Leben und ausgewählte Schriften der Väter und Begründer der reformirten Kirche.

Herausgegeben von Dr. J. W. Baum, Professor in Straßburg, R. Christoffel, Pfarrer in Wintersingen, Dr. K. R. Hagenbach, Professor in Basel, C. Pestalozzi, Pfarrer in Zürich, Dr. C. Schmidt, Professor in Straßburg, Lic. E. Stähelin, Pfarrer in Rheinfelden, Lic. K. Sudhoff, Pfarrer in Frankfurt a. M.

Eingeleitet von Dr. K. R. Hagenbach.

V. Theil: Heinrich Bullinger.

Elberfeld. Verlag von R. L. Friderichs. 1858.


Heinrich Bullinger.

Leben und ausgewählte Schriften.

Nach handschriftlichen und gleichzeitigen Quellen
von Carl Pestalozzi.

Elberfeld. Verlag von R. L. Friderichs. 1858.

Druck von B.G.Teubner in Leipzig

Vorwort.

Heinrich Bullinger ist so ganz ein Mann der Gemeinde, ein christlicher Volksmann im edelsten Sinne des Wortes, daß da, wo „die Väter und Begründer der reformirten Kirche“ für die gesammte evangelische Gemeinde dargestellt werden, seinem reichen Wirken wohl mit Recht ein ziemlich ausgedehnter Raum gewährt wird. Während Zwingli's geniale Triebkraft zur Erneuerung der entstellten Kirche den Anstoß geben mußte, ward Bullinger das geeignete Werkzeug in der Hand des Herrn, um das Errungene mit Festigkeit zu bewahren, das Angefangene mit Beharrlichkeit und unerschütterlichem Muthe durchzuführen und zu vollenden. Daher steht Bullinger unseren gegenwärtigen Verhältnissen weit näher. Jst anerkannter Maßen eine gesunde, kernhafte Frömmigkeit unserer Zeit vorzüglich vonnöthen, so mag sein fester und durch die Treue am Gottesworte zugleich so freier Charakter mit seiner Klarheit und Milde erquickend in die Herzen evangelischer Christen jetziger Zeit hinein leuchten, um Suchenden zur Förderung im Christlichen Leben zu dienen, wohl auch hie und da einen Arbeiter im Dienste des Herrn zu ermuthigen, sowie jede Mußestunde, welche ich auf genauere Erforschung seines Lebens und Wirkens verwandte, mir zur Stärkung wurde auch für die schweren Aufgaben des Amtes.

Um jedem Leser die Uebersicht zu erleichtern, sind die Abschnitte der Lebensbeschreibung in kleinere Abtheilungen gebracht worden. Durchgehends habe ich mich bestrebt, Bullinger sich selbst, sein Leben und seine vielbewegte Zeit möglichst durch seine eigenen Worte darstellen zu lassen, meine Gedanken und Betrachtungen aber zurück

VI

zu halten. Mußte auch auf starke Gegensätze eingetreten werden, besonders in solchen Punkten, welche jetzt noch das Jnteresse der Gemeinde in Anspruch nehmen, so mag man es immerhin der Darstellung abfühlen, daß sie von dem Geiste beseelt ist, dem die Gegensätze weder das Erste noch das Letzte, weder das Höchste noch das Tiefste sind, der vielmehr über Allem und in Allem, worin menschliche Schwachheit offenbar wird, das Eine Nothwendige sucht.

Aus der großen Menge solcher Schriften Bullingers, die zur Mittheilung an die Gemeinde geeignet erschienen, sind die hier beigegebenen mit Sorgfalt wirklich ausgewählt worden. Herzlichen Dank allen Befreundeten, die mich auf mancherlei Weise bereitwillig förderten, insbesondere dem werthen Amtsgefährten auf dem Lande, der die Güte hatte, die hier mitgetheilten Schriften Bullingers (mit Ausnahme der Briefe an seinen Sohn) ins Neudeutsche überzutragen, worauf sie noch von mir durchgesehen wurden.

Das kurze Lebensbild Leo Juds, welches dem anfänglichen Plane zufolge diesem Bande beigefügt werden sollte, wird nun bei der ohnehin größeren Ausdehnung dieses Bandes im letzten (oder Supplement=)Bande neben den Lebensskizzen mehrerer andern reformatorischen Männer seine passende Stelle finden.

Für Solche, die nach Quellenbenutzung und wissenschaftlicher Begründung fragen, ist die Beigabe am Schlusse.

Möge der Herr der Kirche dem Werke seinen Segen geben!

Zürich, 11. Oktober 1858.

C. Pestalozzi,

Pfarrer.


Inhaltsverzeichniß.

Lebensbeschreibung

Erstes Buch.

Die Zeit der Vorbereitung von 1504-1531.

Erster Abschnitt. Bullingers Bildungszeit. 1504-1522.

1. Heimath und Vaterhaus                                                                     3
2. Bullingers Kindheit                                                                            9
3. Die Schule zu Emmerich; die Brüderschaft des gemeinsamen Lebens      10
4. Die Hochschule zu Köln                                                                  13
5. Das stille Jahr                                                                                   19

Zweiter Abschnitt. Das Schulamt in Kappel. 1523-1529.

6. Bullingers Anstellung. Die Schule                                                20
7. Die ersten Gefahren                                                                         23
8. Bullingers Befreundung mit Zwingli                                             25
9. Anfänge von Bullingers schriftstellerischer Tätigkeit. Die Geltung der heiligen Schrift                                                                                                        27
10. Von der wahren Hirtentreue                                                        31
11. Der Kampf wider die Messe für das heilige Abendmal          36
12. Der Kampf gegen die Wiedertäufer                                            40
13. Das wahre Prophetenthum                                                          43
14. Der Ketzername. Die Rettung des Vaterlandes durch das Evangelium     46
15. Umwandlung des Klosters Kappel; Klostergut und Armenpflege. Ein Halbjahr in Zürich. Disputation in Bern. Das erste Predigtamt      49
16. Bullingers Verlobung. Sein Bewerbungsschreiben. Vom Nonnenleben   53

Dritter Abschnitt. Das Pfarramt in Bremgarten. 1529-1531.

17. Des Vaters Verstoßung; des Sohnes Berufung. Anfang des Krieges        55
18. Das Wirken in Bremgarten. Einladung nach Marburg. Des Vaters Wiederkehr. Bestreitung der Wiedertäufer                                        59
19. Neue Entzweiung der Eidgenossen. Die Vermittlungen. Zwingli's Lebewohl. Bullingers Friedenspredigten                                                              63
20. Die Kriegeszeit. Bremgartens Drangsal. Die Flucht aus der Heimat 65

Zweites Buch.
Bullinger als Vorsteher der zürcherischen Kirche. Sein Leben und Wirken von 1531 bis gegen die Mitte des Jahrhunderts.

Erster Abschnitt. Die Zeit des Schwankens und des Ringens um die Aufrechthaltung der evangelischen Kirche in Zürich.

21. Zürichs Elend. Bullingers Fassung                                            68

VIII

22. Bullingers Berufung. Die Wahl. Die Gefährdung des freien Wortes  71
23. Bullingers Vertheidigung der freien Predigt des Gotteswortes         74
24. Der günstige Erfolg                                                                       76
25. Das neue Amt                                                                                  79
26. Nachwehen der Schlacht bei Kappel                                         81
27. Bullingers Vertheidigung Zwingli's und des Evangeliums   84
28. Bullingers Zurechtweisung Fabers                                            88
29. Das Unheil des Friedens                                                              91
30. Die Kirchenzucht im christlichen Staate                                   94
31. Das Mandat vom Mai 1532                                                         100
32. Leo Judä's scharfe Predigt. Juni 1532                                    103
33. Anklage gegen Leo Judä. Seine und Bullingers Verantwortung
                                                                                                                  106
34. Anklage gegen Bullinger. Seine Rechtfertigung                   109
35. Der Angriff um des Mandates willen. Vergleich                    112
36. Genehmigung des Vergleiches. Ansuchen an die Synode 116
37. Bullinger als Friedensstifter unter den evangelischen Ständen       
                                                                                                                  119

Zweiter Abschnitt. Kirchliche Gestaltung. Bullingers Wirksamkeit zum Ausbau und zur Leitung der zürcherischen Kirche und Schule.

38. Rettung des Stiftes zum Großmünster                                    122
39. Bullingers Förderung der zürcherischen Schulanstalten  125
40. Bullingers Sorge für Stipendien                                               128
41. Bullingers Verkehr mit den Studierenden im Ausland        130
42. Bullingers Predigerordnung. Prüfung und Wahl der Geistlichen
                                                                                                                  132
43. Fortsetzung: Verrichtungen und Wandel der Geistlichen  135
44. Bullingers Synodalordnung                                                      138
45. Bullingers Handhabung der Prediger- und Synodalordnung. Censuren und übrige Synodalverhandlungen                                                          140
46. Bullingers anderweitige Kirchenleitung. Behandlung der Sekten
                                                                                                                  144

Dritter Abschnitt. Bullingers Pfarramt.

47. Bullinger als Prediger                                                                 150
48. Bullinger als Seelsorger. Seine Mildthätigkeit                      153
49. Fortsetzung: Bullingers Seelsorge bei Kranken, bei Gefangenen, bei Rathsuchenden                                                                                     155

Vierter Abschnitt. Confessionelle Entwicklung. Bullingers Mitwirkung zur Bildung des kirchlichen Bekenntnisses.

50. Anregungen zum Bekenntniß                                                   158
51. Ausgangspunkt. Die beiden Sendbriefe, 1532                      162
52. Die Vermittler                                                                                168
53. Butzer in Zürich, 1533                                                                 171
54. Bullingers Verhalten zu Württemberg, 1534                          174
55. Bullingers Entgegenkommen                                                   178
56. Capito in Zürich, 1535. Besprechung in Aarau                      181
57. Erste schweizerische Confession, in Basel,
         Februar 1536                                                                                 183
58. Herausgabe von Zwingli's letzter Schrift. Genehmigung der Confession, März 1536                                                                                               187
59. Einladung nach Eisenach. Wittenberger Artikel, Mai 1536 190
60. Butzers Ausbeutung. Anfrage an Luther, November 1536 193
61. Erläuterung der schweizerischen Confession                      195

IX

62. Aufnahme der Zuschrift an Luther. Butzer in Bern, September 1537. Sein Schreiben an Luther                                                                             198
63. Luthers Antwort, Dezember 1537. Jhre Aufnahme bei Bullinger, Januar 1538                                                                                                                  203
64. Conferenz in Zürich, Mai 1538. Bullingers brieflicher Verkehr mit Luther 207
65. Friedenshoffnung. Bullingers Schreiben an Luther und an Melanchthon, September 1538                                                                                    210
66. Neue Feindseligkeiten Luthers. Bullingers Geduld              215
67. Bullingers fortdauerndes Freundesverhältniß zu Melanchthon
                                                                                                                  218
68. Neue Angriffe, 1544. Herausgabe von Zwingli's Werken, 1545
                                                                                                                  221
69. Luthers letzter Anfall. Dessen Eindruck                                 224
70. Das Zürcher Bekenntniß, März 1545                                       229
71. Erfolg der zürcherischen Vertheidigungsschrift                  234
72. Bullinger bei Luthers Tode. Rechtfertigung der Zürcher    237

Fünfter Abschnitt. Bullingers anderweitige Beziehungen zum Auslande.

73. Die (jetzige) französische Schweiz. Bullingers Verkehr mit Calvin    243
74. Bullingers Verwendung für Farel in Neuenburg                   247
75. Bullingers Anstrengungen gegenüber Frankreich. Reislaufen
                                                                                                                  250
76. Bullingers Verkehr mit England                                               255
77. Bullingers Beziehungen zu den Evangelischen Jtaliens    258
78. Bullingers Verhalten zu dem erwarteten päbstlichen Concil 266
79. Bullingers Stellung zu vermittelnden Religionsgesprächen mit den römisch Katholischen                                                                                          272
80. Bullingers weitere Beziehungen zu Deutschland                 276
81. Bullinger während des schmalkaldischen Krieges             279
82. Bullingers Sorge für Johannes Haller in Augsburg             285
83. Bullingers Bemühungen für Konstanz                                   289
84. Bullinger in den Gefahren des Vaterlandes                           292
85. Bullingers Fürsorge für die flüchtigen deutschen Glaubensbrüder 296

Sechster Abschnitt. Bullingers schriftstellerisches Wirken.

86. Bullingers Gelegenheitsschriften                                            300
87. Bullingers Schriftauslegung                                                     305
88. Bullingers eigenes Urtheil über seine Schriftwerke. Jhre Verbreitung      309
Siebenter Abschnitt. Bullingers persönliches, häusliches und geselliges Leben.
89. Bullingers inneres und häusliches Leben                             312
90. Bullingers Gesundheit, Erholung, Reisen, Freunde unter seinen zürcherischen Amtsbrüdern                                                              317
91. Bullingers Freunde unter Zürichs Staatsmännern und auswärts. Seine Welterfahrung                                                                                        323

Drittes Buch.

Bullinger als Vorsteher der Zürcherischen Kirche. Sein Leben und Wirken von der Mitte des Jahrhunderts bis 1575.

92. Uebergang                                                                                     329

Erster Abschnitt. Bullingers fortgesetzte Wirksamkeit innerhalb der zürcherischen Kirche.

93. Bullinger als Leiter der zürcherischen Synode. Ueber Preßfreiheit  330

X

94. Fortsetzung. Bullinger in Betreff des Kirchengutes            335
95. Bullingers fortgehende Sorge für das Armenwesen und die Schulanstalten                                                                                                                  340
96. Bullingers Freude an den Früchten der Zürcher Schule, und weitere Sorge für die Studierenden                                                                             344
97. Bullingers fernere Wirksamkeit im Pfarramt. Seelsorge     348

Zweiter Abschnitt. Bullingers Beziehungen zu der übrigen Schweiz.

98. Spannung zwischen den Confessionen. Bullingers enge Verbindung mit Bern und Bünden                                                                                  352
99. Bullingers Wirksamkeit für die evangelische Gemeinde in Locarno 359
100. Fortsetzung. Bullingers Mühen bei dem Entscheide über die Locarner und nach ihrer Vertreibung                                                                        364
101. Bullingers Verhalten bei den zunehmenden Reibungen mit den römisch-katholischen Orten                                                                               369

Dritter Abschnitt. Confessionelle Entwicklung. Bullingers weiteres Mitwirken zur Bildung des kirchlichen Bekenntnisses.

102. Allgemeines. Vorbereitungen zum Zürcher Consens       373
103. Bullingers Schrift von den Sakramenten. Brieflicher Verkehr darüber. Abschluß des Zürcher Consensus, 1549                                        378
104. Annahme und Verbreitung des Consensus                        383
105. Bullinger und Calvin gegenüber den Angriffen Westphals und Anderer 387
106. Bullingers Verhalten in Bezug auf Verhandlungen, zumal Religionsgespräche mit den Lutheranern                                       392
107. Bullingers Stellung zum Religionsgespräche in Worms, 1557
                                                                                                                  398
108. Fortsetzung. Weitere Erörterungen in Folge des Wormser Gespräches 402
109. Fortsetzung, betreffend Conferenzen mit den Lutheranern 1558-1560   409
110. Bullingers Verkehr mit der Pfalz unter Churfürst Friedrich III. Uebersendung der (zweiten) helvetischen Confession, December 1565  413
111. Die zweite schweizerische Confession, herausgegeben 1566
                                                                                                                  417

Vierter Abschnitt. Bullingers anderweitige Beziehungen zum Auslande.

112. Bullingers übriger Verkehr mit Calvin und der (jetzigen) französischen Schweiz                                                                                                   422
113. Fortsetzung. Bullinger über den Kirchenbann (1553) und Genfs Bündniß mit Bern                                                                                                   429
114. Bullingers Verkehr mit Frankreich                                        433
115. Bullingers Verhältniß zu England                                          441
116. Bullingers Verkehr mit Jtalien und Jtalienern, auch mit Polen        
                                                                                                                  449
117. Bullingers fortgesetzter Verkehr mit Deutschland, zumal mit Straßburg, Friesland, Württemberg                                                                       458
118. Fortsetzung. Thamer. Die Exkommunikation in der Pfalz. Graf Sayn      461

Fünfter Abschnitt. Schriftstellerisches.

119. Predigtsammlungen, Geschichtswerke usw.                      469

Sechster Abschnitt. Bullingers persönliches, häusliches und geselliges Leben, sein höheres Alter und sein Sterben.

XI

120. Jnneres Leben. Geschäfte, Briefwechsel, Besuche          473
121. Hauswesen und häusliches Leben. Verwandte und Freunde. Erholungen                                                                                                                  478
122. Bullingers Krankenlager und häusliche Trauer                 485
123. Der Lebensabend                                                                      491
124. Das Ziel                                                                                        495
125. Schlußwort                                                                                  499

Ausgewählte Schriften.

A. Handbuch oder Summa christlicher Religion. 1556.

I. Von dem Glauben und der Predigt des heiligen Evangeliums.

Kapitel 1. Daß der Rechtgläubige Christum empfinde und in Christo lebe      505
Kapitel 2. Von der Ordnung Gottes, wie der Glaube gegeben, gepflanzt, gemehrt und erhalten werde                                                                               506
Kapitel 3. Von den Dienern Christi und der Kirche und von ihrem Amte         509
Kapitel 4. Was man von den Dienern der Kirche halten solle   510

II. Vom Gebete der Gläubigen.

Kapitel 5. Daß man beten solle und daß der Gläubigen Gebet nicht vergeblich und unnütz sei                                                                                       512
Kapitel 6. Daß Gott Jesum Christum im Himmel allein zum Mittler und Fürbitter gesetzt habe                                                                                           514
Kapitel 7. Daß Christus alle Sünder zu sich rufe und ihnen alle Gnaden und alles Gute anbiete                                                                                 515

III. Von den heiligen Sakramenten.

Kapitel 8. Daß sie zu der Predigt des heiligen Evangeliums hinzu gethan und von dem Herrn selbst eingesetzt seien                                            516
Kapitel 9. Wie die Sakramente geheiligt oder gesegnet und verwandelt werden                                                                                                                  518
Kapitel 10. Warum das Nachtmal von Christo auf solche Weise eingesetzt worden sei, und wie der Leib Christi gegessen werde                 519

IV. Vom Tode.

Kapitel 11. Daß der Mensch den Tod allezeit vor Augen haben soll
                                                                                                                  523

B. Anleitung für die, so wegen unseres Herrn Jesu Christi und seines heiligen Evangeliums ihres Glaubens halben erforscht und mit allerlei Fragen versucht werden. 1559.

I. Von der heiligen christlichen und römischen Kirche.
Frage 1. Woran die wahre christliche Kirche erkannt werden möge?    526
Frage 2. Ob die römische Kirche die rechte katholische Kirche sei?
                                                                                                                  529
Frage 3. Wo denn die wahre allgemeine christliche Kirche bisher gewesen und noch zu finden sei?                                                                              531
Frage 4. Ob außerhalb der römischen Kirche weder Heil noch Vergebung der Sünden sei? und ob Alle, die sich vorsätzlich von ihr absondern, für Ketzer und Abtrünnige zu halten seien?                                                               533

 

XII

 

II. Von dem freien Willen des Menschen.

Frage 5. Ob ein Mensch zum Guten und zum Argen einen freien Willen habe?                                                                                                                  539

III. Von Glauben, Hoffnung, Liebe und guten Werken.

Frage 6. Ob die drei Tugenden, Glaube, Hoffnung und Liebe nur Eines und ebendasselbe oder in der heiligen Schrift unterschiedene Tugenden seien, und besonders, ob eine ohne die andere sein könne?                        541
Frage 7. Ob der Mensch vor Gott gerecht und fromm werde allein durch den Glauben an Christum oder auch durch die guten Werke?
                                                                                                                  542
Frage 8. Ob der Maria Magdalena jhre Sünde darum verziehen worden sei, weil sie große Liebe zu Christo gehabt?                                                  545

IV. Von dem Meßopfer.

Frage 9. Ob sie den wahren Leib und das Blut Christi in dem Sakramente des Altars für ein wahres und Gott angenehmes Opfer halten, das in der christlichen Kirche im Amt der heiligen Messe für Lebende und Todte unaufhörlich zu opfern sei, bis Christus zum Gerichte kommen wird?                               546

C. Von dem Nachtmal des Herrn, von der Vorbereitung zu demselben, von Schwäche und Wachsthum des Glaubens. Zuschrift an Frau Anna Roist                                  550

D. Von rechter Hülfe und Errettung in Nöthen. Eine Predigt aus dem heiligen Evangelio Matthäi dem 14. Kap., gehalten in Zürich am 12. Juli 1552                                                       560

E. Denkmale von Bullingers Lebenswege.

I. Bullingers Brautwerbungsschreiben an Anna Adlischweiler, vom Jahre 1527                                                                                                                  580
II. Bullingers väterliche Vorschriften oder Anweisung für seinen Sohn Heinrich bei dessen Abgang in die Fremde. 1553                                          588
III. Briefe Bullingers an seinen Sohn Heinrich                             594
IV. Bullingers Testament oder letzter Wille an seine Herren und Obern von Zürich. 1575                                                                                            618
Nachweise und Bemerkungen                                                        623

 

Lebensbeschreibung.

Erstes Buch.

Die Zeit der Vorbereitung. 1504-1531.

Erster Abschnitt.

Bullingers Bildungszeit. 1504-1522.

1. Heimath und Vaterhaus.

Vier Stunden von Zürich auf einer Anhöhe an der Reuß liegt die kleine Stadt Bremgarten. Hier wurde am 28. Juli 1504, Morgens drei Uhr, dem Dekan Bullinger ein Knäblein geboren, das in der heil. Taufe den Namen Heinrich erhielt und das von Gott dazu erkoren war, dereinst Zwingli's Nachfolger zu werden.

Viel tausend verborgene Fäden sind es, durch die ein jeder von uns mit seiner heimathlichen Stätte verbunden ist und bewußt oder unbewußt mit seinen Ahnen zusammen hängt; so manche Anlagen, Neigungen und Stimmungen, die im Fortgang seines Daseins unter den mannigfachen Einwirkungen des Lebens bei ihm hervortreten, haben hier ihre Wurzel. Werfen wir daher zuerst einige Blicke auf Bullingers Heimath und Herkunft; er selbst soll dabei unser Führer sein.

Bremgarten sammt den umliegenden „freien Aemtern“ und der angränzenden Grafschaft Baden, jetzt zum Kanton Aargau gehörig, stand damals unter sieben von den acht alten Orten (Kantonen) der Eidgenossenschaft, welche 1415 auf Befehl der Kirchenversammlung zu Konstanz diese Landstriche erobert hatten und sie nun abwechselnd durch Landvögte regierten, deren Herrschersitz die zwei Stunden von Bremgarten entfernte, altberühmte Stadt Baden war. Gerade dieses Verhältniß führte öftere Tagsatzungen, d. h. Zusammenkünfte von Abgeordneten der betreffenden Kantone mit sich und unterhielt einen steten Verkehr dieser Ortschaften mit ihren Oberherren. Dabei erfreuten sich übrigens die Beherrschten ihrer vielfältigen alten Rechte und Freiheiten in

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reichlichem Maße, wie sie denn auch an all den häufigen Kriegszügen jener Zeiten gleich den übrigen Eidgenossen sich betheiligten.

Was nun das Geschlecht der Bullinger anbetrifft, so war dasselbe schon seit mehr als zweihundert Jahren in Bremgarten eingebürgert; viele der angesehensten Männer geistlichen und weltlichen Standes gingen daraus hervor. Zur Erhöhung des Glanzes der Familie trug aber noch Folgendes bei. Jm „alten Züricherkriege“, den alle Eidgenossen acht Jahre lang (bis 1444) gegen Zürich führten, schloss Ulrich Bullinger, der Urgroßvater unsers Berichterstatters, sammt dem Schultheißen sich so innig an Zürich an und hielt sich während der deshalb eintretenden gemeinsamen Verbannung so treulich und dienstfertig gegen den Schultheiß, daß dieser aus Dankbarkeit seine einzige Tochter mit Ulrichs einzigem Sohne Hans Bullinger vermählte, wodurch Letzterer zu einem für jene Zeit ansehnlichen Vermögen gelangte. Dieser Hans Bullinger trieb daher weder Gewerbe noch Handwerk, sondern lebte von seinen Renten und vergnügte sich, wie damals die Begüterten zu thun pflegten, vielfältig mit dem edeln Waidwerke, hatte deshalb auch viel Verkehr mit vornehmen Leuten, denen er vom erjagten Wildpret zusandte, zumal mit denen vom Adel, die ihn als einen guten Jagdgesellen liebten; „um Bremgarten her war's nämlich zu jener Zeit noch nicht so ausgerodet und angebaut wie jetzt, sondern wild mit vielem Gehölze und Wäldern, darin viel Gewild, hohes und niederes“.

Sein ältester Sohn Heinrich, geboren 1469, ist nun der Dekan Bullinger, der Vater unsers Reformators. Da in seinem Lebenslaufe, eben weil er sich dem Priesterstande widmete, sich die verschiedenen praktischen Hauptschäden des damaligen Kirchenthums recht kräftig spiegeln, ist es für uns der Mühe werth, einige Augenblicke bei ihm zu verweilen. Mußten doch ohne anders eben auch seine Erlebnisse unter höherer Fügung dazu mitwirken, dereinst den Sohn und durch ihn den Vater den Armen der verdorbenen Kirche zu entreißen.

Um sich zum Priester zu bilden, zog er in seiner Jugend nach der damaligen für Viele so verderblichen Sitte den Schulen nach „durch Meißen, Sachsen, Thüringen, Franken und Schwaben oft in großem Mangel“. Nach der Rückkehr bestand er seine Prüfung aufs Beste, empfing die Priesterweihe und versah zunächst Helfereien und Kaplaneien zu Konstanz und Arbon am Bodensee, zu Schwyz und zu Wädensweil am Zürchersee, war bei Jedermann beliebt und ungern entlassen; „denn er war ein recht schöner, freundlicher, geschickter und dienstiger Mann“. Als er endlich nach Bremgarten zurückgekehrt war und noch einige Jahre lang sich mit einer untergeordneten Pfründe beholfen hatte, wählten ihn 1506 die Räthe der Stadt sammt der ganzen Gemeinde zum Stadtpfarrer oder Leutpriester, welches Amt er dreiundzwanzig Jahre lang bekleidete.

Was aber seine Rückkehr nach Bremgarten so lange verzögerte und uns einen tiefen Blick thun läßt in die damaligen Zustände, ist Folgendes. Bald

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nachdem er Priester geworden, nahm er Anna Wiederkehr, die hübsche, häusliche und kräftige Tochter eines wohlhabenden Müllers und Rathsgliedes zu Bremgarten, zum Weibe. Es war kein leichtsinniges oder unstetes Verhältniß, sondern ewige, eheliche Treue beidseitig von Anfang ernstlich und ehrlich versprochen; insoweit war's eine vollgültige Ehe, zumal nach römisch-katholischer Lehre fehlte keines von den wesentlichen Merkmalen dieses (angeblichen) „Sakramentes“. Eine solche Verbindung lag auch so sehr in den Sitten der damaligen Weltgeistlichkeit, daß gerade die ernsteren und reineren unter den Priestern durchgängig in ein solches gebundenes Verhältniß traten, die schlechteren dagegen der Zügellosigkeit zulieb der Ungebundenheit huldigen. Zudem kam, daß in schweizerischen Landen manche Gemeinden, um den weiblichen Theil der Gemeinde eher geborgen zu wissen, schon längst keinen Seelsorger anstellten, der sich nicht in einer derartigen bleibenden Verbindung befand, ja daß im Bisthum Konstanz eine jährliche Abgabe von vier rheinischen Gulden, die dem Bischof entrichtet wurde, jeden Weltgeistlichen aller weitern Ahndung entledigte (vgl. Christoffel, Zwingli, Abth. 2. S. 337).

Dennoch litt auch dieses für jene Zeit möglichst reine Verhältniß - bis andere bessere Zeiten kamen - an dem unseligen Widerspruche, der in der entarteten römischen Kirche zwischen ihrer unevangelischen Satzung, durch die sie den Priestern das Joch der Ehelosigkeit aufgelegt hatte, und ihrer eigenen bodenlos laxen Praxis bestand. Nicht daß hier die eheliche Treue gewankt hätte; vielmehr hielt sie allen Stürmen Stand; nie war ein ehelicher Bund fester und unverbrüchlicher.

Aber bitter war für den jungen Priester der heftige Widerspruch, auf den seine Verbindung bei dem Vater und den zwei Brüdern seines Weibes stieß. Je lieber ihnen die Tochter und Schwester war, da sie dem Vater gar trefflich haushielt, desto zorniger waren sie. Alle drei heftigen Gemüthes, mächtig an Einfluß, krieggewohnt und voll wilden Kriegsmuthes, drohten sie Bullinger zu tödten, so daß er nirgends vor ihnen sicher war. Er gerieth deshalb auch in einen schweren Rechtshandel, in welchem seine Gegner vom Bischof zu Konstanz an den Erzbischof von Mainz appellirten. Nun, was that er? Er reiste nach Mainz und führte seine Anna mit sich aus dem Lande, damit sie dem Vater und den Brüdern aus den Augen käme. Er gewann den Prozeß und konnte dann, unbeirrt von seinen Obern, unter den Augen seines Bischofs in Konstanz und den übrigen bereits genannten Orten sein Priesteramt verwalten. Doch erst als die Brüder seiner Anna in auswärtigen Kriegen umgekommen waren, wagte er die Vaterstadt wieder zu betreten.

Seine freundlichen Verhältnisse daselbst sowie seinen Haushalt schildert der Sohn (zunächst nur für seine Kinder) in folgenden Zügen:

„Der Gemeinde war er gar angenehm und lieb; denn mit Speise und Tranck, mit Ehrenschenkungen gegen die Armen, ja gegen die ganze Gemeinde war er mildreich, gab große Almosen, so daß er von männiglich Ruhm und

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gar guten Namen hatte. Gegen die Reichen war er ganz freigebig und gastfrei. Sein Haus stand Jedermann offen, so daß es hieß, er halte Hof wie ein gewaltiger Herr. So war auch meine Mutter Anna gar geschickt mit Haushalten, Kochen und Rüsten, und hatte Lust und Freude, der Welt Ehre und Gutes zu erweisen. Den kranken Leuten in der Stadt that sie mit Kochen, Schicken und Besuchen viel Gutes. Viel vornehme Ehrenleute, auch die Gesandten der Eidgenossen, wann sie gen Baden oder anderswohin durch Bremgarten auf die Tagsatzungen ritten, kehrten bei ihm an. Er lud auch gern fremde Ehrenleute und führte sie mit sich heim. - Dieß gewahrten die Gewaltigen der Eidgenossenschaft gar wohl an ihm, hatten ihn lieb und werth und in Ehren, so daß er viel in der Eidgenossenschaft galt. Der Bischof von Konstanz, bei dem er viel vermochte, liebte ihn auch voraus, und wann er nach Mersburg oder Konstanz kam, ward er gar schön empfangen, gar wohl und ehrenvoll vom Bischof und den Seinigen gehalten“.

„Sein Amt in der Kirche und daneben, besonders mit Predigen, richtete er gar treulich aus, ward von der Gemeinde sehr gern gehört, so daß er deshalb allen Ruhm hatte und seinethalben keine Klage war. Was er aber für übrige Zeit hatte, die gebrauchte er zum Waidwerk mit dem hohen und niedern Gewild, Vögeln und Fischen, in dem Allem er einen besondern Ruhm hatte. Seine Jagdgefährten waren Junker Hans von Seengen, Junker Hans-Krieg von Bellikon, die Segesser von Mellingen, der Abt von Muri und viele Ehrenbürger von Zürich. Er verwandte große Kosten darauf, hielt acht bis zwölf Hunde von allerlei Art, Farbe und Größe, da er zu jeder Zeit des Jahres das Waidwerk trieb, das gerade im Gang war. Was er fing, verschenkte er meistentheils, sagte allezeit: „es freue ihn baß (besser) zu fangen, denn zu essen“, hielt dabei viel Ehrengastung. Dem Bischof von Konstantz und andern Herren machte er besonders viele Geschenke mit dem alleredelsten Geflügel, wovon er auch etliches, sowie einige Hunde ins Mailändische verkaufte. - Seine Söhne unterstützte er willig nach allem seinem Vermögen, daß sie bei den Studien bleiben und auf den Schulen lernen könnten. Er sagte allezeit, die Kosten reuen ihn nicht, wenn sie nur etwas lernen.“

Was aber an dem Manne war, wie viele kerngesunde Kraft in ihm verborgen lag, sollte erst unter schwereren Proben zu Tage treten. Zunächst gab Anlaß dazu das Auftreten des Ablaßkrämers Samson, der mit unglaublicher Schamlosigkeit ganz ähnlich wie Tezel in Deutschland wo möglich diesen noch an krasser Frechheit überbietend, nicht bloß für begangene, sondern sogar für künftige Sünden Ablaß feil bot und, obgleich beflissen den innigsten Eifer für der Eidgenossen Seelenheil zur Schau zu tragen, doch durch allzu offenkundige Geldgier vielfach das Gefühl des Volkes verletzte. Nachdem er die Kantone Uri, Schwyz, Zug, Luzern, Unterwalden und Bern mit immer zunehmendem Gepränge durchzogen und ausgesogen, kam er zu Ende Februar 1519 von Baden, wo ihm kraft seiner Gewandtheit Alles nach Wunsch gelungen

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war, nach Bremgarten, und hoffte hier um so mehr auf gute Beute, da er den Schultheiß Honegger und den Prediger Niklaus Christen schon in Baden völlig für sich gewonnen und von ihnen das Versprechen erlangt hatte, ihm in Bremgarten die Kirche zu öffnen. Allein der Dekan Bullinger widersetzte sich mit unerschütterlicher Standhaftigkeit, an der sowohl die Süßigkeit als die Derbheit des Römlings wie an einem Felsen abprallte. Der Dekan stützte sich mit vollem Rechte darauf: Samsons Vollmachtschreiben sei nicht vom Bischof von Konstanz genehmigt; ihm, dem Pfarrer, und keinem Andern stehe es zu, die Kirche dem Ablaßkram zu öffnen oder nicht, er werde nie zugeben, daß man seine ihm anvertraute Gemeinde mit unkräftigen Briefen um das Jhrige bringe.

Samson versetzte (laut Bullingers Chronik): Päbstliche Heiligkeit ist über bischöfliche Würde. Darum gebiete ich dir, in höchster Kraft, daß du die große Gnade deinem Volk nicht abwendest.

Der Dekan: Herr, ich werde das nicht thun; ich will von euch sammt euren Briefen und Ablaß in meiner Kirche nichts wissen, und sollt' es mich mein Leben kosten!

Samson, glühend vor Zorn: Dieweil du, Bestie, dich so freventlich dem heiligen Stuhl zu Rom widersetzest und dich auflehnst wider deine ordentliche Obrigkeit, so thue ich dich in höchsten Bann. Du sollst auch deß nicht entledigt werden, du habest denn zuvor dreihundert Dukaten zu rechter Buße deines unerhörten Frevels baar bezahlt.

Der Dekan drehte ihm den Rücken und gab zur Antwort: Jch getraue mich, was ich gethan, wohl und ehrlich an den Orten, wo es sich gebührt, zu verantworten. Darum frag' ich dir und deinem Banne nichts nach.

Samson: Jch sage dir, du freche Bestie, nächstens reise ich nach Zürich und will dich dort vor den versammelten Eidgenossen verklagen; denn größere Schmach und Verachtung wie von dir, du Bestie, ist mir in der ganzen Eidgenossenschaft und überall nie widerfahren!

Der Dekan: Jch darf auch vor meine Herren, die Eidgenossen, kommen, und dort vor ihnen wirst du mich gewiß finden!

So war Bullingers Vater. - Die Sache nahm übrigens für ihn einen glücklichen Ausgang, da in Zürich, wo eben damals die Abgeordneten der Eidgenossen beisammen waren, sich Alles wider den Ablaßkrämer vereinigte. Zwingli, obgleich erst zwei Monate in Zürich, hatte bereits kräftig gegen ihn gepredigt; der Bischof von Konstanz und sein allvermögender Vikar Faber, ungehalten darüber, daß Samson seine Vollmachten ihm nicht vorgewiesen und die betreffende Gebühr nicht entrichtet hatte, wirkte ebenfalls gegen ihn. Kurz, die Tagsatzung entschied sich wider ihn; sofort mußte er den Dekan Bullinger unentgeldlich vom Banne lossprechen und alsdann die Schweiz verlassen; er durfte noch froh sein, seinen schweren dreispännigen Geldwagen mit sich über die Alpen wegführen zu können.

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Wir werden später sehen, wie der Dekan Bullinger, damals noch weit entfernt von Rom oder von seinem Bischof sich loszusagen, unter Gottes Gnade zu einer köstlichen Garbe heran reifte. Hier sind noch seine Kinder zu erwähnen.

Von fünf Söhnen starben zwei in früher Kindheit; die übrigen waren: Johannes, Hans Bernhard und unser Heinrich. Johannes, geboren 1496, ward Priester, erlangte 1521 eine Kaplanei in Bremgarten, ward Pfarrer in Uri; muthig und heitern Wesens, ein großer Liebhaber der Jagd und der Waffen, zog er fröhlichen Muthes mit den Urnern als ihr Feldpriester ins Mailändische, kam aber 1527 ausgeplündert und übel zugerichtet nach Hause. Er hatte nun die Lust an Söldnerkriegen und am Pabstthum, die damals in der Schweiz aufs engste zusammenhingen, gleicher Maßen verloren. Er studirte sodann in Zürich einige Jahre lang, wurde Pfarrer in Birmenstorf, dann zu Rohrdorf in der Grafschaft Baden. Jm Jahre 1531 nach der unglücklichen Kappelerschlacht verlor er durch feindliche Ueberfälle all sein Hab und Gut, mußte sich flüchten und ward 1532 Pfarrer in Ottenbach. Da er an einem Schenkel „presthaft“ wurde, verordnete man ihn um mehrerer Ruhe willen 1557 zum Prediger nach Kappel; hier beschloß dieser etwas derbe Mann sein bewegtes Leben 1570.

Der zweite Sohn Hans Bernhard war seines Vaters Hauskreuz. Er ward aus eigener Wahl Schuster, lernte sein Handwerk trefflich, hielt sich erst fleißig, unterlag aber den für aufwachsende Schweizerjünglinge damals so furchtbar schweren Versuchungen zum leichten, üppigen Kriegerleben. „Der Arbeit überdrüßig zog er in den Rheinlanden und in der Schweiz umher, machte auf den Vater große Schulden, spielte große Spiele, nahm zwei Weiber, trieb großen Muthwillen, ward deshalb vom Vater hart bestraft, aber ohne alle Frucht, denn er rauh und boshaft war und sich gar nichts draus machte. Er fuhr hinaus ins Reich, hinab gen Köln, zog mit den Landsknechten in die Picardie, drauf nach Jtalien, von da nach Wien, und als der Türke Wien belagerte, 1529, kam er daselbst um. Das zeigten dem Vater zwei Landsknechte an; denen gab er ein gut Botenbrot.“ Von diesem Hans Bernhard sagte der Vater manchmal, daß ihm der Sohn schweren Kummer mache; „doch wie mehrtheils in allen Geschlechtern Schandflecken gefunden werden, so sei dieser elende Mensch der Bullinger Schandfleck gewesen und also demüthige Gott ein jedes Geschlecht, damit es sich nicht überhebe, sondern in der Demuth bleibe und andere Leute nicht bespöttle, auf daß man ihm nicht auch sein Gebrechen hervorziehe und ihm sage, was er nicht gerne hören möge.“

Doch der jüngste Sohn, Heinrich, sollte dem Vater diesen Kummer reichlich ersetzen und sein Geschlecht zu höherer Ehre bringen, als es je zuvor genossen. - Durchlaufen wir vorerst in Kürze die Tage seiner Kindheit.

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2. Die Kindheit.

Schon in frühen Tagen waltete über ihm Gottes bewahrende Huld, welche dieses Kind seiner Kirche zum Segen erhalten wollte. Jst es ja der Christen Vorrecht, auch im Kleinen das große Walten Gottes zu erkennen, so darf wohl auch dieß hier Erwähnung finden. Zweimal wurde er aus augenscheinlichster Todesgefahr errettet, gleichsam aus dem Rachen des Todes. Einmal nämlich ward er als Kind von der Pest so hart mitgenommen, daß man ihn bereits für todt hielt und schon das Leichenbegleit sich versammelt hatte; da kehrte plötzlich das Leben wieder gegen alle Erwartung, zum freudigsten Erstaunen Aller. Nicht lange nachher fiel er im Laufe zu Boden und stürzte so heftig auf eine Pfeife, die er in der Hand hielt, daß das Blut wie aus einer Röhre aus dem Halse hervorquoll, und er wegen Anschwellen des Halses fünf volle Tage weder Speise noch Trank genießen konnte. Jedermann verzweifelte völlig an seinem Aufkommen; dennoch erholte er sich durch Gottes Gnade. Einstmals führte ihn ein Landstreicher mit sich fort; glücklicher Weise traf er Leute an, die ihn kannten; diese entrissen ihn dem Entführer und brachten ihn wieder den Seinen. Welch ein verhängnißvolles Antreffen - für seinen ganzen weitern Lebensgang.

Rasch entwickelten sich seine Geisteskräfte unter der Pflege des rüstigen Vaters, der besonnenen Mutter und einer geistesfrischen Großmutter, die vor ihren übrigen Enkeln ihn vorzüglich liebte und ihm gerne aus ihrem langen, von Kriegsereignissen reichlich durchwogten Leben erzählte. Schon im dritten Jahre konnte er ganz verständlich reden, wußte auch das heil. Unservater und die zwölf Artikel des christlichen Glaubens auswendig. Oft schlich er sich in die leere Kirche und hob an mit seiner lieblichen Stimme von der Kanzel herab zu predigen: „Jch glaube usw.“ Vom fünften bis zum zwölften Lebensjahre besuchte er die Schule zu Bremgarten, die jedoch kaum für die ersten Anfänge ausreichen konnte.

Nun aber, wohin sollte der Vater sich wenden für seine weitere Vorbildung zum geistlichen Amte, für das was wir jetzt Gymnasialbildung nennen? Zu den größten Uebeln, die seit langer Zeit der Kirche anhafteten, am Seelenheil der christlichen Völker zehrten, Tausende ins Verderben führten und das Bedürfniß einer Reformation längst fühlbar machten, gehörte der Mangel an geeigneten Schulen und an Schulzucht, die sittliche Erschlaffung, ja die entsetzliche Verwilderung, die auch hierin durchweg herrschte. Eine nur einigermaßen bessere Schule war damals etwas Seltenes, Zufälliges und meistens von gar kurzer Dauer. Jnsgemein hatten eben die Lehrer die Gewohnheit, nach einem Aufenthalte von wenigen Monaten aus einer Stadt in die andere zu ziehen, um neue Schüler zu bekommen und ihr Auskommen besser zu finden. Daher sah man Schwärme von jungen Schülern, Schützen genannt, begleitet und verleitet von ältern, die bezeichnend genug Bacchanten hießen, durch alle

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deutschen Lande hin und her ziehen, bald üppig prassend, bald in Hunger und Mangel oft Monate lang herum schweifen, ehe sie an irgend einem Orte sich niederließen um da die Schule zu besuchen. Gefiel es ihnen daselbst nicht, kam ihnen etwa ein Rest von Schulzucht in den Weg, so brachen sie schaarenweise auf, bettelten sich von Dorf zu Dorf, durch Stadt und Land wieder weiter, schlugen hinter Zäunen und Wäldern ihre Lagerstätte auf, schickten die Jüngern unter ihnen auf den Bettel, ja selbst auf Diebstahl aus und verzehrten nach Zigeunerweise die zusammengebrachte Beute. Wie hätte dabei ernstes Lernen gedeihen können!

Wie nun? Sollte der Dekan Bullinger seinen zwölfjährigen Knaben in diese ihm selbst aus eigener Erfahrung allzuwohl bekannte, unfruchtbare Lasterschule hineinwerfen, aus der kaum Einer ohne Schaden zurück kam, Keiner ohne Verlust wichtiger Lebensjahre? Nein. Lieber entschloß sich ein so herzhafter Mann, den Sohn weit in die Ferne zu senden, ob auch dem Mutterherzen ein wenig davor bangen mochte, wenn er nur eine Stätte auffinden konnte, wo's um die Schule anders und besser stand.

3. Die Schule zu Emmerich; die Brüderschaft des gemeinsamen Lebens.

So sehen wir nun den zwölfjährigen Knaben Heinrich Bullinger im Jahre 1516 am 11. Juni zum ersten Male das elterliche Haus, die liebe Vaterstadt und die heimathlichen Gauen verlassen, zu Schiffe steigen und auf dem Rheinstrom hinunter reisen an mancher prangenden Stadt vorüber, durch die reizenden Gegenden des Rheingaus, an zahllosen Weinbergen, Dörfern und Burgen vorbei, hinaus in die weite Fläche des Niederrheins, ja bis an die nordwestliche Grenze Deutschlands, nach Emmerich (im Herzogthum Cleve), der letzten deutschen Stadt gegen die Niederlande hin. Hier langte der junge Bullinger am 4. Juli wohlbehalten an.

Aber warum denn Emmerich? Eben wegen der nahen Berührung und Gemeinschaft mit den Niederlanden. Denn hier war die Schule (auf der Stufe des Gymnasiums) eine andere und bessere geworden; hierher war von den Niederlanden aus theils für kirchliche Zwecke, theils namentlich für bessere Schulbildung namhafte Hülfe gekommen durch einen freien christlichen Verein, genannt die Brüder des gemeinsamen Lebens, die es wohl verdienen, daß wir einige Augenblicke bei ihnen verweilen. Fromme Männer von wahrhaft christlichem Sinne, theils Geistliche, theils Laien, denen das schreckliche Verderben der Kirche zu Herzen ging, die alle die Gebrechen des damaligen Klosterlebens wohl erkannten und schmerzlich empfanden, insbesondere die Ueppigkeit, den Müssiggang und die Selbstsucht der Betheiligten, die aber immerhin die gewaltige Macht zu schätzen wußten, welche der Vereinigung verliehen ist in kirchlichen Dingen, hatten seit mehr als hundert Jahren einen

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freien, nicht klösterlichen Verband geschlossen zur gegenseitigen Förderung in der Gottseligkeit durch christlich frommes Zusammenleben, zur Erbauung des Volkes zumal in der Landessprache, zur gemeinsamen Arbeit und Emsigkeit in helfender und dienender Liebe, namentlich aber zur leiblichen und geistlichen Unterstützung künftiger Kleriker, zur Heranbildung einer neuen, besseren Geistlichkeit. Während der Zeit ihrer Blüthe waltete ein stiller, milder, köstlicher Geist in dieser Gemeinschaft, ein warmer Hauch evangelischen Lebensgeistes. Noch lebt ein Zeugniß davon unter uns; es ist das wunderbar anziehende Buch von der Nachfolge Christi, als dessen Verfasser insgemein Thomas von Kempen bezeichnet wird; einer der Geistlichen unter den Brüdern des gemeinsamen Lebens, - ein Buch, das, zunächst diesem engen Kreise geweiht, schon seit Jahrhunderten zahlreiche Glieder verschiedener Konfessionen aus der äußern Kirchengemeinschaft ins innere Heiligthum lebendiger Gottesgemeinschaft geführt, in die Sprachen so vieler Völker übertragen, wie außer der Bibel kein anderes Buch, sich den Weg durch die Welt gebahnt hat und obwohl einer Zeit der Dämmerung entsprungen, doch seiner Jnnigkeit wegen wohl noch Jahrhunderte lang sich behaupten wird.

Unter der Hand von Männern solcher Gesinnung verlebte nun in Emmerich der junge Heinrich Bullinger drei seiner wichtigsten Jahre, in denen ja meist, besonders bei aufgeweckteren Geistern, dem Charakter sein unauslöschliches Gepräge zu Theil wird.

Jn mehr als zwanzig Städten der Niederlande und dann auch in mancher Stadt des nördlichen Deutschlands waren nämlich allmälig von Seiten dieses Vereines Bruderhäuser gegründet worden, und jedesmal entstand, entweder im Bruderhause selbst, oder davon abgesondert, wie es in Emmerich, dem Vororte des deutschen Theiles der Brüderschaft, der Fall war, eine stark besuchte und in ihrem dauernden Bestehen gesicherte Schule, da die Brüder den Schülern ermöglichten fast kostenfrei zu leben und zu lernen und dadurch auch den Lehrern die Sicherheit gewährten, stets eine ansehnliche Zahl von Schülern um sich zu haben. Eine Reihe ausgezeichneter Männer, in den Niederlanden, am Rhein u.s.w., welche später ganz verschiedenen Richtungen sich hingaben, erhielt in diesen Anstalten ihre Vorbildung.

Den ersten Unterricht hier in Emmerich erhielt unser Bullinger zu Hause durch seinen acht Jahre älteren Bruder Johannes, den er hier antraf, der zuvor schon zu Rottweil, Bern und Heidelberg auf Schulen gewesen, dessen ungestümes Temperament aber ohne anders gerade eine solche Zucht bedurfte, wie sie hier vorhanden war. Rücksichtlich des Unterrichts handelte sich's vor Allem um völlige Aneignung der damals alle Gelehrsamkeit beherrschenden lateinischen Sprache. Jn der Schule lernte und übte man die Grammatik ein nach den besten Schulbüchern jener Zeit, außerdem hatten die Schüler täglich schriftliche Aufgaben zu Hause zu lösen. Dann wurden Briefe des Plinius, Cicero und Hieronymus behandelt, von Dichtern Einiges aus Virgil, Horaz

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und dem in unseren Tagen weniger bekannten Battista von Mantua.[1] Wöchentlich hatten die Schüler größere Aufsätze, namentlich von ihnen selbst verfaßte Briefe zu liefern. Sie durften nur Latein sprechen; eine strenge Schuldisziplin wurde gehandhabt, welche Bullinger auch in spätern Jahren noch oft rühmte; die Religionsübungen verrichtete man mit größter Pünktlichkeit.

So gut sagte übrigens unserem Bullinger diese Strenge zu, so ganz und gar waren, wie er uns selbst sagt, seine Augen damals noch umnachtet, daß er sich vornahm, nach etlichen Jahren gerade in den strengsten Orden zu treten, nämlich Karthäuser zu werden, wie denn freilich die Anstalten der Brüder mitunter Pflanzstätten für die Orden der Bettelmönche galten. Jndeß ermahnte ihn sein Bruder, er solle doch ja einen solchen Schritt nicht unbesonnen thun, besonders nicht ohne die Einwilligung der Eltern, und er befolgte diesen Rath. Während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Emmerich wohnte er bei Cornelius Holländer, einem Bürger jener Stadt, den er hochachtete. Den Unterhalt gewann er wie Andere durch Singen vor den Hausthüren; der Vater bezahlte für ihn während dieser drei Jahre bloß 33 Gulden und kleidete ihn zweimal, nicht aus Armuth, auch nicht aus Kargheit, sondern weil er wollte, daß der Sohn aus eigener Erfahrung lerne, was Armuth sei, und alsdann sein ganzes Leben hindurch gegen Dürftige sich desto barmherziger erzeige. Und diesen Zweck erreichte der Vater auch völlig. Was der Sohn überhaupt unter den Brüdern sah von werkthätiger Liebe, konnte eben diesem Zwecke nur förderlich sein.

Noch in zweifacher Beziehung ist es uns auffallend, wie das Wesen der Brüder in unserm Bullinger sich wiederspiegelt, sei's aus natürlicher Anlage, sei's durch ihren Einfluß. Einerseits nämlich war es Grundsatz der Brüder, ihre Angehörigen nie unbeschäftigt zu lassen, nie dem verderblichen Müssiggang Raum zu gestatten, sondern sie in steter Arbeitsamkeit zu erhalten, wie denn wohl auch deshalb gerade das Brüderhaus zu Emmerich den freundlichen Namen „der Bienenkorb“ erhalten hatte. Die Arbeitslust und

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Arbeitskraft, die stete Emsigkeit durchs ganze Leben bis ins Greisenalter wird uns aber gerade an Bullinger in ganz vorzüglichem Maße entgegentreten. Anderseits veranlaßten die Brüder die Jhrigen hinwieder zu steter Selbstbetrachtung, und auch darin erscheint er uns wie ihr treuer Schüler; denn eben die fortgehende Verständigung über sich selbst, die Vorliebe fürs Sammeln, Bewahren und Ordnen alles dessen, was das eigne Leben angeht und damit zusammenhängt, die klare Anschauung der eigenen Lebenslage, die, wie wir sehen werden, in den entscheidenden Wendepunkten seines Lebens ihm mächtig durchhalf, gehört ebenfalls zu dem, was wir bei unserm Bullinger in seltenem Maße antreffen.

Jm Februar 1519 besuchte er mit seinem Bruder den Vater in Bremgarten. Jm März aber, also kurz nach des Vaters heldenmüthiger Zurückweisung Samsons, reisten beide Brüder wieder zusammen rheinabwärts. Johann blieb in Köln, Heinrich vollendete noch seinen Schulkurs in Emmerich. Jm Juli 1519 nahm er Abschied von seinen Lehrern Kaspar von Glogau, Peter von Cochem an der Mosel und Johann Aelius von Münster, sowie von seinen Freunden Eberhard von Jülich und Hermann von Meurs, und bezog sammt Michael Wüst, seinem Vetter und steten Studiengenossen, die Hochschule zu Köln.

4. Die Hochschule zu Köln.

Wunderbar genug sind die Wege des Herrn, auf denen er die Seinen führt zu dem von ihm bestimmten Ziele. Denn wohl können wir in Bullingers Aufenthalt zu Emmerich eine heilsame Berührung mit der niederländischen Frömmigkeit erkennen, gleichsam ein Anzeichen und Vorspiel der Gemeinschaft, die in der Folgezeit erst weit stärker und bedeutender werden sollte, wie denn Bullinger selbst im Falle war, in späteren Jahren mit reichlichen Gaben das dort Empfangene zu erwiedern. Daß aber Köln die rechte Geburtsstätte werden sollte für das innere Leben eines der schweizerischen Reformatoren, wer hätte das ahnen dürfen? Denn das stolze Köln, jene prachtvolle erzbischöfliche Stadt, die, gleichsam als deutsches Rom, mit ihren zahllosen Kirchen in weitem Halbrund glänzend sich hinstreckt am Rheinstrom, hatte ja eben damals in einem weltberühmten Streite sich überaus feindselig erwiesen gegen die aufblühende Wissenschaft und sollte alsbald als ein Hauptsitz finstern Grimmes sich zeigen in dem größeren Kampfe wider das neu erwachende Glaubensleben. Gerade die hohe Schule daselbst, voraus die bei ihr allvermögenden Predigermönche thaten sich in Feindseligkeit gegen die Gotteskraft des aufleuchtenden Evangeliums über die Maßen hervor. Und doch mußte das Alles unserem von Gott ausersehenen Werkzeuge nur dazu dienen, daß sein evangelisches Glauben und Leben desto mehr ein selbst errungenes und

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selbständig von oben empfangenes werde. Doch, achten wir vorerst auf das zusammentreffende Einzelne.

Zunächst hatte der fünfzehnjährige Bullinger, nachdem er ins Album der Hochschule eingetragen und in eine der vorbereitenden Anstalten, Bursa Montis genannt, aufgenommen worden, sich mit der Weltweisheit, insbesondere der Denklehre (Logik) zu befassen, die freilich in ihrer damaligen dürren und abgelebten Gestalt einem gesunden, regsamen Geiste wenig Anziehendes darbot, aber zum weitern Fortschreiten unerläßlich war und immerhin dem Schüler wider allerlei Blendwerk und trügerische Fechterkünste redefertiger Gegner einige Waffen zu reichen vermochte. Daher widmete unser Bullinger sich ihr, wiewohl sie ihn anwiderte, doch mit solchem Fleiße, daß er schon im folgenden Jahre ruhmvoll seine Prüfung bestand und (im Oktober 1520) den untersten akademischen Grad, den Rang eines Baccalaureus erlangte. Doch sehnte er sich mit gleichgestimmten Freunden nach frischerer Geistesnahrung und fand sie durch ein tieferes Studium der Alten vornehmlich der lateinischen Klassiker unter der freundlichen und treuen Leitung trefflicher Männer, namentlich des Matthäus Frischheim (Phryssemius), Johann Sobius, Arnold von Wesel und Johann Cäsarius (de Keysere), von denen mehrere mit den Bründern des gemeinsamen Lebens in Verbindung standen, der letztere auch später noch mit Bullinger in vertrautem Briefwechsel blieb und selbst im höchsten Alter mit wahrer Herzensfreude die theologischen Schriften seines ehemaligen Zöglings begrüßte und studierte.[2] Zu Hause las Bullinger mit unausgesetztem Fleiße Quintilian, Gellius, Macrobius, Plinius, Solinus, Mela, Justinus und Homer, auch Manches von Erasmus. So fröhlich trieb er diese Studien, daß er das große, damals über Alles geschätzte Heldengedicht Virgils, die Aeneide (9900 Verszeilen) seinem leichtfassenden Gedächtniß einprägte. Daneben übte er sich unermüdet, wie er schon auf der Schule zu Emmerich sich gewähnt hatte, in schriftlichen Aufsätzen, verfaßte Briefe, Reden, Gespräche, Erzählungen, schrieb auch Uebersetzungen. So haben wir noch ein Bruckstück einer lateinischen Rede über den Grundgedanken: „Fliehet die Lüste!“, das von seinem feurigen Eifer für das Edle und Reine, seinem lebendigen Widerwillen gegen alle Unlauterkeit, von dem er schon damals erfaßt war, wie von seiner Belesenheit ein rühmliches Zeugniß darbietet. Seine Begeisterung für das neu erregte wissenschaftliche Leben (welches eben in Köln damals feindlichen Angriffen ausgesetzt war) trieb ihn auch zur Abfassung von Streitschriften wider ihre Gegner in Gesprächform; doch blieben sie, als bloße Versuche eines Studierenden, im Kreise seiner Freunde.

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Nun aber kam für ihn die Zeit des theologischen Studiums und da sollte allmälig seiner Seele ein anderes und helleres Licht aufgehen. Gerade um jene Zeit (ums Jahr 1520) fing man an, wie Bullinger selbst uns erzählt, in allen Kreisen, auch in Köln heftig zu streiten für und wider Luther, dessen Schriften eben jetzt von den Universitäten zu Löwen und Köln für ketzerisch erklärt und öffentlich verbrannt wurden. „Jch, sagt Bullinger, war damals der papistischen Lehre eben so unkundig wie der lutherischen. Daher wandte ich mich an einen in der päbstlichen Lehre wohlerfahrenen Mann und fragte ihn um Rath, was ich lesen sollte, da ich doch gern mit der Zeit möchte Priester werden und ein Verlangen hätte, die ächte, immer und überall gültige christliche Lehre nach Form und Jnhalt gründlich kennen zu lernen. Dieser rieth mir den Petrus Lombardus an,“ eine Sammlung von Aussprüchen der Kirchenväter über die verschiedenen Punkte der christlichen Lehre. Bullinger las nun voll Lernbegierde diese Sammlung, die, verfaßt im zwölften Jahrhundert, jener Zeit, da die Pabstmacht auf ihren Höhepunkt stieg, seit mehr als dreihundert Jahren das gewöhnliche Lehrbuch der Theologie-Studierenden war. Er las dazu noch das damals in höchstem Ansehen stehende päbstliche Rechtsbuch, auf das man sich bei den Streitigkeiten zwischen Luther und den päbstlich Gesinnten von Seiten der letztern immer berief, Gratians Sammlung kirchlicher Dekrete, ebenfalls aus dem zwölften Jahrhundert, welche für alle päbstlichen Ansprüche den Rechtsboden bildete und willkommene Stützen darbot.

„Jch sah nun, erzählt Bullinger weiter, daß diese beiden Schriftsteller, sowohl Petrus Lombardus als Gratian sich in Allem auf die frühern Kirchenlehrer, die Kirchenväter, beriefen, Alles von diesen hernahmen, und beschloß daher, auch die Schriften der Kirchenväter mir anzusehen. Es gibt aber zu Köln im Dominikanerkloster eine ansehnliche Bibliothek, voll guter und schlechter Bücher, theils kirchlichen, theils weltlichen Jnhalts. Jn dieser Bibliothek hatte ich freien Zutritt, so oft ich wollte, hauptsächlich durch die Vermittlung eines mir befreundeten Landsmannes, des Dominikanermönchs Georg Diener aus Elgg im Kanton Zürich, welcher späterhin zum Provinzialvorstand seines Ordens erhoben wurde.

Zuerst kommt mir da in die Hände ein Werk des Chrysostomus, seine Predigten über das Evangelium St. Matthäi. Jch lese, und bemerke einen auffallenden Unterschied zwischen der Behandlung der christlichen Wahrheiten bei den ältern Kirchenlehrern und hinwieder bei denen aus der Zeit der päbstlichen Herrschaft, einem Petrus Lombardus und Gratian. Dasselbe bestätigt sich mir, da ich Einiges von Ambrosius, Origenes und Augustin durchlese.[3]“ Nunmehr schlug Bullinger auch des vielgeschmähten Luthers Schriften auf, namentlich die von der babylonischen Gefangenschaft (erschienen

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1520), von der Freiheit eines Christenmenschen (1520), die Erläuterung des Artikels von den guten Werken.[4] Er las sie mit größtem Eifer zu Hause insgeheim. Er war zwar noch nicht sofort im Stande über die äußerst schwierigen Lebensfragen der Zeit völlig ins Klare zu kommen, die althergebrachten irrthümlichen Lehren der bestehenden Kirche und ihre irrigen Gebräuche, die ihm von Kindheit auf als ehrwürdig dargestellt worden, zu durchschauen und sich davon loszureißen. Doch sagt er: „das bemerkte ich wohl, daß Luther den Kirchenlehrern der ersten christlichen Jahrhunderte weit näher komme als die schulmäßigen Theologen (Scholastiker), ferner bemerkte ich ebenfalls, daß wie die Scholastiker auf die Aussprüche der Kirchenväter, so diese auf die Autorität der heiligen Schriften des alten und neuen Testamentes sich stützen.[5] Daher verschaffte ich mir ein neues Testament, las das Evangelium St. Matthäi und was der Kirchenvater Hieronymus (im vierten Jahrhundert, der bei den Brüdern des gemeinsamen Lebens besonders viel galt) darüber geschrieben hat; ich fuhr fort auf dieselbe Weise mich mit den übrigen Schriften des neuen Testamentes bekannt zu machen, und jetzt erst gab ich den Plan auf, mit dem ich mich immer noch getragen hatte, Karthäuser zu werden, ja ich faßte nun allmälig einen Widerwillen gegen die ganze papistische Jrrlehre und fing an mich mit Entrüstung davon abzuwenden. Da fielen mir die soeben herausgekommenen Hauptpunkte der christlichen Lehre (Loci communes) von Melanchthon (dem treuen Mitarbeiter Luthers) in die Hände; die las ich mit höchstem Vergnügen; ich war ganz entzückt davon. Nun widmete ich mich vollends aus allen Kräften und mit heiligem Ernste vornehmlich dem Studium der Bibel. Solches ging in mir vor und das war meine Arbeit bei Tag und Nacht in den Jahren 1521 und 1522.“

So einfach und natürlich erzählt uns Bullinger seinen innern Entwicklungsgang, den er rücksichtlich seiner theologischen Studien, seiner religiösen Ueberzeugung und seiner kirchlichen Gesinnung durchmachte in dieser entscheidenden Zeit seines Lebens. So fingen bei ihm die Nebel der päbstlichen Lehre an sich zu heben und dem aufgehenden Lichte der evangelischen Wahrheit zu weichen. Er war nun ein Bibelfreund und im Grunde der Seele Protestant geworden. - Auf diese seine innere Entwicklung mußte hier etwas näher eingetreten werden um der Wichtigkeit dieses Wendepunktes willen; auch

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ist insbesondere noch darauf hinzuweisen, wie einflußreich die Art und Weise dieser Umgestaltung seiner Gesinnungen für sein ganzes übriges Leben wurde, indem sie seiner weiterhin sich bewährenden Entschlossenheit und Festigkeit zu stärkster Unterlage dienen mußte. Eben derselbe Weg aber, der für ihn der rechte war, der Weg des allmäligen Zurückgehens, den wir unsern Bullinger in seltener Vollständigkeit und Gründlichkeit zurücklegen sehen, möchte wohl jeweilen für Manche, namentlich für geistig Begabte und von Forschungstrieb Beseelte der rechte, gottgewollte Weg sein zur Errettung aus Roms Banden und zur Einführung in die evangelische Gemeinschaft oder Gesinnung. Scheint es doch, daß der römischen Kirche überhaupt eben auf diesem Wege des Zurückgehens auf eigene bessere Zustände früherer Tage und deren Wiedererfassung am ehesten noch möchte geholfen werden aus ihrer Verdunkelung.

Fassen wir das Gesagte noch in Kürze zusammen. Es ist, wie wir gesehen haben, Bullingers Uebertritt aus der römisch-päbstlichen Kirche in die evangelische Gesinnung nicht ein Sprung, sondern ein Gang, nicht etwas Plötzliches, sondern etwas Allmäliges, nicht ein leichtfertiges oder willkürliches Wegwerfen des Gegebenen, um ein dargebotenes Neues zu erhaschen, sondern ein nothgedrungenes, berechtigtes, in sich geschlossenes Zurückgehen von dem bloß Hergebrachten zu dem wahrhaft Alten, Aechten und Ursprünglichen. Es ist nicht ein Aufgeben des Zusammenhanges mit der Kirche und dem von ihr Dargebotenen, sondern ein sorgsames Bewahren und Forterhalten des Zusammenhanges mit der ächten christlichen Kirche bis in ihre früheren und frühesten Zeiten hinauf. Das energische Streben darnach führt ihn, wie er selbst es späterhin bezeichnet, von Stufe zu Stufe, von den Scholastikern nämlich, den päpstlichen Schultheologen des Mittelalters, zu den älteren Kirchenlehrern, den Kirchenvätern der ersten Jahrhunderte, und von diesen immer näher zum Lichte, bis hinauf zur lauteren Quelle der evangelischen Wahrheit, zur heiligen Schrift.

Damit war indeß die Richtschnur gefunden, die den Bruch mit der vom uralten, ächten, evangelischen Christenthum abgefallenen römischen Kirche vollenden und alles Weitere beherrschen mußte. Eben wegen dieses ruhigen geordneten Ganges seiner innern Umbildung, wegen dieses Festhaltens am Zusammenhange mit der allmäligen Entwicklung der Kirche beseelt ihn dann aber auch sein ganzes Leben hindurch vorzüglich kräftig das Bewußtsein, daß er in der Kirche steht, in der wahren, apostolischen und evangelischen Kirche Christi, nicht außer ihr, daß die evangelische Kirche, der er angehört, die ächte Kirche Jesu Christi sei, und daß der Vorwurf der Häresie (Ketzerei) vielmehr die päbstliche, römische Kirche treffe, nicht die evangelische. Deshalb ist er auch vornehmlich der Mann der Kirche im rein evangelischen Sinne und besonders geeignet und berufen an seinem Orte beizutragen zu ihrer Gestaltung, zum Aufbau und Ausbau der dem Evangelium gemäß reformirten Kirche.

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Jndeß würden wir uns täuschen, wenn wir uns einbildeten, daß diese verhältnißmäßig ruhige innere Entwicklung in Bullingers Geistesleben vor sich gegangen wäre ohne heftige innere Kämpfe für ihn mitzubringen. Namentlich lag ihm das Meßopfer, dieser Mittelpunkt des papistischen Kultus, hart an. Die ersten Zweifel an der Richtigkeit der Messe wurden in ihm aufgeregt durch die Kölner Theologen selbst, deren theologischen Schulgesprächen (Disputationen) er im Dominikaner-Kloster oft und gern zuhörte. Wie es ihm dabei zu Muthe war, wie er dabei litt in seiner Seele und sich daran zerarbeitete, vernehmen wir aus einem vertraulichen Briefe, worin er einem Freunde schreibt: „Oft quälte mich's so sehr, daß ich fast am Leben verzweifelte.“

Doch nein! Gott wollte ihn nicht versinken lassen; der gnadenvolle Erbarmer, der auf jedes seiner ringenden Kinder herniedersieht, nahm sich des kämpfenden, geängsteten Jünglings an; er führte ihm die rechten Mittel zu. „Gottes Gnade“ schloß ihm, wie er selbst bezeugt, die Wahrheit auch noch darüber auf; es war im Jahre 1521, daß ihm das rechte Licht aufging über das heilige Abendmahl nach der Einsetzung unseres Herrn Jesu Christi. So wunderbar und lieblich sind die Gnadenwege Gottes, auf denen er unsern Bullinger zum evangelischen Lichte hindurch dringen ließ.

Nun aber war es für ihn Zeit an die Heimreise zu denken. Noch nicht achtzehn Jahre alt, erhielt er nach glücklich bestandener Prüfung damaliger Sitte gemäß die Würde eines Magisters. „Auch ich, sagt er, war im Erstreben von Titeln so närrisch gleich Andern, wie's damals Brauch war.“ Jedoch bediente er sich später dieses Titels nie, da er dem eitlen Gepränge, das unter dem Pabstthum mit Titeln und Würden getrieben ward, von ganzer Seele abhold war.

Freundschaft pflog er während seines Aufenthaltes in Köln vornehmlich mit Jakob Bucher von Suhr im Aargau, Peter Homphäus von der Mosel, Leonhard Hospinian (Wirth) aus dem Toggenburg, Anton Protegensis aus Trier, Dietrich Bitter aus Wipperfürt. Die ganze Zeit wohnte er bei dem Diakon Dietrich Lysias; vom Vater erhielt er während dieser drei Jahre 118 Gulden und einmal die Kleidung. Noch ist hier eines kleinen Vorfalls zu erwähnen aus der ersten Zeit seines Kölnerlebens. Da er nämlich in Köln zum ersten Mal in seinem Leben über einige Baarschaft zu verfügen hatte, stellte er sich wiederholt mit andern Studenten bei einem Kramladen ein, um Naschwerk zu kaufen. Der Krämer aber, der fand, daß die jungen Leute das Geld ihrer Eltern unnützer Weise ausgäben, fuhr sie hart an: sie sollten's nicht mehr wagen zu ihm zu kommen; sonst würden sie sehen was er thue. Noch im Alter erinnerte sich Bullinger öfter mit Dank des gewissenhaften uneigennützigen Mannes.

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5. Das stille Jahr.

Im April 1522 langte Bullinger wieder in Bremgarten an, nachdem er fast sechs Jahre am Rhein verlebt hatte, und wurde von den Seinen aufs liebevollste empfangen. Jm väterlichen Hause, woselbst er den ganzen übrigen Theil dieses Jahres verlebte, hatte er bei dem vielfachen Verkehr die beste Gelegenheit im Vaterlande wieder recht heimisch zu werden.

Es bot sich ihm zwar eine Gelegenheit, als Lehrer angestellt zu werden; vom Abte eines Klosters auf dem Schwarzwald erging ein Ruf an ihn; er reiste hin. Als er aber das unsittliche Wesen und Leben der Mönche sah, war seines Bleibens nicht mehr; unter einem solchen Abte mochte er nicht dienen, in solch eine falsche Lebensstellung wollte er sich nicht verstricken lassen; rasch brach er auf und kehrte ohne Abschied sofort heim.

So war er nun wieder aufs stille Warten verwiesen. Wohl war's eine Zeit der Geduldübung. Wie köstlich aber für ihn, daß er noch eine längere Zeit hindurch ruhig seinen Studien obliegen, sich innerlich auf dem neu gewonnenen Standpunkte befestigen, die errungene Ueberzeugung noch tiefer begründen und weiter verarbeiten konnte. Das that er denn auch mit gewohntem angestrengtem Fleiße, las die Classiker, übte sich in Abfassung schriftlicher Aufsätze, bereicherte seine Kenntniß der älteren reineren Kirchenlehre, wie sie in den ersten Jahrhunderten, vor dem Emporkommen der Pabstmacht, gewesen war, las namentlich Schriften von Athanasius, dem Haupte der kirchlichen Rechtgläubigkeit im vierten Jahrhundert, und Vieles von Lactanz, der durch seine gefällige Schreibart wie durch edle Gesinnung sich auszeichnet. Jnsbesondere aber mußten für ihn von grossem entscheidendem Werthe sein die Werke Cyprians aus dem dritten Jahrhundert, die er ebenfalls studierte, da dieser hochangesehene Bischof der afrikanischen Kirche einerseits für die Einigkeit und innere Kraft der Kirche Alles gethan, gegen sittliche Laxheit wie gegen willkürliche und übertriebene Strenge mit heiligem Ernste und mit Erfolg geeifert und anderseits den damals schon beginnenden Anmaßungen des römischen Bischofs aufs entschiedenste und mit schlagenden Gründen sich widersetzt hatte. Wie treulich auch Cyprian sich an die Ueberlieferung anschloß, war sie ihm doch nicht die höchste Autorität, vielmehr sagt er unumwunden: „Die Gewohnheit ohne Wahrheit ist nichts als ein alter Jrrthum; nicht die Gewohnheit darf man zur Richtschnur machen, sondern die Wahrheit muß siegen!“

Doch genug an diesen wenigen Angaben, um anzudeuten, welche reichhaltigen Fundgruben unserm Bullinger sich öffneten durch vertrauteren Umgang mit den großen Männern Gottes aus den ersten christlichen Zeiten, welche noch einen reineren Zustand der Kirche gesehen hatten, näher standen der apostolischen Zeit und so ganz geflissentlich auf die heilige Schrift sich stützten, die auch ihm seines Lebens Kern und Stern geworden war. - Daneben

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freute er sich an jedem neu erscheinenden Werke Luthers, wie „von Abschaffung der Messe“, „von den Gelübden“, ferner „vom alten und neuen Gott“ u.s.w.

Wer da weiß, wie groß und schwer die Aufgabe des theologischen Studiums ist und sein muß für jeden, der als evangelischer Christ und künftiger Lehrer der Christen zu selbständiger persönlicher Ueberzeugung in Rücksicht auf die Gesammtheit christlicher Lehre gelangen will, wie viel Aneignung und Verarbeitung des Gegebenen dazu erfordert wird, und wie schwierig dies eben damals sein mußte, ehe unsere protestantische Kirche Bestand gewonnen, als Alles noch in Gährung durch einander wogte, der muß es wohl als eine besondere Wohlthat der göttlichen Vorsehung ansehen, daß unserm Bullinger nach Vollendung seiner akademischen Studien eine solche Zeit zu Theil wurde, in der er, unbeirrt von Geschäften und ungehindert von Seiten seiner Umgebung, noch weiter dieser Geistesarbeit obliegen konnte.

Wo sollte er aber überhaupt einen Platz in der Welt finden? Schwer mußte es ihm fallen eine angemessene Lebensstellung zu erlangen. Sollte er Priester werden, wozu der Vater im Einklang mit seinem eigenen Wunsche ihn seiner Zeit in die Ferne gesandt hatte, und anheben Messe zu lesen, wie selbst Zwingli, Leo Judä und alle Andern damals noch thaten; sollte er dies jetzt anfangen zu thun mit dem Pfeil im Herzen, unter der steten Anklage des Gewissens, daß er dabei wider Gott handle und wider sein heiliges Wort? Nimmermehr! Dafür war zu viel evangelisches Licht ihm schon aufgegangen. Jm Gegentheil hatte er schon angefangen den papistischen Gottesdienst zu meiden und besonders die Messe, die ihm „als irrig und gottlos“ erschien, mit tiefem Abscheu zu fliehen. Eine protestantische Kirche aber, der er seine Kräfte hätte weihen können, gab es noch nicht. - Sollte er also geschäftlos bleiben?

Doch auch dafür sorgte Gottes Huld zu rechter Zeit.

 

Zweiter Abschnitt.

Das Schulamt in Kappel. 1523-1529.

6. Bullingers Anstellung. Die Schule.

Drei Stunden von Bremgarten in südöstlicher Richtung und drei Stunden von Zürich entfernt im Züricher Gebiete, ganz nahe an der zugerischen Grenze liegt das Cisterzienserkloster Kappel, ausgezeichnet durch seine zierliche Kirche, in dem äußerst anmuthigen Thalgrunde, der vom südlichen Abhange der Albiskette sich gegen das Becken des Zugersees hin allmälig senkt, umgeben von saftig grünenden Matten, zahlreichen Obstbäumen, die mit

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reizenden kleinen Gehölzen abwechseln; nach Süden breitet sich die Thalebene aus, begrenzt von dunkel bewaldeten Vorbergen, hinter denen der Pilatus und Rigi sammt ihren Brüdern hervor ragen und darüber in weitestem Umkreise die ganze Kette der himmelanstrebenden Schneegebirge des Schweizerlandes, die in ihrer unaussprechlichen Herrlichkeit eine so wunderbar kräftige Sprache Gottes reden an fühlende Menschenherzen. (Apostg. 17, 27.)

Auch an dieser einst von sinnig frommen Herzen zum Preise Gottes geweihten Stätte war die Fluth des Verderbens hoch gestiegen, entsetzlich hoch. Doch seit einigen Jahren waltete hier als Abt Wolfgang Joner, zubenannt Rüppli, Sohn des Schultheißen in Frauenfeld, ein wackerer, ernstgesinnter, wohldenkender Mann, ein Freund der Wissenschaften, der anfing dem aufgehenden Lichte des Evangeliums sein Auge zu öffnen, der Willens war, gemäß der ursprünglichen Bestimmung der Klöster, Stätten der Bildung und des Unterrichts zu sein, seinem Kloster zu geistigem Auffschwung zu verhelfen und deshalb daselbst eine Schule zu errichten. Da er nun von den Kenntnissen und der Bescheidenheit des jungen Bullingers Rühmliches hörte, ließ er ihn zu sich kommen, unterredete sich freundlich mit ihm und berief ihn sofort zum Lehrer und Leiter an seine neu zu gründende Klosterschule. Bullinger nahm am 17. Januar 1523 den Ruf an, doch nur unter Bedingungen, die sowohl von der Klarheit zeugen, mit der er vom ersten Augenblicke an seine Stellung in Kappel zeugen, mit der er vom ersten Augenblicke an seine Stellung in Kappel erfaßte, als von der Entschiedenheit jede schiefe und darum verderbliche Lebensstellung zu vermeiden. Er behielt sich nämlich rücksichtlich der Religion völlige Freiheit vor und daß er durchaus nichts wolle zu schaffen haben mit den Klostergelübden, mit Mönchsthum, Kutte, Chorgesang, Kirchendienst und dem ganzen papistischen Aberglauben, wie er damals noch im Flor war. Jm Aeußern nämlich war eben noch nirgend eine Reformation vorgenommen worden, da Zwingli den Grundsatz festhielt, durch die Predigt des Gotteswortes müssen zuerst die Herzen erleuchtet werden, und die Zuversicht hegte, alsdann werden die Mißbräuche von selbst hinfallen und statt der unevangelischen Gebräuche der ächte und reine Gottesdienst willig eingeführt werden.

Daher wollte Bullinger überhaupt nicht gezwungen sein, am Gottesdienste Theil zu nehmen, sondern lediglich seinen Studien leben und Schule halten. Das Alles gestand ihm der Abt um so eher zu, da er selbst schon angefangen hatte, die einfache christliche Lehre, so weit er sie kannte, zu predigen, Bullinger aber in seinen übrigen Ansprüchen äußerst bescheiden war. Einen geheiligten Wandel zu führen und gut und treu zu lehren, war daher das Einzige, was der Abt von ihm verlangte. Bullinger hielt es nun so. "Jch ging in die Kirche, sagt er, betete zu Gott an irgend einem stillen Plätzchen und hörte die Predigt." Dann verließ er die Kirche.

Was seinen nächsten Wirkungskreis, die Schule, anlangt, so fehlte es ihm da nicht an Arbeit. Fünf Stunden hatte er täglich Unterricht

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zu ertheilen. Vier Stunden täglich unterrichtete er die Jüngern, namentlich die Schüler, die der Abt hiefür ins Kloster aufnahm, in der lateinischen Sprache nach den Lehrbüchern des Erasmus, ließ mündliche und schriftliche Uebungen vornehmen, erklärte Cicero, Sallust, Virgil u.s.w. Eine Stunde an jedem Vormittage hielt er theologische Vorlesungen, legte nach und nach sämmtliche Bücher des neuen Testamentes aus mit Benutzung der vorzüglichsten Auslegungen der Kirchenväter, las ferner über die "Ermunterung" und die damals hochgepriesene "Anleitung des Erasmus zum Studium der Theologie", sowie über Melanchthons "Hauptartikel der christlichen Lehre". Diesen letzten Vorträgen wohnte der Abt sammt den sämmtlichen Mönchen bei; der Abt gestattete Jedermann freien Zutritt, wer etwa aus der Umgegend z.B. aus dem benachbarten Zug sich einzufinden Lust hatte. Bullinger trug, was damals etwas ganz Neues war, in deutscher Sprache vor, um den Mönchen und den Uebrigen desto verständlicher zu werden; schriftliche Vorbereitung machte er sich gewissenhaft zur Pflicht.

Ganz im Einklang mit Zwingli's oben bezeichnetem Grundsatze drang der junge Schullehrer zu Kappel insbesondere in seinen theologischen Vorträgen sowie in mündlichen Gesprächen, zu denen er durch vielfache Fragen und Einwürfe seiner scharf prüfenden Zuhörer gedrängt ward, Tag für Tag auf eine Reformation in Lehre und Leben, und schärfte die Nothwendigkeit ihrer Aus- und Durchführung ein, indem er die lautere göttliche Wahrheit seinen Zuhörern vorhielt und sie dadurch von den Fesseln der papistischen Jrrthümer immer freier zu machen suchte. Der Abt, wiewohl ihm über einige Abirrungen bereits ein Licht aufgegangen, war in manchen Punkten noch eifrig den Satzungen der römischen Kirche zugethan, doch nicht unempfänglich für freundliche Belehrung. Wenn ihm nun Bullinger das Jrrige daran aus den heil. Schriften darlegte und aus Hieronymus oder andern Kirchenlehrern der ersten Jahrhunderte ebenfalls nachwies, wie diese die eine oder andere der päbstlichen Jrrlehren nicht theilen, so ließ er sich gerne belehren und sagte öfter: es nehme ihn selbst Wunder, daß er diese Dinge so oft gelesen und nicht eigentlich darüber nachgesonnen habe, sondern dem allgemein verbreiteten Jrrthum gefolgt sei. Ueberhaupt bildete sich zwischen dem mehr als fünfzigjährigen Abte und seinem anfangs neunzehnjährigen "Schulmeister" ein so liebliches Verhältniß, daß Letzterer davon sagt: "Er war wie ein Vater gegen mich, nicht wie ein Herr." Ein ähnliches Band der Freundschaft verknüpfte ihn mit dem Prior des Klosters, dem trefflichen Peter Simmler aus Rheinau, nachherigem Pfarrer zu Kappel, mit dessen Beihülfe er die Geschichte des Klosters lateinisch beschrieb, und ebenso mit dem sanftmüthigen Wernher Steiner, einem vornehmen Bürger und Priester in Zug, der auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem 1519 in Venedig sich eine Bibel gekauft und alsdann 1522 jene Bittschrift unterzeichnet hatte, mit welcher der ihm befreundete Zwingli nebst zehen Geistlichen sich an den Bischof

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von Konstanz wandte um Freiheit das Evangelium zu predigen und Aufhebung der gezwungenen Ehelosigkeit der Geistlichen von ihm zu begehren. Unter Bullingers Schülern war anfangs nur Einer, der zum geistlichen Stande bestimmt war, Johannes Frei (Liberianus), da die Zürcher noch argwöhnten, die Schüler möchten in Kappel zum Mönchsthum verlockt werden; dieser Eine hing aber mit ganzer Seele an seinem Lehrer und wurde späterhin sein Nachfolger in Kappel.

Doch bald sollte der Kreis seiner Befreundeten sich erweitern und zugleich seine Theilnahme am grossen Werke der Reformation eine vielfach gesteigerte werden.

Ueberdieß hatte er die Freude, unter den Mönchen des Klosters so erwünschte Erfolge seines Wirkens zu sehen und solchen Anklang zu finden, daß einzelne anfingen, in den umliegenden Dörfern das Evangelium zu verkündigen, und eine völlige Umgestaltung ihrer Sinnes- und Lebensweise sich vorbereitete.

7. Die ersten Gefahren.

Doch wie hätte in einer Zeit so gewaltigen Kampfes der Widerspruch ausbleiben können? Was in Kappel vor sich ging, fing an Aufsehen zu erregen. Besonders wurde in Zug übel vermerkt, daß einige Bürger von Zug sich oft in Kappel unter Bullingers Zuhörern einfanden. Sie wurden zu Hause als Neuerer und Ketzer ausgeschrieen. Der Abt, die Mönche und insbesondere der Schullehrer hatten deshalb viel Anfeindung von Seiten der Zuger; oft wurde das Kloster bedroht, oft kamen Einzelne in große Gefahr.

Namentlich wurde die Lage der Dinge sehr ernst, als im Juli 1524 durch die gewaltsame nächtliche Wegführung des evangelischen Pfarrers von Burg, bei Stein am Rhein, ein Auflauf entstand, wobei unbesonnener oder unvorsichtiger Weise das reiche Karthäuserkloster bei Frauenfeld in Flammen aufging. Bücher wurden verbrannt, über dem Feuer Fische gesotten, die Keller geleert, eine Monstranz zerschlagen, weßhalb sodann drei ungerecht Verurtheilte, muthige Bekenner des Evangeliums, als die ersten Märtyrer der erneuerten zürcherischen Kirche bluteten (s. Christoffel, Zwingli, Abth. 1. S. 188.). Nun legten die katholischen Orte, sonst schon wider Zürich erbittert, den Zürchern all diesen Unfug zur Last; nun drohten sie laut sich durch Einäscherung des Klosters Kappel, als des ihnen zunächst gelegenen zürcherischen, zu rächen. So heftig wurde der Streit auf der Tagsatzung zu Zug, daß Doctor Joachim von Watt (Vadian), Bürgermeister und Gesandter der Stadt St. Gallen, nur durch die Flucht auf abgelegenen Fußpfaden sein Leben rettete. Müde und durchnäßt fand der Flüchtling in Kappel, wo er Abends anlangte, die herzlichste Aufnahme, und vermochte es über sich beim trauten Freundesgespräche um Gottes willen seinen Feinden zu vergeben in Kraft des

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Evangeliums, um dessen willen sie ihn haßten. Da schlang sich um ihn und Bullinger ein Freundschaftsband, das Jahrzehnde hindurch unter den schwierigsten Kämpfen und vielfachen Sorgen beiden ihr Leben versüßte bis zum Ziele der irdischen Laufbahn. Jhre vertraulichen Briefe, die in ausnehmend großer Anzahl noch vorhanden sind, geben davon aufs lieblichste Zeugniß.

Nach etwa zehn Tagen lockte die warme Sonne unsern zwanzigjährigen Lehrer, mit etlichen Schülern in der nahen Lorze unweit Baar auf Zuger Gebiet zu baden. Plötzlich sieht er sich von mehr als zwanzig handfesten Burschen umzingelt; "Gott hielt ihre Augen, schreibt er davon, daß sie uns nicht erkannten, obgleich sie sonst uns wohl kannten." So entrann er ihren Händen. Doch größere Schaaren feindlich gesinnten jungen Volkes waren nahe, Willens, die schlimmsten Drohungen zu verwirklichen. Nur der Landsturm, auf Seiten der Zürcher rasch aufgestellt, konnte Schreckliches verhüten. So war Kappel in diesen Jahren von feindlichen Ueberfällen vielfältig bedroht und stets wieder beunruhigt.

Doch bei Alle dem, und wie mühsam sein Schulamt war, wie viel er sonst noch bald zu schaffen bekam, wie niedrig dabei seine Besoldung stand, da er außer Wohnung und Unterhalt nichts sich ausbedungen hatte, war es die glücklichste Zeit seines Lebens; er genoß so ganz in befreundeter Umgebung die Freude des ersten Wirkens - ohnehin jederzeit etwas so Liebliches und Unergeßliches - und dies zudem noch in den bewegten Tagen eines allumfassenden Weltkampfes, der die Gemüther bis in ihre tiefsten Tiefen erregte.

Bullinger äußerte sich später, wenn auch rüstig und fröhlich im mühevollsten Arbeitsleben, öfter: Nie sei's ihm wohler gewesen, als in Kappel. "Hier geht mir's ganz gut, schreibt er eben so einem Universitätsfreunde nach Köln; ich wohne hier in einem reichen Kloster, umgeben von blumigen Wiesen und Wäldchen, aus denen der Vögel Gesang gar lieblich ertönt, und habe da alle Gelegenheit sowohl theologische, als sprachwissenschaftliche Vorträge zu halten." Nach Aufzählung der bisher erklärten Schriften fährt er fort: "Deshalb bin ich aber durch gewisse Rathsbeschlüsse unserer Eidgenossen, wenngleich nur insgeheim, geächtet, so daß ich ganz am Kreuze Christi hange und mich nicht erkühnen darf, auch nur einen Halm breit über die Grenze des Zürcher Gebiets hinaus zu gehen, wenn ich nicht dem Tode durchs Schwert oder Feuer mein Leben will aussetzen. Doch ist's mir ganz lieb, für den süßen Namen meines Herrn Jesu Christi ein Auswurf der Menschheit zu werden (I. Kor. 4, 13.), da ich ja längst viel Schrecklicheres für meine Sünden verdient hätte. Bete zu Gott für mich, daß er in mir und allen Gläubigen kräftige, was er aus Gnaden angefangen, und daß wir in unserm Sterben mit dem heil. Jgnatius jubeln mögen: Bereit sind wir für die wilden Thiere, fürs Feuer, für die Schwerter, fürs Kreuz, wenn wir nur Christum erblicken, unsern Herrn und Erlöser." "Wohl

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war ich, fügt er noch bei, ein Jüngling rauh und scharf nach Schweizerart[6]; doch bitt ich, lieber Bruder, verzeih mir meines jugendlich ungestümen Sinnes halben, der damals eben noch nicht neugeboren war aus Gott, während ich nunmehr an dich und unsere Lehrer unaufhörlich mit brennendem Herzen gedenke."

Ja wohl sollten für unsern Bullinger die Tage auch noch kommen, in denen die heldenmüthige Gesinnung, die er hier ausdrückt, ihre Probe bestehen konnte. Aber bis dahin gab's noch auf allen Seiten zu thun, bald in Gemeinschaft mit dem Hauptkämpfer und auf seine Anregung hin, bald ohne diese.

8. Bullingers Befreundung mit Zwingli.

Wohl hatte Bullinger schon dem ersten öffentlichen Religionsgespräche in Zürich (im Januar 1523) über "die Anrufung der Heiligen", bei welchem auch der Abt von Kappel sich in Kürze hören ließ, beigewohnt, unmittelbar vor dem Antritt seines Schulamtes, doch nur als stille beobachtender Zuhörer. Nun war ein zweites Religionsgespräch in Zürich nöthig geworden "über die Bilder und die Messe", und wurde am 26. October 1523 gehalten. Merkwürdiger Weise aber hörte Bullinger erst gegen Ende dieses Jahres Zwingli zum ersten Mal predigen, und machte nun auch seine persönliche Bekanntschaft, nachdem er zuvor namentlich die eben erst erschienene Begründung seiner 67 Artikel gelesen hatte. Zwingli's Predigten sowie sein liebenswürdiger, offner und freier Charakter sagten ihm sehr zu. Hatte er doch vermöge seiner eigenen innern Entwicklung die nämlichen Ueberzeugungen gewonnen. "Jch fühlte mich um so mehr angezogen, sagt er, da ich schon seit bald vier Jahren ein feuriger Anhänger eben derselben Lehre war." "Seine kräftige, richtige und schriftgemäße Lehrweise gereichte mir aber gar sehr zur Befestigung." Dies ist das Verhältniß Bullingers zu Zwingli. Es ist in Rücksicht der Lehre nicht das eines unselbständigen, abhängigen Schülers zu seinem Lehrer, vielmehr ein freieres, ganz dazu geeignet, daß er Zwingli's tüchtiger und kräftiger Mitarbeiter werden konnte. Jmmerhin ist und bleibt Zwingli nach Bullingers eigener Auffassung derjenige, welcher als Anführer und Hauptkämpfer das Werk der Reformation zu beginnen und durchzusetzen hatte, während dem zwanzig Jahre jüngern Bullinger, wie sich später uns näher zeigen wird, eine ganz andere Aufgabe, die des Bewahrens, Erhaltens, der weitern Durchführung, des völligen Ausbaues der Landeskirche beschieden war in kommenden Tagen.

Zwingli und Bullinger - welche Verschiedenheit! Zwingli's rasches, feuriges Temperament, Bullinger's Ruhe und Gelassenheit; Zwingli's

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schneidender, stechender Witz, Bullinger's einläßliche Gründlichkeit; daher auch Zwingli's Kürze, Bullinger's Ausführlichkeit in den meisten seiner Arbeiten. Wie geeignet zur gegenseitigen Ergänzung! Daher entwickelte sich nun unter ihnen ungeachtet des bedeutenden Abstandes in Rücksicht der Lebensjahre ein gar schönes Verhältniß regen, fröhlichen Austausches und gegenseitiger Förderung. Bullinger nahm den lebendigsten Antheil an Zwingli's Studien. So zog, als er einmal bei ihm war (im Jahre 1524), ein großes Buch in Zwingli's Studierzimmer insbesondere seine aufmerksamen Blicke auf sich, überschrieben "Hauptpunkte der christlichen Lehre" (Loci communes), worin Zwingli aus den bewährtesten Kirchenlehrern der ersten Jahrhunderte, wie Augustin, Ambrosius, Chrysostomus seine Auszüge machte, indem er ihre Lehrsätze an den zugehörigen Stellen fleißig eintrug, namentlich was jeder von ihnen über die Bibel geschrieben hatte. Zwingli hinwider hatte seine innige Freude an Bullinger's produktiver Kraft, an seiner regen Emsigkeit, äußerte Wünsche, ermunterte ihn zur Behandlung dieses oder jenes Gegenstandes, lobte was zu loben war, hielt ihn zurück wo's dienlich schien, verhalf seinen ersten Schriften zum Drucke.

Bezeichnend für dieses Verhältniß ungezwungenen Zusammentreffens und Entgegenkommens in den Gedanken und Strebungen ist namentlich diejenige Unterredung über die Messe und das heilige Abendmahl, bei der Bullinger zum ersten Male Zwingli's Gedanken über das Mahl des Herrn kennen lernte. Bereits war nämlich in Zürich die Reformation größtentheils thatsächlich durchgeführt und in den letzten Monaten eine Menge falscher Gebräuche abgeschafft worden, nachdem Zwingli seit fünf Jahren schon dawider gepredigt hatte. Aber die Messe bestand noch. Bullinger stutzte über dieß Zögern. Er fand es für nöthig, Zwingli einmal seine Meinung recht ernstlich zu sagen. "Es war am 12. September 1524, erzählt unser Bullinger, daß Zwingli mir zum ersten Mal sein Herz darüber aufschloß, wie er über das Sakrament des Leibes und Blutes denke. Jch setzte ihm nämlich in guten Treuen meine Ansicht auseinander, die ich aus einer Schrift der Waldenser und aus Augustins Werken geschöpft hatte." Die Nichtigkeit der Brotverwandlung stellte Bullinger dabei ihm vor und wie ein solcher Götzendienst nicht länger zu dulden sei. Noch erklärte sich Zwingli nicht und ließ ihn weiter reden. Als er nun aber bemerkte, wie gründlich Bullinger jeden Einwurf zu widerlegen, die Zweifel zu lösen und die Schriftmäßigkeit der Lehre vom geistlichen Genießen des Herrn in dem von ihm gestifteten Mahle zu erweisen verstehe, da eröffnete er ihm eben so unverholen seine Gedanken und gab ihm völligen Beifall. Doch bat er ihn, mit der öffentlichen Bekanntmachung der schriftmäßigen Lehre für einmal noch inne zu halten, bis das Volk durch die evangelische Predigt noch besser darauf vorbereitet wäre.

Um so mehr fühlte sich unser Bullinger angefeuert, "zur Ehre Gottes und um seines hochheiligen Namens willen" für das ewig gültige

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Gotteswort und dessen freie Verkündigung, wider allen Menschentand und alle Menschensatzung, zumal gegen die abgöttische Verehrung der Hostie aus allen Kräften zu wirken, so weithin als er nur konnte, nicht bloß mündlich, sondern auch durch das schriftliche Wort in jeglicher Weise.

9. Anfänge von Bullingers schriftstellerischer Thätigkeit. Die Geltung zur heiligen Schrift.

Eben war noch die Zeit, da viel sich erringen und gewinnen ließ, auch in denjenigen Kantonen der Eidgenossenschaft, die bis jetzt überwiegend ungünstig gestimmt waren gegen die durchgreifende Umgestaltung, der Zürich unter Zwingli's Panier sich hingab. Noch war, wenn man auch grollte, die Erbitterung nicht aufs Höchste gestiegen. Noch hatten die Parteien sich nicht ausggeschieden. Ueberall fühlte man doch das Bedürfniß kirchlicher Reformen, überall gab es, selbst in Luzern, Zug, Schwyz und Uri, vollends aber in den "gemeinen Herrschaften", zu denen Bremgarten und die freien Aemter gehörten, innige, treue Freunde und Anhänger des Evangeliums, die sich nach dem lautern Gottesworte inniglich sehnten und mitunter die Zürcher baten, sie möchten alles nur Mögliche thun, damit auch bei ihnen die freie Predigt der evangelischen Wahrheit gestattet würde. Wie nun? war's nicht des Versuches wohl werth, ob es möglich sei, durch ruhige Darlegung die Einen und Andern der einflußreichsten Männer jener Gegenden für die Wahrheit zu gewinnen, Jrrende zurecht zu leiten, Wankende zu stärken, Entmuthigte durch feurige Ermunterung anzuspornen.

Unser Bullinger verfaßte deßhalb mehr als siebzig Schriften während seines nicht einmal sechsjährigen Aufenthaltes in Kappel, größere und kleinere, lateinische und deutsche, Briefe, Anreden, Abhandlungen u.s.w., die er zwar nur als Vorübungen bezeichnet, die aber der Mehrzahl nach diesen Zwecken dienten, Einzelnen zugesandt wurden in den umliegenden Gegenden und dort handschriftlich von Hand zu Hand gingen; daher denn eine Anzahl dieser Zuschriften bei der Eile und dem Mangel vorheriger Abschrift verloren ging. Die Bekanntschaften des Abtes, dem von Zwingli die Umgegend seines Klosters zur besonderen Berücksichtigung empfohlen war, allenfalls auch die seines Vaters, zu dessen Dekanate sammt den freien Aemtern die Gemeinden rings um den Zugersee gehörten, und die Wünsche Einzelner gaben Antrieb genug, die Feder zu regen.

Vor Allem galt es ein festes Fundament zu legen, auch Andere zur Ueberzeugung zu bringen von dem evangelischen Grundsatze, daß der Schrift allein die oberste und entscheidende Autorität zukomme in Glaubenssachen, daß die menschlichen Autoritäten aber, auf welche sich die römische Kirche berief, auch die sogenannte mündliche Tradition ihr nicht an die Seite gestellt werden dürfen, daß insbesondere die Einbildung

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nichtig sei, als ob die evangelische Lehre etwas Neues wäre, ein Menschenfündlein, etwa eine eben neulich gemachte Erfindung Zwingli's oder Luther's oder irgend eines andern Menschen, daß sie vielmehr das wahrhaft Alte, Aechte, Ursprüngliche und zudem das göttlich Berechtigte sei. Wie manche Bedenken waren da zu heben, wie manche Einwände zu beseitigen zur Belehrung eines römischen Katholiken, selbst eines wohlmeinenden! Jn diesem Sinne schrieb Bullinger schon am 30. Novemer 1523 im Namen des Abtes Jonas an einen Altersgenossen und alten Freund desselben, der um der "neuen Lehre" willen mit ihm unzufrieden geworden, Rudolf Asper (wahrscheinlich Dekan in Sursee am Sempachersee im Kanton Luzern). Der Hauptinhalt dieses ausführlichen Schreibens, das uns anschaulich macht, wie fest und klar die Grundlage damals schon bei Bullinger selbst war, ist folgender:

"Jch habe viel Zeit auf das mühsame Studium der Dekretalen (kirchlichen Rechtssatzungen) und der Scholastiker verwandt. Am Ende ist mir diese Arbeit zum Ekel geworden, weil Einer dem Andern widerspricht und die Meinungen der Andern heruntermacht; dieß hatte zur Folge, daß ich mit unverdrossenem Fleiße die Kirchenväter zu lesen anfing. Allein auch diese fand ich nicht einstimmig ... doch sah ich, daß alle sich durchaus auf die heilige Schrift berufen und darauf bestehen, daß man Christus allein hören müsse." Nachdem er dieß durch eine Reihe der kräftigsten Stellen der Kirchenväter bewiesen, fährt er fort: "Dieß vermochte mich, von ihnen an die Quelle selbst zu gehen, zu welcher sie mich hinwiesen. Aus ihr schöpfte ich emsig und fand köstliche, himmlische Nahrung, stärkendes Labsal ohne Ueberdruß. Jch lernte aus dem alten und neuen Testamente, daß man die falschen Propheten, d.i. die, so nicht Gottes Wort vorbringen, nicht hören und daß man dieses nicht durch menschliche Zuthaten verunstalten dürfe. Christus selbst erweist Alles aus den Schriften des alten Testamentes, selbst nach seiner Auferstehung, so auch die Apostel, selbst nachdem sie den heiligen Geist empfangen hatten. Paulus namentlich, der da sagt: Die ganze Schrift in von Gott eingegeben. Kurz, ich fand, daß das neue Testament nichts anderes sei als die Auslegung des alten. Was dieses verheißt, gibt jenes; dieses deutet nur an, was jenes unverholen ausspricht. Wenn also der Sohn Gottes selbst, der die Weisheit des Vaters ist, nichts thut ohne die Schriften, was könnte uns abhalten, auch jetzt noch den Schriften als unsrer Richtschnur in Allem zu folgen?

Freilich kam ich auf den Gedanken, es möchte doch vielleicht nicht Alles in Schrift verfaßt sein. Allein der Brief an die Römer benahm mir diese irrige Meinung; denn hier fand ich Alles, was zum Heile des Menschen gehört: das Gesetz, das Evangelium, die Sünde, die Strafe, die Begnadigung, den Glauben, die Gerechtigkeit; Christum, Gott, die guten Werke, Liebe, Hoffnung, Trübsal; Gerechte, Sünder; Starke, Schwache; wie man gegen Freunde und gegen Feinde sich zu betragen habe. Wie darf man nun

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manche Lehren der jetzigen Kirche für mündliche Aussprüche Pauli, die durch Ueberlieferung (Tradition) auf uns gekommen wären, ausgeben, obschon Paulus sich immer gleichbleibt, diese Lehren aber seinen Schriften widersprechen? Die ersten Häupter der Kirche waren mit den biblischen Büchern, die wir haben, zufrieden und erklärten Alles für falsch, was denselben Zuwiderlaufendes gelehrt oder vorgeschrieben würde.

Nach dieser frohen Entdeckung, wobei mir die Kirchenväter (deren Aussprüche er auch hier wieder einfügt) gleichsam als Stufen dienten, hielt ich mich immer fest an den Grundsatz, die heil. Schrift an und für sich allein sei hinreichend, man müsse daher einzig der heil. Schrift folgen und alle menschlichen Zusätze verwerfen. Wer deßwegen mir zürnen will, der muß auch der heil. Schrift und den Kirchenvätern zürnen, die mir, ungeachtet meines Widerstrebens, diese Ueberzeugung aufgenöthigt haben.

Nunmehr aber stieß ich auf eine neue Schwierigkeit. Darf ich, da die heil. Schrift so viel Dunkles enthält, mir allein trauen? Zwar die Kirchenväter lehren mich dieselbe verstehen. Allein die erste Kirche hatte keinen Thomas, keinen Scotus, keinen Augustin[7]. Doch der Letztere bewies seine Erklärungen aus der Schrift gemäß seinem Ausspruche: Keine Stelle der Schrift ist so dunkel, daß sie nicht durch eine andere Stelle erklärt würde, und so oft die Kirchenväter ungleicher Meinung waren, wandten sie sich an dieselbe. Hat der heil. Geist etwa gewollt, daß man ihn nicht verstehe? Hat er bloß die Rabbiner und die Gelehrten auf den wahren Sinn führen wollen? Christus sagt (Matth. 11, 25) das Gegentheil, auch Tertullian. Wer darf den Gläubigen das Verständniß absprechen? Dieß hieße Christus zum Lügner machen. Also muß die Schrift aus ihr selbst, d.h. in dem Sinn, in welchem sie geschrieben ist, erklärt werden. Wenn wir dieß nicht dürfen, warum durfte es Augustin, welcher kein besseres Recht hatte, welcher mit eben derselben Taufe getauft, mit demselben Geiste getränkt war? Muß nicht der heil. Geist der beste Ausleger der Schrift sein, da er sie eingegeben hat? Wer dieß läugnet, der glaubt Gott nicht, welcher diesen Geist verheißen hat. Wie stimmt aber dieser Unglaube mit der christlichen Gesinnung, mit den Verheißungen, mit dem Bade der Wiedergeburt? Also nicht mir glaube ich, nicht den Kirchenvätern, sondern ich bleibe bei der Schrift, indem ich die Schrift durch die Schrift erkläre, aber nichts davon noch dazu thue."

Den Einwurf, daß man, weil die alten Kirchenlehrer die Schrift so fleissig erklärt hätten, bei diesen Erklärungen stehen bleiben sollte, beantwortet er folgender Maßen: "O hätte man doch bis auf jetzt eben so viel Fleiß darauf

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verwendet wie jene thaten; wahrlich unsre Tage wären dann nicht so sturmbewegt! Wir schenken den Kirchenvätern Glauben, wo sie bei der Schrift bleiben, aber auch nur da. Augustin gesteht ja, er habe vielfach geirrt. Selbst die Scholastiker folgen ihnen nur mit Auswahl. Augustin, sagen sie, übertreibt bisweilen, Hieronymus redet allzu hart, den Origenes muß man mit Vorsicht lesen. Wie oft nennen die Rechtsgelehrten die Meinungen der Kirchenväter Spreu! Augustin selbst sagt: Hüte dich, meine Schriften als kanonisch zu verehren! Warum sollten also wir nicht thun dürfen, was die Scholastiker thaten? Jst, was sie thaten, nicht recht, warum thaten sie's denn? Jst nicht auch uns der Geist verheißen? Jst nicht die Schrift auch in unsern Händen?"

Endlich kommt er auf die Concilien und frägt: "Haben diese nicht öfter geirrt? Hat nicht das Concil zu Mileve (in Nord-Afrika, zu Anfang des fünften Jahrhunderts) sich über den freien Willen des Menschen, über die Gnade, die Sünde, das Verdienst der Werke gerade so ausgesprochen, wie die sogenannte neue Lehre unsrer Zeiten? Bezeugt nicht die afrikanische Synode völlig Luther's Lehre in Bezug auf den angeblichen Vorrang des Petrus? Wenn diese Kirchenversammlungen den Beschlüssen der übrigen widersprechen, so müssen die einen nothwendig irren; stimmen sie aber zusammen, so lehren sie ja wie wir."

Nachdem er dieß weiter ausgeführt, faßt er zum Schlusse alles bisher Gesagte kurz zusammen: "Jch habe also da die Satzungen der Kirche auf die Kirchenväter sich stützen, diese aber unter sich nicht übereinstimmen, sondern auf die heil. Schrift verweisen und nicht wollen, daß man ihnen und ihren Auslegungen blindlings glaube, mich alsbald gleichwie Paulus nicht mit Fleisch und Blut besprochen, sondern Gott um seinen Geist gebeten und mit erneuertem Gemüthe die Bibel zur Hand genommen. Sie lese ich nun für und für ernstlich, sie theile ich dem Volke mit. Und wenn auch gewisse Leute mich deßhalb hassen, so spreche ich mit Paulus: Wenn ich den Menschen noch gefallen wollte, so wäre ich Christi Knecht nicht."

Dann folgen noch sanfte, freundlich einladende Worte. Indeß hatte dieß jugendlich kräftige Sendschreiben den gewünschten Erfolg nicht. Der Briefsteller sagt uns darüber, so unfreundlich sei es von dem Empfänger aufgenommen worden, daß es schwer wäre zu sagen, ob sein Undank oder seine Lieblosigkeit größer war. "Aber so pflegt die freche und schamlose Unwissenheit sich christlicher Herzlichkeit gegenüber zu benehmen. Genug, er hält uns für Ketzer."

Doch diese ungünstige Aufnahme konnte unsern Bullinger nicht abschrecken. Nur um so dringender nöthig war es, sich an Andere zu wenden, von denen sich annehmen ließ, daß sie den Anfang einer hellern Erkenntniß gewonnen hätten, und sie zum muthigen Bekenntniß der evangelischen Wahrheit anzufeuern.

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10. Von der wahren Hirtentreue.

Allerdings erforderte es an allen den Orten, wo bis dahin die Reformation noch nicht durchgedrungen war, für einen Freund der evangelischen Wahrheit nicht bloß bessere Einsicht, sondern auch gewaltigen Muth, um die erkannte Wahrheit offen zu bekennen und so der Reformation der Kirche zum Siege zu verhelfen. Man mußte im Stande sein gleich den Aposteln Alles dran zu setzen, um Christum zu gewinnen.

So fühlte er sich bewogen, ein apostolisch eindringliches Warnungsschreiben an Pfarrer Matthias zu Seengen am Hallwylersee (Kanton Aargau) zu richten, wider den Abfall eines Hirten von Gottes Wort, das uns zeigt, welches Bild eines treuen Hirten dem Geiste unsres Bullinger vorschwebte. Mit apostolischem Gruß und Danke beginnt er:

"Gnade und Friede von Gott dem Vater und unserm Herrn Jesu Christo! Hoch gepriesen sei der hohe, allein wahre, ewige, allmächtige, lebendige und einige Gott, der Himmel und Erden und Alles, was darin ist, geschaffen und uns von Ewigkeit her erwählt hat, daß wir durch das Verdienst seines Sohnes Jesu Christi unsträflich sein sollten, die wir zuvor durch Sünden und Gebrechen so waren entblößt worden von aller Reinigkeit durch den Fall unsers Vaters Adam, daß wir nicht hätten wohnen mögen bei dem hohen, reinen Gott, den ja seine Propheten ein verzehrendes Feuer nennen, wenn er nicht aus lauter Gnade und Barmherzigkeit einen Bund, durch welchen er seine Huld gegen uns offenbart, mit uns gemacht und sich uns als den einigen Gott, d.i. Hort, Trost, Schutz, Schirm, Heil und höchstes Gut dargestellt hätte, und als den, der uns einen Samen geben wolle, in welchem alle Völker der Erden sollten glückselig und heil werden, wie denn in der Fülle der Zeiten aus Jesus Christus, der gesegnete Sohn, der zuvor durch das Gesetz und die Propheten verheißen war, gesendet, für uns in den Tod dahin gegeben und von den Todten auferweckt worden ist und jetzt sitzt zur Rechten Gottes, ein wahres Pfand der Huld Gottes gegen uns, die wir durch sein Blut von Sünden gewaschen und mit ihm zum ewigen Leben erstanden sind, so wir anders in unsern Herzen davon überzeugt sind und fest darauf beharren, daß er uns vom Vater gegeben sei zur Reinigung, zur Frömmigkeit, zur Genugthuung und für und für unser Fürsprecher sei bei dem Vater und außer ihm niemand.

Nachdem er das Erlöseramt Christi näher bezeichnet, redet er ihn an: Nun hast also auch du, inniggeliebter Bruder, dies Geheimniß durch die Gnade Gottes erkannt, und weißt, daß nicht mehr denn ein einiger Gott ist. d.i. ein einiger Trost, Hülf, Heil und oberstes Gut, auch nicht mehr denn ein einiger Christus d.i. Versöhner, Genugthuung, Gerechtigkeit, Erlösung und Heiland, und allein ein einiger heil. Geist, der uns heiliget und wahren Gottesdienst lehrt, also daß außer und neben diesem kein anderer Gottesdienst, keine

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Frömmigkeit, kein Genugthun, kein Heil, kein Trost, kein Verdienst, kein Fürsprechen, keine Ruhestatt oder Schutz irgend etwas hilft vor unserem hohen Gott, weil er auf das Herz und den Glauben sieht, wir aber nirgends von Herzen rein sind und deshalb Christus zum Versöhner aller Welt gesetzt ist. Da du nun, wie gesagt, dies Alles in Wahrheit weißt und auch wie alle Lehre außer dieser verflucht ist (Gal. 1, 8, 9.), kann ich mich nicht genug verwundern, daß du so langsam bist, hervor zu brechen mit deinem Zeugniß, das du in deiner Predigt der heiligen Dreifaltigkeit schuldig bist. Ja, wollte Gott, daß du nicht gar rückwärts gingest, sondern bloß langsam. Hast du jetzt schon vergessen, von wannen du gekommen und daß du bei dem frommen, ehrenfesten Gottesdiener Konrad Schmid [8] erzogen bist, welcher ohne Zweifel dich im Wege des Herrn unterrichtet hat, also daß du wohl weißt, daß diese Lehre von Gott ist, daß sie die Wahrheit und keine Lüge ist, und daß eher muß Himmel und Erde zusammenkrachen, ehe denn ein Wort davon ginge. Bist du aber ein wahrer Christ d.i. ein Gesalbter Gottes, so hast du schon die Kundschaft Gottes des heil. Geistes in deinem Herzen, der da Zeugniß gibt dem äußern Worte, so daß dich die Schmachreden der Welt wenig irre machen. Sieh I. Joh. 2, 27. So du aber diese Kundschaft im Herzen hast, d.i. so du ein wahrer Christ bist, warum gibst du denn deinem Gotte nicht Zeugniß, oder wie kannst du den Geist Gottes in dir ersticken? oder weißt du denn nicht, daß deine Untergebenen Tempel sind des heiligen Geistes? und daß Gott daher alle die wird zu Schanden machen, die seinen Tempel entheiligen? Betrachte doch einmal, was auf sich habe die Sünde wider den heiligen Geist (Matth. 12, 32/. Abfallen aber von der Wahrheit, ablassen und der erkannten Wahrheit Gewalt anthun (Hebr. 6, 4-6, II. Petr. 2, 20, 21.), ist Sünde wider den heiligen Geist. So sehe sich nun Mancher vor bei seinem Verlassen der Wahrheit, was für großen Zorn Gottes er auf seine arme Seele ladet, da ja geschrieben steht: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes, und abermal: Wer sich meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlechte, deß wird sich auch des Menschen Sohn schämen, wann er kommen wird in seiner großmächtigen Herrlichkeit zu richten u.s.w., und wiederum: Es werden nicht Alle, die zu mir sprechen: Herr, Herr, in das Himmelreich kommen, - nicht Alle, die wohl anheben, sondern wer nicht weicht, und beharret bis ans Ende. O denk' an Loths Weib. Du bist ein Hirt; des Kreuzes sollst du dich nicht weigern. Denn möchtest du, daß dein Herr Jesus um deinetwillen sein ewiges Wort bräche, der da spricht: So euch die Welt hasset, so wisset, daß sie mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Jhre lieb; dieweil ihr aber nicht von der Welt

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seid, darum hasset euch die Welt. Der Knecht ist nicht größer, denn sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euer nicht schonen. Aber darob lasset euch nicht grauen; denn alle haben sie verfolget die Propheten, die vor euch gewesen. Jch habe die Welt überwunden und euere Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden.

Da nun dem also ist, so muß es schlechterdings erlitten sein. Bist du nun fest, so bist du ein Hirt; weichst du aber, so bist du ein Miethling und nicht ein Hirt. Wache aber auf vom Schlafe, sei wacker und tritt hervor unter die dir übergebenen, ja dir eigenen Schafe. Fürchte dich nicht; es ist um Einen sauren Lupf (Hebung) zu thun, und gib ihnen grüne, gesunde Nahrung, frisches lebendiges Wasser, und Alles was mit Füßen verderbt und zertreten ist, thu ferne von ihnen. Allein das einige, ewige, wahrhafte, lebendige Wort Gottes macht unsere Seelen gesund, stark und fest, nach Ezechiel 34, Psalm 119, Apostelgesch. 20. Sieh, wie theuer dir deine Schafe anbefohlen sind. Gehst du diesem nach und lässest du dich nicht abwendig machen, durch jeden Gegenwind, wohl dir! der Herr ist mit dir! Folgen dir aber die Schafe nicht, so sei ihr Blut auf ihnen. Gehst du aber diesem nicht nach, so wird alles Blut aller deiner Schafe von deinen Händen gefordert (Ezech. 3.) und alle die Plagen auf dich ausgegossen werden, die im alten und neuen Testamente genannt sind. (V. Mose 28; Jerem. 23M in Micha, Amos, Offenbarung). Darum sei muthig; erheb' deine Stimme und laß das Wort Gottes wie ein Kriegshorn erschallen; bring hervor Altes und Neues, wie sich einem Boten und Abgesandten Christi vor Gottes Augen ziemt, und sei nur nicht muthlos; denn der Herr ist mit Allen denen, die ihn mit aufrichtigem Herzen suchen, und verheißt dir mit dem Munde, durch welchen keine Lüge gehen kann, Trost, Hülfe, Beistand und Errettung. Sei nur treu an ihm; denn er kann sich selbst nicht verläugnen, wie Paulus von ihm nicht bloß bezeugt, sondern zum öfteren empfunden hat. Jerem. I. spricht Gott: Steh auf und begürte deine Lenden und predige ihnen Alles, was ich dir geboten, und fürchte dich nur nicht vor ihrem Widerstreben. Jch will auch machen, daß du nicht fürchtest ihren Anblick; denn siehe ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule und zur ehernen Mauer machen wider das ganze Land, vor allen Königen und Fürsten und Pfaffen alles Erdreichs, und sie werden wider dich streiten, dennoch sollen sie nicht wider dich siegen; denn ich bin bei dir, spricht der Herr, daß ich dich errette. Ebenso Ezechiel 3. spricht Gott also: Jch habe dein Angesicht viel härter gemacht als ihre Angesichter und deine Stirne viel härter als ihre Stirn, viel härter als Demant und Kießling; darum fürchte sie nur nicht, und entsetze dich nicht vor ihrem Sauersehen; denn sie sind eben ein ungehorsames Volk. So spricht auch Christus: Jch sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe: darum seid vorsichtig wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben, und so sie euch gefangen führen, so sorget nicht, wie ihr euch verantworten oder siegen möget; denn dieweil ihr die seid,

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so Gottes Wort führen, wird euch eilends eine solche Kunst der Rede gegeben, der weder Fürsten noch Herren werden widerstehen dürfen.

So du nun weißt, daß dies das wahre untrügliche Wort Gottes ist, das dir nimmermehr fehlen mag, wen fürchtest du denn? Warum trittst du nicht hervor wie ein Löwe, allem dem zu wehren, was deinen Schafen Schaden bringen mag? Laß ja nicht zu, daß man dich je könne einen falschen Propheten schelten. Von ihnen sagt der Apostel, daß sie solches Alles thun um Ruhmes willen, den Menschen zu gefallen und daß sie dem Kreuz entlaufen. Nicht also du, mein frommer Matthias, sondern halt dich tapfer, unsträflich, wie Matthias nach Apostelg. 1. Bewaffne dich mit Gottes Wort; denn es ist genug, daß wir Gottes Güte und Geduld so lange Zeit mit unserm Jrrsal und Sünden mißbraucht haben. Laß uns betrachten, daß wir Staub und Asche sind und daß unsere Tage dahin gehen wie ein Schatten, daß es ein schädlicher Gewinn ist, wenn wir gleich alle Welt gewännen, aber Schaden anthäten unsern armen Seelen. Laß uns zu Herzen nehmen, daß wir Christen sind und das christliche Wesen nicht eine Freiheit oder Leichtfertigkeit des Fleisches ist, dieweil wir zu guten Werken geweiht sind, und Paulus spricht: die, so wahre Christen seien, kreuzigen ihr Fleisch sammt seinen Lüsten. Namentlich wird von dir, weil du ein Hirt bist, gefordert ein christliches Wesen und daß du nicht geizig, hoffärtig, trunken, zornig, gotteslästerlich, neidisch, unreiner Lippen, unlauter, unzüchtig, ehebrecherisch und dergleichen seiest, indem du Rechenschaft ablegen mußt dem Oberhirten Christo zu der Stunde, da du es vielleicht nicht meintest, und vor aller Welt dein Urtheil empfangen, wann er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Todten, um jedem zu geben, nach dem er gehandelt hat.

Diese meine treue Ermahnung nimm, lieber Matthias, zum besten auf, darum daß sie dir von deinem guten, wohlwollenden und getreuen Freunde zugeschrieben ist; denn gewißlich hätte dir sonst keiner so viel gesagt, wofern er nicht von Wohlwollen gegen dich beseelt gewesen, ein Schmeichler jedenfalls nicht. Und sei nur muthig, da du selbst wohl weißt, daß wir mit der göttlichen Wahrheit umgehen. Oder zu wem weisen wir als zu Gott? was lehren wir Anderes, als ein christliches Wesen? woraus? allein aus dem göttlichen Worte, und zwar so daß wir es seiner Art und Natur gemäß erklären, indem wir Schrift mit Schrift auslegen. Wer ist unser Trost, Hilfe und Gerechtigkeit, Fürsprecher und Leben außer Christus allein? Wem sollte da noch grauen, da ja klar gesprochen ist: Jch bin das Licht der Welt; wer mir nachgeht, der wird nicht irren in Finsterniß. Siehe, das hat geredet der Mund aller Wahrheit; dem folgen wir (du weißt's wohl) mit unserm Lehren und auch (so viel Gott gibt) mit dem Leben. Wie könnte denn jemandem unter den Christen davor grauen? Denen aber, die uns so unverschämt aus Unwissenheit Ketzer heißen, verleihe Gott sein Licht; denn wir waren auch etwann Finsterniß, nun aber ein Licht im Herrn, und

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zwar, sollte es einmal an den Pündtriemen gehen (d.h. zum Aeußersten kommen, so daß man sich graden Weges zu Leibe ginge), so wollen wir gewißlich ohne sonderliche Mühe diese Schwätzer nicht allein aus dem göttlichen Worte, sondern auch aus den alten Concilien und Kirchenvätern, den Concilien zu Nicäa, Karthago, Ephesus, Mileve, aus Tertullian, Augustin, Cyprian, Lactangius, Athanasius, Origenes u.s.w. öffentlich und klar überführen, daß sie ärgere Ketzereien lehren und zulassen, als die Ebions, Marcions, Arius' und der Manichäer je gewesen sind. Der Gott aber, der alle die begnadigt, die in wahrem Glauben und unschuldigem Leben vor ihm wandeln, und sich nicht fürchten seinem Namen Zeugniß zu geben vor aller Welt, der wolle auch dein Herz und Gemüth erleuchten, daß du seine wahre Ehre und Herrlichkeit wahrhaft und ohne Falsch verkündest, und daß deine Schafe, die dir von Christo gegeben sind, wahrhaft in wahrem Glauben und unschuldigem Leben dem hohen einigen Gott dienen! Und die Huld Gottes sei mit dir und mit Allen denen, die Christum Gottes Sohn in der Wahrheit lieb haben! Amen." Das Schreiben ist datirt: "Von Cappel, des achten Tags Februarii im 1526 Jahr; eilends und schnell."

Was war wohl der Erfolg dieses Schreibens? Er scheint nicht ungünstig gewesen zu sein, wenigstens finden wir später beim Religionsgespräch zu Bern den Pfarrer Matthias von Seengen unter denen, die sich nunmehr für überzeugt erklärten von der Wahrheit des Evangeliums.

Schon etwas früher als an Matthias hatte Bullinger ein ebenso feuriges Ermunterungsschreiben abgehen lassen in das benachbarte Zug, das er wohl mit den Augen schauen und mit seiner Liebe umfassen, aber der eigenen Sicherheit wegen mit keinem Fuße betreten durfte, und zwar an den dortigen Pfarrer Rudolf Weingartner, einen gebornen Zürcher, der als Konventsherr von Kappel und vormaliger Pfarrer in der benachbarten Gemeinde Merischwanden früher viel mit ihm und dem Abte verkehrt hatte, der im trauten Gespräche von der Macht der evangelischen Wahrheit angeregt und, wie es schien, auch überwunden worden war. Noch im Juli 1526 erbat er sich schriftlich von Bullinger die Erklärung zweier wichtigen Stellen der Evangelien und erhielt sie auch. Wie viel wäre für Zug und die Nachbarkantone gewonnen worden, wenn er zum entschiedenen Auftreten hätte bewogen werden können! Allein der Söldnerdienst, überall des Evangeliums geschworner Feind, hatte zu mächtige Gönner in Zug; solche Rücksichten mochten bei Weingartner vorwiegen, und so wurde denn auch das von ihm genommen, was er schon hatte (Matth. 13, 1). Leider war er es gerade, der in der verhängnißvollen Schlacht bei Kappel zum Unheil für seine angestammten Mitbürger alle verborgenen Fußpfade den Feinden verrieth.

Wie ganz anders war es bei dem treuherzigen Werner Steiner jenem begüterten zugerischen Chorherren, den wir schon oben unter Bullingers Zuhörern fanden, den keine Gefahr abhalten noch bei den vielfachen

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Anfeindungen, denen er fast rechtlos Preis gegeben war, in seiner Sanftmuth wankend machen konnte. Zweierlei erbat er sich damals von Bullinger, eine Auslegung der paulinischen Briefe und eine "Anleitung zur gedeihlichen Einrichtung seiner theologischen Studien." Diesem letztern Wunsche entsprach Bullinger sogleich durch eine kleine Schrift, die nachher handschriftlich manchem Studierenden zu statten kam, doch nur in engern Kreisen blieb, bis sie endlich der jüngere Zwingli, der Sohn des Reformators, zwanzig Jahre nach des Vrfassers Tode herausgab. Erfreulich ist der weite Kreis wissenschaftlicher Kenntnisse, den er als nothwendig hier vorführt. Eines aber geht ihm über Alles, das Lesen der heiligen Schrift, worüber er manche heilsame Regel gibt, bis er zuletzt in die Worte ausbricht:

"Wer kann ihre Annehmlichkeit und ihren Nutzen aussprechen? Jhre Worte sind Worte des Lebens, reine, himmlische, göttliche, feurige Reden, welche die christlichen Herzen in Bewegung setzen, ergötzen, ergreifen, anziehen, hinreißen, begeistern, mit dem reinsten Feuer entflammen und auf wunderbare Weise umgestalten; sie besitzen eine himmlische Kraft die Gemüther zu trösten, aufzurichten und durch ihre unaussprechliche und übernatürliche Anmuth einzunehmen und zu besänftigen."

Eben auf der Schätzung der heiligen Schrift und dem allen Gegnern stets entgegen gehaltenen Satze, daß man Christus allein hören müsse, beruht auch der Sinnspruch, den Bullinger allen seinen Schriften vorsetzte (nach Matth. 17, 5.): "Das ist mein lieber Sohn, in dem ich versöhnet bin; den sollt ihr hören!"

11. Der Kampf wider die Messe für das heil. Abendmal.

Was aber in jener Zeit alle Gemüther aufs lebhafteste beschäftigte und erhitzte, war das neue Licht, das nun aus den heil. Schriften hervor leuchtete über den Mittelpunkt des ganzen bisherigen Gottesdienstes, die Feier, in welcher das römische Priesterthum seine angemaßte Herrlichkeit mit wunderbarem Zauber umgeben hatte, nämlich die Messe. Wie erschien nun dieses vorgebliche tägliche Opfer vor dem hellen Lichtglanz des lautern Evangeliums? Als ein Wahn! Und die Verehrung der Hostie? Als abgöttische Uebertretung der ersten unter den ausdrücklichen Geboten des unsichtbaren, lebendigen Gottes! Wohl aber wußte Zwingli warum er unter allen Jrrthümern an diesen zuletzt Hand anlegte, und darauf die ihm Anvertrauten am längsten vorbereitet, wie wir oben sahen. Denn so sehr fand er die Gemüther davon umnachtet, daß Viele schon für Sünde achteten auch nur darüber zu denken oder irgend einer Belehrung Raum zu geben und Manche, in deren Herz ein Lichtstrahl der Wahrheit eingedrungen war, sich aufs Aeußerste darüber ängstigten, weil sie nicht mehr glauben konnten, was sie bisher geglaubt hatten,

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den alten Jrrthum, der im Widerspruch mit dem Evangelium stand, und doch auch nicht Licht und Kraft genug hatten, sich allein an dieses zu halten.

Aus dieser Gewissensnoth Seelen retten zu helfen, fand Bullinger ebenfalls sich getrieben. So schrieb er im Juni 1525 für eine Bürgerin von Zug, Anna Schwiter, zu Handen ihrer Freunde und Mitbürger, eine ausführliche Abhandlung: "Wider das Götzenbrot und vom Brot der Danksagung, wie mannigfaltig es mißbraucht und was sein echter, ehrlicher Brauch sei." Oft abgeschrieben, diente diese frische, freimüthige und volksthümliche Schrift nicht wenig zur Förderung der Wahrheit. Einige der bezeichnendsten Stellen derselben mögen hier folgen.

"Nachdem ich öfter, beginnt er, von vielen Leuten angestrengt worden, Euch vom Sakrament des Altars Bescheid zu geben, mich aber allzeit dem entzog, hat mich doch Euer großes Jrrsal und die Lieblichkeit dieser Feier dazu bewogen Euch und allen an Gott Gläubigen zu schreiben vom falschen und vom wahren Gebrauche dieses edlen Brotes.

Nun ist mir freilich wohl bekannt, wie es Euch und aller Welt so übel in den Ohren klingen wird. Da liegt aber nichts daran. Die Wahrheit muß hervor, ob sie gleich alle Welt ärgerte. Es gilt den hohen, einigen, ewigen, allmächtigen Gott und seine Ehre oder Entehrung. Es gilt unser Heil. Wie denn? Soll ein Arzt das Gebrechen nicht anzeigen, weil der Kranke darüber erschrickt? Das wäre ja ein untreuer Arzt; vielmehr soll er den Schaden tapfer angreifen, so daß alle Ungesundheit hervor gezogen und eröffnet selst zeigt, es sei wohl nöthig, daß der Arzt dazu thue. Der Mißbrauch und Schaden ist auch nicht so alt als man ihn machen will; und ob er gleich nach der Apostel Zeit begonnen hätte, wäre doch das Götzenbrot darum nichts desto weniger Götzenbrot usw."

Betreffend die Behauptung, daß das Brot der Leib Christi sei, wie er am Kreuz gehangen, und so verehrt werden müsse, sagt er: "So beweise man nun aus der heil. Schrift, daß man dies glauben müsse. Jst es wohl bewiesen, wenn man spricht: Das ist Gott möglich? Nun wäre doch Gott auch möglich, daß ein Ochs flöge. Fliegt er darum? Eben so wäre ihm möglich, daß das Bild des gekreuzigten Christus Christus selbst wäre. Jst er's darum? Nein. Und warum nicht? Weil er sich nirgends in Holz verwandelt, noch Solches verheißen hat. Ei, warum sprichst du denn, er habe sich in Brot verwandelt? ... Dein Beweisgrund ist nicht viel besser als der Beweis derjenigen, welche ihre Götzen in Schutz nehmen und sprechen: Wir beten Gott an und verehren die Heiligen und nicht das Holz, da doch Gott sie geheißen im Geist anbeten und ihm geistlichen Dienst erweisen, wie er denn auch spricht und lehrt: Vater unser, der du bst im Himmel, und nicht: Vater unser, der du bist im Sakramenthäuschen, im Behälter, im Schrein, im Stock oder in der Monstranz. Meinet ihr, daß sich Gott also ließe einschließen? So machten's ja ehedem die Heiden, die ihren

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Göttern Götzen hielten, dem Jupiter einen hölzernen Jupiter, dem Mars einen ehernen Mars, so wie wir Christus einen brötenen Christus! Wiewohl wir darin noch gar ein wenig witziger sind als die Heiden, dieweil wir sagen, das Brot sei Christus selbst und nicht Christi Bildniß. Derhalben wir ihn vom Himmel reißen, dahin er einst aufgefahren, und ziehen ihn herum, wie es uns beliebt, jagen ihn mit einer Schelle von einem Tempel zum andern, von einem Dorf und Bauernhaus zum andern, und wer da kommt, dem können wir einen Herrgott machen und geben. Niemand soll mir's für Frevel halten. Es ist die Wahrheit, was ich sage, und ich weiß, was ich rede. Das müßte doch wahrlich ein elender Gott sein, der also alle Tag' von so viel unreinen, trunkenen Pfaffen gefressen würde, in welchen alle Bosheit und bei denen keine Besserung zu hoffen ist."

Man habe leider, klagt er weiterhin, ein kaufmännisches Geschäft gemacht aus diesem Sakrament. "Und so man nun den rechten Brauch hervor bringt, so ruft alle Welt und schreit: Mordio!, die Pfaffen um ihres Bauches willen, die Laien ihres Unverstandes wegen, während sie doch wohl den Jrrthum erkennen sollten, da sie keine Gottseligkeit aus der Messe entspringen sehen. Denn was ist's, ob du gleich lange hinter den geputzten Gauklerpfaffen stehst? Ja, antwortet ihr; sie haben uns gar viel vom Nutzen gepredigt, der aus der Messe herkomme. Glaubst du aber dem Krämer, wenn er seine Waare lobt? Geh zu einem, der da Branntwein feil hat, so wirst du Wunder hören, wie er dem Haupt, den Augen, den Gliedern, der Leber und dem Blute gut sei; und, so man die Sache hinten und vorn besieht, ist's um einen Pfenning zu thun."

Den Hauptbestandtheil der Abhandlung bildet der einläßliche Schriftbeweis, daß wir gerade durch den Glauben an Gottes Wort gedrungen werden zum rechten dankbaren Genießen des heil. Abendmals im geistlichen Sinne. "Wen der Vater zieht, schließt er, der versteht's." "Denn die Wahrheit ist unüberwindlich; wer aber auf Menschen traut, der wird verletzt und noch dazu betrogen."

Noch gründlicher und gelehrter schrieb er einige Monate nachher, im November 1525, über eben diesen Punkt eine lateinische Abhandlung an drei Freunde in Zug, Werner Steiner, Bartholomäus Stocker, einen Priester daselbst, und Michael, um sie auf ihrem schwierigen Posten in der gesunden Lehre zu befestigen und ihren Muth zu stärken.

Ueberdies verfaßte er schon im November 1524, sogar auf Zureden des oben erwähnten Weingartners, für Pfarrer Jakob in Wohlen, nahe bei Bremgarten, einen schriftmäßigen Beweis, daß die Messe kein Opfer sei. Jn eine heftige Fehde gerieth er aber deshalb mit dem Dominikanermönch Dr. Johann Burkhard in Bremgarten. Letzterer hatte sich dieser Abhandlung, nachdem sie durch mehrere Hände gegangen, zu bemächtigen gewußt, und zog nun 1525 in einer Streitschrift, betitelt "Gesprächbüchlein",

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unter dem angenommenen Namen Theobald Perdutianus über den einundzwanzigjährigen Bullinger los als über einen jungen, ungelehrten und verworfenen Neuerer, der aus Bosheit und Frechheit an den heiligen Lehren der Kirche sich vergreife, Wahrheit für Lügen und Lügen für Wahrheit ausgebe. Statt stichhaltige Gründe vorzubringen, hatte er seinen jugendlichen Gegner mit einer reichlichen Fluth von Scheltworten übergossen und die vermeintlichen kirchlichen Autoritäten der heil. Schrift entgegen gestellt, um der Messe den Sieg zu erkämpfen.

Bullinger fühlte, daß er ihm die Antwort nicht schuldig bleiben dürfe; er schrieb sie 1526. Er war sich bewußt, daß er gewissenhaft in allen Treuen ohne Schimpf der Wahrheit Zeugniß gegeben hatte im guten Vertrauen, ihre göttliche Macht würde die Unwahrheit überwinden und die Gemüther im Frieden zum wahren Heile führen. Daher thut es ihm weh, er ist schmerzlich entrüstet darüber, daß Burkhard so vielfache ungestüme Scheltung gegen ihn gebraucht, die Wahrheit öffentlich verlästert, das Wort Gottes gefälscht, das Urtheil Gottes bei den Einfältigen verdächtig gemacht habe. Mit Rücksicht auf den oft wiederholten Vorwurf, daß er jung und unbärtig sei, sagt er zu seinen Lesern: "Wie? soll ich schweigen? Jch rufe meinen Gott an zum Zeugen über meine Seele, daß ich von Herzen ungern also früh in diesen Kampf für euch eintrete, da ja so viele gelehrte Männer allenthalben schreiben, ich auch viel lieber noch an Erkenntniß, Glauben, Liebe, an Jahren, Vernunft und reifer Kunst im Herrn älter und stärker werden möchte, nun aber, auf diese gröbliche Veranlassung hin, ohne Gefahr der Wahrheit es nicht unterlassen darf." Jm ersten Theile der Abhandlung begründet er einläßlich die Autorität der heil. Schrift gegenüber allem menschlichen Satzungswesen, zeigt mit großer Umsicht aus ihr selbst und aus den Kirchenvätern, doch aus diesen nur in zweiter Linie, daß man niemand als Christum allein hören solle, d.h. daß er als Mittelpunkt der ganzen heil. Schrift aufzufassen sei, was von den heiligen Schriften zu halten, wie und warum sie geschrieben und wie vollkommen sie seien. Am Schlusse dieser ersten Abtheilung redet er noch seinen mit Gelehrsamkeit sich spreizenden Gegner an:

"Also hättest auch du, Rabbuni, wider mich mit hellen und starken Gründen auftreten sollen. Du weißt aber freilich ganz gut, so wie Alle von deiner Partei, daß euere Sache faul und stinkend ist und nicht länger Stich halten mag. Gesteht doch! ihr verstehet die Sprachen nicht; die Schriften habet ihr nicht ergründet, die alten Väter nie recht gelesen und ob auch Etliche sie durchgangen, habet ihr sie doch nicht verstanden, da sie entweder griechisch oder schön latein schrieben, wovon ihr nichts versteht. Dies bedarf keines Beweises; deine "Gespräche" zeugen wider dich; sie sind so barbarisch, gothisch und verzerrt, daß ich überzeugt bin, du habest dein Leben lang niemals einen guten lateinischen Schriftsteller gelesen, geschweige daß du wüßtest, was Latein

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sei und der Sprache Eigenschaft kennetest. Doch daß sich da weder Geschmack noch Feinheit und Reinheit der Sprache findet, wäre dir noch zu verzeihen. Aber ihr Alle habet nichts als etliche Sophismen in der Tasche; wo diese auch nicht aushelfen, seid ihr am Boden. Du, Burkhard, würdest dich vielleicht besser auf allerlei List und Geschwindigkeit des Redeschmuckes verstehen, wenn allenfalls an jene Nonne in Augsburg, im St. Katharinenkloster, zu schreiben wäre! Verzeiht unsern Schimpf, fromme Christen, wenn wir je genöthigt sind, diesen Leuten einen Wink zu geben, damit sie nicht etwa meinen, man wisse nicht, wie kurz ihnen der Rock sei."

Die zweite Abtheilung behandelt die Messe; er untersucht, was Betrugs in ihr, woher und wie sie entsprungen sei. Gegen das Ende hin bekämpft er das falsche Vertrauen auf das Messelesen und insbesondere das Vorgeben: all das lästerliche Wesen des Priesters könne ja der Messe nicht schaden. "Nein, sagt er ernst, du mußt deine Hände selbst in den Teig stoßen (d.h. selbst dich recht anstrengen), fromm und ehrbar leben, dich unter das Opfer und Kreuz Christi stellen, demselben nachfolgen und selbst Oel in der Lampe haben. Denn die Opfer der Ungerechten sind Gott wahrlich, wahrlich nicht angenehm!"

Ebenso schrieb unser Bullinger eine merkwürdige Abhandlung über das Abendmal und andere wichtige Streitpunkte im Namen des damaligen Pfarrers von Hausen bei Kappel, Hans Enslin, eines Württembergers, an Christoph Stilz, Stadtschreiber in Wildberg in Württemberg.

So rang der junge Schullehrer zu Kappel als Zwingli's wackerer Mitkämpfer für die Niederwerfung des alten eingewurzelten Jrrsals und zur Herstellung unserer köstlichen Abendmalsfeier.

12. Der Kampf gegen die Wiedertäufer.

Doch es galt in jenen Tagen nicht bloß zu kämpfen nach Einer Seite hin. Die Reformationszeit hatte auch ihren Radikalismus, der die ächte, gesunde Reformation überallhin wie ein Schatten begleitete, der wie von selbst vielköpfig und vielgestaltig an mancherlei Orten zugleich auftauchte und wenn auch niedergeworfen immer wieder das Haupt erhob. Dies war die Richtung, die von ihrem allgemein gangbaren Kennzeichen der durchweg den Namen Wiedertäufer erhalten hat, deren Wesen aber darin lag, daß sie dem Worte Gottes den Geist, der dem Glauben zu Theil wird, überordneten, daher gelegentlich auch entgegen setzten, statt ihn als nothwendiges Erforderniß zum wahren und lebendigen Verständniß des göttlichen Wortes zu fassen und diesem Verständniß in aller Demuth nachzutrachten. Daher das Springende, das Plötzliche, das Abrupte in ihren Aeußerungen, das Gewaltsame in ihren Unternehmungen; daher ihre Auflehnung, ihr völliges Abbrechen des Zusammenhanges mit allem Gegebenen in Staat, Kirche, Ehe und übriger Sitte;

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daher denn auch wieder ihr wortklauberisches, willkürliches, geistloses Erfassen einzelner abgerissener Bibelworte in ihrem äusserlichsten, anscheinend wörtlichen Sinne.

Bezeichnend ist es für unsern Bullinger, daß wir gerade ihn als einen ihrer entschiedensten, gründlichsten und beharrlichsten Bestreiter finden; dies stimmt durchaus überein mit seiner ganzen Gesinnung, seiner stätigen Geistesrichtung und seiner Geistesentwicklung, in welcher wir am Anfang jenes möglichste, treue evangelische Festhalten des geschichtlichen Zusammenhangs mit der alten und anfänglichen Kirche vorfanden, wenn auch mit entschiedenster Lossagung von Allem, was sich im Laufe der Zeit Unevangelisches und Unreines ihr beigemischt hatte.

Schon im Januar 1525 wurde er von Zwingli auf den Schauplatz des Kampfes gerufen zu dem Religionsgespräche mit den Wiedertäufern, welches am 17. auf dem Rathhause in Zürich seinen Anfang nahm, dann aber der Menschenmenge wegen im großen Münster daselbst gehalten wurde. Er wohnte mit dem lebhaftesten Jnteresse diesem schwierigsten aller Kämpfe bei, den Zwingli, zum Theil gegen frühere Freunde, talentvolle, kenntnißreiche Männer, denen es aber an der rechten Geistes- und Gemüthstiefe wie an Demuth fehlte, zu bestehen hatte. Bullinger erstaunte über den verwegenen Trotz, mit dem sie ihre ausschweifenden, Alles gefährdenden Jrrthümer verfolchten. Er ist auch in seiner Reformationsgeschichte und in seiner besonderen Schrift betreffend Ursprung, Fortgang und Wesen der Wiedertäufer (von 1560) unser genaueste Berichterstatter über diese Vorgänge geworden. Bei den immer sich erneuernden Unruhen und Umtrieben wurden in jenem überall in deutschen Landen durch den ausgedehnten Bauernkrieg bewegten Jahre 1525 noch zu wiederholten Malen in Zürich Gespräche mit den Wiedertäufern gehalten, jedes Mal siegreich für das Evangelium. Doch wandte die zürcherische Regierung noch fortwährend Milde und schonende Behandlung gegen sie an, bis sie in der Folge sich zu schärferen Maßnahmen genöthigt sah.

Einen besondern Schmerz hatte unser Bullinger dabei zu erleben, der seinem treuen Herzen vornämlich Mühe machen mußte. Sein Vetter Michael Wüst, der von Jugend auf sein Wandergesell gewesen war zu Emmerich und zu Köln, ein trefflich gelehrter Mann, war Schulmeister geworden und dann Pfarrer zu Klingnau (im Kanton Aargau), nahe am Einfluß der Aare in den Rhein und unfern Waldshut. Jn Waldshut aber befand sich das Haupt der schweizerischen Wiedertäufer Dr. Balthasar Hubmeier von Friedberg, auf den Thomas Münzer seinen unheilvollen Einfluß ausübte. Auch Michael Wüst, der noch im August 1525 voll Ehrerbietung und freundschaftlicher Gesinnung an Zwingli schrieb, ließ sich von den Wiedertäufern umstricken, verließ sein Pfarramt, da diese Sektirer bei dem allgemeinen Priesterthum aller Christen sein „Predigtamt“ mehr für zulässig hielten, trat in eine Wollenweberei zu Oberglatt (Kanton Zürich), um dies Gewerbe zu

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erlernen; und wiewohl er noch ein Mal zurück schauderte vor der Dreistigkeit derjenigen seiner jetzigen Brüder, die als Gotterfüllte der heil. Schrift gar keinen Werth mehr beimaßen für die Gläubigen, und ebenso, weil Gott in ihnen, des Gebetes sich gar entledigten, auch als ein Wankender noch ein Mal nach all den gehaltenen Gesprächen Zwingli's Rath einholte und empfing, starb er daselbst in dem jämmerlichen Jrrsal dieser Sekte. - Wie konnte Bullinger anders, als hier, wo der Lebenspfad dessen, den einst jahrelange Jugendfreundschaft mit ihm verband, von dem seinigen so scharf sich trennte, in Demuth die Gnade Gottes preisen, die über ihm selbst waltete.

Auch über diesen Lehrpunkt „von der Taufe und Kindertaufe“ haben wir ein Schriftchen von Bullinger, das er 1525 verfaßte und dem Bruder seines Freundes Peter Simmler, des Priors in Kappel, Namens Heinrich, welcher Bürger zu Bern war, in herzlicher Liebe widmete. Nicht um eine einläßliche Bestreitung der Jrrlehre war es hier zu thun, sondern nur um eine möglichst kurze und faßliche Darstellung für unsicher Gewordene. Der Hauptinhalt ist folgender.

Die Taufe, sagt er, ist ein anfängliches Pflichtzeichen, d.h. ein solches Zeichen, das zur Gemeinschaft Gottes verbindet, uns Christo zugesellt und zu einem gottseligen Leben verpflichtet, ähnlich der Beschneidung in dem alten Bunde und wie das weiße Kreuz im rothen Felde das Zeichen eines Eidgenossen ist. Wiewohl der alte und der neue Bund im Grunde nur Ein Bund sind, ist doch ein anderes Zeichen dort als hier. Die Beschneidung nämlich, bei der Blut vergossen ward, deutete hin auf die Versöhnung durch das Blut Christi, das hernach für uns vergossen wurde zur Stiftung des neuen Bundes. Jn diesem aber ist darum an die Stelle der Beschneidung ein freundliches Element d.i. das Wasser des heil. Taufsakramentes getreten, weil Christi Blut im neuen Bunde alle weitere Versöhnung durch Blut unnöthig macht und beseitigt. Wie aber schon im alten Bunde die Kinder der Jsraeliten zum Volke Gottes gehörten und als Angehörige des Bundes das Pflichtzeichen erhielten, so betrachtet auch Christus die Kinder schon als zum Reiche Gottes gehörig und kommt auch ihnen die heilige Taufe als anfängliches Pflichtzeichen zu. Der natürliche Erbe, so lange er ein Kind ist, darf auh nicht enterbt werden; erst wenn er als erwachsen dem Vater ungehorsam ist, wird er enterbt; so werden der Christen Kinder erst, falls sie diesem Bunde hernach untreu werden, des Bundes und seiner Güter verlustig. Die dreiste Behauptung der Wiedertäufer, die Apostel haben keine Kinder getauft, ist nicht erweislich; daraus daß sie nicht ausdrücklich genannt sind, folgt jenes noch nicht; waren doch die Frauen auch nicht bei der Einsetzung des Abendmales und doch gehört dieß ihnen auch; daraus aber, daß es heißt, die Apostel haben ganze Haushaltungen getauft, läßt sich wohl entnehmen, daß die Gegner mit ihrer Behauptung zu weit greifen. Sie sagen ferner, die Apostel hätten zuerst gepredigt, dann getauft. Freilich soll man dieß auch jetzt noch thun bei Leuten,

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die noch nichts von Gott wissen; anders aber steht's mit Kindern, die durch die Eltern schon dem Bunde Gottes angehören. Unwahr ist die Behauptung, daß erst Pabst Nikolaus die Kindertaufe eingeführt habe; schon Origenes (ums Jahr 200 nach Christus) und Augustinus (um 400) bezeigen, daß sie schon in den frühsten Zeiten der Christenheit vorkam; die Wiedertaufe Novatians dagegen ward schon zu des Letztern Zeit als ketzerisch verworfen. Nichtig ist auch die Rede, man sei mit des Pabstes Taufe getauft worden und deßhalb müsse man wiedergetauft werden. Nein! wir wurden ja doch auf Christum getauft. Eben so nichtig ist der Einwand, die Kinder wissen noch nichts von der Bedeutung der Taufe; dieß würde ja auch gegen die Beschneidung der Kinder gelten, und doch beschnitt Abraham mit Recht seinen Sohn schon als kleines Kind. Doch der eigentliche Grund des Jrrthums liegt darin, daß sie nicht wußten, was die Taufe sei; sie bildeten sich ein, sie sei das Zeichen der wahrhaft von Herzen Gläubigen; doch dafür gibt's keine andere Gewähr als nur des heil. Geistes Siegel! Röm. 8, 16, II. Kor. 1, 22.

„Gott aber, schließt Bullinger, ist ein Gott des Friedens. Drum vermeid' du den Zank, herzlieber Heinrich, und bewäre mit guten christlichen Werken mehr als mit Worten dein christliches Gemüth; denn das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in der Kraft, und nimm dieß mein Schreiben zum Besten an. Die Gnade Gottes sei mit dir!“

13. Das wahre Prophetenthum.

Von zwei Seiten sahen sich also die wahrhaft reformatorischen Männer angefeindet seit diesen Regungen der Wiedertäufer. Doch auch dieß mußte ihnen durch Gottes Gnade zum Besten dienen. War es den papistischen Gegnern gegenüber, die ihr unwahres Priesterthum und alle ihre Jrrlehren durch Menschensatzung zu stützen suchten, nothwendig gewesen, allein auf das Wort Gottes sich zu gründen, so galt es nun gegenüber diesen stürmischen Geistern, die in eigener Willkür und eitler Selbsterhebung über das Schriftwort sich erhaben dünkten und hinweg setzten, auf gesunde, redliche, umsichtige Auslegung der heil. Schrift zu dringen, damit die ewig gültige evangelische Wahrheit hervor leuchte und die falschen Propheten zu nichte mache, sowohl die Wölfe in Schafskleidern, die bis dahin die Herde Christi so übel zugerichtet hatten, als auch diese, welche nun die eigenen jedesmaligen Eingebungen für göttliche Weisheit hielten und ausgaben.

Ein neues Amt war vonnöthen gegenüber den Einen wie den Andern, nämlich die lautere Verkündigung des göttlichen Wortes gemäß den heiligen Schriften durch die von Gott dazu Befähigten und Berufenen, damit die Gemeinde in der ächten christlichen Lehre unterwiesen und demgemäß ihr ganzes Leben nach allen seinen Richtungen hin und in allen Verhältnissen neu geregelt, umgestaltet und verklärt werde. Kein anderer biblischer Name konnte

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daher für diese Zeugen Gottes geeigneter erscheinen als der des Propheten. Wie der Prophet des alten Bundes strafend, warnend, tröstens in alle Gebiete des Lebens hineinleuchten mußte mit dem wahrhaftigen Gottesworte, so auch der Verkündiger des aus der Schrift aufs neue hervorströmenden göttlichen Wortes; wie die Propheten des neuen Bundes (nach der damaligen, wohl nicht ganz stichhaltigen Auffassung von I. Korinth. 12 und 14) als der Sprachen theilhaft bezeichnet werden, so mußten die Prediger des Evangeliums, wenn auch nicht in völlig gleicher, doch ähnlicher Weise, der Sprachen kundig sein, die zum sichern Verständniß der heil. Schriften dienen. Daher sehen wir, daß Bullinger so wenig wie Zwingli sich scheut, die Prediger des lautern Evangeliums als die wahren Propheten zu bezeichnen, wenn er gleich voraus sah, wie laut der Hohn der Widersacher erschallen werde gegen diese Benennung. Es bedarf eben doch auch der Verkündiger des Evangeliums vor Allem einer innern Berufung und göttlichen Begabung; dann muß die Ausbildung hinzu kommen. Völlig getragen von diesen Gedanken ist ein Werk Bullingers aus dieser Zeit, vom Jahre 1525, das den Namen „Der Prophet“ führt. Naturgemäß zerfällt ihm das Werk in zwei Theile. Einerseits nämlich muß es das Streben des ächten Propheten sein, die lautere göttliche Wahrheit stets völliger zu lernen aus den heiligen Schriften, durch gründliches Studium und tiefe Beherzigung sich immer mehr davon durchdringen lassen. Davon ausgehend, daß die heil. Schrift uns Alles, was zu einem frommen Leben und zur Seligkeit dient, ganz genau und vollständig lehre, und daß Alles, was in der Schrift steht, zu unserm Heile diene, sucht er mit größter Gewissenhaftigkeit die richtigen Grundsätze gesunder Schriftauslegung zu Tage zu fördern, weit entfernt von einer bloß mechanischen Behandlung der Bibel, vielmehr mit lebensvollem Eingehen auf die verschiedenartigen Bestandtheile der Schrift und die mannigfachen Arten, wie die Schrift zu uns redet. Diese Kunst, deren sorgsame Pflege auch in unsern Tagen die protestantische Welt so vielfach in Anspruch nimmt, ist ihm Gewissenssache. Steht er auch auf den Schultern eines Erasmus und anderer damals berühmter Schriftausleger, so genügen sie ihm doch nicht, indem sein ganzes Augenmerk aufs schärfste darauf gerichtet ist, daß er nirgends von der Schrift abweiche. „Wäre dieß nicht erreicht, so möchte nur gleich, ruft er aus, mein ganzes Buch zu Grunde gehen; denn lieber will ich, daß das Meinige zu Grunde gehe, als daß durch das Meinige die Brüder Schaden leiden!“ Hier kommt namentlich der früher schon von uns erwähnte Auslegungsgrundsatz zur vollen Geltung, daß man in den Schriften Christus allein hören müsse, daß er als das A und O, als Zielpunkt des ganzen alten und Ausgangspunkt des neuen Testamentes überall aufzusuchen und zu erfassen sei. - Die andere Aufgabe des Propheten ist es sodann, die göttliche Wahrheit, welche die Schrift ihm bietet, lauter und rein, würdig und edel, einfach und klar, den Verhältnissen und den Zuhörern angemessen vorzutragen.

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Daher finden wir da eine einläßliche Anleitung zum Predigen, zur geheiligten Redekunst.

Diese Schrift Bullingers hatte ein eigenthümliches Schicksal. Sie war zunächst nicht für den Druck bestimmt, sondern nur für den Kreis seiner Freunde und Zuhörer verfaßt. Leo Judä aber, der Pfarrer an St. Peter in Zürich, mit dem Bullinger wie mit Zwingli erst zu Ende des Jahres 1525 persönlich bekannt geworden, seither aber in ein sehr vertrautes, inniges Freundesverhältniß gekommen war, fand so großes Wohlgefallen daran und war so freudig erstaunt über die Reife des Urtheils, die Umsicht, Ordnung und Besonnenheit, die ihm überall in der Schrift des Jünglings entgegen trat, daß er in ihn drang, sie herauszugeben. Bullinger gab endlich, wiewohl schüchtern, nach; er widmete das Werk dem Abte Wolfgang Joner, dem Prior Peter Simmler und dem Conventsherrn Andreas Hofmann, sowie den übrigen lieben Brüdern im Kloster Kappel. Der Buchhändler Adam Petri in Basel war ganz bereit es herauszugeben. Allein die drei Büchercensoren Ludwig Ber, Amerbach und Froben in dem damals betreffend die Reformation noch sehr schwankenden Basel fanden, das Buch rieche allzusehr nach Lutheranismus (d.h. nach damaliger Ausdrucksweise: es sei zu scharf evangelisch) und lasse die Kirchenväter zu wenig gelten. Deßhalb unterblieb der Druck.

Bullinger hat uns aber darin gezeigt, welches hohe und doch lebensfähige Jdeal ihm, dem einundzwanzigjährigen Manne, damals schon für seine eigene künftige Lebensstellung vorschwebte, dessen Verwirklichung in nicht allzuferner Zukunft zu beginnen und durch eine so lange Reihe von Jahren rühmlich und kraftvoll fortzuführen ihm gewährt sein sollte.

Noch im November desselben Jahres hatte er die Freude, bei einem Besuche in Basel Oekolampad näher kennen zu lernen und in innige Freundschaft mit ihm zu treten. Er fühlte sich sehr von ihm angesprochen, und besuchte ihn auch später wieder. Oekolampad war es auch, der einige Jahre hernach an Bullingers Schrift „über den Ursprung des Jrrthums betreffend die Bilderverehrung und die Messe“ so großes Wohlgefallen fand, daß er ihn veranlaßte, sie herauszugeben. Dieß Buch fand so vielen Beifall, daß es noch zu Bullingers Lebzeiten die dritte Auflage erlebte. Bullingers Name wurde dadurch allgemein bekannt und berühmt. Ein Zeugniß von der Werthschätzung dieser Schrift ist, was Professor Zanchi (1568) an Bullinger darüber schrieb: „Gerne führe ich an, was mir einst jener italienische Mönch Giovanni Mollio, genannt Montaleino (Professor in Bologna) darüber sagte, der zuletzt (1553) in Rom um des Evangeliums willen verbrannt wurde. Kaufen mußt du's, sagte er, und hast du kein Geld, so reiß dir dein rechtes Auge aus, gieb es an Zahlungs Statt und lies das Buch mit dem linken!“

Doch wir kehren vorerst zum Gang der Ereignisse zurück.

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14. Der Ketzername. Die Rettung des Vaterlandes durch das Evangelium.

War das Jahr 1525 ein sturmbewegtes gewesen der Wiedertäuferei und des Bauernaufstandes wegen, der ganz Deutschland in Flammen setzte, so war es das Jahr 1526 für die Schweiz nicht weniger wegen des geschärften Gegensatzes der reformirten und der römisch-katholischen Partei. Erst in diesem Jahre stieg nämlich die Erbitterung auf ihre volle Höhe, seit die papistischen Kantone, angeregt durch den Generalvikar des Bisthums Konstanz Faber, sich mit dem spanisch-östreichischen Kaiserhause in Verbindung setzten und unter Beziehung desselben Dr. Eck, der einst in Leipzig mit Luther disputirt hatte, ein Religionsgespräch in Baden veranstalteten, das Zwingli schon der augenscheinlichen Lebensgefahr wegen nicht besuchen durfte. Das zu mehrern frühern hinzu kommende Feuerzeichen, das Faber dadurch gab, daß er acht Tage vorher den Prediger Hüglin von Lindau der evangelischen Lehre wegen in Konstanz dem Flammentode Preis gab, war überdieß bedeutsam genug, wenigstens nach Bullinger's Urtheil; dieser konnte nicht anders als Zwingli's Einladung nach Baden mit dem Mordanschlag gegen Paulus (Apostelgesch. 23) vergleichen. Jmmer noch hatte man bis jetzt einige Hoffnung hegen können, es würde in der Eidgenossenschaft nicht zum Aeußersten kommen, sie werde sich nicht völlig spalten; doch schwand diese Hoffnung allmälig dahin und die Ahnung von der Nähe eines furchtbaren Bürgerkrieges stieg leise auf in manchem vaterlandsliebenden Herzen. Jndeß mußte man noch thun, was man konnte, um die angefeindete Ehre des Evangeliums zu retten, ungerechte Vorwürfe zurück zu weisen und denen, die sehen wollten, zu zeigen, wie sehr dem ganzen Vaterlande geholfen wäre durch Rückkehr zu christlich-sittlicher Lebensführung gemäß dem Evangelium.

Namentlich wurde Zwingli eben damals so laut und dreist als Ketzer und meineidig verschrieen, daß Bullinger nunmehr der Zeitpunkt gekommen schien, das früher schon in dem Briefe an Pfarrer Jakob zu Wohlen angedeutete Versprechen zu erfüllen, nämlich zu zeigen, wer eigentlich den Ketzernamen verdiene, ob die Papisten oder die Evangelischen. Dieß that er nun mit Zwingli's Zustimmung (1526) in der Schrift: „Vergleichung der uralten Ketzereien und derjenigen unserer Zeiten.“ Dieß Schriftchen, das erste was von ihm gedruckt wurde, gab er indeß, um desto eher auch bei den Gegnern Eingang zu finden, nicht unter seinem eigenen Namen, sondern unter dem Namen Octavius Florens heraus. Auf dem Titel steht noch: zu warnen den einfältigen Leser, und dann: das Büchlein zum Leser:

„Willst du erfahren g'wiss und b'hend,

Wer doch Väter, Concilien schänd',

Juden und Heiden in Tempel führ'

Und Ketzereien vom Boden rühr',

So lies mein' Red' in solchem Maß,

Daß dich fürhin verhütest baß.“

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Er bezeugt vor Allem seinen Wunsch nach Frieden; einzig die Ehre Gottes vermöge und zwinge ihn, einmal zu sagen, wie die Sachen stehen. Wer sind aber Ketzer? Solche, die aus eigenem Kopf aussinnen, festhalten und ausbreiten, was göttlicher Schrift widerspricht. Wir thun das nicht, da wir gar nichts Anders wollen, als treu beim Worte Gottes bleiben nach der heil. Schrift, wohl aber unsere Gegner, die uns wider Wissen und Gewissen Ketzer schelten, die sogenannten Altgläubigen. Sie tragen jedoch diesen Namen nicht mit vollem Rechte; denn einen ältern Glauben, als den unsrigen, den von Gott und Christo gepflanzten, den der Urväter, Propheten und Apostel gibt es nicht. Dann zeigt er, wie die Schimpfnamen Hussiten, Waldenser und Wiklefiten, mit denen damals die Evangelischen hie und da belegt wurden, mit Unrecht als Ketzernamen angesehen werden, durchgeht hierauf eine Reihe von Jrrlehren, die von der alten Kirche in den ersten Jahrhunderten, die dem Evangelium noch näher stand, als ketzerisch verdammt wurden, und weist nach, wie die römisch Gesinnten sich derselben schuldig machen, wie sie z.B. durch ihre falsche Lehre von der Brotverwandlung und ihre Verehrung der Hostie betreffend die göttliche und menschliche Natur Christi eben in die Ketzereien gerathen seien, welche die Kirche verwarf, wie sie ferner durch ihre Werkheiligkeit völlig in Widerspruch mit dem von Allen für rechtgläubig geachteten Augustin gekommen und der damals verworfenen Ketzerei verfallen seien, wie sie endlich auch durch ihre Verbote des Fleischessens, ihr Geisterbeschwören und andere derartige gottlose Gebräuche, sowie dadurch, daß sie die Kirche an Rom binden, ketzerisch geworden. „Ja fürwahr, sagt er, diese Doctoren da, die ja wohl wissen, daß wir keine Ketzer sind, und ihrer Viele, die gegen ihr eigen Gewissen reden, schreien eben darum so gar laut und frech: Ketzer, Ketzer! damit man sich bei ihnen ja nicht der Ketzerei versehe.“ Endlich nachdem er nochmals versichert hat, daß er nur nothgedrungen wegen der immer ärger werdenden Anfeindungen den Gegnern etwas schärfer auf den Leib gegangen, wendet er sich noch, mit tiefem Schmerze und heiligem Zorne im Hinblick auf die schuldlos als Ketzer Verbrannten, an die ehrlichen frommen Christen: „Längst haben sie (die papistischen Lehrer) euch gewähnt in Harnisch zu kommen (aufzufahren) und unerhört die zu verfolgen, welche alle Ketzereien gehaßt, nach des einigen Gottes Ehre, nach Christi Erkenntniß und der armen Seelen Heil von Herzen gedürstet, Glauben, Liebe und Unschuld gelehrt und auf das untrügliche Gotteswort gegründet haben! Ach, himmlischer Vater, was können wir denn noch thun? Wie könnet ihr Doctoren, die ihr doch wisset, daß wir recht lehren, uns arme Schäflein so unmenschlich auf die Schlachtbank führen!“

Von demselben Geiste heiligen Ernstes beseelt und von edler Vaterlandsliebe durchdrungen sind noch zwei kleinere Schriften Bullingers aus dieser Zeit. Die erste derselben, vorzüglich bestimmt alle noch Widerstrebenden im ganzen Vaterlande darauf zu weisen, wie eben das neuerwachte Evangelium als der

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Gipfelpunkt all der großen Wohlthaten zu betrachten sei, welche Gott der Eidgenossenschaft erzeigt habe, heißt „Anklage und ernstliches Ermahnen Gottes des Allmächtigen an die gesammte Eidgenossenschaft, daß sie sich von ihren Sünden zu ihm kehre.“ Erst 1528 gaben sie seine älteren Freunde Brennwald und Uttinger mit Verschweigung seines Namens heraus. Wie die alten Propheten ihre Ermahnungen ans Volk Jsrael anhoben: Also spricht der Herr, so läßt der Verfasser Gott selbst reden; freilich ein kühner jugendlicher Versuch, doch ließ sich allerdings in dieser Form manches Treffende mit ausnehmender Kraft vorbringen.

Die andere dieser beiden Schriften, welche unter Bullingers eigenem Namen im Jahre 1526 erschien, ist die „freundliche Ermahnung zur Gerechtigkeit wider alles Verfälschen richtigen Gerichts“, auf Zwingli's Ermunterung verfaßt und an einen bedeutenden zugerischen Staatsmann gerichtet, besonders lehrreich für die, welche etwa geneigt sein möchten, irgendwie jenem oft wiederholten und stets ungerechten Vorwurfe zu huldigen, als ob die Reformation überhaupt, oder doch die schweizerische, etwas Revolutionäres in sich schlösse und daher staatsgefährliche Tendenzen begünstige. Wem dieß aus der festen Haltung Zürichs gegenüber den allerdings die staatliche Ordnung gefährdenden Wiedertäufern noch nicht klar geworden, dem könnte hier noch etwas mehr Licht darüber ausgehen. Nicht von der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, will er hier reden, sondern von der bürgerlichen, staatlichen Gerechtigkeit, d.h. von der ächten christlichen Staatsordnung und ihrer kräftigen Handhabung, wie sie aus der evangelischen Wahrheit nothwendig sich ergebe. Mit Kraft und Feuer bekämpft er hier namentlich, gleich Zwingli, jenes größte Hinderniß der Reformation in der Schweiz, welches sowohl der sittlichen Erhebung als der reineren Lehre sich entgegen stemmte, ohne dessen stete Berücksichtigung das Verständniß der schweizerischen Reformation überall nicht möglich ist, das mörderische, nur für Wenige gewinnreiche Reislaufen (ungeordneten Söldnerdienst), das alle sittlichen Bande löste und die Herzen des Volkes der Verwilderung Preis gab. Schien auch mancher Ton fruchtlos zu verklingen, dennoch lag in der erneuten Geltung der evangelischen Wahrheit die einzige Rettung für das Schweizervolk, durch ihre Rückwirkung selbst für die römisch-katholischen Kantone.

Jn Bezug auf Bullinger selbst ist diese Schrift darum von besonderer Bedeutung, weil sie uns zeigt, wie klar und richtig er bereits das Verhältniß des Gotteswortes zur Staatsgewalt und damit zugleich auch das des evangelischen Predigers, als ihres Berathers, zu letzterer erfaßte. Wie wichtig für den Mann, der berufen war, hernach während einer so langen Reihe von Jahren als kirchlicher Berather der evangelischen Obrigkeit stets die rechte Linie inne zu halten!

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15. Umwandlung des Klosters Kappel; Klostergut und Armenpflege. Ein Halbjahr in Zürich, Disputation in Bern. Das erste Predigtamt.

Endlich kam die Zeit, da Bullinger in seiner Nähe die Früchte seines reformatorischen Wirkens sehen durfte. Die äußere Umgestaltung ging, völlig in Uebereinstimmung mit Zwingli's und Bullingers Grundsätzen, nur allmälig vor sich, so daß sie Schritt für Schritt der Belehrung nachfolgte. Schon im März 1925 wurden die Bilder, denen zuvor so viel abgöttisches Vertrauen geschenkt worden, aus der Kirche zu Kappel hinaus getragen. Im April entwickelte Bullinger zum ersten Mal öffentlich die evangelische Lehre vom heiligen Abendmal. Jm September wurde in Kappel die Messe abgeschafft; doch erst zu Ostern 1526 feierte man das heilige Abendmal nach der Einsetzung des Herrn. Zugleich legten nun die Mönche ihre Kutten ab. So verstummte auch im Sommer der mechanische, andachtlose Chorgesang; statt dessen trat eine tägliche Bibellection ein. Mehrere von den Mönchen widmeten sich dem geistlichen Amte, übernahmen Pfarrstellen in der Umgegend und traten in den Ehestand. Letzteres thaten auch der Abt und der Prior zu Anfang des Jahres 1527. Diejenigen von den Mönchen, die zum Predigtamt kein Geschick hatten, jüngere besonders, verließen das Kloster, um Handwerke zu lernen und lebten fortan als thätige und ehrbare Bürger von ihrer Hände Arbeit. Einige ältere bekamen Leibgedinge; etliche, die beim Mönchsleben beharren wollten, traten in andere Klöster. Die Schule sowie der evangelische Gottesdienst wurden indeß mit allem Eifer fortgesetzt und unter den Zurückbleibenden auf strenge Sittlichkeit gehalten.

Endlich nach allen diesen Vorgängen und nachdem schon 1525 alle Klöster im Kanton Zürich eingegangen, faßte 1527 der Abt und Convent einmüthig den Beschluß (an dem Bullinger nicht wenig Antheil hatte), das Kloster der Stadt Zürich als den rechten Schirmherren und Kastvögten zu übergeben. „Dieweil wir, sagten sie in ihrer Zuschrift an den Rath, aus heiliger, göttlicher Schrift berichtet sind, daß man Gott mit solchem Dienst, wie er bisher in Klöstern üblich gewesen, mit Singen, Lesen, Messehalten u. dgl. vergeblich ehre, vielmehr die Klöster von ihrer ersten Stiftung her zu Schulen christlicher Zucht und heiliger göttlicher Schrift geordnet und bestimmt sind; so finden wir uns aus christlichem Eifer bewegt, daß wir Euch, unsern Gnädigen Herren, das Kloster mit all seiner Nutzung, die unsere Vorfahren mehrtheils mit ihrer Arbeit und sorgsamem Haushalt bekommen, frei ledig übergeben wollen, mit der Bedingung und Bitte, daß Jhr anstatt der abgeschafften Mißbräuche eine Reformation vornehmet, die dem Worte Gottes gleichförmig sei. Dazu wollen wir Alle rathen und helfen und jeglicher unter uns ist willig zu den Diensten, wozu ihm Gott Geschick verliehen hat, in der zuversichtlichen Hoffnung, daß Jhr uns Alle nach Gnaden bedenken werdet.“

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Sogleich reiste eine Abordnung des Rathes nach Kappel und traf in Betreff der Reformation das Klosters mit dem Abte die Abrede: da die Klöster von Anfang Schulen der Zucht und göttlicher Schrift gewesen, so soll Kappel für und für dabei bleiben; der Abt soll stets einen gottesfürchtigen, tugendreichen und gelehrten Schulmeister halten; hoffnungsvolle Knaben aus der Stadt oder Landschaft Zürich sollen auf Kosten des Klosters daselbst eine Zeit lang erzogen werden, bis sie zu weiterem Unterricht abberufen und durch andere ersetzt werden. Die Zahl dieser Knaben wurde einstweilen auf vier gesetzt, solle aber mit dem Vermögen des Klosters steigen; auch soll es jedem Bürger frei stehen, gegen ein billiges Kostgeld seine Knaben daselbst erziehen zu lassen. Ferner wurde verordnet, daß zu Kappel eine Pfarrkirche sei, wozu die umliegenden Dörfer und Höfe kirchgenössig, und daß überdieß die eine halbe Stunde entfernte Pfarre Hausen von Kappel aus durch den jeweiligen Schulmeister versehen werden solle.

Wie sehr diese Umwandlung Bullingern zusagen mußte, können wir uns leicht denken; er blieb nach wie vor Schullehrer; seine Schülerzahl stieg bald auf zwölf; Kappel wurde eine Pflanzstätte, welcher eine Reihe berühmter Zürcher Gelehrten in den folgenden Jahrzehnden einen schönen Theil ihrer Jugendbildung verdankte. Persönliche Vortheile hatte er indeß von dieser Umgestaltung keine. Nach wie vor bekam er keinen Gehalt. Die Pfarrbesorgung hingegen, die ihm dabei in Aussicht gestellt wurde, war nur eine Vermehrung seiner Arbeitspflicht.

Wie die hier geltend gemachte Anschauung, daß das Klostergut seiner ursprünglichen Bestimmung gemäß in evangelischen Landen theils zur christlichen Unterstützung der Armen und Kranken, theils zum Unterhalte christlicher Schulen zu verwenden sei, Bullinger's Ueberzeugung entsprach, ersehen wir auch aus seinem in eben diesem Jahre 1527 verfaßten Schriftchen: äWider den frevnen Kelchstempel, wie unbillig er den frommen Zürchern auf ihre Batzen gestempft worden.“ Die Veranlassung zu dieser Schrift gab der Umstand, daß nach Aufhebung der Klöster und Stifte im Gebiete Zürichs die Kirchenzierraten, wie Chorhemden und dergl. dazu verwandt wurden, den Armen Röcke, Hemden und andere Kleidungsstücke daraus zu machen. Die Seiden- und Sammtstoffe, die gestickten und gewirkten Tücher wurden den Meistbietenden verkauft und der Erlös zu eben diesem heiligen Gebrauche bestimmt. Gold und Silber wurde in die Münze geschickt und Goldgulden, Batzen und Schillinge daraus geprägt. Dies wurde von den Gegnern der evangelischen Wahrheit aufs gehässigste ausgebeutet, so daß Etliche zu Luzern und Zug, Zürich zu Schmach und Trotz auf alle solche Münzen, deren sie habhaft werden konnten, einen Kelch stempften (stempelten) und sie Kelchbatzen und Kelchschillinge nannten. Dies erweckte bei den Reformirten auch wieder Bitterkeit; diese fragten jene Gegner, warum sie die französischen Kriegsgelder nicht ebenso stempeln, da man doch wisse, daß man in

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Frankreich viel Kirchengut nicht zu Gunsten der Armen, sondern für Kriegsbedürfnisse geprägt habe. Faber schrieb ein gar heftiges Sendschreiben an Zwingli, worin er ihm vorwarf, daß die heiligen Gewänder in Zürich auf dem Trödelmarkt öffentlich verkauft werden und nun von Dirnen zur Schau getragen werden. Zwingli antwortete ihm zumeist mit beißendem Witze: sollte auch wider den Willen der Obrigkeit Einiges in die Hände Muthwilliger gekommen sein und zur Hoffart mißbraucht werden, so sei doch eine gottentehrende Entweihung jener Zierden schon darum nicht möglich, weil dieselben längst von unreinen Pfaffen entweiht worden. Bullinger aber behandelte die Sache ernsthafter. Eifernd für Zürichs Ehrenrettung zeigt er, daß Zürichs fromme Regierung nichts Ungehöriges oder Unchristliches gethan habe, sondern nur was Gott gefalle und was Gott sie gelehrt habe durch die heiligen Schriften. „Wir Christgläubigen, fügt er bei, wissen jetzt, daß die frommen Herzen der rechte Tempel Gottes sind und daß diejenigen Kleinodien von Edelgestein, Gold und Silber in die Tempel tragen und aufopfern, welche den armen Dürftigen, in denen Christus wohnt und von denen er spricht: was ihr dem Allergeringsten der Meinigen gethan, das habt ihr mir gethan, Gutes thun, sie speisen, tränken, kleiden und beherbergen.“ Nachdem er dies aus der Schrift erwiesen, weist er noch auf die alte Kirche hin, auf Cyprian und Lactanz, auf Ambrosius, der das Gold und Silber der Kirche zu Erlösung der Gefangenen verwandte und dies den rechten Schmuck der Sakramente nannte, auf Laurentius, der, als Diakon in Rom, im Jahre 258 die Schaar der Armen als die Schätze der Kirche darstellte, während die jetzigen Priester und Mönche durch die Menge von Abgaben aller Art die ehrlichen Armen darnieder drücken [9].

Wenige Monate nach der Umgestaltung des Klosters Kappel, im Juni 1527, reiste Bullinger mit Bewilligung des Abtes nach Zürich in Begleit seines Zöglings Johannes Frei. Er blieb da bis im November und wohnte im Kappelerhofe. Während dieser köstlichen Zeit hatte er nun Gelegenheit, den täglichen Umgang Zwingli's, Leo Judä's und der übrigen Zürcher Freunde zu geniessen; er wohnte Zwingli's Predigten und seinen theologischen Vorlesungen regelmäßig bei, übte sich emsig in der hebräischen Sprache unter Konrad Kürsner, genannt Pellican, und vervollkommnete sich im Griechischen unter Johann Müller (aus Rellikon im Kanton Zürich), genannt Thellican, Rudolf Collin und Jakob Ammann.

Jm Dezember 1927 erhielt Bullinger vom Rathe in Zürich den Befehl

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im Januar 1528 mit Zwingli nach Bern zu reisen, woselbst ein öffentliches Religionsgespräch angeordnet war, zu welchem man die bedeutendsten Vertreter beider Parteien eingeladen hatte. Jn den ersten Tagen des Jahres versammelten sich in Zürich die Geistlichen und Abgeordneten von Schaffhausen, Glarus, St. Gallen und mehreren schwäbischen Städten; mit den zürcherischen Gelehrten und Geistlichen waren ihrer über hundert. Gemeinsam und unter ansehnlicher Bedeckung reiste man ab. Zwanzig Tage lang dauerte die Disputation; Zwingli leuchtete vornehmlich hervor; er und die große Schaar seiner Mitarbeiter verfocht die Sache des Evangeliums so kraftvoll und siegreich, daß die Reformation in Bern völlig den Sieg davon trug, und nicht nur in diesem größten Kantone, sondern auch in weiterem Umkreise sich Bahn brach. Bullinger hatte dabei keine öffentlichen Geschäfte, wohl aber die schöne Gelegenheit eine beträchtliche Zahl der reformatorischen Männer, in deren Gemeinschaft er nach wenigen Jahren das Werk der Reformation fortführen und weiterbilden mußte, persönlich kennen zu lernen, Männer wie Bertold Haller, Franz Kolb von Bern, Butzer und Capito von Straßburg, Konrad Som von Ulm, Farel von Neuenburg und viele Andere, vornehmlich aus der Schweiz. Namentlich trat er mit Ambrosius Blaarer von Konstanz in ein näheres Verhältniß, das dann lange Jahre segensvolle Früchte bringen sollte; noch im nämlichen Jahr widmete ihm Bullinger seine Schrift vom Ursprung des Bilderdienstes. Mit manchen schon Befreundeten, wie insbesondere Oekolampad wurde hier die Freundschaft noch fester und inniger. Bullinger hatte etwas so Einnehmendes in seiner Art sich zu benehmen, daß ihn jedermann bald lieb gewann; dabei zeigte er solche Umsicht und Besonnenheit und wußte Anderen mit solcher Achtung zu begegnen, daß er bei Männern, die zehn und zwanzig Jahre älter waren, großes Zutrauen gewann und, obgleich noch ein Jüngling, zu den wichtigsten Berathungen und Verhandlungen gerne beigezogen wurde.

Jm Juni desselben Jahres 1528 wurde Bullinger zu der Synode, die unter Zwingli's und Leo Judä's Vorsitz im Beisein mehrerer Rathsglieder gehalten wurde, nach Zürich berufen und leistete den Synodaleid. Er wurde dadurch Mitglied der zürcherischen Geistlichkeit und verpflichtete sich damit, die evangelische Lehre nicht nur in Schulen oder durch Schriften zu verfechten, sondern auch öffentlich zu predigen, was er bisher noch nicht gethan, vielmehr stets abgelehnt hatte. Gemäß der 1527 getroffenen Verfügung hatte er jetzt als Schullehrer in Kappel zugleich die Pfarrgeschäfte in Hausen zu besorgen. Der Abt hielt ihn auch alsbald nach seiner Rückkehr dazu an. Sonntags den 21. Juni betrat er in Hausen zum ersten Male die Kanzel und damit beginnt nun seine Predigerwirksamkeit.

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16. Bullinger's Verlobung. Sein Bewerbungsschreiben. Vom Nonnenleben.

An Bullingers längeren Aufenthalt, den er im Jahre 1527 in Zürich machte, schließt sich noch ein namhaftes Ereigniß seines Lebens, das uns den Blick in ein neues Lebensgebiet und seine ganze Auffassung desselben eröffnet, nämlich seine Verlobung. Er bewarb sich um die Hand der Anna Adlischweiler aus Zürich, die im aufgehobenen Kloster Oetenbach daselbst Nonne gewesen war und auch seit der schon 1525 erfolgten Aufhebung des Klosters nebst einer einzigen älteren Nonne Namens Frau Justitia (die Bullingern bekannt war) noch darin lebte. Sie war die Tochter eines ehrbaren Bürgers, Hans Adlischweiler von Rappersweil, seit 1491 in Zürich eingebürgert, der als vorzüglicher Koch dem Bürgermeister Waldmann und dem prachtliebenden Abte Trinkler zu Kappel einst gedient hatte, dann Stubenwart zweier Zünfte wurde und 1512 vor Pavia, als Küchenmeister des Feldhauptmanns, an der Bräune starb. Er hinterließ ein ziemlich bedeutendes Vermögen. Die Mutter brachte sodann die einzige Tochter aus besonderer Andacht ins Kloster, und als sie selbst zuletzt schwächlich und mit der Wassersucht behaftet ward, verkostgeldete sie sich in ihren alten Tagen ins Kloster Oetenbach, um in der Nähe ihrer Tochter zu sein, und genoß deren liebevolle Pflege.

Bullinger's Bewerbung geschah schriftlich durch ein einläßliches an die Geliebte seines Herzens gerichtetes Schreiben, das etwas so Eigenthümliches hat, ein solches Zeugniß seines edlen Sinnes, seiner Reinheit und Geradheit, der Klarheit und ruhigen Besonnenheit ist, mit der er im Alter von dreiundzwanzig Jahren auch die ehelichen Verhältnisse anschaute, und den heiligen Ernst auch die Ehe im ächt evangelischen Sinne zu führen so kräftig bezeugt, daß man auch jetzt noch sich daran erfreuen kann und das ächt Christliche darin sich wohl mag fühlbar machen[10]. Kaum wird es eine bessere Widerlegung der Widersprüche geben, in denen sich die römisch-katholische Kirche bewegt, da sie einerseits die Ehe zum unlösbaren Sakramente emporspannt, anderseits sie wieder entwürdigt, indem sie den ehelosen Stand für heiliger ausgibt.

Zehn Tage nachher erhielt Bullinger das Ja-Wort. Dies geschah in einer Halle des Großmünsters unter vier Augen. Und so war sein künftiges häusliches Glück begründet. Doch sollte auch dieses Glück vorerst noch seine ziemlich harten Proben bestehen. Da die Mutter der Braut von der Verbindung nichts wissen wollte, so wurde das Verlöbniß bis ins folgende Jahr geheim gehalten. Da sie aber im Sommer 1528 ihre Tochter ihm entreißen und zu einer anderen Verbindung zwingen wollte, so sicherte er diese gegen solche unnatürliche und ungerechte Nöthigung, indem er sie durch die zuständige Behörde für volljährig erklären ließ; indeß machte man davon, um die Mutter

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zu schonen, einstweilen keinen Gebrauch. Wir sehen unter diesen etwas schwierigen Umständen kindliche Zartheit und männliche Festigkeit in seinem Benehmen vereinigt. So blieben die Verhältnisse, bis sich jede Schwierigkeit wie von selbst hob und das eheliche Band völlig ungehindert zur rechten Zeit geknüpft werden konnte.

Unterdessen suchte der Bräutigam der künftigen Gattin durch lehrreichen Unterricht und schriftliche Anweisungen die beste Bildung zu geben. Noch hat man vom Jahr 1528 einen solchen schriftlichen Unterricht, der den Titel führt: „Von weiblicher Zucht und wie eine Tochter ihr Wesen und Leben führen solle.“ Auf dem Umschlage steht: „Dies Büchlein und was darin ist, gehört allein meiner Hausfrau.“ Jetzt noch wird dieses niedlich geschriebene, sinnige Büchlein von seinen Nachkommen aufbewahrt. Wie alle diese kleineren Schriften verfaßte er es in großer Eile. Am Schlusse fügte er, da es ihm eben an Muße gebrach, auch noch über den ehelichen Stand sich auszusprechen, eine Erklärung des 128. Psalms bei, die er 1525 Marx Rosen, Hofmeister im Kloster Königsfelden, auf dessen dringende Bitte zugesandt hatte, zu Handen einiger den vornehmsten Bernerfamilien angehörenden Nonnen jenes Klosters, welche eine Beantwortung der Frage verlangten, ob es recht sei, das Kloster zu verlassen. Die häuslichen Verhältnisse werden in dieser Psalmauslegung gar ansprechend behandelt. Zugleich richtete Bullinger an Marx Rosen einen herzlichen Brief, worin er diesen treulich und innig zur evangelischen Lebensführung und zum unbedingten Gottvertrauen ermuntert.

Ungefähr aus derselben Zeit (1525) besitzen wir noch einen andern Brief verwandten Jnhaltes an Clara May, gewesene Nonne Predigerordens in der St. Michaels-Jnsel in Bern. Sie hatte ungemein offenherzig und zutraulich sich schriftlich an Bullinger gewandt, der mit ihren Brüdern nahe bekannt war, und ihm die Frage vorgelegt, ob es ihr gezieme in den Ehestand zu treten. Voll Freude darüber, daß sie die Klostermauern verlassen habe, sucht er in seinem höflichen und herzlichen Antwortschreiben ihr Herz zu befestigen; er zeigt ihr mit Kernstellen aus der Schrift, wie das Klosterleben eine Menschenerfindung, nicht zur Seligkeit nothwendig, vielmehr eine an falschem Vertrauen auf Aeußerlichkeiten, an Versuchungen und Sünden reiche, dem Worte Gottes zuwiderlaufende Lebensart sei, Paulus schreibe den Jungfrauen nicht vor, daß sie das Gelübde der Ehelosigkeit ablegen, sondern daß sie fromm seien, Kinder erziehen, haushalten, nicht aber unter falschem Scheine unthätig leben. „Folgt eurem Herrn Jesu nach in Demuth, Liebe, Geduld, Barmherzigkeit, Lauterkeit, Wahrheit; alsdann möget ihr fröhlich all euer Vertrauen ganz und gar auf Gott setzen!“ Weiter verweist Bullinger sie auf alle die übrigen hierauf bezüglichen Schriftstellen, und überläßt dann mit eben so weiser als zarter Zurückhaltung die Entscheidung ihr selbst, unter verbindlichem Danke für ihr großes Zutrauen und den besten Wünschen für alle die Jhrigen.

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Unter völliger Zustimmung ihres Vaters Claudius, eines der ersten Beförderer der Reformation in Bern, der ein halbes Jahrhundert theils auf den Schlachtfeldern theils im Rathe dem Vaterlande diente, faßte sie ihren Entschluß und reichte im folgenden Jahre dem Probste Niklaus von Wattenwyl die Hand, der um der evangelischen Wahrheit willen allen seinen Titeln, Einkünften und Würden entsagt hatte, mit denen die Hierarchie ihn von früh auf überhäufte, und es vorzog an ihrer Seite den Segen des häuslichen Friedens und die stillen Freuden des Landlebens zu genießen.

Dritter Abschnitt.

Das Pfarramt in Bremgarten. 1529-1531.

17. Des Vaters Verstoßung; des Sohnes Berufung. Anfang des Krieges.

Mit Anfang des Jahres 1529 traten in Bullinger's Vaterstadt Ereignisse ein, die in seinen Lebensverhältnissen eine entscheidende Veränderung herbeiführen sollten. Außer in Zürich und Bern hatte die Reformation bereits in Basel, St. Gallen, Schaffhausen, Glarus, Appenzell, Biel, Mühlhausen den Sieg errungen. Nirgends aber mußte der Kampf andauernder sein als in den sogenannten „gemeinen Herrschaften.“ Wohl neigten sich hier weit die meisten Ortschaften dem Evangelium zu. Wohl leistete ihnen Zürich allen Vorschub, um der Reformation auch hier zum Durchbruch zu verhelfen, und ermunterte zum herzhaften Vorgehen. Wohl glaubten sie sich völlig dazu berechtigt, frei darüber zu entscheiden, da ja seiner Zeit keine Verbindlichkeiten der Religion halben eingegangen worden gegenüber ihren jetzigen Oberherren. Allein gewaltsam, oft grausam drängten die Landvögte aus den römisch-katholischen Kantonen - deren Regierungszeit ihrer größern Zahl wegen die der reformirten weit überwog - die kirchliche Reform zurück, unterdrückten jede Regung, jeden Versuch dazu, wo sie nur konnten, ließen Anhänger des Evangeliums bald da bald dort aufgreifen, gefangen halten oder wegschleppen in die regierenden Orte zum schauerlichen Tode. Dessen ungeachtet brach sich die göttliche Wahrheit an manchen Orten Bahn und drang mit unwiderstehlicher Macht hervor.

So fühlte sich zu Anfang Februar 1529 der kernhafte Dekan Bullinger, den wir zehn Jahre früher zwar als Gegner unberechtigten Ablaßkrams, aber zugleich als guten Freund seines Bischofs von Konstanz kennen lernten, gedrungen, ungeachtet besonderer Abmahnung des Bischofs und langjähriger Gönner unter den Standeshäuptern der päbstlichen Kantone, nun einmal der

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Wahrheit Zeugniß zu geben. Muthvoll und offenherzig redete er von der Kanzel seine Gemeinde also an: „Drei und zwanzig Jahre lang bin ich euer Pfarrer und habe euch gepredigt und gelehrt, was ich für wahr und recht hielt, und niemanden wissentlich irre geführt. Aber die Zeiten waren Zeiten der Finsterniß, so daß ich mit vielen Andern blind war, und lehrte, wie es an mich gekommen. Doch habe ich das keinesweges aus Bosheit, sondern aus Unwissenheit gethan. Nun bekenne ich offen hier vor euch meinen Jrrthum und bitte Gott um Verzeihung. Jch bin auch fest entschlossen, euch mit der Hülfe Gottes des Allmächtigen fürhin den wahren rechten Weg zur Seligkeit zu zeigen, allein mit dem Worte Gottes aus heiliger göttlicher Schrift in und durch Jesum Christum, unsern einzigen Heiland.“ Kaum hatte er dies von der Kanzel gesprochen, so erhob sich ein lautes Gemurmel. Schultheiß Honegger und andere Rathsglieder liefen aus der Kirche mit heftigen Drohungen, Andere folgten ihnen; sie alle fluchten, wie sie sich ausdrückten, dem alten, blinden Schelm. Eilends versammelte man den Rath. Nach einer sehr stürmischen Sitzung ward der Dekan mit Mehrheit der Stimmen seiner Stelle entsetzt.

Er hatte jedoch die Pfarrpfründe 1506 nicht vom Rathe, sondern durch Beschluß der ganzen Gemeinde erhalten. Er glaubte daher, jener hätte auch kein Recht ihn zu entsetzen. Darum reiste er nach Zürich, wandte sich an die zürcherische Regierung und bat, man möchte ihm dazu verhelfen, daß in Bremgarten eine Gemeinde deshalb gehalten werde; wofern diese ihn rechtmäßig „beurlaube“ (verabschiede), so lasse er sich den Spruch ohne Widerrede gefallen. Sein Ansuchen fand in Zürich geneigtes Gehör. Auf seine Kosten reisten zwei Abgeordnete der Regierung, Bürgermeister Walder und Pannerherr Schweizer, nach Bremgarten und bewerkstelligten eine Versammlung der Gemeinde. Viele erklärten sich noch für ihren Dekan, der besonders auch als Wohlthäter der Armen beliebt gewesen, Andere aber zogen bitter über ihn los wegen seines Bekenntnisses. Durch Bitten, Drohungen und Versprechungen hatten Bullingers Gegner die größere Zahl auf ihre Seite zu bringen gewußt. Mit einer Mehrheit von bloß dreizehen Stimmen blieb der Dekan seiner Stelle entsetzt. Je mehr Ansehen er sonst genossen hatte, desto mehr richtete sich nun der Haß der römisch Gesinnten gegen ihn, so daß er Bremgarten einstweilen verlassen mußte und in Zürich seinen Aufenthalt nahm. Hier ließ er gegen Ende des Jahres seiner längst bestehenden Verbindung durch öffentliche Trauung die kirchliche Weihe ertheilen.

Jn Bremgarten hatte sich inzwischen bald nach seiner endgültigen Entsetzung von neuem heftiger Streit erhoben. Jn derselben Versammlung, in welcher die Gemeinde seine Entlassung bestätigte, hatte sie nämlich - wie es in solchen Zeiten der Schwankung zu gehen pflegt - auffallend genug beschlossen, der künftige Prediger solle ohne Menschentand und ohne Menschenfurcht das Wort Gottes klar und frei verkündigen. Der neue Prediger aber,

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Hans Aal, von Bremgarten gebürtig, den man versuchsweise anstellte, erwies sich sofort als ein eifriger Vertheidiger des Pabstthums. Viele Bürger forderten den Dekan wieder, oder begehrten wenigstens einen Mann, der ihnen dem obigen Beschlusse gemäß das Evangelium rein und lauter predige. Die päbstlich Gesinnten suchten Hülfe bei den römisch-katholischen Kantonen, die reformirten bei Zürich. Man griff zu den Waffen und stand sich wuthschnaubend gegenüber. Kaum konnten die herbei eilenden Vermittler den Ausbruch des Blutvergießens verhindern. Endlich kam es zu einer neuen Gemeindeversammlung; jetzt hatte die evangelische Partei die Oberhand. Daher wurde beschlossen, daß die Bilder, als der stete Gegenstand abgöttischer Verehrung, aus der Kirche entfernt, nicht mehr Messe gehalten, sondern evangelische Prediger angestellt werden sollten. Durch Zürich's Verwendung, die man sich dazu erbat, erhielt Bremgarten Gervasius Schuler aus Straßburg, der früher Zwingli's Helfer, hernach Pfarrer zu Bischweiler im Elsaß gewesen, für die eine Predigerstelle.

Für die andere richteten sich die Blicke und Wünsche vieler Bürger auf den um Vieles jüngern Sohn ihres Dekans, den gelehrten Schulmeister zu Kappel; ihn, ihren lieben Mitbürger, dessen guter Ruf auch bis zu ihnen gedrungen war, der weit und breit in der Umgegend schon viel Aufsehen genoß, wünschten sie wieder in ihrer Mitte zu sehen als ihren Seelenhirten und als treuen Verkündiger der lauteren Heilsbotschaft. Deshalb sandten sie im Mai 1529 Rudolf Gomann zu ihm nach Kappel, ihn dringend zu bitten, daß er ein Mal bei ihnen predige. Er kam, da der Abt und die Brüder in Kappel ebenfalls dazu rieten, und hatte die Freude am heiligen Pfingstfeste vor einer dichtgedrängten Versammlung zum ersten Mal in seiner lieben Vaterstadt die evangelische Wahrheit zu verkündigen. Seine Predigt blieb nicht ohne Erfolg. Mit solchem Nachdruck hatte er für die Anbetung Gottes im Geiste und in der Wahrheit Zeugniß abgelegt, daß man schon am folgenden Tage, den 17. Mai, in Bremgarten die Altäre beseitigte, die Bilder, die zuvor nur aus der Kirche entfernt worden waren, auf dem Kirchhofe verbrannte und zugleich, bezeichnend genug für das was man erstrebte, ein strenges Sittenmandat aufstellte, namentlich gegen Gotteslästerer, gegen die Laster des Ehebruchs, der Trunkenheit u. dgl. Die Kirche wurde für den evangelischen Gottesdienst geziemend eingerichtet. Am zweitfolgenden Tage ließ der Rath den jungen Prediger bitten, daß er in Bremgarten bleiben und hier fortfahren möchte das Evangelium zu predigen. Allein seine Antwort war: er sei den Zürchern eidlich verpflichtet und werde daher ohne die Genehmigung des Rathes von Zürich keinen Schritt thun. Sogleich eilte ein Rathsglied von Bremgarten als Gesandter nach Kappel und von da nach Zürich, trat hier vor den Rath und erwirkte die Verfügung, Bullinger solle die Stelle annehmen. Hierauf wurde er von der Gemeinde einmüthig erwählt. Er nahm noch von allen den theuern Freunden in Kappel, wo ihm so wohl war,

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woselbst er so schöne, glückliche Jahre voll Kraft und Gedeihen im ersten Arbeitsdienste verlebt hatte, herzlichen Abschied, und trat am ersten Juni sein Amt an.

So sah sich Bullinger nun seiner geliebten Vaterstadt wieder geschenkt, aber zugleich auch in einem sehr schwierigen Arbeitsfelde, hingestellt auf einen der äußersten Grenzposten des Evangeliums, zum Theil der örtlichen Lage halben, doch mehr noch wegen der politischen Verhältnisse dieser Gegenden. Für das ganze Freiamt war nämlich Bremgarten wichtig, da die umliegenden Kirchspiele seinem Beispiele folgten, und indem sie sich dem Evangelium zuwandten, ebenfalls ihre „Götzen“, wie man damals die abgöttisch verehrten Bilder nannte, verbrannten.

Waren aber schon die letzten fünf Jahre in Kappel auch für Bullinger voll Unruhen und Gefahren gewesen, so mußten nun die Zeiten bei der immer steigenden Aufregung und der stets drohender hervortretenden Erbitterung zwischen den römisch-katholischen und den reformirten Kantonen noch weit stürmischer werden. Jeder Tag gab neuen Anlaß; nur vier Tage nach Bullingers Amtsantritt kam auf dieser Grenze der Bürgerkrieg zum ersten Mal zum Ausbruche. Mit schauerlichen Flammen hatten die Schwyzer auf das Verbrennen der Götzen geantwortet, indem sie den evangelischen Prediger Jakob Kaiser, genannt Schlosser, Pfarrer zu Schwerzenbach im Kanton Zürich, unversehens aufgriffen und trotz aller Verwendung Zürichs am 29. Mai in Schwyz verbrannten. Zudem wollte Zürich wegen Unterwaldens Feindseligkeit gegen das Evangelium den neuen von dort heranziehenden Landvogt um keinen Preis die Herrschaft über Baden und die freien Aemter antreten lassen. Deshalb rückten die Zürcher aus, besetzten Bremgarten und Muri; Bullinger selbst mußte am 8. Juni mit den Truppen Bremgartens als Feldprediger ausziehen; doch bald hatten diese nur ihre Stadt zu bewachen, während die zürcherische Hauptmacht bei Kappel stand, um von dort aus den Hauptschlag zu thun. Jetzt war Zürich trefflich gerüstet und dem Feinde weit überlegen; jetzt schien Alles günstig für Zürich. Da wird plötzlich ein Friede vermittelt, der zwar nicht ungünstig schien für das Evangelium, aber dennoch ein fauler Friede war, weil er keine der brennenden Fragen löste, das Unheil nur verlängerte und den unversöhnten Gegnern gestattete, die ihnen gelegene Zeit zum Losbrechen abzuwarten. Den Bewohnern der gemeinen Herrschaften stand es vermöge dieses Friedensschlusses frei, wo die Mehrheit sich dafür entschied, das Evangelium anzunehmen; auf den folgenden Sommer sollten die römisch-katholischen Ote die Kriegskosten und eine Entschädigung an die Hinterlassenen des verbrannten Pfarrers Kaiser bezahlen, widrigenfalls die reformirten Stände befugt sein sollten, eine Sperre der Lebensmittel eintreten zu lassen. Bekanntlich schaute niemand klareren Geistes in das Dunkel einer furchtbaren Zukunft als Zwingli.

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18. Das Wirken in Bremgarten. Einladung nach Marburg. Des Vaters Wiederkehr. Bestreitung der Wiedertäufer.

Doch einstweilen sollte Friede sein. Auch Bremgarten durfte sich dessen erfreuen. Nun konnte das Evangelium die Lebensverhältnisse weiterhin durchdringen. Schon sechs Tage nach dem Friedensschlusse, am 30. Juni, ward ein wichtiger Punkt in evangelischem Sinne geordnet, nämlich die christliche Armenpflege, um nicht mehr wie in den Zeiten der Werkheiligkeit ein Heer von müssigen Bettlern zu pflanzen und zu pflegen, wohl aber wie zu der Apostel Zeiten (gemäß Apostelgesch. 4, 32. 34.) keinen darben zu lassen, sondern jedem dürftigen Mitchristen thatkräftig theilnehmende Liebe zu erweisen und damit zugleich auch den Wiedertäufern die scheinbarsten Vorwände für ihre gespannten, übertriebenen, unerechtigten Forderungen zu entwinden. Bullinger war in der That der Mann dazu, einer solchen wahrhaft urchristlichen Armenordnung Kraft und Leben zu verleihen.

Jm reichlichsten Maße aber hatte er in Bremgarten der eben vorgenommenen Umgestaltung (Reformation) des Gottesdienstes zufolge und entsprechend den damaligen Bedürfnissen das Predigamt zu versehen. Jeden Sonntag hielt er gemäß der mit seinem Amtsgenossen getroffenen Abrede die spätere Predigt, an den drei nächstfolgenden Wochentagen die Frühpredigt und überdies alle Tage Abends anstatt der Vesper eine Bibellection, genau nach der Grundsprache. So war es ihm möglich, während der dritthalb Jahre seines Hierseins in seinen Predigten fast alle Bücher des neuen Testamentes zu behandeln und die größtentheils noch nicht mit Bibeln versehene Gemeinde recht in die Schrift einzuführen. Oft predigte er auch in den umliegenden Kirchspielen Oberwyl, Lunkhofen, Gäslikon u.s.w. Die dem Evangelium Abgeneigten zogen aus Bremgarten weg nach anderen Gegenden.

Nunmehr war es für Bullinger auch an der Zeit, seine verlobte Braut heimzuführen. Dies geschah den 17. August; ihre kränkliche Mutter war wenige Wochen vorher in den Armen ihrer treuen Pflegerin verstorben. Die Vermählung fand Statt in der Kirche zu Birmenstorf, zwei Stunden von Bremgarten im Kanton Zürich gelegen, wo damals sein älterer Bruder Johann Pfarrer war. Die Predigt und Trauung hielt Peter Simmler. Außer den Verwandten war der Abt von Kappel und die hervorragendsten Bürger von Bremgarten zugegen. Nach der Mahlzeit zog man nach Bremgarten, die junge Frau zu Pferde, von Peter Simmler geleitet; daselbst aß man noch gemeinsam zu Nacht, womit die bescheidene Feier sich schloß. Die Hochzeit hielt Bullinger lieber nicht in Bremgarten „von minderen Geläufs und Gewühls wegen und daß es stiller zuginge.“ Noch haben wir von ihm als ein Denkmal dieses Tages ein eigentliches Minnelied zartsinnig edler Art, das uns in seine befriedigte, gemüthliche Stimmung, in der er sich dabei befand, lebhaft hinein versetzt. Er schließt mit folgenden Strophen, deren

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Schreibart nur zur Erleichterung des Verständnisses der neueren näher gebracht worden:

Jetzt hab ich Ruh; jetzt ist mir wohl,

Dieweil ich soll,

Herzliebste mein,

Bei dir selbst sein;

Jetzt reut mich nit

Kein Tritt noch Bitt',

Die ich gethan;

Denn ich daran

Dich, liebstes Gut, nach Willen han (habe).

O Herr, bring's du zu gutem End',

Was wir jetzt hend (haben)

Durch dich ang'hebt,

Daß hier werd' g'lebt

Jn Einigkeit

Mit B'scheidenheit,

Wie dein Gebot,

O heil'ger Gott,

Dem Ehstand theur geboten hat.

Darunter steht als biblischer Denkspruch: Was Gott zusammen gefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden; und dann noch:

Es hat mir g'stillt all Leid und Klag'

Jm Aug'st der siebenzehent' Ta

Und so war es auch; wir werden uns weiterhin davon überzeugen; wie dieses ehliche Bündniß mit Gott angefangen worden, so war es stets von ihm gesegnet. Wir können uns kaum einen Ehebund denken, der glücklicher, gedeihlicher und mehr geeignet gewesen wäre, den Wahn von der größeren Heiligkeit eheloser Seelsorger thatsächlich zu widerlegen. Jm Mai 1530 und im April 1531 wurden Bullingern in Bremgarten seine beiden ältesten Töchter geboren, Anna und Margaretha. Auch sein älterer Amtsgenosse, Gervasius Schuler, zu dem er in ein gar freundliches Verhältniß trat, empfand dankbar die wohlthuende Nähe eines solchen Hauswesens.

Eben um die Zeit aber, da Bullinger sich einen eigenen Hausstand gründete, erging an ihn eine herzliche und dringende Einladung Zwingli's, er solle ihn nach Marburg begleiten, um an dem Religionsgespräche Theil zu nehmen, das der Landgraf Philipp zur Versöhnung der Lutheraner und Reformirten angeordnet hatte. Wir sehen darin einen außerordentlich großen Beweis von Zwingli's Vertrauen und Werthschätzung gegenüber dem doch erst vierundzwanzigjährigen Bullinger. Bekanntlich mußte Zwingli's Abreise ganz insgeheim geschehen, damit er feindlichen Nachstellungen desto eher entginge; außer dem geheimen Rathe in Zürich wußte niemand darum. Wie gerne hätte Bullinger Zwingli's Einladung Folge geleistet! Er konnte aber nicht anders, als mit einigen Rathsgliedern in Bremgarten darüber Rücksprache

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nehmen. Diese jedoch gaben nicht zu, daß Bullinger jetzt sich von Bremgarten entferne, da ja hier die Saat des Evangeliums noch zu zart und zu schwach, die Reformation zu neu, die Aufregung der Gemüther zu groß sei und jeden Augenblick neue Gefahren drohen. So mußte Bullinger der vielversprechenden Anerbietung entsagen. Mit welcher lebhaften Theilnahme er aber den Verhandlungen des Marburger Gespräches folgte, erkennen wir daraus, daß er die Nachrichten darüber besonders sorgfältig sammelte und zu einer Beschreibung desselben zusammen ordnete [11].

Schon im März des folgenden Jahres 1530 durfte auch Bullingers Vater, der alte Dekan, von Zürich, wo er sich seit seiner Entsetzung aufgehalten hatte, nach Bremgarten zurückkehren; die benachbarte Gemeinde Hermetschweil hatte nämlich so eben sich für den evangelischen Glauben entschieden und er übernahm es unter Zürich's Vermittlung, von Bremgarten aus die dortige Pfarrstelle zu besorgen. So hatte der Sohn die Freude, seinen alternden Vater in seiner Nähe mit jugendlichem Muthe das Evangelium verkündigen zu sehen.

Er selbst war unterdessen unermüdet in schriftstellerischer Thätigkeit. Eine Erklärung der Wochen Daniels gab er 1530 heraus; er schrieb Auslegungen zu den vier Evangelien, welche einige Jahre später im Druck erschienen, ferner eine lateinische und deutsche Uebersetzung der dreißig ersten Psalmen mit Einleitung und Anmerkungen; daneben sammelte er zur Erholung in edler Anwendung seiner Mußestunden mit unermüdetem Fleiße für seine Schweizergeschichte, und insbesondere die Reformationsgeschichte, gewöhnlich seine „Chronik“ benannt, der wir so viel zu verdanken haben, die er jedoch erst in seinen letzten Lebensjahren vollendete.

Besonders aber nahm ihn außer der fortgehenden Bestreitung der eingewurzelten papistischen Jrrlehren der Kampf gegen die Wiedertäufer in Anspruch, die gerade auch im Freiamt, wie freilich in manchen andern Gegenden, durch ihre grenzenlosen Uebertreibungen, ihre Ueberspannung christlicher Wahrheiten und ihre selbst die Grundlagen der Gesellschaft gefährdende Lebensrichtung dem Fortgang des Evangeliums großen Eintrag thaten. Auch hier handelte es sich nicht bloß um die Kindertaufe. Jndem sie auf die Eingebung des Geistes abstellten, verwarfen sie das evangelische Lehramt, die Heranbildung und Berufung zu demselben, die Anstellung und Besoldung der Prediger, überhäuften mit maßlosen Schmähungen Bullinger und die übrigen Diener des göttlichen Wortes, wie jederzeit von ähnlich gestimmten Kreisen dergleichen zu geschehen pflegt. Jndem sie die christliche Bruderliebe in einseitiger Verzerrung auffaßten, die anfängliche Gestaltung der ersten Christengemeinde überboten und zur allgemeinen Vorschrift umdeuteten, verwarfen

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sie das Eigenthum, desnahen auch die Bezahlung der Zinse und Zehnten und lehrten Gütergemeinschaft in unevangelischem Sinne; sie wurden nach moderner Bezeichnung Communisten. Jndem sie die christliche Freiheit, die Freiheit der Kinder Gottes nicht unmittelbar und wesentlich als innere Freiheit verstanden, aus der dann erst allmälig die rechte bürgerliche Freiheit sich entwickeln müsse, sondern schlechthin auch als eine äußere, irdische Freiheit und Gleichheit, verwarfen sie das Bestehen einer bürgerlichen Obrigkeit, erklärten ein Christ dürfe nicht ein obrigkeitliches Amt bekleiden, noch einer Obrigkeit den Eid der Treue leisten; somit waren sie im vollsten Maße, um wieder modern zu sprechen, revolutionär.

Wir haben früher schon gesehen, in welchem völlig bewußten Gegensatz unser Bullinger gemäß seiner theologischen Geistesentwicklung und seiner ganzen Sinnesart nach gerade zu dieser Richtung stand, und mögen wohl auch darin die leise Spur einer höheren Fügung erkennen, daß eben der Mann, der zum Ausbau der zürcherischen Kirche und zur gesunden Gestaltung des evangelischen Kirchenwesens im Großen so viel beitragen sollte, hier noch einmal veranlaßt war, selbständig der wiedertäuferischen Richtung entgegen zu treten, die Menge ihrer Scheingründe nach allen Seiten ihres Strebens hin am Worte Gottes zu prüfen und des guten Rechtes unsrer reformirten Kirche jenen gegenüber desto sicherer und umfassender sich bewußt zu werden.

Nicht nur hielt er im Januar 1531 in Bremgarten ein öffentliches Religionsgespräch mit den Wiedertäufern in Gegenwart der ganzen Gemeinde, worin er sie ihrer Verirrungen überführte, sondern er gab auch im Februar desselben Jahres in vier Büchern eine einläßliche Schrift gegen sie heraus, worin er die anmuthige Form des Zwiegesprächs anwendet, um nach allen Seiten hin ihre mächtigen Jrrthümer klar und ruhig zu beleuchten und gründlich zu widerlegen. Als Anhang ist eine besondere Abhandlung betreffend Zinse und Zehnten beigegeben, worin deren christliche Rechtmäßigkeit nachgewiesen wird. Wir müssen diese Schrift um so höher schätzen, wenn wir bedenken, daß sie drei Jahre vor der unglückseligen Aufrichtung des vorübergehenden wiedertäuferischen Königsthrones in Münster (in Westphalen) und der damit verbundenen Enthüllung ihrer scheußlichen Verirrungen geschrieben ist. Ziemlich umgearbeitet trat dieselbe Schrift 1535, von Leo Judä übersetzt, lateinisch aufs neue ans Licht. Endlich ging, fast dreißig Jahre später, 1569, in veränderter Gestalt und mannigfach bereichert Bullingers bekanntes Werk daraus hervor: „Der Wiedertäufer Ursprung, Fortgang, Sekten u.s.w.“

Doch diesen ernsten Kämpfen sollten bald andere noch weit schwerere folgen.

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19. Neue Entzweiung der Eidgenossen. Die Vermittlungen. Zwingli's Lebewohl. Bullingers Friedenspredigten.

Wir nahen uns dem Zeitpunkte einer gewaltigen Entscheidung in der Eidgenossenschaft, deren empfindliche Wirkungen sich sofort auch auf Bremgartens Schicksal und Bullingers fernern Lebensgang erstreckten; daher wir uns hier, wenigstens in kurzen Zügen, die Lage der Dinge vergegenwärtigen müssen. Wohl hatte man im Sommer 1529, schaudernd vor den Folgen eines mörderischen Bruderzwistes, noch einmal den Frieden erfaßt, im Gefühle der Zusammengehörigkeit, eingedenk so vieler gemeinsam errungenen Siege und in der Hoffnung, die alte gegenseitige Anhänglichkeit wieder erwachsen zu sehen. Allein die alte Eintracht kam nicht wieder. Jn Folge des damals geschlossenen Friedens, den man den ersten Landsfrieden zu nennen pflegt, nahm die Reformation einen gewaltigen Aufschwung; sie hatte nun ihren ungehemmten Fortgang in den „gemeinen Herrschaften“ und weiterhin, überall kräftig, mitunter rücksichtslos gefördert von Seiten Zürichs, dessen Machtstellung sich dabei stets einflußreicher erwies, doch immer noch nicht dem emsig vorwärts strebenden Geiste Zwingli's zu genügen vermochte. Nicht weniger heftig und eifrig suchten die römisch-katholischen Kantone überall das Evangelium nach Kräften zu hemmen und zurück zu drängen; Geldbußen, Gefängniß, Folter, Verbannung traf Viele, die in ihren Gebieten es wagten, ihre Sehnsucht nach dem lautern Worte Gottes oder ihre Hinneigung dazu kund werden zu lassen. Jn engem Zusammenhalten und dann sogar in gefahrvoller Verbindung mit dem Auslande, zumal der furchtbaren spanisch-österreichischen Kaisermacht suchten sie ihren Halt und drängten dadurch die reformirten Kantone dazu durch Anwendung derselben Mittel auf ihre eigene Sicherheit Bedacht zu nehmen. Eine Fluth der gehässigsten, niedrigsten Schmähungen ergoß sich fortwährend aus den päbstlich gesinnen Orten über die Reformatoren und ihre Beschützer; nicht weniger bitter wurde entgegnet. Zu täglichen Reibungen, Mißhandlungen, Klagen aller Art gab der vielfache gegenseitige Verkehr unaufhörlich Anlaß. So sehr man sich auch bemühte, die Beschwerden abzustellen, die streitigen Punkte auszugleichen und näher zu bestimmen, öffentliche Ruhe und Ordnung zu handhaben, wurde doch die Kluft immer größer. Jmmer furchtbare erschienen die Maßnahmen und Drohungen der päpstlichen Kantone, die bereit waren, mit Gewalt die ihnen unerträglich vorkommenden Fesseln zu brechen, durch welche der Landsfriede ihr Einschreiten gegen die Anhänger des Evangeliums hemmte. Jeder Augenblick konnte, zumal bei der ungewissen Haltung des Auslandes, den gewaltsamen Ausbruch bringen. Zürich sah kein anderes Mittel, als zu den Waffen zu greifen. Dieß Aeußerste mißriethen seine Verbündeten. Nach langen Verhandlungen vereinigte man sich endlich im Mai 1531 dahin, daß den katholischen Kantonen wegen ihrer vielfachen Verletzungen des Landsfriedens von Seiten Zürichs und Berns die Zufuhr der

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Lebensmittel sollte abgeschnitten werden, die gemeinen Herrschaften sollten ein Gleiches thun. Diese geriethen in die peinlichste Lage, da auch katholische Orte ihre Oberherren waren; sie mußten aber Zürichs entschiedenem Ansinnen willfahren. Um so erbitterter wurden die katholischen Orte. Die bald herein brechende Noth steigerte ihren Unwillen zur Wuth. Neuerdings unterhandelte man zur Herstellung des Friedens unter den Eidgenossen; namentlich wurde eine allgemeine Tagsatzung nach Bremgarten ausgeschrieben, welche daselbst am 14. und 20. Juni, am 9. Juli, am 10. und 23. August Sitzungen hielt. Die meisten Orte erschienen als Vermittler, überdieß die Gesandten des Königs von Frankreich, des Herzogs von Mailand, der Gräfin von Neuenburg u.s.w. Alle arbeiteten am Friedenswerke, aber vergebens. Die katholischen Orte wollten sich durchaus auf nichts einlassen, bis die Sperre aufgehoben wäre. Zürich aber und Bern bestanden darauf, daß jene zuerst die um der Religion willen Verstoßenen zurück rufen, jedem die Annahme des Evangeliums frei stellen, die freie Predigt des göttlichen Wortes, wie es der Landsfriede - ihrer Auslegung zufolge - forderte, auch in ihren Gebieten gestatten und die Schmachredner ernstlich bestrafen sollten. Dieß wollten sie nicht, und so schienen alle Friedensversuche fruchtlos.

Mit gemeinsamem evangelischem Gottesdienst wurde die Tagsatzung in Bremgarten begonnen. Bullinger sammt seinem Amtsgenossen Schuler bot sowohl bei der Eröffnung derselben als während ihres Fortganges alle Kraft eindringlicher Rede auf, um den versammelten Eidgenossen das Unheil eines mörderischen Bürgerkrieges, das damit über sie Alle herein brechende Verderben und hinwieder den Segen der Einigkeit und Friedfertigkeit vorzuhalten, sie aufs nachdrücklichste zu warnen, daß sie nicht gegenseitig sich zerfleischen, nicht sich trennen, nicht selst ihre mit so viel theuerm Blute errungene Freiheit gefährden, nicht den Feinden der Eidgenossenschaft willkommenen Anlaß zu ihrer Unterdrückung darbieten sollten; mit Kraft und Nachdruck mahnte er, viel lieber sollten sie die religiösen Streitigkeiten durch ihre Prediger ausmachen lassen; diese sollten sie einander gegenüber stellen, daß die Geister ohne Schwert auf einander platzen, allein mit den Waffen des Gotteswortes, und also die göttliche Wahrheit das Feld behaupte. Zugleich anerbot er öfter in Gesprächen sich selbst zu diesem Kampfe mit den Waffen des Geistes. Fleißig fanden sich die Gesandten insgesammt, auch die der katholischen Orte in Bullinger's Predigten ein, gaben ihrem Jnhalte solchen Beifall und fühlten sich von dem besonnenen Ernste, der Mäßigung, der Vaterlandsliebe, dem innern Feuer des friedeathmenden Predigers so angezogen, daß gerade dadurch die allgemeine Liebe und Achtung ihm sich zuwandte, der Name des jungen Bullinger überall bekannt ward und einen guten Klang bekam unter allen Eidgenossen.

Wie ganz anders wurde von den geheimen und offenen Gegnern des Evangeliums eben in dieser Zeit Alles das aufgenommen, was der ihnen verhaßte Zwingli, freilich oft mit schneidender Schärfe, aus einem eben so

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vaterlandsliebenden Herzen predigte, um der Wahrheit zum Siege und dem Vaterlande auf dem kürzesten Wege wieder zum Frieden zu verhelfen! Um so willkommener ist es uns, Zwingli und Bullinger eben in diesem Zeitpunkte zusammen treffen zu sehen. Zwingli erkannte schon damals, daß es namentlich auf Seiten Berns an der Rüstigkeit zum kräftigen Handeln fehle, das ihm doch weit menschlicher erschien, als die grausame und nutzlose Sperre, bei der im gegnerischen Lande Schuldlose und Schuldige gleich sehr zu leiden hatten; er wünschte sehnlich, Berns lähmende Schwerfälligkeit heben zu können. Was that der kühne Mann voll Hingebung, voll Todesmuth? Jn der Stille der Nacht begab er sich selbst zu Fuß am 10. August von Zürich nach Bremgarten, bloß von zwei vertrauten Freunden begleitet, kam in Bullingers Pfarrwohnung, beschied dahin die Gesandten Berns, Jakob von Wattenwyl und Peter im Hag, und stellte ihnen mit heiligem Ernste die Verderblichkeit der gegenwärtigen Sperre vor sammt allem Unheil, was daraus entspringen werde. Alles im Geiste voraus sehend, doch mit männlicher Fassung in der unerschütterlichen Zuversicht, daß Gott sein lauteres Wort dennoch einst werde zum Siege führen. Die ganze unvergeßliche Unterredung fand Statt in Bullingers Gegenwart. Drei Rathsglieder hielten unterdessen vor dem Hause Wache; durch das Pförtchen unten an der Reuß ließ man den Reformator wieder hinaus. Bullinger gab ihm noch das Geleite bs zum nächsten Dorfe. Von ihm nahm Zwingli den rührendsten Abschied, ahnend, es möchte das letzte Mal sein in diesem Leben. Fast konnte er sich nicht von ihm trennen; mit Thränen in den Augen sprach er zum dritten Mal: „Mein lieber Heinrich, Gott bewahre Dich und bis (sei) treu am Herrn Christo und an seiner Kirche!“ Und nun zog er wieder seine Straße gen Zürich und von dannen alsbald zum Heldentode. Ja, er hatte sich nicht getäuscht, es war das letzte Mal. Wie aber Bullinger wieder zum Thore seiner Vaterstadt zurück kam, warnten ihn die Thorwächter; sie wollten so eben zwei Mal eine Erscheinung gesehen haben wie eine Frauengestalt in schneeweißen Kleidern, die hin und her ging, bis sie in den Wellen des Flusses verschwand. Bullinger sah sie nicht; doch über ein Kleines sollte er selbst nächtlicher Weise wie jetzt Zwingli von dannen weichen durch dasselbe enge Pförtchen und den schmalen Weg gehen, den dornigen Leidenspfad um des Evangeliums willen.

20. Die Kriegszeit. Bremgartens Drangsal. Die Flucht aus der Heimath.

Jmmer näher rückte die Kriegsgefahr. Mit Wehmuth sah Zwingli, daß selbst in seiner Nähe die Partei derjenigen, die der Reformation der Sitten gram waren, weil ihr Eigennutz darunter litt, die aber bisanhin sich in Alles gefügt hatten, immer breitern Boden gewann. Während daher Mißtrauen und innere Uneinigkeit Zürichs Schritte lähmten, Bern immer noch bloß an

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der unglücklichen Sperre fest hielt, aber zu nichts Weiterem zu bewegen war, finden wir die päbstlich gesinnten Orte, durch die gemeinsame Noth geeinigt, immer fester entschlossen, sich mit den Waffen in der Hand Brot und dem Pabstthum den Sieg zu verschaffen. So kam es zu der für die Reformirten so unglücklichen Schlacht bei Kappel am 11. Oktober 1531, in der Zwingli fiel, bis in den Tod der göttlichen Wahrheit getreu, und neben ihm so viele der treusten Zeugen und Förderer des Evangeliums. Nach dem abermals unglücklichen Gefecht am Gubel (den 24. Oktober) erfolgte dann, da Zürich auf seine eigenen Landleute nicht mehr sicher zählen durfte, der schimpfliche „zweite Landsfriede“ (den 16. November). Einmal für immer war damit das äußere Wachsthum der Reformation in der Schweiz gehemmt. Die Zürcher versprachen darin, die katholischen Orte und deren Verbündete „bei ihrem wahren, unzweifelhaften Christenglauben“ unangefochten zu lassen ohne Disputation, und hinwieder die katholischen Orte, sie wollen auch die Zürcher und ihre Angehörigen „bei freiem Glauben“ lassen, womit allerdings die gegenseitige Unabhängigkeit der beiden Confessionen anerkannt war, doch in einer für die reformirte Kirche herabwürdigenden Form. Jn den gemeinen Herrschaften soll es den Gemeinden frei stehen, wieder zum alten Glauben zurück zu kehren oder auch bei dem neuen zu bleiben; die Kirchengüter aber sollen unter beide Confessionen getheilt werden. Wohl jubelten die Katholiken insgemein allzu laut über den errungenen Sieg, und gaben sich zu leicht der Hoffnung hin, Alles werde nun wieder in den alten Zustand zurück kehren, und die evangelische Lehre gänzlich verdrängt werden. Nein, das war Gottes Wille nicht; vielmehr sollte die erneute Kirche erst recht geläutert aus diesem Feuer der Trübsal hervorgehen. Doch war's ein entsetzlicher Schlag!

Nirgends aber mußte man diesen furchtbaren Schlag rascher und tiefer empfinden als in Bremgarten und dessen Umgebung. Zürich konnte Bremgarten nicht mehr schützen. Von dem eben erwähnten Frieden war es ausdrücklich ausgeschlossen. Während dieses Feldzugs war die Stadt längere Zeit von den Bernertruppen besetzt, deren Hauptquartier sich öfter hier befand, so daß Bullinger Gelegenheit hatte, auch vor ihnen unter allgemeinem Beifall und Anerkennung seiner edeln Mäßigung das Evangeliums zu verkündigen und des Vaterlandes Noth mit dem klaren Gottesworte zu beleuchten. Nun aber zogen sich die Berner, ungeachtet die Bremgartner aufs allerdringendste baten sie nicht dem Feinde Preis zu geben, auf ihr eigenes Gebiet zurück. Umsonst wehklagte der Schultheiß von Bremgarten: „Was Jeremias der Prophet gesprochen: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt und Fleisch für seinen Arm hält, das wird heute treulich an uns erfüllt, die wir so großes Vertrauen auf euch, unsere Herren, gesetzt haben; Gott mög' uns helfen!“ Rachedrohend wälzte sich die ganze Heeresmacht der siegreichen katholischen Orte gegen die wehrlose und verlassene Stadt, so daß sie froh sein mußte, mit

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schweren Opfern und unter harten Bedingungen sich einen Frieden erkaufen zu können, um nur wenigstens der Plünderung und Verwüstung zu entgehen. Noch ward die Religion betreffend nichts gefordert; nur ihre evangelischen Prediger wurden vom Frieden ausgeschlossen. Der Rath ließ daher den Predigern anzeigen, daß er sie vor Gewalt nicht länger zu schützen vermöge, und riet ihnen, einstweilen nach Zürich zu fliehen, bis das Kriegsgetümmel vorüber sei; bald werde man sie dann wieder nach Hause rufen, da die Sieger der Religion halben keine Forderungen gemacht hätten.

Dieß hofften die Menschen; aber des Herrn Wege, wie anders waren sie!

So mußte Bullinger nun „um des süßen Jesusnamens“ und seines Evangeliums willen den bitteren Kreuzesweg betreten, er der für Hunderte von Vertriebenen ein Erbarmen und Retter in der Noth werden sollte. Jn der Nacht vom 20. auf den 21. November 1531 verließ er sein liebes Bremgarten in Begleit seines betagten, noch immer rüstigen Vaters, ferner seines treuen Amtsgenossen Gervasius Schuler und seines Bruders Johann, damals Pfarrer im benachbarten Rohrdorf, der so eben von herum streifenden Feinden all seiner Habe beraubt und verjagt nach Bremgarten gekommen war. Unversehrt gelangten sie nach Zürich. Alsbald drangen die Feinde in Bremgarten ein, plünderten und verwüsteten das Haus des alten Dekans, während sie sich in der Wohnung des Sohnes schonender betrugen. Nach einigen Tagen wollte diesem die Gattin sammt den Kindern folgen; sie ließ ihre Magd Brigitte im Hause zurück mit dem Auftrage die dreißig Mann Einquartierung bestmöglich zu bewirthen; als sie aber ans Thor kam, fand sie es verschlossen, der Thorwächter wollte niemanden hinaus lassen: doch sie, ohnehin eine starke und äußerst beherzte Frau, entriß ihm mit Gewalt die Schlüssel, ließ sich sammt den Jhrigen hinaus und erreichte glücklich das ersehnte Zürich. Wie erfreut war Bullinger sie wieder in seine Arme schließen zu dürfen. Auch sein Hab und Gut konnte in Kurzem ohne allzu schwere Einbuße gerettet werden. Doch wer weiß, was es heißt, flüchtig die Heimath meiden zu müssen, eine unglückliche Vaterstadt mitten in ihrem Elend zu verlassen, der mag den tiefen Schmerz ermessen und die Erschütterung, die sein Herz durchwogte.

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Zweites Buch.

Bullinger als Vorsteher der zürcherischen Kirche. Sein Leben und Wirken von 1531 bis gegen die Mitte des Jahrhunderts.

Erster Abschnitt.

Die Zeit des Schwankens und des Ringens um die Aufrechthaltung der evangelischen Kirche in Zürich.

21. Zürichs Elend. Bullingers Fassung.

Gastliche Aufnahme fand Bullinger im Hause seines langjährigen Freundes Werner Steiner von Zug, der, um des Glaubens willen aus der Heimath verdrängt, auch herzliche Gastfreundschaft in Kappel genossen und nun seit zwei Jahren in Zürich sich eingebürgert hatte; er wohnte ganz nahe dem Münster.

Doch was war dieses Zürich, das Bullinger betrat? Es war nicht mehr dasselbe Zürich, das er früher so oft besucht, nicht mehr dasselbe, das Zwingli am Morgen des 11. Oktobers verlassen hatte. Alles war anders geworden. Zwingli selbst, seit Jahren die Seele des ganzen Staates sowohl als der Kirche, draußen im Felde erschlagen; seine muthvolle Stimme verstummt, sein Alles bewegender Rath dahin; mit ihm so Viele von seinen aufrichtigsten und redlichsten Freunden ebenfalls todt, gerade die regsamsten und eifrigsten Förderer der Reformation, sieben Mitglieder des kleinen, neunzehn des großen Rathes, fünfundzwanzig Geistliche, worunter Männer gereiftester Gesinnung, wie Comthur Schmid und Abt Joner, im Ganzen fünfhundertvierzehn Mann, wovon hundert Stadtbürger, mehr als der zehnte Theil der gesammten wehrhaften Mannschaft der Stadt.

Doch nicht nur dies. Mit der äußern Niederlage war auch, wie es in ähnlichen Fällen öfter geschieht, zumal in kleineren Republiken, im Jnnern ein

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Umschlag eingetreten, ein völliger Umschlag der Stimmung in den Gemüthern Vieler zu Ungunsten der Reformation. Jene verborgenen Gegner unter den Vornehmen, zumal im engern Rathe, deren stilles Entgegenwirken auch bisher schon fühlbar gewesen, die aber seit Langem gewohnt waren, ihre wahre Gesinnung zurückzuhalten, erhoben wieder mächtig das Haupt. Aufgestachelt von den Nachbarn in den altgläubigen demokratischen Kantonen gesellten sich zu ihnen die nach bürgerlichen Vortheilen Lüsternen auf der Landschaft. Dazu kamen nun alle ängstlichen Gemüther, alle Bedenklichen, die nie aus sich selbst die entscheidenden Schritte zur Herstellung der Kirche gewagt hätten, denen zu sehr graute vor dem Beharren im Kampfe mit der gewaltigen Pabstmacht und vor der bleibenden Spaltung des Vaterlandes, die nur durch den hinreißenden Muth, das unaufhaltsame Vordringen und stete Anmahnen des bewunderten Reformators hatten bewogen werden können zur erkannten göttlichen Wahrheit zu stehen, nun aber wankten und darum überall den Boden unter ihren Füßen wanken fühlten. „Nicht gegen die Feinde draußen, gegen die Feinde drinnen laßt uns die Waffen kehren,“ hörte man daher rufen schon in der schrecklichen Nacht nach der unglücklichen Kappeler Schlacht. Die heimlichen Katholiken und die Söldlingsführer erhoben ihre Häupter und sagten: „Jetzt ist's dahin gekommen, daß ein Biedermann auch noch reden darf; Pfaff hier, Pfaff dort; die papistischen Pfaffen haben uns betrogen, diese uns belogen. All das haben wir von dem neuen Glauben, Wunden hier und Wunden dort!“ Je größer die Gefahr erschien, je trostloser die Lage, je mehr die Drangsal von allen Seiten kam, je unmöglicher der Widerstand, desto mehr vernahm man zu Stadt und Land auch unter den schwer Heimgesuchten die Anklage wider die Prediger des Evangeliums: Diese Pfaffen und Schreier, sie haben dies Alles über uns gebracht; sie haben uns gegen die Bundesbrüder, unsere alten, lieben Eidgenossen aufgehetzt; sie haben Zürich von seinem Ehrenrang in diese Schmach und Niedrigkeit hinabgestürzt; hinweg mit ihnen!

Wo waren aber zu dieser Zeit die noch übrigen Freunde des Evangeliums? gab es keine muthigen, keine beredten Männer mehr unter ihnen? Auf ihnen lastete der ganze Druck der soeben geschehenen Eeignisse. Jhre genaue Freundschaft mit dem Reformator, bisher ihr Ruhm, ward ihnen jetzt zum Vergehen angerechnet, hemmte und lähmte völlig jede ihrer Aeußerungen; Zwingli's kühnes, entschiedenes Vorgehen zur Förderung des Evangeliums schien durch den Erfolg gebrandmarkt. Tage lang mußte ein Leo Judä sich verborgen halten bei guten Freunden, da er in seinem Pfarrhause nicht sicher war vor Meuchlerhänden; kaum durfte Myconius es wagen, von seiner Wohnung die wenigen Schritte über die Straße zu gehen bis zur Schule, um daselbst sein Amt zu versehen[12].

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Das war das Zürich, in dessen Thor Bullinger als Flüchling eintrat. Er hatte sich auf ein Schiff geflüchtet, dessen Mast vom Sturme gebrochen, das jeden Augenblick in Gefahr war zu scheitern. Wer dürfte sich wundern, zumal wofern er die raschen Bewegungen republikanischer Staaten kennt, wenn damals das ganze mühsam erkämpfte Werk der Reformation wieder rückgängig geworden wäre, oder einer kümmerlichen Halbreformation hätte weichen müssen! Ja wahrlich, wäre das Werk aus den Menschen gewesen, so wäre es damals erstickt worden und hätte nicht bestehen mögen. Aber weil das Werk ungeachtet alles Menschlichen und Sündlichen, was ihm noch anhing, doch nicht aus den Menschen war, sondern aus Gott, so vermochten sie es nicht zu zerstören (Apostelgesch. 4). Vielmehr mußte all die Drangsal und Demüthigung nur zur innern Befestigung, zur Vertiefung des evangelischen Sinnes in den Herzen der Geprüften, zur Sichtung des Weltlichen und Geistlichen, des Staatlichen und Kirchlichen, zur Verklärung des ganzen Lebens durch die Gottesmacht des Evangeliums dienen, und dafür sollte vornehmlich unser Bullinger zum kräftigen Werkzeuge des Herrn werden.

Wie war es ihm aber zu Muthe in dieser schweren, bangen Zeit der Unsicherheit? Mit welcher Fassung des Gemüthes er sein Kreuz trug, wie namentlich bei ihm die eigne Trübsal die brüderliche Liebe nicht zu erkälten vermochte (Matth. 24, 12), sehen wir wohl am besten aus einem Briefe, den er eben in diesen Tagen der Ungewißheit über die eigene Zukunft (schon am 30. November 1531) an den ihm befreundeten Ambrosius Blaarer aus Konstanz, damals Prediger in Eßlingen, schrieb, um sich bei ihm für seinen bisherigen Amtsgenossen Gervasius Schuler warm zu verwenden.

„Jch empfehle dir unsern Gervasius, schreibt er, meinen Amts- und Leidensbruder, der vor wenigen Tagen mit mir mein liebes Bremgarten verlassen mußte und nun hier im Exil weilt. Er ist ein Mann von ausgezeichneter Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, voll Glaubens und Treue, dem jede Gemeinde, auch eine recht bedeutende, sicher anvertraut werden kann. Er ist von Straßburg gebürtig, hat Weib und Kinder, zwei Mädchen. Jn Bremgarten hat er bisanhin Christum rein und lauter gepredigt und wurde mit mir durch das Kriegsgetümmel vertrieben. Jch halte mih inzwischen, ebenfalls als Vertriebener, hier in Zürich auf, harrend des Ausgangs, den Gott der Sache geben wird. Haben die Propheten und Apostel und sogar das Haupt, Christus, selbst solche Verfolgungen erfahren müssen, warum sollten wir nicht in Geduld unsere Last tragen? Wissen wir doch, daß, so wir mit ihm leiden, wir einst auch mit ihm uns freuen dürfen. Nochmals, falls Gervasius dir dienen kann, so schreibe an mich oder an Leo (Judä), seinen Landsmann. Lebe wohl und bete für unser armes Schweizerland!“

Dies that Bullinger für den Freund acht Tage nach seiner eigenen Flucht. Jhm selbst aber wurde bald, wenn auch nicht ohne einen Kampf, sein Weg gezeigt.

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22. Bullingers Berufung. Die Wahl. Die Gefährdung des freien Wortes.

Eben schwebte in Zürich die wichtige Frage ob, und beschäftigte viele Gemüther, wo man einen würdigen Nachfolger Zwingli's finden könne, der an seiner Stelle als erster Pfarrer an der Hauptkirche zum Großmünster die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten zu übernehmen vermöchte. Viele inbrünstige Gebete stiegen deshalb zum Himmel empor. Man befand sich in nicht geringer Verlegenheit, da Oekolampad, an den man sich wandte, sich nicht von Basel trennen mochte, und Leo Judä, Zwingli's langjähriger Mitarbeiter, ebenfalls ablehnte, indem er sich dazu nicht für tüchtig hielt. Eben er empfahl aber zugleich den ihm genau bekannten, siebenundzwanzigjährigen Bullinger, der, obschon jung, zu diesem Amte ganz geschickt sei. Bullinger jedoch widerstrebte, indem er, als der Jüngere, durchaus nicht wollte Leo übergeordnet werden.

Gleich in den ersten Tagen nach Bullingers Ankunft in Zürich ermunterten ihn deshalb seine näheren Freunde, Leo Judä, Erasmus Schmid und Heinrich Uttinger (welche Letztern sammt den übrigen Chorherrn dem großen Rathe einen Vorschlag zu machen hatten), im Großmünster zu predigen. Er that es schon am 23. November und dann auf Geheiß des Rathes noch etliche Male.

Seine Predigten machten einen unbeschreiblichen Eindruck. Das war ein neuer, frischer Lebenshauch mitten in dieser trüben Zeit. So muthig trat er auf; so kräftig und siegesfreudig hielt er das Panier des unbesiegbaren Evangeliums hoch empor; so ernst führte er die schweren Züchtigungen Gottes den Hörern zu Gemüthe; so scharf und freimüthig rügte und strafte er die vorhandenen Laster, daß unwillkürlich die Erinnerung an den, der sonst von dieser Stätte so gewaltig Zeugniß gab, in den Herzen der Hörer erwachte, und vielfältig der Wunsch sich kund gab, ihn an dessen Stelle erwählt zu sehen. Man erinnerte sich auch, daß Zwingli vor seiner Abreise nach Kappel habe verlauten lassen, falls er selbst nicht aus dem Kriege zurückkehre, wäre Bullinger der tauglichste Mann, um alsdann an seine Stelle zu treten.

Wie viel es aber damals heißen wollte, in Zürich kräftig aufzutreten und wie mächtig Bullingers Rede einschlug, sehen wir aus einem Briefe, den Zwingli's tiefbekümmerter Freund Myconius in jenen Tagen einem Vertrauten schrieb: „Bei uns ist nichts als Jammer und Trübsal. Mit jedem Tage wächst unsere Noth. Mehr noch als Zwingli's Verlust, mehr als der Tod so vieler Wackeren drückt uns die Sorge, daß das freie Wort des Evangeliums so nahe dran ist unterzugehen. So ganz und gar ist uns jede tröstliche Aussicht verwehrt. Der kleine Rest solcher Männer, denen etwas von Gnadengaben verliehen ist, wagt nicht das Haupt zu erheben. Das Volk ist in Schrecken gejagt durch die drohende Haltung unserer Feinde. Wie sollen da die Verkündiger des Gotteswortes thun was ihres Amtes ist? So viele

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Drohungen umgeben sie, so viele Dolche und Schwerter, daß eine Kraft ohne gleichen vonnöthen wäre, ein wahrhaft apostolischer Muth, um gleich einem Paulus durch nichts sich abschrecken zu lassen von der Verkündigung des Herrn Jesu und von der Züchtigung der Gottlosen und Lasterhaften. Doch an Muth, an Feuer des Geistes, an Kühnheit würde es vielleicht dem Einen oder Andern nicht mangeln. Aber wer möchte vergebens predigen, nur zum eigenen Schaden mitten unter Solchen, die mit Schwert und Folter drohen? vielleicht wäre das der Frömmigkeit selbst nicht einmal ersprießlich. Drum fährt man in Allem jetzt gar sanft; mehr mit Bitten, als mit Kraftworten wird der Kampf geführt. Doch am letzten Sonntage hat Bullinger eine solche Predigt herunter gedonnert, daß es Vielen vorkam, Zwingli sei nicht todt, sondern er sei gleich dem Phönix wieder erstanden. Jndeß ist er nur als Gast hier.“

So weit Myconius. Seine letzte Bemerkung, daß Bullingers Aufenthalt in Zürich nur ein vorüber gehender sei, schien alsbald in Erfüllung zu gehen. Durch ein gar freundliches und dringendes Schreiben lud ihn der Rath zu Basel ein, an die Stelle des überraschend schnell verstorbenen Oekolampad zu treten, der in anderem Sinne, als die Menschen es geahnt und gewünscht, Zwingli hatte nachfolgen müssen. Schon zuvor hatten die Reformirten des Kantons Appenzell ihre Boten ausgesandt, um Bullinger dorthin zu rufen, und von Bern aus waren bereits während des Krieges Anerbietungen und Einladungen an ihn ergangen. Bullinger mußte erwiedern, schon von Kappel her den Zürchern eidlich verbunden, könne er ohne Einwilligung des Rathes von Zürich keinen Schritt thun. Dieser aber hieß ihn seine Entschließung gewärtigen. Vorgeschlagen wurden neben Bullinger Kaspar Megander (Großmann), ein geborner Zürcher, damals Prediger zu Bern, Hans Fabritius, Pfarrer zu Dällikon, und Hans Bryner, Pfarrer zu Weißlingen.

Samstags den 9. Dezember 1531 versammelte sich der große Rath der Zweihundert zur Wahl. Sie fiel auf Bullinger. Mit Einmuth ward er vom gesammten großen Rathe in die Lebensstellung berufen, die er von nun an sein ganzes Leben hindurch einnehmen sollte.

Aber noch gab's eine harte Probe, bei der sofort seine Geistesklarheit sowohl als die Festigkeit seines Charakters geprüft ward. Es galt eine Entscheidung, durch die sein ganzes amtliches Wirken geknickt und verkümmert, oder als ein gedeihliches und erfreuliches gesichert werden konnte. Denn Bitteres und Süßes wurde in verlockender Mischung mit Einem Male ihm dargeboten.

Sämmtliche Stadtprediger sammt Bullinger waren nämlich auf den Wahltag vor die Zweihundert beschieden. Alsbald nach der Wahl ließ man sie vortreten. „Liebe Herren, redete sie der Bürgermeister Walder an; die Zweihundert der Räthe und Bürger haben euch hieher berufen aus zwei

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Ursachen, erstlich um euch anzuzeigen, daß sie heute einhellig zu ihrem Pfarrer oder Leutpriester am großen Münster, an des seligen Meister Ulrich Zwingli's Statt erwählt haben Heinrich Bullinger von Bremgarten; wir wünschen ihm dazu von Herzen Glück. Fürs Andere wird man euch nun vorlesen den vierten Artikel der Uebereinkunft, welcher der neugewählte Pfarrer und ihr alle hinfort nachleben sollet, da wir Solches mit der ganzen Landschaft eben jetzt beschlossen und festgesetzt haben; wir sind auch gesinnet mit Gottes Hilfe dabei zu verbleiben.“

Durch die betreffende unmittelbar vor Bullingers Wahl getroffene Uebereinkunft, zu der die Regierung von den immer noch wegen der unglücklichen Kriegsereignisse und Verheerungen aufgeregten, namentlich gegen die Prediger des Evangeliums erbitterten Landleuten gedrängt worden war, wurde zwar „die evangelische Lehre und Wahrheit“ festgehalten; doch versprach der Rath darin ausdrücklich: „von den hergelaufenen Pfaffen, unruhigen Schreiern und Schwaben abzustehen“, also namentlich vor fremden Predigern sich zu hüten, und zudem sagte sie in dem obgenannten vierten Artikel, welcher die Geistlichen insbesondere betraf, Folgendes zu:“Wir wollen und sind erbötig, hinfort in unserer Stadt nur solche Prediger anzustellen, die friedsam sind und nach Ruh und Frieden trachten. Wir werden auch den Predigern nicht mehr gestatten, die Leute also gottlos, böswillig und mit ehrverletzenden Schmähungen anzugreifen und zu schelten, sondern mit allem Fleiß darauf halten, daß sie das Gotteswort und die Wahrheit christlich, jugendlich und freundlich, laut alten und neuen Testamentes, verkündigen, die Laster mit der Schrift strafen, sich aber keiner weltlichen Sachen, die weltlicher Regierung und Obrigkeit zustehen, in der Stadt oder auf dem Lande, im Rathe oder darneben, beladen, sondern uns regieren lassen, wie es uns christlich, löblich, auch für Stadt und Land nützlich dünkt. Wir versprechen auch, keine Gemeinde mit einem Prediger zu behelligen, die ihr nicht genehm wäre.“

Dieser vierte Artikel war vor dem versammelten großen Rathe den Predigern vorgelesen. Es entstand eine Stille. Bullinger erkannte sofort die entscheidende Wichtigkeit des Augenblicks; er überschaute die Tragweite der anscheinend unverfänglichen Forderung, durch die, zumal bei ihrer Unbestimmtheit und bei allfällig ungünstiger Auslegung, der freimüthigen Predigt des göttlichen Wortes unheilvolle Fesseln angelegt, die berechtigte Anwendung desselben auf die jedesmaligen Schäden und Abirrungen verwehrt und so das Einzige und Wesentliche, worauf für die evangelische Kirche alles Heil und aller Trost für Gegenwart und Zukunft beruhte, zum Schaden der Seelen gehemmt werden konnte. Und er besaß Entschlossenheit genug, wie sehr er auch die angebotene ehrenvolle und einflußreiche Stellung zu schätzen wußte, lieber darauf zu verzichten, als sich und seine Mitarbeiter in diese schiefe Stellung hinein treiben zu lassen.

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Deshalb nahm nun der neugewählte Pfarrer am Großmünster sogleich das Wort, dankte für die auf ihn gefallene Wahl, erklärte aber, daß es ihm nicht möglich sei, ohne nähere und bestimmte Erläuterung des vorgelesenen Artikels die Stelle anzunehmen. Er begehre daher einige Bedenkzeit, um mit seinen Amtsbrüdern die Sache in Ueberlegung zu nehmen, und wolle sich in einigen Tagen des Näheren darüber erklären. Auch die übrigen Prediger Erasmus Schmid, Hans Schmid, Dr. Engelhard, Pfarrer am Fraumünster, Rudolf Thumysen, Leo Judä, Pfarrer am St. Peter, und Niclaus Zehnder, Diakon, stimmten in dieses Ansuchen ein. Es wurde ihnen wohlwollend entsprochen, und so trat die Geistlichkeit ab.

23. Bullingers Vertheidigung der freien Predigt des Gotteswortes.

Am folgenden Mittwoch, den 13. Dezember, erschienen die Stadtprediger wieder vor den Zweihundert und nun ließ sich Bullinger also vernehmen:

„Herr Bürgermeister! Ehrsame, fromme, fürsichtige, weise, gnädige, liebe Herren. Wohl möchte es jemanden nicht unbillig dünken, daß wir ohne weitere Einrede eueren Geboten und Verboten gehorsam wären. Doch hoffen wir, wenn Euere Weisheit unsere ehrenwerthen und göttlichen Beweggründe vernehme, werdet ihr als eine christliche Obrigkeit ob unserer Einwendung keinen Unwillen empfangen. Unsere freundliche Antwort ist nämlich diese:

Was euer Begehren betrifft, daß wir das Wort Gottes friedlich und züchtig predigen, so wollen wir euch darin gerne und geziemend gehorchen. Dieweil aber doch auch ein ewiger Streit ist zwischen Gutem und Bösem, zwischen Wahrheit und Falschheit, so hat das göttliche Wort auch seinen Unfrieden oder seine Schärfe, wie denn Christus spricht: Jhr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz seine Schärfe verliert, so wird es hinaus geworfen und mit den Füßen zertreten. Und Paulus, wiewohl er seinen Timotheus bittet, die Wahrheit mit aller Langmuth vorzutragen, heißt den Titus doch auch die Widerspenstigen beschelten. Wir wollen daher Alles das hinfort sanft vertragen, was mit Sanftmuth soll vorgetragen werden; hinwieder aber auch scharf rügen, was scharfer Rüge würdig ist.

Hierzu gehört auch das, daß wir die Laster mit und nach der Schrift bestrafen sollen. Dem sind wir auch gar nicht entgegen; vielmehr danken wir Gott dafür, daß ihr uns dies befehlt. Aber billig fällt uns schwer, was gerade darauf folgt: wir sollen niemand gottlos oder auch böswillig oder mit andern ehrverletzenden Worten und Namen bezeichnen. Mit der Schrift die Laster zu strafen, habt ihr so eben uns erlaubt, die Schrift nennt und straft aber dergleichen eben mit diesen Benennungen, und wir sollen solche Worte nicht gebrauchen dürfen.

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Dies steht im Widerspruch. Ja die Schrift gebraucht oft noch viel schärfere Worte. Z.B. nennt sie die Gottlosen und Lasterhaften (Jesaj. 1.) Diebe und Mörder, ebenso (Joh. 8. 10., Apostelgesch. 13.) Teufelskinder, Betrüger, (Philipp. 3.) Hunde, Feinde Gottes u.s.w. Wenn wir nun dergleichen Worte auf der Kanzel nicht gebrauchen dürfen, so können wir auch nicht das frei heraus sagen, was in der Schrift steht. Euch aber das zu bewilligen haben wir eben so wenig Gewalt wie Petrus, als ihm der Rath zumuthete, er solle des Blutes Jesu nicht mehr gedenken, damit es nicht etwa auf sie heraus komme. Deshalb entgegnete Petrus: Urtheilet selbst, ob es recht sei, euch mehr zu gehorchen als Gott. Darum, Gnädige Herren! wollen wir uns gern aller Bescheidenheit befleißen, auch die Laster und Lasterhaften mit keinen andern als schriftgemäßen Namen strafen. Aber was Gott uns reden heißt, was ausdrücklich in der Bibel steht, das können und dürfen wir uns durchaus nicht verbieten lassen. Wir bitten euch um Gottes willen, ihr wollet uns nicht weiter drängen, sondern bei der Bibel, der Scheltworte und anderer Dinge halben, bleiben lassen. Thun wir aber zu viel daran, so wollen wir uns gern eurer Strafe unterziehen.

Ferner fordert ihr: der weltlichen Regierung sollen wir uns nicht beladen. Das wollen wir gerne halten, sofern uns nicht verwehrt wird betreffend die weltliche Regierung das zu predigen, was begründet ist in der heiligen Schrift. Da sind nun alle Bücher Mosis, die Geschichtsbücher, die Propheten voll von Dingen, welche das weltliche Regiment betreffen. Die Diener Gottes, ein Samuel, Elias, Jehn, Micha, Jeremias und andere waren sie nicht auch der Obrigkeit Lehrer und Strafprediger? Drum, Gnädige Herren! sind wir, um mich kurz zu fassen, wohl zufrieden mit Allem, wenn ihr nur uns befehlet, frei, ungehemmt, nicht beengt durch menschliches Gutdünken, das neue und alte Testament zu predigen. Wir wollen es nicht nach unsern Gelüsten und Begierden, sondern gemäß dem Glauben und der Liebe nach seinem wahrhaften Jnhalt mit bestem Fleiße, wie es sich gebührt, predigen. Denn Gottes Wort will und soll nicht gebunden sein; sondern was man darin findet, es sei was es wolle und wen es auch treffe, soll frei heraus gesagt werden. Denn wir haben nicht die Gewalt, der Bibel irgend etwas zu entziehen. Wir glauben auch nicht, daß ihr uns Solches zumuthen wollet. Wir bitten euch daher um der ewigen Wahrheit willen, ihr wollet bedenken, daß Gott es ist, der zu uns spricht (Jerem. 26, 2.): Alles, was ich dir befehle ihnen zu sagen, sieh, daß du nicht ein Wörtlein davon thuest usw. Bedenket, daß euere Ehre vor Gott und vor der Welt einen großen Stoß erleiden würde, wenn man, nach so vielen Trübsalen, auch noch das euch nachreden könnte, daß ihr wohl befohlen hättet die Schrift zu predigen, doch nur unter diesen und jenen Bedingungen. Darum ermahnen wir euch bei Gott dem Herrn und bitten allein um das unbedingte Wort Gottes, und daß ihr unser Anbringen, das in bester Meinung geschehen

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ist, auch in bester Meinung aufnehmen wollet. Den Jnbegriff der Artikel, bei denen wir bleiben wollen, übergeben wir euch hier schriftlich:

Erstlich versprechen wir, daß wir uns alles Friedens wollen befleißen und die allgemeine Ruhe, auch das Wohlergehen euerer Regierung befördern wollen, so viel wir nun immer mit Gott vermögen.

Die Laster und Uebelthaten, es betreffe die obere Gewalt oder den gemeinen Mann, es betreffe den Rath, die Gerichte, das weltliche oder geistliche Regiment, werden wir nach Maßgabe des Lasters und der Lasterhaften, je nachdem es erforderlich ist, bald sanft, bald scharf, ohne Ansehen der Person mit Worten, die der Schrift und dem Laster gemäß sind, hervor ziehen, beschelten und strafen. Denn das Wort Gottes will nicht gebunden sein, und Gott muß man mehr gehorchen als den Menschen.

Wir wollen auch mit aller Zucht und Bescheidenheit das Wort Gottes und die Wahrheit predigen und verkünden laut Jnhalt des alten und neuen Testamentes und gemäß dem Eide, den wir euch, unseren Herren, in der Synode geschworen haben.“

Der Eid lautet:

Jch schwöre, das heilige Evangelium und Wort Gottes, dazu ich berufen bin, treulich und nach rechtem christlichem Verstand, auch nach Vermög alten und neuen Testamentes, laut meiner Herren von Zürich erlassenen Mandates, zu lehren und zu predigen, und darunter kein Dogma oder Lehre, die zweifelhaft, noch nicht auf der Bahn und anerkannt wäre, mit einzumischen, sie sei den zuvor der allgemeinen, ordentlichen Versammlung (Synode), die jährlich zweimal gehalten wird, angezeigt und von derselben anerkannt worden. Ueberdies soll und will ich einem Bürgermeister und Rath, auch den Bürgern, als meiner ordentlichen Obrigkeit, treu und hold sein, gemeiner Stadt und Landes Zürich Nutz und Frommen fördern, ihren Schaden wenden und davor warnen, so weit ich's vermag, auch ihr und ihren bestellten Vögten und Amtleuten, ihren Geboten und Verboten, in geziemenden, billigen Sachen gehorsam und gewärtig sein, treulich und ohne alle Gefährde.

24. Der günstige Erfolg.

Kurz und freimüthig hatte der jugendliche Redner sich ausgesprochen vor der obersten Behörde des Landes, vor gereiften Männern und vor Greisen, die auf Schlachtfeldern und in Rathssälen im Dienste des Vaterlandes ergraut waren. Er hatte verfochten, was Pflicht und Gewissen in dieser ernsten Stunde ihn verfechten hieß, die freie Predigt des Gotteswortes, die unbedingte Geltung und Anerkennung der göttlichen Wahrheit. Nun verließ er sammt den übrigen Predigern die Versammlung der Zweihundert. Diese befand sich in großer Bewegung. Viel wurde dafür und dawider gesprochen; die lebhafte Besprechung nahm den Rath ungewöhnlich lange, gegen alle

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damalige Gewohnheit die ganze Zeit von 7 bis 11 Uhr in Anspruch. Denn Einige, die nicht gar lauter waren im evangelischen Glauben, drangen beharrlich und alles Ernstes darauf, man solle bei dem Buchstaben der mit den Landleuten getroffenen Uebereinkunft bleiben und den Predigern durchaus nichts weiter gestatten. Wohl wußten sie, daß dadurch dem Reformationswerke ein harter Stoß versetzt würde, aber gerade das war ihre Absicht. Andere kämpften angelegentlich und mit guten Gründen dagegen. „Wir wissen für ganz gewiß, erwiederten sie, wenn man sich untersteht, die Prediger in diesem Punkte zu binden oder einzuengen, so geben sie eher den Dienst auf, wie der neue Pfarrer sich schon erklärt hat, als daß sie sich dieß gefallen lassen. Jhr einfaches Begehren ist ja nur allein das, bei der Bibel, beim alten und neuen Testament zu bleiben; dieß darf und soll man ihnen gar nicht abschlagen. Die Frage ist nun, sollen sie bei der Bibel bleiben oder nicht?“

Diese Frage ward endlich mit Mehrheit der Stimmen nach dem Wunsche der Prediger entschieden. Noch am nämlichen Tage erhielten sie durch den Stadtschreiber folgende Antwort: „Meine Herren Bürgermeister und beide Räthe sind des Willens, euch das göttliche Wort des alten und neuen Testamentes, wie ihr begehrt, frei, ungehemmt und unbedingt zu lassen, guter Hoffnung, ihr werdet euch aller Bescheidenheit befleißen und es gebrauchen wie es sich gebührt, sowie in vollem Vertrauen, ihr werdet nach Frieden und Ruhe trachten.“

Dankbar gingen die Prediger auseinander, nach wiederholter Versicherung, sie wollten sich aller Bescheidenheit und alles Friedens befleißen und ihr Amt mit Gottes Hülfe so verrichten, daß es diene zur Mehrung des Glaubens und zur Besserung des Lebens.

So war nun das höchste Kleinod der erneuerten Kirche, die freie, ungehemmte Predigt des göttlichen Wortes gerettet, das Kleinod, das hundert verlorene Schlachten aufwog. Es war geschehen durch die Entschiedenheit und Festigkeit, die Bullinger im gefahrvollsten Augenblicke zeigte. Regierung und Volk, die ganze durch Zwingli's gotteskräftiges Wirken reformirte Gemeinde stellte sich damit aufs neue unter die alleinige Richtschnur des Gotteswortes, das auf Jahrhunderte hin für Lehre und Leben ihre unverbrüchliche Regel bleiben sollte. Mißlungen war der Anschlag der gefährlichen verborgenen Widersacher der Reformation, die mit Frohlocken zusahen, wie rings umher in den gemeinen Herrschaften durch den Ueberdrang der römisch-katholischen Sieger selbst in den Gemeinden, die beim Evangelium beharren wollten, wieder der päbstliche Kultus zurück geführt wurde, und schon überall siegesgewiß das Gerücht verbreiteten, Zürich werde alsbald die Messe wieder herstellen. Jhren Umtrieben und täuschenden Erwartungen war nun mit Einem Male der Nerv durchschnitten.

Nun erst konnte der neugewählte Nachfolger Zwingli's unter Gottes Segen gedeihlich wirken in gesunder, aufbauender Weise Jahrzehende lang, da er

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jetzt die rechte Stellung gewonnen und den Boden gefunden hatte, um sie, wo es nöthig ward, zu behaupten. Sehen wir in Vergangenheit und Gegenwart so manche edle Kraft fruchtlos sich abmühen und hinein getrieben in eine schiefe Lebensstellung doch verkümmern, so können wir Bullingers entschiedenes Auftreten nicht hoch genug anschlagen in seinem Werthe für ihn selbst sowohl als für den Schauplatz seines Wirkens.

Er war sich dabei dessen freudig bewußt, daß Alles von Gott so gefügt worden. Dieß bezeugt uns sein Schreiben an Bern, wodurch er die eben erwähnte Berufung dorthin ausschlug. Die schönsten Anerbietungen waren ihm nämlich schon zuvor von Bern aus gemacht worden, woselbst die Reformation, wenn auch nicht in so trübseliger Lage wie in dem weit heftiger erschütterten Zürich, damals in bedenkliche Stellung zu gerathen schien. Jnsbesondere Bertold Haller, der hauptsächlichste Reformator daselbst, gar sehr entmuthigt drang in Bullinger, daß er bei Berns gänzlichem Mangel an Gelehrten der ansehnlichen aus 187 Gemeinden bestehenden bernischen Kirche zu Hilfe komme. Bullinger hatte ihm darauf geschildert, wie eben in Zürich Alles in der Schwebe sei, und erhielt nun gerade an dem Tag, als in Zürich die letzterwähnte Sitzung des großen Rathes Statt fand, durch einen Eilboten vom Schultheißen und Rathe zu Bern, die förmliche Berufung, worin es heißt: „Wir haben aus deinem Schreiben an Bertold Haller vermerkt, mit was für Schranken und Bedingungen unsere Eidgenossen von Zürich dich und andere Verkündiger des Gotteswortes binden wollen, die eben schimpflich und unsers Bedünkens keinem Propheten annehmar sind. Deßhalb wir aus günstiger Meinung, die wir zu dir tragen wegen deines ehrbaren Wandels und christlicher Lehre, dich hiemit bittweise ansuchen und fragen, o du so gern zu uns kommen wollest, als wir deiner Person begehren und dich gerne haben möchten. Wir wünschen also, daß du dich mit diesem einzig deswegen zu dir abgesendeten Boten zu uns verfügest, unserer Kirche in Verkündung des Wortes Gottes vorzustehen. Wir wollten schon mit dir dermaßen deiner Leibesnahrung halben überein kommen und dich so wohl halten, daß du völlig mit uns zufrieden sein sollst.“

Sofort beantwortete Bullinger diesen lockenden Ruf folgender Maßen: „Daß euere Weisheit mir Kleinfügigen, Unwürdigen und Unverdienten so demüthig und tröstlich zuschreibet, mich auch zu eurem Prediger begehret, dafür sage ich euch hohen Dank, will auch eurer Ehre, Treue und Liebe in Ewigkeit nicht vergessen, sondern nach all meinem Vermögen, wo und wie ich nur kann, mit Treue, Gehorsam und bestem Fleiße wie billig erwiedern, wollte auch, daß Gott es also gefügt hätte, daß ich euch, Meinen Gnädigen Herren zu Bern, hätte dienen mögen, zu denen ich allezeit als zu Gottesfürchtigen, Getreuen und Weisen besondere Herzensneigung getragen habe. Nun aber hat Gott es also gefügt, daß mich meine Herren von Zürich angestellt haben, denen ich von etlichen Jahren her mit Eidespflicht verbunden bin, wie ich

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schon in Bremgarten euerem Prediger Franz Kolb mündlich erklärte. Nun haben auch meine Herren auf heute den Predigern das göttliche Wort dermaßen gefreiet (freigegeben), daß wir nichts mehr klagen. Darum bitte ich euch, ihr wollet deßhalb mir nicht zürnen; denn ich Ehren halb nicht anders handeln konnte. Nichts desto minder lasset mich euch empfohlen sein; will auch allezeit der Eurige sein. Damit seid Gott befohlen; der wolle euch in Ehren, Frieden und Wohlstand lange erhalten.“

Gleichzeitig sandte er auch eine freundliche Ablehnung nach Basel; bezeichnend ist, daß er dabei den Ueberbringer Gervasius Schuler, seinen Amtsgenossen in Bremgarten, für den bei der damaligen den Ausländern höchst ungünstigen Stimmung in Zürich nichts zu hoffen war, an seiner Statt ihnen aufs herzlichste empfahl. Dieß hatte auch sofort den gewünschten Erfolg.

Jndem er selbst in Zürich verblieb, sollte er noch Anlaß genug finden, seine hier gegebenen Versprechungen zu erfüllen und auf mancherlei Weise den Genossen des Glaubens christliche Bruderliebe zu erweisen weitumher.

25. Das neue Amt.

So trat denn Bullinger im Bewußtsein, daß Gott es so gefügt, nicht er die Ehre gesucht hatte, freudigen Muthes das neue Amt an. Er trat es an freilich als junger Mann, mit der Kraft jugendlicher Frische, aber nicht als unerfahrener Jüngling, sondern gereift durch neunjährige Amtsführung in sturmbewegter Zeit, als ein Mann, der selbständig durch eigene Arbeit und innere Entwicklung die Grundlage der Erneuerung der Kirche sich angeeignet, alle die Lebensfragen der Zeit mit gründlichem Ernste und klarer Einsicht vielfach durchgesprochen und schriftlich abgehandelt, ja gleichsam ihre Entfaltung in Streit und Frieden durcherlebt hatte an der Seite und im steten Verkehr mit den bedeutendsten und eingreifendsten Persönlichkeiten seiner Umgebung. Wir finden ihn daher schon jetzt so zu sagen vollendet in Gesinnung und Charakter, wenn auch stets bereit zur Erweiterung und Vertiefung seines Erkenntniß göttlicher Dinge und eifrig bemüht zu wachsen an Gnade und Weisheit durch die belebende und erleuchtende Kraft des göttlichen Wortes.

Wie groß war aber die Aufgabe, die ihm geworden! Eine Fülle von Sorgen und Mühen, von schwierigen Arbeiten und mannigfachen Kämpfen stand vor ihm. Was für ein Amt es war, das ihm übertragen worden, müssen wir deshalb vorerst in einigen Umrissen zu zeichnen suchen. Dem Namen nach war's nur ein Pfarramt, freilich ein Pfarramt, das den größten Theil der Stadt in sich befaßte und eine große Zahl von Predigten, sowie vielfache seelsorgerliche Bemühung forderte [13]. Aber der Sache nach verlangte es

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ungleich mehr. Es war auch nicht um bloße Geschäftsführung zu thun. Nachfolger Zwingli's sein, wollte in jenem Zeitpunkte mehr heißen. Zwar die theologische Professur, die der rastlose Zwingli neben allem Andern auch noch besorgt hatte, gehörte nicht nothwendig dazu; sie wurde sofort dem Theodor Bibliander (Buchmann) übertragen, einem ausgezeichneten Sprachkenner und Schriftausleger. Aber das Werk der Erneuerung der Kirche wie des Lebens war nur erst begonnen und den Grundzügen nach ausgeführt, jedoch nicht vollendet, vielmehr mit dem raschen Tode Zwingli's gleichsam abgebrochen, und unter den Stürmen der Zeit heftig erschüttert. Daher bedurfte das Werk der Reformation selbst dringend der Erhaltung, der Durchführung nach allen Richtungen des Lebens hin, und der Befestigung. Zürich bedurfte erst noch der weitern Umbildung und Neugestaltung in Hinsicht der kirchlichen und Schuleinrichtungen, der bürgerlichen Gesetzgebung, der ganzen Haltung des Staates und der Staatslenker wie des sittlichen Lebens der Einzelnen. Diese fortgehende Weiterbildung und Umgestaltung sollte geschehen nach der Richtschnur des Gotteswortes. Der Antrieb dazu aber, wie die Auslegung und Anwendung des göttlichen Wortes mußte wesentlich vom ersten unter den Dienern und Verkündigern dieses Wortes ausgehen.

Noch war Zürich keineswegs das geordnete, ehrenfeste, schlichte und arbeitsame Zürich, das es erst werden sollte, und als welches diese Wiege der Reformation späterhin Jahrhunderte lang mit Recht eines so guten Rufes genoß. Noch war die wilde Kriegslust, die damit zusammenhängende Ueppigkeit und Bestechlichkeit, die seit so langer Zeit, zumal seit den italienischen Kriegszügen unter den steten Einflüssen der fremden Botschafter, der Tagsleistungen u.s.w. vornämlich hier am leitenden Orte (Vororte) der Eidgenossenschaft reichlich gewuchert hatte, kaum erst zurückgedrängt, aber nicht beseitigt und drohte mit neuer Macht ihr Haupt zu erheben. Eine unerschütterliche Festigkeit, ein unermüdliches Arbeiten verbunden mit viel Weisheit und Geduld wurde erfordert, um diesen feindlichen Mächten zu begegnen und den gesunden ächten Grundlagen evangelischen Lebens zu ihrem Rechte und ihrer Geltung zu verhelfen.

Eben weil die evangelischen Lebensmächte noch nicht das Staats- und Volksleben durchdrungen hatten, wurde in jedem einzelnen Falle von den Dienern der Kirche, namentlich dem ersten unter ihnen Auskunft darüber erwartet, was der Schrift gemäß Gottes Wort enthalte über das eben Vorliegende. Keine irgend bedeutende Frage im Jnnern, im Staatsleben, auf dem Gebiete der Gesetzgebung, kein Vorgang im ganzen Umfange der Eidgenossenschaft oder bei ihren Unterthanen und Schutzverwandten, der auf Zürich irgend eine Beziehung hatte, kein Ereigniß im Auslande, das in seinen nähern oder

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ferneren Folgen eine Rückwirkung haben konnte auf die Schweiz, auf das Schicksal der evangelischen Kirche oder einzelner Angehöriger derselben, konnte vorkommen, ohne daß der Vorsteher der zürcherischen Kirche ihr seine genaue Beachtung zuwenden mußte. Denn bei hunderten solcher Fragen oder Vorgänge wurde von der Obrigkeit sein und seiner Amtsbrüder Gutachten eingeholt, oder aber er fand sich bewogen, gemäß seiner Amtspflicht sei's von der Kanzel dem christlichen Volke, sei's durch mündlichen oder schriftlichen Vortrag der christlichen Obrigkeit kund zu geben, was der Herr, unter dessen alleinige Leitung Volk und Regierung sich aufs neue gestellt hatte, in seinem heiligen Worte hierüber aussage oder fordere.

Daher war seine Stellung einerseits eine volksthümliche, anderseits gewisser Maßen eine staatsmännische, erforderte schon um gründlich über alles Bedeutende unterrichtet zu sein, eine außerordentlich ausgedehnte Correspondenz und steten persönlichen Verkehr mit den Staatshäuptern. Bullinger wußte aber mit so viel Ruhe und Gewandtheit, Besonnenheit und Emsigkeit, Eifer und Milde sich in allen diesen Angelegenheiten zu benehmen, daß er in seinen Umgebungen großes und immer größeres Vertrauen erlangte, die Herzen gewann und sich allgemeine Anerkennung erwarb. Frei von aller Nachahmungssucht vermied er die Klippe, an der wohl Mancher am ehesten gescheitert wäre, allzu sehr in Zwingli's Fußtapfen zu treten. Er wußte gerade hierin den Umschwung der Zeit weise zu beachten.

26. Nachwehen der Schlacht bei Kappel.

Es war aber auch ein gewaltiger Umschwung. Die Poesie war vorüber, und die Prosa des Lebens, ja der herbe Ernst war eingekehrt. Nicht mehr erschien die Reformation in der Schweiz als die rasch und kühn vordringende, vielmehr war sie für immer, in der östlichen, der deutschen Schweiz wenigstens, gehemmt, sie sah sich eingeengt, ja zurück gedrängt, sie war nun selbst die angegriffene und gefährdete Partei und lief Gefahr, gewaltsam überwältigt und erdrückt zu werden. Vollkommen verstanden die Lenker des deutschen Reichs den Werth dieser Thatsachen; König Ferdinand schrieb sofort nach der Schlacht bei Kappel seinem Bruder Karl V.: „Dies ist der erste von den Siegen, die bestimmt sind, den Glauben wieder zu beleben“, und fügte nach dem Gefechte am Gubel bei: „Gedenke, daß du das Oberhaupt der Christenheit bist und nie eine schönere Gelegenheit wieder kommt, dich mit Ruhm zu bedecken. Die deutschen Sekten sind verloren, wenn die ketzerische Schweiz sie nicht mehr unterstützt.“ Und Karl, nicht unempfänglich für eine solche Mahnung, die Unterdrückung der Reformation in der Schweiz und in Deutschland zu betreiben, erwiederte: „Meine Kaiserwürde, der Schutz, den ich der Christenheit und der öffentlichen Ruhe schulde, und das Wohl des Hauses Oesterreich stellen mir

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diese Aufgabe.“ Den beiden folgenden Jahrzehenden war es vorbehalten, die Bedeutung dieses Wortes immer furchtbarer zu enthüllen.

Vorerst war es an den reformirten Orten der Eidgenossenschaft und ihren Gesinnungsgenossen innerhalb der Schweiz, fast alle Leiden eines besiegten Volks durchzumachen, und zwar nicht nur kurze Zeit, sondern Jahrzehende lang, ja wir können zum Theil sagen, mehr als ein Jahrhundert lang. Wie schmerzlich war es, den unmäßigen Siegesjubel zu hören, der die römisch-katholischen Orte ringsum erfüllte, wie schmerzlich den Hohn und Spott, den sie bei alle Begegnungen reichlich über die Reformirten, über „die sieglose neue Lehre, bei der kein Heil und Segen sei, noch je sein werde und sein könne“, insbesondere aber selbst in allerrohester Weise über den gefallenen Zwingli ausgossen, sodann auch die damit im Einklang stehenden Stimmen höher Gestellter zu vernehmen, kurz ihn und seine heilige Sache nun von allen Seiten verkannt, entweiht, geschmäht und verworfen zu sehen und zwar unter Umständen, die für die Menge derer, die nach dem augenfälligen Erfolge urtheilen, so bestechend und verlockend sein mußten.

Aber das Allerschmerzlichste, was eben jetzt, gleich in dieser ersten Zeit von Bullingers Amtsführung zunächst und aufs bitterste empfunden wurde, war die Zurückdrängung des Evangeliums in allen den Gegenden rings um Zürichs Gebiet her, die ganz oder theilweise von römisch-katholischen Orten abhängig waren, und in denen das Licht des Evangeliums die Finsterniß überwunden, viel tausend und tausend Herzen gewonnen und die erfreulichsten Fortschritte gemacht hatte. Wie unendlich schmerzlich war es, hier überall die freundlich keimende Saat zertreten zu sehen! Jn die verlassenen Klöster St. Gallen, Einsiedeln, Muri, Wettingen, Fahr. St. Katharinenthal, Hermatschweil, Gnadenthal zogen Mönche und Nonnen aufs neue ein. Jammervoll war vornehmlich das Schicksal derjenigen Ortschaften und Landstriche, welche vom Landsfrieden ausgeschlossen waren, wie Rappersweil [14], Gaster und Wesen, ein Theil der Unterthanenlande des Abtes von St. Gallen, ferner Bremgarten, Mellingen und die freien Aemter. Nicht nur wurden sie als Empörer behandelt, ihrer althergebrachten politischen Rechte verlustig erklärt, um große Summen Geldes gebüßt, auch ihrer Prediger, ihrer Bibeln und Kirchen beraubt, zur Herstellung des schimmernden römischen Kirchenschmuckes, insbesondere der verabscheuten Heiligenbilder gezwungen, sondern sogar durch derbe Einschüchterungen und durch die heftigsten Drohungen genöthigt, wiederum die Messe zu besuchen. Ungeachtet Zürich und Bern, namentlich ersteres besonders auf Bullingers Antrieb, sich wiederholt aufs eifrigste für die Bedrängten verwandte, blieb den Getreuen nichts Anderes übrig, als

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Haus und Hof zu verlassen um des Evangeliums willen. Selbst der sterbende Schultheiß Mutschli erhielt den Befehl, Bremgarten zu verlassen. „Laßt mir nur noch ein wenig Zeit, war seine Antwort, so will ich gerne ohne Säumen eure Stadt verlassen.“ Alsbald verschied er und ward in Oberwyl begraben.

Von allen Seiten strömten die Vertriebenen nach Zürich. Gerade dieses schwere Schicksal seiner theuren Vaterstadt und ihrer Schicksalsgefährten bot aber Bullinger willkommenen Anlaß mit Rath und That den Geängsteten und Vertriebenen beizustehen, namentlich auch den flüchtig gewordenen Predigern Hülfe zu leisten. Insbesondere veranlaßte er Etliche unter ihnen sofort dazu, die allfälligen Lücken in ihren Kenntnissen und Fertigkeiten durch Benutzung der in Zürich sich darbietenden Gelegenheiten zu ergänzen, um dadurch tüchtig zu werden, als rüstige Diener des Herrn alsbald in neue Arbeitsfelder einzutreten.

Andauernder waren die Kämpfe im Thurgau und in den Gebieten des Abtes von St. Gallen. Hier kamen die mannigfaltigsten Bedrückungen und Quälereien vor gegenüber den Evangelischen, theils unter dem Vorwande des Landsfriedens, theils trotz demselben. Zürich befand sich dabei immer in der mißlichen, oft fast verzweifelten Lage gegenüber erhitzten und übermüthigen Gegnern immer nur auf dem gütlichen Wege bleiben zu müssen, da man auf kriegerische Entscheidung nach den gemachten Erfahrungen nicht aufs neue abstellen mochte, auf rechtlichem Wege aber deshalb nichts zu hoffen war, weil die gegnerischen römisch-katholischen Kantone in den Angelegenheiten der gemeinen Herrschaften das Stimmenmehr hatten. Dennoch nahmen die bedrängten evangelischen Gemeinden und ihre oft hart mitgenommenen Prediger ihre Zuflucht immer wieder zu Zürich, da sie keine andere Zuflucht zu finden wußten. Jns theilnehmende Herz des Vorstehers der zürcherischen Kirche schütteten sie ihre Herzen aus, bald mündlich, bald in dringenden Bittschreiben. Mit unermüdlicher Geduld und einer Jnnigkeit, wie nur die wahrhaft christliche Bruderliebe sie eingibt, ging Bullinger auf alle ihre Anliegen ein, mochten sie nun grade mehr geistlicher, eigentlich kirchlicher oder politischer oder ökonomischer Art sein, zog Erkundigungen für sie ein, verschaffte ihnen Fürsprecher, legte ihre Sache den Standeshäuptern ans Herz, zumal den zürcherischen Gesandten, welche die eidgenössischen Tagleistungen beschickten, und so gelang es doch immer wieder Einzelnen oder ganzen Gemeinden auf- und durchzuhalten, ihnen die evangelische Predigt und die Ausübung ihres Gottesdienstes, wenn auch hie und da verkümmert, zu retten, und niedergetretene Rechte ihnen wieder zu erlangen. Schon die lebendige Theilnahme selbst, auch wo sie des gewünschten Erfolges sich nicht völlig erfreuen durfte, wie erquickend war sie den verstoßenen Glaubensbrüdern, und wie fest knüpfte sie zwischen ihnen und Zürich das Band der kirchlichen Gemeinschaft, das den oft Bedrängten Jahrhunderte lang zu Statten kam. „Fahre fort mein

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Vater zu sein, wie bis jetzt“, schreibt schon 1532 ein sanctgallischer Pfarrer an Bullinger, und außer ihm war noch so Mancher, der den jugendlichen Bullinger wie einen väterlichen Freund und Fürsorger schätzte. Wie oft fand St. Gallens hochbegabter Bürgermeister Vadian, Zwingli's Freund, an Bullinger den eifrigsten Vermittler in Zürich und Mitberather in Betreff der äusserst schwierigen kirchlichen Verhältnisse St. Gallens, des Toggenburgs und des Rheinthals gegenüber dem mächtigen Abte und seinen immer steigenden Ansprüchen. Höchst erfreulich war dabei die durchgängige Standhaftigkeit der angefochtenen evangelischen Gemeinden. Unter dem Kreuze sollte ihr Glaube sich bewähren, da ja auch Zürich selbst, das vorher so mächtige und ruhmreiche, sich unter die gewaltige Hand des Herrn beugen mußte.

27. Bullingers Vertheidigung Zwingli's und des Evangeliums.

Mit welcher männlichen Fassung Bullinger es vermochte, das bittere Loos der äussern Erniedrigung anzunehmen und wie er dies auch Andern darlegte, sehen wir aus den Vertheidigungsschriften, die er in diesen Zeiten der Trübsal herausgab.

Schon am 28. Januar 1532, dem Karlstage, der zu Ehren Kaiser Karls des Großen von dem durch ihn geäufneten Stifte von Alters her in Zürich festlich begangen wurde, hielt er eine lateinische Rede vor den Geistlichen und Gelehrten „vom Amt eines Propheten“, die er nachher im Drucke ausgehen ließ. Nachdem er darin die Pflichten eines würdigen Dieners am Worte Gottes dargelegt, stellt er Zwingli als Muster eines charakterfesten, standhaften Propheten Gottes dar, gedenkt seiner brennenden Liebe zur Gerechigkeit und Billigkeit, seiner glühenden Vaterlandsliebe, seines gewaltigen Hasses gegen alles Schlechte, seiner Einfachheit, Biederkeit, Frömmigkeit, und zeigt, wie sein Tod in der Schlacht, in die nicht Kriegslust, sondern der Befehl der christlichen Obrigkeit ihn geführt habe, niemanden dürfe irre machen, indem die ihn tödteten, deren Heil er stets zu fördern trachtete. Er weist an biblischen und andern Beispielen nach, wie Viele der Trefflichsten, ein Jesajas, Jeremias, Zacharias, Stephanus eines gewaltsamen Todes starben, ja der Herr selbst äußerlich unterlag, wie der fromme Josias und die glaubensstarken Makkabäer auch Niederlagen erlitten, ohne daß ihr Glaube deshalb ein Gott mißfälliger oder die Sache, für die sie stritten, von ihm verlassen war. Auch seines kürzlich dahin geschiedenen Freundes Oekolampad gedenkt Bullinger in dieser Rede ehrenvoll. „Lasset uns also auf dieser Bahn fortfahren; laßt uns die Wahrheit Gottes aus allen Kräften verfechten und, wenn's sein soll, auch unser Leben dafür einsetzen.“ So schließt er.

Allein die dreisten Angriffe volksthümlicher Art, die in derbem Deutsch

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geschahen, verlangten andere Zurückweisung. Durch Heftigkeit und feindselige Entstellung der Wahrheit ausgezeichnet war eine gereimte Schrift, die 1532 in Luzern heraus kam, betitelt: „Der Tanngrotz, ein schöner Spruch von dem Krieg, der sich zwischen den fünf Orten und andern Orten der Eidgenossenschaft verlaufen.“ Der Verfasser war Johann Salat von Luzern, Barbier und Gerichtsschreiber. Er erzählte darin weitläufig den letzten Kappelerkrieg mit durchgängiger Verhöhnung der Zürcher, beschuldigte sie unter andern, daß sie die römisch-katholischen Bluthunde, Tanngrotzen (Tannzweige hatten sich diese zu ihrem Feldzeichen erkoren) u.s.w. gescholten, sie ihrer Rechte und Freiheiten wider geschworne Eide und Verträge haben berauben und zum neuen Glauben zwingen wollen, daß ihnen der ehrloseste Wüstling mehr gelte als wer auf die sieben Sakramente halte, u.s.w. mit dem Schlusse:

Hie Tannast! die von Zürich fliehen fast (sehr);

Es kann sie niemand erreiten noch ergeh'n.

Angefügt waren noch zwei kürzere Lieder, ein Loblied an Maria und die Dreifaltigkeit ebenfalls den Krieg betreffend, und ein besonderes Schmachlied auf Zwingli und die gefallenen Prädikanten.

Jn Bern fand man diese Schmachschrift so ehrverletzend, daß die Berner Regierung sich deshalb an die von Luzern wandte; doch erhielt sie den ausweichenden Bescheid, man wisse in Luzern nichts davon. Aufgemuntert von seinem innig vertrauten ältern Freunde Bertold Haller in Bern, verfaßte Bullinger eine „glimpfliche Verantwortung, daraus du auch den andern Theil verhören und die Wahrheit gründlich verstehen wirst.“ Er schrieb sie in Prosa, indem er von seiner poetischen Gabe, deren er sich nicht rühmen wollte, nur bescheidenen Gebrauch machte. Er leitet sie ein mit dem Verschen:

Tannast im Hut

Treibt Uebermuth.

Thut nimmer gut,

Es straf's denn d' Ruth'

Das unrecht Gut

Und elend Blut

Mit Schwert und Glut,

Was Gott g'wiß thut.

Sodann folgt der zweite Titel der Schrift: „Salz zum Salat“, mit der Anrede an den Leser:

Lieber Leser, lies mich,

„Salz zum Salat“ heiß ich,

Ermiß den Handel wohl;

Gott weiß, was folgen soll.

Der schießt gar weit vom Ziel,

Der sein' Ehr' stärken will

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Mit andrer Leute Schmach;

Der Unfall ist ihm nach (nah).

Drum rühm' dich nit zu viel:

Dein Hochmut hat ein Ziel.

Mit viel Reimens kann ich;

Gott ist gerecht! lug (sieh) für dich!

Einläßlich legt er die Ursachen und den Gang des Krieges dar, weist die schamlosen Unwahrheiten und Anschuldigungen Salat's zurück, und redet ihm in Betreff Zwingli's ernst ins Gewissen, indem er zu ihm sagt: „Du verfolgst mit schändlichen Worten den frommen Mann und treuen Diener Gottes Ulrich Zwingli, den du einen Bösewicht und Verführer der frommen Gemeinde nennst. Doch ist dein Schreiben nichts Anderes, als ein üppiges, neidisches, verbogenes Klatschwerk. Denn den Mann, der Frömmigkeit lehrt, Tugend pflanzt, die Laster und Lasterhaften straft und haßt, ehrbar und züchtig lebt, mag niemand billiger Weise einen Bösewicht schelten. Nun wissen und erkennen aber alle Frommen, denen Wahrheit und Recht gefällt, daß Zwingli ein solcher Mann war: drum ist deine Rede nichts Anderes, als ein ödes, ohnmächtiges Gewäsch. Unser Herr Jesus Christus ward auch ein Veführer des Volkes gescholten, Elias ein Aufrührer, Jeremias ein Verräther, und die Apostel selbst Gotteslästerer; sie waren's darum doch nicht. Denn der ist ein Verführer, der vom rechten, wahren Wege ab in Jrrthum führt. Wie nur Ein Gott und Ein wahrer Glaube ist, also ist auch nur Ein rechter Weg, welcher aus dem Worte Gottes, verfaßt im neuen und alten Testamente, erlernt wird. Weil nun Zwingli seine ganze Lehre auf das neue und alte Testament gegründet hat und sich allezeit erboten dem, der ihn daraus besser unterrichten möge, zu folgen, so war er auch kein Verführer; es wäre denn, daß die heilige, göttliche Schrift, womit er seine Lehre befestigt hat, verführe, was doch nicht möglich, auch nicht christlich zu denken ist. Mit was Glimpf kannst du ihn also einen Verführer nennen? - Zwingli lebt aber, gleichwie die Schrift von Abel sagt, obgleich er gestorben ist, und ist auch noch übrig in seinem Glauben und in seinen Schriften, die in aller Welt gelesen werden. Weiß doch jedermann, was er geschrieben, gelehrt, geglaubt und gepredigt hat. Darum schaffest du nichts mit deinem bittern, unruhigen und erdichteten Schreiben. - Hast du seine Bücher gelesen, so weißt du wohl, daß er keiner Frömmigkeit widerstrebt hat, und hast du sie nicht gelesen, so ist es eine öde Schalkheit an dir, daß du schelten darfst was du nicht kennst und verstehst.“ - Am Schlusse fügt Bullinger noch die Warnung bei:

Lieber Tannast!

Hüt dich fast (wohl).

Hat Gott Zürich also gethon (gethan),

Wird er auch Deiner nit verschon,

Zürich ist der Ehren ein Kron',

Die Gott ewiglich nit wird verlon (verlaßen).

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Das Glück wird g'wißlich wieder kon (kommen),

Daß jedem wird sein verdienter Lohn.

Denn Uebermuth

Thut nit gut.

Entsprechend den beiden kürzern Liedern Salat's sind auch hier noch zwei dichterische Beigaben, einerseits Psalm 44, ganz passend auf Zürich's damalige Lage, anderseits ein inniges, kernhaftes Lied, das sich ungeachtet seiner sprachlichen Härten, die indeß bei andern Liedern jener Zeit nicht geringer sind, wohl dazu eignet hier mitgetheilt zu werden, da es so völlig Bullingers damalige Stimmung und Auffassung uns ausdrückt, namentlich seinen Schmerz, seinen Ernst zur Buße, aber auch seinen Trost, sein mannhaftes Vertrauen, seine christliche Hoffnung. Es ist betitelt:

Aller Liebhaber evangelischer Wahrheit ernstlich Anrufen zu Gott

(nach der Melodie: Wiewohl ich bin ein alter Greis).

1. O heil'ger Gott, erbarm dich doch,

Da dein Volk leidet Zwang und Poch (Pochen);

Verzeih uns unsre Schulden,

Daß wir dein Wort so g'ring hand (haben) g'acht,

Und nit hin g'legt die stolze Pracht,

Daß wir dir möchten hulden (huldigen).

2. Deß hast uns g'straft, auch hingenan (hingenommen)

Huldreich Zwinglin, den theuern Mann;

Doch hast ihn g'nan in deine Hut,

Mit ihm viel biedre Ehrenlüt (Ehrenleute),

Die all den Tod entsaßen nit (nicht scheuten)

Und d' Wahrheit b'zeugt mit ihrem Blut.

3. Damit hast du d' Straf lassen gohn (ergehen),

Dein Haus zum Ersten wollen schlahn (schlagen),

Nach deinen alten Sitten.

Drum wär' es jetzt um uns gethun (geschehen),

Wo wir nit finden Gnad und Sun (Sühne)

Mit dringenlichem Bitten.

4. Drum rufen wir: O starker Gott,

Stell ab die große Schand' und Spott,

Die dein Wort jetzt muß leiden!

Sonst muß dein' heil'ge G'rechtigkeit

Die öde Schmach und Ueppigkeit

Mit scharfem Schwert zerschneiden.

5. Herr, gib den Deinen G'duld und B'stand,

Erheb dein' heil'ge starke Hand,

Sei unser Gott in Treuen.

Dem Bösen weich (erweiche) sein steinern Herz,

Nimm von uns alle Rach' und Schmerz,

Thu unser Herz erneuen.

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6. Daß wir dich, wahren ein'gen Gott,

Jetzt und in aller unsrer Noth

Dich recht und wahr erkennen,

Und Jesum, deinen liebsten Sohn,

Den ein'gen ew'gen Gnadenthron,

Allein im Geist verehren.

Dieser „glimpflichen Verantwortung“ setzte Bullinger übrigens seinen Namen nicht bei und gab sie auch nicht in Druck [15].

28. Bullingers Zurechtweisung Fabers.

Es zeigten sich aber noch andere bedeutendere Gegner, die das erniedrigte Zürich durch ihre schriftlichen Angriffe gänzlich zu entwürdigen, die Freunde des Evangeliums im Auslande einzuschüchtern, den Muth seiner Gegner zu beleben trachteten. Diesen gegenüber mußte ebenfalls die Wahrheit geschirmt werden. Unter ihnen ragt besonders hervor der schlaue Faber, einst Zwingli's Studiengenosse, dann sein gewandtester Widersacher, der vom Generalvikar des Bischofs von Konstanz zur Würde eines geistlichen Rathes bei Ferdinand von Oesterreich empor gestiegen und neulich Bischof von Wien geworden. Gleich nach dem Kriege ließ er ein Schriftchen voll Gift und Galle ausgehen, „Trostbüchlein“ betitelt, worin er die Evangelischen der Lüge bezüchtigte, selbst aber die Verluste der Zürcher, die in der Schlacht bei Kappel 512, beim Treffen am Gubel um 800 Mann betrugen, um mehr als das Zehnfache vergrößerte, von dem wunderthätigen Marienbilde zu Einsiedeln fabelte, wie es zweimal sich verloren habe, um die Feinde zu schrecken, den Sieg als den augenfälligsten Beweis für die Wahrheit der päbstlichen Lehre bezeichnete, die Niederlage der Evangelischen aber unter mancherlei Verhöhnung besonders ihrer Verachtung des Gotteswortes, des Sakramentes, des Betens, Fastens, ihrem „Kirchenraube“, kurz ihrer „Ketzerei“ beimaß. - Bullinger schrieb dagegen seine „tröstliche Verantwortung an alle die evangelische Wahrheit lieb habenden Menschen.“ Mit weiser Mäßigung widerlegte er in gelassenem Tone Faber's fabelhafte und unwahre Berichte, sowie die gleichzeitig im Druck erschienene „Merkliche und wahrhafte Beschreibung von den Schweizern usw.“, ausgegangen von den Pfaffen in Mainz, woselbst beim Berichte von der Schlacht bei Kappel ein Freudengeläute erklungen war. Diese erzählten von vier Schlachten, von denen zwei ganz erdichtet waren, ließen in einer derselben fünftausend Zürcher umkommen, in der andern von den Bernern, die während des ganzen Krieges nie zum Gefechte kamen, siebenhundert

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erschlagen und fünfhundert in der Reuß ertränkt werden. Um so nöthiger war die Widerlegung solcher Entstellungen, da diese und ähnliche Schriften im Auslande Glauben und Beifall fanden, wie denn bekanntlich Luther sogar noch 1544 angab, fünftausend Mann seien mit Zwingli gefallen.

Weit wichtiger war Bullingern, wie er in seiner „tröstlichen Verantwortung“ selbst bezeugt, die Beschirmung der göttlichen Wahrheit und der ächten christlichen Kirche wider ungerechte Anfeindung. Schlagend zeigt er: Nicht wir verfälschen die Schrift, wie Faber uns Schuld gibt, sondern die mißbrauchen sie, welche sie zur Beschirmung päbstlicher Anmaßungen, der Kelchentziehung u. dgl. gebrauchen. Nicht wir mißachten die alten Kirchenväter, die selbst uns von sich hinweg zur Schrift weisen als zur ächten Richtschnur, sondern die, welche diesem ihrem Winke nicht folgen. Ein großes Geschrei erhebt Faber: Gott werde doch nicht während fünfzehnhundert Jahren seine Kirche verlassen haben. Ja fürwahr, viel fromme Christen gab es, schon ehe die päbstlichen Zusätze, um welche jetzt der Streit ist, dazu kamen; sie wurden gewiß selig, ja um so viel eher, je mehr sie bei dem uralten christlichen Glauben beharrten. Denn nicht unser evangelischer Glaube ist ein neuer Glaube, wie sehr auch die römische Kirche auf das hohe Alter ihrer Satzungen poche, vielmehr sind eben diese ihre Zuthaten Neuerungen, die erst im Laufe der Zeiten, vornehmlich durch Unkenntniß, Geltung erlangten; wir aber bleiben bei der uralten apostolischen Wahrheit. Nicht wir üben Gewaltthat gegen die, so unserm Glauben nicht anhangen, wie Faber unwahr redet; sondern ihr, die ihr schuldlose, fromme Menschen jämmerlich foltert, martert und umbringt, so sie der Wahrheit hold sind. Wir nicht; denn der Glaube ist eine freie Gabe Gottes, die von den Menschen weder gegeben, noch genommen wird, und sich gar nicht zwingen läßt; denn das Herz stehet in der Hand Gottes; darum mag der Glaube weder geboten, noch verboten werden. Wohl aber hat bei uns eine christliche Obrigkeit Verordnungen erlassen gemäß dem Worte Gottes wider alle öffentlichen Laster. Dies aber ist allen Feinden des Evangeliums eine besondere Beschwerde; dies möchten sie wieder zu nichte machen.

Betreffend das Sakrament des heiligen Abendmals halten wir uns dabei allein an Gottes Ordnung und Wahrheit. Uns ist es nicht ein Bäckerbrot (wie Faber redet) oder sonst gemeines Brot; wir nennen vielmehr das Brot der Danksagung den Leib Christi, desgleichen den Wein sein Blut und anerkennen freilich ein Mysterium (etwas Geheimnißvolles); es ist uns ein ehrwürdiges, heiliges, sakramentliches Brot, darinnen Christus zugegen ist, nämlich sakramentlich, geistlich, in Anschauung des Glaubens sintemal er sonst leiblich sitzt zur rechten Hand Gottes. Gleichwie aber die Sonne am Himmel steht und doch mit ihrem Glanze zu uns herab reicht, also sitzt auch Christus zu der Rechten

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Gottes und wirket doch in aller Gläubigen Herzen. Nicht wir also verachten das Sakrament, sondern die, welche dem Herrn Jesu seine Ordnung ändern und brechen, sich mehr auf Menschen, als auf Gottes Einsetzung gründen und ein schmähliches Gewerbe zu ihrer Bereicherung daraus gemacht haben.

Eben so falsch ist Fabers Vorwurf, als ob wir uns des Kirchenraubes schuldig gemacht. Versteht er da unter Kirche die Gemeinde der gläubigen lebendigen Menschen? oder meint er die stummen und todten Bildsäulen? Gott will nicht, daß wir Stein oder Holz kleiden, und zieren sollen; sondern daß wir das Kirchengut zum Besten der Gemeinde gebrauchen. Daher hat ein ehrsamer Rath schon 1523 erkannt, daß es zur Unterhaltung der nothwendigen Kirchendienste, der Studien und Armen treulich solle verwandt werden, und diese Verordnung kürzlich aufs neue bekräftigt.

Was aber Fabers Behauptung betrifft, unsere Sieglosigkeit habe unsern Glauben thatsächlich der Falschheit überführt, so kann nichts Fälscheres erdacht werden. Denn es läßt sich klar zeigen, daß der augenfällige Sieg einen wohlbegründeten Glauben weder falsch noch gerecht mache. Wenn schon die Jsraeliten lange Jahre von den Aegyptern überwältigt waren, oft von heidnischen Völkern geschlagen und unterdrückt wurden, so hatten ja doch sie, die Ueberwundenen, den wahren Gott und den rechten Glauben, die Sieger aber einen falschen. Eben so wurden ja von den römischen Kaisern in den ersten drei Jahrhunderten der Christenheit so viele fromme Christen unterdrückt und getödtet, ohne daß darum der Glaube der Letztern falsch war; auch mußten den heidnischen Hunnen, Gothen, Vandalen usw. die Christenvölker unterliegen. Und seit 620 sind nun die Bekenner Mohammed's siegreich immer weiter vorgedrungen und überwältigen jetzt wieder aufs neue die Christenvölker. Jst darum der türkische Glaube recht und der christliche falsch? Vielmehr ist Fabers Vorgeben, daß unser Glaube, weil wir nicht siegten, nicht der rechte sei, ganz verfehlt, nur auf Sand gebaut. Ja, es gibt eine einige ewige Wahrheit, die Christus selbst ist. Dieselbe Wahrheit wird unzweifelhaft siegen; das ist auch unser Trost und unsere Hoffnung. Denn Himmel und Erde vergeht, aber Gottes Wort bleibet in Ewigkeit. Da nun unser Glaube sich in Wahrheit darauf gründet, so wird ihn keine Niederlage noch irgend ein anderer Unfall falsch machen oder entwegen, sondern er wird in Ewigkeit - wiewohl unterm Kreuze - siegen und bestehen. Der Sieg der Wahrheit steht aber allein in Gottes Kraft und Willen und ist nicht an Zeit und Ort gebunden. Nicht also sieget die Wahrheit, daß sie nicht gedrängt würde, sondern in der Drangsal findet sie ihre Bewährung. Da ist uns aber Glaube, Geduld, Langmuth und tapfere Beständigkeit nöthig. Der Sieg folgt auch zu seiner Zeit.

Sonach ist also genugsam erwiesen, daß unsere Lehre nicht neu, sektisch oder ketzerisch sei; nicht um unserer Lehre und unseres Glaubens

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willen ist der Sieg hier in der Eidgenossenschaft verloren worden; denn unser Glaube an sich selbst ist recht und gut; daran liegt der Mangel nicht. Wir hingegen sind arme, ungehorsame, sündige Menschen, daß wir deswegen nicht weiter fragen dürfen, warum uns Gott heimgesucht habe; es ist genug Schuld und Ursache bei uns. Wäre auch gleich keine hauptsächliche Schuld auf unserer Seite, so hat eben doch der gütige Gott und Vater lange Zeit unser Zürich als eine besondere Zierde und einen Spiegel seiner Gnade und Ehre hingestellt; da wir nun dafür nicht erkenntlich gewesen, sondern dies mißbraucht haben, so ist's kein Wunder, daß wir jetzt in Kummer, Jammer und Schmach trauern. Nichts desto weniger lasset euch, geliebte Brüder in Deutschland, unsere Sieglosigkeit nicht zum Aergerniß werden, noch euch unsers Unfalls wegen von der erkannten Wahrheit abtreiben; sondern beharret in Gottes Wort und gedenket, daß wir durch viel Trübsal müssen ins Reich Gottes eingehen. Wir wollen unsern Unfall für eine väterliche Heimsuchung erkennen und weiter in Hoffnung seiner Gnade leben. Rufet für uns zu Gott, daß wir bis an unser Ende - wie wir denn mit Gottes Gnade dazu entschlossen sind - in der bekannten Wahrheit beharren. -

Dies ist die muthvolle und demüthige Sprache der Besiegten aus Bullingers Munde. So fand er sich unter dem Lichte der Wahrheit in aufrichtiger Selbsterkenntniß und festem Glauben an die dennoch unerschütterliche göttliche Wahrheit alsbald zurecht in Bezug auf das Unbegreifliche, was Gott zugelassen hatte, und war im Stande auch Andere zu stärken, denen im Rathe Gottes vorbehalten war, erst nach anderthalb Jahren Aehnliches erfahren zu müssen.

29. Das Unheil des Friedens.

Doch nicht nur die erlittene Niederlage war etwas Unbegreifliches, worüber die Feinde triumphiren, woran die Freunde des Evangeliums Anstoß nehmen konnten, sondern noch viel unbegreiflicher war der unendlich nachtheilige Friede, der gar nicht der Gesammtlage der Dinge, wie sie nach den Niederlagen stand, entsprach, den man vielmehr wider alle alte Gewohnheit nur eben im Augenblicke des Schreckens und der Bestürzung mit aller Hast abgeschlossen hatte. Eben diese Hast war es, worauf die Ungetreuen im eigenen Lager so sehr gedrungen hatten, und dadurch war ihnen so Unglaubliches gelungen. Durch diesen eilfertigen Friedensschluß hatte ja Zürich den päbstlichen Glauben als den alten, ächten und ungezweifelten anerkannt, so viele treue Anhänger des Evangeliums Preis gegeben und sich zu so schweren Entschädigungen verpflichtet. Jetzt erst erkannte man das ganze Unheil dieses Friedens, da nun die Gegner ihn allmälig nach allen Seiten hin ausbeuteten und man anfing all die Folgerungen zu überschauen, die sich mit mehr oder

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weniger Berechtigung daraus ziehen ließen. Da mußte man nun zum Schaden und Spott der Feinde noch die schlimmsten Vorwürfe von befreundeter Seite hören, wie z.B.: „Jhr seid ja an Gott und am Glauben, an eueren Bünden und an euern eigenen Leuten zu Verräthern geworden!“ Bullinger nahm willig und gelassen selbst solche schwere Anklagen hin, die ihn persönlich freilich nicht trafen; wurde aber nicht müde, den Freunden in der Ferne de nnöthigen Aufschluß zu geben, um ihr geschwächtes Zutrauen wieder aufzufrischen zu der zwar gedemüthigten, aber dennoch aufrichtigen und standhaften Gemeinde des Gläubigen in seiner Umgebung. So schrieb er zu Anfang des Jahres 1532 an Butzer nach Straßburg, das zu jener Zeit in so nahen Verbindungen mit Zürich stand: „Allerdings sind wir leider Verräther geworden, doch durch fremde Schuld, wiewohl auch auf uns die Schuld liegt, daß wir niht lieber uns die Köpfe abschlagen ließen, als in ein solches Verbrechen einzuwilligen Jndeß wurden die Friedensartikel anfangs von den Befehlshabern und Standeshäuptern, unsern und den gegnerischen so entworfen, daß sie eidlich sich zum Stillschweigen verpflichteten und alsbald die Besiegelung erfolgte, ohne daß das Kriegsheer (welches beim Panner versammelt das Recht der entscheidenden Bürgerversammlung auszuüben hatte) jemals eigentlich erfuhr, wie der Friede laute. Der Grund davon war, daß unsre Anführer und Machthaber, die darin handelten, sämmtlich außer zweien oder dreien dem Reformationswerke feindlich oder Leute von zweideutiger Gesinnung waren. Darum betrieben sie Alles geheim und gottlos; den Uebrigen aber, denen Gottes Sache wirklich am Herzen lag und die etwas von ihren Tücken merkten, war all ihr Einfluß entzogen. Denn immer, wenn sie etwas herzhaft vorbrachten, bekamen sie zu hören: Jst noch nicht genug Bürger- und Christenblut vergossen worden? Sollten wir, da Alles wider uns ist, zu unserem eigenen größten Schaden den Krieg fortführen, ohne Aussicht auf Sieg, und unterdessen unsere Häuser und Felder verwüsten lassen usw. Das Volk aber stand da bestürzt und verwirrt, beraubt seiner erfahrenen frommen und redlich gesinnten Führer, des Krieges völlig überdrüssig und nach Frieden, gleichviel welchem, begierig. So konnten durch kluge Benutzung dieser Stimmung die Ränkemacher ohne viel Schwierigkeit ihre Anschläge vollführen. Daraus ist uns dieser herrliche Friede erwachsen, durch den wir an Gott und Menschen zu Verräthern geworden sind, was jetzt erst der größte Theil des Volkes zu spüren und vergebens zu beklagen anfängt. Doch ist auch das schon etwas werth, ein begangenes Verbrechen einzugestehen und zu verwünschen. Betet doch zu Gott für uns, daß er sich unser erbarmen möge.“

So konnte Bullinger das Geschehene wohl erklären, den unseligen Friedensschluß den entfernten Freunden einiger Maßen begreiflich machen, ihr wankendes Zutrauen wieder zu gewinnen suchen, aber die Sache selbst ließ sich nicht ungeschehen machen. Vielmehr mußten die Zürcher und

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Bullinger mit ihnen die ganze Fülle von Erniedrigungen kosten, die man durch das Friedensinstrument verschuldet hatte. Nicht nur Zürich's Macht und Ansehen als eidgenössisches Bundesglied hatte dadurch einen derben Stoß erlitten, und nicht bloß auf die gemeinen Herrschaften, von denen bereits gesprochen worden, erstreckten sich in Hinsicht des Glaubens die verheerenden Folgen, nicht nur wurden da die Saaten des aufblühenden Evangeliums niedergetreten; vielmehr zogen sich die Gewitterwolken über Zürich selbst immer düsterer zusammen. Auch für Zürich ließ sich beinahe das Schlimmste besorgen.

Gewaltig hoch erhob die dem Reformationswerke abgeneigte Partei ihr Haupt. Von den Hauptstützen der Reform waren nämlich, wie oben bemerkt, sieben Mitglieder des kleinen und viele des großen Rathes im Kriege gefallen, einige andere wurden hernach ausgestoßen, als solche, die zu laut nach Krieg geschrien hätten. An ihre Stelle traten nun Männer von gegnerischer oder etwas zweifelhafter Gesinnung, Der Konstaffel, dem Sitze des Adels, wurden ihre verlorenen Rechte wieder eingeräumt, und andere derartige Veränderungen zugelassen; angesehen Katholiken, sowie die zuchtlosen Mönche von Rüti, ergrimmte Gegner der kirchlichen Erneuerung, fanden bei ihren Besuchen auf diesem Gesellschaftshause die freundlichste Aufnahme; seinen Sohn ließ ihr Stubenwirth ins neu eröffnete Kloster Wettingen aufnehmen; ungescheut sprach man dort Wünsche aus nach Herstellung der früheren Zustände. Die fremden Pensionen, die man einst genossen, die fröhlichen, ruhmreichen Kriegszüge, deren man gerne gedachte, das ganze bequeme üppige Leben, an das man sich so sehr gewöhnt hatte, waren für gar Viele nicht nur vom Adel, sondern auch in der Bürgerschaft die Fleischtöpfe Aegyptens, nach denen sie sich zurück sehnten. Wie Manche fühlten sich hinwieder beengt durch die ernsten Satzungen, die gemäß dem lauteren Worte Gottes gegenüber jeder Unsittlichkeit erlassen worden, und gekränkt durch die Strafen, die sie wegen Spielens, Trinkens und allerlei anderer Uebertretungen erlitten hatten. Bereits erlaubte man sich wieder Manches aufs neue; die kaum begründete evangelische Zucht und Sitte schien wieder zu wanken. Zudem kam der Wunsch nach aufrichtiger Befreundung mit den benachbarten Eidgenossen, die nun einmal den getroffenen Umgestaltungen entschieden abhold waren. An steten Ermunterungen von dorther, ja auch von Seiten Auswärtiger, bald mehr verhüllten, bald offenkundigen fehlte es dieser weitverzweigten Partei keineswegs. Selst am päbstlichen Hofe hatte man wieder Hoffnung geschöpft, daß mit Zürich etwas anzufangen sei. Daher bat sich der früher in Zürich einflußreiche päbstliche Legat Ennio Philonardo, Bischof von Veroli, in einem schmeichelhaften Schreiben die Erlaubniß aus, wieder in Zürich seinen Aufenthalt nehmen zu dürfen mit dem Anerbieten, die Sölde auszubezahlen, die von dem 1521 durch die Zürcher zum Schutze des Kirchenstaates unternommenen Zuge noch ausstanden. Wirklich ging die Regierung insoweit auf dies lockende Anerbieten ein,

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daß sie den Seckelmeister Berger, den Führer bei jenem Zuge, nach Luzern sandte, um dort mit dem Legaten zu unterhandeln. Auf Ostern ging sogar ein Mitglied des großen Rathes, Peter Füßli, der bei Kappel Zürich's schweres Geschütz befehligt hatte, im Stillen aber dem alten Glauben anhing, bestehenden Verordnungen zuwider nach Einsiedeln und empfing das Sakrament ganz nach päbstlicher Weise, ungeachtet des großen Anstoßes, den er dadurch seinen Mitbürgern gab. Jmmer lauter und dreister wurde die Behauptung der päbstlich Gesinnten in und außer Zürich, nächstens werde Zürich die Messe wieder zulassen, was den Schein von Billigkeit haben konnte, damals aber unvermeidlich zur Spaltung des Zürcherischen Gemeinwesens oder vielmehr zur völligen Zerrüttung geführt hätte. Bald hieß es, dies sei schon bewilligt, das Versprechen sei den Papisten bereits gegeben; in einem Keller sei in Zürich insgeheim Messe gelesen worden. Ja durch die ganze Eidgenossenschaft verbreitete sich das Gerücht, Zürich wolle vom evangelischen Glauben wieder abfallen. Von Basel schrieb Myconius, von Bern Bertold Haller, und namentlich der feurige Megander, ein geborner Zürcher, an Bullinger und an Leo Judä Briefe voll Wehklagen und Bedauern und zugleich voll Tadel und Unwillen gegen die Schwäche und strafbare Gleichgültigkeit der Regierung, die das Alles zulasse, ohne ein Wort zu sagen und ohne gegen die Feinde im Jnnern, die Papisten in ihrer eigenen Mitte ihrer Pflicht gemäß mit Ernst einzuschreiten. Die bernische Regierung richtete am 22. März 1532 von Staates wegen die Anfrage an die Zürcherische, ob in Zürich die Messe zugelassen worden. Megander schrieb geradezu auch an den zürcherischen Rath: „es wäre doch eine große Schmach, wenn die abgöttische Messe wieder zugelassen würde; alle Laster des Pabstthums, auch Pensionen usw., möchten die wieder zurück führen, die die Messe begehren.“

Man fühlte, daß ein entscheidender Schritt geschehen müsse zur Behauptung des Evangeliums, wofern es nicht doch noch den Umtrieben der Gegner erliegen solle. Niemand empfand dies tiefer, als gerade die Zeugen der evangelischen Wahrheit, Bullinger und Leo Judä. Darüber aber, was für ein Schritt jetzt zu thun sei, gingen sie anfangs ein wenig aus einander. Dies führte unter ihnen eine Verhandlung herbei, die zu interessant ist, als daß sie gänzlich übergangen werden dürfte, die auch über Manches in Bullinger's fernerem Verhalten Licht gibt. Wir suchen sie daher hier wenigstens in den Umrissen zu zeichnen.

 

30. Die Kirchenzucht im christlichen Staate.

Leo Judä hielt für den richtigen Schritt, der nunmehr nothwendig geschehen müsse, die Aufstellung einer neuen Behörde, einer von der Gemeinde gewählten, mithin rein kirchlichen Sittenbehörde, die das sittliche und kirchliche Verhalten der Einzelnen genau zu überwachen, auf pünktlicher

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Beobachtung der von der Obrigkeit früher schon (1528 und 1531) erlassenen Gesetze betreffend Besuch des evangelischen Gottesdienstes und Verbot der Schmähungen wider das Wort Gottes, des Messehaltens und Besuchs der Messe und anderer dem Evangelium zuwider laufenden Gebräuche, sowie betreffend offenkundige Unsittlichkeit zu halten und Macht habe, die Betreffenden vor sich zu bescheiden, sie zu ermahnen, stufenweise nach Maßgabe des göttlichen Wortes, und die hartnäckig Fehlbaren von der Kirchengemeinschaft, auch vom Abendmale auszuschließen.

Schon zu Zwingli's Zeit hatten die Geistlichen der evangelischen Kantone hierüber unter sich öfter verhandelt: die Wiedertäufer namentlich gaben dazu Veranlassung, da sie an der Kirche insbesondere auch das tadelten, daß keine Kirchenzucht sei; von Oekolampad war Aehnliches verlangt, von Zwingli aber gemäß seiner Idee vom christlichen Staate damit abgelehnt worden, daß es der christlichen, vom Worte Gottes geleiteten Obrigkeit zustehe und ihre Pflicht sei, die nöthigen Verordnungen, betreffend christliche Zucht und Ordnung zu erlassen und zu handhaben, auch die Uebertreter gebührend zu strafen, und daß die Aufstellung und das Eingreifen einer besondern kirchlichen Behörde nur zu Conflicten führen und daher dem Gemeinwohl eher hinderlich als förderlich sein würde. Jn ähnlicher Weise hatte sich Bullinger schon im Sommer 1531 auf Bertold Haller's Anfrage brieflich ausgesprochen.

Leo glaubte nun, die jetzige Zerrüttung sei der beste Beweis dafür, daß das bisherige Verfahren nicht das rechte gewesen sei, mit großem Schaden habe man diesen Fehler entgelten müssen. Er wollte mit ganzer Entschiedenheit (wie sechs Jahre später Calvin in dem verdorbenen Genf) und doch in rein evangelischem Sinne durchgreifen zur inneren Sichtung und Aufraffung des verworrenen und gesunkenen Zürich. Es drängte ihn im März 1532, als nun das Osterfest nahte, an welchem er das heilige Abendmal austheilen sollte, seine Gedanken darüber Bullingern schriftlich mitzutheilen. Er geht davon aus, Staat und Kirche seien doch ganz verschiedene Dinge und fallen nie zusammen, wiewohl beide von Gott sind. Die Ausschließung der falschen Christen oder Unchristen von der Kirchengemeinschaft kommt aber der Kirche zu, nicht der Staatsgewalt. Da sitzen ja z.B. gerade jetzt in Zürich zügellose Feinde des Gotteswortes im Rathe, offenkundig papistisch Gesinnte, die sagen, sie glauben nicht ans Evangelium, und unsere Lehre eine Teufelslehre nennen. Solche sollten gar nicht zu stimmen haben in unseren kirchlichen Angelegenheiten, sondern eben sie sollten nach zwei- bis dreimaliger Warnung von der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen werden, bis sie Besserung versprechen. Man müßte sie darum nicht aus der Stadt verweisen oder vom Rath und von der Zunft ausschließen; denn es kann ja jemand Bürger sein oder auch Rathsherr, der nicht in der Kirche Christi ist. Zudem ist die Ausschließung von der Kirchgemeinschaft (Excommunication) ein zu mildes

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Zuchtmittel, als daß es dem Staate geziemen würde, der das Schwert führt; auch sind die Vergehen, um die es sich da handelt, nicht so groß, daß einer sollte in Gefahr der Todesstrafe kommen. Du sagst wohl: die Rathsherren haben größere Autorität, als eine bloße Kirchenehörde. Ja; aber auch größere Laster. Ferner meinst du, wenn ein Rathsglied nichts tauge, so könne man ihn ja absetzen und einen Bessern an seine Stelle wählen. Allein täglich sehen wir, daß vielmehr die Schlechteren die Besseren absetzen. Bei Kirchenältesten wäre das anders; wohl könnten auch fromme Rathsherrn, wofern sie bewährte christliche Männer sind, Kirchenälteste werden, aber sie hätten dann nur als solche, nicht als Staatsbehörde, die Kirchenzucht zu handhaben. darüber, ob die Excommunication durchaus mit der Ausschließung vom Abendmal soll in Verbindung stehen, will ich nicht streiten; aber wer noch nicht oder nicht mehr zur Kirche gehört, kann auch nicht zum Abendmale kommen. Die Ausgeschlossenen müßte man übrigens durch Freundlichkeit, Ernst, Beispiel, Belehrung und Ermahnung wieder zu gewinnen suchen. An den Früchten aber als bestimmten Kennzeichen muß der reuig Gewordene sich der Kirche, als ein solcher, zu erkennen geben. Jch will indeß nicht ein Mönchsthum oder ein Pharisäerthum aus der Kirche machen, wie die Wiedertäufer, die mir durchaus zuwider sind; aber ich will nicht Ungeziefer in der Kirche dulden. Sieh, meine Meinung entspricht genau der Schrift und der ursprünglichen kirchlichen Ordnung. Jch kann und mag nicht wider mein Gewissen reden oder schweigen. Spricht jemand, das heiße die Kirche verwirren und spalten, so sage ich: der thut das, der nicht der erkannten Wahrheit folgt. Erwäge nun Alles! Was auch deine endliche Ansicht sei, ich werde nichts gegen dich unternehmen. Kann ich nicht mehr mit gutem Gewissen der Kirche dienen, so werde ich sonst meinen Unterhalt ehrlich zu erwerben suchen. Mein Glaube wird nicht trügen, müßte ich auch unter den Türken wohnen. Aber den Gottlosen und Unwürdigen das Abendmal zu reichen, fällt mir gar schwer. Gott erbarme sich unser. Lies beiliegendes Schriftchen der mährischen Brüder; das wird dir Licht geben.

Bullinger anerkannte ganz Leo's heiligen Ernst; er war völlig damit einverstanden, daß Alles darauf ankomme, das Evangelium in seinem ungeschmälerten Bestande zu behaupten, die obrigkeitlichen Verordnungen aufrecht zu erhalten, eine ernste christliche Zucht zu handhaben gegenüber Hohen und Niederen, alles dem Evangelium zuwider Laufende nicht zu dulden, sondern zu rügen und zu strafen. Aber er ging bei seiner ganzen Auffassung mehr auf die gegebenen Verhältnisse ein. Er erkannte auch die ungemeine Schwierigkeit einer allgemeinen und bleibenden Lösung der vorliegenden Frage, und begnügte sich daher mit einer einstweiligen, indem er die bisherige Praxis als eine dem Evangelium ebenfalls entsprechende vertheidigte und dagegen das Gewagte eines Versuches nach Leo's Vorschlage hervorhob. Dabei stützte er sich vornämlich darauf, er könne doch nicht unbedingt zugeben, daß Staat

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und Kirche so ganz verschiedene Dinge seien. Jm christlichen Staate einigen sie sich; die Gesammtheit christlicher Bürger bildet da sowohl den Staat als die Kirche. Ferner ist ein Staatsmann ja auch ein Diener Gottes; daher kann ein Christ auch Staatsmann sein, ja niemand besser als der Christ. Welche Regierung wird eher nach Paulus Gottes Dienerin sein, als eben die christliche! Der Schrift zufolge soll man gottesfürchtige Männer zu Rathsherrn wählen; solchen kann man dann wohl auch die kirchliche Zucht (Excommunication) anvertrauen, die ja nicht eine innerliche, sondern eine äußerliche Züchtigung ist wegen gegebenen Aergernisses zur Wahrung der öffentlichen Sittlichkeit. Jch behaupte nicht, daß sie durchaus und überall der Obrigkeit übertragen werden müsse. Jch bin, wie du wohl weißt, ganz deiner Meinung, daß dieses Recht ursprünglich der Kirche zustehe, sowie du hinwiderum - im Gegensatze zu den Wiedertäufern, welche den ganzen Haufen, den sie Kirche nennen, darin wollen handeln lassen - damit einverstanden bist, daß die Kirche nicht als Gesammtheit diese Gewalt ausüben könne, sondern sie an irgend jemand übertragen müsse, sei es nun einer Anzahl von besonders dazu erwählten Männern (Aeltesten) oder der Obrigkeit. Bei uns nun ist, wie Zwingli an einer Stelle ausdrücklich sagt, unter seiner und deiner und der ganzen Kirche Zustimmung dies Geschäft dem Rathe der Zweihundert übertragen worden. Freilich sagst du, es seien Gottlose darunter, aber dies war ja auch damals der Fall, ja noch mehr als jetzt; hinwieder würde man auch bei besonderer Wahl nicht bloß Würdige finden, sondern eben auch nur unvollkommene Menschen, wie Zwingli den Wiedertäufern gegenüber treffend bemerkte. Dennoch könnte ich mich ganz wohl dazu verstehen, besonders erwählten Männern diese Sache zu übertragen, wofern dadurch in unserer Stadt Gottes Ehre besser befördert und den Gottlosen mehr Widerstand könnte gethan werden. Was könnten wir aber in diesen stürmischen Zeiten damit ausrichten? wer würde sich vor Solchen scheuen? Würden sie einen der Mächtigen excommuniciren, so würde er sich widersetzen und wir hätten einen Riß in der Kirche. Während wir jetzt völlige Freiheit der Predigt haben, so brächte man's dahin, daß uns auch dies entzogen würde. Jetzt hingegen ist bei uns, als in einem christlichen Staate, durch die bürgerlichen Gesetze den Lastern wenigstens ein Damm entgegen gestellt. Mögen auch bisweilen die Bessern von den Schlechten überstimmt werden, so stehen doch auch diese unter den Gesetzen, machen sich, falls sie dagegen sich verfehlen, einer Gesetzesverletzung schuldig und können als solche dafür belangt, oder auch öffentlich von den Kanzeln durch die Prediger als solche bezeichnet werden. Besser ist's also, wir predigen kräftig, rügen als Propheten mit durchdringendem Ernste die Laster und drängen dadurch wirklich den Rath dazu, daß er seiner Pflicht eingedenk werde. Was das heilige Abendmal betrifft, so wollen wir vorher die Gemeindeglieder eindringlich mahnen zur Selbstbewährung (alle zwölf Apostel waren ja auch unwürdig, wie sich gleich

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nachher zeigte). Jch liebe und ehre dich; als Bruder und Mitarbeiter möchte ich nicht, daß wir in unzeitigem Eifer darüber stritten. Wir werden auch die Welt nicht anders können machen, denn wie sie von Anfang gewesen ist. Die Meinung der mährischen Brüder mißfällt mir nicht; aber könnten wir durch Einführung ihrer Einrichtung in der zürcherischen Kirche die Ehre Gottes mehr befördern und den Lastern besser widerstehen, als bei unserm bisherigen Verfahren? Alles muß ja von uns geschehen zur Erbauung nicht zur Verwirrung der Kirche, damit man nicht etwa einen Teller aufhebe und dabei drei Schüsseln umwerfe.

Leo antwortete hierauf noch einmal schriftlich, beharrte namentlich dabei, daß die Natur und Aufgabe des Staates doch wesentlich verschieden sei und bleiben müsse von der der Kirche, wandte ferner ein, für jene Uebertragung der kirchlichen Gewalt an die Obrigkeit dürfe man sich weder auf Zwingli berufen, noch auf ihn selbst, noch sonst auf irgend jemanden; denn dies hätte eben nicht geschehen sollen stillschweigend ohne Zustimmung der ganzen Kirche. Denn nicht auf die Autorität irgend eines Menschen, sondern auf die Schrift haben wir uns zu stützen. Daß die Kirche etwas sei, das man sich nur vorstellen könne (wie Plato's Republik), aber nicht sehen, glaube ich nicht. Jch glaube, die Apostel hatten eine wahre Kirche. Jch verlange keine Kirche, in der keine Sünder seien, aber lauter reuige, eine solche, in der kein offenbarer Feind Christi geduldet werde. Absolute Vollkommenheit fordert niemand, aber stets Streben nach dem Vollkommenen. Daher sollte man - fügt er, eine sprüchwörtliche Aeußerung, die Bullingern beiläufig entschlüpft war, nach Gebühr züchtigend, bei - nicht so verderbliche Reden führen: „Wir werden die Welt nicht anders machen, denn wie sie von Anfang gewesen ist.“ Warum denn predigen wir? Gott hat uns aus der Finsterniß zum Lichte berufen; das Christenthum ist eine Erneuerung der Welt, der Christ eine neue Kreatur. Ja, gerade daran haben wir aufs eifrigste zu arbeiten, daß die Welt anders werde. O, laß uns doch trachten, daß die Kirche immer Christi würdiger und vollkommener werde.

Eine schriftliche Antwort Bullingers auf dies zweite Schreiben Leos liegt nicht vor; die Sache fand mündlich ihre friedliche Erledigung und zwar ganz in Bullingers Sinne. Es muß dahin gekommen sein, daß Leo Judä, welcher nicht der Mann war, der wider sein Gewissen geschwiegen hätte, sich von der Unzweckmäßigkeit oder Unausführbarkeit seines Vorschlages und von der praktischen Vorzüglichkeit von Bullingers Auffassung überzeugte und auf seine Weise, das Evangelium zur Geltung zu bringen, einging.

Vielleicht scheint es, wir hätten uns bei diesen Briefen schon fast zu lange aufgehalten. Doch sind noch zwei Gründe zu bemerken, weßhalb sie von besonderem Werthe sind. Einerseits spiegelt sich uns darin der Charakter der beiden verbrüderten Männer merkwürdig klar ab, das edle krystallhelle Herz des feurigen Leo, seine heilige Begeisterung, seine innige und völlige

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Hingebung für die Sache des Herrn, wornach er bereit ist lieber sein Amt aufzugeben, als in der wirrevollen Zeit sich ein gewisses Stillschweigen aufzulegen, und von Seiten Bullingers ungeachtet aller Offenheit und Entschiedenheit die männliche Ruhe, die Gelassenheit und zarte, gewinnende Freundlichkeit, mit der er dem zwei und zwanzig Jahre ältern Mitbruder begegnet, so daß er die Differenz, wiewohl Leo sie anfangs so sehr als Gewissenssache auffaßte, gar nicht zur Streitsache erwachsen läßt. Seine Weisheit war es, daß er mit angemessener Selbstbeschränkung nicht eine unbedingte Lösung zu geben erstrebte, aber desto schärfer die gegebenen Verhältnisse und das wirkliche Bedürfniß ins Auge faßte. Nicht um eine allgemeine Theorie ist es ihm zu thun, sondern um eine heilsame Praxis. Daß es ihm indeß nicht weniger aufrichtig heiliger Ernst war als seinem Mitbruder, wird sich uns in der Folge zeigen, sowohl aus seinem eigenen Thun, als auch weiterhin aus seinen Schritten für Calvin und Farel in Genf, und für Letzteren in Neuenburg. Hier haben wir aber - und das ist der zweite Grund, weshalb diese vertraulichen Wechselschreiben für uns von bleibendem Werthe sind - den Schlüssel zu Bullingers fernerem Verhalten gegenüber dem Staate und damit zu dem ganzen Verhältniß zwischen Kirche und Staat, wie es sich in Zürich während Bullingers langer Amtsführung zur steten Förderung leider ausbildete. Einerseits tritt er völlig in Zwingli's Fußtapfen, indem er davon ausgeht, daß sie als Kirche die Gesammtheit des bürgerlichen Gemeinwesens, den Staat als einen christlichen zu umfassen, Staat und Kirche wesentlich denselben Zweck zu erstreben, nämlich den Willen Gottes, wie er in der Schrift niedergelegt ist, zu erfüllen habe. Darin aber unterscheidet sich Bullingers Verhalten von dem Zwingli's, daß er dessen starkes Eingreifen in die bürgerlichen Angelegenheiten gänzlich vermeidet, und sich wohl hütet, sich jemals unmittelbar damit zu befassen. Hingegen während er die Besorgung der äußern Kirchenangelegenheiten den christlichen Staatsbehörden gerne überläßt, wahrt er fest der Kirche ihr eigenthümliches Gebiet rücksichtlich der innern kirchlichen Dinge; darein soll der Staat nie unmittelbar eingreifen. Das Wort Gottes frei predigen zu dürfen ist und bleibt ihm die Hauptsache; dies sichert ihm die Selbständigkeit der Kirche gegenüber dem Staate und den Staatsmännern; darunter begreift er aber auch Alles, was zur Betheiligung der Kirche an der Heranbildung und Anstellung der Diener des Wortes gehört; dazu rechnet er auch, daß nichts im Staate vorgehe, ohne daß Gottes Wort zuvor gehört werde, sei es nun, daß die Behörden des Staates sich an die Diener der Kirche wenden und sich bei ihnen darüber Raths erholen, oder diese von sich aus, als Ausleger des göttlichen Wortes, ihr auf die Schrift gegründetes Gutachten abgeben. Wie sich dies im Einzelnen gestaltete, werden wir allmälig im weiteren Verlaufe sehen.

Für jetzt aber ging aus der gegenwärtigen stillen Verhandlung der

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erneute Entschluß der Prediger hervor, mit apostolischem Ernste das Jhrige zu thun, muthig zu handhaben das Gotteswort, mit diesem Schwerte einzuschneiden ins faule Fleisch und dem Evangelium kräftig aufzuhelfen. Und dazu bot sich eine hervorstechende Gelegenheit sofort nach Ostern dar [16].

31. Das Mandat vom Mai 1532.

Peter Füßli's oben erwähnte Wallfahrt nach Einsiedeln, die dumpfen Gerüchte, Zürich werde in Kurzem wieder zum römischen Glauben zurück kehren und suche nur noch Steg und Weg, wie dies kommlich geschehen möge, die Wetten, die in den katholischen Kantonen überall darauf eingegangen wurden, Alles das bewirkte eine bedeutende Aufregung zu Stadt und Land. Die Prediger erhoben gewaltig ihre Stimme gegen den Rückfall in die frühern Laster wie gegen vorhandenen oder beabsichtigten Rückfall ins Pabstthum. Jm Rathe kam es zu einer heftigen Verhandlung; die einen behaupteten, man dürfte Peter Füßli nicht ungestraft lassen, da schon 1528 die Rathsglieder über ihr Bekenntniß zur evangelischen Lehre befragt, die gegnerischen beseitigt, und überhaupt jedem, der im Lande bleiben wollte, bei einer Mark Silbers der Besuch der Messe verboten worden war; Andere widersprachen. Es kam zur Entscheidung; Peter Füßli blieb straflos; doch wurde vor Rath „tugendlich mit ihm geredet. Er ward erweichet und gab eine ehrbare, bescheidene Antwort. Darauf ermahnte man ihn, hinfort fleißig die Predigten, vorzüglich die Bullingers, zu hören.“ Weit wichtiger aber war, daß zugleich der Beschluß zu Stande kam, ein Mandat, eine öffentliche gesetzliche Kundmachung, zu erlassen, welche die Gesinnung des großen Rathes, fest bei der erkannten Wahrheit zu beharren, unumwunden vor aller Welt ausspreche, und alle früheren reformatorischen Edikte und Sittenmandate bekräftige. Vorläufig schrieb man allen Landvögten, sie sollten dafür sorgen, daß das falsche

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Gerücht, als ob man die Messe wieder einführen wolle, sich lege. Bullinger erhielt den Auftrag, den Entwurf zu dem Mandate zu verfassen, der indeß noch Veränderungen unterlag. Seiner entscheidenden Wichtigkeit sowie der nächsten Folgen halben theilen wir den wesentlichen Jnhalt des Mandates mit.

„Wiewohl wir vorlängst, beginnt dasselbe, aus Grund bewährter heiliger Schrift und aus ganz christlichem Eifer den Mißbrauch der päbstlichen Messe, wie diese bisher bei der römischen Kirche, zu nicht geringer Schmälerung und Verkleinerung des bitteren Leidens und Sterbens Jesu Christi, der allein das Opfer für die Sünde und unser Seligmacher ist, abgethan und anstatt derselben den begründeten wahren Brauch des Nachtmals nach der Weise und Form, wie Christus der Herr und seine geliebten Jünger, auch die christlichen Gemeinden, im Anfang der Kirche solches gelehrt und geübt zur Ausbreitung seines Lobes, Mehrung christlicher Liebe und Besserung unseres armen sündlichen Lebens eingesetzt und zu Stadt und Land dermaßen zu halten ernstlich befohlen, so erneuern und bekräftigen wir hiermit alle unsere früheren Satzungen und Mandate, besonders das vom Jahre 1530, betreffend das Kirchengehen, Widersprechen gegen das Gotteswort, die Feiertage, Kirchengüter, wider die Götzen, Messen und Altäre, wider Gotteslästerung, Spielen, Zechen, Prassen, unehrbare Kleidung und andere Unfugen.“

Damit war namentlich erneuert das Gebot, daß jedermann sich befleiße, wenigstens alle Sonntage zur Predigt zu gehen, und daß niemand dem Worte Gottes Hohn spreche oder verächtlich davon rede bei Strafe der Ausschließung von Zunft und Gemeinde sowie von den damit verbundenen Nutzungen.

Weiter heißt es: „Betreffend die, so sich im Sakrament der Danksagung und christlicher Gemeinschaft von uns absondern und nach päbstlicher Weise anderswo zum Sakrament gehen, haben wir uns wohl aus christlicher Schonung bisher keiner äußerlichen Strafe erläutert, doch, wofern das gestattet würde, wäre höchlich zu besorgen, es möchte mit der Zeit viel Unruhe, Spaltung und Absonderung der Gemüther und bürgerlicher Freundschaften daraus erwachsen. Um nun solchem und größerem Unheil vorzubeugen, gebieten wir hiermit alles Ernstes um Gottes Ehre und um gemeiner Ruhe und Einigkeit willen zu Stadt und Land, daß niemand der Unseren weder in noch außer unserm Gebiet das Sakrament nach päbstischer Weise empfange, sondern sich jedermann dieses Mißbrauchs entmüßige und sich christliche Einigkeit lieber sein lasse als seinen eigenen Wahn. Sollte jemand dies übersehen, sich in Empfahung des Sakraments von uns sondern, und alle die christlichen Gemeinden verachten, den wollen wir auch als ein abgetrenntes ungehorsames Glied, das Christi, auch unseres Leibes und unserer Gemeinde zu sein nicht begehrt, halten, ihn nicht weiter bei uns dulden, sondern von Stadt und Land verweisen. Damit wollen wir aber niemand zum Nachtmal des Herrn zwingen. Nun brauchen wir Solche, die daran

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keinen Theil nehmen, auch nicht zu Aemtern, Ehrenstellen und christlichen Verwaltungen.

So sie sich aber auch der päbstischen Messe enthalten, wollen wir sie auf Besserung hin christlich und freundlich dulden, wofern sie sich still und ruhig verhalten. Sollten sie jedoch Umtriebe, Anschläge oder Verschwörungen machen zum Umsturz oder zur Hinderung unserer christlichen Verordnungen, so werden wir sie als ungehorsame Ruhestörer zur Verhütung größeren Schadens je nach Umständen an Leib und Gut strafen oder des Landes verweisen.

Dieweil wir uns denn in allen unsern bisherigen Verordnungen und Satzungen christliche Reformation betreffend auf die begründete Wahrheit der heil. Schrift gestützt und nichts Anderes als allein Gottes Ehr und Lob, auch allgemeine Ehrbarkeit und Gerechtigkeit zu fördern gesucht, und dabei übrigens erboten und noch erbieten, so jemand uns aus der heil. Schrift eines Bessern belehren würde, so wollten wir ihm gerne folgen, dieses aber auf unser vielfältig Ansuchen nie geschehen ist; so ermahnen wir euch allesammt gemäß den Zusagen, so ihr uns gethan, und dem Gehorsam, zu dem ihr uns göttlicher und zeitlicher Pflichten wegen verbunden seid, beim Gottesworte handfest und standhaft zu verbleiben, und, falls jemand (was wir indeß nicht glauben) sich unterstünde uns mit Gewalt davon weg zu nöthigen, zu uns als zu eurer Obrigkeit zu halten, - und daß ihr ja nichts zu Nachtheil, Verletzung und Abbruch der evangelischen Wahrheit oder zu Aeufnung und Wiederbringung des unbegründeten Pabstthums reden, rathen oder irgendwie vornehmen wollet. Denn ungeachtet des trübseligen Unfalls, den Gott vielleicht unserer Sünden halben über uns verhängte, sind wir durch Gottes Gnade des festen Sinnes und Muthes, bei erkannter Wahrheit und dem was derselben gemäß aufgerichtet, abgethan und verordnet ist oder ferner verordnet werden mag, getrost zu beharren, und bei uns zu Stadt und Land weder die Messe, päbstischen Sakramente, noch sonst etwas das in Gottes Wort nicht Grund oder festen Halt hat, zu dulden, sondern in Ewigkeit Gott und der Wahrheit Bestand, Lob, Ehr und Preis zu geben. Er wolle uns dazu Kraft und Macht verleihen und uns unter seinem göttlichen Schutz und Schirm allzeit unverzagt erhalten.“

Dies kräftige Mandat, das wohl im Stande war, die ums Evangelium besorgten Gemüther im ganzen Zürchervolke zu beruhigen, entspricht großentheils dem von Bullinger verfaßten Entwurfe. Doch ist beachtenswerth, daß gerade die Stelle zu Anfang betreffend die Messe, die sofort zu den heftigsten Streithändeln führte, nicht von ihm herrührt. Dagegen betont sein Entwurf aufs stärkste: es wäre eine Schande vor Gott und der Welt, wenn Zürich von der erkannten Wahrheit abfiele und wider das Evangelium handeln würde, da es ja nicht einen ketzerischen, neuen oder falschen Glauben habe, sondern den rechten, wahren, uralten, wohlbegründeten Christenglauben.

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Dieses Mandat, das nun in allen Kirchen zu Stadt und Land verlesen und an die Freunde nah und fern versandt ward, war also der entscheidende Schritt, zu welchem sich das gedemüthigte Zürich fast wider Willen durch das mannigfache Treiben und Drängen der Gegner genöthigt sah, das erste Lebenszeichen seit der traurigen Kappelerschlacht, aber ein so kräftiges, daß Freund und Feind den nachdrücklichen Schlag empfand, der damit aufs Haupt der heimlichen und der offenkundigen Widersacher des Evangeliums geführt war. Es war eine That, die für die Ermuthigung der Evangelischen weit und breit fast einer gewonnenen Schlacht gleich kam; so fröhliche Berichte kamen von allen Seiten, auch aus Deutschland, nach Zürich zurück, wie stärkend dies auf die Gemeinden der Glaubensbrüder wirkte. Eben war Reichtstag in Regensburg, Kaiser Carl V. selbst anwesend. Weil nun auch dort das Gerücht ging, Zürich müsse und werde bald wieder den alten Glauben annehmen, heftete jemand Nachts das Mandat an eine Kirchthüre an. Alles lief zu; in der ganzen Stadt ward dies das Tagesgespräch. Die Evangelischen priesen die wackern Zürcher und wünschten ihnen Heil. Um so mehr verdroß es die Päbstlichen in der Schweiz; sie zürnten namentlich den Predigern Zürichs, denen man zumeist und nicht mit Unrecht Zürichs feste Sprache und beharrliche Haltung Schuld gab, und sannen auf Rache, niemand mehr als der päbstliche Legat Ennio Philonardo; denn jetzt war alle Hoffnung vorüber, Zürich je wieder unter die geistliche Herrschaft des Pabstes zu bringen, anders als auf dem Wege gewaltsamer Unterdrückung. Dazu suchte er nun die katholischen Orte durch Aufreizung möglichst zu drängen. Jetzt hielt er's noch für ausführbar, da in Zürich selbst die Partei der heimlichen Anhänger des Pabstthums noch nicht überwunden, nur zurück gedrängt schien.

32. Leo Judä's scharfe Predigt. Juni 1532.

Wohl war nämlich durch das Mandat des großen Rathes dessen Willensmeinung öffentlich erklärt, aber deren Vollziehung ließ überaus viel zu wünschen übrig; die Umtriebe der päbstlich Gesinnten, namentlich der ehemaligen Söldnerchefs, ihre verdächtigen Zusammenkünfte mit mächtigen Katholiken dauerten fort, die unchristlichen Ausschweifungen ebenfalls; niemand in der Regierung schien Lust oder Muth zu haben all dem mit Ernst und Kraft entgegen zu treten; eine ungewisse Lässigkeit und Gleichgültigkeit schien Alle zu erschlaffen.

Aufs neue empfand Leo im tiefsten Jnnern den Jammer der Zeit, die Folgen des unseligen Friedens, den man seiner Meinung nach nie hätte schließen sollen; ihm war es etwas Unleidliches, Gott und sein Wort zum Spotte werden zu lassen. Eher wollte er Alles an Alles setzen. Voll Entrüstung betrat er am Tage Johannis des Täufers (24. Juni) die Kanzel, als er im

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Münster die Abendpredigt zu halten hatte; gleich jenem Bußprediger Johannes, der furchtlos selbst seinem Fürsten die Sünde vorhielt, zeigte er dem Rathe das Jammerbild seines elenden Daseins im Spiegel des göttlichen Wortes, so abschreckend als er vermochte.

„Jhr Rathsherren von Zürich, redete er sie an, ihr Obern, die Gott mit seinem Namen nennt (Ps. 82, 6. Joh. 10, 34.). Da euch doch Gott gestraft und dadurch ermahnt, daß ihr euch wieder zu ihm kehret, habet ihr ihn noch mehr erzürnt, indem ihr ein so faules, schändliches, unehrbares Abkommen, „Frieden“ darf ich nicht sagen, gemacht habet. Denn Gottes Wort, Glauben und Wahrheit habt ihr verfälscht, da ihr in den Friedensvertrag setzen ließet, der päbstische Glaube sei der wahre Glaube, was er eben nicht ist und niemals sein wird; denn er ist falsch, antichristlich, verzweifelt, vom Teufel und von Menschen erdacht. Ueberdies habet ihr die beschworenen und besiegelten Burgrechtsbriefe, die ihr mit frommen Fürsten und Städten errichtet hattet, aushin gegeben, seid also an ihnen bundesbrüchig und treulos geworden, da euch doch eben so wohl zustand jene Bündnisse und Burgrechte zu schließen, als den Eidgenossen, ihren Bund mit Frankreich zu machen. Wie habet ihr aber darin Zürichs Lob, Ehr und Nutzen und seine Freiheit bedacht und geschirmt? Wiewohl ich mich der zeitlichen Dinge nicht besonders belade; mir, als reinem Verkündiger des Gotteswortes, liegt viel mehr Gottes Ehre und eurer Seelen Seligkeit am Herzen; doch bekümmert mich, als Bürger und als Hausvater, auch euer Schaden Schmach und Schande; das drückt mich schwer, daß Zürich zu Spott und Schand soll werden in aller Welt.

Viel frommen, biedern Leuten in den gemeinen Herrschaften und Vogteien habt ihr Schutz und Schirm zugesagt, Leib, Ehre und Gut zu ihnen zu setzen versprochen. Wie schlecht wird ihnen Wort gehalten! Etliche eurer Gesandten an den Tagsatzungen helfen ihre Brüder zu Pröbsten machen, andere helfen auch das Pabstthum fördern. Eure Mitbürger sind's, die Solches thun, und haben eure Ordnungen doch beschworen wider das Pabstthum. Etliche reiten mit, Etliche sitzen dabei, wenn man dort die biedern Männer, die Diener des göttlichen Wortes, straft. Sie helfen also selbst den Glauben verfolgen, den sie bekennen. Wollte Gott, daß ihr nicht auch gar noch einen Theil von den Bußen und Strafgeldern nähmet!

Nicht selbst dabei zu sitzen, nicht dort mitzustimmen, ist aber wahrlich nicht genug. Jhr seid Hirten der Herde Gottes; drum seid ihr schuldig eure Schäflein, die euch Gott anvertraut hat, vor den Wölfen und vor allem Schaden zu behüten, und durchaus nicht zu gestatten, daß sie an Ehre, Leib und Gut, viel weniger noch, daß sie an der Seele und göttlicher Wahrheit geschädigt werden. Der ist kein treuer Hirte, der flieht, wenn der Wolf die Herde überfällt: er soll sie retten und schirmen selbst mit Gefahr des Leibes und Lebens. Wie übel steht es um die Schafe, wenn's

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der Hirt mit den Wölfen hält, daß er ihnen auch hilft würgen, aber wenigstens ihnen zusieht ohne zu wehren.

Jhr aber, ihr Hirten des Volkes, bleibt ruhig sitzen und lasset überall die biedern Leute plagen und drängen. Jhr sehet durch die Finger, und thut nicht ernstlich dazu, daß die frommen, biedern Leute möchten Schutz und Schirm erlangen.

Wenn diese Armen, Bedrängten auf die Tage kommen, empfangen sie von etlichen Boten schlechten Trost, werden wohl alsbald hart angefahren. Kommen ihre Ankläger, so sind das eure treuen, lieben Eidgenossen, ihr heißt sie gar freundlich willkommen, schenkt ihnen Ehrenwein, bückt euch vor ihnen bis auf die Erde. Heißt das nicht die Person ansehen? Ach Gott! wann wird euch endlich der Drang, die Klage, das Wehgeschrei, der entsetzliche Jammer der Armen, Bedrückten zu Herzen gehen?

Dieweil nun ihr, die ihr des Volkes Hirten seid, schlafet, so muß ich meine Pflicht thun, muß wie ein wachsamer Hirtenhund bellen, euch aufwecken und den Schaden melden. Jch weiß daneben wohl und hab' deß keinen Zweifel, daß unter euch, meinen Herren, auch unter den Boten viele sind, die Solches nicht thun, ja denen es von Herzen leid ist. Dieselben will ich hier unbeschuldigt und ungescholten lassen. Jch rede nur von denen, die Solches thun und Schuld dran tragen.

Was habet ihr aber mehr gethan? Jhr habet fromme, biedere Männer, Ehrenleute, gute, alte Zürcher, die am Worte Gottes und am Staate in alle Wege treu gehandelt, aus dem Rath gestoßen. Jhr habt sie Schreier genannt, da sie euch widersprachen; ihr habt dagegen Leute, die ihr vormals um Ehbruchs und andrer Uebelthaten willen an Gut und Ehre gestraft und der Ehre verlustig erklärt hattet, jetzt wieder ehrlich gemacht, sie hervor gezogen, sie ins Gericht gesetzt und in den Rath.

Ueber Alles das habt ihr noch mehr gethan und auch das, daß ihr die, so vordem wider Ehre und Eid hinweg gelaufen, die darum lange Zeit Stadt und Land nicht mehr betreten durften, die Zürich, Gottes Wort und ehrenwerthe Bürger lästerten, wieder herein ließet. Die Ehegesetze, die billig und recht sind, die ihr selbst aufgestellt, habet ihr gebrochen hier in der Stadt und dort mit Verletzung biederer Landgemeinden. Nun sehet zu, wie ihr das Spiel recht mischet, mögt ihr gleich thun, wie die falschen Spieler, die ihre Karten biegen, daß je einer dem andern kann abheben. Aber Gott der Allmächtige steht hinter dem Tisch und siehet euch ins Spiel. Habet ihn vor Augen, schämt euch vor ihm, oder - er wird euch noch härter strafen.

Das Alles aber habe ich müssen sagen euch zur Besserung, gedrängt durch das Beispiel des heil. Johannes des Täufers, der dem Herodes seine große Sünde und Makel vorgehalten und ihn bestraft hat, ob er gleich darum leiden mußte.“

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33. Anklage gegen Leo Judä. Seine und Bullingers Verantwortung.

Diese scharfe Predigt versetzte etliche der Räthe, die sie gehört, in Wuth; sie schrien laut wider den aufrührischen Pfaffen. Andere nahmen sich seiner an; doch auch unter diesen gab es Solche, die zugaben: „Meister Leu sagte wirklich zu viel, wie's scheint.“ “Was? zu viel, wie's scheint? versetzten die Heftigeren; Aufruhr stiften, das scheint durch; wichtig genug ist's; die Sache soll auch vor den großen Rath. Solche unruhige, aufrührische Pfaffen, denen nichts gefällt noch recht liegt, was meine Herren, die Obrigkeit, verfügt, verdienen nichts Anderes, als daß sie aus Stadt und Land verwiesen werden.“

Wirklich brachten sie's dahin, daß die Sache vor die Zweihundert gezogen wurde. Hier drangen die hitzigen Gegner der Prediger mit erneuter Heftigkeit auf Leo's Verweisung. Die dem Evangelium Ergebenen dagegen erwiederten, es sei ja doch wahr, es sei ein elender Friede, und gaben zu bedenken: wollte man den Prediger aus dem Lande weisen, so wären schlimme Folgen zu besorgen, da er so viel gelte beim gemeinen Mann, zudem würde dies Zürich in üblen Ruf bringen; denn alsbald würde es heißen, die Zürcher wollen ganz zum Pabstthum treten, drum heben sie an die Diener und Prediger des Evangeliums wegzuschicken. Vielmehr, rieten sie, man solle ihn und die andern Stadtgeistlichen rufen lassen und ihnen sagen, man stelle nicht in Abrede, daß es elend genug ergangen sei im Kriege, aber die Umstände hätten es leider nicht zugegeben, es besser zu machen; darum habe Pfarrer Leo zu viel an die Sache gethan, und werde die Obrigkeit künftig solche Predigten durchaus nicht leiden, weder von ihm, noch von andern Pfarrern, fürhin hätten die Thäter der Obrigkeit höchste Ungnade und schärfste Ahndung zu erwarten.

Dieser Vorschlag drang durch. Schon am 27. Juni wurden sämmtliche Stadtprediger vor den großen Rath berufen, und ihnen vom Unterschreiber Burkhard Wirz die Klagepunkte vorgelesen, deren Hauptinhalt war: die Prediger trügen nicht geringe Schuld an dem Schaden, den Zürich erlitten habe; denn, da vormals ein guter Friede (der Landsfriede von 1529) gemacht worden, habe er einigen nicht anstehen wollen; sie haben nach Krieg getrachtet, um einen andern Frieden zu erhalten; nun, da die Obrigkeit genöthigt und gezwungen werde, einen andern Frieden anzunehmen, statt dessen sie lieber einen bessern gehabt hätte, so schreien die Prediger gar aufrührisch auch gegen diesen, und wollen die Obrigkeit drängen, sie solle helfen und retten, während sie doch selbst wohl wissen, daß ihr dies unmöglich sei, und daß sie ja genöthigt wäre, einen neuen Krieg anzuheben; daran sei jedoch dermalen gar nicht zu denken, wohl aber - sich recht zu gedulden, bis daß es etwa mit der Zeit durch Gottes Gnade besser werde. Man beschuldige die

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Regierenden auch noch, als ob sie nicht treu und redlich seien am Worte Gottes, während doch sie eben um des Gotteswortes willen so viel gelitten und ihnen daher mit diesem Vorwurf gar Unrecht geschehe. Dergleichen muthwillige, aufrührische Predigten wolle man durchaus nicht mehr leiden u.s.w.

Auf dieses hin verantwortete sich zuerst Pfarrer Leo Judä ehrerbietig, aber unerschrocken, indem er die einzelnen Behauptungen, die in seiner Predigt vorgekommen, näher beleuchtete und begründete, indeß nichts von dem Gesagten zurück nahm. Er begann folgender Maßen: „Vor Allem bedauern wir sehr und befremdet es uns höchlich, daß wir, die wir mit unsrer Lehre bisher uns beflissen haben, nur die Einigkeit, den Frieden und des Landes Wohl zu fördern, als aufrührisch gescholten werden, da wir doch dem Aufruhr und Unfrieden mit allem Fleiß entgegen arbeiteten. Das Evangelium macht keinen Aufruhr, sondern die, die sich der evangelischen Wahrheit freventlich widersetzen. Wir haben mit unserer Lehre bisher Aufruhr verhütet. Wenn wir die Obrigkeit wegen ihrer Vergehungen mit der Wahrheit bestrafen, so bleibt der gemeine Mann desto stiller und ruhiger. Würden wir's unterlassen, so würde der gemeine Mann unruhig und zur Widersetzlichkeit gegen euch desto eher geneigt sein, und wir kämen bei ihm in Verdacht, wir sähen euch durch die Finger und billigten euere Vergehungen. Es geschieht aus guter Meinung, wenn die Worte zu Zeiten bitter und rauh sind; denn die Wahrheit ist scharf wie das Salz, Salz aber behütet vor Fäulniß. Wir haben hievon auch Beispiele in der Schrift: die Propheten, Christus selbst und seine Apostel haben zu Zeiten die großen Untugenden scharf bescholten.

Euere Ehrsame Weisheit beruft sich rücksichtlich des Friedens auf euere Freiheit und obrigkeitliche Gewalt, kraft deren euch zustehe, nach euerem Gutdünken zu handeln. Hierauf antworte ich, daß kein Friedensvertrag, kein Bündniß, keine Satzung wider Gott und Billigkeit aufgerichtet werden soll noch darf. Dies geht schon daraus hervor, daß alle Bundesbriefe, auch der Friedensvertrag, immer anfangen mit den Worten: Jm Namen Gottes, des Vaters usw. Dadurch gibt man zu verstehen, daß man nichts ohne Gott, sondern Alles mit Gott behandeln wolle. Gott ist allenthalben ausbedungen; was wider ihn beschlossen oder verordnet wird, ist ungültig, und soll auch nicht gehalten werden. Wo ihr nun vornähmet oder beschlösset, das wider Gott und seinen Willen wäre, da würde uns von Amtes wegen gebühren dem zu widersprechen, und davor würden euch weder Feinde noch Bundesbriefe noch eure obrigkeitliche Stellung schützen; denn ihr seid nicht über, sondern unter Gott. Jhm sollt ihr gehorchen, und im Fall des Ungehorsams euch mit dem Worte Gottes strafen lassen.“

Weiterhin beleuchtete Leo seine Rüge in Betreff der Untreue an den Evangelischen in den gemeinen Herrschaften und rücksichtlich laxer Handhabung der Ehesatzungen, und schloß dann: „Was ich gesagt vom Kartenbiegen, war

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nur gleichnißweis gesprochen; wie die falschen Spieler sich drauf verstehen einander abzuheben und dazu die Karten biegen, so, möchte Viele bedünken, ging's auch im Rathe zu. Denn es sind, wie ihr wisset, zwei große Parteien in Zürich; die eine will Gottes Wort schirmen und aller Gerechtigkeit wieder empor helfen, die andere will Unehrbarkeit pflanzen und das Wort Gottes ausrotten, das Pabstthum wieder aufrichten, wieder in fremde Kriege ziehen und Pensionen annehmen. Da will's nun die Frommen oft bedünken, diese letztere Partei finde mehr Gunst und Förderung denn sie. Ist's nicht Gleichsnerei und Falschheit, das Wort Gottes angenommen zu haben und sich zu stellen, als beschirme man's, und daneben den Argen ihren Muthwillen und ihre bösen Anschläge zu gestatten? Deshalb sollt ihr euch vorsehen, daß ihr das Spiel recht mischet. Denn Gott steht hinter euch und siehet euch ins Spiel.“

Schließlich bat und ermahnte Leo die Rathsherren aufs dringendste, ihm den Eifer, in den er gerathen, zum Guten auszudeuten. Denn gewißlich sei ihm nie in den Sinn gekommen, irgendwie Aufruhr gegen die Obrigkeit, die er von Herzen als seine Herren achte, zu erregen. Wie übel es im Krieg ergangen und noch jetzt den Unterthanen ergehe, wissen sie ja gar wohl. Nun bitte er seine Herren aufs inständigste, allenthalben das Beste zu thun; dazu wolle auch er, so viel ihm Gott Gnade gebe, gerne mithelfen.

Leo schwieg und Bullinger, als Vorsteher der gesammten Geistlichkeit, ergriff das Wort. Er fing an die Prediger insgemein dagegen zu vertheidigen, daß man auf sie die Schuld am letzten Kriege und am erlittenen Verluste wälzen wolle. Seine Person betreffend, wisse jedermann, daß er damals nicht in Zürich gepredigt und nie zum Kriege aufgehetzt habe. Er berufe sich auf die Gesandten, welche vor dem Kriege öfter nach Bremgarten gekommen. Diese mögen bezeugen, ob er nicht fortwährend wider den Krieg gepredigt und zum Frieden gerathen habe. Und, die Wahrheit zu sagen, habe ja die Obrigkeit selbst in ihrem Manifest die Ursache des Krieges, den Grund der Sperre u.s.w. dargelegt. Kraft all jener Erläuterungen seien mithin die Prediger durch das selbsteigne Zeugniß des Rathes hinreichend darüber gerechtfertigt, daß sie weder am Kriege, noch an der Sperre, noch an dem Unfall Schuld tragen.

Sodann ging Bullinger einläßlich auf die übrigen Klagepunkte ein, namentlich aber darauf, daß es hieß, man wolle der Geistlichen aufrührisches Predigen nicht mehr dulden. Um aller Unklarheit vorzubeugen, erklärte er selbst diese Worte, und stellte fest, was aufrührisch predigen heiße und was nicht. Er fügte dazu die dringende Bitte, daß ein Ehrsamer Rath zu seinen übrigen Sünden nicht auch noch die schwere Sünde hinzu thue, seinen Predigern zu gebieten, nur sanfte Dinge zu predigen. Sie sollten doch ja nicht in die Sünde deren fallen, von denen Jesajas (Kap. 30, 9, 10.) sage: Es ist ein widerspenstiges Volk, lügenhafte Kinder, die des Herrn Gesetz nicht hören

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wollen; zu den Propheten dürfen sie sprechen: Jhr sollet nicht sehen, und zu den Wächtern: Saget uns nichts Rechtes, sondern saget uns glatte Dinge usw. Dann fuhr er fort: „Wofern aber unsere Gnädigen Herren nichts desto weniger sich unterstehen werden uns den Mund zu verbinden, und uns heißen schriftwidrig zu predigen, so würden wir Gott mehr gehorchen, als ihnen, und lieber gewärtigen, was Gott uns dehalb zu leiden geben werde. „Doch hoffen wir zu Gott, sprach er, und zu Euch, Gnädige Herren!, und bitten euch auch demüthigst darum, daß ihr uns lasset mit aller Bescheidenheit, aber uneingeschränkt und ungehindert predigen gemäß neuem und altem Testament, wie ihr uns dies bald nach dem Kriege (am 13. Dezember 1531) freundlich bewilligt und zugesichert habet.“

34. Anklage gegen Bullinger, Seine Rechtfertigung.

Nun aber kam sofort noch eine neue Auflage zur Behandlung. Von Seiten des Rathes ward Bullingern eröffnet, daß auf der kürzlich gehaltenen Tagsatzung zu Baden die fünf Orte (die katholischen Kantone) eine schwere Klage gegen ihn erhoben und durch die zürcherischen Gesandten vom Rathe gefordert hätten, daß er seiner frevelhaften und aufrührischen Predigten wegen als des Friedensbruches schuldig bestraft würde. Die Klagepunkte überreichte man ihm schriftlich; sie lauteten also:

Den 16. Juni hat der Prädikant in Zürich gepredigt: Es nimmt mich nicht Wunder, daß euch Gott gestraft; denn ihr haltet wenig auf Gottes Wort, da ihr zu dessen Predigt an den Werktagen so unfleißig kommet. Ferner hat er gesagt: Gott strafe die Seinen zur Besserung; seinen Feinden gebe er Glück und Sieg; doch so man sich bekehre, gebe Gott den Seinen auch wieder Stärke. Wiederum hat er gesprochen: Es gebe Etliche, die der Schande lächeln, in die wir jetzt gerathen. Solche seien Buben, Schelme und die größten Bösewichte. Auch gebraucht er viele andere aufrührische Worte, so daß es bei ihm nichts ist als: dran, dran, dran! Die Widersacher nennt er Kothkäfer, und die Messe schilt er eine Gotteslästerung.

Wider diese Klagschrift vertheidigte sich Bullinger auf der Stelle so, daß der Rath fand, er brauche nur seine Verantwortung aufzuzeichnen, damit man sie auf der nächsten Tagleistung den fünf Orten vorlegen könne. Sie lautete nämlich:

„Dafür, daß keine aufrührischen Worte in meinen Predigten vorkommen, was mir ungerechter Weise zur Last gelegt wird, berue ich mich auf die ganze Gemeinde zum Großmünster, der ich zu predigen berufen bin. Die mögen euch sagen, wie sehr ich von Kriegen, Aufruhr und Blutvergießen abmahne, wie ich ihnen für und für zufolge dem Gotteswort all den Jammer vorhalte, der über die Eidgenossenschaft noch ergehen wird wegen der Unruhen und Kriege, wofern wir uns nicht bekehren und bessern.

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Ich läugne nicht, daß ich die Bösewichte bestraft habe, welche geschworen, Lieb und Leid mit der Stadt Zürich zu theilen, Ehre und Treue an ihr zu halten, welche sich rühmen gute Zürcher zu sein, und doch sich unseres Unfalls freuen. Dies habe ich nicht den Fremden, sondern den Einheimischen, den Schuldigen, nicht den Unschuldigen gepredigt.

Daß Gott etwa zu Zeiten die Seinen strafe und bösen, ungläubigen Leuten Glück und Sieg gebe, dies habe ich aus der Epistel des seligen Apostels Petrus (I. Petr. 4, 12.) gelehrt; es ist also nicht meine, sondern Gottes Lehre und Wort. Solches ist auch augenscheinlich wahr geworden an König Ludwig II. von Ungarn. Denn wer wollte darum sagen, der Türke habe den rechten und bessern Glauben, weil er den König Ludwig erschlagen und die Christen in die Flucht getrieben hat? (in der Schlacht bei Mohacs, 29. August 1526.)

Daß ich dann eine christliche Stadt Zürich gehetzt haben soll sich aufzumachen zu einem Kriegszuge, oder geredet habe, Gott werde sie jetzt stärken und ihr Sieg verleihen, drum solle sie nur frisch wieder zu Felde ziehen, die Feinde werden Kothkäfer sein, das ist eine falsche, lügenhafte Erdichtung übelwollender, unwahrhafter, unruhiger Menschen. Wahr ist's, daß ich gesagt habe, wofern man sich nicht bessere, werden Alle mit einander zu Grunde gehen, Gottes Hand sei schon ausgestreckt zur Züchtigung, und alle Starken dieser Welt seien vor ihm wie Kothkäfer und Regenwürmer.

Die Messe aber habe ich gar nicht gerühmt, bitte auch Gott, er möge mich nie den Tag erleben lassen, daß ich sie rühmen und anpreisen würde, als ob sie von Gott, apostolisch und mehr denn fünfzehnhundert Jahre alt wäre und in ihr der wahre, natürliche, wesenhafte Leib unsers Herrn Jesu Christi für die Sünden der Todten und der Lebenden von dem Priester und unter der Gestalt des Brotes und Weines aufgeopfert würde. Denn Solches ist dem Leiden unsers Herrn Jesu Christi und seiner Einsetzung nicht gemäß, sondern durchaus zuwider und abbrüchig. So denn also der wahre Christenglaube auf dem wahren Worte Gottes, wie es in den beiden Testamenten, als den allerältesten und gewissesten Schriften, begriffen ist, beruht, und wir Prediger in Zürich euch, unseren Herren und Oberen, den Eid geschworen haben, allein das neue und alte Testament zu predigen, worin von der Messe nichts, wohl aber was ihr zuwider und abbrüchig ist, zu lesen ist; so hoffe ich zu Gott und seiner Wahrheit, ich habe gar nichts in diesem Punkte und auch sonst nichts wider die Schrift, wider Ehre und Eid, wider Billigkeit und Gerechtigkeit, auch gar nichts wider den Landsfrieden gepredigt, daß ich strafwürdig geworden wäre.

Denn unser Glaube, der sich nicht auf menschliches Gutdünken, sondern auf Gottes wahrhaftes Wort gründet, ist im Landsfrieden ausbedungen und vorbehalten. Und wäre es auch nicht geschehen, dennoch ist Gottes Wort und Wahrheit frei und unverbunden, und soll und muß

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gepredigt werden, ob auch die ganze Welt dawider wäre und es aufs strengste verböte.“

Nach dieser Vertheidigungsrede Bullingers fügte Rudolf Thumysen, Pfarrer am Fraumünster, noch die wenigen Worte bei: „Gnädige Herren; wir begehren, daß man uns das nicht verbiete oder umstricke, was Gott uns geheißen hat thun, nämlich das Wort Gottes zu predigen. Betreffe es Obrigkeit oder Messe, der Mensch soll Gottes Wort hören, ihm gehorchen und sich nicht unterstehen es zu beherrschen oder zu beugen nach seinem Gefallen. Sonst darf man auch auf keinen Segen hoffen.“

Jetzt traten die Prediger ab; es erfolgte eine lange und mißliche Berathung, es kam zu einem heftigen Streite der beiden mächtigen Parteien, von denen Leo Judä so offen gesprochen hatte. Die Sitzung dauerte weit über die gewöhnliche Zeit. Mittlerweile sammelte sich viel Volk auf der nahen Limmatbrücke und auf dem Platze neben dem Rathause, neugierig, besorgt um das Schicksal seiner Prediger. Hier ging das Gerücht, man werde ihnen den Abschied geben, dort hieß es: sie werden gefangen gesetzt usw. Auch aus der Umgegend strömten Leute herbei. Alles harrte gespannt des Ausgangs. Ob diese Gruppen von Wartenden einigen Eindruck auf den Rath machten oder nicht, läßt sich nicht entscheiden. Endlich traten die obersten Standeshäupter aus dem Rathssaale, und eröffneten den Predigern folgenden Bescheid: die verlaufenen Sachen hätte der Rath im Besten beruhen lassen und aufgehoben; er wollte die Prediger nicht gefährlicher Weise einschränken oder von den beiden Testamenten wegdrängen; sie sollten die Wahrheit frei predigen kraft ihres Eides, den sie in der Synode geschworen. Trete aber der Fall ein, daß die Prediger sich in irgend etwas, das ihnen am Herzen liege, über die Obrigkeit zu beschweren hätten, so sollten sie nur kommen und an die Rathsstube anklopfen; sie sollten die Freiheit genießen, ohne Verzug vorgelassen zu werden. Werde der Sache nicht abgeholfen, so mögen sie dann auf den Kanzeln dermaßen davon reden, wie sie es für schriftgemäß und zu Gottes Ehre, zu Frieden und Ruhe, und zu der Menschen Heil dienlich erachten.

Deß waren die Prediger hoch erfreut, dankten Gott und ihrer Obrigkeit mit der Bitte ihnen nichts zu verübeln und sie in Gnaden befohlen zu haben.

So war denn der ernste gedoppelte Angriff abgeschlagen, den die Feinde des Evangeliums in der Schweiz gegen die Prediger in Zürich, als ihre zähesten dortigen Gegner, theils direkt durch die fünförtischen Gesandten, theils durch ihre geheimen Anhänger in den zürcherischen Räthen gewagt hatten. Man sah, wie auf jeden Anlaß gepaßt wurde, wie jeder Anstoß den Predigern gefahrwoll werden konnte. Aber aufs neue war das Evangelium siegreich aus dem Kampfe hervor gegangen, dessen freie Predigt wiederum und für immer behauptet und ein neues wichtiges Recht erworben worden,

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das der gesicherten, unbefangenen, persönlichen Mittheilung von Seiten der Geistlichen an die obersten Staatsbehörden in allen bedeutenden Angelegenheiten, ein Recht, welches für das richtige Verhältniß zwischen evangelischer Landeskirche und christlichem Staate, für das gute Einvernehmen zwischen den Staatsmännern und den Männern der Kirche vom nachhaltigsten und segensreichsten Einflusse sein mußte. Wirklich schreibt sich davon die noch weit ins siebzehnte Jahrhundert hinabreichende eigenthümliche Uebung her, zufolge welcher nicht nur wegen kirchlicher Dinge, sondern auch bei eingreifenden Vorlagen betreffend die Gesetzgebung, die Verhältnisse zu den Eidgenossen oder zum Auslande die Prediger sammt den Professoren der Theologie bisweilen geladen, öfter auch ungeladen, die Bibel unter dem Arm, auf dem Rathhause erschienen, und da ihr Gutachten mndlich vortrugen. Bald geschah dies von Seiten der Stadtgeistlichen bloß in ihrem eigenen Namen, bald im Namen aller ihrer Amtsbrüder zu Stadt und Land. Jn der Regel wurde das mündlich Vorgetragene den Landesvätern auch schriftlich eingereicht.

Was die Freiheit der Predigt anbetrifft, so widerfuhr es Bullingern nur noch ein Mal, ungefähr anderthalb Jahre später, daß er nebst Leo zur Verantwortung gezogen wurde, als sie sich nämlich heraus genommen, ärgerliche Ausschweifungen, deen sich eine Schar junger Zürcher in Gemeinschaft mit verlockenden katholischen Genossen aus den innern Kantonen schuldig machte, auf den Kanzeln deutlich zu rügen, doch ohne jemand zu nennen. Vor dem Rathe erlangten nun freilich die Prediger Recht. Bullinger aber, damit nicht zufrieden, beschwerte sich sehr darüber, daß man ihn vor Rath gezogen habe. „Wenn die Laster, sprach er, offenbar sind, ja so am Tage liegen, daß man überall davon spricht, und wir dann nach unsers Amtes Pflicht auch davon reden, nur so, daß man gehorsam sei und recht thue, wir aber dabei nicht mehr Schirm haben, denn daß man Tag wider uns erlangen mag und wir da jedem sollen zu Recht stehen, das fällt uns zu schwer. Jch seh' auch nicht, wohin das reichen möge, denn daß wir von jedem umgetrieben werden, dem die Wahrheit und Bestrafung nicht behagt. Wir wollen euch nicht verhehlen, eher würden wir unseres Amtes stille stehen.“

Nun ließ man die Prediger in Ruhe und hieß sie wacker fortfahren mit der Predigt des Evangeliums und mit Bestrafung der Laster.

35. Der Angriff um des Mandates willen. Vergleich.

Je völliger aber den päbstlich Gesinnten der Anschlag mißlungen war, die Zürcher Prediger aus ihren Stellungen zu vertreiben oder mundtodt zu machen, desto drohender erhoben sich nun die katholischen Orte, aufgereizt vom päbstlichen Legaten, gegen das hartnäckige Zürich insgemein. Es ist wirklich auffallend, daß erst jetzt der bedenkliche Streit wegen des schon im

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Mai in Zürich erlassenen Mandates hell aufloderte und zu furchtbarer Höhe emporstieg.

Jm Rheinthal erließen die fünf Orte, wie der Abt von St. Gallen für seine Lande, ein Mandat, wodurch die evangelischen Prediger bedrückt wurden. Diese beklagten sich in Züich und baten um Hülfe. Zürich sah in diesem Mandate eine Ueberschreitung des Landsfriedens und verlangte auf der Tagsatzung zu Baden am 1. September 1532 von den fünf Orten dessen Zurücknahme. Diese stellten nun die Gegenforderung, Zürich solle vielmehr sein Mandat aufheben, worin die Messe beschimpft worden sei, damit habe Zürich den Landsfrieden noch weit mehr verletzt. Keine Partei wollte nachgeben; jede behauptete im Rechte zu sein. Die übrigen Eidgenossen rieten auf einer neuen Tagsatzung zu einem Vergleich; von beiden Seiten solle man die Mandate aufheben, oder einander versprechen, sich künftig vor solchen zu hüten. Allein die fünf Orte blieben bei ihrem Begehren, und forderten Zürich, als es sich weigerte, vor das eidgenössische Recht.

Diesen Trotz der fünf Orte schrieb man mit Grund hauptsächlich den Aufhetzungen des päbstlichen Legaten zu. „Dieser suchte, sagt Bullinger in seiner Reformationsgeschichte, nun, da Zürich nichts von ihm wissen wollte, Unfrieden und Krieg zu stiften, so viel er nur konnte; damals versprach er den katholischen Kantonen Hülfe an Geld und Kriegsvolk. So ward auch allenthalben von Bischöfen und Priestern allerlei geschrieben und wurden die fünf Orte aufgewiesen, die Sache mit einem schnellen Kriege auszumachen; denn der zwiespaltige Glaube würde auf die Dauer nicht gut thun; drum solle man nun bei guter Zeit und dargebotener Gelegenheit das Unkraut ausjäten.“

Wirklich schien ein Krieg fast unvermeidlich. Denn es war zu augenfällig, daß die Vorladung vor ein eidgenössisches Schiedsgericht darauf zielte, Zürich das freie Bekenntniß seines Glaubens zu entreißen; Glaubenssachen, wie die Fragen über die Messe, einem Rechtsspruch anzuvertrauen und von den Gegnern des Evangeliums sich vorschreiben zu lassen, wie Zürich darüber sich zu äußern habe gegen die Seinigen, dies schien zu bedenklich für Zürich's Rechte; fiel das Urtheil ungünstig aus, so konnte man sich ja nicht unterziehen, ohne das Evangelium aufzugeben, sondern mußte dann doch einen Krieg wagen und zudem gewärtig sein, daß dannzumal alle Verbündeten wider Zürich zu Feld ziehen müßten, um die Unterwerfung unter den eidgenössischen Rechtsspruch zu erzwingen. Daher warnten die Freunde von allen Seiten, Zürich solle sich nicht in einen Rechtshandel einlassen. Schon hörte man auch von geheimen Bündnissen und Rüstungen der Gegner. Zu einem Kriege aber, der bei Rechtsverweigerung sofort zu erwarten stand, fehlte es Zürich an zuverlässigen Bundesgenossen, an Lust, Muth, Geld, kurz fast an Allem. Umsonst sah man sich da und dort um Beistand um. Mit Bern war Zürich vom letzten Kriege her, weil damals im Stich gelassen, noch

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immer auf gespanntem Fuße; in Basel und Straßburg fand es wohl herzliche Theilnahme, brachte indeß nicht einmal ein Kriegsanleihen zu Stande. Wir finden daher ein einläßliches Gutachten Bullingers aus dieser Zeit: wie man möge vor Kriegen sein und der Tyrannei der fünf Orte abkommen. Alles überlegt scheint es ihm am besten, da man nicht mehr Eines Glaubens sei, daher statt Eintracht und Unterstützung lauter Zwietracht und Feindschaft habe, den fünf Orten gütlich die Bundesbriefe heraus zu geben, sie von ihnen hinwieder zurück zu fordern und dann einander ungekränkt zu lassen. Besser sei es auch, die gemeinen Herrschaften in Frieden zu theilen und also zum Theil fahren zu lassen, als weiterhin wie zeither zuzusehen, dabei zu sitzen, mitzustimmen und überstimmt zu werden bei den Beschlüssen, durch welche die Mehrzahl der regierenden Orte sie jämmerlich vom Evangelium dränge und sie nöthige, wiederum abgöttisch zu werden; dann müsse Zürich doch nicht mehr die Verantwortung mittragen; lieber Einigen recht helfen, als mithelfen zum Seelenverderben so Vieler, das laut genug gen Himmel schreie und gewiß zu den Ohren des Allerhöchsten dringe. Zürich möge sich dann, woran es jetzt durch die widerstrebenden Kantone verhindert sei, mit solchen Städten verbünden, die Gottes Wort lieb haben, und werde an ihnen treuere Bundesgenossen haben.

Dieser friedfertige und Bullingers entschiedenem Charakter gemäß ganz durchgreifende Vorschlag, der eine völlige Umwälzung aller eidgenössischen Verhältnisse herbei geführt hätte, stieß indeß auf große Bedenken, namentlich besorgten angesehene Berner, denen er vorgelegt wurde, die fünf Orte würden bei einem solchen Anlasse das bernische Oberland und Aargau zur Abtrünnigkeit verlocken können und aus ihnen, wie auch schon verlautete, zwei neue selbständige Kantone machen.

Hin und wieder erhielt Zürich Warnungen vor einem plötzlichen Ueberfall. Jn dieser schweren unsichern Zeit schrieb der treffliche Bürgermeister Jakob Meier in Basel, „Vater der Frommen“ genannt, im Dezember 1532 an Bullinger die hochherzigen Worte: „Ermahnet das Volk zu ernstlichem Gebet, zu Geduld und starkem Vertrauen auf Gott. Denn Gott ist gewaltig auf unsrer Seite und nimmt uns oft zeitliche Mittel, auf daß wir allein auf ihn hoffen; sonst würde unser Evangelium zu fleischlich. Endlich werden wir obliegen auch in dieser Zeit; denn der Christus, der in uns ist, wird Herr und König bleiben wider allen Trotz der Welt. Wofern wir darum leiden, ja auch sterben, so ist's uns Gewinn. Doch Gott ist getreu; er gibt in der Anfechtung ein Auskommen und läßt uns nicht weiter versucht werden, denn wir wohl ertragen mögen.“

Dies war auch ganz der Sinn, in dem Zürich's Prediger zu ihrem Volke redeten und dieses zu seiner Regierung hielt. Nachdem die Regierung alles Mögliche gethan, um den verhängnißvollen Rechtsgang zu vermeiden, wandte sie sich in einer öffentlichen Kundmachung, die zu Stadt und Land

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vor allen Gemeinden verlesen wurde, an ihr Volk, legte ihr unermüdliches Streben nach Frieden, aber auch die ernste Lage der Dinge offen dar, die es nöthig mache, daß jedermann sich wohl gerüstet halte. Und alles Volk erklärte sich willig und bereit, Leib und Gut einzusetzen zur Behauptung des lautern Evangeliums.

Daher schrieb auch Ambrosius Blaarer an Bullinger: „Heil euch! Unter dem schweren Kreuze ist Zürichs Kirche viel stärker geworden und des Herrn Kraft leuchtet aus der Schwachheit nur desto heller hervor.“

Am 16. März 1533 wurde nunmehr in Einsiedeln der Rechtstag eröffnet. Die Zürcher, lautete die Klage, haben in ihrem Mandat den wahren, christlichen, katholischen Glauben einen unbegründeten, falschen, päbstischen Glauben und die Messe eine Schmälerung und Verkleinerung des Leidens Christi gescholten und also wider den neulich errichteten Landsfrieden gehandelt, in welchem ausdrücklich stehe, sie sollen die Kläger jetzt und hinfort bei ihrem Glauben „ungearguirt und undisputirt“ bleiben lassen. Zürich widersprach und zeigte, wie man da den Landsfrieden mißdeute und mißbrauchen möchte. Die Verhandlungen nahmen die bedenklichste Wendung; man stritt sich mit äußerster Heftigkeit und Leidenschaft. „Nichts steht jetzt gewisser bevor, als der Krieg; Bern rüstet“, schreibt deshalb Bertold Haller aus Bern zu Ende März an Bullinger, und um dieselbe Zeit meldet ihm Capito, daß die Straßburger bei Ausbruch des Krieges mit den fünf Orten zu Roß und zu Fuß den Zürchern zuziehen werden, und daß sie bereits auch den Landgrafen Philipp von Hessen deswegen gemahnt haben.

Auf den zweiten Rechtstage den 22. und 23. April behaupteten die Kläger mit besonderm Nachdruck, Zürich habe ihnen Brief und Siegel gegeben, daß sie den wahren, alten Glauben haben. Zürich antwortete: Nie und nimmer! denn im Frieden steht nicht: Wir von Zürich bekennen uns zu dem u.s.f., sondern: Wir lassen euch bei euerem Glauben bleiben, den ihr alt usw. nennet. Hätten wir ihn auch dafür gehalten, so hätten wir nicht nöthig gehabt uns den unsern vorzubehalten. Daran setzen wir Leib und Gut.

Doch wider Verhoffen kamen endlich nach langen und hartnäckigen Verhandlungen Vergleichsartikel zu Stande, die freilich bittere Demüthigungen für Zürich enthielten:

Erstlich sollen unsere Herren und lieben Eidgenossen von Zürich bekennen, daß sie damals, als sie besagtes Mandat ausgehen ließen, sich nicht besinnt noch bedacht, auch nicht gemeint hätten, daß solches ihren Eidgenossen in den fünf Orten so widrig und nachtheilig wäre; denn, wo sie das bedacht, hätten sie es nicht dergestalt ausgehen lassen. Sie sollen sich auch fürderhin vor solchen den Bünden und dem Landsfrieden nachtheiligen Mandaten hüten.

Zweitens sollen die Zürcher die noch nicht ausgegebenen Abdrücke des

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Mandats zu Handen nehmen und behalten und es in keiner ihrer Gemeinden ferner verlesen lassen.

Drittens soll das abgemeldete Mandat unsern Herren und lieben Eidgenossen von den fünf Orten an ihrem alten christlichen Glauben unnachtheilig sein und keinen Schaden bringen weder jetzt noch in Zukunft.

Viertens soll ein jeder Theil den andern bei seinem Glauben bleiben lassen laut des im Landsfrieden begriffenen, lautern und klaren Artikels.

Ein fünfter Artikel verwahrt beiden Theilen alle ihre hergebrachten Rechte und Freiheiten.

36. Genehmigung des Vergleiches. Ansuchen an die Synode.

Dieser Vergleich fand zwar beim großen Rathe in Zürich vielfachen und ernstlihen Widerspruch:; dennoch wurde er angenommen, da die Aussichten, auf den Fall eines Krieges allzu ungünstig erschienen und sonach kein anderer Ausweg blieb. Jetzt entstand aber eine neue Besorgniß; man mußte bei der Bürgerschaft und in manchen Landgemeinden großen Unwillen gewärtigen; darum suchte man dem Sturm vorzubeugen, die Geistlichkeit zu gewinnen und durch sie das Volk zu besänftigen.

Nun war eben zu Anfang Mai (1533) die gewöhnliche halbjährliche Versammlung der Synode. Der Bürgermeister Walder berichtete im Namen des Rathes den Verlauf des ganzen Streites, gestand offenherzig, daß ihnen (den Räthen) selbst die Vergleichsartikel nicht gefallen, daß aber die Umstände, namentlich die Besorgniß eines gefahrvollen Krieges, die Uneinigkeit der evangelischen Stände u.s.f. sie dazu gezwungen hätten, und bat dann die Prediger, dieses Vergleiches halben die Gemeinden zu begütigen, da ja der Glaube vorbehalten wäre und die Artikel einen leidlichen Sinn hätten; sie sollen aus allen Kräften jedem Aufruhr, Zank und aller Unruhe vorbeugen.

Nach diesem Vortrage traten die Räthe ab und die Synode beriet sich. Sie fand für nöthig, sich hierüber am folgenden Tage vor dem großen Rathe gründlich zu erklären. Sie ordnete dazu die Stadtprediger und die sieben Land-Dekane ab. Jhnen wurde beigegeben der straßburger Prediger Martin Butzer, welcher sich eben in Zürich befand, und auf seinen Wunsch nebst seinem Begleiter Doktor Bartolomeo Fontio aus Venedig Zutritt zur Synode erlangt hatte. Bullinger, der im Namen Aller das Wort zu führen hatte, sprach nach einigen ehrerbietigen Einleitungsworten:

„Wir besorgen allerdings, gnädige Herren! die Vergleichsartikel, welche ja auch euch nicht gefallen können, werden uns künftighin viel Unruhe bringen und euch zunächst nicht zur Ehre dienen. Jhr waret längere Zeit den Gläubigen ein Vorbild der Redlichkeit und Beständigkeit; darum dauert uns jetzt sehr, daß ihr so schwach und blöde geworden diese Artikel anzunehmen, die in vieler Hinsicht zu schelten sind. Unserthalben könnt ihr ruhig sein;

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gerne wollen wir das Beste zu der Sache reden und die Artikel milde auslegen. Aber nicht auf unser Begütigen und Auslegen wird's ankommen, sondern darauf, wie unsere Gegner sie erklären. Auch ist der Buchstabe an sich selbst so klar wider uns, daß wir wahrlich nicht wissen, wie man ihn füglich anders auslegen möge als er lautet. „So ihr gedacht hättet, steht ausdrücklich, daß euer Glaube den fünf Orten so widrig, so hättet ihr das Mandat nicht also ausgehen lassen.“ Was heißt das anders, als die fünf Orte höher achten als Gott und unseren wahren Glauben? Wir müssen dies für einen nicht geringern Fall achten, als Petrus gethan.“

Jetzt unterbrach ihn ein lautes Gemurmel; etliche Rathsglieder riefen ihm bitter zu, nirgends habe man den Glauben verläugnet; niemand sei des Sinnes; die Geistlichkeit aber wolle noch Aergeres anrichten, so daß noch mehr Unheil erfolgen und Aufruhr entstehen werde. Andere Rathsherren verlangten, man solle ihn doch ausreden lassen. Bullinger fügte bei: „Unruhe begehren wir nicht, sondern nur euch anzuzeigen, wie man Aufruhr des gemeinen Mannes verhüten und die Sache aufs glimpflichste erledigen möge; verhöret uns doch gütig.“ Als nun wieder Stille ward und der Bürgermeister sprach: „Hört, liebe Herren!“ und: „Sagt Jhr weiter Euer Anliegen!“ fuhr er fort:

„Das ist unser Anliegen allzumal; uns Allen ist's ein großer Kummer, daß ihr, gnädige Herren! in einer Sache, die den Glauben und das Wort Gottes betrifft, die eine kirchliche Angelegenheit ist, euch so gar vertieft habet, daß ihr selbst ein Mißfallen daran traget. Da es nun aber einmal geschehen und nicht mehr zu ändern ist, so bezeugen und erklären wir hiermit feierlich vor euch, daß wir dadurch in unserm Kirchendienste nicht wollen verstrickt sein, sondern wie wir in der Synode den Eid geleistet, auch fürhin wie bisher mit aller Bescheidenheit fortfahren zu predigen ohne Rücksicht auf diese Vergleichsartikel und von der Messe und Anderem zu reden, wie Gottes Wort vermag und sich gebührt. So aber euch, gnädige Herren! bedünken würde, daß wir damit eure Stadt und Land verderben und in Krieg stürzen wollten, so ist es uns viel lieber, daß ihr uns in Gottes Namen hinziehen lasset, wohin ein jeder mag. Denn wir können nicht mit gutem Gewissen uns im Predigen durch solche Artikel binden lassen.

Was aber die Beschwichtigung des Volkes gemeldter Artikel halben betrifft, so wollen wir gerne, so viel uns möglich und gebührlich, unser Bestes thun. Doch wird viel mehr auf euch ankommen, die ihr besser beschwichtigen möget. Wir hoffen indeß, wenn ihr auf folgende Punkte eingehet, so werde die Sache sich von selbst legen und jedermann erkennen, daß ihr treulich handeln wollet am Worte Gottes und an der Kirche.

Zum ersten wird nothwendig sein, daß ihr, gnädige Herren! all eurem Volke zu Stadt und Land klar darthut, daß durch diesen Vergleich unser wahre

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christliche Glaube nicht abgeschwächt sei, sondern in aller Kraft bestehe, und alle eure Mandate ungeschwächt und vollgültig bleiben.

Zweitens, daß ihr euren Vögten und Amtleuten nachdrücklich einschärfet, sie sollen Ernst zeigen, damit alle Mandate besser als bisher befolgt und beschirmt werden, und man eine wirkliche Besserung sehe.

Drittens, daß ihr, gnädige Herren! euch in einer Sache, die den Glauben und die Kirche betrifft, nicht mehr also vertiefet, sondern vielmehr bedenket, daß solche Sachen nicht sollen gerichtet werden nach Gutdünken der Menschen, sondern nach dem Worte Gottes [17].

Viertens endlich, daß ihr überall in den gemeinen Herrschaften den armen wegen des Gotteswortes bedrängten Leuen treulich , so viel nur immermöglich, rathet und helfet, daß sie nicht vom Worte Gottes weggedrängt werden.

Hierdurch hoffen wir, werde diese so gefährliche Sache minder nachtheilig. Wir bitten euch um Gottes Willen, ihr wollet diese Antwort der ganzen Synode in Gnaden aufnehmen. Wir meinen es von Herzen gut und wollen gern nach all unsern Kräften eure Ehre und euer Wohl fördern. Haltet treu und standhaft am Gotteswort. Gott aber erhalte euch gnädiglich durch unsern Herrn Jesum Christum und erbarme sich unser Aller!“

Hierauf nahm Butzer das Wort und ermahnte den Rath in einer ausführlichen Rede zum Festhalten an der Wahrheit. Da er aber sah, daß man über seinen ausgedehnten Vortrag unwillig ward, brach er ab und schloß mit den Worten: „Gnädige Herren von Zürich! Jhr habt viel Gnaden von Gott empfangen, ihr habet mehr gethan und gelitten, als zu dieser Zeit irgend ein Volk in der Christenheit; darum so behaltet euer gutes Lob und seid beständig an Christo, der euch erhalten wird!“

Die Verhandlung des Rathes über Bullingers Vorschläge dauerte gar lange. Endlich erschienen beide Bürgermeister und die obersten Meister und brachten den Predigern die Antwort: „Wir haben dermalen, das weiß Gott im Himmel, nicht anders thun können als leider den Vergleich annehmen. Wir thaten's in bester Meinung; hätten wir jenen genügen wollen, so hätten wir noch viel mehr nachgeben müssen. Wir thaten's nur darum, daß wir möchten bei der Wahrheit, dem Gottesworte und bei Frieden und Ruhe bleiben, und alle die Unsrigen, nach unserer Schuldigkeit, vor größerem Leid behüten. Deshalb geht es uns Allen nahe, daß wir an eueren Reden haben hören müssen, daß ihr uns übel trauet, ja gar einen Abfall besorget, welcher uns doch, Dank der Gnade Gottes, nie in den Sinn gekommen. Wir sind

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des festen, unverrückten Sinnes und Herzens, bei angenommener und erkannter Wahrheit mit Gottes Hülfe bis an unser Ende zu verharren und davon nimmermehr zu weichen. Wir befehlen euch daher, daß ihr das Wort Gottes treulich und mit aller Bescheidenheit, laut beider Testamente und eueres Eides, frei verkündet und niemand, wo es die Noth erfordert, verschonet. So wollen wir dann auch unserseits die von euch vorgeschlagenen Punkte in allen Treuen, so viel uns möglich, auszurichten beflissen sein. Nochmals bitten wir euch, helft uns, daß man möge bei Ruhe und Frieden bleiben. Betrachtet doch, wie großes Heil es einem Volke bringt, wenn Obrigkeit und Prediger zusammen stimmen und einander helfen, daß es recht geleitet werde.“

Nun dankten die Prediger herzlich für diese freundliche Antwort; sie versprachen, bei diesem christlichen Vorhaben ihrer Obrigkeit wollten sie zu dem guten Werke nach ihrem besten Vermögen mithelfen und Gott bitten für Stadt und Land um seinen Segen, Schutz und Schirm.

Wir sehen, wie tief auch die Demüthigung des zuvor so ruhmreichen Zürich ging, Eins blieb unentwegt: der evangelische Glaube, ja er ward gestählt in der Trübsal. Wir sehen aber auch, wie viel Entschlossenheit, Muth und Beharrlichkeit es brauchte, um dessen Kundgebung und Pflege unverkümmert zu behaupten.

37. Bullinger als Friedensstifter unter den evangelischen Ständen.

Noch gab es in den eidgenössischen Verhältnissen so Vieles, was den Bestand des Evangeliums gefährdete und sein Gedeihen hinderte. Fest zusammen haltend sehen wir die fünf oder alsbald sieben katholischen Kantone auftreten und entschlossen eingreifen, dagegen bei den evangelischen Zersplitterung und Unsicherheit; jeder der letzteren hatte mit seiner eigenen Noth zu kämpfen. Betrübend für ein protestantisches Herz war aber zumeist die Entfremdung, die zwischen Zürich und Bern eingetreten war durch den unglücklichen Krieg, in welchem sich der bernische Heerführer, der wirklich nachgerade Bern verließ und zur römischen Kirche zurück trat, mehr als zweideutig gezeigt hatte. Die Mißstimmung machte sich in Allem fühlbar. Niemand empfand aber diesen Zwiespalt schmerzlicher als Bullinger. Während die Staatsmänner grollten, stand er mit seinem lieben Bertold Haller, der ihn über Alles um Rath fragte, in stetem Briefwechsel und arbeitete unablässig an einer Aussöhung und Wiedervereinigung. Doch lange vergebens. - Freunden und Gegnern waren gewisse Ungleichheiten besonders auffallend; jenen erschienen sie anstößig, diesen lächerlich, namentlich in Betreff des Ave Maria, des Todtenläutens, der Aposteltage. Zürich hatte davon mehr beibehalten. Wenn nun die Gesandten aller Kantone Tagsatzung hielten und das Ave-Maria-Glöcklein ertönte, so

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fielen die Zürcher gleich den Katholischen auf die Kniee und bekreuzten sich, die Berner blieben aufrecht stehen, was den Gegnern begreiflich zu spöttischen Bemerkungen Anlaß bot. Jn Zürich sagten die Prediger eben so das Ave Maria nach früherer Sitte noch immer nach dem Eingang der Predigt her, indem man es nicht für unbliblisch hielt; in Bern unterließ man dies [18]. Ebenso fand Ungleichheit Statt in Behandlung der Ehesachen. Einstweilen kam es nicht einmal darüber zur Verständigung. „Hier in Zürich ist nichts anzufangen,“ schreibt Bullinger zu Ende 1532 schmerzlich bewegt an Myconius, „niemand traut dem Andern; wir sind nicht mehr zusammen zu bringen. Wahrlich, wahrlich, es ist die letzte Zeit; die Strafe des Herrn naht; es ist, wie's scheint, um uns geschehen! Doch laß werden dürfen wir nicht; noch müssen wir für's liebe Vaterland Alles versuchen, zumeist aber Gott recht herzlich anruen, daß er sich über uns erbarme, daß er uns helfe; das trau ich ihm auch treulich. O ließe er doch wieder Friede werden, wie's vormals war. Sonst sehe ich bei der Welt wenig Redliches; heuteso, morgen so!“ Durch Myconius wirkte Bullinger namentlich auf den eben erwähnten Bürgermeister Meier in Basel und versah ihn mit den genauesten Rathschlägen und Aufschlüssen über die Art, wie durch ihn die für die Sache des Evangeliums so unendlich wichtige Annäherung an Bern in Zürich zu betreiben sei. Er selbst that auf und neben der Kanzel kräftig das Seine, mochte er auch bei Manchen hart anstoßen und Bitteres dabei erfahren. „Sei nicht in Aengsten, lieber Myconius,“ schreibt er zu Anfang des folgenden Jahres, „als ob ich kleinmüthig würde. Soll ich fernerhin unter diesen Leuten leben, die ich doch größtentheils nicht für ganz gottlos halten kann, und hier das Evangelium predigen, oder aber in Tod und Verbannung gehen, nichts will ich ihnen vorenthalten, sondern ein treuer Wächter sein, wie du christlichen Sinnes mich dazu ermunterst. Jch will für und für zu Gottseligkeit und standhafter Treue ermahnen, die Gottlosen und ihre Laster bestrafen, so viel der Herr, zu dem ich flehe, mir Kraft verleiht und ich's durch seine Gnade vermag. Mehr kann ich nicht thun. Ganz und völlig aber anbefehl' ich mich dem Herrn, indem ich ihn inbrünstig bitte, daß er mich kurzsichtigen und schwachen Menschen zur Ehre seines heiligen Namens gebrauchen möge. Bet auch du für mich, lieber Bruder, und steh mir bei mit gutem Rath. Das ist meine Hoffnung, uns Verachteten und Verstoßenen werde dereinst der Herr Jesus zu Hülfe kommen und Alles, was wir ersehnen, uns reichlich schenken, sei's in dieser, sei's in der künftigen Welt.“

Nicht lange w“hrte es, so konnte er ihm freudiger schreiben: „Nur nicht laß werden! Der Grund ist gelegt und Hoffnung ist da zu völliger Einigung;“ und dann wieder: „Gegen Bern ist man in Zürich ganz gut

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gestimmt. Wir verzagen nicht; von der Gnade des Herrn hoffen wir nachgerade Besseres. Einmal hat er uns erniedrigt; er wird uns auch wieder erhöhen, wenn er's gut findet. Wiewol wir keine Erhöhung begehren, als nur daß wir der Tyrannei gewisser Dränger los würden. Doch es geschehe der Wille des Herrn! Bitte ihn für uns.“

Endlich gelang es im März 1534 durch den Freund Bullingers, Lavater, Landvogt in Kyburg, und den bernischen Landvogt in Lenzburg unter Billigung ihrer Regierungen Schritte zur Annäherung zu thun; nun wurden auf Bullingers Antrieb die bernischen Amtleute im Aargau von Staatswegen nach Zürich eingeladen, hier und in Kyburg drei Tage lang aufs glänzendste bewirthet; sie kehrten alsdann mit schriftlichen Vorschlägen Bullingers zurück über die weitere Vollführung der begonnenen Vereinigung. - Eine Folge davon war die Ausgleichung der oben berührten Verschiedenheiten in  einzelnen kirchlichen Dingen, namentlich aber eine Vereinigung der fünf evangelischen Kantone über gleichmäßiges Verfahren in Ehesachen. Bezeichnend ist es für die Anschauung jener Zeit und wohl noch immer beachtenswerth innerhalb der evangelischen Kirche, daß von der Ehescheidung in diesen Satzungen nicht wie von einem preiswürdigen Rechte des evangelischen Staates gesprochen wird, vielmehr mit tiefem Bedauern als von einer zwar berechtigten, aber bloß nothgedrungenen Rücksichtnahme auf die annoch vorhandene Blödigkeit der Menschen zur Vermeidung ärgeren Unheiles.

Jene Dränger, von denen Bullinger oben redete, die römisch Katholischen einerseits, die Wiedertäufer andererseits, waren es, die das Evangelium in Solothurn in die äußerste Gefahr brachten und endlich verdrängten, so daß nicht bloß aus der Stadt, sondern auch aus mehr als dreißig Landgemeinden ihre evangelischen Prediger nebst Hunderten von beharrlichen Bekennern des Evangeliums vertrieben wurden. Nur das festeste Zusammenwirken Berns und Zürichs hätte dieses schwere Unheil verhüten mögen. Jetzt war dies leider nicht mehr gut zu machen.

Jene Dränger waren es auch, vor denen in der Grafschaft Baden, im Thurgau, im Gebiete des Abtes von St. Gallen die evangelischen Prediger täglich und stündlich um ihr Leben besorgt sein mußten. Hatte doch der Hofmeister des letztern, wie der Pfarrer von Berg bei Rorschach wehklagend und Schutz suchend an Bullinger schrieb, offen heraus gesagt: es bessere nicht bis sein gnädiger Herr vier oder fünf Prediger in einen Thurm setze und ihnen dann eine Platte schere, daß die Köpfe an den Weg fallen, das Blut aber über sich springe.

Jener Dränger halb schwebte das ganze Land in solcher Gefahr, daß Bullinger gegen Ende des Jahres 1533 an Myconius schrieb: „Wahrlich, wahrlich, Alles droht unserm Vaterlande den Untergang; o möge Gott seine Heiligen erlösen aus all ihrem entsetzlichen Elend! Doch es geschehe der Wille des Herrn. Wir thun eifrig das Unsere und nicht ganz umsonst, aber

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freilich nicht so viel, als wir gerne möchten. Mögen übrigens noch so Viele an Zürich verzweifeln, - ich verzage doch nicht. Gibt es auch im Rathe deren, die nach beiden Seiten hinken, mehr als der Sache Christi gut ist, so ist doch rein und fest der Sinn der Gemeinde.“

Was aber die Unsicherheit erhöhte, den Sinn der Gemeinden, zumal der jüngeren Leute, am meisten bedrohte und darum Bullingers Gemüth vielfältig beängstigte, war das stete Drängen berühmter Söldlingsführer, deren Etliche Zürichs Bürger gewesen, zu Kriegszügen in fremdem Solde; Ruhm und Sieg, Gewinn und Abenteuer schimmerten so lockend der waffenkundigen Jugend entgegen trotz Allem, was das ernste Evangelium gegen des Krieges Jammer, gegen unchristliches Blutvergießen und seelengefährdendes Kriegerleben einwandte. Nur der festeste Wille der Obrigkeit konnte da der erkannten evangelischen Wahrheit Nachdruck verleihen, und diesem größten Feinde, der im Schweizerlande dem wahrhaft christlichen Sinne und Leben sich entgegen stemmte, siegreich widerstehen. Eben auch dafür aber war Zürichs erneuete Befreundung mit Bern von Wichtigkeit und geraume Zeit von großem Segen.

Doch sehen wir nun, wie Bullinger mitten in den Wirren dieser unsichern Zeiten an den Ausbau der evangelischen Kirche, an ihrer festen Gestaltung arbeitete.

 

 

Zweiter Abschnitt.

Kirchliche Gestaltung. Bullingers Wirksamkeit zum Ausbau und zur Leitung der zürcherischen Kirche und Schule.

38. Rettung des Stiftes zum Großmünster.

Wie Bullinger einerseits bemüht war, mit aller Kraft und Beharrlichkeit dem Pabstthum, das offen und geheim überall wieder nach Alleinherrschaft rang, zu widerstehen und das heiß errungene Evangelium nicht zurück drängen zu lassen; so erwarb er sich andrerseits um den Ausbau der erneuerten Kirche, um ihre weitere Gestaltung und innere Ordnung die größten Verdienste.

Vor Allem aus war hiefür von Wichtigkeit die Heranbildung tüchtiger Kräfte zum Dienste der Kirche. Hiefür aber kam es wesentlich an auf weise Verwendung der ökonomischen Kräfte des Chorherrenstiftes zum Großmünster, das vor der Reformation eine Menge müssiger Priester genährt hatte (es waren 24 Chorherren und 36 Kapläne), dann aber unter Zwingli's Leitung dem Zuge der Reformation gefolgt war und 1523 eine gänzliche Umgestaltung im evangelischen Sinne erfahren hatte (s. Christoffels Zwingli Abth. 1,

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S. 95). Freiwillig verzichteten damals die Stiftsherren auf ihre weltlichen Gerichte und Hoheitsrechte, hinwieder wurde ihnen die selbständige Verwaltung der Stiftsgüter zugesichert unter der Aufsicht des Staates und mit der Verpflichtung, daß den ursprünglichen Zwecken der Stiftung gemäß wirkliche Kirchendienste für die zugehörigen Stadt- und Landgemeinden daraus sollten bestritten, eine „ehrsame, wohlgelehrte, züchtige“ Geistlichkeit aufgezogen und ein ziemlicher Theil des Gutes für die Armen solle verwandt werden. Die Jnhaber der Pfründen wurden mit Schonung behandelt, nicht gemäß den Gelüsten etlicher Wiedertäufer, welche radikal genug sie ohne Weiteres verstoßen wollten; auf Lebenszeit verblieben sie im Genusse ihrer Einkünfte. Während die einen derselben zu den freudigsten Bekennern des Evangeliums gehörten, gab es, als Bullinger, zum Pfarrer gewählt, in ihren Kreis eintrat, noch etliche, die sich nie mit Zwingli befreundet hatten. Bullinger kam ihnen mit vieler Achtung und Freundschaft entgegen, er ehrte sie wie Väter, bot ihnen Bücher dar und forderte sie auf, wo ihnen in seinen Predigten etwas anstößig vorkäme, es ihm freimüthig zu sagen; gerne wolle er sich dann näher über solche Punkte mit ihnen besprechen. Schon dadurch gewann er ziemlich ihre Herzen. Jndeß bot sich ihm alsbald Gelegenheit, ihnen noch einen größern Dienst zu leisten, mit voller Ueberzeugung, und eben damit zugleich das Gedeihen der Kirche, zumal ihrer Lehranstalt bedeutend zu fördern.

Als nach dem Unfall bei Kappel von vielen Stimmen, wie wir früher vernommen, alles Unheil den Geistlichen beigemessen wurde, rieten Etliche der Gewaltigen im Rathe dazu, daß man die Unkosten beim Stifte suche und daraus die Schulden des Staates tilge, die um des Krieges willen gemacht worden. Noch immer sei der Einfluß der Geistlichen zu groß, klagten diese Lüsternen, und brachten die alten Klagen über Müssiggang, Vergeudung, Willkür und Habsucht der Stiftsherren aufs neue vor, Klagen, die vordem wohl begründet, nun aber, seit Alles unter der Aufsicht der Obrigkeit stand, unbillig und lieblos waren. Bereits wurde ruchtbar, wie nun die unentbehrlichsten Pfarr- und Lehrstellen mit geringer Besoldung beibehalten, sonst aber alle Häuser, Gärten, Felder, Wiesen, Weinberge, Renten, Gülten und übrigen Einkünfte des gesammten Stiftsgutes „vom Staate zu seinen Handen gezogen werden sollen.“

Die Mitglieder des Stiftes indeß, wie sie inne wurden, was man beabsichtigte, entschlossen sich, das Jhrige zu thun zur Erhaltung dieser kirchlichen Stiftung. Vier von ihnen Abgeordnete, Bullinger an ihrer Spitze, erschienen am 17. Febr. 1532 vor dem versammelten großen Rathe, und er eröffnete in einem eben so ruhigen und bescheidenen, als freimüthigen und muthigen Vortrage ihre Beschwerden. Gründlich und einfach lehnte er die erhobenen Beschuldigungen ab. Dann aber stellte er aufs augenfälligste das Unheilvolle des obschwebenden Schrittes dar: „Eben dem Evangelium, das ihr unter euch zu haben und zu fördern wünschet und um deswillen allein ich heute hier vor euch

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stehe und zu euch rede, würde daduch der stärkste Stoß versetzt, wenn ihr dieses so alte und stattliche Stift schwächen oder zerstören wolltet. Jetzt ist es ja reformirt und wird zum Dienste der Kirche und für das Studium der schriftmäßigen göttlichen Wahrheit verwendet. Gerade das zähle ich zu den edelsten Vorzügen der alten christlichen Kirche in den ersten Jahrhunderten, daß sie so treffliche Schulen besaß zur Bildung christlicher Lehrer, z.B. in Antiochia und Alexandria [19]. Wie viele von den Abirrungen des Pabstthums sind aus Unwissenheit eingeschlichen! Wollt ihr nicht wieder in den alten Jrrthum und unter des Pabstes Gewalt zurück sinken, so seht euch bei Zeiten vor. Bei 130 im Worte Gottes wohl unterrichtete Männer solltet ihr haben für den Dienst der Kirchen in eurem Gebiete. Wo will man die finden, wenn sie nicht mit der Zeit hier in Zürich herangebildet werden? Oder wie möget ihr ein recht gottesfürchtiges und gehorsames Volk haben ohne Gottes Wort? Wie groß aber dermalen dahier bei euch der Mangel ist an solchen gelehrten, weisen und erfahrenen Zeugen, das wisset ihr selbst. Bedenket, daß eure Vorfahren viele und schwere Kriege geführt, dabei aber allezeit das Stift unangefochten gelassen haben. Ja, die Feinde des Evangeliums, wie ein Faber, Eck und Murner, die würden triumphiren und in der ganzen Welt es ausposaunen, wenn ihr selbst das von euch aufgerichtete und im Drucke ausgegebene Vorkommniß, durch das ihr so oft und feierlich dieser herrlichen Stiftung ihren Fortbestand zugesichert habet, brechen würdet. Jedoch bitten wir euch ferner wie bis dahin treue Pfleger aus eurer Mitte abzuordnen, die sammt den vom Stifte dazu Bestellten über gewissenhafte Verwaltung der Güter wachen und zum Wohle der gesammten Kirche das Beste rathen.“

Diese kräftige und einleuchtende Ansprache wurde günstig aufgenommen, sie bewahrte die Obrigkeit vor der bedenklichen Klippe eines Wortbruches, der zugleich eine auffallende Abweichung von ihrem bisherigen Verfahren und eine grelle Verletzung von Zwingli's gewissenhaften Grundsätzen in sich geschlossen hätte. Der Entscheid fiel dahin aus: Das Stift soll dem Verkommniß gemäß bleiben, doch mit der Bestimmung, daß von Keinem mehr als eine Chorherrenpfründe bezogen werden dürfe; alle unter verschiedenen Titeln bisher mit einzelnen verbundenen Nebenpfründen, sodann die durch das Absterben bisherigen Jnhaber erledigten Einkünfte sollen für die Prediger, zu denen auch die der umliegenden Filialkirchen gerechnet wurden, sowie für die Leser (Professoren), Lehrer, Schüler und Studien, das sogenannte „Studentenamt“, verwendet werden.

Damit war der theologischen Wissenschaft für drei Jahrhunderte ihre Freistätte in Zürich gerettet, und das gedeihliche Aufblühen einer

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Pflanzschule von evangelischen Glaubenszeugen für einen großen Theil der östlichen Schweiz ermöglicht. „Ja, jetzt erkenne ich“, schreibt daher Bertold Haller an Bullinger bei der Nachricht von diesem Vorgange, „daß du in Zürich noch nöthiger bist als in Bern.“ Das wenig bebaute und kärgliche Feld bedurfte indeß der treuesten Pflege und des sorgsamsten Schaffens von Seiten unseres Bullinger.

39. Bullingers Förderung der zürcherischen Schulanstalten.

Wie der Baum, der gedeihen und reichliche Frucht bringen soll, seine Wurzeln tief in den Boden der Erde treiben muß, um immer neue Säfte an sich zu ziehen und in das Seinige zu verarbeiten; so nothwendig ist es jeder evangelischen Kirche zu ihrem gedeihlichen Fortbestehen, immer wieder jüngere Kräfte aufzunehmen, an den Quellen des heilbringenden Gotteswortes zu tränken und dadurch zu ihrem Dienste heranzubilden. Bullingern, der selbst Schulmann gewesen und seine glückseligsten Jahre in jugendlich frischer Wirksamkeit in Kappel zugebracht hatte, lag diese Heranbildung ganz vorzüglich am Herzen. Der Gedanke, den schon Zwingli gefaßt, daß es unerläßlich sei, durch eine tüchtige Schule hier in Zürich das Licht des Evangeliums zu wahren, war völlig der seinige. Was aber die stürmischen Zeiten seines Vorgängers nur theilweise zugelassen, sollte durch ihn nun vollständiger aus- und durchgeführt werden, damit „eine ehrsame, wohlunterrichtete und züchtige“ Geistlichkeit auferzogen werde. So war es ihm vergönnt, was die Brüder des gemeinsamen Lebens noch in den hemmenden Fesseln des Pabstthums unter ungünstigen Umständen erstrebt hatten, hier unter weit günstigern Verhältnissen im hellen Lichte evangelischer Wahrheit ins Werk zu setzen. Einheimische Prediger in hinreichender Zahl heran zu ziehen, schien ihm in der Eidgenossenschaft um so dringender, da die im Lande Gebornen eher wüßten, „was Liebs und Leids die Eidgenossen mit einander erlitten, bis sie zu dieser herrlichen Freiheit gekommen, und desto eher nach Ruhe und Einigkeit trachten würden; es auch leichter wäre ihnen im Fall eines Fehlers einzureden.“ Zudem hatte ja die zürcherische Regierung nach dem letzten Kriege versprechen müssen, sich vor den weniger rücksichtsvollen Ausländern zu hüten, wobei indeß keineswegs Bullingers Meinung war, daß nicht auch Fremde hier Bildung und Anstellung finden könnten. Noch ein Grund, weshalb er nöthig fand, daß Zürich für die Bildung tüchtiger Prediger das Möglichste thue, lag in der Rücksichtnahme auf die Glaubensbrüder in den gemeinen Herrschaften, da diese nicht vermochten, aus eigenen Kräften solche sich zu verschaffen, auf politischem Wege ihnen ja so wenig zu helfen war, und von Zürich aus fast nur dies Eine, aber freilich auch Wichtigste für sie sich thun ließ, wackere Boten

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des Evangeliums zu erziehen, damit sie der himmlischen Nahrung nicht ermangeln müßten.[20]

So sehen wir nun Bullinger, da er an Zwingli's Stelle oberster Schulherr geworden, unermüdlich wirksam zur Förderung sowohl der höheren theologischen Lehranstalt, als auch der gesammten auf die vorbereitenden Schulbildung. Gleich im März 1532 wurde, wie oben erwähnt, Theodor Bibliander (Buchmann) angestellt für die theologische Professur, die Zwingli neben all seinen übrigen Geschäften in den letzten Jahren versehen hatte; man erkannte, daß es zu viel wäre, sie auch noch auf die Schultern des Pfarrers zu legen. Bullinger selbst gehörte zu den fleißigsten Zuhörern des als Schriftausleger ausgezeichneten Bibliander. Er wisse nicht, schreibt Bullinger von ihm, ob ihm jemand an Gelehrsamkeit, Verstand und Freundlichkeit vorzuziehen sei. Noch sind fünfundvierzig eigenhändige Hefte vorhanden, die er in seinen Vorlesungen niederschrieb. Auch sonst wohnte Bullinger häufig den Collegien bei, nicht sowohl um selbst zu lernen, als um durch sein Beispiel und seine Gegenwart Lehrer und Lernende zu desto emsigeren Studien zu ermuntern. Freilich unterschied sich überhaupt die damalige Zuhörerschaft bei diesen theologischen Vorlesungen wesentlich von denen unserer Tage. Da sah man neben den Jünglingen gereifte Männer, die entladen der Verdunkelung nun erst im Worte Gottes ihre rechte Erleuchtung suchten, um zum Dienste evangelischer Kirchen tüchtig zu werden; auch Greise saßen da, indem alle Glieder des Stiftes und geistlich Genannten verpflichtet waren, jeden Morgen der an die Stelle des unerquicklichen Chorgesangs getretenen Vorlesung und Erklärung eines Schriftabschnittes beizuwohnen.

Auf Schriftauslegung nämlich war vor Allem das Augenmerk der evangelischen Theologie gerichtet und mußte es sein. Daß die Schrift ausgelegt werden müsse, hatte man den Wiedertäufern gegenüber schon so oft und nachdrücklich festgehalten; daß sie aber aus und durch sich selbst gemäß den Grundsprachen müsse erklärt werden, war der römischen Kirche und ihren Satzungen gegenüber aufs entschiedenste festgestellt worden. Nun galt es, damit Ernst zu machen, da stets tiefer einzudringen und von da aus über alle Fragen des christlichen Glaubens und Lebens immer vollständiger zur Klarheit und Wahrheit hindurch zu dringen. Daher hielt auch Bullinger vor Allem auf gründlicher Schriftkenntniß, auf genauer Aneignung der dazu nöthigen Sprachkenntnisse, und legte bei den jährlichen Schulprüfungen, denen er immer beiwohnte, und namentlich bei den theologischen Prüfungen, die er allezeit bis an das Ende seines Lebens selbst vornahm, darauf großes Gewicht.

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Wie weit und groß aber der Kreis der daran sich anschließenden und der Kirche dienlichen Kenntnisse seinem Urtheil gemäß sein mußte, sahen wir früher schon bei seiner Anleitung zum theologischen Studium, die er für Werner Steiner verfaßte, und werden es auch weiterhin wahrnehmen; neben den philosophischen und geschichtlichen Studien schloß er auch die Naturwissenschaften, die Mathematik und die neueren Sprachen nicht davon aus.[21]

Er selbst entwarf die gesammte Schulordnung, die ein wohlthuender Geist der Milde und väterlichen Ernstes durchweht. Mit gleicher Treue sorgte er darin für die Professoren und Lehrer, die Studierenden und Schüler. Alle wurden zu Ostern einer strengen Censur unterworfen. Jedem waren seine Pflichten genau vorgezeichnet, so daß er bestimmt wußte, was man von ihm erwartete. Mit Würde und Ernst hielt Bullinger Alle zu gewissenhafter Pflichterfüllung an. Unter seiner unmittelbaren Aufsicht stand die theologische Lehranstalt, von Alters her zu Ehren Carls des Großen Carolinum (Carlsschule) genannt, die anfangs nur vier Professoren zählte, und die Studierenden. Dem Gymnasium stand ein „Schulmeister“ (Rektor) vor, dem ein Provisor (Conrektor) untergeben war nebst etlichen Lehrern. Bullinger aber bekümmerte sich auch hier um jeden einzelnen Schüler.

Gehorsam und fleißiger Besuch des sonntäglichen und täglichen Gottesdienstes ist das Erste, was von jedem Zögling gefordert wurde; sodann unausgesetzter Fleiß, sowohl in als neben den Lehrstunden, fleißiges Aufzeichnen und Wiederholen des Vorgetragenen, pünktliche Lösung der Aufgaben, reichliche Uebung im schriftlichen und mündlichen Ausdrucke; niemand darf auf den Gassen müssig stehen in den Tagesstunden, die heiliger Maßen der Arbeit zu widmen sind. „Weil aber,“ heißt es sodann, „Gelehrtheit ohne Zucht und Ehre nichts gilt und nichts ist“, wird ein züchtiges, ehrbares, mäßiges Leben erwartet; vor Schlemmen, Prassen, nächtlichem Schwärmen, Tanzen, üppiger Kleidung, Verkehr mit lüderlicher Gesellschaft muß jeder sich wohl hüten, der sich nicht der Rüge und weiterer Bestrafung will aussetzen. Wo's sein muß, wird bestraft mit Wort, Ruthe, Gefängniß und endlich Wegweisung, „wiewohl gewünscht wird und jedem doch besser ansteht, daß er des Gehorsams und Fleißes, der Frömmigkeit und Tugend vielmehr aus Liebe und freiem Willen sich befleiße, denn der Strafe wegen.“ Die Lehrer haben, zumal in den untern Klassen, auf die Fähigkeiten der Schüler genau zu achten, damit Unfähige alsbald entfernt werden.

Auch für die äußeren Erfordernisse wurde auf Bullingers Antrieb und Rath das Nöthige gethan, die vorhandene Stiftsbibliothek wesentlich vermehrt, zunächst durch den Ankauf von Zwingli's Büchervorrath, sodann

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durch fortgehende Anschaffungen; auch zweckdienliche Hörsäle und Lehrzimmer wurden eingerichtet, und den Lehrern des Gymnasiums solche Häuser zur Wohnung angewiesen, in denen sie füglich Raum hatten, eine Anzahl von Schülern in Kost zu nehmen.

Dies führt uns aber nothwendig auf

40. Bullingers Sorge für Stipendien.

Als eine unerläßliche Sache betrachtete Bullinger die geregelte Unterstützung der Schüler und Studierenden durch Geldmittel. Die erneuerte Kirche nämlich bot ihren Dienern nicht mehr Ehre, Gewinn und bequeme Ruhe wie zuvor die päbstliche, sondern nicht viel Anderes als Arbeit, Mühe und Gefahr bei spärlichem Auskommen. Begreiflich, daß die einen Eltern, wie Bullinger bemerkt, keine Lust hatten ihre Söhne dafür hinzugeben, andere aber, denen es an Muth und innerem Trieb nicht fehlte, die nöthigen Mittel gebrachen zur Bestreitung der Unkosten, zumal bei den vielfach gesteigerten Anforderungen.

Schon 1527 ward daher ein kleiner Fond, das „Studentenamt“, zu diesem Zwecke angelegt, doch so gering waren anfangs die Einkünfte, die zur Verfügung standen, daß man nur drei Stipendiaten ein wenig unterstützen, sodann nach zwei Jahren ihre Jahrgelder etwas erhöhen konnte. Jhre Zahl stieg hernach auf vier, 1532 nun in Folge des oben erwähnten Rathsbeschlusses auf sechs. „Sechs Stipendiaten hat eure Kirche,“ schrieb Capito damals an Bullinger, „sechzig solltet ihr haben!“ Wie weit war aber Zürich hiervon entfernt; dies erschien wie eine baare Unmöglichkeit. Und siehe da, durch weise Sparsamkeit, treue Verwaltung und sorgsame Verwendung der allmälig durch Absterben erledigten Pfründen gelangte die zürcherische Kirche dahin, daß gegen die Mitte des Jahrhunderts die Gesammtzahl ihrer Stipendiaten  sogar achtzig betrug. Bullinger war es, der mit unablässiger Beharrlichkeit auf dies Ziel hinsteuerte; wie viel Mühe und Sorge er sich damit auflud, läßt sich eher denken als aussprechen. Wir finden ihn da völlig in seinem Elemente, unermüdlich, Taugliche heraus zu finden, sie am geeigneten Orte unterzubringen, anzuspornen, aufzumuntern, fortzuhelfen, zu dämpfen, auf alle stillen Wünsche und begründeten Bedürfnisse der Heranreifenden einzugehen. Wie er auch Schwächere mit Milde und Weisheit zu beurtheilen verstand, vernehmen wir aus einem Briefe, worin er äußert: „Joh. Fabritius ist mir wirklich lieb, weil ich bei ihm eine ungemeine Herzensgüte finde. Fürs Wissenschaftliche ist er freilich langsam, aber sonst gut und redlich. Solche Herzensgüte ziehe ich dem bloßen Scharfsinn vor. Doch die glücklichsten Naturen sind immerhin die, welche Beides von Gott empfangen haben und sich bestreben in Beidem zu wachsen.“

Die von ihm ausgearbeitete Verordnung betreffend die

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Stipendiaten setzt fest: Bei den jährlichen Prüfungen soll man ein fleißiges Aufsehen haben auf die Fähigkeiten der Knaben, damit die Besten aus ihnen zu Stipendiaten können angenommen werden. Jm ersten Jahre gibt man einem Jungen zehn Gulden. Dann soll er nach gewissenhaftem Berichte über sein Verhalten, falls dieser günstig ausfällt, den Pflegern und Stiftsherrn vorgestellt und gefragt werden, ob er das Stipendium begehre. Bejaht er es, so soll die Mühe, Gefahr und Wichtigkeit seines künftigen Berufes ihm vorgestellt und ihm zugleich angezeigt werden, daß, falls er zurück träte oder ausgeschlossen werden müßte, alle Kosten von ihm, nicht von den Eltern, die sonst Leids genug mit ungehorsamen Söhnen haben, zurück gefordert würden, so er je zu Eigenthum käme. Ferner hat ein Stipendiat den Schulherrn, Rektoren und allen Vorgesetzten Gehorsam zu leisten und darf, ehe er aus der Fremde kommt oder es ihm bewilligt wird, sich nicht verehlichen. Nach vollendeten Studien soll er sich zum Kirchen- oder Schuldienst dahier gebrauchen lassen, wo man seiner bedarf, auch keinen Dienst oder fremde Stipendien ohne Erlaubniß annehmen. Bei Zunahme der Geldmittel wurden fünf Grade verordnet zu 10, 15, 20, 25, 40 Gulden, wobei die Pfleger freie Hand hatten. Die, welche wohl studiert haben, heißt es ferner, und ehrbaren Lebens sind, so daß man das gute Zutrauen zu ihnen haben darf, sie werden anderwärts nicht leicht verführt werden, kann man an geeignete Orte ins Ausland schicken. Bei ihrer Rückkehr haben sie Zeugnisse ihres Verhaltens vorzuweisen und eine Prüfung über ihre auswärts erworbenen Kenntnisse zu bestehen.

Der größte Theil dieser Stipendiaten, zum Großmünsterstifte zugehörig, lebte in Privathäusern bei Eltern, Verwandten oder, was gar häufig vorkam, bei Lehrern, Professoren oder Stadtgeistlichen.

Ein anderer Theil dagegen befand sich Anfangs auf dem Lande, eben in dem Kappel, wo Bullinger ihr erster Erzieher gewesen, und lebte aus den Einkünften des dortigen Klosters; außerdem durften auch andere Schüler gegen ein mäßiges Kostgeld daselbst weilen. Ohnehin war Bullinger der Ansicht, daß die ländliche Stille und Abgeschiedenheit für die reine Entwicklung jugendlicher Gemüther wie für das Lernen unter zweckmäßiger Leitung und Aufsicht viele Vorzüge habe vor dem Stadtleben und seinen mannigfachen Zerstreuungen, zumal für Solche, die sich dem geistlichen Stande widmen möchten. So liegt ein anmuthiges Gutachten vor uns, worin er in Bezug auf das aufgehobene Kloster Rüti, dessen wenige übriggebliebene Mönche durch schandbare Ausgelassenheit und hartnäckige Widersetzlichkeit der Obrigkeit viele Mühe verursachten, anräth, jene Mönche in die Stadt zu versetzen, in Rüti aber eine Lehranstalt ähnlich der in Kappel (ein Progymnasium) zu errichten. Als sich jedoch in Kappel Mißhelligkeiten zwischen dem Erzieher und dem Verwalter des Klostergutes erhoben, war es Bullinger, auf dessen Betrieb die Schule in die Stadt gezogen, ins Haus zum

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Kappelerhof versetzt, erweitert und da der Raum nicht reichte, ins Haus der Aebtissin zum Fraumünster verlegt wurde. Voll Freude schreibt Bullinger darüber im Oktober 1538 an Myconius: „Der Rath hat das schöne und geräumige Haus der Aebtissin unsern Stipendiaten zur Wohnung eingeräumt. Rhellican (Johannes Müller aus Rellikon am Greifensee, ein sehr gelehrter Mann) ist ihr Erzieher, er wohnt hinter der Kirche. Ammann Köchli besorgt die Kost und die ökonomische Verwaltung. So ist für die Studien und die Studierenden gut gesorgt.“ Hier lebten nun 15 bis 20 Zöglinge beisammen, denen, auf Bullingers erneute Verwendung, alles Nöthige, selbst die Kleidung, genügend, wenn auch bescheiden und einfach gereicht wurde. Viele ausgezeichnete Diener der zürcherischen Kirche gingen bis auf die neueren Zeiten aus dieser Anstalt hervor. 1540 wurde verordnet, daß man je die vier ältesten Zöglinge in die Fremde schicken solle.

41. Bullingers Verkehr mit den Studierenden im Ausland.

Werfen wir noch einige Blicke auf diese Reisenden. Bullingers Verhältniß zu ihnen ist sehr beachtenswerth; es ist ein recht väterliches; er leitet stets ihren Gang und erhält von ihnen ihrer Verpflichtung gemäß Nachrichen über das, was sie im Auslande wahrnahmen, zumal wofern es für die zürcherische Kirche von Belang sein konnte. Zu den ersten der Zeit nach gehörten Johannes Fries, später Schulrektor, und Konrad Geßner, der nachmals weltberühmte Naturforscher; von Straßburg durfte jener nach Paris, dieser nach Bourges gehen zu dem trefflichen württembergischen Sprachkenner Wolmar; Bullinger sendet ihnen durch Vermittlung B. Hallers in Bern das Geld, verlangt aber treuste Verwendung und genauere sofortige Auskunft über ihre Studien und ihre Lehrer; sie sollen recht emsig sein, dessen eingedenk, daß sie Stipendiaten der zürcherischen Kirche seien und trachten ihr einst nützlich zu werden. Otto Werdmüller, nachher Professor in Zürich, reiste, von Bullinger selbst an Luther und Melanchthon empfohlen, 1538 nach Wittenberg. Die meisten besuchten die Universität Basel. So Rudolf Gwalter, der Nachfolger Bullingers in der Antisteswürde, an dem wir den Studiengang und Bullingers Weitherzigkeit rücksichtlich der Bildung eines Theologen leicht erkennen mögen. Geboren im Jahre 1519, nachdem sein Vater von einem herab stürzenden Balken erschlagen worden, kam er 1528 nach Kappel, blieb drei Jahre; dann nahm Bullinger den vater- und vermögenlosen Knaben in sein Haus, behielt ihn drei Jahre lang ohne alle, die übrige Zeit gegen eine geringe Entschädigung; 1537 ließ er ihn als Begleiter eines jungen vornehmen Engländers, der eine Zeit lang bei ihm gewohnt hatte, nach London reisen, einige Monate in England verweilen, und unterweges in Köln den mehr als achtzigjährigen Johannes Cäsarius, den einstigen Lehrer Bullingers, besuchen, dem die

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Anmuth und der Anstand des Jünglings das Herz abgewann. Jm Sommer 1538 empfiehlt ihn Bullinger aufs dringendste an Professor Simon Grynäus und an Antistes Myconius nach Basel. „Hier sende ich dir meinen Kostgänger“, schreibt er an Letztern, „ja vielmehr meinen Sohn Rudolf Gwalter; ich bitte dich innigst, nimm ihn unter deine Leitung und Obsorge und behandle ihn ganz, wie wenn er dir gehörte. Mir ist er lieb seiner Geistesgaben und seines lauteren Sinnes wegen. Was du ihm daher erzeigest, darfst du ansehen, als habest du mir's erwiesen. Was du für ihn auslegst, bezahle ich.“ Gwalters Briefe sind voll herzlichen Dankes gegen Bullinger und frischer Lebensanschauung. Jm Sommer 1539 durfte er nach Lausanne reisen, wo er Geßner traf, das Französische erlernte und Einsicht in die verwickelten Verhältnisse der Waadt gewann. Da Basel von der Pest heimgesucht war, reisten drei zürcherische Stipendiaten im Frühjahr 1540 nach Tübingen mit einem amtlichen Empfehlungsbriefe der zürcherischen Schulbehörde an die Professoren daselbst; doch gefiel es ihnen dort nicht, sie wünschten alle nach Marburg zu gehen. Dies wurde gestattet und Gwalter angewiesen, ihnen dorthin zu folgen. Wiewohl Bullinger damals, wegen seiner Geschäftsmenge und da nun Allles organisirt war, das Schulherrnamt bereits an Professor Ammann abgegeben hatte, ohne indeß aus der Schulbehörde auszutreten, richtete er (im Einverständnisse mit dem jetzigen Schulherrn) an Gwalter und seine drei Mitstudierenden im Herbste 1540 ein Schreiben folgenden Jnhalts: „Alle euere Briefe verlangen nur mehr Geld; dies kann aber nicht sein; 38 Gulden habt ihr des Jahres und mehr nicht. Jhr ersinnet immer Neues, was Kosten verursacht. Wozu möchtet ihr denn sonst den Magistertitel erwerben? Der zürcherischen Kirche genügt es, wenn die Jhrigen vom Ausland mit Kenntnissen wohl ausgestattet und mit guten Sitten zurück kommen auch ohne Titel. Zudem steht ja in Frage, ob nicht der Eid etwa Solches enthielte, das nicht Allen zusagen würde.“ Dann gibt er Gwaltern Anleitung, wem in Zürich er seine drei eben zum Drucke bereiten Erstlingsschriften dediciren möge, und warnt ihn, ja nichts gegen die fünf katholischen Kantone heraus zu geben, indem er über die Vorgänge in der Heimath ihm und seinen Mitstudenten in väterlicher Einläßlichkeit berichtet: „Lüge ist, was man als Gerücht bei euch ausstreue, als ob ein Treffen zwischen den Unseren und den fünf Orten Statt gefunden. Alle Eidgenossen sind ganz einig, und wollten eine Besatzung von tausend Mann nach Rottweil legen. Urner, Schwyzer und Zuger zogen in und mit den Zürchern aus unserer Stadt und riefen beim Ausziehen vom Fischmarkt an und durchs Niederdorf, man solle ihnen doch verzeihen, sie wollen uns alles Gute thun usw. So hat's Gott aus Gnaden gefügt. Die Eidgenossen wollen fortan zusammen halten und was auch über sie komme, den Glauben nicht zu einer Ursache von Trennung werden lassen. Jetzt verhandelt man darüber, daß auch die fünf Orte sammt Freiburg, Solothurn und Wallis, falls

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wir um unsers Glaubens willen angegriffen würden, uns beistehen und den Angriff als gegen den gesammten Bund gerichtet betrachten möchten. Ueberhaupt sind sie freundlicher als je zuvor. Gott weiß, was werden soll. Betet zu ihm treulich! O wie stünde es so gut, wenn wir eins würden im Glauben an unsern Herrn Jesum Christum! Wie wollten wir den armen bedrängten Glaubensbrüdern so viel gute Dienste thun und treulich denen helfen, die vom Antichrist gepeinigt werden. Um das bittet Gott inbrünstig, liebe Söhne!“ So herzlich und herzgewinnend wußte Bullinger zu heran wachsenden Söhnen des Vaterlandes zu sprechen.

Gwaltern war es noch vergönnt, im Gefolge und auf Kosten des Landgrafen Philipp von Hessen im Sommer 1541 dem Reichstage zu Regensburg beizuwohnen; täglich genoß er da des freisten Verkehrs mit den hessischen und andern Theologen. Gleich nachher sehen wir ihn im Amte und schon am 3. August 1541 verehlicht mit Regula Zwingli, der Tochter des Reformators, die gleich ihm in Bullingers Hause aufgewachsen und frühe vorzüglich schon und kräftig heran gereift war.

Doch wir werden noch weiterhin sehen, welch einen Reichthum an tüchtigen Mitarbeitern Bullinger sich heran zog zum Werke des Herrn. „Du weißt, schrieb er 1537 einem Freunde, wie wichtig zur Erhaltung und Förderung der Kirche und des Staates die gute Einrichtung der Schulen und die rechte Bildung der Jugend ist schon vom Knabenalter an. Da muß man wohl manchen Verdruß hinunter schlucken und keine Mühe scheuen. Denn der reichste Ertrag wird dereinst solche Mühe und Arbeit köstlich lohnen!“ Dies Wort sollte an ihm selbst in Erfüllung gehen.

Daß ein Mann voll dieser Begeisterung für die Jugendbildung auch andere Stätten des Evangeliums mit Wort und That zur Errichtung und gewissenhaften Pflege von Schulanstalten ermunterte, darf kaum erst noch beigefügt werden.

42. Bullingers Predigerordnung. Prüfung und Wahl der Geistlichen.

Doch nicht bloß auf die Zukunft durfte sich Bullingers Sorge für den Ausbau der erneuten Kirche Zürichs richten, auch ihre Gegenwart erforderte kräftiges Eingreifen und festere Gestaltung. War es wichtig, tüchtige Diener des Evangeliums heran zu bilden, so mußte es nicht weniger unerläßlich sein, daß die bereits angestellten Zeugen der christlichen Wahrheit in ihrem Amte treu sein und der Gemeinde ein Vorbild des christlichen Wandels darbieten. Um in beiden Beziehungen das Vehalten jedes Einzelnen zu erforschen und wofern nöthig zu rügen, auch sonst über Alles, was zum Frommen der Kirche dienen konnte, sich zu berathen und erforderlichen Falles Anträge zu stellen, waren auf Zwingli's Vorschlag schon seit 1528 halbjährliche amtliche

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Zusammenkünfte aller Geistlichen - Synoden - angeordnet worden. Allein es fehlte noch an festen Bestimmungen.

Nunmehr wurde eine umfassende Predigerordnung mit Beifügung einer Synodalordnung von Bullinger und Leo Judä entworfen, gemäß ihrem Grundsatze, daß in kirchlichen Dingen die weltliche Obrigkeit nicht von sich aus irgend etwas aufzustellen, sondern das Wort Gottes durch die Diener desselben zu hören und darnach zu verfahren habe. Von der Synode wurde der Entwurf im October 1532 angenommen; die Regierung ertheilte mit Freuden ihre Genehmigung, und verlieh ihm damit Gesetzeskraft. Dieser Entwurf ist in doppelter Hinsicht beachtenswerth, einmal weil er die einzelnen Bestimmungen sorgfältig begründet gegenüber den päbstlichen Uebungen, und fürs Andere, weil er so vollständig und glücklich ausfiel, daß im Verlaufe von beinahe drei Jahrhunderten keine wesentlichen Aenderungen vorgenommen werden mußten.

Da der Kernpunkt der Reformation darin lag, alle Menschensatzungen zu beseitigen und allein auf Gottes Wort abzustellen, so wird vor Allem die Aufstellung einer solchen Ordnung durch ihre Unterordnung unter Gottes Wort gerechtfertigt. „Keine Freiheit, beginnt daher diese Synodalordnung, weder geistliche noch weltliche kann durch göttliche, rechtmäßige Verordnungen verkürzt oder unterdrückt werden. Denn die Freiheit eines frommen Christenmenschen ist nicht von der Art, daß er begehrte vom Guten, Ehrbaren und Wahren gefreit zu sein. Vom Bösen, Unordentlichen frei und dem Guten ergeben zu sein, das achtet er vielmehr für die rechte Freiheit. So denn eine göttliche, ehrbare Verfügung nichts als Gutes pflanzt, so können rechtmäßige Verordnungen nicht unter dem Titel der Freiheit abgelehnt werden, es wäre denn, daß die Verfügung an sich selbst als ungöttlich und verwerflich könnte dargethan werden. Daher behalten wir uns vor, daß, wo sich aus Gottes Wort ergäbe, es sei einer oder viel Artikel nachfolgender Verfügung ungehörig und dem Worte Gottes zuwider, dieselben für ungültig erklärt und der Wahrheit gemäß sollen verbessert werden, damit die wahre Freiheit gar nicht durch menschliches Ansehen verdrängt werde.“

Diese Erklärung, welche ganz mit dem oben (Kap. 23) angeführten Synodaleide und mit andern reformatorischen Aktenstücken übereinstimmt, war keine bloße Redensart; sie war nothwendig, um der aufzustellenden Verordnung ihren evangelischen Charakter rein zu bewahren; sie ist der gewissenhafte Ausdruck des heiligen Vorsatzes, daß dessen ungeachtet auch künftighin nur Gottes Wort, nichts wider dasselbe Streitendes solle Geltung haben; zugleich sichert sie der kirchlichen Gestaltung, wie im Synodaleide der kirchlichen Lehre ihre gesunde und geordnete Fortentwicklung auf dem unentweglichen Grunde des göttlichen Wortes.

Betreffend die Wahl der Prediger, ihre Berufung und

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Handauflegung heißt es: „Dieweil das Pfarr- oder Predigtamt das höchste und nothwendigste ist in der Kirche Gottes, diese aber bisher an großen Mängeln und Gebrechen litt in Ansehung der Berufung, Wahl und Sendung, ist mit Gottes Wort die bischöfliche Weihe und Oelung sammt dem Priesterthum (der priesterliche „Charakter“) abgethan worden. Da uns aber Gott Befehl gegeben, nicht bloß abzubrechen, sondern auch aufzubauen, so haben wir zunächst den apostolischen Brauch der Handauflegung, den der Herr selbst geübt, anstatt des ausgerotteten bischöflichen Mißbrauchs einzupflanzen. Da der Apostel Paulus spricht (Hebr. 5, 4.): „Niemand maßt sich selbst die Würde an, sondern wer von Gott berufen wird wie Aaron“, auch in den Briefen an Timotheus viel hohe Gaben bei einem Pfarrer fordert, so ist es nicht göttlich, sondern verwerflich, daß bei Erledigung einer Pfarre ein jeder laufe, bettle, Gaben verheiße oder bringe, ganze Schaaren von Fürbittern mit sich führe und dann die Pfarre ihm aus Gunst oder wegen leiblicher Gaben und Dienste verliehen werde. Denn es zeigt dies eine Geringschätzung des hohen geistlichen Amtes, so jemand es solcher Maßen begehrt, daß er seinen Bauch damit speise, ohne darauf zu achten, ob er zu dessen Verwaltung den Beruf habe, dazu begabt und geschickt sei, die Schäflein Gottes zu weiden. Damit wird eben so schwer wider Gott und die Wahrheit gesündigt, wie zuvor vom römischen Hofe, indem man das Volk dadurch dem Verderben Preis gibt. Deshalb soll, wer selbst läuft und sich um ein geistliches Amt bewirbt, gemäß dem Worte Gottes, gleich Simon dem Zauberer, nicht zugelassen werden. Daher soll von nun an bei Erledigung eines Pfarrstelle der betreffende Dekan der Obrigkeit Anzeige machen und melden, wer der Kirchenpatron sei, dem es zukomme, dieselbe wieder zu besetzen, indem wir niemand etwas von seinen Rechten entziehen möchten. Wer dann, von wem immer es sei, vorgeschlagen wird, soll Zeugnisse über sein Leben und seine Herkunft beibringen, damit nicht etwa hergelaufene Leute, aufrührische, meineidige, übel beläumdete, die anderswo ihrer Uebelthat wegen fort mußten, hier unbedachter Weise an solche göttliche Aemter gesetzt werden, deren Schande hernach dem Evangelium zur Schmach gereichen würde.

Sie sollen daher auf einen bestimmten Tag nach Zürich beschieden werden und, sofern sie nicht schon erprobt und geprüft sind, eine Prüfung (Examen) bestehen vor einem Ausschuß, gebildet aus zwei Rathsgliedern, zwei Pfarrern und zwei Professoren (Lesern der heil. Schrift). Dabei ist den Examinatoren von der Obrigkeit anbefohlen, ihren Eiden gemäß, einzig und allein Gottes Ehre und der Kirche Nutzen aufs treuste im Auge zu behalten. Die Prüfung selbst soll sich vor Allem auf die Hauptpunkte der chistlichen Lehre beziehen; ferner darauf, wie belesen und geübt die Betreffenden in beiden Testamenten seien, welche Einsicht sie in Betreff des Jnhalts der heil. Schriften besitzen, wie sie dieselben zu handhaben und dem Volke zu erklären wissen. Ueber das Ergebniß wird dem Rathe ein schriftlicher Bericht

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zugestellt [22]. Jede weitere Bewerbung, persönlich oder durch Andere, ist untersagt, damit die Wahl frei, nicht nach Gunst geschehe und also die Kirche mit frommen, gelehrten und gottesfürchtigen Dienern versehen werde.

Nach geschehener Wahl gebührt sich aus mancherlei Gründen nicht, daß der Gewählte gleich hinlaufe und anfange, sondern die Wahl soll am folgenden Sonntage vom betreffenden Landvogte oder einem Abgeordneten des Rathes und vom Dekan der Gemeinde angezeigt und diese angefragt werden, ob jemand etwas einzuwenden habe. Jst dies nicht der Fall, so hält der Dekan eine Predigt, vornehmlich über das Amt eines Pfarrers und wie sich die Gemeinde mit ihm und gegen ihn zu verhalten habe, sodann soll er den Gewählten der Gemeinde vorstellen und zu ihm sprechen: „Sieh, lieber Bruder, diese biedere Gemeinde anbefehlen wir dir mit den Worten Pauli: Habe Acht auf die ganze Herde, über die dich der heilige Geist zum Wächter und Hirten gesetzt hat zu weiden sein Volk, das er mit seinem eigenen Blute sich erkauft hat. So sei ihr nun ein Vorbild im Worte, im Wandel, in der Liebe, im Geist, im Glauben, in der Lauterkeit, und Gott verleihe dir seinen heiligen Geist, daß du als ein getreuer Diener des Herrn handlest, im Namen Gottes.“ Und damit lege er ihm die Hände auf. Dann ermahne er das Volk, Gott um Gnade anzuflehen.

Nach vollendetem Gebete empfehle der Landvogt oder Rathsbote den Pfarrer der Gemeinde im Namen der christlichen Obrigkeit, daß sie ihn ehren, ihm rathen und helfen solle zu Allem, was sein Amt betrifft, ihn nicht beleidigen; sollte er etwas Ungeschicktes begehen, so dürfe nicht ein jeder gegen ihn einschreiten, sondern er soll der rechtmäßigen Obrigkeit verzeigt werden, die ihn nach Gebühr strafen, aber auch keinen, der es nicht verdiene, seines Amtes entsetzen werde.“

43. Fortsetzung: Verrichtungen und Wandel der Geistlichen.

„Jn Betreff der Lehre, fährt die Predigerordnung fort, sei ein jeder dessen eingedenk, daß wir nach Gottes Befehl und unserm Eide allein neues und altes Testament zu predigen haben und was darin Grund hat. Daher soll man nicht stückweise und unordentlich Selbsterdachtes oder Unnöthiges vorbringen, sondern aus der heil. Schrift ein jeder das, was seiner Gemeinde gemäß und nothwendig ist, auswählen, vortragen und auslegen, aus ihr lehren, ermahnen, trösten und strafen, und das Alles mit Geist, Ernst und Treue, so daß nicht etwa menschliche Leidenschaft darin verspürt oder ungebührliche, leichtfertige Schmäh- und Spitzworte gebraucht werden, wodurch

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einfache, biedere Leute nur abgeschreckt und unwillig würden, ja die Wahrheit selbst verdächtig, verächtlich und verhaßt würde.

Nicht, als ob die Mißbräuche, Aberglaube, Sünden und Laster, auch die Lasterhaften selbst nicht sollten tapfer, unter Umständen auch mit rauhen, jedoch schriftmäßigen Worten angegriffen und bescholten werden; denn wer möchte den für einen Prediger der Wahrheit halten, welcher aller falschen Religion, aller Laster und Lasterhaften verschonete, sie hätschelte? Sondern wir wollen, daß Maß gehalten und Alles mit kräftigem Ernst bekämpft werde, nicht mit Spötteln, Schimpfen und Witzeln, daß viel mehr die Wahrheit selbst vermöge ihrer Klarheit und Lauterkeit die Herzen ziehe, dringe und überwinde, als das unbegründete, schriftwidrige, gehässige Losziehen. Nichts ist ja stärker als die Wahrheit selbst, keine Kunst der Rede gewinnt und überzeugt eher, als die einfache, klare Darlegung, wenn sie von Treue, Liebe und Ernst durchdrungen ist. Kurz, ein jeder soll bei seinen Predigten eine solche Haltung beobachten, daß all sein Lehren und Strafen zur Ehre Gottes und zur Erbauung diene, auf daß viele Seelen für Gott und seine Gerechtigkeit gewonnen werden.

Nicht weniger als die Jrrthümer des Pabstthums soll der Prediger die immer wieder herein brechenden Laster bekämpfen; so soll er trachten, die Herzen des Volkes zu bewegen, daß es nicht bloß aus Furcht unterlasse, was von der christlichen Obrigkeit untersagt und mit Strafen belegt ist, sondern vielmehr aus Liebe zum Herrn, und eben so um Gottes willen den Sabbath feire, Gottes Haus besuche, um Gottes und seiner Liebe willen der Armen ernstlich sich annehme, die uns von Gott ganz besonders anbefohlen sind, und ihretwegen zumeist das Gut der Kirche treu verwalte. Denn darauf kommt es an, daß jeder sich fürderhin befleiße, nicht nur die abgeschafften Mißbräuche zu beschelten und äußerlich fern zu halten, damit sie nicht wieder kommen, sondern auch Göttlicheres und Besseres an deren Stelle zu setzen. Also, wie wir vordem die steinernen und hölzernen Götzen bekleidet und geschmückt und durch Opfer und kostbare Gaben geehrt haben, so mögen wir jetzt über die lebenden Bilder Gottes, die Armen, uns erbarmen, sie speisen, kleiden, pflegen, wie Christus (Matth. 25.) uns aufgetragen. Wie wir zuvor der Messe nachliefen, so mögen wir jetzt Gottes Wort lieb haben, dem nachtrachten und daraus die Frucht des Leidens Christi recht verstehen lernen, damit wir des Herrn Abendmal mit wahrem Glauben und rechter Danksagung begehen. Eben so wie wir früher unser Heil und unsere Frömmigkeit auf die Ceremonien und äußern Schein stützten, so sollen wir jetzt auf Gott allein uns stützen, ihn mit Glauben, Liebe und Unschuld verehren. Und wie wir zuvor in der Unordnung gehorsam waren, wollen wir jetzt der Wahrheit und ehrenwerthen, guten Gesetzen nicht widerstreben usw. Die Räthe und Vögte, die Eltern in jeder Gemeinde und alles Volk soll darum den Prediger bitten und mahnen, darauf zu halten, daß nach Matth. 18, 15-17.

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die Laster unter uns durch Warnen und wo dies nicht hülfe, durch Strafen abgethan, Zucht und Gehorsam aber gepflegt werde.

Außer dem Morgengottesdienste, der mit dem heiligen Unservater, den zehen Geboten und den zwölf Artikeln des christlichen Glaubens geschlossen wird, soll daher am Nachmittage des Sonntags Gebet und Ansprache gehalten und der Jugend dem (von Leo Judä verfaßten) Katechismus zufolge die christliche Wahrheit ans Herz gelegt werden. Außerdem soll auch an einem Wochentage Gebet und Predigt Statt finden.“

Rücksichtlich der Seelsorge heißt es: „Da aber der Feind unsers Heiles den Menschen nie grausamer anficht als in der Krankheit und in der Todesstunde, daher der Mensch nie mehr Trost, Erleuchtung und Stärkung bedarf, als auf dem Todbette, so soll fürhin jeder Pfarrer die Seinen besuchen (wo man sein begehren würde), die Kranken trösten und belehren, beten und von Verzeihung, von dem Erlöser Christo, von der Auferstehung und dem ewigen Leben reden, daß sich die Kranken geduldig mögen in Gottes Wissen ergeben und der zeitlichen Dinge entschlagen usw. Auch soll er die Gemeindeglieder ermahnen, die Kranken zu besuchen, sie zu trösten, ihnen Barmherzigkeit zu erzeigen mit Rath und hülfreicher That. Und so sie verstorben, soll man sie in Zucht und christlicher Demuth, als Mitgenossen der Auferstehung Christi, mit Ehren bestatten.“

„Bei allen ihren Amtsvorrichtungen sollen aber die Diener des Wortes und der Kirche großen Ernst zeigen. Denn wenn sie ohne Ernst ihr Amt verwalten, ist's kein Wunder, wenn das Volk nicht nur die Diener, sondern auch die Heiligthümer unserer christlichen Religion verachtet. So soll heiliger Ernst walten bei der Verkündigung des Gotteswortes. Auch bei der Feier der beiden heiligen Sakramente; Predigt und Feier sei da gemäß dem hochheiligen Geheimniß. Nicht so rede man von den Sakramenten, als wären sie gemeine Zeichen; nicht so ertheile man die Taufe, als ob man ohne Geheimniß die Kinder mit gemeinem Wasser begösse; nicht so reiche man das heil. Abendmal, als ob man fast gemeines Brot äße und gemeinen Wein tränke. Sondern mit geziemender Ehrfurcht rede man von den heil. Sakramenten, insbesondere von des Herrn Male, daß jedermann diese hohen Geheimnisse und ihre heilige Verpflichtung erkenne, sie daher mit rechter Andacht, mit Ernst und Glauben begehe, insonders Gott um Gnade bitte und ihm Dank sage für seine Gutthaten. Wurden doch die Korinther mit Tod und Krankheiten heimgesucht, da sie das heil. Mal nicht mit geziemender Würde begingen. Hat der Pabst darin zu viel gethan und sich Gottes Strafe zugezogen, so würde Gott auch uns nicht verschonen, wenn wir zu wenig davon hielten, das Sakrament herab setzten und nicht würdig feierten. Darum sei jeder dessen eingedenk, er habe nach Abschaffung des Mißbrauchs keinen anderen Mißbrauch, sondern den rechten Brauch, gemäß der heil. Schrift, recht und wohl zu pflanzen und zu pflegen.“ Eben so soll man die Einsegnung der Ehe dem

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Ernste und Geiste der Schrift gemäß vollziehen, damit diese heil. Ordnung Gottes in hohen Ehren gehalten werde.

Endlich bezieht sich die Predigerordnung noch auf den Wandel der Geistlichen.

„Es ist aber leicht zu erkennen, daß nichts größere Verachtung der Prediger gebiert, als wenn sie selbst sich mit unordentlichem Wandel beflecken und zu nichte machen. Die Verachtung der Prediger gereicht hinwieder zur Geringschätzung der Predigt, ist auch der ganzen Gemeinde schädlich und anstößig. Darum achten wir für hochnothwendig, daß alle, die etwa bis anhin in Verdacht der Unmäßigkeit, Trunkenheit, der Ueppigkeit in Worten, Werken und Geberden gekommen oder in Kleidung, Wehre und dergleichen sich so trugen, daß man aus ihrem Aeußern auf Leichtfertigkeit ihres Jnnern schließen mußte, sich dessen entmüssigen, sich alles ärgerlichen Wandels entschlagen, die Wirthshäuser und Gesellschaften, die ihnen nicht eben zur Ehre dienen, gänzlich meiden, kurz in Rede, Kleidung und übrigem Wandel ihrem Berufe und Amte gemäß sich halten, daß niemand einen Tadel auf sich lade und man in nächster Synode merkliche Besserung spüren möge. Denn trefflich groß ist das Wort des Herrn: „Also leuchte euer Licht vor den Menschen, daß sie euere guten Werke sehen und Gott preisen“, und was der Apostel Paulus spricht: Der Pfarrer soll heilig leben, unsträflichen Wandels sein und ein frommes züchtiges Hausgesinde haben.

Damit der christlichen Lehre nichts abgehe, sondern ein jeder Gottes Wort klar, sicher und geordnet vortragen möge, soll sich der Prediger, so weit es ihm leiblicher Noth halben möglich, der Hausarbeit und zeitlicher Gewerbe entschlagen, und sich einzig der Anrufung Gottes für sein Volk, sowie dem emsigen Studieren widmen; denn großer Fleiß ist ihm nothwendig, um mit gesunder Lehre die Gemeinde zu erbauen und die Widersacher siegreich zu widerlegen, indem Solches nicht ohne Gottes besondere Gnade, ernste Anstrengung und viele Uebung erlangt wird. Dazu empfängt er eben des Leibes Nahrung, daß er des Lehramts und der übrigen kirchlichen Dinge desto besser warten könne.“

So weit die Verordnung, betreffend die Prediger. So einfach und kurz sie uns erscheint und so vieles uns nun in der Gegenwart, nachdem der erfrischende evangelische Lebensgeist Jahrhunderte lang wieder unter uns gewaltet hat, selbstverständlich vorkömmt, so nothwendig und heilbringend waren diese festen, gesunden Grundzüge damals für die richtige Gestaltung und den Ausbau der evangelischen Kirche.

44. Bullingers Synodalordnung.

Zur Vollziehung und Handhabung vorstehender Predigerordnung war aber für die zürcherische Kirche nothwendig eine feste Synodalordnung.

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Daher war diese sogleich angefügt, indem es heißt: „Damit nun obige Bestimmungen desto besser aufrecht erhalten werden. Zucht, Einigkeit, rechtmäßige Ermahnung und Bestrafung unter den Dienern des Wortes Statt finde, Ehrgeiz und Heuchelei aber fern bleibe, soll jeder Geistliche sich jährlich zwei Mal zur Synode einfinden, der als weltliche Beisitzer der eine Bürgermeister und acht Mitglieder des großen Rathes beiwohnen. Vor Allem wird Gott angerufen um die Gnade, daß man dadurch Alles, seine Ehre und der Kirche Heil mit Ernst fördere, niemanden Unrecht thue oder vervortheile, die Fehlbaren wieder auf den rechten Weg bringen, Wahrheit, Zucht und Gottseligkeit wahren und pflegen möge.“ Hierauf geschieht die Anfrage an die anwesenden Rathsglieder, ob sie von Seiten der Obrigkeit der Synode etwas vorzubringen haben.

Sind sodann die Namen aller Pfarrer verlesen, und jedermann ermahnt, ohne Neid und Haß strenger Wahrhaftigkeit sich zu befleißen, auch Tadel oder Bestrafung bereitwillig anzunehmen, so tritt einer nach dem andern aus, zuerst von den Stadtgeistlichen und Professoren. So streng wie über die andern, soll die „Censur“ (Zeugnißablegung und Beurtheilung) über sie ergehen, damit aller Amtsneid oder Argwohn von Beherrschung ausgeschlossen sei und sie sich als Brüder Aller und Mitarbeiter am Evangelium Christi erkennen. Die Censur bezieht sich erstlich auf die Lehre, den Fleiß im Studieren, die Liebe zur Schrift, sodann auf Wandel, Leben und Sitten, endlich auf den Haushalt und das Verhalten der Pfarrfamilie. Auch der Dekan eines jeden Kapitels soll eben so gut wie die Pfarrer censirt werden, damit kein eigenmächtiges oder selbstherrliches Benehmen aufkomme. Der Dekan hat hinwieder die Pflicht, was ihm Sträfliches zur Kunde gekommen, vorzutragen. Doch soll er zuerst selbst, dann im Beisein eines oder zweier Nachbarpfarrer den Fehlbaren zuvor warnen und bestrafen „christlich und brüderlich, daß man da Treue und Liebe, nicht Stolz oder Uebelwollen spüre.“ Der Synode steht das Recht zu, die von ihr als fehlbar Erkannten mit Verweis, Gefängniß, Versetzung im Amte und Entsetzung zu bestrafen.

Der andere Theil der Synodalverhandlungen bezieht sich darauf, daß die allgemeine Anfrage geschieht, ob jemand aus den Geistlichen irgend etwas vorzubringen habe, sei es betreffend die Lehre, Jrrungen, Mißverstand, oder andere kirchliche Angelegenheiten. Von der Synode soll alsdann nach ihrem Vermögen gerathen und geholfen werden. Erfordert die Sache aber eine Verfügung der Obrigkeit, so soll sie zu Protokoll genommen,  innerhalb Monatsfrist dem Rathe vorgetragen und seine Hülfe nachgesucht werden.

Am Schlusse des Entwurfes der Synodalordnung, welcher der Regierung zur Genehmigung vorgelegt wurde und dieselbe sofort erhielt, finden wir noch das ausdrückliche Ansuchen, in Allem was Lehre und Leben der Prediger betreffe, möge der Synode sammt ihren Beisitzern die endgültige Entscheidung („kirchliche Autorität“) zustehen; dessen aber, was damit nicht zusammen

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hange, sondern äußerlicher Art sei, wolle sich die Synode gänzlich entschlagen. Auch mögen die Rathsboten, was sie für gut finden, an den Rath bringen.

„Wir bitten euch also hier abermals[23], Gnädige Herren, schreibt die Synode, daß ihr uns doch die Verwaltung der (inneren) kirchlichen Angelegenheiten nicht versperren wollet, die unser Herr Jesus Christus uns anbefohlen, nicht um zu herrschen und zu verderben, sondern zu dienen und aufzubauen. Denn wir begehren Solches nicht in der Meinung, eine eigene Gewalt aufzurichten und als ob wir, wie im Pabstthum geschehen, uns der ordnungsmäßigen Obrigkeit entziehen wollten, sondern damit ein ehrsamer Rath, da er, ohnehin mit Geschäften beladen, nicht allezeit nach Nothdurft unsern Anliegen kann Gehör schenken, nicht mit diesen Kirchenhändeln belästigt und über Gebühr bemüht werde, aber auch in der Lehre und in den kirchlichen Dingen nichts verwahrlost noch versäumt werde.“

Wir sehen hier wiederum, so bescheiden die Stellung ist, welche die evangelische Kirche der durchaus evangelischen Obrigkeit gegenüber einnimmt, und so klein der Kreis dessen, was hier die Prediger als ihre Vertreter sich selbst vorbehalten, so ist doch die Selbständigkeit und Unverletzlichkeit der Kirche gewahrt gegenüber möglichen Willkürlichkeiten oder Eingriffen in das, was ihr Wesen ausmacht, die lautere evangelische Schriftwahrheit, sowie deren freimüthige, nach allen Seiten hin ungehemmte Verkündigung und Anwendung auf alle Persönlichkeiten und alle Verhältnisse des Lebens. Wir werden weiterhin sehen, welch einen gedeihlichen Zustand dieses anscheinend Wenige, indem es genau gewahrt ward, ermöglichte.

45. Bullingers Handhabung der Prediger- und Synodalordnung. Censuren und übrige Synodalverhandlungen.

Wie diese Prediger- und Synodalordnung, die drei Jahrhunderte hindurch sich wesentlich in Geltung erhielt, vornehmlich Bullingers Werk war, so sehen wir nun auch ihn hauptsächlich thätig, um sie thatsächlich ins Leben einzuführen und den reichen Gewinn, der nur keimartig in ihr lag, zu Tage zu fördern. Dazu bedurfte es eben seines durchgreifenden Ernstes, seiner Festigkeit, Milde und Gewandtheit, besonders aber seiner Jahrzehende lang fortgehenden unermüdlichen Ausdauer. Theils in den Synoden selbst finden wir ihn, als Vorsitzenden, in diesem Sinne wirksam, sowohl bei den Censuren, als bei den übrigen Verhandlungen, theils in der stätigen Leitung der kirchlichen Angelegenheiten zwischen den Synoden.

Heben wir zur Veranschaulichung aus der reichen Fülle von Beispielen

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einige hervor und zwar zunächst von den uns vorliegenden „Censuren,“ die freilich mitunter uns ein abschreckendes Bild von einem Theile der eben aus dem Pabstthum herausgetretenen Geistlichkeit  darbieten, uns zur Genüge zeigen, wie nöthig es da war, die Spreu vom Waizen zu sichten und Solche, die beharrlich den neuen Wein in den alten Schläuchen haben wollten, zu bestrafen. Trunk, Unzucht u. dgl. gaben, wie anderwärts überall, anfangs viel zu schaffen, auch Uebelstände in mancher dem scheinbaren Cölibate des Pabstthums entstammenden, erst nachträglich bekräftigten Ehe. Das evangelische Pfarrhaus sollte erst noch werden zu dem, was es seither geworden, zur vorzüglichen Pflanz- und Segensstätte christlichen Lebens. So heißt es z.B. in den Synodalakten von 1533: Jakob Hegner, Diakon zu Altstätten, hält sich übel mit seiner Frau; sie schwört viel. Er hält übel und ärgerlich Haus, ist lüderlich und trinkt gern, hat keine oder wenig Bücher; ist bereits von M. Heinrich (Bullinger) und M. Leu (Leo Judä) gewarnt, hat aber wenig gefruchtet. Antwort: Jch will mich bessern; bitte, Jhr wollet mir das Beste thun. Urtheil: Das soll er mit der That bewähren und nicht mehr so zum Vorschein kommen. - Ferner: Laurenz Meier, Pfarrer zu Stammheim, Dekan, ist rauher, kriegerischer Geberden, zieht ein lang Schwert nach sich, ist reuterisch und leichtfertiger Bekleidung. Deß Alles soll er sich abthun; denn man sonst an seiner Lehr und Leben ein gut Vergnügen hat. - Sodann: Thomas Goldenberg, Pfarrer zu Ossingen, und Johannes Kübler, Kaplan daselbst; der Pfarrer und Kaplan neiden und hassen einander nun wohl in die dreizehen Jahr. Sie haben beide böse, schalkhafte Weiber, die sich keifen und höchst ärgerlich einander beschimpfen. Der Kaplan hilft dem Pfarrer nicht treulich die Sakramente administriren. Sein Weib geht nicht zum Nachtmal des Herrn, schwört übel, ist in einem halben Jahre nicht zur Kirche gekommen. Des Pfarrers Weib schilt und schimpft selbst ihren Mann aus, nennt ihn einen Volksverführer. Jn Summa: Da ist aller Mangel. Und wie sie beide darüber verhört wurden, war ihre Entschuldigung kalt, kahl und jämmerlich; der Weiber halb, sagten sie, es wäre ihnen leid. Urtheil: Die Weiber sollen nächstens vor das Chorgericht (Ehegericht) beschickt, gestraft, ihnen die Ohren wohl entschoben, sodann beide für ein oder zwei Tage im Wellenberg (einem Gefängnisse, das mitten in der Limmat stand) gethürmt werden. Um den Pfarrer und Kaplan hätte wenig gefehlt, so hätte man sie gar abgestellt; doch will man zusehen, was und wie sie sich bessern und wie sie einander verzeihen und hülfreich sein wollen. Kommt wieder eine einzige Klage, so sollen sie schon abgesetzt sein. Und das soll aufgeschrieben und dem pünktlich nachgelebt werden ohne Gnade. Denn eine Synode hat ein groß Mißfallen an ihnen gehabt. - Weiter von Georg Schwarz, Pfarrer zu Oberglatt: Er gibt sich viel mit Arznen ab, behängt sich mit seidenen Schnüren, trägt kürze Röcklein, Feuerbüchsen, kommt gar rumorisch, redt üppig und schachert gern. Er soll sich aller dieser Dinge

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enthalten; er soll zu andern Aerzten weisen, und so das nicht hilft, die Leute nicht übertheuern, und die Kirche um seines Arznens willen nicht versäumen. - Von Johann Bullinger, dem Bruder des Antistes, Pfarrer in Ottenbach, den wir früher als einen Freund des Krieges und der Waffen kennen lernten, heißt es einmal: Er hat sich selbst gerochen und einen mit der Faust geschlagen; das steht ihm übel an. Ein Pfarrer soll nicht schlägeln und ein streitbar Gemüth haben; ädes Mannes Zorn wirkt nicht, was vor Gott recht ist.ä (Jakob. 1, 20.)

Auch über die Stadgeistlichen wurde bei diesen Censuren freimüthig gesprochen. So heißt es vom Antistes Bullinger beim Frühjahr 1535: Er ist zu mild mit seinen Predigten, sollte etwas tapferer, rauher, härter, räßer (gesalzener) sein, besonders was die Händel des Rechts betrifft. Bullinger trug eigenhändig diese Censur in die Synodalakten ein, die ihm indeß, da sie in Gegenwart des Bürgermeisters und der acht Räthe abgegeben wurde, kaum anders als angenehm sein konnte. Wie unerschrocken er sich immerhin dem Rathe gegenüber verhielt, hatten wir oben schon Gelegenheit warzunehmen.

Ueberschauen wir die Synodalcensuren etlicher Jahrzehende, so läßt sich klar erkennen, wie bei der unter Bullingers Leitung pünktlich und beharrlich durchgeführten Fortsetzung derselben allmälig eine wahrhafte Läuterung vor sich ging, und der evangelische Lebensgeist immer kräftiger die Geistlichkeit durchdrang. Wie köstlich mußte die erhebende Anschauung einer so nachhaltigen Umbildung die Herzen derer laben, die gewürdigt wurden, Zeugen davon und Mitarbeiter zu sein! Wahrlich, wir dürfen uns nicht wundern, daß wir einen ernsten Diener des göttlichen Wortes aus benachbarter Gegend seufzen hören: „O daß wir nur eure Synoden hätten zur Schärfung des Eifers und Ernstes bei den Predigern!“

Dieselbe Achtsamkeit auf Alles, was der Kirche und christlichen Lebensgestaltung förderlich sein konnte, durchzieht auch die übrigen Verhandlungen der Synode. Die Synode ertheilt einem ihrer Mitglieder (Leo Judä) den Auftrag zur Abfassung eines Katechismus, erläßt Bestimmungen über die Stellung der Dekane zu ihren Amtsbrüdern und einzelner Pfarrer zu ihren Kaplanen, ordnet für jeden Landestheil einen Diakon zur Aushülfe in Abhaltungsfällen, dringt auf Beeidigung der Kirchenvorsteher (Ehegaumer) und auf gehörige Erhaltung der Pfründen, Kirchen und Pfarrhäuser, ahndet unerlaubte Bewerbungen, bestimmt, daß so wenig als möglich römisch-katholische Taufzeugen sollen beigezogen werden, befiehlt Besprechungen der Examinatoren mit solchen Landjunkern, welche die Predigt besuchen, aber dem Abendmal sich entziehen, wehrt den Umtrieben der Wiedertäufer, rügt Sonntagsentheiligung, Unsitten bei Hochzeiten, Taufen, Begräbnissen und die noch etwa vorkommenden Ueberreste von Zauberei, Beschwörungen u. dgl., namentlich aber wendet sie sich wiederholt an den Rath mit ernsten Vorstellungen und dringenden Gesuchen um durchgängige feste Handhabung der zur Erneuerung

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und Herstellung christlicher Lebensführung und Bestrafung der Laster erlassenen Mandate. Sie erhält hinwieder vom Rathe Mittheilung solcher Verfügungen, bei denen ihm erneute Einschärfung ihrer christlich sittlichen Grundlage aus dem Worte Gottes vorzüglich nöthig schien, wie betreffend den Eid, das Reislaufen usw. Die Synode weist, wie wir oben in einzelnen Fällen sahen, die Geistlichen an, gemäß der Predigerordnung sich einer anständigen Kleidung zu befleißen, „ohne die wahre christliche Freiheit beschränken zu wollen; schreiende Farben (verfügt sie) wie roth, grün, gelb, sollen dieselben meiden; denn obschon die Farben frei sind, bringen sie doch Aegerniß und da gilt das Wort Pauli: „Es ist mir Alles erlaubt, aber es frommt nicht Alles“ (I. Kor. 6, 12.; I. Tim. 3, 2.); sind doch der Farben sonst noch genug.“

An den Rath wendet sich die Synode mit der Bitte, die hier und da noch stehenden Feldkapellen schleifen oder in Wohnungen umwandeln zu lassen, da über ihren Gebrauch vielfach Streit und Aergerniß entstehe. Ebenso gelangt sie wiederholt an ihn mit dem Ansuchen um Abstellung der Marien- und Heiligentage, die man 1526 und 1530 nur einstweilen aus Schonung der Schwachen noch beibehalten hatte. Das von Bullinger deßhalb verfaßte Gutachten sagt: Sie nähren immerhin den Aberglauben und bringen viel Zank und Span, da die Einen feiern, die Andern nicht. Gottes Wort sagt aber klar: Du sollst mir und nicht der Creatur Fest halten. Uebedies ärgern sich Alle, die das Evangelium angenommen haben, an uns; unsere Widersacher aber getrösten sich deß und halten's auch den Unsrigen vor: daß man in Zürich noch die Heiligen feiere. Jndem sind diese Feiertage erst auf und seit dem vor 270 Jahren in Lion gehaltenen päbstlichen Concil geboten worden. Schafft man sie ab, so ist und wird an der Predigt des Gottesworts kein Mangel sein, wenn man nur fleißig herzu kömmt, es zu hören. - Die Feste wurden endlich im Jahre 1543 auf Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten und Neujahr (Beschneidung Jesu) beschränkt, dabei auch Festnachttage begangen, und in der Charwoche öfter gepredigt.

Auch von auswärtigen kirchlichen Vorgängen und den Verhandlungen mit andern Kirchen wird der Synode durch ihren Vorsteher Kenntniß gegeben; so z.B. von Farels und Froments reformatorischem Wirken in Waadt und in Genf, dann 1538 von den Verhandlungen mit den Lutheranern u.s.w.  Selbst durch die Wogen stürmischer Zeiten die Synode Zürichs wohlbehalten und in erwünschter Einigkeit hindurch zu führen, gelang ihrem kundigen Steuermann. Freudig kann Bullinger z.B. im October 1544 an seinen vertrauten Ambrosius Blaarer nach Konstanz schreiben: „Gestern hielten wir hier Synode; Alles steht gut durch des Herrn Gnade; die höchste Einstimmigkeit ist unter uns in Allem. O möge der Herr stets bei uns sein, mit seiner Gnade!“ Auch Andere sahen dies und freuten sich; so schreibt aus Basel Antistes Myconius im Januar 1540 an Bullinger: „Wie doch

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euere Kirche so glücklich ist! Es kann aber nicht anders sein, wo die Vorsteher zur Erhaltung der Eintracht sich die Hände bieten und man keine Entzweiung, auch nicht in Unbedeutendem, läßt aufkommen. Das heißt in Wahrheit auf dauerhaften Grund das Wohl der Kirche bauen, so daß der stärkste Andrang arger Widersacher es nicht zertrümmern mag. Die Vortheile, welche euch dies Glück gewährt, ungehindertes Wachsthum der Frömmigkeit, erfreuliches Gedeihen der Wissenschaft, die kenne ich wohl besser als ihr in ihrem ganzen Umfang, da ihr im Besitze dieser Güter seid, die ich diesmal leider, von lauter Zwietracht umringt, schmerzlich vermisse.“

Wie große Anstrengung indeß die Synoden für ihren Präsidenten mit sich bringen mußten, da ihm die Vorbereitung aller Vorlagen und hernach wiederum ihre Erledigung fast allein oblag, ist leicht zu ermessen.

46. Bullingers anderweitige Kirchenleitung. Behandlung der Sekten.

So Vieles aber mußte außer und neben den Synoden in einer kirchlich so bewegten Zeit vorkommen, das ebenfalls zur Erhaltung und Behauptung der evangelischen Kirche zu beachten nothwendig war, worauf der Vorsteher der zürcherischen Kirche seine Fürsorge zu richten oder worüber er sein Gutachten abzugeben hatte. Jmmerhin beriet er sich im letzteren Falle mit seinen Amtsbrüdern, wenigstens mit den Stadtgeistlichen.

Von der Art war vornehmlich das Verhältniß zu den bereits erwähnten Wiedertäufern. Das Uebel war durch die früheren Maßnahmen wohl gedämpft, aber nicht ausgeheilt. Hielten sie sich auch auf dem zürcherischen Gebiete längere Zeit zurück gezogen, so kamen sie doch, wie in allen deutschen Ländern, bald da, bald dort, wieder zum Vorschein. „Was muß ich anfangen?“ schreibt z.B. der Pfarrer von Laufen (beim Rheinfall) an Bullinger: „Güte richtet da wenig aus und Schärfe hilft auch nicht; ich bitte dich, rathe mir!“ Beonders aber zeigten sie sich zahlreich im Aargau, Thurgau, im Kanton Bern und im Solothurnischen, woselbst, wie oben erwähnt, zumal auch durch sie der Umsturz der evangelischen Kirche verschuldet wurde. Oefter erbittet sich Bertold Haller Bullingers Ansicht über die rechte Art, sie zu bestrafen, die Obrigkeit sei geneigt zur Todesstrafe zu schreiten, da sie auch die Obrigkeit verwerfen, ihm aber sage dies nicht zu, doch wisse er nicht recht, wie eine feste Regel aus dem Worte Gottes abzuleiten und zu begründen sei. Bullinger ließ ihn einige Zeit auf die Antwort warten, versah ihn aber, als von der Berner Regierung im Sommer 1532 ein neuntägiges Religionsgespräch mit den Wiedertäufern nach Zofingen (im Aargau) angeordnet wurde, bei der als Hauptkämpfer der letztern einige Flüchtlinge aus dem Kanton Zürich erschienen, mit einer sehr genauen Anleitung, wie dabei zu verfahren sei, um wo möglich das Gespräch auf gehöriger Bahn und in

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Ordnung zu erhalten. Vor Allem soll man feststellen, daß aller Zwist unter Christen nach der biblischen Schrift des alten und neuen Testamentes zu erledigen sei; sodann daß die Schrift nicht bloß dem Buchstaben nach verstanden, sondern ausgelegt werden müsse; ferner, wie sie auszulegen sei, nämlich nicht nach Menschengeist und menschlichem Gutdünken, sondern aus und durch sich selbst, nach der Regel des Glaubens und der Liebe. Zu allen diesen Punkten fügt Bullinger die biblischen Beweisstellen und Beispiele. „Doch,“ setzt er bei, „mit den Täufern ordentlich verhandeln ist halbe Arbeit (d.h. rein unthunlich). Sie werden euch grade im Anfang so entleiden, daß sie hernach im Fortgang des Gesprächs nirgends hin kommen mögen. Gott gebe dir und den lieben Brüdern Weisheit, Verstand und Sieg bei seinem Wort!“

Ja, Weisheit und Kraft war vonnöthen, damit das unheilige Feuer, das alle deutschen Lande durchzuckte und in so mancher Stadt nur auf den günstigen Augenblick lauerte, um aufzulodern, nicht etwa ausbreche, - das erkannte Bullinger und suchte, so weit sein Einfluß reichte, die Freunde vor all dem Jammer zu behüten, der bald hernach über Münster in Westphalen so fürchterlich herein brechen sollte. Daß nicht in der Schweiz, daß nirgends in Oberdeutschland dieses Unheil losbrach, vielmehr ganz in der Ferne, das dürfen wir wohl als eine der glücklichsten Fügungen des Herrn für diese Gegenden sowohl, wie für die reformirte Kirche im engern Sinne betrachten. Wie leicht wäre sonst, sei's auf die republikanischen Formen der Eidenossenschaft, sei's auf Zwingli's Lehrweise, der Verdacht der Schuld vornehmlich gewälzt worden! Daß aber jenes nicht eintrat, ist, soweit Menschen hierin etwas vermochten, unter Anderm auch Bullingers Geistesklarheit, Scharfsicht und unveränderlicher Wachsamkeit zu verdanken. So schrieb er, als in Straßburg die Wiedertäufer zahlreich sich sammelten, ihr Haupt, der vielgereiste Kürschner Melchior Hofmann (als dessen Schüler der münstersche Prophet, Jan Matthys, Bäcker aus Leyden, zu betrachten ist) hier den Sitz des „neuen Jerusalems“ erwartete und der Rath in Straßburg eine Gelindigkeit zeigte, die er selbst hernach bereute, schon im Juli 1533, einen Monat vor Hofmanns Gefangennehmung in Straßburg, an die beiden ausgezeichnetsten Geistlichen in Konstanz, Ambrosius Blaarer und Johannes Zwick:

„Die Lästerungen des Melchior Hofmann in Straßburg, dieses gotteslästerlichen Menschen, gegen den Herrn Christum (dessen Gottmenschlichkeit Hofmann aufhob) haben mich um so mehr erschreckt, da die Straßburger, wie ich sehe, nur zu geneigt sind, Menschen solcher Art bei sich aufzunehmen. Straßburg ist nämlich der Ort, wohin dermalen die ganze Hefe der schlechtesten Taugenichtse und Ketzer zusammen strömt. Wessen Schuld das ist, weiß ich nicht. Aber bis anhin sehen wir, daß die Wiedertäufer sich dorthin als an ihre Freistatt gestürzt haben. Hütet euch, liebe Brüder, ich beschwöre euch, hütet euch davor, daß ihr nicht solche, die sich bei euch in Konstanz

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einschleichen, aufnehmet. Nehmt an den Straßburgern ein warnendes Beispiel. Weiser ist's, Ketzer und der Ketzerei Verdächtige nicht aufzunehmen, und ihnen zum voraus den Zutritt in die Stadt zu verwehren, als nachher erst, wenn der größte Schaden angerichtet ist, sie entweder verjagen oder mit Feuer und Schwert bändigen, wobei sie dann die Strafe für ihr Unheil zu ihrer Schutzwehr machen, indem sie schreien: eben so seien die Heiligen umgebracht worden. Es ist unglaublich, wie viel sie durch dergleichen über den gemeinen Mann vermögen. Wachet also, ihr Brüder, seid fest!“

Bekanntlich strömte die Fluth der Wiedertäufer, wenigstens aus Niederdeutschland, im Dezember 1533 nach Münster in Westphalen und gewann daselbst im Februar 1534 die Oberhand; erst im Juni 1535 endete ihre gräuelhafte Herrschaft durch Erstürmung der Stadt.

Sahen wir vorhin, wie ernst und angelegentlich Bullinger schon seine Konstanzer Freunde vor dem Einlassen zuströmender Wiedertäufer warnte, so wird es uns um so willkommener sein, seine endliche Ansicht über jene schon oben von Bertold Haller beregte und immer wiederkehrende Frage zu vernehmen: ob es der Obrigkeit zustehe, Wiedertäufer oder andere im Glauben verführte oder verführerische Leute an Ehre, Leib und Leben zu strafen. Gerade vom Juni 1535 haben wir ein Gutachten der zürcherischen Geistlichkeit darüber, zu Handen des Rathes; indem man damals, wie leicht zu erachten, überall schärfere Maßregeln gegen die Wiedertäufer ergriff und manche, dadurch veranlaßt, sich in die Schweiz flüchteten und nächtlicher Weile in Wäldern und abgelegenen Gehöften sich vesammelten. Da die römisch Katholischen sie überall jämmerlich mit dem Tode bestraften und den Protestanten zumutheten, dasselbe zu thun, um nicht selbst als Verächter Gottes zu erscheinen, so war es nicht leicht heraus zu finden, was das rechte evangelische Verhalten sei. Einen bedeutenden Schritt dazu finden wir in diesem sehr einläßlichen und besonnenen Gutachten. Es verdient um so mehr unsre Beachtung, da sich Zürichs und Bullingers Stellung zu der ganzen Frage auch weiterhin (namentlich bei Servede) danach richtet. Die Hauptgedanken dieses Gutachtens sind:

I. Zwei Gründe führte man an für Verneinung der Frage; der erste ist: Die Apostel haben Solches auch nicht gethan, der andere: Der Glaube sei eine Gabe Gottes und möge deßhalb nicht mit Zwang gegeben oder genommen werden. Beide Gründe haben schon vor tausend Jahren die Donatisten[24], eine irrige und verführerische Rotte, wider alle gute Ordnung und die Mandate der Kaiser angeführt, um ihre Trennung zu rechtfertigen. Was das Erste, die Apostel, betrifft, ist leicht zu antworten. Sie waren Lehrer und

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Prediger, nicht Regenten, gleichermaßen auch die Propheten im alten Bunde. Lebten diese unter abgöttischen Regenten, welche die Wahrheit verfolgten und die Unwahrheit beschirmten, so lehrten sie allein und litten Verfolgung, nicht weniger als die Apostel unter den gottlosen Kaisern. Wenn aber gläubige Könige waren, wie zu Jesajas und Jeremias Zeit Ezechias und Josias waren, so wurde die Wahrheit auch von ihnen beschirmt, Verführte und Verführer dagegen bestraft, was der heilige Geist in der Schrift höchlich rühmt. So litten die Apostel Verfolgung um der Wahrheit willen, bis sich der Zustand der Kirche änderte und Herrscher kamen, die der Wahrheit Hand boten und die Unwahrheit verhinderten, wie denn den Königen zusteht nach der Gerechtigkeit zu regieren. Solches bezeugen die alten Geschichtsbücher von den christlichen Kaisern Konstantin, Valentinian, Theodosius, Arkadins, Honorius und andern.

Für's Andere folgt die Verneinung unserer Frage auch nicht daraus, daß der Glaube eine freie Gabe Gotte ist. Denn Verstand und Weisheit ist auch eine Gabe Gottes; doch folgt daraus nicht, daß man bösen und unverständigen Kindern keine Lehrer und Zuchtmeister geben müsse, sondern Gott hat dennoch eine Ordnung und Zucht verordnet. So ist's auch mit dem Glauben. Denn obwohl er eine Gabe Gottes ist, wie die Frömmigkeit, gute Gesinnung und dergleichen, so folgt doch nicht, daß ein jeder Macht habe, ungestraft zu handeln, was er wolle, oder wenn er gottlos, aus bösem Sinne stiehlt und Arges thut, daß man ihn nicht dafür strafen sollte, weil die Frömmigkeit allein von Gott ist.

Das muß demnach jedenfalls voraus gehen, daß der, welcher straft, die Wahrheit auf seiner Seite habe, nicht der, welcher gestraft wird; denn wer in einer guten und wahren Sache gestraft oder auch getödtet wird, der ist ein Märtyrer. Wer hingegen eine unwahre und unrechte Sache hat, der leidet als ein Uebelthäter, und hat sich nicht zu rühmen, wie der Apostel Petrus und auch Augustinus wider die Donatisten anführt.

II. Bisher haben wir bloß im Allgemeinen gezeigt, daß die Obrigkeit verführte und verführerische Menschen strafen möge. Nun wollen wir auch vom Unterschiede zwischen Verführten und Verführern reden, woraus dann auch das Maß und der Unterschied der Strafen, wie er billiger Weise Statt finden soll, sich ergeben wird.

Wie eine Krankheit nach Beschaffenheit der Umstände schwerer und schädlicher ist, nämlich je nachdem sie nicht nur an Einem Gliede haftet, sondern um sich frißt, und nicht bloß in den äußern Theilen des Körpers bleibt, sondern auch die innern, edlern angreift; so ist's auch mit den Jrrthümern und Verführungen. Diejenigen Verführer und Verführungen sind grausamer, die zur Schmach und Lästerung Gottes, zur Verläugnung des lebendigen Glaubens und der Hauptstücke unseres Heiles, wie auch zur Zerstörung der Kirche, guter Gesetze und rechter Wahrheit gereichen, als ein solcher falscher Wahn oder irrige Meinung, die weder zu Gottes Schmach noch zur

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Zerstörung allgemeiner Wahrheit, des Glaubens und guter Sitten gereichen, auch weiter niemand vergiften noch sich verbreiten. Wie man nun nicht jeden Schaden brennt oder ätzt, auch nicht jedes kranke Glied abhaut, sondern nur ein solches, das nicht heil werden will durch gelinde Arznei, vielmehr andere anzustecken droht, so soll man auch nicht jeden Verführer und Verführten hinnehmen, sondern allerlei Arzneien anzuwenden suchen, und dann erst abschneiden, wenn sie sich nicht nur nicht wollen helfen lassen, sondern auch Andere vergiften.

Dies klarer zu machen, führen wir einige Arten von im Glauben Verführten und Verführern an, worunter auch andere leicht mögen gebracht werden:

1. Fürs erste gibt es etwa einen Wahn, eine einfältige, unrichtige Meinung bei einem einfältigen, nicht bösartigen Menschen, die aus großem, doch nicht recht weisem Eifer, auch etwa aus einem blöden, erschrockenen Gewissen erwächst, jedoch niemanden verbösert, die Wahrheit nicht umstürzt, auch nicht mit Verachtung und halsstarrigem Trotze verbunden ist.

2. Oder aber es ist eine öffentliche, große, schändliche und gleichsnerische Gotteslästerung, die wider Gottes Ehre und Namen streitet, die göttliche Schrift verachtet, Gott und die heilige Dreifaltigkeit schmäht, entweder die Gottheit oder die Menschheit Christi verneint, die Artikel, auf denen unser Heil beruht, wegstößt, verachtet und umstürzt.

3. Es gibt eine Verführung, welche die aus dem Worte Gottes erwachsene Kirche trennt und zertheilt, und so viel sie vermag, zu Grunde richtet.

4. Endlich gibt es Verführer, die durch ihre Verführungen gute göttliche Gesetze zerstören, wider gute Staatsordnung streiten, biedere Leute an Leib und Gut schwächen, und mit der Zeit Aufruhr und Unruhen erregen.

Da nun von den genannten Arten eine schädlicher und gefährlicher ist als die andere, so folgt daraus, daß auch die Strafe an Ehre, Leib und Gut je nach den Umständen verschieden sein müsse. Dabei kommt in Betracht:

1. Die Persönlichkeit dessen, den man strafen soll. Wenn er nämlich einen ehrlichen, guten Namen hat, in seinem ganzen Lebenswandel sonst ehrbar und rechtschaffen, nicht üppig, lügnerisch, aufrührisch, zänkisch, fremden Gutes begierig war, nun aber etwas in die Jrre gerathen ist, so soll man billig in der Bestrafung so verfahren, daß er möge zur Buße kommen und von seinem Jrrthum abstehen. Jst er hingegen übel beläumdet, unehrbar, lügnerisch, so mag man wohl den Glauben nach der ganzen Persönlichkeit ermessen und die Strafe darnach richten.

2. Fürs Andere mag dabei auch die Lehre oder die Meinung des Verführten oder Verführers in Betracht gezogen werden. Denn falls die Lehre gotteslästerlich ist, den Glauben und die Wahrheit umstürzt, die Kirche zertrennt, die Staatsordnung durchbricht, auch andere Leute vergiftet, so soll das

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schadhafte Glied abgehauen werden. Jst's doch besser, die Hand werde abgehauen, als daß der ganze Leib verderbe; eben so ist's besser, ein Verführer oder Verführter, der, nachdem er seines Jrrthums berichtet worden, Andere verführt, werde an Leib und Leben gestraft, denn daß Viele verdammt werden müssen.

Wiewohl nun dies allen Verständigen gewiß und klar genug ist, kann man doch in dieser Sache nicht eine ganz bestimmte Regel aufstellen; denn die Umstände vergrößern oder verringern die Sache und sind daher genau zu berücksichtigen. Ein Mann von frommem Sinne aber, der obgenannten Unterschied versteht, wird wohl die verschiedenartigen Fälle sichten und endlich darauf sehen können, daß die Wahrheit erhalten, die Unwahrheit unterdrückt, die Einfältigen und Schwachen auf Besserung hin geduldet, frevelhafte, böse Buben hingegen abgethan werden.

III. Das Gesagte betrifft nicht die Wiedertäufer allein, sondern Verführer und Verführte von Sekten aller Art, die in der Kirche Unwahrheit pflanzen und Trennung anrichten. Was nun die Wiedertäufer insbesondere anlangt, so möchte diese irrige Meinung, dieser falsche Wahn, wofern er ohne anhängende böse Zusätze wäre, vielleicht durch Langmuth überwunden und mit der Zeit gebessert werden. Allein da dem nicht so ist, so darf man sich nicht täuschen, als ob an ihrer Weise und Taufe nichts gelegen wäre und sie wenig schaden brächten. Denn die Zerstörung guter Einrichtungen und guter Ordnung bricht also ein, daß sie anfänglich nichts scheint, hernach aber thut sie großen Schaden. Die Hauptsache ist, daß ihre Lehre im Widerspruch steht mit Gottes Wort. Ferner streitet sie auch wider die Staatsordnung und gute Gesetze, indem sie lehren, kein Christ dürfe ein Oberer sein; denn daraus folgt, daß diejenigen, welche die obrigkeitliche Gewalt führen, Ungläubige seien. Was beschweren sie sich denn noch über die Obrigkeit, als über ungläubige Tyrannen? Ungehorsam pflanzen sie auch durch ihre Lehre, kein Christ dürfe einen Eid schwören; auch sind sie Ursache von Ehetrennungen, daß ehrliche Eheleute einander verlassen und ganze Haushaltungen zu Grunde gehen. Endlich geben sie Anlaß zu Unredlichkeit und zu vielerlei Betrug, wenn sie sagen, kein Christ dürfe Zinse oder Zehnten nehmen. Ja, dergleichen Jrrthümer sind mehr, als wir in Kürze aufzählen könnten.

Findet sich also, schließt endlich das Gutachten, daß jemand mit der wiedertäuferischen oder einer andern Sekte behaftet ist, so frage man ihn nicht nur, ob er die Kindertaufe für gut, und die Wiedertaufe für böse halte, sondern man erkundige sich vielmehr, wie obgemeldet, über seine ganze Persönlichkeit, darnach in was für Punkten oder Artikeln er wiedertäuferisch gesinnt sei. Man verhöre ihn aber mit sanftmüthigem Geiste. Jst er von guter Art, so wird er die Belehrung nicht verachten; ist er von böser, so zeige man Langmuth. Jst aber gar keine

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Besserung zu hoffen, so gar nicht, daß er nicht bloß selbst zu Grunde gehen, sondern auch Andere mit sich verderben will, so überweise man ihn, daß seine Lehre und sein Wesen zur Zerstörung des Glaubens, Zertrennung der Kirche und zum Nachtheil einer guten Staatsordnung gereiche; man verschaffe aber zugleich, daß er niemand mehr vergiften könne. Verspricht er Treue und hält sie nicht, sondern kehrt wieder um zu seinem Wust, so ziehe man der Sache den Mantel ab und handle mit ihm wie mit andern Uebelthätern, je nach Gestalt der Sache und nach göttlichen, weltlichen und kaiserlichen Rechten. -

Dieses Gutachten bildete die Grundlage, an die man sich in Zürich bei und nach Bullingers Zeit fortwährend hielt. Todesstrafe gegen Jrrlehrer war dadurch nicht ausgeschlossen, kam aber in Zürich nicht mehr vor, wie dies im Anfange der Reformation gegenüber einigen Wiedertäufern, freilich „zugleich um Aufruhrs und Eidbruches willen“ der Fall gewesen.

Jn eben diesem Jahre 1535 kamen zu weiterer Belehrung Bullingers Gespräche über die Wiedertäufer, deren oben gedacht worden, neu heraus, von Leo Judä umgearbeitet und ins Lateinische übersetzt.

Welch eine Fülle kirchlicher Gutachten liegt noch vor uns, aus Bullingers Feder geflossen und ausgezeichnet durch Ernst und Gründlichkeit, sowie lateinische Reden über bedeutende kirchliche Punkte, von ihm bei festlichen Anlässen vor Lehrenden und Lernenden gehalten. Doch wir wenden uns zu seinem engeren Wirkungskreise.

 

Dritter Abschnitt.

Bullingers Pfarramt.

47. Bullinger als Prediger.

Um festen Boden zu gewinnen, war es vorerst nothwendig, bei der Wirksamkeit Bullingers als Vorstehers der zürcherischen Gesammtkirche zu verweilen. Nun aber haben wir ihn auch in sein näheres und engeres Wirken zu begleiten, ihn als Pfarrer seiner besonderen Gemeinde zu betrachten, und zwar vor Allem als Prediger.

Achten wir zunächst auf seine äußere Erscheinung, die ja gerade beim Prediger nicht zu übersehen ist. Er war von hohem Wuchse, schlanker Gestalt, gesunder Gesichtsfarbe, in seinen Bewegungen rasch und kräftig; er trug nach damaliger Sitte einen langen, breit auf die Brust herab wallenden Bart. Aus seinem Blicke leuchtete eine liebenswürdige Freundlichkeit, verbunden mit ehrfurchtgebietendem Ernste hervor, wodurch er die Herzen ungemein zu gewinnen und an sich zu ziehen vermochte. Die schimmernden Priestergewänder

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sammt Allem, was damit zusammen hing, waren entfernt, und noch keine amtliche Kleidung für die Prediger üblich geworden. Bullinger erschien daher gleich den übrigen Kirchendienern im täglichen Leben wie auf der Kanzel in ehrbarer bürgerlicher Kleidung nach damaliger Gewohnheit; er trug insgemein einen langen schwarzen Pelzrock und darunter ein weißes Wamms (Camisol) von einem Gürtel umgeben, an welchem ein kurzes Stilet und ein Seckel hing, worin er seine Papiere und dergleichen verwahrte; unter dem Wamms trug er ein rothes, wollenes Brusttuch, auf dem Haupte das Baret. Sein ganzes Auftreten war würdevoll, Maß haltend und von einer ihm eigenthümlichen Anmuth. Seine Stimme hatte nach der vollgültigen Aussage eines Ohrenzeugen (des Professors Stucki) zumal auf der Kanzel etwas Rührendes, Herzergreifendes. Große Gewalt der Rede war ihm verliehen. Seine Sprache war einfach und klar in der Darlegung der schriftmäßigen Lehre, fein und treffend beim Widerlegen der Jrrthümer, sie wurde scharf und einschneidend, wo er die Laster der Hohen und Niedern züchtigte, erschütternd, wenn er ihnen den Jammer ihres jetzigen und den Abgrund ihres künftigen Verderbens aufdeckte, sanft und erquickend beim Darbieten des evangelischen Trostes. Bekümmerte aufzurichten, dazu hatte er eine besondere Gabe; da strömte ihm das Wort vom Munde so mild und zart, doch nicht in unmännlicher Weichlichkeit, sondern allein gegründet auf das ewig feste, unerschütterliche Gotteswort, das er trefflich auf die jedesmaligen Umstände anzuwenden wußte. So haben wir ihn schon in Bremgarten als Friedensprediger auftreten gesehen, inmitten der entzweiten Eidgenossen, dann als mächtigen Glaubenszeugen in dem entmuthigten Zürich, und hernach auch als unerschrockenen Kämpfer wider jegliche Unsitte und Verderbniß. Seinen eigenen Grundsätzen getreu, die er nach dem Antritte seines Amtes in Zürich in lichtvoller Rede (am 28. Januar 1532) seinen Amtsbrüdern insgesammt vorgetragen hatte, hielt er sich (entgegen vorheriger und anderwärts herrschender Entwürdigung der Kanzel) in seinen Predigten von allen Spottreden, allem Schmähen und Schelten fern, „stets dessen eingedenk, daß er dastehe als Diener Gottes.“ Auch über schwierige Punkte der christlichen Lehre wußte er so faßlich zu predigen, daß jeder einfache Christ bei aufmerksamem Hören ihn wohl verstehen konnte; unnützen Streitfragen aber und Spitzfindigkeiten war er wie überhaupt so auch als Prediger durchaus abhold. „Aufs klarste und wahrhaft allgemein verständlichste, bezeugt einer seiner regelmäßigen Zuhörer, Professor Pellican in seinem Tagebuche (zum Jahr 1536), weiß Bullinger die Schrift auszulegen, z.B. die Propheten so kommlich vorzuführen, wie wenn sie selbst leibhaftig unter uns aufträten und zu niemand anders als geradezu ans Zürcher Volk vom Herrn geschickt worden wären, so daß auch von den Geringsten im Volke niemand sich zu klagen hat, es sei ohne Frucht und rechten Nutzen geredet worden in der Kirche.“ Daher hörte ihn das Volk sehr gern, so daß „in zehen Jahren,“ wie derselbe bemerkt, „wohl nicht zehen Personen die Kirche

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verließen vor Ende der Predigt.“ Dahin gehört auch Folgendes: „Aus einer alten Ueberlieferung habe ich mir erzählen lassen (schreibt ein Zürcher vor hundertfünfzig Jahren), daß einstmals eine vornehme deutsche Standesperson bei Herrn Bullinger in der Predigt gewesen, in der Großmünsterkirche oben auf dem Gewölbe gesessen und eine besonders gelehrte und kunstreiche Predigt von diesem so großen Manne erwartet habe. Allein vergebens; denn Bullinger habe nach seiner Weise zwar kräftig und erbaulich, aber eben landlich und einfaltig und in einem recht schweizerischen Accent gepredigt. Darüber verwundert habe dieser vornehme Herr nach der Predigt Bullingern um die Ursache dessen befragt und von ihm zur Antwort erhalten: „ob Ihr Gnaden nicht von der Emporkirche herab etwa einmal hinunter in den unteren Raum derselben geschaut und da die dicht in einander sitzenden Otterkäpplein und alten Weiber-Tüchlein wahrgenommen. Um derentwillen müsse er vornehmlich predigen, nicht um großer Herren und gelehrter Leute willen.“ Dies habe der hohe Besuch denn auch wohl begriffen und Bullingern seiner einfachen Predigtweise halber nachgehends selbst gerühmt.“

Um nicht bloß Bruchstücke darzubieten, sondern alles Volk in den Gesammtinhalt der ganzen heiligen Schrift einzuführen, behandelte Bullinger stets, wie er schon früher gethan, auch nach Zwingli's Vorgange, je ein ganzes Buch der Bibel in einer Reihe von Predigten (was bekanntlich auch Luther als völlig berechtigt und im Grunde vorzüglicher betrachtete). So predigte er im ersten Jahre über den Brief an die Hebräer, der ihm trefflichen Anlaß bot, der Aeußerlichkeit des römisch-katholischen Gottesdienstes die wahrhafte innere Gottesverehrung und die Erlösung durch den einigen Mittler Jesum Christum und sein einmaliges Versöhnungsopfer entgegen zu stellen, ferner über die beiden Episteln St. Petri und das Evangelium St. Johannis. Jm Verlaufe der ersten zwölf Jahre predigte er über beinahe sämmtliche Bücher des alten und neuen Testamentes.

Dabei ist nicht zu übersehen, daß die Menge der Predigten, da sie auch an die Stelle der so häufigen Messen getreten waren, erstaunlich groß war. Bullinger selbst hatte während der ersten fünf bis sechs Jahre seines Pfarramtes in Zürich sechs und sieben, bisweilen sogar achtmal wöchentlich zu predigen, wodurch er, wie leicht zu erachten, nicht wenig belastet, mitunter auch sehr beschwert war. Erst 1538 erhielt er einen Amtsgenossen, der ihm einen Theil dieser Predigerpflichten abnehmen mußte; endlich wurde 1542 am nämlichen Tage, als Leo Judä seinen großen Anstrengungen erlag, auf Andringen seiner Amtsbrüder durch einen Rathsbeschluß verfügt, er solle bei der großen Anhäufung seiner übrigen Amtsgeschäfte nur noch wöchentlich zweimal, nämlich Sonntags und Freitags, predigen.

Begreiflich wurden nicht alle diese Predigten aufgezeichnet. Um so weniger aber konnte bei ihm dies nachtheilig werden, da er gerade in den ersten Jahrzehenden seines zürcherischen Pfarramtes, bis 1548, seine trefflichen

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lateinischen Auslegungen aller Bücher des neuen Testamentes (mit Ausnahme der Offenbarung) bearbeitete und heraus gab. Von da an erschienen keine Auslegungen der Schrift mehr, wohl aber seit 1549 im Laufe von etwa achtzehen Jahren eine große Anzahl von Predigten: 100 über die Offenbarung St. Johannis, 66 über den Propheten Daniel, 170 über Jeremias, 190 über Jesajas, 24 Festpredigten, nebst einer Menge einzelner Predigten. Besonders zu bemerken ist aber sein „Hausbuch“, eine Sammlung von Predigten über die heiligen zehen Gebote, die zwölf Artikel des christlichen Glaubens, die heil. Sakramente und alle übrigen Punkte der christlichen Lehre. Dieses Hausbuch, sowie die übrigen genannten Predigten, mit Ausnahme der einzelnen, die deutsch erschienen, gab Bullinger, obgleich er sie deutsch gehalten hatte, lateinisch heraus, da er in dieser Sprache damals weit Mehreren, namentlich den Predigern der verschiedenen evangelischen Länder, verständlich werden konnte. Das Hausbuch, sowie die Offenbarung, wurde dann auch deutsch heraus gegeben und ins Französische, Holländische und Englische übersetzt. Die Predigt „von rechter Hülfe und Errettung in Nöthen“, welche zur unmittelbaren Vergegenwärtigung von Bullingers Predigtweise unten mitgetheilt wird, gehört zu den ursprünglich deutsch erschienenen.

48. Bullinger als Seelsorger. Seine Mildthätigkeit.

Jndeß bildete das Predigtamt, wenn auch groß und wichtig, doch nur einen verhältnißmäßig kleinen Theil seiner Pfarrthätigkeit. Wie hätte es anders sein können? Er faßte das evangelische Pfarramt in seiner vollen, umfassendsten Bedeutung als den steten, nicht bloß mit dem Worte, sondern auch mit der That zu vollbringenden Liebesdienst des berufenen Verkündigers Christi zum Heil der gesammten Gemeinde. Dies vernehmen wir aus seinem eigenen Munde.

„Du hast ein heiliges und schweres Amt, schreibt er 1539 an den ihm befreundeten Matthias Erb; sieh, daß du ihm zur Zierde gereichest! Nicht der Menschen Diener, sondern Diener des ewigen Gottes sollen wir sein. Nicht Jrdisches bloß ist uns anvertraut; es handelt sich um die Rettung vieler Seelen! Durch unsern Fleiß können wir daher Vielen nützen, durch unsere Lässigkeit Viele ins Verderben stürzen. Es handelt sich um Ruhm oder Schmach des Namens Gottes, und nicht eine vergängliche Belohnung liegt vor uns, sondern eine ewige und unvergängliche. Drum laß uns weise und tapfer laufen. Alsdann werden wir viele Seelen dem Herrn zuführen, und er, der große Oberhirt, wenn er kommen wird, wird uns mit dem unverwelklichen Ehrenkranze krönen!“

So dachte, so handelte Bullinger. Vom frühen Morgen bis in die Nacht stand sein Haus jedermann offen; es war eine Frei- und Zufluchtsstätte für Hülflose aller Art, für Arme und Schwache, für Wittwen und Waisen,

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Bedrängte und Angefochtene, kurz für alle Rath- und Hülfsbedürftigen. Mit der größten Geduld, Langmuth und Sanftmuth hörte er sie an; ihm öffnete man so gerne das Herz und fühlte sich gedrungen mit vollem Zutrauen ihm Alles zu sagen, auch die geheimsten und verborgensten Leiden; man durfte aber auch völlig auf seine Verschwiegenheit rechnen, wie auf seine aufrichtige, herzliche Theilnahme an aller und jeder Noth. Er wußte sich zu Allen herab zu lassen; niemand ging ohne Trost und Stärkung von ihm hinweg. Er verstand es die Geängsteten zu ruhiger Besinnung über sich selbst zu leiten, sie ins eigene Jnnere, zum Bewußtsein der eigenen Verschuldung zu führen, sie zur Reue zu bewegen, zur Geduld und Ergebung zu stimmen, dann aber auch mit dem erquickenden Troste des Evangeliums zu laben und mit froher, seliger Hoffnung zu erfüllen. Zudem wußte er auch für die zeitlichen Beschwerden mancherlei Rath. Er, den einst, wie wir wissen, sein Vater absichtlich vor den Thüren sein Brot suchen ließ, hatte Barmherzigkeit gelernt. Es ist staunenswerth, wie freigebig und wohlthätig er sich zeigte bei seinem nicht eben großen Vermögen und seiner zahlreichen Kinderschar. Ein Strom von milden Gaben floß durch seine Hand fortgehend den Bedrängten zu. Er versah sie mit Speise, Trank, Kleidern, Geld, kurz mit Allem, was zur Fristung des Lebens je das Nöthigste war. Wie er aber selbst mit dem guten Beispiele voran ging, so empfahl er die schöne Tugend der christlichen Barmherzigkeit auch Andern zu jeder Zeit und an allen Orten, auf und neben der Kanzel, sowohl den Standeshäuptern, als den Privatpersonen, dem Staate wie den Einzelnen. Wo seine eigenen Mittel nicht ausreichten, war er unermüdlich durch solche Empfehlungen und Verwendungen bei Vermöglichen den Hülfsbedürftigen milde Beisteuern, Schutz, Unterkommen und Obsorge auszuwirken. Und nicht bloß gegen Mitbürger handelte er so, sondern auch gegen Fremde, gegen vertriebene Glaubensgenossen von nah und fern, aus den verschiedensten Ländern, ja selbst gegen Leute von anderem Bekenntnisse. Niemanden versagte er seinen Beistand; wiewohl er auch zu unterscheiden wußte und mitunter seine Freunde, wie z.B. Myconius in Basel, vor argen Taugenichtsen, Arglistigen und Unverschämten warnte.

Was er an einer armen Waise, wie Rudolf Gwalter, that, haben wir schon vernommen; so manches armen Knaben nahm er sich überdies auf mannigfache Weise an. Was er der Wittwe und den Kindern seines Vorgängers erwies, ist bekannt; er wirkte ihnen durch eindringliche Verwendung einen anständigen Jahrgehalt aus, nahm sie in sein Haus auf und unter seine liebevolle Pflege, bis jene nach sieben Jahren ihrer Wittwenschaft im Frieden heimging; die beiden Kinder Ulrich und Regula erzog er mit und neben seinen eigenen, völlig wie die seinigen, bis Ulrich zum Dienste der Kirche heran gebildet war und Regula sich, wie oben bemerkt, mit dem ehrenwerthen Gwalter vermählte. So Manche der flüchtigen Glaubensbrüder beherbergte er selbst Wochen und Monate lang, gab ihnen klaren Aufschluß über ihre

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nunmehrige Lebensstellung und trefflichen Rath für die fernere Verwendung ihrer Kräfte nebst Empfehlungsschreiben und, wo's nöthig war, auch Reisegeld.

Einer von diesen Geretteten, der berühmte Celio Secondo Curioni, dessen wir später noch gedenken müssen, schreibt ihm daher im Juli 1544: „Mein Landsmann Girolamo Mariano hat mir nicht genug von der liebevollen Aufnahme, die er bei dir gefunden, und von deiner Gutthätigkeit erzählen können. Er sagte mir indeß nichts Neues; ich wußte ja das Alles aus eigener Erfahrung. Wie liebreich hast du öfter mich aufgenommen; wie freundlich mich sammt meiner Gattin und zahlreichen Kindern bei dir beherbergt und weiter befördert. Ja, ich kenne meines Bullingers ausgezeichnete Gottseligkeit und sein für Unterstützung verfolgter Glaubensbrüder brennendes Herz. Das erst heißt in That und Wahrheit ein Bischof sein: durch vorzügliche Geisteskraft und Macht der Rede die Herzen der Völker lenken und Bedrängten, besonders verstoßenen Brüdern Gastfreundschaft erzeigen um des Herrn willen. Dies Beides fordert ja der heilige Apostel Paulus von einem Bischof, da er sagt, ein solcher müsse zum Lehren geschickt und dabei gastfrei sein. Diese Forderungen und so viel Anderes erfüllst du ganz. Darum bist du, theuerer Bruder, ja du, sage ich, ein Bischof; du und deinesgleichen, ihr, verdient diesen Namen, nicht jene, die ihn um ihrer Mützen und Binden willen sich anmaßen.“ So manches ähnliche Zeugniß für Bullingers thatkräftige Bruderliebe quoll aus gerührten und dankbaren Herzen.

49. Fortsetzung: Bullingers Seelsorge bei Kranken, bei Gefangenen, bei Rathsuchenden.

Wie Bullinger durch seine mannigfaltige Mildthätigkeit und die damit verbundene liebevolle christliche Zusprache sich als ein rechter Seelenhirt erwies, eben so finden wir ihn auch am Krankenbette. Den Krankenbesuch achtete er für eine der Hauptpflichten des Seelsorgers. Mit großer Bereitwilligkeit kam er bei Tage und bei Nacht, wohin man ihn rief; auch ungerufen stellte er sich ein und wußte so tröstlich, so herzlich, so ernst und liebreich zu den Kranken und Sterbenden zu sprechen, daß man wohl fühlte, wie er da so ganz an seinem Platze sei. Auch die Schrecken der Pest, die sich zu wiederholten Malen einstellte, vermochten ihn von dieser Pflichterfüllung nicht im mindesten abzuhalten, gerade in solchen Zeiten entfaltete sich die ganze Größe seines Charakters; er empfahl seine Seele Gott dem Herrn über Leben und Tod, und ging dann den ganzen Tag hindurch mit christlichem Muthe von einem Pestkranken zum andern, ohne eine Spur von Furcht vor Ansteckung.

Hören wir einige seiner Aeußerungen aus solchen Zeiten. „Bete zu Gott für mich, lieber Bruder, schreibt er zu Ende August 1535 an Myconius,

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denn die Pest ist in mein Haus eingekehrt; sie hat einen hoffnungsvollen Jüngling, einen Verwandten von mir, heftig angefallen; und bisanhin hat sie keines der Häuser in der Nachbarschaft verlassen, bis es ganz leer wurde. Aber Preis sei dem Herrn unserm Gott, der über Tod und Leben gebietet!“ Dann am 2. October: „Was die Pest anlangt, brauchst du meinethalben dir keine Sorge zu machen. Rafft der Herr mich dahin, so wird er seiner Kirche einen geeigneteren geben!“

Hinwieder im October 1538 schreibt er demselben Freunde: „Wie schmerzt mich's doch, daß die Pest in dein Haus eingebroche ist und so heftig darin wüthet. Der Herr, der den Daniel aus der Löwen Rachen errettete und mitten unter den Plagen der Aegypter sein Volk verschonte, möge auch dich, seinen getreuen Knecht, erretten und noch lange im Wohlsein erhalten zum Heile seiner Kirche!“ Darauf im Dezember: „Wohl dem, der, dahin gerafft von der Pest, zum Herrn wallet; nicht bloß deshalb, weil Gott, unser größtes Gut, ewiglich zu genießen die höchste Glückseligkeit ist, sondern weil unsere Zeit sich so gestaltet, daß sterben vorzüglicher ist als leben. Denn Alles drängt und treibt den Herrn zur Strafe zu schreiten. Die sind zu beklagen, welche nicht vorher noch durch den Tod dem Strafgerichte Gottes entzogen werden.“ „Drum, fügt Bullinger hinzu, nachdem er auf die drohende Stellung der Türken und dergleichen hingewiesen, wenn Gott die Deinen entrückt, ja wenn er mit den Schafen selbst dich den Hirten abruft, so glaube ich fest, daß er Alles wohl macht. O könnten wir euer Loos theilen! Soll's aber nicht sein, so haben wir zu warten auf die Hand des Herrn. Er lebt, er lebt der uns erlöset hat! Er wird die nicht verlassen, die seinen Namen anrufen. Also: laß uns muthig sein im Herrn, der unser Fels ist und unsere Zuflucht! Er bewahre dich.“

Schon 1540 muß er wieder melden: „Die Pest hat angefangen ihre Verheerungen anzurichten hie und da im Niederdorf (einem Stadttheile Zürichs). Wir sind gewärtig, was Gott mit uns vorhabe. Jn seiner Hand liegt unser Loos. Schwindel und ein fast unausstehliches Kopfweh quält mich so, und hat mich in solche Betäubung versetzt, daß ich seit einigen Tagen mir und Andern zur Last bin. Jch muß mich alles Studierens gänzlich enthalten. Kaum brachte ich diesen Brief zu Stande. O möchte Gott die frühere Gesundheit mir wieder schenken!“

Jm folgenden Jahre durfte er ein köstliches Zeugniß ablegen: „Jch lebe noch durch Gottes Gnade, schreibt er seinem vertrauten Vadian nach St. Gallen; auch meine Haushaltung ist wohl (ein gar liebes, zweijähriges Knäblein starb indeß sofort dahin); ja alle Diener des Wortes sammt ihren Haushaltungen befinden sich wohl. Allein noch hat die Pest nicht ausgewüthet und ist auch jetzt für Einzelne furchtbar, während man in Verhältniß zur Größe der Stadt und ihrer zahlreichen Bevölkerung nicht sagen kann, sie wüthe bei uns; es sterben in einer ganzen Woche bald 30, bald 20,

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bald vierzig Personen. Die, welche sterben, scheiden mit großem Glauben und recht gottselig, so daß auch ihre Angehörigen Gott preisen und mit jedem Tage weniger Furcht haben.“ Dasselbe meldet er seinem Ambrosius Blaarer in Konstanz mit dem Beifügen: „Wir ermuntern das Volk zur festen Hoffnung auf Gott!“

Welch entzückende Genugthuung für ihn als Seelsorger solche Erfolge mit Augen zu schauen, selbst ein Zeuge von den Siegen des Auferstandenen an den Sterbebetten pestkranker Christen werden zu dürfen!

Noch ein einfach kräftiges Zeugniß von Bullingers Glaubensleben aus einer solchen Zeit herrührend liegt vor uns, das wohl hier seinen Platz finden darf. Es ist folgendes bisher ungedruckte Lied, das nun erst aus dem Schoße der Verborgenheit hervor tritt:

1. Hilf, Herr Gott, hilf                                                                                         in dieser Noth,

Dieweil der Tod                                                                                               ist an der Thür;

Steh', Christe, für (vor);                                                          denn du ihn überwunden hast!

2. Zu dir ich gilf (flehe)                                                                                und bitt dich hoch;

Verzeih du doch                                                                              den Feinden min (mein),

Die mich gend (geben) hin                                                und auf mich wälzen diese Last.

3. Jch opfre's dir;                                                                                          verzeih auch mir,

Was ich begangen han (habe)                                                                                    gen dir

Jm Thun und lan (Lassen),                                                                          Herr Jesu Christ!

Mein Heiland bist;                                                                 verlaß mich nit, ich treulich bitt.

4. Und hilf der Kilch (Kirche),                                                      die ich dir b'filch (befehle),

Die ich hab' g'lehrt                                         und mit dim (deinem) heilgen Wort gemehrt;

Darnach ich bitt,                                                                   vergiß, o Herr, der Meinen nit. -

5. Tröst, Herr Gott, tröst;                                                                    die Todesnoth wachst,

Weh und Angst faßt                                                                           an Seel' und Lib (Leib),

Darum dich schieb (neige)                                              gen mir, einiger Trost, mit Gnad',

6. Die g'wiß erlöst                                                                                              ein jeden, der

Sein herzlich B'gehr                                                                                   und Hoffnung setzt

Jn dich, verschätzt                                   darzu dies Zeits (dieser Zeit) all Nutz und Schad

                                                                                                                              (Schaden)[25].

7. Mein' Zeit ist um;                                                                                  denn ich verstumm,

Mag sprechen nit ein Wort                                                       denn all mein' Kraft verdorrt;

So ist mein' Bitt,                                                                              daß du mein Strit (Streit)

Führest fürhin;                                                                                     denn ich bin din (dein).

8. Drum stärk' mein (meinen) Geist;                                                          dein' Zusag' leist;

Mein' Seel' mir b'wahr';                                                                                   nimm sie zu dir

Jn d' (die) Engelschaar;                                                                   erbarm dich min (mein),

Herr Jesu Christ;                                                                                mein' Seel' nimm hin[26]!

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Jn der Pestzeit des Jahres 1538 schrieb Bullinger auf die Bitten Vieler seinen wahrhaft trostvollen und herzerhebenden Bericht für Kranke, worin er zeigt, „wie sich der Christ in seine Krankheit schicken und aufs Sterben rüsten solle.“

Noch ein Zweig der Seelsorge, in welchem Bullinger Preiswürdiges leistete, war die geistliche Pflege der Gefangenen, insbesondere die Vorbereitung zum Tode verurtheilter Missethäter. Er stand ihnen liebreich bei mit dem rechten Troste des Evangeliums, ging ihnen zur Seite bis zur Richtstätte und harrte bei ihnen aus bis zu ihrem letzten Athemzuge.

Wie viele Zurechtweisungen, Ermahnungen u.s.w. kamen überdies vor in seiner Seelsorge. Wie oft hatte er Entzweite zu versöhnen. Sein außerordentliches Geschick verwickelte Knoten zu lösen und ausgebrochenen Hader in Güte beizulegen, erwarb ihm ein so allgemeines und unbegrenztes Vertrauen, daß er von den verschiedensten Seiten und bei den mannigfaltigsten Vorgängen um seine Vermittlung oder Fürsprache angegangen wurde, und immer wieder fand man in ihm denselben treuen und gewandten Rathgeber. Es gab kaum eine Familie, mit der er nicht dadurch im Laufe der Zeit in nähere vertraute Beziehungen kam.

So stellt sich uns in ihm das lebende Bild eines evangelischen Seelsorgers im vollsten Sinne des Wortes dar, ein anregendes Vorbild für alle seine damaligen Amtsbrüder, wie für so viele auch noch in kommenden Tagen.

 

Vierter Abschnitt.

Confessionelle Entwicklung. Bullingers Mitwirkung zur Bildung des kirchlichen Bekenntnisses.

50. Anregungen zum Bekenntniß.

Bisanhin haben wir Bullingers muthvolles und rüstiges Schaffen und Wirken zur Erhaltung und zum Ausbau der evangelischen Kirche in seiner nähern Umgebung wahrgenommen, zumal innerhalb des zürcherischen Gebietes. Nunmehr aber haben wir unsere Blicke weiterhin zu wenden, um seinen

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namhaften Antheil an der Entwicklung des kirchlichen Bekenntnisses der gesammten reformirten Kirche der Schweiz zu betrachten. Die mannigfache Verflechtung der Verhältnisse nöthigt uns zu einigen einleitenden Bemerkungen.

Die große Bedeutung der Aufstellung und Bewahrung eines kirchlichen Bekenntnisses zeigt sich uns innerhalb der Kirche unter verschiedenen äußeren Zuständen immer wieder. Auch dieses nämlich gehört zur völligen Entfaltung jeder kirchlichen Gemeinschaft, daß sie es vermöge in bestimmter Weise ihren eigenthümlichen Glaubensinhalt auszudrücken. Daher sehen wir so viele Berathungen, so großen Kraftaufwand in den verschiedensten Zeiten der Kirche diesem Punkte gewidmet.

Wie aber der einzelne Christ nur da in den Fall kommt, seinen Glauben einläßlich und vollständig zu bekennen, wo ihm eine besondere Veranlassung gegeben wird; so ist es auch mit der Kirche oder einer einzelnen Abtheilung derselben. Auch für sie bedarf es zur Aufstellung eines Bekenntnisses einer Veranlassung. Diese aber liegt insgemein darin, daß die Einzelkirche, wie sehr sie auch in und aus sich selbst sich gestalte, ein Glied ist an der gesammten christlichen Kirche und daher zu den übrigen Theilen derselben sich in ein bestimmtes, sei es ein freundschaftliches, oder gegnerisches Verhältniß zu setzen hat. Von beiden Seiten her kam ein solcher Anstoß in dieser Zeit für die erneute Kirche der Schweiz.

Auf der einen Seite lag eine Veranlassung dazu in den Beziehungen zu der römisch-katholischen Kirche. Wie sehr sich die evangelische Kirche in entschiedenen Gegensatz hatte stellen müssen zu allem Unevangelischen in der päbstlichen römischen Kirche, so war man sich doch des gemeinsamen Glaubensgrundes und der Zusammengehörigkeit aller Christen bewußt und in diesem Zeitraume noch nicht alle Gemeinschaft abgebrochen. Die Hoffnung wenigstens auf irgend eine friedliche Ausgleichung schwebte aus verschiedenen Gründen, äußern und innern, noch eine Zeit lang dem Zeitalter vor, durchgängig unter der Form eines freien, allgemeinen, christlichen Concils, so etwa wie die großen Kirchenversammlungen des fünfzehnten Jahrhunderts der Jdee nach hätten sein sollen. Jmmer hatte sich der Pabst einem solchen von den Völkern längst ersehnten und vom Kaiser öfter schon verheißenen allgemeinen Concil abgeneigt gezeigt. Nun aber, als im October 1534 Paul III. (Farnese) den päbstlichen Stuhl bestieg, schien der Pabst selbst dazu bereitwillig, sandte dazu seinen Legaten Vergerio nach den deutschen Landen und schrieb endlich 1536 das Concil nach Mantua aus. Sollte es wirklich dazu kommen, unter annehmbaren Bedingungen, so daß man sich evangelischerseits dabei konnte vertreten lassen, wie wünschbar mußte es da sein, daß die schweizerischen evangelischen Kirchen, als eine Einheit, wie sie faktisch bisanhin schon eins waren, mit einem gemeinsamen Glaubensbekenntnisse Angesichts der übrigen Christenheit auftreten könnten. Jn der That schien die Aussicht auf

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Besammlung des Concils eine Zeit lang ihrer Verwirklichung nahe. Jmmerhin war es etwas werth und dienlich zur Aufrechthaltung eines nachbarlichen, leidentlichen Verhältnisses zu den römisch-katholischen Bundesbrüdern, bereitwillig hiefür das Seine zu thun, um nicht dem Vorwurfe sich auszusetzen, man fürchte sich, von seinem Glauben Rechenschaft zu geben vor einem allgemeinen Concile und in Verdacht zu kommen, alle früheren Anerbietungen dazu seien nur Verstellung gewesen. Dies ist das Eine, was die Aufstellung eines gemeinsamen schweizerisch-evangelischen Bekenntnisses veranlaßte.

Ein anderer Anstoß dazu kam von Seiten der evangelischen Kirchen in Deutschland. Es war ja Gottes gnädiger Wille, daß von zwei Punkten aus selbständig, von Zürich und von Wittenberg, die Erneuerung seiner Kirche ausging, und es war wohl auch sein Wille, daß beide Zweige der erneuten Kirche sich alsbald in diese ihre ebenbürtige Stellung sollten zu finden wissen, um auf dem Einen Grunde des Gotteswortes stehend sich gegenseitig zu stärken und zu erbauen. Und doch ist ja bekannt, wie gerade die Darlegung der beiderseits wieder errungenen Herrlichkeit des einfachen und ursprünglichen ächt christlichen Males der Liebe der Anlaß wurde zu gegenseitiger Zurechtweisung, alsdann zu Verkennung, zu Mißtrauen und endlich zu offenem Zwiste, ja von der einen Seite mitunter zu harter Verdammung. Hatte zuerst zwischen untergeordneten Mitarbeitern ein wirrer Kampf darüber sich entsponnen und die menschlichen Leidenschaften entzündet, so waren nachgerade wider Willen auch die hochbegnadigten Häupter der Kirchenerneuerung, Zwingli sammt seinem Oekolampad einerseits und Luther anderseits in den Streit verflochten worden, nicht ohne verdeckten Einfluß papistisch gebliebener Zwischenträger wie Erasmus, und hatten mit gewaltigem Ernste gekämpft, Luther selbst mit voller Hitze in der Meinung, ein Theil müsse des Teufels sein und Gottes Feind, Zwingli sammt Oekolampad mit gemessener Festigkeit im Bewußtsein, die einfache, schriftmäßige Wahrheit festzuhalten und eben durch unerschütterliche Treue am hellen Worte Gottes Ehre am besten zu wahren. Jmmerhn fehlte es nicht an ernsten Bestrebungen zu ihrer Versöhnung und zur Annäherung beider Parteien; es konnte nicht anders sein; ja so mächtig war der Zug, der die beiden Theile der evangelischen Kirche zu einander hinzog, daß wir auch nach Zwingli's Tod unter Bullingers Amtsführung einen zwölf Jahre lang stets wieder erneuten Fortgang der angestrengtesten und mannigfachsten Bemühungen vor uns haben, eine wahrhafte Einigung (Concordie) unter ihnen zu bewerkstelligen.

Nirgends mußte sich das Bedürfniß darnach fühlbarer machen, als in denjenigen Gegenden des mittlern und obern Deutschland, die auf der einen Seite namhafte Anregungen von der Schweiz her empfangen hatten, mit Zwingli und den Seinigen sich durchaus eins wußten, gerade bei dieser Einfachheit der Lehre und des Cultus sich wohl fühlten - nicht nur die Geistlichen, sondern auch das Volk, die Bürgerschaften -, und die auf der andern

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Seite durch ihre politische Lage, ihren Verband mit Kaiser und Reich, sich genöthigt sahen, mit den mächtigsten evangelischen Fürsten und Städten auch des nördlichen Deutschlands Verbindungen anzuknüpfen, um ihres Schutzes zu genießen. Je mehr der gemeinsame Hauptfeind sich stärkte, je enger Pabst und Kaiser sich verbanden, je drohender der Kaiser nahte und von ihm her die Gefahr wuchs, desto mehr mußte ihnen daran liegen, daß das an sich selbst schon so schöne, ächt christliche Vereinigungswerk gelinge.

Von hier aus, namentlich von Straßburg sehen wir denn auch die verschiedensten langjährigen, unermüdlichen Bestrebungen ausgehen, bei welchen kirchliche und politische Rücksichten sich aufs mannigfaltigste die Hand reichen und verflechten, so daß eine völlig richtige und genaue Darstellung derselben nicht ohne einläßliche Vorführung der vielgestaltigen gleichzeitigen Geschichte Deutschlands möglich wäre. Hauptsächlich ist es Martin Butzer, der hier überall auf dem Schauplatz erscheint, während die politische Hauptperson, Straßburgs begabter Diplomat, der Stättmeister Jakob Sturm, für uns in den Hintergrund zurück tritt.

Jndeß liegt es nicht in unserer Aufgabe, eine umfassende Geschichte aller der Verhandlungen zu liefern, die zwischen den evangelischen Kirchen Deutschlands und der Schweiz in diesem Zeitraum gepflogen wurden. Wir begnügen uns damit, Bullinger und sein Verhalten auch in diesen Verhandlungen möglichst klar und scharf zu zeichnen. Wie viel leichter waren alle andern Kämpfe, wie viel leichter die Kämpfe gegen offenbare Gegner, als die mit Solchen, welche wesentlich auf demselben Standpunkte sich befanden, doch unter so mannigfach wechselnden Wendungen. Jst es für uns nicht eben leicht, mit klarem Blicke das Einzelne zu überschauen, wie viel schwieriger war es damals für die Betheiligten. Um so mehr muß es uns erfreuen, gerade hier in diesen langjährigen Unterhandlungen Bullinger in seiner männlichen Geradheit, Offenheit, Festigkeit und zugleich in seiner Friedensliebe, Besonnenheit und Mäßigung sich bewähren zu sehen. Ohne auf die fast unglaubliche Menge von unrichtigen Auffassungen, mehr oder weniger bewußten Jrrthümern, Entstellungen, Schiefheiten, die uns in manchen Darstellungen entgegen treten, einzugehen, suchen wir so einfach wie möglich die geschichtliche Wahrheit darzubieten, getreu dem Satze Bullingers: die beste Widerlegung des Jrrthums sei die klare Darlegung der Wahrheit. Muß es uns auch betrübend vorkommen, Männer, die ihrem innersten Streben nach eins sind, getrennt, mitunter entzweit zu sehen, während man sie so gerne in brüderlicher Eintracht beisammen sähe und sie oft nur noch durch eine dünne Scheidewand gesondert scheinen, so wird gerade das lehrreich und beschämend genug sein, und zugleich heilsame Warnung enthalten für unsere Tage, in denen ein neues Verständniß und Jnteresse für die Kirche, daher auch für das kirchliche Bekenntniß und dessen hergebrachte Besonderheiten aufgegangen, zugleich aber, wie es scheint, erneute Verkennung, strafbarer, als die vor drei Jahrhunderten, je mehr der

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Herr der Kirche dafür gethan, daß die beiden Zweige der evangelischen Kirche sich gegenseitig als fruchtbringende Schosse am wahren Weinstocke erkennen möchten. Müssen wir unserseits rücksichtlich der Lehre den Vorzug der reformirten Kirche als unbestreitbar ansehen, so thun wir es ohne Verdammung, ohne darauf einen zu hohen Werth zu legen und ohne dabei anderweitige Vorzüge der lutherischen Schwesterkirche zu übersehen oder verringern zu wollen. Müssen wir menschliche Schwachheit hier gerade selbst an Luther offen erkennen und darlegen, so geschieht es zugleich mit hoher Schätzung dessen, was Gott ihm aufgetragen und zuvor schon durch ihn vollführt hatte zur Reinigung und zum Heile der Kirche, mit Achtung gegen den kampfgewohnten Helden, auch da, wo er seine derben Waffen gegen einen bloß vermeintlichen Feind wendet, indem wir auch darin nur eine Bestätigung des evangelischen Satzes finden, der immer wieder seinen hohen Werth behält, daß der Herr nur durch unvollkommene Werkzeuge seine Kirche hienieden bauen will.

51. Ausgangspunkt. Die beiden Sendbriefe, 1532.

Als Bullinger das schwierige Amt in stürmischer Zeit in Zürich antrat, sah es so friedlich aus nach der lutherischen Seite hin. Wer hätte denken sollen, daß er so bald zur Abwehr eines heftigen Angriffs genöthigt würde? Hatten doch auf dem Schlosse zu Marburg, wohin Zwingli so gerne ihn als Begleiter mitgenommen hätte, am 3. October 1529 die sämmtlichen zehen anwesenden Theologen jene fünfzehen von Luther selbst entworfenen Artikel eigenhändig unterzeichnet, in denen sie ihre Einstimmigkeit in allen christlichen Hauptlehren bezeugten, und deren letzter die noch obwaltende unausgeglichene Abweichung in bestimmten Ausdrücken angab und auf ihr bescheidenes Maß zurück führte:

äWir glauben und halten Alle, daß das Sakrament des Altars (das heilige Abendmal unsers lieben Herrn Jesu Christi) ein Sakrament des wahren Leibes und Brotes Christi, und daß die geistliche Nießung desselbigen Leibes und Blutes jedem Christen vornehmlich von Nöthen sei, desgleichen daß der Brauch des Sakraments wie das Wort von Gott dem Allmächtigen gegeben und geordnet sei, damit die schwachen Gewissen zum Glauben und zur Liebe zu bewegen durch den heiligen Geist. Und wiewohl wir uns dermalen nicht darüber vereinigen konnten, ob der wahre Leib und das wahre Blut Christi leiblich im Brot und Wein sei, so soll doch jeder Theil dem andern christliche Liebe erzeigen, so weit nur immer das Gewissen jedem zuläßt, und beide Theile Gott den Allmächtigen fleißig bitten, daß er uns durch seinen Geist im rechten Verständnisse bekräftigen wolle.ä (Siehe Bullingers Reformationsgeschichte B. 2. S. 235, und Christoffels Zwingli, Abth. 1. S. 206-216, 252-330.)

Zudem hatten beide Reformatoren dem hochherzigen Landgrafen Philipp

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noch mündlich versprochen, sich fürhin freundlich und friedlich gegen einander zu verhalten und sich des bitteren und zänkischen Schreibens zu enthalten. Demgemäß hatte jeder nach seinem Schriftverständniß, aber ohne Bitterkeit, 1530 auf den Reichstag zu Augsburg sein Glaubensbekenntniß gesandt. Zwingli hatte bis zu seinem Tode das beim Landgrafen gegebene Versprechen treulich erfüllt, Luther anerkannte dasselbe 1531 (in einem Briefe vom 1. Februar an Herzog Ernst von Lüneburg und in einem Schreiben an Butzer vom 22. Juni) ausdrücklich als noch bestehend an.

Dessen ungeachtet ließ er wenige Monate nach Zwingli's Heldentode, eben als Bullinger und die Seinen gegenüber den in Zürich selbst und von außen drängenden Papisten für den ungeschmälerten Bestand der evangelischen Kirche so schwer zu kämpfen hatten, ein Sendschreiben im Drucke ausgehen, durch welches er für ganz Deutschland, namentlich für Franken, Baiern und Schwaben das Signal gab zur Erneuerung des Zwiespaltes, und zu bitteren Schmähungen und Verlästerungen aller derjenigen Evangelischen, die der schweizerischen Lehre anhingen. Es war an den Markgrafen Albrecht von Brandenburg gerichtet. Er schilt darin die Zwinglischen Schwärmer, Rottengeister, u.s.w., stellt sie mit Münzers Genossen auf Eine Linie, schließt aus der Niederlage der Zürcher bei Kappel auf die Verwerflichkeit der Lehre Zwingli's, nennt das Beharren bei dieser die rechte Sünde wider den heiligen Geist; er bedauert den getödteten, aber wie einen Gerichteten, findet an den Siegern nur das nicht lobenswerth, daß sie, die Verfechter des Pabstthums, nach dem uns bekannten Ausdruck des Landsfriedens die Evangelischen „bei ihrem Glauben bleiben lassen“, und bittet den Markgrafen aufs dringendste, wofern er nicht sein Gewissen gräulich beschweren wolle, die Anhänger der zwinglischen Lehre nicht zu dulden, sondern aus dem Lande zu treiben[27].

Wir lassen dahin gestellt, ob Luther sein gegebenes Versprechen durch Zwingli's Hinschied für aufgehoben ansah - ; der Zeitpunkt zum Losschlagen und Niederschmettern schien nicht übel gewählt, da alle schweizerischen und süddeutschen Protestanten eben unter dem erschütternden Eindrucke der verlorenen Kappelerschlacht schmachteten, in Deutschland aber die Verhandlungen über das schmalkaldische Bündniß im vollen Gange waren. Um so weniger konnten die Freunde und Wahrheitszeugen, die der gefallene

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Vorkämpfer auf Erden zurück gelassen, dazu schweigen und lautlos ihre Glaubensbrüder von einem evangelischen Fürsten verfolgen lassen.

So weit konnten sie den Wünschen der sofort besänftigenden Straßburger mit gutem Gewissen nicht entsprechen. Doch kam Bullinger, um sein Möglichstes für den Frieden zu thun, ihnen darin entgegen, daß er nicht in seiner Antwort gegen Faber auch Luthers Angriff zurück trieb, sondern bloß mit einem Winke auf diesen hinwies, Leo Judä's und Carlstadts schneidende Antwortschreiben zurück hielt, und sich begnügte, das von Leo ins Deutsche übersetzte Schriftchen des Priesters Bertram „vom Leib und Blut des Herrn“, das ums Jahr 840 auf Carls des Kahlen Wunsch verfaßt worden und ihm gewidmet war, heraus zu geben und mit einem ruhig gehaltenen Vorworte zu begleiten[28]. Trefflich gewählt, nicht ohne göttliche Schickung, - wie Bullinger sich ausdrückt - wieder ans Licht gezogen, war Bertrams Schrift, um Luthers namhafteste Beschuldigung, wie wenn die zwinglische Abendmalslehre eine neue Erfindung, „aus den Fingern gesogen“ wäre und sich von dem Zeugnisse der gesammten christlichen Kirche, wie es von Anfang gewesen, losrisse, schlagend zu widerlegen. Nicht nur ergab sich daraus, daß noch im neunten Jahrhunderte ganz überein stimmend mit Zwingli gelehrt worden, sondern durch zahlreiche Zeugnisse der Schrift und der trefflichsten alten Kirchenlehrer wie Augustin, Ambrosius, Hieronymus, Jsidorus, Fulgentius ward darin erwiesen, daß auch diese als ächte Zeugen der Rechtgläubigkeit in der Kirche hochangesehenen Männer im Einklang mit der heiligen Schrift eben im Sinne Zwingli's und der Seinigen vom Abendmale lehrten.

Das von Bullinger verfaßte, im Namen der Diener des Wortes in Zürich beigefügte Vorwort ist, entsprechend dem Angriffe Luthers, ebenfalls ein Sendbrief an Albrecht, Markgrafen von Brandenburg und Herzog von Preußen. So sehen wir hier die Vertreter beider Konfessionen sich an den Ahnherrn desjenigen Fürstenhauses wenden, dem eine so hohe Stellung zur Verknüpfung beider Zweige der evangelischen Kirche zukommen sollte. „Wir sind entschlossen, schreiben die zürcherischen Prediger, Luthern nicht zu antworten; denn er dessen nicht werth ist, sein unwürdiges Schmähen richtet sich selbst; er würde uns auch nicht hören. Aber um der armen, unschuldigen Christen willen richten wir an Euer Fürstliche Gnaden die demüthige, dringende und herzliche Bitte, E. F. G. wolle der Zumuthung, solche unerhört zu verfolgen, keine Folge leisten und nicht etwa Euer Gewissen durch ungerechte Verfolgung gräulich beschweren. Wahrlich nicht in apostolischem Geiste hat Luther dies verlangt.“ „Alle Schmach und Schande, die er uns anthut, wollen wir gerne tragen um der Wahrheit und um dessen willen,

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der für uns auch ist geschmäht worden, werden aber um seiner bitteren und giftigen Worte willen nicht ein Haar breit von der erfaßten und bekannten Wahrheit weichen, es wäre denn, daß wir mit der Schrift der göttlichen Wahrheit besser möchten berichtet werden.“ „Statt dessen ruft Luther die Fürsten auf (heißt es weiterhin), daß sie uns mit dem Schwerte tödten, und übergibt uns, die wir keine Ketzer noch Rottengeister sind, sammt so zahlreichen Kirchen, in denen viel tausend fromme, gläubige Menschen leben, wie Ulm, Memmingen, Eßlingen, Augsburg, Konstanz, Lindau, Straßburg, Basel, Bern usw. dem Teufel. Wir besorgen wahrlich, Luther haue zu weit über die Schnur christlicher Bescheidenheit; denn er auch ein Mensch ist und menschlicher Anfechtungen nicht ganz ledig.“ „Zwingli, sagen die Zürcher Prediger, halten wir für einen frommen, theuren Lehrer der Wahrheit, für ein Werkzeug Gottes, durch das uns Gott seine Wahrheit kund gethan, für einen Glaubenszeugen, der um der Ehre Gottes willen in den Tod gegangen. Aber seinen Namen (zwinglisch), den man uns zur Schmach aufheften will, lehnen wir ab; denn wir rühmen uns allein Christi“[29].

Luthers Hitze gegenüber zeugt auch folgende Stelle von der bemerkenswerthen Gelassenheit und dem friedfertigen Sinne des zürcherischen Sendschreibens: „Wir begehren keineswegs Luthern seine Ehre nd seinen guten Namen zu schmälern. Wir halten ihn für einen theuern Diener Gottes, erkennen, daß Gott viel und großen Nutzen durch ihn aller Welt verschafft hat; dessen aber sollte er gedenken, daß er auch ein Mensch und daß nicht Alles Geist sei, was er redet, schreibt und handelt, daß er auch irren möge, und sollte darum seine armen Mitarbeiter im Werke Gottes, uns, nicht so gar verachten. .. Darum bitten wir den Luther, er wolle uns für Brüder erkennen, sich nicht von uns abtrennen, uns nicht verschnupfen; wir erbieten uns alles Friedens und aller Liebe gegen ihn; allein er dränge uns nicht von erkannter Wahrheit.“

Was die Verschiedenheit in der Lehre anlangt, um deren willen Luther die schweizerischen Kirchen und die ihnen gleichgesinnten in Deutschland so arg drängte, so handelte es sich, wie wir bereits wissen und sich aus dem oben angeführten Marburger Artikel ergibt, nicht etwa darum, ob die Sakramente leere Zeichen seien, oder ob Christus wahrhaft im Abendmale geistlich genossen werde, lag außerhalb des Streites; sondern das war Luthers Forderung, sie sollten zugeben, daß Christi Leib und Blut nicht bloß geistlich wahrhaft genossen werde im Abendmal, sondern auch leiblich, oder natürlich,

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(materiell, wie wir heut zu Tage sagen würden; z.B. Stier, Reden Jesu. Barmen, 1848. B. 6. S. 1232. Anm.), so daß auch der Ungläubige, der das Brot zermalme, seinen Leib wahrhaft esse. Nur das, daß Luther betreffend die Gegenwart dieses natürlichen (materiellen) Leibes, auf der er so viel hielt, denn doch wieder in Abrede stellte, daß er örtlich oder räumlich zugegen sei, bewahrte ihn noch vor der krassen römisch-katholischen Auffassung und ließ eine, wenn auch spärliche Aussicht auf die Möglichkeit einer dereinstigen Verständigung. Daß er aber mitunter sich auf die schon in der Scholastik (der mittelalterlichen Schultheologie) vorkommende Annahme einer Allenthalbenheit (Ubiquität) des verklärten Leibes Christi, als eine Art von Erklärung oder Begründung seiner Behauptung berief, erschwerte hinwieder eine allfällige Annäherung und machte die Sache desto verwickelter. Gerade er, der Zwingli's und Oekolampads klare und einfache Auslegung der Einsetzungsworte Christi, wornach das Sichtbare beim heiligen Abendmal Christi Leib bedeute, sinnbildlich darstelle, verneinte und sich darauf viel zu gute that, daß er buchstäblich bei den Worten selbst bleibe, entfernte sich dadurch weit mehr von dem schlichten Verständniß derselben und verwickelte sich in Schulbestimmungen. Jndem für ihn die Worte: Dies ist mein Leib, den Sinn erhielten: Ja, mit und unter diesem Brote befindet sich mein verklärter, überall gegenwärtiger Leib, löste er den (Luk. 22. u. I. Korinth. 11.) damit verbundenen Satz „der für euch dahin gegeben wird“ ziemlich davon ab, als eine diese Erläuterung in Bezug auf das, was nunmehr mit seinem sichtbaren, natürlichen Leibe vergeben werde. Den mit Zwingli Gleichgesinnten dagegen erschien es als heilige Gewissenspflicht, nichts zuzugeben, wodurch dem äußeren Gnadenmittel wiederum zu viel zugeschrieben, demselben, abgesehen von Glauben, eine Heilswirkung beigemessen würde, etwas, das der freien Gnade Gottes, der Wirkung des heiligen Geistes und dem durch ihn allein gewirkten selig machenden Glauben zukomme.

Unser Sendbrief faßte sich darüber kurz. Gegenüber Luthers Pochen auf die bloßen, „dürren“ Einsetzungsworte wird kurz und treffend nachgewiesen, daß sie nach ihrem Sinn und Geiste gemäß der Schrift verstanden und ausgelegt werden müssen, wie auch der fromme Bertram immerfort darauf dringe, daß der Leib und das Blut Christi, das am Kreuz für uns geopfert ist, nicht leiblich da sei, sondern allein im Glauben, im Andenken, im Geheimniß und Sakramente. Ueberdieß sagen die Briefsteller im vollen Bewußtsein ihrer Kirchlichkeit: „Wir vermeinen auch Christen zu sein, ob wir gleich in diesem Artikel dem Luther nicht können zufallen. Die Liebe mit dem Glauben der Worte Gottes ist uns der theuerste Schatz. Den Glauben der Schrift halten wir theuer und hoch, forschen ihm täglich fleißig nach, Gott bittend, daß er uns die Schrift aufschließe. .. Der heiligen Väter (Kirchenlehrer) Schriften nehmen wir mit aller Zucht und Ehrerbietung an, vegleichen sie fleißig mit der Schrift und halten sie soweit

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in Ehren, wie sie selbst es begehren; was die Schrift nicht verwirft, verwerfen wir auch nicht. Wir bieten allen Menschen Liebe an und nehmen sie auch an von andern, und ob gleich etliche irren, verwerfen wir sie darum nicht gleich, und sind allezeit bereit mit Sanftmüthigkeit der Lehre halben Bescheid zu geben und anzunehmen (I. Petri 3, 15. 16.) Wir sprechen nicht, daß es schlecht (bloß) Brot und Wein sei, reden auch nicht verächtlich davon, sondern nennen's mit Paulo Brot des Herrn, Brot der Danksagung, nennen's Leib und Blut Christi mit Christo. Aber die von Luther und Andern hinzu gethanen Worte, aus welchen Zank und Verstrickung entnommen werden mag, halten wir für unnöthig, ärgerlich und gefährlich. Wir bekennen und glauben, daß der Leib Christi, der für uns in den Tod gegeben, und sein Blut, das zur Abwaschung unserer Sünden am Kreuze vergossen worden, wahrhaft im Nachtmal zugegen sei und von den Gläubigen genossen werde, aber so, wie es dem Glauben und der Schrift gemäß ist, wie es von den Gläubigen erfaßt und genossen werden und insoweit es eine Speise der Seele sein mag. Wir begehren offen und klar in dieser Sache zu reden. Wir gehen mit Wahrheit um, und begehren niemanden zu betrügen, niemanden zu verführen, darum scheuen wir das Licht gar nicht. Folge man dem Rathe Gamaliels; ist unsere Sache nicht aus Gott, so mag sie nicht bestehen; ist sie aber aus Gott, woran wir keineswegs zweifeln, was will man denn sich vergebens bemühen und zudem wider Gott streiten?“

So schreiben die Zürcher am 17. Juni 1532, sie, die doch getreue Anhänger der zwinglischen Abendmalslehre waren und wissen mußten, was dieser entspreche; und von keiner Seite hören wir Aeußerungen, als ob sie dieselbe damit überschritten hätten. Wir halten es nicht für überflüssig, dieß hier ausdrücklich zu bemerken, da dieselbe in den Darstellungen Neuerer gewöhnlich irrthümlicher Weise allzu knapp zurecht geschnitten erscheint.

Diese Abwehr der Zürcher verfehlte nicht den Zweck, die eigene Würde zu wahren; an Luther aber ging, wie zu erwarten, auch diese sanfte Antwort fruchtlos vorüber. Es stand um ihn, wie der milde Oswald Myconius schreibt: „Er wüthet aufs gräulichste, verdammt uns, als wäre er Gott; wie soll man ihm thun? Schreibt man, so wird er böser; schweigt man, so werden die Gläubigen geärgert.“ Ja, Luther ging so weit, in einem Sendbriefe an die von Frankfurt am Main noch heftigere Scheltungen auszustoßen und zu schreiben: „Wer von seinem Seelsorger öffentlich weiß, daß er zwinglisch lehrt, soll ihn meiden und eher sein Leben lang des Sakraments entbehren, als es von ihm empfangen, ja eher darüber sterben und Alles leiden.“ Unter Klagen über den um sich greifenden Zwinglianismus dringt er mit den derbsten Schmähungen auf Vertreibung der betreffenden Prediger von Amt und Kanzel.

Was that nun Bullinger? Weit entfernt die Lieblosigkeit zu erwiedern, widmete er dem hart angefochtenen Senate der freien Stadt Frankfurt seine Auslegung der Apostelgeschichte, zu einem Zeugnisse für den Glauben der so

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arg Geschmähten. Mit der edelsten Zurückhaltung, ohne ein bitteres Wort gegen Luther legt er die Lehre vom Abendmal dar. Sehr abstechend von Luthers Sprache übergibt er sein Werk bescheiden dem frommen Leser zu unbefangener Beurtheilung: „Jch will meine Schriften niemanden als kanonische Bücher aufbürden und dem Urtheil frommer und gelehrter Männer nicht vorgreifen. Hat ein Anderer bessere Einsichten, nie werd' ich ihn beneiden.“ Er rühmt den Rath, daß er nicht nach Anderer Beispiel durch unweise Bücherverbote die Freiheit und den Ruhm der Stadt verdunkele[30]. Er erhielt dafür eine gar freundliche Danksagung und als Ehrengabe, ausdrücklich nicht als Vergeltung, zwölf Goldgulden. Da aber nach damaligem Gesetze kein Zürcher Geschenke von fremden Regierungen annehmen durfte, stellte er diese sofort dem Rathe in Zürich zu, und letzterer ließ sie unter die Armen im Spital austheilen.

52. Die Vermittler.

Inzwischen ruhten die Vermittlungsversuche nicht. Zu solchen nöthigten die politischen Verhältnisse der Protestanten in Deutschland. Die furchtbare Gefahr, in der sie Alle insgesammt schwebten von Seiten des Kaisers, ließ sie keine andere Rettung sehen als in einem näheren Zusammenschließen unter einander. Man sollte denken, nichts wäre natürlicher gewesen, als daß man hier, wo es sich um die staatliche Sicherheit und deren gegenseitige Beschirmung handelte, nicht um theologische Erörterungen, von den feinern Verschiedenheiten, namentlich der einzig noch übrigen Differenz in der Abendmalslehre, absehen und sich auf dem gemeinsamen Grunde des evangelischen Glaubens die Hand reichen würde. Doch keineswegs. So weit war die Staatskunst der Protestanten noch nicht; die Theologen erhoben die äußersten Bedenken; durch diese glaubte zumal Sachsen sich gebunden. Von Seiten des Landgrafen Philipps von Hessen, welcher persönlich der Lehre Zwingli's zugethan war und die augsburgische Confession nur auf Luthers besonderes Andringen unterzeichnet hatte, indeß jedenfalls einer der Häupter des protestantischen Bundes werden mußte, bedurfte es aller Entschiedenheit, um nur die Möglichkeit der Aufnahme der süddeutschen Städte vorzubehalten. Doch hatte man sie endlich auf die bloße Versicherung der Straßburger, die Verschiedenheit zwischen ihrer und der lutherischen Lehre sei nicht eben bedeutend, bei der Schließung des schmalkaldischen Bündnisses, am 29. März 1531 zugelassen, obgleich Luther und die Seinigen der obwaltenden Verschiedenheit sich völlig bewußt waren. Außer den vier Städten Straßburg, Constanz,

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Memmingen und Lindau, welche in Augsburg 1530 ihr eigenes Bekenntniß abgegeben hatten, schloß auch Ulm, Reutlingen, Biberach und Jsny sich an.

Nun aber griff der von Luther (welcher immerhin durch Schroffere mochte aufgestachelt worden sein) wieder erregte Sturm gegen die reformirte Lehre unmittelbar ins praktische Leben. Bei der Zusammenkunft der Protestanten in Schweinfurt, Mitte April 1532, als Luthers Sendbrief an Markgraf Albrecht von Brandenburg soeben heraus gekommen war, sahen sich die Straßburger mit Argwohn und Vorwürfen aufgenommen; man drängte sie durch Rücksichten theils auf den Kaiser theils auf andere protestantische Stände zur Annahme der augsburgischen Confession. Doch fand sich ein Ausweg, der ihnen möglich machte, ihre Ueberzeugung zu wahren; der Wortlaut der augsburgischen Confession betreffend das Abendmal schien nämlich einer Auffassung im zwinglischen Sinne nicht gerade zuwider. „Wir mögen euere Confession (die augsburgische) neben der unsrigen, als die uns nicht zuwider, wohl annehmen, so viel die Lehre betrifft,“ lautete Butzers vorsichtige Unterzeichnung. Er behielt sich dadurch das eigene Bekenntniß ausdrücklich vor, machte zwischen euer und unser auch fernerhin einen bestimmten Unterschied, und verwahrte sich durch den letzten Zusatz vor Aenderungen im Gottesdienste, welche die Gemeinden sich, wie er wohl wußte, nicht hätten gefallen lassen.

Jndeß verbreiteten sich über diese Unterschrift allerlei Gerüchte bis in die Schweiz. Manche Lutheraner schmeichelten sich mit der Hoffnung, diese Unterschrift wäre eine Art Widerruf oder würde doch dazu führen. Jn der Schweiz hörte man mit Entrüstung davon, indem man bei der Unbestimmtheit der Nachrichten eben dasselbe befürchtete. Schon am 8. Juli schrieben aus Zofingen die bernischen Geistlichen an die Zürcher, sie haben sammt ihren Nachbarn sich aufs neue vereinigt, fest bei der bisherigen Lehre vom Abendmal zu beharren, und ermahnten die Zürcher dasselbe zu thun. Butzern konnte es aus mancherlei Gründen, sowohl aus politischen als kirchlichen, namentlich auch wegen des persönlichen Ansehens nicht gleichgültig sein bei seinen alten Freunden, den Schweizern, in solchen Verdacht zu kommen, und er lehnte daher in wiederholten Briefen an Bullinger und Leo Judä denselben aufs ernstlichste von sich ab, doch öfter unter dem Vorgeben, als ob die Verschiedenheit zwischen Luther und ihnen bloß ein Wortstreit sei, der eben nur in den Ausdrücken oder auf Mißverstand beruhe. Dadurch machte er sich aber verdächtiger und steigerte den Argwohn, da ja die Zürcher, ob sie schon die Verschiedenheit nicht für grundwesentlich ansahen und um deswillen Freundschaft und kirchliche Gemeinschaft mit Luther zu halten bereit waren, ganz gut wußten, daß dem nicht so sei, sondern allerdings eine nicht bedeutungslose Verschiedenheit im Gedanken zu Grunde liege. Dies sagten sie auch Butzern in ihren Antworten als ächte Freunde mit der völligsten Offenheit und mit den entschiedensten Warnungen an ihn, sich nicht durch Menschengefälligkeit und falsche Vermittlungssucht von der erkannten und von ihm selbst in einer

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Anzahl von Schriften seit Jahren bekannten, schriftmäßigen Wahrheit abbringen und weiter hinreißen zu lassen, als ihm selbst lieb sein könne. Kam es auch bei diesen offenherzigen Erklärungen zu ziemlich scharfen Aeußerungen, so wurden sie doch in Liebe ausgesprochen und eben so aufgenommen.

Jn diese Zeit nun fällt der Anfang des sehr freundschaftlichen Verkehres, den unser Bullinger, gleich seinem Vorfahr, mit dem entschlossenen und entschieden freundlich gesinnten Landgrafen Philipp von Hessen Jahrzehnde lang unterhielt. Jm August 1532 widmete er dem Landgrafen mit dessen Bewilligung seine Auslegung des Hebräerbriefes. Jndem er ihm in der Widmung freimüthig die Pflichten eines evangelischen Fürsten ans Herz legte, fügte er in einem wie es scheint, bisher unbeachteten Begleitschreiben bei, Zwingli habe ihm von der Gradheit, Tapferkeit und Freundlichkeit des Landgrafen so viel Gutes erzählt; er möge in seinen Landen auch fürderhin solche Schriften nicht verbieten, wie anderwärts unverdienter Maßen geschehe. „Denn wir haben ja keine andere Absicht, als daß die ewige Wahrheit rein und klar an den Tag gebracht und die herrliche Ehre Gottes aller Welt hell geoffenbaret werde in der Kraft und Zukunft unsers Herrn Jesu Christi. Hat uns Gott gleich dermalen gedemüthigt und heimgesucht, so hat er uns doch väterlich gesucht, uns nicht weiter versucht, als wir ertragen mögen, und hat die Seinen als das Gold im Feuer bewährt, auch unsere Sünde hier mit zeitlicher Schande bestraft, auf daß er uns der ewigen Schande entlüde. Darum sagen wir ihm auch Dank, erkennen seine väterliche Treue und beharren nichts desto weniger bei Gott und seinem Wort wider alles Pabstthum unter Gottes gnädiger Hand und sind Willens mit seiner Gnade weiterhin dabei zu beharren bis ans Ende.“ Habe auch der äußere, geschriebene Bund, den Zürich und die evangelischen Schweizerstädte mit dem Landgrafen hatten, wegen des Ueberdrangs der fünf Orte aufgelöst werden müssen zum Leidwesen aller Frommen, so tragen diese dennoch je länger je mehr herzliche Liebe zu ihm, da sie von seiner Treue am Gotteswort mit großer Freude hören.

Der Landgraf antwortete alsbald gar huldvoll: „es sei nit ohne,“ er hätte wirklich gerne sein Bestes gethan, damit alle evangelischen Stände in Ruhe, Frieden und Einigkeit möchten beim Evangelium bleiben können, und strebe auch ferner darnach.

Hohen Dank sagt ihm Bullinger in seiner bisher ebenfalls unbeachteten Antwort vom 22. October für sein Bemühen und sein Anerbieten. „Es gibt auch nichts, wonach ich mehr begehre von Gott, schreibt er, als nach einer rechten Vergleichung und Einigung mit allen denen, so Christum rein und lauter predigen, und daß kein Zwiespalt des Nachtmals Christi halben unter uns wäre, die wir sonst einmündig Christum Jesum verkündigen. Daher sind wir auch bereit, Alles das willig zu thun, was wir mit der Wahrheit verantworten können. Wir hätten deshalb vermeint, der hochgelehrte D. Martin Luther sollte uns nicht weiter drängen, da wir je und je

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zugegeben und noch bekennen, daß im heiligen Abendmal der Leib und das Blut Christi also zugegen sei, wie Christus unter den Galatern gekreuzigt worden war (Gal. 3, 1), nämlich im Anschauen des Glaubens, welchem Glauben zukömmt, daß Christi Leib wahrhaft, nicht aber natürlich zugegen ist, wie sich denn weiter in unsern Schriften findet. Dies schreibe ich darum, damit Euer Fürstliche Gnaden sehe, daß es der Vergleichung und Einigkeit halben an uns nicht fehlt, und wir deren begierig sind, sofern wir nicht von der einfachen Wahrheit weggedrängt werden. Gott wolle Euch seinem Volke lange bewahren und zu seiner Ehre erhalten!“

Vom folgenden Jahre 1533 liegt uns ein gar treuherziges Schreiben des Landgrafen vor, wodurch er Bullinger und seinen Freund Landvogt Lavater zum Muthe und zum Beharren beim Evangelium ermuntert und ihnen von neuem all seine besten Dienste anbietet.

53. Butzer in Zürich, 1533.

So schwierig war, wie aus dem Gesagten zu ersehen, Butzers und der Seinigen Stellung, daß ihnen Alles daran liegen mußte, doch noch eine Annäherung zwischen Luther und den Schweizern zu Stande zu bringen. Dazu kam auch bei Butzern ein inniger, ächter Liebestrieb, dem nur zu viel Geschmeidigkeit, Eilfertigkeit und Redseligkeit, dagegen zu wenig Offenheit und Charakterstärke zur Seite ging. So schrieb er noch 1532 an die Zürcher: „Nur darum arbeite ich so eifrig an einer Vereinigung, damit nicht jene in euch und ihr in ihnen Christum verfolgen; bin ich doch versichert, weil beide in Christo ihr Heil suchen, Christus wohne in beiden.“

Freilich von Luther durfte Butzer sich nicht viel Annäherung versprechen. Er hatte schon früher seine Ausgleichungsformel: „im Abendmale gebe Christus uns seinen wahren Leib und sein wahres Blut zu einer Speise der Seele wahrhaft zu essen und zu trinken,“ zurück gewiesen und ihm sofort die schärfsten Spitzen seiner Abendmalslehre entgegen gestellt, während Zwingli (s. Christoffels Zwingli, Abth. 1. S. 329) fand, der von Butzer vorgeschlagene Ausdruck wäre wohl mit der richtigen Lehre vereinbar, gäbe aber leicht zu Mißdeutungen Anlaß, und daher nicht vom klaren, verständlichen Ausdrucke zu einem dunkeln, zweideutigen übergehen wollte, indem man sich dadurch um keinen Schritt näher käme, sondern nur für die Zukunft Verwirrung anrichten würde. Seither hatte Luther überdies, wie wir wissen, Sendschreiben ausgehen lassen, die jede Hoffnung auf eine Ausgleichung abzuschneiden schienen; doch hatte Butzer mitunter auch schon erfahren, wie von Zeit zu Zeit der bessere Luther etwa unverhofft, großartig hervor brach, der unter begünstigenden Umständen nicht unfähig schien, statt des Scheltens und Drängens Gott walten zu lassen hoffend und betend, daß er einst noch eine rechte Einigung

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werden lasse. Dergleichen ließ Butzern nicht verzagen, wo er nur konnte, aus allen Kräften fortzuarbeiten.

Je schwieriger und zufälliger aber bei Luthers Persönlichkeit jede Einwirkung auf ihn erschien, um so mehr fühlte er sich bewogen, Alles zu versuchen, um die Schweizer Luthern näher zu führen, ihnen eine günstige Meinung von Luther einzuflößen, seine Lehre ihnen im mildesten Lichte darzustellen, ihnen so viel wie möglich seine eigene Auffassung beizubringen, daß, wenn auch die Verschiedenheit in der beidseitigen Abendmalslehre eine tiefere zu sein scheinen möchte, sie im Grunde doch nur auf verschiedener Ausdrucksweise beruhe und gegenseitigem Nichtverstehen, während das, was man damit sagen wollte, im Grunde dasselbe sei. Die Mannigfaltigkeit und theilweise Unbestimmtheit der Ausdrucksweise bei den angesehensten Kirchenlehrern der ältern Zeit bot ihm ein weites Feld für derartige Nachweisungen.

Da er nun wohl wußte, wie er in der Schweiz durch seine Schritte verdächtig geworden, hoffte er durch persönliche Gegenwart sich am ehsten des Verdachtes zu entledigen. Ueberdies mußte es bei den gefahrvollen Zeitverhältnissen, da Straßburg und Süddeutschland immerhin jedem Angriff am meisten bloß gestellt war ungeachtet des schmalkaldischen Bundes, der sein Schwergewicht im nördlichen Deutschland hatte, und bei der damals berühmten Wahrhaftigkeit der Schweiz höchst wünschenswerth sein, im Fall der Noth auf die Evangelischen daselbst rechnen zu dürfen. Aus all diesen Gründen kam Butzer im April 1533 zuerst nach Basel, woselbst er auf Myconius, der ihn früher nur einmal in Gesellschaft bei Zwingli gesehen hatte, nicht geringen Eindruck machte; dann reiste er nebst seinem Begleiter, dem gelehrten D. Bartolomes Fontio, früher Minorit in Venedig, dem ein guter Ruf bei den Schweizern vorausging, nach Schaffhausen, wo man eilends eine Versammlung von Geistlichen veranstaltete und Butzer zweimal an einem Sonntage predigte[31]. Darauf langte er im Mai in Zürich an, wie wir bereits wissen, gerade zur Zeit der Frühlingssynode, die ihm auf seinen Wunsch gestattete ihr beizuwohnen, ihn sogar beauftragte, mit ihren Abgeordneten vor dem Rathe zu erscheinen zur Mittheilung ihrer Bedenken betreffend den wegen des zürcherischen Mandats vom Mai 1532 endlich mit den fünf Orten getroffenen Vergleich, wobei indeß seine Mitwirkung unbedeutend war. Jn einer besonderen Zusammenarbeit mit den Stadtgeistlichen und Professoren, die in Bullingers Wohnung Statt fand, suchte er nun in einer längern Rede vor Allem den Verdacht zu zerstreuen, als ob er seine bisherige Meinung, die er besonders 1528 bei der Berner Disputation ausgesprochen, geändert hätte und zu Luther abgefallen wäre: alsdann begann er aus einander zu setzen, wie Luthers Lehrmeinung doch einen erträglichen Sinn habe und nicht so kraß

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sei, als sie scheine; Luther weiche eigentlich doch nur im Ausdrucke, nicht im Sinne von der den Schweizern und ihm (Butzer) gemeinsamen Lehre ab, er sei auch im Herzen nicht so unfreundlich gestimmt, als man wohl meinen möchte. Endlich beschwor er die Zürcher nicht bitter gegen Luther zu schreiben.

Butzer besaß wirklich ausgezeichnete Gaben: einen durchdringenden Verstand, große Beweglichkeit des Geistes, eine jedermann einnehmende Gemüthlichkeit, und dabei stand ihm stets eine Fülle von Gedanken und Worten zu Gebote; er wußte seinem Gegenstande immer neue Seiten abzugewinnen und ihn in so mancherlei verschiedenen Wendungen vorzutragen, daß es viel brauchte, um seiner Beredsamkeit zu widerstehen, nicht für den Augenblick wenigstens sich von ihm fortreißen und den eigenen Gesichtspunkt sich verrücken zu lassen.

Bullinger indeß sammt den Seinigen behielt die gewohnte, ungetrübte Ruhe und Klarheit. Jn ihrer Antwort, die Butzer sogar schriftlich von ihnen erlangte, befreuten sie sich seiner Versicherung, daß er völlig bei seiner früheren Lehre und der der schweizerischen Kirchen bleibe; sie wünschten wohl auch, daß Luther mit ihnen einstimmig und freundlich gesinnt wäre, allein sein so eben erschienenes Sendschreiben an die Frankfurter zeige nur allzuklar, daß sich Butzer in beiden Beziehungen über ihn irre, Luthern lassen sie seine Art vom Abendmal zu reden, behalten aber die ihrige, die der Schrift und den Vätern gemäß sei; wie bisanhin werden sie auch künftig auf den Kanzeln nicht gegen ihn losziehen. „Wir sind fest entschlossen, dabei mit Gottes Hülfe zu beharren, fügen sie bei, bis wir aus heiliger Schrift eines Bessern belehrt werden. Wir bitten dich dringend, daß du nicht weiter versuchest, jemand davon abzubringen und zu einer dunklern, unserer Kirche nicht durchgehends zusagenden Ausdrucksweise zu verleiten. Zu Allem, was zum Frieden dient ohne Nachtheil der Wahrheit, wollen wir jedoch gar gerne Hand bieten.“

Aufs ehrenvollste und freundschaftlichste von den Zürchern behandelt und entlassen schied Butzer, um noch Bern zu besuchen und damit seine dermalige Rundreise zu beschließen. Für uns ist es nicht ohne Jnteresse, die Urtheile dieser Fremden über Bullinger und Zürich zu vernehmen. Schon von Bern schreibt Fontio an Vadian nach St. Gallen höchst erfreut über den ihm gewordenen Empfang; eben die äußere Niederlage (bei Kappel) habe dem religiösen Leben zur Förderung gedient nach allgemeinem Zeugniß, und, indem er zugleich auf Farel blickt und auf sein Wirken in den französischen Gegenden, setzt er voll Zuversicht bei: „Einst wird auch über die Alpen, ja über den ganzen Erdkreis das Evangelium sich ausbreiten!“ Und Butzer schreibt ebenfalls an Vadian: „Darin hat Gott die von Zürich vor allen andern Schweizern gnädiglich angesehen, daß er ihnen so auserwählte und wahrhaft ausgezeichnete Diener des Wortes gewährt; auch des Volkes Frömmigkeit ist eine mehr als gewöhnliche.“ An Bullinger schreibt er mit Bezug

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auf Zürichs Erniedrigung gegenüber den fünf Orten: „Doch beugt mich's nicht nieder, da ich sehe, mit welchem Glauben, Ernst und Eifer die Sache des Evangeliums bei euch betrieben wird zu Stadt und Land. .. Ueber unsern Besuch bei euch sind wir hocherfreut; denn wir haben an euch solche Leute gefunden, daß wir Gott ewig dafür Dank sagen und alles Gute hoffen für euer ferneres Gedeihen. Offen gesteh' ich: während ihr Diener des Wortes, obgleich ich mit den besten Hoffnungen zu euch kam, zu Stadt und Land unseren Erwartungen völlig entsprochen habet, ist die Rathsversammlung (in der es eben, wie oben erwähnt, in Butzers Gegenwart etwas hitzig zuging) dahinter zurück geblieben und zwar um viel. Dennoch stehen die Sachen gut, so lange nur das Salz unversehrt bleibt. Wir sagen euch noch großen Dank für eueren Empfang, euere freundliche Aufnahme und die - nur allzu große - Ehre, die ihr uns erzeigt habt.“ Bullinger persönlich betreffend hören wir durch Bertold Haller: „Jn Bern konnte Butzer die Zürcher nicht genug rühmen, namentlich Bullinger, in dem er sehr gefürchtet hatte einen barschen und starrsinnigen jungen Menschen zu finden, den er nun aber als einen frommen, gebildeten und ungemein liebenswürdigen Mann kennen gelernt hatte.“ Ganz im Einklang damit schreibt der gelehrte Pellican um diese Zeit: „Bullinger nimmt außerordentlich zu an Eifer und Ansehen, an Beredsamkeit und Gottseligkeit;“ und bezeugt ein anderer Zürcher sein Erstaunen darüber, wie doch Zürichs Zustand durch Bullingers Bemühung und Streben gedeihe, auch die Sitten durchs Evangelium geheiligt werden.

So war Butzers Reise namentlich in Rücksicht auf persönliche Bekanntschaft nicht ohne Erfolg. Doch in Einer Hinsicht wich Bullinger von ihm ab. Bullinger wollte, was sich jetzt nicht ausgleichen ließ, zwischen den Luheranern einerseits und den schweizerischen und oberländischen (süddeutschen) Protestanten anderseits einstweilen ruhen lassen, Butzer dagegen durch Geschmeidigkeit und Doppelsinn in Bälde Alles vereinen. Um so mehr sah sich Bullinger zur Behutsamkeit genöthigt, damit nicht aus wohlgemeinter, aber bloß scheinbarer Vereinigung größeres Uebel erwachse.

54. Bullingers Verhalten zu Württemberg, 1534.

Das sturmbewegte Jahr 1534 brachte neuen Antrieb zu Vereinigungsversuchen zwischen den beiden Zweigen der evangelischen Kirche, neue Anfeindungen von lutherischer Seite und für Bullinger neue Gelegenheit, seine Friedfertigkeit und Umsicht zu bewähren.

Mit der lebendigsten und herzlichsten Theilnahme folgte Bullinger den Kriegsereignissen im benachbarten Württemberg. Was man so gerne von Zürich aus für den seit fünfzehen Jahren vertriebenen, mit Zwingli nahe befreundeten Herzog Ulrich gethan hätte, aber wegen staatsrechtlicher

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Verhältnisse zu thun gehindert war, gelang endlich durch die kräftige Beihülfe des kühnen Landgrafen Philipp von Hessen, nämlich die Wiedereroberung seines angestammten Erblandes und die Vertreibung der Oestreicher. So gut war man in Zürich von den dortigen Kriegsbegebenheiten unterrichtet, daß am Tage des entscheidenden Treffens bei Laufen am Neckar, 13. Mai 1534, Bullinger an die beiden zürcherischen Studierenden Fries und Konrad Geßner nach Paris schreibt, jeden Augenblick erwarte man die Nachricht von einer großen Schlacht. Gegen Ende Aprils hatte der Landgraf sein Kriegsmanifest nach Zürich geschickt und an Bullinger geschrieben, man möchte es doch nachdrucken und möglichst weit verbreiten. Jetzt war bei den Staatsmännern von einem Bündnisse zwischen den evangelischen Orten der Schweiz und Württemberg die Rede. Bullinger freute sich des errungenen Sieges, um so mehr, da es der erste war seit dem Unfall bei Kappel, der von Protestanten erfochten worden. Er schrieb an die beiden Fürsten Glück wünschend und ermunterte zu einer gesunden Reformation des Landes.

„Gott unserm himmlischen Vater sei ewig Lob und Dank, schreibt er an den Landgrafen, der unser Flehen erhört und euch Sieg, Ehre und Ruhm gegeben hat und die Schmach von uns genommen, womit unsere Gegner insgemein die ewige Wahrheit Gottes verhaßt machten, indem sie sagten, bei ihr sei weder Sieg noch Glück und Heil. Gott wolle euch Weisheit, Stärke und Demuth verleihen zur glücklichen Vollendung des begonnenen Werkes, auf daß göttliche Wahrheit und allgemeine Gerechtigkeit gedeihe.“ „Eure Fürstliche Gnaden weiß ja wohl, fügt Bullinger noch bei, daß wir keine Schwärmer, Aufrührer und Verächter der heil. Sakramente sind.“

Besonders einläßlich und kraftvoll sind aber Bullingers treffliche Ermunterungsschreiben an den Herzog, der sofort und nicht ohne Hast sein Land zu reformiren begann. Ja, Gottes Wille, erinnert ihn Bullinger, fordere von ihm, gleich wie von den Jsraeliten nach der babylonischen Verbannung, seine Dankbarkeit dadurch zu bezeugen, daß er Gottes Tempel baue, nämlich die Kirche Christi, hergestellt nach Gottes Wort, jedoch weislich und mit Bedacht, weder zu schnell, noch zu langsam und durch treue Diener Gottes; dadurch werde sein Reich befestigt. „Denn unsere Predigt des Evangeliums Jesu Christi zielt wahrlich nicht auf Zerstörung und Zerrüttung guter Ordnungen, Sitten und Rechte, wie man von uns ausgibt, und nicht auf Herabsetzung der heil. Sakramente und Bewältigung des Gotteswortes, nicht auf Aufreizung des gemeinen Mannes und Verachtung der Wissenschaft - das darf uns Euer Fürstliche Gnaden zweifellos glauben - sondern auf Herstellung der Kirche und darauf, daß in dieser Alles nicht nach menschlichem Gutdünken vorgehe, vielmehr die heilige biblische Schrift allein der Richter sei.“ Rücksichtlich des heil. Abendmals bemerkt Bullinger: „Euer Fürstliche Gnaden weiß wohl, was unsere Meinung und daß wir die wahre Gegenwart Christi nicht verläugnen und nie verläugnet haben,

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doch mit dem Unterschied, daß alle fleischlichen Gedanken hingelegt und Alles geistlich, himmlisch in Anschauung und Betrachtung des Glaubens, nach Art der Sakramente - sakramentlich - zugehe, so daß der Leib Christi nicht fleischlich, sondern wahrhaft im Geiste gegessen wird von den Gläubigen, die Ungläubigen dagegen zwar das Sakrament essen, nicht aber das, was durch dasselbe bedeutet und vorgestellt wird.“ Nachdem er noch die Förderung guter Sitten, Recht und Gerechtigkeit, insbesondere auch die Pflege der Studien (Wissenschaft) ihm dringend ans Herz gelegt hat, bittet er ihn demüthig, nicht auf die geringfügige Person dessen zu achten, der dies schreibe, sondern „auf die untödtliche Wahrheit, die wahrlich Alle die erhält, die ihr trauen und auf sie bauen.“ Den Schluß macht eine eben so ehrerbietige als freimüthige Mahnung zur Demuth.

Wir begreifen, daß Manche wünschten, der Herzog möchte gerade ihn nach Württemberg berufen; doch war seine Stellung in Zürich zu bedeutend, als daß er sie auch nur auf einige Zeit hätte verlassen können. Zu großer Freude gereichte es ihm daß der Herzog neben Erhard Schnepf aus Heilbronn, Professor in Marburg, seinen edlen Freund und Gesinnungsgenossen Ambrosius Blaarer aus Konstanz, der schon in den schwäbischen Reichsstädten Memmingen, Ulm und Eßlingen Großes gewirkt hatte, zur Durchführung der Reformation berief. Hier mußte es nun, da dieser eben so entschieden zwinglisch gesinnt war, wie jener lutherisch, nothwenig zu einer Annäherung kommen zwischen den beiden Zweigen der evangelischen Kirche, zu einer gegenseitigen Anerkennung, wofern überhaupt das Wirken beider Männer für das württembergische Land ein gedeihliches werden sollte. Wirklich kam auch ein Vergleich alsbald zu Stande, wenn auch in etwas geschraubten und dennoch doppelsinnigen Schulausdrücken, dahin gehend, daß Christi Leib im Abendmal wahrhaft, das heißt: wesentlich und eigentlich (essentiell und substantiell), nicht aber quantitativ oder qualitativ oder räumlich gegenwärtig sei. Wohl zufrieden, daß man Ausdrücke gebrauchte, deren Luther in seinem Sinne sich vordem schon bedient hatte, sprach Schnepf zu Blaarer: „Könnt ihr mir so viel zugeben, so fordere ich weiter nichts!“ und ließ das eigentlich Unterscheidende, woran man sonst von lutherischer Seite so zähe festhielt, nämlich die Beifügung, daß auch die Gottlosen wahrhaft den Leib Christi essen, die er anfänglich barsch gefordert hatte, fallen. Er that dies, da Blaarer mit Bezug auf den südlichen Theil des Landes zu bedenken gab, es würde übel stehen, wenn man hier eine andere Lehre einführen wollte, als in den übrigen schwäbischen Kirchen. Blaarer, der seinerseits hier dem Frieden zu lieb sich zu Ausdrücken bequemte, welche bisdahin von Seiten der zwinglisch Gesinnten der Einfachheit wegen gemieden worden, dieselben aber doch durchaus nur im Sinne seiner bisherigen Lehre verstand und immerhin so verstehen konnte, sagte dabei dem Herzog Ulrich frei heraus: die

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zwinglisch Genannten haben keine andere Meinung als diese, worauf der Herzog gelassen erwiederte: „Nun das walte Gott! der lasse es eine gute Stunde sein! dabei soll's bleiben!“

Bullinger sagte die aufgestellte Formel nicht recht zu. „Jch vermisse darin, schreibt er seinem Vadian, Einfachheit und Klarheit und glaube, daß dadurch nur viele Streitigkeiten werden veranlaßt werden“[32]. Ueber Blaarers Gesinnung war er indeß sofort beruhigt, schon ehe dieser, genöthigt durch das Geschrei, das wie immer bei Annäherungen von beiden Seiten sich erhob, als ob er zu Luther abgefallen wäre, in einer besonderen Schrift erwies, daß dem nicht so sei; Blaarer versicherte Bullinger dessen auch brieflich aufs nachdrücklichste. Um so mehr hatte Bullinger Ursache, auf Klarheit und Einfachheit zu halten, da Butzer immer weiter ging, alle bisherigen Ausdrücke doppelsinning hin und her zu deuten, und anderwärts ausbreitete, Bullinger sei damit ganz einverstanden.

Jnzwischen drängten die politischen Verhältnisse immer stärker zu einer völligern Vereinigung hin; waren doch aus dem durch Sachsens Vermittlung mit König Ferdinand geschlossenen Frieden, welcher dem Herzog von Württemberg den Besitz seines Landes aufs neue sicherte, die zwinglisch Gesinnten, gleich den Wiedertäufern, unter dem Schmähnamen „Sakramentirer“ ausgeschlossen worden, ganz entsprechend den immer noch fortgehenden Schmähungen Luthers, und damit den größten Gefahren bloß gestellt von Seiten der kaiserlichen und päbstlichen Macht, des Schutzes völlig beraubt, dessen sich die übrigen Protestanten Deutschlands erfreuten. War dies auch für die schweizerischen Kirchen nicht von unmittelbarer Bedeutung, so ging ihnen doch die entsetzliche Lage ihrer deutschen Glaubensbrüder zu Herzen. Luther hinwieder, der freilich fortfuhr in den stärksten Ausdrücken seine Lehre vom Abendmal gegenüber allen Vermittelungen Butzers scharf hervor zu heben und sich anzustellen, als ob er immer noch meinte, die zwinglisch Gesinnten hätten nichts als „leere Zeichen“ beim heiligen Abendmale, nicht Christum, sondern bloßes Brod und Wein, schien doch, vom Landgrafen Philipp zum Frieden gemahnt, einer Verständigung nicht abgeneigt.

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55. Bullingers Entgegenkommen.

Wie gerne war Bullinger bereit auch von seiner Seite hiefür das Möglichste zu thun. Kurz gefaßt theilte er daher einerseits seinem Blaarer, anderseits Butzern mit, wie weit er glaube, ohne Beschwerung des Gewissens und ohne Verdunkelung der erkannten Wahrheit gehen zu können, und stellte ihnen frei, diese seine kurze Erklärung Luthern, Melanchthon, Schnepf, Osiander usw. zu zeigen, auch, wenn sie's gerathen fänden, sie drucken zu lassen. Da er aber sah, daß Butzern gegenüber noch einige nähere Bestimmungen nöthig seien, um jeder Mißdeutung vorzubeugen, und daß eine gemeinsame Erklärung der schweizerischen evangelischen Kirchen wünschbar sei, so versah er sein diesfälliges „Bekenntniß betreffend das Abendmal, worin gezeigt wird, wiefern wir mit Luther eine Bereinigung eingehen können“ mit einer einläßlichen Erklärung und sandte es, nachdem seine Amtsbrüder ihre Zustimmung ertheilt hatten, im November 1534 Namens der zürcherischen Geistlichen in die übrigen Schweizerstädte.

Das zürcherische Bekenntniß lautete kurz: „Der wahre Leib Christi, der für uns am Kreuze gebrochen, und sein wahres Blut, das zur Vergebung unserer Sünden vergossen worden, ist in dem Sakramente des heiligen Abendmals wahrhaft gegenwärtig und wird den Gläubigen gegeben und ausgetheilt, welche durch den Glauben den wahren Leib Christi und sein wahres Blut essen und trinken. Die vom Herrn eingesetzten Sakramente sind nämlich Sinnbilder (Symbole), Zeichen und Zeugnisse, welche die göttlichen Verheißungen und Gottes Gnadenerweisungen gegen uns nicht bloß bedeuten, sondern dieselben auch auf eine ihnen eigene Weise den Sinnen zubringen.“ Damit, sagen die Zürcher ausdrücklich, bekennen und bezeugen sie aufrichtigen Sinnes eben dasselbe, wie stets zuvor. Die nähere Erläuterung, welche zur Vermeidung jeder Zweideutigkeit beigefügt ist, spricht schon ganz klar und bestimmt diejenigen Gedanken aus, welche Bullinger auch weiterhin festhält in Bezug auf das heilige Abendmal. Die lutherischen Vorwürfe werden in ihrer Nichtigkeit gezeigt, aber ausdrücklich unter treuer Festhaltung am zwinglischen Lehrbegriffe. Christus, sagen sie, bietet sich den Gläubigen an, „da er uns inwendig durch den heiligen Geist lehrt, daß er uns durch die Aufopferung seines Leibes von dem Tode der Sünde zum Leben wiedergebracht habe;“ „denn er selbst ist das Leben gebende Brod (Joh. 6.)“, den Leib des Herrn essen heißt nichts Anders als „durch den Geist und Glauben überzeugt sein und gläubig festhalten, Jesus Christus, der Sohn Gottes, sei für uns gekreuzigt worden und habe durch die Aufopferung seines Leibes uns das Heil erworben. Diese Speise ist die Leben gebende Seelenspeise, nicht eine Speise des Leibes. Diese Speise beseelt zu aller thatkräftigen Frömmigkeit und zum ewigen Leben.“ Weiterhin zeigen sie, wie die Sinnbilder das Bezeichnete den Sinnen darstellen; daß die Ungläubigen wohl die

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Zeichen, aber nicht die Sache selbst genießen; daß nicht die äußere Handlung die Gnade bringe, sondern der Glaube, Mit der höchsten Verehrung reden sie von dem Abendmal als von dem hochheiligen Mysterium, worin Christus selbst, der wahre Hohepriester und das einige Opfer gegenwärtig sei, ebenso mit aller Hochachtung vom Predigtamt, doch ohne dem äußern Dienst eine besondere Kraft beizulegen. Feierlich erklären sie, daß sie keine andere als diese wahre und geistige Gegenwart und Darreichung, welche durch den Glauben bedingt ist, anerkennen und als Ehrenmänner und Diener Christi, die auf keines Menschen Wort geschworen, in dieser allerheiligsten Sache nur die christliche Wahrheit, und weder Täuschung oder Zweideutigkeit, noch Streit und eiteln Ruhm suchen. Mit Luther und den Seinen wünschen sie von Herzen im Frieden zu leben; nur möge er einräumen, daß der Leib Christi im Abendmal zwar wahrhaft, aber nicht fleischlich, so daß er von den Sinnen könnte empfunden werden, sondern geistlich durch den Glauben genossen werde, und daß Christus darin wahrhaft, auf eine dem Sakramente eigenthümliche Weise gegenwärtig, nach seiner menschlichen Natur aber allein im Himmel sei. Jmmerhin möge er denn seine Redensarten weiterhin gebrauchen, gleichwie sie bei den ihrigen verbleiben. Um nicht neuen Jrrthum zu pflanzen, halten sie in diesen gefahrvollen Zeiten für nöthig, sich der größten Deutlichkeit zu befleißen.

Wir sehen, wie willig Bullinger war zum Entgegenkommen, so weit es ihm möglich war, ohne seine längst gewonnene und wohl begründete Ueberzeugung zu verleugnen.

Sofort fand dieses zürcherische Bekenntniß die freudigste Zustimmung in Basel, Schaffhausen und St. Gallen; die Basler fanden es ganz übereinstimmend mit ihrer im Januar dieses Jahres augestellten und von allen Bürgern beschwornen Basler Confession[33] und ihren neulich den Straßburgern gegebenen Erklärungen. Nur den Bernern mißfielen einige der gebrauchten Ausdrücke, wiewohl auch sie anerkannten, daß der wahre Leib Christi im Abendmal wahrhaft den Gläubigen gegenwärtig sei. Sie fürchteten, man irre von Zwingli's einfacher Lehre der Wahrheit ab, besonders könnte durch den Ausdruck „der Leib Christi werde ausgetheilt“ bei den Nachkommen die Wahrheit verdunkelt werden. Bullinger, von Leo Judä und Bibliander, sowie von Basel aus durch Myconius aufs lebhafteste unterstützt, suchte ihnen zu zeigen, daß dies aufgestellte Bekenntniß nicht im mindesten von Zwingli's Meinung abweiche, indem der ihnen anstößige Ausdruck nichts Anderes sage, als was auch sie selbst anerkennen, daß Christus sich wahrhaft

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mittheile, nämlich den Gläubigen; eben durch diesen Beisatz sei man gegen das Jrrige der lutherischen Lehre gesichert usw.

Nachdem man im Januar 1535 durch mehrere zum Theil scharfe, doch nicht feindselige Briefe sich zu verständigen gesucht, wurde im April eine Konferenz nach Zofingen angeordnet; doch das plötzliche Gerücht, die Zuger stehen in den Waffen, die Bergkantone wollen Zürich überfallen, hinderte den zürcherischen Abgeordneten Leo Judä an der Abreise; Bertold Haller, der trotz seines beschwerlichen Körpers die Reise gemacht, mußte unverrichteter Sache nach Bern zurück kehren. Endlich verständigte man sich zu Ende Aprils 1535 völlig auf einer Konferenz in Brugg, der Leo Judä von Seiten Zürichs und Megander von Seiten Berns beiwohnte.

„Nur keine Spaltung unter uns, schreibt Bullinger bei diesem Anlaß an Myconius; gern will ich dafür Alles thun!“ Darauf sehen wir nun fortan sein Augenmerk gerichtet, daß nicht, während man mit den Fernen sich auszugleichen strebe, im Jnland irgend ein Zwiespalt erwachse.

Jnzwischen schrieb Butzer im Dezember 1534 plötzlich eine Konferenz von Geistlichen der oberdeutschen Städte Ulm, Augsburg, Konstanz, Memmingen, Lindau, Jsny, Kempten und Biberach nach Konstanz aus, er lud auch Bullinger dazu ein; dieser, durch Unwohlsein und Unwetter ohnehin verhindert, übersandte das so eben von Zürich, Basel, Schaffhausen und St. Gallen unterzeichnete „Bekenntniß betreffend das Abendmal.“ Um so lieber begnügte er sich damit, da die Zürcher darin so weit als nur irgend möglich der lutherischen Lehre entgegen gekommen und daher entschlossen waren, jedenfalls keinen Schritt weiter zu gehen; zudem war die Zeit zu kurz, als daß man die zur Sendung von Abgeordneten erforderliche Verständigung mit den übrigen schweizerischen Orten gehörig hätte treffen können[34]. Die in Konstanz Versammelten, obgleich sie, geleitet von Butzer, der ihnen Luthers Hartnäckigkeit vorstellte, und gedrängt durch ihre gefahrvolle politische Lage, ein von Butzer aufgesetztes, künstlich gewundenes Bekenntniß unterzeichneten, das Luthern noch mehr entgegen zu kommen schien, die Zugeständnisse aber doch wieder durch Einschränkungen milderte oder aufhob, bezeugten in einer gar freundschaftlichen Zuschrift an Bullinger und die Seinigen ihre Billigung des zürcherischen Bekenntnisses. Es ist, als klänge fast ein Seufzer darüber durch, daß sie selbst noch größere Rücksichten zu nehmen hätten auf anders Gesinnte. Sie versprechen auch in ihrer Zuschrift, ohne ihre evangelischen Brüder in der Schweiz in der so wichtigen Vereinigungssache nichts vorzunehmen.

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Sechs Tage blieben sie beisammen; Butzer indeß sah sich schon am zweiten zur Abreise genöthigt, da der Landgraf von Hessen ihn eilends nach Kassel rief zu einer Konferenz mit Melanchthon.

56. Capito in Zürich, 1535. Besprechung in Aarau.

Wie übel sah sich aber Bullinger belohnt für sein gutmüthiges und bereitwilliges Entgegenkommen! Abgesehen von der Schwierigkeit, die sich anfangs von Seiten der Berner erhoben hatte, genügte er Butzern nicht, zu dessen vieldeutigen, mannigfach gewundenen Redeweisen er sich Gewissens halber nie und nimmer verstehen konnte, wie sehr auch Butzer fortfuhr in ihn zu dringen und dabei zu betheuern, daß er seiner bisherigen zwinglischen Ansicht nicht untreu geworden. Von lutherischer Seite aber verdunkelte sich die Aussicht auf Friedfertigkeit und etwelche Nachgiebigkeit mehr wie je, Luther that aufs neue in mehreren Schriften die feindseligsten Ausfälle gegen die zwinglisch Gesinnten, stellte seine Lehre wo möglich noch schroffer als je zuvor hin, behandelte den zürcherischen Gelehrten Pellican, der sich in einem wohlwollenden Schreiben an ihn wandte, verächtlich und verunglimpfte namentlich das Andenken an den gottselig entschlafenen Oekolampad, der Bullingers Herzen so überaus theuer war, indem er unter schimpflicher Zusammenstellung deutlich genug zu verstehen gab, als ob er vom Satan jählings umgebracht worden [35]. Zudem kam, daß namhafte Anhänger Luthers, wie Amsdorf, Schnepf, Brenz sich ebenfalls in Verunglimpfungen immer ungescheuter ergingen.

Dies Alles, namentlich aber Oekolampads Schmach, schien denn doch mehr als man stillschweigend übersehen durfte. Bullinger berief daher im August 1535 die Stadtgeistlichen und Dekane zusammen, um zu berathen, wie man sich diesen Spottreden und Anfeindungen gegenüber verhalten wolle. Einmüthig entschloß man sich, in einer Vertheidigungsschrift sich dagegen zu verwahren und vor aller Welt Rechenschaft von dem in Zürich geltenden schriftmäßigen Christenglauben abzulegen. Diese Schrift sollte in deutscher und lateinischer Sprache verfaßt, nachdem sie vom großen Rathe genehmigt worden, gedruckt und namentlich dem Herzog Ulrich von Württemberg und Landgrafen Philipp von Hessen offiziell überbracht werden.

Kaum hatte man in Straßburg hiervon gehört, so eilte Capito, scheinbar zufällig, herbei und bat die Zürcher aufs dringendste, einstweilen davon abzustehen, schon seien viele Fürsten und Gelehrte auf dem Punkte den unglückseligen Abendmalsstreit zu erledigen, eine solche Schrift würde Alles zu nichte machen und ein Feuer entzünden, das kaum wieder gelöscht werden könnte;

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Luther sei eben von heftiger Gemüthsart, zudem auch durch Zwischenträger falsch berichtet und aufgereizt worden; sollte Zürich etwa schon Druckkosten gehabt haben, so anerbiete Straßburg vollen Ersatz. Man entgegnete ihm, schon lange habe man zu Allem geschwiegen, nicht ohne Gefahr, der lautern Wahrheit zu viel zu vergeben, und sich von solchen Friedenshoffnungen hinhalten lassen, die immer wieder zerronnen seien, während die Gegner ihre Feindseligkeiten fortsetzten [36]. Mit Mühe brachte Capito die Zürcher dahin, vom Drucke ihrer schon fast vollendeten Schutzschrift einstweilen abzustehen, unter der Bedingung, daß die Schmähungen Schnepfs und Brenzs unterblieben.

Bullinger erstattete darüber am 31. August 1535 umständlichen Bericht an Myconius und schrieb am nämlichen Tage seinen ersten Brief an Melanchthon, welcher den Anfang eines Jahre lang fortgesetzten Briefwechsels bildet. Sehr höflich und bescheiden entschuldigt er sich, daß er nunmehr an ihn zu schreiben wage, was er schon seit Jahren im Sinne gehabt. „Jch weiß wie arg wir leider bei euch verschrieen sind; dennoch schreckt mich der gegen uns vorhandene Argwohn nicht davon ab. Denn du wirst, falls nicht alle deine Schriften trügen, nicht anders können als uns mit herzlicher Liebe umfassen, so wie du dich davon überzeugst, daß unsere Gesinnung und Lehre recht und schriftmäßig sei. Fürwahr wir sind nicht solche Menschen, wie man uns euch vormalt; nicht Gottes, der Sakramente, der bürgerlichen Ordnung und aller Lutheraner geschworne Feinde. Wir haben den Herrn Jesum Christum wahrhaft und von Herzen lieb und verlangen darnach, mit euch vereint, die wahre Religion, jeglich würdige und gläubige Wissenschaft, die gerechte Staatsordnung zu fördern und zu kräftigen selbst mit Hingabe unseres Lebens. Drum weiset uns nicht zurück, die wir Gott und euch, unsere christliche Religion und alle guten Sitten aufrichtig lieben. Wir sind ja mit euch Diener und Glieder eines und desselben Herrn und Erlösers! An Dr. Martin Luther meine Empfehlung; der von Augsburg an ihn gesandte Dr. Geryon Sailer hat uns wissen lassen, wie freundlich er unser erwähnt habe. Der Gott des Friedens und der Eintracht gebe uns Allen, daß wir jeglichen Hader und Argwohn bei Seite legen und gemeinsam den Ruhm unseres Herrn Jesu Christi fördern trotz allem Prangen des Antichrists!“

Man sieht, wie emsig Bullinger auch jetzt noch bemüht war, den Boden zu ebenen für die Saat des Friedens. Gerade um des Friedens willen hatte er dermalen, wie er einem Freunde meldet, besser gefunden an Melanchthon zu schreiben, als an Luther.

Wirklich eröffneten sich neue Aussichten zu einer Verständigung durch die günstige Aufnahme, die der so eben erwähnte Augsburger (im Juli 1535)

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bei Luther fand, und durch Luthers Schreiben (im October und November) an die Straßburger, worin er sich zum Frieden ganz bereit erklärte, man solle nur eine Zusammenkunft ansetzen. Zudem handelte es sich unter den deutschen Protestanten eben um die Erneuerung des schmalkaldischen Bundes (im Decemer 1535) und um dessen Erweiterung, wobei unter andern Württemberg und die Städte Augsburg, Frankfurt, Kempten Aufnahme finden sollten. Um so mehr mußte eine Ausgleichung höchst wünschbar erscheinen. Jnsbesondere aber glaubte man die Eröffnmung eines allgemeinen Concils, dessen bereits erwähnt worden, nahe bevor stehend.

Zu einer vorläufigen Besprechung darüber, wie man bei der Einladung zu einem allgemeinen Concil sich verhalten und woran man bei einer bevorstehenden größeren Zusammenkunft in Betreff einer Vereinigung mit Luther festhalten wolle, kamen daher im December 1535 die Basler Myconius und Grynäus mit den Zürcherischen Geistlichen Leo Judä, Pellican und Bibliander in Aarau zusammen; sie vereinigten sich auf eine etwas einfachere Formel zumal mit Rücksicht auf die Berner, nämlich: „Jn dem geheimnißvollen (mystischen) Male des Herrn wird der für uns in den Tod dahingegebene Leib Christi und sein zur Vergebung unserer Sünden am Kreuze vergossenes Blut von den Gläubigen wahrhaft gegessen und getrunken, zur Stärkung der Seele und zum Wachsthum des geistlichen Lebens.“ Bullinger, der die zürcherischen Abgeordneten mit Instruction versehen hatte für diese Versammlung, ertheilte auch zu dieser Formel seine Zustimmung. Den Bernern, von welchen wegen der Kürze der Zeit niemand eingetroffen war, wurde dieselbe übersandt nebst Erläuterung, warum man sich dieser Ausdrücke bedient habe. Dennoch fanden die bernischen Geistlichen Einiges noch zu wenig einfach, äußerten indeß selbst den Wunsch nach einer neuen, allgemeinen Zusammenkunft.

57. Erste schweizerische Confession, in Basel, Februar 1536.

Diese allgemeine Zusammenkunft der schweizerischen Geistlichen aus den verschiedenen evangelischen Orten kam vorzüglich durch Basels Antrieb zu Stande, und zwar unter Vorwissen und Mitwirkung der Regierungen, für welche sowohl das Verhalten in Bezug auf ein allgemeines Concil, als das angestrebte Versöhnungswerk mit den Lutherischen auch in politischer Beziehung von großer Bedeutung war, gleichwie in Deutschland alle derartigen Verhandlungen für die zum schmalkaldischen Bunde gehörigen Stände. Bullinger und Myconius berieten brieflich den Gang der vorzunehmenden Geschäfte. Ob die Straßbuger sollten eingeladen werden oder nicht, kam dabei auch in Frage. Je heftiger Butzer darnach begehrte, desto mißlicher schien es. Bullinger schreibt daher, er wolle nicht, daß die Straßburger von Anfang dabei seien; sonst werde nichts daraus, „denn ein wild Gehäck“, ein

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unlauteres Gewirr, zumal wegen ihres Wortschwalls und ihrer steten Zweideutigkeiten; auch möchten sie wohl durch Erregung von mancherlei Besorgnissen über die gefährliche Lage der reformirten Schweiz auf den Fall, daß die Vereinigung mit Luther nicht zu Stande käme und daher ein näheres Verhältniß zum schmalkaldischen Bunde nicht eintreten könnte, auf die Rathsboten einzuwirken, sie von der beharrlichen Behauptung der lauteren Wahrheit wegzulocken und zur Verdunkelung derselben hinzudrängen suchen. Jndeß erkannte er, daß man bei ihrem Drängen zugelassen zu werden, sie nicht gänzlich werde ausschließen können. Doch erklärte Bullinger Butzern brieflich zum voraus, er solle sich nicht schmeicheln, die schweizerische Kirche je zur lutherischen Lehre hinüber zu ziehen, nie und nimmer werden sie eine solche Vereinigung eingehen und eben so wenig eine Vereinigung durch doppelsinnige Redensarten erkaufen. Er sandte ihm zugleich Zwingli's letzte, noch ungedruckte Schrift.

Nach all diesen Vorbereitungen traten nun am 30. Januar 1536 im Augustiner Kloster zu Basel die weltlichen Abgeordneten und die Geistlichen der evangelischen Kantone und ihrer Verbündeten zusammen. Letztere waren: Bullinger und Leo Judä von Zürich, Megander von Bern, Myconius und Grynäus von Basel, Ritter und Burgauer von Schaffhausen, Fortmüller von St. Gallen und Gemuseus von Mühlhausen (im Elsaß); von Biel und Konstanz waren keine Geistlichen, wohl aber Rathsboten zugegen.

Einmüthig beschloß man die Abfassung eines Glaubensbekenntnisses, das man nöthigen Falls einem allgemeinen Concilium vorlegen, zu dem man in der Folgezeit stehen, an das man sich halten könne. Dabei wurde auch der Uneinigkeit der evangelischen Kirchen rücksichtlich des Abendmals gedacht. Mit der Ausarbeitung wurden beauftragt Bullinger, Myconius und Grynäus. Fast waren sie mit ihrer Arbeit zu Ende, als von Straßburg Butzer und Capito anlangten und dringend baten, man möchte doch zumal beim Artikel vom Abendmale auf die mit Luther zu erlangende Vereinigung noch besondere Rücksicht nehmen. Nun wurde Leo Judä und Megander den Obgenannten auch noch beigegeben. Man verhandelte aufs neue besonders über die Artikel vom freien Willen, vom eigentlichen Ziel und Zweck evangelischer Lehre, vom Dienst des göttlichen Wortes, von der Kraft und Wirkung der Sakramente. Butzer entwickelte seine ganze Liebenswürdigkeit und Gewandtheit. Auf den dringenden Wunsch der Straßburger wurden namentlich bei der letztgenannten Lehre, nicht ohne Widerstreben z.B. von Seiten Bullingers, einige Ausdrücke augenommen, die sie für höchst dienlich hielten, um Luthers Zustimmung zu gewinnen. Bullinger verstand sich dazu um des Friedens willen, obgleich er besorgte, sie möchten etwa späterhin mißdeutet werden in einem der zwinglischen Lehre zuwider laufenden Sinne.

Nachdem der lateinische Entwurf von sämmtlichen Geistlichen noch

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durchgangen und verbessert worden, erhielt Leo Judä den Auftrag ihn ins Deutsche zu übersetzen. Diese Uebersetzung, die nun als Urtext erklärt wurde, ward sodann auf dem Rathhause zu Basel am 4. Februar 1536 in Gegenwart der sämmtlichen weltlichen und geistlichen Abgeordneten vorgelesen, und von ihnen unter Vorbehalt der Zustimmung ihrer Obern genehmigt und mit den Namen aller Anwesenden versehen. Dabei wurde auch Butzers und Capito's Mitwirkung und Beistimmung ausdrücklich angemerkt. Dies ist das erste schweizerische oder zweite baslerische Glaubensbekenntniß, kurz und ansprechend in 27 Artikeln verfaßt, unter uns viel zu wenig gekannt.

Wir heben nur heraus, was für die weitere Darstellung von Bullingers Verhalten unentbehrlich erscheint. Von den Sakramenten heißt es: „Sie sind bedeutliche heilige Zeichen hoher Geheimnisse, nämlich göttlicher und geistlicher Dinge, deren Namen sie auch tragen, sind aber nicht bloße und leere Zeichen, sondern bestehen in Zeichen und wesentlichen Dingen. Denn in der Taufe ist das Wasser das Zeichen, das Wesentliche und Geistliche aber ist die Wiedergeburt und Aufnahme in das Volk Gottes. Jm Nachtmale oder der Danksagung sind Brot und Wein Zeichen, das Wesentliche und Geistliche aber ist die Gemeinschaft des Leibes Christi, das Heil, das am Kreuz erobert ist und Vergebung der Sünden. Diese wesentlichen, unsichtbaren und geistlichen Dinge werden im Glauben, gleichwie die Zeichen leiblich empfangen, und in diesen wesentlichen und geistlichen Dingen besteht die ganze Kraft, Wirkung und Frucht der Sakramente. Deshalb bekennen wir, daß die Sakramente nicht allein äußere Zeichen christlicher Gemeinschaft seien, sondern wir bekennen sie für Zeichen göttlicher Gnaden, durch welche die Diener der Kirche dem Herrn mitwirken zu dem Vornehmen und Ende, das er uns selbst verheißt, anbietet und kräftig verschafft, doch so, daß alle heilbringende und seligmachende Kraft Gott dem Herrn allein zugeschrieben wird.“

Ueber das heil. Abendmal insbesondere wird gesagt: „Vom heil. Abendmal halten wir, daß der Herr darin seinen Leib und sein Blut, das ist: sich selbst den Seinen wahrhaft anbietet, und zu solcher Frucht zu genießen gibt, daß er je mehr und mehr in ihnen und sie in ihm leben. Nicht daß der Leib und das Blut des Herrn mit Brot und Wein natürlich vereinbart oder räumlich darin verschlossen oder daß eine leibliche, fleischliche Gegenwärtigkeit hier gesetzt werde, sondern daß Brot und Wein, kraft der Einsetzung des Herrn hochbedeutende, heilige Wahrzeichen seien, durch die von dem Herrn selbst durch den Dienst der Kirche die wahre Gemeinschaft des Leibes und Blutes Christi den Gläubigen vorgetragen und angeboten werde, nicht zu einer hinfälligen Speise des Bauches, sondern zu einer Speise und Nahrung des geistlichen und ewigen Lebens, u.s.w.“

„Deshalb legt man uns gar unbillig zu, als ob wir den hohen Wahrzeichen zu wenig beimessen. Denn diese heil. Zeichen und Sakramente sind heil. und ehrwürdige Dinge, als die von Christo, dem Hohenpriester, eingesetzt

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und gebraucht werden. Sie tragen uns dermaßen, wie oben gesagt ist, die geistlichen Dinge, die sie bedeuten, vor und bieten sie an. Sie geben von den geschehenen Dingen Zeugniß. Sie bilden uns an und stellen uns dar so hohe, heilige Dinge, und durch eine besondere Aehnlichkeit mit den Dingen, die sie bedeuten, bringen sie ein großes und herrliches Licht in die heiligen und göttlichen Geheimnisse. So hoch und theuer halten wir von den hochbedeutenden Wahrzeichen; jedoch legen wir die lebendigmachende und heilbringende Kraft allweg dem allein zu, der allein das Leben ist. Dem sei Lob in Ewigkeit!“

Am Ende der Confession findet sich noch folgende bemerkenswerthe Erklärung: „Diese Artikel sind von uns, den Dienern des Wortes, nicht in der Meinung aufgestellt, daß wir gerade dies allen Kirchen aufdrängen und ihnen hiermit vorschreiben wollten, oder daß wir jemand in Worten fangen und zu einer besonderen Art zu reden, die den Kirchen unnütz und unverständlich, zwingen möchten, sondern daß wir nunmehr also unsern Glauben und Verstand (Verständniß) von wahrer christlicher Religion haben aussprechen, bekennen und gegen einander erklären wollen. Uebrigens bekennen wir vorab, daß die heilige biblische Schrift allein die allgemeine und untrügliche Richtschnur sei in Angelegenheiten des Glaubens, um recht und wahrhaft zu richten und zu handeln.

Darum mögen wir's auch wohl leiden, so jemand sich anderer schriftmäßiger Worte bedient, als wir hier gebraucht haben, und heiterer, verständlicher und den Kirchen nützlicher hievon reden und schreiben kann; doch daß er in der Substanz der Religion mit uns halte heiliger biblischer Schrift gemäß. Mit Solchem wollen wir wohl zufrieden sein.

Hinwieder so jemand uns unsere Confession durch Mißverstand der Worte würde fälschen, und dieselbe auf eine irrige, falsche Meinung wider ihren Sinn und gesunden Verstand ziehen, behalten wir uns allweg vor, den einfachen, gesunden Verstand zu retten und vorzutragen, damit Gott und seine Wahrheit zu allen Zeiten den Preis davon trage und siege. Amen.“

So war denn das Band der evangelischen Kirchengemeinschaft sichtbar geknüpft, das die schweizerisch reformirten Kirchen schon seit Jahren umschlungen hatte. Ein Zeugniß war aufgestellt, das ihnen selbst eine bestimmte Versicherung ihrer Zusammengehörigkeit und ihrer Glaubenseinigkeit gewährte, und das nach außen hin, je nachdem die Umstände es erforderten, gebraucht werden konnte, sowohl gegenüber der römischen Kirche, als bei Berührungen mit den lutherischen Glaubensbrüdern.

Diese Einigkeit der schweizerischen Kirchen erquickte noch das Herz des bernischen Reformators Bertold Haller auf seinem Sterbelager.

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58. Herausgabe von Zwingli's letzter Schrift. Genehmigung der Confession, März 1536.

Als Bullinger nach Hause zurück kam, fand er ein Knäblein vor, das ihm mittlerweile geboren worden, seinen zweiten Sohn. Doch durfte er nicht an Ruhe denken. Denn nun erst galt es dem aufgestellten Bekenntnisse, von dem zu erwarten war, daß es etwa da und dort wie ein fremder Gast erscheinen werde, überall Eingang und willige Aufnahme zu verschaffen. Da nun alle Geistlichen, Staatsmänner und übrigen Glieder der Kirche an Zwingli hingen, als an dem Vorkämpfer des evangelischen Glaubens, indem sie nichts Anderes wußten, als daß er die rechte, reine evangelische Lehre verkündigt habe, so war die freudige Anerkennung des jetzigen gemeinsamen Bekenntnisses wesentlich dadurch bedingt, daß man es erkenne als das, was es wirklich war, nämlich als ächte Darlegung der von ihm erkannten und gepredigten, einfachen, christlichen Wahrheit und gesunde Vertiefung seiner Lehrweise. Bullinger gab daher sofort diejenige Schrift Zwingli's heraus, die bisdahin noch unbekannt geblieben, von ihm aber mit Recht als die letzte, reifste Frucht von Zwingli's ernster Erforschung der christlichen Wahrheit betrachtet wurde, die er deshalb auch kurz vor der Abfassung der schweizerischen Confession handschriftlich an Butzer übersandt hatte. Es ist dies „die kurze Erklärung des christlichen Glaubens“, die Zwingli wenige Monate vor seinem Tode für Franz I. verfaßt hatte[37]. Bullinger versah sie mit einer ganz kurzen Vorrede, in der er den hohen Werth dieser gedrängten, kernhaften Auseinandersetzung des Christenglaubens betont, die so hell und lieblich klinge, gleich als Zwingli's Schwanengesang: „Solchen großen Schatz, christlicher Leser, haben wir dir nicht wollen vorenthalten; nimm, fügt Bullinger vorsichtig bei, was dir redlichen Sinnes geboten wird, mit lauterem Gemüthe auf!“

Keine Täuschung! war Bullingers Losung bei all den obschwebenden Verhandlungen. Eben dazu war die Herausgabe dieser zwinglischen Schrift gerade im jetzigen Zeitpunkte völlig geeignet. Einerseits konnte sie bei den Freunden der irrigen Befürchtung begegnen, als ob man von Zwingli abgewichen und zu Luther übergetreten wäre, anderseits, wenn etwa derselbe Ruf in lobendem Sinne von lutherischer Seite sich erheben sollte, Luther und die Seinigen vor der Täuschung bewahren, als ob die schweizerischen Kirchen jemals dahin gebracht werden könnten, durch Preisgebung Zwingli's eine Vereinbarung mit den Lutherischen zu erkaufen oder von ihrem bisherigen Standpunkte in Rücksicht der Abendmalslehre zu weichen. Das nämliche, doppelte

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Streben bewog gleichzeitig den Myconius, Bibliander bei der Herausgabe von Zwingli's und Oekolampads Briefwechsel, der über die jetzige Hauptfrage so Vieles enthielt, namhaft zu unterstützen. Eben dahin zielten Vadians treffliche Aphorismen über das heilige Abendmal, die um eben diese Zeit heraus kamen, in denen er mit edler Einfachheit die Bedeutung der Sakramente darlegt.

Solche Bemühungen blieben nicht erfolglos. Aller Orten fand die Confession willige Aufnahme, wenn auch im Einzelnen noch einige Verbesserungen verlangt wurden, namentlich von Zürich aus die Beifügung des schon angeführten Schlußsatzes. Zu seiner großen Freude konnte Bullinger schon in der Mitte des Februar an Butzer schreiben: „Es läßt sich nicht beschreiben, mit wie innigen Segenswünschen und Danksagungen gegen Gott man die Confession hierorts aufgenommen hat, nicht nur wegen der unter uns zu Stande gekommenen Einigung und der Gemeinschaft mit euch, sondern namentlich auch deshalb, weil du uns so bestimmt die fröhliche Aussicht eröffnet hast, es werde Luther, Melanchthon, Osiander und die übrigen frommen und tapfern Verfechter des Evangeliums nichts Weiteres von uns verlangen. O welch ein Glück für mich, wenn ich den Tag erlebe, an dem du mir die sicheren Zeugnisse darüber vorlegen kannst! Jch hoffe aber, der gnadenreiche Gott werde uns nach seiner Barmherzigkeit ansehen und jenen Männern ihre Herzen erweichen, daß sie anfangen mögen auch uns mit wahrer Liebe zu umfassen, wie wir allen Argwohn aus unsern Herzen verscheuchen und sie herzlich lieben werden, ob sie's wollen oder nicht. Helfet doch nur (setzt Bullinger deutsch bei), daß sie uns auch freundlich seien und uns schreiben; das wollen wir ihnen auch thun. Stellet die Schmäher in Wittenberg ab. Da geht's nun gar zu grob zu. Jhnen muß von den Unsern nichts Verdrießliches mehr geschehen, sondern was ihnen lieb und dienlich ist.“

Am 27. März 1536 traten aufs neue Abgeordnete in Basel zusammen, bloß Rathsboten, um im Namen ihrer Kantone die Confession förmlich zu ratificiren. Von Geistlichen war niemand zugegen, als Capito, der sich ohnehin gerade in Basel befand. Die Gesandten von Zürich, Bern, Basel, Schaffhausen, St. Gallen, Mühlhausen und Biel erklärten, daß ihre Herren und Oberen das aufgestellte Glaubensbekenntniß einhellig genehmigen „mit großer Danksagung gegen Gott unsern himmlischen Vater, daß er dieses heilige Werk durch seine Gnade so reichlich bei uns Allen gefördert hat.“ Demgemäß wurde die erste schweizerische Confession von sämmtlichen schweizerischen Abgeordneten unterzeichnet, und beschlossen, kein Stand solle irgend etwas daran ändern ohne Vorwissen der übrigen.

Die Straßburger und Konstanzer, nun erst zur Versammlung zugelassen, erklärten, daß sie dem wesentlichen Jnhalte der Confession, als völlig überein stimmend mit ihrem vierstädtischen Bekenntnisse, beipflichten, dieselbe aber deshalb nicht unterzeichnen, weil sie mit andern Fürsten, Herren und

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Städten dem Kaiser ihr Bekenntniß übergeben haben und ohne deren Vorwissen nichts thun dürfen. Obgleich, wie wir wissen, Capito und Butzer selbst bei der Abfassung der schweizerischen Confession mitgeholfen hatten, wurde nun von Seiten Straßburgs der Vorschlag gemacht, die schweizerischen Kirchen möchten statt dieses neu aufgestellten Bekenntnisses sich an das schon 1530 von den vier Städten (Straßburg, Konstanz, Memmingen und Lindau) auf dem Reichtstage zu Augsburg überreichte Bekenntniß anschließen (s. Christoffels Zwingli Abth. 1, S. 326, f.). Aus Liebe zum Frieden trat man selbst jetzt noch darauf ein. Man gestattete, daß Straßburg jedem Stande dies Bekenntniß der vier Städte zur nähern Einsicht übersende, und beschloß zugleich ebenfalls dem Wunsche Straßburgs gemäß die helvetische Confession einstweilen nicht drucken zu lassen[38]. Letzteres geschah ebenfalls aus Neigung zum Frieden, um bei den bevorstehenden Verhandlungen mit den Lutherischen rücksichtlich der einzelnen Ausdrücke desto weniger zum voraus gebunden zu sein und somit das Vereinigungsgeschäft um so mehr zu erleichtern. Hinwieder empfahl man den Straßburgern, bei der nächsten Versammlung der christlichen deutschen Stände, die Schweizer „als Hausgenossen Eines heiligen Glaubens in Treuen anzuzeigen.“ Die Straßburger versprachen es.

Somit ward nun auch Bullinger veranlaßt, sich über das Bekenntniß der vier Städte öffentlich förmlich auszusprechen. Er fand es so völlig mit der schweizerischen Confession überein stimmend, daß auf seinen Rath und Antrieb die Zürcher ihre förmliche Beistimmung zu demselben aussprachen durch die Erklärung: „sie mögen dasselbe wohl dulden und in rechtem christlichem Verstand annehmen“[39]. Doch wies er es begreiflich als arge Lüge zurück, als in Schaffhausen deshalb ausgestreut wurde, Zürich sei zum Lutherthum abgefallen, weil es dem Bekenntnisse der vier Städte beipflichte.

Andere Stände hatten indeß gegen eine förmliche Zustimmung zu dem Bekenntniß der vier Städte Bedenken, und so unterblieb sie.

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59. Einladung nach Eisenach. Wittenberger Artikel. Mai 1536.

Schon im Januar hatten die Straßburger den Wunsch ausgesprochen, die schweizerischen Kirchen möchten, wofern eine kirchliche Versammlung behufs einer Vereinigung mit den Lutherischen zu Stande käme, sich ebenfalls dabei betheiligen, indem gute Aussicht vorhanden sei, daß Luther von seiner früheren Schärfe nicht wenig ablasse.

Gegen Ende Aprils sandte nun der Rath von Basel ein straßburgisches Schreiben nach Zürich, welches die Anzeige enthielt, daß am 14. Mai in Eisenach eine Zusammenkunft Luthers mit verschiedenen evangelischen Geistlichen Statt finden werde zur Vereinbarung über das Abendmal, und den Wunsch aussprach, daß von Seiten der schweizerischen Kirchen namentlich Bullinger von Zürich und Bürgermeister Vadian von St. Gallen abgeordnet würden. Zugleich lud Basel die schweizerischen Orte auf den 1. Mai zu einer gemeinsamen Berathung nach Aarau ein. Der Rath in Zürich ließ sich sofort von den zürcherischen Geistlichen ein Gutachten darüber einreichen, ob eine Abordnung nach Eisenach rathsam und nützlich wäre. Die Antwort fiel in ablehnendem Sinne aus; „das freundliche und gewaltige Gespräch zu Marburg“ (1529) habe bei Luther wenig ausgerichtet; über das Abendmal sei bereits so viel und gründlich geschrieben, daß sich von einer mündlichen Erörterung nicht mehr hoffen lasse; Luther könnte sich daran genügen lassen; ohnehin sei, wie die Straßburger selbst anerkennen, die Zeit zu kurz, um eine allfällige Jnstruction mit den übrigen Schweizerkirchen gehörig durchzuberathen; namentlich aber bemerkte man, daß die beabsichtigte Versammlung zu Eisenach nicht ordentlich von geordneter Obrigkeit, von Fürsten, Städten oder Ständen, sondern nur von besonderen Personen und Gelehrten sei angeordnet worden und an die Schweizer nicht einmal von Luther selbst oder in seinem Auftrage eine Einladung gelangt sei. Man könne sich die großen Kosten also wohl ersparen, den Straßburgern schriftlich das Nöthige mittheilen und ihnen die Sache übertragen, da sie sich ebenfalls dazu bereit erklärt und versprochen hatten, ohne Vorwissen der Schweizer wider unsere Confession gar nichts anzunehmen oder einzugehen.

Mit diesem Gutachten völlig einstimmig war die Versammlung der Rathsboten in Aarau am 1. Mai. Man schrieb den Straßburgern gar freundlich, wie sehr man nach Eintracht mit Luther verlange, übersandte ihnen zu Handen Luthers die schweizerische Confession, „guter Hoffnung, wofern Luther und die Seinigen dieselbe ernstlich erwägen, werden sie wohl sich zufrieden geben,“ bat sie aus den angegebenen Gründen das Wegbleiben schweizerischer Vertreter zu entschuldigen und aus allen Kräften jeden fernern Streit zu verhüten. Schließlich verlangte man, daß sie von den Verhandlungen zu Eisenach unverzüglich Bericht einsenden sollten.

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Bullinger richtete überdies an Butzer und Capito ein Privatschreiben, worin er seine Sehnsucht nach Frieden in vollem Maße kund gibt. „Luther, heißt es unter andern, lieben wir von Herzen als einen theuerwerthen Bruder im Herrn; wir verehren ihn als einen auserwählten Diener Christi, durch dessen Dienst der Herr gar Großes in der Welt vollführt hat; wir schätzen ihn als einen vorzüglich frommen und gelehrten Mann, der wahrhaft groß sich erwiesen in der Erneuerung der Kirche und sich um die Religion und die Wissenschaft die größten Verdienste erworben. Daher wünschen wir nichts sehnlicher, als in heiliger Eintracht zu stehen mit ihm und den ausgezeichneten Männern in seiner Umgebung. Wir sind nicht so verblendet, daß wir nicht merken sollten, daß der Verdacht, wir seien zwieträchtig, den Feinden des Evangeliums höchst willkommen ist und das gewaltigste Hinderniß bildet für den Fortschritt des Evangeliums. Auch sind wir nicht so gottlos und kriegslustig, daß wir nicht den Frieden lieber wollen als den Krieg, und daß ein solches Aergerniß aus der Kirche entfernt werde. ... Jhr wisset am besten, daß wir von gewissen Lehren, die man uns zuschreibt, weit entfernt sind. Wir bitten euch daher, liebe Brüder, um Christi willen, der unser ewiges Sühnopfer ist, unser einige Hohepriester, der Richter über die Lebendigen und Todten, daß ihr in euerer Zusammenkunft für die Wahrheit und für uns euer Zeugniß ablegt, und daß ihr uns und unsere Kirchen unserm theuren Bruder Doctor Luther und allen seinen Mitarbeitern aufs beste empfehlet. Wir wollen inzwischen unermüdlich Gott bitten, daß er, was etwa von Zwist zwischen ihnen und uns eingetreten, gänzlich aus den Herzen vertreibe und uns mit einem heiligen Bande unauflöslicher Bruderliebe verknüpfe, auf daß wir, den Feinden Christi furchtbar, muthvoll und mit bestem Erfolge den Rest des widerchristlichen Heeres schlagen und Christi Reich so weit nur möglich ausbreiten mögen. Es sei; es sei! Lebet wohl in Christo usw.“

Doch nur zu bald zeigte sich's, wie viel Ursache die schweizerischen Kirchen gehabt hatten, in Rücksicht der nur durch Butzer an sie ergangenen Einladung zur Beschickung der beabsichtigten Zusammenkunft vorsichtig zu sein.

Es ist bereits erwähnt worden, daß es sich um eine Erneuerung und Erweiterung des schmalkaldischen Bundes handelte, namentlich auch um die Aufnahme mehrerer oberdeutschen Reichsstädte. Während noch die Gesandten deshalb in Frankfurt am Main tagten, reiste Butzer nebst neun andern Predigern, die sieben Städten des mittlern und südlichen Deutschlands angehörten, auf den angesetzten Tag nach Eisenach, und da sie wegen Luthers Erkrankung niemanden antrafen, nach Wittenberg. Hier trafen sie Luther aber ganz anders, als sie hatten erwarten dürfen. Er empfing Butzer mit allerlei Vorwürfen, namentlich wegen seiner doppelsinnigen Vereinigungsversuche, forderte sogar einen Widerruf, dem indeß Butzer durch eine feine Wendung sich entzog, und verlangte sodann, nachdem man näher eingetreten war, wider alles Erwarten die Aufstellung eines neuen Bekenntnisses rücksichtlich des

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Abendmals. Butzers Widerstreben gegenüber begründete er seine Forderung damit, daß der Churfürst von Sachsen und andere Fürsten große Erwartungen hegen von dieser Zusammenkunft und es ungern sehen würden, wenn man aus einander ginge, ohne ein sichtbares Denkmal der erfolgten Vereinbarung aufzustellen. Es war offenbar genug, daß die Aufnahme der oberdeutschen Städte in den schmalkaldischen Bund, mithin ihre ganze staatliche Sicherheit davon abhing. Somit sahen sich die anwesenden Prediger durch politische Rücksichten gedrängt, in Luthers Forderung einzuwilligen; sie hätten kaum in ihre heimathlichen Städte zurück kommen dürfen, ohne sich mit Luther vereinigt und, was dadurch bedingt war, den Abschluß des gewünschten schmalkaldischen Bündnisses ermöglicht zu haben.

So entstanden die Wittenberger Artikel, zusammt der betreffenden Verhandlung insgemein die Wittenberger Concordie (Vereinbarung) genannt, durch deren Annahme die süddeutschen Städte sich ihren bisherigen wesentlich zwinglischen und mit der schweizerischen Lehre überein stimmenden Standpunkt einiger Maßen verrücken ließen, ob sie auch damals dessen keineswegs sich klar bewußt sein mochten[40]. Wohl suchten sie des schroffsten Ausdruckes sich zu erwehren; doch ließ schon die Behauptung, daß mit dem Brot und Wein der Substanz nach auch der Leib Christi gegenwärtig sei, sich eher in Luthers, als in ihrem bisherigen Sinne deuten, namentlich aber enthielten die Worte, Leib und Blut Christi werden auch den Unwürdigen gereicht (wenn auch nicht den Gottlosen) eine zwar den Zwiespalt künstlich verhüllende, doch nur gezwungen mit der zwinglischen Auffassung vereinbare Bestimmung.

Bei der kleinen Zahl der Anwesenden betrachtete man übrigens die gegenwärtige Zusammenkunft nur als Vorversammlung. Luther übernahm es die Protestanten im Norden zur Annahme der aufgestellten Artikel zu bewegen, während die Straßburger die in der Schweiz, in Schwaben und am Rhein dafür gewinnen sollten. Erst dann sollte die Vereinbarung abgeschlossen und im Drucke bekannt gemacht werden. Ueberdies wurde es den Kirchen frei gestellt, bei ihren bisherigen kirchlichen Gebräuchen zu verbleiben, auch dem Volke den Jnhalt der Lehre an jedem Orte so vorzutragen, wie es daselbst am klarsten und faßlichsten sei. Jndem man so zwischen der kirchlichen Praxis und der staatskirchlichen Formel unterschied, konnten auch die süddeutschen Prediger hoffen, ohne Anstoß bei ihren Gemeinden durchzukommen.

Erst am vorletzten Tage, dem 27. Mai, übergaben die beiden straßburgischen Geistlichen Luthern das schweizerische Glaubensbekenntniß, entschuldigten die Abwesenheit schweizerischer Prediger und empfahlen die Schweizer seiner Gewogenheit, indem diese im Sakrament nicht bloße Zeichen bekennen noch sonst unehrerbietig davon halten. Luther aber gab hierauf die Antwort, er hätte nicht gewußt, daß so Viele, ja auch die Eidgenossen

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kommen würden; er hätte sonst früher geschrieben. Nachdem er dann die schweizerische Confession gelesen, erklärte er sich zwar recht freundlich darüber, er bezeugte, daß er nichts daran auszusetzen habe, bezweifelte aber, ob sie aus redlichem Herzen hervor gegangen, und erklärte, daß er zu desto festerer Vereinigung doch noch „ein weiteres Bekenntniß“ wünsche.

60. Butzers Ausdeutung. Anfrage an Luther, November 1536.

Mit gespannter Erwartung harrten die schweizerischen Geistlichen auf die versprochenen unverzüglichen Berichte über die Verhandlungen in Wittenberg, aber mehrere Wochen lang umsonst. Myconius ahnte nichts Gutes; ohnehin war man in dieser Zeit gar aufgeregt wegen des neuen Krieges zwischen dem Kaiser und Frankreich; er theilte Bullingern seine Besorgnisse mit. Dieser antwortete: „Von dem Convent in Eisenach weiß ich nichts. Aber das weiß ich, die Wahrheit wird siegen ewiglich. Deshalb mache ich mir nichts aus ihrer Schrift, sollten sie etwas der Wahrheit zuwider aufstellen. Darum bin ich ganz ruhig bei dieser Sache. Kampf wird immer sein; wir werden gesichtet werden; Gott wird uns durchs Feuer bewähren; aber selig, wer bis ans Ende beharrt.“

Endlich übersandten Capito und Butzer die Wittenberger Artikel an die Basler; schon die Aufschrift erklärte, daß sich nichts Neues darin finde, sondern nur, was schon in Zwingli's und Oekolampads Schriften, dem Bekenntniß der vier Städte und der schweizerischen Confession enthalten sei. Doch anders lautete das Urtheil der Basler Geistlichen. Zu ihrem Befremden nahmen sie eine bedeuende Abweichung wahr. Grynäus und Carlstadt wurden deshalb nach Straßburg abgeordnet. Acht Tage suchte ihnen Butzer die Uebereinstimmung darzuthun und gab ihnen auf ihr Begehen seine ausführliche Ausdeutung auch schriftlich mit. Doch ob Luther denselben Sinn wie Butzer damit verbinde, blieb auch nach der Rückkehr der beiden Abgeordneten den Baslern zweifelhaft, es kam ihnen sogar höchst unwahrscheinlich vor. Aus Auftrag ihrer Obrigkeit reisten daher Myconius und Grynäus ab, um die Ansicht der übrigen schweizerischen Kirchen zu vernehmen. Zu Zürich fand Bullinger die Wittenberger Artikel dunkel und mißverständlich; er hielt's deshalb für gerathener, einfach bei der schweizerischen Confession zu verbleiben. Auf seinen Vortrag hin wurden daher durch Beschluß des großen Rathes vom 15. August die Geistlichen angewiesen, die wittenbergischen Artikel nicht zu unterzeichnen; „da man nur in Spott und Schand käme, wenn man sie im Sinne von Butzers Ausdeutung annähme, Luther aber diesen Sinn nicht anerkennen würde. Doch sollte nichts ohne die übrigen Stände geschehen gemäß dem früher gegebenen gegenseitigen Versprechen. Bullinger versäumte inzwischen nicht, Melanchthon, der neulich freundlich an ihn geschrieben durch ein

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freundschaftliches Schreiben und Uebersendung von Vadians Aphorismen über den Sinn der schweizerischen Auffassung des Näheren in Kenntniß zu setzen.

Auf den 24. September wurde daher eine dritte Versammlung von Rathsboten und Geistlichen nach Basel angeordnet, bei der auch Straßburg, Konstanz und Neuchatel vertreten waren. Bullinger wohnte derselben bei; er beleuchtete den vorliegenden Gegenstand von allen Seiten. Aufs neue bemühte sich Butzer die Unterzeichnung der wittenbergischen Artikel zu erwirken, erreichte aber nicht mehr, als daß man beschloß seine nähere Erläuterung den Obrigkeiten und Synoden von neuem vorzulegen. Sowohl die bernische, aus 296 Personen bestehende, am 19. October versammelte Synode, (bei der auch Calvin sich befand) als die zürcherische, die am 28. October zusammen kam, lehnte aber ungeachtet des aufrichtigsten Verlangens nach Einigkeit mit den lutherischen Brüdern die Unterzeichnung ab. Man wollte sich nicht aus der Helligkeit ins Dunkel führen lassen; man war überhaupt nicht geneigt, nach allem Früheren eine neue Formel zu unterzeichnen, da man die aufgestellte schweizerische Confession genügend fand und da sich erwarten ließ, daß die neuen Artikel in der Folge nur wieder zu neuen Zwistigkeiten Anlaß bieten würden. Wohl aber beschloß man in Zürich auf Bullingers Antrag durch eine einläßliche nähere Erklärung über einige Punkte der schweizerischen Confession dem laut Butzers Aussage bei einigen Reichsständen noch immer vorhandenen Argwohn zu begegnen, als ob die schweizerischen Kirchen von den Sakramenten und dem Amte der Kirchendiener zu gering dächten. Die zürcherische Synode gab dem von Bullinger verfaßten Entwurfe ihre Genehmigung.

Durch diese Erweiterung des bisher besprochenen Hauptpunktes wurde nun die Sache um einen Schritt weiter gefördert. Eine vierte Versammlung schweizerischer Abgeordneten in Basel, am 12. November, der Bullinger und Leo Judä beiwohnten, beschloß, diese nähere Erklärung nebst Butzers schriftlicher Ausdeutung der Wittenberger Artikel Luthern selbst zukommen zu lassen, um zu vernehmen, ob Luther sich damit zufrieden gebe und daraufhin mit den schweizerischen Kirchen Einigkeit zu halten bereit sei. Wäre dies nicht der Fall, so finde man sich genöthigt, die schweizerische Lehre betreffend das Abendmal in deutscher und lateinischer Sprache öffentlich bekannt zu machen und dadurch ihre Wahrheit und die Unschuld der Schweizer deutlich zu erweisen. Nur wurde, damit die eidgenössische Ehre gewahrt werde, auf Berns Verlangen verfügt, nicht unmittelbar an Luther diese Schriften zu übersenden, da dieser bisher nie mit den Schweizern selbst verhandelt habe, vielmehr dieselben Butzer und Capito zuzustellen, wiewohl man bereits nicht wenig Verdacht hegte gegen die Ehrlichkeit Butzers. Er schien denn doch als zweifelhafter Unterhändler ein gefährliches Spiel zu treiben, hier so, dort anders zu reden; durch seine künstlichen Auslegungen täuschen, die schweizerischen Kirchen wider ihren Willen von ihrer ursprünglichen und einfachen Lehrweise abbringen, sie in verfängliche Redeweisen verstricken, wohl noch zu der lutherischen Lehre

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hinüber ziehen zu wollen und zwar aus bloßer Scheu vor Luther und aus politischen Rücksichten selbst wider seine eigene bessere Ueberzeugung, die er bisanhin in vielen Schriften ausgesprochen hatte.

Dennoch anvertraute man ihm, obgleich die Offenheit und Einläßlichkeit der Erklärung ihm gerade mißfiel, die Ueberbringung der betreffenden Schriften an Luther, da er selbst sich dazu anbot. Man konnte es um so eher thun, je mehr man die Ueberzeugung hegen durfte, er könne die nun ertheilten unumwundenen Erklärungen jedenfalls nicht verdunkeln.

 

61. Erläuterung der schweizerischen Confession.

Wie das ganze Verfahren, das die schweizerischen Kirchen einschlugen, den Charakter völliger Aufrichtigkeit und Geradheit in sich trägt, so sprechen sie in der Luthern übersandten, ehrerbietig abgefaßten Erläuterung mit der größten Offenheit ihre Lehre von den Gnadenmitteln, der Predigt des göttlichen Wortes und den heiligen Sakramenten aus.

Vor allem wird anerkannt: „Wir glauben und bekennen, daß uns der allmächtige Gott unser Heil und unsere Seligkeit in Christo durch die äußerliche Predigt des Evangeliums und durch die heiligen Sakramente verkünde und vor Augen stelle.“ Obschon Gott auch ohne alle Mittel ziehen könne, wen und wie er wolle, so habe er den Dienst am Worte angeordnet, wiewohl die seligmachende Kraft der Predigt allein von Gott komme.

Von den Sakramenten heißt es: „Ein Sakrament ist nicht das bloße Zeichen allein, sondern ein jedes Sakrament hat ein irdisches, sichtbares Zeichen und ein himmlisches, wesentliches Ding, das bezeichnet und angebildet wird. Wiewohl aber beide im Sakramente vereinart sind, sind doch die äußerlichen Zeichen nicht wesentlich und natürlich das, was sie bedeuten, geben es auch nicht aus sich selbst oder aus eigener Kraft. .. Wie nun dem Dienste am Worte Gottes kein Abbruch geschieht, wenn man spricht, die äußere Predigt nütze nichts, wo Gott das Wachsthum im Herzen nicht gibt, so verachtet oder vermehrt der die Sakramente nicht, der alle Kraft und Heilswirkung dem Schöpfer zuschreibt. .. Daher sollen wir keineswegs auf die äußeren Zeichen unser Vertrauen setzen, obschon sie heilige, von Gott eingesetzte Dinge sind, deren sich Gott um unsertwillen zu unserm Besten bedient; es soll auch ihnen, an sich selbst, die Ehre Gottes nicht beigemessen werden, sondern es soll durch sie unser Glaube sich aufrichten von dem Jrdischen zum Himmlischen, zu Gott dem Schöpfer und Ursprung aller Dinge, auch der Sakramente.“

Jm heiligen Abendmale „ist die Hauptsache die Gabe Gottes, nämlich der Leib und das Blut Christi, ja der Leib, der für uns in den Tod gegeben, und das Blut, das zur Abwaschung unserer Sünden am Kreuze vergossen ist. Denn also ist der Leib und das Blut Christi uns zu einer lebendigmachenden Speise der Seelen zubereitet, so der Sohn Gottes im Fleische

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für uns stirbt, daß er uns lebendig mache; so er sein Blut für uns vergießt, daß er uns von Sünden wasche und reinige; so er seinen Leib von den Todten auferweckt, daß auch unsere Leiber Hoffnung und Kraft wieder aufzustehen empfangen. Also gibt der Herr sich selbst zu essen und zu genießen, und nicht etwas von falschem Menschengedicht und eitelem Bildniß an seiner Statt. Denn nichts ist im Himmel und auf Erden, das unsere Seelen speisen und sättigen möge, als allein der Herr selbst. So wird der Leib Christi im Abendmal wahrhaft gegessen und sein Blut wahrhaft getrunken, aber nicht so roh und fleischlich, wie es bisher die Päbstler gelehrt und vorgegeben haben, nämlich, daß man ihn esse substanzlich, das ist leiblich und fleischlich, also daß das Brot in das rechte natürliche Fleisch verwandelt oder der Leib im Brot verschlossen werde, sondern geistlich, das ist geistlicher Weise und mit dem gläubigen Gemüthe.“

„Aus dem Allem nun, heißt es weiterhin, ergibt sich klar, daß wir den Herrn Jesum Christum, den Bräutigam der Kirche, nicht aus unserem Abendmal ausschließen; wir vermeinen auch nicht, daß der Leib und das Blut Christi im Abendmal zur Speise der Seelen und zum ewigen Leben genossen werde. Das haben wir aber, sammt unsern Vorgängern in der Lehre Christi, verneint und verneinen es auch noch auf den heutigen Tag, daß der Leib Christi an sich selbst leiblich oder fleischlich gegessen werde, oder daß er mit seinem Leibe leiblich und natürlicher Weise allenthalben gegenwärtig sei. Denn wir bekennen mit der heiligen Schrift und mit allen alten heiligen Vätern, daß unser Herr Christus die Welt verlassen hat und zur Rechten Gottes des Vaters im himmlischen Wesen sitzt, und nimmer in dieses vergängliche irdische Wesen gebracht und gezogen wird, daher die wahre Gegenwärtigkeit Christi im heiligen Abendmal himmlich und nicht irdisch oder fleischlich ist.“

Damit waren nun einmal im Zusammenhang Luthern die Gründe dargelegt, warum die schweizerischen Kirchen, nicht etwa aus bloßem Eigensinn, sondern aus wohl begründeter Ueberzeugung, ungeachtet ihres sehnlichen Wunsches nach Frieden und Eintracht mit den Lutherischen, bei ihrer bisherigen Lehrweise fest beharren müßten.

äSo haben wir nun, heißt es am Schlusse, unsere Antwort verfasset, an der, wie wir verhoffen, Euer Ehrwürden keinen Mangel finden wird. Denn wir meinen ja die Sache wohl und von Herzen, suchen Gott und die Wahrheit und den Frieden der Kirchen in guten Treuen. So haben wir auch wohl spüren mögen, daß ihr gegen uns in dieser Angelegenheit gutherzig seid, dieweil uns unsere geliebten Herren und Brüder von Straßburg gar eigentlich angezeigt haben, wie bei dieser Vereinbarung nichts desto weniger allen Kirchen ihre Freiheit von dieser heiligen Sache aufs verständlichste zu reden unversehrt bleibe, und daß ihr vermeinet, es sei daran genug, so die Gemüther zusammen gehen und man im

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Hauptinhalt der Artikel eins sei, und jeder Theil das meide, daß in dieser Sache zu viel oder zu wenig behauptet werde, das heißt, daß man dem äußeren Werke im Sakramente das nicht beilege, was allein Christi ist, und hinwider daß man sie auch nicht herabwürdige oder für eitle Zeichen halte. Denn das hieße freilich dem Abendmal des Herrn zu wenig beimessen, wenn Brot und Wein nicht anders sollte geachtet werden, denn nur als ein bloßes Zeichen christlicher Gemeinschaft bei Abwesenheit Christi. Zu viel aber wäre es, so man lehrte, daß das Brot an sich selbst wäre der Leib Christi fleischlich, wie er am Kreuze gehangen, und daß das Sakrament, selbst ohne Glauben genossen, Gnade mit sich bringe.

Wir achten aber, Euer Ehrwürden sehe, daß wir uns befleißen, weder zur Rechten, noch zur Linken abzuweichen, sondern uns an die heilige Schrift und an die Worte Christi halten. Daher hoffen wir nun unzweifelhaft, die angefangene Vereinigung sei zwischen uns gemacht, da ja vornehmlich aus unserer Confession und jetzt aus gegenwärtiger Zuschrift vernommen. Der allmächtige Gott, der ein Gott alles Friedens ist, gebe seine Gnade, daß wir beiderseits zum rechten Aufbau seines Evangeliums, in wahrer christlicher Liebe, Frieden und Einigkeit leben und handeln. Er wolle auch allen Unwillen, der vorgekommen, durch seinen kräftigen Geist hinnehmen und wahre Liebe unter allen seinen Gliedern groß machen zu seinem Lob und seiner Ehre! Amen.“

So trefflich hatten nun die Schweizer dem Begehren Luthers nach einem „weiteren Bekenntniß“ zur Beförderung der Einigkeit entsprochen, wobei sie jedoch, überzeugt, daß eine wenn auch nicht grundwesentliche Verschiedenheit in der Lehre über das Abendmal obwalte und jeder Theil die seinige nicht werde fahren lassen, keineswegs zu trügerischen oder mißverständlichen Verhüllungen ihre Zuflucht nahmen, sondern offen den Unterschied aussprachen, aber dessen ungeachtet Frieden und Einigkeit im Leben zu pflegen anerboten und zu erlangen wünschten. Somit kamen sie auf denselben Weg der Vereinbarung zurück, oder blieben vielmehr auf demselben Wege, den sie schon im Februar am Schlusse ihrer Confession angedeutet hatten, da sie von niemanden verlangten, daß er gerade ihr Worte gebrauche, sondern gerne wollten mit jedem zufrieden sein, der nur im wesentlichen Gehalt des Glaubens gemäß der Schrift mit ihnen überein stimme.

Einige Schwierigkeiten erregte noch die Genehmigung der abzusendenden Erklärung von Seiten der eidgenössischen Orte; doch wurden sie bald gehoben. Bei diesem Anlaß schreibt Bullinger (im Dezember 1536) an Myconius zu Handen des Rathes von Basel: „Lasset uns bei einander bleiben. Jhr wisset, aus was für einem Gemüth ich rede, und daß, wenn ich mein Herz mit euch und euerer Kirche theilen könnte, ichs thäte. Hiemit seid Gott befohlen in seine Gnade; den lasset uns bitten, daß er uns weise gnädiglich

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und uns in Einigkeit lasse bleiben.“ Nur zehen Tage später bittet er ihn abermals: „Wollet gute Sorge tragen, daß wir nicht getrennt werden. O wie würde der Teufel so fröhlich, wie würden unsere Feinde so beherzt sein! Wachet; es sind gar seltsame Praktiken auf der Bahn. Eilet nicht so von uns! Was wäre das für eine Vereinigung, wenn wir Nachbarn uneins würden, die allezeit die besten Freunde waren, und mit denen wollten eins sein, die, wie zu besorgen, kein solch Gemüth zu uns haben als die, von denen ihr eilet.“

Butzer war es besonders, der durch seine Einflüsterungen und Ränke in der Schweiz schien Zwiespalt zu säen und sie, so zu sagen, um jeden Preis Luthern willfährig machen zu wollen. Namentlich erregte seine Schrift, die er Retractationen (Umarbeitung, Zurücknahme) betitelte, begreiflich großen Anstoß in der Schweiz; es ergab sich daraus, daß gegenwärtig seine Ansicht vom Abendmal nicht mehr dieselbe sei wie früher, während er doch immer noch kühn genug war, dies zu behaupten. Bullinger gestand es ihm offen mit sanftem Verweise, den indeß Butzer unwillig ablehnte. An Myconius schreibt Bullinger bei Anlaß der Retractationen: „Das Urtheil über Butzer wollen wir der Nachwelt überlassen. Wir haben genug getagt. Wir müssen arbeiten, unsere Gemeinden vorwärts zu bringen, daß sie viel Frucht tragen.“ Jn Bern war der Unwille so stark, daß man damit umging, Butzers Schrift zu verbieten, indem man ihn geradezu für einen Achselträger erklärte, der nun ohne Scheu auf Luthers Seite trete. Bullinger war es, der die Berner von dieser Maßregel zurück hielt. Er thut bei diesem Anlasse gegen Myconius die bezeichnende Aeußerung: „Wir (Zürcher) werden's keineswegs verbieten, obgleich es uns gar nicht durchgehends gefällt. Prüfet Alles, behaltet das Gute, sagt der Apostel. Bei uns darf man selbst die Schmähschriften von Eck und Faber feil bieten.“

62. Aufnahme der Zuschrift an Luther. Butzer in Bern, September 1537. Sein Schreiben an Luther.

Das Schreiben der Scheizer, das Butzer im Februar 1537 auf den Tag der Protestanten nach Schmalkalden überbrachte, fand bei den Fürsten eine überaus günstige Aufnahme. Auch Melanchthon und andere lutherische Theologen, die eben daselbst versammelt waren, um wegen eines Concils ihr Gutachten abzugeben, fanden dasselbe zur Aufrechthaltung der Einigkeit mit den Schweizern völlig befriedigend, und waren, obgleich einige noch auf dem alte Argwohn beharrten, sehr geneigt, auf diese ihre Erklärung hin mit ihnen Frieden zu halten. Luther selbst, der Krankheits halben sich hatte zurück ziehen müssen, traf Butzer in Gotha, legte ihm die schweizerische Erklärung vor und erhielt von ihm mündlich die befriedigendsten Versicherungen. Da sich Luther zu schwach fühlte, einläßlich zu schreiben, erhielt Melanchthon vom

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Churfürsten von Sachsen den Auftrag, sofort von Schmalkalden aus ihn deshalb bei den eidgenössischen Regierungen zu entschuldigen mit dem Versprechen, sobald Luther von seiner Krankheit genese, werde er ihnen selbst schreiben und Luther richtete schon am 20. Februar ein bloß vorläufiges Briefchen höchst friedfertiger Art an den Bürgermeister Jakob Meier von Basel.

So war nun durch Luthers Krankheit in diesem äußerst günstigen Zeitpunkte der völlige Abschluß der von beiden Theilen gleich sehr gewünschten Vereinigung aufgehalten.

Allein volle drei Vierteljahre vergingen, ehe Luther das versprochene Schreiben an die Schweizer sandte. Während dieser langen Zeit traten einige Vorgänge ein, die leicht der Annäherung hätten hinderlich werden können, und namentlich auf den bisherigen Unterhändler, Butzer, ein nachtheiliges Licht warfen. Schon aus seiner Berichterstattung vom 1. April 1537 über die gepflogenen Verhandlungen ging hervor, daß er den Schweizern zumuthete, um derjenigen Lutheraner willen, die noch immer den alten Argwohn hegten, als ob sie nur leere Zeichen im Sakrament anerkennen, noch weiter zu gehen, und sich um der Vereinigung mit Luther und den Seinigen willen zu Ausdrücken zu verstehen, die ihrer eigenen Auffassung der Sache zuwider waren oder doch dieselbe in mißverständlichen Doppelsinn eingehüllt hätten.

Was aber allen bisherigen Verdacht gegen ihn bestätigte, die Entrüstung über seine geheimen Umtriebe in hohem Grade steigerte, sein verborgenes Treiben enthüllte und seine Freunde in der Schweiz in große Verlegenheit brachte, war ein vertraulicher Brief von ihm an Luther, schon am 19. Januar 1537 geschrieben, der in Straßburg von einer Hand zur andern ging und so auch in die eines zürcherischen Studierenden daselbst geriet, der sich als Stipendiat verpflichtet fühlte, im Interesse seiner heimathlichen Kirche eine Abschrift davon nach Zürich an Bullinger zu senden. Hier redet Butzer, wie ein ganz mit der lutherischen Ausdrucksweise Einverstandener, spricht von der schweizerischen Lehrweise nicht wie wenn auch ihr gebührende Achtung und Anerkennung zu zollen wäre, vielmehr in geringschätzigem Tone, wie von einer bloßen Schwachheit; er nennt ihre Erkläruing, die er hier übersendet, ein redseliges Schreibsel. Klar schien daraus hervor zu leuchten, wie sehr er strebe, die schweizerischen Kirchen zu trennen und ihnen immer weitere Zugeständnisse abzulocken, an denen er als an einer Handhabe sich halten könne, um sie schrittweise und vereinzelt immer mehr zur lutherischen Lehrweise hinüber zu führen.

Begreiflich, daß Bullinger und die Männer in seiner Umgebung über eine solche Sprache eines Unterhändlers, dem man so viel Zutrauen geschenkt hatte, empört, und über die dadurch offenbar gewordene große Gefahr, daß durch ihn die Einigkeit unter den schweizerischen Kirchen selbst untergraben würde, betroffen waren. Bullinger, dem besonders das treue Zusammenhalten der reformirten Schweizer unter sich vor Allem am Herzen lag, äußerte

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sich auch unverholen und kräftig darüber. „Du hast doch wohl, schreibt er am 9. April an Myconius, aus Butzers Schreiben nun ersehen, was er uns für Streiche macht und wie er uns an der Nase herum führt. Leider erfuhr ich zu spät, was ich schon lange bang besorgte. Jhr habet mitunter geglaubt, ich handle nicht aufrichtig genug, es sei mir zu wenig am Vereinigungsgeschäfte gelegen. Aber Gott, der Herzenskündiger, weiß, wie aufrichtig ich gehandelt habe! Nichts desto weniger werden wir zur Erhaltung des Friedens und der Eintracht die Hand bieten; wir werden mit Luther Freunde zu werden suchen, aber nur verwerfe er billige Bedingungen nicht. Butzer werden wir einstweilen machen lassen und keinen Streit erregen in diesen wirrevollen Zeiten. Wir wollen gelegnere Zeit abwarten.“

Myconius sowie Grynäus gaben sich alle Mühe, Bullinger zu besänftigen. Und dieser, wie er schon in den eben angeführten Zeilen sich dazu bereit erklärte, beherrschte sich. Er wollte den Gang des begonnenen Friedensgeschäftes nicht stören, und namentlich vor Allem Luthers längst verheißene Antwort gewärtigen.

Jnzwischen nöthigte ein neuer Vorgang in Bern und das über Erwarten lange Ausbleiben von Luthers Antwort doch noch vorher auf jenen widerlichen Brief einzutreten. Großen Einfluß übte nämlich der vielgewandte Butzer auf einige bernische Staatsmänner, bei welchen das staatliche Jnteresse das kirchliche überwog, denen die günstigsten politischen Ansichten, welche auf den Fall einer Vereinigung mit den deutschen Protestanten sich eröffneten, gar sehr einleuchteten. Durch ihre Vermittlung war es ihm gelungen, einige der einflußreichsten geistlichen Stellen in Bern mit Männern zu besetzen, die insgeheim zur lutherischen Lehre hinneigten und ihm persönlich ergeben waren. Um so entschiedener erklärten sich Andere gegen Butzers neueste Wendung, namentlich gegen das, wodurch er in seinen Retractationen wider die Berner Disputation, - die staatlich anerkannte Lehrnorm (seit 1528), - an der er selbst seiner Zeit sich betheiligt hatte, verstieß. Um sich nun zu rechtfertigen, begab er sich im September 1537 selbst nach Bern und wußte nicht nur die Mehrheit der nach seinem Wunsche versammelten Synode durch seine äußerst gewandte Darstellung für sich zu gewinnen, sondern sogar seinem Verlangen zufolge ein mit dem Stadtsiegel versehenes Zeugniß völliger Zufriedenheit mit seinem Verfahren und seiner Lehre auszuwirken. Ueberdies drang er mit dem Antrage durch, daß Meganders Katechismus, der von selbst im Kanton fast überall Eingang gefunden hatte, bedeutend umgearbeitet werden müsse, hatte rasch diese Umarbeitung selbst besorgt, und da der weniger gewandte Megander, den die Zürcher auf den dringenden Wunsch der Berner seit 1528 diesen je auf zwei Jahre für den Dienst der bernischen Kirche überlassen hatten, der verletzenden Art, wie diese Sache vollzogen ward, widerstrebte, so wurde er vom Rathe entlassen. Ein so hartes Verfahren, insbesondere auch ein so gewaltsames Eingreifen der Obrigkeit in die inneren kirchlichen

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Angelegenheiten, wie es bis anhin in der Schweiz unerhört war, erregte bedeutendes Aufsehen. Nirgends aber bedauerte man das Vorgefallene mehr als in Zürich. Begreiflich fand Megander, der sich ungeachtet seines feurigen oft heftigen Wesens um Berns Kirche vielfache Verdienste erworben, in seiner Vaterstadt lebhafte Theilnahme. Meganders Freunde, die beiläufig Butzer als Luthers Cardinallegaten bezeichneten, wandten sich an die Zürcher. Umsonst richteten diese ein freundschaftliches Schreiben an Bern zu Gunsten Meganders; er blieb abgesetzt, in Zürich erhielt er indeß bald eine Anstellung als Bullingers Amtsgenosse. Weitere Schritte Berns gegenüber unterließ man, indem Bullinger guter Hoffnung war, der „Butzerismus esse sich daselbst, wie er sich ausdrückte, mit der Zeit von selbst ab“. Da in Bern die Akten der Berner Disputation von 1528, die schweizerische Confession und deren Erläuterung von 1536, laut Beschluß der Berner Synode vom Mai 1537, die Lehrnorm blieben, so war immerhin zu erkennen, daß eine darüber hinaus gehende Neigung zur lutherischen Lehre nur durch Täuschung eine Zeit lang überwiegenden Einfluß daselbst bekommen, mit der Zeit aber doch sich als unhaltbar erweisen müsse, wie dies denn auch im Verlauf von zehn Jahren der Fall war. Während dieser so langen Zeit vermochte Bullinger es über sich, um des Friedens willen ruhig zuzuwarten im festen Vertrauen auf die wiederkehrende Macht der Wahrheit und begnügte sich nur mit seinen Freunden daselbst in vertrautem Verkehr zu bleiben.

Seine Klagen über das Benehmen Butzers ergoß er mit männlichem Ernste in den Schoos seines Myconius, den er bisweilen selbst etwas schwankend fand. „Jch wünschte, schrieb er ihm am 4. November 1537, das besiegelte Zeugniß wäre von den Straßburgern weder begehrt noch erhalten worden. Jch weiß nicht, was ich von ihnen denken und noch von ihnen besorgen muß, da sie mit der einfachen Antwort der Synode nicht zufrieden, so ängstlich sich um die Billigung ihrer Confession beworben haben. War es denn nicht genug an der Basler (d.h. ersten helvetischen) Confession? warum noch eine neue? wann soll es denn endlich einmal mit den ewigen Confessionen und Subscriptionen ein Ende nehmen? Erst legte man uns die Schrift (Butzers) an die zu Münster vor, dann die Basler Confession, dann das Bekenntniß der vier Städte, dann die sächsische (Augsburger) mit ihrer Apologie, wiederum die Wittenberger Artikel; nun ist auch noch eine Art Approbation seiner Retractationen gesucht worden; endlich siebentens wurden von Schmalkalden aus Artikel durch Butzer zur Unterschrift übermittelt. Zu Bern schreibt er eine neue Confession, die alle vorigen an Dunkelheit weit übertrifft. Wir sperren dabei Augen und Maul auf, unterschreiben frisch darauf los, billigen Alles[41]. Wahrlich ein wunderseltsames Nachgeben. So kömmt

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man uns täglich mit neuen Schreibereien über den Hals. Jch aber bleibe bei unserer Basler Confession und deren Erklärung an Luther. Mehr bekenne ich nicht. Meinetwegen mögen Andere tausend Confessionen schreiben, mir ist diese genug. Jch will aber jeden bei seiner Privat-Konfession lassen und sie weder billigen noch mißbilligen. Was nicht mit der unsrigen streitet, verwerfe ich nicht. Butzers Confession aber verstehe ich bei meiner Ehre nicht; ich weiß nicht, wohin sie reicht. Dies schütte ich in dein Freundesherz aus; du weißt meine Einfalt zu ertragen. Uebrigens darf dir, lieber Myconius, vor einer neuen Tragödie nicht bange sein. Wir werden ferner nach Einigkeit trachten. Nur billige ich nicht diese neuen Umtriebe und Anschläge. Gott kennt mein Herz; er weiß, wornach ich strebe und er wird richten am letzten Tage! Butzer habe ich geschrieben, ich verstehe seine Schreiberei nicht, das aber von Melanchthon verstehe ich, und das gefalle mir, was dieser in seiner Glaubenslehre über die Sakramente sagt.“ Jn eben diesem Bewußtsein schrieb Bullinger ebenfalls an Myconius, er wolle wohl Einigung aber ohne alle Zweideutigkeit, „und wenn auch Alle, die jetzt leben, uns verdammen sollten“.

Einige Wochen vorher, indeß nach Butzers Auftreten in Bern, hatte Bullinger mit Kraft und Ernst diesem seine Entrüstung kund gegeben über seinen oben erwähnten vertraulichen Brief an Luther, wie nämlich Butzers Ehrlichkeit ihm dadurch so rätselhaft geworden, wie wenig seine Aeußerungen denen eines aufrichtigen und treuen Vermittlers entsprächen usw. Ueber die Sache selbst, nämlich Butzers neue Zumuthungen, Pläne und Forderungen schreibt er ihm: „So ist denn wirklich keine Hoffnung mehr auf Vereinigung? So müssen wir denn wieder von neuem auf den Kampfplatz treten, Synoden halten, Apologieen schreiben? Nein; was wir gesagt und geschrieben haben, das gilt und dabei bleibt's. Es bleibt bei der Basler Confession und bei der nachherigen Erklärung. Was nicht damit streitet, das wollen wir gelten lassen. Lassen sie uns gelten, so lassen wir auch sie gelten, und dann ist die Concordie geschlossen.“ Ueber die Butzern besonders mißliebige, von ihm ihrer Weitläufigkeit halben bespöttelte „Erklärung zur Basler Confession“ sagt er: „Daß wir unsere Gedanken in dieser Schrift so einläßlich ausgedrückt und Alles entfernt haben, was in künftigen Zeiten neuerdings Stoff zu Jrrthum und Entzweiung hätte geben können, das ist nicht aus übertriebener Aengstlichkeit geschehen, sondern weil wir unserer Kirche Heil suchen im schlichten und klaren Zeugniß der Wahrheit. Der verdient vielmehr einen Vorwurf, welcher eine klare deutliche Sache durch Spitzfindigkeiten verdunkelt“. Ueber Butzers fehlerhaftes, fortschreitend

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mißlicheres Verfahren sagt er unter andern: „Anfangs sagtest du nur, man verstehe einander auf beiden Seiten nicht; wir nämlich verstehen nicht, daß Luther unsern Glauben nicht angreife und so verstehe auch Luther nicht, was wir angreifen, du aber wollest leicht beweisen können, Luther stehe im Einklang mit uns und wir mit ihm, du sagtest, Luther rede freilich kraß über das Abendmal, aber er denke nicht kraß darüber. Zur Erhaltung der Eintracht wäre es genug, wenn wir nur seine Redensarten ertragen könnten, so daß unser Glaube und unsere Redeweise dabei unbefangen und ungekränkt bleiben sollten. Als du dann die Artikel von Wittenberg mitbrachtest, schriebst du mir noch am 8. August des vorigen Jahres (1536): „die Vereinigung ist geschlossen, wenn ihr euch nur in allen Theilen nach euerer Confession richten, und das, was mit ihr übereinstimmt, nicht verwerfen wollt“. Du gedachtest mit keinem Worte der Unterschrift. Als wir nun aber am 24. September (1536) nach Basel kamen, fordertest du, als hättest du alles Frühere vergessen, ausdrücklich unsere Kirchen zur Unterschrift auf, und als wir sie ausschlugen, ja da erst erklärtest du dich ausdrücklich, dann erst sei die Vereinigung geschlossen, wann wir bekennen werden, der wahre Leib und Blut Christi werde mit Brot und Wein substanzlich genossen, und wenn wir die Artikel unterschreiben würden, was fast alle Kirchen in Deutschland gethan hätten. Nun aber - sag, ob's nicht wahr ist - schlugen wir die Unterschrift aus; wir wollten das dunkle und für die Wahrheit gefährliche Wort „substanzlich“ nicht annehmen. Dies bezeugt unsere an D. Luther gesandte Erklärung“.

Am Ende des Briefes wiederholt Bullinger die schon dem Myconius gegebenen Versprechungen, daß er an seinem Orte es am Streben nach Erhaltung der Einigkeit mit Luther nicht werde fehlen lassen. Auch in einem folgenden Briefe, ebenfalls vom October 1537, bezeugt er ihm, „es sei ihm gar nicht darum zu thun gewesen, ihn aufs neue unwillig zu machen, sondern nur freimüthig rund heraus seine Meinung zu sagen und dann nach Ausleerung aller Bitterkeit ihm freundschaftlich wieder die Hand zu bieten“.

Auch in Briefen an vertraute Freunde äußert Bullinger, er liebe Butzer immer noch und wolle nicht über ihn den Stab brechen. Jndeß war es doch richtig, wie sich aus einem gleichzeitigen Schreiben Butzers an Luther ergibt, daß Ersterer darauf ausging durch das Gewirre auf einander folgender Bekenntnisse die schweizerischen Kirchen so zu umstricken, daß sie sich nicht mehr regen könnten.

63. Luthers Antwort, December 1537. Jhre Aufnahme bei Bullinger, Januar 1538.

Endlich, nachdem Bullingers Friedensliebe und Geduld durch Butzers Treiben und Luthers Zögerung auf so viele und peinliche Proben gestellt

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worden und sie ausgehalten hatte, kam wieder einmal ein hellerer Tag. Es war gegen Ende Januar, als endlich Luthers vor eilf Monaten versprochene Antwort auf die Zuschrift der Schweizer und ihre Erklärung der Basler Confession in Zürich anlangte. Sie war datiert vom 1. Dezember 1537, und kam über Straßburg und Basel, mit Begleitschreiben der Prediger in diesen beiden Städten versehen.

Hatte es lange gedauert, bis daß Luther darüber mit sich ins Reine gekommen, so war nun doch die erfreuliche Frucht, die er nunmehr darbot, so langen Besinnens werth.

Nachdem er in Kürze mit seinen vielen Geschäften das lange Ausbleiben der Antwort entschuldigt, bezeugt er seine hohe Freude über den ganzen großen Ernst der Schweizer, Einigkeit zu fördern, den er aus ihrer Zuschrift erkenne; so große Zwietracht könne zwar nicht so leicht und bald wieder ganz ohne Ritz und Narbe geheilt werden. „Denn es werden bei euch und uns Etliche sein, welchen solche Einigkeit nicht gefällig, sondern verdächtig sein wird“. „Aber, fährt er fort, so wir zu beiden Theilen, die wir's mit Ernst meinen, fest und fleißig anhalten, wird der liebe Gott und Vater wohl seine Gnade geben, daß es sich bei den Andern mit der Zeit auch zu Tod blute und das trübe Wasser sich wieder setze“. Deshalb sei es seine freundliche Bitte, sie wollen verschaffen, daß die Schreier, die gegen ihn und die Einigkeit plaudern, sich des Schreiens enthalten, sowie auch er und die Seinigen sich in Schriften wie in Predigten gar still halten wollen, da ja „des Fechtens und Schreiens bisher genug gewesen, wofern das etwas hätte ausrichten mögen“. „Und zuvörderst, fügt er bei, will ich ganz demüthig bitten, versehet euch zu mir, als zu einem, der es ja auch mit Herzen meine, und daß, was zur Förderung der Einigkeit dient, so viel mir immer möglich, an mir nichts mangeln soll, das weiß Gott, den ich zum Zeugen auf meine Seele nehme. Denn die Zwietracht weder mir noch irgend jemanden geholfen, sondern vielen Schaden gethan hat, wie denn freilich nichts Nützliches noch Gutes darin zu hoffen gewesen, noch zu hoffen ist“.

Betreffend den Jnhalt der schweizerischen Erläuterung erklärt er sich einläßlich sowohl mit ihrer Lehre vom Dienst am Worte, als von der Taufe ganz einverstanden. Eben so äußert er sich in Betreff des Abendmahls. Da sich die Reformirten wider den leiblichen Genuß des Leibes Christi besonders auf die Himmelfahrt Christi berufen hatten, sagt er darüber bloß: „Wir haben noch nie gelehrt und lehren auch jetzt nicht, daß Christus vom Himmel hernieder oder auffahre, weder sichtbar noch unsichtbar: wir bleiben fest bei dem Artikel des Glaubens „aufgefahren gen Himmel, von dannen er kommen wird usw.“, lassen's göttlicher Allmächtigkeit befohlen sein, wie sein Leib und Blut im Abendmal uns gegeben werde, wo man nach seinem Befehl zusammen kommt und seine Einsetzung gehalten wird.“ „Doch, wie gesagt, wo wir hierin einander nicht gänzlich verständen, so sei das jetzt das Beste, daß wir gegen

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einander freundlich seien und immer uns des Guten zu einander versehen, bis sich das trübe Wasser setzt. So kann Capito und Butzer hie und in Allem wohl zurathen, wo wir nur die Herzen zusammen schicken und allen Unwillen fahren lassen, damit dem heiligen Geiste Raum gegeben werde.

Weiter die Liebe und freundliche Einigkeit vollkommen zu machen, wie wir denn unseres Theils, besonders ich was meine Person betrifft, will ich allen Unwillen von Herzen fahren lassen, und euch mit Liebe und Treue umfassen. Denn wenn wir, die wir's ernst meinen, schon das Höchste thun, so bedürfen wir dennoch wohl die höhere Hülfe und den Rath Gottes, weil der Satan, uns und der Einigkeit feind, wohl wird die Seinen zu finden wissen, die da Bäume und Felsen in den Weg werfen werden, so daß nicht Noth thut, daß auch wir unwillig und verdächtig auf einander seien, sonddern Noth ist, daß wir Herzen und Hände einander reichen, geben und festhalten, damit es hernach nicht ärger werde, denn zuvor.

Vom Bann oder Schlüsseln[42] weiß ich mich nicht zu erinnern, ob jemals Streit oder Zwietracht zwischen uns gewesen sei, vielleicht ist es in diesem Stück bei euch besser gefaßt als bei uns, und wird sich, wo es sonst Alles vollkommen sein wird, die Einigkeit hieran nicht stoßen oder säumen, ob Gott will, Amen.“

Er bittet sein kurzes Schreiben gut aufzunehmen. „Hiemit befehle ich E. E. allesammt und alle die Euern, sagt er zum Schlusse, dem Vater aller Barmherzigkeit und Trostes; der verleihe uns zu beiden Theilen seinen heiligen Geist, der unsere Herzen zusammen schmelze in christlicher Liebe und ausfege allen Schaum und Rost menschlichen Verdachts und teuflischer Bosheit und Argwohnes zu Lob und Ehre seinem heiligen Namen, zur Seligkeit vieler Seelen, zuwider dem Teufel und Pabst sammt allen seinen Anhängern. Amen.“

Bullinger war, wie leicht zu erachten, hoch erfreut über dies Antwortschreiben Luthers; Luther hatte seine schönsten Hoffnungen übertroffen und nicht nur die seinigen, sondern die Erwartungen Aller, mochten auch Einige gerade von den zürcherischen Theologen noch Mißtrauen hegen. Da war ja in seinem Schreiben nichts zu lesen von „substanzlicher“ oder „leiblicher“ Gegenwart des Leibes Christi beim Abendmal, nichts von real, essentiell und allen dergleichen Bullingern so wenig zusagenden Schultermen; nichts vom Genusse der Ungläubigen oder der Unwürdigen, nichts von Allenthalbenheit des Leibes Christi; da war überall nichts von den Schweizern gefordert; nicht das Mindeste gegen ihre Lehre von der Taufe eingewandt, in allen Punkten Luthers Uebereinstimmung mit ihrer so ganz offenherzigen Erläuterung ausgesprochen; überall die freundlichsten Versicherungen seines Zutrauens zu ihnen; und was sie schon längst gewünscht hatten, abgesehen von völliger Uebereinstimmung in der Lehrweise, auch auf den Fall, daß man im Einen oder

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Andern nicht gänzlich mit einander einverstanden wäre, doch die Bruderhand gereicht und Bruderliebe zugesichert.

Was konnte Bullinger mehr wünschen! war man nicht plötzlich, nach langem, immer bangerem Harren am Ziele angekommen, eben an dem Ziele gegenseitiger Anerkennung auf Grund der gemeinsamen Glaubenssubstanz, nach dem er schon so lange hingestrebt hatte.

An Myconius schreibt er deshalb (im Februar 1538): „Luthers Antwort ist klar, einfach, durchaus ungeschmückt und völlig christlich. Was das Abendmal betrifft, so greift er nichts in unserer Schrift an, verwirft nichts, schreibt uns gar nichts vor, spricht einfach seine Ansicht aus; am Schlusse anerkennt er uns als Brüder, und bittet um unsere Freundschaft, auch wenn noch etwas dahinten bleibe, worin der eine Theil mit der Auffassung des andern nicht ganz einverstanden sei. Kurz; es ist gut gegangen; verhöhn' man's nur nicht.“ Betreffend „die Schreier“ sagt er „Solche gibt es bei uns gar nicht; seit langen Jahren haben wir ernstlich darauf gesehen, daß alles Gezänk auf den Kanzeln abgeschafft und den christlichen Gemeinden die lautere Wahrheit allenthalben einfach verkündigt werde.“

Jn Rücksicht der Aufforderung Basels mit Ernst darüber nachzudenken, was nun hierin weiter zu thun sei, damit eine rechte, wahre Einigkeit bestehe, antwortet Bullinger: „Uns dünkt nichts besser, um die Einigkeit der Kirche zu pflanzen und zu erhalten, als wenn alle Kirchen in der Eidgenossenschaft einmüthig bei unserer Confession und deren Erläuterung verbleiben, die Luther ja mit Wohlgefallen aufgenommen und an denen er sich genügen läßt.“ .... „Tagen (Zusammenkünfte von Abgeordneten halten) wollen wir nicht weiter, sondern die Einigkeit sonst treulich halten mit Schreiben, Reden und Predigen; deß sind wir hier Alle eins.“

Man war sich so außerordentlich nahe gekommen. Allein merkwürdiger Weise ward nun gerade der Mann, der bisdahin als Unterhändler so viel dazu beigetragen, da er noch mehr erreichen wollte, dem guten Fortgange eher hinderlich. Butzer nämlich betreffend hatte Bullinger neulich schon in einem Briefe an Myconius bemerkt: „Mit Recht schriebst du mir einst, wir werden in Kurzem mit Butzer mehr zu schaffen haben als mit Luther; denn jener stellt uns seine Einigkeit in Aussicht, falls wir nicht alle butzerischen Ausdrücke gut heißen und seine Redeweisen annehmen. Jch hoffe aber, Luther selbst billige dies Treiben Butzers gar nicht.“ Nun fügt er mit Rücksicht auf das straßburgische Begleitschreiben, das mit Luthers Antwort angekommen war, bei: „Jch und Andere sind der Meinung, Butzer würde gescheiter handeln, wenn er sich nun des Handels gänzlich entschlüge; durch seine ewige Geschäftigkeit macht er die Sache nur schlimmer statt besser. Er sei recht ruhig, so bleiben wir auch ruhig und ist kein Verantworten vonnöthen! Es bedarf dessen nicht gegen uns. Wir begehren und bedürfen der Unruhen nicht. Unsere Kirche ist zufrieden, will auch mit jedermann Friede

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halten. Er (Butzer) wollte gen Bern und Friede machen, und ist der größte Unfriede daraus geworden. Also möchte es hier und anderswo auch gehen. Anderer Leute Beispiel muß uns witzig (behutsam) machen.“ „Jch bitt euch drum, setzt Bullinger noch bei, um Gottes Willen seid davor, daß man nicht immer also tagen müsse, und daß Butzer seine Kirche zu Straßburg versehe und ruhig sei, so werden wir mit ihm zufrieden und liebe, gute Brüder bleiben; sonst weiß ich nicht, was mit der Zeit daraus wird.“

64. Conferenz in Zürich, Mai 1538. Bullingers brieflicher Verkehr mit Luther.

Jndeß ging Bullingers Wunsch, nicht wieder tagen zu müssen, nicht in Erfüllung. Zur Abfassung einer gemeinsamen Antwort der evangelischen Stände der Schweiz an Luther wurde eine Versammlung ihrer Rathsboten und Prediger für nothwendig erachtet. Sie fand in Zürich Statt vom 29. April bis 4. Mai 1538; auch Calvin und Farel trafen ein wegen ihrer Vertreibung aus Genf. Unwillkommne Gäste waren dabei die Straßburger Butzer und Capito; groß war die Erbitterung gegen sie noch bei Vielen sowohl wegen des, wie wir wissen, durch einen zürcherischen Studierenden aus Straßburg übersandten argen Briefes Butzers an Luther, als namentlich wegen der durch ihn verschuldeten Zerrüttung der bernischen Kirche und Meganders auch von Calvin mißbilligter Verabschiedung. Selbst auf der Straße erhielt Butzer ein Zeichen des Unwillens, der gegen ihn rege war; aus jugendlicher Unbesonnenheit höhnte ihn einer der Studierenden, mußte aber dafür sofort ins Gefängniß wandern. Jn der Versammlung selbst bekam Butzer scharfe Worte zu hören über sein unlauteres Treiben und Drängen, über die falsche Art seines ganzen Verfahrens in dem Vereinigungsgeschäfte, da er die obschwebende Verschiedenheit bald abzuläugnen, bald durch trügerische Formeln zu verdecken suche und diese hier in einem, dort in anderem Sinne ausdeute. Mit großer Gewandtheit suchte er sich heraus zu winden, aber ohne den gewünschten Erfolg.  Endlich versicherte er hoch und theuer, daß sie (die Straßburger) im völligen Einklang mit der Basler d.h. der ersten schweizerischen Confession bekennen, Christi Leib und Blut werde im Abendmal nur geistlich und durch den Glauben genossen und daß Luther zusehends den schweizerischen Kirchen näher gekommen sei.

Rücksichtlich der Antwort an Luther wurde ein Antrag, erst dann die Einigung als gültig und geschlossen anzusehen, wenn er förmlich widerrufe, was er wider Zwingli geschrieben, sowie andere, etwas mildere, nicht ohne ziemliche Anstrengung beseitigt. Das Antwortschreiben hält völlig den treuherzigen und ganz freundschaftlichen Ton von Luthers Brief inne, bezeugt hohe Freude über die aus Luthers Schreiben hervor leuchtende wie aus der Straßburger mündlichen Aussagen sich ergebende Gesinnung und Denkweise, spricht aber nochmals als Lehre der schweizerischen Kirchen bestimmt aus, daß im

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heiligen Abendmale der Leib und das Blut des Herrn allein von den Gläubigen wahrhaft empfangen werde, durchaus nach Jnhalt und Wortlaut der Basler Confession und ihrer an Luther übersandten Erklärung, bei der wir unseres Theils fest und unverrückt bleiben. Doch befinden sie nunmehr nach Luthers Versicherung, er wolle keine die wahre Menschwerdung und die Himmelfahrt Christi gefährdende Gegenwart Christi im Abendmal lehren, daß beide Theile Gott Lob! im Sinn und wesentlichen Lehrinhalt mit einander eins und wohl zufrieden, auch kein Streit mehr zwischen ihnen sei und daß Gott ihnen zu wahrer Einigkeit zusammen verholfen habe, wofür sie Gott Lob und Dank sagen ewiglich. Daher dürfen sie sicher annehmen, es werde Luther nicht beschweren, wenn sie die Art der Gegenwärtigkeit nach ihrer Ausdrucksweise so vortragen, wie es dem Volke am allerverständlichsten sei. Uebrigens wollen sie alles dessen sich befleißen, was zur Erhaltung und Mehrung wahrer Einigkeit dienlich sei. „Desgleichen, sagen die Schweizer weiterhin in ihrer Antwort, getrösten wir uns auch zu Euer Ehrwürden hinwiederum alles Guten, bitten euch hiebei freundlich, unsere Kirche in alle Wege in väterlicher Sorge, Liebe und Treue befohlen zu haben, und wofern euch etwas anlangen würde, das christlicher Einigkeit und Treue und dieser unserer Verkommniß zuwider oder ungemäß wäre, dem nicht leichthin Glauen zu schenken, sondern jedenfalls unsere Meinung dagegen zu vernehmen. Das sind wir erbötig hinwieder zu thun, uns aller christlichen Liebe und Treue zu befleißen, die Sachen dermaßen anzustellen, daß die wohlangefangene Concordie mit der Gnade des Herrn Beistand habe; was irgend noch irren möchte, freundlich abzuwenden und zu vollkommener Einigkeit zu bringen,  dazu sind wir auch erbötig.

Gott, unser himmlische Vater, der da ist der Herr der Heerscharen, der Vater aller Barmherzigkeit und alles Trostes, entzünde in uns beiden Theilen durch seinen heiligen Geist das Feuer seiner göttlichen Liebe, damit wir dies christliche Werk dieser Concordie, zur Heiligung und Ehre seines heiligen Namens, auch zur Seligkeit vieler Seelen, dem Satan und der Welt sammt allen ihren Anhängen zuwider durch die Gnade Gottes zugerichtet, seliglich erhalten mögen“ usw.Dieses seinem Jnhalte nach gleich dem früheren unzweideutige Schreiben, das keine Unterwerfung unter Luther noch unter Butzers doppelsinnige Formeln, kein Aufgeben der eigenen Ueberzeugung enthielt, aber redliche und aufrichtige Gesinnungen des Friedens ausdrückte und gegen das Ende hin namentlich auch für die Zukunft allen ferneren Zwistigkeiten durch die bestimmte Abrede gegenseitiger freundschaftlicher Mittheilung der allfällig vorkommenden Anstöße vorzubeugen suchte, wurde Luthern durch einen obrigkeitlichen Läufer in der Zürcher Farbe und Ehrenzeichen zugesandt; dieser hatte zugleich dem Churfürsten von Sachsen und dem Landgrafen von Hessen das Dankschreiben zu überbringen für die von ihnen den Schweizern überschickten Akten des

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Tages zu Schmalkalden, wodurch die deutschen Protestanten sich endlich völlig von der päbstlichen Gewalt losgesagt hatten.

Bullinger seinerseits versäumte nichts, was zur Förderung des Friedens und der Eintracht dienen konnte. Schon zu Ende März 1538 schrieb er sowohl an Osiander in Nürnberg, als an Luther selbst; beide Briefe gab er einem jungen Zürcher mit, Otto Werdmüller, der eben die Universität Wittenberg bezog. Luthern übersandte er zugleich zwei Schriften „über die Autorität der heil. Schrift“ und „über die Bischofswürde,“ die er so eben auf Ansuchen einiger bei ihm weilenden Engländer für die Kirche Englands verfaßt hatte. Jn diesem seinem ersten Briefe wünscht er, mit aufrichtiger Ehrerbietung gegen Luther „als den Feldherrn ersten Ranges in der Kriegsführung gegen die Papisten“, gegenseitige Freundschaft und Liebe zur Förderung des Heiles der Kirche, grüßt auch von Seiten Pellicans, Vadians und der Uebrigen Luther selbst, sowie Melanchthon, Cruciger, Jonas u.s.w.

Bald nach der Versammlung in Zürich erhielt er Luthers freundliche Antwort. Jnhalt und Styl mancher schweizerischen Schriften gefalle ihm, wiewohl in Rücksicht der Gemüthsanlage und der Lehrweise gewisse Verschiedenheiten obwalten zwischen ihm und ihnen. „Jch will es offen gestehen, sagt er; Zwingli habe ich, seit ich ihn in Marburg gesehen und gehört, für einen trefflichen Mann (optimum virum) gehalten, sowie auch den Oekolampad. Jhr unglückliches Schicksal hat mich darum fast aus der Fassung gebracht, vornehmlich deshalb, weil ich zu glauben genöthigt war, er sei von unserer Lehre, die wir für die wahre halten, so weit entfernt gewesen und geblieben. Jch bedauerte auch, daß du sein Buch an den König von Frankreich heraus gabest mit so großer Lobeserhebung, da du doch denken mußtest, es sei darin gar Vieles, woran nicht nur wir, sondern alle Frommen mit Recht sich ärgern mußten. Du siehst, ich rede ganz offen mit dir, ohne allen Groll.“ Uebrigens, fügt Luther sei, würde es ihn über Alles freuen, wenn vor seinem Tode Einstimmigkeit einträte. - Es waren Vorwürfe in diesem so ruhig gehaltenen Briefe, die Bullinger nicht unbeantwortet lassen mochte, die er daher, wie wir unten hören werden, bald möglichst eben so ruhig von sich ablehnte.

Wenige Wochen nachher, am 27. Jun 1538, beantwortete Luther das Schreiben der schweizerischen reformirten Stände vom 4. Mai, beinahe im Tone seines vorherigen Schreibens (vom 1. Dezember 1537). Er bezeugt ihnen nochmals seine Freude darüber daß ihrer Aller Herzen zur Einigkeit bereit seien und daß ihnen sein Schreiben (vom 1. Dezember) gefallen habe. Ohne Zweifel sei ein sehr fromm Völklein in der Schweiz, und er hoffe zu Gott, so man säuberlich thue, werde Gott mit der Zeit gänzlich zur fröhlichen Aufhebung aller Jrrung verhelfen. Er wolle, so viel er immer könne, obgleich Etliche ihrer Schriften wegen ihm noch verdächtig seien, auch sie für gut halten, bis sie auch herzu kommen. Er habe, fügt er etwas seltsamer Weise bei, „Alles, was nicht schriftlich konnte gegeben werden“, Butzern angezeigt, und

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verweist sie nochmals an dessen mündliche Mittheilung. „Jch bitte demnach, schließt er, ihr wollet auch, wie angefangen, solches göttliche Werk vollführen helfen zu Frieden und Einigkeit der christlichen Kirchen, wie ich denn nichts Anderes spüre, als daß ihr's mit Lust und Freuden zu thun bereit seid.“

Sonach hatte man aufs neue die besten Freundschaftsversicherungen von Seiten Luthers, aber auch dieselbe Unbestimmtheit wie früher, darüber ob er sich wirklich für den endlichen Abschluß der gewünschten Einigung (Concordie) begnüge nach dem Vorschlage der Schweizer mit dem beiden gemeinsamen, wesentlichen Lehrinhalt, der „Substanz“ evangelischer Lehre, oder ob dafür von seiner Seite die Aufstellung und Unterzeichnung einer beiden gemeinsamen Lehrformel doch noch als unerläßlich angesehen werde. Man hatte abermals die Verweisung auf einen Unterhändler, dessen Geschmeidigkeit und Fertigkeit in Verdunklung des obschwebenden Hauptpunktes allgemein bekannt, dessen Credit aber eben darum bei den Offenen und Aufrichtigen gebrochen, bei dem auch, wie man in der Schweiz immer mehr fühlte, seit auf dem Tage in Zürich seine verhüllenden Formeln völlig abgelehnt worden, eine Mißstimmung und Entfremdung eingetreten war. Eben deshalb hatte man ja in aufrichtiger Friedensliebe den unmittelbaren Verkehr mit Luther vorgezogen.

Daher war Bullinger von diesem Schreiben Luthers nicht ganz befriedigt; die Sache mußte dadurch ins Stocken gerathen. Er drückt sich darüber so aus: „Luther antwortete anders als man erwarten durfte, und dabei ist das Vereinigungsgeschäft ganz und gar ersessen.“

Was Butzer betrifft, mußte Bullinger nun von ihm her längere Zeit eine Reihe von schiefen Auffassungen seines festen Standhaltens, von Mißdeutungen und ungerechten Anschuldigungen erfahren, die er indeß zu ertragen oder, wo es nöthig ward, zu widerlegen wußte. Doch that er dies möglichst geräuschlos, wie sehr ihn auch Butzers Charakterschwäche und seine schillernde Haltung verdroß. So schreibt Bullinger später einmal gelegentlich einem Freunde: „Butzer hätte wohl einen Haarrupf verdient; aber wir wollen allweg die Bessern sein.“ Noch im höheren Alter sagte er freilich zu den Seinen beim Rückblick auf diese Zeiten öfters, unter allen Menschen habe ihn niemand so geplagt wie Butzer.“ Dieser legt von Bullingers Charakter auch späterhin das ehrenvolle Zeugniß ab: „Er ist ein Mann, dem man alle Anerkennung zollen muß, nicht von streitsüchtigem Gemüthe und treu im Kirchendienste, der einfach die Erbauung der Gemeinden im Auge hat und im Urtheil über die Brüder die Liebe mitsprechen läßt.“

65. Friedenshoffnung. Bullingers Schreiben an Luther und an Melanchthon, September 1538.

Jmmerhin hatte man doch Großes erreicht durch die bisherige Annäherung, die Eröffnung eines amtlichen und privaten Schriften- und

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Briefwechsels, das gegenseitige Versprechen alle Feindseligkeiten abzustellen, und allfällig vorkommende Anstöße nicht auf dem Wege polemischer Schriftstellerei laut werden zu lassen, sondern durch briefliche Mittheilung einander kund zu thun.

Noch immer glaubte man einer festen, dauerhaften Vereinigung oder doch Befreundung ganz nahe zu sein. Bestärkt wurde man durch die Meldung, die der Rath von Straßburg unterm 26. August 1538 an die schweizerischen Kantone richtete: „daß ihre Schreiben (vom 4. Mai) an den Churfürsten von Sachsen und den Landgrafen von Hessen von den Fürsten und den in Eisenach versammelt gewesenen Gesandten des schmalkaldischen Bundes sowie von Luther selbst gar günstig und freundlich aufgenommen und als ganz christlich gerühmt worden seien.“

Daher gab Bullinger um so weniger die Hoffnung auf, daß, abgesehen von Butzers Vermittlung, ein gedeihliches Verhältniß zu Luther nunmehr erreichbar sei und befliß sich durch unmittelbaren brieflichen Verkehr, den er einem durch Butzer vermittelten weit vorzog, hiefür sein Möglichstes zu thun. Er schrieb deshalb sofort an Luther und an Melanchthon, um die letzten Hindernisse zu heben, die etwa noch der aufrichtigen Befreundung zwischen Luther und den Schweizer Kirchen im Wege stehen konnten. Beide Briefe sind vom 1. September. Der an Luther ist für Bullingers ganze Haltung Luther gegenüber bezeichnend. Vorerst dankt er Luthern ehrerbietig für die Freundschaft und das Wohlwollen, die er ihm durch seinen letzten Brief (vom 12. Mai) ezeugt habe. „Jch habe dich immer lieb gehabt und dich mit hoher Achtung verehrt, indem ich die ausgezeichneten Gaben Gottes, die dir verliehen sind, anerkannte und wie Großes der Herr durch dich für seine Kirche gethan. Jetz aber verehre und liebe ich dich noch mehr um deiner Freimüthigkeit willen; denn diese leuchtet vornehmlich aus deinem Schreiben hervor. Heutzutage ist der Sinn der Meisten von der Art, daß der als liebreich und freundlich gilt, der etwas Anderes auf der Zunge als im Herzen trägt. Du aber hassest Solche mit Recht; du willst dich nicht verstellen, sondern freimüthig heraus sagen, was du denkst. ... Ueber Zwingli und Oekolampad hast du freimüthig und gut dein Urtheil ausgesprochen. Ebenso aufrichtig und klar hältst du aber unsere und euere Lehrweise aus einander. Doch erlaube mir, hochgeehrter Luther! frei heraus zu sagen, was ich denke. Wir hier zu Lande hatten aufs bestimmteste die Hoffnung geschöpft, daß fürderhin jene Ausdrücke, die nur zu deutlich eine Spaltung zwischen uns verrathen, nicht mehr gehört würden. Denn die Brüder aus Straßburg versicherten uns ausdrücklich, unsere Confession und deren Erläuterung, die wir zu Basel verfaßt und durch Butzer auf den Tag zu Schmalkalden übersandt haben, werde von euch nicht mißbilligt. Jst dem so, wie wir in der That glauben müssen, so sehe ich fürwahr nicht ein, wie dir unsere Lehrweise und unser Glaube noch als verschieden oder fremdartig erscheinen könne. Drum sind mir, ich muß es unumwunden gestehen, jene Ausdrücke „unser“ und „euer“, da sie

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Verschiedenheit der Lehre verrathen, sehr störend. Auch das betrübt mich nicht minder, was du sofort beifügst, du bedaurest, daß durch meine Veranstaltung Zwingli's „Darlegung des Glaubens an den König von Frankreich“ heraus gekommen, da ich doch habe denken müssen, es sei darin gar Vieles, woran die Frommen mit Recht sich ärgern müßten. Hätte ich Solches gedacht und nichts desto weniger der Kirche diese Schrift aufgedrungen, so hätte ich freilich eine fast unverzeihliche Missethat begangen. Denn ich habe wohl im Gedächtniß den Ausspruch unsers Herrn: „Wer einen dieser Kleinen ärgert usw.“Allein ich muß dich bitten, E. Luther, mir billiger Maßen Besseres zuzutrauen, als daß ich absichtlich und wissentlich je den Frömmsten Aergerniß gäbe. D. Butzer hat mehr als Ein Mal uns gemeldet, Luther wolle nicht eine körperliche oder krasse Gegenwärtigkeit des Herrn im Abendmal behaupten, oder verfechten, sondern eine wahre und heilsame, daß Christus in uns lebe und wir in ihm. Eben jenes hat aber auch Zwingli gerade in dieser Schrift bekämpft, dagegen zur wahren und heilsamen Gegenwart sich völlig bekannt. Daher sehe ich nicht ein, wie ich durch die Veröffentlichung dieser Schrift gegen dich oder andere fromme Männer mich sollte versündigt haben. Denn nirgends hat Zwingli seine Ansicht hierüber gedrängter und deutlicher ausgesprochen. Jn dem Bekenntniß, das er 1530 auf den Reichstag nach Augsburg übersandte, beruft er sich auf Augustin, hier auch noch auf Chrysostomus. Denn ausdrücklich sagt er: „Wir glauben, daß Christus wahrhaftig sei im heil. Abendmal, ja wir glauben, es sei kein Abendmal, wenn Christus nicht da sei. Wir behaupten aber, nicht so fleischlich und kraß werde der Leib Christi gegessen, wie die Papisten wähnen, sondern wir glauben, der wahre Leib Christi werde im heil. Abendmal sakramentlich und geistlich gegessen von der frommen, gläubigen und heilsbegierigen Seele, wie auch der sel. Chrysostomus schreibt.“ Dies sind Zwingli's eigene Worte. Dies mißbilligst du nicht, denke ich. Ohne anders genügt es dir und allen Frommen, wenn man sich zum Glauben der großen Kirchenlehrer Augustin und Chrysostomus bekennt. Denn diese beiden Männer, mögen sie auch in ihren Erörterungen und Begründungen hie und da geirrt haben, da sie eben auch Menschen waren, sind doch bei allen Frommen zumal in Bezug auf diesen Punkt und überhaupt auf den wesentlichen Jnhalt der christlichen Lehre als ächte Beschirmer der Rechtgläubigkeit anerkannt. Sonst weiß ich nichts in dieser Schrift, was einen billigen Leser und Beurtheiler sonderlich stoßen könnte.

Am Schlusse deines Briefes bemerkst du noch, ihr könnet nicht alles das Unsrige billigen. Allein, da wir unsere ganze Lehre in unserer dir bekannten Confession dir offen dargelegt haben, so wäre es, Verehrtester! dienlich gewesen, du hättest es uns freundschaftlich angegeben, wofern du etwas nicht billigst oder dich woran stößest; ja, wenn du's grade jetzt noch thust, so werden wir der Verdächtigungen los werden und desto eher unzertrennlich verbunden

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sein. Einiger Abweichungen halben in einzelnen kirchlichen Bräuchen wirst du, denke ich, dir nicht eben große Bedenken machen, da die einzelnen christlichen Kirchen, wie dir ja wohl bekannt ist, von Anfang an nie sich gleich waren hinsichtlich der Ceremonien.

Jnniglich bitte ich dich, nimm diese Zeilen wohlwollend auf, so wie sie aus aufrichtigem Herzen geschrieben sind. Denn ich wünsche von Grund meiner Seele, daß einmal die Zwistigkeiten und Verdächtigungen aufhören, weder Zwietracht noch auch der bloße Schein davon zwischen uns fortdaure, sondern wir gegenseitig uns aufrichtig lieben im Herrn, zumal wir ja sehen, daß die Widersacher Christi alle ihre Zuversicht auf unsere Entzweiung gründen. Fahren wir damit fort, so wird das Reich Christi durch uns Schaden leiden und das Reich des Antichrists am meisten gefördert werden, die Kräfte unserer Widersacher werden wachsen, wir aber unsere Kräfte aufreiben, nach dem bekannten Spruche des Apostels: „So ihr euch unter einander beißet und fresset, so sehet zu, daß ihr nicht von einander verzehrt werdet“[43]. Denn Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm; wie auch der Herr Christus spricht, er, der uns zu Dienern seiner Kirche, welche er mit seinem theuren Blute erkauft hat, eingesetzt: „Daran wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe unter einander habet.“ Wohlan denn, theurer Luther! liebe uns nach des Herrn Gebot, und, wenn du meinst, wir glauben oder handeln in irgend etwas nicht ganz richtig, so zeige es uns an, und du darfst dir Alles von uns versprechen, was sich nur immer erwarten läßt von Brüdern, die gerne mit dir der Liebe pflegen! Es grüßen dich meine Mitarbeiter, Leo, Pellican und die Uebrigen. Grüße Jonas und die Uebrigen. Lebe wohl im Herrn.“

Das gleichzeitige Schreiben Bullingers an Melanchthon athmet denselben Geist ächter, christlicher Bruderliebe. Er dankt ihm vorab für alle Otto Werdmüllern erwiesene Freundlichkeit; sodann spricht er seine zuversichtliche Hoffnung aus, es gehe nun mit der Concordie gut; nur solle man ja keinen Verdächtigungen und Verläumdungen Gehör schenken.

„Gottes Gütigkeit, fährt er dann fort, hat uns zum Dienste seiner Kirche berufen. Auf uns sieht die Herde Christi als auf ihre Vorbilder und weisen Leiter. Wie ernst aber ermahnt uns der selige Apostel Jacobus zur rechten Weisheit (Jacob. 3, 13-18): „Wer ist weise und klug unter euch?; der erzeige mit seinem guten Wandel seine Werke in der Sanftmuth und Weisheit usw.“ Weg also mit allem Argwohn, mit allem Sreit und Gezünke, weg mit aller Verstellung, allen Ohrenbläsereien und Beschuldigungen! Wir wollen uns als Brüder lieben in wahrer christlicher Liebe, wollen einander hülfreiche Hand leisten im Werke des Herrn. Wir wollen das Reich Christi

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wieder aufbauen und mit vereinten Kräften das Reich des Antichrists vertilgen. Jhr kennet unsere Confession, ihr wisset was unsere Lehre ist usw. .. Habet ihr noch etwas daran auszusetzen, nun, so beschwöre ich euch, saget es frei heraus, damit aller Argwohn und Gross ein Ende habe. Dasselbe habe ich auch an D. Luther geschrieben. Denn wir lieben euch und wünschen Alles entfernt zu sehen, was die aufrichtige Liebe hindern möchte.“

Jm Einzelnen bemerkt er: „Allerdings haben wir die Bilder aus unsern Kirchen entfernt und abgeschafft, aber ordentlich und ohne Tumult, nach Gottes Geboten mit Zustimmung unserer Gemeinden und laut Anordnung der christlichen Obrigkeit. Dies wird, denke ich, doch wohl niemanden von euch anstößig sein; sind doch, wie du wohl weißt, Bildsäulen und Gemälde erst spät, bei vierhundert Jahren nach Christus in der christlichen Kirche aufgekommen. Ebenso ist ja auch die Beichte[44], wie du weißt, nicht eine apostolische Anordnung, sondern rührt erst von den Kirchenvätern her. Uebrigens lassen wir's nicht daran fehlen, gemäß unserm Amte und Berufe die durch Erkenntniß der Sünde und des göttlichen Zornes erschrockenen Gewissen zu trösten, ihnen fleißig Gottes Verheißungen vorzuhalten und sie im Glauben an Christum zu stärken. Das öffentliche von jeher in der Kirche gebräuchliche Sündenbekenntniß behalten wir bei.“

„Doch vielleicht, fährt Bullinger fort, hat der traurige Ausgang unsers unglücklichen Krieges (1531) Etliche der Eurigen uns entfremdet, zumal man unsern Zwingli gottseligen Andenkens für den Anstifter und Urheber desselben ausgibt. Jch lege dir deshalb hier einige Bogen (das Kriegsmanifest) bei, welche unsere Landesobrigkeit damals öffentlich ausgehen ließ. Daraus kannst du dich wenigstens einiger Maßen von den Ursachen des Krieges und von Zwingli's Schuldlosigkeit überzeugen.“ Ohne anders um Luther endlich von der dunkeln Vorstellung loszureißen, als ob Zwingli, gleich einem Münzer usw. als ein Aufrührer umgekommen sei, entwirft nun Bullinger in Kürze ein lebhaftes Bild der Schlacht bei Kappel und zeigt, wie Zwingli nicht aus Kriegslust, Muthwillen oder Leidenschaft, sondern auf Befehl der rechtmäßigen Obrigkeit daran Theil genommen und muthig im pflichtmäßigen Kampfe für des Vaterlandes Wohl einen ehrenwerthen Tod erlitten habe. „Doch, setzt er bei, will ich dir jetzt damit nicht weiter beschwerlich fallen. Jch schreibe dies nur, damit, wenn etwas hievon einer aufrichtigen Befreundung sollte im Wege stehen, es nunmehr gehoben werde und verschwinde, und wir Eins seien in Christo und kein Anstoß oder Hader unter uns übrig bleibe. Der Herr Jesus erhalte dich uns lange im Wohlsein!“

So hatte Bullinger wenigstens das Seine gethan zur Befestigung und Forterhaltung eines freundschaftlichen Verhältnisses mit Luther; mit

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Melanchthon fühlte er sich ohnehin durch Gemüthsart und Gesinnung verbunden. „Melanchthon habe ich von meinem Knabenalter an lieb gehabt, schreibt er später einmal und er hat mich auch lieb, wie ich längst vernommen.“

Wirklich trat eine Zeit friedlicher Ruhe ein.

66. Neue Feindseligkeiten Luthers. Bullingers Geduld.

Doch wie wenig entsprach der Erfolg den ungeheuren Anstrengungen. Kaum ein Jahr dauerte die längst ersehnte Friedenszeit. Begreiflich gab es, wie Luther zuvor erkannt, immer noch Eiferer, denen die Einigkeit zwischen den beiden Zweigen der evangelischen Kirche mißfiel und die so eingenommen waren von ihrer Besonderheit, daß Streit ihnen verdienstlicher erschien. An Aufhetzungen gegen die Reformirten fehlte es in Luthers Umgebung nicht. Das Schlimmste aber war, daß er selbst sich aufs neue gegen sie reizen ließ.

Schon 1539 begann er in seiner deutschen Schrift „von den Concilien“ auf Zwingli zu sticheln, indem er ihn mit dem Ketzer Nestorius, der im fünften Jahrhundert wegen Trennung der beiden Naturen in Christo verworfen worden, in gehässige Verbindung brachte. Jn einem ruhigen und ehrerbietigen Schreiben, das Bullinger Namens der zürcherischen Geistlichkeit an ihn richtete, machte ihm diese hierüber ihre Vorstellungen: „Wir haben, hochgelehrter Luther, deine Schrift von den Concilien gelesen, die den gegenwärtigen Zeiten höchst angemessen und gar nöthig ist. Der Herr stärke dich, daß du immer fortfahrest, das Reich des Antichrists mit eiserner Beharrlichkeit und unerschütterlicher Tapferkeit zu bekämpfen und zu zerstören! Jndeß geht es uns sehr nahe, daß du in dieser Schrift unseres in Gott ruhenden, redlichen und gelehrten Ulrich Zwingli nicht eben in Ehren gedenkst.“ Sie weisen den Vorwurf mit Berufung auf die Marburger Artikel (3.; vgl. Christoffels Zwingli, Abh. 1, S. 320), Zwingli's Bekenntniß von 1530 und die schweizerische Confession von 1536 zurück. Von Zwingli sagen sie: „Er hatte nichts mit dem Nestorianismus gemein. Er war fromm und rechtgläubig, ein eifriger Verehrer der katholischen (allgemein christlichen) Wahrheit, voll heiliger Mäßigung. Hättest du ihn vordem recht gekannt, wahrlich es würde in dem unseligen Zwist unter euch nie so weit gekommen sein. Da nun aber leider das Gegentheil eintrat und der Streit bei seinen Lebzeiten nicht völlig konnte beigelegt werden, so geht wenigstens unser Wunsch dahin, daß nun doch endlich nach gründlicherer Kenntniß und Erwägung seines Glaubens die Zwistigkeiten aufhören, ja auch der kleinste Funke des alten Haders möge ausgelöscht werden. Wir, liebster Luther, hielten uns für verpflichtet, dir dies schritlich zu melden. Laut unserer Zuschrift von der Versammlung in Zürich, 4. Mai 1538, haben wir versprochen dir brüderlich anzuzeigen, was uns etwa in deinem Benehmen auffallen sollte, damit der Friede zwischen dir und uns festen Bestand habe. Sieh also hier die Beschwerde redlicher Freunde; dir,

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dem bescheidenen Luther, machen wir diese Anzeige, und fordern auch dich bei aller Liebe auf falls dir in unserm Verfahren etwas Tadelhaftes vorkäme, es uns als Brüdern zu melden, inzwischen unserm Zwingli einen bessern Glauben zuzutrauen und uns unsere freundschaftliche Freimüthigkeit nicht zu verargen.“

Luther antwortete nicht, unterließ aber etliche Jahre hindurch jede Anfeindung. Die deutschen Religionsgespräche mit den Katholiken 1540 und 1541 waren für den Frieden mit den Reformirten nur günstig.

Doch seit 1541, eben als der Protestantismus in Deutschland wieder frische Kraft gewonnen hatte, zogen die düstern Wolken des Haders sich aufs neue zusammen, obgleich die Schweizer von ihrer Seite keinen feindseligen Schritt gethan, sondern treu der getroffenen Verabredung Frieden hielten. Luther seinerseits, vielfach verdüstert in seinen spätern Lebensjahren durch körperliche Leiden und schwere Arbeitslast, reizbarer noch als vordem, argwöhnisch und mißtrauisch gemacht durch hitzige Parteigänger wider eine große Anzahl milder Denkender in seiner Umgebung und namentlich wider seinen treuen Freund Melanchthon, welcher bei aller Nachgiebigkeit doch in Rücksicht der Abendmalslehre seine Selbständigkeit nicht ganz aufgab, mochte hauptsächlich durch den Unwillen über diejenigen in seiner Nähe, die zur reformirten Lehre hinneigten, aufs neue gegen Zwingli sich verbittern und um deswillen den Aufwallungen des Zornes den Lauf lassen. Jmmerhin mußten sich alle die, welche Zwingli so viel zu danken hatten, tief verletzt fühlen, wenn sie gleich stille trugen was zu tragen war.

Jm Jahre 1541 stellte Luther in einem Schriftchen „vom Gebet wider die Türken“ nicht nur Zwingli zwischen Münzer und die Wiedertäufer, sondern schrieb auch, unfreundlich genug, einen großen Theil der türkischen Wuth und Grausamkeit auf Rechnung der Zwinglischen. Die Zürcher schwiegen. Manche ihrer Freunde machten es ihnen zum Vorwurfe, daß sie nicht öffentlich die offen verletze Wahrheit in Schutz nähmen, und beschuldigten sie deßhalb der Lässigkeit. Dennoch schwiegen sie. „Sie unterstunden sich, wie L. Lavater sich ausdrückt, mit verharrigem Stillschweigen Luthern das Herz zu erweichen.“ Sie begnügten sich in Privatbriefen an ihre Freunde über die Schmachreden Luthers sich zu beklagen und seine schweren Beschuldigungen als nichtig von sich abzulehnen.

Als im Jahre 1543 die Bibel, von den zürcherischen Gelehrten ins Lateinische übersetzt, heraus kam, sandte der Buchhändler Christoph Froschauer ein Exemplar dieses zierlich ausgestatteten Werkes Luthern zum Geschenk, erhielt aber schlechten Dank. Luther, wie's scheint, längst mißvergnügt über den freundschaftlichen Verkehr der Schweizer mit Melanchthon, der ihre Schriften gerne annahm und Gefallen daran fand, überdies besonders unzufrieden über Melanchthons Haltung bei dem Reformationswerke in Köln, vielleicht auch von Eifersucht nicht frei, schrieb an Froschauer (den 31. August 1543) ein

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Briefchen, das der 1538 zwischen ihm und den Schweizern getroffenen Abrede völlig widersprach. Er meint darin, ihre Prediger seien genugsam ermahnt, von ihrem Jrrthum abzustehen und nicht die Leute durch ihre lästerliche Lehre zur Verdammniß zu führen; er wolle wider sie beten und lehren bis an sein Ende; man solle ihm keine von ihnen verfaßte Bücher mehr überschicken; sie seien doch verloren; Gott möge helfen, daß die Kirchen solcher falschen, verführerischen Prediger einmal los werden, und alle unschuldigen Herzen vor ihrem Gifte behüten.

Begreiflich erregte dieses Briefchen bedeutendes Aufsehen. Die Zürcher theilten es einigen ihrer Freunde in Deutschland mit und äußerten ihre Entrüstung. Gerade hier aber haben wir Anlaß in Bullingers Gemüth tiefer hinein zu blicken. An Butzer schreibt er bei diesem Anlaß (im October 1543): „Jch bedaure von Herzen, daß Luther, ein Mann von diesem Alter, so arg wider uns loszieht. Vieles haben wir bis anhin übergangen, um den Frieden unter den Kirchen zu erhalten, viel haben wir seiner Anmaßung ungeachtet ihm nachgesehen; Vieles geduldig verschluckt um Christi willen, um den Schwachen kein Aergerniß zu geben. Aber er übertrifft sich selbst an Rohheiten und legt es darauf an, durch seine unsäglichen Schmähungen unsere Geduld zu brechen. Selbst wenn wir wirklich im Jrrthum wären, hätte er uns nicht so verdammen, verwerfen und zertreten sollen. Wo ist nun die Vereinigung mit Luther, an deren Zustandebringen du so sehr gearbeitet hast? Du siehst und erfährst nun, daß wir nicht blindlings, sondern mit Grund manche Besorgnisse hegten... Gott verzeihe ihm seine große Sünde und heile die giftige Wunde, die übrigens nicht uns, sondern, wie ich fürchte, ihm selbst verderblich sein wird. Wir beten nicht wider ihn, sondern für sein Heil und Wohlergehn. Wir wollen auch nicht wider die sächsischen Kirchen und deren Angehörige lehren oder schreiben; denn wir dürfen hoffen, alle frommen und Wahrheit liebenden Menschen in jenen Kirchen stehen ganz gut mit uns, mag auch Luther und etliche streitsüchtige und leidenschaftliche Menschen, die ihn aufreizen, die Gemeinschaft und Verbindung mit uns verabscheuen.“

Butzer beschwor Bullinger doch ja Luthers Brief an Froschauer nicht öffentlich zu erwiedern; er versprach ihn abschriftlich an Melanchthon zu senden, um diesen von der Nothwendigkeit zu überzeugen, Luther sanfter zu stimmen. Bullinger antwortete (am 8. Dezember 1543): „Du darfst nicht besorgen, daß wir etwa aus leidenschaftlicher Hitze den Kampf von neuem beginnnen; wenn Luther nicht durch eine Druckschrift öffentlich uns zum Kampfe herausfordert, und uns so anficht, daß wir ohne Schaden der Wahrheit und des Gewissens nicht schweigen können, so werden wir uns nie mit ihm in Kampf einlassen.“ Dann bedauert er, daß Luther auch sonst immer mehr sich gehen lasse, in Rücksicht unanständiger Ausdrücke und gewagter, unbedachtsamer Aeußerungen über biblische Bücher usw. Man sollte ihn doch

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abmahnen; die Nachwelt werde freilich daraus sehen, daß Luther eben auch ein Mensch sei, menschlichen Anfechtungen unterworfen. „Wir sind nicht ungeduldig, setzt er bei, allein du siehst, Luther will keine Concordie. Wir überlassen's Gott; wir können und mögen ihn ja nicht dazu zwingen. Uns genügt es, wenn die mit uns einig sind, die dem Gottesworte glauben, es in schlichter Treue befolgen und dadurch erneuert werden zu ihrer Seligkeit. Mehr begehren wir nicht; das ist uns Concordie genug!“

67. Bullingers fortdauerndes Freundesverhältniß zu Melanchthon.

Je mehr sich Luther verbitterte, desto lieblicher gestaltete sich Bullingers Verhältniß zu Melanchthon. Eben zur nämlichen Zeit, als Luther Froschauers Gabe so grimmig erwiederte, war Bullinger aufs neue veranlaßt, Melanchthon für alle Freundlichkeit und Liebe zu danken, die er etlichen Zürchern, welche in Wittenberg studierten, erzeigt, und fühlte sich getrieben, ihm, als ein geringes Zeichen seiner Hochschätzung, seine eben erschienene Auslegung des Evangeliums Johannis zu schenken. „Geliebter Melanchthon, schreibt er ihm, gerne möchte ich dir eine größere Gabe bieten. Was ich aber dermalen habe, gebe ich mit redlichem Herzen. Nimm es nach deiner Güte freundlich auf. Jch weiß, wie du an schriftstellerischen Bestrebungen Anderer so viel Freude hast. Gegenwärtige Schrift ist die Arbeit von neun Monaten. Der Endzweck der ganzen Auslegung ist der, daß Christus, wahrer Gott und Mensch, und was durch ihn der himmlische Vater uns geschenkt hat, recht erkannt und gläubig angenommen werde. Die göttlichen Geheimnisse des hochfliegenden Adlers habe ich den Wißbegierigen so auszulegen gestrebt, daß niemand mir wird vorwerfen können, ich lege mehr Gewicht auf neue und subtile Streitfragen, als auf das, was schon von der ursprünglichen Kirche, die man die katholische (allgemeine) Kirche zu nennen pflegt, durch den Geist der Wahrheit mit großer Einstimmigkeit angenommen und behauptet worden ist. Jch widerlege und bestreite darin oft und nachdrücklich die neuen schädlichen Lehren Schwenckfelds, durch die er Viele verwirrte[45], ebenso die Lästerungen des Spaniers Servede, des Schwätzers Johann Campanus und der unsinnigen Wiedertäufer in Betreff der Artikel von der Dreieinigkeit, dem heiligen Geiste, der ungetrennten Verbindung beider Naturen in Christo u.s.w. Denn schon so Viele sind dadurch irre geführt worden. Jch widerlege aber, ohne sie zu nennen, nur ihre Jrrlehren. Wahrlich von ganzem Gemüthe habe ich getrachtet, die falschen Lehren zu vernichten und die katholische (allgemein christliche) Wahrheit zu verfechten zum Nutzen aller Frommen. Das weiß unser Herr Jesus, der unser aller

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Herzen kennt! Er erhalte dich seiner Kirche und uns Allen, sammt Luther und dem ganzen Kreise von frommen und gelehrten Männern in eurer Umgebung.“

Melanchthon hinwieder bezeugte Bullingern im März des folgenden Jahres großes Wohlgefallen an dessen schriftstellerischen Werken, die er fast alle gelesen, zum Theil durchstudiert habe. Namentlich lobt er dieselben, wie er schon vorher öfter gethan, ihrer Einfachheit, Klarheit und Rechtgläubigkeit wegen, Bullingers Schriftauslegungen besonders auch deshalb, weil dieser nicht wie manche Andere Fremdartiges beibringe, sondern treu bemüht sei, je bei der vorliegenden Stelle zu verbleiben und diese ins Licht zu setzen. Er muntert Bullinger herzlich auf, sich weiter durch solche Schriften um die Kirche verdient zu machen.

„Sollte etwa von den Unsern, fügt er bei, der Eine oder Andere sich in heftigeren Briefen vergessen, so wollen wir Anderen der Eintracht pflegen und der Einigkeit des Geistes, und unsere Kirchen nicht weiter aus einander reißen lassen. Man muß Männern von Verdienst, wenn sie's im Uebrigen gut und redlich meinen, schon etwas nachsehen, und mit Sorgfalt das Uebel heilen. Basilius sagt mit Recht, Eintracht sei für die Kirche noch unentbehrlicher als die rechte Hand für die linke. Erst dann kann man erfolgreich die Wahrheit verfechten, wenn die Lehrenden durch Einmüthigkeit und Wohlwollen unter sich verknüpft sind. Darum möchte ich, best meiner Kräfte, unsere Verbindung lieber inniger machen, als zertrennen. Jch schreibe, wie mir's ums Herz ist, aufrichtig. Melde mir bald, l. Bullinger, weß Sinnes du bist. Meinem alten Freund Pellican melde meinen herzlichen Gruß.“

Welch ein ungeheurer Abstand zwischen einem solchen Briefe voll Freundschaftsversicherungen und Friedensliebe von Luthers bedeutendstem Freunde und der schnöden Verdammung Luthers selbst in seinem Briefe an Froschauer! Sollte Bullinger den Anlaß nicht benutzen, um aufs dringendste sich an den sanften Melanchthon zu wenden, daß er Luther milder zu stimmen, ihn zu ruhiger Auffassung des gegenseitigen Verhältnisses zurückzuführen und Aergeres zu verhüten suche? Ungewiß, ob Melanchthon auf Luthers ebenbezeichneten Brief anspiele, ob er diesen je zu sehen bekam, theilt er ihm seinen tiefen Schmerz darüber mit, daß ein so hochstehender Mann sich so gar wegwerfen, so wider Unschuldige rasen und sich selbst so sehr entehren könne. Und nun beleuchtet er jeden Satz des Briefchens ruhig und schlagend. Jn Luthers Worten: „Sie sind genugsam ermahnt, daß sie sollten von ihrem Jrrthum abstehen und die armen Leute nicht so jämmerlich mit sich fahren lassen usw.“ bemerkt er z.B.: „Wer sollte uns denn, lieber Philipp, so genugsam ermahnt haben? wer hat uns eines Jrrthums in der Lehre überwiesen? Vielmehr haben die schweizerischen Kirchen ihr Glaubensbekenntniß Luthern übergeben; sie haben ihm die nähere Erläuterung der Artikel vom Amt des Wortes und

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von der Kraft der Sakramente nachgesandt. An Allem dem hat Luther nichts Verdammenswerthes gefunden, hat uns keines Jrrthums überwiesen, nicht einmal durch irgend eine Erwähnung uns von einem falschen Lehrsatz abzuführen gesucht. Jch selbst habe ihm auch Privatbriefe geschrieben, habe ihn beschworen, falls ihn in unserer Lehre irgend etwas irrig dünke, es uns freundlich und brüderlich zu verdeuten. Ueberdies habe ich aus Auftrag und im Namen der gesammten zürcherischen Geistlichkeit an ihn geschrieben. Er antwortete auf Alles keine Sylbe. Und nun heißt es doch, wir seien genugsam ermahnet, leider aber gegen alle guten Rathschläge taub, wir führen die uns anvertrauten Seelen mit uns in die Hölle usw. ... Luther beschimpft dadurch nicht nur uns, sondern die heiligen christlichen Kirchen, deren Diener wir sind nach der Berufung Gottes; er beschimpft den Herrn Jesum selbst, ihn, das oberste Haupt der Gemeinde, unsern König und Hohenpriester, an den wir glauben, dem wir anhangen und dienen.

Diese Klagen schütten wir nun in deinen Schooß aus, lieber Freund und Bruder; wir kennen dein edles Herz ohne Falsch und Arglist. Du siehest nun selbst, was das für Briefe sind, die wir aus eurer Gegend bekommen. Jch könnte dir noch von manchen ähnlichen Jnhalts sprechen; aber wir haben ihre Bitterkeit verschluckt und vergessen. Was sollen wir von andern unter euern Theologen denken, da der Oberste unter euch so hämisch über uns abspricht? Sollten wirklich auch noch andere Gelehrte und Geistliche in Sachsen so gegen uns gesinnt sein, wie Luther es ist, wie groß müßte nicht das Aergerniß der Kirche, wie groß der Schmerz jedes Gutgesinnten, wie groß der Schaden für alle insgesammt sein, wenn's mit dieser Eiterbeule bis zum Ausbruch kommen sollte! Denn, das sage ich frei heraus, fährt jener mit seinen Feindseligkeiten fort, so sehen wir uns gezwungen, unsere Unschuld und unsere Ehre und die unserer Kirche öffentlich zu vertheidigen.

Doch, welch eine Freude wäre es, wenn dem Uebel ohne weiteren Streit könnte gesteuert werden! Würdest du, herzlich geliebter Melanchthon, du treues frommes Herz, mit all deiner Kraft dich für die Beilegung dieser so gefährlichen Händel verwenden wollen, wie's ja bisher dir immer Freude war mitzuwirken zur Förderung der Ehre Gottes und für das Heil der Kirche, so zweifle ich durchaus nicht, du werdest bei deinen Landsleuten dem großen Uebel wehren können. Wie? wenn du dein ganzes wohl verdientes Ansehen in die Wagschale legtest, wenn du die Deinen wiederholt und mit allem Ernste zur Bescheidenheit, Billigkeit und Gerechtigkeit ermahntest, sie auffordertest, sie sollten erst unsere Schriften mit Nachdenken lesen, ehe sie uns verdammen, sie sollten bedenken, daß wir durch Gottes Gnade rechtmäßig berufene Diener des Herrn Jesu sind, der durch uns und die schon im Herrn Entschlafenen (Zwingli und Oekolampad) rohe und zügellose, ja dem Antichrist völlig ergebene Völkerschaften zu sich bekehrt und viele reichgesegnete Kirchen in der Schweiz gestiftet hat, die um Christi willen Großes gethan und

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erduldet haben, Christum mit wahrem Glauben annehmen und anrufen, ihn durch Gottseligkeit, Liebe und geheiligten Christenwandel verehren, den Widerchrist dagegen, den Wahnglauben und alle Gottseligkeit fliehen und meiden, - wenn du das ihnen mit Nachdruck einschärfen würdest, wahrlich es könnte nicht ohne Frucht bleiben! - Wir unserseits bedürfen keines Abmahnens und Abhaltens; denn wir sind Alle zum Frieden gestimmt und zur Eintracht bereit. Von ganzer Seele, frommer Philippus, lieben wir dich und alle Andern, die so wie du fromm, gelehrt und bescheiden sind. Solche Mäßigung und so herzliches Wohlwollen würde Alles ins Reine bringen. Würden wir auch in unseren Kirchen in Rücksicht auf Lehrsätze und Ceremonien nicht ganz übereinstimmen, sondern immer noch Unterschiede sich finden in Ansehung des Abendmals, der Beichte und Absolution, sowie der Bilder, so würde bei solchem Liebeseifer doch gewiß mit der Zeit bessere Kenntniß und Erfahrung uns näher zusammen bringen, daß das Einzelne richtiger gewürdigt und ruhiger beurtheilt würde. (Auf die Herbstmesse erbitte ich mir deine Antwort)“.

Wir fühlen, wie Bullingers friedeliebendes Herz rang zwischen christlichem Dulden und christlicher Abwehr des Unrechts. So innig bittet er Melanchthon um seine Verwendung; und dieser ließ es wohl nicht an sich fehlen. Doch konnte er auch nicht Alles; litt doch er selbst genug unter Luthers Druck, wie er hernach gestand, während Luthers Lebens „eine fast schmähliche Knechtschaft erduldet zu haben“; zudem fand er sich überall belauert, umgarnt, ja auch verdächtigt von denen, die Luther zu wildem Eifer reizten.

68. Neue Angriffe, 1544. Herausgabe von Zwingli's Werken, 1545.

An neuen Feindseligkeiten von lutherischer Seite fehlte es daher keineswegs. Jmmer wieder kam Kunde von bitteren Ausfällen, die Luther in täglichen Gesprächen wie in seinen Vorlesungen und Predigten sich beikommen lasse, auch von feindlichen Schriften, die er heraus zu geben vorhabe. Andere in Luthers Gefolge fielen ebenfalls über Zwingli und die Seinen her. Dazu kam bald ein neuer unseliger Schritt, der den Hader noch verschlimmerte. Zu Anfang des Jahres 1544 erschien der erste Theil von Luthers Auslegung des ersten Buches Mose nach seinen in Wittenberg an der Universität gehaltenen Vorlesungen im Drucke. Was man bis dahin Uebles vernommen, war nun völlig bestätigt und zwar öffentlich vor aller Welt. Zwingli war darin aufs neue Schwärmer und Sakramentsfeind gescholten, Münzern, den Wiedertäufern und anderen Sektirern beigesellt und zwar mit dem Verdeuten, als ob die sogenannten Sakramentirer jetzt bei Luthers Lebzeiten noch durch die Macht der Wahrheit zurück gehalten würden und nur auf seinen Tod warteten, um in hellen Haufen hervor zu brechen und ihre Ketzerei auszubreiten.

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So waren denn Zwingli's Freunde und Nachfolger gewaltsam zum Kampfe heraus gefordert. Man fühlte in Zürich, die Zeit, da man schweigen durfte, sei vorüber; denn jetzt wußte durch ein offenkundiges Zeugniß jedermann, wie Luther gesinnt sei und wessen man sich in der Zukunft von ihm und einem Theile der Seinigen zu versehen habe. Man erkannte insbesondere, daß man dem ungerecht geschmähten Zwingli eine Ehrenrettung schuldig sei, „daß man sonst schamroth werden müßte.“ Man sah sich um so mehr gedrängt, je weniger man sich verbergen konnte, bei der Stimmung der Lutherischen und den vielfachen Angriffen von ihrer Seite werde doch endlich ein offenes und entschiedenes Wort müssen gesprochen werden, und dies nicht wollte versparen bis nach Luthers vielleicht nahem Lebensende. Man durfte sich, da Feigheit dem eidgenössischen Sinne so ganz zuwider war, dem Vorwurfe nicht aussetzen, man habe aus Furcht gezögert, schon früher hervor zu treten bei seinen Lebzeiten und schelte nun erst den todten Gegner. Zu tief hatte man die Lästerung des eigenen theuern Verstorbenen als etwas Unedles empfunden. Und doch entschloß man sich noch nicht zu einer Streitschrift gegen Luther, wohl aber dazu, Zwingli's Schriften, die bisanhin nur zertreut vorhanden waren, in einer Gesammtausgabe erscheinen zu lassen, um der Mit- und Nachwelt zu zeigen, wer Zwingli gewesen und was er wirklich gelehrt habe. Die deutschen Schriften sollten ins Lateinische übersetzt werden, damit auch die andern Nationen außer der deutschen im Stande wären ein selbständiges und unbefangenes Urtheil über Zwingli zu gewinnen. Mit jugendlicher Rüstigkeit ging Rudolf Gwalter, mit dem seligen Zwingli als Schwiegersohn näher verbunden, an das große Werk, und vollendete es innerhalb Jahresfrist. Die vier Bände erschienen zusammt im Februar 1545.

Bullinger war ganz entschieden für die Herausgabe, an die man schon seit Luthers argem Schreiben an Froschauer gedacht hatte. Er gibt darüber Auskunft in einem Briefe (vom 5. September 1544) an seinen Freund Ambrosius Blaarer, gegen den Frecht in Ulm den Wunsch ausgesprochen hatte, daß die Herausgabe unterbleibe: „Zwingli hat die Wahrheit geschrieben; er hat den Antichrist tapferer und glücklicher angegriffen und überwunden durch seine Schriften als manche Andere. Wer mag's also verwehren, daß so nützliche, gelehrte, fromme Bücher heraus gegeben werden? Zwingli's Lehre ist bisanhin noch nicht des Jrrthums überführt worden, daß man sie deshalb verbieten oder wir uns seiner Schriften schämen müßten. Jch trage nichts dazu bei; Andere haben's übernommen; ich habe nur die Lebensbeschreibung des Schriftstellers versprochen, wofern man dafür nicht einen besseren Bearbeiter findet, was indeß leicht der Fall sein kann. ..... Sind auch Streitschriften gegen Luther dabei, so dürfen diese so gut neu aufgelegt werden als die von Luther zwei und mehr Mal neu erschienen, z.B. das Bekenntniß gegen Zwingli und Oekolampad. Oder sollte Luther dürfen so wüthend schreiben und wir nicht einmal Zwingli's fromme und nützliche Werke heraus geben

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mit einer ganz bescheidenen Vorrede! Ja, unsere Lehre werden wir schirmen, doch nicht mit unserer, sondern mit Christi Kraft und Hülfe“. „Bullinger (so hatte jemand aus Wittenberg an Frecht geschrieben) spürt und hofft den Sieg.“ - „ja, fährt Bullinger fort, weil Christus der Sieg ist, und die Wahrheit Gottes in Ewigkeit bleibet. Sonst bin ich nicht kampfbegierig; das weiß der, der in alle Herzen schaut, Christus. Doch werde ich den Kampf nicht scheuen, wenn Christi Ruhm es fordert.“ „Müßte man, fügt er bei, um die Genehmigung zur Herausgabe einer Schrift erst bei Luther und seinen Rathgebern einkommen, so würden ja die Gläubigen aller Orten sagen, Wittenberg w“re ein neues Rom geworden.“

„Bei Zwingli's Lebensbeschreibung, schreibt er an eben denselben etwas später (am 8. October), werde ich allen Fleiß anwenden und Gott um Beistand anrufen, daß ich durchaus nichts aus persönlicher Leidenschaft zu Lob oder Tadel von irgend jemand sage, sondern alles wahr und besonnen, richtig und gemäßigt, daß es diene zur Erbauung.“ Blaarer und Vadian, die anfangs ebenfalls Bedenken hegten mehr der römisch-katholischen Eidgenossen als der Lutheraner wegen, überzeugten sich völlig von der Berechtigung und Angemessenheit der Herausgabe von Zwingli's Werken. Jener rühmt die Lauterkeit und Milde der Zürcher, ihre Mäßigkeit und Friedensliebe, und ihr Streben nach einem nicht eiteln und vergeblichen, sondern soliden und aufrichtigen Frieden; „selbst jetzt noch, sagte er, halten sie Luthers Brief, den er an Froschauer geschrieben (31. August 1542) zurück.“ Vadian bemerkt: „Niemand von den Zürchern nahm es übel, daß man Luthers Schriften überall verkaufe; und sie sollten Zwingli's Werke nicht heraus geben dürfen?“

Eben so weist Bullinger Butzern, welcher meinte Luthern zu Liebe sollte man die Herausgabe unterlassen, in einem Schreiben vom 29. September 1544 nach, daß nicht die Zürcher den Kampf aufs neue angefangen, und entgegnet ihm in Erwiederung seiner diesfälligen Aeußerungen, es käme ihm wundersam vor, wie Luther durch die Werke Zwingli's gegen die Zürcher hätte aufgebracht werden können, da diese ja noch nicht ausgegeben worden. Dann fährt er fort:“Luther fürchten wir nicht und verachten ihn nicht. Wir treten nicht gern mit ihm auf den Kampfplatz, aber wir werden auch nicht feige fliehen; sondern frisch, im Vertrauen auf unsere gute Sache und auf den Beistand von oben, doch in aller Bescheidenheit diesem Manne antworten, falls wir ihm antworten müssen. Wir sind fest davon überzeugt, daß unser Glaube katholisch und orthodox (allgemein christlich und rechtgläubig) ist; daran halten wir fest und werden bis zum letzten Athemzuge ihn bekennen mit Gottes Hülfe.“

Die beabsichtigte Lebensbeschreibung wurde auf Vadians Rath, als noch nicht zeitgemäß, weggelassen. Man begnügte sich Zwingli's Werken bloß eine von Gwalter verfaßte Apologie (Vertheidigung) Zwingli's beizufügen. Darin ward zuerst der Jnbegriff und Entwicklungsgang der schriftmäßigen Offenbarung in

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Kürze dargelegt, sodann gezeigt, wie dieselbe in den ersten Jahrhunderten der Kirche treulich sei gewahrt worden, ferner Zwingli's Einstimmigkeit damit nachgewiesen und zuletzt die Vorwürfe der Gegner beseitigt.

Bullingers Augenmerk war darauf gerichtet, zu verhüten, daß nichts Leidenschaftliches darin vorkäme; daher er sich's zur heiligen Pflicht machte, diese Schutzschrift vor dem Drucke gewissenhaft zu prüfen; er durfte ihr mit Ueberzeugung das Zeugniß edler Mäßigung ertheilen.

So finden wir denn auch hier wieder bestätigt, daß da, wo die Menschen es dachten übel zu machen, Gott es zum Guten wandte; die ungerechten Schmähungen, mit denen Zwingli überhäuft worden, mußten nur zur Ehre des Geschmäheten beitragen, und durch die Herausgabe seiner Werke der gesammten reformirten Kirche, ja vielmehr der ganzen evangelischen Kirche eine bleibende köstliche Frucht bringen.

Doch sollte dies nicht die einzige Frucht dieses erneuten Bruderkampfes bleiben für die Angegriffenen, sondern noch weitere daraus hervorgehen, wie betrübend auch die Veranlassung dazu sein mochte.

69. Luthers letzter Anfall. Dessen Eindruck.

Man ließ Luthern keine Ruhe; die schroffe Partei unter den Seinigen, an deren Spitze wir Amsdorf finden, gab sich alle Mühe ihn zu noch stärkeren Aeußerungen zu bringen gegenüber den Reformirten und ihn endlich zu einer Kriegserklärung zu drängen. Dabei war es zunächst nicht bloß auf Bekämpfung der Schweizer abgesehen und der vielfach zur zwinglischen Lehre hinneigenden süddeutschen und rheinländischen Protestanten, sondern namentlich der milder gesinnten Lutheraner, insbesondere Melanchthons. Den Frieden zu stören, der die Evangelischen noch zusammen hielt, schien dieser schroffen Partei ein Verdienst, und darum kaum ein Mittel zu unedel, wenn es dazu diente, den mit zunehmendem Alter ohnehin argwöhnisch gewordenen Luther aufzureizen und immer mißtrauischer zu machen. Man hinterbrachte ihm allerlei Arges von den Schweizern, indem man all ihre Aeußerungen als Feindseligkeit gegen ihn auslegte. Man suchte ihm beizubringen, sein Ansehen sei bei seinen Anhängern deshalb gesunken, weil er schon so lange in keiner Schrift sich offen erklärt habe, daß er mit denen, die Zwingli's Lehre anhangen, uneins sei; drum wage es sogar Schwenckfeld an ihn zu schreiben und rühme sich, er sei im Abendmal Eines Sinnes mit den oberdeutschen Städten, mit denen Luther in kirchlicher Gemeinschaft stehe; daß Luther den Brauch der Elevation (Erhebung des Brotes beim Abendmal) 1543 aufgegeben, habe ihn selbst in Verdacht gebracht, er sei zur schweizerischen Lehre abgefallen, habe dies ihnen zu lieb gethan u.s.w. Luther, sehr beunruhigt, ließ sich hinreißen zu dem Versprechen gegen die Schweizer zu schreiben. Man sah ihn die alten bittern Streitschriften, die vor Jahrzehenden gewechselt worden waren, hervor suchen.

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Endlich brach er hervor; wider den Willen und ohne Vorwissen seiner treusten Freunde ließ er im August 1544 das ihn selbst am wenigsten ehrende „kurze Bekenntniß vom Abendmal“ erscheinen, eine Streitschrift der unglückseligsten Art, in höhnischem Tone, voll der ungemessensten Beschimpfungen, der bittersten Schmähungen und Verdächtigungen. Zwingli und Oekolampad sammt ihren Anhängern und Nachfolgern in Zürich und anderwärts schilt er darin geradezu Ketzer, Schwärmer, Sakramentsfeinde und ewig Verdammte, sagt sich von jeder Gemeinschaft mit ihnen aufs entschiedenste los und wirft sie mit Schwenckfeld und anderen „Ketzern“ in Eins zusammen, so daß er nun ein leichtes Spiel hat ihnen alle möglichen Schmähworte beizumessen, die jemals früherhin von irgendwem, sei's auch nur von Sektirern, im Streite mit Luther mochten gebraucht worden sein.

Den Bruch des Marburger Vertrages (Luther selbst bedient sich dieser Bezeichnung), der in dieser harten Anklage lag, sucht er in ähnlicher Weise zu beschönigen, wie fast Alle, die Willens sind, sich an eine geschlossene Uebereinkunft nicht mehr zu halten, indem er, freilich künstlich genug und im Widerspruche mit sich selbst, Zwingli zur Last legt, er habe den Vertrag zuerst gebrochen, nämlich durch seine „Auslegung des christlichen Glaubens an Franz I.“ (1531), er sei darin zum Ketzer und ganz zum Heiden geworden. So mißdeutete ihm Luther hier jene Stelle, wo Zwingli in rednerischem Schwunge, um den König zum Trachten nach dem himmlischen Reihe anzufeuern, ihm die Aussicht vorführt dort alle Gläubigen aller Zeiten vereint zu schauen, und dabei neben den hervor ragenden Personen des alten und neuen Testamentes die Namen einiger Weisen und Helden des klassischen Alterthums, wie Sokrates, Aristides usw. erwähnt, (s. Christoffels Zwingli Abth. 2, S. 296.). Luther zieht daraus in leidenschaftlichem Unmuthe die falsche Folgerung, als ob Zwingli deshalb Christum entehre und das Heil in Christo zu nichte mache, und erlaubt sich ihn und seine Anhänger als Ketzer zu verdammen.

Man hätte wohl annehmen dürfen, auch die in den Jahren 1536 bis 1538 gepflogenen Concordien-Verhandlungen und die damaligen gegenseitigen Versicherungen und Zusagen hätten Luther abhalten sollen von so feindseliger und unbilliger Verdammung. Allein alle diese Vorgänge übergeht er gänzlich. Ja so sehr sehen wir hier, um uns aufs mildeste auszudücken, seine Erinnerung durch die Leidenschaft gehemmt, daß ihm selbst einfache Thatsachen entschwinden sogar in Rücksicht dessen was er von sich aussagt. Er habe, sagt er, nachdem jene Schrift Zwingli's heraus gekommen und er gesehen habe, daß die Zwinglischen sie loben und ehren, so sehr alle Hoffnung ihrethalb aufgegeben, daß er weder Briefe noch irgend etwas von ihnen mehr habe annehmen wollen noch auch für sie beten. Und doch haben wir oben gesehen, wie Luther, nachdem jene Schrift aus den oben angegebenen Gründen im Februar 1536 erschienen war und er davon sowie von der Gesinnung der

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Schweizer genaue Kenntniß genommen, im Dezember 1537 und Juni 1538 in Antwort auf das ihm übersandte schweizerische Bekenntniß und dessen Erklärung jene Schreiben übersandte, in denen er sie seiner Liebe und Treue versichert, Friede und Einigkeit zu halten sich verpflichtet ungeachtet etwelcher noch obwaltenden Verschiedenheit, und, ohne jemanden auszunehmen, für sie betet. - Daraus, daß Luther nicht näher Liegendes oder Späteres namhaft macht als jenes 1536 erschienene Schriftchen Zwingli's (von 1531), ersehen wir, wie wenig Anlaß ihm die Schweizer gegeben hatten nunmehr so heftig wider sie loszubrechen. Jn seiner ganzen Streitschrift redet Luther überdies in hochfahrendem Tone so von sich selbst, wie wenn er Zwingli und Oekolampad längst des Jrrthums überführt hätte[46].

Man kann sich nicht verwundern, daß diese Schrift Luthers, die so sehr dem widersprach, was er in besseren, ruhigeren Zeiten selbst anerkannt und bezeugt hatte und von so unabsehbaren verderblichen Folgen für die ganze Stellung der beiden Zweige der evangelischen Kirche theils zu einander theils zu ihren gemeinsamen Gegnern werden mußte, theils Entrüstung hervor rief, theils schmerzliches Bedauern darüber, daß der verdienstvolle Luther seine Würde so sehr habe vergessen können. Sie zerstörte alle bisherige Annäherung und schien auch für künftige Zeiten alle Friedensversuche bedeutend zu erschweren. Eine Reihe von Theologen, wie Blaarer, Musculus, Frecht, Butzer, Pistorius, Myconius bezeugten in ihren Briefen ihr ernstes Mißfallen darüber. Melanchthon schrieb an Frecht nach Ulm: „Könnte ich auch so viele Thränen vergießen, als Wasser in eure Donau fließt, so würde dies doch lange nicht meine Schmerzen erschöpfen, die ich über die Erneuerung des Sakramentstreites empfinde.“ Eben so in andern Briefen. An Bullinger schrieb er gleich nach dem Erscheinen des „kurzen Bekenntnisses“: „Du wirst vielleicht, noch bevor dieser Brief an dich gelangt, die scheußliche Schrift D. Luthers empfangen, worin er den Krieg wegen des Herrn Nachtmals wieder erneuert. Noch nie ist er in dieser Sache stürmischer verfahren. Nun ist alle meine Hoffnung auf Frieden unter unsern Kirchen dahin! Wie werden unsere Feinde, die den mönchischen Götzendienst beschirmen, ihr Haupt erheben, unsere Kirchen aber wieder je länger je mehr aus einander gerissen werden!

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Dies zerschneidet mir das Herz. Die eigene Gefahr, die jetzt über meinem Haupte schwebt, macht mir wahrlich, obschon sie nicht gering ist, bei Weitem nicht so bange, wie die Verwirrung und Entzweiung unter unseren Kirchen und Gelehrten. Jch habe deinen letzten Klagebrief gelesen, worin du mir auf meine Aufforderung, manches Bittere zu übersehen, antwortest. Aber die Erneuerung des Krieges hindert mich, dir auch jetzt noch etwas von Mäßigung zu schreiben.“

Viele waren der Meinung, man solle Luthern antworten und zwar um so schärfer, da er, weder heimlich noch öffentlich dazu veranlaßt oder verletzt, so freventlich und muthwillig nicht bloß die Lebenden, sondern auch die Todten gehöhnt und so zu sagen mit Füßen getreten habe. Andere dagegen, unter denen namentlich Butzer, stellten den Zürchern vor, da sie bisanhin so viel Feindseliges geduldig hingenommen um des Friedens willen und in Ansehung des friedlichen Verhaltens sich rühmlich ausgezeichnet, so sollten sie sich diesen ihren Ruhm nicht noch am Ende rauben lassen, sondern dem alten Luther, dessen Verdienste um die Kirche so groß seien, auch dies zu gute halten, zumal anzunehmen sei, er habe nicht sowohl aus eigenem Antrieb, als auf Anstiften seiner Schmeichler so grimmig geschrieben.

Bullinger aber, so lieb ihm der Friede war und so gerne er jederzeit zu einer rechten, aufrichtigen Vereinigung die Hand geboten, konnte jetzt diesen Zumuthungen kein Gehör schenken. Dazu war der Angriff zu grell. Durch den Vorwurf der Ketzerei hatte Luther ihm den Lebensnerv seines kirchlichen, evangelischen Bewußtseins wie seiner ganzen theologischen Gesinnung getroffen. Jn ihm, dem vornämlich die Erhaltung und Gestaltung, der Ausbau und die Befestigung der nach Gottes Wort erneuten Kirche oblag in seinem nächsten Kreise und so weit sein Wirken reichte, lebte besonders stark und lebenskräftig das Bewußtsein innerhalb der vom Herrn Christus gestifteten, durch die Jahrhunderte fortgepflanzten, nun aber nur heller wieder zu Tage getretenen wahren, christlichen Kirche zu stehen. Jetzt schien ihm der Zeitpunkt gekommen, da die Pflicht es erheische, die hart angefochtene Ehre und Unschuld der Kirche durch eine einläßliche Vertheidigung zu wahren. „Lieber will ich sterben, schreibt er, als die unserer Kirche anvertraute einfache und sichere Wahrheit verläugnen um einer erträumten Eintracht willen. Lieber Eintracht mit der Wahrheit und Zwietracht mit Luther, als Eintracht mit ihm und Zwietracht mit der Wahrheit!“, und ebenso: „Die christliche Geduld schweigt wohl zu manchen Schmähungen; aber schweigen zu der Beschuldigung der Ketzerei und Gotteslästerung, das heißt nicht mehr christliche Geduld üben!“ Dann wieder bezeugt er: „Allenthalben und von allen Seiten umgibt uns Krieg und Streit, doch sind wir munter und ruhigen Herzens in Christo Jesu, unserm Herrn, dem Lob und Preis sei ewiglich!“

Wohl aber war ganz nach Bullingers Sinn, was ihm Calvin im November 1544 schrieb: „Jch höre, Luther sei mit einer entsetzlichen

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Schmähschrift nicht bloß gegen euch, sondern gegen uns Alle hervor gebrochen. Jetzt darf ich kaum wagen von euch zu verlangen, daß ihr schweiget. Denn es wäre unbillig, denen, die unverdient sich so mißhandelt sehen, zu verwehren, daß auch sie sich ihrerseits vertheidigen, und schwer anzunehmen, daß solche Nachsicht von Nutzen wäre. Aber dies wünsche ich, daß ihr beherziget, was für ein großer Mann Luther ist, welche außerordentlichen Gaben ihn auszeichnen, mit welcher Seelenkraft und Beharrlichkeit, mit welcher Geschicklichkeit er bis auf diesen Tag durch seine Lehre so glücklich gekämpft hat, um das Reich des Antichrists zu stürzen und zugleich die Lehre des Heils zu verbreiten. Jch habe schon oft gesagt, daß, wenn er mich auch einen Teufel nennen sollte, ich ihm doch so viel Ehre erweisen würde, ihn für einen ausgezeichneten Knecht Gottes anzuerkennen, der freilich, wie mit außerordentlichen Tugenden begabt, eben so auch mit großen Fehlern behaftet ist. Wollte Gott, er hätte sich mehr bemüht, sein überaus hitziges Temperament, das beständig in Wallung geräth, zu beherrschen! Wollte Gott, er hätte die ihm natürliche Heftigkeit nur gegen die Feinde der Wahrheit gebraucht, nicht auch gegen die Diener Gottes geschleudert! Wollte Gott, er hätte mehr Fleiß angewandt, seine eigenen Fehler zu erkennen! Gar viel haben ihm auch seine Schmeichler geschadet, die den ihm natürlichen Hang zur Selbstgefälligkeit noch steigerten. Unsere Pflicht aber ist es, seine Fehler so anzugreifen, daß wir seinen großen Gaben doch auch einige Rechnung tragen.“

Wenige Tage, nachdem Bullinger Luthers Schrift zu sehen bekommen, schreibt er an Melanchthon (3. Dezember 1544), die Zürcher werden von ihrer bisherigen Mäßigung auch jetzt nicht ablassen in ihrer Antwort; Luthers beispiellos grober Styl gefalle ihnen nicht. Dann erwiedert er Melanchthons Klage über seine eigene Gefahr, da es eine Zeit lang sogar ungewiß war, ob er Luthers wegen in Wittenberg bleiben könne, mit Anerbietung aller seiner Dienste: „Sofern durch unsere Hülfe dir irgend welche Erleichterung kann verschafft werden, bieten wir dir Alles an, was uns zu Gebote steht. Siedle zu uns über. Jedes Haus steht dir bei uns offen. Dem Rathe und der Bürgerschaft wirst du ein willkommener Gast sein. Für anständigen Unterhalt soll dir gesorgt werden.“

Gerade der Grund, den Butzer anführte, um von einer Vertheidigungsschrift abzuhalten, Luthers Alter und sein vielleicht nahes Ableben, drängte die zürcherischen Geistlichen um so mehr dazu die Antwort zu beschleunigen, da sie, wie oben bemerkt, besorgen mußten, man würde ihnen Furchtsamkeit vorwerfen, wenn sie erst nach Luthers Tode seine Anschuldigungen ablehnen würden; zudem hatten sie ja selbst das Gehässige der Angriffe gegen ihre theuern Verstorbenen wiederholt empfunden.

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70. Das Zürcher Bekenntniß, März 1545.

Bullingern wurde die Abfassung der Vertheidigungsschrift übertragen. Sie erschien im März 1545 in deutscher und lateinischer Sprache, „allen Liebhabern göttlicher Wahrheit und christlicher Unschuld in der allgemeinen (katholischen) christlichen Kirche“ zugeeignet, unter dem Titel: „Wahrhaftes (orthodoxes) Bekenntniß der Diener der Kirche zu Zürich, was sie aus Gottes Wort mit der heiligen, allgemeinen, christlichen Kirche glauben und lehren, insbesondere aber von dem Abendmal unseres Herrn Jesu Christi, mit gebührlicher Antwort auf das unbegründete, ärgerliche Schmähen D. Martin Luthers, besonders in seinem letzten Büchlein, kurzes Bekenntniß von dem heil. Sakrament benannt.“

Wie sehr es den Zürchern widerstrebte mit Luthern auf den Kampfplatz zu treten, erklären sie gleich im Eingang: „Wir selbst tragen schweren Kummer und großen Verdruß über das Kämpfen in der Kirche, namentlich über den Streit und die Zwietracht, die sich bei des Herrn Nachtmal zugetragen und nun eine lange Zeit angehalten hat. Jst doch das Abendmal Christi von dem Herrn selbst unmittelbar vor seinem letzten Hingang als ein herrliches, großes Geheimniß, als das ehrwürdige Sakrament seines wahren Leibes und Blutes und unserer Erlösung durch seinen Tod, und als das heiligste Band christlicher Liebe und Eintracht eingesetzt worden. Deshalb haben wir auch lange Zeit, obgleich oft aufgereizt, geschwiegen und viel und allerlei erlitten, guter Hoffnung, die Zwietracht und der Span, der Unwille und Unrath würde sich selbst mit der Zeit und in der Geduld friedlich abessen und verzehren. Da nun aber diese unsere Hoffnung je länger je mehr fällt, und unser Dulden und Schweigen nicht mehr bringt, als daß wir und mit uns viele rechtgläubige Kirchen, unser Amt sammt vielen biederen Leuten, Todten und Lebenden öffentlich ohne Noth und muthwillig gehöhnt, aufs Aeußerste geschmäht, verdammt, verlästert, angeschwärzt, und als die ärgsten Ketzer auf Erden, als Verächter, Lästerer und Schänder Gottes, der Sakramente und alles Heiligen verschrieen werden, so will uns Ehren, Amts, Pflichten, Anstands, Treu und Glaubens halben fürderhin nicht gebühren, weiter zu schweigen und den ärgerlichen, bösen Muthwill zu dulden, es wäre denn, daß wir untreulich, faul und unredlich handeln wollten an der göttlichen Wahrheit, an unseren Kirchen, denen wir dienen, ja auch an unserem Amt und Glauben, dazu an frommen, wohlverdienten Ehrenleuten, Todten und Lebenden. Wir bitten deshalb alle frommen Christen und Liebhaber der Wahrheit, der Unschuld und des Friedens, sie wollen dies unser Schreiben achten, wie es wahrlich an sich selbst ist, als eine abgedrungene, unvermeidliche Nothwehr und nicht als muthwilligen Hochmuth, als unveranlaßten Frevel oder neidische, ungeberdige Zanksucht, die wohl hätte mögen unterlassen und vermieden bleiben. ... Luthers Büchlein ist

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so voller Teufel und unchristlicher, ausgesuchter Schmähworte, Unzüchten, wüsten, unreinen Redens, Zorns, Schalkheit, Grimmes und Wüthens, daß Alle, die es lesen und nicht gar mit ihm unsinnig geworden, sich höchlich und mit Erstaunen über das elende und unerhörte Beispiel verwundern müssen, daß ein so alter, betagter, vielgeübter und wohlgeachteter Mann sich nicht besser kann im Zaum halten, denn daß er so grob und wüst heraus falle und sich ganz und gar vor allen Vernünftigen zu nichte mache. Er hat einen großen Namen bei Vielen, überhebt und tröstet sich freilich dessen, und untersteht sich, uns damit zu erschrecken, abzufertigen und zu erdrücken. Denn weil er nun unsere Gemeinschaft gar nicht will, weder unsere Briefe, Bücher, Grüße, Segen, Schriften, Namen noch Gedächtniß in seinem Herzen (also redet er) wissen, auch weder sehen und hören, gibt er jedermann deutlich zu verstehen, was ein jeder an seinem Ort thun soll, wenn er nach D. Luthers Beispiel recht thun will, nämlich uns als die schädlichsten Leute meiden, unsere Bücher, unsere Schriften nicht annehmen, unsere Verantwortung und Unschuld nicht anhören, sondern uns kurz und glatt für verdammte und verrufene Leute halten usw. Was ihn nun hiezu treibe, ob vielleicht unruhige Leute ihn aufhetzen oder der böse Feind alles Friedens, oder ob sein eigen Herz ihn reize und dränge, stellen wir ihm anheim und dem, der die Herzen kennt. Der weiß, daß wir keinen bösen Neid noch Haß gegen Luther in uns tragen. So ist uns auch in Treuen leid, daß mit Erneuerung dieses Spans viel gutherzige Leute bekümmert und übel beschwert, auch viele schwache, einfältige Menschen verärgert und durch das Zanken über Sachen des Glaubens etwas gehemmt werden. Die der wahren Religion Mißgünstigen dagegen freuen sich des Spans und überheben sich deshalb, breiten die Schmachreden aus und meinen damit sich und ihre Sache beschönigen und zieren zu können. Aber wir hoffen, das Aergerniß dieser Sache und andere Punkte halben solle und werde einiger Maßen durch unser Bekenntniß und unsere glimpfliche Verantwortung gemildert werden. Die arme, betrübte Christenheit ist in diesen letzten Zeiten ohnehin voll Leidens und Aergernisses, voller Verfolgungen und Gefahren, voller Empörungen und Kriege, ja ganz und gar zum Verderben gewandt. Wenig Treue, Glauben, Liebe und Zucht ist bei gar vielen Menschen. Eine große Zahl verachtet nicht allein, sondern haßt und verfolgt das göttliche Wort, alle Ermahnung, Lehre und Strafe. Darum sehen wir denn das schwere Gericht Gottes über der ganzen Christenheit, so daß es Christenleuten, besonders christlichen Lehrern besser anstände einander die Hand zu bieten und einander Trost und Hülfe zu erzeigen, damit Gottes Zorn abgewandt, christliche Liebe, Zucht und Einigkeit gepflanzt und allgemeines Wohlergehen möchte gemehrt und erhalten werden[47]. Solches stände wahrlich vor Gott und allen

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Christenleuten besser, denn daß man einander muthwillig schändet, verdammt und dem Teufel übergibt. Da nun aber Einigkeit und Freundlichkeit D. Luthern nicht gefiel, sondern er lieber feindselig hat handeln wollen, wie leider am Tage liegt, so wollen wir uns in diesem unserm hier folgenden Bekenntnisse und unserer Antwort mit Vertrauen auf den gnädigen Gott und unter Anrufung unsers lieben Herren und Erlösers Jesu Christi befleißen aller Bescheidenheit und dessen, daß wir die Wahrheit nach unserm besten Vermögen frei bekennen und treulich beschirmen, damit die heiligen Kirchen, denen wir dienen, entschuldigt, unser Amt, unsere Ehre, unsere Würde und Unschuld gerettet und fromme, treue Ehrenleute, Todte und Lebende vor Unbill geschirmt, auch der grausamen Schmähungen entledigt, vorab aber Gott geehret und die Kirche gebessert werde. Dazu helfe uns der Geist unsers lieben Herrn Jesu Christi!“

Das Ganze zerfällt nun in drei Theile. Der erste erzählt den geschichtlichen Fortgang der Verhältnisse zwischen Luther und den Schweizern von dem Marburger Vertrag an, 1529, bis auf Luthers letzte Schrift von 1544, und zeigt, wer den Marburger Vertrag gehalten habe, wie nicht Zwingli, sondern Luther ihn mehrfach verletzt und endlich gebrochen habe, während Zwingli und die Seinigen stets redlich bemüht gewesen, ihn aufrecht zu halten. Ferner wird gezeigt, wie Luthers Verketzerung Zwingli's wegen dessen, was er in der „Auslegung des Glaubens an Franz. I.“ (1531) über das Seligwerden einzelner Heiden geäußert, auf Mißverstand oder Verdrehung, jedenfalls auf gänzlicher Verkennung seines Sinnes beruhe, wie die Schrift nicht alle Heiden außerhalb Jsraels verdamme, wie daher Zwingli jenes ausgesprochen ohne anders nicht um über die Seligkeit oder Unseligkeit der einzelnen Persönlichkeiten abzusprechen, wohl aber um anzudeuten, es dürfte auch unter den Heiden Solche geben, die, nachdem sie gläubigen Sinnes nach dem Höheren strebten, dort der Vollendung möchten theilhaft werden, nicht ohne Christus und nicht ohne Glauben, auch nicht aus eigenem Willen oder Verdienste, sondern durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Schlagend wird nachgewiesen, wie Luther selbst diesen Gedanken gehegt und ausgesprochen habe schon früher (1528) sowohl, als auch wiederum in seinen 1544 erschienenen Auslegungen zum ersten Buch Mose, nur daß er etwas unklarer von „zufälliger“ Barmherzigkeit Gottes spreche. Da er nun um deswillen nicht dafür halte, daß er zum Ketzer oder offenbaren Heiden geworden, so hätte er nicht nöthig gehabt sich so über Zwingli zu ereifern, sondern umsichtiger, bescheidener und freundlicher handeln dürfen. Ueberdies wird einläßlich dargethan, wie trefflich Zwingli gerade in dieser Schrift den hohen Werth der Sakramente darlege; bei Erwähnung der schweizerischen Confession (vom Februar

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1536) und deren näherer Erläuterung (vom November 1536), werden hier die Stellen, die das Abendmal betreffen, wörtlich angeführt. Dabei wird auch betont: hätte Luther die schweizerische Lehre für verdammlich oder ketzerisch gehalten, so hätte er damals ihnen das mitteilen sollen, da er die bestimmte Veranlassung und Aufforderung dazu hatte; statt dessen vernahmen sie damals durch die Straßburger, er habe an ihrer Confession kein Mißfallen gehabt.

Der zweite Theil, der umfangreichste und für die Jetztzeit wohl der wichtigste, enthält den ausführlichen Beweis, daß die nach Gottes Wort reformirte Kirche der Schweiz nicht zwinglisch, nicht ökolampadisch, noch viel weniger lutherisch zu nennen sei, sondern allein auf Christum sich gründe, daß sie gemäß der heiligen biblischen Schrift („in der wir nichts Strohernes finden“) eben das glaube, lehre und bekenne, was die heilige, allgemeine, rechtgläubige christliche Kirche von Alters her geglaubt, gelehrt und bekannt habe, daß sie mit dieser in völliger Uebereinstimmung sich befinde gemäß den altchristlichen Fundamental-Bekenntnissen; daß sie, während Luther ihr Schuld gebe, daß sie keinen Artikel des Glaubens recht glaube und damit so jäh über sie herfalle, Gott in sein Urtheil greife und die Herzen richte, mit keiner Ketzerei Theil oder Gemeinschaft habe, jeder Ketzerei, auch der nestorianischen, gänzlich fremd und feind sei, daß sie namentlich auch in der Lehre vom heiligen Abendmal der Schrift gemäß, aus der sie sich allezeit gern belehren lasse, glaube und lehre, und darin auch mit den namhaftesten Vätern der Kirche im Einklang stehe, was von Luthers Auffassung des Abendmals, die freilich gar kein Glaubensartikel der Kirche sei, nicht gelte. Jnsbesondere wird betont, daß diese hochheilige Handlung so von Christus eingesetzt sei, daß sie wohl zur Stärkung und Belebung des Glaubens diene, aber nicht ohne Glauben Frucht schaffe, daß gerade die reformirte Kirche bei dem rechten, einfachen Sinne der Einsetzungsworte Christi verbleibe, während Luther mit seiner künstlichen (scholastischen) Lehre von unräumlicher, aber doch leidlicher Gegenwart des Leibes Christi im Brote wohl zusehen möge, ob er nicht einer verworfenen Jrrlehre, der des Eutyches verfalle[48]. Der Jrrthum, als ob

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Luther mit der römischen Kirche darin gleichförmig sei, wird hier ebenfalls ausdrücklich und einläßlich zu nichte gemacht, das Mangelhafte und Ungenügende der lutherischen Abendmalslehre unverholen aufgedeckt, auch wird betreffend Luthers Wort, man dürfe da die Vernunft nicht fragen, gezeigt, wie er es übel anwende, während eben die reformirte Lehre sich demselben gemäß durchaus an die Schrift und den Glauben halte.

Jm dritten Theile endlich wird nachgewiesen, daß Luther nicht von ferne eine rechtmäßige Ursache habe sich zu brüsten, als habe er je, geschweige denn mehrmals, die Reformirten einer Ketzerei überwiesen, während ihre Gründe, die sie seiner Meinung entgegen gestellt, unwiderlegt seien, namentlich die Berufung auf die Himmelfahrt Christi und sein Sitzen zur Rechten Gottes im Zusammenhang mit ihrer Behauptung, daß das Abendmal, das Christus mit seinen Jüngern hielt, der Schrift zufolge ein wahrhaftes Abendmal war.

Einen wohlthuenden Eindruck macht noch der Schluß, worin die Zürcher ganz in Uebereinstimmung mit dem Eingang bezeugen, daß es ihnen durchaus nicht darum zu thun sei, Luthers ärgerliche Schimpf- und Spitzworte zu erwiedern, wiewohl sie seine Schmähungen nicht unberücksichtigt lassen konnten. „Hätten wir aber auch, fügen sie bei, etwa zu viel daran gethan, so bitten wir den Herrn um Verzeihung und die Gläubigen Geduld mit uns zu haben, in Betracht, daß wir viel lieber auch dies unterlassen hätten, wofern wir mit Fug hätten schweigen dürfen.“ Sie glauben aber, daß durch ihre gebührliche züchtige Verantwortung das von Luther gegebene Aergerniß etwas gemindert und bei Vielen beinahe ganz gehoben werde. Nochmals versichern sie nur aus Nothwehr, nicht aus Leidenschaft oder Rachsucht geschrieben zu haben. Sie wollen nicht den ganzen Luther verwerfen. „Und wie wir auch, sagen sie, seine Worte und Gründe aufgefaßt und widerlegt haben, so tragen und behalten wir doch gar kein Uebelwollen, keinen Haß oder Unwillen gegen Luthers Person, gönnen ihm alles Gute und bitten den Herrn für ihn, daß er ihm Demuth und den Geist sich selbst zu erkennen verleihe. Beharrt er aber auf seinem Sinne, so befehlen wir's Gott und seiner gläubigen Kirche.“ Wolle er dieses Bekenntniß lesen, und alsdann sie freundlich und mit der Schrift gründlicher als bisher belehren, so wollen sie's mit Dankbarkeit willig von ihm annehmen und der göttlichen Wahrheit allezeit Raum geben und ihr folgen.

„Uebrigens wissen wir wohl, setzen sie hinzu, daß - darum weil Luther uns jetzt verdammt - doch nicht grade alle evangelischen Kirchen und Gläubigen uns und unsere Kirchen verdammen. Gibt es gleich etliche feindselig Gesinnte, so gibt es doch viel mehr friedliebende, die

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einander wohl verstehen und mit einander wohl zufrieden und eins sind. Und hie erklären und bezeugen wir hell und ausdrücklich, daß wir uns überall von niemanden trennen oder scheiden. Denn wir sind mit allen denen wohl zufrieden, ja alle die erkennen wir für unsere lieben Brüder, die in der Substanz, im Wesen und in den Hauptpunkten unseres Bekenntnisses mit uns eins sind.“ „Handelt es sich um Worte und etliche Redeformen, wobei das Wesen und Fundament der Lehre unversehrt bleibt, so wollen wir uns deshalb mit niemanden zerschlagen oder überwerfen. Auch bei den alten Vätern der Kirche wurden immer andere und andere Formen der Rede gebraucht, doch von den rechten Hauptpunkten der Lehre nicht gewichen.“ „Wir hoffen auch zu Gott und zu der Liebe und Bescheidenheit aller Evangelischen, sie werden sich durch Luthers Schreiben wider uns nicht verbittern lassen, sondern in diesem unserm Bekenntnisse mit uns eins und zufrieden sein und bleiben, auf daß auch Gott mit uns eins sei und wir mit ihm.“

Jm Blick auf die immer ernster sich gestaltenden Zeitverhältnisse, namentlich Deutschlands insbesondere wegen der drohenderen Haltung des Kaisers und Papstes und des Friedens mit Frankreich wird beigefügt: „Es ist zur Zeit der römischen Kaiser Maximian und Diocletian der Kirche nicht wohl bekommen, daß sie in Zwietracht wider sich selbst stritt, und die Diener der Kirche feindlich, unbrüderlich wider einander kämpften. Denn der Herr kam mit seinem Gerichte über sie und gab die Diener und die Kirche in die Hände der Ungläubigen und Verfolger. Wie? wenn der Herr auch zu dieser Zeit mit seinem Gerichte über seine Kirche käme und säuberte sie mit dem Schwerte der Verfolgung und bewährte sie mit dem Feuer der Trübsal? Oder sehen wir noch nicht, wie der Herr dem assyrischen und babylonischen Tyrannen viel Glückfall und Gewalt läßt? Unsere Uneinigkeit, Unbußfertigkeit und Untreue ist seine größte Stärke. Unsere größte Kraft, Glück und Heil wider alle unsere Feinde wäre rechte Einigkeit, Treue, Liebe und Besserung des sündigen Lebens, Einigkeit in Gott, die Gott selbst über Alles liebt.“

71. Erfolg der zürcherischen Vertheidigungsschrift.

Der Ton der zürcherischen Antwort ist ruhig und würdig, dem Luthers sehr unähnlich; wenn auch Luthers Anschuldigungen und Unrichtigkeiten klar und scharf widerlegt werden[49]. Um Fortbildung oder Vertiefung der Lehre vom Abendmal war es hier nicht zu thun, auch nicht darum,, Zwingli's Lehre darüber für die einzig zulässige und in jeder Hinsicht vollendete

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Darstellung auszugeben. Wohl aber kam es darauf an, zu zeigen, daß Zwingli's Lehre auch in ihrer ursprünglichen und einfachen Fassung auf dem richtigen und ewig gültigen Grunde der Heilswahrheit beruhe, daß sie schriftgemäß und ächt christlich sei. Und dieser Nachweis war her völlig geleistet. Jm Ferneren aber ist namentlich auch von Bedeutung, daß hier die reformirte Kirche ungesucht die schönste Gelegenheit fand, vor aller Welt ihren ächt christlichen (katholischen) und rechtgläubigen Charakter öffentlich darzulegen. Bullinger erkannte das Providentielle, was eben deßhalb in dieser bittern, schweren Unbill und deren Abwehr lag, und wir dürfen in letzterer wohl eine zweite Frucht erkennen, die Gottes Güte wider den Willen derer, die zum Angriff getrieben hatten, der reformirten Kirche aus dieser schmerzlichen Erfahrung zu Theil werden ließ, und nicht nur ihr, sondern mit ihr der gesammten evangelischen Kirche. Daß daraus dann weiterhin die Anregung hervor ging zu näherem Zusammenschluß der reformirten Kirchen unter sich selbst, werden wir später zu betrachten haben und dürften darin eine dritte Segensfrucht erkennen, die ebenfalls noch in Zusammenhang stand mit dieser an sich so traurigen Verkennung.

Ein Zeichen seltener Unbefangenheit ist es, daß die Zürcher am Ende ihrer Antwort Luthers Schrift wörtlich abdrucken ließen, damit jedermann beide Schriften vergleichen könne, „ungeachtet, wie Ludwig Lavater sagt, Luther und sein Anhang allenthalben ernstlich anhielten, daß man allein ihre Schriften, nicht aber die Erwiederungen der Gegenpartei feilbieten, verkaufen und lesen ließe“[50].

Am 12. März 1545 sandten die Zürcher dieses ihr „wahrhaftes Bekenntniß“ an Landgraf Philipp von Hessen, Herzog Ulrich von Württemberg, Pfalzgraf Otto Heinrich, an den Rath zu Frankfurt am Main mit der höflichen, aber angelegentlichen Bitte, weder diese nothgedrungene Vertheidigung, noch andere zürcherische Schriften in ihren Ländern und Herrschaften verbieten und unterdrücken zu lassen; dasselbe Ansuchen erging an Albert Hardenberg, der kürzlich Bullinger besucht und sich mit ihm befreundet hatte, mit Rücksicht auf seine einflußreiche Stellung bei dem zur Reformation übergetretenen Erzbischof von Köln. „Wir sind nicht so anmaßend, bemerkt Bullinger im Schreiben an Hardenberg, daß wir all das Unsere vermöge besonderer Autorität irgend jemanden als göttlihes Orakel aufdringen möchten.“ Nach Bern wurde die Schrift sowohl dem Rathe als der Geistlichkeit überschickt. Ebenso sandte sie Bullinger an Butzer, den man absichtlich in dem Bekenntniß nur kurz und aufs schonendste erwähnt hatte, an A. Blaarer, Myconius usw. An Marcus Crödel, Schulmeister (Gymnasiallehrer)

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zu Torgau, der (gleichsam als Luthers Cartelträger) Luthers Schrift Bullingern überschickt hatte, mit der Zumuthung an die Zürcher, ihre Ansicht vom Abendmal aufzugeben, schrieb Bullinger einläßlich, er thue es nicht. „Denn ich weiß, sagt er, an wen ich geglaubt habe und fühle in meinem Gemüthe die Kraft dessen, an den ich geglaubt habe... Jch bin bereit, öffentlich, ausdrücklich und unumwunden zu widerrufen, wenn mir ein treuer Bruder begegnet, der mit festen Schriftgründen mich des Jrrthums überführt. Hinwieder gestehe ich, daß allein die kanonischen Schriften, vom heiligen Geiste eingegeben, die einzige und absolute Richtschnur der Glaubenswahrheit und der rechten Lebensführung sind, die weder selbst irrt, noch jemanden irre führt. Du sagst: „Die Leser tadeln nichts in deinen Schriften als einzig jene irrige Lehre vom Abendmal, die du vor ungefähr achtzehn Jahren, noch als ganz junger Mensch und, wie man sagt, durchaus nicht auf hohen Schulen gebildet, von Zwingli überkommen hast usw.“ „Hoher Schulen und Gnade und dergl., erwiedert Bullinger, will ich mich nicht rühmen, lieber der wahren Erkenntniß Christi und des orthodoxen Glaubens;“ weist ihm sodann durch einläßliche Darlegungen seines ganzen Bildungs- und Lebensganges die Grundlosigkeit jenes Geredes und die Selbständigkeit seiner Entwicklung nach, und schließt mit dem freudigen Ausspruche: „Wir schämen uns unseres Bekenntnisses nicht. Der Papst kämpft wider uns; die Wiedertäufer und andere Sektirer kämpfen wider uns; Luther kämpft wider uns. Wir widerstehen aber, gegründet auf Gottes Wort. Die Wahrheit wird siegen; Christus ist, der da regiert und regieren wird in alle Ewigkeit, ihm sei Preis!“

Begierig wurde die Vertheidigungsschrit der Zürcher gelesen; der Buchhändler Froschauer setzte sofort auf der Frankfurter Frühlingsmesse (1545) alle Exemplare ab. Die Beurtheilung war aber, wie leicht zu erwarten, eine sehr verschiedene. „Gott gab Gnade, erzählt Bullinger in seiner Reformationsgeschichte, daß unsäglich viel Leute, die zuvor Luthern anhingen, ein großes Mißfallen an seiner Unbescheidenheit bekamen und richtiger vom Abendmal und von der Zürcher Kirche hielten.“ Butzer dagegen, der bekanntlich schon seit 1538 und namentlich wegen der bernischen Verhältnisse in Spannung mit den Zürchern lebte, sprach sich in manchen Briefen mißvergnügt über die zürcherische Vertheidigungsschrift aus. Die Sprache der Zürcher war ihm zu frank; er legte ihnen sogar zur Last, sie verwerfen die schweizerische Confession (von 1536). Er wirkte auch auf Calvin. Dieser, der indeß Luthers maßloses Schriftchen nicht selbst gelesen, äußert sich in einem Briefe an Melanchthon über die zürcherische Entgegnung sehr unbefriedigt, spricht aber eben so offen sein Mißfallen aus über Luthers und seiner schroffen Parteigänger tobende Schmähsucht und Anmaßung; er bekennt, daß er bei aller Hochachtung sich für ihn schäme. Melanchthon in einem Briefe an Frecht bedauert, daß die Zürcher nicht gemäßigter geschrieben hätten.

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Von Bern, das seit Butzers Einwirkung (1537) sich in mancherlei Zerwürfnissen befunden, kam schnell ein äußerst freundliches Dankschreiben, das gänzliche Zustimmung aussprach und die demnächst erfolgende Herstellung völligen Einverständnisses ankündigte.

Die Herausgabe dieser Schrift gab überhaupt Anlaß zu weiteren Verbindungen. Aus verschiedenen Ländern, namentlich aus Frankreich, aus den Niederlanden, aus Friesland erhielt Bullinger alsbald Besuche von Seiten solcher Männer, die bei ihm weitere Belehrung suchten. Von Köln fand sich D. Gerhard von Wüsterburg ein, von Augsburg der Stadtschreiber Georg Fröhlich (Lätus). Namentlich die Sakramente waren der Gegenstand ihrer einläßlichen Unterredungen mit Bullinger. Dadurch veranlaßt entwickelte dieser seine Lehre hierüber näher in seinem Buche „von den Sakramenten“, das er noch in eben diesem Jahre vollendete, und hernach handschriftlich nach Genf an Calvin, dann nach Emden an den ihm befreundeten polnischen Edelmann Johann Laski zur Beurtheilung übersandte [51]. Dies war der Schritt, der, wie wir später sehen werden, die nähere Verbindung Calvins mit Bullinger herbei führte.

72. Bullinger bei Luthers Tode. Rechtfertigung der Zürcher.

Sahen wir Bullinger wider Willen in herbem Kampfe mit Luther, doch so, daß jener wohl entschieden Verdammung ablehnen, nicht aber hinwieder Luthers Jnnerstes richten, noch die persönliche Achtung ihm versagen will, so ist es erquickend eben dieses bei Luthers Tode und nach demselben von Seiten Bullingers bestätigt zu finden auch in seinen vertrautesten Briefen. Jn einem solchen schreibt er bei der ersten noch unsicheren Kunde von dem am 18. Februar 1546 erfolgten Hinschiede Luthers: „Jst Luther gestorben, so wünsche ich, daß er glücklich gestorben sei; denn es ist an ihm Vieles, was je die Besten mit Recht bewundern und loben. Selbst die großen M“nner der Kirche in der alten Zeit hatten ihre Fehler und ebenso Luther, nach göttlicher Vorsehung, damit man auch ihn nicht zum Gotte mache.“

Ebenso äußert er sich in dem Schreiben an Melanchthon vom 1. April 1546, aus dem wir überhaupt Bullingers Bemühungen erkennen die Wunden der Kirche möglichst zu heilen. Da man nämlich auf Melanchthon nunmehr alle Hoffnung baute betreffend die Aufrechterhaltung des Evangeliums und des kirchlichen Friedens, so wurde Bullinger von einigen Freunden, denen am Frieden zwischen den beiden Zweigen der evangelischen Kirche Alles liegen mußte, namentlich auch von dem Bürgermeister von Augsburg, Jacob

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Herbrot, dringend aufgefordert, mit Melanchthon wieder in Verbindung zu treten, und entsprach sofort. Er gibt Letzterem den Grund seines längeren Stillschweigens an; nur um Luther nicht zu erzürnen, habe er seit einiger Zeit nicht an ihn geschrieben. Er anerbietet ihm von Seiten der Zürcher Eintracht, Liebe und Freundschaft, und übersendet ihm einige von Zürchern neulich bearbeitete Uebersetzungen von Kirchenvätern. „Daß D. Luther, fährt er fort, dieser gelehrte und um die Kirche so hochverdiente Mann, in seine Ruhe eingegangen, freut mich herzlich, nicht etwa um des Streites willen, den wir mit ihm auszufechten hatten, - Gott weiß es! - sondern darum, weil er seinen Lauf glücklich vollendet hat, so großer Leiden enthoben, und den schweren kommenden Wirren entronnen ist. Nun darf er mit unserem Herrn, dem er dienete, sich freuen in Herrlichkeit. Es geht mir indeß sehr nahe, daß wir diesen Mann verloren haben, dessen Rath und Hülfe in den uns gemeinsamen Religionsangelegenheiten uns so förderlich sein könnte. Hatte er auch nach der Schwachheit des menschlichen Fleisches seine Fehler, so war ihm ein ausgezeichnetes Maß ausharrender Standhaftigkeit beschieden. Tapfer und beharrlich hielt er an der rein evangelischen Lehre fest gegenüber den Papisten, denen er nichts Preis geben wollte durch diese oder jene Vermittlungen und Verkommnisse. Mit dem ihm eigenen Scharfblicke erkannte er eben, daß solche Gegner durchaus unehrlich, ja arglistig zu Werke gehen, daß daher von ihnen wenig oder nichts mehr zu hoffen sei; er sah sie für solche an, von denen Paulus sagt: „Sie sind Menschen von verdorbenem Gemüth, verwerflich im Glauben, wende dich von ihnen.“

Auf dich setzen wir aber die Hoffnung, auch du werdest nach der dir von Gott verliehenen Gnade eben so standhaft und stark im Geiste die reine und einfache Lehre des Evangeliums gegen alle Verderber in Schutz nehmen. Sollten wir dir irgend dazu Hülfe und Beistand leisten können, so darfst du versichert sein, daß wir uns selbst und Alles, was in unsern Kräften steht, für dich und alle Gläubigen darzubieten bereit sind. Du wirst doch wohl nicht, lieber Philippus! mit uns als mit Unreinen keine Gemeinschaft haben wollen?“ „Wir anerkennen, sagt er weiterhin nach näherer Bezeichnung der reformirten Lehre, im heiligen Abendmale das Symbol der Eintracht und Zusammengehörigkeit, ja das christliche Einheits- und Friedensband; und deshalb betrübt es uns so sehr, daß gerade dies vom Satan und von einer gewissen Partei streitsüchtiger Menschen zum Gegenstand arger Fehden und Entzweiungen herab gewürdigt wird. Von ganzer Seele wünschen wir uns mit allen denen, welche Christum in der Wahrheit anbeten und verehren, fest zu verbinden zum gemeinsamen Kampfe und mit vereinten Kräften für die Kirche Christi die heiligen Kriege des Herrn zu führen gegen die Widerchristen. Mit brüderlichem Gruße thun wir dir dies kund, als dem Hauptanführer der Heeresmacht des Herrn, und wir beschwören dich bei Christo, unserm Könige, und bei unserer Bruderliebe, richte auf diesen Einen Zielpunkt

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all dein Sinnen und Denken, daß wir Alle, die wir Christum angenommen und dem Antichrist entgegen sind, mit Beilegung alles Grolles und aller innern Fehden einmüthig werden und seien in Christo, unserm Herzoge, und ihm allein als seine Streiter dienen!“ Schließlich grüßt Bullinger auch von Seiten der übrigen Zürcher Melanchthon und seine Mitarbeiter.

Wie friedfertig aber auch Melanchthon gesinnt war und wie gerne er auch späterhin die Verbindung mit Bullinger unterhielt, er selbst sah sich von der schroffen Partei aufs härteste angefeindet und bedrängt.

Von verschiedenen Seiten streute man nach Luthers Hinschied über die Zürcher arge Gerüchte aus, als ob sie des hingeschiedenen Luther spotten, ihn als einen Abgöttischen verlästern und sich brüsten, wie wenn er aus Verdruß darüber, daß er ihre Vertheidigungsschrit nicht zu widerlegen vermocht, gestorben sei. Eben so wurde ihnen auch (namentlich, wie wir wissen, von Seiten Butzers) zur Last gelegt, die schweizerische Confession, die sie seiner Zeit (1536) Luthern übersandt, sei ihnen so zuwider, daß sie mit niemanden, der sich daran halte, Gemeinschaft haben wollen.

Der Landgraf Philipp von Hessen setzte sie in den Stand auf diese ungegründeten Anschuldigungen zu antworten, indem er Bullingern sehr freundschaftlich und offenherzig davon Kenntniß gab durch einen von seinem Hofprediger Johann Lenyng verfaßten Brief vom 5. Juni 1546. Bullinger übergab das Schreiben des Landgrafen dem Rathe in Zürich sowie der Geistlichkeit und erhielt sofort den Auftrag, es Namens der zürcherischen Geistlichen zu beantworten und dem Landgrafen den wahren Sachverhalt mitzutheilen. Er schrieb ihm am 28. Juni: „Daß wir je D. Luthern, seligen Andenkens, auf den Kanzeln oder in den Vorlesungen oder anderswo öffentlich in der Kirche, deren Diener wir sind, als einen Abgöttischen dargestellt oder dafür ausgegeben, ist Euer Fürstlichen Gnaden unbillig vorgegeben worden. Denn wir haben Solches vormals nie gethan und thun es auch jetzt nicht. Wie wir auch je mit Luther in Zwist waren, der uns Abgöttische, Unchristen, verteufelte, versteckte Leute, Schwärmer, Ketzer, Sakramentschänder und ärger denn Türken und Juden schalt, so haben wir doch weder seinen Namen noch den der Seinigen je mit Unehre oder Schmach auf den Kanzeln angeführt, sondern die christliche Lehre zur Besserung des Volkes ohne Zank und in Einfalt verkündigt, dabei auch angezeigt, daß, was dieser unserer aus Gottes Wort geschöpften Lehre nicht ähnlich oder gleichförmig, irrig und nicht anzunehmen sei, wer auch dergleichen einführen und schirmen möge; denn Gottes Wort bleibe in Ewigkeit[52]. Dafür dürfen wir uns offen und frei auf das Zeugniß, der ganzen Kirche der wir dienen, berufen. Das wird

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aber E. F. G., so Sie Nachfrag hielte, gründlich erfahren, daß wir öffentlich von Vielen in Sachsen und Hessen arg geschmäht werden, statt daß wir es gegen D. Luther thäten. Denn dortige Prediger richten den mehreren Theil ihrer Predigten vor dem Volke wider die zwinglischen Schwärmer, Götzenstürmer, Sakramentschänder, Rottengeister und Gotteslästerer. Hr. Theobald Thamer zu Marburg in E. F. G. Stadt hat insgemein im Brauch, daß er in seinen öffentlichen Vorlesungen mit ausdrücklicher Anführung unsers Namens an uns und den Unsrigen nicht viel Gutes läßt, unverdient und unverschuldet von unserer Seite. Darum gelangt an E. F. G. unsere demüthige Bitte, solche Unbill so viel möglich gnädigst abzustellen, da wir ja auch niemand verunglimpfen und überdies erbötig sind, so wir etwas schreiben oder thun würden, das jemanden Unrecht dünkte, wenn wir aus Gottes Wort des Bessern belehrt würden, dem zu folgen.

Eben so wenig haben wir von D. Luther vorgegeben, er sei elend und vor Leid darüber, daß er auf unser Bekenntniß nicht habe antworten können, gestorben. Wir bedauern unserseits von Herzen, daß man E. F. G. mit solchen unbegründeten Reden uns zu Nachtheil und Ungnad beunruhigt. Wir hatten allezeit ein großes Mißfallen an dem Schmähen und Schänden verstorbener Männer, auch wenn sie nicht besondere Verdienste haben. So sind wir gar weit davon entfernt, daß wir D. Luthern, der dem Herrn Christo und seiner Kirche nicht wenig oder untreu gedient hat, üble Nachrede aufladen wollten. Denn ausgenommen und vorbehalten des Herrn Abendmal, die Bilder und daß er etwa unsauber (was wir ihm doch auch nicht so hoch anschreiben) geschrieben hat, geben wir ihm seine gebührliche Ehre, würden auch nicht gestatten, so weit es in unserer Macht stände, daß er von Andern geschmähet würde. Und da er nun vom Herrn abgerufen ist, lassen wir die streitigen Punkte gerne ruhen; es sei denn, daß wir von Andern angefallen und getrieben werden zu sagen, was uns widerfahren und zu dem Kampfe und unserer letzten Schrift gedrungen hat. Doch gebrauchen wir auch dann gleichwohl gebührende Bescheidenheit, guter Hoffnung, um alles dessen willen ein gutes Zeugniß zu erlangen bei allen Ehrbaren.

Ferner verfährt man gegen uns auch darin gar übel, daß man E. F. G. vorgibt, die, welche sich an die zu Basel (1536) aufgestellt und D. Luthern übersandte (schweizerische) Confession gern halten wollten, werden bei uns nicht geduldet. Denn bis zur Stunde ist niemand je von unserer hohen Obrigkeit deshalb verwiesen oder vertrieben worden. Es bedurfte auch nach Gottes Gnade unter uns dessen gar nicht, da die Obrigkeit, die Diener der Kirche und die ganze Gemeinde in Ansehung des heiligen Abendmales Eines Sinnes, ganz einig und mit einander zufrieden sind. Wir hätten uns hier weit billiger zu beklagen, daß die zu unserer Confession sich halten und der Lehre, wie wir sie haben, anhangen, nicht allenthalben, wo D. Luthers Bücher gelten, Platz und Sicherheit finden, ja nicht geduldet werden. Wir bitten

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E. F. G. dies gnädig zu bedenken. Somit entschlagen wir uns der in Basel aufgestellten und D. Luthern übersandten Confession gar nicht, sofern man nämlich etwelche Worte darin uns nicht anders drehen und ausdeuten will, als sie von uns ihrem gesunden Sinne nach gestellt sind. Und sofern D. Luther und die Seinen uns dabei hätten bleiben lasssen, nicht zuerst uns mit Schmähschriften angefallen und dermaßen gedrängt hätten, daß wir Ehren und Pflichten halb nicht hätten schweigen können, so wäre aller Unrath vermieden worden. Es ist uns von Herzen leid, daß E. F. G. an Kaiserlicher Majestät Hofe solche Zwietracht vorgeworfen worden, woran aber wir keine Schuld tragen, die wir viel lieber Friede gehabt hätten.

Wir wollen auch nach E. F. G. Begehr uns fürderhin gebührlich und friedlich halten, so daß wir, ob Gott will, keine Ursache zu neuem Zank geben wollen; wir können aber nicht davor sein, wenn Andre mit uns anheben; dann können wir die Wahrheit und die Unsern, Todte und Lebende, nicht unvertheidigt lassen. D. Luther ist, wie bemerkt, von uns bisher nicht geschmäht worden, wie man E. F. G. vorgab, soll auch mit Unwahrheit nicht geschmäht werden. Daher bedarf es diesfalls bei uns keines Abschaffens unverdienter Schmachreden. So sind wir nicht begierig, Böses mit Bösem, Schmach mit Schmach zu vergelten, viel weniger eigenen Sieg zu suchen. Wir sind auch erbötig, willig, gern und redlich bei der christlichen Lehre, wie sie in der zu Basel (1536) aufgestellten (schweizerischen) Confession und von uns hernach in unserem letzten Bekenntniß oder Antwort an D. Luther ganz klar gemeldet ist, nicht weniger als die anderen evangelischen Städte der Schweiz zu bleiben und mit Gottes Gnade zu verharren. Denn wie E. F. G. bemerkt, bekennen wir, daß in dem heiligen Abendmal unsers Herrn Christi nicht allein Brot und Wein sei, sondern daß die Gläubigen auch den wahren Leib und das wahre Blut Christi essen und trinken, doch nicht leiblich, sondern geistlich durch den Glauben, also daß der Leib Christi zur Rechten Gottes bleibt und nicht herab kommt, wir aber nichts desto weniger mit und durch den Herrn Christum und sonst durch keine andere Speise gespeist, genährt und erhalten werden, also daß er auch in uns lebt und wir in ihm leben; wie wir in unsern Schriften vollständig erklärt und bekannt haben. Dabei hat man uns aber bisher nicht wollen bleiben lassen, schmäht uns noch als Sakramentschänder und als Solche, die nur leere Zeichen haben, ja die als Schwärmer nichts Rechtes vom Glauben lehren noch lehren können. Zudem wird von uns dürr gefordert, daß wir von dem geistlichen Genießen, als welches zu gering sei, schweigen und eine leibliche Gegenwart Christi bekennen u.s.w. Das können wir jedoch mit Gott und der Wahrheit nicht thun, noch viel weniger dafür halten, wie Luther gelehrt hat, des Herrn Brot sei sein rechter, natürlicher Leib, welchen der Gottlose oder Judas ebensowohl mündlich empfängt als St. Petrus und alle Heiligen; so lauten seine eigenen Worte.

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Wir schweigen jetzt davon, daß er und Einige der Seinigen öffentlich haben im Druck ausgehen lassen, sie halten vom Sakrament in alle Weise und Wege (ausgeschlossen die Transsubstantiation) wie die römische Kirche. Das beschwert uns billiger Maßen; wir können auch Solches nicht annehmen noch für gut geben und auch also reden oder Solches unterschreiben; und bedünkt uns gänzlich, der Zwist liege nicht bloß in Worten, sondern in der Sache selbst[53]. Offenbar gegen den in Hessen viel geltenden Butzer, sowie im Folgenden das "nicht verstehen." - "Erboten" hatten sie sich zum Friedehalten namentlich in dem Briefe an Melanchthon.

... Die Worte und die helle Wahrheit dringen uns. Unser Herz und Gemüth steht treulich zu christlicher Einigkeit und wir haben uns durchaus erboten, Alles das zu thun, was Christenleuten und getreuen Kirchendienern geziemt, nur daß man uns nicht dränge das zu reden und zuzugeben, was wir nicht verstehen und auch Andern nicht können zu verstehen geben. Wir sollen ja vor Gott in seiner Kirche Alles klar und verständlich nach seinem Worte behandeln, nicht widersprechende Dinge einführen, den Verstand der Einfältigen verwirren und mit unseren unbeständigen Redensarten Aergerniß anrichten. Wir sehen deshalb in dieser Sache nicht auf unsere eigenen Neigungen, sondern auf Gott, auf klare, verständliche Wahrheit und auf Erbauung und Erhaltung der Kirche.

Dabei erbieten wir uns aber zu aller Treue, Liebe und Einigkeit gegen Alle die, seien sie in Hessen, Sachsen oder anderen Orten, welche keinen Widerwillen gegen uns haben, mit uns den Herrn Jesum Christum unsern einigen Heiland predigen, das Heil der Menschen durch den Glauben an ihn und nicht durch andere Mittel verkündigung und sich damit dem Antichrist widersetzen. Wir bitten E. F. G. um Gottes willen, Sie wolle diese unsere Rechtfertigung in Gnaden aufnehmen, auch gegen Churfürstliche Gnaden (den Chufürsten von Sachsen) und gegen Andere, bei denen wir verklagt sind, gnädig verantworten, nicht bald glauben, so wir beschuldigt werden, und uns auch künftig gnädigst, wie diesmal, anhören.“ usw.

Bullinger legte diesem amtlichen Schreiben noch einen kurzen Privatbrief bei an den Landgrafen, worin er demselben den Gruß an den Bürgermeister Rudolf Lavater erwiedert und ihm dessen Dienstwilligkeit zusagt, indem er beifügt: „Und weil denn jetzt wider die wahre Religion große Rüstungen vorgehen und sich große Gefahren erheben, bitten wir den Allmächtigen, daß er E. F. G. Verstand, Weisheit, Stärke, Macht und gutes Glück verleihe. Die Sache ist an sich selbst recht und gut. Da verläßt Gott die Seinen nicht, ob er sie gleich in große Gefahren hinein führt. Sterben in Ehren getrost um Gottes willen ist die größte Ehre und das rechte Leben. Leben in Abgötterei, in falscher Lehre und unter der Tyrannei der abgefallenen Kirche (Pabst, Cardinal und ihren Anhang meine ich) ist die scheußlichste Knechtschaft

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und der schmählichste Tod. E. F. G. rufe zu Gott, ergebe sich an Gott und sei fest! Gott wolle E. F. G. lange und siegreich zum Besten seiner Kirche erhalten.“

Der Landgraf, der stets den Frieden liebte und suchte, aber wahrhaft „hochherzig“ einen solchen Frieden, bei welchem auch die reformirte Kirche ungekränkt und unverkümmert bestehen könne, nahm diese Schreiben günstig auf. Dies zeigen uns seine Grüße und Briefe, die er alsbald, wenige Wochen später, an Bullinger sandte - mitten aus dem Geklirre der Waffen, aus dem Heerlager. Denn schon nahten die schweren Gerichte Gottes, die Bullinger so geistesklar voraus gesehen und geweissagt hatte, dem armen, aus unzeitigem Eifer und allzu weit reichender Gründlichkeit in sich entzweiten protestantischen Deutschland.

Doch bevor wir unsere Schritte dorthin lenken, haben wir auf die übrigen Beziehungen zum Auslande einige Blicke zu werfen.

 

 

 

 

 

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Fünfter Abschnitt.
Bullingers anderweitige Beziehungen zum Auslande.

73. Die (jetzige) französische Schweiz. Bullingers Verkehr mit Calvin.

Wenden wir uns vorerst zur jetzigen französischen Schweiz. Damals nämlich gehörte diese Zürich gegenüber zum Auslande. Neuenburg und Genf waren wohl mit einigen Schweizerkantonen verbündet, ersteres vorzugsweise, letzteres (seit 1534) einzig mit dem mächtigen Bern. Zu Zürich standen diese Orte in keiner unmittelbaren politischen Beziehung[54].

Die Sache des Evangeliums aber mußte bei Bullingers lebhaftem Jnteresse für die ganze protestantische Welt alsbald die einen und anderen Berührungen herbei führen. Schon ehe Calvin an den Punkt festgebannt ward, dessen Name mit dem seinigen weltberühmt geworden, da er noch als ein französischer Flüchtling vorüber gehend in Basel weilte, machte Bullinger seine Bekanntschaft. Es war im Jahre 1536 bei Anlaß von Bullingers Verweilen in Basel zur Abfassung der ersten schweizerischen Confession. Als nun Calvin im Herbste desselben Jahres durch Farels erschütterndes Machtwort in Genf

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festgehalten und schon 1537 von dem nicht eben ehrenwerthen Caroli wegen einiger Lehrausdrücke betreffend die Dreieinigkeit heftig angefallen ward, schreibt Bullinger an Myconius: "Gar schlimm würde es gehen, wenn man jetzt jene alten, höchst gefährlichen Lehrstreitigkeiten über die Einheit der Substanz und den Unterschied der drei Personen in der heiligen Trinität von neuem erheben wollte. Besser scheint es mir, mit ganzem Gemüthe zur Anbetung dieser hocherhabenen Geheimnisse herzu zu treten und daran zu glauben einfach so, wie die Schrift davon redet, als mit gelehrten, subtilen und haarscharfen Bestimmungen darüber her fahren zu wollen. Wir wenigstens werden dafür Sorge tragen, daß bei uns über diese Sache und über jene Lehrausdrücke keine Streitigkeiten entstehen. Der Apostel Paulus heißt die Seinigen nicht Wortgezänk treiben, sondern weise sein zu Förderung des Glaubens, den Streit des Lebens aber meiden. Darauf werde ich halten. Bei der erkannten Wahrheit wollen wir bleiben ohne Gezänke; möchten wir sie nur besser befolgen." Darin drückt sich ganz seine Gesinnung aus. Da den Genfer Geistlichen an der Zustimmung der übrigen schweizerischen Kirchen sehr viel mußte gelegen sein, schrieben sie über diese Streitsache auch nach Zürich. Dies gab Anlaß zu Bullingers erstem Briefe an Calvin, 1. November 1537, worin er ihm und Farel bezeugt, wie sehr er sie schon lange liebe und schätze. Er erklärt sich ganz für sie und gegen Caroli, den er als einen elenden Verläumder bezeichnet. Bekanntlich trat Caroli späterhin zum Pabstthum zurück.

Noch näher wurde aber Bullingers Verhältniß zu Calvin bei dessen Vertreibung aus Genf zu Ostern 1538. Veranlaßt war diese zumeist dadurch, daß in Genf, dem verbündeten Bern zu lieb, die Beschlüsse der kurz zuvor gehaltenen Lausanner Synode angenommen wurden, welche Taufsteine, ungesäuertes Brot und die Feier der hohen Feste wieder einführten. Daß der Rath und die Bürgerschaft, ohne die Prediger zu befragen, dies festgesetzt hatte, schien diesen unerträglich. Zudem erklärten sie der herrschenden Sittenlosigkeit wegen das heil. Abendmal zu Ostern nicht austheilen zu können. Am 23. April beschloß die Bürgerschaft, sie hätten die Stadt Genf zu verlassen.

Gleich hernach fand in Zürich vom 29. April bis 4. Mai die oben erwähnte ansehnliche Versammlung von Abgeordneten aller reformirten Stände der Schweiz Statt, um zu berathschlagen, wie man Luthern auf sein Schreiben vom Dezember 1537 zu antworten habe. Eine solche Versammlung war ganz, was Calvin wünschte; überdies hatte er früher schon Bullingern den Wunsch ausgedrückt; "Daß ich doch nur einen Tag bei dir sein könnte!" Voll von Gedanken über die Nothwendigkeit einer Kirchenzucht fanden sich Calvin und Farel ein, schilderten die Zerrissenheit ihrer Kirche, die Zuchtlosigkeit, die Gefahr ihrer völligen Zerstörung, erklärten ihre Willigkeit in Rücksicht der äußern Gebräuche nachzugeben und legten bestimmte Artikel betreffend Einführung der Kirchenzucht vor. Die Versammlung anerkannte auf

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Bullingers Anrathen die Wichtigkeit dieser Artikel, empfahl ihnen Mäßigung, schrieb nach Genf um ihre Wiederaufnahme und legte den Bernern ans Herz, hiefür durch eine Gesandtschaft kräftig mitzuwirken. Bullinger empfahl sie aufs dringendste einem einflußreichen Freunde in Bern: "Wohl haben sie allzu großen Eifer gezeigt (was Calvin auch selbst anerkannte); es sind aber fromme und gelehrte Männer, denen man wohl etwas zu gute halten darf." Bern that Alles für sie was möglich war; mit der bernischen Gesandtschaft reisten sie bis in die Nähe Genfs. Allein die lutherisch Gesinnten unter den Berner Geistlichen, namentlich der hitzige Kunz, dessen Betragen schon in Bern überaus kränkend für sie war, wirkten arglistig ihrer eigenen Regierung entgegen, so daß die Genfer in heftiger Aufregung ihren vertriebenen Predigern die Rückkehr verweigerten. Bald darauf fand Calvin in Straßburg, Farel in Neuenburg einen neuen Wirkungskreis.

Mit Beiden kam Bullinger aufs neue in Berührung.

Calvin nämlich hatte Butzers Verfahren in Bern Megandern gegenüber (1537) und sein ganzes Verhalten im Concordienwerke keineswegs gebilligt, vielmehr in einem sehr freimüthigen Briefe ihm Gewaltsamkeit gegen Megander und dessen zahlreiche Meinungsgenossen, alszu große Willfährigkeit gegenüber Luthers anmaßlichem Trotz sowie Mangel an Entschiedenheit und an Aufrichtigkeit zum Vorwurf gemacht. Nun aber lernte er in Straßburg die besseren Seiten in Butzers zuweilen schillerndem Charakter näher kennen. Um so mehr bedauerte er die Erkältung, die zwischen ihm und dem entschiedenen, aufrichtigen Bullinger namentlich seit jener Versammlung in Zürich (Mai 1538) eingetreten war. Daher benutzte er im März 1540 die Gelegenheit, als er einige vornehme französische Protestanten Bullingern empfahl, dies ihm auszusprechen. Wider Willen, bemerkt er, sei es geschehen, daß er seit anderthalb Jahren an Bullinger nicht geschrieben habe. "Von der höchsten Wichtigkeit ist es aber, brüderliche Liebe unter einander zu pflegen und zu befestigen, namentlich unter denen, welchen der Herr ein Amt in seiner Kirche anvertraut hat. Nun sehe ich, daß noch immer zwischen der Straßburger Kirche und der eurigen zwar kein Streit, aber nicht solche Jnnigkeit ist, wie ich wünschen möchte. Noch hegt man Verdacht und dies läßt keine rechte Freundschaft aufkommen; von den Unsrigen (Capito und Butzer) kann ich indeß versichern, daß sie nichts mehr wünschen, als brüderliche Liebe und zwar auf dem Grunde lauterer Wahrheit. Gern möchte ich, ich bekäme Gelegenheit einmal vertraulich mit dir über die Sache (das heil. Abendmal) zu reden, um zu wissen, was eine völlige Uebereinstimmung unter euch noch hindere. Jmmerhin bin ich überzeugt, daß kein Grund zu Entfremdung vorhanden ist."

So war es in der That; das schwierige, undankbare, verwickelte Concordiengeschäft hatte das Vertrauen gestört; Butzer hatte vor Kurzem geargwohnt, Bullinger, der ihm in jener Sache nicht hatte folgen und seine

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doppelsinnigen Formeln zulassen wollen, befeinde ihn, und dieser den Vorwurf als grundlos abgelehnt. Jmmerhin wurde der freundschaftliche Verkehr von Zeit zu Zeit erneuert.

Eine Veranlassung dazu gaben die Bemühungen der Genfer und Calvins Rückkehr nach Genf. 1540 gab dieser einer genferischen Abordnung auf Andringen seiner deutschen Freunde, die ihn bei dem Religionsgespräche in Worms und Regensburg durchaus nicht entbehren mochten, einen Abschlag; dasselbe geschah auf ihr wiederholtes schriftliches Begehren. Nun wandte sich Genf an Zürich, Bern und Basel mit dem dringendsten Ansuchen um ihre nachdrückliche Fürbitte; die drei Schwesterstädte entsprachen willig. Bullinger, Namens der zürcherischen Geistlichen, stellte in seinem Schreiben vom 4. April den Straßburgern aufs kräftigste die Nothwendigkeit vor, Calvin wieder nach Genf zurück zu lassen. "Denn die Genfer Kirche, sagt er, liegt gleichsam auf der Grenzscheide von Deutschland, Frankreich und Jtalien; eben von dort aus kann ein von Gott mit den außerordentlichsten Gaben ausgerüsteter Mann wie Calvin mehr als sonst irgendwo den Kirchen mehrerer Länder nützen und zur Ausbreitung des Reiches Christi wirken." Aufs unwürdigste sei Calvin vertrieben worden, aufs ehrenvollste rufe Genf ihn nun zurück. Das sei Gottes Werk. Dafür müsse man Gott innig danken, und darum aus allen Kräften trachten dies zu fördern. "Jhr allein, fügt Bullinger bei, könnt jetzt, wenn ihr wollt, jene Kirche retten! Verweigert ihr ihnen Calvin oder treibt ihr ihn nicht kräftig dazu an, so stürzet ihr sie sicherlich ins äußerste Verderben!

Die Antwort war, Calvin sei noch abwesend in Regensburg; sobald er zurück komme, solle der Entscheid erfolgen. Calvin selbst, an den die Zürcher ebenfalls ein kräftiges Schreiben richteten, schrieb an die zürcherischen Geistlichen noch von Regensburg aus (31. Mai 1541) einen überaus freundlichen Brief, worin er ihnen aufs herzlichste dankt für ihre lebendige Theilnahme, die sie an Genfs und an seinem eigenen Schicksale gezeigt, und sie versichert, an seiner Willigkeit fehle es nicht. Jmmer habe er Zürich besonders hoch gehalten. - Straßburg willigte ein. Am 13. September 1541 zog er im Triumph in Genf ein.

Bullinger ließ es sich angelegen sein, bei den schwierigen Verhältnissen zwischen Genf und dem verbündeten Bern zum Frieden zu rathen. "Die Genfer und Berner streiten sich über die Grenzen des ehemaligen bischöflichen Gebietes, schreibt er im October 1543 an Calvin; sie sollten sich doch vergleichen! Denn der Kaiser wird, sobald er mit Frankreich Frieden bekommt, Deutschland unterwerfen und wohl auch den Herzog von Savoien (dem Bern die Waadt usw. abgenommen) wieder einsetzen."

Für die treffliche Schrift, die Calvin 1541 an den Kaiser richtete, um ihn von der Nothwendigkeit der Erneuerung der Kirche zu überzeugen, dankt ihm Bullinger mit ehrender Anekennung. Aber an Carl V., erklärt er

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ihm, sei's verlorene Mühe. "Gibt Gott ihm den Sieg, so wird er ihn mißbrauchen zur Verfolgung des Namens Gottes! denn sein Herz ist verhärtet." Gleichzeitig gibt er ihm Nachricht über einen in Zürich studierenden Genfer. Uebrigens ging die Correspondenz höchst unregelmäßig, da zwischen Zürich und Genf keine ordentliche Verbindung Statt fand, und die Briefe daher bald einem Studenten bald einem Handwerksburschen anvertraut wurden.

74. Bullingers Verwendung für Farel in Neuenburg.

Um dieselbe Zeit, da es sich um Calvins Rückkehr handelte, kam Bullinger in den Fall, sich auch für Farels Stellung in Neuenburg zu verwenden.

Mit demselben regen Eifer wie zuvor in Genf arbeitete diese feurige Mann auch in Neuenburg für Herbeiführung größerer Sittenstrenge, und fand hier wie dort grimmige Feinde, die auf seinen Sturz lauerten und davon die Wiederkehr vergnügter Tage hofften. Ein äußerer Anlaß fand sich im Sommer 1541. Eine vornehme Dame von üblem Rufe hatte durch muthwillige Scheidung von ihrem Manne öffentliches Aergerniß gegeben und Farel als Seelsorger sich umsonst bemüht sie zu ihrer Pflicht zurück zu führen. Er wandte sich an die Behörden, fand aber nicht die gewünschte Unterstützung.Nun rügte er dies Aergerniß wiederholt auf der Kanzel. Er klagte heftig auch über das Verhalten des Rathes und der Gemeinde in dieser Sache. Gereizt von den Vornehmen beschloß eine ungeregelte Volksversammlung seine Entsetzung. Calvin, eben auf der Rückreise nach Genf begriffen, eilte herbei; er und Andere suchten zu vermitteln. Doch vergebens. Die bernische Staatsgewalt, auf deren Haltung Alles ankam, war allen Regungen, die eine gewisse Selbständigkeit der Kirche bezweckten, abhold. Der Berner Schultheiß von Wattenwyl huldigte so sehr der Oberherrlichkeit des Staates über die Kirche und ihre Diener, daß er behauptete, man könne Prediger so gut wie Dienstboten nach Belieben entlassen. Farel aber unerschütterten Muthes und voll heiligen Ernstes erklärte, von der Kirche berufen, wolle er auch von der Kirche entlassen sein; Gott habe sie ihm anvertraut und fordere sie auch wieder aus seinen Händen; ohne ein Verräther an Christus und an seiner Kirche zu werden, könne er unter solchen Umständen seine Kirche nicht verlassen. Dabei berief er sich auf seine Lehre und auf seinen Wandel, über die keine Klage sei. Seine Amtsbrüder fühlten, daß ihrer Aller Sache auf dem Spiele stehe, und es, falls er so ungerecht entfernt würde, künftig um alle kirchliche Zucht geschehen wäre. Sie bestärkten ihn daher in dem Entschlusse sein Amt nicht zu verlassen, und sandten aus ihrer Mitte den Prediger Pichon nach Zürich, Konstanz, Basel und Straßburg ab, mit der Bitte um Rath und Verwendung bei Neuenburg und Bern. An Rath, Geistlichkeit und Gemeinde von Neuenburg richtete jede dieser Kirchen ein

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Ermahnungsschreiben, von denen besonders das von Bullinger verfaßte, als ausgezeichnet durch Wärme und Gehalt, große Anerkennung fand.

Es ist ein würdiges Denkmal der brüderlichen Gemeinschaft, die damals selbst entfernte Kirchen verband, und des liebevollen Christensinnes, der den Schreibenden beseelte. Zudem gibt es uns über manche Punkte, die Bullinger sonst weniger zu beleuchten in den Fall kam, erwünschten Aufschluß, und zeigt uns namentlich, wie die Grenzlinie zwischen der staatlichen und der kirchlichen Sphäre, so wenig scharf sie in Zürich selbst gezogen war, doch seinem Bewußtsein gar bestimmt vorschwebte, wie wichtig immerhin der bescheidene Kreis der kirchlichen Rechte, die er stets wahrte, ihm war, und wie ferne es ihm lag, die Selbständigkeit der Kirche auf dem ihr zukommenden Gebiete aufzugeben und sie in die allgemeine Selbstherrlichkeit der Staatsgewalt aufgehen zu lassen. Daher wird es angemessen sein, den Hauptinhalt in Kürze hier mitzutheilen.

Vor Allem bezeugen die zürcherischen Prediger ihr tiefes Bedauern über die in Neuenburg eingetretene Spaltung, als das größte Verderben für eine Kirche. Auf der Einheit und Einigkeit der Brüder beruhe die Stärke der wahren Religionsgemeinschaft; der arge Feind des Heiles aber, dies wohl wissend, sei eben deshalb stets geschäftig das Band der Eintracht, das der Herr geknüpft, zu lösen. - Zuerst wenden sie sich an Farel, um ihm zu zeigen, wie der Herr von ihm als oberstem Pfarrer der neuenburgischen Kirche fordere, seine Herde zu weiden mit dem Worte der Wahrheit und des Lebens, Buße zu predigen und Vergebung der Sünden nach der Lehre Christi, die Sünden und Laster klar darzulegen und zu verdammen, mit Klugheit und Würde, aber furchtlos und unverholen, daß nicht die Laster unter dem Scheine von Tugenden im Schwange gehen und ihre Schande nicht mehr empfunden werde. Durch glatte und verblümte Redensarten könne dies nicht geschehen, sondern nur durch entschiedenen Ernst, der Sünde Sünde, Laster Laster nennt. Freilich entstehe aus der Bestrafung Haß und Verfolgung, wie der Herr und die Apostel es vorausgesagt und erfahren haben; allein die, welche so leiden, werden von dem Herrn besonders geliebt. "Darum sind wir der Meinung, du solltest um solcher Leiden willen die dir anvertraute Gemeinde nicht verlassen. Wir hoffen zuversichtlich, die, welche jetzt von Leidenschaft erhitzt dich so heftig verfolgen, werden schon wieder nüchtern werden und dich nur um so mehr lieben. Harre also aus in dem Dienste (Amte), zu dem du berufen bist. Doch bitte den Herrn, den Stifter und Freund des Friedens, daß er deine dir eine Weile entrissenen Schafe wieder zurück bringe, damit sie Zucht und Ermahnung nicht fliehen. Das ist deine Pflicht, guter Hirt! und wenn du sie mit Treue, Kraft und Klugheit gewissenhaft vollführst, so wird der eine kurze Frist siegreiche Satan bald von dir zertreten sein."

Dann wird die Versammlung (Klasse) der Geistlichen Neuenburgs angeredet: "Jhr seid das Salz der Erde. Bedenkt, was ihr zu erwarten

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hättet, wenn ihr euch in dieser Sache lässig, unweise, schwach zeigen würdet. Euer Kirchendienst wäre entkräftet, wenn Farel um seiner Freimüthigkeit willen vertrieben würde; eure Kirchen nähmen Schaden, wenn sie ihn verlören, den heldenmüthigen und ausgezeichneten Mann, der für alle euere Kirchen zu Stadt und Land die Hauptsorge trägt. Ueber ihn hat Gott alle die Gnaden ausgegossen, die ein treuer Bischof vonnöthen hat; er ist fromm, unbescholten, umsichtig, anspruchlos, muthvoll, gelehrt und von großer Beredsamkeit; ein Vater, reich an Erfahrung, der die erneute Kirche bei euch gründete; ein wahrer Apostel, der die Wundmale, die er um Christi willen empfangen, an seinem Leibe trägt; ein standhafter, in den größten Kämpfen siegreicher Prediger und Bekenner der Wahrheit, daher sein christlicher Ruf auch in deutschen Landen weit verbreitet ist. Nie dürft ihr zugeben, daß ein so verdienstvoller Mann ohne Recht und Gesetz unverdient und unverhört vertrieben werde. Thut also, was die Kirche schon von der Apostel Zeit an gethan hat. Haltet eine Synode, aus Geistlichen, Räthen und frommen Bürgern bestehend. Laßt seine Ankläger kommen, ihn selbst sich verantworten, untersuchet Alles genau. I. Timoth. 5, 19. Sonst würdet ihr allen Kirchen Aergerniß geben, selbst den papistischen. Durch eure Stimmgebung ward er zu seinem Amte berufen und eingeweiht; nun so laßt nicht zu, daß er ohne euere Stimmgebung dessen beraubt werde."

Hierauf wenden sich die Zürcher an den Rath mit ernsten Mahnungen aus der heil. Schrift, die Satzungen des Herrn zu halten; dazu gehören die kirchlichen Anordnungen, die zur Ausübung und Kundgebung des Christenglaubens dienen. Darüber dürfe man sich nicht hinweg setzen. Die Apostel des Herrn wollten nicht, daß eine Kirche ohne Kirchenzucht sei; daher diese als Satzung des Herrn zu betrachten ist. Wollen die Geistlichen diese wieder einführen, so sei es Pflicht einer christlichen Obrigkeit ihnen dazu hülfreiche Hand zu bieten, damit eine bestimmte Art und Weise bestehe, die Sünder zu ermahnen und die Lasterhaften im Zaume zu halten. Niemand würde in seinem Hause Ausgelassenheit dulden; und die von Gott verordneten Hirten des Volkes sollten in der Kirche jede Ausschweifung hingehen lassen? Eine apostolische Anordnung ist's ferner, daß die Bischöfe, das ist: die Hirten oder Prediger von der Einsetzung der Bischöfe (Pfarrer) nicht ausgeschlossen werden. Denn wer könnte doch besser und richtiger über Lehre und Leben der Hirten urtheilen, als eben die Geistlichen? Daher geht mit Recht der erste Vorschlag zur Wahl eines Pfarrers von den Geistlichen aus. Mit Recht kommt dann hinzu die Abstimmung des Rathes oder der Aeltesten. Mit vollstem Rechte aber wird der Gewählte der ganzen Gemeinde, der er vorstehen soll, durch Andere vorgestellt, welche Vorsteher der ganzen Kirche sind, damit in der Kirche Alles durch gemeinsame Zustimmung geschehe. Daß es ehmals so zugegangen und die Pfarrer auf solche Weise unter Handauflegung eingesetzt worden, das bezeugen uns nächst der Apostelgeschichte auch

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die ältesten Kanones (Kirchensatzungen) und selbst das kaiserliche Recht (wie zu ersehen aus einigen Constitutionen; 1. 2. 3.) So wird auch heutiges Tages die Einsetzung der Pfarrer beobachtet und heilig gewahrt in unserer Zürcher Kirche. Endlich werdet ihr den nicht ohne den Vorschlag der Geistlichen von euch Gewählten gleicher Weise nicht ohne das Urtheil und die Zustimmung der Bischöfe vom Amte entfernen, wofern ihr in den Ordnungen des Herrn wandeln wollet. Dann wird aber der Herr auch mit euch sein und eurer Kirche wiederum aufhelfen."

Zuletzt richten die Schreibenden ihre Ermahnung noch an die Gemeinde, zur Besonnenheit zurück zu kehren, Gott zu danken für so treffliche Hirten und sich nicht selbst durch Undank Gottes schwere Gerichte zuzuziehen. "Bedenkt, wo man treue Lehrer unverdienter Maßen vertreibt, wird damit zugleich das Glück eines Volkes und der Friede der Kirche verbannt. Wir sind überzeugt, ihr würdet die unglücklichsten Menschen, wenn Farel so wäre, wie Manche unter euch sich wünschen. Er ist ja wie ein Vater, brennend von Liebe zu seinen Kindern, redlich in all seinem Thun, er kann nicht schmeicheln. Was auch im Unwillen und aus Leidenschaft von Etlichen aus euch mag angehoben worden sein, wir btten euch um der unendlichen Liebe Christi und um seines bittern Todes willen, legt ab die Leidenschaft, gebet nicht mehr Raum dem Satan, versöhnt euch unter einander und dann mit euerem Hirten. Phil. 2, 1-4. Das schreiben wir euch aus aufrichtiger, herzlicher Liebe; schon seit langen Jahren waret ihr uns lieb um eueres Eifers und euerer Standhaftigkeit willen. Gott führe euch durch seinen heil. Geist wiederum zu fester Eintracht!"

Unterzeichnet ist das zürcherische Schreiben (von vier Stadtgeistlichen und zwei Professoren): Leo Judä, Kaspar Megander, Erasmus Fabritius, Konrad Pellican, Theodor Bibliander, Heinrich Bullinger und die übrigen Diener der zürcherischen Kirche.

"Nie haben wir, antworteten die Neuenburger Geistlichen, ein Schreiben empfangen, das mit größerer Freude von uns gehört und aufgenommen wurde, nie eines, das mehr dazu diente unsere Herzen zu erleuchten, zu trösten und zu stärken: das düfen wir euch vor Gott und dem Herrn Jesu bezeugen." Auch auf die bernische Regierung wurde von Zürich aus gewirkt. Farel behauptete seinen Platz; er erwarb neuen Ruhm bei der eben ausgebrochenen Pest, aber noch dauerte der Kampf, bis Ende Januar 1542 der Entscheid zu seinen Gunsten ausfiel. Bald erfolgte dann eine völlige Versöhnung.

75. Bullingers Anstrengungen gegenüber Frankreich. Reislaufen.

Gehen wir nun zunächst zu Frankreich über. Frankreich nämlich hatte an den Eidgenossen seit langer Zeit in den lebhaftesten politischen Beziehungen

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gestanden und alle übrigen Mächte übertroffen in der Kunst, die schweizerische Wehrkraft seinen Zwecken dienstbar zu machen. Französisches Gold hatte so oft Hohe und Niedere bestochen, französische Geschmeidigkeit immer wieder selbst die Widerstrebenden gewonnen. Wie war das Alles aber so ganz anders geworden, seit Zwingli's hoher christlich sittlicher Ernst auch diese Netze zerrissen und den hochherzigen Entschluß auf Seiten der evangelischen Kantone ins Leben gerufen, hinfort keinen Verlockungen Gehör zu geben, keinerlei Bestechungen anzunehmen, kein unschuldiges Blut zu vergießen, allem sich darbietenden Gewinn zu entsagen, um als Christen schuldlos und unbefleckt zu leben. Allein wie viel wollte es heißen, dies auf die Dauer zu halten! Wie groß der Entschluß selbst war, nicht weniger groß, vielleicht noch größer waren die Anstrengungen, die während Bullingers Amtsführung Jahrzehende lang gemacht werden mußten, um dabei treu zu beharren. Und er, gerade als der Nachfolger Zwingli's und der Vertreter seiner Gesinnung auch in dieser Hinsicht, hatte besonders auch dafür zu wirken, theils auf das Volk durch die Kraft der evangelischen Predigt, theils auf die Führer desselben zu ihrer Befestigung, wie wir schon früher erwähnten, durch immer erneutes Geltendmachen der ächtchristlichen auf die Schrift gegründeten Grundsätze in seinen Gutachten hierüber. Der nichts weniger als blühende ökonomische Zustand Zürichs erschwerte noch die Durchführung dieser Grundsätze; Handel und Gewerbe lagen damals noch darnieder, und der Landbau, ebenfalls vernachlässigt, konnte sich nur allmälig erholen.

Mit wie viel Sorge und Unruhe diese Bemühungen für Bullinger verbunden waren, hören wir schon 1533 zum öftesten in seinen Briefen; namentlich das Mißlingen der Herbstlese brachte in jenem Jahre ernste Besorgniß, die Armuth würde Viele geneigt machen, den Lockungen des französischen Geldes zu folgen. "Eher müssen wir Alle untergehen!" schrieb ihm damals Myconius. Die Gefahr stieg ungleich höher bei dem Wiederausbruch des Krieges zwischen Franz I. und Carl V. im Jahre 1536 (des dritten zwischen diesen Fürsten) als französische und kaiserliche Gesandte überall aufs neue wetteiferten Werbungen zu erlangen und die ersteren in allen katholischen Orten die Oberhand gewannen. Hatte Bullinger zuvor schon (1535) Butzer und Melanchthon gewarnt, dem Blutsauger Deutschlands, Franz I., ja nicht zu trauen, so schreibt er jetzt an Myconius nach Basel schmerzbewegt: "Tiefer Gram erfüllt mich wegen des furchtbaren Heißhungers nach Gold, woran unser Schweizervolk krankt. Feil ist uns Freiheit, Vaterland, Religion und was nicht? Doch die Zürcher hüten sorgsam, daß niemand der Jhrigen dem Kaiser oder dem französischen Könige zuziehe." Und gleich darauf schreibt er: "Dein Brief, geliebter Bruder im Herrn, bezeugt mir, daß dein Gemüth schon genug und mehr als genug beängstigt ist. Kein Wunder inmitten solcher Wirren. Doch sei guten Muthes,. lieber Bruder! Noch lebt der, der uns frei macht, ob auch der Himmel zusammen breche. Jch muß gestehen, seit tausend

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Jahren waren keine Zeiten gefahrvoller als die jetzigen. Jn meinem Leben hat mich nichts mehr gequält oder mein Herz tiefer verwundet, als die allgemeine Gleichgültigkeit, da doch die Saat so reif ist, daß schon die Sichel erklingt. Ganz Europa droht eine erstaunliche Umgestaltung, vielleicht grauenvoller Untergang. Aber da hebt niemand sein Haupt empor; man stolzirt noch, man zankt, man spaltet sich, man berauscht sich, kaum der Hundertste betet und merkt, wie der Tag der Heimsuchung so nahe vor der Thür steht. Drum walte Gott; er verkürze die Jammertage unseres elenden Lebens! Nun ist's genug mit der Verschonung; Langmuth genug hat der Herr uns erzeigt. Wir haben sie leider verschmäht, seine Nachsicht gering geachtet und in raschem Laufe die Bahn aller Laster durchbrannt." Dann fährt er fort mit tiefem Bedauern üer die Hinneigung mancher Eidgenossen zu Franz I., dem Verfolger der Protestanten: "Nie saß ein ärgerer Verbrecher auf einem Königsthrone. Seine Hände triefen von Christenblut. Alles hat er mit Ehebruch, Unzucht und unreinen Begierden erfüllt, daß keine ehrbare Frau noch Jungfrau in seinem Reiche vor seinen Nachstellungen sicher sein konnte. Alle Fürstenhäuser und alle Freistaaten Europa's hat er verderbt; er hat mehr Blut vergossen, Franzosen- und Schweizerblut, als je ein König. Er hat in unser freies und einiges Vaterland zuerst den Zwiespalt herein gebracht, der uns bald ganz zu Grunde richtet. Kurz, er ist's, der seit bald 23 Jahren Europa verwirrt, viele Ortschaften entvölkert, Jtalien, Deutschland, Spanien durch beständige Kriege bedrängt, geschwächt und ermattet, sogar die Türken gegen die Christenvölker aufgehetzt und nie etwas Vorzügliches gethan hat. Und ihn verehren wir[55] jetzt als Freund und nehmen seine Partei. Jch sag's im Vertrauen. Gewiß ist denen am besten geschehen, die bei Kappel um des Namens Christi willen gefallen sind im tapfern Kampfe für die gerechte Sache!"

Nachdem er dann erwähnt hat, wie bereits in den inneren Kantonen blutige Raufhändel vorgekommen als Folge der Werbungen, und wie man in Zürich Tag und Nacht Wache halte, damit nicht die Söldner aus Schwyz und Toggenburg den Zürcher See hinab und durch die Stadt nach Baden hin durchziehen und Unruhe stiften, schließt er mit der Wehklage: "'s ist Alles ein elender Jammer, wie ich mein Lebtag nicht gesehen; nie in meinem Leben war ich aufgeregter. Du, lieber Bruder, bete für die uns anvertrauten Gemeinden (Kirchen). Gott allein ist unser Schild. Er wird uns heraus reißen. Laß uns nur ihm vertrauen. ""Wenn's übel geht (setzt er deutsch hinzu), so ist's eben um ein Sterben zu thun."" Laß uns um nichts sorgen als nur, daß wir alsdann mit Ehren im Dienste unseres Gottes sterben. ""Jch find aber bis jetzt nichts Anderes hier bei unserem Volke, als daß es ganz gut gesinnt ist. Betet für uns! Seid auch redlich und sehet zu, wie ihr Glauben und Freiheit, Weib und Kind, Land und Leute wahren möget. Gott

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erbarme sich unser! Nichts als fromm, tapfer, redlich sein mag uns Trost verleihen.""

Ganz in demselben Sinne schrieb Bullinger auch an Megander nach Bern, um ihn anzutreiben, daß er Allem aufbiete, damit die Wankenden daselbst sich ermannen. Bisweilen schien's, als ob es gelänge alle Kantone zurück zu halten, auch dafür that Bullinger sein Möglichstes. Doch umsonst. Sieben Tausende eilten Frankreichs Fahnen zu. Nur Zürich und Bern hielten andauernd Stand. Etliche der kräftigsten Söldlingsführer aber, die freilich ihr Bürgerrecht einbüßten, waren Zürcher und um so gefährlicher für die kriegsmuthige Jugend ihrer bisherigen Heimat.

Aufs neue brach die Gefahr von allen Seiten herein auch über Bullinger und seine Umgebung, als 1542 wieder zwölftausend Eidgenossen den Franzosen zuzogen. "Aller Orten, schreibt Bullinger 1542 wieder an Myconius, ist man voll Angst und Schrecken!" Aufs dringendste bittet er Vadian in St. Gallen und Ambrosius Blaarer in Konstanz aus Auftrag des Bürgermeisters von Zürich um schleunigste Nachrichten über alle politischen Vorgänge in Frankreich, Jtalien, Deutschland, Ungarn, Venedig, welche auf die gefährdete Schweiz irgend Bezug haben. Er dankt innigst ebenfalls im Namen der Regierung für die bereitwillige Gewährung der Bitte. Zugleich meldet er Blaarern, eben in diesen Tagen habe ihm der Herr sein liebes anderthalb Jahre altes Söhnchen Diethelm hingenommen. "Aber es ist dem Kindlein wohl geschehen, setzt er bei, da es mit Einem Mal so viel Trübsale überstanden hat." Gleichzeitig gibt er der Regierung, von ihr aufgefordert, sein Gutachten über die Lage der Dinge, worauf die zürcherischen Gesandten den Auftrag erhielten, allen Eidgenossen die große Gefahr vorzustellen, die wegen ihres Zuzuges zu Frankreich dem gesammten Vaterlande nun von Seiten des Kaisers drohe, und insbesondere mit den Abgeordneten der reformirten Stände Bern, Basel und Schaffhausen näher zu besprechen, wie dem Uebel "zur Ehre Gottes" am kräftigsten zu steuern sei.

Jm Dezember 1542 übersendet er an A. Blaarer zur Mittheilung an Bürgermeister Welser in Augsburg das erneute zürcherische Mandat wider das Reislaufen, und drückt seine Besorgniß aus, ob etwa die Fürsten von Sachsen und Hessen, die mit gewaffneter Hand die protestantischen Städte Goslar und Braunschweig gegen ihre Dränger in Schutz genommen, sich mit Frankreich gegen den Kaiser verbünden würden. "Jch möchte nicht, sagt er, daß jemand auf die Seite des Königs von Frankreich träte; denn er ist Christi Feind und ärger als Belschazar. Wiewohl auch der Kaiser Christum nicht liebt noch auf sein Wort achtet, so möchte ich doch lieber Frieden haben als Krieg. Der Franzose aber will nur Krieg. Allein freilich solche Fürsten verdient ein Volk, wie wir sind (er meint die Deutschen insgesammt). Gott erbarme sich unser und verleihe uns, daß wir uns zu ihm bekehren, damit er sich auch zu uns kehre und Frieden mache unter den

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Fürsten, die seinen Namen tragen und uns errette von der Bluthand des Türken."

Jm nämlichen Monat schreibt er an Vadian: "Mit der Schweiz ist's nun dahin gekommen, wohin Zwingli gesegneten Andenkens immer befürchtete, daß es kommen würde, daß sie nämlich durch die unverantwortliche Sündenschuld der Pensiöner (Söldlingshäupter) gänzlich zerfällt. Abscheulich ist's, aber wahr, daß man sagen muß: um Geld sei uns Leben und Freiheit feil. O Gott, nimm doch diese Pest vom Erdboden hinweg! Ja, es hat biedere Männer gegeben, die diesen drohenden Untergang des Volkes voraussahen und ihm darum zuvor kommen wollten, aber wie jämmerlich wurden sie aufs empörendste (bei Kappel) nieder gemetzelt. Drum nahet nun Gottes Gericht."

Als im Sommer 1543 wieder zwölftausend Mann Frankreich bewilligt wuden von Seiten fast aller Kantone, schreibt er Blaarern: "So war denn alles Abmahnen umsonst! Der Teufel überschüttet Alles haufenweise mit Kronen (Geldstück). Aber mit Feuer und Schwert wird gerächt werden das unschuldige Blut, das seit Jahren und Jahrzehnden wie Wasser vergossen worden. O laß uns Alle zur Buße und zum Glauben mahnen! Das steht mir fest, daß wir die Frommen und Redlichen nie dürfen im Stiche lassen inmitten solcher Stürme!"

Jm October desselben Jahres athmet er wieder etwas freier. "Um uns steht's gut inmitten dieser Stürme, schreibt er an den trefflichen Pfarrer Matthias Erb nach Reichenweyer (im Elsaß). Unsere Kirche hat Ruhe. Die Wenigen, welche den Franzosen zuliefen, wurden schwer gestraft und durch ein strenges Mandat das Reislaufen verboten. Schwer und gefahrvoll sind unsere Zeiten; aber Gott weiß die Frommen aus der Versuchung zu erretten mit Noah, Loth, Abraham, Jeremias und den Aposteln, die Gottlosen aber auf den Tag des Gerichtes aufzubehalten. Laß uns desnahen Alle, die uns anvertraut sind, ermahnen zum Eifer in der Heiligung. Dies wird Rath schaffen bei den Verhandlungen, Kraft in den Versuchungen und endlich einen glücklichen Ausgang. Der Herr Jesus erhalte dich sammt all den Deinigen!"

Eine andere Reihe von Berührungen mit Frankreich bilden die Verwendungen für die dortigen Protestanten, die indeß nach der Mitte des Jahrhunderts noch bedeutender werden. Als Franz I. 1536 Savoien eingenommen, viele Evangelische theils vertrieben theils gefangen gelegt hatte und auf Andringen des Pabstes Paul III. auch in Frankreich die Maßnahmen gegen die Protestanten verschärfte, reiste 1537 eine ansehnliche Gesandtschaft Zürichs und Berns, der sich auch Abgeordnete Basels und Straßburgs anschlossen, nach Frankreich und verwandte sich für die Verfolgten. Allein obgleich begünstigt von der Schwester des Königs, der Königin von Navarra, sowie von seinem Sekretär Wilhelm Budé und höflich aufgenommen erfuhren sie doch eine herbe Abweisung. Für fernere Verwendungen bildete sodann Calvin ein Mittelglied. So schreibt er, kurz vor seiner Rückkehr nach Genf,

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von Regensburg aus an die zürcherischen Geistlichen zugleich mit der oben erwähnten Danksagung wegen ihrer lebendigen Theilnahme an seinem Schicksale, die protestantischen Fürsten Deutschlands ließen vom Regensburger Reichstag aus dem König von Frankreich die Evangelischen Frankreichs empfehlen; die zürcherischen Geistlichen möchten doch ihre Regierung dringend auffordern dies ebenfalls zu thun. Jm November 1544 und Juli 1545 bittet er Bullinger inständig um eine Verwendung, für die alles Beistandes würdigen, seit Jahren unleidentlich bedrückten Waldenser in der Provence. Es handle sich nicht bloß um sie, sondern entweder werde durch ihre Bedrückung einer grausamen Verfolgung der Protestanten in ganz Frankreich der Weg gebahnt, oder das Evangelium auf diese Art durchdringen. Leider war die Zuschrift der evangelischen Schweizerkantone an Franz I. gleich der der schmalkaldischen Bundesgenossen vergeblich, wie Bullinger (15. Juli 1545) mit Betrübniß Vadian meldet. Die entsetzlichste Verfolgung brach los. Mit unmenschlicher Grausamkeit wurden die Dörfer des harmlosen Völkleins geplündert, verwüstet, vierzig Frauen in einer Scheune verbrannt, siebenhundert Wehrlose in Stücke gehauen, noch andere Schandthaten verübt, hunderte von Männern auf die Galeeren geschmiedet, zahlreiche Schaaren ins Elend gejagt.

Begreiflich, daß Bullinger bei der Nachricht vom Tode Franz I. (31. März 1547) kurzweg bemerkt: "Da ist nichts Gutes gestorben."

Milder schien anfangs sein Sohn und Nachfolger Heinrich II. Er ließ einige der Urheber jener Verfolgung bestrafen. Die Eidgenossen erbat er sich zu Taufpathen der neugebornen Prinzessin Claudia zu Ende des Jahres 1547, und erwies ihren Gesandten dabei alle mögliche Ehre. Die evangelischen Stände verwandten sich bei diesem Anlasse für einen trefflichen Kaufmann Octavian Blondel aus Turin, der "wegen zwinglischer und lutherischer Lehre" in Lyon gefangen gesetzt worden. Dennoch ließ er ihn, wie Bullinger im Februar 1548 Vadian meldet, in Paris an einem langsamen Feuer verbrennen. Jn eben diesem Jahre bot er Allem auf, um ein Bündniß mit sämmtlichen Orten der Eidgenossenschaft zu erwirken; nichts blieb unversucht, um auf Bullinger einzuwirken und durch ihn auch Zürich zu gewinnen. Doch umsonst. Mochte ein solches Bündniß wohl in mancher Beziehung günstig scheinen, auch für die Protestanten Frankreichs, Bullinger blieb den von Zwingli und ihm als wahr und christlich erkannten Grundsätzen mit festem, männlichem Sinne unerschütterlich getreu.

76. Bullingers Verkehr mit England.

Spärlicher waren in diesem Zeitraum Bullingers Beziehungen zu England, aber auch angenehmer. Bullingers erste Bekanntschaft mit dem in der Reformationsgeschichte Englands so sehr hervorragenden Thomas Cranmer,

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Erzbischof von Canterbury, wurde durch den Basler Professor Simon Grymäus vermittelt, dem Bullinger bei der Abfassung der ersten schweizerischen Confession näher gekommen. Es war gerade die Zeit, als Heinrich VIII. sich (20. Mai 1536) in dritter Ehe mit Jane Seymour vermählt hatte und während der siebzehn Monate bis zu ihrem Tode das Werk der Reformation bedeutend förderte. Bullinger sah sich bald mit Cranmehr näher befreundet, daher schon im August 1536 drei junge Engländer von edlem Geschlechte sich in Zürich einfanden, um Bullingers Umgang zu genießen, Zürichs Kirche näher kennen zu lernen und durch Theilnahme an dem wissenschaftlichen und religiösen Leben daselbst sich fortzubilden. Zwei derselben John Butler und William Udrof erhielten bei Pellican ihre Wohnung, den dritten Namens Nicolas Partridge nahm Bullinger in sein Haus auf. Sie blieben ein Jahr und etliche Monate. Jm nächsten Jahre folgte, mit Nicolas Eliot, Bartholomew Traheron, der sich durch ein lateinisches Gedicht bei Bullinger einführte, worin er sich ebenfalls die Gunst bei ihm wohnen zu dürfen erbat. Bullinger gewann diese englischen Jünglinge sehr lieb; er gab sich viel mit ihnen ab, erklärte ihnen zu Hause den Propheten Jesajas und widmete auf ihr Ansuchen (1538) ihrem Könige die beiden Schriftchen: "von der Autorität, Gewißheit und Vollkommenheit der heiligen Schrift," und "von der Würde und dem Amt der Bischöfe (der Diener der Kirche)." Sie versicherten ihn, gerade dies seien Punkte, deren Behandlung für England am fruchtbarsen sei. Wie wir wissen, sandte Bullinger diese beiden Schriften auch Luthern, da er gerade damals an ihn schrieb.

1537 reiste Partridge nach England zurück, begleitet von Rudolf Gwalter, der eine ziemlich einläßliche Reisebeschreibung davon hinterlassen hat. Nachdem Partridge abermals nach Zürich gekommen, ging er sammt Butler, Eliot und Traheron im November 1537 nach Genf zu Calvin und Farel, denen Bullinger sie aufs kräftigste empfahl. Von nun an blieben sie in stetem brieflichem Verkehr mit Bullinger. Schon von Genf aus dankten sie ihm innigst für alle empfangenen Wohlthaten. Vom Rheine, wohin sie gleich nach Ostern 1538 (bei Calvins und Farels Vertreibung) sich wandten, und später aus England melden sie Bullingern, wie der König evangelische Prediger aussende, Wallfahrten, Reliquien- und Heiligenverehrung abschaffe, Klöster aufhebe, auch damit umgehe die Messe abzuschaffen; Bullingers Schriftchen seien ins Englische übersetzt und in England gedruckt worden. Aehnliche erfreuliche Nachrichten erhielt Bullinger aus Basel durch den daselbst studierenden Gwalter. "Gute Berichte, schreibt ihm dieser im Septemer 1538, brachte aus England Hans Holbein, der Maler; er will in einigen Wochen wieder dorthin reisen"[56].

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Jn mehreren Briefen, die Partridge noch 1538 aus Frankfurt an Bullinger richtet, bezeugt er immer aufs neue seine innige Dankbarkeit gegen ihn, selbst gegen seine liebevoll besorgte Gattin, seine ehrwürdige, fromme Mutter und alle übrigen Glieder seiner Haushaltung. Mit denselben Ausdrücken der Verehrung und Hochschätzung sowie der Anhänglichkeit an Bullinger und alle die Seinigen schreiben ihm Eliot und Traheron; englische Handschuhe und einige Denkmünzen sind die kleinen Zeichen ihrer Erkenntlichkeit, die sie bald für ihn, bald für die Seinigen beilegen. Jm März 1539 schreiben sie alle drei mit Butler an Bullinger und seine Amtsgenossen: "Wir schreiben deshalb gemeinsam an euch, weil wir hier in London wieder zusammen getroffen uns im Sinn und Geist so innig verbunden fühlen, daß wir gleichsam nur Ein Herz und Eine Seele geworden. Vor Allem möchten wir euch unsern schuldigen Dank sagen für euere ausnehmende Freundlichkeit, die ihr uns erzeigt habt. Zu viel haben wir euch zu verdanken, als daß wir darüber weitläufiger sprechen dürften. Seid dessen versichert, wir würden willig Alles für euch thun, was nur in unsern Kräften steht." Schon im folgenden Jahre raffte aber ein frühzeitiger Tod den hoffnungsvollen Partridge hinweg.

"Deine Schriften, schreibt im August 1539 Eliot an Bullinger, das kann ich dich aufs gewisseste versichern, haben unserm Könige und nicht weniger seinem Geheim-Siegelbewahrer, dem Erzbischof Cranmer, sehr gefallen. Es ist unglaublich, wie großen Ruf und Ruhm bei den Engländern (ich rede nicht von andern Nationen) deine Schriften dir erworben haben. Die Buchhändler werden reich durch deine Bücher."

Auch von den furchtbaren Schwankungen, denen unter den Launen und Grausamkeiten Heinrichs VIII. das Reformationswerk ausgesetzt war, bekam Bullinger erschütternde Nachrichten durch seine englischen Freunde, namentlich durch Kaufleute, die um des Evangeliums willen England verließen, sich etwa in Basel, vorzugsweise aber in Straßburg aufhielten, wie Richard Hilles, der obgleich Tuchhändler dem Studium der Kirchenväter eifrig obliegt, sich dafür Bullingers Rath erbittet, ihm treuherzig dankt für seine Warnung vor bloßer Geschäftigkeit, ihm öfter Geld sendet für arme vertriebene Glaubensbrüder und hinwieder Bullingers Schriften zum Geschenk erhält, sowie John Burcher, Bullingers langjähriger, treuer Straßburger Correspondent, der 1545 das zürcherische Bürgerrecht zu erwerben wünscht und zu diesem Behufe sich an Bullinger wendet, um das dazu erforderliche Zeugniß glaubwürdiger Männer zu bekommen, daß er nicht wegen Jrrlehren oder Verbrechen, sondern um der wahren Religion willen im Exil lebe. Er blieb übrigens in Straßburg. Er und Hilles hatten immer ein wachsames Auge auf die in Straßburg studierenden Zürcher.

1546 schreibt John Hooper, der nachmalige Bischof und Märtyrer, von Straßburg aus an Bullinger, er sei so sehr durch seine Schriften

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gefördert worden und würde zu ihm nach Zürich kommen, wäre sein Vater nicht so völlig dagegen; er legt ihm, ernstlich um das Heil seiner Seele besorgt, namentlich die Frage vor, ob ein evangelischer Christ der Schrift zufolge der Messe und andern abergläubischen Gebräuchen der römischen Kirche beiwohnen dürfe oder nicht. Er berichtet Bullingern bald nachher, wie er nach England zurück gekehrt, daselbst gefangen gesetzt, wie sein Vermögen eingezogen worden und er nun sammt seiner Gattin wieder nach Deutschland gekommen. Endlich sehen wir ihn in Zürich mit Bullinger in vertrautem Umgange leben. "Hooper, den du mir empfahlst, schreibt Bullinger an Myconius im April 1547, mußte ich in mein Haus aufnehmen, da sich für ihn sonst keine geeignete Herberge fand. Jch nahm ihn aber freudig und von Herzen gerne auf; denn er ist, wie mir scheint, ein aufrichtiger Christ."[57] Hooper war, wie er aus Zürich an Butzer schreibt, überzeugt, niemand dürfe sich für unfehlbar halten in Ansehung von Glaubensbestimmungen, und daher solle man einander in Liebe tragen; Luther habe darin gefehlt; auch sei seine Meinung über das Abendmal nicht richtig; von den Zürchern sage Butzer mit Unrecht, sie halten die Sakramente für bloße Zeichen. Hoopers Töchterchen Rahel hob Bullinger aus der Taufe. Jm März 1549 kehrte derselbe sammt seiner Familie nach England zurück. Auch seine Gattin Anna, geborne von Tserclas, dankt von dort aus Bullingern inniglich für all seine Freundschaft.

Traheron, der als Sekretär seine Laufbahn begonnen und 1547 Parlamentsglied ward, versicherte Bullinger ebenfalls, in England sei man insgemein der reformirten Abendmalslehre zugethan und Johann von Ulm (aus Thurgau), der um diese Zeit als Studierender in England weilte, bezeugte ihm (1548) noch insbesondere, Cranmer, über den man eine Zeit lang zweifelhaft war, habe das von Bullinger hierüber, sowie über seine Pflichten als Bischof an ihn gerichtete Schreiben sehr günstig aufgenommen.

Um eben diese Zeit vermochte nun Cranmer sich durch Gelehrte, die aus dem verworrenen Deutschland seinem Rufe nach England folgten, bedeutend zu verstärken, nachdem im Januar 1547 der junge Eduard VI. den Thron bestiegen. Um so reichlicher entfaltete sich Bullingers Verkehr mit seinen englischen Freunden.

77. Bullingers Beziehungen zu den Evangelischen Jtaliens.

Viel näher lag Jtalien; daher waren Bullingers Beziehungen dazu wohl mannigfaltiger und unmittelbarer. Auch in Jtalien hatte die Reformation bekanntlich mannigfachen Anklang gefunden. Eine Anzahl der bedeutendsten Persönlichkeiten hatte sich einem sehr gemäßigsten Katholicismus zugewandt und sich zu ernsten innern Reformen geneigt erzeigt. Jn diesem Sinne

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waren noch 1541 die Verhandlungen mit den Protestanten Deutschlands über eine Aussöhnung mit der päbstlichen Kirche gepflogen worden. Von da an aber welch ein mächtiger Umschwung! Wie ganz anders gestaltete sich Alles, als man erwarten durfte, seit im Juli 1542 auf Betrieb des Cardinals Caraffa, des nachherigen Pabstes Paul IV., und Loyola's, des Stifters der Jesuiten-Gesellschaft, eine neue, überall gegenwärtige, mit den äußersten Vollmachten ausgerüstete Jnquisition angeordnet ward.

Sogleich erschienen Flüchtlinge von hohem Range diesseits der Alpen und nahmen ihre Zuflucht zu unserem Bullinger. Er selbst gibt darüber in einem längeren Briefe seinem Vadian vertraulichen Bericht mit einem gewissen bei ihm seltenen Anfluge von Humor, wozu ihn offenbar das Neue und Ungewohnte dieser Erscheinungen reizte. "Was du beiläufig andeutest in Betreff jener Jtaliener, verhält sich so. Jm August kam aus Jtalien ein beleibter Mönch Hieronymus,[58] Capuziner-Ordens (dieser Orden hat sich neulich von den Franziscanern oder Observanten unter Bernardino Occhino's Leitung losgetrennt, um einer strengern Regel zu folgen) noch in der Capuze und dem abenteuerlichen Mönchsgewand und begehrt sich mit mir zu besprechen über unsere Lehre. Er habe nämlich, sagte er, in Jtalien, selbst in Neapel, meine Schriften gelesen, habe sich nun aber wegen der Verfolgung von Seiten des Pabstes zu mir geflüchtet, um über Vieles mit mir zu reden. Jch nahm ihn auf, hörte seine Erörterungen an mit der größten Geduld, antwortete auch darauf, so viel mir Gottes Gnade zuließ. Kurz, ich fand den Mann gelehrt und sonst unklagbar. Jch gab ihm seiner Armuth wegen Unterhalt ungefähr einen Monat lang und sandte ihn dann, mit Empfehlungsbriefen und Reisegeld versehen, nach Chur, ob man etwa dort einen des Jtalienischen kundigen Mann im Dienste der evangelischen Kirche brauchen könnte; er fand aber keine geeignete Stelle und kam zurück. Jnzwischen, während er weg war, kam zuvörderst ein gewisser Cölius Secundus (Celio Secondo Curioni), im Lateinischen und Griechischen sehr bewandert, reich an theologischen Kenntnissen und jeder Art von Bildung. Er frägt, ob nicht ein gewisser Hieronymus zu mir gekommen und wohin er gegangen sei. Jch setzte ihm auseinander, was geschehen war. Bald merke ich, daß auch er aus Jtalien vertrieben sei und sich um eine Stelle umsehe. Jch riet ihm daher, nach Bern zu gehen; er war dazu bereit; ich versah ihn mit Briefen und Reisegeld und nach etlichen Tagen reiste er nach Bern. Jch hatte ihn dem Schultheiß und einigen bernischen Patriziern empfohlen, und so geschah es durch ihre Verwendung, daß er bald an die Spitze der Schule zu Lausanne gestellt wurde, um über Theologie und

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Literatur zu lesen. Er hat nämlich bisanhin in Jtalien, zuerst in Pavia, dann in Venedig, Mailand und zuletzt in Lucca über Beides öffentliche Vorträge gehalten.

Während dies vorgeht, stellt sich auch Bernardino Occhino ein, aus Siena gebürtig, ein Mann ausgezeichnet durch seinen musterhaften Wandel wie durch Gelehrsamkeit, ein ehrwürdiger Greis mit grauem Haar, eine langgestreckte Gestalt von gar absonderlich majestätischer Haltung. Jhn hatte der Fürst Ascanio von Colonna mit Pferden, Bedienten und Reisegeld versehen. Er blieb zwei Tage bei uns, und unterredete sich mit uns über religiöse Gegenstände. Er legte uns mehrere päbstische Breven vor, die er von Pabst Paul III. erhalten hatte, worin er ihm auftrug, zuerst in Genua, dann in Florenz, nachher in Venedig zu predigen.[59] Als aber der Pabst bemerkte, daß er wirklich Christum predige, berief er ihn durch ein neues Breve nach Rom. Muthig machte sich Occhino auf den Weg, wurde aber in Florenz durch fromme Freunde abgehalten, die ihm nachwiesen, in Rom sei ihm der sichere Untergang schon bereitet; diese wiesen ihn nach Deutschland. Daher brach er endlich auf, um in Genf zu weilen wegen der Nähe Jtaliens; dort wird er auf eigene Kosten leben. Er läßt daselbst viele seiner italienischen Predigten drucken, und von dort nach Jtalien bringen, damit sie schriftlich ihn hören, da sie nicht mehr ihn selbst persönlich hören können. Wie billig genießt er bei den Jtalienern insgesammt großes Ansehen, ja sie verehren ihn so zu sagen wie einen Halbgott. Hier hast du zehn seiner zu Genf gedruckten Predigten, die mir zugeschickt worden; die des Jtalienischen kundigen Kaufleute, die ihr in St. Gallen habet, mögen dir's auslegen. Nach einem Monat kommt Curioni von Lausanne zurück, um von neuem nach Jtalien zu gehen und seine Gattin und Kinder zu holen. Er bittet mich, an die Herzogin von Ferrara, die eine Tochter König Ludwigs von Frankreich ist, zu schreiben. Jch willfahre ihm, ermahne die Fürstin zur Gottseligkeit, und dazu, die um Christi willen Vertriebenen huldvoll zu bedenken; ich lege als Geschenk meine Auslegung des Evangeliums Matthäi bei; er schnürt sein Bündel und verreist.

Kaum ist er weg, siehe da kommt Peter Martyr (Pietro Martire Vermigli), vierspännig, so zu sagen, daher gefahren, auch selbst aus Jtalien vertrieben. Er war Probst in Lucca und Abt in Neapel, irre ich nicht, Prämonstratenserordens;[60] er hatte zum Reisegefährten einen Gelehrten, Namens Paolo Lacisio. Er selbst ist sehr gelehrt in Latein, Griechisch, Hebräisch, einiger Maßen auch im Chaldäischen, ein feingebildeter, beredter und gottseliger

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Mann. Auch er frägt mich um Rath, wohin er mit seinen Gefährten sich wenden könne. Basel ist ihm recht, wenn er etwa eine Stelle fände, um an der Universität zu lesen. Beiliegender Brief von ihm, den er mir aus Basel schrieb (5. October), giebt dir darüber näheren Aufschluß. Er ist nun nach Straßburg berufen worden an eine dortige Professur ...

Spät kehrte Curioni aus Jtalien zurück, sammt seiner Frau und Kindern; Merkwürdiges erzählt er von der Verfolgung, die der Pabst immer weiter fortsetze.[61] Er brachte mir ein sehr freundliches Schreiben von jener Herzogin Ferrara's, ein Zeugniß ihres gar frommen Sinnes; sie verdankt mein Geschenk und ermuntert hinwieder zur Gottseligkeit. Wie Curioni eben nach Lausanne verreist, schickt der Fürst Ascanio Colonna, Herzog von Tagliacozzo, einen Diener und läßt fragen, wohin der berühmte Professor der Theologie, Bernardino Occhino, gezogen sei. Jch sagte nach Genf, dorthin begab er sich, versteht sich, um den Mann Gottes mit Geld zu versehen. Auf dem Rückweg erbat er sich von mir einen Brief an seinen Herzog oder Fürsten, der vom größten Eifer für die Frömmigkeit erfüllt und der entschiedenste Feind des Pabstes sei.[62] Jch schreibe also und lege zum Geschenk meine Auslegung des Matthäus bei. Hurtig reist er fort und verspricht bald eine Antwort zu bringen; er werde nämlich in einigen Monaten wieder zurück reisen zu Dr. Occhino. Dies geschah ungefähr am 6. Dezember. Das Alles beschreibe ich dir deshalb hier etwas einläßlicher, weil ich bisanhin nicht mit einem Worte dieser Vorgänge gedachte in der Voraussetzung, du wissest schon darum. Wahrhaftig, ich erliege fast unter meiner Geschäftslast, nicht daß sie so gar groß wäre, sondern weil ich mich zu unerfahren und zu schwach fühle, um sie tragen zu können. Jch lege dir noch den Brief eines andern Jtalieners bei, damit du den neu erwachten Glauben dieses Volkes daraus erkennest. Bete für sie sammt all den Deinen und preise Gott dafür. Die babylonische Hure dort wird gerichtet und verworfen werden. Gott sei Lob und Preis!"

Wir hören es aus diesen letzten Sätzen des Briefes, wie schwer es Bullingern vorkam diesen neuen Anforderungen ein Genüge zu leisten. Jn der That, bedenkt man die Selbständigkeit des reformatorischen Elementes bei den Jtalienern, ihre eigenthümlichen philosophischen Spekulationen, so war es keine Kleinigkeit, die neuen Ankömmlinge zu durchschauen und über ihre Lauterkeit in Rücksicht der Lehre rasch ins Klare zu kommen. Allerlei Erfahrungen,

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erfreulicher und mißlicher Art, waren Bullingern hierüber noch vorbehalten; doch erst in späterer Zeit konnten die unlauteren Elemente zum Vorschein kommen. Zwei treffliche Männer hatte er nun schon an Martyr und Curioni Hülfe leistend zu Freunden gewonnen, von denen der Erstere dereinst durch die innigsten Bande der Verwandtschaft des Geistes- und Gemüthslebens mit ihm verknüpft werden sollte; er fühlte sich im Umgang mit Bullinger und den Seinigen so wohl, daß er jetzt schon im Stillen wünschte bei ihnen bleiben zu dürfen. Hinwieder bedauerten sie lebhaft ihm keine Stelle in Zürich anbieten zu können.

Er und Curioni bezeugen Bullingern aufs herzlichste ihre Erkenntlichkeit für die von ihm durch Rath und That ihnen geleistete Hülfe, Martyr von Basel und Straßburg aus; er preist Hilles Freigebigkeit, bei dem er noch im December 1542 mit einem Empfehlungsbriefe Bullingers erschienen war. Von Curioni haben wir oben bereits vernommen, wie er in Bullinger seine Jdee von einem ächten Bischof verwirklicht fand; er schreibt ihm aus Lausanne, am 10. December 1542: "Deine Freundlichkeit und deine christliche Sorge für uns, während unseres Aufenthaltes bei euch, verpflichtet mich zum innigsten Danke. Grüße uns freundlich und herzlich deine Gattin, die sich so voll Dienstfertigkeit und Liebe gegen uns zeigte, sowohl im Namen meiner Gattin als in meinem eigenen; grüße uns ebenso deine lieblichen Kinder, die sich so zärtlich, huldreich und dienstfertig gegen uns erwiesen. Jch gehöre ganz dir und den Deinen, da ich dir Alles verdanke, was ich bin." Er habe sehr viel zu thun, setzt er hinzu, und meldet ihm im März 1543 sein und der Seinigen Wohlbefinden mit dem wehmüthigen Ausrufe: "Wären wir nur eben so gut daran der Seele nach! Aber unsere Kirchen leiden unter Zwiespalt der Ansichten, Verdächtigungen, Angebereien u.s.w. O möchtet ihr doch durch Briefe rathen, mahnen, helfen!"[63] Eben so dringend bittet er Bullingern an den im Veltlin weilenden Sicilianer Camillo Renato zu schreiben, der mit Curioni Jtalien verlassen hatte. Jnnig bedauert er 1543 Bullingers Erkrankung und empfiehlt ihm einen jungen Buchhändler aus Jtalien, dessen Vater daselbst ein großes Geschäft besitze und ihn nach Zürich und Basel sende um Bücher zu kaufen; Bullinger möchte ihm hierin mit seinem Rathe beistehen. Bullinger seinerseits freut sich über Curioni's Wirksamkeit und hofft von einer Schrift desselben, sie werde einen wohlthuenden, mildernden Eindruck machen auf Viele in Jtalien.

Außer den genannten Jtalienern, denen noch so viele Flüchtlinge nachfolgten, wußte man zu jener Zeit in Zürich noch manche Männer von Bedeutung, die in Jtalien dem Evangelium huldigten, wenn auch allmälig immer

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mehr nur im Verborgenen.[64] Jm Venetianischen gab es gewisser Maßen evangelische Gemeinden. Für diese wirkte so lange wie möglich der edle und unermüdliche Baldassare Altieri, der durch ausnehmende Klugheit und Behendigkeit längere Zeit in Venedig unangefochten zu leben vermochte, anfänglich als Sekretär des englischen Gesandten, dann seit 1546 als Geschäftsträger des Churfürsten von Sachsen und des Landgrafen von Hessen, die damals durch ihn wiewohl vergeblich um ein Bündniß mit Venedig warben. Schon im November 1542 wandte sich Altieri im Namen der Brüder zu Venedig, Vicenza und Treviso flehentlich an Luther, die evangelischen Fürsten Deutschlands möchten sich doch bei der Republik Venedig dafür verwenden, daß die harten Maßnahmen der eben eröffneten Jnquisition daselbst verschoben würden bis zu einem allgemeinen Concilium. Offen gestand er ihm, wie schwanken und unsicher in Lehre und Verfassung diese evangelischen Brüder annoch seien aus Mangel an erleuchteten Führern. Er selbst gab sich für Beilegung der über das Abendmal unter ihnen eingetretenen Zwistigkeiten alle Mühe. Allein was konnte mehr geeignet sein in diesen zarten, erst aufkeimenden und schutzlosen Gemeinden Alles zu verderben, als die Heftigkeit, mit der Luther in seiner Antwort vom 15. Juni 1543 und später, eben um die Zeit seiner unglücklichen "kurzen Bekenntnisses", seine Lehre von nicht bloß geistlicher, sondern auch leiblicher Gegenwart des Leibes Christi im Abendmal als die allein zulässige gegenüber der reformirten Abendmalslehre hinstellte und forderte, sie sollten vor den "trunkenen Leuten" zu Zürich als vor "falschen Propheten" sich hüten. So bescheiden und anspruchslos nimmt sich dem gegenüber Altieri's sinnvolles und kindlich demüthiges Wort aus: "Christus ist bei uns klein", in seinem Schreiben vom 6. December desselben Jahres, worin er Bullinger bittet doch öfter zu schreiben zum Heil der evangelischen Venetianer. Auch weiterhin blieb sein Verhältniß zu Bullinger ein ungetrübtes. "Unsere Freundschaft bleibt ewig, schreibt ihm Altieri, weil sie himmlisch ist, vom heiligen Geiste gestiftet!" Als nach Eröffnung des Concils zu Trient (1545) auf Andringen des Pabstes die evangelische Gemeinde im nahen Vicenza zersprengt ward, dann die beiden deutschen Fürsten, auf deren Herrschermacht Altieri's Stellung und Sicherheit in Venedig beruhte, in die Gefangenschaft des Kaisers gerieten, wandte sich jener 1549 nach der Schweiz, zumal an Bullinger, um von den evangelischen Ständen (ohne Besoldung) als ihr Geschäftsträger bei der Republik Venedig beglaubigt zu werden; er sah sich von Bullinger aufs liebreichste und kräftigste bei seinen Bewerbungen hiefür unterstützt wie in Zürich, so auch in Bern, Basel und St. Gallen. Dennoch erlangte er kein Creditiv, sondern nur ein Empfehlungsschreiben für seine Person. Umsonst trat er damit vor den Doge und Rath; er mußte eilends

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Venedigs Gebiet verlassen. Lange wohnte er mit Weib und Kind in der Verborgenheit nahe bei Brescia. Unter großen Gefahren wagt er sich hin und wieder ins Venetianische, um die dortigen Brüder zu stärken, schreibt öfter glaubensfrisch an Bullinger, empfiehlt ihm noch 1550 den Girolamo von Cremona, den seine Glaubensgefährten zum Einkauf von Büchern nach Zürich senden, sowie einen dem Kerker entronnenen Protestanten aus Lucca, bittet ihn um Verwendung theils in England, um aufs neue unter Englands Schutz wirken zu können, theils bei der Herzogin von Ferrara, und dankt ihm aufs herzlichste für die erwünschte Gewährung beider Bitten. Mitten in seinen Plänen stirbt er im August 1550.

Noch war das Evangelium in diesen Jahren hie und da im Stillen regsam; 1547 schreibt der Buchhändler Knight aus Venedig an Bullinger, reiner als an andern Orten in Jtalien werde das Evangelium in Venedig gepredigt; die Zahl der Gläubigen mehre sich täglich; Bullingers Auslegungen der biblischen Schriften werden von den Jtalienern immer mehr geschätzt, und wären sie weniger beleibt, so würden sie mehr Absatz finden als keine anderen Bücher. "Gott hat euch erwählt, sagt er, zu unserm frommen und gläubigen Seelenhirten!"

Noch Eines ist hier für uns zu bemerken, nämlich das Verhalten Bullingers und seiner Amtsbrüder gegenüber der evangelischen Gemeinde in Chiavenna (Cleven). Hieher, wie in die übrigen damals unter Bünden stehenden italienischen Herrschaften, das jetzige Veltlin, hatten sich besonders viele italienische Protestanten geflüchtet. Hier wirkte der greise Agostino Mainardi ungefähr seit 1539 zuerst im Stillen, dann als Prediger bis zu seinem Tode 1563, in welchem Jahre er einundachtzig Jahre alt starb. Paolo Pestalozzi (der Großvater Antonio's, von welchem die zürcherische Linie dieses Geschlechtes stammt) und je die Angesehensten gehörten zu seiner Gemeinde. Da nun der Sicilianer Camillo, der sich seit seinem Austritt aus der römischen Kirche den Zunamen Renato beilegte und 1542 hieher floh, durch allerlei (skeptische) Zweifel und Einwürfe die Gemeinde beunruhigte, namentlich über die Kraft der Sakramente, die Gültigkeit der im Pabstthum empfangenen Taufe, die Fortdauer der Seele nach dem Tode, und dadurch Streit erweckte, wandten sich die Entzweiten 1548 an die Geistlichen in Chur und nach deren Ablehnung an die Zürcher und an die Basler, um ihren Entscheid zu vernehmen. Mainardi kam selbst deshalb im Juni über die Alpen und legte sein Bekenntniß vor. Beachtenswerth ist, mit welcher Keuschheit des Herzens, scheu vor jedem leisen Anfang hierarchischer Anmaßung Bullinger sammt den Seinigen dieser Aufforderung entsprach. "Jhr habet schriftlich euere Meinung uns vorgelegt, schreibt er Namens der zürcherischen Prediger, und wünschet die unsrige zu vernehmen. Dies mißfällt uns nicht, wiewohl wir uns nicht zu Richtern über Andere aufwerfen, sondern nichts Anderes uns beimessen, als was uns Gott zutheilt, nämlich Diener der Kirche zu sein, Mitarbeiter

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aber, Brüder und Gefährten aller anderen Diener, die das Wort Gottes lauter und rein verkündigen." Was die Sache selbst anlangt, so fiel die Antwort im nämlichen Sinne aus, wie früher. Schon 1545, in demselben Jahre, da die Vertheidigungsschrift der Zürcher gegen Luther erschien, hatte nämlich Bullinger sich veranlaßt gefunden, an Camillo zu schreiben und ihn darüber zu belehren, wie das heilige Abendmal nicht bloß als eine Erinnerung aufzufassen sei und man mit Recht nicht bloß sage, man gedenke dabei an Christi Leiden und Tod, sondern Christi Leib und Blut werde wahrhaft gegessen und getrunken. Wenn es überhaupt noch eines Beweises bedürfe gegenüber der eben nicht seltenen, irrigen Behauptung, als ob damals die zürcherische Lehre das heilige Abendmal zu einem bloßen Gedächtnißmal gemacht hätte, so ließe sich kaum eine schlagendere Widerlegung finden, als diese Zuschrift Bullingers an Camillo von 1545 und sodann das von ihm gemeinsam mit seinen Amtsbrüdern abgegebene Gutachten vom Jahre 1548. Unter sorgfältigster, mildester Beseitigung all der verfänglichen Einseitigkeiten und umsichtigster Darlegung des Wesens, der Kraft und Wirksamkeit der Sakramente im klaren und festen Zusammenhange mit der Rechtfertigung durch den Glauben wird die Meinung, als ob die Sakramente bloße Zeichen, Wahrzeichen, Erkennungszeichen wären, durch deren Gebrauch man den vorhandenen Glauben bekenne und bezeuge, verneint und vielmehr anerkannt und geltend gemacht, daß sie als Gnadenmittel, als Werkzeuge, durch welche Gott wirke, den Glauben bekräftigen, daß sie Stiftungen seien, welche, immerhin unter Gottes Mitwirkung, dazu dienen, sowohl den Glauben zu heben und zu befestigen, als auch den Namen Gottes in der Gemeinde wie vor der Welt zu bekennen und zu verherrlichen. Zugleich werden in dem Gutachten Bedenken ähnlicher Art, die der Mantuaner Francesco Stancaro eben daselbst aufwarf, erledigt. Der Erfolg war freilich nur theilweise befriedigend; die Gemeinde in Chiavenna wurde befestigt. Da Camillo aber, ungeachtet die rhätische (bündnerische) Synode Alles anwandte um ihn zurecht zu leiten, beharrte, ja vielmehr trachtete, eine wiedertäuferische Gemeinde um sich zu sammeln, erfolgte endlich im Juli 1550 seine Ausschließung (Excommunication, Kirchenbann). Eine bald hernach durch den geschäftigen Pietro Paolo Vergerio versuchte Wiederaufnahme mißlang. Auch weiterhin bereiteten diese allzu beweglichen Geister Jtaliens den bündnerischen Geistlichen mannigfache Sorge, wobei Bullinger fortfuhr, diese bei ihren redlichen Bemühungen zur Zügelung jener und zur Bewahrung der Gemeinden vor den Verirrungen ihres spitzfindigen Scharfsinnes zu unterstützten, damit die Kirche Bündens bei der einfachen evangelischen und zugleich ächt katholischen Wahrheit erhalten werde.

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78. Bullingers Verhalten zu dem erwarteten päbstlichen Concil.

Doch nicht bloß mit dem evangelisch gesinnten Jtalien stand Bullinger in mannigfachen Beziehungen; auch das Pabstthum machte Ansprüche an ihn und die Seinen und verlangte Berücksichtigung. Wir sahen oben, wie die Abfassung der ersten schweizerischen Confession (1536) namentlich auch im Hinblick auf ein erwartetes allgemeine Concil Statt fand, um darauf gerüstet zu sein und sich zumal gegenüber den römisch-katholischen Eidgenossen nicht etwa dem Vorwurf auszusetzen, als ob man sich scheue von seinem Glauben Rechenschaft abzulegen. Die Frage darüber, unter welchen Bedingungen die reformirte Schweiz an einem Concil Theil nehmen könne und solle, zieht sich nun durch diesen ganzen Zeitraum hindurch, und kehrt daher in Bullingers Briefwechsel zum öftern wieder. Er war darüber ganz entschieden. Schon von 1532 haben wir ein kurzes Gutachten von ihm, "wie man in ein Concilium einwilligen möge;" und diesem blieb er treu. Vor Allem hält er fest, es müsse, wie man sich damals insgemein ausdrückte, frei und christlich gehalten werden, so daß man nicht zuvor dem Pabste den Eid leiste. Der Zweck desselben sei Gottes Ruhm, das Heil des Nächsten, die Ergründung der reinen Wahrheit. Ferner sei zu fordern, daß allein die kanonischen Bücher des neuen und alten Testamentes gelten, die Traditionen, Concilienbeschlüsse und Aussprüche der Kirchenväter nur, insoweit sie mit der Schrift stimmen, daß man die heilige Schrift nicht nach dem Sinne der römischen Kirche auslege, sondern Schrift durch Schrift (besonders wo Späne sind) und nach der Regel des Glaubens und der Liebe, daß Gottes Wort und keine Menschen Richter seien, daß vorher die Artikel müssen bezeichnet und bekannt gemacht werden, über die man verhandeln wolle. Ueberdieß sei auszubedingen, daß der Ort, wo man das Concil halte, frei und so fest sei, daß weder Verrätherei noch Mord zu besorgen, daß sicheres Geleit gegeben und nicht, wofern jemand mit Ernst und Eifer redet, angenommen würde, er habe das Geleit verwirkt, auch nicht für Schmähung geachtet würde, was mit der Schrift kann nachgewiesen werden; sonst sollen billig alle ehrverletzende Spott- oder Schmähworte wegbleiben; für Personen, für deren Sicherheit etwas zu besorgen, sollen Geißeln gestellt werden, wie dies den Böhmen im Basler Concil zugegeben ward.

Den in der Schweiz 1526 und 1528 gemachten Erfahrungen zufolge begreift man auch die letztere Hälfte dieser Bedingungen. An Myconius schreibt Bullinger deshalb, wenn ein Concil zu Stande komme, werde es so ausfallen, wie die Badener Disputation (1526) ausgefallen wäre, wofern Zwingli sich dort eingefunden hätte. Er war fest überzeugt, Zwingli wäre nicht mit dem Leben davon gekommen. Von demselben begründeten Mißtrauen erfüllt schreibt er im Juli 1533 an A. Blaarer und Johann Zwick nach Konstanz:

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"So viel ich sehe, zielt der Anschlag des Pabstes und Kaisers zur Veranstaltung eines Concils dahin, die Diener des göttlichen Wortes theils durch Gift theils durch Nachstellungen umzubringen, sie durch Geschrei zu besiegen und durch die Autoritäßt eines Concils die evangelische Wahrheit gänzlich zu unterdrücken. Denn wofern wir nicht nach Jtalien gehen wollen, so wird der Pabst und die Seinen uns verdächtigen, als ob wir unserer Sache nicht trauen. Gehen wir aber, so erreicht er seinen Zweck. Aber der Ueberwinder der Welt, der zur Rechten Gottes thront, wird die Anschläge der Gottlosen zu nichte machen und der aufleuchtenden Wahrheit beistehen!" Als der Kaiser 1535 den katholischen Eidgenossen versprach, das ersehnte Concilium nun wirklich zu halten, äußert Bullinger aufs neue gegen Butzer, für das Evangelium werde es übel ausschlagen.

Näher kam die Gefahr, als 1536 das Concil vom Pabste auf den 23. Mai 1537 nach Mantua förmlich ausgeschrieben wurde. Als man Bullingern die deshalb von den deutschen Protestanten in Schmalkalden aufgeworfenen Fragen vorlegte, erklärte er, man solle die Einladung des Pabstes nicht annehmen, "weil schon seine Bulle unsere Lehre verdammt;" mit einer Hindeutung auf Huß in Konstanz verwirft Bullinger insbesondere Mantua; "denn der Pabst wäre da mit den blanken Waffen der Stärkere." Beiläufig bemerkt er, wohl nicht ganz im Ernste, die Fürsten könnten auch verlangen, daß der Pabst Boten (Legaten) umher sende, um die einzelnen evangelischen Orte zu belehren; er habe ja auch vor achtzehn Jahren seinen Ablaß aller Orten umher gesandt. Er freute sich sehr, daß man in Schmalkalden ganz in diesem Sinne das Concil ablehnte und die deuschen Protestanten dabei zum ersten Mal den Primat (Oberherrlichkeit) des Pabstes völlig verwarfen.

Als nun der Pabst zusehends weiter ging in seiner feindlichen Haltung gegenüber den Protestanten, und den Kaiser sowie Frankreich dafür zu gewinnen suchte, schreibt Bullinger 1542 an Vadian: "Der Pabst gibt sich Wunders viel Mühe, der Herrscher Sinn zusammen zu leimen, um dann ihres Beistandes sich gegen die Deutschen zu bedienen, und ein Concil nach Trient zu versammeln, worin die lutherische Ketzerei unterdrückt würde." "Jch glaub nit anders, fügt er im Blick auf die verderbendrohende Gemeinschaft der gewaltigen Gegner des Evangeliums bei, denn daß die Päbste, Könige und Fürsten eingefleischte Teufel seien." Und mit Bezug auf die große Reaction des römischen Katholicismus in Jtalien, zumal im Collegium der Kardinäle, schreibt er noch zu Ende desselben Jahres: "Jst der Pabst und die Seinen klug, so wird er jetzt ein Concil versammeln aus seinen Anhängern, die Entscheidung über die kirchlichen Angelegenheit sich beimessen, und Alle die in den Bann thun, welche das dreiköpfige Thier nicht anbeten." Dem römisch-katholischen Polemiker Cochläus gegenüber sagt er daher 1545: "Was wir von einem Concilium halten, das der Pabst mit den Seinigen veranstaltet, weißt du gar wohl. Wir aber haben den Boten des obersten Concils; wir haben

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das heilige Concilium der Propheten und Apostel, das im Himmel thront; dessen Aufschlüsse und Beschlüsse stehen in den heiligen Schriften. Dabei wollen wir mit Gottes Hülfe bis zum letzten Blutstropfen beharren!" Eben so schreibt er an A. Blaarer: "O des Conciliums, das der päbstische Kaiser beruft! Die Religion auf solch ein Concil stellen, heißt sie gar verleugnen. Der Erfolg wird's beweisen!"

Wir begreifen nach alle dem, wie das Gutachten ausfallen mußte, welches Bullinger Namens der zürcherischen Geistlichen der Regierung von Zürich am 1. August 1546 abzugeben hatte, als der Pabst aufs neue in die Eidgenossen drang, das schon eröffnete Concil in Trient zu besuchen und dem Kaiser, der den schmalkaldischen Krieg unter dem Scheine eines bloß weltlichen Krieges bereits begonnen hatte, "zur Ausrottung der Ketzer" Hülfe zu leisten.

"Auf des Pabstes Aufforderung in das so geheißene Concil nach Trient zu kommen ist uns nicht schicklich noch gelegen, sagen die Zürcher Prediger, und zwar aus folgenden wohlbegründeten Ursachen. Alle Päbste von Leo X. an bis auf den jetzigen, Paul III., haben unsere Lehre, die wir aus dem wahrhaften, ewigen, unüberwindlichen Worte Gottes in den Kirchen Zürichs predigen, als Ketzerei verdammt und uns, die Prediger dieser Lehre, als Ketzer mit dem Banne belegt und verrufen. So hat auch dieser Pabst Paul III. sein Vorhaben nicht verhehlen mögen, sondern in seinem Ausschreiben selbst aufgedeckt, indem er angibt, "es werde veanstaltet um der neulich erwachsenen Ketzereien willen," "zur Ausrottung" derselben. Eben so unverhohlen und unverschämt verketzert er unsere Lehre und unseren Glauben in den beiden Schreiben an alle Eidgenossen und an die schweizerischen Prälaten. Nun aber ist bei dem Pabste und den Seinen als gewiß und unzweifelhaft angenommen, daß man einem Ketzer, wofür sie uns wider Gott, Ehre und Recht halten und ausgeben, kein Geleit halten, sondern ihn wo man je mit Fug kann, auf welche Art es nur sein möge, vom Leben zum Tode bringen solle. Und diesen bei ihnen anerkannten Rechtsgrundsatz haben sie thatsächlich an M. Johann Huß und M. Hieronymus (von Prag), welche kaiserliches Geleit hatten, auf dem Concilium in Konstanz grausam ausgeübt und an den Tag gelegt, auch seither an manchen frommen Christenmenschen, wovon wir Beispiele genug anzuführen wüßten. Daher können wir jetzt aus ihren vorangegangenen Urtheilssprüchen und verübten Blutthaten wohl schließen, weß wir uns zu diesem Concilium, in welchem der Pabst Herr und Meister ist, zu versehen hätten.

Gott aber hat uns verboten ihn zu versuchen, und uns nirgends geboten, daß wir uns ohne alle Noth in solches Verderben und in die Hand unserer Verfolger liefern sollen. Wir haben hierfür auch das Beispiel des Apostels Paulus (Apostelgesch. 23), der sich keineswegs wollte in den Rath zu Jerusalem führen lassen, als er den Anschlag seiner Widersacher vernommen hatte. Desgleichen haben auch die alten heiligen Diener der Kirche, Maximus

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von Jerusalem, Athanasius von Alexandria und Ambrosius von Mailand, obgleich von Königen und Kaisern dringend aufgefordert, es rundweg abgeschlagen in die Concilien zu kommen, die sie für parteiisch und von bösen Leuten in arger Absicht versammelt hielten.

Daß aber dies trientische Concil gar parteiisch sei, sieht nur der nicht, der gar nichts sieht. Denn es ist ja männiglich kund, daß sie sich hinsetzen und darstellen als Kläger und Richter. Ebenso offenbar ist, daß dieses vermeinte Concil veranstaltet ist, um unsere Lehre auszurotten. Offenbar ist auch, daß darin bloß diejenigen Sitz und entscheidende Stimme haben, welche Prälaten und des Pabstes Geschworene sind, die ihm den Eid gethan haben, sie wollen niemals dazu rathen oder stimmen, ja auch nicht zulassen, daß man des Pabstes Herrschaft mindere oder an seiner Religion etwas ändere, sondern Solches aus allen Kräften verwehren; ihn in seinem Zustande erhalten und gegen jedermann beschirmen.

Da sie sich also dazu eidlich verbunden und verpflichtet haben, können wir gar nicht denken noch hoffen, sie würden sich durch unsere Ankunft, wenn wir auf das Concil gingen, mit dem Worte Gottes des Wahren und Rechten berichten lassen. Ueberdies haben sie unsere Bücher vorlängst gelesen, daraus über unsern Glauben und unsere Lehre genugsam Bericht erhalten, auch etliche redliche und gelehrte Männer mündlich und persönlich verhört, sie aber nichts desto weniger ins Gefängniß geworden, sodann unterdrückt, verschickt und getödtet. Daraus mögen wir eben auch wohl entnehmen, weß wir uns von diesen Leuten zu versehen haben, besonders da der vorerwähnte Pabst noch zu dieser jetzigen Zeit nicht aufhört, gegen unsere Glaubensgenossen und wider unsere Bücher mit schweren Strafen einzuschreiten.

Daher würden wir ja Gott versuchen, uns selbst muthwillig ins Verderben stürzen, unweise und an den Kirchen, denen wir dienen, untreu handeln, wofern wir arme Schafe vor dem Wolfe zu Gericht erscheinen und das Heil der Christengemeinde den Verschworenen unterwerfen würden, die ihr eigen Heil aufgeben, und bisher schon nichts anderes als ihre Ehre und Pracht gesucht und gefördert haben, wie denn seit langer Zeit offen am Tage liegt.

Dabei aber bezeugen wir vor Gott und allen Frommen, daß wir darum das Licht nicht scheuen; wir erbieten uns, jedem, der es ohne Nachstellung und redlich begehrt, von unserem Glauben Rechenschaft zu geben, und zwar vor den Kirchen, in welchen wir gelehrt haben, denen daher unsere Lehre wohl bekannt ist. Dies wollen wir mit Gottes Hülfe thun aus dem wahrhaften Worte Gottes, wie es begriffen ist in den rechten zuverlässigen Büchern des alten und neuen Testamentes, außer denen wir gar keine Lehre annehmen, indem die heilige Schrift Alles das vollkommen begreift und lehrt, was zu unserm Heile und zu rechter Vollkommenheit der Kirche dienlich und nöthig ist.

Jn Betreff der Schmach der Ketzerei, die der Pabst in seinem Schreiben unserem Glauben und unserer Lehre unchristlich aufladet, erklären wir

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uns also: daß er und die Seinigen in Ewigkeit nicht werden erweisen oder darthun können, daß wir in einigen oder einem Artikel unseres heiligen christlichen und apostolischen Glaubens ketzerisch lehren oder halten, oder auch in einem oder allen zwölf Artikeln unseres uralten, unzweifelhaften Christenglaubens nicht also glauben, wie man glauben soll.

Wir bezeugen mit Mund und Herz, daß wir einen Greuel und Abscheu haben an allen Ketzern und Ketzereien, die von Anfang bis auf jetzt in der christlichen Kirche mit und durch das Wort Gottes sind überwunden und verdammt worden. Dagegen glauben, lehren und halten wir, was die zwölf Artikel unseres heiligen unzweifelhaften uralten christlichen Glaubens enthalten, auch was die alten Symbole (Glaubensbekenntnisse) aussprechen, die der heiligen Schrift gemäß zu Nicäa, Konstantinopel, Ephesus und Chalcedon aufgestellt worden, wie wir uns darüber einläßlicher erklärt haben in dem Bekenntniß unseres Glaubens, worin wir dem seligen Dr. Luther Antwort ertheilt haben. Ueber dies Alles können wir uns berufen auf die Confession, die von allen evangelischen Ständen der Eidgenossenschaft zu Basel (1536) in rechtem christlichem Sinne in Schrift verfaßt worden, auch auf die zu Bern (1528) gehaltene Disputation und deren Schlußsätze und Erläuterungen. Wir hoffen zu Gott und der christlichen Wahrheit, es habe sich schon bewährt, daß der Pabst mit Muthwillen und Unwahrheit sich unterstanden hat, viel redliche christliche Städte und Landschaften in der Eidgenossenschaft mit der entsetzlichen Schmach der Ketzerei zu beflecken, welche doch durch Gottes Gnade allezeit das Laster der Ketzerei und Sodomie mit Feuer gestraft und großen Abscheu davor gehabt haben und noch haben.

Ueber dies Alles haben wir mit dem Pabste, mit seinem unreinen Hofe zu Rom und mit seinem Concilium zu Trient gar nichts zu schaffen noch zu thun. Denn wie wir den Pabst nicht halten für unseren Herren, Hirten und Vater, so haben wir auch unsern Glauben und unsere Lehre weder von seinem unreinen Hofe zu Rom, noch von seinem vermeinten Concil zu Trient. Daher hat er auch gar kein Fug und Recht, uns als ob wir die Seinen und seines Glaubens Genossen wären, zu laden und vor sich zu bescheiden. Zudem haben wir ihm nicht geschworen, und anerkennen als unsere Herren und Oberen keine Anderen, als die uns von Gott gegebene Obrigkeit, der wir als Bürger und Prediger eidlich verpflichtet sind.

Unser Vater ist in den Himmeln; unser Herr und Hirt ist Christus Jesus, der sein Leben für seine Schafe hingegeben und uns mit seinem unschuldigen Tode vom ewigen Tode erlöset hat. Die Lehre unseres Glaubens haben wir aus den Büchern oder Schriften des göttlichen Gesetzes und der heiligen Propheten, aus dem heiligen Evangelium Christi und der lieben Apostel. Diese Schrift und Lehre lehrt uns glauben, daß Jesus Christus der Sohn Gottes und der ewig reinen Jungfrau Maria, unser einiger ewiger Herr sei, daß  er allein das Haupt der Kirche, sie nie verlasse und

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darum keines Statthalters bedürfe, daß er seiner Kirche oberster Hirt und Priester bleibe, mit dem Ein Mal gefallenen Opfer am Kreuze alle Gläubigen von Sünden reinige und entledige, auch vor dem Angesicht des Vaters für alle Gläubigen, als der einige ewige Mittler fürbitte, daß er unsere Gerechtigkeit, Genugthuung und Leben sei, daß man ihm im Glauben, Liebe und Hoffnung, wie er geboten hat, dienen solle, und daß ein jeglicher, der diese Lehre nicht bringt, sondern etwas von ihr Abweichendes oder ihr Zuwiderlaufendes einführt, verbannt und verflucht sei.

Dagegen ist jedermann kund, daß der Pabst sich darstellt als den Statthalter Christi, als das Haupt der Kirche, als den Herren und obersten Hirten der Kirche, welcher die Sünde verzeihen und vergeben, heiligen und den Segen geben könne. Er weiht täglich Solche, die dem Herrn täglich opfern und zeigt der Kirche unzählig viele Fürbitter im Himmel, weist auch auf unsere Gerechtigkeit und Verdienst und Genugthun, lehrt mit Menschensatzungen Gott dienen. Das Alles aber ist ja der obgemeldeten Lehre unsers Herrn Christi und seinen zwölf Boten nicht nur nicht gleichförmig, sondern ganz und gar zuwider. Deshalb ist er und seine Lehre verbannt; daher wir seines Bannes ganz und gar nicht achten, sondern ihn für den rechten Antichristen erkennen.

Zu diesem Allem ist auch jedermann offenbar, was für einen Wandel und Wesen des Pabstes Cardinäle, Bischöfe und Prälaten führen mit Hochmuth und Pracht, christlicher Demuth zuwider, mit Uebermaß in Essen und Trinken, womit sie die Kirchengüter üppig vergeuden wider christliche Liebe zum Nachtheil der Armen, mit Simonie und Verkaufen aller Dinge in der Kirche, mit offener Hurerei und Unzucht, die sie nicht abläugnen können[65], auch mit dreistem Anstiften zu Kriegen und Unruhen u.s.w. Hinwieder ist nicht minder offenbar aus der Lehre der heil. Apostel, daß Alle, die Solches thun und darin beharren, nicht nur keine Vorgesetzten der Kirche, sondern nicht einmal Glieder derselben sind.

Würden wir nun also doch einwilligen, diesen Leuten, die keinen andern Ruhm, als wie wir eben gehört, von Gott erhalten, die Lehre und Regierung der Kirchen, denen wir bisher gedient haben, zu unterwerfen, so würden wir nicht allein wider das ausdrückliche Wort Gottes und wider unsere Gewissen handeln, sondern auch untreu mit den frommen (evangelischen) Kirchen und den biedern Leuten verfahren. Desnahen erklären wir, wir wollen so viel uns Gott Gnade gibt an besagten Kirchen treulich handeln, uns  des Pabstes und seines vermeinten Concils gänzlich entschlagen, dahin nicht kommen, sondern bei den Kirchen, zu denen wir ordnungsgemäß berufen sind, bleiben und verharren bereit uns zu verantworten gegen jedermann, der uns mit

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heiliger biblischer Schrift widerlegen wollte, zuversichtlicher Hoffnung, Gott werde uns in seiner Wahrheit wider alle Verführung treulich erhalten."

Dies die kräftige Antwort Bullingers und der Seinigen zur Ablehnung eines solchen Concils wie das zu Trient, auf welchem die moderne Gestaltung des römischen Katholicismus beruht. Bei Anlaß dieses Concils erhielt Bullinger einige Besuche von Seiten durchreisender Prälaten.

79. Bullingers Stellung zu vermittelnden Religionsgesprächen mit den römisch Katholischen.

Parallel mit der Erwartung eines allgemeinen Concils zieht sich bald wegen Annäherung, bald wegen Verzögerung desselben, namentlich in Deutschland, eine Reihe von Versuchen hin, auf andereWeise durch kleinere Besprechungen eine wenigstens vorläufige Verständigung zwischen der erneuten evangelischen Kirche und der ihr entgegenstehenden päbstlichen zu Stande zu bringen und dadurch eine Ausgleichung, eine Hebung des Streites und Wiedervereinigung der zerrissenen Christenheit einzuleiten. Auch diesen Unterhandlungen finden wir Bullinger fast durchgängig, mit Ausnahme eines einzigen Zeitpunktes, entschieden abgeneigt.

Schon 1534 fand sich der französische Gesandte, Wilhelm de Cange, ein Bruder des Erzbischofs von Paris, bei ihm ein, der mit Rücksicht auf das zu erwartende Concil den Wunsch aussprach, Bullinger möchte "Schiedmittel", Friedensartikel abfassen und nach Paris senden als Grundlage weiterer Verhandlungen. Er aber in Verbindung mit dem anwesenden Pellican antwortete: "Wir haben kein anderes Friedensmittel, als das, welches der Friedenskönig Christus den Aposteln anvertraut hat, das Friedenswort des Evangeliums; dies predigen wir, darnach ist Alles bei uns eingerichtet und angeordnet, davon auch nur eines Nagels breit abzugehen ist mißlich; wir lieben indeß den König um seiner friedfertigen Gesinnungen willen, und sind bereit, wofern die übrigen evangelischen Schweizer Städte einwilligen, unsern Glauben summarisch darzulegen und den Schwachen so viel einzuräumen, als wir der Wahrheit unbeschadet können." Der Franzose meinte, es müßten dabei alle für die römisch Katholischen irgendwie stoßenden Ausdrücke wegbleiben. "Daraus erkannte ich gleich, sagt Bullinger in seinem Bericht an Myconius, daß nichts zu hoffen sei, wofern wir nicht mehr als billig nachgäben." Das Ganze erschien ihm nur als ein Blendwerk, um ihn und die Seinigen für Frankreich etwas günstiger zu stimmen und der päbstlichen Tyrannei durch erheuchelte Freundlichkeit Vorschub zu leisten.

Der Gesandte betrieb die Sache auch im folgenden Jahre. Bullinger erklärte seinem Unterhändler bestimmt: die Lehren der römischen Kirche seien der heil. Schrift und ihrer Lehre völlig zuwider, so daß eine gehörige Vereinigung der evangelischen und der päbstlichen Kirche unmöglich sei;

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die Schweizer wünschen indeß Eintracht in Christo mit Allen, aber unbeschadet der Wahrheit. Jn diesem Sinne stellte er auch die beidseitigen Lehren einander gegenüber, während Butzer und Melanchthon sich hinreißen ließen den französischen Lockungen, ungeachtet Bullingers Warnung (s. oben Kap. 75, S. 251.), zu viel Gehör zu schenken.

Noch stärker räth Bullinger 1537 davon ab, sich in solche vergebliche Verhandlungen mit den römisch Katholischen einzulassen. "Sie suchen nur das Jhre, nicht die Warheit, schreibt er an Myconius; wir haben abgeschafft, was die Schrift uns hieß hinweg thun. Was haben wir also zu schaffen mit den Feinden der Wahrheit? Warum treten wir mit ihnen in Berathungen ein? warum nehmen wir sie in die unsrigen auf? Jst's nicht besser und rathsamer, gänzlich auf sie zu verzichten und ihnen etwa so zu antworten: Wir haben unsere ganze Gottesverehrung der heil. Schrift gemäß eingerichtet, Alles daraus geschöpft und damit bewährt. Bei dieser unserer Religion weden wir bis ans Ende beharren, gestärkt durch die Gnade Christi. Meinet ihr, unsere Bestimmungen streiten in irgend etwas mit der Frömmigkeit und der heil. Schrift, nun so kommt, überweiset uns; könnt ihr uns des Bessern belehren, so werden wir alle Ketzerei abschwören. Könnt ihr's aber nicht mit klaren Stellen der Schrift, so habt ihr von uns nichts zu erwarten. Euere Rathschläge sind uns ein Greuel; euere Religion wollen wir nicht; eueren Stolz und Prunk verwerfen wir von Herzen. Wir wünschen allein, daß Christus und Christi Geist in unseren Herzen lebe. Verzeih, lieber Myconius, fügt er schließlich bei, meine Derbheit; verschmähe nicht meine, wie ich glaube, christliche Einfachheit."

Aufs neue schreibt er in demselben Sinne an Myconius 1539, als es sich in Deutschland abermals um derartige Vermittlungen handelte: "Wir fußen ja auf der kanonischen Wahrheit; dabei wollen wir sterben... Was braucht man ein Gespräch zuzulassen mit jenen, von denen uns ja wohl bekannt ist, was wir von ihnen zu hoffen haben? Wenn der Eva Gespräch mit der Schlange gut ausschlug, so werden auch uns Gespräche mit den Papisten über Vereinbarung Christi und Belials, das ist: des Evangeliums und des Pabstthums gut ausschlagen. Dahin aber zielte das ängstliche Streben gewisser Leute nach Vereinbarung. Die Unseren sind hoch bekümmert, indem sie besorgen, durch das Vermitteln werden die getrennt, die zuvor eins waren... Darum wird es große Verfolgungen geben. Gott verleihe der einfachen Wahrheit den Sieg! Amen." "Was kann für eine Eintracht sein zwischen Licht und Finsterniß?", schreibt er zur nämlichen Zeit an Grynäus.

Es wurden auf einem Convente in Frankfurt am Main im April 1539 zum Behufe weiterer Verhandlungen Artikel aufgestellt, die von Straßburg durch den Rath zu Basel insgeheim auch dem Rathe in Zürich mitgetheilt wurden. Es

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konnte in Frage kommen, ob auch die schweizerisch reformirten Stände zu ihrer eigenen Sicherheit durch Abgeordnete daran Theil nehmen sollten, um dereinst auch in den davon zu erwartenden allgemeinen Religionsfrieden eingeschlossen zu werden. Bullinger sah sich dadurch veranlaßt für den Rath in Zürich sein Gutachten hierüber aufzuzeichnen. Er faßt seine Bedenken folgender Maßen kurz zusammen: "Mißlich ist es, bei denen Frieden zu suchen, die Gott und seinem Worte zuwider sind; denn 1) denken sie darauf, den Frieden zu ihrem Vortheil zu machen und zu unserem Nachtheil. 2) Sie halten ihn nicht länger, als es ihnen gelegen ist und wohl kommt. Auch ist es 3) ein gewisses Zeichen des Mißtrauens gegen Gott. Wenn man wahrhaft glaubte, die Sache sei Gottes und er könne sie auch wider alle Welt wohl schirmen, so würde man darnach vornehmlich trachten, wie man mit Gott einen Frieden machte. Er mag aller Welt Herz zu Frieden und Krieg bewegen. Wir wollen nicht mehr sehen auf die Zusage unserer Feinde, als auf die Verheißung Gottes. Nicht daß man um deswillen Gott versuchen solle, wofern ein zuträglicher Friede angeboten würde, wohl aber ist dabei große Behutsamkeit vonnöthen."

Auch die zum voraus getroffene Bestimmung, man wolle keine hartnäckigen und keifigen (zänkischen) Leute zu dem Gespräch berufen, mißfiel Bullingern. "Auf gut Deutsch heißt das: keine tapfern, festen, beharrlichen Männer! Die sollen zu Hause bleiben, weil kein Theil von seiner Sache ganz weichen kann und man dann Mittel und Weg suchen will, aus beiderlei Glauben ein Mittelding zu machen, das beiden Theilen leidenlich sei. Das aber kann und mag nicht sein; denn unsere Gegenpartei hält unseren Glauben und Lehre für ketzerisch bis auf den heutigen Tag; wir haben den ihrigen für das Antichristenthum erklärt. Dieses können und dürfen wir nicht annehmen; sie werden unsere Ketzerei auch nicht annehmen wollen. Was will man also die Welt in einen Wahn der Einigung bringen, da doch keine Ausgleichung möglich ist. Es ist um den Glauben nicht ein Ding wie um andere Sachen, die man durch Vor- und Nachgeben beilegen mag. Es geht hier nicht an, daß man's heute so mache, morgen anders." Er zeigt dann, wie gerade ein solcher nothwendiger Weise jedenfalls doppelsinniger und schief gestellter Vergleich nur Verwirrung und Mißtrauen unter den Evangelischen erwecken und die Gegner nicht gewinnen würde. "Wissen doch Alle, was ihre vermeinten Geistlichen für Leute sind und wie sie gesinnt sind gegen Gott und die Wahrheit, wider alle Ehrbarkeit, wie sie mit Abgötterei, Gotteslästerung, Unzucht, Ehebruch, Gottesräuberei und großem Blutvergießen und andern wüsten Lastern also überladen sind, daß sie billig von Christgläubigen nicht sollten der Ehren werth geachtet werden, daß man sich mit ihnen in gemeinen Händeln, geschweige denn in so göttlichen Dingen einlasse...... Die Apostel haben sich auch nirgends darauf eingelassen Vergleiche zu treffen mit den widerspenstigen Pfaffen. Die aber,

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welche durch die gesunde Lehre in die Kirche gezogen wurden, haben alsdann mit ihrem Ernst und Fleiß das Beste gethan; sie haben mit Lehre und Gebet Andere zu sich gezogen und dann Gott walten lassen. Dies ist auch die rechte Weise das Reich Gottes zu erweitern. So hat auch die deutsche Nation Christum angenommen und nicht durch solche Vergleiche. Gott wird uns wohl auch ohne solche erhalten mögen!" Man sollte nur "weniger Menschenfurcht hegen, dagegen feste Zuversicht auf Gott setzen."

Ganz anders erschienen Bullingern die Artikel, welche im folgenden Jahre (1540), als Grundlage für das Religionsgespräch in Hagenau evangelischerseits aufgestellt wurden. "Nie haben mir die Rathschläge der niederdeutschen Protestanten besser gefallen, schreibt er an Vadian; nie sind sie uns näher gekommen (rücksichtlich der Haltung gegenüber dem Kaiser und Pabste). Gott sei Lob und Ehre; ihn wollen wir bitten, daß er kräftige, was er in ihnen angefangen!" Doch lehnte man das Ansuchen der Basler, einige Gelehrte nach Straßburg abzuordnen, auch jetzt freundlich ab, da Bullinger davon sich mehr Schaden als Nutzen versprach.

Als im nachherigen Jahre, 1541, die Lage der Dinge sich noch günstiger gestaltete und jener merkwürdige Augenblick eintrat, da eine wirkliche Annäherung von Seiten Roms eingetreten schien, der Cardinal Contarini als päbstlicher Legat auf dem Religionsgespräche in Worms und in Regensburg (Januar bis Mai 1541) dem protestantischen Grundsatze der Rechtfertigung durch den Glauben beitrat, da versichert Bullinger seinen A. Blaarer ebenfalls, "niemand von den Zürchern spöttle über die Bemühungen der lieben Brüder, noch mißfalle ihnen die Wormser Verhandlung. Jm Gegentheil beten wir für die kämpfenden Glaubensbrüder, da ihr Wohl und Weh mit unserm Heil oder Unheil innig verknüpft ist." Doch die Sache zerschlug sich; die aufgestellten Vergleichsartikel wurden von beiden Theilen verworfen und mit Recht. "Uebrigens gefällt mir das Bedenken der sächsischen Theologen über die Artikel von Regensburg, schreibt daher Bullinger an eben denselben; überaus gefällt mir's, daß sie endlich sich losgemacht haben von jenem verworrenen Vergleiche und nun erkennen, daß weit mehr Zwistigkeit als rechte Einigkeit daraus entstände. Gott sei Lob und Preis!"

Nun aber war auch der Bruch entschieden. Was späterhin, selbst 1546 noch von dergleichen Vergleichsverhandlungen angeordnet ward, so lange der Kaiser Zeit gewinnen und die Protestanten hinhalten wollte, erklärte Bullinger sofort für Blendwerk und Künstelei; daß Butzer sich immer noch täuschen und gebrauchen ließ, mißfiel ihm aufs äußerste; er mißbilligte es scharf. Er wußte sich darin ganz eins mit Luther: "Jch lobe Luther im Tode noch dafür, schreibt er im April 1546, daß er diese vergeblichen Religionsgespräche nie billigte."

Deshalb war aber auch der deutsche Religionskrieg unvermeidlich, der

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unter dem Namen des schmalkaldischen bekannt ist und auch Bullinger mannigfach in Anspruch nahm.

Blicken wir vorerst näher auf

80. Bullingers weitere Beziehungen zu Deutschland.

Begreiflich stand Bullinger denn doch zu keinem andern Theile des Auslandes in so mannigfaltigen Lebensbeziehungen wie zu Deutschland. Zwar hatte die Schweiz seit dem heftigen Kriege mit dem schwäbischen Bunde, den sie (1499) siegreich bestanden, vom deutschen Reiche sich wesentlich abgelöst; sie lieferte keine Truppen zum Reichsheere, gab keine Reichssteuer und hatte mit dem Reichskammergerichte nichts zu schaffen; als bloße Form blieb noch eine Zeit lang die Begrüßung des Kaisers bei seinem Amtsantritte und seine Bestätigung ihrer Rechte. Dennoch fühlte Bullinger sich eins mit der deutschen Nation; bei den verschiedensten Anlässen spricht er: "wir Deutschen."

Schon bei den Nachwehen des Kappelerkriegs und bei der confessionellen Entwicklung haben wir gesehen, wie der briefliche und persönliche Verkehr, namentlich mit dem Elsaß und Schwaben, ein fast ununterbrochener war, insbesonders mit den beiden Reichsstädten Straßburg und Konstanz. Zu Anfang von Bullingers Amtsführung stand das weit und breit viel geltende Straßburg mit Zürich im innigsten Verhältnisse. Durch die Vorgänge von 1537 und 38 trat darin eine gewisse Erkältung ein, da die Schweizer zu Butzers doppelsinnigen Redeweisen betreffend das Abendmal sich keineswegs verstehen mochten. Das eilfertige Streben nach Vereinbarung mit den Fernen brachte, wie Bullinger so oft voraus gesagt, Entfremdung zwischen die Nahen, die alten guten