeitenlaufe; ja ich danke Gott innig dafür. Aber das erhöht meinen Schmerz, daß ich noch gerade am Leben bleibe und aller meiner Brüder und Mitarbeiter beraubt werde, während doch ich - niemand in der weiten Welt mehr als ich - wünsche aufgelöst zu werden und bei Christo zu sein und seinen Erwählten. Jch stehe bereits in meinem ein und fünfzigsten Amtsjahre. Während dieser langen Zeit bin ich gewisser Maßen so oft gestorben, als ich meiner so vertrauten und geliebten Brüder beraubt ward, und wie oft war dies der Fall. Einzig das ist immerhin mein Trost in meiner großen Trauer, daß ich weiß, dies ist nicht geschehen ohne die heilige und ewig gute Vorsehung meines gnadenreichen Vaters, und daß es uns gebührt, in Allem uns seinem heiligen Willen zu unterwerfen und darin einzig und völlig zu ruhen. Auch das ist mir tröstlich, daß inzwischen, während ich noch am Leben bin, Gott mich noch wie ein Gefäß der Ehren gebraucht, und daß wir unsere Entschlafenen nicht verlieren, sondern nur vorausschicken, daß dies

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Leben kurz ist wie ein Augenblick und wir also bald wieder versammelt werden in der Herrlichkeit durch den, der sein wird Alles in Allem. Jhm sei Preis, Ehre und Danksagung!" Jn demselben Briefe äußert er sich über das gräuliche Blutbad der Bartholomäusnacht.

Jm August des nämlichen Jahres schreibt er dem Grafen: "Jch bin wohl, inwieweit man bei einem siebzigjährigen Greise von Wohlsein reden kann; immerhin kann ich Gott nicht genug danken, daß er mir Kraft verleiht, mein Amt noch immer ordentlich zu versehen. Jhn bitte ich auch, daß er fortfahre, meinen Dienst zu segnen, und bitte dich um deine christliche Fürbitte." Jn eben diesem Jahre starb in London als Jüngling Rudolph Zwingli, Bullingers und des Reformators Zwingli Enkel; sein Vater, Bullingers Schwiegersohn, war vom Schlage getroffen schon zwei Jahre früher zu Bullingers tiefer Betrübniß ihm vorangegangen.

Jm März 1574 übersendet Bullinger dem Grafen seine Antwort an Andreä, wiewohl er, wie oben erwähnt, bei seinem doch beschwerlichen Alter und den zahlreichen andern Geschäften lieber der Polemik überhoben gewesen wäre, und zwei Predigten über Psalm 130 und 133, in deren erster sich uns besonders klar sein damaliges inneres Leben spiegelt, indem er so recht aus Erfahrung sagt: "Diese herrliche Beschreibung  des Wartens oder Harrens Davids dient uns Allen und jedem insonders zur Lehre, daß auch wir in allen unseren Anfechtungen und Trübsalen Gott bitten mögen um solches Vertrauen und Hoffen, wie David hatte, daß auch wir beharrlich und geduldig sollen warten, ja nicht "strütten" (eilfertig rennen und jagen) oder verzagen, sondern warten nach dem Worte Gottes auf die Gnade und tröstliche Erlösung unseres Herren und Gottes, ungezweifelter Hoffnung, er werde uns weder versäumen noch verlassen. Es muß aber recht eigentlich nicht "erzappelt und erstrüttet", sondern erwartet, ja willig und geduldig erharret werden." Gerade so stand es damals um ihn selbst.

Wie viel Drückendes er inzwischen zu ertragen hatte und wie er immerdar seine Gemeinde auf dem Herzen trug, zeigen uns einige Aeußerungen in dem Schreiben an Graf Sayn vom August 1574: "Meine Geschäfte sind zahlreich, mannigfaltig und beschwerlich; das schwerfällige Greisenalter und die dermalige Angegriffenheit läßt nach Gottes Anordnung keine anhaltende oder umfassende Arbeit zu," und dann wieder: "Jch bin so matt und meine Kraft ist so gebrochen, daß ich dermalen nichts schreibe oder abfasse. Es genügt mir, wenn ich den kirchlichen Geschäften unserer Kirche so genug thun kann; aber auch darin vermisse ich viel an mir. Doch die Gemeinde klagt, so viel ich wenigstens weiß, über nichts, sondern trägt mit mir aufs freundlichste durch Gottes Gnade in Allem gute Geduld." Eben diese Schreiben, worin Bullinger über solche Hemmungen seufzt, sind indeß voll treffender Urtheile, einsichtsvoller Winke und weiser Räthe über kirchliche und staatliche Dinge.

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Ausgezeichnet war besonders die Beihülfe, die sein ihm treu anhänglicher Schwiegersohn und Amtsgenosse Ludwig Lavater dem altersschwachen Greisen leistete. Mit Schreiben, mit Predigen half er ihm zu jeder Stunde aus. Oft, wann zum Gottesdienste die Glocke bereits das erste Zeichen gegeben, kam noch von diesem die Aufforderung, statt seiner die Kanzel zu besteigen. Die vorzügliche Gewandtheit, die Lavater sich erworben hatte sowohl in Ordnen der Gedanken als im Ausdruck kam ihm dabei sehr zu Statten; sie setzte ihn in den Stand, im Nothfall fast ohne Vorbereitung trefflich zu predigen.

Jmmer häufiger und heftiger kehrten bei Bullinger die Anfälle der Krankheit wieder, namentlich litt er fürchterlich vom October bis Dezember 1574; er wurde so abgemergelt, daß nichts mehr als Haut und Knochen übrig zu sein schienen; er selbst sagte etwa zu den Seinen, an ihm werden die Würmer einst keine köstliche Malzeit haben. Sein Altersgenosse, der bernische Staatsmann Niklaus zur Kinden (Zerkintes) schreibt ihm am 3. November 1574: "Ein Schauer durchfuhr meinen ganzen Leib, verehrungswürdiger Vater! als ich vernahm, von was für einer grausamen Krankheit du angegriffen worden, und das vornehmlich darum, weil ich voraus sehe, welchen Beschützer das Volk Gottes verliert, wenn es wegen Krankheit oder Todes deiner Hülfe entbehren muß. Daß du die Hand des Herrn mit gelassenem Geiste ertragest, daran zweifle ich nicht. Aber wenn ich an die Freunde gedenke, die in der Nähe und Ferne weit und breit zerstreut sind und an alle die Kirchen Gottes, und was für einen Eindruck die Krankheit oder der Tod eines so bedeutenden Mannes auf sie machen würde, so kann ich mich der Thränen nicht enthalten. Jch nehme aber meine Zuflucht zum Gebete um deine Erhaltung: denn dies ist ja die einzige Freistätte für Bedrängte. Jndeß weist uns Beide unser gleich hohes Alter zum Ziele der Ewigkeit hin; denn auch ich habe einen so ausgemergelten Körper, daß der Tod kaum etwas an ihm zu ändern finden wird..... Nun wir wollen unverzagt den Weg alles Fleisches betreten und auf den großen Tag des Herrn warten. Nimm dies an als die Bezeugung meines letzten Willens und als das Pfand des immerwährenden Andenkens an deine Liebe gegen mich und meiner Hochachtung gegen dich. Jch werde um so freudiger aus dieser Welt aabscheiden, weil ich sicher glaube, unsere Bekanntschaft und Freundschaft, die hienieden sehr kurz, aber höchst angenehm war, werde in jenem seligeren Zustande ewig währen! Lebe also wohl, dreimal seliger Knecht Gottes, und empfange auf deines Herrn Geheiß froh die Krone, die dir im Himmel aufbehalten ist." Der betagte Bullinger erholte sich indeß noch einmal; am 19. Dezember konnte er wieder anfangen zu predigen, während seine Mitarbeiter, Keßler in St. Gallen und der erst vierzigjährige Tobias Egli in Chur, der von Bullinger gestärkt aller Macht der Jrrlehrer treulich widerstanden hatte, in ihre Ruhe eingingen. Doch auch für ihn sollte endlich der letzte Kampf und die Erlösung kommen.

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124. Das Ziel.

Freilich noch ein langer, heißer Kampf war dem greisen Bullinger beschieden. Nachdem er am heil. Pfingstfeste 1575 mehrmals gepredigt und sich dabei bedeutend angestrengt hatte, kehrte am 4. Mai sein altes Uebel wieder und zwar in gesteigertem Maße, so daß er Tag und Nacht keine Ruhe finden konnte. Sehr häufig wiederholten sich die peinlichen Anfälle, und zwar so überwältigend, daß unter den entsetzlichsten Schmerzen der ganze Leib des Kranken erzitterte. Alle die mannigfachen Heilmittel, die theils die Aerzte verordneten, theils Auswärtige ihm zuschickten, schienen eher zu reizen und die Beschwerden zu steigern als sie zu mildern. Dieser furchtbare Leidenszustand dauerte Wochen und Monate lang. Mitten in allen diesen Drangsalen aber, die für den Kranken ohne anders zu den mühsehligsten und peinlichsten gehören, zeigte er eine unaussprechliche Geduld und den standhaftesten Muth, wie sich auch seine Tochter Dorothea, die ihn unermüdlich pflegte, dadurch auszeichnete. "Jch bin alle Tage bei ihm gewesen, sagt sein Schwiegersohn Lavater, hab' aber nie ein ungeduldiges Wort von ihn gehört; hab' oft gedacht, Gott stelle ihn seiner Gemeinde als ein Vorbild von Geduld dar. Seine Stärkung war allezeit anhaltendes Gebet, auch in der größten Noth." Jn einem Briefe an den herzlich Theil nehmenden Beza, den Bullinger mit großer Anstrengung aus dem Bette schrieb, um Beza vor allfälligen Kriegsgelüsten zu warnen, sagt er über sich und seine Krankheit: "Seit Pfingsten liege ich schwer darnieder. Da hilft keine Arznei. Vierzehen Nächte hab' ich nun schlaflos hingebracht; ich bin gepeinigt aufs allerheftigste; gar keine Ruhe habe ich weder bei Nacht noch bei Tage. Essen schmeckt mir schlecht; trinken würde ich wohl reichlicher, doch ist's mir verderblich. Daher enthalte ich mich dessen und führe ein gar elendes Leben. Auf Gott aber, meinen Herrn und Erlöser, steht all meine Hoffnung. Er hat mir Geduld verliehen und hält mich aufrecht in meiner gefahrvollen Krankheit. Thu mir's zu Liebe, empfiehl mich ihm anhaltend im Gebete, er möge mich zu sich nehmen oder mich wieder in mein Amt eintreten lassen." Dann sagt er gegen Ende des Briefes: "Jch zittere ganz am ganzen Leibe. Du siehst es an den übeln Buchstaben."

"So wie übrigens (sagt Lavater) ein Anfall vorbei war und ihm etwas Erleichterung vergönnt ward, sprach er so getrost und anmuthig mit den Anwesenden, wie wenn die Krankheit entschwunden wäre, und erzählte mancherlei wie in früherer Zeit." Sehr Viele kamen ihn zu besuchen, wohl auch zu trösten, Einheimische und Fremde; niemand ging ohne reichliche Belehrung und mannigfache Tröstung oder Stärkung von ihm. "Hier, sagt ein Augenzeuge (Professor Wilhelm Stucki), waren seine Tugenden concentrirt, so daß man wohl sagen kann, in diesem andauernden Feuer habe sich seine Treue so bewährt, daß diese seine Krankheitszeit zu einem ächten Maryrium, zum herrlichen Glaubenszeugniß geworden." Oft wiederholte er: gefalle es Gott, ihn

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aufzurichten, so wolle er ihm gerne weiter dienen, wenn er ihm Gnade dazu verleihe; wolle er ihn aber von hinnen nehmen, so sei er's gar wohl zufrieden und wisse, daß ihm ein besseres Leben werde und er aller Angst und Noth abkomme; doch wolle er Gott nichts vorschreiben, sondern alles seinem gnädigen und väterlichen Willen anheim stellen. "Mir könnte ja, sagte er dann wieder, freilich nichts Angenehmeres und Erwünschteres begegnen, als wenn ich bald aus dieser trübseligen und verdorbenen Zeit zu meinem Heiland pilgern sollte. Sokrates (in Cicero's Tusculanen) freut sich, daß er sterben müsse, deshalb, weil er glaubt, er werde den Homer, Hesiod und andere ausgezeichnete Männer zu sehen bekommen. Wie viel mehr darf ich mich freuen, da ich mit Gewißheit weiß, daß ich Christus, meinen Erlöser, werde schauen, den ewigen Sohn Gottes und überdies alle die heiligen Erzväter, die von Anfang der Welt gelebt haben, jene großen Propheten Gottes, ebenso die Apostel unseres Herrn, - so herrlich, daß die Welt ihresgleichen nicht gehabt hat -, und alle Heiligen, die je gewesen sind. Da ich weiß, ich werde sie insgesammt sehen und glaube, daß ich der Seligkeit theilhaft werde, die sie genießen in Gott, ihrem Seligmacher, wie sollte ich nicht gerne abscheiden aus diesem Leben zur Gemeinschaft der Gottseligen und zu ihren ewigen Freuden?" Ungebrochenen Muthes und unverzagten Herzens schaute er daher seinem Ende entgegen, indem er manchmal mit Paulus sprach: "Jch habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein"; denn, setzte er hinzu, die Hoffnung sei bei ihm felsenfest, Gott werde seine arme Seele, soald sie diesen Leib verlassen habe, nach seiner unermeßlichen und unendlichen Barmherzigkeit, auf die er allein sich stütze und verlasse, auch stets allein sich verlassen habe, dorthin in seine himmlischen Wohnungen und in seinen Schoos aufnehmen, diesen seinen elenden und hinfälligen Leib aber, der wie ein Saatkorn der Erde übergeben und zu Staube werde, dereinst an dem großen Gerichtstage vom Tode ins Leben zurück rufen und erneut, verklärt in himmlischem Glanze wieder mit seiner Seele vereinbaren in unauflöslicher Vereinigung, auf daß er so mit Seele und Leib der höchsten Freuden dort genieße immer und ewiglich.

Jndeß, so sehr sein Sehnen nach der ewigen Heimat stark wurde, war's doch von ferne kein Fliehen aus der Schule der Leiden. Vielmehr vermochte er mitten in den Schmerzen, wann dieselben den höchsten Grad erreicht zu haben schienen, Gott zu bitten, er möge sie noch mehren und steigern, wofern dies zu Gottes Ehre und zum Heile seiner Seele diene.

Endlich nahete die feierliche Scheidestunde. Nachdem dieser Zustand vier Monate gedauert und er spürte, daß seine Kräfte zusehends abnahmen, berief er auf den 26. August die sämmtlichen Prediger der Stadt und die Professoren der Theologie zu sich, um von ihnen Abschied zu nehmen. Er verließ sein Schmerzenslager, verfügte sich in sein Arbeitszimmer (wohin er sich gerne, wann er konnte, zurück zog) und empfing sie im Lehnstuhle sitzend. Hier richtete er nun eine längere, Allen unvergeßliche Ansprache an die

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tiefbewegten Amtsbrüder. Er dankte ihnen vorerst herzlich, daß sie sich insgesammt auf die bestimmte Stunde bei ihm eingefunden; er habe sich vorgenommen, jetzt bei guter Zeit von ihnen Abschied zu nehmen, da er noch beim völligen Gebrauche des Verstandes und der Sprache sei, und von dem, was ihm auf dem Herzen liege, zu ihnen zu reden; er sehe gar wohl, wie gefährlich und heftig seine Krankheit sei, sollte aber Gott, dem es ja ein Leichtes wäre, ihn wieder aus dieser Krankheit aufrichten, so nehme er an, diese seine Rede würde ihnen wohl nicht minder nützlich und auch nicht unwillkommen sein. Bei diesen Anfangsworten konnte er die Thränen nicht mehr halten; er entschuldigte sich indeß darüber mit der Versicherung, nicht Todesfurcht sei's, was ihm diese Thränen entlocke, sondern nur die innige Liebe, die er zu jedem aus ihnen fühle; der Apostel Paulus, als er zu Milet die Diener der Kirche zusammen gerufen, habe ja auch unter vielen Thränen Abschied genommen; nicht daß er sich mit Paulus vergleichen wolle, vielmehr sei er sich seiner Geringfügigkeit wohl bewußt; doch möge man's ihm um so eher zu gute halten, daß auch er nicht ohne Thränen von ihnen scheiden könne. Sodann hob er an von der Lehre zu sprechen; da bezeugte er, er wolle in der wahren apostolischen und rechtgläubigen Lehre, die er bisanhin verkündigt habe, mit Gottes Hülfe bis in den Tod beharren, und damit Allen fest stehe, welches diese rechte christliche Lehre sei, sagte er das apostolische Glaubensbekenntniß her und fügte hinzu, diese seine Lehre sei enthalten und kurz dargelegt in dem schweizerischen (helvetischen) Glaubensbekenntnisse; dieses anerkenne er aus voller Ueberzeugung für wahrhaft und wohl begründet, so daß er nicht möchte, daß auch nur ein Wort darin anders wäre. Was seine heftigsten Widersacher, Brenz und Andreä, anlange, die ihn so arg angefeindet, so trage er keinen Haß oder Groll gegen sie, er habe ihnen von ganzem Herzen Alles verziehen und vergeben, was sie gegen ihn gethan; aber ihre Lehre von der Allenthalbenheit (Ubiquität) sei unrichtig, sie sei der heil. Schrift und der Lehre der Kirchenväter nicht gemäß. Und da sie ihn selbst vor Gottes Richterstuhl geladen, sei er's wohl zufrieden, er wolle mit Freuden davor erscheinen; denn er sei dessen gewiß, daß die Wahrheit auf seiner Seite sei. Hierauf ermahnte er Alle, mit Standhaftigkeit dieselbe einfache, wahre Lehre auch in Zukunft zu bekennen, welche er und sie bisanhin dem Worte Gottes gemäß verkündigt hätten. "Bittet Gott eifrig, sprach er, daß er euch mit seinem Geiste leite, euch in der Treue an der gesunden Lehre erhalten und in wechselseitiger Eintracht. Habe ich doch oft erfahren, wie mir das gläubige Gebet in großen Gefahren so reichen Segen gebracht. Und da Unmäßigkeit zumal im Trinken ein gewöhnlicher Fehler der Deutschen ist, so hütet euch davor besonders; denn niemanden steht dies wohl an, am wenigsten aber den Dienern der Kirche: wer diesem Laster verfällt, der kann die Kirche nicht erbauen und nicht im Segen das Volk lehren, weil auch die schönsten Worte durch sein Verhalten lächerlich und verächtlich werden. Gebt den Verläumdungen, dem Haß und Neide keinen

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Platz; denn diese schändlichsten aller Laster sollen dem Diener der Kirche durchaus fremd sein. Liebet euch unter einander, seid gegen einander freundlich, und helfet einander. Jeder schütze und mehre des Anderen Ehre und Ansehen. Wenn Prediger sind, welche die Laster mit Ernst rügen, so gibt es auch immer Solche unter dem Volke, die dies nicht leiden mögen und über die Strenge der Prediger sich beklagen, und dann ist es schändlich, wenn andere Prediger solche Menschen darin bestärken und ihren Amtsbrüdern, welche die Fehler bestrafen, Haß erwecken, um sich die Gunst nichtswürdiger Leute zu erschleichen." Ferner ermahnte Bullinger seine Amtsbrüder, daß sie die Obrigkeit, welche bisanhin die wahre Lehre standhaft vertheidigt habe, lieben und ehren, sie über Dinge, welche zum Frommen der Kirche dienen, wo es nöthig sei, auch durch Privatunterredungen belehren. Da aber manchmal leere Gerüchte ausgestreut würden, zuweilen selbst über die besten und einflußreichsten Männer, so sollten sie sich ja hüten, blindlings etwas zu glauben und weiter auszubreiten, nicht nach dem Hörensagen oder aus Leidenschaft reden, sondern mit Bescheidenheit nur Solches vorbringen, was rechten Grund habe. Zuletzt versicherte er noch Alle seiner herzlichen Liebe; wie Brüder und Söhne habe er sie Alle angesehen, sie aufrichtig lieb gehabt und oft für sie zum Herrn gebetet; deshalb sei seine ernstliche Bitte, daß derjenige, welcher nun sein Nachfolger werde, sich nicht über die Anderen erhebe, sondern sie liebe und schätze, die Andern ihm hinwieder Folgsamkeit und Achtung beweisen, ihn nicht beneiden, noch hassen, sondern auch Alle ihr Bestes thun, damit man bei gesunder, reiner Lehre bleiben möge. Dann schloß er mit einem Dankgebete und etlichen schönen Versen aus den Hymnen des Prudentius[141], bot einem jeden die Hand und gab ihnen seinen Segen.

Vom Rathe nahm Bullinger schriftlich Abschied, indem er einen versiegelten Brief den Seinigen hinterließ mit dem Auftrage ihn nach seinem Hinschiede dem Bürgermeister zu Handen der Obrigkeit zu übergeben[142]. Für die Seinigen traf er in einem besonderen Testamente nach seiner gewohnten ausgezeichneten Ordnungsliebe und seiner Reinlichkeit in allen Dingen die genauesten Verfügungen über die Verwendung seiner Hinterlassenschaft.

Noch lebte er nach jenem Abschiede von seinen Amtsgenossen einen Monath lang bei vollem Bewußtsein und unterredete sich noch mit jedermann. Jn den letzten Tagen befiel ihn ein Katarrh, der die Brust anfüllte und ihm dadurch das Sprechen erschwerte. Sonnabends den 17. September sprach er wenig mehr, außer daß er mit gedämpfter Stimme, wie er gewohnt war, doch so daß man einzelne Worte verstehen konnte, betete, bald Psalmen, wie den 51., den 16. und 42., bald das Gebet des Herrn und andere Gebete;

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gegen Sonnenuntergang legte er sich wie zum Schlafe zurecht und verschied ganz sanft im Beisein der Seinigen. So ging er ein in seine ewige Ruhe, nach der er sich gesehnt, um bekleidet mit dem Lichtgewande, von dem die Offenbarung St. Johannis ihm so ansprechendes Zeugniß gegeben, den zu schauen, den seine Seele innig liebte.

Am folgenden Tage wurde seine irdische Hülle mit allgemeiner tiefer Trauer unter Theilnahme der ganzen Stadt zu ihrer Ruhestätte geleitet. Er wurde im Kreuzgang des Großmünsters begraben neben seinem theuern Peter Martyr und seiner seligen Hausfrau "unter dem langen Steine, wo man herabtritt vom Kreuzgang" bei dessen nördlichem Eingang. Am Tage darauf (Montags) las man vor dem Rathe der Zweihundert sein Abschiedschreiben unter gespanntester Aufmerksamkeit Aller; manchem Ehrenmann gingen dabei die Augen über. Wenige Wochen nachher wurde Rudolf Gwalter, wie er selbst es gewünscht, zu seinem Nachfolger gewählt und zwar mit Einmuth. Von allen Seiten kamen nach damaliger Sitte ehrende Sinngedichte auf den Verstorbenen, auch die Locarner, die in Zürich durch ihn eine neue Heimath gefunden, ließen ihre Hochschätzung und Dankbarkeit kund werden. Jn gesichertem, befriedigtem Zustande hinterließ Bullinger die zürcherische Kirche, die er vor vier und vierzig Jahren in so schwerer Zeit angetreten. Hellen Blickes hatte er aber "wie von hoher Warte herab" in die furchtbaren Stürme hinein geschaut, welche die kommenden Tage bringen würden.

125. Schlußwort.

Schauen wir noch zurück auf den hinter uns liegenden Pfad. Welch ein reiches Leben haben wir durchwandert, - ein Mannes- und Christenleben im vollen Sinne des Wortes auf dem vielbewegten Hintergrunde der ganzen Zeitgeschichte. Wir sahen, wie unser Bullinger noch im Pabstthum auferzogen ward, obgleich von denen, die auf das reinere Licht einer bessern Zukunft treulich harrten, wie er in hartem innerem Kampfe von den alten Banden sich loßriß, frei als Lehrender unter die Männer des Klosters trat, das noch verborgene Heil in sich tragend, und, stille seiner Schule wartend, Saatkörner des neuen Lebens ausstreute, noch bevor ein Abendmal in Zwingli's evangelischem Sinne gefeiert wurde, wie er aber auch von Anfang denen widerstand, welche die erneute Kirche von ihrem Erdreich und vom gesunden Stamme ihrer anfänglichen Entwicklung losrissen. Wir hörten ihn in seiner Heimat unter entzweiten Bundesbrüdern sanftmüthig und milde Frieden verkündigen, bis daß er selbst um Christi willen ein Vertriebener ward. Und nun sahen wir den gereiften Jüngling in der neuen Heimat mitten im Sturme ans Steuer treten und mit fester Hand das in allen Fugen krachende Schiff der Kirche zwischen den gefahrvollen Klippen glücklich hindurch leiten. Wir vergegenwärtigten uns, welch eine Fülle ächt evangelischen Lebens, reich an Früchten des

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Glaubens und thatkräftiger Liebe, an christlicher Zucht und Sitte um ihn her zu wohl geordneter Entfaltung gelangte, wie die Wissenschaft an ihm einen emsigen Beförderer, die Jugend einen väterlichen Freund hatte, wie er kundig des Gotteswortes, den Lenkern des Staates als einsichtiger Rathgeber willig zur Seite stand, ohne je zum Staatsmann zu werden und die Grenzlinie seines geistlichen Amtes zu überschreiten. Wir überzeugten uns, wie er stets auch zürnenden Glaubensbrüdern gerne die Hand zum Frieden bot, doch ohne die anvertraute Beilage Preis zu geben oder durch zweifelhafte Umhüllung zu verdunkeln, wie er darum nur gezwungen, aber, wo es den Kampf für Ehre und Wahrheit galt, frisch und wacker stritt, jedoch immer ein erbarmendes Herz behielt und offene Arme, um die Verdrängten zu beherbergen. Wir erkannten, wie er unter Krieg und Pest, bei gewaltsamer Bedrückung der Genossen des Glaubens, unter Mühsal aller Art mit ungebrochener Glaubenskraft in schwerer, Jahrzehnde langer Arbeit treulich Stand hielt, immer wieder des Glaubens Panier hoch empor hielt, ja als Frucht ernster Geistesarbeit und tiefer innerer Erfahrung au den verschiedenen Stufen seines Lebens (1536, 1545, 1566) der christlichen Wahrheit Kern und Stern in hellen, klaren Bekenntnissen auf den Leuchter stellte, stets durchdrungen und getragen von dem kräftigen Bewußtsein, nicht losgerissen zu sein vom Leibe Christi, sondern der voll berechtigten, wahrhaft rechtgläubigen christlichen Kirche anzugehören. Wir haben ihn recht als mühseligen Arbeiter, als sorgenbeladener Erdenpilger uns vor Augen gestellt, ohne etwas davon zu übergehen oder zu verbergen, aber als einen Arbeiter im Weinberge Gottes, der da weiß, daß seine Arbeit im Herrn nicht vergeblich ist, der weiß, wie er fortwährend der Sorgen sich entlade und woher ihm die Kraft werde zum Siegen oder zum Erliegen, immerhin zum Ausharren bis an das Ende.

Weithin leuchtet er daher während einer langen Zeit seines Lebens als ein helles und mildes Licht, bis auch für ihn die Nacht kommt und ihm vergönnt wird, in Hoffnungsfreudigkeit von hinnen zu scheiden.

Auch in die folgenden Zeiten strahlt das fest ausgeprägte, ehrwürdige Bild von Zwingli's erstem Nachfolger erquickend hinüber, vorab als Musterbild eines zürcherischen Antistes. Segnend steht es über seinen vier nächsten Nachfolgern, die unter seiner hülfreichen Hand ihre Geistesbildung empfangen hatten. An ihm fand sodann der große Breitinger, Zürichs siebenter Antistes (geboren in Bullingers Todesjahre, gestorben 1643) sein klares Vorbild, dem er kraftvoll nachstrebte, von hoher Verehrung erfüllt vor dem begnadigten Manne Gottes, den er nicht genug seinen Mitbrüdern ins Gedächtniß rufen konnte. Auch die späteren Zeiten bewahren Bullingern dieselbe Gesinnung treuer Liebe und Hochschätzung, wie wir aufs mannigfachste in den Werken des gefeierten Theologen Joh. Heinrich Hottinger (gestorben 1667) und seines Sohnes (gestorben1735) ersehen, sowie aus Joh. Jakob Simmlers lateinischen Reden (von 1758, 1676 und 1683). Ebenso blickte der namhafte Bibelforscher Joh. Jakob Heß (Antistes 1795 bs 1828), der die Kirche Zürichs durch die Stürme der französischen Umwälzung hindurch leitete, mit der frohen Bewunderung eines ächten Nachfolgers auf Bullinger, fühlte sich gestärkt durch seine apostolische Treue wie durch seine christliche Vaterlandsliebe und wünschte nur, daß alle jüngeren Diener der Kirche in ihn sich hinein leben möchten. Dürfen Neuere hinzu gefügt werden, so sind noch die Zeugnisse zu beachten, welche vor ungefähr zwei Jahrzehnden die beiden schweizerischen Geschichtsforscher Ferd. Meier (weiland Regierungsrath, gestorben 1840) und H. Gelzer ablegten, von denen jener die Reinheit der Gesinnung bewundert, wie sie ihm auch aus den vertraulichsten Briefen Bullingers entgegen kam, und dieser sich ausspricht: "Will ich mir ein lebendiges Bild entwerfen von dem Ehrenwerthen und Probehaltigen, welches in der früheren Zeit gelegen hat, dann denke ich an Bullinger." Je weiter wir davon entfernt sind, den verdienten Männern der Kirche abgöttische Verehrung zu zollen, um so mehr dürfen wir auch hoffen, daß das Gedächtniß eines solchen Dieners Gottes im Segen bleibe, wo evangelisches Leben gedeiht.

 

 

E.

Denkmale von Bullingers Lebenswege.

I. Bullingers Brautwerbungsschreiben an Anna Adlischweiler vom Jahre 1527[143].

Gnade und Friede von Gott dem Vater durch unsern Herrn Jesum Christum.

So übel steht es jetzt in der Welt, daß es kein Wunder ist, wenn einer frommen Jungfrau Alles verdächtig vorkommt, was ihr auch in guter Meinung geschrieben wird. Dieß hätte mir wehren können, an Dich zu schreiben, wenn Du mich nicht seit einigen Jahren kenntest, daß mein Herz und Sinn gar nicht geneigt ist, fromme und einfältige Menschen zu betrüben oder zu verletzen, am wenigsten Dich, die Du mir um Deiner Zucht und Deines kindlichen Gemüthes willen besonders ehrenwerth und lieb bist, so daß sich, Gott ist mein Zeuge, mein höchstes Streben allein darauf richtet, Deine Ehre und Wohlfahrt an Leib und Seele zu äufnen und zu mehren. Deßhalb sollst Du jetzt ohne Sorge, und ohne allen Argwohn diesen Brief in Stille lesen, mit Fleiß und ernstlicher Betrachtung. Du erweisest mir damit einen großen Dienst.

Der allmächtige, ewige Gott hat uns von Anfang geordnet in Christo Jesu zum ewigen Leben, auf daß wir in den Fußtapfen dieses seines Sohnes wandelten. Derselbe aber hat uns ernstlich gelehrt, die Welt und ihren Fürsten sammt seinem Reiche der Finsterniß zu fliehen und der himmlischen Dinge uns anzunehmen. Weil wir sterbliche Menschen eine gar kurze Zeit auf Erden leben und des Fleisches und der Sünden Lohn der ewige Tod ist, daß wir Alle, die auf den Namen Gottes getauft sind und in ihm durch Jesum Christum auf das ewige Leben vertrauen, die Welt und was darinnen ist, verlassen und uns gestalten nach dem Bilde Gottes, nach welchem wir geschaffen sind und das wir ewig zu genießen begehren. Dieß geschieht aber dann, wenn wir ein tugendlich Leben führen. Obgleich aber ein solches in vielen Ständen sich findet, so stellt es sich doch nirgends lebendiger dar als in dem Ehestand, den ja Gott selbst im Anfang der Schöpfung, schon im Paradies eingesetzt und geboten hat, daß Alle, die der hohen Gaben der Reinigkeit oder Jungfrauschaft nicht fähig, vor allen Dingen diesen Stand

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annehmen und eher Vater und Mutter verlassen sollen, als dieser Gottesordnung sich entziehen. Da wir nun wissen, in wie großen Ehren wir Vater und Mutter haben und wie gehorsam wir ihnen sein sollen, Gott aber die Ehe also hoch geachtet hat, daß nach seinem Willen auch der höchste Gehorsam diesem Stande kein Hinderniß in den Weg legen darf, so sehen wir klar, wie theuer und edel die Ehe vor Gott ist. Dazu finden wir keinen Stand in göttlicher Schrift, der mehr Verheißungen hat als dieser. Denn hier sehen wir, daß der liebe und allmächtige Gott verheißt, wie er christliche Eheleute wolle beschirmen, leiten und erziehen in Liebe, Einigkeit und großer Süße des Geistes, in aller Gerechtigkeit und in seinen Geboten. Denn in diesem Stande können sich alle Tugenden üben, Glaube, Liebe, Barmherzigkeit, Hoffnung, Geduld, Mäßigkeit, Zucht und alle Gottseligkeit in Christo Jesu unserm Herrn. Darum sehen wir auch, daß die höchsten und theuersten Freunde Gottes in keinem andern, denn in diesem Stande gelebt haben, als Adam, Henoch, Noah, Abraham, Jsaak, Jakob, Joseph, Moses, Aaron, Josua, Gideon, Samuel, David, Jesajas, und im neuen Testament Petrus, Philippus, kurz gar nahe alle Auserwählten, auch aus den züchtigsten Töchtern beider Testamente, Sarah, Rebekka, Lea, Rahel, Ruth, Hanna, Esther, Judith, Elisabeth und die Mutter unsers Erlösers Jesu Christi, Maria, welche doch in der Ehre rein, eine Jungfrau geblieben ist, wie von ihr Jesajas und Ezechiel geweissagt. So daß wir hieraus gewiß erkennen, daß kein so tugendreicher, kein so göttlicher, kein so freundlicher und wonnevoller Stand ist, als der ehliche. Denn was ist so heilig und züchtig, was ist so tugendreich und lieblich, das diese lieben Freunde Gottes nicht gekannt hätten? Hätten sie einen bessern und seligern Stand vor Gott gewußt, so hätten sie denselben angenommen. Haben sie aber in der Ehe gelebt, so bezweifle niemand aus den Christen, daß ehlich sein nicht ein lieblicher, göttlicher Stand sei. Denn zum ersten überwindet man darin böse Gedanken und Unglauben, und man ist folgsam den Geboten Gottes, ob sie auch das Fleisch schwer bedünken; sodann werden zu Gottes Ehre die Kinder erzogen und auch zu Nutze der Menschen; auch darf man in Nöthen frei zu Gott laufen und sprechen: Jch habe deinem Willen gehorcht und deine Gebote gehalten; darum so hilf, wie du o wahrer Gott uns verheißen hast. Und hier übt sich die Hoffnung. Geht es dann wohl, so ist man dankbar, also daß das Gemüth immerdar an Gott haftet und er von ganzem Herzen geliebt wird. Wenn dann Eines krank, traurig oder fröhlich ist, hat es allweg einen treuen Gefährten, der Lieb und Leid mit ihm trägt. Gleichwie ein Glied an dem andern hält und eines dem andern behülflich ist, so ist auch da eine unendliche Liebe, bereitwillige Dienstbarkeit und unzertrennliche Einigkeit, davon unser Gott und Schöpfer auch geredet hat. Diese zwei sollen Ein Leib sein! Ja, wo die Ehe mit Gott eingegangen wird, da regiert auch im Leiden selbst eine unsägliche Freude, und löscht nimmermehr aus bis zur Berufung Gottes. Davon wissen Alle, die in Gottes Wort und Geist gelehrt sind.

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Sprichst Du: Wo sind solche Eheleute, die also in Gottesfurcht leben, in Freude und Ruhe? es is doch nichts denn allerlei Unruh', Zanken und Schlagen usw.

Merke, daß der frommen Leute noch viele sind und, ob Gott will, noch täglich zunehmen werden, so wir täglich seinen Willen durch sein Wort erlernen. Die wahren Gläubigen sehen einzig darauf, ein reines Gewissen und ruhiges Herz zu haben, d.i. daß sie mit Gott wohl versöhnt seien und vor ihm nicht erschrecken, wann er kommt, mit ihnen zu rechnen; das ist das höchste Kleinod, das wir auf Erden besitzen mögen. Wo aber nicht ein solches in Gott beruhigtes Gemüth ist, da mag nichts von außen her den Menschen zur Ruhe bringen. Wenn daher im ehlichen Stand etwa Unruhen und Unheil sich finden, so ist dieß nicht der Ehe, sondern der Leute Schuld, die solch hohen Stand nicht recht antreten. Denn man findet Ehen, die gezwungen sind, oder die allein um des irdischen Gutes willen geschlossen werden, oder aber aus Augen- oder Fleischeslust mit Unverstand. Daher kommt dann, daß nach den Flitterwochen kein Friede mehr ist. Wenige sind, die ihren Ehestand gerecht und mit Gott anheben, und noch weniger, die darin Liebe, Zucht und Gottesfurcht suchen. Was kann aber da Gutes sein, wo kein Gott ist? Da sieht man dann die jungen Gecken und oftmals auch die alten Narren sich auf geerbtes oder gewonnenes Gut verlassen und nicht aufhören, bis Alles in Ueppigkeit verzehrt ist. Da geht es an ein Buhlen, Spielen, Saufen, Schwärmen und Wühlen, daheim aber bei dem Weib ist Murren, Schelten, Wüthen, Schlagen, ja auch Hunger, Elend, Armuth und Verachtung. Wenn aber die Mehrzahl in der Ehe ihren Nutzen und ihre Lust ohne Gott sucht, so ist es kein Wunder, wenn wir viel Unlust in den Ehen zu dieser Zeit sehen; denn es ist unmöglich, daß da Einigkeit, Liebe und Freude sei, wo keine Gottesfurcht ist, dieweil Reichthum, Welt, Wollust ohne Gott nichts Anderes ist, denn die Hölle hier und dort ewige Verdammniß. Das ist unzweifelhaft unsers Unglaubens und unredlichen Gemüthes gerechte Strafe von Gott; denn weil wir unsern Leidenschaften mehr nachgehen als dem Lichte Gottes und mehr sehen auf Adel, Reichthum, Pracht, Stolz, Hoffart, Wollust, denn auf Tugend, Gottesfurcht, Demuth, Treue und Zucht, geschieht uns gerade recht, daß wir so unfreundlich, gleich den unvernünftigen Thieren leben. Wo man aber die Sache mit Gott an die Hand nimmt, da übertrifft wahrlich kein Stand den Ehestand.

Nachdem ich aber Solches und Anderes bei mir selbst beinahe drei Jahre lang ernstlich betrachtet, habe ich gefunden, daß ewig also zu sein und frei meines Leibes zu bleiben, weder vor Gott noch vor der Welt mir wohl anstehen will, und daß ich keinen anderen Weg zur Bewahrung vor Sünden finden kann, denn den einigen, den Gott verordnet, Christus Jesus anzeigt und den mehrentheils die Freunde Gottes gewandelt sind. Dazu treibt und dringt mich auch mein Lehramt, auf daß meine Lehre nicht geistlich und das Leben üppig sei, auch

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rathen mir viel ehrliche Leute, und die mir zu gebieten haben; und so hat mich Noth bedünkt, daß ich mir Dich für diese Zeit zu einem einigen und ewigen Gefährten auserwählte, mit dem ich in diesen Stand rechtmäßig eintreten möchte. Obwohl mir auch schon Andere zugetragen wurden, habe ich doch noch nie (vielleicht aus Gottes Fügung) zu Einer mein Herz und Gemüth gesetzt; denn Du bist die einzige, die ich mir vorgeschlagen. Gott weiß allein, ob Du mir verordnet bist, und es hat sich meine Wahl auf Deine Reden und Dein Benehmen gegründet, indem ich mir vorgestellt, Du seiest eine solche, in welcher Gottesfurcht und Tugend wohne, und mit der ich in Lieb und Leid und in Allem, was Gottes Willen ist, leben möchte. Doch liegt Solches zum Theil noch an Dir, zumeist aber an Gott. Weil ich ihm wohl vertraue, habe ich diesen Brief geschrieben, um auch Deinen Willen zu vernehmen, auch Deinen Entschluß zu hören, ob Gott unser Schöpfer es füge, daß wir diesen freundlichen Stand mit einander beginnen. Jn diesem Allem geschehe der Wille Gottes! Dieweil es aber auch unbillig wäre, wenn ich Deinen Sinn und Willen von Dir verlangte, während Du über den meinigen noch nicht berichtet wärest, so will ich Dir sofort all mein Wesen vorlegen, in der Hoffnung, auch Du werdest Dich gegen mich der Wahrheit befleißen, die ich Dir hier in allen Treuen gelobe.

Erstlich meines Willens halben hast Du jetzt vernommen, daß ich Dir allein geneigt wäre; denn billig ist, daß Gleiches zu Gleichem kommt; es steht aber die Gleichheit nicht in Adel und Reichthum, sondern vornehmlich in dem Gemüthe.

Von meiner Heimath und von meinen Eltern ist Dir ohne Zweifel Alles wohl bewußt, so daß es keines Weiteren darüber bedarf. Doch wirst Du nicht auf die Neinen, sondern auf mich sehen; mich würdest Du nehmen und nicht die Meinen, wiewohl sie fromme, biedere Leute sind. Sodann bin ich nie geweiht, auch nicht mit der geringsten Weihe, bin frei, bin keines Herren leibeigen, bin 23 Jahre alt, bin Niemanden auf Erden nichts schuldig und verbunden wie die Unfreien. Jch habe auch von Kindswesen auf mit Gottes Hülfe also gelebt unter den Leuten, daß ich an keinem Ort je etwas Unehrenhaftes begangen habe, also daß ich nicht dahin wieder kommen dürfte, von wannen ich geschieden bin, ausgenommen, wo das Evangelium Christi verhaßt ist, was aber den Punkt des Leumdens nichts angeht, denn Christus ist ungerecht geschmäht worden.

So hat auch Gott die Gesundheit meines Leibes also behütet, daß ich innert 20 Jahren nicht allein kein namhaftes Lager je gehabt, sondern auch heut zu Tage, Gott sei mein Schirm! keinem Siechthum unterworfen bin, als da wären Blattern, Hirnwuth, Podagra, Wassersucht, Fallsucht usw. Wohl hab' ich vom Studieren ein schwaches Gesicht und zu Zeiten ein blödes Haupt, dahin auch gehört, daß ich etwa jäh und zornmüthig bin, doch nicht hässig und

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aufsätzig, als der wohl vergessen und nachlassen kann, besonders wo man nicht Büchsenpulver (Schießpulver) zuwirft.

Jch habe auch keinen Anhang böser Buben, die mich veranlaßten zu spielen, was ich sonst nie gelernt habe, oder zu saufen und zu händeln, wovor ich einen Greuel habe, oder zu buhlen, welches zu vermeiden ich den Ehestand suche. So hab' ich kein Kind von Niemanden zu ernähren, bin auch mit keiner so verbunden, daß es Dich mir verleiden möchte. Doch habe ich einen alten Vater gegen sechszig Jahre und eine Mutter über fünf und fünfzig Jahre alt, auch einen Bruder, der ist acht Jahre älter denn ich. Demselben und mir haben sie alle ihre Habe vermacht, beträgt über 1400 Pf., doch mit dem Geding, daß der Vater sein Leben lang Herr darüber sei, und wenn er vor der Mutter mit Tod abginge, wir der Mutter keinen Mangel lassen. Daneben habe ich in unserm Kloster meine Wohnung und gute Kost; ich bin vom Convent in ihre Mitte aufgenommen, daß ich da lehre; dahin und wo ich je hinkäme, würde ich Dich zu mir nehmen. Der Reichthum aber, den ich von den Meinen erben dürfte, auch die Stelle, die ich jetzt habe, sind für einmal sicher und hinreichend, könnten aber durch Unfälle, wie Alles in der Welt geschwächt werden; weßhalb ich noch einen gewisseren Schatz habe, der gar nicht fehlen kann; der ist Gott. Der hat mir auch Kenntnisse gegeben, die, wenn ich sie treulich anwende, mir gewiß nichts werden mangeln lassen. Doch ferne sei's von mir, daß ich die Gaben Gottes verkaufen wollte. Ja ich weiß, daß mich Gott nicht verläßt, dieweil ich ihn für meinen Gott halte. Denn sein Prophet spricht: "Jch bin jung gewesen und bin alt geworden, und habe nie gesehen, daß der Fromme verlassen sei und sein Same nach Brot gehe." Das schreibe ich nur darum, daß Du nicht vermeinest, ich wolle Dich locken mit meinem Reichthum. Wer auf Reichthum und auf Menschen all seinen Trost setzt, der ist verflucht und hat keinen himmlischen Gott in seinem Herzen. Merke, bisher hat man in Klöstern, da der Antichrist noch regiert, Alles wollen gewiß und glatt haben, und nicht recht auf Gott vertrauen. Wenn Du nun auch nur auf meinen Wohlstand hoffen und nicht dabei auch gewärtigen wolltest, was Dir und mir Gott mit der Zeit möchte zu leiden geben, um Dich dann frei an ihn zu halten, so wisse, daß ich wenig Herz Dir zu hätte. Denn wer Gott liebt, den sucht er zu Zeiten heim und Alle, die gottselig leben wollen, spricht Paulus, werden verfolgt werden. Wolltest Du dann klagen, ungeduldig werden und bloß Süßes bei mir suchen und nicht das Saure auch versuchen, so würde es sich nicht schicken; es soll Ein Leib sein, Ein Trauren, Eine Freude. Das möchte ich mit Dir, was Du mit mir; das weißt Du wohl, und zürne nicht, daß ich so frei schreibe. Man muß eine Sache heraus sagen, daß nicht hernach ein Unheil erwachse. Jch wollte Dir nichts verschweigen; das möchte ich auch von Dir haben. Es bedarf nicht viel Hofierens und Lockens, besonders hier, wo man auf das lange Jahr dingt, da kein Scheiden mehr ist. Wenn Einer nur ein elend Roß kauft, besichtigt er es

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genau, wie viel mehr hier? Denn da läßt es sich nicht mehr ändern, wenn einem der Kauf schon gereut. Kurz, wo Gottesfurcht ist und ein Gemüth, das mit Gott wohl vergnügt ist und demnach das Seine wohl kann zusammen halten und nicht praßt, der trägt leicht Alles, was Gott ihm zu leiden auflegt, und bekommt auch genug Gutes und Ehren, und das mit Gott. Wo das nicht ist, da verthut man auch große Erbgüter mit Schande und Leid.

Dazu wisse auch, daß ich in keinen großen Geldschulden oder Bürgschaften stecke; denn die wollte ich sammethaft bezahlen mit 3 Gulden. Auch darf ich nicht sobald um neue Kleider sorgen; denn ich gäbe die meinigen nicht um 50 Gulden. Sieh, so lege ich Dir treulich mein Wesen dar, damit Du keinen Betrug fürchtest.

Wisse auch, daß ich Leib und Leben an mein Lehramt gesetzt habe (um Dir gar nichts zu verhehlen), daß, wo es die Noth, die Wahrheit und Gott der Herr erfordert, ich meinen Leib für die Wahrheit mit Freuden ließe. Von daher würde ich auch die Morgengabe nehmen, die ich Dir anzubieten hätte, und gleich mit dem Patriarchen Abraham Dich Gott empfehlen und sprechen: Gott des Himmels und der Erden, Gott, der uns Allen Seele und Leib gegeben hat, sei Dein Schatz und Dein Trost in Christo Jesu, unserm Herrn! der verlasse Dich nicht, wie er mich auch nie verlassen hat, und erleuchte Dich mit seinem Geiste, daß Du ihn recht erkennest, an ihm ewig haftest und es geduldig tragest, wenn ich um seines Namens willen den Tod erleiden müßte! Wenn uns denn Gott auch Kinder gäbe und uns das Leben gönnte, wollten wir also haushalten, daß wir sie zu unsers Gottes Ehre und zu biedern Leuten erzögen; müßten wir aber davon, so weiß ich, daß der Herr unser Gott sie nicht verließe, der doch so viel unnützes, geringes Geflügel gar wohl erzieht, ja schädliche Thiere wunderbar ernährt.

Aber was bedarf es vieler Worte? Summa Summarum das ist der größte, sicherste Schatz, den Du bei mir finden wirst, Gottesfurcht, Frömmigkeit, Treue, Liebe, die ich mit Freuden Dir beweisen wollte, und Arbeit, Ernst und Fleiß, daß uns auch im Zeitlichen nichts mangle. Also siehst Du hier vor Augen, wie Du mich haben würdest, wenn Du mit mir das Saure sowohl als das Süße tragen wolltest. Von hohem Adel und von viel tausend Gulden sag' ich Dir nicht. Doch weiß ich, daß uns, was Noth ist, nicht gebrechen wird. Spricht ja Paulus: Nichts haben wir in die Welt gebracht, nichts werden wir auch hinaus tragen, darum, wenn wir Kleider und Speise haben, ist's genug. Fließt dann auch Reichthum herzu (was bei Gott steht), so sind wir Gottes Amtsleute und Schaffner.

Jetzo begehre ich auch von Dir, daß Du mir auch Deinen Willen zu verstehen gebest, schriftlich oder wie es Dich passend und gut dünkt. Nämlich in Summa, ob Du möchtest in Liebe und Leid, unter meiner Treu und Schirm in der Ordnung Gottes leben? ob Du ohne Gewissensunruh' Deinen Stand ändern mögest? ob Du ein Herz habest, einen Haushalt zu führen und rathsam zu sein?

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ob Du guter Gesundheit, auch wiefern Du Deiner Mutter und Deinem Bruder verbunden seiest? Nun so bitte ich Dich, zeige mir alle Dinge so treulich an, wie du siehst, daß ich's gegen Dich gethan habe. Besinne Dih aber wohl, daß Du Alles unangefochten und frei heraus sagest, und schäme Dich nicht, es ist nichts Unehrliches. Du sagst es ja auch Niemanden als mir. Habe ich Dir doch auch vertraut und Dir all' meine Heimlichkeit geoffenbart. Wisse auch, daß ich Dich in Deinen Worten nicht fangen will. Du bist ja frei, und auch ich will mich mit diesem Briefe nicht verredet haben. Die Schlußantwort zu unserem Bündniß wollen wir erst geben, wenn wir Beide vernommen haben, wie wir gegen einander gestimmt sind. Solltest Du aber dieser Sache halben in Besorgniß stehen, Du seiest nicht weise genug mir zu antworten, und möchtest vielleicht darum aus Furcht und Schaam thun, was Dich hernach übel gereuen könnte, so merkest Du ja wohl, daß, was ich Dir schreibe, Wahrheit ist; was es aber mit Dir für eine Bewandtniß habe, und was Du gerne thun möchtest, das weißt Du wohl bei Dir selbst. Was bedarf es denn viel Rathes? Lies den Brief drei oder vier Mal, denke darüber nach. Nun ist Dir doch Niemand Besseres schuldig als Du Dir selbst; Du wirst Dir selbst einen Mann nehmen, es ist allein um Dich zu thun. Wo die Leute einander nicht kennen und man die Verhältnisse nicht weiß, da bedarf man viel Rathes. Hier aber hörest Du meinen Stand und kennst mich. Sei überhaupt nicht so thöricht und unbesinnt, Dich jetzt mit Sorgen zu plagen. Jch weiß wohl, daß Du jung bist und Dir vielleicht ängstlich vornimmst, Du wollest nicht aus dem Kloster, sondern allweg so bleiben ohne einen Mann. Davor hüte dich, denn das wäre wahrlich eine Anfechtung, die Dich in Kurzem übel gereuen möchte. Ja Du bist jung, und es hat Dir Gott nicht so einen ungeschickten Leib gegeben und Dich nicht geschaffen, daß Du ewig eine gnädige Frau seiest und nichts thuest, oder keine Frucht von Dir komme. Liebe, lies Paulus I. Tim. 2 Kap. Da wirst Du finden, wodurch Du mußt selig werden. Es wäre ja ein närrisches Benehmen (Du hättest denn die hohe Gabe der Reinigkeit auf ewig), wenn Du Deinen jungen Leib also wolltest zwischen den Mauern ersticken. Hier bitt' ich Dich, denke über diese Sache ernstlich nach, und laß jedermann sagen, was er will. Sieh Du auf Gott, auf sein Wort, warum Du erschaffen seiest, was Deines Leibes und Deiner Seele Heil, daß Du sterblich und nicht lange auf Erden bist. Bewahre, bewahre Dich, meine Liebe, daß Du nicht allzeit in Kummer hinlebest. Liebe, sag' an, wenn Du kannst: Warum sind die Frauenklöster anfänglich gestiftet worden? Nicht, daß man darin Jungfrauen und Töchter, die zu was Anderem gut, erzöge, sondern die alten gebrechlichen Armen. Du bist zu jung und zu wohlmögend. Lies Paulus I. Tim. 5 Kap. und verstehe auch, was Dir hier vorgetragen wird. Jch glaube, es eigne sich für mich so wenig ein Bauerngretli, als für Dich ein rauher Handwerksmann oder Bauer. Darum fordere ich von Dir auch nicht hacken, reuten usw., sondern was Dir wohl geziemt, hauszuhalten, rathsam zu sein und was der Weiber

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ist; wiewohl es sobald noch nicht viel hauszuhalten geben dürfte, so lange ich hier bin. Fügte es sich aber mit der Zeit, daß wir anderswohin kämen und nicht mehr freien Tisch hätten, wie da, so könnten wir dann schon darüber reden. Dabei bedenke auch, welch ein göttliches liebes Ding es ist, wo Zwei mit einander Eins sind, eines dem Andern wohl will und sich eines des Andern gern annimmt, auch wie es ein bitteres, elendes Leben ist, wo Zwei nicht recht zusammen ziehen, wo nicht jedes allzeit sich wohl zum Andern fügt. Das Alles schreib' ich Dir zum Guten, daß Du nicht etwa aus Furcht oder Schaam sagest, was Dir nicht von Herzen ginge: ja Du wollest also bleiben. Wer weiß, ob nicht vielleicht um Deiner Sorge und Furcht und Schaam willen Gott es so geleitet hat, daß ich Dich freien und erlösen sollte, damit Du Dein junges Leben nicht im Gefängniß verbringen müssest. Es ist wahrlich ein großes Ding, auf die Zeit achten, denn es kommen nicht immer Vorschläge, die sich für uns eignen, und bliebe uns zuletzt große Reue, wenn wir die Gelegenheit übersehen hätten. Mit dem Allem will ich Dich nur bitten, Dich zu besinnen, Gott, sein Wort und Deiner Seele Heil zu betrachten; was Dir dann Gott eingibt, das thue, Du wirst mich in keinem Fall erzürnen, laß mich nur Deine Antwort wissen.

So Du jedoch gar keinen Willen hättest, so bitte ich Dich doch um der Ehre, Liebe und Treue willen, die ich Dir gönne und zu Dir habe, daß Du wenigstens diesen Brief Niemand sehen lassest und Niemand etwas davon sagest, sondern mir ihn wiedergebest in der Gewißheit, daß ich Deine Ehre und nicht Deine Schande gesucht habe. Jch traue Dir stillschweigend alles Ehrenhafte und Gute zu; darum wollte ich schriftlich mit Dir handeln, und habe auch sonst keinem Menschen auf Erden etwas davon gesagt, und also müßte es auch fürderhin bis auf Weiteres bleiben. Jch hätte es, so sehr ich's wünschte, nicht wohl mündlich ausrichten können. Wäre es die Andere, die bei Dir ist, inne geworden und wäre sie nicht auch dazu gekommen, so weißt Du selbst, daß sie Dich alsdann gehaßt hätte. Jch wollte darum Deiner und meiner schonen, indem ich keiner Unterhändler begehrte; Deiner, damit Du nicht ins Geschrei kämest, meiner aber, daß, so es mir nicht geriete, sich die nicht freueten, die ich nicht habe nehmen wollen. Darum schone meiner, wie ich auch Deiner geschont habe. Bedenke, was über den zweiten Mund hinauskommt, bleibt nicht verschwiegen. Wenn ich aber Deinen Willen vernommen hätte und wir Eins geworden wären, so wollte ich dannzumal mich schon um die Freundschaft der Deinen bewerben, daß die trefflichen Leute nichts dawider haben könnten, doch Alles mit Deinem Rath. Da schreibe mir auch, wie es um Deine Mutter stehe, Du wirst mich allweg gutwillig finden. Jch meinte, was ich selbst bei Dir nicht ausrichtete, würde niemand anders ausrichten. Jch traue Dir viel Gutes zu. Darum, bist Du mir geneigt, so behalte diesen Brief wohl bei Dir, daß Du ihn bei Dir habest, wenn Du zu mir kommst. Antworte mir bald. Jn

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Allem geschehe Gottes Wille; der erleuchte Dich, daß Du das annehmest, was Deiner Seele Heil sei!

Gegeben auf Montag nach Michaelis im Jahre 1527.

Du kennst meine Hand, daß es meines Namens nicht bedarf. Was ich mit Dir handle, ist Wahrheit ohne Falsch. Mit eigner Hand und Insiegel.

H. B.

Handle auch Du weislich, in Stille und Schweigen. Vertraue mir, ich habe doch Dir zum ersten vertraut. Gott sei mit Dir!

 

II. Bullingers väterliche Vorschriften oder Anweisung für seinen Sohn Heinrich bei dessen Abgang in die Fremde 1553[144].

1. Fürchte und ehre allezeit Gott, der Einer im Wesen, dreieinig in den Personen; trage immerdar das deutsche Sprüchlein in deinem Herzen mit dir: Habe Gott vor Augen, und den schönen Spruch Salomons: Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit.

2. Demüthige dich vor Gott und richte dein Gebet allein zu ihm. Bitte ihn durch unsern einigen Mittler und Fürsprecher Jesum Christum; denn er erscheint allezeit vor Gott und vertritt uns vor ihm.

3. Glaube fest, daß Gott der Vater uns Alles, was zu unserm Heil und Leben nothwendig ist, in Christo seinem Sohne vollkommen dargereicht habe, so daß uns durch dessen Tod und Auferstehung alle Sünden verziehen werden, und daß wir auch nach unserm Abschied aus diesem Leben in das ewige Leben aufgenommen werden. Denn also stellen uns alle Apostel und Propheten Christum vor.

4. Bitte vor allen Dingen Gott um einen festen und wahren Glauben. Bist du damit ausgerüstet, so hange ihm in Hoffnung und Liebe unzertrennlich an und diene ihm alle Tage deines Lebens aufrichtig. Darnach bitte Gott um einen gelehrigen Geist und starke Kräfte des Verstandes, Gemüthes und Sinnes, um eine schöne Aussprache, damit du die Dinge, die dir nützlich sind, lernen und behalten und dereinst zu Gottes Ehre und des Nächsten Wohlfahrt brauchen könnest.

5. Bitte ihn ernstlich, daß er dir deinen guten Namen erhalte, daß er dich vor Sünden, vor Krankheit und vor böser Gesellschaft gnädig behüte, daß er dir Alles, was dir für Leib und Seele wohlkommt, väterlich darreiche.

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6. Bete auch eifrig für das Vaterland, für deine lieben Eltern und für die Wohlfahrt derer, bei welchen du wohnest, ja für Alle, welche dir Gutes erweisen, daß sie Gott segne und vor allem Bösen bewahre.

7. Bete eifrig für das Wachsthum des Wortes Gottes, für die Kirchendiener, für unsere Oberen, mit Einem Wort, für alle Menschen. Beschließe dein Gebet allzeit mit dem Gebet des Herrn und brauche auch zum Lobe Gottes gern das schöne Symbolum (Hymnus) des Ambrosius und Augustinus: Herr Gott dich loben wir usw.

8. Sei nicht undankbar für die Gutthaten Gottes, sondern erzeige dich dankbar gegen ihn.

9. Wähle dir zu deinen Betstunden voraus die Morgenstunde, sobald du aufgestanden bist; die Mittagsstunde, soald du gegessen hast und ehe du spazieren gehst; die Abendstunde, wann du zu Bette gehst.

10. Scheue dich nicht, mit gebogenen Knieen zu beten vor dem Bette oder in deinem Studierstüblein, da du ja siehst, wie Christus der Herr am Oelberg mit dem Antlitz sich bis zur Erde neigend gebetet hat.

11. Schäme dich nicht, vor deinen Stubengenossen mit gebogenen Knieen zu beten, wo du nicht Gelegenheit hast, dieß im Verborgenen zu thun. Denn man soll das Gebet durchaus nicht unterlassen; wo man nicht betet, da ist weder Glück noch Heil.

12. Hüte dich vor den papistischen Kirchen, Kapellen und Gemeinden; halte auch nicht bei denen das h. Abendmal, die von einem fremden Communicanten begehren, daß er glaube, das Brot sei der wahre, wesentliche Leib Christi, und der werde sowohl von den Gottlosen als den Frommen substanziell und leiblich, ja mit dem Munde des Leibes gegessen. Du aber bist nicht also unterwiesen worden, indem du glaubst, daß Christus mit seinem wahrhaften Leibe in den Himmel gefahren sei und zur Rechten Gottes seines himmlischen Vaters sitze, von wo er erst zum jüngsten Gerichte wiederkommen werde, daß man ihn so anzurufen habe, und wir ihn im heil. Abendmal geistlich und durch den Glauben empfangen müssen.

13. Besuche fleißig und eifrig das gemeinsame Gebet und die Predigten, voraus am Sonntag, Morgens und Abends; überdieß wann und wo dir die Schulgesetze gebieten zu gewissen Stunden zuzuhören und zu beten, da komm ihnen jederzeit fleißig nach.

14. Jn allem deinem Thun und Lassen stelle dir das Gesetz Gottes vor, dessen Inbegriff du in den heiligen zehn Geboten hast; diese wiederhole dir oft und viel; denn das Ende der christlichen Lehre ist, daß wir in diesem Leben Gott loben und preisen, heilig und fromm leben und nach diesem elenden Leben ewig im Himmel bei Gott leben.

15. Wenn dich etwa eine Krankheit anfällt und ins Bett wirft, so suche vor allen Dingen Hülfe bei Gott. Hüte dich vor vielen Arzneien, aber hinwieder verachte sie nicht, sondern brauche dabei weiser Leute Rath.

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16. Sollte dann die Krankheit tödtlich sein, so laß dich doch nicht auf papistische Weise einsegnen oder Anderes dergleichen mit dir thun. Befiehl deine Sache Gott und glaube gewiß, du werdest nach diesem Leben durch Christum in das ewige Leben eingehen. Dieses Glaubensbekenntniß halte fest und fliehe allen Aberglauben wie eine Schlange.

17. Schau, daß du Alles, was du schuldig bist, ordentlich aufzeichnest, damit, so dich Gott etwa aus diesem Leben abfordern sollte, Alles sodann sicher mir zugesandt werde. Zu solchen Sachen brauche keine andern, als gottesfürchtige und gläubige Leute.

18. Zanke nicht hartnäckig mit denen, die unsere Religion hassen. Sag' allezeit, du bekennest deine Religion und verleugnest dieselbe nicht, wollest aber das Disputiren denen überlassen, die im Disputiren geübt sind.

19. Jn allen Dingen streite nicht hatnäckig; denn es gibt kein gewisseres Zeichen des Hochmuthes und Stolzes, als wenn man allzeit recht haben will, und das macht meistentheils, daß man von Worten auch zu Streichen kommt.

20. Fluche Niemandem. Sage Niemand, wer er ist, so läßt man dich auch bleiben, wer du bist; denn wer redet, was er will, höret allezeit, was er nicht will.

21. Rede nicht zu allen Dingen, höre auch nicht alle Dinge, mußt du aber reden, so rede nicht das Böseste, sondern das Beste zu allen Sachen. Wer den Frieden sucht, der findet ihn, und der Zanksüchtige ist Gott und Menschen ein Greuel.

22. Das viele Schwatzen gebiert immerdar Sünden; deßhalb sagt St. Jacobus: Jedermann sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. Und darum sollst du nicht viel reden, nicht jäh zum Zorn sein.

23. Mische dich nicht in jede Sache. Rühme auch weder dich noch deine Sache, noch die Deinigen, noch der Deinigen Sachen.

24. Die Verschwiegenheit wird an den Jünglingen sehr gelobt. Trage deinem Hauswirth nichts zu, was du von Andern hörst, und schwatze auch nicht bei Andern aus, was du von deinem Hauswirth hörst, wovon du denken kannst, daß Zwietracht daraus entstehen möchte.

25. Bemühe dich nicht zu sehr, etwas Neues zu vernehmen, noch etwas der Art auszubreiten, damit du nicht von Jedermann für einen Mährchenträger gehalten werdest.

26. Schände und nimm Niemanden nichts, wie gering es dich auch dünke, denn

Stiller Mund und reine Hand

Durchwandeln allzeit alle Land.

Viel schwatzen, lügen, stehlen, pochen

Wird g'wiß an Jedem schnell gerochen.

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27. Rede nichts zu den Sachen, die dich nichts angehen. Geselle dich nicht zu solchen Buben, die sich unterstehen unehrliche oder gefährliche Dinge zu vollbringen. Sitze du über deinen Büchern, und vergiß nie, warum du in die Fremde geschickt wurdest, und wie du nur kurze Zeit zu reisen habest und vielleicht eher werdest heimberufen und examinirt werden, als du nicht meinest.

28. Laß dir deßhalb höchlich angelegen sein, nicht mit Schanden und Unehre wieder heim zu kommen, sondern mit Lob und Ruhm, daß es deinen Eltern zur Freude und der ganzen Familie zur Ehre gereiche. O welch große Schande ist es, wenn einer als ein grober und unwissender Esel heimkommt!

29. Denke, du habest alle Zeit verloren, die du nicht zum fleißigen Studieren angewendet hast.

30. Morgenstund hat Gold im Mund. Wenn du die Morgenstunden mit Schnarchen zubringst, so hast du den besten Theil des Tages verloren. Denk' an das bekannte Sprüchlein: Wache doch allezeit lieber, als daß du dem Schlaf dich ergebest.

31. Nimm dir für dein Studieren eine gewisse Methode vor, und lege dich recht sowohl auf die hebräische und griechische, als auf die lateinische Sprache. Diese Sprachen lerne eifrig. Besuche die Vorlesungen fleißig, höre den Professoren aufmerksam zu. Schreibe mit Lust das Nützlichste auf, was geredet wird. Daheim wiederhole es und schreibe es sauber ab.

32. Dieweil aber die Erfahrung bezeugt und Cicero selbst sagt, die Uebung im Schreiben sei der beste Lehrer der Beredsamkeit, so siehe zu, daß du dich fleißig übest im Niederschreiben von Reden aller Art und in der Uebersetzung aus dem Griechischen ins Lateinische. Gewöhne dich auch lateinisch zu reden.

33. Hüte dich beim Lesen eines Schriftstellers nur auf die Worte zu sehen, sondern achte auch auf die Sache selbst. Studiere deßhalb auch zugleich die Philosophie und andere gute Künste und Wissenschaften.

34. Voraus aber lege dich auf die Theologie, und wenn dann jemand die Bücher des neuen Testaments erklärt, dem höre fleißig zu.

35. Lies auch und schreibe mit besonderem Fleiße meine Darlegung aller biblischen Bücher ab. Sodann sollst du alle Tage drei Kapitel aus der Bibel lesen, indem du vom ersten Buch Mosis anfängst und nicht aufhörst, bis du zum Ende gekommen bist; denn wenn du wieder heimkehrst, werde ich dich darüber prüfen.

36. Ehre deine Professoren, ebenso auch deinen Hauswirth und die ganze Haushaltung, mit der du leben mußt. Beflecke ihnen das Haus keineswegs. Sei von höflichen Sitten, und mache dich nicht zu gemein mit der Hausfrau, mit den Töchtern und Mägden. Halte dich überall sauber.

37. Sei treu im Hause und thätig. Wenn du siehst, daß in der Haushaltung viel zu schaffen ist, so biete ihnen deine Hülfe auch dar. Sei nicht faul und träge, kein Klotz. Dienst gebiert Gunst.

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38. Hüte dich vor unnützen Kameraden, vor Lästerern, vor Lügnern, vor zanksüchtigen, verschreiten, vertrunkenen, verbuhlten, hoffärtigen und muthwilligen oder sonst vor allerlei losen Gesellen, damit du nicht auch für einen solchen geltest oder gar zu einem solchen werdest.

39. Hüte dich, daß du nicht zu viel Bücher kaufest, sondern schaffe dir nur die an, die von deinen Lehrern benutzt werden; auf dieselben horche, lies sie und lerne aus ihnen, denn die Menge der Bücher verwirrt einen Studenten.

40. Lies nicht immer nur bald da, bald dort in einem Buche, sondern wenn du es lesen willst, so fang' es an und lies es bis zu Ende, und das Vorzüglichste schreib dir daraus ab, damit du auch mit Nutzen lesest. Triff eine sorgfältige Auswahl in dem, was du liesest.

41. Die Geschichtbücher des Justinus und Orosius empfehle ich dir dringend, sowie unter den neueren die von Sabellicus und von Melanchthon.

42. Auf der Reise gib wohl Acht auf die berühmten Ortschaften, Städte, Schlösser, Berge, Flüsse. Frage nach den schönen Sachen, die da zu sehen, und nach den Thaten, die da geschehen sind. Sorge dir um ein Reisebuch und zeichne das Merkwürdigste auf. Wenn du in eine Stadt kommst, so verfüge dich zu den Studierenden, um dir das Wichtigste zeigen und dich zu den Gelehrten führen zu lassen. Dieselben grüße und frage sie, ob sie keine Briefe an den Ort haben, wohin du reisen wirst u.s.w.

43. Trage auch deinem Leibe Rechnung, halte ihn treulich und unbefleckt, und bade dich zuweilen, den Mund und die Hände wasche allezeit, bisweilen auch das Haupt; das Haar kämme auch täglich sorgfältig. Wasche auch öfters die Füße, damit du nicht ein stinkender Wust werdest, der jederman zur Ueberlast ist.

44. Deine Kleider halte sauber und rein, und wirf oder gib sie nicht leicht weg, putze sie, wasche sie und bewahre sie. Wenn du siehst, daß sie irgendwo durchlöchert oder zerrissen sind, so gib sie bei Zeiten zum Ausbessern. Eine soldatische, leichtfertige und modische Kleidung mag ich nicht an dir sehen. Denn an der Kleidung erkennt man den Menschen. Aber das Sprüchwort sagt auch: Wer seine Kleider in Ehren hält, den halten sie auch in Ehren. Mit Recht wird Beides getadelt, eine nachlässige und eine geckenhaft gezierte Kleidung. Fliehe des Diogenes Schmutz und des Pfauen Hoffart.

45. Dein Gang und des ganzen Leibes Haltung und Bewegung sei züchtig; denn Gott widersteht den Hoffärtigen, den Demüthigen aber gibt er Gnade, sagt Petrus. Hoffart that nie gut. Verachte niemanden, ziehe dich selbst Andern nicht vor.

46. Ueber Tisch verhalte dich, wie es einem gutgearteten Jüngling wohl ansteht. Jß nach deinem Bedürfnisse, nicht übermäßig, trink auch mäßig. Es ist nichts Häßlicheres als Gefräßigkeit und Völlerei. Frage nicht nach leckerhaften Speisen. Klage bei Andern nicht über des Hauswirths oder der

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ganzen Haushaltung Mängel. Laß dich begnügen, an dem, was man dir vorsetzt. Und was du gern genießest, das stopfe nicht in dich, als ob es dir allein gehöre. Gönne andern Leuten am Tisch auch etwas.

47. Deine Gespräche über Tisch seien anständig, freudig, mäßig, fern von Schelten und Schmähen.

48. Sei haushälterisch und eingedenk unserer geringen Mittel und unserer Armuth, auch der großen Unkosten, die ich habe, auch der Menge deiner Brüder und Schwestern; denn ich habe nicht dich allein zu erhalten.

49. Vergiß nicht des Spruches: Was nicht nöthig ist, ist um einen Schilling zu theuer; auch nicht dessen: Sinne nicht, was du wünschest, sondern was du durchaus nicht entbehren könnest. Die Mäßigkeit in allen Sachen ziert einen Jüngling, die Verschwendung dagegen macht ihn unnütz. Es ist Einem nützlich, zuweilen Mangel zu leiden.

50. Schreib in ein Verzeichniß auf, was für Geld du ausgegeben hast und füge auch hinzu, wofür du es ausgegeben.

51. Wann ich dich durch ein Schreiben heißen werde von einem Ort an einen andern ziehen, so hole zuerst von jedem deiner Professoren ein Zeugniß deines Fleißes und Wohlverhaltens, darnach von deinem Hauswirth ein Zeugniß über deinen frommen Wandel; ich will nicht, daß du ohne diese heimkommest.

52. Alle Samstag Abende sollst du dieses Alles fleißig durchlesen. Sieh nun zu, mein Sohn, daß du im Leben, in deinen Sitten und deinem Studieren dem getreu nachkommst, was du jetzt von mir, deinem Vater, hörst und von meiner eigenen Hand geschrieben vor dir hast. Laß dir allzeit sein, ich rede mündlich mit dir. Ja, wenn einige Gottesfurcht in dir ist, so schau, daß du dich verhaltest, wie ich oben gesagt habe.

53. Der Herr unser Gott wolle sich deiner erbarmen um Christi willen. Er segne dich reichlich, er geleite dich, behüte und erhalte dich, und bringe dich an Geist, Seele und Leib unversehrt wieder zu uns. Amen!

Den 1. September 1553.

Ein Gebet in der Fremde.

Herr, allmächtiger Gott, du weißt, wie uns allzeit unsere Feinde, sowohl die sichtbaren als die unsichtbaren, auf allen Schritten nachgehen, und was für Gefahren wir von unserm sündigen Fleische haben und von der argen Welt. Jch ergebe mich darum ganz und gar in deinen Schutz und Schirm. Erhalte mich, Herr, unter den Flügeln deiner Macht und Güte, damit ich nicht im Sündentod entschlafe und von dem leidigen Teufel, von Welt und Fleisch überwunden werde. Erleuchte dein Angesicht über mich und behüte mich in Nüchternheit und Glauben, damit ich fröhlich, vorsichtig, emsig, ordentlich und rechtschaffen die Geschäfte meines Berufes verrichte, daß ich dich

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loben und preisen und dir wohlgefallen möge, der du bist der einige Brunn und Ursprung der Tugend. Amen.

Ein anderes.

Dieweil du, o Herr, die Weisheit gibst und aus deinem Munde Wissenschaft und Vorsicht kommen, so bitte ich demüthig als dein Knecht, gib mir Verstand, daß ich deine Rechte lerne. Gib mir doch die rechte Kraft, die Sprachen und guten Künste, ja alles zu der wahren Weisheit Nothwendige wohl zu fassen, zu behalten und zu deiner Ehre und der Menschen Wohlfahrt zu brauchen. Schenke mir einen guten Verstand, ein kräftiges Gedächtniß, eine einfältige und klare Zunge, und behüte meinen ehrlichen und guten Namen durch Jesum Christum unsern Herrn! Amen.

 

 

 

III. Briefe Bullingers an seinen Sohn Heinrich[145].

1. Nach Straßburg.

Zürich, 9. October 1553.

Du bittest um baldige Antwort; hier hast Du sie. Deine Uebungen in der Logik, Rhetorik und Theologie gefallen mir ganz wohl. Sieh indeß zu, daß Du das Studium der Grammatik, besonders der griechischen, nicht außer Acht lassest. Auch den Vorlesungen über Xenophon wohne fleißig bei, sowie den übrigen allen. Bei Herrn Burcher, Deinem trefflichen Hauswirthe (s. S. 257.), bleib einstweilen und sieh Dich bei keinem Gelehrten mehr um eine Herberge um. Aber hüte Dich ja, ihm beschwerlich zu fallen; und wenn er etwa Geschäfte halben verreisen muß, so sei nichts desto weniger fleißig und versäume nicht eine einzige Lehrstunde. Steh des Morgens früh auf; gewöhne Dich so aus Dir, wie aus Gottes Gnade, fleißig und tugendhaft zu sein. Mach nicht, daß Dich Dein Hausherr treiben müsse gleich dem Vieh. Sei gegen ihn und seine Frau ehrerbietig und freundlich. Jch habe Dich ihm als einem Vater anempfohlen, folge ihm als Sohn. Wenn Du diesen Brief gelesen hast, so sag ihm und seiner Hausehre: "Herr und Frau! da mir mein Vater meldet, daß ich bei euch zu bleiben habe, was mich herzlich freut, so empfehle ich mich eurer Liebe und Gunst und versichere euch meiner willigen Folgsamkeit."

Hier schick ich Dir einen Degen; ein Baret hast Du schon. 'S ist nicht

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nöthig, daß Du überflüssigen Aufwand machest. Wo käm' ich dazu, müßt' ich Dir allemal das anschaffen, was jedes Ortes Brauch ist? Behalte nur Deine Sitte und Kleidung, zumal Du ja nicht so lange an einem Orte bleibest; ein Baret ist ein Baret, ist's Dir nicht gut genug, so setz den Hut dazu auf. Hast Du keine Schlappen, so magst Du Dir eine kaufen. Sodann will ich auch sehen, ob ich ein schönes Neues Testament für Dich bekommen und Dir ein Wörterbuch schicken kann. Frag inzwischen dem Preise nach, wie theuer das letztere bei euch verkauft werde, und schreib mirs. Cicero's Reden kannst Du ebenfalls kaufen; mache Dich nur recht vertraut damit; aber halte das Buch reinlich und bring's seiner Zeit ordentlich heim.

Sieh zu, daß Du Deine Kleider sauber tragest und rein haltest, ein Mensch seiest und nicht ein Schwein; denn ich will wohl an Deinem Kosten oder Verbrauch sehen, ob Du reinlich und haushälterisch seiest oder nicht. Jch habe Deinem Herrn geschrieben, daß er Dir Andres nicht gebe, als was die eigentliche Nothdurft erfordert. Das Mütterchen läßt Dich herzlich grüßen und sagt Dir, Du sollest fleißig sein und Deine Zeit wohl anwenden. Laß Deine Schuhe nicht zu Grunde gehen; laß sie bei Zeiten flicken.

Schick mir ein Verzeichniß, daß ich sehe, was Du ausgegeben und wofür und zwar von dem Tage Deiner Abreise an bis auf das Datum Deines nächsten Briefes. Bis Weihnachten oder früher will ich Dir wieder schreiben; laß mich allezeit wissen, wie es Dir geht und wie Du die Studien treibst. Sei fleißig, so bist Du mir lieb. Grüße mir Deine Mitstudierenden Fabritius usw.

2.

Zürich, 20. Dezember 1553.

Deinen späteren Brief, mein Sohn, habe ich vor dem früheren erhalten, zumal mir der vom 22. November datirte sehr bald überbracht wurde. Zugleich erhielt ich auch eine Schrift auf den Tod des berühmten (Stättmeisters) Jakob Sturm[146], von dem man behaupten will, er würde ein ganz vortrefflicher Mann gewesen sein, wenn er den Kaiser nicht so sehr gefürchtet hätte. Andere hingegen behaupten, er habe zum allgemeinen Frieden viel beigetragen, weshalb er von Manchen, welche die Ursache seines Benehmens nicht kannten, sei verlästert worden. Der Herr erwecke in Straßburg immer mehrere solche redliche Männer, denen die wahre Religion und der Friede Europa's am Herzen liegt und die Beides mit Gottes Hülfe erhalten mögen. Bet auch Du für das Wohl derer, unter welchen Du wohnest; denn Dein Glück und ihr Glück ist nun mit einander verbunden.

Jch will durchaus, daß Du Deine Briefe mit aller Pünktlichkeit und Sorgfalt abfassest, damit ich die Frucht Deines Studierens daran erkenne.

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Daß Du bei meinem guten Freunde, Herrn Burcher, gerade so sicher und anständig leben kannst wie im Vaterhause, glaub' ich Dir gerne. Sieh nur zu, daß Du diesen Mann immer als Vater ehrest und liebest und seine Gattin als Mutter. Noch hab' ich das griechische Testament nicht von Lyon erhalten, wenn ich nicht von meinen Freunden tauschweise ein Exemplar bekommen kann, so weiß ich wahrlich nicht, wie ich Dir zur Zeit eins werde schicken können; doch sollst Du, will's Gott, nächstens eins bekommen und zwar als Neujahrsgeschenk. Der Herr segne Dich an Leib und Seele, mein Sohn! Er verleihe Dir einen glücklichen Anfang des neuen Jahres und einen gesegneten Fortgang und Ausgang. Eben dies erflehen auch Deine Mutter, Geschwister, Hausgenossen von Gott für Dich. Sieh doch ja zu, daß Du recht gottesfürchtig seist, immer fleißig betest, ehrbar, mäßig, wahrhaft christlich lebest und jeden Augenblick für verloren achtest, der nicht aufs Studieren verwendet wird. Bei uns sind Alle wohl; nur leide in an heftigen Kopfschmerzen. Der Herr verleihe mir Wiederherstellung!

Cicero's Reden kannst Du Dir kaufen; brauche sie fleißig, aber reinlich. Dein Tischherr hat mir geschrieben, er sei gesonnen, die größeren Werke für sich anzuschaffen und Dir den Gebrauch derselben zu gestatten. Er wird gewiß auch ein lateinisches Wörterbuch haben, dessen Du Dich bedienen kannst, Daß Du ja alle Sorge dazu tragest und die Bücher vor allen Flecken rein bewahrest! Hüte Dich vor dem überflüssigen Bücherkauf; Du müßtest sie nur um den halben Preis wieder verkaufen oder mit großen Kosten nach Hause nehmen.

Ueber das Verzeichniß Deiner Ausgaben habe ich einzig zu bemerken, daß Du auf der Scheerstube drei Kreuzer bezahlst. Hier bezahle ich nur zwei Kreuzer oder einen halben Batzen. Du mußt nicht Junkerscheergeld geben, bist kein Junker, nur ein Schüler: Großhansen haben bald einen leeren Beutel. Schreib nur Alles genau auf wie bisher; Du weißt, daß ich darauf halte. Sechs Batzen war denn doch ein großer Schifflohn. Auch machte Deine Mutter große Augen, da Du schon wieder von ein Paar neuen Schuhen sprichst, die Du diesen Winter bedürfest. Es ist ungefähr fünfzehn Wochen seit Deiner Abreise; da nahmst Du drei Paar neue, nämlich rothe, aschgraue und schwarze mit Dir. Wenn's so fortgeht und Du jetzt an diesen nicht genug hast, so brauchst Du gar sechs Paare in einem Jahr; ich habe an zweien überflüssig. Du hast doch auch Fleisch und Bein wie unser einer und andere ehrliche Leute und bist nicht von Eisen. Du mußt Dich also im Schreiben geirrt haben, es kann nicht anders sein, sonst wär's gar "über's krumm Bohnenlied"[147].

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Daß Deine Studien gut von Statten gehen, wie Du schreibst, freut mich. Sieh nur zu, daß Du dies immer mit gutem Gewissen von Dir bezeugen könnest. Der Herr gebe Dir Gedeihen dazu! Deine Laute kann ich Dir nicht schicken; ich find' es nicht der Mühe werth. Du wirst gewiß immer von Deinen Freunden eine borgen können. Freilich möcht' ich auch nicht gern, daß Du das Gelernte wieder vergäßest. Deinem Herrn Patron schicke ich hier einen gar hübschen Käse. Uebergib ihm denselben zum Neujahrsgeschenk und wünsch ihm von mir, Deiner Mutter und Allen das beste Wohlsein. Füge für Deine Person etwas Schickliches und Zweckmäßiges bei. An Deine Hausherrin schreibe ich selbst und sende ihr eine schöne, silberne Schaumünze; überreiche sie ihr mit einem passenden Glückwunsch im Namen unser Aller. Diese Geschenke sind um Deinetwillen, durch Dich verursachte Unkosten, freilich auch Zeichen meiner Freundschaft für Beide; ich liebe und schätze sie ungemein.

Die Jnlage überbringst Du persönlich an die Herren Martyr und Zanchi. Bezeige Dich fein höflich und ehrerbietig gegen solche Männer. Sollten sie dermalen nicht in Straßburg sein, so behalte sie zurück, bis sie wieder kommen, oder schick sie mir zurück, wenn Du sie ihnen nicht sicher zustellen kannst. Empfiehl mich den Herren Garnier und T. Gybson[148]; daß Letzterer sich jetzt bei Euch aufhält, wundert mich. Grüße mir Deine Studienfreunde Fabritius, Stutz und Fahrner; sag' ihnen, ich lasse sie ermahnen, ja alle Zeit auf ihre Studien zu verwenden. Leb' wohl, mein Sohn! Grüße mir das ganze Haus; die Unsrigen alle, besonders die Mutter, lassen Dir gute Gesundheit wünschen. Dich grüßt Jakob Sprüngli, der neuerwählte Zunftmeister und Statthalter.

3.

Zürich, 1. März 1554.

Bereits volle zwei Monate, ja wohl noch länger haben wir keine Briefe von Dir erhalten. Wie kommt das, mein Sohn? Jch will es gern einem so unausgesetzten Studieren zuschreiben, daß es Dir an Zeit gebrach, Briefe, wenn nichts Nothwendiges zu melden war, zu schreiben. Das verlange ich freilich nicht, daß Du schreibest, wenn es Dir an Stoff gebrechen sollte; viel lieber ist's mir, wenn Du Deine Zeit ausschließlich auf Deine Collegien und auf das eigene Studieren verwendest. Jndeß wäre es mir doch angenehm und lieb, von Zeit zu Zeit Proben zu sehen, aus denen ich Deine wissenschaftlichen Fortschritte abnehmen und würdigen könnte. Du dürftest Dich nur über Deine Lehrer und ihre Vorträge mit mir unterhalten; ich denke, das wäre Stoffs genug.

Jch erwarte die Fortsetzung Deines Ausgaben-Verzeichnisses und zwar

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anfangend von dem Zeitpunkte, da das frühere endete. Was Du unumgänglich bedarfst, daran soll Dir's nicht gebrechen, besonders wenn ich Dein Wachsthum in der Frömmigkeit und tüchtige Fortschritte in der Wissenschaft sehe. Eben darum verwende ich so viele Kosten an Dich, damit Du einst weiter gebildet an Kopf und Herz, frömmer und weiser zu uns zurück kommest. Das ist es auch, wofür ich Gott in unablässigem Gebete anflehe. Jch bitte, ich beschwöre Dich, dies ebenfalls zu thun.

Bei uns sind, Gott Lob! Alle gesund, nur daß Deine Mutter und ich Kopfschmerzen haben. So erinnert uns der gütige Gott an unsere Sterblichkeit, und auch euch, liebe Kinder, erinnert er, daß ihr zu rechter Zeit für euch selbst Fürsorge thuet, da wir noch leben und euch mit Rath und That an die Hand gehen können. Haben wir einmal die Augen geschlossen, so wird eben Alles nicht mehr so leicht von Statten gehen, obschon ich sicher weiß, daß Gott seine treuen Verehrer, die ihn im Geist und in der Wahrheit anrufen, nie verläßt.

Die Jnlage übergibst Du Herrn Garnier, Pfarrer der französischen Kirche, und Herrn Peter Martyr. Erweise ihnen alle Hochachtung; das fordere ich von Dir. Vergiß meine Erinnerungen nicht und lebe wohl! Gott segne Dich in Ewigkeit! Er erhalte unsere lieben Studierenden und das ganze Haus.

4.

Zürich, 31. März 1554.

Diesmal habe ich eben nichts Wichtiges Dir zu schreiben; jedoch können der Ermahnungen zur Frömmigkeit und zum anhaltenden Eifer in Deinen Studien nie zu viel sein. Jch habe das gute Zutrauen zu Dir, daß Du Dir dies angelegen sein lassest. Ohne Zweifel wirst Du den letzten Brief richtig erhalten haben, den ich Dir jüngst durch den Engländer Hales zuschickte, worin ich ein Geldstück einschloß zum Zeichen meiner Zufriedenheit über Deine Arbeit im Jsokrates. Schreib weiter alles Einzelne fleißig auf. Gern will ich Dir alles Nothwendige verschaffen, aber hüte Dich wohl, lieber Sohn, vor unnützem, überflüssigem Aufwand. Wenn Du mir folgst, was ich zuversichtlich erwarte, so sollst Du weiter erfahren, wie väterlich ich gegen Dich gesinnt bin. Uns und euch drohen nun von allen Seiten große Gefahren; bitte den Herrn, daß er sie abwende. Man rüstet sich zu Unheil bringenden Kriegszügen, die einen blutigen Sommer befürchten lassen. Aber bei dem Herrn ist die sicherste Zuflucht; zu ihm wollen wir uns wenden voll ruhiger Zuversicht, voll inbrünstiger Ergebenheit und felsenfester Hoffnung! Der Name des Herrn ist ein starker Thurm; wer ihn anruft, der wird errettet werden.

Die Mutter grüßt Dich herzlich, ebenso Deine Schwestern Veritas und Dorothea, auch Brigitta (die Magd) und unser ganzes Haus. Grüße uns Deine Kostherrin und die ganze Familie. Empfiehl mich den berühmten

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Martyr, Zanchi, Dasypod, Montius und Andern[149]. Frag jeden, ob sie vielleicht etwas zu schreiben hätten: sie können sich auf diesen Boten verlassen. Peter Martyr schreibt mir am Ende seines Briefes Folgendes: "Von Deinem Sohne kann ich Dir nur melden; alle Gefälligkeiten stehen ihm meinerseits jederzeit zu Gebote; wenn er keinen Gebrauch davon machen will, so liegt die Schuld an ihm. Jch dringe immer in ihn, er möchte doch nur bitten und sich meiner angebotenen Freundschaft bedienen." Wie steht's, mein Sohn? Es will mich fast bedünken, Du lassest Dir Nachlässigkeiten zu Schulden kommen. Benutze doch eine Dir so gütig dargebotene Freundschaft! Jch habe Dich ja seiner Treue und Sorgfalt besonders empfohlen. Denn ich weiß, was für ein großer Mann er ist. Ein Zeugniß von ihm allein gilt mir mehr, als viele von manchen Anderen.

5.

Zürich, 25. August 1554.

Du hast Wort gehalten, mein Sohn. Erst jetzt erhalte ich Deinen Brief vom 6. Juli mit der lateinischen Abhandlung des Hrn. Zanchi über "Bezähmung der Ketzer." Wo er auf dem Wege stecken geblieben, weiß ich nicht. Man kann sich auf die Treue der Boten und Briefträger, wie ich sehe, nicht verlassen. Gib also Acht, wem Du die Briefe anvertrauest, besonders die von wichtigem Jnhalt. Letzthin habe ich Dich darüber getadelt, daß Du die Messe habest vorbei gehen lassen; jetzt aber sehe ich, daß es nicht Deine Schuld ist. Wiewohl man sich freilich vorsehen muß, wem man einen Brief anvertraue, hättest Du ihn doch unseren Tuchhändlern übergeben dürfen; dann hätte ich ihn längst bekommen. Fast mache ich den Schluß, es klebe Dir noch etwas von Deinem gleichgültigen, unachtsamen Wesen an; sonst hättest Du dies ja ohne sonderliche Mühe thun können; aber es war immer so Deine Art, es aufs Aeußerste kommen zu lassen, und wenn Du Dir dann nicht mehr zu helfen weißt, da jammerst Du, als ob der Himmel einfallen wollte.

Deinem Kostherrn schreibe ich daß er Dir für anständige Kleidung sorgen solle auf den Winter, zur Nothdurft, nicht zum Ueberfluß oder zur Hoffahrt; das vermag ich nicht und will's nicht. Sieh zu, daß Du Dich in Allem mäßig, ehrbar und gehorsam bezeigest. Was Du unumgänglich bedarfst, sollst Du haben. Brauche die Kleider sparsam und sauber. Der mir übersandte schriftliche Aufsatz steckt ziemlich voll Fehler und ist mangelhaft; doch will ich damit, als mit dem ersten Probestück zufrieden sein, aber in Zukunft fordere ich größeren Fleiß und daß Du immer besser meinen Erwartungen und den großen Ausgaben entsprechest, die ich auf Dich verwende.

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Lebe wohl! Wir sind durch Gottes Gnade Alle gesund. Der Herr segne Dich und sei Dir gnädig! Antworte mir auf diesen und den letzten Brief, den ich Dir durch Spiller und Bertschi zugesandt habe.

6.

Zürich, 12. März 1555.

Dein Tischherr, Hr. Burcher, hat uns besucht. Nach Allem dem, was er gegen Dich gethan, würde ich Alles aufgeboten haben, um ihm meine Dankbarkeit thätlich zu bezeugen, aber er war so eilig, daß ich ihm gar wenig erweisen konnte; doch hat er wenigstens meinen und der Meinigen guten Willen ersehen können. Er versprach weiterhin sein Möglichstes gegen Dich thun, und sobald Du abreisest, Deinen Bruder Rudolf aufnehmen zu wollen. So erkundige Dich denn, mein Sohn, welcher Ort für Dich am sichersten sei und wo edle Künste und Wissenschaften, besonders aber die Frömmigkeit sich in schönster Blüthe befinden. Deine Abreise dürfte auf Ende Augusts fallen; wenn ich nur zuverlässig weiß, daß Du in keiner Hinsicht Dich verschlimmerst, vielmehr Dich vervollkommnest. Das Zeugniß Deines Herrn über Dich war recht gut. Wir haben mit einander abgerechnet; das Kostgeld belief sich auf siebzehen Gulden und zwei Batzen.

Dein Kostherr preist Deinen Fleiß und Deine Einfachheit, was mir sehr wohl gefällt; um so weniger reuen mich die Ausgaben für Dich. Fahre nur so fort, mein Sohn; das gefällt mir sehr wohl, so wie Deiner lieben Mutter auch. Du solltest hören, wie ich Dich Deinen Brüdern und Schwestern als Muster und Vorbild anpreise. Laß es ja nie am herzlichen Gebete zu Gott ermangeln, daß er Dir Gnade gebe zu schönen Fortschritten in allem Guten. Zu größeren Ausgaben könnte ich mich schwerlich verstehen. Es sind euer viele und ich hab' sonst große Kosten und nicht darnach ein Einkommen. Das weißt Du. Vergiß nur keine Auslage in Rechnung zu bringen, damit Deinem Herrn nicht im Geringsten Unrecht geschehe. Als ich die verschiedenen mir zugestellten Noten verglich, sah ich bald da, bald dort einen Verstoß; doch befriedigte ich mich, als ich bemerkte, daß die Summen auf eins hinaus laufen. Noch einmal: Nicht um einen Heller soll Dein Herr zu kurz kommen oder ihm Unrecht geschehen; denn er thut uns gar viel Gutes, und dien' ihm, wie auch seiner Gattin, wo Du Deiner Studien halben kannst.

Sei doch emsig und unablässig im Studieren, daß wenn ich Dich innerhalb oder nach zwei Jahren heimrufe, Du nicht bloß ohne Schande, sondern mit der größten Ehre zurück kommest durch Gottes Gnade. Gott Lob sind wir diesmal Alle gesund; Alle grüßen Dich. Wir hatten auch Besuch von den Herren Marbach und Valentin Erythräus[150]. Mach ihnen meine

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Empfehlung, sowie Herrn Garnier und Andern, die sich etwa nach mir erkundigen.

7.

Zürich, 19. April 1555.

Neues habe ich nichts zu schreiben, nur meine alten Mahnworte: Fürchte Gott! wandle in seinen Geboten! glaub an Christum, den Sohn Gottes! halt an im Gebete! studiere und übe Dich fleißig in der heiligen Schrift, sodann in den übrigen Wissenschaften, Alles nach dem Jnhalt meiner Anweisung. Der Herr segne Dich! Sei demüthig, sei treu und nützlich Deinem Hause!

Bei uns ist durch Gottes Gnade Alles gesund, nur daß Dein Onkel zu Ottenbach am Bein fortdauernd übel Schmerzen leidet. Eben hat auch die Pest den Einen und Andern plötzlich hingerafft. Eine beträchtliche Zahl von Vertriebenen ist aus Locarno nach Zürich gekommen; sie werden menschenfreundlich aufgenommen. Kaum finden sie noch Platz; Du weißt, wie ohnehin in Zürich Alles vollgepfropft ist. Nur mit Mühe erhält man für sie Herbergen, solche nämlich, die sich für die von höherem Stande schicken. - Dein Kostherr wird Dir sagen, daß Pabst Julius III. am 23. März gestorben und bereits am 10. April ein anderer gewählt worden, ein ausgemachter Pabst, ein alter, ausgespitzter Ränkeschmid, ergraut in aller Arglist.

Jch erwarte Deine Abhandlung über die Divination (Ahnung, Voraussagung). Grüße mir aufs allerfreundlichste die Herren Martyr, Zanchi und Deine übrigen Lehrer, auch Marbach, Erythräus, Dasypodius, den Rektor Johann Sturm und Andere[151]. Herrn Garnier kannst Du sagen, ich habe seine Briefe gar wohl erhalten; einstweilen habe ich ihm nichts zu schreiben, als daß ich ihm allen Segen des Herrn wünsche. Lebe wohl, mein theurer, lieber Sohn. Biete alle Kräfte auf, um meinen Erwartungen zu entsprechen, und bitte dafür Gott um Gnade.

8.

Zürich, 23. Juni 1555.

Allerdings hab' ich das Manuscript von Zanchi's Vorträgen über die Divination erwartet, muß mich aber mit Deiner Entschuldigung zufrieden geben; indeß wäre mir doch lieb, wenn ich's bei nächster Gelegenheit erhalten könnte. Es thut mir sehr Leid, daß der liebe, fromme, treffliche Zanchi so übel krank liegt und daß es mit seiner Gattin so gar schlimm steht. Laß uns den Herrn bitten, daß er sie wieder herstelle und ganz gesund mache.

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Was Du mir von den Gedanken der Herren Martyr und Zanchi schreibst, läßt sich hören; aber Du hast Dich wohl in Acht zu nehmen, daß Dir nicht eben das, daß Du mein Sohn bist, Nachtheil und Verdruß bringe. Man sagt mir, mein Name Bullinger sei in Sachsen sehr verhaßt; da sieh zu, daß man Dich nicht zu einem Glauben berede, der mit dem unsrigen wahren in Widerspruch steht. Man hat sich wohl vorzusehen und sich auf alle Weise genau zu erkundigen, wie man gegen uns gestimmt sei und ob man unsere Studierenden in die dortige Form zwänge und zum dortigen Cultus nöthige. Dies kannst Du inne werden, ohne eben gerade heraus zu fragen. Du wirst mich aber nicht so verstehen, als ob ich Dir den Kirchenbesuch, das Predigthören daselbst mißrathe oder gar verbiete. Nein, ich möchte nur, daß man Dir in Ansehung der Communion Deinen Willen lasse. Jndessen bin ich noch nicht ganz entschlossen, wohin ich Dich senden will. Das versteht sich von selbst, daß ich Dich nicht der Gefahr aussetzen will an Orten, wo die Pest herrscht.[152] Also frag Allem fleißig nach; erkundige Dich genau und gib mir Antwort vor Mitte August.

Ueber die Herstellung Deiner Kleider habe ich Deinem Hausherrn geschrieben; er wird Dir ein neues anschaffen, wenn's nöthig ist. Auf der Reise bedarf's eben keines großen Kleidergepäcks. Ein guter Rock ist schon genug. Man kann nicht darauf zählen immer einen Wagen zu finden, und oft übersteigen die Unkosten der kostspieligen Fuhre den Werth dessen, was man mitschleppt. Vielleicht wär's besser, Du würdest mit allem Neuen warten bis an Ort und Stelle, z.B. mit dem Leibrock und den Stiefeln; der Oberrock, hoff' ich, soll noch nicht abgenutzt sein. Alle Ausgaben zeichnest Du pünktlich auf und überschickst sie mir.

Jch möchte auch wissen, welche Vorlesungen Du eben jetzt besuchest. Jst die Zeit der Abreise vor der Thüre (in einigen Monaten denke ich), so laß Dir von allen Docenten Zeugnisse ausfertigen, die Du mir dann übersenden wirst. Die Bücher, welche Du von Zürich mitgenommen, lässest Du zurück zum Gebrauche für deinen Bruder Rudolf. Einzelne, unumgänglich nöthige nimm mit auf Deinem Rücken. Was des Aufbehaltens für die Zukunft werth ist, packe sorgfältig ein zur Rücksendung nach Zürich unter meiner Addresse.

Nochmals, so bald ich mich darauf verlassen kann, daß man Dich in Sachsen Deiner Herkunft halben ungeschoren läßt, so lasse ich Dich wahrscheinlich dahin abreisen. Jch wünschte, daß Du ein oder zwei Jahre bei Philipp (Melanchthon) hörtest. Daß man in Wittenberg so ziemlich wohlfeil leben könne, vernehme ich um so lieber, da ich für mehrere Kinder beträchtliche

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Auslagen habe. Sei nur recht haushälterisch, besonders aber fromm und mit ganzer Seele den Studien ergeben. Sei mit Deinen Empfehlungen für fremde, verarmte Studierende sparsam. Zürich wird mit dergleichen Leuten überschwemmt. Jeder will von mir, und ich weiß nicht woher; Allen kann ich unmöglich helfen. Man hat auch jetzt in unsre Stadt Vertriebene von Luggarus (Locarno) aufgenommen; es sind ihrer bei 120. Der Herr sei mit Dir, und bewahre uns vor allem Bösen! - Die Mutter und die ganze Haushaltung grüßt Dich.

9.

Zürich, den 30. Juni 1555.

Jch muß hören, mein Sohn, daß Du etwas nachlässig Deine Studien betreibst. Soll ich Dir erst sagen, daß mir dieß äußerst zuwider ist? Wie, soll man nicht von demjenigen, welcher der kostbaren Zeit nicht sorgfältige Rechnung trägt, denken dürfen, er sei nachlässig in seinen Studien? Daß Du aber lange nicht haushälterisch genug mit der Zeit bist, zeigt sich daraus, weil ihr, Dich und Deine Zürcherfreunde mein' ich, gar zu häufig bei einander stecket. Gegen den freundschaftlichen Umgang mit ihnen habe ich gar nichts; aber gegen ein häufiges Zusammenlaufen, worunter die Studien leiden müssen, gar viel. Dieß macht jungen Studierenden keine sonderliche Ehre. Doch was braucht's weit hergeholter Gründe? Sind das etwa die Grundsätze, die ich Dir eingeschärft habe? Lies doch, was meine Anweisung über Zeitverschwendung und über Stundeneintheilung für die Studien enthält. Pfeilschnell fliegt die unwiederbringliche Zeit. Du rückst mit jedem Augenblicke dem Tage näher, an welchem Du nach Hause zurückgerufen wirst. Soll ich meine großen, mich fast erdrückenden Unkosten fruchtlos an Dich verwendet haben? - Nein! ich will seiner Zeit pünktliche Rechenschaft haben über Deine Fortschritte im Lateinischen und im Griechischen, in der Dialektik und Rhetorik, der Geschichte und Poesie, der Theologie und allem Uebrigen. Da magst Du zusehen, wie Du bestehest. Hör! nicht eine Minute darfst Du verschwenden oder mit nichtswürdigen Kleinigkeiten hinbringen. Was nützt das beständige Zusammeneilen und Rennen? Sitze jeder lieber bei Hause hinter den Büchern. Man hat euch nicht in die Fremde geschickt zum Spazieren oder um täglich in Gesellschaften zu laufen.

Dieser mein Brief gibt Dir also die bestimmte Vorschrift, daß Du diese Gesellschaften und die allzuhäufigen Zusammenkünfte aufgebest, das Deine schaffest und zu Deiner Zeit Sorge tragest, und das darfst und sollst Du Deinen Gefährten, den zürcherischen Studierenden, ebenfalls vermelden. Jch weiß von sicherer Hand, daß das aus dem Hause Laufen Deinem Tischherrn mißfällt. - Also, Du gehst fürderhin gar nicht außer das Haus und bringst niemanden ins Haus ohne sein Vorwissen und seine Bewilligung. Jch

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erwarte, daß Du ihm pünktlich folgest. Jch habe darüber mit ihm selbst schriftlich Rücksprache genommen.

Durch Ueberbringer dieß, Francesco Bonetto[153], einen Kaufmann aus Jtalien, einen wackern, lieben Freund, kannst Du mir theils auf diesen, theils auf frühere Briefe antworten. Solltest Du hinunter nach Sachsen kommen, oder nach Hessen, und wolltest da gesellig sein, ich würde ernst mit Dir verfahren. Jch denke darauf, Dich nächstens zurück zu rufen und zu examinieren. Laß Dir nicht nachreden, ich hätte vergebens Kosten an Dich verwendet. Siehe zu, daß Eltern, Geschwister, Verwandte, Freunde sich über Deine Rückkunft freuen können und vergiß bei Leibe meiner Warnung nie.

10.

Zürich, den 16. Juli 1555.

Deiner bevorstehenden Reise halben bin ich wirklich in Verlegenheit und sehr unschlüssig, was ich rathen soll. Man sagt, es stehen dem Sachsenlande gar schwere Kriege bevor; darum will's mich dünken, es sei nicht sicher dorthin zu reisen, und eben so unsicher dort zu weilen. Auch weiß ich nicht, was ich von dem glücklichen Erfolge dortiger Studien hoffen darf. Weißt Du etwas Sicheres, so schreib's mit erster Gelegenheit. Melde mir auch zugleich, welche Studien dort hauptsächlich getrieben werden, und was für Professoren zu Marburg sind; aber nicht erst hintendrein, wenn's zu spät ist.

Wie steht's mit der Abhandlung über die Divination? Noch sah ich davon kein Blatt, und kann auf Niemand die Schuld schieben, als auf Dich und Dein nachlässiges Wesen. So habe ich auch die Fortsetzung des Ausgaben-Verzeichnisses gefordert; die steht ebenfalls noch aus. Hast Du auch schon berechnet, wie hoch meine Auslagen steigen, seit Du von Zürich fort bist? 172 Pfund! (das Pfund gleich einem halben Gulden), Bücher und Kleider nicht einmal gerechnet, nur das baare Geld! Unterm 10. Juli habe ich dem Sebastian Guldibeck für Dich, laut Anweisung Herrn Burchers, 30 Reichsgulden bezahlt. Wie oft muß ich's wiederholen, daß Dein Fleiß und Deine wissenschaftliche Bildung mit den Ausgaben gleichen Schritt gehen soll! Jst dieß, so sollen sie mich nicht reuen; thust Du's nicht, so wirst Du mich von einer ganz andern Seite kennen lernen.

Du entschuldigst Dich und Deine Studienfreunde; aber auf schöne Worte kommt's mir nicht an, mein Sohn, wohl aber auf Thatsachen, und vorzüglich auf Besserung. Jch weiß ganz zuverlässig, daß die, welche mich zu jener Warnung veranlaßt haben, sich weder von Haß, noch mürrischer Laune haben anfechten lassen, wie Du meinst, und daß sie nichts erdichtet, nichts übertrieben haben. Sie lieben Dich, und wollen von ganzem Herzen nichts

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als Dein Glück. Sie kennen Dein Thun und Lassen besser, als Du glaubst; so kann ich also nicht anders, als mein neuliches ernstes Ansinnen eben so ernst wiederholen. Jch will durchaus nicht, daß Du hinter Deinem Herrn aus dem Hause gehest. Nicht als ob ich Dich sklavenmäßig, wie in ein Zuchthaus, eingesperrt haben wolle, geh' nur und besuche die Predigten, die Collegien, und was dahin einschlägt; aber die übrige Zeit verwende auf Deine Studien, auf die Wiederholung der Lektionen, auf Stylübungen, wie Uebersetzungen, Briefentwürfe, schriftliche Aufsätze, Dialogen u.s.f. Was Du nicht hierauf verwendest, ist verloren. Es ist genug, wenn Du wöchentlich ein, höchstens zweimal, zu Deinen Freunden gehst und bei ihnen eine Stunde, zwei, höchstens drei zubringst. Es seien, sagst Du, Gespräche über Litteratur, womit ihr euch unterhaltet. - Schöne Litteratur, wenn man mit Gaucherei und Narrenwerk umgeht!

Das sage und schreib ich zuerst und zunächst zu Deinen Handen; dann aber auch zu Handen Deiner Freunde, die Du mir grüßen magst. Die Zeit ist kurz, ihr Leute, und Deine Rückkunft naht. Bald sind mir die Kosten zu schwer. Rudolf muß nun auch ins Ausland, Christoph ist jetzt bei einem Bäcker. Das Alles kostet schwer Geld. Auch meinen Töchtern zahle ich ein nicht unbeträchtliches Jahrgeld. Meine Haushaltung kostet mich von Tag zu Tag mehr; Arme und vertriebene Glaubensgenossen kommen immer zahlreicher. Dieß Alles nöthigt mich, Deinen Aufenthalt in der Fremde abzukürzen. Wende doch die Dir vergönnte Zeit wohl an!

Herr Collin (Professor des Griechischen in Zürich) hat bereits seine beiden Söhne heimberufen; die Kosten waren ihm zu lästig. Das ist schon manchem wackeren Manne widerfahren, daß er die Segel hat einziehen müssen, besonders wenn er die Stube voll Kinder hat. Jch denke, ich gehöre auch unter diese. Es sind euer acht. Bedenk das, und halte Dich still, schlecht und recht, unkostlich und geflissen! Folgst Du, so wird Dein Vater nie aufhören gütig zu sein. Herzlich grüßen Dich Alle. Empfehle mich Deinen Professoren. Mir mangelt durchaus jetzt die Zeit, ihnen zu schreiben. Gott mit Dir!

11.

Zürich, den 22. August 1555.

Nun denn, so reise, da es fromme und gelehrte Männer rathen, und Du auch dringend um Erlaubniß bittest; reise unter Christi, unsers Herrn Schutz und Begleit nach Wittenberg in Sachsen zu Herrn Melanchthon. Für ihn lege ich Dir hier ein Empfehlungsschreiben bei, worin ich ihn angelegentlichst bitte, Dich an seinen Tisch aufzunehmen, oder, wenn ihm dieß geradezu unmöglich sein sollte, Dir doch mit Vatertreue zu rathen. Froschauer wird Dir vier Thaler Reisegeld geben. Hiermit, denke ich, solltest Du bequem nach Sachsen reisen können; denn Du wirst, wie ich hoffe, sparsam sein. Er wird mit Deinem Kostherrn Dir zu Frankfurt einen wackern Mann

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aufsuchen, dem er Dich empfiehlt, um Dich nach Sachsen zu begleiten. Diesem wird er 20 Gulden eurer Währung geben, den Gulden zu 16 Batzen nach eurer Währung gerechnet, welche an Philipp, oder wer sonst dort Dein Tischherr sein wird, abgegeben werden sollen. Der größere Theil davon ist für Tisch und Unterhalt, auch etwas Weniges für Deine übrigen dringendsten Bedürfnisse bestimmt. Dieß soll für ein halbes Jahr hinreichen. Wenn ich Dir nun für das zweite Halbjahr auch 20 Gulden zahle, so macht das gerade 40 Gulden. So viel zahlt unser berühmtes Zürich seinen Stipendiaten; soviel schießt der angesehene Collin seinen Söhnen dar. Jch bin nicht so vermöglich  und thue damit fast mehr als meine Kräfte erlauben. Du weißt, daß ich auch noch für Deine Brüder, Rudolf und Christoph, und die Erziehung der Veritas und Dorothea zu sorgen habe. Die drei andern Schwestern beziehen jährlich von mir 30 Gulden. Siehe, wie groß meine Ausgaben sind! Jch mag nicht davon reden, was mich die Haushaltung und die täglichen Auslagen kosten. Strecke Dich doch nach der Decke, sei sparsam, und mache mir keine unnöthigen Unkosten; ich vermöcht's durchaus nicht. Doch darüber habe ich Dir schon oft geschrieben; Du wirst doch mein Büchelchen nicht verloren haben?

Deiner Tischfrau schicke ich hier einen Dukaten; darum ist es ganz überflüssig, daß Du noch abletzest (d.h. ein Abschiedsgeschenk gebest), als ob Du ein reicher Herr wärest. Es bedarf der Großhanserei durchaus nicht; es geht sonst viel drauf und drüber.

Das aber fordere ich von Dir: Schaff' Dir 1. ein solches Buch an, wie Dein Bruder eines hat, bitte vor Deiner Abreise Martyr, Zanchi, Sturm u.s.f., Dir mit eigner Hand Sprüche darein zu schreiben; Du kannst es gerade nach dem Muster von dem Deines Bruders Rudolf machen lassen. 2. Bitte Deine Lehrer um Zeugnisse Deines Fleißes und Deiner Aufführung, und schicke sie mir zum Aufbehalten, bis Du wieder heimkommst. 3. Wenn Du Freunde hast oder rechtschaffene Männer kennst, deren Empfehlungen Dir in Sachsen nützlich sein können, so ersuche sie darum. 4. Sobald Du nach Wittenberg kommst, so übergib meinen Brief dem Herrn Philipp und bitte ihn, daß er die Güte habe, Dich aufzunehmen, oder, wenn es ihm ganz ungelegen ist (was Du aber mit keiner Silbe berühren wirst, bis er's selbst sagt), so bitte ihn, daß er Dich in Allem unterstütze, Dein Vater sei, Dir mit Rath und That an die Hand gehe und zu einem schicklichen Kostorte verhelfe. 5. Besuche alle Vorlesungen Philipps; von den andern wähle Dir nur die theologischen Collegien Majors und die mathematischen von Caspar Peucer[154].

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Ueberlade Dich nicht mit Lektionen. Sei emsig! Jch rufe Dich bald wieder heim. Befleiß Dich der lateinischen und griechischen Sprache, der Dialektik und Rhetorik, der schönen Wissenschaften und der Theologie. Sobald sich eine Gelegenheit findet, so schreibe, wo und wie theuer Du verkostgeldet seiest und was für Collegien Du besuchest.

Laß Dich ja in keine Streitigkeiten ein mit den Sachsen. Sage, Du seiest einzig darum da, Dich auszubilden, Deine Kenntnisse zu bereichern und zu erweitern, nicht um zu streiten. Schreib uns fleißig über Alles, was Dich angeht. - Zu Rostock an der Ostsee ist eine Universität, da ist der gelehrte Herr David Chyträus Professor, mein besonderer Freund[155]. Laß ihn eilig durch einen Brief wissen, Du seiest nun auf meinen Befehl zu Wittenberg, um da zu studieren; ich lasse ihn bitten, daß er Dich seinen guten Freunden in Wittenberg empfehle; ich lasse ihn grüßen. Jch habe ihm im Juli einen Brief über Straßburg zugeschickt und jetzt werde er nächstens durch die Frankfurter Messe einen zweiten erhalten.

Nimm nicht zu viel Plunders mit nach Sachsen an Büchern und Anderm; laß Rudolfen zurück, was Du kannst. Die Fuhre kostet sehr viel. Sei haushälterisch und spare; trage Sorge zu Deinen Handschriften, den Exercitien und Kollektaneen. Zu Mehrerem habe ich diesmal nicht Zeit; Rudolf wird Dir noch Einiges mündlich sagen. Der allmächtige Gott wolle Dich treulich bewahren und geleiten, mein liebes Kind, und Dir seine Gnade geben, daß Du gelehrt, fromm, züchtig und ehrlich werdest, zur Ehre Gottes und Deinem Heil! Gott behüte Dich treulich! Gnad' (sag' Lebewohl) zu Straßburg jedermann und dank' herzlich Deinen Lehrern und allen Wohlthätern. Halte Dich ehrlich, gottesfürchtig und wohl! Sei dienstwillig und still auf der Straße und wohin Du kömmst. Bitte den Herrn, daß er Dich begleite auf Deiner Reise, wie Jakob und Joseph. Gott mit Dir! Es gnadet Dir das Mütterchen und alle Schwestern; sie bitten Dich, daß Du eingezogen, still, fleißig, häuslich, gottesfürchtig seiest. Sie grüßen Dich alle treulich.

Sei gegen die Gebrüder Collin, Rudolf und Theodor, freundlich, liebreich, gefällig, ja nicht verächtlich und stolz; indeß schaff Deine Sache, studier' und hänge Dich gar an keine Gesellen außer mitunter zur Seltenheit, wie sich's gebührt.

Der Herr segne Dich und erhalte Dich allezeit! Leb wohl.

Nachschrift. Was Du sonst hättest, Briefe und Ringe, das Du zu uns hinauf fertigen wolltest, gib's Casparn in den Ledersack; und ob es Dir geriete, daß Du möchtest zu Melanchthon kommen, und er große, reiche Herren hätte, so laß diese das Jhre schaffen, und daß Du ja nicht mit ihnen auf sächsisch zechest, sondern Deine Sachen schaffest! Es wäre mir um so lieber, wenn

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Du außer seinem Hause die Herberge hättest, den Tisch aber in seinem Hause; doch probir's, wie sich die Sachen schicken und anlassen wollen. Gott gebe Gnade[156].

12. Nach Wittenberg.

Zürich, den 14. März 1556.

Der Franzose, dem Du am 14. November Deine Briefe anvertraut, hat sie redlich und zu rechter Zeit abgegeben. Da ich mich nun so eben hinsetzen will, sie zu beantworten, erhalte ich gerade zu rechter Zeit von St. Gallen aus durch Baptist Steck Deinen vom 1. Hornung datirten. Wir haben alle

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Ursache Gott zu danken, daß er sein Gedeihen gibt zu all unserm Beginnen. Dich ermahne ich, daß Du ihn fürchtest, oft zu ihm betest und meine christliche Anweisung nicht vergessest.

Dringender Geschäfte halben berühre ich bloß das Wichtigste aus Deinem Briefe. Deine Wahl der Vorlesungen und der Professoren gefällt mir wohl. Fahre fort, und setze den Fleiß nie aus im Griechischen und Lateinischen, doch so, daß Du das Theologische darüber nicht versäumest. Unablässig sich zu üben und wieder zu üben ist das Nothwendigste und Fruchtbarste. So kömmt man vorwärts und dringt weiter; so wird das Schwere leicht. Also übe Dich in schriftlichen Aufsätzen aller Art; declamiere, disputiere, studiere Tag und Nacht. Laß Dich ja nicht von Deinen Kameraden verleiten, daß Du nicht ein Schlemmer und Biersäufer werdest. Deine speziellen Freunde, die Gebrüder Collin, sind mir ganz recht. Grüße sie von meinetwegen. Jch werde ihre Freundschaft und Liebe für Dich zu vergelten wissen. Hüte Dich vor allzu starken Ausgaben. Was die Rechnung betrifft, weißt Du schon, wie ich's haben will. Sehe ich, daß Du eingezogen und sparsam bist, so soll mich der Zuschuß von 40 Gulden nicht reuen. Jch will nicht, daß Du darbest, oder Dir durch schlechte Kost Krankheiten zuziehest, und dann gar hinterdrein beim Arzt doppelte Kosten habest. Jmmerhin fordere ich aber Eingezogenheit und Mäßigkeit.

Ziehe mir nicht zu Melanchthon ins Haus; ich möchte nicht, daß er um Deinetwillen Verdruß hätte von Leuten, die es nicht gut mit uns meinen; und eben so wenig möchte ich, daß Du zu größeren Ausgaben verleitet würdest. Du könntest von Reichern und besser Bemittelten, die sich mehr erlauben dürfen, nur geneckt werden. Gib ihm den Brief und zwei von den Büchern, ich meine die "Summa" und die "Apologie" (von 1556) eben so viele sendest Du an Herrn David Chyträus nach Rostock nebst meinem Briefe. Wie dieß am besten geschehen könne, wird Dir Philipp zeigen. Die zwei übrigen behalte für Dich und lies sie. Wenn es ohne große Kosten sicher und mit Bequemlichkeit geschehen könnte, so möchte ich wohl wünschen, daß Du nach Rostock kommen, den Chyträus, dem ich Dich empfehlen will, grüßen und auch das baltische Meer sehen könntest. Wenn Du künftighin zu Wittenberg, ohne Dich Verdrießlichkeiten oder scheelen Blicken auszusetzen (denn ich fürchte, einige reizbare Gemüther möchten durch meine Antwort sich für beleidigt halten) nicht füglich länger bleiben kannst, - wohlan, so geh nur geraden Wegs nach Marburg, zu Hrn. Andreas Hyperius, der Dir sein Haus anbietet. Doch gehe nicht ohne Noth von Wittenberg weg; bleib da, so lange Du kannst; gehe zuerst mit Philipp und andern wohlwollenden Männern zu Rathe, und verschaffe Dir zuvor schriftliche Zeugnisse. Laß Dir besonders rathen, wenn der Krieg ausbricht. Schicke mir gar keine Bücher; ich besitze die schon lange, die Du mir zusenden wolltest. Bloß für den Brief habe ich dem Kaufmann in St. Gallen drei Batzen bezahlt; doch will ich nicht, daß Denn darum

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weniger Briefe schreibest; ich wünsche ununterbrochen zu wissen, wie es Dir geht, Du kannst sie füglich durch Steck von Leipzig aus abgehen lassen.

Froschauern habe ich aufgetragen, Dir das Geld und das Wörterbuch zu schicken; er wird Dir 22 Thaler zusenden. Dich grüßen Mutter, Brüder, Schwestern, Schwäger, und der sehr kranke Onkel, auch Brigitte. Doch ich muß enden. Abermal sage ich: Fürchte Gott, bete ernstlich, sei fleißig und bescheiden, Gott und Menschen lieb und werth! Lebe wohl, liebster Sohn.

13.

Zürich, den 1. September 1556.

Jch schrieb Dir, lieber Heinrich, zu Ende April einen langen Brief. Aber den 1. Juli schreibst Du mir einen Brief, den ich Mitte August durch Kaufleute von St. Gallen erhielt, worin Du mir nichts vom Empfang des meinigen meldest. Du sagst zwar, Du habest den 10. Mai einen Brief durch den Nürnberger Boten an mich geschickt; allein ich sah weder den Boten noch den Brief. Jndessen zahlte ich für Deinen früheren dem Bartholomäus Steck von St. Gallen drei Batzen und jetzt für den letzten wieder drei. Du siehst, daß die Kosten in einer geringfügigen Sache hoch steigen. Wenn Du also nicht sehr Nothwendiges zu schreiben hast, so schieb es auf; betrifft es aber etwas Nothwendiges, so schreibe mir nur frei. Weil ich nun zweifle, ob Du meinen ersten Brief empfangen, so will ich wiederholen, was ich noch davon weiß und was mir sehr am Herzen liegt. Die Summe davon ist: ich kann den Aufwand, den Du machst, nicht aushalten. Jch gab dem Froschauer für Dich 20 Gulden oder 40 Pfund. Jhm gab ich auch 10 Pfund, die Du auf den Weg mit Dir nahmst. Burchers Frau gab Dir 4 Pfund. Wieder habe ich in der Frühlingsmesse dem Froschauer 38 Pfund, 3 Schilling und für Bücher 4 Pfund ausbezahlt; zusammengerechnet macht das 96 Pfund, 4 Pfund weniger denn 100 Pfund. Das also zahle ich in der Mitte des Jahres für Dich aus. Wenn ich nun eben so viel in dieser Messe geben sollte, so kommt die Summe bis auf 90 oder 100 Gulden. Du weißt aber, daß ich drei Töchtern jährlich 60 Pfund zahlen muß. Wie viel glaubst Du, daß Christoph mich kostet? Auch muß ich dem Haus Rudolf etwas geben; überdies brauch' ich viel in der Haushaltung. Wenn ich nun mein Einkommen und die übrigen Einnahmen berechne, so komme ich jährlich nicht auf 700 Pfund. Jetzt rechne an den Fingern her, ob Du mich nicht bald, wenn Du so fortfährst, an den Bettelstab bringen würdest oder mich zwingen wirst in meinem Alter Schulden zu machen, die andern Kinder darben zu lassen und auf Dich allein den größten Theil meines Vermögens zu verwenden! Uebrigens werde ich es nicht thun. Deshalb sagte ich, ich wolle Dir jährlich 45 Gulden geben, und wenn ich sehe, daß Du sparsam bist und es nothwendig brauchst, so will ich noch 5 Gulden hinzuthun, daß es gerade 50 Gulden sind; mehr will, kann und mag ich nicht geben. Darnach wisse Dich zu strecken. O was guter, redlicher Gesellen müssen

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sich minder behelfen. Sind auch Leute und werden ehrenwerthe, vorzügliche Leute! Jn Betracht dessen suche Dich also einzuschränken. Jch sehe, daß Du meiner Anweisung, die ich Dir mitgab, nicht eingedenk bist. Auch versprachst Du mir das nicht, da Du zu Straßburg warst und mich batest Dich nach Wittenberg zu schicken, sondern Du sagtest mir, daß Dich glaubwürdige Engländer versichert haben, man könne zu Wittenberg wohlfeiler leben als zu Straßburg. Und wenn Engländer wohlfeiler, und zwar anständig leben konnten, warum kannst Du es nicht? Meine Gnädigen Herren geben den Stipendiaten jährlich 40 Gulden, dazu thun diese noch aus ihrem Beutel etwa 5 Gulden oder höchstens 10 Gulden, daß es jährlich 50 beträgt, und sie leben doch anständig. Aber genug hievon. Du weißt ohnedies mein Vermögen, meine schwere Haushaltung und in der That meine Armuth, wenn man meine Umstände mit andern vergleicht; deßwegen mußt Du sparsam sein.

Du redest in Deinem letzten Briefe vom 1. Juli weitläufig davon, ich solle Dir erlauben, die Dir angetragene Magisterwürde anzunehmen, und ich möchte doch die Kosten nicht scheuen. Jch will Dir sagen, was ich denke. Jch würde die Kosten eben nicht so sehr scheuen, wenn die Sache mit 10 Gulden, oder um das herum, abgethan werden könnte. Was ich mehr fürchte, ist das: man möchte Dich zwingen, den wahren Glauben und die rechte Lehre von den Sakramenten abzuschwören oder wenigstens zu versprechen, Du wollest nicht die zwinglische Lehre predigen. Wenn sie nur fordern würden keiner ketzerischen Lehre anzuhangen, so würde ich eher zu bereden sein; denn wir müssen von selbst allen Ketzereien absagen. Allein wenn Du versprechen müßtest, nur nach den Lehrsätzen der Wittenberger Kirche zu predigen, wie könntest Du da, wenn Du zurück kömmst, hier noch die Gemeinden lehren oder in Deinem Vaterlande mit Nutzen und Ehren leben? voraus wenn Du Feinde bekämest, die Dir vorwürfen, Du seiest unwürdig die Kirche zu lehren, die Du zu Wittenberg abgeschworen habest. Sieh, was für einen Grad Du Dir erworben und was für eine Ehre Du erhalten hättest! Allein wenn man Dir Freiheit läßt, wenn Du kein unrechtes Gelübde thun mußt, so würde ich mich wohl bereden lassen. Jnzwischen sehe ich doch auch nicht, warum Du so sehr nach der Magisterwürde Deine Hände ausstreckst. O daß Du nur sonst in den freien Künsten, in den Sprachen, überhaupt in den Wissenschaften etwas Rechtes leisten mögest! Jn den freien Künsten, glaube ich, muß man den akademischen Grad nicht verachten; in der Theologie billige ich es nicht. Vermuthlich sind sie bei Beförderungen in den freien Künsten billiger und bescheidener, und nehmen die jungen Leute nicht ins Gelübde, da es nicht die Theologie betrifft; so daß hierin wahrscheinlich weniger Gefahr ist. Wenn Du nun jetzt schon den Gradus ohne ein solches gefährliches Gelübde erhalten hättest, so würde ich's vielleicht nicht übelnehmen.

Jch würde Dir jetzt die Zeit und Stunde Deiner Geburt sagen, wenn

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ich nicht merkte, warum Du das begehrst. Du möchtest Dir die Nativität stellen und Dein Schicksal wahrsagen lassen[157]. Weißt Du denn nicht, mein Sohn, daß Gott dergleichen Nachforschungen verbietet? Die sind abergläubisch und versündigen sich schwerlich an Gott, die sich in dergleichen einlassen. Mögen sie dem Esau und Jakob die Nativität stellen oder andern Zwillingen, die einen völlig ungleichen Ausgang haben; lege Du Deine Zeit an andre, nützlichere, bessere Dinge, damit Du nicht die lautere Religion und Deinen Glauben befleckest.

Wir sind Alle durch Gottes Güte wohl auf. Mein Bruder, Dein Oheim, hat sich wieder erholt. Zwingli hat im Juli einen Sohn bekommen. Der Herbst wird nicht so reichlich; aber desto besser, hoffen wir, wird der Wein sein. Der Herr segne uns! Wer aus Jtalien kommt, sagt: der Pabst habe die von Colonna vertrieben und ihre Städte und Güter seinem Neffen von Bruders Seite (Johann Caraffa) gegeben, den er zum Herzog von Palliano ernannt habe. Die Vertriebenen seien zum Kaiser und zum Fürsten von Florenz geflüchtet, und sie wollen jetzt, wenn sie eine Armee in Neapel und Toskana zusammen gebracht haben, ihre Besitzungen wieder zu bekommen suchen. Aber der Pabst habe mit seiner Armee und mit Hülfe der Franzosen die Kaiserlichen geschlagen, und nun glauben sie, werde ein blutiger Krieg zwischen dem Kaiser und Pabst entstehen.

Die Briefe gehen richtig, wenn Du sie dem Ernst Vögeli nach Leipzig über St. Gallen schickst. Wenn Du also etwas Nothwendiges hast oder auf diesen Brief antworten oder etwas Anderes berichten willst, so schicke ihn nach Leipzig dem Ernst, der wird ihn dem Caspar Steck geben, und dieser ihn nach St. Gallen dem Bartholomäus Steck schicken. - Wenn Du den Magistergrad angenommen hast, so laß Dir auch ein Testimonium geben.

Jn unserer ganzen Haushaltung ist niemand schwächer und kränklicher, als ich; denn das Kopfweh quält mich außerordentlich. Wende also die übrige Zeit wohl an, daß Du nicht nach meinem Tode das entbehren müssest, was Du jetzt kaum missen kannst; jetzt bekommst Du es noch leichter, aber dann nicht mehr. Wenn Du wohl und ehrlich Dich hältst (studier, daß Du etwas kannst), so wirst du sehen, lieber Sohn, daß ich thun will mehr, als ich schier mag; allein übertreib's nicht und hab mein und des übrigen Völkleins (Kinder) auch Rechnung. Fürchte Gott! Sei demüthig und leutselig! Bete ernstlich! Lebe gottselig! Lerne fleißig! Lebe wohl, mein lieber Sohn, Dich grüßt Deine Mutter und Christoph, der Bäcker, Dich grüßen Deine fünf Schwestern und muntern Dich zur Tugend auf, auch Brigitte besonders. Grüße Herrn D. Melanchthon, dem ich nicht schreibe, damit er nicht bei Andern verhaßt werde. Grüße mir den Collin und Deine Stubengenossen.

(Nachschrift.) Und da wir vielleicht nicht mehr so bequeme

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Botschaft haben, so hast Du hier von meiner und des Mütterchens wegen Dein Gutjahr aufs Jahr 57. Und einen neuen Behmst (Groschen), deren man hier für viel tausend Gulden münzt, schicken Dir die beiden Mädchen. Das Bridli (Brigitte) schickt Dir den Bononier (etwa drei Groschen) zum Gutjahr. Gott geb Dir viel guter Jahre!

14.

Zürich, den 2. November 1556.

Herrn Collins Sohn langte ganz gesund und wohl bei uns an. Er brachte mir von Dir einen Brief und fügte mündlich bei, was in demselben vergessen zu sein scheint. Jch will, lieber Sohn, Dein Schreiben von Wort zu Wort und jeden Punkt besonders so kurz als möglich beantworten. Du thatest wohl daran, daß Du in Wittenberg den Gradus nicht angenommen; dies verdanke ich theils Philipp, Deinem Lehrer, theils aber vorzüglich Gott, und lobe es an Dir, daß Du lieber mir folgen und meine Gedanken darüber erwarten, als nach Deinem Gutdünken handeln wolltest. Jch sah es schon lange, wie sehr Du daran hingest, als wenn Dir kein größeres Glück widerfahren könnte. Aber hör' einmal, mein Sohn, man kann nicht vorsichtig genug sein. Selbst Philipp steht in dem Gedanken, Du dürftest nicht ohne großen Verdruß und vielfachen Argwohn dazu gelangen. Darum halte Dich lieber still. Du weißt ja den Jnhalt meines Briefes an ihn; ich habe Dir doch eine Abschrift überschickt, wiewohl unter der Bedingung, daß Du sie durch den Boten, der jezt in Leipzig ist, oder sonst auf sicherm Wege mir zurück sendest. Den Hauptgrund, warum ich Schwierigkeiten machte, habe ich ihm aus begreiflichen Gründen nicht einmal herausgesagt. Jch weiß nämlich, daß man in Wittenberg die Religionssache mit der Magisterwürde verbindet und von jedem, der Magister werden will, fordert, daß er in Glaubenssachen von den Lehrsätzen der Wittenbergischen Kirche und Schule nicht abgehe und die augsburgische Confession annehme und unterschreibe. Nun weißt Du, daß Luther sowohl in seinem, als seiner Schule Namen uns der Ketzerei beschuldigt hat. Der erlauchte Rath unserer Stadt konnte und wollte diese augsburgische Confession nicht unterschreiben, hauptsächlich darum, weil in dem zehnten Artikel durch die Apologie die substantielle und körperliche Gegenwart des Leibes Christi unter dem Brode ausdrücklich behauptet wird und wir darin nicht undeutlich verworfen werden, und weil aufs nachdrücklichste gleich zu Anfang steht: "Der zehnte Artikel ist gut geheißen worden." Nun denn, von dem doch? Von dem Kaiser und seinen Papisten! Was billigen aber diese, und was heißen sie gut? Was wir auf alle Weise bestreiten! Da könntest Du also leicht Dich unheilvoll verstricken und durch Annahme jenes Gradus Dir die gänzliche Abneigung der Unsrigen zuziehen; unbedachtsamer Weise gegen Deine Religion Dich versündigen und eines unverantwortlichen Leichtsinns angeklagt werden. Auch mich würde diese Beschuldigung mit allen ihren Folgen treffen, daß ich

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dazu geschwiegen oder Dir es zugelassen hätte. Siehe also wohl zu, mein Sohn, was Du thust. Stehe ab von Deinem Entschlusse, wenn Du ihn noch hättest, und suche Dich loszumachen von einer Tragödie, die Dir und uns Allen viel Bitterkeit verursachen dürfte, besonders da Viele uns hassen und es allenthalben viele Verläumder gibt und endlich die Verdammung Luthers, die eben von dieser Schule her über uns erging, der ganzen Welt bekannt ist, welche sogleich meinen würde, weil Du die Lehrsätze dieser Schule unterschrieben hättest, würdest Du ihnen auch in der That beipflichten, mithin Dich zu Lehrsätzen bekennen, die den unsern gerade entgegen sind, und Dich auf diese Weise von uns trennen und losreißen. Behalte dies aber für Dich!

Wenn Du von Wittenberg abreisest, so verfüge Dich vorher zu Philipp, Eber, Major, Milich und den andern Gelehrten[158], und laß Dir von jedem besonders ein Zeugniß über Deine Fortschritte, Deine Studien und dortige Aufführung ausstellen. Dies soll mir eben so viel gelten, als ein schriftliches Zeugniß von der Universität, daß Du die Magisterwürde erhalten habest, und wird Dir mehr Nutzen und größern Ruhm verschaffen, als die Würde selbst. Solltest Du aber durchaus entschlossen sein, die Magisterwürde anzunehmen, so würde ich eher einwilligen, daß Du dies in Marburg bewerkstelligest. Aber daß Du hierüber in Wittenberg ja kein Wort fallen lassest! sag bloß, der Zweck Deiner Reise sei, auch dort die Gelehrten, vorzüglich den Hyperius eine Zeit lang zu hören. Warum ich aber lieber will, daß Du in Marburg den Gradus annähmest, dazu habe ich folgenden Grund; ich weiß von M. Sebastian Fabritius, daß man daselbst der Religion nicht erwähnt oder unbillige Forderungen macht, aus denen uns nachher Schaden erwachsen würde; weiß ferner, daß man dort keinen mehrjährigen Studienkurs fordert, und daß, wer nur etliche Wochen, bevor die Beförderungen Statt finden, sich auf der Hochschule befindet und mit Gelehrten in Verbindung tritt, wenn er sich zur Prüfung stellt, mit einer Auslage von ungefähr 10 bis 12 Thalern den Grad erlangen kann, vorausgesetzt, daß er die erforderlichen Kenntnisse hat und der Beförderung würdig ist. Weil ich nun darauf denke, Dich auf kommende Frankfurter Herbstmesse nach Hause zu rufen, so könntest Du um Ostern (ich glaube die Examina seien um Pfingsten; doch erkundige Dich) nach Marburg zu Herrn D. Hyperius oder Happelius reisen, welche Dir jegliche Dienstleistung zu erzeigen versprochen haben[159]. Jch habe ihnen zwar noch nichts von der Magisterwürde geschrieben, sondern bloß, Du werdest zu ihnen kommen. Doch vergiß nicht, auch die andern Empfehlungsschreiben, von Philipp an Hyperius

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und an andre Lehrer jener Hochschule mitzunehmen, wenn Du wirklich dahin gehst. Wenn ich einmal weiß, was Du thun willst, so will ich auch selbst nach Marburg schreiben. Auch dem Fürsten will ich schreiben. Du kannst ihm den Brief selbst bringen, damit Du Gelegenheit habest mit ihm zu sprechen. Wolltest Du aber lieber "ungemeistert" bleiben, so ist's mir ganz recht; wo nicht, nun so mach's, wie ich's sage. Zwölf Thaler und allenfalls noch etwas dazu, soll mich nicht reuen. Nur sieh zu, daß Du was könnest und nicht ein Esel seist, der eine Bürde von Gelehrsamkeit trägt, und sieh, daß Du demüthig seiest, allen Hochmuth fliehest. Denn den Hochmüthigen, sagt Petrus, widerstehet der Herr; den Demüthigen gibt er Gnade. Du wirst weniger Feinde haben zu Marburg. Es wird Dir auch größere Ehre machen, wenn Du auf zwei Universitäten gewesen bist und von beiden ein gutes Zeugniß heimbringst. Du hast mich ersucht die Sache in Ueberlegung nehmen zu wollen; Du weißt nun, was meiner Meinung nach Dir nützlich ist und Dir und mir Ehre bringen wird.

Was Deine Ausgaben belangt, so mußt Du selbst gestehen, daß sie größer geworden, als sie hätten sein sollen; das läßt sich nun freilich ganz leicht sagen und schreiben, weit leichter als bei ökonomischer Klemme berichtigen. Mich wundert doch, ob Du meinen deutschen Brief vom April, den ich durch Steck von St. Gallen nach Leipzig geschickt, bekommen habest; Du hättest mir den Empfang berichten sollen. Melde ihn jetzt noch. Jch habe darin meine ökonomische Lage ziemlich klar dargestellt. Es thäte mir leid, wenn der Brief sich verloren hätte. Jch sehe leider, daß ich wenig bei Dir ausgerichtet habe. Was mich inzwischen ziemlich beruhigt, ist Dein Versprechen, daß Du Deine Ausgaben künftig beschränken und Dich in Acht nehmen wollest. Du bist, wie Du schreibst, eine Zeit lang krank gewesen, hast nützliche Bücher angeschafft, hast ein Bett gekauft, das Du gleich theuer wieder verkaufen kannst. Nun, dawider will ich eben nichts haben; nur halt jetzt Dein Versprechen. Aber vielleich stimmen unsre Rechnungen nicht überein. Jn diesem Jahre habe ich für Dich ausgelegt von der Frankfurter Messe, oder vom September 1555 bis 1556. 76 Gulden. Froschauer hat Dir im vergangenen Jahre 20 Gulden gegeben und 5 Gulden Reisegeld; im März 21 Gulden, im letztverflossenen September 29 Gulden; für ein Hemd habe ich dem Brink 1 Gulden gegeben[160]. Du aber schreibst nur von 54 Gulden, ich zähle dagegen 76 Gulden. Jch will, daß Du die Jahrrechnung anfangest von Bezahlung der Schuld an bis zur Abreise des Buchhändlers auf die Messe und dann von der Rückkunft des Buchhändlers fortfahrest Alles bis in den März aufzuschreiben, wann er wieder auf die Messe reist, so wie Du es auf dem Verzeichniß gethan hast, das Du mir durch Collin übersandtest. Sonst gefällt mir Deine Genauigkeit, aber ich fordere sie auch fernerhin. Die 5 Gulden also, die Du

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zur Reise in die (Wittenberg benachbarten) Städte verwendet, gehören in die Rechnung dieses Halbjahrs von der Herbst- bis zur Frühjahrsmesse. Dem Froschauer habe ich die 29 Gulden noch nicht bezahlt; denn ich weiß mir bei so großen Ausgaben kaum zu helfen; ja ich vermag's gar nicht und verstricke mich in Schulden. Das Alles steht ausführlich im bemeldten deutschen Briefe.

Bringe alle Deine gekauften Bücher und Deine Collegienhefte mit; Du kannst mit den Buchhändlern, die Bücher nach Marburg schicken, wegen der Fracht Deiner Bücher Abrede zu treffen suchen und sie dann von Marburg nach Frankfurt an Froschauer schicken lassen. Aber sieh, daß Du wohlfeilen Kaufes davon kommest; die Fracht ist theuer; gib Acht, daß sie nicht den Werth der Waaren übersteige. Jetzt hast Du noch Zeit genug daran zu denken; ich mahne Dich mit Fleiß früh daran, damit Du sehest, wie lieb Du mir bist (denn es freut mich, daß Collin Dir ein so gutes Zeugniß gibt; möchtest Du nur Dich selbst übertreffen!). So eben schreibe ich Deinethalben an Herrn Sydemann und bitte ihn, daß er Dich in sein Haus aufnehme, Dir gesunde Kost reiche und Dich in den Sprachen unterrichte. Jch hoffe, er begnüge sich wöchentlich mit einem halben Thaler. Ein Bett hast Du schon; für die Feuerung und Anderes wird er hoffentlich nicht viel fordern. Jch hoffe, Du werdest nicht so bald wieder kränkeln. M. Collin hat mir die Einschläge gegeben; gefallen sie Dir, so gib ihm den Brief; wo nicht, so zerreiß ihn. Könnte doch Theodor Collin bei Dir wohnen, Du würdest es bis März oder Ostern sehr bequem haben. Sag jetzt noch nichts davon, daß Du dann abreisen wollest; wenn aber die Zeit einmal da ist, so mach Dich fertig und sorge für ein schriftliches Zeugniß von Deinen Lehrern und Philipp für Marburg, so wie ich Dir's eben eingeschärft habe. So will ich dann auch wohl an die Gelehrten schreiben, ich habe eine besondere Lust, daß mein Sohn dort magistrire, dieweil ich dem Landgrafen meine Arbeit gewidmet und daselbst immerhin gnädige Fürsten gehabt. Jch will aber erst sehen, was sich darin thun läßt, wenn Du mir einmal hierauf geantwortet hast. Solltest Du etwa im Sinne haben gegen den Frühling, ehe Du von Wittenberg abreisest noch einen Ausflug zu machen, etwa in einige berühmte Städte am baltischen Meere, nach Rostock zu David Chyträus, oder zu andern berühmten Männern, so wünsche ich, daß das mit möglichst geringen Kosten geschehe. Sollte es nicht möglich sein, daß Du Dich etwa an Reichere anschlössest, die Dich wo nicht ganz aushalten, doch die Kosten bedeutend vermindern?...

Philipp schreibt, er erwarte man werde ihn verabschieden oder entlassen; und in der That, ich sehe wohl, er hat Feinde, die ihm aufsätzig sind. Wenn er weg muß und man ihn verdrängt, so säume Dich nicht länger, brich auch auf und begib Dich nach Marburg. Ueber Alles schreib mir wieder und beantworte alle Punkte meines Briefes; melde auch, ob Du das Neujahrsgeschenk, welches wir Dir geschickt haben, empfangen habest, und beantworte den Brief, den Du nach der Messe empfangen hast. Jch will schon dafür

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sorgen, daß, wie Du wünschest, Herr Collin spüre, daß wir gegen ihn weder früher noch jetzt undankbar sind. Der junge Stygel ist von Wolfgang Haller ins Haus genommen worden und wird bei uns bleiben. Albert Brink aus Geldern ist nach Basel gereist. Die Zahl der Studierenden sowohl als der Armen ist groß, so daß er keinen Platz fand; indeß habe ich ihn freundlich aufgenommen, getröstet, ihm einen Dickpfenning (mehr als zwei Fünftheile eines Guldens) gegeben und ihn mit einem Empfehlungsschreiben an Antistes Sulzer versehen.

Wir sind durch die Gnade Gottes hier Alle gesund; mein Bruder, Dein Onkel, hat sich auch wieder etwas erholt. Alles ist jetzt wieder ruhig und still; doch begehrt Frankreich 6 - 8000 Mann, die dem Pabste zu Hülfe ziehen sollen, der von Neapel her durch den Vicekönig Herzog Alba hart bedrängt wird..... Wir bitten Gott, daß er Frieden gewähre und die Gemüther unserer Bundesbrüder zum Frieden lencke. Bitte auch Du gott, daß er uns erlöse von allem Uebel. Uebergib meine Briefe selbst Herrn Philipp, Eber, Sydemann, mit Bitte um Antwort. Empfehle mich Jhnen, auch den Herren Milich und Peucer; grüße mir sie sowie alle Gelehrten herzlich. Dich grüßen die Magd Brigitta und alle Freunde lassen Dich grüßen. Lebe wohl in Christo! Gott mit Dir!

15. Nach Baden im Argau (in dem hintern Hof).

Zürich, den 22. Juli 1558.

Jch habe, lieber Sohn, Deinen Brief erhalten, so auch die Mutter den ihrigen. Deine Einrichtung im Bade hat meinen Beifall. Lebe ja recht genau, vermeide dabei gleichwohl zu große Kargheit; denn ich will nicht, daß Du Dir irgend etwas entziehest, was Du unumgänglich nöthig hast. Und so wie ich unnütze Ausgaben hasse, so bin ich doch nachsichtig bei solchen, die dringend nothwendig sind. Bringe sie aber in Rechnung; diese schicke mir dann zu, und wenn sich schickliche Gelegenheit zum Schreiben findet, so benutze sie. Benimm Dich ja, lieber Sohn, gegen die übrigen Badegäste klug und bescheiden. Sei überhaupt höflich und freundlich. Erzeige Allen die gebührende Ehre. Gegen das Alter sei dienstfertig, besonders wenn es ehrwürdige Rathsglieder sind. Thu Dich freundlich zu ihnen mit Erbietung ihnen willig zu dienen. Schwatz nicht zu viel, sei aber redreich und holdselig mit ihnen. Du weißt, es ist am besten, wenn man in allen Dingen ein gewisses Maß und Ziel beobachtet. Die verlangten Saiten erhältst Du hier, und wenn Du etwas Anderes brauchst, so darfst Du nur schreiben. lebe wohl! Sollte Dir das Bad nicht zusagen, so laß es uns bei Zeiten wissen. Bitte Gott um baldige Herstellung Deiner Gesundheit und um seine Gnade. Laß Dich mit niemand ein zu kämpfen. Halte Dich züchtig, ehrlich, wohl, daß Du uns Ehre einlegest. Der Herr sei mit Dir! Die Mutter und alle die Unsrigen lassen Dich grüßen.

 

 

IV.
Bullingers Testament oder letzter Wille an seine Herren und Oberen von Zürich
[161]. 1575.

Auf dem Umschlag des Briefes, in welchem dieses Testament enthalten ist, steht Folgendes:

"Die Meinen sollen diesen Ueberschlag aufthun und sehen, was mein Wille und was sie thun sollen."

Auf der innern Seite des Umschlages steht dieses:

"So es sich durch Gottes Ordnung begäbe, daß ich vom Schlage getroffen nicht mehr reden könnte oder sonst umkäme, ohne zuvor etwas verordnen zu können, so ist mein letzter Wunsch und Wille, daß die Meinen, die diesen Brief, an meine Gnädigen Herren geschrieben, finden, ihn mit meinem Petschierring sammt dem dazu gelegten Papier versiegeln und gewiß und sorgfältig einem Herren Bürgermeister bringen, um ihn vor Rath und Bürgerschaft zu lesen. Denn das ist mein Abschiedswort, das ich bei guter Vernunft zugerüstet habe, es nach meinem Hinschied ihnen, meinen Gnädigen Herren zu geben."

An meine Gnädigen Herren der Stadt Zürich.

Herr Bürgermeister, gnädiger Herr! Jch bitte Euch so hoch und innig als ich immer kann, um Gottes willen, Jhr wollet so freundlich und gnädig sein, diesen meinen hier niedergeschriebenen Abschiedsbrief meinen Gnädigen Herren, nicht allein den Räthen, sondern auch den Bürgern, so beförderlichst Jhr könnet, vorlegen und verlesen zu lassen. Dafür wird Euch Gott seinen Segen geben. Hiemit gnade ich Euch insbesondere und danke Euch für alles Gute, befehle Euch auch treulich meine Kinder und Kindeskinder. Der ewige Gott sei mit Euch und bewahre Euch vor allem Bösen!

Heinrich Bullinger, der ältere,

Pfarrer der Kirche zum großen Münster.

Dieser Brief gehört meinen Gnädigen Herren, Bürgermeister, Räthen und Bürgern.

Frommer, fester, fürsichtiger und weiser Herr Bürgermeister und gnädige, liebe Herren! Jch bitte Euer Weisheit, Sie wollen dieses mein Schreiben willig anhören, gnädig aufnehmen und wohl bedenken; denn ich habe es aus guter christlicher Wohlmeinung zum Abschied geschrieben.

Fürs Erste danke ich Euch, meinen Gnädigen Herren, um alles das Gute, das Jhr mir und den Meinigen erwiesen habt. Der allmächtige Gott wolle Euch dies Alles vergelten und Euch, Eurer Stadt und Landschaft seinen Segen verleihen.

Demnach, da ich die Pfarre zum großen Münster als ein Pfarrer und

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Diener nun in die 43 Jahre versehen (denn ich bin den 9. December 1531 von Euch, meinen Gnädigen Herren, den Räthen und Bürgern, erwählt worden), habe ich Christo unserm Herrn vorab, sodann Euch, meinen Gnädigen Herren, und auch der ganzen christlichen Gemeinde mit aller Treue, so viel mir Gott Gnade verliehen, gedient. Wenn ich es anders und besser hätte können, hätte ich es gar gern und willig gethan. Jch bitte aber unterthänig, man wolle an meinem Dienste vorlieb nehmen, und bezeuge auch hiermit vor Gott und seinen Dienern, der von ihm geordneten Obrigkeit, daß die Lehre, die ich in der ganzen Zeit meines Dienstes der Kirche vorgetragen, die wahre, rechte, christliche Lehre ist, genommen aus dem alten und neuen Testament, an die ich von Herzen glaube, in unbezweifelter Hoffnung, daß ich und Alle, die daran glauben, ewige Seligkeit erlangen werden. Dagegen bekenne ich offen und klar, daß des Pabstes Lehre, die der unsrigen zuwider ist, als eine falsche, verführerische Lehre von den h. Aposteln verworfen und unter des Antichrists Namen verdammt ist, wie das Alles in unserer Confession, auch in meinen Predigten und gedruckten Büchern gründlich erklärt und erwiesen ist. Und in diesem wahren, christlichen Glauben scheide ich ab zu unserm Herrn Christo, welchen ich für meinen einigen Heiland, mein Leben und meinen Erlöser und Trost erkenne, welchen ich auch lobe und preise bis in Ewigkeit.

Zum Dritten soll Eure Weisheit überzeugt sein und sich nichts Anderes angeben lassen, denn daß das tridentische Concilium und alle andern bischöflichen Concilien, die je veranstaltet wurden und noch in Zukunft veranstaltet werden möchten, allein dazu dienen, den wahren Glauben zu verdunkeln und zu unterdrücken und Euch wiederum in die pfäffische Dienstbarkeit zu bringen. Darum williget in keines, bleibet bei der erkannten Wahrheit und verlasset Euch allein auf die biblischen Schriften. Müsset Jhr dann gleich darüber leiden, so bedenket, was Jhr an Seele, Ehre, Leib und Gut leiden müßtet, wenn ihr der muthwilligen, stolzen, geizigen und unreinen Mönche Fußlumpen würdet und die wahre Seligkeit verlöret.

Zum Vierten bitte ich Euch herzlich, daß Jhr, meine Gnädigen Herren, unverzüglich einen andern Pfarrer und Diener an meiner Statt erwählen und setzen möchtet und zwar aufrichtig und redlich, ohne alle Umtriebe. Denn bei den Umtrieben ist und war niemals Glück und Heil. Lasset es aber nach den vorgeschriebenen göttlichen Ordnung zugehen, daß, wenn Euch etliche rechtschaffene Männer vorgeschlagen werden, Jhr einen aus ihnen wählet, der gottesfürchtig, fromm, gelehrt, demüthig, tapfer und friedlich sei, nicht ungelehrt, stolz und hochtrabend, frech, reizbar und streitsüchig.

Es muß der Pfarrer vernünftig, arbeitsam, geduldig, gütig, doch redlich und ernsthaft sein, der Stadt und dem Lande treu und hold, und so, daß er besonders seine Mitdiener nicht nur wohl dulden, sondern auch lieben möge, nicht herrschsüchtig sich überhebe, Pracht treibe, sich Parteigänger suche, sondern gegen Reiche und Arme freundlichen Bescheides sei. Denn wenn die Prädikanten nicht

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wohl zusammen ziehen und heimlich einen neidigen Willen gegen einander tragen, so bricht solches in Zwietracht aus, die sich in den Rath und die Bürgerschaft hinein erstreckt, woraus ein greulich und unchristlich Wesen entsteht. Und ich habe in der Zeit meines Dienstes oft erfahren, wie viel Ruhe oder Unruhe Euch, meinen Gnädigen Herren, aus diesem Amt und Stand erwachsen kann. Gott hat uns in Einigkeit bewahrt, den bittet auch jetzt ernstlich und lasset in der Kirche Fürbitte halten, daß er Euch einen Pfarrer gebe, denselben mit seiner Gnade leite und behüte, daß Jhr bei der Wahrheit und rechten Einigkeit, im Frieden und Wohlstand bleiben möget. Amen.

Und ich gebe hiermit meine Stimme im Namen Gottes Herrn Rudolf Gwalter, dem ich wohl zutraue, er werde sich halten, wie oben beschrieben. Das gebe Gott!

Zum Fünften weiß jedermann aus Erfahrung, daß Gott der Allmächtige durch den Druck dem Pabstthum den Hals abgedrückt und der Wahrheit wieder aufgeholfen hat, weßhalb auch viele Böse dem Drucke (der Presse) gar aufsätzig und feind sind, möchten ihn gern erschweren und gar abthun, und doch haben wir wohl so viel Gutes mit Druckschriften ausgerichtet, als mit dem mündlichen Predigen, welches nicht wie das Gedruckte allenthalben hin kommen kann; darum lasse sich Euer Weisheit nimmermehr dahin bringen, solch ein herrliches Kleinod zu verhindern und zu vernichten. Denn dadurch würde Euch die unruhige und sündliche Welt (welcher zu Lieb so etwas geschähe) weder gestillt noch gebessert, wohl aber große Ungnade Gottes aufgeladen. Hinwieder aber beaufsichtige man die Presse dermaßen, daß nichts Arges und Verderbliches und Aufrührisches gedruckt werde.

Zum Sechsten bitte ich Euch, meine Gnädigen Herren, um Gottes und um Euers Heiles willen, daß Jhr fortan geflissentlicher zum Worte Gottes und zum gemeinsamen Gebet in die Kirche gehet, als es bisher von dem Mehrtheil aus Euch geschah. Rufet Gott ernstlich an, daß er euch Gnade und Kraft verleihe, wohl und nach seinem Willen zu regieren; lasset Euch eine fromme Gemeinde als Väter des Volkes treulich befohlen sein; haltet jedermann gut Gericht und Recht; helfet dem Armen, dem Fremdling, den Wittwen und Waisen; strafet die Uebelthäter, wie sich's gebührt; schirmet das Gute und fromme, biedere Leute; sehet keine Person an, nehmet keine Gaben, das Recht zu verkehren; handelt nicht aus Gunst oder Ungunst; lasset Euch auch alle treuen Prediger gnädiglich empfohlen sein. Denn solltet Jhr diese schmählich und untreulich halten, so würdet Jhr Gottes Zorn wider Euch reizen. Hinwieder strafet ohne alle Schonung die da untreu, geizig und versoffen, üppig, schändlich und gottlos sind; denn ihr Wust befleckt und ärgert Viele in der Gemeinde.

Die rechten Armen lasset Euch auch empfohlen sein. Und die guten Ordnungen, die für das Armenwesen und das Almosen gemacht sind, lasset nicht zu Grunde gehen, insonderheit aber verwehret, daß das Betteln nicht ein Gewerb werde. Den Spital und die Siechenhäuser versehet getreu, doch schonet

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ihrer auch und überfüllet sie nicht. Denn wer sich der Armen erbarmet, deß erbarmet sich Gott, und wer sein Angesicht von den wahrhaft Armen wendet, den erhört Gott auch nicht. Jhr, meine Gnädigen Herren, habet ein beträchtliches Gut, das nicht Stadt- sondern Kirchengut genannt wird; wenn Jhr dieses nicht recht gebrauchet, bringet Jhr den Zorn Gottes über Euch und über alles Volk. Darum ist auch dieses Gut gestiftet und von biedern Leuten zusammen gesteuert worden, daß Gott damit geehret, die wirklich Armen versorgt, auch die Lehrer, die Schulen und was zur Kirche dient, nach Nothdurft versehen werde. Wenn für dieß Alles gesorgt und dann noch etwas übrig wäre, so soll man es nicht vergeuten und liederlich zerstreuen, sondern aufsparen und auf eintretende gemeinsame Noth hin bewahren. Und deßhalb seid auch um Gottes willen ermahnet, die guten Ordnungen am Stift zum großen Münster und zum Fraumünster und in den beiden Schulen daselbst, nicht nur nicht zu zerstören, sondern zu schirmen und zu erhalten. Solches dient zum gemeinen Besten für Stadt und Land, besonders wenn man allzeit gelehrte, gottesfürchtige Männer hat, die alle Kirchen versehen, biedere Leute lehren und recht trösten können. Sollte da etwas abgehen, so würde es zum Verderben der Stadt und des Landes dienen. Demnach wird es gar nothwendig sein, daß Jhr allzeit Amtleute und Schaffner verordnet, die nicht das Jhrige suchen, sondern den Nutzen der Kirchen und Aemter schaffen; nicht solche, die früher verschwenderisch und unhäuslich, jetzt aber geizig und untreu in sechs Jahren wollen reich werden, sondern die sparsam und treu Euch, unsern Gnädigen Herren, wohl haushalten und jedermann nach Gebühr behandeln, allen Menschen freundlich geben, was sie ihnen schuldig, nicht die Leute anschnurren und schmähen; denn solches erweckt bei Fremden und Einheimischen gegen die Stadt großen Unwillen.

Zum Siebenten. Jch bitte Euch, meine Gnädigen Herren, daß Jhr gern mit einander Eins sein wollet und einander vertragen, einander lieben, ehren und Gutes gönnen, einander um der Ehre und Aemter willen nicht beneiden, mißgünstig und aufsätzig sein. Jhr meine Herren, die Räthe und Zunftmeister von der Constaffel und von den Zünften sammt den Bürgern, seid ein einiges Haupt des einigen Leibes, der Gemeinde; darum sollet Jhr alle zusammen ziehen und Eins sein, einander lieb und werth halten, und all Euere löblichen Satzungen, die Jhr wider die Laster, insbesondere wider die blutigen Pensionen und wider das verderbliche Kriegen gemacht habet, handhaben und aufrecht halten. Jn diesen gefährlichen Zeiten hütet Euch vor Bündnissen mit fremden Fürsten und Herren, und verkaufet nicht das Blut Euerer biedern Leute; trachtet nach Frieden und Ruhe daheim und draußen. Unter Eidgenossen und fremden Machthabern fliehet unnöthige und muthwillige Kriege; suchet Frieden und Ruhe von ganzem Herzen. Wo nicht, so wird Euch Gott so genug zu kriegen geben, daß Jhr dessen kein Ende absehet.

Und zum Beschluß. Da ich etliche meiner lieben Kinder und

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Kindeskinder zurück lasse, befehle ich sie vorab in Gottes, demnach in Eueren, meiner Gnädigen Herren und treuen, lieben Väter, Schutz und Schirm, bitte Euch aufs herzlichste, Jhr wollet ihre treuen Väter in allem dem sein, wo sie Euers Rathes, Euerer Hülfe und Euers Trostes bedürfen, und wollet dadurch meine Treue und meinen langen Dienst erwiedern, indem ich Euch. M. Gn. Hrn., jetzt im 52. Jahr an einem fort diene. Denn ich bin im Anfang des Jahres 1523 auf Antoni Schulmeister zu Kappel und sodann auch Prediger zu Hausen geworden, und da diente ich bis in das siebente Jahr, ohne daß mir ein bestimmter Lohn oder eine Besoldung wie andern mir nachfolgenden Dienern geworden ist; man verhieß mir bloß für meine Arbeit, ich sollte wie ein Mitglied des Convents gehalten sein und Leibding oder andere Gefälle empfangen wie ein anderer Cappeler Conventsherr; ich habe aber bisher nie was begehrt noch gefordert, es ist mir auch für diesen Anspruch nie eines Hellers Werth geworden. Jm Jahr 1529 im May versetztet Jhr, meine Gnädigen Herren, mich von Kappel in meine Heimat gen Bremgarten, in gar große Gefahr, Mühe und Arbeit. Von dort ward ich im Krieg am 20. November des Jahres 1531 vertrieben unter bedeutendem Schaden für mich. Darauf nahmet Jhr, meine Gnädigen Herren, mich an Meister Ulrich Zwingli's Statt, daß ich also hier, wie schon bemerkt, an dieser Pfarre im 43. Jahre diene, zuvor schon 9 Jahre diente, im Ganzen also 52 Jahre. Unterdessen hätte ich andere und reichere Stellen bekommen können, habe aber von meinen Voreltern, den Bullingern her ein besonderes Herz zu Euch, meinen Gnädigen Herren, und der Stadt Zürich gehabt. Jhr hab' ich mit gutem Willen gern und zufrieden mit meiner Besoldung vor aller Welt und so treu, als ich immer vermochte, gedient (wollte Gott, ich hätte noch besser dienen können!), wiewohl ich in meinem Testament an die Meinigen bezeugen mußte, daß ich mich nicht immer mit meiner Besoldung und Pfründe behelfen konnte, sondern mein eigen Gut zweilen einsetzen mußte; ich bitte aber, wie von Anfang, Euch, meine Gnädigen Herren, Jhr möchtet an meinen willigen Diensten ein Gefallen haben.

Und wenn ich Jemand unter Euch, meinen Gnädigen Herren, je erzürnt hätte, so bitte ich um Gottes willen, daß Jhr mir verzeihet, wie ich denn auch Euch und jedermann gänzlich verziehen habe und nun abscheide mit Frieden und rechter Freude. Jch hoffe zu Gott durch unsern Herrn Jesum Christum, daß wir mit großen Freuden gewiß im Himmel einander wiedersehen und Gott in Ewigkeit loben und preisen werden.

Und hiemit begnade Euch Gott der Allmächtige! Die Gnade des Vaters und der Segen Jesu Christi sammt dem Trost und der Stärkung des heiligen Geistes sei mit Euch und wolle Euere Stadt und Land, Euer Aller Ehre, Leib und Gut in seinem göttlichen Schutz und Schirm gnädig bewahren und vor allem Bösen treulich behüten! Amen. Amen.

Am 2. August im Jahr 1575.

Heinrich Bullinger, der Aeltere.

 

 

Nachweise und Bemerkungen.

Da es dem Zwecke gegenwärtiger Bearbeitung entsprechend schien, den gewöhnlichen Leser nicht durch Verweisung auf die Quellen abzulenken, so wird es angemessen sein, hier noch das Wesentlichste mitzutheilen und daran in Kürze einige Bemerkungen zur Berichtigung einzelner Jrrthümer, die mir im Laufe der Untersuchung hie und da aufgefallen sind, anzuknüpfen.

Jch hatte das Glück, daß mir die Quellen in überreichem Maße zu Gebote standen, meist auf der zürcherischen Stadtbibliothek, die ich hier hinfort bloß mit "Stadtbibl." bezeichne. Als Hauptquelle sind vor Allem die gedruckten Werke Bullingers zu bemerken, deren Zahl sich nach der freilich nicht ganz genauen Zählung von Johann Baptist Ott, in J. J. Scheuchzers Bibliotheca helvetica (Zürich, 1733), auf 150 beläuft. Nach Bullingers eigener Abtheilung in zehen Bände und mit seinen jeder Schrift beigefügten Notizen findet sich das Verzeichniß auch in J. H. Hottingers Bibliotheca Tigurina, dem ersten Anhange zu seiner Schola Tigurina (Zürich, 1664). Da indeß hier wie bei Scheuchzer einige Fehler vorkommen, so ist von mir auch Bullingers Autographon dieses Verzeichnisses nebst der unter seinen Augen gefertigten, am Schlusse von ihm vervollständigten Abschrift desselben (beide in der Stadtblibl.) beigezogen worden. Den gedruckten Werken beizufügen ist: Bullingers Reformationsgeschichte, herausgegeben von J. J. Hottinger und H. H. Vögeli (Frauenfeld, 1838-40.). Ferner benutzte ich einige unten angegebene ungedruckte Schriften Bullingers, namentlich aber sein Diarium, auch Ephemeriden oder Annalen seines Lebens genannt, wovon das Autographon lange Zeit in der Stadtbibl. aufbewahrt, schon 1835 aber von Ferdinand Meier (s. dessen "evangelische Gemeinde in Locarno", B. 1. S. 200) nicht mehr vorgefunden wurde. Eine freilich incorrecte und, wie mir scheint, lückenhafte Abschrift befindet sich in der Stadtbibl. Daran reihen sich die gleich nach Bullingers Tode erschienenen annalenartigen Skizzen seines Lebens, verfaßt von seinen Schwiegersöhnen, Ludwig Lavater, "Vom Läben und Tod Herrn Heinrich Bullingers", (Zürich 1576), und Josias Simmler, "Narratio de ortu, vita et obitu Henrici Bullingeri" (Zürich, 1575), nebst Johann Wilhelm Stucki's Oratio funebris, sowie das, was verschiedene Stücke der Miscellanea Tigurina, Zürich, 1722-24. Bullinger betreffend enthalten. Sodann wurde die unter dem Titel Acta ecclesiastica in der Stadtbibl. aufbewahrte Sammlung von kirchlichen Aktenstücken und Auszügen aus solchen benutzt. Außerdem war mir eine Hauptquelle Bullingers Briefwechsel in der auf der Stadtbibl. befindlichen Simmlerschen Sammlung von Briefen, Instructionen, Relationen u. dgl. betreffend die Kirchengeschichte vornehmlich der Schweiz

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theils Autographen enthaltend, theils sorgfältig gefertigte Abschriften, auf denen stets angegeben ist, wo sich das Original befinde. Aus beiläufig hundert und zwanzig Folianten dieser Sammlung hatte ich das mir Dienliche heraus zu heben. Die darin befindlichen Briefe Bullingers sind bis auf wenige, für Staatsmänner oder für Frauen bestimmte, sämmtlich lateinisch; hie und da läuft eine deutsche Bemerkung mit unter. Außer den Briefen fanden auch manche der übrigen darin enthaltenen Akten Berücksichtigung. Alle ungedruckten Briefe und Aktenstücke, über die hier nichts Anderes bemerkt ist, befinden sich in dieser Simmlerschen Sammlung. Da dieselbe chronologisch geordnet ist, so habe ich die Zeitangabe meist in der Lebensgeschichte beigefügt oder füge sie im Folgenden bei, so daß der Forscher das Betreffende finden wird. Ferner wurde berücksichtigt, was von Bullingers Briefwechsel hie und da gedruckt ist, wie in Calvini epistolae et responsa (Lausanne, 1576), Sim Gabbema, epistolae virorum illustrium (Harlingen, 1669), J. H. Hottinger, historia ecclesiastica (Zürich, 1655-67), D. Gerdes, scrinium antiquarium (Gröningen, 1748-1765), Museum helveticum (Zürich, 1746-53), Schlosser, Beza und Vermigli (Heidelberg, 1809), F. Meier, Locarno (Zürich, 1836), Henry, Calvin (Hamburg, 1835-44), G. Friedländer, Beiträge zur Reformationsgeschichte (Berlin, 1837), Trechsel, Antitrinitarier (Heidelberg, 1839-44), Hundeshagen, Conflikte des Zwinglianismus usw. (Bern, 1842), Baum, Beza (Leipzig, 1843-51), Zurich letters und original letters relative to the English reformation der Parker society (Cambridge, 1842-47, 4 Bde.), Sudhoff, Olevianus und Ursinus (Elberfeld, 1857) usw. Da J. C. Füßli's epistolae ab ecclesiae Helveticae reformatoribus vel ad eos scriptae (Zürich, 1742) zum Theil sehr incorrect sind, so zog ich die genauen Abschriften der Simmlerschen Sammlung vor.

Den Plan, Bullingers sämmtliche Briefe heraus zu geben, hatte vor mehr als hundert Jahren der verdienstvolle Sammler J. J. Simmler gefaßt, da die Herausgabe, wie J. C. Füßli S. XXV. des Vorwortes zu seinen epistolae sagt, damals von Vielen gewünscht wurde. Breitinger im Mus. helvet. Partic. 5. S. 79. gedenkt dieses Vorhabens. Der treffliche D. Gerdes spricht im scrinium, B. 4. S. 446, seine Freude darüber aus. Jahrzehende lang arbeitete Simmler, dieser gemüthliche Mann voll Glaubens und Liebe, der das schönste Denkmal seiner selbst im Vorworte zu seiner gedruckten Sammlung hinterlassen hat, mit unglaublichem Fleiße; allein die Sache unterblieb. Der gelehrte Antistes J. J. Heß erklärte im Jahre 1828 aufs neue die Herausgabe wenigstens einer Auswahl für sehr wünschbar (s. Sal. Heß, Leben Bullingers B. 23. Vorwort S. 8.). Vielleicht, daß es unserer Zeit aufbehalten ist, den Gedanken zur Ausführung zu bringen.

Jm Weiteren wurde benutzt des ältern J. J. Hottinger helvetische Kirchengeschichte (Zürich, 1698-1729), für die Geschichte der Schweiz des jüngern J. J. Hottinger und Vülliemins Fortsetzungen von Joh. v. Müllers Geschichte der Eidgenossen (Zürich, 1829-42), des jüngern J. J. Hottinger Fortsetzung von Bluntschli's Geschichte der Republik Zürich (B. 3, Zürich, 1856) usw.; ferner für das Dogmengeschichtliche die Werke von Ludwig Lavater (deutsch, Zürich, 1564), Hospinian (lat., Zürich, 1598-1602), Schenkel, Schweizer, Ebrard, Neander,

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Dorner usw., sowie die neueren Lebensgeschichten einzelner Männer der Reformationszeit usw., auch Werke wie Guericke's Kirchengeschichte (achte Aufl., Berlin, 1855), wiewohl dieser Bullinger und die Seinigen schlechtweg als "fanatische" Anhänger Zwingli's aufführt, eine Bezeichnung, auf die hier wie auf alles Derartige nicht näher eingetreten werden muß, aus der indeß wohl zu entnehmen ist, daß eine richtige und unbefangene Auffassung solcher Männer der reformirten Kirche nicht zu sehr verbreitet sei.

Was die unvollendete Lebensgeschichte Bullingers von Salomon Heß betrifft (Zürich, 1828-29, 2. Bde.), das einzige Beachtenswerthe, was seit dem Reformationsjahrhundert über Bullinger erschienen ist, so hielt ich anfangs die Bemerkung des sehr genauen Ferd. Meier (Locarno B. 1. S. 2.): "Jch habe dieses Buch nur mit großer Vorsicht benutzt," für zu scharf. Allein ich überzeugte mich immer mehr, daß ich mich auf Sal. Heß ungeachtet seines reichlichen Quellenstudiums wegen der überraschenden Menge von Versehen und Ungenauigkeiten nirgends verlassen könne; daher ich nöthig fand, überall die Quellen selbst nachzulesen. Namentlich befremdete es mich öfter, theils in Anführungen aus deutschen Quellen, theils in Uebersetzungen aus dem Lateinischen willkürliche Einschaltungen bei ihm wahrzunehmen, bald Scheltworte (wie B. 1. S. 7 f. 21. 37. 41.) bald beliebige Verschönerungen oder weiteres Ausspinnen des Gedankens enthaltend (wie B. 1. S. 55. B. 2. S. 220 f. 325. 331 ff. 382 f. 428 f. 474 ff. 519 f. 522 f.). Um sich davon zu überzeugen, vergleiche man einige Stellen, deren Originaltexte jetzt gedruckt vorliegen, z.B. B. 1. S. 7 f. mit Bullingers Reformationsgeschichte, B. 1. S. 17.; B. 2 S. 325. mit Zurich letters, B. 2. S. 254; B. 2. S. 331 ff. mit J. H. Hottinger, historia eccles. B. 9. S. 84 f. und mit Zurich letters B. 1. S. 182. Jndem ich dies um der Wahrheit und eigenen Rechtfertigung willen hier bemerken muß, füge ich ausdrücklich hinzu, daß man dabei nicht an eigentliche Fälschung zu denken hat, wie wenn etwas Wesentliches dadurch hätte erreicht werden sollen; viel eher mag dieser Uebelstand allzu großer Lebhaftigkeit verbunden mit einer gewissen Nonchalance und Mangel an Selbstbeherrschung beizumessen sein. Aehnliches kommt, wie schon J. J. Hottinger, Fortsetzung von Müllers Geschichte der Eidgenossen B. 7. S. 391, milde andeutet, auch in desselben Verfassers "Anna Reinhard" (Zürich, 1820) vor, welcher Schrift Ph. Wackernagel, deutsches Kirchenlied (Stuttgart, 1841) S. XXX. des Vorworts, diesfalls zu sehr vertraut. Es gilt dies z.B. mit Bezug auf Bullinger rücksichtlich des S. 263 f. in Sal. Heß' Anna Reinhard Mitgetheilten. - Ebenfalls nachtheilig ist, daß Sal. Heß in Bullingers Lebensgeschichte durch allzu freie Uebersetzung bisweilen den Ton einzelner Briefe alterirt, indem er ihnen einen witzelnden Beigeschmack, oder etwas steif Complimentöses gibt, s. B. 2. S. 259, 307, 478 ff. 510.

Noch bemerke ich. Da ich bei dem Reichthum der Quellen genöthigt war, weniger Bedeutendes zu übergehen, so wäre es keineswegs richtig, aus dem Nichterwähnen irgend eines Punktes zu schließen, daß die Quellen darüber nichts enthielten, oder anderweitige Motive für dessen Weglassung aufzusuchen. Ebenso sah ich mich durch die Rücksicht auf den Raum und bei dem mitunter zur Breite neigenden Briefstyle Bullingers gedrungen, in den Anführungen aus seinen Briefen öfters Verkürzung eintreten zu lassen, wo es ohne Beeinträchtigung des Sinnes möglich schien.

Jn den nachfolgenden Bemerkungen beschänke ich mich aus demselben

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Grunde auf das Nöthigste. Wenn ich daher bei mancher trefflichen Schrift nur igend etwas anführe, das zu berichtigen sein mag, so möge man eben dies als den einfachsten Ausdruck meiner Werthschätzung derselben betrachten.

Zur Lebensbeschreibung.

Zu Buch 1.

Kapitel I. S. 5. Die vom Reformator Bullinger für seine Kinder verfaßten Nachrichten über die Familie Bullinger finden sich abschriftlich in den Händen der in Zürich lebenden Glieder dieser Familie; etwas modern und mit einer spätern Einschaltung in Balthasars Helvetia, Zürich, 1823. B. 1. S. 91.

K. 3. S. 10. Betreffend die Brüderschaft des gemeinsamen Lebens  s. Delprat, deutsch von Mohnike. Leipzig, 1840.

K. 4. S. 14. Ueber Cäsarius s. Ernesti, opusc. orator. Leyden, 1767. S. 453.

S. 16. Konrad Kolle, Prior der Kölner Dominikaner ("Thomist," wie Bullinger ihn bezeichnet), sowie der S. 14. erwähnte Arnold von Wesel, Kölner Canonicus, gehörte zu den zwanzig auserwählten Theologen, welche Kaiser Carl V. 1530 mit der Confutation der augsburgischen Confession beauftragte. Ueberdies verfaßte Arnold in Verbindung mit Cochläus damals noch eine Beantwortung der augsburgischen Confession. S. Lämmer, die vortridentinisch-katholische Theologie des Reformations-Zeitalters. Berlin, 1858. S. 35. 37.

S. 18. Betreffend Bullingers innere Kämpfe s. seinen Brief an Leo Judä, 17. April 1525.

K. 6. S. 21. Ueber Kappel s. Annales coenobii Capellani per H. Bullingerum et P. Simlerum, in J. J. Simmlers (gedruckter) Sammlung alter und neuer Urkunden. Zürich, 1760. B. 2. S. 397. Ferner: Bullingers Brief an Peter Homphäus, 2. Mai 1526.

K. 9. S. 27. Einige der ungedruckten frühesten Schriften Bullingers finden sich theils in Simmlers Sammlung, theils in dem Bande B. 73. der Stadtbibl.

K. 12. S. 41.Betreffend Michael Wüst (Viestius) s. Zwingli's Werke v. Schuler und Schultheß, B. 7. S. 490 ff.

K. 13. S. 45. Betreffend Mollio s. Thomas M'Crie, Geschichte der Reformation in Jtalien, deutsch von Friederich, Leipzig, 1829. S. 269. Hottinger, Schola Tigurina. S. 83.

K. 16. S. 54. Das Autographon von Bullingers Schriftchen "von weiblicher Zucht" von 1528 befindet sich im Besitze des Herrn Oberrichters B. Stockar in Zürich, welcher in weiblicher Linie von Bullinger stammt. - Eine andere ungedruckte Schrift Bullingers, die schon im Juli 1527 verfaßt sein soll, wird von Sal. Heß, Leben Bullingers B. 1. S. 80, sowie von J. F. Franz, Züge aus dem Leben Bullingers (Bern, 1828) S. 53. angeführt unter dem Titel: "Vollkommener Unterricht des christlichen Ehestandes, wie er möge und solle mit Gott, Nutz, Ehr und Freud geschicklich vollführt werden". Jch habe sie ungeachtet aller Nachforschungen nicht auffinden können, daher mir anfällige Mittheilung derselben erwünscht wäre. -

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Betreffend das Seite 54. erwähnte Schreiben Bullingers an eine "gewesene Nonne Predigerordens in der St. Michaels-Jnsel in Bern" führt eine in neuester Zeit angestellte Nachforschung Herrn Professors Gottlieb Studer in Bern, die mir seit dem Drucke jenes Abschnittes gütigst mitgetheilt wurde, darauf, daß dasselbe entgegen der bisherigen Annahme an die Schwester der Clara May, Barbara, gerichtet und am Schlusse des Jahres 1528 oder zum Neujahr 1529 verfaßt worden sei.

K. 18. S. 60. Das Autographon dieses Hochzeitliedes besitzt Hr. Oberrichter Stockar.

Betreffend Gervasius Schuler s. seinen Brief aus Basel an Bullinger vom 21. Februar 1532; vgl. Culmann, Skizzen aus Gervasius Schulers Leben und Wirken (Straßburg, 1855) S. 32. Doch gehören die letzten Worte, die bei Culmann als im Briefe vom 4. October 1532 stehend erscheinen, dem Brief vom 21. Februar 1532 an.

S. 62. Betreffend den weiten, die verschiedenen Lebensgebiete umspannenden Kreis von Bestrebungen der Wiedertäufer sind die Thesen in Bullingers vier Gesprächbüchern "Von dem unverschämten Frevel usw. der Wiedertäufer", Zürich, 1531, Blatt 6, nachzusehen.

Zu Buch 2.

K. 27. S. 85. Bullingers Schrift gegen Salat nebst dem zugehörigen Liede findet sich am Schlusse einer Abschrift von Bullingers Chronik, A. 95. der Stadtbibl. Vgl. seine Reformationsgeschichte B. 3. S. 160. - Hierbei ist noch zu bemerken. Ph. Wackernagel in der Vorrede zum deutschen Kirchenliede, S. XXX. äußert die Vermuthung, die Herausgabe von Zwicks Gesangbuch im Jahre 1537 oder 38, sodann 1540 möchte einige Entfremdung bewirkt haben zwischen ihm und Zwingli. Diese Vermuthung hat sich mir als unrichtig erwiesen, abgesehen davon, daß es statt "Zwingli"  heißen sollte "die Zwinglischen". Es finden sich vielmehr die herzlichsten Briefe Zwicks usw., z.B. an Bullinger aus dem Jahre 1539 und den folgenden. Ohne die Zustimmung der Zürcher hätte auch das Gesangbuch nicht in Zürich gedruckt werden können.

K. 29. S. 92. Ob Bullingers Brief vom Anfang des Jahres 1532 an Butzer gerichtet gewesen sei, bezweifelt F. Meier, Locarno B. 1. S. 202., doch ohne Gründe anzuführen.

K. 34. S. 112. Betreffend Bullingers spätere Verantwortung und Beschwerde vor Rath s. sein Schreiben an Myconius, 18. October 1533, incorrect abgedruckt in Füßli's epistolas reform. S. 107.

K. 37. S. 120. M. Göbel, Geschichte des kirchlichen Lebens in der rheinisch-westphälischen evang. Kirche (Koblenz, 1849.) B. 1. S. 126 setzt ein Fragezeichen zu der seiner authentischen Quelle enthobenen Nachricht, man habe Adolf Clarenbach und Peter Flystedt 1529 in Köln vor ihrem Flammentode das Ave Maria sprechen gehört. Das hier betreffend Zürich Angeführte mag zeigen, wie dies keineswegs unglaublich ist, namentlich soweit der englische Gruß der Stelle Luc. 1, 28. entspricht.

S. 121. Die unter den evangelischen Kantonen 1538 vereinbarten Ehesatzungen sammt denen von 1533 finden sich in der Zeitschrift für schweizerisches Recht von F. Ott, J. Schnell und F. v. Wyß. Basel, 1855. B. 4 Abth. 2. S. 108.

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K. 39. S. 126. Ueber die theologischen Prüfungen erklärt sich Bullinger in der Schrift: "Daß die evangelischen Kirchen weder ketzerisch usw." S. 10; ebenso gibt die Synodalordnung (s. Kap. 42.) darüber einige Andeutungen. Jrrig ist es, aus einer kurzen Angabe bei Ludwig Lavater (deritibus ecclesiae Tigurinae) zu schließen, man habe sich damals begnügt, nur nach Namen und Zahl der biblischen Bücher zu fragen.

K. 42. S. 133. Die zürcherische Prediger- und Synodalordnung von 1532 findet sich in J. J. Simmlers (gedruckter) Sammlung alter und neuer Urkunden. B. 2. S. 25.

K. 45. S. 141. Die Synodal-Akten sind auszugsweise in den Acta eccles.

K. 47. S. 150. Betreffend Bullingers Aeußeres s. auch Miscell. Tigur., B. 1. Heft 4. S. 38. die Prosopographie.

K. 49. S. 157. Das Autographon dieses geistlichen Liedes von Bullinger befindet sich im Besitze Herrn Oberrichters B. Stockar.

K. 51. S. 164. Betreffend den Priester Bertram bemerkt Bullinger in dem der deutschen Uebersetzung seines Schriftchens "vom Leib und Blut des Herrn" vorausgehenden Sendbriefe der zürcherischen Geistlichen an Herzog Albrecht: "Diser Bertram hat geläbt zu den zyten des Keysers Lotharij, imm jar als man gzelt hatt achthundert und vierzig jar, weliches sich jetz fast louft uff die sibenhundert jar. Deßhalb wir nit mögend verdacht noch beschuldiget werden, als wäre sin buch von uns erdacht. Zu Köln ist es funden unnd gedruckt im 31. jar, durch Johannsen Prael, von unserem diener einem V. F. G. zu gefallen vertütscht. Vor viertzig jaren ist Bertram von dem hochgelehrten Johanne Tritemio Abbt zu Spanheim under die fürnemen gelerten männer gezelt, und sin leben beschrieben worden, also das man nit findt, das sin leer und meynung vom Sacrament, yena sye von der kilchen weder verworffen, noch für kätzerisch verdampt, sunder vil mer vom Keyser Karle angenommen und gelobt worden."

Drei Punkte sind hier zu beleuchten, erstens Bertram, sodann die Ausgabe seiner Schrift und fürs dritte die Bezeichnung Carls, dem er sein Schriftchen dedicirte:

1. Was den Verfasser dieser Schrift betrifft, so ist er in der Gegenwart bekannter unter dem Namen Ratramnus (Mönch in Corbie), während z.B. Hottinger, helvet. Kirchengesch. B. 1. S. 723, wo er von Ratramnus redet, beifügt, "er werde gemeinlich Bertramus genennet." Nach Gieseler, Kirchengesch. B. 2. Abth. 1. P. 10. beruht die Benennung Bertramus auf einem fortgepflanzten Abschreibefehler. Den Nachweis hiefür liefert Hopkins (Canonicus in Worcester) in der historischen Abhandlung über Ratramnus, die, aus dem Englischen ins Französische übersetzt, der lateinisch-französischen, kritischen Ausgabe voraus geschickt ist, die anonym in Amsterdam 1717 erschien, betitelt: Ratramne ou Bertram prêtre, du corps et du sang du seigneur.

2. Daß der zürcherische Prediger, der nach der angeführten Stelle des zürcherischen Sendbriefes zu Gunsten Herzog Albrechts das Schriftchen verdeutschte, Leo Judä war, liegt außer Zweifel. Dagegen muß ich bezweifeln, ob die Angabe Gieselers, ebendas. P. 14., in Betreff der lateinischen Ausgabe: "prim. ed. cum praef. Leonis Judae. Colon. 1532. 8." richtig sei. Jch habe nämlich zwei ganz gleiche Exemplare (in klein

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Octav) vor mir; auf dem Titel steht: Bertrami presbyteri de corpore et sanguine domini liber ad Carolum magnum Imperatorem, jam recens aeditus. Coloniae, Johannes Prael exendebat, Anno M.D.XXXII. Auf der folgenden Seite steht: Bertram presbyteri vita per Johannem Trithemium; diese endet mit den Worten: Claruit temporibus Lotharij imperatoris. Anno DCCCXL. Auf der dritten Seite folgt: Bertrami presbyteri de corpore et sanguine domini praefatio ad Carolum magnum Imperatorem. Auf der fünften Seite beginnt Bertrams Büchlein selbst; es umfaßt 18 Blätter. Die 20 folgenden Blätter enthalten des Augustin und dann des Ambrosius sententia de corpore et sanguine domini. Die letzte Seite zeigt einen Löwen, der sich eines Lammes bemächtigt, mit der Ueberschrift: Humilitas vincit omnia, darunter nebst einer Chiffre die Buchstaben I. P. Nirgends findet sich in dieser Ausgabe eine Vorrede Leo Judä's. Hinwieder läßt sich doch kaum annehmen, daß neben dieser zu Köln im Jahre 1532 erschienenen Ausgabe, welche sich für die editio princeps ausgibt, im nämlichen Jahre in Köln eine Ausgabe mit einer Vorrede von Leo Judä erschienen sei, die ebenfalls für die editio princeps gehalten werden sollte. Dazu kommt noch, daß weder bei Ludw. Lavater in der Historia von der großen Zwiespaltung usw. beim Jahre 1532, noch in Hottingers helvet. Kirchengesch. B. 3. S. 660, noch in den Misc. Tig. B. 3. S. 49. etwas Anderes von Leo Judä ausgesagt wird, als daß er dies Schriftchen Bertrams verdeutscht habe. Auch Konrad Geßner, der in seiner biblioth. univ. von 1545 bei denjenigen Büchern, auf die er näher eingeht, der Vorreden gedenkt, und aus der Kölner Ausgabe von 1532 einen Theil des Vorwortes von Bertram anführt, erwähnt einer Vorrede Leo Judä's nicht. Eben so wenig ist hievon auf S. 77. der bereits erwähnten Amsterdamer Ausgabe (von 1717) die Rede, woselbst sich ein Verzeichniß der lateinischen, französischen und englischen Ausgaben findet. - Die kleine Differenz, welche darin liegt daß der zürcherische Sendbrief sagt, die Schrift sei in Köln 1531 gedruckt worden, beschlägt diese Frage betreffend die Richtigkeit von Gieselers Angabe nicht und scheint sich ungezwungen durch die Annahme zu erledigen, daß die betreffende lateinische Kölner Ausgabe zu Anfang des Jahres 1532 erschienen, der Druck mithin schon im Jahre 1531 vorgenommen worden sei. Jn den ersten Monaten des Jahres 1532 muß sie ohne Zweifel erschienen sein, da der zürcherische Sendbrief, der die deutsche Uebersetzung als schon vorhanden bezeichnet, vom 17. Juni datirt.

3. Es kann auffallen, daß die lateinische Ausgabe auf dem Titel und in Betrams Vorrede sagt: ad Carolum magnum Imperatorem, und ebenso die deutsche, wenigstens in Bertrams Vorwort, während doch Trittenheims Angabe darin steht, Bertram habe zur Zeit Kaiser Lothars um 840 gelebt. Hottinger, helvet. Kirchengesch. B. 1. S. 373. sagt bei einem anderen Anlaß, Carolus Calvus werde bisweilen auch der Große genannt. Wie dem auch sei, so ist aus der beigegebenen vita von Trithemius und der oben angeführten Stelle des zürcherischen Sendschreibens zu entnehmen, daß die Herausgeber unter diesem Carl dem Großen Carl den Kahlen verstanden. Daß das Schriftchen an Carl den Kahlen gerichtet war, liegt außer Zweifel.

S. 167. Myconius betreffend Luther, s. seinen Brief an Capito, 14. Juli 1532.

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K. 52. S. 169. Bullingers Warnungen an Butzer, s. seinen Brief vom 12. Juli 1532.

S. 170. Bullingers Schreiben an Landgraf Philipp von Hessen vom 1. September 1532 steht im Ms. G. 338. der Stadtbibl. nebst einem Briefe Bullingers an eben denselben vom 22. Oktober 1532.

K. 55. S. 170. Das zürcherische Bekenntniß, in Simmlers Sammlung: November und December 1534.

S. 180. Conferenz in Brugg, s. Bullinger an Myconius 8. Mai 1535. - Schreiben der in Konstanz Versammelten an die Zürcher, 21. December 1534.

K. 56. S. 183. Bullingers Jnstruction behufs der Conferenz in Aarau, in Simmlers Sammlung: November 1535.

K. 57. S. 183 ff. Acta concordiae deutsch, 1536-1538, und Summa negotii tentatae concordiae et reparati rursus dissidii, 1532-1544, in Simmlers Sammlung: Januar 1536. Aus diesen von Bullinger gesammelten Akten gingen nach J. J. Simmlers Bemerkung die später deutsch gedruckten Acta concordiae hervor. Die mir vorligenden sind in Amberg, 1594 erschienen.

S. 186. Die Schlußbemerkung der confessio helvetica prior, welche Niemeyer, collectio confessionum in ecclesiis reformatis publicatorum (Leipzig, 1840), Vorrede S. XXXVII in den von ihm benutzten Handschriften nicht fand, ist in Simmlers Sammlung: 22. März 1536., und in A. 95. der Stadtbibl., einer Abschrift von Bullingers Chronik, welche nach der Beschreibung des Marburger Gespräches die von Bullinger gesammelten Akten betreffend die Concordie mit Luther enthält. Auch die Namen derjenigen, welche am 4. Februar 1536 die helvetische Confession unterzeichneten, sind beigefügt. Was, abgesehen von Bullingers Schreiben an Myconius vom 22. März 1536, für die Richtigkeit und Gültigkeit jener Schlußbemerkung spricht, ist das, daß Bullinger sich auch späterhin in seinen Briefen auf diese als auf etwas Anerkanntes beruft und zwar nicht nur Freunden, sondern auch Andern gegenüber, wie z.B. in seinem Briefe vom 30. October 1542 an den heftig zu Luther neigenden Peter Kunz (Conzenus) in Bern, in Füßli's epist. reform. S. 219., und besonders in dem Schreiben der zürcherischen Geistlichen an die Straßburger Theologen vom 10. Januar 1547.

K. 58. S. 189. Bullinger über die confessio Tetrapolitana, an Myconius 30. April 1536, an Ritter nach Schaffhausen 24. Mai 1536; über die confessio Augustana und derer Apologie, an Myconius 18. Juli 1536.

K. 59. S. 190. Zuschrift des Tages zu Aarau an Butzer und Capito, 3. Mai 1536, nach Bullingers Entwurfe in den gedruckten Acta concordiae S. 5. und in Ludwig Lavaters Historia von der großen Zwiespaltung zwischen Luther usw., 1524-1563 (Zürich, 1564), S. 66.

K. 61. S. 195. Erläuterung der ersten helvetischen Confession, s. die gedruckten Acta concordiae, S. 37.

K. 62. S. 200. Betreffend die Vorgänge in Bern, s. Hundeshagen, die Conflikte des Zwinglianismus usw. in der bernischen Landeskirche von 1532-1558, Kap. 2.

K. 64. S. 208. Bemerkenswerth ist der Jrrthum, der in dem schiefen Ausdrucke Plancks liegt, Geschichte des protestantischen Lehrbegriffs (Leipzig, 1796.) B. 3. Th. 1. S. 407, dem auch Andere (selbst Ebrard,

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das Dogma vom Abendmal, Frankfurt, 1846, B. 2. S. 395. 400) folgten: "die mit den Oberländern geschlossene Concordie sei auch auf die Schweizer ausgedehnt worden, denn sie seien ihr 1538 förmlich beigetreten", oder, wie Planck in seiner Note beisetzt, "so gut als förmlich." Von den "wittenbergischen Concordie-Artikeln" ist weder in Luthers Schreiben vom 1. Dezember 1537 und 27. Juni 1538, noch in den Antworten der Schweizer von 1538 die Rede. Sie sind von ihnen weder "förmlich" noch "so gut als förmlich" angenommen worden, im Gegentheil durch ihr ausdrückliches Festhalten in ihrer Confession und an deren Erläuterung ausgeschlossen, wenn auch ohne ausdrückliche Erwähnung. Luthers Bezugnahme (im Briefe vom 27. Juni 1538) auf mündliche Aufschlüsse, welche Butzer und Capito noch geben könnten, involvirt keineswegs einen Beitritt der Schweizer zu der sogenannten "Wittenberger Concordie." Das Gesagte geht aus den Acta concordiae (Amberg, 1594) und aus Ludwig Lavaters Historia von der großen Zwiespaltung usw. ganz deutlich hervor. - Etwas Verwirrendes hat freilich mitunter der in den Quellen stets vorkommende Ausdruck "Concordie", der bald Eintracht, Einigkeit, bald Einigung, Vereinigung, Vergleich bedeutet, und wenn man von "Wittenberger Concordie" redet, öfter auch die behufs des wittenbergischen Vergleiches aufgestellten Artikel bezeichnet. Aus diesem Grunde ist der Ausdruck "Concordie" in unserer Darstellung möglichst vermieden worden.

S. 210. Bullinger betreffend die Stockung im Vereinigungsgeschäfte, s. seine Summa negotii tentatae concordiae, in Simmlers Sammlung: Januar 1536. - Bullinger in Bezug auf Butzer, s. seinen Brief an A. Blaarer vom 16. Januar 1545. Butzer über Bullingers Charakter, s. seinen Brief an A. Blaarer vom 12. Dezember 1543, vgl. Hottinger, historia eccles., B. 6. S. 773.

K. 65. S. 215. Bullinger über Melanchthon, s. seine Briefe an Butzer vom October 1537 und vom 12. October 1543.

K. 66. S. 216. Betreffend die Rückwirkung der Religionsgespräche mit den Katholiken von 1540 und 1541 auf die Stimmung gegen die Zwinglischen s. Bullinger an Blaarer 25. Mai 1540, an Vadian 2. Juni 1540, an die Zürcher Gesandten in Baden 2. Juli 1541. - Betreffend Luthers Unwille über Melanchthon bei der Reformation in Köln s. Göbel, Geschichte des christlichen Lebens in der rheinisch-westphälischen evang. Kirche B. 1. S. 268.

K. 67. S. 221. Betreffend Melanchthons Stellung zu Luther, s. Melanchthons Brief an Carlowitz vom 28. April 1548, im Corpus Reform. v. Bretschneider, B. 6. S. 80; Guericke, Kirchengeschichte B. 3. S. 391.

K. 68. £S. 221. Luthers Vorwort zur ersten Abtheilung seines Commentarius in genesin ist datirt Weihnacht 1544 d.h. nach jetziger Zählung 25. Dezemer 1543, s. Corpus Reform. von Bretschneider, B. 5. S. 259. Vgl. das Zürcher Bekenntniß von 1545 (Zürich, 1545, Ausgabe vom Juni) Blatt 40.

S. 222. Betreffend die Zeit der Herausgabe von Zwingli's Werken findet sich bei Planck, protest. Lehrbegriff B. 3. Abth. 2. S. 280, und bei Gieseler, Kirchengeschichte B. 3. Abthl. 1. P. 8. S. 326. die mißverständliche Angabe, sie sei 1543 veranstaltet worden, ohne daß beigesetzt ist, wann sie wirklich erschienen sei. Am 5. Septemer 1544 waren laut

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Bullingers Brief an Vadian einige Bände bereits gedruckt; aus Bullingers Brief an Butzer vom 29. September 1544 ergibt sich aber, daß damals noch nichts davon ausgegeben war; damit stimmt auch sein Schreiben an Blaarer vom 8. October 1544. - Die Ausgabe selbst zeigt folgende Data: Gwalters Vorwort zu Band 2. ist vom 31. März 1544, das zu Band 3. vom 17. Juni 1544, die Apologie vor Band 1. vom 3. Februar 1545. - Betreffend Vadian und A. Blaarer s. Vadian an Bullinger 21. Juni 1544, an Blaarer 14. September 1544, ferner Blaarer an Vadian 17. September 1544 und an Musculus 28. August 1544.

K. 69. S. 224. Betreffend Einwirkungen auf Luther s. Hospinian, hist. sacram. B. 2. Bl. 189. 196.

S. 227. Betreffend Bullingers Gesinnung in Bezug auf Vertheidigung s. Bullinger an Butzer, Mai 1544, an Blaarer, 8. October 1544, an Georg Cassander, 10. Juli 1545.

K. 71. S. 235. Betreffend das Uebersetzen von Luthers kleinem Bekenntniß s. die lateinische Uebersetzung des Zürcher Bekenntnisses (Zürich 1545), Blatt 127, und das Nachwort des Uebersetzers R. Gwalter vom 8. März 1545. Vgl. Hospinian, hist. sacram. B. 2. Blatt 187.

S. 237. Betreffend den Zusammenhang zwischen den Besuchen bei Bullinger und der Abfassung von Bullingers Schrift "de sacramentis", s. Josias Simmlers narratio de vita Bullingeri, Blatt 21.

K. 72. S. 237. Bullinger bei Luthers Tode, s. sein Schreiben an Johann Haller, 12. März 1546.

K. 73. S. 243. Betreffend Bullingers erste Bekanntschaft mit Calvin, s. Bullinger an Calvin, 22. Mai 1557.

S. 244. Betreffend die hier erwähnte Lausanner Synode steht in Herzogs theologischer Encyclopädie B. 2. S. 516. und B. 4. S. 329. unrichtig, sie habe im März 1537 Statt gefunden, statt: Ende März 1538. Vgl. Hundeshagen, Conflikte S. 131.

S. 245. Bullingers Empfehlung Calvins nach Bern, s. Bullinger an Niklaus von Wattenwyl, 4. Mai 1538.

 K. 74. S. 247. Betreffend die Vorgänge in Neuenburg s. Finsler, kirchliche Statistik der reformirten Schweiz (Zürich, 1856), S. 484., - ein Werk, dessen genaue Kenntniß hinfort niemand, der über die gegenwärtigen oder frühere Verhältnisse der protestantischen Schweiz urtheilen will, sich wird ersparen dürfen. Vgl. auch Kirchhofer, Leben Farels  (Zürich, 1831-33, 2 Bde.)

K. 75. S. 254. Schon 1531 hatte Bullinger sich mit Matthias Erb nahe befreundet, da dieser als Feldprediger mit dem Heere Berns nach Bremgarten kam, s. Hottinger, helvet. Kirchengesch. B. 3. S. 596. Vgl. über ihn: Röhrichs Geschichte der Reform. im Elsaß, Straßburg, 1832. B. 2. S. 227., und dessen Mittheilungen, Straßburg, 1855. B. 3. S. 275.

S. 255. Bullinger beim Tode Franz I., s. sein Schreiben an A. Blaarer, 15. April 1547.

K. 76. S. 258. Betreffend Hooper ist in Herzogs Encyclopädie, B. 6. S. 258. angegeben, er sei 1537 nach Zürich gekommen. Dies steht schon im Widerspruch mit der dortigen Angabe, er sei zuvor wegen der sechs Artikel (welche erst im Juli 1539 erschienen) aus England entronnen. Ueberdies sagt Bullinger in seinem Diarium erst beim Jahre 1547, John Hooper sei am 29. März 1547, mit seiner Gemahlin, bei ihm angelangt.

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Ebenso schreibt er 1547 an Myconius über Hooper, als über jemand, den er erst jetzt kennen gelernt. Dies bestätigt Hoopers Brief an Bullinger aus Straßburg vor seiner Ankunft in Zürich, sowie sein Schreiben an Butzer aus Zürich vom 10. Juni 1548. - Schon Sal. Heß, Leben Bullingers, B. 1. S. 216., hat die unrichtige Jahreszahl 1537 statt 1547.

K. 77. S. 261. Der sonst so genaue F. Meier, Locarno B. 1. S. 30. Note 58. gibt unrichtig das Jahr 1543 als dasjenige an, in welchem Celio Secondo Curioni aus Jtalien nach Zürich und dann nach Lausanne gekommen sei. Schon am 10. Dezember 1542 schreibt Curioni aus Lausanne an Bullinger; seine Frau und Kinder sind bereits bei ihm. Vgl. über ihn auch Streuber, Basler Taschenbuch. 4. Jahrgang (Basel, 1853), woselbst Curioni als die richtige Schreibart seines Familiennamens nachgewiesen ist.

S. 263. Ueber Altieri s. Meier, Locarno. B. 1. S. 34. 465.

S. 264. Betreffend Camillo s. Simmlersche Sammlung B. 57. 58. 67., auch Meier, Locarno B. 1. S. 50; Füßli, epistolae S. 252. Jn Kirchhofers Myconius (Zürich, 1813) S. 364. steht irrthümlich Maynardus Renatus Siculus, statt Camillus Renatus Siculus.

K. 79. S. 272. de Cange; bei Füßli, epistolae S. 143. unrichtig: de Lange.

S. 275. Bullinger betreffend Luther, s. Bullingers Brief an Matthias Erb, 16. April 1546.

K. 80. S. 276. Betreffend Communion einiger zürcherischen Studierenden in Straßburg vgl. auch Schmidt. Vermigli S. 69. Matthäus Zell unterschrieb den Brief der Straßburger nicht.

K. 81. S. 285. Betreffend Anekennung Zwingli's s. Ludwig Lavater an Bullinger 1. März 1547.

K. 83. S. 291. Betreffend Konstanz s. auch Bullinger an Calvin in Füßli's epist. S. 268. und in Calvini opist. Nr. 86.

K. 84.S. 294. Die Berechnung von Deutschlands Verlust, in der Simmlerschen Sammlung zu Ende des Jahres 1545.

K. 85. S. 298. Von Grote in dem biographischen Versuch über "Wolfgang Musculus" (Hamburg, 1855) wird, abgesehen von irriger Auffassung der Aeußerungen des Musculus über das Abendmal, Bullinger zum öftern unrichtig als Doctor bezeichnet.

S. 299. Betreffend Graf Georg von Württenberg vgl. auch Keim, Schwäbische Reformationsgeschichte. Tübingen, 1855. S. 209.

K. 86. S. 301. Betreffend Bullingers Schrift vom "christlichen Ehstand" ist Hottingers Angabe, in Bluntschli's Republik Zürich, B. 3. S. 126. zu berichtigen, als ob Bullinger diese Schrift "im hohen Greisenalter geschrieben hätte und die dortigen Schilderungen zeigen würden, er habe beinahe die Hoffnung verloren." Vielmehr finden sich jene Sittenschilderungen schon in der ersten Ausgabe dieser Schrift von 1540, theils in Bullingers Vorwort, theils im Kap. 16., betitelt "Von der Hochzeit". Sie beziehen sich mithin auf die Zustände der ersten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts.

S. 304. Betreffend Schwenckfeld. Erbkam in seiner Geschichte der protestantischen Sekten im Zeitalter der Reformation (Hamburg und Gotha, 1848) S. 391. äußert, Bullingers ungünstiges Urtheil über Schwenckfeld von 1534 scheine später verändert worden zu sein durch die

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Vertheidigung desselben von Seiten des Martin Borrhaus, genannt Cellarius, in zwei Briefen an Bullinger (in Füßli's epist. reform. S. 225 und 247) vom 25. September 1545 und vom Januar 1546. Diese Vermuthung Erbkams ist durchaus falsch. Jm Gegentheil erhielt Borrhaus von Bullinger eine geziemende Zurechtweisung. Jch berufe mich dafür auf Bullingers handschriftliche Briefe, namentlich den Brief an Borrhaus vom 28. October 1545; ebenso urtheilt Bullinger über Schwenckfeld in einem Briefe an Ambrosius Blaarer vom 13. Mai 1546. (Vgl. auch den an Butzer vom 29. September 1544.) - Eben daselbst gibt Erbkam unrichtig an, Vadians Schreiben an Bullinger betreffend Schwenckfeld, welches 1539 im Drucke erschien, sei in demselben Jahre verfaßt; es ist schon vom 17. September 1536.

Beiläufig bemerke ich hier in Betreff eines andern Häretikers, des schon früher auftretenden Claudius, der als Allobrox bezeichnet wird, gegen den Bullinger 1534 die Schrift "Utriusque in Christo naturae tam divinae quam humanae contra varias haereses pro confessione Christi catholica assertio orthodoxa" heraus gab. Jn Bezug auf ihn finde ich auf Seite 15. in dem Exemplar der Stadtbibl. von Josias Simmlers vita Bullingeri die handschriftliche Randglosse von Joh. Rudolf Stumpf: "Wassermänly, Serveti emissarius." Jch lassse dahin gestellt, ob diese Benennung etwas Richtiges enthalte; Scherzhaftes enthält keine der dortigen zahlreichen Randbemerkungen.

K. 88. S. 310. Betreffend Oswald Pergener vgl. auch Hottinger hist. eccles. B. 6. S. 631 ff.

K. 89. S. 315. Die Autographen der beiden St. Niklaus Sprüche liegen in der Hand des Herrn Oberrichters B. Stockar. Der zweite Spruch findet sich gedruckt in den zürcherischen Beiträgen von Hottinger, Stolz und Horner (Zürich, 1815) B. 2. S. 113. Doch ist daselbst die Jahreszahl unrichtig angegeben, 1541 statt 1549, sowie einiges Andere.

K. 90. S. 323. Megander. Der betreffende Brief, von Petrus Conzenus (Kunz) an Jodocus Neobolus nach Wittenberg geschrieben, vom 2. Februar 1538, ist gedruckt in Hundeshagens Conflikten S. 369.

Zu Buch 3.

K. 93. S. 334. Nicht der Antistes (Bullinger) wurde 1553 Censor, wie Hottinger in Bluntschli's Republik Zürich, B. 3. S. 95. meldet; vielmehr nach den Acta. eccles. B. 3. Joh. Wolf, Pfarrer am Fraumünster.

K. 94. S. 335. Betreffend die Aufreizungen von römisch-katholischer Seite vgl. Meier, Locarno B. 2. S. 57. 68. Jm Uebrigen vgl. Acta eccles. B. 3.

K. 95. S. 341 f. Armenwesen vgl. Acta eccles. B. 3. Sechs deutsche Schulen, s. Bullinger an Fabritius, 14. April 1559.

S. 343. Bullinger und Martyr, s. Josias Simmler's vita Bull. Blatt 29.

S. 344. Jnländische Professoren, s. Acta eccles. B. 3.

K. 96. S. 344. Vorschlag zum Archidiakonat s. Acta eccles. B. 3.

K. 97. S. 348. Hans König, Bull. an Fabritius 14. April 1559.

S. 349. Pest, Bull. an Fabritius, 8. Dezember 1364.

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Hans Linz, s. Bullingers Diarium beim Jahre 1559; Miscell. Tigur. B. 1. Heft 2. S. 67; B. 2. S. 62. Vülliemins Angabe in Müllers Geschichte der Eidgenossen B. 9. S. 32., als ob Bullinger den Schultheiß "Pfyffer" nennen würde usw., ist demgemäß zu berichtigen. Sal. Heß, Leben Bullingers B. 2. S. 420., beruft sich irrig darauf, "Bullinger selbst in seiner handschriftlichen Chronik" sage dies, während es keine Chronik von Bullinger über diesen Zeitraum gibt; er meint die von dem Offizier Haller im 17. Jahrhundert verfaßte Fortsetzung der Bullingerschen Chronik. Zudem übergeht Heß, S. 421., die bei diesem enthaltene Notitz: "Etliche sagend, daß er ein Ritter vom Geschlecht gewesen." Josias Simmler, vita Bull. Bl. 32., verschweigt, offenbar, um dem Stande Luzern keinen Anlaß zu Zwistigkeiten zu geben, die Namen des Schultheißen und seiner Stadt, sowie bei dem Baumeister den Namen Linz. Er bezeichnet diesen nur als Joannem Tridentinum, sculptorem et latomum excellentem. Das große Martyrbuch des Paul Crocius, Bremen, 1722., S. 1014. nennt ihn "Johann Masson von Trient", woraus sich wohl am einfachsten der Beiname "Motschon" erklärt, den Hans Linz führt, als gleichbedeutend mit sculptor et latomus, Steinmetz, maçon.

K. 98. S. 353. Ueber Johann Haller, vgl. Hundeshagen, Conflikte S. 217. - Ueber Fabritius und Bünden, vgl. auch Miscell. Tigur. B. 3. S. 373.; Museum helvet. Partic. 16. Betr. das Zürcherische Gutachten von 1561, vgl. Trechsel, Antitrinitarier S. 419-428.

K. 99. 100. S. 359-369. Außer den bei F. Meier, die evangelische Gemeinde in Locarno, angeführten Belegen aus den Quellen sind auch fernere Briefe der Simmlerschen Sammlung benutzt worden. Jch habe auch die beiden 1855 als Manuscript je für die betreffende Familie gedruckten Denkschriften nachgesehen, "die Geschichte der Familie von Orelli", verfaßt von Dr. jur. Aloys von Orelli, und die von Dr. E. von Muralt (in Petersburg) besorgte "Geschichte der Familie von Muralto", betitelt: "Die Capitaneen oder Cattaneen von Locarno und deren vom Schlosse Muralto benannte Nachkommen." Daß Sal. Heß, in Bullingers Leben B. 2., sich hier gänzlich irre leiten ließ, ist verzeihlich; was er dabei S. 194. und 200. über die Treue seiner Quellen sagt, ist ganz falsch.

K. 100. S. 369. Daß Occhino sich nachher in seiner Streitschrift Unwahrheiten gegen Bullinger vorzubringen erlaubte, hat schon F. Meier gezeigt, Locarno B. 2. S. 9 und 175. (vgl. Escher, in Erschs Encyklopädie unter Ochinus). F. Meier scheint in seinem Urtheile über Occhino's Vergehen entgegen seinen eigenen Daten zu gelinde; man vergleiche Hottinger's helvet. Kircheng., B. 3. S. 868 ff. und J. C. Füßli's Beiträge zu Reformationsgeschichte (Zürich, 1753), Theil 5. S. 416 ff. Daß Occhino vom ganzen Jnhalte des zürcherischen Censurgesetzes Kenntniß gehabt, ist auch aus dem Vorfall betreffend den jüngern Zwingli zu entnehmen, Meier, Locarno B. 2. S. 65. Die Raschheit des Verfahrens gegen ihn entspricht dem Verfahren gegen Hüslin, eben das. S. 63.

K. 101. S. 370. Betreffend Zug, s. Meier, Locarno B. 1. S. 451.; B. 2. S. 58. 70. Sal. Heß im Leben Bullingers B. 2. S. 402. 414. citirt unrichtig: "Bullinger in seiner Chronik." Er meint die Chronik des öfter unzuverlässigen Haller, jenes Offiziers, der im 17. Jahrhundert schrieb.

Betreffend Wallis, s. Venetscher an Bullinger, 1. Sept. 1555.

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S. 371. Betreffend Glarus s. Josias Simmlers vita Bull. Blatt 31. Meier, Locarno B. 2. S. 89. 262.

S. 372. Ueber Cellario s. Meier, Locarno B. 2. S. 295., über Borromeo und die Jesuiten eben daselbst, S. 267. und Hottinger, helvet. Kircheng. B. 3. S. 907.

S. 373. Betreffend Thurgau, s. Acta eccles. B. 3, beim Jahre 1567; Meier, Locarno B. 1. S. 455; Vögelins Geschichte der Eidgenossenschaft, bearbeitet von Escher (Zürich, 1856) B. 2. S. 351.

Ueber Sax s. auch Hottinger, helvet. Kircheng. B. 3. S. 887.

K. 102. S. 375. Betreffend Bullingers Brief an Vadian vom Mai 1544 ist zu bemerken, daß Heß, welcher im Leben Bullingers B. 1. S. 444. einen Theil dieses Briefes mittheilt, die hier beregte Stelle weggelassen hat.

S. 376. Ueber Calvins Reise im Februar 1547 s. seinen Brief an Farel, 20. Februar 1547, den Kirchhofer in Farels Leben, B. 2. S. 2. nur ganz kurz erwähnt.

Henry Calvins Leben, B. 2. S. 464. Note, sagt bei Anlaß von Calvins Brief an Bullinger vom 25. Februar 1547, es sei nicht bekannt, welches Werk Bullingers es war, worüber dieser die Kritik Calvins gewünscht habe, und ob es erschienen; es sei dogmatischen Jnhalt gewesen über das Sakrament. Auch Hundeshagen, Conflikte, S. 206. Note d, wo er Calvins Brief vom 1. März 1548 anführt, in welchem dieser sich auf sein Bullingern mitgetheiltes Urtheil zurück bezieht, sagt nur, es sei wahrscheinlich einer der letzten polemischen Aufsätze Bullingers gegen Luther gewesen. Es ist Bullingers lateinische Abhandlung "von den Sacramenten" gemeint. Jch fand darüber völligen Aufschluß durch Vergleichung von Bullingers eigenen Angaben theils in seinem Verzeichniß seiner Schriften theils im Diarium mit dem Jnhalte von B. 63 bis 69. der Simmlerschen Sammlung. An Laski ging diese Abhandlung Bullingers 1548 ab; 1551 langte sie sammt dem Reste seiner Bibliothek in England an; im April 1551 ließ er sie auf ausdrückliches Verlangen des Erzbischofs Cranmer ohne Bullingers Vorwissen in London drucken (freilich sehr incorrect, wie er selbst bemerkt) unter dem Titel: Absoluta de Christi domini sacramentis et ecclesia ejus tractatio. Er dedicirte sie der Prinzessin, nachherigen Königin Elisabeth. S. Laski's Briefe in Gerdes' Scrinium B. 4. S. 471. 472. und Original letters der Parker Society B. 2. S. 497. 498., woselbst Peter Martyr in einem Briefe aus Oxford diese Schrift lobt. Bullinger nahm, was ihm dienlich schien, in veränderter Gestalt in zwei Predigten seiner fünften Dekade auf. S. das handschriftliche Verzeichniß seiner Schriften, aus welchem auch hervorgeht, daß Laski es war, der dieser Schrift Bullingers den Titel: Absoluta de Christi etc. gab. Bei Hottinger in der biblioth. Tigur. S. 87., sind aus Versehen die Worte "dein Joh. a Lasco, qui eum in Anglia imprimi curavit" weggelassen, und dedicavit statt "dedicavi" zu lesen; in Scheuchzers biblioth. helvet. S. 177. sind andere entstellende Fehler.

K. 103. S. 378. Von Bullingers Briefen an Calvin ist namentlich der, welchen Calvin vor dem 28. Januar 1548 erhielt, laut Calvins Briefes an Viret von diesem Datum, verloren; er enthielt Bullingers Widerlegungen von Calvins Bemerkungen über die betreffende Abhandlung Bullingers. Ferner scheint Bullingers Brief vom 15. October 1548,

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in Calvins epist. Nr. 86, unvollständig zu sein, wie aus seinem Briefe vom 6. Dezember 1548 zu entnehmen ist. Letzterer ist gedruckt in Füßli's epist. reform., S. 267, aber mit Weglassung der betreffend die 24 Punkte beigegebenen Bemerkungen Bullingers; diese Bemerkungen stehen in Simmlers Sammlung. Die 24 Punkte ergaben sich, indem Bullinger in dem Briefe Calvins vom VI. Calend. Julii 1548 die einzelnen Sätze oder Satztheile numerirte, die in Füßli's epist. reform. S. 260-262 stehen; nur ist hier der fünfzehnte aus Versehen weggelassen.

Zu unrichtiger Auffassung der Verhältnisse kann leicht die irrthümliche Angabe bei Hundeshagen, Conflikte S. 205, verleiten, aufreizende Insinuationen seien fortwährend von Zürich nach Bern gekommen. Dies liegt in dem dafür citirten Briefe Calvins an Viret vom 23. April 1548 keineswegs. Vielmehr ist richtiger, was Henry, Calvins Leben, B. 2. S. 461. 464. bemerkt, Calvin und Viret seien von Bern aus in Zürich verklagt worden. Jmmerhin konnte Calvin bei Virets Gefahr beiläufig einmal an diesen schreiben, das Uebel sei aus Zürich hervorgegangen (3. Mai 1548), weil Zürich der Hauptsitz des Widerspruchs war gegen die butzerischen Vermittlungen und gegen Alles, was damit zusammen hing, auch Kilchmeier und andere Widersacher von da ausgegangen waren.

Ebenso ist bei Hundeshagen S. 247. die Angabe nicht richtig, Bullinger habe Calvin im Mai 1549 nach Zürich eingeladen, die auch bei Ebrard, Abendmal, B. 2. S. 502. vorkömmt; woselbst S. 520, ebenfalls die Bezeichnung "Privatakt" der Berichtigung bedarf; die Anwesenheit weltlicher Rathsglieder läßt diese Benennung nicht zu.S. 382. Betreffend Farels Stellung zu Bern, s. Kirchhofer, Leben Farels B. 2. S. 96. - Die 20 Artikel, welche Calvin der bernischen Synode übersandte, s. bei Henry, Leben Calvins, B. 2. Beilage S. 134. Vgl. Ebrard Abendmal, B. 2. S. 522. - Calvins Brief an Myconius vom 29. November 1549 steht (ohne Datum) b. Hundeshagen, Conflikte  S. 393. Das Datum liefert die Simmlersche Sammlung. - Plancks Darstellung, Geschichte des prot. Lehrbegriffs, Band 5. Theil 2. S. 19. 24, ist der Berichtigung und Ergänzung bedürftig.

Niemeyer in der Collectio confessionum in ecclesiis reformatis publicatarum bemerkt in der Vorrede S. XLIV, Heß, im Leben Bullingers B. 2. S. 18. führe den Titel der Consensio mutua ohne Calvins Namen an. Dies beruht, wie aus Simmlers Sammlung B. 71. zu ersehen ist, auf einem bloßen Versehen von Heß; sowie die Jahreszahl 1549, die auf dem Titel der in Zürich bei Rud. Weißenbach gedruckten Ausgabe der Consensio mutua stehen soll. Auf dem Titel dieser Ausgabe, welche 26 Seiten in Octav enthält, ist keine Jahrszahl. Simmlers Bemerkung, die Heß mittheilt und nach ihm Niemeyer, daß die erste Ausgabe erst 1551 erschienen, widerlegt jene Angabe ausdrücklich und stimmt völlig überein mit der Bemerkung Hundeshagens, Conflikte S. 253. Note. Mit völliger Zweifellosigkeit ergibt sich dies aber aus Bullingers Briefen an Calvin vom 4. und 27. Februar 1551. Der Titel der mir vorliegenden französischen Ausgabe von 1551, den Niemeyer nach Heß höchst incorrect angibt, lautet: L'Accord passé et conclud touchant la matière des Sacremens entre les Ministres de l'Eglise de Zurich et Maistre Johan Calvin Ministre de l'Eglise de Genève. A Genève, de l'imprimerie de

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Jehan Crespin. MDLI. 29 Seiten, klein Octav. (Vgl. auch Henry, Leben Calvins, B. 3. Beil. S. 213.)

K. 104. S. 384 ff. Betreffend Schaffhausen usw., s. Bullingers Brief an Calvin v. 30. September 1549, gedruckt bei Hundeshagen, Conflikte, S. 392., wo jedoch statt Freherus zu lesen ist Trehernus, die lateinische Form für Traheron. - Betreffend Laski's Reise nach Preußen und Polen, s. das Schreiben der Prediger in Emden an Bullinger usw., 8. August 1549. - Betreffend Bullingers Dekaden, s. seinen Brief an Calvin 27. Febr. 1551, und an Myconius 25. Juli 1549.

Jn Ranke's Darstellung in seinem klassischen Werke, deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation (Berlin, 1852) Band 5. ist Einiges zu berichtigen, S. 353. die Muthmaßung rücksichtlich der Ursache der Reaction in Bern (vgl. auch Schweizers Centraldogmen, Zürich 1854. B. 1. S. 252 ff.); S. 355. die Ausgabe "Juli 1549" statt Mai 1549 (gemäß Bullingers Diarium, womit Calvins Brief an Bullinger vom 26. Juni 1549 überein stimmt, in welchem jener sagt, er sei schon einige Zeit vor dem 17. Juni wieder in Genf zurück gewesen), auch was eben daselbst betreffend die "Unwürdigen" mit Bezug auf den Zürcher Consensus bemerkt ist. Die dort beigebrachte lateinische Stelle "Fatemur dignis simul et indignis etc." gehört nicht dem Zürcher Consensus an. Ferner ist auffallend, daß Ranke S. 357, sagt "der alte Bullinger" (er war 1549 erst 45 Jahre alt), und eben daselbst, das Gedächtniß Luthers habe verunglimpft geschienen, während dieses im Consensus nicht erwähnt ist.

K. 105. S. 391. Henry, Leben Calvins B. 3. S. 305. bemerkt irrthümlich, die Defensio Calvins, deren Eingangsschreiben vom November 1554 datirt ist, sei von den schweizerischen Kirchen unterschrieben worden. Ebenso ist die Bezeichnung "Erneuerung des Consensus", "zweiter Consensus", deren er sich S. 310. 357. und in der Beilage S. 113 ff. bedient, nicht richtig, sondern eher verwirrend. Noch unrichtiger ist es, wenn er an den beiden letztern Stellen sich so ausdrückt, wie wenn der Consensus, nachdem er 1549 geschlossen worden, 1551 "erneuert" worden wäre, während er nur in diesem Jahre erst gedruckt ward. Was er S. 308. von einem Zurückziehen der Zürcher sagt, ist ebenfalls irrig; das Aendern des Entschlusses, wovon Calvin an Farel, 26. Dezember 1554 schreibt, bezieht sich nicht hierauf, sondern darauf, daß man rathsamer fand, die Defensio nicht von den schweizerischen Kirchen unterzeichnen zu lassen. Der Ausdruck "Müsterlins", den Henry S. 307. anführt, ist nicht von Bullinger gebraucht, sondern bloß eine Sonderbarkeit von Sal. Heß, Leben Bullingers B. 2. S. 218.

K. 106. S. 393. Betreffend Luthers Schreiben von Marburg aus, s. Bullingers Reformationsgeschichte B. 2. S. 328.

S. 395. Ueber Laski's Gespräch mit Brenz redet Bullinger in dem Briefe an Beza 15. Dezember 1557, s. Baums Beza, B. 1. S. 325.

Betreffend Beza's Confession vom Frühjahr 1557, s. außer Baums Beza B. 1. S. 405, auch Gillets Mittheilung aus den Papieren Crato's von Craftheim in der reformirten Kirchenzeitung, Erlangen, 1858 Nr. 21. S. 161.

S. 395 f. Die von Baum, Beza, B. 1. S. 276 geäußerte Vermuthung, als ob im Mai 1557 in Zürich eine gemeinschaftliche Confession der Schweizer aufgesetzt worden wäre, erscheint als nicht stichhaltig; die dort

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angeführten Stellen lassen sich ohne dies verstehen. Baums Auffassung von Hallers Verhalten rücksichtlich der übereilten Confession Beza's ist aus den von ihm selbst S. 281. 283. 291. angeführten Stellen zu berichtigen. Calvins Verwunderung über das Ruhigbleiben der Berner, S. 290, zeigt nur, daß dieser den günstigen Einfluß Bullingers nicht hinreichend kannte.

K. 107. S. 400. Betreffend das Begleitschreiben zur confessio hlevetica von 1536, s. Ebrard, Abendmal, B. 2. S. 380.

K. 108. S. 404 ff. Baum theilt das Schreiben der Zürcher an Beza vom 15. Dezember 1557, im Leben Beza's B. 1. S. 502-512 mit; er nennt es S. 326. bissig und verwundert sich S. 329, daß Beza es nicht so taxirte. Die Mittheilung an die bernischen Geistlichen faßt er S. 328 unrichtig als Widerspruch gegen den Schluß des Schreibens auf, indem er irrthümlich annimmt, es wäre sämmtlichen Berner Geistlichen zugekommen. Ebenso bedarf Henry's Auffassung von Bullingers Verhalten, Calvins Leben B. 3. S. 346. 348. der Berichtigung gemäß unserer oben gegebenen Darstellung.

K. 109. S. 410. Das Edikt des Herzogs Christoph von Württemberg vom 25. Juni 1558 befindet sich in der Simmlerschen Sammlung.

S. 411. Aus der Antwort der Zürcher an Landgraf Philipp von Hessen vom August 1560 theilt Josias Simmler Einiges mit, vita Bulling., Blatt 33 ff.

K. 110. S. 414. Ueber Bullingers Streitschriften gegen Brenz, s. die Vorrede der Apologia Tigurinae ecclesiae ministrorum ad confutationem Jacobi Andreae pro defensione Brentiani testamenti. Zürich, 1575. (Vgl. Schmidt, Vermigli S. 326.)

S. 416. Fritzsche in seiner Ausgabe der confessio helvetica (Zürich, 1839.) S. XII., und Niemeyer, in der collectio confessionum reform., S. LXIII., lassen es dahin gestellt, ob die confessio helvetica 1562 verfaßt worden sei, da ihnen nicht bekannt war, auf wessen Zeugnisse diese Angabe J. J. Hottingers in der helvet. Kirchengeschichte B. 3. S. 894. beruhe. Es ist aber Bullinger selbst, der in seinen eigenhändigen Bemerkungen zum Verzeichniß seiner Schriften dies bezeugt, wie es auch in J. H. Hottingers schola Tigurina, S. 76, richtig abgedruckt steht. Die ebenfalls von Bullinger, aus seinem Diarium, herrührende Angabe, er habe sie zur Pestzeit 1564 geschrieben, kann seine genauere ausdrückliche Mittheilung in seinem Schriftenverzeichnisse keineswegs zweifelhaft machen, da der Ausdruck in dem kurzgefaßten Diarium offenbar nur als eine beiläufige und daher etwas ungenaue Notiz zu betrachten ist.

K. 111. S. 418. Ueber die Veranlassung zur Herausgabe der confessio helvetica ist außer Bullingers Briefwechsel aus dieser Zeit und seinem Diarium zu vergleichen: J. J. Simmlers oratio de historia confessionis helveticae, vom 25. März 1758, handschriftlich in der Simmlerschen Sammlung.

S. 419. Betreffend die Conferenz in Zürich vom 1. August 1566, vergleiche Trachsel, Antitrinitarier, B. 2. S. 368, wo sie, offenbar durch ein bloßes Versehen, auf den 1. September 1566 gesetzt ist. - Hundeshagen, Conflikte, S. 35 und 309. erhob den Vorwurf des Sichzurückziehens auf die heimischen Jnteressen gegen die deutsch-schweizerische Kirche, welcher hier durchgehends seine Erledigung findet.

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S. 420. Ueber Beza's Uebersetzung der confessio helvetica ins Französische, s. Thomas, la confession helvétique (Genève, 1853.) p. 145.

K. 112. S. 423. Bullingers dreitheilige Abhandlung von 1553 über die Prädestination befindet sich handschriftlich auf der zürcherischen Kantons-Bibliothek. Schweizer, Cenraldogmen B. 1. S. 267 und 285, bezeugt, er sei nicht wenig erstaunt gewesen, diese Abhandlung (welche Bullinger vor Peter Martyrs Ankunft in Zürich schrieb) hinten an des Letztern loci communes (Ausgabe von 1626) gedruckt zu finden, als wäre sie Peter Martyrs Werk. Ueberhaupt ist betreffend Bullingers Prädestinationslehre Band 1. von Schweizers Centraldogmen nachzusehen.

S. 425. Betreffend Bullingers Ansicht über Servede's Verhältniß zu den Wiedertäufern, vergl. in seiner Schrift über diese von 1560, im Buch 2, Kapitel 12, und Breitingeri vindiciae pro Bullingeri judicio de Serveto ejusque sectariis inter praecipuos quesdam Anabaptisticae factionis doctores, im Museum helvet., Partic. 14., S. 277 ff.

S. 427. Betreffend Calvins Fidelis expositio errorum Serveti ist Trechsel's Angabe, Antitrinitarier, B. 1. S. 264., als ob Bullinger den Styl gerühmt hätte, nicht richtig (s. Bullingers Brief an Calvin, 26. März 1554, womit zu vergleichen Henry, Calvin B. 3. S. 235. und Beilage S. 87.). - Derselbe theilt in den Zusätzen, vorne in eben jenem Bande, Luthers Ansichten betreffend Anwendung der Todesstrafe gegen Häretiker mit. - Melanchthon sprach sein völlig zustimmendes Urtheil betreffend ihre Anwendung bei Servede auch in einem Briefe an Bullinger aus, s. Calvini epist. Nr. 214; vgl. daselbst Nr. 187.

K. 113. S. 429. Betreffend die Reibung in Neuchatel wegen der Kirchenzucht vgl. auch Kirchhofer, Farel B. 2. S. 113.

K. 114. S. 433. Betreffend die 1551 ruchtbar gewordene Verbindung der deutschen Fürsten mit Frankreich vgl. Ranke, deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, B. 5. S. 184.

S. 434. Betreffend Bullingers Schrift Perfectio christianorum sagt Schlosser im Leben Beza's, Seite 39, ziemlich höhnisch, "der gute Alte hatte eine Schrift verfertigt, die er durchaus dem König von Frankreich wollte übergeben lassen und durch die er den König zur reformirten Lehre zu bekehren hoffte". Wie unverdient der hierin enthaltene Vorwurf der Eitelkeit ist, geht aus dem Obigen hervor; eine seltsame Unkenntniß verräth die Andeutung betreffend das Alter, da Bullinger damals erst 48 Jahre alt war. Vgl. auch Baum, Beza B. 1. S. 163., Schweizer, Centraldogmen B. 1. S. 227., auch Bullingers Diarium und Schriftenverzeichniß.

S. 436. Betreffend Quintin vgl. Calvini epist. Nr. 62 und den Jndex daselbst unter Quintinus; Henry, Calvin B. 2. S. 407. und Beilage S. 114. Jndeß steht in dem mir vorliegenden Texte B. 79, der Simmlerschen Sammlung, welcher der im zürcherischen Kirchenarchiv von Ludwig Lavaters Hand gefertigten Abschrift entnommen ist: Quintiani. Betreffend Georgianer s. Trechsel, Antitrinit. B. 2. S. 316. Note 2.

S. 440. Betreffend die in Folge der Bartholomäusnacht von Bullinger verfaßte Schrift ist die irrige Angabe Friedländers, Beiträge zur Reformationsgeschichte S. 216., welche, von einem Mißverständniß der (Seite 254 daselbst) von Bullinger dem Grafen Sayn gemachten Mittheilung herrührt, aus dem Obigen zu berichtigen. Daß die Schrift

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Bullingers "von der Verfolgung der Kirche" gemeint sei, wird auch durch den folgenden Brief Bullingers vom 26. August 1573 (S. 258 daselbst) bestätigt.

K. 115. S. 444. Der Herausgeber der Original letters relative to the English reformation S. 6, meint, die Worte im Briefe der Jane Grey (der bei ihm das Datum 12. Juli 1551 trägt): Ex libello illo verae et non fucatae religionis pleno, quem nuper ad patrem et me misisti" (vgl. Hottinger, hist. eccles. B. 9. S. 195. und Füßli's epistolae reform., S. 296), beziehen sich auf Bullingers Schrift "Perfectio Christianorum", die er dem Könige Heinrich II. von Frankreich widmete. Dies ist irrig, und sogar unmöglich, da darüber kein Zweifel waltet, daß jener Brief der Jane Grey (gemäß dem Schreiben des Johann von Ulm an Bullinger vom 12. Juli 1551, in Füßli's epist. S. 292 f.) nicht später, sondern vor dem 12. Juli 1551 verfaßt ist, die Schrift Bullingers aber "Perfectio Christianorum" laut seinem Briefe an Myconius in Basel, vom 7. October 1551, sowie nach seinem Diarium, erst im October 1551 gedruckt wurde, (womit auch die Angabe des Buchdruckers auf der letzten Seite der lateinischen Ausgabe von 1551 übereinstimmt.)

Jane Grey spricht vielmehr in der erwähnten Stelle von Bullingers fünfter Dekade; ein Exemplar von dieser an sie zu schicken, hatte Johann von Ulm am 11. November 1550 Bullinger gebeten, s. origin. lett. S. 423., und Bullinger diesem Wunsche entsprochen, wie aus seinem Briefe vom 12. Juli 1551, wofern man ihn mit jenem vergleicht, zu ersehen ist. Für dieses Buch dankt nun Jane Grey Bullingern, wie Johann von Ulm, laut seines Briefes an ihn vom 11. Novemer 1550, zum voraus erwartet hatte. Daß sie es libellus nennt, entspricht dem Sprachgebrauche Bullingers und seiner Freunde, da sie mitunter eine Schrift von größerm Umfange als libellus bezeichnen. Z.B. in seinem Schriftenverzeichnisse nennt Bullinger (b. Hottinger Schola Tigur. S. 83.) seine Schrift "Tractatio verborum Jo. 14", von 1562, welche 111 Blätter in Octav enthält, libellus; ebenso in dem Briefe an Melanchthon vom 1. April 1546 (der incorrect in Füßli's epist, reform. S. 242, correct im Museum helvet., Partie. 3. S. 494. steht) nennt er die in Zürich soeben erschienenen Bücher, die er ihm überschickt, aliquot libellos; davon umfaßt die lateinische Uebersetzung von Theodoret 109 Blätter in Octav, die von Antonius' Melissae sive Loci communes 178 Seioten in Folio (abgesehen von den im nämlichen Bande stehenden Schriften des Taitan und des Theophilus von Antiochien).

Diese fünfte Dekade Bullingers (zehen Predigten enthaltend) enthält in der Originalausgabe von 1551 171 Blätter in Octav. Wohl möglich, daß Bullinger selbst in seinem (verlornen) Briefe an Jane Grey bei Uebersendung dieser Schrift dieselbe libellus genannt hatte, und sie dadurch veranlaßt war, sich in ihrem Antwortschreiben ebenfalls dieses Ausdrucks zu bedienen. Auch das steht der Beziehung auf diese fünfte Dekade nicht entgegen, daß Jane Grey gegen Ende ihres Briefes noch einmal auf diese Schrift zurück kömmt, indem sie eben am Schlusse ihren Vater deshalb entschuldigt, daß er noch nicht selbst ein Dankschreiben dafür an Bullinger habe senden können. Daß Jane Grey viele Stellen dieser Dekade auswendig wußte, sagt John Banks in seinem Briefe an Bullinger, in Füßli's epist. reform. S. 352., und in den original letters S. 305. (woselbst Banks nur aus Versehen your sixth Dekade schreibt statt fifth).

S. 445. Betreffend den Auftrag, welchen Jane Grey vor ihrem Ende

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gab, ihre Handschuhe an Bullinger zu senden, s. Füßli's epist. reform. S. 351. Note.

Der Herausgeber der original letters bemerkt S. 106 in seiner Note zu Hoopers Briefe an Bullinger vom 11. Dezember 1554, die Schriften, welche Hooper über die wahre Lehre vom Abendmal und gegen die falsche Religion im Gefängnisse schrieb und die er Bullinger entweder bei Froschauer in Zürich oder bei Oporin in Basel drucken zu lassen bat, erscheinen nirgends gedruckt, man habe Nachsuchung gehalten nach den Manuscripten, aber ohne Erfolg. Seltsam! Jn dem Buche, das der Engländer John Fore 1559 in Basel bei Oporin erscheinen ließ, betitelt Rerum in ecclesia gestarum commentarii, habe ich S. 298 bis 403 dasjenige gedruckt vor Augen was Hooper im Kerker abfaßte, zumal jene, wie Hooper in dem obgenannten Briefe sagt, absichtlich ans Parlament gerichtete ausführliche Abhandlung über die wahre Lehre vom Abendmal. Fore kann nicht genug seine Bewunderung ausdrücken über das, was Hooper in strenger Kerkerhaft geleistet habe.

S. 446. Betreffend die unzufriedene Gemüthsart von Thomas Sampson und dgl., s. Bullingers Brief an Beza vom 15. März 1567.

S. 447. Uebersetzungen von mehrern bullingerschen Schriften ins Englische enthalten die von der Parker Society heraus gegebenen Werke.

K. 116. S. 449. Bullingers oratio de concilio Tridentino steht lateinisch im Meseum helvet. Partic. 19. S. 384 ff.

S. 451. Betreffend Lelio Sozzini finden sich einige Briefe und dgl. in Trechsel's Antitrin. B. 2. S. 431-459.

S. 455. Betreffend Bullingers Verhältniß zu Polen sind einige Briefe in Gerdes' scrinium, B. 4. S. 434-444, einige in Füßli's epist. reform. Betreffend Biandrata, s. das Schreiben des Ungarn Thurius an Bullinger aus Wittenberg, 28. März 1568, in den Miscell. Tigur. B. 2. S. 208.

K. 117. S. 460. Betreffend Wilhelm Bidenbach s. Bullingers Brief an Graf Sayn v. 25. Februar 1571, in Friedländers Beiträgen S. 231 f.

S. 461. Betreffend Andreä's Polemik, s. Ludwig Lavaters Leben Bullingers: Simmlers vita Bulling. nebst der confutatio im Anhang dazu; die Apologia Tigur. ministrorum ad confutationem Andreae von 1575 und deren Vorrede.

K. 118. S. 461 ff. Betr. Thamer vgl. Neander Theobald Thamer, der Repräsentant und Vorgänger moderner Geistesrichtung (Berlin, 1842) und dessen Dogmengeschichte B. 2. S. 224 f. Das hier Mitgetheilte mag zur Vervollständigung des dort Enthaltenen dienen.

S. 466. Betreffend Klösel, s. Einiges bei Hottinger, hist. eccl. B. 9. S. 77-82. und die in desselben schola Tigur. S. 82. angeführte Stelle aus Bullingers Diarium.

S. 467. Betreffend die Exkommunication in der Pfalz findet sich in Sudhoffs "Olevianus und Ursinus", S. 339-370, eine Auffassung, die ich nach den mir vorliegenden Daten mir nicht aneignen konnte, zumal so weit sie Bullinger betrifft. Was insbesondere Bullingers Zuschrift an Beza vom 25. April 1575 anlangt (s. bei Sudhoff, S. 364.) so enthält der der Ueberschrift: "de Oleviano" beigegebene Zusatz "arcana" nichts Ominöses, sondern besagt nur, daß dieses Schreiben, obgleich von dem Vorsteher der zürcherischen Kirche an den der genferischen gerichtet, ganz confidentieller Art sei, sich daher nicht zur Mittheilung an

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Unberufene eigne, wodurch die in der Pfalz obschwebenden Mißstände hätten gemehrt werden mögen. Aus Bullingers Schreiben an Beza vom 16. Juni 1575 ergibt sich, daß Bullinger verlangt hatte, daß Beza allein jene Zuschrift lese und sie ihm dann wieder sicher zurückschicke. - Bullinger durfte mit Recht sagen (bei Sundhoff eben daselbst), er habe die Conflicte voraus gesehen.

S. 468. Betreffend Bullingers Briefwechsel mit dem Grafen Ludwig von Sayn-Wittgenstein sind außer Friedländers Beiträgen auch die Acta eccles. B. 3., nachzusehen. Von den Briefen, welche Friedländer als "ungedruckte" mittheilt, steht der vierte, vom 24. August 1570, bis auf die letzten Zeilen bereits in Hottingers hist. eccles. B. 8. S. 596-604.

K. 119. S. 470. Betreffend Bullingers frühe Werthschätzung der Offenbarung St. Johannis, s. seinen Brief an Leo Judä vom 17. August 1525.

Betreffend Bullingers Hausbuch in den Niederlanden, s. Hottingers hist. eccles. B. 8. S. 960.

S. 472. Betreffend Bullingers Eintheilung der Kirchengeschichte, s. Miscell. Tigur. B. 3. S. 731 ff. Bullingers Biographieen der Päbste bewahrt die zürcherische Kantons-Bibliothek.

K. 121. S. 480. Betreffend Christoph Bullingers Kriegsdienst in Hessen, sowie Wilhelms von Oranien und seiner Verbündeten Ansuchen an die reformirten Kantone der Schweiz vergl. Hottinger in Bluntschli's Geschichte der Republik Zürich, B. 3. S. 151-155.

K. 122. S. 487. Betreffend A. Blaarer s. Mangold bei Wackernagel, deutsches Kirchenlied, S. 826.

K. 123. S. 494. Betreffend Ludwig Lavaters Beihülfe s. Stuckii praefatio zu dessen homiliae in librum Nehemiae. Zürich, 1586.

Zu den ausgewählten Schriften.

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Zu E.

Zu I. S. 580. Bullingers Brautwerbungsschreiben findet sich gedruckt in Miscell. Tigur. B. 1. H. 3. S. 8.

Zu II. S. 588. Bullingers väterliche Vorschriften oder Anweisung für seinen Sohn stehen in Miscell. Tigur. B. 1., deutsch unter dem Titel: Jnstruction an Heinrich Bullinger Filium (1553), H. 3. S. 39., und lateinisch mit geringen Modificationen, H. 4. S. 119., betitelt: Institutiones seu praecepta pro Felice Lavatero, 1570. Aus dieser Felix Lavatern, dem Sohne Ludwig Lavaters, Bullingers Enkel, mitgegebenen lateinischen Uebersetzung ist oben Einiges mit aufgenommen.

Zu III. S. 594. Bullingers Briefe an seinen Sohn Heinrich befinden sich handschriftlich in der Simmlerschen Sammlung. Drei unbedeutende Briefe, sowie Stellen, die Wiederholungen oder allzu Spezielles enthalten, sind hier übergangen worden. Bei Franz, Züge aus dem Leben Bullingers (Bern, 1828) sind zahlreiche Unrichtigkeiten, auch einige willkürliche Einschaltungen, wie S. 79. 88. 91. 97.; doch sind letztere nicht eben von großem Belang. Er spricht sich S. 74. selbst dahin aus, eine freie Bearbeitung habe ihm für seinen Zweck dienlich geschienen.

Zu IV. S. 618. Bullingers Testament steht in Miscell. Tigur. B. 1. H. 3. S. 61.

 

 



[1] Er war General der Carmeliter, versuchte umsonst die Klöster seines Ordens alle zu säubern und legte deshalb 1515 müde seine Würde nieder, ein Mann, der das Verderben der Kirche tief empfand und in feurigen Worten schilderte, der z.B. unter dem berüchtigten Pabste Alexander VI.freimüthig sang:

- - - - - Feil ist uns Alles;

Feil sind uns Tempel und Priester, Altäre, Kapellen und Kronen;

Feil ist uns Weihrauch, Feuer, Gebet, selbst Gott und der Himmel.

Mochten auch solche Worte den Schülern fern bleiben, so mußte immerhin die lebhafte Empfindung der großen gemeinsamen Noth diesen Dichter den Brüdern besonders werth machen. Ueberhaupt hielten sie viel auf der Dichtkunst und übten sie gerne.

 

[2] Er war aus Jülich. Ernesti rühmt ihn als würdigen Mitschüler des Erasmus und als Lehrer des Petrus Mosellanus, des Wiederherstellers der Wissenschaften in Leipzig, welcher bei der Leipziger Disputation (1519) präsidirte. Er starb ums Jahr 1550 über 90 Jahre alt.

 

[3] Chrysostomus, Ambrosius, Origenes, Augustinus gehören zu den berühmtesten Kirchenlehrern des dritten bis fünften Jahrhunderts.

 

[4] Es sind dies einige von jenen Schriften, durch welche Luther eben beim Beginn seines Auftretens auf die deutsche Nation so unendlich wirkte.

 

[5] Kirchenväter nennt man gewöhnlich die bedeutendsten Kirchenlehrer der sechs ersten christlichen Jahrhunderte. Scholastiker heißen die oft spitzfindigen Lehrer der mittelalterlichen Kloster- und Hochschulen, die sich mit der schulmäßigen Erörterung der verschiedenen Fragen über kirchliche Dinge befaßten. Bullinger selbst besuchte in Köln die Vorlesungen eines angesehenen scholastischen Theologen, des Dominikaners Konrad Kolle aus Ulm.

 

[6] Wir finden, daß damals die Schweizer insgemein sich selbst so bezeichneten.

 

[7] Thomas von Aquino und Duns Scotus waren die angesehensten Scholastiker im dreizehnten Jahrhundert. Augustin lehrte im fünften Jahrhundert. - Tertullian lebte ums Jahr 200.

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[8] Er war Comthur in Küsnacht bei Zürich, bekannt aus Zwingli's Biographie. Vgl. Christoffel, Zwingli, Abth. 1. S. 117.

 

[9] Wie viel Wahres und jetzt noch Beachtenswerthes in Bullingers Auffassung der ursprünglichen Bestimmung und Verwendung des Kirchen- und Klostergutes liege, ergibt sich auch aus dem anziehenden Buche von E. Chastel, Professor in Genf: Historische Studien über den Einfluß der Barmherzigkeit in den ersten sechs Jahrhunderten der Kirche. Mit Vorwort von Wichern. Hamburg 1854.

 

[10] S. in der  zweiten Abtheilung: Bullingers Bewerbungsschreiben.

 

[11] Sie steht in seiner Reformationsgeschichte, B. 2. und in Zwingli's Werken von Schultheß, B. 4. der deutschen Schriften.

 

[12] Wo in diesem Bande Myconius erwähnt wird, ist immer Oswald Myconius zu verstehen, erst Lehrer in Zürich, sodann 1532-1552 Antistes in Basel.

 

[13] Bullinger führte nie den später üblichen Amtsnamen "Antistes", wiewohl er ihm in Briefen von Nicht-Zürchern oft beigelegt wird. Auch des Titels "Geistliche" bediente man sich nicht; die gewöhnliche Benennung war: "Pfarrer," "Diener des Wortes" oder "Diener der Kirche zu Zürich."

 

[14] Umsonst war es, daß hier der Büchsenschmid Michael Wohlgemuth, aus Köln gebürtig, sein Haus verbarrikadirte und heldenmüthig vertheidigte, bis er durch Kanonen bezwungen ward.

 

[15] Mit geringen Veränderungen und um drei Strophen erweitert erschien das Lied in dem 1540 in Zürich gedruckten Zwick'schen Gesangbuche. Daraus hat P. Wackernagel in seinem "Kirchenliede" es abdrucken lassen unter den Liedern unbekannter Dichter.

 

[16] Die hier angeregte Frage über die Kirchenzucht anlangend bemerken wir noch. Wie leicht zu ersehen, hat Bullingers einstweiliger Entscheid nur da einen Sinn, wo die bürgerliche und die kirchliche Gemeinschaft völlig sich decken. Ganz anders gestaltet sich aber die Frage, da wo dies nicht mehr der Fall ist, wo römisch Katholische, Sektirer und Un- oder Widerchristliche, welche durch nichts kund thun, daß sie noch zur evangelischen Kirche gehören, bürgerlich gleichberechtigt sind mit den Gliedern der letztern und somit in alle Beamtungen eintreten können. Die Frage selbst gehört daher zu denen, die immer wieder die Gemüther bewegt und stets aufs neue auftauchen wird, so lange es eine Kirche und eine Welt gibt, oder mit andern Worten, so lange eine evangelische Kirche in der Welt ist. Näheres über die Wechselbeziehung des staatlichen und des kirchlichen Lebensgebietes findet sich in meinem Schriftchen: Ein Wort über Kirche und Sittlichkeit in ihrem gegenseitigen Verhältnisse (mit Bezug auf Rothe's theologische Ethik). Zürich, 1850.

 

[17] Deutlich genug war dadurch angedeutet, daß der Rath gerade rücksichtlich der Lehre besser gethan hätte sich an den vom Vorsteher der Kirche verfaßten Entwurf zu halten, in welchem die hier keineswegs nöthige Erklärung über die Messe, die zu heftigem Streite Anlaß bot, vermieden war.

 

[18] Das Alles also hatte Zwingli, den man sich oft zu leicht als eilfertig und schroff denkt, stehen gelassen.

 

[19] Siehe Hagenbachs Vorlesungen über die christliche Kirche in den drei ersten Jahrhunderten. Leipzig, 1853. S. 217.

 

[20] Bis auf neuere Zeiten wurden die evangelischen Gemeinden im Thurgau, Rheinthal, Toggenburg, Appenzell usw. von zürcherischen Geistlichen besorgt, meist bei kümmerlichen Einkünften, bis günstigere Verhältnisse ihnen gestatteten sich selbst zu helfen.

 

[21] Z.B. Gwalter, Fries und der berühmte Naturforscher Konrad Geßner konnten französisch und italienisch; Josias Simmler war Mathematiker wie Historiker.

 

[22] Diesem Berichte wurde beigefügt ein Vorschlag von zwei oder drei (selten mehr) Geprüften, aus welchen der Kirchenpatron, mochte dies der Rath oder irgend ein anderer Collator sein, zu wählen hatte.

 

[23] Ohne Zweifel eine Rückweisung auf die Verhandlungen bei Bullingers Erwählung im Dezember 1531.

 

[24] Eine Sekte in Afrika im dritten Jahrhundert; sie wollten eine durchaus reine Kirche haben und trennten sich deshalb von der übrigen Kirche. Der große Kirchenlehrer Augustinus bestritt sie.

 

[25] Dagegen gering schätzt der Welt Gewinn und Schaden.

 

[26] Dies Lied besteht aus zwei Abtheilungen, nämlich Strophe 1 bis 4 und Strophe 5 bis 8. Der Anfang beider Abtheilungen ist ähnlich dem von Zwingli zur Zeit seines Pestanfalls verfaßten Gesange, das Uebrige ist Bullingern eigenthümlich. Es scheint in kein Gesangbuch übergegangen zu sein. Bullinger hat die Jahreszahl 1536 beigesetzt:; man mag sich dabei erinnern an seine oben mitgetheilte Aeußerung vom October des vorhergehenden Jahres.

 

[27] Auch Carlstadt erwähnt er in diesem Sendbriefe. Seine erregte Phantasie malte ihm vor, Carlstadt müsse als ein ächter Kain ewig unstät umher irren, während dieser seit 1529, da Zwingli sich menschenfreundlich seiner angenommen, von seinen Uebertreibungen geheilt im Rheinthal und in Zürich in bescheidener Stellung wirkte, und von 1534 bis zu seinem Tode 1541 als Professor in Basel. Hätte nicht Luther eher dessen sich freuen und ihm seine Zuflucht gönnen sollen? (s. Zwingli an Bullinger, 22. Juni 1530.)

 

[28] Johann von Trittenheim, Abt zu Spanheim, zählt Bertram zu den hochgelehrten Männern seines Zeitalters.

 

[29] Eben so wenig ließen sie sich den Namen lutherisch gefallen, z.B. von den römisch-katholischen Ständen. Wir haben eine förmliche offizielle Ablehnung vom 13. Juni 1532.

 

[30] Dies war um so wichtiger, da damals der ganze Buchhandel der Schweiz nach Rheinland, Norddeutschland, auch nach Sachsen, Böhmen usw. über Frankfurt ging.

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[31] Fontio hielt sich seit 1531 einige Jahre in Augsburg und Straßburg auf. 1538 wurde er zu Rom, wo er das Evangelium predigte, ertränkt.

 

[32] Man konnte die betreffenden Worte in doppeltem Sinne verstehen, je nachdem man mit Zwingli die durch die Feier des heiligen Abendmales bekräftigte, von Christo verheißene geistige Gegenwart des Herrn bei seinen Gläubigen für die wahrhafte, eigentliche, wesentliche hielt, oder aber mit Luther die noch hinzukommende, irgendwie leibliche Gegenwart des verklärten Leibes Christi in dem bei der Feier des heiligen Abendmales dargereichten Brote. Vgl. in Christoffels Zwingli Abth. 1. die Note S. 328. 329. Obwohl Luther sammt den Zwinglischen (1529) im letzten Marburger Artikel erklärt hatte, daß die geistliche Nießung des Leibes und Blutes Christi im Abendmal jedem Christen vornehmlich von Nöthen sei, that er eben doch um der dabei noch übrigen Differenz willen seither wieder so harte Aeußerungen wider die Zwinglischen (s. oben S. 162. und S. 163. 167).

 

[33] Diese ist nicht zu verwechseln mit der ersten allgemein schweizerischen Confession, die 1536 in Basel zu Stande kam, und deshalb etwa die zweite Basler Confession genannt wird, auch den Namen Mühlhauser Confession erhielt.

 

[34] Es war überhaupt Bullingers Weise zu einem Zusammentritt nie Hand zu bieten, ohne vorher ihn nach allen Seiten hin, formell und materiell gehörig und aufs genauste vorzubereiten. Sonst, glaubte er, laufe man Gefahr, daß fruchtlose Verhandlungen, Mißstimmung, Mißverständnisse und Entzweiungen eher davon zu erwarten seien als erfolgreiche Verständigung.

 

[35] Bekannt ist Oekolampads gottseliges Ende. Wir finden indeß, daß gar nicht selten die Leidenschaft des Zeitalters sich zu derartigen Vermuthungen und Gerüchten hinreißen ließ.

 

[36] Dies konnte um so weniger als gleichgültig erscheinen, da viele evangelische Geistliche aus der Schweiz, namentlich vertriebene Solothurner in Württemberg Pfarrstellen übernommen hatten.

 

[37] In Christoffels Zwingli Abth. 2. S. 262-298. Nur ist dort der von Zwingli herrührende Anhang, der die Abendmalslehre näher darlegt und von Bullinger besonders geschätzt wurde, leider nicht mitgetheilt.

 

[38] Dies ist bei den weiteren Verhandlungen nicht zu übersehen; auch späterhin unterblieb der Druck.

 

[39] Wenige Monate später kam Bullinger auch in den Fall, sich über die (gewöhnlich so genannte) augsburgische Confession (ebenfalls von 1530) auszusprechen, wenigstens gegenüber seinen Freunden. Wir sehen, daß weit mehr die Apologie (die erläuternde Vertheidigungsschrift) ihm zuwider war als die Confession selbst. Die Apologie stieß ihn zumal in ihrer Erörterung über den zehnten Artikel der Confession betreffend das heilige Abendmal.

 

[40] Nur Johann Zwick von Konstanz unterschrieb nicht.

 

[41] Um Mißverständnissen zu begegnen sei hier bemerkt, daß Bullinger durch diese rednerisch übertreibende Schilderung keineswegs aussagen will, es seien alle diese Bekenntnisse wirklich angenommen worden, sondern nur anschaulich ausdrücken, wie man Butzers immer neuen Wendungen allzu viel Gehör schenke.

 

[42] Gewalt der Schlüssel, Kirchenzucht.

 

[43] Wie bald ging diese Voraussagung in Erfüllung!

 

[44] Vgl. Marburger Artikel 11, in Christoffels Zwingli Abth. 1. S. 321.