Leben und ausgewählte Schriften der Väter und Begründer der reformirten Kirche.

Herausgegeben von Dr. J. W. Baum, Professor in Straßburg, R. Christoffel, Pfarrer in Wintersingen, Dr. K. R. Hagenbach, Professor in Basel, C. Pestalozzi, Pfarrer in Zürich, Dr. C. Schmidt, Professor in Straßburg, Lic. E. Stähelin, Pfarrer in Rheinfelden, Lic. K. Sudhoff, Pfarrer in Frankfurt a. M.

Eingeleitet von Dr. K. R. Hagenbach.

V. Theil: Heinrich Bullinger.

Elberfeld. Verlag von R. L. Friderichs. 1858.


Heinrich Bullinger.

Leben und ausgewählte Schriften.

Nach handschriftlichen und gleichzeitigen Quellen
von Carl Pestalozzi.

Elberfeld. Verlag von R. L. Friderichs. 1858.

Druck von B.G.Teubner in Leipzig

Vorwort.

Heinrich Bullinger ist so ganz ein Mann der Gemeinde, ein christlicher Volksmann im edelsten Sinne des Wortes, daß da, wo „die Väter und Begründer der reformirten Kirche“ für die gesammte evangelische Gemeinde dargestellt werden, seinem reichen Wirken wohl mit Recht ein ziemlich ausgedehnter Raum gewährt wird. Während Zwingli's geniale Triebkraft zur Erneuerung der entstellten Kirche den Anstoß geben mußte, ward Bullinger das geeignete Werkzeug in der Hand des Herrn, um das Errungene mit Festigkeit zu bewahren, das Angefangene mit Beharrlichkeit und unerschütterlichem Muthe durchzuführen und zu vollenden. Daher steht Bullinger unseren gegenwärtigen Verhältnissen weit näher. Jst anerkannter Maßen eine gesunde, kernhafte Frömmigkeit unserer Zeit vorzüglich vonnöthen, so mag sein fester und durch die Treue am Gottesworte zugleich so freier Charakter mit seiner Klarheit und Milde erquickend in die Herzen evangelischer Christen jetziger Zeit hinein leuchten, um Suchenden zur Förderung im Christlichen Leben zu dienen, wohl auch hie und da einen Arbeiter im Dienste des Herrn zu ermuthigen, sowie jede Mußestunde, welche ich auf genauere Erforschung seines Lebens und Wirkens verwandte, mir zur Stärkung wurde auch für die schweren Aufgaben des Amtes.

Um jedem Leser die Uebersicht zu erleichtern, sind die Abschnitte der Lebensbeschreibung in kleinere Abtheilungen gebracht worden. Durchgehends habe ich mich bestrebt, Bullinger sich selbst, sein Leben und seine vielbewegte Zeit möglichst durch seine eigenen Worte darstellen zu lassen, meine Gedanken und Betrachtungen aber zurück

VI

zu halten. Mußte auch auf starke Gegensätze eingetreten werden, besonders in solchen Punkten, welche jetzt noch das Jnteresse der Gemeinde in Anspruch nehmen, so mag man es immerhin der Darstellung abfühlen, daß sie von dem Geiste beseelt ist, dem die Gegensätze weder das Erste noch das Letzte, weder das Höchste noch das Tiefste sind, der vielmehr über Allem und in Allem, worin menschliche Schwachheit offenbar wird, das Eine Nothwendige sucht.

Aus der großen Menge solcher Schriften Bullingers, die zur Mittheilung an die Gemeinde geeignet erschienen, sind die hier beigegebenen mit Sorgfalt wirklich ausgewählt worden. Herzlichen Dank allen Befreundeten, die mich auf mancherlei Weise bereitwillig förderten, insbesondere dem werthen Amtsgefährten auf dem Lande, der die Güte hatte, die hier mitgetheilten Schriften Bullingers (mit Ausnahme der Briefe an seinen Sohn) ins Neudeutsche überzutragen, worauf sie noch von mir durchgesehen wurden.

Das kurze Lebensbild Leo Juds, welches dem anfänglichen Plane zufolge diesem Bande beigefügt werden sollte, wird nun bei der ohnehin größeren Ausdehnung dieses Bandes im letzten (oder Supplement=)Bande neben den Lebensskizzen mehrerer andern reformatorischen Männer seine passende Stelle finden.

Für Solche, die nach Quellenbenutzung und wissenschaftlicher Begründung fragen, ist die Beigabe am Schlusse.

Möge der Herr der Kirche dem Werke seinen Segen geben!

Zürich, 11. Oktober 1858.

C. Pestalozzi,

Pfarrer.


Inhaltsverzeichniß.

Lebensbeschreibung

Erstes Buch.

Die Zeit der Vorbereitung von 1504-1531.

Erster Abschnitt. Bullingers Bildungszeit. 1504-1522.

1. Heimath und Vaterhaus                                                                     3
2. Bullingers Kindheit                                                                            9
3. Die Schule zu Emmerich; die Brüderschaft des gemeinsamen Lebens      10
4. Die Hochschule zu Köln                                                                  13
5. Das stille Jahr                                                                                   19

Zweiter Abschnitt. Das Schulamt in Kappel. 1523-1529.

6. Bullingers Anstellung. Die Schule                                                20
7. Die ersten Gefahren                                                                         23
8. Bullingers Befreundung mit Zwingli                                             25
9. Anfänge von Bullingers schriftstellerischer Tätigkeit. Die Geltung der heiligen Schrift                                                                                                        27
10. Von der wahren Hirtentreue                                                        31
11. Der Kampf wider die Messe für das heilige Abendmal          36
12. Der Kampf gegen die Wiedertäufer                                            40
13. Das wahre Prophetenthum                                                          43
14. Der Ketzername. Die Rettung des Vaterlandes durch das Evangelium     46
15. Umwandlung des Klosters Kappel; Klostergut und Armenpflege. Ein Halbjahr in Zürich. Disputation in Bern. Das erste Predigtamt      49
16. Bullingers Verlobung. Sein Bewerbungsschreiben. Vom Nonnenleben   53

Dritter Abschnitt. Das Pfarramt in Bremgarten. 1529-1531.

17. Des Vaters Verstoßung; des Sohnes Berufung. Anfang des Krieges        55
18. Das Wirken in Bremgarten. Einladung nach Marburg. Des Vaters Wiederkehr. Bestreitung der Wiedertäufer                                        59
19. Neue Entzweiung der Eidgenossen. Die Vermittlungen. Zwingli's Lebewohl. Bullingers Friedenspredigten                                                              63
20. Die Kriegeszeit. Bremgartens Drangsal. Die Flucht aus der Heimat 65

Zweites Buch.
Bullinger als Vorsteher der zürcherischen Kirche. Sein Leben und Wirken von 1531 bis gegen die Mitte des Jahrhunderts.

Erster Abschnitt. Die Zeit des Schwankens und des Ringens um die Aufrechthaltung der evangelischen Kirche in Zürich.

21. Zürichs Elend. Bullingers Fassung                                            68

VIII

22. Bullingers Berufung. Die Wahl. Die Gefährdung des freien Wortes  71
23. Bullingers Vertheidigung der freien Predigt des Gotteswortes         74
24. Der günstige Erfolg                                                                       76
25. Das neue Amt                                                                                  79
26. Nachwehen der Schlacht bei Kappel                                         81
27. Bullingers Vertheidigung Zwingli's und des Evangeliums   84
28. Bullingers Zurechtweisung Fabers                                            88
29. Das Unheil des Friedens                                                              91
30. Die Kirchenzucht im christlichen Staate                                   94
31. Das Mandat vom Mai 1532                                                         100
32. Leo Judä's scharfe Predigt. Juni 1532                                    103
33. Anklage gegen Leo Judä. Seine und Bullingers Verantwortung
                                                                                                                  106
34. Anklage gegen Bullinger. Seine Rechtfertigung                   109
35. Der Angriff um des Mandates willen. Vergleich                    112
36. Genehmigung des Vergleiches. Ansuchen an die Synode 116
37. Bullinger als Friedensstifter unter den evangelischen Ständen       
                                                                                                                  119

Zweiter Abschnitt. Kirchliche Gestaltung. Bullingers Wirksamkeit zum Ausbau und zur Leitung der zürcherischen Kirche und Schule.

38. Rettung des Stiftes zum Großmünster                                    122
39. Bullingers Förderung der zürcherischen Schulanstalten  125
40. Bullingers Sorge für Stipendien                                               128
41. Bullingers Verkehr mit den Studierenden im Ausland        130
42. Bullingers Predigerordnung. Prüfung und Wahl der Geistlichen
                                                                                                                  132
43. Fortsetzung: Verrichtungen und Wandel der Geistlichen  135
44. Bullingers Synodalordnung                                                      138
45. Bullingers Handhabung der Prediger- und Synodalordnung. Censuren und übrige Synodalverhandlungen                                                          140
46. Bullingers anderweitige Kirchenleitung. Behandlung der Sekten
                                                                                                                  144

Dritter Abschnitt. Bullingers Pfarramt.

47. Bullinger als Prediger                                                                 150
48. Bullinger als Seelsorger. Seine Mildthätigkeit                      153
49. Fortsetzung: Bullingers Seelsorge bei Kranken, bei Gefangenen, bei Rathsuchenden                                                                                     155

Vierter Abschnitt. Confessionelle Entwicklung. Bullingers Mitwirkung zur Bildung des kirchlichen Bekenntnisses.

50. Anregungen zum Bekenntniß                                                   158
51. Ausgangspunkt. Die beiden Sendbriefe, 1532                      162
52. Die Vermittler                                                                                168
53. Butzer in Zürich, 1533                                                                 171
54. Bullingers Verhalten zu Württemberg, 1534                          174
55. Bullingers Entgegenkommen                                                   178
56. Capito in Zürich, 1535. Besprechung in Aarau                      181
57. Erste schweizerische Confession, in Basel,
         Februar 1536                                                                                 183
58. Herausgabe von Zwingli's letzter Schrift. Genehmigung der Confession, März 1536                                                                                               187
59. Einladung nach Eisenach. Wittenberger Artikel, Mai 1536 190
60. Butzers Ausbeutung. Anfrage an Luther, November 1536 193
61. Erläuterung der schweizerischen Confession                      195

IX

62. Aufnahme der Zuschrift an Luther. Butzer in Bern, September 1537. Sein Schreiben an Luther                                                                             198
63. Luthers Antwort, Dezember 1537. Jhre Aufnahme bei Bullinger, Januar 1538                                                                                                                  203
64. Conferenz in Zürich, Mai 1538. Bullingers brieflicher Verkehr mit Luther 207
65. Friedenshoffnung. Bullingers Schreiben an Luther und an Melanchthon, September 1538                                                                                    210
66. Neue Feindseligkeiten Luthers. Bullingers Geduld              215
67. Bullingers fortdauerndes Freundesverhältniß zu Melanchthon
                                                                                                                  218
68. Neue Angriffe, 1544. Herausgabe von Zwingli's Werken, 1545
                                                                                                                  221
69. Luthers letzter Anfall. Dessen Eindruck                                 224
70. Das Zürcher Bekenntniß, März 1545                                       229
71. Erfolg der zürcherischen Vertheidigungsschrift                  234
72. Bullinger bei Luthers Tode. Rechtfertigung der Zürcher    237

Fünfter Abschnitt. Bullingers anderweitige Beziehungen zum Auslande.

73. Die (jetzige) französische Schweiz. Bullingers Verkehr mit Calvin    243
74. Bullingers Verwendung für Farel in Neuenburg                   247
75. Bullingers Anstrengungen gegenüber Frankreich. Reislaufen
                                                                                                                  250
76. Bullingers Verkehr mit England                                               255
77. Bullingers Beziehungen zu den Evangelischen Jtaliens    258
78. Bullingers Verhalten zu dem erwarteten päbstlichen Concil 266
79. Bullingers Stellung zu vermittelnden Religionsgesprächen mit den römisch Katholischen                                                                                          272
80. Bullingers weitere Beziehungen zu Deutschland                 276
81. Bullinger während des schmalkaldischen Krieges             279
82. Bullingers Sorge für Johannes Haller in Augsburg             285
83. Bullingers Bemühungen für Konstanz                                   289
84. Bullinger in den Gefahren des Vaterlandes                           292
85. Bullingers Fürsorge für die flüchtigen deutschen Glaubensbrüder 296

Sechster Abschnitt. Bullingers schriftstellerisches Wirken.

86. Bullingers Gelegenheitsschriften                                            300
87. Bullingers Schriftauslegung                                                     305
88. Bullingers eigenes Urtheil über seine Schriftwerke. Jhre Verbreitung      309
Siebenter Abschnitt. Bullingers persönliches, häusliches und geselliges Leben.
89. Bullingers inneres und häusliches Leben                             312
90. Bullingers Gesundheit, Erholung, Reisen, Freunde unter seinen zürcherischen Amtsbrüdern                                                              317
91. Bullingers Freunde unter Zürichs Staatsmännern und auswärts. Seine Welterfahrung                                                                                        323

Drittes Buch.

Bullinger als Vorsteher der Zürcherischen Kirche. Sein Leben und Wirken von der Mitte des Jahrhunderts bis 1575.

92. Uebergang                                                                                     329

Erster Abschnitt. Bullingers fortgesetzte Wirksamkeit innerhalb der zürcherischen Kirche.

93. Bullinger als Leiter der zürcherischen Synode. Ueber Preßfreiheit  330

X

94. Fortsetzung. Bullinger in Betreff des Kirchengutes            335
95. Bullingers fortgehende Sorge für das Armenwesen und die Schulanstalten                                                                                                                  340
96. Bullingers Freude an den Früchten der Zürcher Schule, und weitere Sorge für die Studierenden                                                                             344
97. Bullingers fernere Wirksamkeit im Pfarramt. Seelsorge     348

Zweiter Abschnitt. Bullingers Beziehungen zu der übrigen Schweiz.

98. Spannung zwischen den Confessionen. Bullingers enge Verbindung mit Bern und Bünden                                                                                  352
99. Bullingers Wirksamkeit für die evangelische Gemeinde in Locarno 359
100. Fortsetzung. Bullingers Mühen bei dem Entscheide über die Locarner und nach ihrer Vertreibung                                                                        364
101. Bullingers Verhalten bei den zunehmenden Reibungen mit den römisch-katholischen Orten                                                                               369

Dritter Abschnitt. Confessionelle Entwicklung. Bullingers weiteres Mitwirken zur Bildung des kirchlichen Bekenntnisses.

102. Allgemeines. Vorbereitungen zum Zürcher Consens       373
103. Bullingers Schrift von den Sakramenten. Brieflicher Verkehr darüber. Abschluß des Zürcher Consensus, 1549                                        378
104. Annahme und Verbreitung des Consensus                        383
105. Bullinger und Calvin gegenüber den Angriffen Westphals und Anderer 387
106. Bullingers Verhalten in Bezug auf Verhandlungen, zumal Religionsgespräche mit den Lutheranern                                       392
107. Bullingers Stellung zum Religionsgespräche in Worms, 1557
                                                                                                                  398
108. Fortsetzung. Weitere Erörterungen in Folge des Wormser Gespräches 402
109. Fortsetzung, betreffend Conferenzen mit den Lutheranern 1558-1560   409
110. Bullingers Verkehr mit der Pfalz unter Churfürst Friedrich III. Uebersendung der (zweiten) helvetischen Confession, December 1565  413
111. Die zweite schweizerische Confession, herausgegeben 1566
                                                                                                                  417

Vierter Abschnitt. Bullingers anderweitige Beziehungen zum Auslande.

112. Bullingers übriger Verkehr mit Calvin und der (jetzigen) französischen Schweiz                                                                                                   422
113. Fortsetzung. Bullinger über den Kirchenbann (1553) und Genfs Bündniß mit Bern                                                                                                   429
114. Bullingers Verkehr mit Frankreich                                        433
115. Bullingers Verhältniß zu England                                          441
116. Bullingers Verkehr mit Jtalien und Jtalienern, auch mit Polen        
                                                                                                                  449
117. Bullingers fortgesetzter Verkehr mit Deutschland, zumal mit Straßburg, Friesland, Württemberg                                                                       458
118. Fortsetzung. Thamer. Die Exkommunikation in der Pfalz. Graf Sayn      461

Fünfter Abschnitt. Schriftstellerisches.

119. Predigtsammlungen, Geschichtswerke usw.                      469

Sechster Abschnitt. Bullingers persönliches, häusliches und geselliges Leben, sein höheres Alter und sein Sterben.

XI

120. Jnneres Leben. Geschäfte, Briefwechsel, Besuche          473
121. Hauswesen und häusliches Leben. Verwandte und Freunde. Erholungen                                                                                                                  478
122. Bullingers Krankenlager und häusliche Trauer                 485
123. Der Lebensabend                                                                      491
124. Das Ziel                                                                                        495
125. Schlußwort                                                                                  499

Ausgewählte Schriften.

A. Handbuch oder Summa christlicher Religion. 1556.

I. Von dem Glauben und der Predigt des heiligen Evangeliums.

Kapitel 1. Daß der Rechtgläubige Christum empfinde und in Christo lebe      505
Kapitel 2. Von der Ordnung Gottes, wie der Glaube gegeben, gepflanzt, gemehrt und erhalten werde                                                                               506
Kapitel 3. Von den Dienern Christi und der Kirche und von ihrem Amte         509
Kapitel 4. Was man von den Dienern der Kirche halten solle   510

II. Vom Gebete der Gläubigen.

Kapitel 5. Daß man beten solle und daß der Gläubigen Gebet nicht vergeblich und unnütz sei                                                                                       512
Kapitel 6. Daß Gott Jesum Christum im Himmel allein zum Mittler und Fürbitter gesetzt habe                                                                                           514
Kapitel 7. Daß Christus alle Sünder zu sich rufe und ihnen alle Gnaden und alles Gute anbiete                                                                                 515

III. Von den heiligen Sakramenten.

Kapitel 8. Daß sie zu der Predigt des heiligen Evangeliums hinzu gethan und von dem Herrn selbst eingesetzt seien                                            516
Kapitel 9. Wie die Sakramente geheiligt oder gesegnet und verwandelt werden                                                                                                                  518
Kapitel 10. Warum das Nachtmal von Christo auf solche Weise eingesetzt worden sei, und wie der Leib Christi gegessen werde                 519

IV. Vom Tode.

Kapitel 11. Daß der Mensch den Tod allezeit vor Augen haben soll
                                                                                                                  523

B. Anleitung für die, so wegen unseres Herrn Jesu Christi und seines heiligen Evangeliums ihres Glaubens halben erforscht und mit allerlei Fragen versucht werden. 1559.

I. Von der heiligen christlichen und römischen Kirche.
Frage 1. Woran die wahre christliche Kirche erkannt werden möge?    526
Frage 2. Ob die römische Kirche die rechte katholische Kirche sei?
                                                                                                                  529
Frage 3. Wo denn die wahre allgemeine christliche Kirche bisher gewesen und noch zu finden sei?                                                                              531
Frage 4. Ob außerhalb der römischen Kirche weder Heil noch Vergebung der Sünden sei? und ob Alle, die sich vorsätzlich von ihr absondern, für Ketzer und Abtrünnige zu halten seien?                                                               533

 

XII

 

II. Von dem freien Willen des Menschen.

Frage 5. Ob ein Mensch zum Guten und zum Argen einen freien Willen habe?                                                                                                                  539

III. Von Glauben, Hoffnung, Liebe und guten Werken.

Frage 6. Ob die drei Tugenden, Glaube, Hoffnung und Liebe nur Eines und ebendasselbe oder in der heiligen Schrift unterschiedene Tugenden seien, und besonders, ob eine ohne die andere sein könne?                        541
Frage 7. Ob der Mensch vor Gott gerecht und fromm werde allein durch den Glauben an Christum oder auch durch die guten Werke?
                                                                                                                  542
Frage 8. Ob der Maria Magdalena jhre Sünde darum verziehen worden sei, weil sie große Liebe zu Christo gehabt?                                                  545

IV. Von dem Meßopfer.

Frage 9. Ob sie den wahren Leib und das Blut Christi in dem Sakramente des Altars für ein wahres und Gott angenehmes Opfer halten, das in der christlichen Kirche im Amt der heiligen Messe für Lebende und Todte unaufhörlich zu opfern sei, bis Christus zum Gerichte kommen wird?                               546

C. Von dem Nachtmal des Herrn, von der Vorbereitung zu demselben, von Schwäche und Wachsthum des Glaubens. Zuschrift an Frau Anna Roist                                  550

D. Von rechter Hülfe und Errettung in Nöthen. Eine Predigt aus dem heiligen Evangelio Matthäi dem 14. Kap., gehalten in Zürich am 12. Juli 1552                                                       560

E. Denkmale von Bullingers Lebenswege.

I. Bullingers Brautwerbungsschreiben an Anna Adlischweiler, vom Jahre 1527                                                                                                                  580
II. Bullingers väterliche Vorschriften oder Anweisung für seinen Sohn Heinrich bei dessen Abgang in die Fremde. 1553                                          588
III. Briefe Bullingers an seinen Sohn Heinrich                             594
IV. Bullingers Testament oder letzter Wille an seine Herren und Obern von Zürich. 1575                                                                                            618
Nachweise und Bemerkungen                                                        623

 

Lebensbeschreibung.

Erstes Buch.

Die Zeit der Vorbereitung. 1504-1531.

Erster Abschnitt.

Bullingers Bildungszeit. 1504-1522.

1. Heimath und Vaterhaus.

Vier Stunden von Zürich auf einer Anhöhe an der Reuß liegt die kleine Stadt Bremgarten. Hier wurde am 28. Juli 1504, Morgens drei Uhr, dem Dekan Bullinger ein Knäblein geboren, das in der heil. Taufe den Namen Heinrich erhielt und das von Gott dazu erkoren war, dereinst Zwingli's Nachfolger zu werden.

Viel tausend verborgene Fäden sind es, durch die ein jeder von uns mit seiner heimathlichen Stätte verbunden ist und bewußt oder unbewußt mit seinen Ahnen zusammen hängt; so manche Anlagen, Neigungen und Stimmungen, die im Fortgang seines Daseins unter den mannigfachen Einwirkungen des Lebens bei ihm hervortreten, haben hier ihre Wurzel. Werfen wir daher zuerst einige Blicke auf Bullingers Heimath und Herkunft; er selbst soll dabei unser Führer sein.

Bremgarten sammt den umliegenden „freien Aemtern“ und der angränzenden Grafschaft Baden, jetzt zum Kanton Aargau gehörig, stand damals unter sieben von den acht alten Orten (Kantonen) der Eidgenossenschaft, welche 1415 auf Befehl der Kirchenversammlung zu Konstanz diese Landstriche erobert hatten und sie nun abwechselnd durch Landvögte regierten, deren Herrschersitz die zwei Stunden von Bremgarten entfernte, altberühmte Stadt Baden war. Gerade dieses Verhältniß führte öftere Tagsatzungen, d. h. Zusammenkünfte von Abgeordneten der betreffenden Kantone mit sich und unterhielt einen steten Verkehr dieser Ortschaften mit ihren Oberherren. Dabei erfreuten sich übrigens die Beherrschten ihrer vielfältigen alten Rechte und Freiheiten in

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reichlichem Maße, wie sie denn auch an all den häufigen Kriegszügen jener Zeiten gleich den übrigen Eidgenossen sich betheiligten.

Was nun das Geschlecht der Bullinger anbetrifft, so war dasselbe schon seit mehr als zweihundert Jahren in Bremgarten eingebürgert; viele der angesehensten Männer geistlichen und weltlichen Standes gingen daraus hervor. Zur Erhöhung des Glanzes der Familie trug aber noch Folgendes bei. Jm „alten Züricherkriege“, den alle Eidgenossen acht Jahre lang (bis 1444) gegen Zürich führten, schloss Ulrich Bullinger, der Urgroßvater unsers Berichterstatters, sammt dem Schultheißen sich so innig an Zürich an und hielt sich während der deshalb eintretenden gemeinsamen Verbannung so treulich und dienstfertig gegen den Schultheiß, daß dieser aus Dankbarkeit seine einzige Tochter mit Ulrichs einzigem Sohne Hans Bullinger vermählte, wodurch Letzterer zu einem für jene Zeit ansehnlichen Vermögen gelangte. Dieser Hans Bullinger trieb daher weder Gewerbe noch Handwerk, sondern lebte von seinen Renten und vergnügte sich, wie damals die Begüterten zu thun pflegten, vielfältig mit dem edeln Waidwerke, hatte deshalb auch viel Verkehr mit vornehmen Leuten, denen er vom erjagten Wildpret zusandte, zumal mit denen vom Adel, die ihn als einen guten Jagdgesellen liebten; „um Bremgarten her war's nämlich zu jener Zeit noch nicht so ausgerodet und angebaut wie jetzt, sondern wild mit vielem Gehölze und Wäldern, darin viel Gewild, hohes und niederes“.

Sein ältester Sohn Heinrich, geboren 1469, ist nun der Dekan Bullinger, der Vater unsers Reformators. Da in seinem Lebenslaufe, eben weil er sich dem Priesterstande widmete, sich die verschiedenen praktischen Hauptschäden des damaligen Kirchenthums recht kräftig spiegeln, ist es für uns der Mühe werth, einige Augenblicke bei ihm zu verweilen. Mußten doch ohne anders eben auch seine Erlebnisse unter höherer Fügung dazu mitwirken, dereinst den Sohn und durch ihn den Vater den Armen der verdorbenen Kirche zu entreißen.

Um sich zum Priester zu bilden, zog er in seiner Jugend nach der damaligen für Viele so verderblichen Sitte den Schulen nach „durch Meißen, Sachsen, Thüringen, Franken und Schwaben oft in großem Mangel“. Nach der Rückkehr bestand er seine Prüfung aufs Beste, empfing die Priesterweihe und versah zunächst Helfereien und Kaplaneien zu Konstanz und Arbon am Bodensee, zu Schwyz und zu Wädensweil am Zürchersee, war bei Jedermann beliebt und ungern entlassen; „denn er war ein recht schöner, freundlicher, geschickter und dienstiger Mann“. Als er endlich nach Bremgarten zurückgekehrt war und noch einige Jahre lang sich mit einer untergeordneten Pfründe beholfen hatte, wählten ihn 1506 die Räthe der Stadt sammt der ganzen Gemeinde zum Stadtpfarrer oder Leutpriester, welches Amt er dreiundzwanzig Jahre lang bekleidete.

Was aber seine Rückkehr nach Bremgarten so lange verzögerte und uns einen tiefen Blick thun läßt in die damaligen Zustände, ist Folgendes. Bald

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nachdem er Priester geworden, nahm er Anna Wiederkehr, die hübsche, häusliche und kräftige Tochter eines wohlhabenden Müllers und Rathsgliedes zu Bremgarten, zum Weibe. Es war kein leichtsinniges oder unstetes Verhältniß, sondern ewige, eheliche Treue beidseitig von Anfang ernstlich und ehrlich versprochen; insoweit war's eine vollgültige Ehe, zumal nach römisch-katholischer Lehre fehlte keines von den wesentlichen Merkmalen dieses (angeblichen) „Sakramentes“. Eine solche Verbindung lag auch so sehr in den Sitten der damaligen Weltgeistlichkeit, daß gerade die ernsteren und reineren unter den Priestern durchgängig in ein solches gebundenes Verhältniß traten, die schlechteren dagegen der Zügellosigkeit zulieb der Ungebundenheit huldigen. Zudem kam, daß in schweizerischen Landen manche Gemeinden, um den weiblichen Theil der Gemeinde eher geborgen zu wissen, schon längst keinen Seelsorger anstellten, der sich nicht in einer derartigen bleibenden Verbindung befand, ja daß im Bisthum Konstanz eine jährliche Abgabe von vier rheinischen Gulden, die dem Bischof entrichtet wurde, jeden Weltgeistlichen aller weitern Ahndung entledigte (vgl. Christoffel, Zwingli, Abth. 2. S. 337).

Dennoch litt auch dieses für jene Zeit möglichst reine Verhältniß - bis andere bessere Zeiten kamen - an dem unseligen Widerspruche, der in der entarteten römischen Kirche zwischen ihrer unevangelischen Satzung, durch die sie den Priestern das Joch der Ehelosigkeit aufgelegt hatte, und ihrer eigenen bodenlos laxen Praxis bestand. Nicht daß hier die eheliche Treue gewankt hätte; vielmehr hielt sie allen Stürmen Stand; nie war ein ehelicher Bund fester und unverbrüchlicher.

Aber bitter war für den jungen Priester der heftige Widerspruch, auf den seine Verbindung bei dem Vater und den zwei Brüdern seines Weibes stieß. Je lieber ihnen die Tochter und Schwester war, da sie dem Vater gar trefflich haushielt, desto zorniger waren sie. Alle drei heftigen Gemüthes, mächtig an Einfluß, krieggewohnt und voll wilden Kriegsmuthes, drohten sie Bullinger zu tödten, so daß er nirgends vor ihnen sicher war. Er gerieth deshalb auch in einen schweren Rechtshandel, in welchem seine Gegner vom Bischof zu Konstanz an den Erzbischof von Mainz appellirten. Nun, was that er? Er reiste nach Mainz und führte seine Anna mit sich aus dem Lande, damit sie dem Vater und den Brüdern aus den Augen käme. Er gewann den Prozeß und konnte dann, unbeirrt von seinen Obern, unter den Augen seines Bischofs in Konstanz und den übrigen bereits genannten Orten sein Priesteramt verwalten. Doch erst als die Brüder seiner Anna in auswärtigen Kriegen umgekommen waren, wagte er die Vaterstadt wieder zu betreten.

Seine freundlichen Verhältnisse daselbst sowie seinen Haushalt schildert der Sohn (zunächst nur für seine Kinder) in folgenden Zügen:

„Der Gemeinde war er gar angenehm und lieb; denn mit Speise und Tranck, mit Ehrenschenkungen gegen die Armen, ja gegen die ganze Gemeinde war er mildreich, gab große Almosen, so daß er von männiglich Ruhm und

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gar guten Namen hatte. Gegen die Reichen war er ganz freigebig und gastfrei. Sein Haus stand Jedermann offen, so daß es hieß, er halte Hof wie ein gewaltiger Herr. So war auch meine Mutter Anna gar geschickt mit Haushalten, Kochen und Rüsten, und hatte Lust und Freude, der Welt Ehre und Gutes zu erweisen. Den kranken Leuten in der Stadt that sie mit Kochen, Schicken und Besuchen viel Gutes. Viel vornehme Ehrenleute, auch die Gesandten der Eidgenossen, wann sie gen Baden oder anderswohin durch Bremgarten auf die Tagsatzungen ritten, kehrten bei ihm an. Er lud auch gern fremde Ehrenleute und führte sie mit sich heim. - Dieß gewahrten die Gewaltigen der Eidgenossenschaft gar wohl an ihm, hatten ihn lieb und werth und in Ehren, so daß er viel in der Eidgenossenschaft galt. Der Bischof von Konstanz, bei dem er viel vermochte, liebte ihn auch voraus, und wann er nach Mersburg oder Konstanz kam, ward er gar schön empfangen, gar wohl und ehrenvoll vom Bischof und den Seinigen gehalten“.

„Sein Amt in der Kirche und daneben, besonders mit Predigen, richtete er gar treulich aus, ward von der Gemeinde sehr gern gehört, so daß er deshalb allen Ruhm hatte und seinethalben keine Klage war. Was er aber für übrige Zeit hatte, die gebrauchte er zum Waidwerk mit dem hohen und niedern Gewild, Vögeln und Fischen, in dem Allem er einen besondern Ruhm hatte. Seine Jagdgefährten waren Junker Hans von Seengen, Junker Hans-Krieg von Bellikon, die Segesser von Mellingen, der Abt von Muri und viele Ehrenbürger von Zürich. Er verwandte große Kosten darauf, hielt acht bis zwölf Hunde von allerlei Art, Farbe und Größe, da er zu jeder Zeit des Jahres das Waidwerk trieb, das gerade im Gang war. Was er fing, verschenkte er meistentheils, sagte allezeit: „es freue ihn baß (besser) zu fangen, denn zu essen“, hielt dabei viel Ehrengastung. Dem Bischof von Konstantz und andern Herren machte er besonders viele Geschenke mit dem alleredelsten Geflügel, wovon er auch etliches, sowie einige Hunde ins Mailändische verkaufte. - Seine Söhne unterstützte er willig nach allem seinem Vermögen, daß sie bei den Studien bleiben und auf den Schulen lernen könnten. Er sagte allezeit, die Kosten reuen ihn nicht, wenn sie nur etwas lernen.“

Was aber an dem Manne war, wie viele kerngesunde Kraft in ihm verborgen lag, sollte erst unter schwereren Proben zu Tage treten. Zunächst gab Anlaß dazu das Auftreten des Ablaßkrämers Samson, der mit unglaublicher Schamlosigkeit ganz ähnlich wie Tezel in Deutschland wo möglich diesen noch an krasser Frechheit überbietend, nicht bloß für begangene, sondern sogar für künftige Sünden Ablaß feil bot und, obgleich beflissen den innigsten Eifer für der Eidgenossen Seelenheil zur Schau zu tragen, doch durch allzu offenkundige Geldgier vielfach das Gefühl des Volkes verletzte. Nachdem er die Kantone Uri, Schwyz, Zug, Luzern, Unterwalden und Bern mit immer zunehmendem Gepränge durchzogen und ausgesogen, kam er zu Ende Februar 1519 von Baden, wo ihm kraft seiner Gewandtheit Alles nach Wunsch gelungen

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war, nach Bremgarten, und hoffte hier um so mehr auf gute Beute, da er den Schultheiß Honegger und den Prediger Niklaus Christen schon in Baden völlig für sich gewonnen und von ihnen das Versprechen erlangt hatte, ihm in Bremgarten die Kirche zu öffnen. Allein der Dekan Bullinger widersetzte sich mit unerschütterlicher Standhaftigkeit, an der sowohl die Süßigkeit als die Derbheit des Römlings wie an einem Felsen abprallte. Der Dekan stützte sich mit vollem Rechte darauf: Samsons Vollmachtschreiben sei nicht vom Bischof von Konstanz genehmigt; ihm, dem Pfarrer, und keinem Andern stehe es zu, die Kirche dem Ablaßkram zu öffnen oder nicht, er werde nie zugeben, daß man seine ihm anvertraute Gemeinde mit unkräftigen Briefen um das Jhrige bringe.

Samson versetzte (laut Bullingers Chronik): Päbstliche Heiligkeit ist über bischöfliche Würde. Darum gebiete ich dir, in höchster Kraft, daß du die große Gnade deinem Volk nicht abwendest.

Der Dekan: Herr, ich werde das nicht thun; ich will von euch sammt euren Briefen und Ablaß in meiner Kirche nichts wissen, und sollt' es mich mein Leben kosten!

Samson, glühend vor Zorn: Dieweil du, Bestie, dich so freventlich dem heiligen Stuhl zu Rom widersetzest und dich auflehnst wider deine ordentliche Obrigkeit, so thue ich dich in höchsten Bann. Du sollst auch deß nicht entledigt werden, du habest denn zuvor dreihundert Dukaten zu rechter Buße deines unerhörten Frevels baar bezahlt.

Der Dekan drehte ihm den Rücken und gab zur Antwort: Jch getraue mich, was ich gethan, wohl und ehrlich an den Orten, wo es sich gebührt, zu verantworten. Darum frag' ich dir und deinem Banne nichts nach.

Samson: Jch sage dir, du freche Bestie, nächstens reise ich nach Zürich und will dich dort vor den versammelten Eidgenossen verklagen; denn größere Schmach und Verachtung wie von dir, du Bestie, ist mir in der ganzen Eidgenossenschaft und überall nie widerfahren!

Der Dekan: Jch darf auch vor meine Herren, die Eidgenossen, kommen, und dort vor ihnen wirst du mich gewiß finden!

So war Bullingers Vater. - Die Sache nahm übrigens für ihn einen glücklichen Ausgang, da in Zürich, wo eben damals die Abgeordneten der Eidgenossen beisammen waren, sich Alles wider den Ablaßkrämer vereinigte. Zwingli, obgleich erst zwei Monate in Zürich, hatte bereits kräftig gegen ihn gepredigt; der Bischof von Konstanz und sein allvermögender Vikar Faber, ungehalten darüber, daß Samson seine Vollmachten ihm nicht vorgewiesen und die betreffende Gebühr nicht entrichtet hatte, wirkte ebenfalls gegen ihn. Kurz, die Tagsatzung entschied sich wider ihn; sofort mußte er den Dekan Bullinger unentgeldlich vom Banne lossprechen und alsdann die Schweiz verlassen; er durfte noch froh sein, seinen schweren dreispännigen Geldwagen mit sich über die Alpen wegführen zu können.

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Wir werden später sehen, wie der Dekan Bullinger, damals noch weit entfernt von Rom oder von seinem Bischof sich loszusagen, unter Gottes Gnade zu einer köstlichen Garbe heran reifte. Hier sind noch seine Kinder zu erwähnen.

Von fünf Söhnen starben zwei in früher Kindheit; die übrigen waren: Johannes, Hans Bernhard und unser Heinrich. Johannes, geboren 1496, ward Priester, erlangte 1521 eine Kaplanei in Bremgarten, ward Pfarrer in Uri; muthig und heitern Wesens, ein großer Liebhaber der Jagd und der Waffen, zog er fröhlichen Muthes mit den Urnern als ihr Feldpriester ins Mailändische, kam aber 1527 ausgeplündert und übel zugerichtet nach Hause. Er hatte nun die Lust an Söldnerkriegen und am Pabstthum, die damals in der Schweiz aufs engste zusammenhingen, gleicher Maßen verloren. Er studirte sodann in Zürich einige Jahre lang, wurde Pfarrer in Birmenstorf, dann zu Rohrdorf in der Grafschaft Baden. Jm Jahre 1531 nach der unglücklichen Kappelerschlacht verlor er durch feindliche Ueberfälle all sein Hab und Gut, mußte sich flüchten und ward 1532 Pfarrer in Ottenbach. Da er an einem Schenkel „presthaft“ wurde, verordnete man ihn um mehrerer Ruhe willen 1557 zum Prediger nach Kappel; hier beschloß dieser etwas derbe Mann sein bewegtes Leben 1570.

Der zweite Sohn Hans Bernhard war seines Vaters Hauskreuz. Er ward aus eigener Wahl Schuster, lernte sein Handwerk trefflich, hielt sich erst fleißig, unterlag aber den für aufwachsende Schweizerjünglinge damals so furchtbar schweren Versuchungen zum leichten, üppigen Kriegerleben. „Der Arbeit überdrüßig zog er in den Rheinlanden und in der Schweiz umher, machte auf den Vater große Schulden, spielte große Spiele, nahm zwei Weiber, trieb großen Muthwillen, ward deshalb vom Vater hart bestraft, aber ohne alle Frucht, denn er rauh und boshaft war und sich gar nichts draus machte. Er fuhr hinaus ins Reich, hinab gen Köln, zog mit den Landsknechten in die Picardie, drauf nach Jtalien, von da nach Wien, und als der Türke Wien belagerte, 1529, kam er daselbst um. Das zeigten dem Vater zwei Landsknechte an; denen gab er ein gut Botenbrot.“ Von diesem Hans Bernhard sagte der Vater manchmal, daß ihm der Sohn schweren Kummer mache; „doch wie mehrtheils in allen Geschlechtern Schandflecken gefunden werden, so sei dieser elende Mensch der Bullinger Schandfleck gewesen und also demüthige Gott ein jedes Geschlecht, damit es sich nicht überhebe, sondern in der Demuth bleibe und andere Leute nicht bespöttle, auf daß man ihm nicht auch sein Gebrechen hervorziehe und ihm sage, was er nicht gerne hören möge.“

Doch der jüngste Sohn, Heinrich, sollte dem Vater diesen Kummer reichlich ersetzen und sein Geschlecht zu höherer Ehre bringen, als es je zuvor genossen. - Durchlaufen wir vorerst in Kürze die Tage seiner Kindheit.

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2. Die Kindheit.

Schon in frühen Tagen waltete über ihm Gottes bewahrende Huld, welche dieses Kind seiner Kirche zum Segen erhalten wollte. Jst es ja der Christen Vorrecht, auch im Kleinen das große Walten Gottes zu erkennen, so darf wohl auch dieß hier Erwähnung finden. Zweimal wurde er aus augenscheinlichster Todesgefahr errettet, gleichsam aus dem Rachen des Todes. Einmal nämlich ward er als Kind von der Pest so hart mitgenommen, daß man ihn bereits für todt hielt und schon das Leichenbegleit sich versammelt hatte; da kehrte plötzlich das Leben wieder gegen alle Erwartung, zum freudigsten Erstaunen Aller. Nicht lange nachher fiel er im Laufe zu Boden und stürzte so heftig auf eine Pfeife, die er in der Hand hielt, daß das Blut wie aus einer Röhre aus dem Halse hervorquoll, und er wegen Anschwellen des Halses fünf volle Tage weder Speise noch Trank genießen konnte. Jedermann verzweifelte völlig an seinem Aufkommen; dennoch erholte er sich durch Gottes Gnade. Einstmals führte ihn ein Landstreicher mit sich fort; glücklicher Weise traf er Leute an, die ihn kannten; diese entrissen ihn dem Entführer und brachten ihn wieder den Seinen. Welch ein verhängnißvolles Antreffen - für seinen ganzen weitern Lebensgang.

Rasch entwickelten sich seine Geisteskräfte unter der Pflege des rüstigen Vaters, der besonnenen Mutter und einer geistesfrischen Großmutter, die vor ihren übrigen Enkeln ihn vorzüglich liebte und ihm gerne aus ihrem langen, von Kriegsereignissen reichlich durchwogten Leben erzählte. Schon im dritten Jahre konnte er ganz verständlich reden, wußte auch das heil. Unservater und die zwölf Artikel des christlichen Glaubens auswendig. Oft schlich er sich in die leere Kirche und hob an mit seiner lieblichen Stimme von der Kanzel herab zu predigen: „Jch glaube usw.“ Vom fünften bis zum zwölften Lebensjahre besuchte er die Schule zu Bremgarten, die jedoch kaum für die ersten Anfänge ausreichen konnte.

Nun aber, wohin sollte der Vater sich wenden für seine weitere Vorbildung zum geistlichen Amte, für das was wir jetzt Gymnasialbildung nennen? Zu den größten Uebeln, die seit langer Zeit der Kirche anhafteten, am Seelenheil der christlichen Völker zehrten, Tausende ins Verderben führten und das Bedürfniß einer Reformation längst fühlbar machten, gehörte der Mangel an geeigneten Schulen und an Schulzucht, die sittliche Erschlaffung, ja die entsetzliche Verwilderung, die auch hierin durchweg herrschte. Eine nur einigermaßen bessere Schule war damals etwas Seltenes, Zufälliges und meistens von gar kurzer Dauer. Jnsgemein hatten eben die Lehrer die Gewohnheit, nach einem Aufenthalte von wenigen Monaten aus einer Stadt in die andere zu ziehen, um neue Schüler zu bekommen und ihr Auskommen besser zu finden. Daher sah man Schwärme von jungen Schülern, Schützen genannt, begleitet und verleitet von ältern, die bezeichnend genug Bacchanten hießen, durch alle

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deutschen Lande hin und her ziehen, bald üppig prassend, bald in Hunger und Mangel oft Monate lang herum schweifen, ehe sie an irgend einem Orte sich niederließen um da die Schule zu besuchen. Gefiel es ihnen daselbst nicht, kam ihnen etwa ein Rest von Schulzucht in den Weg, so brachen sie schaarenweise auf, bettelten sich von Dorf zu Dorf, durch Stadt und Land wieder weiter, schlugen hinter Zäunen und Wäldern ihre Lagerstätte auf, schickten die Jüngern unter ihnen auf den Bettel, ja selbst auf Diebstahl aus und verzehrten nach Zigeunerweise die zusammengebrachte Beute. Wie hätte dabei ernstes Lernen gedeihen können!

Wie nun? Sollte der Dekan Bullinger seinen zwölfjährigen Knaben in diese ihm selbst aus eigener Erfahrung allzuwohl bekannte, unfruchtbare Lasterschule hineinwerfen, aus der kaum Einer ohne Schaden zurück kam, Keiner ohne Verlust wichtiger Lebensjahre? Nein. Lieber entschloß sich ein so herzhafter Mann, den Sohn weit in die Ferne zu senden, ob auch dem Mutterherzen ein wenig davor bangen mochte, wenn er nur eine Stätte auffinden konnte, wo's um die Schule anders und besser stand.

3. Die Schule zu Emmerich; die Brüderschaft des gemeinsamen Lebens.

So sehen wir nun den zwölfjährigen Knaben Heinrich Bullinger im Jahre 1516 am 11. Juni zum ersten Male das elterliche Haus, die liebe Vaterstadt und die heimathlichen Gauen verlassen, zu Schiffe steigen und auf dem Rheinstrom hinunter reisen an mancher prangenden Stadt vorüber, durch die reizenden Gegenden des Rheingaus, an zahllosen Weinbergen, Dörfern und Burgen vorbei, hinaus in die weite Fläche des Niederrheins, ja bis an die nordwestliche Grenze Deutschlands, nach Emmerich (im Herzogthum Cleve), der letzten deutschen Stadt gegen die Niederlande hin. Hier langte der junge Bullinger am 4. Juli wohlbehalten an.

Aber warum denn Emmerich? Eben wegen der nahen Berührung und Gemeinschaft mit den Niederlanden. Denn hier war die Schule (auf der Stufe des Gymnasiums) eine andere und bessere geworden; hierher war von den Niederlanden aus theils für kirchliche Zwecke, theils namentlich für bessere Schulbildung namhafte Hülfe gekommen durch einen freien christlichen Verein, genannt die Brüder des gemeinsamen Lebens, die es wohl verdienen, daß wir einige Augenblicke bei ihnen verweilen. Fromme Männer von wahrhaft christlichem Sinne, theils Geistliche, theils Laien, denen das schreckliche Verderben der Kirche zu Herzen ging, die alle die Gebrechen des damaligen Klosterlebens wohl erkannten und schmerzlich empfanden, insbesondere die Ueppigkeit, den Müssiggang und die Selbstsucht der Betheiligten, die aber immerhin die gewaltige Macht zu schätzen wußten, welche der Vereinigung verliehen ist in kirchlichen Dingen, hatten seit mehr als hundert Jahren einen

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freien, nicht klösterlichen Verband geschlossen zur gegenseitigen Förderung in der Gottseligkeit durch christlich frommes Zusammenleben, zur Erbauung des Volkes zumal in der Landessprache, zur gemeinsamen Arbeit und Emsigkeit in helfender und dienender Liebe, namentlich aber zur leiblichen und geistlichen Unterstützung künftiger Kleriker, zur Heranbildung einer neuen, besseren Geistlichkeit. Während der Zeit ihrer Blüthe waltete ein stiller, milder, köstlicher Geist in dieser Gemeinschaft, ein warmer Hauch evangelischen Lebensgeistes. Noch lebt ein Zeugniß davon unter uns; es ist das wunderbar anziehende Buch von der Nachfolge Christi, als dessen Verfasser insgemein Thomas von Kempen bezeichnet wird; einer der Geistlichen unter den Brüdern des gemeinsamen Lebens, - ein Buch, das, zunächst diesem engen Kreise geweiht, schon seit Jahrhunderten zahlreiche Glieder verschiedener Konfessionen aus der äußern Kirchengemeinschaft ins innere Heiligthum lebendiger Gottesgemeinschaft geführt, in die Sprachen so vieler Völker übertragen, wie außer der Bibel kein anderes Buch, sich den Weg durch die Welt gebahnt hat und obwohl einer Zeit der Dämmerung entsprungen, doch seiner Jnnigkeit wegen wohl noch Jahrhunderte lang sich behaupten wird.

Unter der Hand von Männern solcher Gesinnung verlebte nun in Emmerich der junge Heinrich Bullinger drei seiner wichtigsten Jahre, in denen ja meist, besonders bei aufgeweckteren Geistern, dem Charakter sein unauslöschliches Gepräge zu Theil wird.

Jn mehr als zwanzig Städten der Niederlande und dann auch in mancher Stadt des nördlichen Deutschlands waren nämlich allmälig von Seiten dieses Vereines Bruderhäuser gegründet worden, und jedesmal entstand, entweder im Bruderhause selbst, oder davon abgesondert, wie es in Emmerich, dem Vororte des deutschen Theiles der Brüderschaft, der Fall war, eine stark besuchte und in ihrem dauernden Bestehen gesicherte Schule, da die Brüder den Schülern ermöglichten fast kostenfrei zu leben und zu lernen und dadurch auch den Lehrern die Sicherheit gewährten, stets eine ansehnliche Zahl von Schülern um sich zu haben. Eine Reihe ausgezeichneter Männer, in den Niederlanden, am Rhein u.s.w., welche später ganz verschiedenen Richtungen sich hingaben, erhielt in diesen Anstalten ihre Vorbildung.

Den ersten Unterricht hier in Emmerich erhielt unser Bullinger zu Hause durch seinen acht Jahre älteren Bruder Johannes, den er hier antraf, der zuvor schon zu Rottweil, Bern und Heidelberg auf Schulen gewesen, dessen ungestümes Temperament aber ohne anders gerade eine solche Zucht bedurfte, wie sie hier vorhanden war. Rücksichtlich des Unterrichts handelte sich's vor Allem um völlige Aneignung der damals alle Gelehrsamkeit beherrschenden lateinischen Sprache. Jn der Schule lernte und übte man die Grammatik ein nach den besten Schulbüchern jener Zeit, außerdem hatten die Schüler täglich schriftliche Aufgaben zu Hause zu lösen. Dann wurden Briefe des Plinius, Cicero und Hieronymus behandelt, von Dichtern Einiges aus Virgil, Horaz

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und dem in unseren Tagen weniger bekannten Battista von Mantua.[1] Wöchentlich hatten die Schüler größere Aufsätze, namentlich von ihnen selbst verfaßte Briefe zu liefern. Sie durften nur Latein sprechen; eine strenge Schuldisziplin wurde gehandhabt, welche Bullinger auch in spätern Jahren noch oft rühmte; die Religionsübungen verrichtete man mit größter Pünktlichkeit.

So gut sagte übrigens unserem Bullinger diese Strenge zu, so ganz und gar waren, wie er uns selbst sagt, seine Augen damals noch umnachtet, daß er sich vornahm, nach etlichen Jahren gerade in den strengsten Orden zu treten, nämlich Karthäuser zu werden, wie denn freilich die Anstalten der Brüder mitunter Pflanzstätten für die Orden der Bettelmönche galten. Jndeß ermahnte ihn sein Bruder, er solle doch ja einen solchen Schritt nicht unbesonnen thun, besonders nicht ohne die Einwilligung der Eltern, und er befolgte diesen Rath. Während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Emmerich wohnte er bei Cornelius Holländer, einem Bürger jener Stadt, den er hochachtete. Den Unterhalt gewann er wie Andere durch Singen vor den Hausthüren; der Vater bezahlte für ihn während dieser drei Jahre bloß 33 Gulden und kleidete ihn zweimal, nicht aus Armuth, auch nicht aus Kargheit, sondern weil er wollte, daß der Sohn aus eigener Erfahrung lerne, was Armuth sei, und alsdann sein ganzes Leben hindurch gegen Dürftige sich desto barmherziger erzeige. Und diesen Zweck erreichte der Vater auch völlig. Was der Sohn überhaupt unter den Brüdern sah von werkthätiger Liebe, konnte eben diesem Zwecke nur förderlich sein.

Noch in zweifacher Beziehung ist es uns auffallend, wie das Wesen der Brüder in unserm Bullinger sich wiederspiegelt, sei's aus natürlicher Anlage, sei's durch ihren Einfluß. Einerseits nämlich war es Grundsatz der Brüder, ihre Angehörigen nie unbeschäftigt zu lassen, nie dem verderblichen Müssiggang Raum zu gestatten, sondern sie in steter Arbeitsamkeit zu erhalten, wie denn wohl auch deshalb gerade das Brüderhaus zu Emmerich den freundlichen Namen „der Bienenkorb“ erhalten hatte. Die Arbeitslust und

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Arbeitskraft, die stete Emsigkeit durchs ganze Leben bis ins Greisenalter wird uns aber gerade an Bullinger in ganz vorzüglichem Maße entgegentreten. Anderseits veranlaßten die Brüder die Jhrigen hinwieder zu steter Selbstbetrachtung, und auch darin erscheint er uns wie ihr treuer Schüler; denn eben die fortgehende Verständigung über sich selbst, die Vorliebe fürs Sammeln, Bewahren und Ordnen alles dessen, was das eigne Leben angeht und damit zusammenhängt, die klare Anschauung der eigenen Lebenslage, die, wie wir sehen werden, in den entscheidenden Wendepunkten seines Lebens ihm mächtig durchhalf, gehört ebenfalls zu dem, was wir bei unserm Bullinger in seltenem Maße antreffen.

Jm Februar 1519 besuchte er mit seinem Bruder den Vater in Bremgarten. Jm März aber, also kurz nach des Vaters heldenmüthiger Zurückweisung Samsons, reisten beide Brüder wieder zusammen rheinabwärts. Johann blieb in Köln, Heinrich vollendete noch seinen Schulkurs in Emmerich. Jm Juli 1519 nahm er Abschied von seinen Lehrern Kaspar von Glogau, Peter von Cochem an der Mosel und Johann Aelius von Münster, sowie von seinen Freunden Eberhard von Jülich und Hermann von Meurs, und bezog sammt Michael Wüst, seinem Vetter und steten Studiengenossen, die Hochschule zu Köln.

4. Die Hochschule zu Köln.

Wunderbar genug sind die Wege des Herrn, auf denen er die Seinen führt zu dem von ihm bestimmten Ziele. Denn wohl können wir in Bullingers Aufenthalt zu Emmerich eine heilsame Berührung mit der niederländischen Frömmigkeit erkennen, gleichsam ein Anzeichen und Vorspiel der Gemeinschaft, die in der Folgezeit erst weit stärker und bedeutender werden sollte, wie denn Bullinger selbst im Falle war, in späteren Jahren mit reichlichen Gaben das dort Empfangene zu erwiedern. Daß aber Köln die rechte Geburtsstätte werden sollte für das innere Leben eines der schweizerischen Reformatoren, wer hätte das ahnen dürfen? Denn das stolze Köln, jene prachtvolle erzbischöfliche Stadt, die, gleichsam als deutsches Rom, mit ihren zahllosen Kirchen in weitem Halbrund glänzend sich hinstreckt am Rheinstrom, hatte ja eben damals in einem weltberühmten Streite sich überaus feindselig erwiesen gegen die aufblühende Wissenschaft und sollte alsbald als ein Hauptsitz finstern Grimmes sich zeigen in dem größeren Kampfe wider das neu erwachende Glaubensleben. Gerade die hohe Schule daselbst, voraus die bei ihr allvermögenden Predigermönche thaten sich in Feindseligkeit gegen die Gotteskraft des aufleuchtenden Evangeliums über die Maßen hervor. Und doch mußte das Alles unserem von Gott ausersehenen Werkzeuge nur dazu dienen, daß sein evangelisches Glauben und Leben desto mehr ein selbst errungenes und

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selbständig von oben empfangenes werde. Doch, achten wir vorerst auf das zusammentreffende Einzelne.

Zunächst hatte der fünfzehnjährige Bullinger, nachdem er ins Album der Hochschule eingetragen und in eine der vorbereitenden Anstalten, Bursa Montis genannt, aufgenommen worden, sich mit der Weltweisheit, insbesondere der Denklehre (Logik) zu befassen, die freilich in ihrer damaligen dürren und abgelebten Gestalt einem gesunden, regsamen Geiste wenig Anziehendes darbot, aber zum weitern Fortschreiten unerläßlich war und immerhin dem Schüler wider allerlei Blendwerk und trügerische Fechterkünste redefertiger Gegner einige Waffen zu reichen vermochte. Daher widmete unser Bullinger sich ihr, wiewohl sie ihn anwiderte, doch mit solchem Fleiße, daß er schon im folgenden Jahre ruhmvoll seine Prüfung bestand und (im Oktober 1520) den untersten akademischen Grad, den Rang eines Baccalaureus erlangte. Doch sehnte er sich mit gleichgestimmten Freunden nach frischerer Geistesnahrung und fand sie durch ein tieferes Studium der Alten vornehmlich der lateinischen Klassiker unter der freundlichen und treuen Leitung trefflicher Männer, namentlich des Matthäus Frischheim (Phryssemius), Johann Sobius, Arnold von Wesel und Johann Cäsarius (de Keysere), von denen mehrere mit den Bründern des gemeinsamen Lebens in Verbindung standen, der letztere auch später noch mit Bullinger in vertrautem Briefwechsel blieb und selbst im höchsten Alter mit wahrer Herzensfreude die theologischen Schriften seines ehemaligen Zöglings begrüßte und studierte.[2] Zu Hause las Bullinger mit unausgesetztem Fleiße Quintilian, Gellius, Macrobius, Plinius, Solinus, Mela, Justinus und Homer, auch Manches von Erasmus. So fröhlich trieb er diese Studien, daß er das große, damals über Alles geschätzte Heldengedicht Virgils, die Aeneide (9900 Verszeilen) seinem leichtfassenden Gedächtniß einprägte. Daneben übte er sich unermüdet, wie er schon auf der Schule zu Emmerich sich gewähnt hatte, in schriftlichen Aufsätzen, verfaßte Briefe, Reden, Gespräche, Erzählungen, schrieb auch Uebersetzungen. So haben wir noch ein Bruckstück einer lateinischen Rede über den Grundgedanken: „Fliehet die Lüste!“, das von seinem feurigen Eifer für das Edle und Reine, seinem lebendigen Widerwillen gegen alle Unlauterkeit, von dem er schon damals erfaßt war, wie von seiner Belesenheit ein rühmliches Zeugniß darbietet. Seine Begeisterung für das neu erregte wissenschaftliche Leben (welches eben in Köln damals feindlichen Angriffen ausgesetzt war) trieb ihn auch zur Abfassung von Streitschriften wider ihre Gegner in Gesprächform; doch blieben sie, als bloße Versuche eines Studierenden, im Kreise seiner Freunde.

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Nun aber kam für ihn die Zeit des theologischen Studiums und da sollte allmälig seiner Seele ein anderes und helleres Licht aufgehen. Gerade um jene Zeit (ums Jahr 1520) fing man an, wie Bullinger selbst uns erzählt, in allen Kreisen, auch in Köln heftig zu streiten für und wider Luther, dessen Schriften eben jetzt von den Universitäten zu Löwen und Köln für ketzerisch erklärt und öffentlich verbrannt wurden. „Jch, sagt Bullinger, war damals der papistischen Lehre eben so unkundig wie der lutherischen. Daher wandte ich mich an einen in der päbstlichen Lehre wohlerfahrenen Mann und fragte ihn um Rath, was ich lesen sollte, da ich doch gern mit der Zeit möchte Priester werden und ein Verlangen hätte, die ächte, immer und überall gültige christliche Lehre nach Form und Jnhalt gründlich kennen zu lernen. Dieser rieth mir den Petrus Lombardus an,“ eine Sammlung von Aussprüchen der Kirchenväter über die verschiedenen Punkte der christlichen Lehre. Bullinger las nun voll Lernbegierde diese Sammlung, die, verfaßt im zwölften Jahrhundert, jener Zeit, da die Pabstmacht auf ihren Höhepunkt stieg, seit mehr als dreihundert Jahren das gewöhnliche Lehrbuch der Theologie-Studierenden war. Er las dazu noch das damals in höchstem Ansehen stehende päbstliche Rechtsbuch, auf das man sich bei den Streitigkeiten zwischen Luther und den päbstlich Gesinnten von Seiten der letztern immer berief, Gratians Sammlung kirchlicher Dekrete, ebenfalls aus dem zwölften Jahrhundert, welche für alle päbstlichen Ansprüche den Rechtsboden bildete und willkommene Stützen darbot.

„Jch sah nun, erzählt Bullinger weiter, daß diese beiden Schriftsteller, sowohl Petrus Lombardus als Gratian sich in Allem auf die frühern Kirchenlehrer, die Kirchenväter, beriefen, Alles von diesen hernahmen, und beschloß daher, auch die Schriften der Kirchenväter mir anzusehen. Es gibt aber zu Köln im Dominikanerkloster eine ansehnliche Bibliothek, voll guter und schlechter Bücher, theils kirchlichen, theils weltlichen Jnhalts. Jn dieser Bibliothek hatte ich freien Zutritt, so oft ich wollte, hauptsächlich durch die Vermittlung eines mir befreundeten Landsmannes, des Dominikanermönchs Georg Diener aus Elgg im Kanton Zürich, welcher späterhin zum Provinzialvorstand seines Ordens erhoben wurde.

Zuerst kommt mir da in die Hände ein Werk des Chrysostomus, seine Predigten über das Evangelium St. Matthäi. Jch lese, und bemerke einen auffallenden Unterschied zwischen der Behandlung der christlichen Wahrheiten bei den ältern Kirchenlehrern und hinwieder bei denen aus der Zeit der päbstlichen Herrschaft, einem Petrus Lombardus und Gratian. Dasselbe bestätigt sich mir, da ich Einiges von Ambrosius, Origenes und Augustin durchlese.[3]“ Nunmehr schlug Bullinger auch des vielgeschmähten Luthers Schriften auf, namentlich die von der babylonischen Gefangenschaft (erschienen

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1520), von der Freiheit eines Christenmenschen (1520), die Erläuterung des Artikels von den guten Werken.[4] Er las sie mit größtem Eifer zu Hause insgeheim. Er war zwar noch nicht sofort im Stande über die äußerst schwierigen Lebensfragen der Zeit völlig ins Klare zu kommen, die althergebrachten irrthümlichen Lehren der bestehenden Kirche und ihre irrigen Gebräuche, die ihm von Kindheit auf als ehrwürdig dargestellt worden, zu durchschauen und sich davon loszureißen. Doch sagt er: „das bemerkte ich wohl, daß Luther den Kirchenlehrern der ersten christlichen Jahrhunderte weit näher komme als die schulmäßigen Theologen (Scholastiker), ferner bemerkte ich ebenfalls, daß wie die Scholastiker auf die Aussprüche der Kirchenväter, so diese auf die Autorität der heiligen Schriften des alten und neuen Testamentes sich stützen.[5] Daher verschaffte ich mir ein neues Testament, las das Evangelium St. Matthäi und was der Kirchenvater Hieronymus (im vierten Jahrhundert, der bei den Brüdern des gemeinsamen Lebens besonders viel galt) darüber geschrieben hat; ich fuhr fort auf dieselbe Weise mich mit den übrigen Schriften des neuen Testamentes bekannt zu machen, und jetzt erst gab ich den Plan auf, mit dem ich mich immer noch getragen hatte, Karthäuser zu werden, ja ich faßte nun allmälig einen Widerwillen gegen die ganze papistische Jrrlehre und fing an mich mit Entrüstung davon abzuwenden. Da fielen mir die soeben herausgekommenen Hauptpunkte der christlichen Lehre (Loci communes) von Melanchthon (dem treuen Mitarbeiter Luthers) in die Hände; die las ich mit höchstem Vergnügen; ich war ganz entzückt davon. Nun widmete ich mich vollends aus allen Kräften und mit heiligem Ernste vornehmlich dem Studium der Bibel. Solches ging in mir vor und das war meine Arbeit bei Tag und Nacht in den Jahren 1521 und 1522.“

So einfach und natürlich erzählt uns Bullinger seinen innern Entwicklungsgang, den er rücksichtlich seiner theologischen Studien, seiner religiösen Ueberzeugung und seiner kirchlichen Gesinnung durchmachte in dieser entscheidenden Zeit seines Lebens. So fingen bei ihm die Nebel der päbstlichen Lehre an sich zu heben und dem aufgehenden Lichte der evangelischen Wahrheit zu weichen. Er war nun ein Bibelfreund und im Grunde der Seele Protestant geworden. - Auf diese seine innere Entwicklung mußte hier etwas näher eingetreten werden um der Wichtigkeit dieses Wendepunktes willen; auch

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ist insbesondere noch darauf hinzuweisen, wie einflußreich die Art und Weise dieser Umgestaltung seiner Gesinnungen für sein ganzes übriges Leben wurde, indem sie seiner weiterhin sich bewährenden Entschlossenheit und Festigkeit zu stärkster Unterlage dienen mußte. Eben derselbe Weg aber, der für ihn der rechte war, der Weg des allmäligen Zurückgehens, den wir unsern Bullinger in seltener Vollständigkeit und Gründlichkeit zurücklegen sehen, möchte wohl jeweilen für Manche, namentlich für geistig Begabte und von Forschungstrieb Beseelte der rechte, gottgewollte Weg sein zur Errettung aus Roms Banden und zur Einführung in die evangelische Gemeinschaft oder Gesinnung. Scheint es doch, daß der römischen Kirche überhaupt eben auf diesem Wege des Zurückgehens auf eigene bessere Zustände früherer Tage und deren Wiedererfassung am ehesten noch möchte geholfen werden aus ihrer Verdunkelung.

Fassen wir das Gesagte noch in Kürze zusammen. Es ist, wie wir gesehen haben, Bullingers Uebertritt aus der römisch-päbstlichen Kirche in die evangelische Gesinnung nicht ein Sprung, sondern ein Gang, nicht etwas Plötzliches, sondern etwas Allmäliges, nicht ein leichtfertiges oder willkürliches Wegwerfen des Gegebenen, um ein dargebotenes Neues zu erhaschen, sondern ein nothgedrungenes, berechtigtes, in sich geschlossenes Zurückgehen von dem bloß Hergebrachten zu dem wahrhaft Alten, Aechten und Ursprünglichen. Es ist nicht ein Aufgeben des Zusammenhanges mit der Kirche und dem von ihr Dargebotenen, sondern ein sorgsames Bewahren und Forterhalten des Zusammenhanges mit der ächten christlichen Kirche bis in ihre früheren und frühesten Zeiten hinauf. Das energische Streben darnach führt ihn, wie er selbst es späterhin bezeichnet, von Stufe zu Stufe, von den Scholastikern nämlich, den päpstlichen Schultheologen des Mittelalters, zu den älteren Kirchenlehrern, den Kirchenvätern der ersten Jahrhunderte, und von diesen immer näher zum Lichte, bis hinauf zur lauteren Quelle der evangelischen Wahrheit, zur heiligen Schrift.

Damit war indeß die Richtschnur gefunden, die den Bruch mit der vom uralten, ächten, evangelischen Christenthum abgefallenen römischen Kirche vollenden und alles Weitere beherrschen mußte. Eben wegen dieses ruhigen geordneten Ganges seiner innern Umbildung, wegen dieses Festhaltens am Zusammenhange mit der allmäligen Entwicklung der Kirche beseelt ihn dann aber auch sein ganzes Leben hindurch vorzüglich kräftig das Bewußtsein, daß er in der Kirche steht, in der wahren, apostolischen und evangelischen Kirche Christi, nicht außer ihr, daß die evangelische Kirche, der er angehört, die ächte Kirche Jesu Christi sei, und daß der Vorwurf der Häresie (Ketzerei) vielmehr die päbstliche, römische Kirche treffe, nicht die evangelische. Deshalb ist er auch vornehmlich der Mann der Kirche im rein evangelischen Sinne und besonders geeignet und berufen an seinem Orte beizutragen zu ihrer Gestaltung, zum Aufbau und Ausbau der dem Evangelium gemäß reformirten Kirche.

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Jndeß würden wir uns täuschen, wenn wir uns einbildeten, daß diese verhältnißmäßig ruhige innere Entwicklung in Bullingers Geistesleben vor sich gegangen wäre ohne heftige innere Kämpfe für ihn mitzubringen. Namentlich lag ihm das Meßopfer, dieser Mittelpunkt des papistischen Kultus, hart an. Die ersten Zweifel an der Richtigkeit der Messe wurden in ihm aufgeregt durch die Kölner Theologen selbst, deren theologischen Schulgesprächen (Disputationen) er im Dominikaner-Kloster oft und gern zuhörte. Wie es ihm dabei zu Muthe war, wie er dabei litt in seiner Seele und sich daran zerarbeitete, vernehmen wir aus einem vertraulichen Briefe, worin er einem Freunde schreibt: „Oft quälte mich's so sehr, daß ich fast am Leben verzweifelte.“

Doch nein! Gott wollte ihn nicht versinken lassen; der gnadenvolle Erbarmer, der auf jedes seiner ringenden Kinder herniedersieht, nahm sich des kämpfenden, geängsteten Jünglings an; er führte ihm die rechten Mittel zu. „Gottes Gnade“ schloß ihm, wie er selbst bezeugt, die Wahrheit auch noch darüber auf; es war im Jahre 1521, daß ihm das rechte Licht aufging über das heilige Abendmahl nach der Einsetzung unseres Herrn Jesu Christi. So wunderbar und lieblich sind die Gnadenwege Gottes, auf denen er unsern Bullinger zum evangelischen Lichte hindurch dringen ließ.

Nun aber war es für ihn Zeit an die Heimreise zu denken. Noch nicht achtzehn Jahre alt, erhielt er nach glücklich bestandener Prüfung damaliger Sitte gemäß die Würde eines Magisters. „Auch ich, sagt er, war im Erstreben von Titeln so närrisch gleich Andern, wie's damals Brauch war.“ Jedoch bediente er sich später dieses Titels nie, da er dem eitlen Gepränge, das unter dem Pabstthum mit Titeln und Würden getrieben ward, von ganzer Seele abhold war.

Freundschaft pflog er während seines Aufenthaltes in Köln vornehmlich mit Jakob Bucher von Suhr im Aargau, Peter Homphäus von der Mosel, Leonhard Hospinian (Wirth) aus dem Toggenburg, Anton Protegensis aus Trier, Dietrich Bitter aus Wipperfürt. Die ganze Zeit wohnte er bei dem Diakon Dietrich Lysias; vom Vater erhielt er während dieser drei Jahre 118 Gulden und einmal die Kleidung. Noch ist hier eines kleinen Vorfalls zu erwähnen aus der ersten Zeit seines Kölnerlebens. Da er nämlich in Köln zum ersten Mal in seinem Leben über einige Baarschaft zu verfügen hatte, stellte er sich wiederholt mit andern Studenten bei einem Kramladen ein, um Naschwerk zu kaufen. Der Krämer aber, der fand, daß die jungen Leute das Geld ihrer Eltern unnützer Weise ausgäben, fuhr sie hart an: sie sollten's nicht mehr wagen zu ihm zu kommen; sonst würden sie sehen was er thue. Noch im Alter erinnerte sich Bullinger öfter mit Dank des gewissenhaften uneigennützigen Mannes.

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5. Das stille Jahr.

Im April 1522 langte Bullinger wieder in Bremgarten an, nachdem er fast sechs Jahre am Rhein verlebt hatte, und wurde von den Seinen aufs liebevollste empfangen. Jm väterlichen Hause, woselbst er den ganzen übrigen Theil dieses Jahres verlebte, hatte er bei dem vielfachen Verkehr die beste Gelegenheit im Vaterlande wieder recht heimisch zu werden.

Es bot sich ihm zwar eine Gelegenheit, als Lehrer angestellt zu werden; vom Abte eines Klosters auf dem Schwarzwald erging ein Ruf an ihn; er reiste hin. Als er aber das unsittliche Wesen und Leben der Mönche sah, war seines Bleibens nicht mehr; unter einem solchen Abte mochte er nicht dienen, in solch eine falsche Lebensstellung wollte er sich nicht verstricken lassen; rasch brach er auf und kehrte ohne Abschied sofort heim.

So war er nun wieder aufs stille Warten verwiesen. Wohl war's eine Zeit der Geduldübung. Wie köstlich aber für ihn, daß er noch eine längere Zeit hindurch ruhig seinen Studien obliegen, sich innerlich auf dem neu gewonnenen Standpunkte befestigen, die errungene Ueberzeugung noch tiefer begründen und weiter verarbeiten konnte. Das that er denn auch mit gewohntem angestrengtem Fleiße, las die Classiker, übte sich in Abfassung schriftlicher Aufsätze, bereicherte seine Kenntniß der älteren reineren Kirchenlehre, wie sie in den ersten Jahrhunderten, vor dem Emporkommen der Pabstmacht, gewesen war, las namentlich Schriften von Athanasius, dem Haupte der kirchlichen Rechtgläubigkeit im vierten Jahrhundert, und Vieles von Lactanz, der durch seine gefällige Schreibart wie durch edle Gesinnung sich auszeichnet. Jnsbesondere aber mußten für ihn von grossem entscheidendem Werthe sein die Werke Cyprians aus dem dritten Jahrhundert, die er ebenfalls studierte, da dieser hochangesehene Bischof der afrikanischen Kirche einerseits für die Einigkeit und innere Kraft der Kirche Alles gethan, gegen sittliche Laxheit wie gegen willkürliche und übertriebene Strenge mit heiligem Ernste und mit Erfolg geeifert und anderseits den damals schon beginnenden Anmaßungen des römischen Bischofs aufs entschiedenste und mit schlagenden Gründen sich widersetzt hatte. Wie treulich auch Cyprian sich an die Ueberlieferung anschloß, war sie ihm doch nicht die höchste Autorität, vielmehr sagt er unumwunden: „Die Gewohnheit ohne Wahrheit ist nichts als ein alter Jrrthum; nicht die Gewohnheit darf man zur Richtschnur machen, sondern die Wahrheit muß siegen!“

Doch genug an diesen wenigen Angaben, um anzudeuten, welche reichhaltigen Fundgruben unserm Bullinger sich öffneten durch vertrauteren Umgang mit den großen Männern Gottes aus den ersten christlichen Zeiten, welche noch einen reineren Zustand der Kirche gesehen hatten, näher standen der apostolischen Zeit und so ganz geflissentlich auf die heilige Schrift sich stützten, die auch ihm seines Lebens Kern und Stern geworden war. - Daneben

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freute er sich an jedem neu erscheinenden Werke Luthers, wie „von Abschaffung der Messe“, „von den Gelübden“, ferner „vom alten und neuen Gott“ u.s.w.

Wer da weiß, wie groß und schwer die Aufgabe des theologischen Studiums ist und sein muß für jeden, der als evangelischer Christ und künftiger Lehrer der Christen zu selbständiger persönlicher Ueberzeugung in Rücksicht auf die Gesammtheit christlicher Lehre gelangen will, wie viel Aneignung und Verarbeitung des Gegebenen dazu erfordert wird, und wie schwierig dies eben damals sein mußte, ehe unsere protestantische Kirche Bestand gewonnen, als Alles noch in Gährung durch einander wogte, der muß es wohl als eine besondere Wohlthat der göttlichen Vorsehung ansehen, daß unserm Bullinger nach Vollendung seiner akademischen Studien eine solche Zeit zu Theil wurde, in der er, unbeirrt von Geschäften und ungehindert von Seiten seiner Umgebung, noch weiter dieser Geistesarbeit obliegen konnte.

Wo sollte er aber überhaupt einen Platz in der Welt finden? Schwer mußte es ihm fallen eine angemessene Lebensstellung zu erlangen. Sollte er Priester werden, wozu der Vater im Einklang mit seinem eigenen Wunsche ihn seiner Zeit in die Ferne gesandt hatte, und anheben Messe zu lesen, wie selbst Zwingli, Leo Judä und alle Andern damals noch thaten; sollte er dies jetzt anfangen zu thun mit dem Pfeil im Herzen, unter der steten Anklage des Gewissens, daß er dabei wider Gott handle und wider sein heiliges Wort? Nimmermehr! Dafür war zu viel evangelisches Licht ihm schon aufgegangen. Jm Gegentheil hatte er schon angefangen den papistischen Gottesdienst zu meiden und besonders die Messe, die ihm „als irrig und gottlos“ erschien, mit tiefem Abscheu zu fliehen. Eine protestantische Kirche aber, der er seine Kräfte hätte weihen können, gab es noch nicht. - Sollte er also geschäftlos bleiben?

Doch auch dafür sorgte Gottes Huld zu rechter Zeit.

 

Zweiter Abschnitt.

Das Schulamt in Kappel. 1523-1529.

6. Bullingers Anstellung. Die Schule.

Drei Stunden von Bremgarten in südöstlicher Richtung und drei Stunden von Zürich entfernt im Züricher Gebiete, ganz nahe an der zugerischen Grenze liegt das Cisterzienserkloster Kappel, ausgezeichnet durch seine zierliche Kirche, in dem äußerst anmuthigen Thalgrunde, der vom südlichen Abhange der Albiskette sich gegen das Becken des Zugersees hin allmälig senkt, umgeben von saftig grünenden Matten, zahlreichen Obstbäumen, die mit

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reizenden kleinen Gehölzen abwechseln; nach Süden breitet sich die Thalebene aus, begrenzt von dunkel bewaldeten Vorbergen, hinter denen der Pilatus und Rigi sammt ihren Brüdern hervor ragen und darüber in weitestem Umkreise die ganze Kette der himmelanstrebenden Schneegebirge des Schweizerlandes, die in ihrer unaussprechlichen Herrlichkeit eine so wunderbar kräftige Sprache Gottes reden an fühlende Menschenherzen. (Apostg. 17, 27.)

Auch an dieser einst von sinnig frommen Herzen zum Preise Gottes geweihten Stätte war die Fluth des Verderbens hoch gestiegen, entsetzlich hoch. Doch seit einigen Jahren waltete hier als Abt Wolfgang Joner, zubenannt Rüppli, Sohn des Schultheißen in Frauenfeld, ein wackerer, ernstgesinnter, wohldenkender Mann, ein Freund der Wissenschaften, der anfing dem aufgehenden Lichte des Evangeliums sein Auge zu öffnen, der Willens war, gemäß der ursprünglichen Bestimmung der Klöster, Stätten der Bildung und des Unterrichts zu sein, seinem Kloster zu geistigem Auffschwung zu verhelfen und deshalb daselbst eine Schule zu errichten. Da er nun von den Kenntnissen und der Bescheidenheit des jungen Bullingers Rühmliches hörte, ließ er ihn zu sich kommen, unterredete sich freundlich mit ihm und berief ihn sofort zum Lehrer und Leiter an seine neu zu gründende Klosterschule. Bullinger nahm am 17. Januar 1523 den Ruf an, doch nur unter Bedingungen, die sowohl von der Klarheit zeugen, mit der er vom ersten Augenblicke an seine Stellung in Kappel zeugen, mit der er vom ersten Augenblicke an seine Stellung in Kappel erfaßte, als von der Entschiedenheit jede schiefe und darum verderbliche Lebensstellung zu vermeiden. Er behielt sich nämlich rücksichtlich der Religion völlige Freiheit vor und daß er durchaus nichts wolle zu schaffen haben mit den Klostergelübden, mit Mönchsthum, Kutte, Chorgesang, Kirchendienst und dem ganzen papistischen Aberglauben, wie er damals noch im Flor war. Jm Aeußern nämlich war eben noch nirgend eine Reformation vorgenommen worden, da Zwingli den Grundsatz festhielt, durch die Predigt des Gotteswortes müssen zuerst die Herzen erleuchtet werden, und die Zuversicht hegte, alsdann werden die Mißbräuche von selbst hinfallen und statt der unevangelischen Gebräuche der ächte und reine Gottesdienst willig eingeführt werden.

Daher wollte Bullinger überhaupt nicht gezwungen sein, am Gottesdienste Theil zu nehmen, sondern lediglich seinen Studien leben und Schule halten. Das Alles gestand ihm der Abt um so eher zu, da er selbst schon angefangen hatte, die einfache christliche Lehre, so weit er sie kannte, zu predigen, Bullinger aber in seinen übrigen Ansprüchen äußerst bescheiden war. Einen geheiligten Wandel zu führen und gut und treu zu lehren, war daher das Einzige, was der Abt von ihm verlangte. Bullinger hielt es nun so. "Jch ging in die Kirche, sagt er, betete zu Gott an irgend einem stillen Plätzchen und hörte die Predigt." Dann verließ er die Kirche.

Was seinen nächsten Wirkungskreis, die Schule, anlangt, so fehlte es ihm da nicht an Arbeit. Fünf Stunden hatte er täglich Unterricht

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zu ertheilen. Vier Stunden täglich unterrichtete er die Jüngern, namentlich die Schüler, die der Abt hiefür ins Kloster aufnahm, in der lateinischen Sprache nach den Lehrbüchern des Erasmus, ließ mündliche und schriftliche Uebungen vornehmen, erklärte Cicero, Sallust, Virgil u.s.w. Eine Stunde an jedem Vormittage hielt er theologische Vorlesungen, legte nach und nach sämmtliche Bücher des neuen Testamentes aus mit Benutzung der vorzüglichsten Auslegungen der Kirchenväter, las ferner über die "Ermunterung" und die damals hochgepriesene "Anleitung des Erasmus zum Studium der Theologie", sowie über Melanchthons "Hauptartikel der christlichen Lehre". Diesen letzten Vorträgen wohnte der Abt sammt den sämmtlichen Mönchen bei; der Abt gestattete Jedermann freien Zutritt, wer etwa aus der Umgegend z.B. aus dem benachbarten Zug sich einzufinden Lust hatte. Bullinger trug, was damals etwas ganz Neues war, in deutscher Sprache vor, um den Mönchen und den Uebrigen desto verständlicher zu werden; schriftliche Vorbereitung machte er sich gewissenhaft zur Pflicht.

Ganz im Einklang mit Zwingli's oben bezeichnetem Grundsatze drang der junge Schullehrer zu Kappel insbesondere in seinen theologischen Vorträgen sowie in mündlichen Gesprächen, zu denen er durch vielfache Fragen und Einwürfe seiner scharf prüfenden Zuhörer gedrängt ward, Tag für Tag auf eine Reformation in Lehre und Leben, und schärfte die Nothwendigkeit ihrer Aus- und Durchführung ein, indem er die lautere göttliche Wahrheit seinen Zuhörern vorhielt und sie dadurch von den Fesseln der papistischen Jrrthümer immer freier zu machen suchte. Der Abt, wiewohl ihm über einige Abirrungen bereits ein Licht aufgegangen, war in manchen Punkten noch eifrig den Satzungen der römischen Kirche zugethan, doch nicht unempfänglich für freundliche Belehrung. Wenn ihm nun Bullinger das Jrrige daran aus den heil. Schriften darlegte und aus Hieronymus oder andern Kirchenlehrern der ersten Jahrhunderte ebenfalls nachwies, wie diese die eine oder andere der päbstlichen Jrrlehren nicht theilen, so ließ er sich gerne belehren und sagte öfter: es nehme ihn selbst Wunder, daß er diese Dinge so oft gelesen und nicht eigentlich darüber nachgesonnen habe, sondern dem allgemein verbreiteten Jrrthum gefolgt sei. Ueberhaupt bildete sich zwischen dem mehr als fünfzigjährigen Abte und seinem anfangs neunzehnjährigen "Schulmeister" ein so liebliches Verhältniß, daß Letzterer davon sagt: "Er war wie ein Vater gegen mich, nicht wie ein Herr." Ein ähnliches Band der Freundschaft verknüpfte ihn mit dem Prior des Klosters, dem trefflichen Peter Simmler aus Rheinau, nachherigem Pfarrer zu Kappel, mit dessen Beihülfe er die Geschichte des Klosters lateinisch beschrieb, und ebenso mit dem sanftmüthigen Wernher Steiner, einem vornehmen Bürger und Priester in Zug, der auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem 1519 in Venedig sich eine Bibel gekauft und alsdann 1522 jene Bittschrift unterzeichnet hatte, mit welcher der ihm befreundete Zwingli nebst zehen Geistlichen sich an den Bischof

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von Konstanz wandte um Freiheit das Evangelium zu predigen und Aufhebung der gezwungenen Ehelosigkeit der Geistlichen von ihm zu begehren. Unter Bullingers Schülern war anfangs nur Einer, der zum geistlichen Stande bestimmt war, Johannes Frei (Liberianus), da die Zürcher noch argwöhnten, die Schüler möchten in Kappel zum Mönchsthum verlockt werden; dieser Eine hing aber mit ganzer Seele an seinem Lehrer und wurde späterhin sein Nachfolger in Kappel.

Doch bald sollte der Kreis seiner Befreundeten sich erweitern und zugleich seine Theilnahme am grossen Werke der Reformation eine vielfach gesteigerte werden.

Ueberdieß hatte er die Freude, unter den Mönchen des Klosters so erwünschte Erfolge seines Wirkens zu sehen und solchen Anklang zu finden, daß einzelne anfingen, in den umliegenden Dörfern das Evangelium zu verkündigen, und eine völlige Umgestaltung ihrer Sinnes- und Lebensweise sich vorbereitete.

7. Die ersten Gefahren.

Doch wie hätte in einer Zeit so gewaltigen Kampfes der Widerspruch ausbleiben können? Was in Kappel vor sich ging, fing an Aufsehen zu erregen. Besonders wurde in Zug übel vermerkt, daß einige Bürger von Zug sich oft in Kappel unter Bullingers Zuhörern einfanden. Sie wurden zu Hause als Neuerer und Ketzer ausgeschrieen. Der Abt, die Mönche und insbesondere der Schullehrer hatten deshalb viel Anfeindung von Seiten der Zuger; oft wurde das Kloster bedroht, oft kamen Einzelne in große Gefahr.

Namentlich wurde die Lage der Dinge sehr ernst, als im Juli 1524 durch die gewaltsame nächtliche Wegführung des evangelischen Pfarrers von Burg, bei Stein am Rhein, ein Auflauf entstand, wobei unbesonnener oder unvorsichtiger Weise das reiche Karthäuserkloster bei Frauenfeld in Flammen aufging. Bücher wurden verbrannt, über dem Feuer Fische gesotten, die Keller geleert, eine Monstranz zerschlagen, weßhalb sodann drei ungerecht Verurtheilte, muthige Bekenner des Evangeliums, als die ersten Märtyrer der erneuerten zürcherischen Kirche bluteten (s. Christoffel, Zwingli, Abth. 1. S. 188.). Nun legten die katholischen Orte, sonst schon wider Zürich erbittert, den Zürchern all diesen Unfug zur Last; nun drohten sie laut sich durch Einäscherung des Klosters Kappel, als des ihnen zunächst gelegenen zürcherischen, zu rächen. So heftig wurde der Streit auf der Tagsatzung zu Zug, daß Doctor Joachim von Watt (Vadian), Bürgermeister und Gesandter der Stadt St. Gallen, nur durch die Flucht auf abgelegenen Fußpfaden sein Leben rettete. Müde und durchnäßt fand der Flüchtling in Kappel, wo er Abends anlangte, die herzlichste Aufnahme, und vermochte es über sich beim trauten Freundesgespräche um Gottes willen seinen Feinden zu vergeben in Kraft des

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Evangeliums, um dessen willen sie ihn haßten. Da schlang sich um ihn und Bullinger ein Freundschaftsband, das Jahrzehnde hindurch unter den schwierigsten Kämpfen und vielfachen Sorgen beiden ihr Leben versüßte bis zum Ziele der irdischen Laufbahn. Jhre vertraulichen Briefe, die in ausnehmend großer Anzahl noch vorhanden sind, geben davon aufs lieblichste Zeugniß.

Nach etwa zehn Tagen lockte die warme Sonne unsern zwanzigjährigen Lehrer, mit etlichen Schülern in der nahen Lorze unweit Baar auf Zuger Gebiet zu baden. Plötzlich sieht er sich von mehr als zwanzig handfesten Burschen umzingelt; "Gott hielt ihre Augen, schreibt er davon, daß sie uns nicht erkannten, obgleich sie sonst uns wohl kannten." So entrann er ihren Händen. Doch größere Schaaren feindlich gesinnten jungen Volkes waren nahe, Willens, die schlimmsten Drohungen zu verwirklichen. Nur der Landsturm, auf Seiten der Zürcher rasch aufgestellt, konnte Schreckliches verhüten. So war Kappel in diesen Jahren von feindlichen Ueberfällen vielfältig bedroht und stets wieder beunruhigt.

Doch bei Alle dem, und wie mühsam sein Schulamt war, wie viel er sonst noch bald zu schaffen bekam, wie niedrig dabei seine Besoldung stand, da er außer Wohnung und Unterhalt nichts sich ausbedungen hatte, war es die glücklichste Zeit seines Lebens; er genoß so ganz in befreundeter Umgebung die Freude des ersten Wirkens - ohnehin jederzeit etwas so Liebliches und Unergeßliches - und dies zudem noch in den bewegten Tagen eines allumfassenden Weltkampfes, der die Gemüther bis in ihre tiefsten Tiefen erregte.

Bullinger äußerte sich später, wenn auch rüstig und fröhlich im mühevollsten Arbeitsleben, öfter: Nie sei's ihm wohler gewesen, als in Kappel. "Hier geht mir's ganz gut, schreibt er eben so einem Universitätsfreunde nach Köln; ich wohne hier in einem reichen Kloster, umgeben von blumigen Wiesen und Wäldchen, aus denen der Vögel Gesang gar lieblich ertönt, und habe da alle Gelegenheit sowohl theologische, als sprachwissenschaftliche Vorträge zu halten." Nach Aufzählung der bisher erklärten Schriften fährt er fort: "Deshalb bin ich aber durch gewisse Rathsbeschlüsse unserer Eidgenossen, wenngleich nur insgeheim, geächtet, so daß ich ganz am Kreuze Christi hange und mich nicht erkühnen darf, auch nur einen Halm breit über die Grenze des Zürcher Gebiets hinaus zu gehen, wenn ich nicht dem Tode durchs Schwert oder Feuer mein Leben will aussetzen. Doch ist's mir ganz lieb, für den süßen Namen meines Herrn Jesu Christi ein Auswurf der Menschheit zu werden (I. Kor. 4, 13.), da ich ja längst viel Schrecklicheres für meine Sünden verdient hätte. Bete zu Gott für mich, daß er in mir und allen Gläubigen kräftige, was er aus Gnaden angefangen, und daß wir in unserm Sterben mit dem heil. Jgnatius jubeln mögen: Bereit sind wir für die wilden Thiere, fürs Feuer, für die Schwerter, fürs Kreuz, wenn wir nur Christum erblicken, unsern Herrn und Erlöser." "Wohl

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war ich, fügt er noch bei, ein Jüngling rauh und scharf nach Schweizerart[6]; doch bitt ich, lieber Bruder, verzeih mir meines jugendlich ungestümen Sinnes halben, der damals eben noch nicht neugeboren war aus Gott, während ich nunmehr an dich und unsere Lehrer unaufhörlich mit brennendem Herzen gedenke."

Ja wohl sollten für unsern Bullinger die Tage auch noch kommen, in denen die heldenmüthige Gesinnung, die er hier ausdrückt, ihre Probe bestehen konnte. Aber bis dahin gab's noch auf allen Seiten zu thun, bald in Gemeinschaft mit dem Hauptkämpfer und auf seine Anregung hin, bald ohne diese.

8. Bullingers Befreundung mit Zwingli.

Wohl hatte Bullinger schon dem ersten öffentlichen Religionsgespräche in Zürich (im Januar 1523) über "die Anrufung der Heiligen", bei welchem auch der Abt von Kappel sich in Kürze hören ließ, beigewohnt, unmittelbar vor dem Antritt seines Schulamtes, doch nur als stille beobachtender Zuhörer. Nun war ein zweites Religionsgespräch in Zürich nöthig geworden "über die Bilder und die Messe", und wurde am 26. October 1523 gehalten. Merkwürdiger Weise aber hörte Bullinger erst gegen Ende dieses Jahres Zwingli zum ersten Mal predigen, und machte nun auch seine persönliche Bekanntschaft, nachdem er zuvor namentlich die eben erst erschienene Begründung seiner 67 Artikel gelesen hatte. Zwingli's Predigten sowie sein liebenswürdiger, offner und freier Charakter sagten ihm sehr zu. Hatte er doch vermöge seiner eigenen innern Entwicklung die nämlichen Ueberzeugungen gewonnen. "Jch fühlte mich um so mehr angezogen, sagt er, da ich schon seit bald vier Jahren ein feuriger Anhänger eben derselben Lehre war." "Seine kräftige, richtige und schriftgemäße Lehrweise gereichte mir aber gar sehr zur Befestigung." Dies ist das Verhältniß Bullingers zu Zwingli. Es ist in Rücksicht der Lehre nicht das eines unselbständigen, abhängigen Schülers zu seinem Lehrer, vielmehr ein freieres, ganz dazu geeignet, daß er Zwingli's tüchtiger und kräftiger Mitarbeiter werden konnte. Jmmerhin ist und bleibt Zwingli nach Bullingers eigener Auffassung derjenige, welcher als Anführer und Hauptkämpfer das Werk der Reformation zu beginnen und durchzusetzen hatte, während dem zwanzig Jahre jüngern Bullinger, wie sich später uns näher zeigen wird, eine ganz andere Aufgabe, die des Bewahrens, Erhaltens, der weitern Durchführung, des völligen Ausbaues der Landeskirche beschieden war in kommenden Tagen.

Zwingli und Bullinger - welche Verschiedenheit! Zwingli's rasches, feuriges Temperament, Bullinger's Ruhe und Gelassenheit; Zwingli's

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schneidender, stechender Witz, Bullinger's einläßliche Gründlichkeit; daher auch Zwingli's Kürze, Bullinger's Ausführlichkeit in den meisten seiner Arbeiten. Wie geeignet zur gegenseitigen Ergänzung! Daher entwickelte sich nun unter ihnen ungeachtet des bedeutenden Abstandes in Rücksicht der Lebensjahre ein gar schönes Verhältniß regen, fröhlichen Austausches und gegenseitiger Förderung. Bullinger nahm den lebendigsten Antheil an Zwingli's Studien. So zog, als er einmal bei ihm war (im Jahre 1524), ein großes Buch in Zwingli's Studierzimmer insbesondere seine aufmerksamen Blicke auf sich, überschrieben "Hauptpunkte der christlichen Lehre" (Loci communes), worin Zwingli aus den bewährtesten Kirchenlehrern der ersten Jahrhunderte, wie Augustin, Ambrosius, Chrysostomus seine Auszüge machte, indem er ihre Lehrsätze an den zugehörigen Stellen fleißig eintrug, namentlich was jeder von ihnen über die Bibel geschrieben hatte. Zwingli hinwider hatte seine innige Freude an Bullinger's produktiver Kraft, an seiner regen Emsigkeit, äußerte Wünsche, ermunterte ihn zur Behandlung dieses oder jenes Gegenstandes, lobte was zu loben war, hielt ihn zurück wo's dienlich schien, verhalf seinen ersten Schriften zum Drucke.

Bezeichnend für dieses Verhältniß ungezwungenen Zusammentreffens und Entgegenkommens in den Gedanken und Strebungen ist namentlich diejenige Unterredung über die Messe und das heilige Abendmahl, bei der Bullinger zum ersten Male Zwingli's Gedanken über das Mahl des Herrn kennen lernte. Bereits war nämlich in Zürich die Reformation größtentheils thatsächlich durchgeführt und in den letzten Monaten eine Menge falscher Gebräuche abgeschafft worden, nachdem Zwingli seit fünf Jahren schon dawider gepredigt hatte. Aber die Messe bestand noch. Bullinger stutzte über dieß Zögern. Er fand es für nöthig, Zwingli einmal seine Meinung recht ernstlich zu sagen. "Es war am 12. September 1524, erzählt unser Bullinger, daß Zwingli mir zum ersten Mal sein Herz darüber aufschloß, wie er über das Sakrament des Leibes und Blutes denke. Jch setzte ihm nämlich in guten Treuen meine Ansicht auseinander, die ich aus einer Schrift der Waldenser und aus Augustins Werken geschöpft hatte." Die Nichtigkeit der Brotverwandlung stellte Bullinger dabei ihm vor und wie ein solcher Götzendienst nicht länger zu dulden sei. Noch erklärte sich Zwingli nicht und ließ ihn weiter reden. Als er nun aber bemerkte, wie gründlich Bullinger jeden Einwurf zu widerlegen, die Zweifel zu lösen und die Schriftmäßigkeit der Lehre vom geistlichen Genießen des Herrn in dem von ihm gestifteten Mahle zu erweisen verstehe, da eröffnete er ihm eben so unverholen seine Gedanken und gab ihm völligen Beifall. Doch bat er ihn, mit der öffentlichen Bekanntmachung der schriftmäßigen Lehre für einmal noch inne zu halten, bis das Volk durch die evangelische Predigt noch besser darauf vorbereitet wäre.

Um so mehr fühlte sich unser Bullinger angefeuert, "zur Ehre Gottes und um seines hochheiligen Namens willen" für das ewig gültige

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Gotteswort und dessen freie Verkündigung, wider allen Menschentand und alle Menschensatzung, zumal gegen die abgöttische Verehrung der Hostie aus allen Kräften zu wirken, so weithin als er nur konnte, nicht bloß mündlich, sondern auch durch das schriftliche Wort in jeglicher Weise.

9. Anfänge von Bullingers schriftstellerischer Thätigkeit. Die Geltung zur heiligen Schrift.

Eben war noch die Zeit, da viel sich erringen und gewinnen ließ, auch in denjenigen Kantonen der Eidgenossenschaft, die bis jetzt überwiegend ungünstig gestimmt waren gegen die durchgreifende Umgestaltung, der Zürich unter Zwingli's Panier sich hingab. Noch war, wenn man auch grollte, die Erbitterung nicht aufs Höchste gestiegen. Noch hatten die Parteien sich nicht ausggeschieden. Ueberall fühlte man doch das Bedürfniß kirchlicher Reformen, überall gab es, selbst in Luzern, Zug, Schwyz und Uri, vollends aber in den "gemeinen Herrschaften", zu denen Bremgarten und die freien Aemter gehörten, innige, treue Freunde und Anhänger des Evangeliums, die sich nach dem lautern Gottesworte inniglich sehnten und mitunter die Zürcher baten, sie möchten alles nur Mögliche thun, damit auch bei ihnen die freie Predigt der evangelischen Wahrheit gestattet würde. Wie nun? war's nicht des Versuches wohl werth, ob es möglich sei, durch ruhige Darlegung die Einen und Andern der einflußreichsten Männer jener Gegenden für die Wahrheit zu gewinnen, Jrrende zurecht zu leiten, Wankende zu stärken, Entmuthigte durch feurige Ermunterung anzuspornen.

Unser Bullinger verfaßte deßhalb mehr als siebzig Schriften während seines nicht einmal sechsjährigen Aufenthaltes in Kappel, größere und kleinere, lateinische und deutsche, Briefe, Anreden, Abhandlungen u.s.w., die er zwar nur als Vorübungen bezeichnet, die aber der Mehrzahl nach diesen Zwecken dienten, Einzelnen zugesandt wurden in den umliegenden Gegenden und dort handschriftlich von Hand zu Hand gingen; daher denn eine Anzahl dieser Zuschriften bei der Eile und dem Mangel vorheriger Abschrift verloren ging. Die Bekanntschaften des Abtes, dem von Zwingli die Umgegend seines Klosters zur besonderen Berücksichtigung empfohlen war, allenfalls auch die seines Vaters, zu dessen Dekanate sammt den freien Aemtern die Gemeinden rings um den Zugersee gehörten, und die Wünsche Einzelner gaben Antrieb genug, die Feder zu regen.

Vor Allem galt es ein festes Fundament zu legen, auch Andere zur Ueberzeugung zu bringen von dem evangelischen Grundsatze, daß der Schrift allein die oberste und entscheidende Autorität zukomme in Glaubenssachen, daß die menschlichen Autoritäten aber, auf welche sich die römische Kirche berief, auch die sogenannte mündliche Tradition ihr nicht an die Seite gestellt werden dürfen, daß insbesondere die Einbildung

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nichtig sei, als ob die evangelische Lehre etwas Neues wäre, ein Menschenfündlein, etwa eine eben neulich gemachte Erfindung Zwingli's oder Luther's oder irgend eines andern Menschen, daß sie vielmehr das wahrhaft Alte, Aechte, Ursprüngliche und zudem das göttlich Berechtigte sei. Wie manche Bedenken waren da zu heben, wie manche Einwände zu beseitigen zur Belehrung eines römischen Katholiken, selbst eines wohlmeinenden! Jn diesem Sinne schrieb Bullinger schon am 30. Novemer 1523 im Namen des Abtes Jonas an einen Altersgenossen und alten Freund desselben, der um der "neuen Lehre" willen mit ihm unzufrieden geworden, Rudolf Asper (wahrscheinlich Dekan in Sursee am Sempachersee im Kanton Luzern). Der Hauptinhalt dieses ausführlichen Schreibens, das uns anschaulich macht, wie fest und klar die Grundlage damals schon bei Bullinger selbst war, ist folgender:

"Jch habe viel Zeit auf das mühsame Studium der Dekretalen (kirchlichen Rechtssatzungen) und der Scholastiker verwandt. Am Ende ist mir diese Arbeit zum Ekel geworden, weil Einer dem Andern widerspricht und die Meinungen der Andern heruntermacht; dieß hatte zur Folge, daß ich mit unverdrossenem Fleiße die Kirchenväter zu lesen anfing. Allein auch diese fand ich nicht einstimmig ... doch sah ich, daß alle sich durchaus auf die heilige Schrift berufen und darauf bestehen, daß man Christus allein hören müsse." Nachdem er dieß durch eine Reihe der kräftigsten Stellen der Kirchenväter bewiesen, fährt er fort: "Dieß vermochte mich, von ihnen an die Quelle selbst zu gehen, zu welcher sie mich hinwiesen. Aus ihr schöpfte ich emsig und fand köstliche, himmlische Nahrung, stärkendes Labsal ohne Ueberdruß. Jch lernte aus dem alten und neuen Testamente, daß man die falschen Propheten, d.i. die, so nicht Gottes Wort vorbringen, nicht hören und daß man dieses nicht durch menschliche Zuthaten verunstalten dürfe. Christus selbst erweist Alles aus den Schriften des alten Testamentes, selbst nach seiner Auferstehung, so auch die Apostel, selbst nachdem sie den heiligen Geist empfangen hatten. Paulus namentlich, der da sagt: Die ganze Schrift in von Gott eingegeben. Kurz, ich fand, daß das neue Testament nichts anderes sei als die Auslegung des alten. Was dieses verheißt, gibt jenes; dieses deutet nur an, was jenes unverholen ausspricht. Wenn also der Sohn Gottes selbst, der die Weisheit des Vaters ist, nichts thut ohne die Schriften, was könnte uns abhalten, auch jetzt noch den Schriften als unsrer Richtschnur in Allem zu folgen?

Freilich kam ich auf den Gedanken, es möchte doch vielleicht nicht Alles in Schrift verfaßt sein. Allein der Brief an die Römer benahm mir diese irrige Meinung; denn hier fand ich Alles, was zum Heile des Menschen gehört: das Gesetz, das Evangelium, die Sünde, die Strafe, die Begnadigung, den Glauben, die Gerechtigkeit; Christum, Gott, die guten Werke, Liebe, Hoffnung, Trübsal; Gerechte, Sünder; Starke, Schwache; wie man gegen Freunde und gegen Feinde sich zu betragen habe. Wie darf man nun

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manche Lehren der jetzigen Kirche für mündliche Aussprüche Pauli, die durch Ueberlieferung (Tradition) auf uns gekommen wären, ausgeben, obschon Paulus sich immer gleichbleibt, diese Lehren aber seinen Schriften widersprechen? Die ersten Häupter der Kirche waren mit den biblischen Büchern, die wir haben, zufrieden und erklärten Alles für falsch, was denselben Zuwiderlaufendes gelehrt oder vorgeschrieben würde.

Nach dieser frohen Entdeckung, wobei mir die Kirchenväter (deren Aussprüche er auch hier wieder einfügt) gleichsam als Stufen dienten, hielt ich mich immer fest an den Grundsatz, die heil. Schrift an und für sich allein sei hinreichend, man müsse daher einzig der heil. Schrift folgen und alle menschlichen Zusätze verwerfen. Wer deßwegen mir zürnen will, der muß auch der heil. Schrift und den Kirchenvätern zürnen, die mir, ungeachtet meines Widerstrebens, diese Ueberzeugung aufgenöthigt haben.

Nunmehr aber stieß ich auf eine neue Schwierigkeit. Darf ich, da die heil. Schrift so viel Dunkles enthält, mir allein trauen? Zwar die Kirchenväter lehren mich dieselbe verstehen. Allein die erste Kirche hatte keinen Thomas, keinen Scotus, keinen Augustin[7]. Doch der Letztere bewies seine Erklärungen aus der Schrift gemäß seinem Ausspruche: Keine Stelle der Schrift ist so dunkel, daß sie nicht durch eine andere Stelle erklärt würde, und so oft die Kirchenväter ungleicher Meinung waren, wandten sie sich an dieselbe. Hat der heil. Geist etwa gewollt, daß man ihn nicht verstehe? Hat er bloß die Rabbiner und die Gelehrten auf den wahren Sinn führen wollen? Christus sagt (Matth. 11, 25) das Gegentheil, auch Tertullian. Wer darf den Gläubigen das Verständniß absprechen? Dieß hieße Christus zum Lügner machen. Also muß die Schrift aus ihr selbst, d.h. in dem Sinn, in welchem sie geschrieben ist, erklärt werden. Wenn wir dieß nicht dürfen, warum durfte es Augustin, welcher kein besseres Recht hatte, welcher mit eben derselben Taufe getauft, mit demselben Geiste getränkt war? Muß nicht der heil. Geist der beste Ausleger der Schrift sein, da er sie eingegeben hat? Wer dieß läugnet, der glaubt Gott nicht, welcher diesen Geist verheißen hat. Wie stimmt aber dieser Unglaube mit der christlichen Gesinnung, mit den Verheißungen, mit dem Bade der Wiedergeburt? Also nicht mir glaube ich, nicht den Kirchenvätern, sondern ich bleibe bei der Schrift, indem ich die Schrift durch die Schrift erkläre, aber nichts davon noch dazu thue."

Den Einwurf, daß man, weil die alten Kirchenlehrer die Schrift so fleissig erklärt hätten, bei diesen Erklärungen stehen bleiben sollte, beantwortet er folgender Maßen: "O hätte man doch bis auf jetzt eben so viel Fleiß darauf

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verwendet wie jene thaten; wahrlich unsre Tage wären dann nicht so sturmbewegt! Wir schenken den Kirchenvätern Glauben, wo sie bei der Schrift bleiben, aber auch nur da. Augustin gesteht ja, er habe vielfach geirrt. Selbst die Scholastiker folgen ihnen nur mit Auswahl. Augustin, sagen sie, übertreibt bisweilen, Hieronymus redet allzu hart, den Origenes muß man mit Vorsicht lesen. Wie oft nennen die Rechtsgelehrten die Meinungen der Kirchenväter Spreu! Augustin selbst sagt: Hüte dich, meine Schriften als kanonisch zu verehren! Warum sollten also wir nicht thun dürfen, was die Scholastiker thaten? Jst, was sie thaten, nicht recht, warum thaten sie's denn? Jst nicht auch uns der Geist verheißen? Jst nicht die Schrift auch in unsern Händen?"

Endlich kommt er auf die Concilien und frägt: "Haben diese nicht öfter geirrt? Hat nicht das Concil zu Mileve (in Nord-Afrika, zu Anfang des fünften Jahrhunderts) sich über den freien Willen des Menschen, über die Gnade, die Sünde, das Verdienst der Werke gerade so ausgesprochen, wie die sogenannte neue Lehre unsrer Zeiten? Bezeugt nicht die afrikanische Synode völlig Luther's Lehre in Bezug auf den angeblichen Vorrang des Petrus? Wenn diese Kirchenversammlungen den Beschlüssen der übrigen widersprechen, so müssen die einen nothwendig irren; stimmen sie aber zusammen, so lehren sie ja wie wir."

Nachdem er dieß weiter ausgeführt, faßt er zum Schlusse alles bisher Gesagte kurz zusammen: "Jch habe also da die Satzungen der Kirche auf die Kirchenväter sich stützen, diese aber unter sich nicht übereinstimmen, sondern auf die heil. Schrift verweisen und nicht wollen, daß man ihnen und ihren Auslegungen blindlings glaube, mich alsbald gleichwie Paulus nicht mit Fleisch und Blut besprochen, sondern Gott um seinen Geist gebeten und mit erneuertem Gemüthe die Bibel zur Hand genommen. Sie lese ich nun für und für ernstlich, sie theile ich dem Volke mit. Und wenn auch gewisse Leute mich deßhalb hassen, so spreche ich mit Paulus: Wenn ich den Menschen noch gefallen wollte, so wäre ich Christi Knecht nicht."

Dann folgen noch sanfte, freundlich einladende Worte. Indeß hatte dieß jugendlich kräftige Sendschreiben den gewünschten Erfolg nicht. Der Briefsteller sagt uns darüber, so unfreundlich sei es von dem Empfänger aufgenommen worden, daß es schwer wäre zu sagen, ob sein Undank oder seine Lieblosigkeit größer war. "Aber so pflegt die freche und schamlose Unwissenheit sich christlicher Herzlichkeit gegenüber zu benehmen. Genug, er hält uns für Ketzer."

Doch diese ungünstige Aufnahme konnte unsern Bullinger nicht abschrecken. Nur um so dringender nöthig war es, sich an Andere zu wenden, von denen sich annehmen ließ, daß sie den Anfang einer hellern Erkenntniß gewonnen hätten, und sie zum muthigen Bekenntniß der evangelischen Wahrheit anzufeuern.

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10. Von der wahren Hirtentreue.

Allerdings erforderte es an allen den Orten, wo bis dahin die Reformation noch nicht durchgedrungen war, für einen Freund der evangelischen Wahrheit nicht bloß bessere Einsicht, sondern auch gewaltigen Muth, um die erkannte Wahrheit offen zu bekennen und so der Reformation der Kirche zum Siege zu verhelfen. Man mußte im Stande sein gleich den Aposteln Alles dran zu setzen, um Christum zu gewinnen.

So fühlte er sich bewogen, ein apostolisch eindringliches Warnungsschreiben an Pfarrer Matthias zu Seengen am Hallwylersee (Kanton Aargau) zu richten, wider den Abfall eines Hirten von Gottes Wort, das uns zeigt, welches Bild eines treuen Hirten dem Geiste unsres Bullinger vorschwebte. Mit apostolischem Gruß und Danke beginnt er:

"Gnade und Friede von Gott dem Vater und unserm Herrn Jesu Christo! Hoch gepriesen sei der hohe, allein wahre, ewige, allmächtige, lebendige und einige Gott, der Himmel und Erden und Alles, was darin ist, geschaffen und uns von Ewigkeit her erwählt hat, daß wir durch das Verdienst seines Sohnes Jesu Christi unsträflich sein sollten, die wir zuvor durch Sünden und Gebrechen so waren entblößt worden von aller Reinigkeit durch den Fall unsers Vaters Adam, daß wir nicht hätten wohnen mögen bei dem hohen, reinen Gott, den ja seine Propheten ein verzehrendes Feuer nennen, wenn er nicht aus lauter Gnade und Barmherzigkeit einen Bund, durch welchen er seine Huld gegen uns offenbart, mit uns gemacht und sich uns als den einigen Gott, d.i. Hort, Trost, Schutz, Schirm, Heil und höchstes Gut dargestellt hätte, und als den, der uns einen Samen geben wolle, in welchem alle Völker der Erden sollten glückselig und heil werden, wie denn in der Fülle der Zeiten aus Jesus Christus, der gesegnete Sohn, der zuvor durch das Gesetz und die Propheten verheißen war, gesendet, für uns in den Tod dahin gegeben und von den Todten auferweckt worden ist und jetzt sitzt zur Rechten Gottes, ein wahres Pfand der Huld Gottes gegen uns, die wir durch sein Blut von Sünden gewaschen und mit ihm zum ewigen Leben erstanden sind, so wir anders in unsern Herzen davon überzeugt sind und fest darauf beharren, daß er uns vom Vater gegeben sei zur Reinigung, zur Frömmigkeit, zur Genugthuung und für und für unser Fürsprecher sei bei dem Vater und außer ihm niemand.

Nachdem er das Erlöseramt Christi näher bezeichnet, redet er ihn an: Nun hast also auch du, inniggeliebter Bruder, dies Geheimniß durch die Gnade Gottes erkannt, und weißt, daß nicht mehr denn ein einiger Gott ist. d.i. ein einiger Trost, Hülf, Heil und oberstes Gut, auch nicht mehr denn ein einiger Christus d.i. Versöhner, Genugthuung, Gerechtigkeit, Erlösung und Heiland, und allein ein einiger heil. Geist, der uns heiliget und wahren Gottesdienst lehrt, also daß außer und neben diesem kein anderer Gottesdienst, keine

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Frömmigkeit, kein Genugthun, kein Heil, kein Trost, kein Verdienst, kein Fürsprechen, keine Ruhestatt oder Schutz irgend etwas hilft vor unserem hohen Gott, weil er auf das Herz und den Glauben sieht, wir aber nirgends von Herzen rein sind und deshalb Christus zum Versöhner aller Welt gesetzt ist. Da du nun, wie gesagt, dies Alles in Wahrheit weißt und auch wie alle Lehre außer dieser verflucht ist (Gal. 1, 8, 9.), kann ich mich nicht genug verwundern, daß du so langsam bist, hervor zu brechen mit deinem Zeugniß, das du in deiner Predigt der heiligen Dreifaltigkeit schuldig bist. Ja, wollte Gott, daß du nicht gar rückwärts gingest, sondern bloß langsam. Hast du jetzt schon vergessen, von wannen du gekommen und daß du bei dem frommen, ehrenfesten Gottesdiener Konrad Schmid [8] erzogen bist, welcher ohne Zweifel dich im Wege des Herrn unterrichtet hat, also daß du wohl weißt, daß diese Lehre von Gott ist, daß sie die Wahrheit und keine Lüge ist, und daß eher muß Himmel und Erde zusammenkrachen, ehe denn ein Wort davon ginge. Bist du aber ein wahrer Christ d.i. ein Gesalbter Gottes, so hast du schon die Kundschaft Gottes des heil. Geistes in deinem Herzen, der da Zeugniß gibt dem äußern Worte, so daß dich die Schmachreden der Welt wenig irre machen. Sieh I. Joh. 2, 27. So du aber diese Kundschaft im Herzen hast, d.i. so du ein wahrer Christ bist, warum gibst du denn deinem Gotte nicht Zeugniß, oder wie kannst du den Geist Gottes in dir ersticken? oder weißt du denn nicht, daß deine Untergebenen Tempel sind des heiligen Geistes? und daß Gott daher alle die wird zu Schanden machen, die seinen Tempel entheiligen? Betrachte doch einmal, was auf sich habe die Sünde wider den heiligen Geist (Matth. 12, 32/. Abfallen aber von der Wahrheit, ablassen und der erkannten Wahrheit Gewalt anthun (Hebr. 6, 4-6, II. Petr. 2, 20, 21.), ist Sünde wider den heiligen Geist. So sehe sich nun Mancher vor bei seinem Verlassen der Wahrheit, was für großen Zorn Gottes er auf seine arme Seele ladet, da ja geschrieben steht: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes, und abermal: Wer sich meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlechte, deß wird sich auch des Menschen Sohn schämen, wann er kommen wird in seiner großmächtigen Herrlichkeit zu richten u.s.w., und wiederum: Es werden nicht Alle, die zu mir sprechen: Herr, Herr, in das Himmelreich kommen, - nicht Alle, die wohl anheben, sondern wer nicht weicht, und beharret bis ans Ende. O denk' an Loths Weib. Du bist ein Hirt; des Kreuzes sollst du dich nicht weigern. Denn möchtest du, daß dein Herr Jesus um deinetwillen sein ewiges Wort bräche, der da spricht: So euch die Welt hasset, so wisset, daß sie mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Jhre lieb; dieweil ihr aber nicht von der Welt

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seid, darum hasset euch die Welt. Der Knecht ist nicht größer, denn sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euer nicht schonen. Aber darob lasset euch nicht grauen; denn alle haben sie verfolget die Propheten, die vor euch gewesen. Jch habe die Welt überwunden und euere Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden.

Da nun dem also ist, so muß es schlechterdings erlitten sein. Bist du nun fest, so bist du ein Hirt; weichst du aber, so bist du ein Miethling und nicht ein Hirt. Wache aber auf vom Schlafe, sei wacker und tritt hervor unter die dir übergebenen, ja dir eigenen Schafe. Fürchte dich nicht; es ist um Einen sauren Lupf (Hebung) zu thun, und gib ihnen grüne, gesunde Nahrung, frisches lebendiges Wasser, und Alles was mit Füßen verderbt und zertreten ist, thu ferne von ihnen. Allein das einige, ewige, wahrhafte, lebendige Wort Gottes macht unsere Seelen gesund, stark und fest, nach Ezechiel 34, Psalm 119, Apostelgesch. 20. Sieh, wie theuer dir deine Schafe anbefohlen sind. Gehst du diesem nach und lässest du dich nicht abwendig machen, durch jeden Gegenwind, wohl dir! der Herr ist mit dir! Folgen dir aber die Schafe nicht, so sei ihr Blut auf ihnen. Gehst du aber diesem nicht nach, so wird alles Blut aller deiner Schafe von deinen Händen gefordert (Ezech. 3.) und alle die Plagen auf dich ausgegossen werden, die im alten und neuen Testamente genannt sind. (V. Mose 28; Jerem. 23M in Micha, Amos, Offenbarung). Darum sei muthig; erheb' deine Stimme und laß das Wort Gottes wie ein Kriegshorn erschallen; bring hervor Altes und Neues, wie sich einem Boten und Abgesandten Christi vor Gottes Augen ziemt, und sei nur nicht muthlos; denn der Herr ist mit Allen denen, die ihn mit aufrichtigem Herzen suchen, und verheißt dir mit dem Munde, durch welchen keine Lüge gehen kann, Trost, Hülfe, Beistand und Errettung. Sei nur treu an ihm; denn er kann sich selbst nicht verläugnen, wie Paulus von ihm nicht bloß bezeugt, sondern zum öfteren empfunden hat. Jerem. I. spricht Gott: Steh auf und begürte deine Lenden und predige ihnen Alles, was ich dir geboten, und fürchte dich nur nicht vor ihrem Widerstreben. Jch will auch machen, daß du nicht fürchtest ihren Anblick; denn siehe ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule und zur ehernen Mauer machen wider das ganze Land, vor allen Königen und Fürsten und Pfaffen alles Erdreichs, und sie werden wider dich streiten, dennoch sollen sie nicht wider dich siegen; denn ich bin bei dir, spricht der Herr, daß ich dich errette. Ebenso Ezechiel 3. spricht Gott also: Jch habe dein Angesicht viel härter gemacht als ihre Angesichter und deine Stirne viel härter als ihre Stirn, viel härter als Demant und Kießling; darum fürchte sie nur nicht, und entsetze dich nicht vor ihrem Sauersehen; denn sie sind eben ein ungehorsames Volk. So spricht auch Christus: Jch sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe: darum seid vorsichtig wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben, und so sie euch gefangen führen, so sorget nicht, wie ihr euch verantworten oder siegen möget; denn dieweil ihr die seid,

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so Gottes Wort führen, wird euch eilends eine solche Kunst der Rede gegeben, der weder Fürsten noch Herren werden widerstehen dürfen.

So du nun weißt, daß dies das wahre untrügliche Wort Gottes ist, das dir nimmermehr fehlen mag, wen fürchtest du denn? Warum trittst du nicht hervor wie ein Löwe, allem dem zu wehren, was deinen Schafen Schaden bringen mag? Laß ja nicht zu, daß man dich je könne einen falschen Propheten schelten. Von ihnen sagt der Apostel, daß sie solches Alles thun um Ruhmes willen, den Menschen zu gefallen und daß sie dem Kreuz entlaufen. Nicht also du, mein frommer Matthias, sondern halt dich tapfer, unsträflich, wie Matthias nach Apostelg. 1. Bewaffne dich mit Gottes Wort; denn es ist genug, daß wir Gottes Güte und Geduld so lange Zeit mit unserm Jrrsal und Sünden mißbraucht haben. Laß uns betrachten, daß wir Staub und Asche sind und daß unsere Tage dahin gehen wie ein Schatten, daß es ein schädlicher Gewinn ist, wenn wir gleich alle Welt gewännen, aber Schaden anthäten unsern armen Seelen. Laß uns zu Herzen nehmen, daß wir Christen sind und das christliche Wesen nicht eine Freiheit oder Leichtfertigkeit des Fleisches ist, dieweil wir zu guten Werken geweiht sind, und Paulus spricht: die, so wahre Christen seien, kreuzigen ihr Fleisch sammt seinen Lüsten. Namentlich wird von dir, weil du ein Hirt bist, gefordert ein christliches Wesen und daß du nicht geizig, hoffärtig, trunken, zornig, gotteslästerlich, neidisch, unreiner Lippen, unlauter, unzüchtig, ehebrecherisch und dergleichen seiest, indem du Rechenschaft ablegen mußt dem Oberhirten Christo zu der Stunde, da du es vielleicht nicht meintest, und vor aller Welt dein Urtheil empfangen, wann er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Todten, um jedem zu geben, nach dem er gehandelt hat.

Diese meine treue Ermahnung nimm, lieber Matthias, zum besten auf, darum daß sie dir von deinem guten, wohlwollenden und getreuen Freunde zugeschrieben ist; denn gewißlich hätte dir sonst keiner so viel gesagt, wofern er nicht von Wohlwollen gegen dich beseelt gewesen, ein Schmeichler jedenfalls nicht. Und sei nur muthig, da du selbst wohl weißt, daß wir mit der göttlichen Wahrheit umgehen. Oder zu wem weisen wir als zu Gott? was lehren wir Anderes, als ein christliches Wesen? woraus? allein aus dem göttlichen Worte, und zwar so daß wir es seiner Art und Natur gemäß erklären, indem wir Schrift mit Schrift auslegen. Wer ist unser Trost, Hilfe und Gerechtigkeit, Fürsprecher und Leben außer Christus allein? Wem sollte da noch grauen, da ja klar gesprochen ist: Jch bin das Licht der Welt; wer mir nachgeht, der wird nicht irren in Finsterniß. Siehe, das hat geredet der Mund aller Wahrheit; dem folgen wir (du weißt's wohl) mit unserm Lehren und auch (so viel Gott gibt) mit dem Leben. Wie könnte denn jemandem unter den Christen davor grauen? Denen aber, die uns so unverschämt aus Unwissenheit Ketzer heißen, verleihe Gott sein Licht; denn wir waren auch etwann Finsterniß, nun aber ein Licht im Herrn, und

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zwar, sollte es einmal an den Pündtriemen gehen (d.h. zum Aeußersten kommen, so daß man sich graden Weges zu Leibe ginge), so wollen wir gewißlich ohne sonderliche Mühe diese Schwätzer nicht allein aus dem göttlichen Worte, sondern auch aus den alten Concilien und Kirchenvätern, den Concilien zu Nicäa, Karthago, Ephesus, Mileve, aus Tertullian, Augustin, Cyprian, Lactangius, Athanasius, Origenes u.s.w. öffentlich und klar überführen, daß sie ärgere Ketzereien lehren und zulassen, als die Ebions, Marcions, Arius' und der Manichäer je gewesen sind. Der Gott aber, der alle die begnadigt, die in wahrem Glauben und unschuldigem Leben vor ihm wandeln, und sich nicht fürchten seinem Namen Zeugniß zu geben vor aller Welt, der wolle auch dein Herz und Gemüth erleuchten, daß du seine wahre Ehre und Herrlichkeit wahrhaft und ohne Falsch verkündest, und daß deine Schafe, die dir von Christo gegeben sind, wahrhaft in wahrem Glauben und unschuldigem Leben dem hohen einigen Gott dienen! Und die Huld Gottes sei mit dir und mit Allen denen, die Christum Gottes Sohn in der Wahrheit lieb haben! Amen." Das Schreiben ist datirt: "Von Cappel, des achten Tags Februarii im 1526 Jahr; eilends und schnell."

Was war wohl der Erfolg dieses Schreibens? Er scheint nicht ungünstig gewesen zu sein, wenigstens finden wir später beim Religionsgespräch zu Bern den Pfarrer Matthias von Seengen unter denen, die sich nunmehr für überzeugt erklärten von der Wahrheit des Evangeliums.

Schon etwas früher als an Matthias hatte Bullinger ein ebenso feuriges Ermunterungsschreiben abgehen lassen in das benachbarte Zug, das er wohl mit den Augen schauen und mit seiner Liebe umfassen, aber der eigenen Sicherheit wegen mit keinem Fuße betreten durfte, und zwar an den dortigen Pfarrer Rudolf Weingartner, einen gebornen Zürcher, der als Konventsherr von Kappel und vormaliger Pfarrer in der benachbarten Gemeinde Merischwanden früher viel mit ihm und dem Abte verkehrt hatte, der im trauten Gespräche von der Macht der evangelischen Wahrheit angeregt und, wie es schien, auch überwunden worden war. Noch im Juli 1526 erbat er sich schriftlich von Bullinger die Erklärung zweier wichtigen Stellen der Evangelien und erhielt sie auch. Wie viel wäre für Zug und die Nachbarkantone gewonnen worden, wenn er zum entschiedenen Auftreten hätte bewogen werden können! Allein der Söldnerdienst, überall des Evangeliums geschworner Feind, hatte zu mächtige Gönner in Zug; solche Rücksichten mochten bei Weingartner vorwiegen, und so wurde denn auch das von ihm genommen, was er schon hatte (Matth. 13, 1). Leider war er es gerade, der in der verhängnißvollen Schlacht bei Kappel zum Unheil für seine angestammten Mitbürger alle verborgenen Fußpfade den Feinden verrieth.

Wie ganz anders war es bei dem treuherzigen Werner Steiner jenem begüterten zugerischen Chorherren, den wir schon oben unter Bullingers Zuhörern fanden, den keine Gefahr abhalten noch bei den vielfachen

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Anfeindungen, denen er fast rechtlos Preis gegeben war, in seiner Sanftmuth wankend machen konnte. Zweierlei erbat er sich damals von Bullinger, eine Auslegung der paulinischen Briefe und eine "Anleitung zur gedeihlichen Einrichtung seiner theologischen Studien." Diesem letztern Wunsche entsprach Bullinger sogleich durch eine kleine Schrift, die nachher handschriftlich manchem Studierenden zu statten kam, doch nur in engern Kreisen blieb, bis sie endlich der jüngere Zwingli, der Sohn des Reformators, zwanzig Jahre nach des Vrfassers Tode herausgab. Erfreulich ist der weite Kreis wissenschaftlicher Kenntnisse, den er als nothwendig hier vorführt. Eines aber geht ihm über Alles, das Lesen der heiligen Schrift, worüber er manche heilsame Regel gibt, bis er zuletzt in die Worte ausbricht:

"Wer kann ihre Annehmlichkeit und ihren Nutzen aussprechen? Jhre Worte sind Worte des Lebens, reine, himmlische, göttliche, feurige Reden, welche die christlichen Herzen in Bewegung setzen, ergötzen, ergreifen, anziehen, hinreißen, begeistern, mit dem reinsten Feuer entflammen und auf wunderbare Weise umgestalten; sie besitzen eine himmlische Kraft die Gemüther zu trösten, aufzurichten und durch ihre unaussprechliche und übernatürliche Anmuth einzunehmen und zu besänftigen."

Eben auf der Schätzung der heiligen Schrift und dem allen Gegnern stets entgegen gehaltenen Satze, daß man Christus allein hören müsse, beruht auch der Sinnspruch, den Bullinger allen seinen Schriften vorsetzte (nach Matth. 17, 5.): "Das ist mein lieber Sohn, in dem ich versöhnet bin; den sollt ihr hören!"

11. Der Kampf wider die Messe für das heil. Abendmal.

Was aber in jener Zeit alle Gemüther aufs lebhafteste beschäftigte und erhitzte, war das neue Licht, das nun aus den heil. Schriften hervor leuchtete über den Mittelpunkt des ganzen bisherigen Gottesdienstes, die Feier, in welcher das römische Priesterthum seine angemaßte Herrlichkeit mit wunderbarem Zauber umgeben hatte, nämlich die Messe. Wie erschien nun dieses vorgebliche tägliche Opfer vor dem hellen Lichtglanz des lautern Evangeliums? Als ein Wahn! Und die Verehrung der Hostie? Als abgöttische Uebertretung der ersten unter den ausdrücklichen Geboten des unsichtbaren, lebendigen Gottes! Wohl aber wußte Zwingli warum er unter allen Jrrthümern an diesen zuletzt Hand anlegte, und darauf die ihm Anvertrauten am längsten vorbereitet, wie wir oben sahen. Denn so sehr fand er die Gemüther davon umnachtet, daß Viele schon für Sünde achteten auch nur darüber zu denken oder irgend einer Belehrung Raum zu geben und Manche, in deren Herz ein Lichtstrahl der Wahrheit eingedrungen war, sich aufs Aeußerste darüber ängstigten, weil sie nicht mehr glauben konnten, was sie bisher geglaubt hatten,

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den alten Jrrthum, der im Widerspruch mit dem Evangelium stand, und doch auch nicht Licht und Kraft genug hatten, sich allein an dieses zu halten.

Aus dieser Gewissensnoth Seelen retten zu helfen, fand Bullinger ebenfalls sich getrieben. So schrieb er im Juni 1525 für eine Bürgerin von Zug, Anna Schwiter, zu Handen ihrer Freunde und Mitbürger, eine ausführliche Abhandlung: "Wider das Götzenbrot und vom Brot der Danksagung, wie mannigfaltig es mißbraucht und was sein echter, ehrlicher Brauch sei." Oft abgeschrieben, diente diese frische, freimüthige und volksthümliche Schrift nicht wenig zur Förderung der Wahrheit. Einige der bezeichnendsten Stellen derselben mögen hier folgen.

"Nachdem ich öfter, beginnt er, von vielen Leuten angestrengt worden, Euch vom Sakrament des Altars Bescheid zu geben, mich aber allzeit dem entzog, hat mich doch Euer großes Jrrsal und die Lieblichkeit dieser Feier dazu bewogen Euch und allen an Gott Gläubigen zu schreiben vom falschen und vom wahren Gebrauche dieses edlen Brotes.

Nun ist mir freilich wohl bekannt, wie es Euch und aller Welt so übel in den Ohren klingen wird. Da liegt aber nichts daran. Die Wahrheit muß hervor, ob sie gleich alle Welt ärgerte. Es gilt den hohen, einigen, ewigen, allmächtigen Gott und seine Ehre oder Entehrung. Es gilt unser Heil. Wie denn? Soll ein Arzt das Gebrechen nicht anzeigen, weil der Kranke darüber erschrickt? Das wäre ja ein untreuer Arzt; vielmehr soll er den Schaden tapfer angreifen, so daß alle Ungesundheit hervor gezogen und eröffnet selst zeigt, es sei wohl nöthig, daß der Arzt dazu thue. Der Mißbrauch und Schaden ist auch nicht so alt als man ihn machen will; und ob er gleich nach der Apostel Zeit begonnen hätte, wäre doch das Götzenbrot darum nichts desto weniger Götzenbrot usw."

Betreffend die Behauptung, daß das Brot der Leib Christi sei, wie er am Kreuz gehangen, und so verehrt werden müsse, sagt er: "So beweise man nun aus der heil. Schrift, daß man dies glauben müsse. Jst es wohl bewiesen, wenn man spricht: Das ist Gott möglich? Nun wäre doch Gott auch möglich, daß ein Ochs flöge. Fliegt er darum? Eben so wäre ihm möglich, daß das Bild des gekreuzigten Christus Christus selbst wäre. Jst er's darum? Nein. Und warum nicht? Weil er sich nirgends in Holz verwandelt, noch Solches verheißen hat. Ei, warum sprichst du denn, er habe sich in Brot verwandelt? ... Dein Beweisgrund ist nicht viel besser als der Beweis derjenigen, welche ihre Götzen in Schutz nehmen und sprechen: Wir beten Gott an und verehren die Heiligen und nicht das Holz, da doch Gott sie geheißen im Geist anbeten und ihm geistlichen Dienst erweisen, wie er denn auch spricht und lehrt: Vater unser, der du bst im Himmel, und nicht: Vater unser, der du bist im Sakramenthäuschen, im Behälter, im Schrein, im Stock oder in der Monstranz. Meinet ihr, daß sich Gott also ließe einschließen? So machten's ja ehedem die Heiden, die ihren

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Göttern Götzen hielten, dem Jupiter einen hölzernen Jupiter, dem Mars einen ehernen Mars, so wie wir Christus einen brötenen Christus! Wiewohl wir darin noch gar ein wenig witziger sind als die Heiden, dieweil wir sagen, das Brot sei Christus selbst und nicht Christi Bildniß. Derhalben wir ihn vom Himmel reißen, dahin er einst aufgefahren, und ziehen ihn herum, wie es uns beliebt, jagen ihn mit einer Schelle von einem Tempel zum andern, von einem Dorf und Bauernhaus zum andern, und wer da kommt, dem können wir einen Herrgott machen und geben. Niemand soll mir's für Frevel halten. Es ist die Wahrheit, was ich sage, und ich weiß, was ich rede. Das müßte doch wahrlich ein elender Gott sein, der also alle Tag' von so viel unreinen, trunkenen Pfaffen gefressen würde, in welchen alle Bosheit und bei denen keine Besserung zu hoffen ist."

Man habe leider, klagt er weiterhin, ein kaufmännisches Geschäft gemacht aus diesem Sakrament. "Und so man nun den rechten Brauch hervor bringt, so ruft alle Welt und schreit: Mordio!, die Pfaffen um ihres Bauches willen, die Laien ihres Unverstandes wegen, während sie doch wohl den Jrrthum erkennen sollten, da sie keine Gottseligkeit aus der Messe entspringen sehen. Denn was ist's, ob du gleich lange hinter den geputzten Gauklerpfaffen stehst? Ja, antwortet ihr; sie haben uns gar viel vom Nutzen gepredigt, der aus der Messe herkomme. Glaubst du aber dem Krämer, wenn er seine Waare lobt? Geh zu einem, der da Branntwein feil hat, so wirst du Wunder hören, wie er dem Haupt, den Augen, den Gliedern, der Leber und dem Blute gut sei; und, so man die Sache hinten und vorn besieht, ist's um einen Pfenning zu thun."

Den Hauptbestandtheil der Abhandlung bildet der einläßliche Schriftbeweis, daß wir gerade durch den Glauben an Gottes Wort gedrungen werden zum rechten dankbaren Genießen des heil. Abendmals im geistlichen Sinne. "Wen der Vater zieht, schließt er, der versteht's." "Denn die Wahrheit ist unüberwindlich; wer aber auf Menschen traut, der wird verletzt und noch dazu betrogen."

Noch gründlicher und gelehrter schrieb er einige Monate nachher, im November 1525, über eben diesen Punkt eine lateinische Abhandlung an drei Freunde in Zug, Werner Steiner, Bartholomäus Stocker, einen Priester daselbst, und Michael, um sie auf ihrem schwierigen Posten in der gesunden Lehre zu befestigen und ihren Muth zu stärken.

Ueberdies verfaßte er schon im November 1524, sogar auf Zureden des oben erwähnten Weingartners, für Pfarrer Jakob in Wohlen, nahe bei Bremgarten, einen schriftmäßigen Beweis, daß die Messe kein Opfer sei. Jn eine heftige Fehde gerieth er aber deshalb mit dem Dominikanermönch Dr. Johann Burkhard in Bremgarten. Letzterer hatte sich dieser Abhandlung, nachdem sie durch mehrere Hände gegangen, zu bemächtigen gewußt, und zog nun 1525 in einer Streitschrift, betitelt "Gesprächbüchlein",

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unter dem angenommenen Namen Theobald Perdutianus über den einundzwanzigjährigen Bullinger los als über einen jungen, ungelehrten und verworfenen Neuerer, der aus Bosheit und Frechheit an den heiligen Lehren der Kirche sich vergreife, Wahrheit für Lügen und Lügen für Wahrheit ausgebe. Statt stichhaltige Gründe vorzubringen, hatte er seinen jugendlichen Gegner mit einer reichlichen Fluth von Scheltworten übergossen und die vermeintlichen kirchlichen Autoritäten der heil. Schrift entgegen gestellt, um der Messe den Sieg zu erkämpfen.

Bullinger fühlte, daß er ihm die Antwort nicht schuldig bleiben dürfe; er schrieb sie 1526. Er war sich bewußt, daß er gewissenhaft in allen Treuen ohne Schimpf der Wahrheit Zeugniß gegeben hatte im guten Vertrauen, ihre göttliche Macht würde die Unwahrheit überwinden und die Gemüther im Frieden zum wahren Heile führen. Daher thut es ihm weh, er ist schmerzlich entrüstet darüber, daß Burkhard so vielfache ungestüme Scheltung gegen ihn gebraucht, die Wahrheit öffentlich verlästert, das Wort Gottes gefälscht, das Urtheil Gottes bei den Einfältigen verdächtig gemacht habe. Mit Rücksicht auf den oft wiederholten Vorwurf, daß er jung und unbärtig sei, sagt er zu seinen Lesern: "Wie? soll ich schweigen? Jch rufe meinen Gott an zum Zeugen über meine Seele, daß ich von Herzen ungern also früh in diesen Kampf für euch eintrete, da ja so viele gelehrte Männer allenthalben schreiben, ich auch viel lieber noch an Erkenntniß, Glauben, Liebe, an Jahren, Vernunft und reifer Kunst im Herrn älter und stärker werden möchte, nun aber, auf diese gröbliche Veranlassung hin, ohne Gefahr der Wahrheit es nicht unterlassen darf." Jm ersten Theile der Abhandlung begründet er einläßlich die Autorität der heil. Schrift gegenüber allem menschlichen Satzungswesen, zeigt mit großer Umsicht aus ihr selbst und aus den Kirchenvätern, doch aus diesen nur in zweiter Linie, daß man niemand als Christum allein hören solle, d.h. daß er als Mittelpunkt der ganzen heil. Schrift aufzufassen sei, was von den heiligen Schriften zu halten, wie und warum sie geschrieben und wie vollkommen sie seien. Am Schlusse dieser ersten Abtheilung redet er noch seinen mit Gelehrsamkeit sich spreizenden Gegner an:

"Also hättest auch du, Rabbuni, wider mich mit hellen und starken Gründen auftreten sollen. Du weißt aber freilich ganz gut, so wie Alle von deiner Partei, daß euere Sache faul und stinkend ist und nicht länger Stich halten mag. Gesteht doch! ihr verstehet die Sprachen nicht; die Schriften habet ihr nicht ergründet, die alten Väter nie recht gelesen und ob auch Etliche sie durchgangen, habet ihr sie doch nicht verstanden, da sie entweder griechisch oder schön latein schrieben, wovon ihr nichts versteht. Dies bedarf keines Beweises; deine "Gespräche" zeugen wider dich; sie sind so barbarisch, gothisch und verzerrt, daß ich überzeugt bin, du habest dein Leben lang niemals einen guten lateinischen Schriftsteller gelesen, geschweige daß du wüßtest, was Latein

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sei und der Sprache Eigenschaft kennetest. Doch daß sich da weder Geschmack noch Feinheit und Reinheit der Sprache findet, wäre dir noch zu verzeihen. Aber ihr Alle habet nichts als etliche Sophismen in der Tasche; wo diese auch nicht aushelfen, seid ihr am Boden. Du, Burkhard, würdest dich vielleicht besser auf allerlei List und Geschwindigkeit des Redeschmuckes verstehen, wenn allenfalls an jene Nonne in Augsburg, im St. Katharinenkloster, zu schreiben wäre! Verzeiht unsern Schimpf, fromme Christen, wenn wir je genöthigt sind, diesen Leuten einen Wink zu geben, damit sie nicht etwa meinen, man wisse nicht, wie kurz ihnen der Rock sei."

Die zweite Abtheilung behandelt die Messe; er untersucht, was Betrugs in ihr, woher und wie sie entsprungen sei. Gegen das Ende hin bekämpft er das falsche Vertrauen auf das Messelesen und insbesondere das Vorgeben: all das lästerliche Wesen des Priesters könne ja der Messe nicht schaden. "Nein, sagt er ernst, du mußt deine Hände selbst in den Teig stoßen (d.h. selbst dich recht anstrengen), fromm und ehrbar leben, dich unter das Opfer und Kreuz Christi stellen, demselben nachfolgen und selbst Oel in der Lampe haben. Denn die Opfer der Ungerechten sind Gott wahrlich, wahrlich nicht angenehm!"

Ebenso schrieb unser Bullinger eine merkwürdige Abhandlung über das Abendmal und andere wichtige Streitpunkte im Namen des damaligen Pfarrers von Hausen bei Kappel, Hans Enslin, eines Württembergers, an Christoph Stilz, Stadtschreiber in Wildberg in Württemberg.

So rang der junge Schullehrer zu Kappel als Zwingli's wackerer Mitkämpfer für die Niederwerfung des alten eingewurzelten Jrrsals und zur Herstellung unserer köstlichen Abendmalsfeier.

12. Der Kampf gegen die Wiedertäufer.

Doch es galt in jenen Tagen nicht bloß zu kämpfen nach Einer Seite hin. Die Reformationszeit hatte auch ihren Radikalismus, der die ächte, gesunde Reformation überallhin wie ein Schatten begleitete, der wie von selbst vielköpfig und vielgestaltig an mancherlei Orten zugleich auftauchte und wenn auch niedergeworfen immer wieder das Haupt erhob. Dies war die Richtung, die von ihrem allgemein gangbaren Kennzeichen der durchweg den Namen Wiedertäufer erhalten hat, deren Wesen aber darin lag, daß sie dem Worte Gottes den Geist, der dem Glauben zu Theil wird, überordneten, daher gelegentlich auch entgegen setzten, statt ihn als nothwendiges Erforderniß zum wahren und lebendigen Verständniß des göttlichen Wortes zu fassen und diesem Verständniß in aller Demuth nachzutrachten. Daher das Springende, das Plötzliche, das Abrupte in ihren Aeußerungen, das Gewaltsame in ihren Unternehmungen; daher ihre Auflehnung, ihr völliges Abbrechen des Zusammenhanges mit allem Gegebenen in Staat, Kirche, Ehe und übriger Sitte;

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daher denn auch wieder ihr wortklauberisches, willkürliches, geistloses Erfassen einzelner abgerissener Bibelworte in ihrem äusserlichsten, anscheinend wörtlichen Sinne.

Bezeichnend ist es für unsern Bullinger, daß wir gerade ihn als einen ihrer entschiedensten, gründlichsten und beharrlichsten Bestreiter finden; dies stimmt durchaus überein mit seiner ganzen Gesinnung, seiner stätigen Geistesrichtung und seiner Geistesentwicklung, in welcher wir am Anfang jenes möglichste, treue evangelische Festhalten des geschichtlichen Zusammenhangs mit der alten und anfänglichen Kirche vorfanden, wenn auch mit entschiedenster Lossagung von Allem, was sich im Laufe der Zeit Unevangelisches und Unreines ihr beigemischt hatte.

Schon im Januar 1525 wurde er von Zwingli auf den Schauplatz des Kampfes gerufen zu dem Religionsgespräche mit den Wiedertäufern, welches am 17. auf dem Rathhause in Zürich seinen Anfang nahm, dann aber der Menschenmenge wegen im großen Münster daselbst gehalten wurde. Er wohnte mit dem lebhaftesten Jnteresse diesem schwierigsten aller Kämpfe bei, den Zwingli, zum Theil gegen frühere Freunde, talentvolle, kenntnißreiche Männer, denen es aber an der rechten Geistes- und Gemüthstiefe wie an Demuth fehlte, zu bestehen hatte. Bullinger erstaunte über den verwegenen Trotz, mit dem sie ihre ausschweifenden, Alles gefährdenden Jrrthümer verfolchten. Er ist auch in seiner Reformationsgeschichte und in seiner besonderen Schrift betreffend Ursprung, Fortgang und Wesen der Wiedertäufer (von 1560) unser genaueste Berichterstatter über diese Vorgänge geworden. Bei den immer sich erneuernden Unruhen und Umtrieben wurden in jenem überall in deutschen Landen durch den ausgedehnten Bauernkrieg bewegten Jahre 1525 noch zu wiederholten Malen in Zürich Gespräche mit den Wiedertäufern gehalten, jedes Mal siegreich für das Evangelium. Doch wandte die zürcherische Regierung noch fortwährend Milde und schonende Behandlung gegen sie an, bis sie in der Folge sich zu schärferen Maßnahmen genöthigt sah.

Einen besondern Schmerz hatte unser Bullinger dabei zu erleben, der seinem treuen Herzen vornämlich Mühe machen mußte. Sein Vetter Michael Wüst, der von Jugend auf sein Wandergesell gewesen war zu Emmerich und zu Köln, ein trefflich gelehrter Mann, war Schulmeister geworden und dann Pfarrer zu Klingnau (im Kanton Aargau), nahe am Einfluß der Aare in den Rhein und unfern Waldshut. Jn Waldshut aber befand sich das Haupt der schweizerischen Wiedertäufer Dr. Balthasar Hubmeier von Friedberg, auf den Thomas Münzer seinen unheilvollen Einfluß ausübte. Auch Michael Wüst, der noch im August 1525 voll Ehrerbietung und freundschaftlicher Gesinnung an Zwingli schrieb, ließ sich von den Wiedertäufern umstricken, verließ sein Pfarramt, da diese Sektirer bei dem allgemeinen Priesterthum aller Christen sein „Predigtamt“ mehr für zulässig hielten, trat in eine Wollenweberei zu Oberglatt (Kanton Zürich), um dies Gewerbe zu

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erlernen; und wiewohl er noch ein Mal zurück schauderte vor der Dreistigkeit derjenigen seiner jetzigen Brüder, die als Gotterfüllte der heil. Schrift gar keinen Werth mehr beimaßen für die Gläubigen, und ebenso, weil Gott in ihnen, des Gebetes sich gar entledigten, auch als ein Wankender noch ein Mal nach all den gehaltenen Gesprächen Zwingli's Rath einholte und empfing, starb er daselbst in dem jämmerlichen Jrrsal dieser Sekte. - Wie konnte Bullinger anders, als hier, wo der Lebenspfad dessen, den einst jahrelange Jugendfreundschaft mit ihm verband, von dem seinigen so scharf sich trennte, in Demuth die Gnade Gottes preisen, die über ihm selbst waltete.

Auch über diesen Lehrpunkt „von der Taufe und Kindertaufe“ haben wir ein Schriftchen von Bullinger, das er 1525 verfaßte und dem Bruder seines Freundes Peter Simmler, des Priors in Kappel, Namens Heinrich, welcher Bürger zu Bern war, in herzlicher Liebe widmete. Nicht um eine einläßliche Bestreitung der Jrrlehre war es hier zu thun, sondern nur um eine möglichst kurze und faßliche Darstellung für unsicher Gewordene. Der Hauptinhalt ist folgender.

Die Taufe, sagt er, ist ein anfängliches Pflichtzeichen, d.h. ein solches Zeichen, das zur Gemeinschaft Gottes verbindet, uns Christo zugesellt und zu einem gottseligen Leben verpflichtet, ähnlich der Beschneidung in dem alten Bunde und wie das weiße Kreuz im rothen Felde das Zeichen eines Eidgenossen ist. Wiewohl der alte und der neue Bund im Grunde nur Ein Bund sind, ist doch ein anderes Zeichen dort als hier. Die Beschneidung nämlich, bei der Blut vergossen ward, deutete hin auf die Versöhnung durch das Blut Christi, das hernach für uns vergossen wurde zur Stiftung des neuen Bundes. Jn diesem aber ist darum an die Stelle der Beschneidung ein freundliches Element d.i. das Wasser des heil. Taufsakramentes getreten, weil Christi Blut im neuen Bunde alle weitere Versöhnung durch Blut unnöthig macht und beseitigt. Wie aber schon im alten Bunde die Kinder der Jsraeliten zum Volke Gottes gehörten und als Angehörige des Bundes das Pflichtzeichen erhielten, so betrachtet auch Christus die Kinder schon als zum Reiche Gottes gehörig und kommt auch ihnen die heilige Taufe als anfängliches Pflichtzeichen zu. Der natürliche Erbe, so lange er ein Kind ist, darf auh nicht enterbt werden; erst wenn er als erwachsen dem Vater ungehorsam ist, wird er enterbt; so werden der Christen Kinder erst, falls sie diesem Bunde hernach untreu werden, des Bundes und seiner Güter verlustig. Die dreiste Behauptung der Wiedertäufer, die Apostel haben keine Kinder getauft, ist nicht erweislich; daraus daß sie nicht ausdrücklich genannt sind, folgt jenes noch nicht; waren doch die Frauen auch nicht bei der Einsetzung des Abendmales und doch gehört dieß ihnen auch; daraus aber, daß es heißt, die Apostel haben ganze Haushaltungen getauft, läßt sich wohl entnehmen, daß die Gegner mit ihrer Behauptung zu weit greifen. Sie sagen ferner, die Apostel hätten zuerst gepredigt, dann getauft. Freilich soll man dieß auch jetzt noch thun bei Leuten,

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die noch nichts von Gott wissen; anders aber steht's mit Kindern, die durch die Eltern schon dem Bunde Gottes angehören. Unwahr ist die Behauptung, daß erst Pabst Nikolaus die Kindertaufe eingeführt habe; schon Origenes (ums Jahr 200 nach Christus) und Augustinus (um 400) bezeigen, daß sie schon in den frühsten Zeiten der Christenheit vorkam; die Wiedertaufe Novatians dagegen ward schon zu des Letztern Zeit als ketzerisch verworfen. Nichtig ist auch die Rede, man sei mit des Pabstes Taufe getauft worden und deßhalb müsse man wiedergetauft werden. Nein! wir wurden ja doch auf Christum getauft. Eben so nichtig ist der Einwand, die Kinder wissen noch nichts von der Bedeutung der Taufe; dieß würde ja auch gegen die Beschneidung der Kinder gelten, und doch beschnitt Abraham mit Recht seinen Sohn schon als kleines Kind. Doch der eigentliche Grund des Jrrthums liegt darin, daß sie nicht wußten, was die Taufe sei; sie bildeten sich ein, sie sei das Zeichen der wahrhaft von Herzen Gläubigen; doch dafür gibt's keine andere Gewähr als nur des heil. Geistes Siegel! Röm. 8, 16, II. Kor. 1, 22.

„Gott aber, schließt Bullinger, ist ein Gott des Friedens. Drum vermeid' du den Zank, herzlieber Heinrich, und bewäre mit guten christlichen Werken mehr als mit Worten dein christliches Gemüth; denn das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in der Kraft, und nimm dieß mein Schreiben zum Besten an. Die Gnade Gottes sei mit dir!“

13. Das wahre Prophetenthum.

Von zwei Seiten sahen sich also die wahrhaft reformatorischen Männer angefeindet seit diesen Regungen der Wiedertäufer. Doch auch dieß mußte ihnen durch Gottes Gnade zum Besten dienen. War es den papistischen Gegnern gegenüber, die ihr unwahres Priesterthum und alle ihre Jrrlehren durch Menschensatzung zu stützen suchten, nothwendig gewesen, allein auf das Wort Gottes sich zu gründen, so galt es nun gegenüber diesen stürmischen Geistern, die in eigener Willkür und eitler Selbsterhebung über das Schriftwort sich erhaben dünkten und hinweg setzten, auf gesunde, redliche, umsichtige Auslegung der heil. Schrift zu dringen, damit die ewig gültige evangelische Wahrheit hervor leuchte und die falschen Propheten zu nichte mache, sowohl die Wölfe in Schafskleidern, die bis dahin die Herde Christi so übel zugerichtet hatten, als auch diese, welche nun die eigenen jedesmaligen Eingebungen für göttliche Weisheit hielten und ausgaben.

Ein neues Amt war vonnöthen gegenüber den Einen wie den Andern, nämlich die lautere Verkündigung des göttlichen Wortes gemäß den heiligen Schriften durch die von Gott dazu Befähigten und Berufenen, damit die Gemeinde in der ächten christlichen Lehre unterwiesen und demgemäß ihr ganzes Leben nach allen seinen Richtungen hin und in allen Verhältnissen neu geregelt, umgestaltet und verklärt werde. Kein anderer biblischer Name konnte

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daher für diese Zeugen Gottes geeigneter erscheinen als der des Propheten. Wie der Prophet des alten Bundes strafend, warnend, tröstens in alle Gebiete des Lebens hineinleuchten mußte mit dem wahrhaftigen Gottesworte, so auch der Verkündiger des aus der Schrift aufs neue hervorströmenden göttlichen Wortes; wie die Propheten des neuen Bundes (nach der damaligen, wohl nicht ganz stichhaltigen Auffassung von I. Korinth. 12 und 14) als der Sprachen theilhaft bezeichnet werden, so mußten die Prediger des Evangeliums, wenn auch nicht in völlig gleicher, doch ähnlicher Weise, der Sprachen kundig sein, die zum sichern Verständniß der heil. Schriften dienen. Daher sehen wir, daß Bullinger so wenig wie Zwingli sich scheut, die Prediger des lautern Evangeliums als die wahren Propheten zu bezeichnen, wenn er gleich voraus sah, wie laut der Hohn der Widersacher erschallen werde gegen diese Benennung. Es bedarf eben doch auch der Verkündiger des Evangeliums vor Allem einer innern Berufung und göttlichen Begabung; dann muß die Ausbildung hinzu kommen. Völlig getragen von diesen Gedanken ist ein Werk Bullingers aus dieser Zeit, vom Jahre 1525, das den Namen „Der Prophet“ führt. Naturgemäß zerfällt ihm das Werk in zwei Theile. Einerseits nämlich muß es das Streben des ächten Propheten sein, die lautere göttliche Wahrheit stets völliger zu lernen aus den heiligen Schriften, durch gründliches Studium und tiefe Beherzigung sich immer mehr davon durchdringen lassen. Davon ausgehend, daß die heil. Schrift uns Alles, was zu einem frommen Leben und zur Seligkeit dient, ganz genau und vollständig lehre, und daß Alles, was in der Schrift steht, zu unserm Heile diene, sucht er mit größter Gewissenhaftigkeit die richtigen Grundsätze gesunder Schriftauslegung zu Tage zu fördern, weit entfernt von einer bloß mechanischen Behandlung der Bibel, vielmehr mit lebensvollem Eingehen auf die verschiedenartigen Bestandtheile der Schrift und die mannigfachen Arten, wie die Schrift zu uns redet. Diese Kunst, deren sorgsame Pflege auch in unsern Tagen die protestantische Welt so vielfach in Anspruch nimmt, ist ihm Gewissenssache. Steht er auch auf den Schultern eines Erasmus und anderer damals berühmter Schriftausleger, so genügen sie ihm doch nicht, indem sein ganzes Augenmerk aufs schärfste darauf gerichtet ist, daß er nirgends von der Schrift abweiche. „Wäre dieß nicht erreicht, so möchte nur gleich, ruft er aus, mein ganzes Buch zu Grunde gehen; denn lieber will ich, daß das Meinige zu Grunde gehe, als daß durch das Meinige die Brüder Schaden leiden!“ Hier kommt namentlich der früher schon von uns erwähnte Auslegungsgrundsatz zur vollen Geltung, daß man in den Schriften Christus allein hören müsse, daß er als das A und O, als Zielpunkt des ganzen alten und Ausgangspunkt des neuen Testamentes überall aufzusuchen und zu erfassen sei. - Die andere Aufgabe des Propheten ist es sodann, die göttliche Wahrheit, welche die Schrift ihm bietet, lauter und rein, würdig und edel, einfach und klar, den Verhältnissen und den Zuhörern angemessen vorzutragen.

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Daher finden wir da eine einläßliche Anleitung zum Predigen, zur geheiligten Redekunst.

Diese Schrift Bullingers hatte ein eigenthümliches Schicksal. Sie war zunächst nicht für den Druck bestimmt, sondern nur für den Kreis seiner Freunde und Zuhörer verfaßt. Leo Judä aber, der Pfarrer an St. Peter in Zürich, mit dem Bullinger wie mit Zwingli erst zu Ende des Jahres 1525 persönlich bekannt geworden, seither aber in ein sehr vertrautes, inniges Freundesverhältniß gekommen war, fand so großes Wohlgefallen daran und war so freudig erstaunt über die Reife des Urtheils, die Umsicht, Ordnung und Besonnenheit, die ihm überall in der Schrift des Jünglings entgegen trat, daß er in ihn drang, sie herauszugeben. Bullinger gab endlich, wiewohl schüchtern, nach; er widmete das Werk dem Abte Wolfgang Joner, dem Prior Peter Simmler und dem Conventsherrn Andreas Hofmann, sowie den übrigen lieben Brüdern im Kloster Kappel. Der Buchhändler Adam Petri in Basel war ganz bereit es herauszugeben. Allein die drei Büchercensoren Ludwig Ber, Amerbach und Froben in dem damals betreffend die Reformation noch sehr schwankenden Basel fanden, das Buch rieche allzusehr nach Lutheranismus (d.h. nach damaliger Ausdrucksweise: es sei zu scharf evangelisch) und lasse die Kirchenväter zu wenig gelten. Deßhalb unterblieb der Druck.

Bullinger hat uns aber darin gezeigt, welches hohe und doch lebensfähige Jdeal ihm, dem einundzwanzigjährigen Manne, damals schon für seine eigene künftige Lebensstellung vorschwebte, dessen Verwirklichung in nicht allzuferner Zukunft zu beginnen und durch eine so lange Reihe von Jahren rühmlich und kraftvoll fortzuführen ihm gewährt sein sollte.

Noch im November desselben Jahres hatte er die Freude, bei einem Besuche in Basel Oekolampad näher kennen zu lernen und in innige Freundschaft mit ihm zu treten. Er fühlte sich sehr von ihm angesprochen, und besuchte ihn auch später wieder. Oekolampad war es auch, der einige Jahre hernach an Bullingers Schrift „über den Ursprung des Jrrthums betreffend die Bilderverehrung und die Messe“ so großes Wohlgefallen fand, daß er ihn veranlaßte, sie herauszugeben. Dieß Buch fand so vielen Beifall, daß es noch zu Bullingers Lebzeiten die dritte Auflage erlebte. Bullingers Name wurde dadurch allgemein bekannt und berühmt. Ein Zeugniß von der Werthschätzung dieser Schrift ist, was Professor Zanchi (1568) an Bullinger darüber schrieb: „Gerne führe ich an, was mir einst jener italienische Mönch Giovanni Mollio, genannt Montaleino (Professor in Bologna) darüber sagte, der zuletzt (1553) in Rom um des Evangeliums willen verbrannt wurde. Kaufen mußt du's, sagte er, und hast du kein Geld, so reiß dir dein rechtes Auge aus, gieb es an Zahlungs Statt und lies das Buch mit dem linken!“

Doch wir kehren vorerst zum Gang der Ereignisse zurück.

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14. Der Ketzername. Die Rettung des Vaterlandes durch das Evangelium.

War das Jahr 1525 ein sturmbewegtes gewesen der Wiedertäuferei und des Bauernaufstandes wegen, der ganz Deutschland in Flammen setzte, so war es das Jahr 1526 für die Schweiz nicht weniger wegen des geschärften Gegensatzes der reformirten und der römisch-katholischen Partei. Erst in diesem Jahre stieg nämlich die Erbitterung auf ihre volle Höhe, seit die papistischen Kantone, angeregt durch den Generalvikar des Bisthums Konstanz Faber, sich mit dem spanisch-östreichischen Kaiserhause in Verbindung setzten und unter Beziehung desselben Dr. Eck, der einst in Leipzig mit Luther disputirt hatte, ein Religionsgespräch in Baden veranstalteten, das Zwingli schon der augenscheinlichen Lebensgefahr wegen nicht besuchen durfte. Das zu mehrern frühern hinzu kommende Feuerzeichen, das Faber dadurch gab, daß er acht Tage vorher den Prediger Hüglin von Lindau der evangelischen Lehre wegen in Konstanz dem Flammentode Preis gab, war überdieß bedeutsam genug, wenigstens nach Bullinger's Urtheil; dieser konnte nicht anders als Zwingli's Einladung nach Baden mit dem Mordanschlag gegen Paulus (Apostelgesch. 23) vergleichen. Jmmer noch hatte man bis jetzt einige Hoffnung hegen können, es würde in der Eidgenossenschaft nicht zum Aeußersten kommen, sie werde sich nicht völlig spalten; doch schwand diese Hoffnung allmälig dahin und die Ahnung von der Nähe eines furchtbaren Bürgerkrieges stieg leise auf in manchem vaterlandsliebenden Herzen. Jndeß mußte man noch thun, was man konnte, um die angefeindete Ehre des Evangeliums zu retten, ungerechte Vorwürfe zurück zu weisen und denen, die sehen wollten, zu zeigen, wie sehr dem ganzen Vaterlande geholfen wäre durch Rückkehr zu christlich-sittlicher Lebensführung gemäß dem Evangelium.

Namentlich wurde Zwingli eben damals so laut und dreist als Ketzer und meineidig verschrieen, daß Bullinger nunmehr der Zeitpunkt gekommen schien, das früher schon in dem Briefe an Pfarrer Jakob zu Wohlen angedeutete Versprechen zu erfüllen, nämlich zu zeigen, wer eigentlich den Ketzernamen verdiene, ob die Papisten oder die Evangelischen. Dieß that er nun mit Zwingli's Zustimmung (1526) in der Schrift: „Vergleichung der uralten Ketzereien und derjenigen unserer Zeiten.“ Dieß Schriftchen, das erste was von ihm gedruckt wurde, gab er indeß, um desto eher auch bei den Gegnern Eingang zu finden, nicht unter seinem eigenen Namen, sondern unter dem Namen Octavius Florens heraus. Auf dem Titel steht noch: zu warnen den einfältigen Leser, und dann: das Büchlein zum Leser:

„Willst du erfahren g'wiss und b'hend,

Wer doch Väter, Concilien schänd',

Juden und Heiden in Tempel führ'

Und Ketzereien vom Boden rühr',

So lies mein' Red' in solchem Maß,

Daß dich fürhin verhütest baß.“

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Er bezeugt vor Allem seinen Wunsch nach Frieden; einzig die Ehre Gottes vermöge und zwinge ihn, einmal zu sagen, wie die Sachen stehen. Wer sind aber Ketzer? Solche, die aus eigenem Kopf aussinnen, festhalten und ausbreiten, was göttlicher Schrift widerspricht. Wir thun das nicht, da wir gar nichts Anders wollen, als treu beim Worte Gottes bleiben nach der heil. Schrift, wohl aber unsere Gegner, die uns wider Wissen und Gewissen Ketzer schelten, die sogenannten Altgläubigen. Sie tragen jedoch diesen Namen nicht mit vollem Rechte; denn einen ältern Glauben, als den unsrigen, den von Gott und Christo gepflanzten, den der Urväter, Propheten und Apostel gibt es nicht. Dann zeigt er, wie die Schimpfnamen Hussiten, Waldenser und Wiklefiten, mit denen damals die Evangelischen hie und da belegt wurden, mit Unrecht als Ketzernamen angesehen werden, durchgeht hierauf eine Reihe von Jrrlehren, die von der alten Kirche in den ersten Jahrhunderten, die dem Evangelium noch näher stand, als ketzerisch verdammt wurden, und weist nach, wie die römisch Gesinnten sich derselben schuldig machen, wie sie z.B. durch ihre falsche Lehre von der Brotverwandlung und ihre Verehrung der Hostie betreffend die göttliche und menschliche Natur Christi eben in die Ketzereien gerathen seien, welche die Kirche verwarf, wie sie ferner durch ihre Werkheiligkeit völlig in Widerspruch mit dem von Allen für rechtgläubig geachteten Augustin gekommen und der damals verworfenen Ketzerei verfallen seien, wie sie endlich auch durch ihre Verbote des Fleischessens, ihr Geisterbeschwören und andere derartige gottlose Gebräuche, sowie dadurch, daß sie die Kirche an Rom binden, ketzerisch geworden. „Ja fürwahr, sagt er, diese Doctoren da, die ja wohl wissen, daß wir keine Ketzer sind, und ihrer Viele, die gegen ihr eigen Gewissen reden, schreien eben darum so gar laut und frech: Ketzer, Ketzer! damit man sich bei ihnen ja nicht der Ketzerei versehe.“ Endlich nachdem er nochmals versichert hat, daß er nur nothgedrungen wegen der immer ärger werdenden Anfeindungen den Gegnern etwas schärfer auf den Leib gegangen, wendet er sich noch, mit tiefem Schmerze und heiligem Zorne im Hinblick auf die schuldlos als Ketzer Verbrannten, an die ehrlichen frommen Christen: „Längst haben sie (die papistischen Lehrer) euch gewähnt in Harnisch zu kommen (aufzufahren) und unerhört die zu verfolgen, welche alle Ketzereien gehaßt, nach des einigen Gottes Ehre, nach Christi Erkenntniß und der armen Seelen Heil von Herzen gedürstet, Glauben, Liebe und Unschuld gelehrt und auf das untrügliche Gotteswort gegründet haben! Ach, himmlischer Vater, was können wir denn noch thun? Wie könnet ihr Doctoren, die ihr doch wisset, daß wir recht lehren, uns arme Schäflein so unmenschlich auf die Schlachtbank führen!“

Von demselben Geiste heiligen Ernstes beseelt und von edler Vaterlandsliebe durchdrungen sind noch zwei kleinere Schriften Bullingers aus dieser Zeit. Die erste derselben, vorzüglich bestimmt alle noch Widerstrebenden im ganzen Vaterlande darauf zu weisen, wie eben das neuerwachte Evangelium als der

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Gipfelpunkt all der großen Wohlthaten zu betrachten sei, welche Gott der Eidgenossenschaft erzeigt habe, heißt „Anklage und ernstliches Ermahnen Gottes des Allmächtigen an die gesammte Eidgenossenschaft, daß sie sich von ihren Sünden zu ihm kehre.“ Erst 1528 gaben sie seine älteren Freunde Brennwald und Uttinger mit Verschweigung seines Namens heraus. Wie die alten Propheten ihre Ermahnungen ans Volk Jsrael anhoben: Also spricht der Herr, so läßt der Verfasser Gott selbst reden; freilich ein kühner jugendlicher Versuch, doch ließ sich allerdings in dieser Form manches Treffende mit ausnehmender Kraft vorbringen.

Die andere dieser beiden Schriften, welche unter Bullingers eigenem Namen im Jahre 1526 erschien, ist die „freundliche Ermahnung zur Gerechtigkeit wider alles Verfälschen richtigen Gerichts“, auf Zwingli's Ermunterung verfaßt und an einen bedeutenden zugerischen Staatsmann gerichtet, besonders lehrreich für die, welche etwa geneigt sein möchten, irgendwie jenem oft wiederholten und stets ungerechten Vorwurfe zu huldigen, als ob die Reformation überhaupt, oder doch die schweizerische, etwas Revolutionäres in sich schlösse und daher staatsgefährliche Tendenzen begünstige. Wem dieß aus der festen Haltung Zürichs gegenüber den allerdings die staatliche Ordnung gefährdenden Wiedertäufern noch nicht klar geworden, dem könnte hier noch etwas mehr Licht darüber ausgehen. Nicht von der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, will er hier reden, sondern von der bürgerlichen, staatlichen Gerechtigkeit, d.h. von der ächten christlichen Staatsordnung und ihrer kräftigen Handhabung, wie sie aus der evangelischen Wahrheit nothwendig sich ergebe. Mit Kraft und Feuer bekämpft er hier namentlich, gleich Zwingli, jenes größte Hinderniß der Reformation in der Schweiz, welches sowohl der sittlichen Erhebung als der reineren Lehre sich entgegen stemmte, ohne dessen stete Berücksichtigung das Verständniß der schweizerischen Reformation überall nicht möglich ist, das mörderische, nur für Wenige gewinnreiche Reislaufen (ungeordneten Söldnerdienst), das alle sittlichen Bande löste und die Herzen des Volkes der Verwilderung Preis gab. Schien auch mancher Ton fruchtlos zu verklingen, dennoch lag in der erneuten Geltung der evangelischen Wahrheit die einzige Rettung für das Schweizervolk, durch ihre Rückwirkung selbst für die römisch-katholischen Kantone.

Jn Bezug auf Bullinger selbst ist diese Schrift darum von besonderer Bedeutung, weil sie uns zeigt, wie klar und richtig er bereits das Verhältniß des Gotteswortes zur Staatsgewalt und damit zugleich auch das des evangelischen Predigers, als ihres Berathers, zu letzterer erfaßte. Wie wichtig für den Mann, der berufen war, hernach während einer so langen Reihe von Jahren als kirchlicher Berather der evangelischen Obrigkeit stets die rechte Linie inne zu halten!

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15. Umwandlung des Klosters Kappel; Klostergut und Armenpflege. Ein Halbjahr in Zürich, Disputation in Bern. Das erste Predigtamt.

Endlich kam die Zeit, da Bullinger in seiner Nähe die Früchte seines reformatorischen Wirkens sehen durfte. Die äußere Umgestaltung ging, völlig in Uebereinstimmung mit Zwingli's und Bullingers Grundsätzen, nur allmälig vor sich, so daß sie Schritt für Schritt der Belehrung nachfolgte. Schon im März 1925 wurden die Bilder, denen zuvor so viel abgöttisches Vertrauen geschenkt worden, aus der Kirche zu Kappel hinaus getragen. Im April entwickelte Bullinger zum ersten Mal öffentlich die evangelische Lehre vom heiligen Abendmal. Jm September wurde in Kappel die Messe abgeschafft; doch erst zu Ostern 1526 feierte man das heilige Abendmal nach der Einsetzung des Herrn. Zugleich legten nun die Mönche ihre Kutten ab. So verstummte auch im Sommer der mechanische, andachtlose Chorgesang; statt dessen trat eine tägliche Bibellection ein. Mehrere von den Mönchen widmeten sich dem geistlichen Amte, übernahmen Pfarrstellen in der Umgegend und traten in den Ehestand. Letzteres thaten auch der Abt und der Prior zu Anfang des Jahres 1527. Diejenigen von den Mönchen, die zum Predigtamt kein Geschick hatten, jüngere besonders, verließen das Kloster, um Handwerke zu lernen und lebten fortan als thätige und ehrbare Bürger von ihrer Hände Arbeit. Einige ältere bekamen Leibgedinge; etliche, die beim Mönchsleben beharren wollten, traten in andere Klöster. Die Schule sowie der evangelische Gottesdienst wurden indeß mit allem Eifer fortgesetzt und unter den Zurückbleibenden auf strenge Sittlichkeit gehalten.

Endlich nach allen diesen Vorgängen und nachdem schon 1525 alle Klöster im Kanton Zürich eingegangen, faßte 1527 der Abt und Convent einmüthig den Beschluß (an dem Bullinger nicht wenig Antheil hatte), das Kloster der Stadt Zürich als den rechten Schirmherren und Kastvögten zu übergeben. „Dieweil wir, sagten sie in ihrer Zuschrift an den Rath, aus heiliger, göttlicher Schrift berichtet sind, daß man Gott mit solchem Dienst, wie er bisher in Klöstern üblich gewesen, mit Singen, Lesen, Messehalten u. dgl. vergeblich ehre, vielmehr die Klöster von ihrer ersten Stiftung her zu Schulen christlicher Zucht und heiliger göttlicher Schrift geordnet und bestimmt sind; so finden wir uns aus christlichem Eifer bewegt, daß wir Euch, unsern Gnädigen Herren, das Kloster mit all seiner Nutzung, die unsere Vorfahren mehrtheils mit ihrer Arbeit und sorgsamem Haushalt bekommen, frei ledig übergeben wollen, mit der Bedingung und Bitte, daß Jhr anstatt der abgeschafften Mißbräuche eine Reformation vornehmet, die dem Worte Gottes gleichförmig sei. Dazu wollen wir Alle rathen und helfen und jeglicher unter uns ist willig zu den Diensten, wozu ihm Gott Geschick verliehen hat, in der zuversichtlichen Hoffnung, daß Jhr uns Alle nach Gnaden bedenken werdet.“

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Sogleich reiste eine Abordnung des Rathes nach Kappel und traf in Betreff der Reformation das Klosters mit dem Abte die Abrede: da die Klöster von Anfang Schulen der Zucht und göttlicher Schrift gewesen, so soll Kappel für und für dabei bleiben; der Abt soll stets einen gottesfürchtigen, tugendreichen und gelehrten Schulmeister halten; hoffnungsvolle Knaben aus der Stadt oder Landschaft Zürich sollen auf Kosten des Klosters daselbst eine Zeit lang erzogen werden, bis sie zu weiterem Unterricht abberufen und durch andere ersetzt werden. Die Zahl dieser Knaben wurde einstweilen auf vier gesetzt, solle aber mit dem Vermögen des Klosters steigen; auch soll es jedem Bürger frei stehen, gegen ein billiges Kostgeld seine Knaben daselbst erziehen zu lassen. Ferner wurde verordnet, daß zu Kappel eine Pfarrkirche sei, wozu die umliegenden Dörfer und Höfe kirchgenössig, und daß überdieß die eine halbe Stunde entfernte Pfarre Hausen von Kappel aus durch den jeweiligen Schulmeister versehen werden solle.

Wie sehr diese Umwandlung Bullingern zusagen mußte, können wir uns leicht denken; er blieb nach wie vor Schullehrer; seine Schülerzahl stieg bald auf zwölf; Kappel wurde eine Pflanzstätte, welcher eine Reihe berühmter Zürcher Gelehrten in den folgenden Jahrzehnden einen schönen Theil ihrer Jugendbildung verdankte. Persönliche Vortheile hatte er indeß von dieser Umgestaltung keine. Nach wie vor bekam er keinen Gehalt. Die Pfarrbesorgung hingegen, die ihm dabei in Aussicht gestellt wurde, war nur eine Vermehrung seiner Arbeitspflicht.

Wie die hier geltend gemachte Anschauung, daß das Klostergut seiner ursprünglichen Bestimmung gemäß in evangelischen Landen theils zur christlichen Unterstützung der Armen und Kranken, theils zum Unterhalte christlicher Schulen zu verwenden sei, Bullinger's Ueberzeugung entsprach, ersehen wir auch aus seinem in eben diesem Jahre 1527 verfaßten Schriftchen: äWider den frevnen Kelchstempel, wie unbillig er den frommen Zürchern auf ihre Batzen gestempft worden.“ Die Veranlassung zu dieser Schrift gab der Umstand, daß nach Aufhebung der Klöster und Stifte im Gebiete Zürichs die Kirchenzierraten, wie Chorhemden und dergl. dazu verwandt wurden, den Armen Röcke, Hemden und andere Kleidungsstücke daraus zu machen. Die Seiden- und Sammtstoffe, die gestickten und gewirkten Tücher wurden den Meistbietenden verkauft und der Erlös zu eben diesem heiligen Gebrauche bestimmt. Gold und Silber wurde in die Münze geschickt und Goldgulden, Batzen und Schillinge daraus geprägt. Dies wurde von den Gegnern der evangelischen Wahrheit aufs gehässigste ausgebeutet, so daß Etliche zu Luzern und Zug, Zürich zu Schmach und Trotz auf alle solche Münzen, deren sie habhaft werden konnten, einen Kelch stempften (stempelten) und sie Kelchbatzen und Kelchschillinge nannten. Dies erweckte bei den Reformirten auch wieder Bitterkeit; diese fragten jene Gegner, warum sie die französischen Kriegsgelder nicht ebenso stempeln, da man doch wisse, daß man in

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Frankreich viel Kirchengut nicht zu Gunsten der Armen, sondern für Kriegsbedürfnisse geprägt habe. Faber schrieb ein gar heftiges Sendschreiben an Zwingli, worin er ihm vorwarf, daß die heiligen Gewänder in Zürich auf dem Trödelmarkt öffentlich verkauft werden und nun von Dirnen zur Schau getragen werden. Zwingli antwortete ihm zumeist mit beißendem Witze: sollte auch wider den Willen der Obrigkeit Einiges in die Hände Muthwilliger gekommen sein und zur Hoffart mißbraucht werden, so sei doch eine gottentehrende Entweihung jener Zierden schon darum nicht möglich, weil dieselben längst von unreinen Pfaffen entweiht worden. Bullinger aber behandelte die Sache ernsthafter. Eifernd für Zürichs Ehrenrettung zeigt er, daß Zürichs fromme Regierung nichts Ungehöriges oder Unchristliches gethan habe, sondern nur was Gott gefalle und was Gott sie gelehrt habe durch die heiligen Schriften. „Wir Christgläubigen, fügt er bei, wissen jetzt, daß die frommen Herzen der rechte Tempel Gottes sind und daß diejenigen Kleinodien von Edelgestein, Gold und Silber in die Tempel tragen und aufopfern, welche den armen Dürftigen, in denen Christus wohnt und von denen er spricht: was ihr dem Allergeringsten der Meinigen gethan, das habt ihr mir gethan, Gutes thun, sie speisen, tränken, kleiden und beherbergen.“ Nachdem er dies aus der Schrift erwiesen, weist er noch auf die alte Kirche hin, auf Cyprian und Lactanz, auf Ambrosius, der das Gold und Silber der Kirche zu Erlösung der Gefangenen verwandte und dies den rechten Schmuck der Sakramente nannte, auf Laurentius, der, als Diakon in Rom, im Jahre 258 die Schaar der Armen als die Schätze der Kirche darstellte, während die jetzigen Priester und Mönche durch die Menge von Abgaben aller Art die ehrlichen Armen darnieder drücken [9].

Wenige Monate nach der Umgestaltung des Klosters Kappel, im Juni 1527, reiste Bullinger mit Bewilligung des Abtes nach Zürich in Begleit seines Zöglings Johannes Frei. Er blieb da bis im November und wohnte im Kappelerhofe. Während dieser köstlichen Zeit hatte er nun Gelegenheit, den täglichen Umgang Zwingli's, Leo Judä's und der übrigen Zürcher Freunde zu geniessen; er wohnte Zwingli's Predigten und seinen theologischen Vorlesungen regelmäßig bei, übte sich emsig in der hebräischen Sprache unter Konrad Kürsner, genannt Pellican, und vervollkommnete sich im Griechischen unter Johann Müller (aus Rellikon im Kanton Zürich), genannt Thellican, Rudolf Collin und Jakob Ammann.

Jm Dezember 1927 erhielt Bullinger vom Rathe in Zürich den Befehl

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im Januar 1528 mit Zwingli nach Bern zu reisen, woselbst ein öffentliches Religionsgespräch angeordnet war, zu welchem man die bedeutendsten Vertreter beider Parteien eingeladen hatte. Jn den ersten Tagen des Jahres versammelten sich in Zürich die Geistlichen und Abgeordneten von Schaffhausen, Glarus, St. Gallen und mehreren schwäbischen Städten; mit den zürcherischen Gelehrten und Geistlichen waren ihrer über hundert. Gemeinsam und unter ansehnlicher Bedeckung reiste man ab. Zwanzig Tage lang dauerte die Disputation; Zwingli leuchtete vornehmlich hervor; er und die große Schaar seiner Mitarbeiter verfocht die Sache des Evangeliums so kraftvoll und siegreich, daß die Reformation in Bern völlig den Sieg davon trug, und nicht nur in diesem größten Kantone, sondern auch in weiterem Umkreise sich Bahn brach. Bullinger hatte dabei keine öffentlichen Geschäfte, wohl aber die schöne Gelegenheit eine beträchtliche Zahl der reformatorischen Männer, in deren Gemeinschaft er nach wenigen Jahren das Werk der Reformation fortführen und weiterbilden mußte, persönlich kennen zu lernen, Männer wie Bertold Haller, Franz Kolb von Bern, Butzer und Capito von Straßburg, Konrad Som von Ulm, Farel von Neuenburg und viele Andere, vornehmlich aus der Schweiz. Namentlich trat er mit Ambrosius Blaarer von Konstanz in ein näheres Verhältniß, das dann lange Jahre segensvolle Früchte bringen sollte; noch im nämlichen Jahr widmete ihm Bullinger seine Schrift vom Ursprung des Bilderdienstes. Mit manchen schon Befreundeten, wie insbesondere Oekolampad wurde hier die Freundschaft noch fester und inniger. Bullinger hatte etwas so Einnehmendes in seiner Art sich zu benehmen, daß ihn jedermann bald lieb gewann; dabei zeigte er solche Umsicht und Besonnenheit und wußte Anderen mit solcher Achtung zu begegnen, daß er bei Männern, die zehn und zwanzig Jahre älter waren, großes Zutrauen gewann und, obgleich noch ein Jüngling, zu den wichtigsten Berathungen und Verhandlungen gerne beigezogen wurde.

Jm Juni desselben Jahres 1528 wurde Bullinger zu der Synode, die unter Zwingli's und Leo Judä's Vorsitz im Beisein mehrerer Rathsglieder gehalten wurde, nach Zürich berufen und leistete den Synodaleid. Er wurde dadurch Mitglied der zürcherischen Geistlichkeit und verpflichtete sich damit, die evangelische Lehre nicht nur in Schulen oder durch Schriften zu verfechten, sondern auch öffentlich zu predigen, was er bisher noch nicht gethan, vielmehr stets abgelehnt hatte. Gemäß der 1527 getroffenen Verfügung hatte er jetzt als Schullehrer in Kappel zugleich die Pfarrgeschäfte in Hausen zu besorgen. Der Abt hielt ihn auch alsbald nach seiner Rückkehr dazu an. Sonntags den 21. Juni betrat er in Hausen zum ersten Male die Kanzel und damit beginnt nun seine Predigerwirksamkeit.

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16. Bullinger's Verlobung. Sein Bewerbungsschreiben. Vom Nonnenleben.

An Bullingers längeren Aufenthalt, den er im Jahre 1527 in Zürich machte, schließt sich noch ein namhaftes Ereigniß seines Lebens, das uns den Blick in ein neues Lebensgebiet und seine ganze Auffassung desselben eröffnet, nämlich seine Verlobung. Er bewarb sich um die Hand der Anna Adlischweiler aus Zürich, die im aufgehobenen Kloster Oetenbach daselbst Nonne gewesen war und auch seit der schon 1525 erfolgten Aufhebung des Klosters nebst einer einzigen älteren Nonne Namens Frau Justitia (die Bullingern bekannt war) noch darin lebte. Sie war die Tochter eines ehrbaren Bürgers, Hans Adlischweiler von Rappersweil, seit 1491 in Zürich eingebürgert, der als vorzüglicher Koch dem Bürgermeister Waldmann und dem prachtliebenden Abte Trinkler zu Kappel einst gedient hatte, dann Stubenwart zweier Zünfte wurde und 1512 vor Pavia, als Küchenmeister des Feldhauptmanns, an der Bräune starb. Er hinterließ ein ziemlich bedeutendes Vermögen. Die Mutter brachte sodann die einzige Tochter aus besonderer Andacht ins Kloster, und als sie selbst zuletzt schwächlich und mit der Wassersucht behaftet ward, verkostgeldete sie sich in ihren alten Tagen ins Kloster Oetenbach, um in der Nähe ihrer Tochter zu sein, und genoß deren liebevolle Pflege.

Bullinger's Bewerbung geschah schriftlich durch ein einläßliches an die Geliebte seines Herzens gerichtetes Schreiben, das etwas so Eigenthümliches hat, ein solches Zeugniß seines edlen Sinnes, seiner Reinheit und Geradheit, der Klarheit und ruhigen Besonnenheit ist, mit der er im Alter von dreiundzwanzig Jahren auch die ehelichen Verhältnisse anschaute, und den heiligen Ernst auch die Ehe im ächt evangelischen Sinne zu führen so kräftig bezeugt, daß man auch jetzt noch sich daran erfreuen kann und das ächt Christliche darin sich wohl mag fühlbar machen[10]. Kaum wird es eine bessere Widerlegung der Widersprüche geben, in denen sich die römisch-katholische Kirche bewegt, da sie einerseits die Ehe zum unlösbaren Sakramente emporspannt, anderseits sie wieder entwürdigt, indem sie den ehelosen Stand für heiliger ausgibt.

Zehn Tage nachher erhielt Bullinger das Ja-Wort. Dies geschah in einer Halle des Großmünsters unter vier Augen. Und so war sein künftiges häusliches Glück begründet. Doch sollte auch dieses Glück vorerst noch seine ziemlich harten Proben bestehen. Da die Mutter der Braut von der Verbindung nichts wissen wollte, so wurde das Verlöbniß bis ins folgende Jahr geheim gehalten. Da sie aber im Sommer 1528 ihre Tochter ihm entreißen und zu einer anderen Verbindung zwingen wollte, so sicherte er diese gegen solche unnatürliche und ungerechte Nöthigung, indem er sie durch die zuständige Behörde für volljährig erklären ließ; indeß machte man davon, um die Mutter

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zu schonen, einstweilen keinen Gebrauch. Wir sehen unter diesen etwas schwierigen Umständen kindliche Zartheit und männliche Festigkeit in seinem Benehmen vereinigt. So blieben die Verhältnisse, bis sich jede Schwierigkeit wie von selbst hob und das eheliche Band völlig ungehindert zur rechten Zeit geknüpft werden konnte.

Unterdessen suchte der Bräutigam der künftigen Gattin durch lehrreichen Unterricht und schriftliche Anweisungen die beste Bildung zu geben. Noch hat man vom Jahr 1528 einen solchen schriftlichen Unterricht, der den Titel führt: „Von weiblicher Zucht und wie eine Tochter ihr Wesen und Leben führen solle.“ Auf dem Umschlage steht: „Dies Büchlein und was darin ist, gehört allein meiner Hausfrau.“ Jetzt noch wird dieses niedlich geschriebene, sinnige Büchlein von seinen Nachkommen aufbewahrt. Wie alle diese kleineren Schriften verfaßte er es in großer Eile. Am Schlusse fügte er, da es ihm eben an Muße gebrach, auch noch über den ehelichen Stand sich auszusprechen, eine Erklärung des 128. Psalms bei, die er 1525 Marx Rosen, Hofmeister im Kloster Königsfelden, auf dessen dringende Bitte zugesandt hatte, zu Handen einiger den vornehmsten Bernerfamilien angehörenden Nonnen jenes Klosters, welche eine Beantwortung der Frage verlangten, ob es recht sei, das Kloster zu verlassen. Die häuslichen Verhältnisse werden in dieser Psalmauslegung gar ansprechend behandelt. Zugleich richtete Bullinger an Marx Rosen einen herzlichen Brief, worin er diesen treulich und innig zur evangelischen Lebensführung und zum unbedingten Gottvertrauen ermuntert.

Ungefähr aus derselben Zeit (1525) besitzen wir noch einen andern Brief verwandten Jnhaltes an Clara May, gewesene Nonne Predigerordens in der St. Michaels-Jnsel in Bern. Sie hatte ungemein offenherzig und zutraulich sich schriftlich an Bullinger gewandt, der mit ihren Brüdern nahe bekannt war, und ihm die Frage vorgelegt, ob es ihr gezieme in den Ehestand zu treten. Voll Freude darüber, daß sie die Klostermauern verlassen habe, sucht er in seinem höflichen und herzlichen Antwortschreiben ihr Herz zu befestigen; er zeigt ihr mit Kernstellen aus der Schrift, wie das Klosterleben eine Menschenerfindung, nicht zur Seligkeit nothwendig, vielmehr eine an falschem Vertrauen auf Aeußerlichkeiten, an Versuchungen und Sünden reiche, dem Worte Gottes zuwiderlaufende Lebensart sei, Paulus schreibe den Jungfrauen nicht vor, daß sie das Gelübde der Ehelosigkeit ablegen, sondern daß sie fromm seien, Kinder erziehen, haushalten, nicht aber unter falschem Scheine unthätig leben. „Folgt eurem Herrn Jesu nach in Demuth, Liebe, Geduld, Barmherzigkeit, Lauterkeit, Wahrheit; alsdann möget ihr fröhlich all euer Vertrauen ganz und gar auf Gott setzen!“ Weiter verweist Bullinger sie auf alle die übrigen hierauf bezüglichen Schriftstellen, und überläßt dann mit eben so weiser als zarter Zurückhaltung die Entscheidung ihr selbst, unter verbindlichem Danke für ihr großes Zutrauen und den besten Wünschen für alle die Jhrigen.

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Unter völliger Zustimmung ihres Vaters Claudius, eines der ersten Beförderer der Reformation in Bern, der ein halbes Jahrhundert theils auf den Schlachtfeldern theils im Rathe dem Vaterlande diente, faßte sie ihren Entschluß und reichte im folgenden Jahre dem Probste Niklaus von Wattenwyl die Hand, der um der evangelischen Wahrheit willen allen seinen Titeln, Einkünften und Würden entsagt hatte, mit denen die Hierarchie ihn von früh auf überhäufte, und es vorzog an ihrer Seite den Segen des häuslichen Friedens und die stillen Freuden des Landlebens zu genießen.

Dritter Abschnitt.

Das Pfarramt in Bremgarten. 1529-1531.

17. Des Vaters Verstoßung; des Sohnes Berufung. Anfang des Krieges.

Mit Anfang des Jahres 1529 traten in Bullinger's Vaterstadt Ereignisse ein, die in seinen Lebensverhältnissen eine entscheidende Veränderung herbeiführen sollten. Außer in Zürich und Bern hatte die Reformation bereits in Basel, St. Gallen, Schaffhausen, Glarus, Appenzell, Biel, Mühlhausen den Sieg errungen. Nirgends aber mußte der Kampf andauernder sein als in den sogenannten „gemeinen Herrschaften.“ Wohl neigten sich hier weit die meisten Ortschaften dem Evangelium zu. Wohl leistete ihnen Zürich allen Vorschub, um der Reformation auch hier zum Durchbruch zu verhelfen, und ermunterte zum herzhaften Vorgehen. Wohl glaubten sie sich völlig dazu berechtigt, frei darüber zu entscheiden, da ja seiner Zeit keine Verbindlichkeiten der Religion halben eingegangen worden gegenüber ihren jetzigen Oberherren. Allein gewaltsam, oft grausam drängten die Landvögte aus den römisch-katholischen Kantonen - deren Regierungszeit ihrer größern Zahl wegen die der reformirten weit überwog - die kirchliche Reform zurück, unterdrückten jede Regung, jeden Versuch dazu, wo sie nur konnten, ließen Anhänger des Evangeliums bald da bald dort aufgreifen, gefangen halten oder wegschleppen in die regierenden Orte zum schauerlichen Tode. Dessen ungeachtet brach sich die göttliche Wahrheit an manchen Orten Bahn und drang mit unwiderstehlicher Macht hervor.

So fühlte sich zu Anfang Februar 1529 der kernhafte Dekan Bullinger, den wir zehn Jahre früher zwar als Gegner unberechtigten Ablaßkrams, aber zugleich als guten Freund seines Bischofs von Konstanz kennen lernten, gedrungen, ungeachtet besonderer Abmahnung des Bischofs und langjähriger Gönner unter den Standeshäuptern der päbstlichen Kantone, nun einmal der

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Wahrheit Zeugniß zu geben. Muthvoll und offenherzig redete er von der Kanzel seine Gemeinde also an: „Drei und zwanzig Jahre lang bin ich euer Pfarrer und habe euch gepredigt und gelehrt, was ich für wahr und recht hielt, und niemanden wissentlich irre geführt. Aber die Zeiten waren Zeiten der Finsterniß, so daß ich mit vielen Andern blind war, und lehrte, wie es an mich gekommen. Doch habe ich das keinesweges aus Bosheit, sondern aus Unwissenheit gethan. Nun bekenne ich offen hier vor euch meinen Jrrthum und bitte Gott um Verzeihung. Jch bin auch fest entschlossen, euch mit der Hülfe Gottes des Allmächtigen fürhin den wahren rechten Weg zur Seligkeit zu zeigen, allein mit dem Worte Gottes aus heiliger göttlicher Schrift in und durch Jesum Christum, unsern einzigen Heiland.“ Kaum hatte er dies von der Kanzel gesprochen, so erhob sich ein lautes Gemurmel. Schultheiß Honegger und andere Rathsglieder liefen aus der Kirche mit heftigen Drohungen, Andere folgten ihnen; sie alle fluchten, wie sie sich ausdrückten, dem alten, blinden Schelm. Eilends versammelte man den Rath. Nach einer sehr stürmischen Sitzung ward der Dekan mit Mehrheit der Stimmen seiner Stelle entsetzt.

Er hatte jedoch die Pfarrpfründe 1506 nicht vom Rathe, sondern durch Beschluß der ganzen Gemeinde erhalten. Er glaubte daher, jener hätte auch kein Recht ihn zu entsetzen. Darum reiste er nach Zürich, wandte sich an die zürcherische Regierung und bat, man möchte ihm dazu verhelfen, daß in Bremgarten eine Gemeinde deshalb gehalten werde; wofern diese ihn rechtmäßig „beurlaube“ (verabschiede), so lasse er sich den Spruch ohne Widerrede gefallen. Sein Ansuchen fand in Zürich geneigtes Gehör. Auf seine Kosten reisten zwei Abgeordnete der Regierung, Bürgermeister Walder und Pannerherr Schweizer, nach Bremgarten und bewerkstelligten eine Versammlung der Gemeinde. Viele erklärten sich noch für ihren Dekan, der besonders auch als Wohlthäter der Armen beliebt gewesen, Andere aber zogen bitter über ihn los wegen seines Bekenntnisses. Durch Bitten, Drohungen und Versprechungen hatten Bullingers Gegner die größere Zahl auf ihre Seite zu bringen gewußt. Mit einer Mehrheit von bloß dreizehen Stimmen blieb der Dekan seiner Stelle entsetzt. Je mehr Ansehen er sonst genossen hatte, desto mehr richtete sich nun der Haß der römisch Gesinnten gegen ihn, so daß er Bremgarten einstweilen verlassen mußte und in Zürich seinen Aufenthalt nahm. Hier ließ er gegen Ende des Jahres seiner längst bestehenden Verbindung durch öffentliche Trauung die kirchliche Weihe ertheilen.

Jn Bremgarten hatte sich inzwischen bald nach seiner endgültigen Entsetzung von neuem heftiger Streit erhoben. Jn derselben Versammlung, in welcher die Gemeinde seine Entlassung bestätigte, hatte sie nämlich - wie es in solchen Zeiten der Schwankung zu gehen pflegt - auffallend genug beschlossen, der künftige Prediger solle ohne Menschentand und ohne Menschenfurcht das Wort Gottes klar und frei verkündigen. Der neue Prediger aber,

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Hans Aal, von Bremgarten gebürtig, den man versuchsweise anstellte, erwies sich sofort als ein eifriger Vertheidiger des Pabstthums. Viele Bürger forderten den Dekan wieder, oder begehrten wenigstens einen Mann, der ihnen dem obigen Beschlusse gemäß das Evangelium rein und lauter predige. Die päbstlich Gesinnten suchten Hülfe bei den römisch-katholischen Kantonen, die reformirten bei Zürich. Man griff zu den Waffen und stand sich wuthschnaubend gegenüber. Kaum konnten die herbei eilenden Vermittler den Ausbruch des Blutvergießens verhindern. Endlich kam es zu einer neuen Gemeindeversammlung; jetzt hatte die evangelische Partei die Oberhand. Daher wurde beschlossen, daß die Bilder, als der stete Gegenstand abgöttischer Verehrung, aus der Kirche entfernt, nicht mehr Messe gehalten, sondern evangelische Prediger angestellt werden sollten. Durch Zürich's Verwendung, die man sich dazu erbat, erhielt Bremgarten Gervasius Schuler aus Straßburg, der früher Zwingli's Helfer, hernach Pfarrer zu Bischweiler im Elsaß gewesen, für die eine Predigerstelle.

Für die andere richteten sich die Blicke und Wünsche vieler Bürger auf den um Vieles jüngern Sohn ihres Dekans, den gelehrten Schulmeister zu Kappel; ihn, ihren lieben Mitbürger, dessen guter Ruf auch bis zu ihnen gedrungen war, der weit und breit in der Umgegend schon viel Aufsehen genoß, wünschten sie wieder in ihrer Mitte zu sehen als ihren Seelenhirten und als treuen Verkündiger der lauteren Heilsbotschaft. Deshalb sandten sie im Mai 1529 Rudolf Gomann zu ihm nach Kappel, ihn dringend zu bitten, daß er ein Mal bei ihnen predige. Er kam, da der Abt und die Brüder in Kappel ebenfalls dazu rieten, und hatte die Freude am heiligen Pfingstfeste vor einer dichtgedrängten Versammlung zum ersten Mal in seiner lieben Vaterstadt die evangelische Wahrheit zu verkündigen. Seine Predigt blieb nicht ohne Erfolg. Mit solchem Nachdruck hatte er für die Anbetung Gottes im Geiste und in der Wahrheit Zeugniß abgelegt, daß man schon am folgenden Tage, den 17. Mai, in Bremgarten die Altäre beseitigte, die Bilder, die zuvor nur aus der Kirche entfernt worden waren, auf dem Kirchhofe verbrannte und zugleich, bezeichnend genug für das was man erstrebte, ein strenges Sittenmandat aufstellte, namentlich gegen Gotteslästerer, gegen die Laster des Ehebruchs, der Trunkenheit u. dgl. Die Kirche wurde für den evangelischen Gottesdienst geziemend eingerichtet. Am zweitfolgenden Tage ließ der Rath den jungen Prediger bitten, daß er in Bremgarten bleiben und hier fortfahren möchte das Evangelium zu predigen. Allein seine Antwort war: er sei den Zürchern eidlich verpflichtet und werde daher ohne die Genehmigung des Rathes von Zürich keinen Schritt thun. Sogleich eilte ein Rathsglied von Bremgarten als Gesandter nach Kappel und von da nach Zürich, trat hier vor den Rath und erwirkte die Verfügung, Bullinger solle die Stelle annehmen. Hierauf wurde er von der Gemeinde einmüthig erwählt. Er nahm noch von allen den theuern Freunden in Kappel, wo ihm so wohl war,

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woselbst er so schöne, glückliche Jahre voll Kraft und Gedeihen im ersten Arbeitsdienste verlebt hatte, herzlichen Abschied, und trat am ersten Juni sein Amt an.

So sah sich Bullinger nun seiner geliebten Vaterstadt wieder geschenkt, aber zugleich auch in einem sehr schwierigen Arbeitsfelde, hingestellt auf einen der äußersten Grenzposten des Evangeliums, zum Theil der örtlichen Lage halben, doch mehr noch wegen der politischen Verhältnisse dieser Gegenden. Für das ganze Freiamt war nämlich Bremgarten wichtig, da die umliegenden Kirchspiele seinem Beispiele folgten, und indem sie sich dem Evangelium zuwandten, ebenfalls ihre „Götzen“, wie man damals die abgöttisch verehrten Bilder nannte, verbrannten.

Waren aber schon die letzten fünf Jahre in Kappel auch für Bullinger voll Unruhen und Gefahren gewesen, so mußten nun die Zeiten bei der immer steigenden Aufregung und der stets drohender hervortretenden Erbitterung zwischen den römisch-katholischen und den reformirten Kantonen noch weit stürmischer werden. Jeder Tag gab neuen Anlaß; nur vier Tage nach Bullingers Amtsantritt kam auf dieser Grenze der Bürgerkrieg zum ersten Mal zum Ausbruche. Mit schauerlichen Flammen hatten die Schwyzer auf das Verbrennen der Götzen geantwortet, indem sie den evangelischen Prediger Jakob Kaiser, genannt Schlosser, Pfarrer zu Schwerzenbach im Kanton Zürich, unversehens aufgriffen und trotz aller Verwendung Zürichs am 29. Mai in Schwyz verbrannten. Zudem wollte Zürich wegen Unterwaldens Feindseligkeit gegen das Evangelium den neuen von dort heranziehenden Landvogt um keinen Preis die Herrschaft über Baden und die freien Aemter antreten lassen. Deshalb rückten die Zürcher aus, besetzten Bremgarten und Muri; Bullinger selbst mußte am 8. Juni mit den Truppen Bremgartens als Feldprediger ausziehen; doch bald hatten diese nur ihre Stadt zu bewachen, während die zürcherische Hauptmacht bei Kappel stand, um von dort aus den Hauptschlag zu thun. Jetzt war Zürich trefflich gerüstet und dem Feinde weit überlegen; jetzt schien Alles günstig für Zürich. Da wird plötzlich ein Friede vermittelt, der zwar nicht ungünstig schien für das Evangelium, aber dennoch ein fauler Friede war, weil er keine der brennenden Fragen löste, das Unheil nur verlängerte und den unversöhnten Gegnern gestattete, die ihnen gelegene Zeit zum Losbrechen abzuwarten. Den Bewohnern der gemeinen Herrschaften stand es vermöge dieses Friedensschlusses frei, wo die Mehrheit sich dafür entschied, das Evangelium anzunehmen; auf den folgenden Sommer sollten die römisch-katholischen Ote die Kriegskosten und eine Entschädigung an die Hinterlassenen des verbrannten Pfarrers Kaiser bezahlen, widrigenfalls die reformirten Stände befugt sein sollten, eine Sperre der Lebensmittel eintreten zu lassen. Bekanntlich schaute niemand klareren Geistes in das Dunkel einer furchtbaren Zukunft als Zwingli.

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18. Das Wirken in Bremgarten. Einladung nach Marburg. Des Vaters Wiederkehr. Bestreitung der Wiedertäufer.

Doch einstweilen sollte Friede sein. Auch Bremgarten durfte sich dessen erfreuen. Nun konnte das Evangelium die Lebensverhältnisse weiterhin durchdringen. Schon sechs Tage nach dem Friedensschlusse, am 30. Juni, ward ein wichtiger Punkt in evangelischem Sinne geordnet, nämlich die christliche Armenpflege, um nicht mehr wie in den Zeiten der Werkheiligkeit ein Heer von müssigen Bettlern zu pflanzen und zu pflegen, wohl aber wie zu der Apostel Zeiten (gemäß Apostelgesch. 4, 32. 34.) keinen darben zu lassen, sondern jedem dürftigen Mitchristen thatkräftig theilnehmende Liebe zu erweisen und damit zugleich auch den Wiedertäufern die scheinbarsten Vorwände für ihre gespannten, übertriebenen, unerechtigten Forderungen zu entwinden. Bullinger war in der That der Mann dazu, einer solchen wahrhaft urchristlichen Armenordnung Kraft und Leben zu verleihen.

Jm reichlichsten Maße aber hatte er in Bremgarten der eben vorgenommenen Umgestaltung (Reformation) des Gottesdienstes zufolge und entsprechend den damaligen Bedürfnissen das Predigamt zu versehen. Jeden Sonntag hielt er gemäß der mit seinem Amtsgenossen getroffenen Abrede die spätere Predigt, an den drei nächstfolgenden Wochentagen die Frühpredigt und überdies alle Tage Abends anstatt der Vesper eine Bibellection, genau nach der Grundsprache. So war es ihm möglich, während der dritthalb Jahre seines Hierseins in seinen Predigten fast alle Bücher des neuen Testamentes zu behandeln und die größtentheils noch nicht mit Bibeln versehene Gemeinde recht in die Schrift einzuführen. Oft predigte er auch in den umliegenden Kirchspielen Oberwyl, Lunkhofen, Gäslikon u.s.w. Die dem Evangelium Abgeneigten zogen aus Bremgarten weg nach anderen Gegenden.

Nunmehr war es für Bullinger auch an der Zeit, seine verlobte Braut heimzuführen. Dies geschah den 17. August; ihre kränkliche Mutter war wenige Wochen vorher in den Armen ihrer treuen Pflegerin verstorben. Die Vermählung fand Statt in der Kirche zu Birmenstorf, zwei Stunden von Bremgarten im Kanton Zürich gelegen, wo damals sein älterer Bruder Johann Pfarrer war. Die Predigt und Trauung hielt Peter Simmler. Außer den Verwandten war der Abt von Kappel und die hervorragendsten Bürger von Bremgarten zugegen. Nach der Mahlzeit zog man nach Bremgarten, die junge Frau zu Pferde, von Peter Simmler geleitet; daselbst aß man noch gemeinsam zu Nacht, womit die bescheidene Feier sich schloß. Die Hochzeit hielt Bullinger lieber nicht in Bremgarten „von minderen Geläufs und Gewühls wegen und daß es stiller zuginge.“ Noch haben wir von ihm als ein Denkmal dieses Tages ein eigentliches Minnelied zartsinnig edler Art, das uns in seine befriedigte, gemüthliche Stimmung, in der er sich dabei befand, lebhaft hinein versetzt. Er schließt mit folgenden Strophen, deren

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Schreibart nur zur Erleichterung des Verständnisses der neueren näher gebracht worden:

Jetzt hab ich Ruh; jetzt ist mir wohl,

Dieweil ich soll,

Herzliebste mein,

Bei dir selbst sein;

Jetzt reut mich nit

Kein Tritt noch Bitt',

Die ich gethan;

Denn ich daran

Dich, liebstes Gut, nach Willen han (habe).

O Herr, bring's du zu gutem End',

Was wir jetzt hend (haben)

Durch dich ang'hebt,

Daß hier werd' g'lebt

Jn Einigkeit

Mit B'scheidenheit,

Wie dein Gebot,

O heil'ger Gott,

Dem Ehstand theur geboten hat.

Darunter steht als biblischer Denkspruch: Was Gott zusammen gefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden; und dann noch:

Es hat mir g'stillt all Leid und Klag'

Jm Aug'st der siebenzehent' Ta

Und so war es auch; wir werden uns weiterhin davon überzeugen; wie dieses ehliche Bündniß mit Gott angefangen worden, so war es stets von ihm gesegnet. Wir können uns kaum einen Ehebund denken, der glücklicher, gedeihlicher und mehr geeignet gewesen wäre, den Wahn von der größeren Heiligkeit eheloser Seelsorger thatsächlich zu widerlegen. Jm Mai 1530 und im April 1531 wurden Bullingern in Bremgarten seine beiden ältesten Töchter geboren, Anna und Margaretha. Auch sein älterer Amtsgenosse, Gervasius Schuler, zu dem er in ein gar freundliches Verhältniß trat, empfand dankbar die wohlthuende Nähe eines solchen Hauswesens.

Eben um die Zeit aber, da Bullinger sich einen eigenen Hausstand gründete, erging an ihn eine herzliche und dringende Einladung Zwingli's, er solle ihn nach Marburg begleiten, um an dem Religionsgespräche Theil zu nehmen, das der Landgraf Philipp zur Versöhnung der Lutheraner und Reformirten angeordnet hatte. Wir sehen darin einen außerordentlich großen Beweis von Zwingli's Vertrauen und Werthschätzung gegenüber dem doch erst vierundzwanzigjährigen Bullinger. Bekanntlich mußte Zwingli's Abreise ganz insgeheim geschehen, damit er feindlichen Nachstellungen desto eher entginge; außer dem geheimen Rathe in Zürich wußte niemand darum. Wie gerne hätte Bullinger Zwingli's Einladung Folge geleistet! Er konnte aber nicht anders, als mit einigen Rathsgliedern in Bremgarten darüber Rücksprache

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nehmen. Diese jedoch gaben nicht zu, daß Bullinger jetzt sich von Bremgarten entferne, da ja hier die Saat des Evangeliums noch zu zart und zu schwach, die Reformation zu neu, die Aufregung der Gemüther zu groß sei und jeden Augenblick neue Gefahren drohen. So mußte Bullinger der vielversprechenden Anerbietung entsagen. Mit welcher lebhaften Theilnahme er aber den Verhandlungen des Marburger Gespräches folgte, erkennen wir daraus, daß er die Nachrichten darüber besonders sorgfältig sammelte und zu einer Beschreibung desselben zusammen ordnete [11].

Schon im März des folgenden Jahres 1530 durfte auch Bullingers Vater, der alte Dekan, von Zürich, wo er sich seit seiner Entsetzung aufgehalten hatte, nach Bremgarten zurückkehren; die benachbarte Gemeinde Hermetschweil hatte nämlich so eben sich für den evangelischen Glauben entschieden und er übernahm es unter Zürich's Vermittlung, von Bremgarten aus die dortige Pfarrstelle zu besorgen. So hatte der Sohn die Freude, seinen alternden Vater in seiner Nähe mit jugendlichem Muthe das Evangelium verkündigen zu sehen.

Er selbst war unterdessen unermüdet in schriftstellerischer Thätigkeit. Eine Erklärung der Wochen Daniels gab er 1530 heraus; er schrieb Auslegungen zu den vier Evangelien, welche einige Jahre später im Druck erschienen, ferner eine lateinische und deutsche Uebersetzung der dreißig ersten Psalmen mit Einleitung und Anmerkungen; daneben sammelte er zur Erholung in edler Anwendung seiner Mußestunden mit unermüdetem Fleiße für seine Schweizergeschichte, und insbesondere die Reformationsgeschichte, gewöhnlich seine „Chronik“ benannt, der wir so viel zu verdanken haben, die er jedoch erst in seinen letzten Lebensjahren vollendete.

Besonders aber nahm ihn außer der fortgehenden Bestreitung der eingewurzelten papistischen Jrrlehren der Kampf gegen die Wiedertäufer in Anspruch, die gerade auch im Freiamt, wie freilich in manchen andern Gegenden, durch ihre grenzenlosen Uebertreibungen, ihre Ueberspannung christlicher Wahrheiten und ihre selbst die Grundlagen der Gesellschaft gefährdende Lebensrichtung dem Fortgang des Evangeliums großen Eintrag thaten. Auch hier handelte es sich nicht bloß um die Kindertaufe. Jndem sie auf die Eingebung des Geistes abstellten, verwarfen sie das evangelische Lehramt, die Heranbildung und Berufung zu demselben, die Anstellung und Besoldung der Prediger, überhäuften mit maßlosen Schmähungen Bullinger und die übrigen Diener des göttlichen Wortes, wie jederzeit von ähnlich gestimmten Kreisen dergleichen zu geschehen pflegt. Jndem sie die christliche Bruderliebe in einseitiger Verzerrung auffaßten, die anfängliche Gestaltung der ersten Christengemeinde überboten und zur allgemeinen Vorschrift umdeuteten, verwarfen

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sie das Eigenthum, desnahen auch die Bezahlung der Zinse und Zehnten und lehrten Gütergemeinschaft in unevangelischem Sinne; sie wurden nach moderner Bezeichnung Communisten. Jndem sie die christliche Freiheit, die Freiheit der Kinder Gottes nicht unmittelbar und wesentlich als innere Freiheit verstanden, aus der dann erst allmälig die rechte bürgerliche Freiheit sich entwickeln müsse, sondern schlechthin auch als eine äußere, irdische Freiheit und Gleichheit, verwarfen sie das Bestehen einer bürgerlichen Obrigkeit, erklärten ein Christ dürfe nicht ein obrigkeitliches Amt bekleiden, noch einer Obrigkeit den Eid der Treue leisten; somit waren sie im vollsten Maße, um wieder modern zu sprechen, revolutionär.

Wir haben früher schon gesehen, in welchem völlig bewußten Gegensatz unser Bullinger gemäß seiner theologischen Geistesentwicklung und seiner ganzen Sinnesart nach gerade zu dieser Richtung stand, und mögen wohl auch darin die leise Spur einer höheren Fügung erkennen, daß eben der Mann, der zum Ausbau der zürcherischen Kirche und zur gesunden Gestaltung des evangelischen Kirchenwesens im Großen so viel beitragen sollte, hier noch einmal veranlaßt war, selbständig der wiedertäuferischen Richtung entgegen zu treten, die Menge ihrer Scheingründe nach allen Seiten ihres Strebens hin am Worte Gottes zu prüfen und des guten Rechtes unsrer reformirten Kirche jenen gegenüber desto sicherer und umfassender sich bewußt zu werden.

Nicht nur hielt er im Januar 1531 in Bremgarten ein öffentliches Religionsgespräch mit den Wiedertäufern in Gegenwart der ganzen Gemeinde, worin er sie ihrer Verirrungen überführte, sondern er gab auch im Februar desselben Jahres in vier Büchern eine einläßliche Schrift gegen sie heraus, worin er die anmuthige Form des Zwiegesprächs anwendet, um nach allen Seiten hin ihre mächtigen Jrrthümer klar und ruhig zu beleuchten und gründlich zu widerlegen. Als Anhang ist eine besondere Abhandlung betreffend Zinse und Zehnten beigegeben, worin deren christliche Rechtmäßigkeit nachgewiesen wird. Wir müssen diese Schrift um so höher schätzen, wenn wir bedenken, daß sie drei Jahre vor der unglückseligen Aufrichtung des vorübergehenden wiedertäuferischen Königsthrones in Münster (in Westphalen) und der damit verbundenen Enthüllung ihrer scheußlichen Verirrungen geschrieben ist. Ziemlich umgearbeitet trat dieselbe Schrift 1535, von Leo Judä übersetzt, lateinisch aufs neue ans Licht. Endlich ging, fast dreißig Jahre später, 1569, in veränderter Gestalt und mannigfach bereichert Bullingers bekanntes Werk daraus hervor: „Der Wiedertäufer Ursprung, Fortgang, Sekten u.s.w.“

Doch diesen ernsten Kämpfen sollten bald andere noch weit schwerere folgen.

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19. Neue Entzweiung der Eidgenossen. Die Vermittlungen. Zwingli's Lebewohl. Bullingers Friedenspredigten.

Wir nahen uns dem Zeitpunkte einer gewaltigen Entscheidung in der Eidgenossenschaft, deren empfindliche Wirkungen sich sofort auch auf Bremgartens Schicksal und Bullingers fernern Lebensgang erstreckten; daher wir uns hier, wenigstens in kurzen Zügen, die Lage der Dinge vergegenwärtigen müssen. Wohl hatte man im Sommer 1529, schaudernd vor den Folgen eines mörderischen Bruderzwistes, noch einmal den Frieden erfaßt, im Gefühle der Zusammengehörigkeit, eingedenk so vieler gemeinsam errungenen Siege und in der Hoffnung, die alte gegenseitige Anhänglichkeit wieder erwachsen zu sehen. Allein die alte Eintracht kam nicht wieder. Jn Folge des damals geschlossenen Friedens, den man den ersten Landsfrieden zu nennen pflegt, nahm die Reformation einen gewaltigen Aufschwung; sie hatte nun ihren ungehemmten Fortgang in den „gemeinen Herrschaften“ und weiterhin, überall kräftig, mitunter rücksichtslos gefördert von Seiten Zürichs, dessen Machtstellung sich dabei stets einflußreicher erwies, doch immer noch nicht dem emsig vorwärts strebenden Geiste Zwingli's zu genügen vermochte. Nicht weniger heftig und eifrig suchten die römisch-katholischen Kantone überall das Evangelium nach Kräften zu hemmen und zurück zu drängen; Geldbußen, Gefängniß, Folter, Verbannung traf Viele, die in ihren Gebieten es wagten, ihre Sehnsucht nach dem lautern Worte Gottes oder ihre Hinneigung dazu kund werden zu lassen. Jn engem Zusammenhalten und dann sogar in gefahrvoller Verbindung mit dem Auslande, zumal der furchtbaren spanisch-österreichischen Kaisermacht suchten sie ihren Halt und drängten dadurch die reformirten Kantone dazu durch Anwendung derselben Mittel auf ihre eigene Sicherheit Bedacht zu nehmen. Eine Fluth der gehässigsten, niedrigsten Schmähungen ergoß sich fortwährend aus den päbstlich gesinnen Orten über die Reformatoren und ihre Beschützer; nicht weniger bitter wurde entgegnet. Zu täglichen Reibungen, Mißhandlungen, Klagen aller Art gab der vielfache gegenseitige Verkehr unaufhörlich Anlaß. So sehr man sich auch bemühte, die Beschwerden abzustellen, die streitigen Punkte auszugleichen und näher zu bestimmen, öffentliche Ruhe und Ordnung zu handhaben, wurde doch die Kluft immer größer. Jmmer furchtbare erschienen die Maßnahmen und Drohungen der päpstlichen Kantone, die bereit waren, mit Gewalt die ihnen unerträglich vorkommenden Fesseln zu brechen, durch welche der Landsfriede ihr Einschreiten gegen die Anhänger des Evangeliums hemmte. Jeder Augenblick konnte, zumal bei der ungewissen Haltung des Auslandes, den gewaltsamen Ausbruch bringen. Zürich sah kein anderes Mittel, als zu den Waffen zu greifen. Dieß Aeußerste mißriethen seine Verbündeten. Nach langen Verhandlungen vereinigte man sich endlich im Mai 1531 dahin, daß den katholischen Kantonen wegen ihrer vielfachen Verletzungen des Landsfriedens von Seiten Zürichs und Berns die Zufuhr der

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Lebensmittel sollte abgeschnitten werden, die gemeinen Herrschaften sollten ein Gleiches thun. Diese geriethen in die peinlichste Lage, da auch katholische Orte ihre Oberherren waren; sie mußten aber Zürichs entschiedenem Ansinnen willfahren. Um so erbitterter wurden die katholischen Orte. Die bald herein brechende Noth steigerte ihren Unwillen zur Wuth. Neuerdings unterhandelte man zur Herstellung des Friedens unter den Eidgenossen; namentlich wurde eine allgemeine Tagsatzung nach Bremgarten ausgeschrieben, welche daselbst am 14. und 20. Juni, am 9. Juli, am 10. und 23. August Sitzungen hielt. Die meisten Orte erschienen als Vermittler, überdieß die Gesandten des Königs von Frankreich, des Herzogs von Mailand, der Gräfin von Neuenburg u.s.w. Alle arbeiteten am Friedenswerke, aber vergebens. Die katholischen Orte wollten sich durchaus auf nichts einlassen, bis die Sperre aufgehoben wäre. Zürich aber und Bern bestanden darauf, daß jene zuerst die um der Religion willen Verstoßenen zurück rufen, jedem die Annahme des Evangeliums frei stellen, die freie Predigt des göttlichen Wortes, wie es der Landsfriede - ihrer Auslegung zufolge - forderte, auch in ihren Gebieten gestatten und die Schmachredner ernstlich bestrafen sollten. Dieß wollten sie nicht, und so schienen alle Friedensversuche fruchtlos.

Mit gemeinsamem evangelischem Gottesdienst wurde die Tagsatzung in Bremgarten begonnen. Bullinger sammt seinem Amtsgenossen Schuler bot sowohl bei der Eröffnung derselben als während ihres Fortganges alle Kraft eindringlicher Rede auf, um den versammelten Eidgenossen das Unheil eines mörderischen Bürgerkrieges, das damit über sie Alle herein brechende Verderben und hinwieder den Segen der Einigkeit und Friedfertigkeit vorzuhalten, sie aufs nachdrücklichste zu warnen, daß sie nicht gegenseitig sich zerfleischen, nicht sich trennen, nicht selst ihre mit so viel theuerm Blute errungene Freiheit gefährden, nicht den Feinden der Eidgenossenschaft willkommenen Anlaß zu ihrer Unterdrückung darbieten sollten; mit Kraft und Nachdruck mahnte er, viel lieber sollten sie die religiösen Streitigkeiten durch ihre Prediger ausmachen lassen; diese sollten sie einander gegenüber stellen, daß die Geister ohne Schwert auf einander platzen, allein mit den Waffen des Gotteswortes, und also die göttliche Wahrheit das Feld behaupte. Zugleich anerbot er öfter in Gesprächen sich selbst zu diesem Kampfe mit den Waffen des Geistes. Fleißig fanden sich die Gesandten insgesammt, auch die der katholischen Orte in Bullinger's Predigten ein, gaben ihrem Jnhalte solchen Beifall und fühlten sich von dem besonnenen Ernste, der Mäßigung, der Vaterlandsliebe, dem innern Feuer des friedeathmenden Predigers so angezogen, daß gerade dadurch die allgemeine Liebe und Achtung ihm sich zuwandte, der Name des jungen Bullinger überall bekannt ward und einen guten Klang bekam unter allen Eidgenossen.

Wie ganz anders wurde von den geheimen und offenen Gegnern des Evangeliums eben in dieser Zeit Alles das aufgenommen, was der ihnen verhaßte Zwingli, freilich oft mit schneidender Schärfe, aus einem eben so

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vaterlandsliebenden Herzen predigte, um der Wahrheit zum Siege und dem Vaterlande auf dem kürzesten Wege wieder zum Frieden zu verhelfen! Um so willkommener ist es uns, Zwingli und Bullinger eben in diesem Zeitpunkte zusammen treffen zu sehen. Zwingli erkannte schon damals, daß es namentlich auf Seiten Berns an der Rüstigkeit zum kräftigen Handeln fehle, das ihm doch weit menschlicher erschien, als die grausame und nutzlose Sperre, bei der im gegnerischen Lande Schuldlose und Schuldige gleich sehr zu leiden hatten; er wünschte sehnlich, Berns lähmende Schwerfälligkeit heben zu können. Was that der kühne Mann voll Hingebung, voll Todesmuth? Jn der Stille der Nacht begab er sich selbst zu Fuß am 10. August von Zürich nach Bremgarten, bloß von zwei vertrauten Freunden begleitet, kam in Bullingers Pfarrwohnung, beschied dahin die Gesandten Berns, Jakob von Wattenwyl und Peter im Hag, und stellte ihnen mit heiligem Ernste die Verderblichkeit der gegenwärtigen Sperre vor sammt allem Unheil, was daraus entspringen werde. Alles im Geiste voraus sehend, doch mit männlicher Fassung in der unerschütterlichen Zuversicht, daß Gott sein lauteres Wort dennoch einst werde zum Siege führen. Die ganze unvergeßliche Unterredung fand Statt in Bullingers Gegenwart. Drei Rathsglieder hielten unterdessen vor dem Hause Wache; durch das Pförtchen unten an der Reuß ließ man den Reformator wieder hinaus. Bullinger gab ihm noch das Geleite bs zum nächsten Dorfe. Von ihm nahm Zwingli den rührendsten Abschied, ahnend, es möchte das letzte Mal sein in diesem Leben. Fast konnte er sich nicht von ihm trennen; mit Thränen in den Augen sprach er zum dritten Mal: „Mein lieber Heinrich, Gott bewahre Dich und bis (sei) treu am Herrn Christo und an seiner Kirche!“ Und nun zog er wieder seine Straße gen Zürich und von dannen alsbald zum Heldentode. Ja, er hatte sich nicht getäuscht, es war das letzte Mal. Wie aber Bullinger wieder zum Thore seiner Vaterstadt zurück kam, warnten ihn die Thorwächter; sie wollten so eben zwei Mal eine Erscheinung gesehen haben wie eine Frauengestalt in schneeweißen Kleidern, die hin und her ging, bis sie in den Wellen des Flusses verschwand. Bullinger sah sie nicht; doch über ein Kleines sollte er selbst nächtlicher Weise wie jetzt Zwingli von dannen weichen durch dasselbe enge Pförtchen und den schmalen Weg gehen, den dornigen Leidenspfad um des Evangeliums willen.

20. Die Kriegszeit. Bremgartens Drangsal. Die Flucht aus der Heimath.

Jmmer näher rückte die Kriegsgefahr. Mit Wehmuth sah Zwingli, daß selbst in seiner Nähe die Partei derjenigen, die der Reformation der Sitten gram waren, weil ihr Eigennutz darunter litt, die aber bisanhin sich in Alles gefügt hatten, immer breitern Boden gewann. Während daher Mißtrauen und innere Uneinigkeit Zürichs Schritte lähmten, Bern immer noch bloß an

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der unglücklichen Sperre fest hielt, aber zu nichts Weiterem zu bewegen war, finden wir die päbstlich gesinnten Orte, durch die gemeinsame Noth geeinigt, immer fester entschlossen, sich mit den Waffen in der Hand Brot und dem Pabstthum den Sieg zu verschaffen. So kam es zu der für die Reformirten so unglücklichen Schlacht bei Kappel am 11. Oktober 1531, in der Zwingli fiel, bis in den Tod der göttlichen Wahrheit getreu, und neben ihm so viele der treusten Zeugen und Förderer des Evangeliums. Nach dem abermals unglücklichen Gefecht am Gubel (den 24. Oktober) erfolgte dann, da Zürich auf seine eigenen Landleute nicht mehr sicher zählen durfte, der schimpfliche „zweite Landsfriede“ (den 16. November). Einmal für immer war damit das äußere Wachsthum der Reformation in der Schweiz gehemmt. Die Zürcher versprachen darin, die katholischen Orte und deren Verbündete „bei ihrem wahren, unzweifelhaften Christenglauben“ unangefochten zu lassen ohne Disputation, und hinwieder die katholischen Orte, sie wollen auch die Zürcher und ihre Angehörigen „bei freiem Glauben“ lassen, womit allerdings die gegenseitige Unabhängigkeit der beiden Confessionen anerkannt war, doch in einer für die reformirte Kirche herabwürdigenden Form. Jn den gemeinen Herrschaften soll es den Gemeinden frei stehen, wieder zum alten Glauben zurück zu kehren oder auch bei dem neuen zu bleiben; die Kirchengüter aber sollen unter beide Confessionen getheilt werden. Wohl jubelten die Katholiken insgemein allzu laut über den errungenen Sieg, und gaben sich zu leicht der Hoffnung hin, Alles werde nun wieder in den alten Zustand zurück kehren, und die evangelische Lehre gänzlich verdrängt werden. Nein, das war Gottes Wille nicht; vielmehr sollte die erneute Kirche erst recht geläutert aus diesem Feuer der Trübsal hervorgehen. Doch war's ein entsetzlicher Schlag!

Nirgends aber mußte man diesen furchtbaren Schlag rascher und tiefer empfinden als in Bremgarten und dessen Umgebung. Zürich konnte Bremgarten nicht mehr schützen. Von dem eben erwähnten Frieden war es ausdrücklich ausgeschlossen. Während dieses Feldzugs war die Stadt längere Zeit von den Bernertruppen besetzt, deren Hauptquartier sich öfter hier befand, so daß Bullinger Gelegenheit hatte, auch vor ihnen unter allgemeinem Beifall und Anerkennung seiner edeln Mäßigung das Evangeliums zu verkündigen und des Vaterlandes Noth mit dem klaren Gottesworte zu beleuchten. Nun aber zogen sich die Berner, ungeachtet die Bremgartner aufs allerdringendste baten sie nicht dem Feinde Preis zu geben, auf ihr eigenes Gebiet zurück. Umsonst wehklagte der Schultheiß von Bremgarten: „Was Jeremias der Prophet gesprochen: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt und Fleisch für seinen Arm hält, das wird heute treulich an uns erfüllt, die wir so großes Vertrauen auf euch, unsere Herren, gesetzt haben; Gott mög' uns helfen!“ Rachedrohend wälzte sich die ganze Heeresmacht der siegreichen katholischen Orte gegen die wehrlose und verlassene Stadt, so daß sie froh sein mußte, mit

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schweren Opfern und unter harten Bedingungen sich einen Frieden erkaufen zu können, um nur wenigstens der Plünderung und Verwüstung zu entgehen. Noch ward die Religion betreffend nichts gefordert; nur ihre evangelischen Prediger wurden vom Frieden ausgeschlossen. Der Rath ließ daher den Predigern anzeigen, daß er sie vor Gewalt nicht länger zu schützen vermöge, und riet ihnen, einstweilen nach Zürich zu fliehen, bis das Kriegsgetümmel vorüber sei; bald werde man sie dann wieder nach Hause rufen, da die Sieger der Religion halben keine Forderungen gemacht hätten.

Dieß hofften die Menschen; aber des Herrn Wege, wie anders waren sie!

So mußte Bullinger nun „um des süßen Jesusnamens“ und seines Evangeliums willen den bitteren Kreuzesweg betreten, er der für Hunderte von Vertriebenen ein Erbarmen und Retter in der Noth werden sollte. Jn der Nacht vom 20. auf den 21. November 1531 verließ er sein liebes Bremgarten in Begleit seines betagten, noch immer rüstigen Vaters, ferner seines treuen Amtsgenossen Gervasius Schuler und seines Bruders Johann, damals Pfarrer im benachbarten Rohrdorf, der so eben von herum streifenden Feinden all seiner Habe beraubt und verjagt nach Bremgarten gekommen war. Unversehrt gelangten sie nach Zürich. Alsbald drangen die Feinde in Bremgarten ein, plünderten und verwüsteten das Haus des alten Dekans, während sie sich in der Wohnung des Sohnes schonender betrugen. Nach einigen Tagen wollte diesem die Gattin sammt den Kindern folgen; sie ließ ihre Magd Brigitte im Hause zurück mit dem Auftrage die dreißig Mann Einquartierung bestmöglich zu bewirthen; als sie aber ans Thor kam, fand sie es verschlossen, der Thorwächter wollte niemanden hinaus lassen: doch sie, ohnehin eine starke und äußerst beherzte Frau, entriß ihm mit Gewalt die Schlüssel, ließ sich sammt den Jhrigen hinaus und erreichte glücklich das ersehnte Zürich. Wie erfreut war Bullinger sie wieder in seine Arme schließen zu dürfen. Auch sein Hab und Gut konnte in Kurzem ohne allzu schwere Einbuße gerettet werden. Doch wer weiß, was es heißt, flüchtig die Heimath meiden zu müssen, eine unglückliche Vaterstadt mitten in ihrem Elend zu verlassen, der mag den tiefen Schmerz ermessen und die Erschütterung, die sein Herz durchwogte.

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Zweites Buch.

Bullinger als Vorsteher der zürcherischen Kirche. Sein Leben und Wirken von 1531 bis gegen die Mitte des Jahrhunderts.

Erster Abschnitt.

Die Zeit des Schwankens und des Ringens um die Aufrechthaltung der evangelischen Kirche in Zürich.

21. Zürichs Elend. Bullingers Fassung.

Gastliche Aufnahme fand Bullinger im Hause seines langjährigen Freundes Werner Steiner von Zug, der, um des Glaubens willen aus der Heimath verdrängt, auch herzliche Gastfreundschaft in Kappel genossen und nun seit zwei Jahren in Zürich sich eingebürgert hatte; er wohnte ganz nahe dem Münster.

Doch was war dieses Zürich, das Bullinger betrat? Es war nicht mehr dasselbe Zürich, das er früher so oft besucht, nicht mehr dasselbe, das Zwingli am Morgen des 11. Oktobers verlassen hatte. Alles war anders geworden. Zwingli selbst, seit Jahren die Seele des ganzen Staates sowohl als der Kirche, draußen im Felde erschlagen; seine muthvolle Stimme verstummt, sein Alles bewegender Rath dahin; mit ihm so Viele von seinen aufrichtigsten und redlichsten Freunden ebenfalls todt, gerade die regsamsten und eifrigsten Förderer der Reformation, sieben Mitglieder des kleinen, neunzehn des großen Rathes, fünfundzwanzig Geistliche, worunter Männer gereiftester Gesinnung, wie Comthur Schmid und Abt Joner, im Ganzen fünfhundertvierzehn Mann, wovon hundert Stadtbürger, mehr als der zehnte Theil der gesammten wehrhaften Mannschaft der Stadt.

Doch nicht nur dies. Mit der äußern Niederlage war auch, wie es in ähnlichen Fällen öfter geschieht, zumal in kleineren Republiken, im Jnnern ein

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Umschlag eingetreten, ein völliger Umschlag der Stimmung in den Gemüthern Vieler zu Ungunsten der Reformation. Jene verborgenen Gegner unter den Vornehmen, zumal im engern Rathe, deren stilles Entgegenwirken auch bisher schon fühlbar gewesen, die aber seit Langem gewohnt waren, ihre wahre Gesinnung zurückzuhalten, erhoben wieder mächtig das Haupt. Aufgestachelt von den Nachbarn in den altgläubigen demokratischen Kantonen gesellten sich zu ihnen die nach bürgerlichen Vortheilen Lüsternen auf der Landschaft. Dazu kamen nun alle ängstlichen Gemüther, alle Bedenklichen, die nie aus sich selbst die entscheidenden Schritte zur Herstellung der Kirche gewagt hätten, denen zu sehr graute vor dem Beharren im Kampfe mit der gewaltigen Pabstmacht und vor der bleibenden Spaltung des Vaterlandes, die nur durch den hinreißenden Muth, das unaufhaltsame Vordringen und stete Anmahnen des bewunderten Reformators hatten bewogen werden können zur erkannten göttlichen Wahrheit zu stehen, nun aber wankten und darum überall den Boden unter ihren Füßen wanken fühlten. „Nicht gegen die Feinde draußen, gegen die Feinde drinnen laßt uns die Waffen kehren,“ hörte man daher rufen schon in der schrecklichen Nacht nach der unglücklichen Kappeler Schlacht. Die heimlichen Katholiken und die Söldlingsführer erhoben ihre Häupter und sagten: „Jetzt ist's dahin gekommen, daß ein Biedermann auch noch reden darf; Pfaff hier, Pfaff dort; die papistischen Pfaffen haben uns betrogen, diese uns belogen. All das haben wir von dem neuen Glauben, Wunden hier und Wunden dort!“ Je größer die Gefahr erschien, je trostloser die Lage, je mehr die Drangsal von allen Seiten kam, je unmöglicher der Widerstand, desto mehr vernahm man zu Stadt und Land auch unter den schwer Heimgesuchten die Anklage wider die Prediger des Evangeliums: Diese Pfaffen und Schreier, sie haben dies Alles über uns gebracht; sie haben uns gegen die Bundesbrüder, unsere alten, lieben Eidgenossen aufgehetzt; sie haben Zürich von seinem Ehrenrang in diese Schmach und Niedrigkeit hinabgestürzt; hinweg mit ihnen!

Wo waren aber zu dieser Zeit die noch übrigen Freunde des Evangeliums? gab es keine muthigen, keine beredten Männer mehr unter ihnen? Auf ihnen lastete der ganze Druck der soeben geschehenen Eeignisse. Jhre genaue Freundschaft mit dem Reformator, bisher ihr Ruhm, ward ihnen jetzt zum Vergehen angerechnet, hemmte und lähmte völlig jede ihrer Aeußerungen; Zwingli's kühnes, entschiedenes Vorgehen zur Förderung des Evangeliums schien durch den Erfolg gebrandmarkt. Tage lang mußte ein Leo Judä sich verborgen halten bei guten Freunden, da er in seinem Pfarrhause nicht sicher war vor Meuchlerhänden; kaum durfte Myconius es wagen, von seiner Wohnung die wenigen Schritte über die Straße zu gehen bis zur Schule, um daselbst sein Amt zu versehen[12].

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Das war das Zürich, in dessen Thor Bullinger als Flüchling eintrat. Er hatte sich auf ein Schiff geflüchtet, dessen Mast vom Sturme gebrochen, das jeden Augenblick in Gefahr war zu scheitern. Wer dürfte sich wundern, zumal wofern er die raschen Bewegungen republikanischer Staaten kennt, wenn damals das ganze mühsam erkämpfte Werk der Reformation wieder rückgängig geworden wäre, oder einer kümmerlichen Halbreformation hätte weichen müssen! Ja wahrlich, wäre das Werk aus den Menschen gewesen, so wäre es damals erstickt worden und hätte nicht bestehen mögen. Aber weil das Werk ungeachtet alles Menschlichen und Sündlichen, was ihm noch anhing, doch nicht aus den Menschen war, sondern aus Gott, so vermochten sie es nicht zu zerstören (Apostelgesch. 4). Vielmehr mußte all die Drangsal und Demüthigung nur zur innern Befestigung, zur Vertiefung des evangelischen Sinnes in den Herzen der Geprüften, zur Sichtung des Weltlichen und Geistlichen, des Staatlichen und Kirchlichen, zur Verklärung des ganzen Lebens durch die Gottesmacht des Evangeliums dienen, und dafür sollte vornehmlich unser Bullinger zum kräftigen Werkzeuge des Herrn werden.

Wie war es ihm aber zu Muthe in dieser schweren, bangen Zeit der Unsicherheit? Mit welcher Fassung des Gemüthes er sein Kreuz trug, wie namentlich bei ihm die eigne Trübsal die brüderliche Liebe nicht zu erkälten vermochte (Matth. 24, 12), sehen wir wohl am besten aus einem Briefe, den er eben in diesen Tagen der Ungewißheit über die eigene Zukunft (schon am 30. November 1531) an den ihm befreundeten Ambrosius Blaarer aus Konstanz, damals Prediger in Eßlingen, schrieb, um sich bei ihm für seinen bisherigen Amtsgenossen Gervasius Schuler warm zu verwenden.

„Jch empfehle dir unsern Gervasius, schreibt er, meinen Amts- und Leidensbruder, der vor wenigen Tagen mit mir mein liebes Bremgarten verlassen mußte und nun hier im Exil weilt. Er ist ein Mann von ausgezeichneter Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, voll Glaubens und Treue, dem jede Gemeinde, auch eine recht bedeutende, sicher anvertraut werden kann. Er ist von Straßburg gebürtig, hat Weib und Kinder, zwei Mädchen. Jn Bremgarten hat er bisanhin Christum rein und lauter gepredigt und wurde mit mir durch das Kriegsgetümmel vertrieben. Jch halte mih inzwischen, ebenfalls als Vertriebener, hier in Zürich auf, harrend des Ausgangs, den Gott der Sache geben wird. Haben die Propheten und Apostel und sogar das Haupt, Christus, selbst solche Verfolgungen erfahren müssen, warum sollten wir nicht in Geduld unsere Last tragen? Wissen wir doch, daß, so wir mit ihm leiden, wir einst auch mit ihm uns freuen dürfen. Nochmals, falls Gervasius dir dienen kann, so schreibe an mich oder an Leo (Judä), seinen Landsmann. Lebe wohl und bete für unser armes Schweizerland!“

Dies that Bullinger für den Freund acht Tage nach seiner eigenen Flucht. Jhm selbst aber wurde bald, wenn auch nicht ohne einen Kampf, sein Weg gezeigt.

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22. Bullingers Berufung. Die Wahl. Die Gefährdung des freien Wortes.

Eben schwebte in Zürich die wichtige Frage ob, und beschäftigte viele Gemüther, wo man einen würdigen Nachfolger Zwingli's finden könne, der an seiner Stelle als erster Pfarrer an der Hauptkirche zum Großmünster die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten zu übernehmen vermöchte. Viele inbrünstige Gebete stiegen deshalb zum Himmel empor. Man befand sich in nicht geringer Verlegenheit, da Oekolampad, an den man sich wandte, sich nicht von Basel trennen mochte, und Leo Judä, Zwingli's langjähriger Mitarbeiter, ebenfalls ablehnte, indem er sich dazu nicht für tüchtig hielt. Eben er empfahl aber zugleich den ihm genau bekannten, siebenundzwanzigjährigen Bullinger, der, obschon jung, zu diesem Amte ganz geschickt sei. Bullinger jedoch widerstrebte, indem er, als der Jüngere, durchaus nicht wollte Leo übergeordnet werden.

Gleich in den ersten Tagen nach Bullingers Ankunft in Zürich ermunterten ihn deshalb seine näheren Freunde, Leo Judä, Erasmus Schmid und Heinrich Uttinger (welche Letztern sammt den übrigen Chorherrn dem großen Rathe einen Vorschlag zu machen hatten), im Großmünster zu predigen. Er that es schon am 23. November und dann auf Geheiß des Rathes noch etliche Male.

Seine Predigten machten einen unbeschreiblichen Eindruck. Das war ein neuer, frischer Lebenshauch mitten in dieser trüben Zeit. So muthig trat er auf; so kräftig und siegesfreudig hielt er das Panier des unbesiegbaren Evangeliums hoch empor; so ernst führte er die schweren Züchtigungen Gottes den Hörern zu Gemüthe; so scharf und freimüthig rügte und strafte er die vorhandenen Laster, daß unwillkürlich die Erinnerung an den, der sonst von dieser Stätte so gewaltig Zeugniß gab, in den Herzen der Hörer erwachte, und vielfältig der Wunsch sich kund gab, ihn an dessen Stelle erwählt zu sehen. Man erinnerte sich auch, daß Zwingli vor seiner Abreise nach Kappel habe verlauten lassen, falls er selbst nicht aus dem Kriege zurückkehre, wäre Bullinger der tauglichste Mann, um alsdann an seine Stelle zu treten.

Wie viel es aber damals heißen wollte, in Zürich kräftig aufzutreten und wie mächtig Bullingers Rede einschlug, sehen wir aus einem Briefe, den Zwingli's tiefbekümmerter Freund Myconius in jenen Tagen einem Vertrauten schrieb: „Bei uns ist nichts als Jammer und Trübsal. Mit jedem Tage wächst unsere Noth. Mehr noch als Zwingli's Verlust, mehr als der Tod so vieler Wackeren drückt uns die Sorge, daß das freie Wort des Evangeliums so nahe dran ist unterzugehen. So ganz und gar ist uns jede tröstliche Aussicht verwehrt. Der kleine Rest solcher Männer, denen etwas von Gnadengaben verliehen ist, wagt nicht das Haupt zu erheben. Das Volk ist in Schrecken gejagt durch die drohende Haltung unserer Feinde. Wie sollen da die Verkündiger des Gotteswortes thun was ihres Amtes ist? So viele

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Drohungen umgeben sie, so viele Dolche und Schwerter, daß eine Kraft ohne gleichen vonnöthen wäre, ein wahrhaft apostolischer Muth, um gleich einem Paulus durch nichts sich abschrecken zu lassen von der Verkündigung des Herrn Jesu und von der Züchtigung der Gottlosen und Lasterhaften. Doch an Muth, an Feuer des Geistes, an Kühnheit würde es vielleicht dem Einen oder Andern nicht mangeln. Aber wer möchte vergebens predigen, nur zum eigenen Schaden mitten unter Solchen, die mit Schwert und Folter drohen? vielleicht wäre das der Frömmigkeit selbst nicht einmal ersprießlich. Drum fährt man in Allem jetzt gar sanft; mehr mit Bitten, als mit Kraftworten wird der Kampf geführt. Doch am letzten Sonntage hat Bullinger eine solche Predigt herunter gedonnert, daß es Vielen vorkam, Zwingli sei nicht todt, sondern er sei gleich dem Phönix wieder erstanden. Jndeß ist er nur als Gast hier.“

So weit Myconius. Seine letzte Bemerkung, daß Bullingers Aufenthalt in Zürich nur ein vorüber gehender sei, schien alsbald in Erfüllung zu gehen. Durch ein gar freundliches und dringendes Schreiben lud ihn der Rath zu Basel ein, an die Stelle des überraschend schnell verstorbenen Oekolampad zu treten, der in anderem Sinne, als die Menschen es geahnt und gewünscht, Zwingli hatte nachfolgen müssen. Schon zuvor hatten die Reformirten des Kantons Appenzell ihre Boten ausgesandt, um Bullinger dorthin zu rufen, und von Bern aus waren bereits während des Krieges Anerbietungen und Einladungen an ihn ergangen. Bullinger mußte erwiedern, schon von Kappel her den Zürchern eidlich verbunden, könne er ohne Einwilligung des Rathes von Zürich keinen Schritt thun. Dieser aber hieß ihn seine Entschließung gewärtigen. Vorgeschlagen wurden neben Bullinger Kaspar Megander (Großmann), ein geborner Zürcher, damals Prediger zu Bern, Hans Fabritius, Pfarrer zu Dällikon, und Hans Bryner, Pfarrer zu Weißlingen.

Samstags den 9. Dezember 1531 versammelte sich der große Rath der Zweihundert zur Wahl. Sie fiel auf Bullinger. Mit Einmuth ward er vom gesammten großen Rathe in die Lebensstellung berufen, die er von nun an sein ganzes Leben hindurch einnehmen sollte.

Aber noch gab's eine harte Probe, bei der sofort seine Geistesklarheit sowohl als die Festigkeit seines Charakters geprüft ward. Es galt eine Entscheidung, durch die sein ganzes amtliches Wirken geknickt und verkümmert, oder als ein gedeihliches und erfreuliches gesichert werden konnte. Denn Bitteres und Süßes wurde in verlockender Mischung mit Einem Male ihm dargeboten.

Sämmtliche Stadtprediger sammt Bullinger waren nämlich auf den Wahltag vor die Zweihundert beschieden. Alsbald nach der Wahl ließ man sie vortreten. „Liebe Herren, redete sie der Bürgermeister Walder an; die Zweihundert der Räthe und Bürger haben euch hieher berufen aus zwei

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Ursachen, erstlich um euch anzuzeigen, daß sie heute einhellig zu ihrem Pfarrer oder Leutpriester am großen Münster, an des seligen Meister Ulrich Zwingli's Statt erwählt haben Heinrich Bullinger von Bremgarten; wir wünschen ihm dazu von Herzen Glück. Fürs Andere wird man euch nun vorlesen den vierten Artikel der Uebereinkunft, welcher der neugewählte Pfarrer und ihr alle hinfort nachleben sollet, da wir Solches mit der ganzen Landschaft eben jetzt beschlossen und festgesetzt haben; wir sind auch gesinnet mit Gottes Hilfe dabei zu verbleiben.“

Durch die betreffende unmittelbar vor Bullingers Wahl getroffene Uebereinkunft, zu der die Regierung von den immer noch wegen der unglücklichen Kriegsereignisse und Verheerungen aufgeregten, namentlich gegen die Prediger des Evangeliums erbitterten Landleuten gedrängt worden war, wurde zwar „die evangelische Lehre und Wahrheit“ festgehalten; doch versprach der Rath darin ausdrücklich: „von den hergelaufenen Pfaffen, unruhigen Schreiern und Schwaben abzustehen“, also namentlich vor fremden Predigern sich zu hüten, und zudem sagte sie in dem obgenannten vierten Artikel, welcher die Geistlichen insbesondere betraf, Folgendes zu:“Wir wollen und sind erbötig, hinfort in unserer Stadt nur solche Prediger anzustellen, die friedsam sind und nach Ruh und Frieden trachten. Wir werden auch den Predigern nicht mehr gestatten, die Leute also gottlos, böswillig und mit ehrverletzenden Schmähungen anzugreifen und zu schelten, sondern mit allem Fleiß darauf halten, daß sie das Gotteswort und die Wahrheit christlich, jugendlich und freundlich, laut alten und neuen Testamentes, verkündigen, die Laster mit der Schrift strafen, sich aber keiner weltlichen Sachen, die weltlicher Regierung und Obrigkeit zustehen, in der Stadt oder auf dem Lande, im Rathe oder darneben, beladen, sondern uns regieren lassen, wie es uns christlich, löblich, auch für Stadt und Land nützlich dünkt. Wir versprechen auch, keine Gemeinde mit einem Prediger zu behelligen, die ihr nicht genehm wäre.“

Dieser vierte Artikel war vor dem versammelten großen Rathe den Predigern vorgelesen. Es entstand eine Stille. Bullinger erkannte sofort die entscheidende Wichtigkeit des Augenblicks; er überschaute die Tragweite der anscheinend unverfänglichen Forderung, durch die, zumal bei ihrer Unbestimmtheit und bei allfällig ungünstiger Auslegung, der freimüthigen Predigt des göttlichen Wortes unheilvolle Fesseln angelegt, die berechtigte Anwendung desselben auf die jedesmaligen Schäden und Abirrungen verwehrt und so das Einzige und Wesentliche, worauf für die evangelische Kirche alles Heil und aller Trost für Gegenwart und Zukunft beruhte, zum Schaden der Seelen gehemmt werden konnte. Und er besaß Entschlossenheit genug, wie sehr er auch die angebotene ehrenvolle und einflußreiche Stellung zu schätzen wußte, lieber darauf zu verzichten, als sich und seine Mitarbeiter in diese schiefe Stellung hinein treiben zu lassen.

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Deshalb nahm nun der neugewählte Pfarrer am Großmünster sogleich das Wort, dankte für die auf ihn gefallene Wahl, erklärte aber, daß es ihm nicht möglich sei, ohne nähere und bestimmte Erläuterung des vorgelesenen Artikels die Stelle anzunehmen. Er begehre daher einige Bedenkzeit, um mit seinen Amtsbrüdern die Sache in Ueberlegung zu nehmen, und wolle sich in einigen Tagen des Näheren darüber erklären. Auch die übrigen Prediger Erasmus Schmid, Hans Schmid, Dr. Engelhard, Pfarrer am Fraumünster, Rudolf Thumysen, Leo Judä, Pfarrer am St. Peter, und Niclaus Zehnder, Diakon, stimmten in dieses Ansuchen ein. Es wurde ihnen wohlwollend entsprochen, und so trat die Geistlichkeit ab.

23. Bullingers Vertheidigung der freien Predigt des Gotteswortes.

Am folgenden Mittwoch, den 13. Dezember, erschienen die Stadtprediger wieder vor den Zweihundert und nun ließ sich Bullinger also vernehmen:

„Herr Bürgermeister! Ehrsame, fromme, fürsichtige, weise, gnädige, liebe Herren. Wohl möchte es jemanden nicht unbillig dünken, daß wir ohne weitere Einrede eueren Geboten und Verboten gehorsam wären. Doch hoffen wir, wenn Euere Weisheit unsere ehrenwerthen und göttlichen Beweggründe vernehme, werdet ihr als eine christliche Obrigkeit ob unserer Einwendung keinen Unwillen empfangen. Unsere freundliche Antwort ist nämlich diese:

Was euer Begehren betrifft, daß wir das Wort Gottes friedlich und züchtig predigen, so wollen wir euch darin gerne und geziemend gehorchen. Dieweil aber doch auch ein ewiger Streit ist zwischen Gutem und Bösem, zwischen Wahrheit und Falschheit, so hat das göttliche Wort auch seinen Unfrieden oder seine Schärfe, wie denn Christus spricht: Jhr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz seine Schärfe verliert, so wird es hinaus geworfen und mit den Füßen zertreten. Und Paulus, wiewohl er seinen Timotheus bittet, die Wahrheit mit aller Langmuth vorzutragen, heißt den Titus doch auch die Widerspenstigen beschelten. Wir wollen daher Alles das hinfort sanft vertragen, was mit Sanftmuth soll vorgetragen werden; hinwieder aber auch scharf rügen, was scharfer Rüge würdig ist.

Hierzu gehört auch das, daß wir die Laster mit und nach der Schrift bestrafen sollen. Dem sind wir auch gar nicht entgegen; vielmehr danken wir Gott dafür, daß ihr uns dies befehlt. Aber billig fällt uns schwer, was gerade darauf folgt: wir sollen niemand gottlos oder auch böswillig oder mit andern ehrverletzenden Worten und Namen bezeichnen. Mit der Schrift die Laster zu strafen, habt ihr so eben uns erlaubt, die Schrift nennt und straft aber dergleichen eben mit diesen Benennungen, und wir sollen solche Worte nicht gebrauchen dürfen.

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Dies steht im Widerspruch. Ja die Schrift gebraucht oft noch viel schärfere Worte. Z.B. nennt sie die Gottlosen und Lasterhaften (Jesaj. 1.) Diebe und Mörder, ebenso (Joh. 8. 10., Apostelgesch. 13.) Teufelskinder, Betrüger, (Philipp. 3.) Hunde, Feinde Gottes u.s.w. Wenn wir nun dergleichen Worte auf der Kanzel nicht gebrauchen dürfen, so können wir auch nicht das frei heraus sagen, was in der Schrift steht. Euch aber das zu bewilligen haben wir eben so wenig Gewalt wie Petrus, als ihm der Rath zumuthete, er solle des Blutes Jesu nicht mehr gedenken, damit es nicht etwa auf sie heraus komme. Deshalb entgegnete Petrus: Urtheilet selbst, ob es recht sei, euch mehr zu gehorchen als Gott. Darum, Gnädige Herren! wollen wir uns gern aller Bescheidenheit befleißen, auch die Laster und Lasterhaften mit keinen andern als schriftgemäßen Namen strafen. Aber was Gott uns reden heißt, was ausdrücklich in der Bibel steht, das können und dürfen wir uns durchaus nicht verbieten lassen. Wir bitten euch um Gottes willen, ihr wollet uns nicht weiter drängen, sondern bei der Bibel, der Scheltworte und anderer Dinge halben, bleiben lassen. Thun wir aber zu viel daran, so wollen wir uns gern eurer Strafe unterziehen.

Ferner fordert ihr: der weltlichen Regierung sollen wir uns nicht beladen. Das wollen wir gerne halten, sofern uns nicht verwehrt wird betreffend die weltliche Regierung das zu predigen, was begründet ist in der heiligen Schrift. Da sind nun alle Bücher Mosis, die Geschichtsbücher, die Propheten voll von Dingen, welche das weltliche Regiment betreffen. Die Diener Gottes, ein Samuel, Elias, Jehn, Micha, Jeremias und andere waren sie nicht auch der Obrigkeit Lehrer und Strafprediger? Drum, Gnädige Herren! sind wir, um mich kurz zu fassen, wohl zufrieden mit Allem, wenn ihr nur uns befehlet, frei, ungehemmt, nicht beengt durch menschliches Gutdünken, das neue und alte Testament zu predigen. Wir wollen es nicht nach unsern Gelüsten und Begierden, sondern gemäß dem Glauben und der Liebe nach seinem wahrhaften Jnhalt mit bestem Fleiße, wie es sich gebührt, predigen. Denn Gottes Wort will und soll nicht gebunden sein; sondern was man darin findet, es sei was es wolle und wen es auch treffe, soll frei heraus gesagt werden. Denn wir haben nicht die Gewalt, der Bibel irgend etwas zu entziehen. Wir glauben auch nicht, daß ihr uns Solches zumuthen wollet. Wir bitten euch daher um der ewigen Wahrheit willen, ihr wollet bedenken, daß Gott es ist, der zu uns spricht (Jerem. 26, 2.): Alles, was ich dir befehle ihnen zu sagen, sieh, daß du nicht ein Wörtlein davon thuest usw. Bedenket, daß euere Ehre vor Gott und vor der Welt einen großen Stoß erleiden würde, wenn man, nach so vielen Trübsalen, auch noch das euch nachreden könnte, daß ihr wohl befohlen hättet die Schrift zu predigen, doch nur unter diesen und jenen Bedingungen. Darum ermahnen wir euch bei Gott dem Herrn und bitten allein um das unbedingte Wort Gottes, und daß ihr unser Anbringen, das in bester Meinung geschehen

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ist, auch in bester Meinung aufnehmen wollet. Den Jnbegriff der Artikel, bei denen wir bleiben wollen, übergeben wir euch hier schriftlich:

Erstlich versprechen wir, daß wir uns alles Friedens wollen befleißen und die allgemeine Ruhe, auch das Wohlergehen euerer Regierung befördern wollen, so viel wir nun immer mit Gott vermögen.

Die Laster und Uebelthaten, es betreffe die obere Gewalt oder den gemeinen Mann, es betreffe den Rath, die Gerichte, das weltliche oder geistliche Regiment, werden wir nach Maßgabe des Lasters und der Lasterhaften, je nachdem es erforderlich ist, bald sanft, bald scharf, ohne Ansehen der Person mit Worten, die der Schrift und dem Laster gemäß sind, hervor ziehen, beschelten und strafen. Denn das Wort Gottes will nicht gebunden sein, und Gott muß man mehr gehorchen als den Menschen.

Wir wollen auch mit aller Zucht und Bescheidenheit das Wort Gottes und die Wahrheit predigen und verkünden laut Jnhalt des alten und neuen Testamentes und gemäß dem Eide, den wir euch, unseren Herren, in der Synode geschworen haben.“

Der Eid lautet:

Jch schwöre, das heilige Evangelium und Wort Gottes, dazu ich berufen bin, treulich und nach rechtem christlichem Verstand, auch nach Vermög alten und neuen Testamentes, laut meiner Herren von Zürich erlassenen Mandates, zu lehren und zu predigen, und darunter kein Dogma oder Lehre, die zweifelhaft, noch nicht auf der Bahn und anerkannt wäre, mit einzumischen, sie sei den zuvor der allgemeinen, ordentlichen Versammlung (Synode), die jährlich zweimal gehalten wird, angezeigt und von derselben anerkannt worden. Ueberdies soll und will ich einem Bürgermeister und Rath, auch den Bürgern, als meiner ordentlichen Obrigkeit, treu und hold sein, gemeiner Stadt und Landes Zürich Nutz und Frommen fördern, ihren Schaden wenden und davor warnen, so weit ich's vermag, auch ihr und ihren bestellten Vögten und Amtleuten, ihren Geboten und Verboten, in geziemenden, billigen Sachen gehorsam und gewärtig sein, treulich und ohne alle Gefährde.

24. Der günstige Erfolg.

Kurz und freimüthig hatte der jugendliche Redner sich ausgesprochen vor der obersten Behörde des Landes, vor gereiften Männern und vor Greisen, die auf Schlachtfeldern und in Rathssälen im Dienste des Vaterlandes ergraut waren. Er hatte verfochten, was Pflicht und Gewissen in dieser ernsten Stunde ihn verfechten hieß, die freie Predigt des Gotteswortes, die unbedingte Geltung und Anerkennung der göttlichen Wahrheit. Nun verließ er sammt den übrigen Predigern die Versammlung der Zweihundert. Diese befand sich in großer Bewegung. Viel wurde dafür und dawider gesprochen; die lebhafte Besprechung nahm den Rath ungewöhnlich lange, gegen alle

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damalige Gewohnheit die ganze Zeit von 7 bis 11 Uhr in Anspruch. Denn Einige, die nicht gar lauter waren im evangelischen Glauben, drangen beharrlich und alles Ernstes darauf, man solle bei dem Buchstaben der mit den Landleuten getroffenen Uebereinkunft bleiben und den Predigern durchaus nichts weiter gestatten. Wohl wußten sie, daß dadurch dem Reformationswerke ein harter Stoß versetzt würde, aber gerade das war ihre Absicht. Andere kämpften angelegentlich und mit guten Gründen dagegen. „Wir wissen für ganz gewiß, erwiederten sie, wenn man sich untersteht, die Prediger in diesem Punkte zu binden oder einzuengen, so geben sie eher den Dienst auf, wie der neue Pfarrer sich schon erklärt hat, als daß sie sich dieß gefallen lassen. Jhr einfaches Begehren ist ja nur allein das, bei der Bibel, beim alten und neuen Testament zu bleiben; dieß darf und soll man ihnen gar nicht abschlagen. Die Frage ist nun, sollen sie bei der Bibel bleiben oder nicht?“

Diese Frage ward endlich mit Mehrheit der Stimmen nach dem Wunsche der Prediger entschieden. Noch am nämlichen Tage erhielten sie durch den Stadtschreiber folgende Antwort: „Meine Herren Bürgermeister und beide Räthe sind des Willens, euch das göttliche Wort des alten und neuen Testamentes, wie ihr begehrt, frei, ungehemmt und unbedingt zu lassen, guter Hoffnung, ihr werdet euch aller Bescheidenheit befleißen und es gebrauchen wie es sich gebührt, sowie in vollem Vertrauen, ihr werdet nach Frieden und Ruhe trachten.“

Dankbar gingen die Prediger auseinander, nach wiederholter Versicherung, sie wollten sich aller Bescheidenheit und alles Friedens befleißen und ihr Amt mit Gottes Hülfe so verrichten, daß es diene zur Mehrung des Glaubens und zur Besserung des Lebens.

So war nun das höchste Kleinod der erneuerten Kirche, die freie, ungehemmte Predigt des göttlichen Wortes gerettet, das Kleinod, das hundert verlorene Schlachten aufwog. Es war geschehen durch die Entschiedenheit und Festigkeit, die Bullinger im gefahrvollsten Augenblicke zeigte. Regierung und Volk, die ganze durch Zwingli's gotteskräftiges Wirken reformirte Gemeinde stellte sich damit aufs neue unter die alleinige Richtschnur des Gotteswortes, das auf Jahrhunderte hin für Lehre und Leben ihre unverbrüchliche Regel bleiben sollte. Mißlungen war der Anschlag der gefährlichen verborgenen Widersacher der Reformation, die mit Frohlocken zusahen, wie rings umher in den gemeinen Herrschaften durch den Ueberdrang der römisch-katholischen Sieger selbst in den Gemeinden, die beim Evangelium beharren wollten, wieder der päbstliche Kultus zurück geführt wurde, und schon überall siegesgewiß das Gerücht verbreiteten, Zürich werde alsbald die Messe wieder herstellen. Jhren Umtrieben und täuschenden Erwartungen war nun mit Einem Male der Nerv durchschnitten.

Nun erst konnte der neugewählte Nachfolger Zwingli's unter Gottes Segen gedeihlich wirken in gesunder, aufbauender Weise Jahrzehende lang, da er

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jetzt die rechte Stellung gewonnen und den Boden gefunden hatte, um sie, wo es nöthig ward, zu behaupten. Sehen wir in Vergangenheit und Gegenwart so manche edle Kraft fruchtlos sich abmühen und hinein getrieben in eine schiefe Lebensstellung doch verkümmern, so können wir Bullingers entschiedenes Auftreten nicht hoch genug anschlagen in seinem Werthe für ihn selbst sowohl als für den Schauplatz seines Wirkens.

Er war sich dabei dessen freudig bewußt, daß Alles von Gott so gefügt worden. Dieß bezeugt uns sein Schreiben an Bern, wodurch er die eben erwähnte Berufung dorthin ausschlug. Die schönsten Anerbietungen waren ihm nämlich schon zuvor von Bern aus gemacht worden, woselbst die Reformation, wenn auch nicht in so trübseliger Lage wie in dem weit heftiger erschütterten Zürich, damals in bedenkliche Stellung zu gerathen schien. Jnsbesondere Bertold Haller, der hauptsächlichste Reformator daselbst, gar sehr entmuthigt drang in Bullinger, daß er bei Berns gänzlichem Mangel an Gelehrten der ansehnlichen aus 187 Gemeinden bestehenden bernischen Kirche zu Hilfe komme. Bullinger hatte ihm darauf geschildert, wie eben in Zürich Alles in der Schwebe sei, und erhielt nun gerade an dem Tag, als in Zürich die letzterwähnte Sitzung des großen Rathes Statt fand, durch einen Eilboten vom Schultheißen und Rathe zu Bern, die förmliche Berufung, worin es heißt: „Wir haben aus deinem Schreiben an Bertold Haller vermerkt, mit was für Schranken und Bedingungen unsere Eidgenossen von Zürich dich und andere Verkündiger des Gotteswortes binden wollen, die eben schimpflich und unsers Bedünkens keinem Propheten annehmar sind. Deßhalb wir aus günstiger Meinung, die wir zu dir tragen wegen deines ehrbaren Wandels und christlicher Lehre, dich hiemit bittweise ansuchen und fragen, o du so gern zu uns kommen wollest, als wir deiner Person begehren und dich gerne haben möchten. Wir wünschen also, daß du dich mit diesem einzig deswegen zu dir abgesendeten Boten zu uns verfügest, unserer Kirche in Verkündung des Wortes Gottes vorzustehen. Wir wollten schon mit dir dermaßen deiner Leibesnahrung halben überein kommen und dich so wohl halten, daß du völlig mit uns zufrieden sein sollst.“

Sofort beantwortete Bullinger diesen lockenden Ruf folgender Maßen: „Daß euere Weisheit mir Kleinfügigen, Unwürdigen und Unverdienten so demüthig und tröstlich zuschreibet, mich auch zu eurem Prediger begehret, dafür sage ich euch hohen Dank, will auch eurer Ehre, Treue und Liebe in Ewigkeit nicht vergessen, sondern nach all meinem Vermögen, wo und wie ich nur kann, mit Treue, Gehorsam und bestem Fleiße wie billig erwiedern, wollte auch, daß Gott es also gefügt hätte, daß ich euch, Meinen Gnädigen Herren zu Bern, hätte dienen mögen, zu denen ich allezeit als zu Gottesfürchtigen, Getreuen und Weisen besondere Herzensneigung getragen habe. Nun aber hat Gott es also gefügt, daß mich meine Herren von Zürich angestellt haben, denen ich von etlichen Jahren her mit Eidespflicht verbunden bin, wie ich

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schon in Bremgarten euerem Prediger Franz Kolb mündlich erklärte. Nun haben auch meine Herren auf heute den Predigern das göttliche Wort dermaßen gefreiet (freigegeben), daß wir nichts mehr klagen. Darum bitte ich euch, ihr wollet deßhalb mir nicht zürnen; denn ich Ehren halb nicht anders handeln konnte. Nichts desto minder lasset mich euch empfohlen sein; will auch allezeit der Eurige sein. Damit seid Gott befohlen; der wolle euch in Ehren, Frieden und Wohlstand lange erhalten.“

Gleichzeitig sandte er auch eine freundliche Ablehnung nach Basel; bezeichnend ist, daß er dabei den Ueberbringer Gervasius Schuler, seinen Amtsgenossen in Bremgarten, für den bei der damaligen den Ausländern höchst ungünstigen Stimmung in Zürich nichts zu hoffen war, an seiner Statt ihnen aufs herzlichste empfahl. Dieß hatte auch sofort den gewünschten Erfolg.

Jndem er selbst in Zürich verblieb, sollte er noch Anlaß genug finden, seine hier gegebenen Versprechungen zu erfüllen und auf mancherlei Weise den Genossen des Glaubens christliche Bruderliebe zu erweisen weitumher.

25. Das neue Amt.

So trat denn Bullinger im Bewußtsein, daß Gott es so gefügt, nicht er die Ehre gesucht hatte, freudigen Muthes das neue Amt an. Er trat es an freilich als junger Mann, mit der Kraft jugendlicher Frische, aber nicht als unerfahrener Jüngling, sondern gereift durch neunjährige Amtsführung in sturmbewegter Zeit, als ein Mann, der selbständig durch eigene Arbeit und innere Entwicklung die Grundlage der Erneuerung der Kirche sich angeeignet, alle die Lebensfragen der Zeit mit gründlichem Ernste und klarer Einsicht vielfach durchgesprochen und schriftlich abgehandelt, ja gleichsam ihre Entfaltung in Streit und Frieden durcherlebt hatte an der Seite und im steten Verkehr mit den bedeutendsten und eingreifendsten Persönlichkeiten seiner Umgebung. Wir finden ihn daher schon jetzt so zu sagen vollendet in Gesinnung und Charakter, wenn auch stets bereit zur Erweiterung und Vertiefung seines Erkenntniß göttlicher Dinge und eifrig bemüht zu wachsen an Gnade und Weisheit durch die belebende und erleuchtende Kraft des göttlichen Wortes.

Wie groß war aber die Aufgabe, die ihm geworden! Eine Fülle von Sorgen und Mühen, von schwierigen Arbeiten und mannigfachen Kämpfen stand vor ihm. Was für ein Amt es war, das ihm übertragen worden, müssen wir deshalb vorerst in einigen Umrissen zu zeichnen suchen. Dem Namen nach war's nur ein Pfarramt, freilich ein Pfarramt, das den größten Theil der Stadt in sich befaßte und eine große Zahl von Predigten, sowie vielfache seelsorgerliche Bemühung forderte [13]. Aber der Sache nach verlangte es

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ungleich mehr. Es war auch nicht um bloße Geschäftsführung zu thun. Nachfolger Zwingli's sein, wollte in jenem Zeitpunkte mehr heißen. Zwar die theologische Professur, die der rastlose Zwingli neben allem Andern auch noch besorgt hatte, gehörte nicht nothwendig dazu; sie wurde sofort dem Theodor Bibliander (Buchmann) übertragen, einem ausgezeichneten Sprachkenner und Schriftausleger. Aber das Werk der Erneuerung der Kirche wie des Lebens war nur erst begonnen und den Grundzügen nach ausgeführt, jedoch nicht vollendet, vielmehr mit dem raschen Tode Zwingli's gleichsam abgebrochen, und unter den Stürmen der Zeit heftig erschüttert. Daher bedurfte das Werk der Reformation selbst dringend der Erhaltung, der Durchführung nach allen Richtungen des Lebens hin, und der Befestigung. Zürich bedurfte erst noch der weitern Umbildung und Neugestaltung in Hinsicht der kirchlichen und Schuleinrichtungen, der bürgerlichen Gesetzgebung, der ganzen Haltung des Staates und der Staatslenker wie des sittlichen Lebens der Einzelnen. Diese fortgehende Weiterbildung und Umgestaltung sollte geschehen nach der Richtschnur des Gotteswortes. Der Antrieb dazu aber, wie die Auslegung und Anwendung des göttlichen Wortes mußte wesentlich vom ersten unter den Dienern und Verkündigern dieses Wortes ausgehen.

Noch war Zürich keineswegs das geordnete, ehrenfeste, schlichte und arbeitsame Zürich, das es erst werden sollte, und als welches diese Wiege der Reformation späterhin Jahrhunderte lang mit Recht eines so guten Rufes genoß. Noch war die wilde Kriegslust, die damit zusammenhängende Ueppigkeit und Bestechlichkeit, die seit so langer Zeit, zumal seit den italienischen Kriegszügen unter den steten Einflüssen der fremden Botschafter, der Tagsleistungen u.s.w. vornämlich hier am leitenden Orte (Vororte) der Eidgenossenschaft reichlich gewuchert hatte, kaum erst zurückgedrängt, aber nicht beseitigt und drohte mit neuer Macht ihr Haupt zu erheben. Eine unerschütterliche Festigkeit, ein unermüdliches Arbeiten verbunden mit viel Weisheit und Geduld wurde erfordert, um diesen feindlichen Mächten zu begegnen und den gesunden ächten Grundlagen evangelischen Lebens zu ihrem Rechte und ihrer Geltung zu verhelfen.

Eben weil die evangelischen Lebensmächte noch nicht das Staats- und Volksleben durchdrungen hatten, wurde in jedem einzelnen Falle von den Dienern der Kirche, namentlich dem ersten unter ihnen Auskunft darüber erwartet, was der Schrift gemäß Gottes Wort enthalte über das eben Vorliegende. Keine irgend bedeutende Frage im Jnnern, im Staatsleben, auf dem Gebiete der Gesetzgebung, kein Vorgang im ganzen Umfange der Eidgenossenschaft oder bei ihren Unterthanen und Schutzverwandten, der auf Zürich irgend eine Beziehung hatte, kein Ereigniß im Auslande, das in seinen nähern oder

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ferneren Folgen eine Rückwirkung haben konnte auf die Schweiz, auf das Schicksal der evangelischen Kirche oder einzelner Angehöriger derselben, konnte vorkommen, ohne daß der Vorsteher der zürcherischen Kirche ihr seine genaue Beachtung zuwenden mußte. Denn bei hunderten solcher Fragen oder Vorgänge wurde von der Obrigkeit sein und seiner Amtsbrüder Gutachten eingeholt, oder aber er fand sich bewogen, gemäß seiner Amtspflicht sei's von der Kanzel dem christlichen Volke, sei's durch mündlichen oder schriftlichen Vortrag der christlichen Obrigkeit kund zu geben, was der Herr, unter dessen alleinige Leitung Volk und Regierung sich aufs neue gestellt hatte, in seinem heiligen Worte hierüber aussage oder fordere.

Daher war seine Stellung einerseits eine volksthümliche, anderseits gewisser Maßen eine staatsmännische, erforderte schon um gründlich über alles Bedeutende unterrichtet zu sein, eine außerordentlich ausgedehnte Correspondenz und steten persönlichen Verkehr mit den Staatshäuptern. Bullinger wußte aber mit so viel Ruhe und Gewandtheit, Besonnenheit und Emsigkeit, Eifer und Milde sich in allen diesen Angelegenheiten zu benehmen, daß er in seinen Umgebungen großes und immer größeres Vertrauen erlangte, die Herzen gewann und sich allgemeine Anerkennung erwarb. Frei von aller Nachahmungssucht vermied er die Klippe, an der wohl Mancher am ehesten gescheitert wäre, allzu sehr in Zwingli's Fußtapfen zu treten. Er wußte gerade hierin den Umschwung der Zeit weise zu beachten.

26. Nachwehen der Schlacht bei Kappel.

Es war aber auch ein gewaltiger Umschwung. Die Poesie war vorüber, und die Prosa des Lebens, ja der herbe Ernst war eingekehrt. Nicht mehr erschien die Reformation in der Schweiz als die rasch und kühn vordringende, vielmehr war sie für immer, in der östlichen, der deutschen Schweiz wenigstens, gehemmt, sie sah sich eingeengt, ja zurück gedrängt, sie war nun selbst die angegriffene und gefährdete Partei und lief Gefahr, gewaltsam überwältigt und erdrückt zu werden. Vollkommen verstanden die Lenker des deutschen Reichs den Werth dieser Thatsachen; König Ferdinand schrieb sofort nach der Schlacht bei Kappel seinem Bruder Karl V.: „Dies ist der erste von den Siegen, die bestimmt sind, den Glauben wieder zu beleben“, und fügte nach dem Gefechte am Gubel bei: „Gedenke, daß du das Oberhaupt der Christenheit bist und nie eine schönere Gelegenheit wieder kommt, dich mit Ruhm zu bedecken. Die deutschen Sekten sind verloren, wenn die ketzerische Schweiz sie nicht mehr unterstützt.“ Und Karl, nicht unempfänglich für eine solche Mahnung, die Unterdrückung der Reformation in der Schweiz und in Deutschland zu betreiben, erwiederte: „Meine Kaiserwürde, der Schutz, den ich der Christenheit und der öffentlichen Ruhe schulde, und das Wohl des Hauses Oesterreich stellen mir

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diese Aufgabe.“ Den beiden folgenden Jahrzehenden war es vorbehalten, die Bedeutung dieses Wortes immer furchtbarer zu enthüllen.

Vorerst war es an den reformirten Orten der Eidgenossenschaft und ihren Gesinnungsgenossen innerhalb der Schweiz, fast alle Leiden eines besiegten Volks durchzumachen, und zwar nicht nur kurze Zeit, sondern Jahrzehende lang, ja wir können zum Theil sagen, mehr als ein Jahrhundert lang. Wie schmerzlich war es, den unmäßigen Siegesjubel zu hören, der die römisch-katholischen Orte ringsum erfüllte, wie schmerzlich den Hohn und Spott, den sie bei alle Begegnungen reichlich über die Reformirten, über „die sieglose neue Lehre, bei der kein Heil und Segen sei, noch je sein werde und sein könne“, insbesondere aber selbst in allerrohester Weise über den gefallenen Zwingli ausgossen, sodann auch die damit im Einklang stehenden Stimmen höher Gestellter zu vernehmen, kurz ihn und seine heilige Sache nun von allen Seiten verkannt, entweiht, geschmäht und verworfen zu sehen und zwar unter Umständen, die für die Menge derer, die nach dem augenfälligen Erfolge urtheilen, so bestechend und verlockend sein mußten.

Aber das Allerschmerzlichste, was eben jetzt, gleich in dieser ersten Zeit von Bullingers Amtsführung zunächst und aufs bitterste empfunden wurde, war die Zurückdrängung des Evangeliums in allen den Gegenden rings um Zürichs Gebiet her, die ganz oder theilweise von römisch-katholischen Orten abhängig waren, und in denen das Licht des Evangeliums die Finsterniß überwunden, viel tausend und tausend Herzen gewonnen und die erfreulichsten Fortschritte gemacht hatte. Wie unendlich schmerzlich war es, hier überall die freundlich keimende Saat zertreten zu sehen! Jn die verlassenen Klöster St. Gallen, Einsiedeln, Muri, Wettingen, Fahr. St. Katharinenthal, Hermatschweil, Gnadenthal zogen Mönche und Nonnen aufs neue ein. Jammervoll war vornehmlich das Schicksal derjenigen Ortschaften und Landstriche, welche vom Landsfrieden ausgeschlossen waren, wie Rappersweil [14], Gaster und Wesen, ein Theil der Unterthanenlande des Abtes von St. Gallen, ferner Bremgarten, Mellingen und die freien Aemter. Nicht nur wurden sie als Empörer behandelt, ihrer althergebrachten politischen Rechte verlustig erklärt, um große Summen Geldes gebüßt, auch ihrer Prediger, ihrer Bibeln und Kirchen beraubt, zur Herstellung des schimmernden römischen Kirchenschmuckes, insbesondere der verabscheuten Heiligenbilder gezwungen, sondern sogar durch derbe Einschüchterungen und durch die heftigsten Drohungen genöthigt, wiederum die Messe zu besuchen. Ungeachtet Zürich und Bern, namentlich ersteres besonders auf Bullingers Antrieb, sich wiederholt aufs eifrigste für die Bedrängten verwandte, blieb den Getreuen nichts Anderes übrig, als

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Haus und Hof zu verlassen um des Evangeliums willen. Selbst der sterbende Schultheiß Mutschli erhielt den Befehl, Bremgarten zu verlassen. „Laßt mir nur noch ein wenig Zeit, war seine Antwort, so will ich gerne ohne Säumen eure Stadt verlassen.“ Alsbald verschied er und ward in Oberwyl begraben.

Von allen Seiten strömten die Vertriebenen nach Zürich. Gerade dieses schwere Schicksal seiner theuren Vaterstadt und ihrer Schicksalsgefährten bot aber Bullinger willkommenen Anlaß mit Rath und That den Geängsteten und Vertriebenen beizustehen, namentlich auch den flüchtig gewordenen Predigern Hülfe zu leisten. Insbesondere veranlaßte er Etliche unter ihnen sofort dazu, die allfälligen Lücken in ihren Kenntnissen und Fertigkeiten durch Benutzung der in Zürich sich darbietenden Gelegenheiten zu ergänzen, um dadurch tüchtig zu werden, als rüstige Diener des Herrn alsbald in neue Arbeitsfelder einzutreten.

Andauernder waren die Kämpfe im Thurgau und in den Gebieten des Abtes von St. Gallen. Hier kamen die mannigfaltigsten Bedrückungen und Quälereien vor gegenüber den Evangelischen, theils unter dem Vorwande des Landsfriedens, theils trotz demselben. Zürich befand sich dabei immer in der mißlichen, oft fast verzweifelten Lage gegenüber erhitzten und übermüthigen Gegnern immer nur auf dem gütlichen Wege bleiben zu müssen, da man auf kriegerische Entscheidung nach den gemachten Erfahrungen nicht aufs neue abstellen mochte, auf rechtlichem Wege aber deshalb nichts zu hoffen war, weil die gegnerischen römisch-katholischen Kantone in den Angelegenheiten der gemeinen Herrschaften das Stimmenmehr hatten. Dennoch nahmen die bedrängten evangelischen Gemeinden und ihre oft hart mitgenommenen Prediger ihre Zuflucht immer wieder zu Zürich, da sie keine andere Zuflucht zu finden wußten. Jns theilnehmende Herz des Vorstehers der zürcherischen Kirche schütteten sie ihre Herzen aus, bald mündlich, bald in dringenden Bittschreiben. Mit unermüdlicher Geduld und einer Jnnigkeit, wie nur die wahrhaft christliche Bruderliebe sie eingibt, ging Bullinger auf alle ihre Anliegen ein, mochten sie nun grade mehr geistlicher, eigentlich kirchlicher oder politischer oder ökonomischer Art sein, zog Erkundigungen für sie ein, verschaffte ihnen Fürsprecher, legte ihre Sache den Standeshäuptern ans Herz, zumal den zürcherischen Gesandten, welche die eidgenössischen Tagleistungen beschickten, und so gelang es doch immer wieder Einzelnen oder ganzen Gemeinden auf- und durchzuhalten, ihnen die evangelische Predigt und die Ausübung ihres Gottesdienstes, wenn auch hie und da verkümmert, zu retten, und niedergetretene Rechte ihnen wieder zu erlangen. Schon die lebendige Theilnahme selbst, auch wo sie des gewünschten Erfolges sich nicht völlig erfreuen durfte, wie erquickend war sie den verstoßenen Glaubensbrüdern, und wie fest knüpfte sie zwischen ihnen und Zürich das Band der kirchlichen Gemeinschaft, das den oft Bedrängten Jahrhunderte lang zu Statten kam. „Fahre fort mein

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Vater zu sein, wie bis jetzt“, schreibt schon 1532 ein sanctgallischer Pfarrer an Bullinger, und außer ihm war noch so Mancher, der den jugendlichen Bullinger wie einen väterlichen Freund und Fürsorger schätzte. Wie oft fand St. Gallens hochbegabter Bürgermeister Vadian, Zwingli's Freund, an Bullinger den eifrigsten Vermittler in Zürich und Mitberather in Betreff der äusserst schwierigen kirchlichen Verhältnisse St. Gallens, des Toggenburgs und des Rheinthals gegenüber dem mächtigen Abte und seinen immer steigenden Ansprüchen. Höchst erfreulich war dabei die durchgängige Standhaftigkeit der angefochtenen evangelischen Gemeinden. Unter dem Kreuze sollte ihr Glaube sich bewähren, da ja auch Zürich selbst, das vorher so mächtige und ruhmreiche, sich unter die gewaltige Hand des Herrn beugen mußte.

27. Bullingers Vertheidigung Zwingli's und des Evangeliums.

Mit welcher männlichen Fassung Bullinger es vermochte, das bittere Loos der äussern Erniedrigung anzunehmen und wie er dies auch Andern darlegte, sehen wir aus den Vertheidigungsschriften, die er in diesen Zeiten der Trübsal herausgab.

Schon am 28. Januar 1532, dem Karlstage, der zu Ehren Kaiser Karls des Großen von dem durch ihn geäufneten Stifte von Alters her in Zürich festlich begangen wurde, hielt er eine lateinische Rede vor den Geistlichen und Gelehrten „vom Amt eines Propheten“, die er nachher im Drucke ausgehen ließ. Nachdem er darin die Pflichten eines würdigen Dieners am Worte Gottes dargelegt, stellt er Zwingli als Muster eines charakterfesten, standhaften Propheten Gottes dar, gedenkt seiner brennenden Liebe zur Gerechigkeit und Billigkeit, seiner glühenden Vaterlandsliebe, seines gewaltigen Hasses gegen alles Schlechte, seiner Einfachheit, Biederkeit, Frömmigkeit, und zeigt, wie sein Tod in der Schlacht, in die nicht Kriegslust, sondern der Befehl der christlichen Obrigkeit ihn geführt habe, niemanden dürfe irre machen, indem die ihn tödteten, deren Heil er stets zu fördern trachtete. Er weist an biblischen und andern Beispielen nach, wie Viele der Trefflichsten, ein Jesajas, Jeremias, Zacharias, Stephanus eines gewaltsamen Todes starben, ja der Herr selbst äußerlich unterlag, wie der fromme Josias und die glaubensstarken Makkabäer auch Niederlagen erlitten, ohne daß ihr Glaube deshalb ein Gott mißfälliger oder die Sache, für die sie stritten, von ihm verlassen war. Auch seines kürzlich dahin geschiedenen Freundes Oekolampad gedenkt Bullinger in dieser Rede ehrenvoll. „Lasset uns also auf dieser Bahn fortfahren; laßt uns die Wahrheit Gottes aus allen Kräften verfechten und, wenn's sein soll, auch unser Leben dafür einsetzen.“ So schließt er.

Allein die dreisten Angriffe volksthümlicher Art, die in derbem Deutsch

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geschahen, verlangten andere Zurückweisung. Durch Heftigkeit und feindselige Entstellung der Wahrheit ausgezeichnet war eine gereimte Schrift, die 1532 in Luzern heraus kam, betitelt: „Der Tanngrotz, ein schöner Spruch von dem Krieg, der sich zwischen den fünf Orten und andern Orten der Eidgenossenschaft verlaufen.“ Der Verfasser war Johann Salat von Luzern, Barbier und Gerichtsschreiber. Er erzählte darin weitläufig den letzten Kappelerkrieg mit durchgängiger Verhöhnung der Zürcher, beschuldigte sie unter andern, daß sie die römisch-katholischen Bluthunde, Tanngrotzen (Tannzweige hatten sich diese zu ihrem Feldzeichen erkoren) u.s.w. gescholten, sie ihrer Rechte und Freiheiten wider geschworne Eide und Verträge haben berauben und zum neuen Glauben zwingen wollen, daß ihnen der ehrloseste Wüstling mehr gelte als wer auf die sieben Sakramente halte, u.s.w. mit dem Schlusse:

Hie Tannast! die von Zürich fliehen fast (sehr);

Es kann sie niemand erreiten noch ergeh'n.

Angefügt waren noch zwei kürzere Lieder, ein Loblied an Maria und die Dreifaltigkeit ebenfalls den Krieg betreffend, und ein besonderes Schmachlied auf Zwingli und die gefallenen Prädikanten.

Jn Bern fand man diese Schmachschrift so ehrverletzend, daß die Berner Regierung sich deshalb an die von Luzern wandte; doch erhielt sie den ausweichenden Bescheid, man wisse in Luzern nichts davon. Aufgemuntert von seinem innig vertrauten ältern Freunde Bertold Haller in Bern, verfaßte Bullinger eine „glimpfliche Verantwortung, daraus du auch den andern Theil verhören und die Wahrheit gründlich verstehen wirst.“ Er schrieb sie in Prosa, indem er von seiner poetischen Gabe, deren er sich nicht rühmen wollte, nur bescheidenen Gebrauch machte. Er leitet sie ein mit dem Verschen:

Tannast im Hut

Treibt Uebermuth.

Thut nimmer gut,

Es straf's denn d' Ruth'

Das unrecht Gut

Und elend Blut

Mit Schwert und Glut,

Was Gott g'wiß thut.

Sodann folgt der zweite Titel der Schrift: „Salz zum Salat“, mit der Anrede an den Leser:

Lieber Leser, lies mich,

„Salz zum Salat“ heiß ich,

Ermiß den Handel wohl;

Gott weiß, was folgen soll.

Der schießt gar weit vom Ziel,

Der sein' Ehr' stärken will

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Mit andrer Leute Schmach;

Der Unfall ist ihm nach (nah).

Drum rühm' dich nit zu viel:

Dein Hochmut hat ein Ziel.

Mit viel Reimens kann ich;

Gott ist gerecht! lug (sieh) für dich!

Einläßlich legt er die Ursachen und den Gang des Krieges dar, weist die schamlosen Unwahrheiten und Anschuldigungen Salat's zurück, und redet ihm in Betreff Zwingli's ernst ins Gewissen, indem er zu ihm sagt: „Du verfolgst mit schändlichen Worten den frommen Mann und treuen Diener Gottes Ulrich Zwingli, den du einen Bösewicht und Verführer der frommen Gemeinde nennst. Doch ist dein Schreiben nichts Anderes, als ein üppiges, neidisches, verbogenes Klatschwerk. Denn den Mann, der Frömmigkeit lehrt, Tugend pflanzt, die Laster und Lasterhaften straft und haßt, ehrbar und züchtig lebt, mag niemand billiger Weise einen Bösewicht schelten. Nun wissen und erkennen aber alle Frommen, denen Wahrheit und Recht gefällt, daß Zwingli ein solcher Mann war: drum ist deine Rede nichts Anderes, als ein ödes, ohnmächtiges Gewäsch. Unser Herr Jesus Christus ward auch ein Veführer des Volkes gescholten, Elias ein Aufrührer, Jeremias ein Verräther, und die Apostel selbst Gotteslästerer; sie waren's darum doch nicht. Denn der ist ein Verführer, der vom rechten, wahren Wege ab in Jrrthum führt. Wie nur Ein Gott und Ein wahrer Glaube ist, also ist auch nur Ein rechter Weg, welcher aus dem Worte Gottes, verfaßt im neuen und alten Testamente, erlernt wird. Weil nun Zwingli seine ganze Lehre auf das neue und alte Testament gegründet hat und sich allezeit erboten dem, der ihn daraus besser unterrichten möge, zu folgen, so war er auch kein Verführer; es wäre denn, daß die heilige, göttliche Schrift, womit er seine Lehre befestigt hat, verführe, was doch nicht möglich, auch nicht christlich zu denken ist. Mit was Glimpf kannst du ihn also einen Verführer nennen? - Zwingli lebt aber, gleichwie die Schrift von Abel sagt, obgleich er gestorben ist, und ist auch noch übrig in seinem Glauben und in seinen Schriften, die in aller Welt gelesen werden. Weiß doch jedermann, was er geschrieben, gelehrt, geglaubt und gepredigt hat. Darum schaffest du nichts mit deinem bittern, unruhigen und erdichteten Schreiben. - Hast du seine Bücher gelesen, so weißt du wohl, daß er keiner Frömmigkeit widerstrebt hat, und hast du sie nicht gelesen, so ist es eine öde Schalkheit an dir, daß du schelten darfst was du nicht kennst und verstehst.“ - Am Schlusse fügt Bullinger noch die Warnung bei:

Lieber Tannast!

Hüt dich fast (wohl).

Hat Gott Zürich also gethon (gethan),

Wird er auch Deiner nit verschon,

Zürich ist der Ehren ein Kron',

Die Gott ewiglich nit wird verlon (verlaßen).

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Das Glück wird g'wißlich wieder kon (kommen),

Daß jedem wird sein verdienter Lohn.

Denn Uebermuth

Thut nit gut.

Entsprechend den beiden kürzern Liedern Salat's sind auch hier noch zwei dichterische Beigaben, einerseits Psalm 44, ganz passend auf Zürich's damalige Lage, anderseits ein inniges, kernhaftes Lied, das sich ungeachtet seiner sprachlichen Härten, die indeß bei andern Liedern jener Zeit nicht geringer sind, wohl dazu eignet hier mitgetheilt zu werden, da es so völlig Bullingers damalige Stimmung und Auffassung uns ausdrückt, namentlich seinen Schmerz, seinen Ernst zur Buße, aber auch seinen Trost, sein mannhaftes Vertrauen, seine christliche Hoffnung. Es ist betitelt:

Aller Liebhaber evangelischer Wahrheit ernstlich Anrufen zu Gott

(nach der Melodie: Wiewohl ich bin ein alter Greis).

1. O heil'ger Gott, erbarm dich doch,

Da dein Volk leidet Zwang und Poch (Pochen);

Verzeih uns unsre Schulden,

Daß wir dein Wort so g'ring hand (haben) g'acht,

Und nit hin g'legt die stolze Pracht,

Daß wir dir möchten hulden (huldigen).

2. Deß hast uns g'straft, auch hingenan (hingenommen)

Huldreich Zwinglin, den theuern Mann;

Doch hast ihn g'nan in deine Hut,

Mit ihm viel biedre Ehrenlüt (Ehrenleute),

Die all den Tod entsaßen nit (nicht scheuten)

Und d' Wahrheit b'zeugt mit ihrem Blut.

3. Damit hast du d' Straf lassen gohn (ergehen),

Dein Haus zum Ersten wollen schlahn (schlagen),

Nach deinen alten Sitten.

Drum wär' es jetzt um uns gethun (geschehen),

Wo wir nit finden Gnad und Sun (Sühne)

Mit dringenlichem Bitten.

4. Drum rufen wir: O starker Gott,

Stell ab die große Schand' und Spott,

Die dein Wort jetzt muß leiden!

Sonst muß dein' heil'ge G'rechtigkeit

Die öde Schmach und Ueppigkeit

Mit scharfem Schwert zerschneiden.

5. Herr, gib den Deinen G'duld und B'stand,

Erheb dein' heil'ge starke Hand,

Sei unser Gott in Treuen.

Dem Bösen weich (erweiche) sein steinern Herz,

Nimm von uns alle Rach' und Schmerz,

Thu unser Herz erneuen.

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6. Daß wir dich, wahren ein'gen Gott,

Jetzt und in aller unsrer Noth

Dich recht und wahr erkennen,

Und Jesum, deinen liebsten Sohn,

Den ein'gen ew'gen Gnadenthron,

Allein im Geist verehren.

Dieser „glimpflichen Verantwortung“ setzte Bullinger übrigens seinen Namen nicht bei und gab sie auch nicht in Druck [15].

28. Bullingers Zurechtweisung Fabers.

Es zeigten sich aber noch andere bedeutendere Gegner, die das erniedrigte Zürich durch ihre schriftlichen Angriffe gänzlich zu entwürdigen, die Freunde des Evangeliums im Auslande einzuschüchtern, den Muth seiner Gegner zu beleben trachteten. Diesen gegenüber mußte ebenfalls die Wahrheit geschirmt werden. Unter ihnen ragt besonders hervor der schlaue Faber, einst Zwingli's Studiengenosse, dann sein gewandtester Widersacher, der vom Generalvikar des Bischofs von Konstanz zur Würde eines geistlichen Rathes bei Ferdinand von Oesterreich empor gestiegen und neulich Bischof von Wien geworden. Gleich nach dem Kriege ließ er ein Schriftchen voll Gift und Galle ausgehen, „Trostbüchlein“ betitelt, worin er die Evangelischen der Lüge bezüchtigte, selbst aber die Verluste der Zürcher, die in der Schlacht bei Kappel 512, beim Treffen am Gubel um 800 Mann betrugen, um mehr als das Zehnfache vergrößerte, von dem wunderthätigen Marienbilde zu Einsiedeln fabelte, wie es zweimal sich verloren habe, um die Feinde zu schrecken, den Sieg als den augenfälligsten Beweis für die Wahrheit der päbstlichen Lehre bezeichnete, die Niederlage der Evangelischen aber unter mancherlei Verhöhnung besonders ihrer Verachtung des Gotteswortes, des Sakramentes, des Betens, Fastens, ihrem „Kirchenraube“, kurz ihrer „Ketzerei“ beimaß. - Bullinger schrieb dagegen seine „tröstliche Verantwortung an alle die evangelische Wahrheit lieb habenden Menschen.“ Mit weiser Mäßigung widerlegte er in gelassenem Tone Faber's fabelhafte und unwahre Berichte, sowie die gleichzeitig im Druck erschienene „Merkliche und wahrhafte Beschreibung von den Schweizern usw.“, ausgegangen von den Pfaffen in Mainz, woselbst beim Berichte von der Schlacht bei Kappel ein Freudengeläute erklungen war. Diese erzählten von vier Schlachten, von denen zwei ganz erdichtet waren, ließen in einer derselben fünftausend Zürcher umkommen, in der andern von den Bernern, die während des ganzen Krieges nie zum Gefechte kamen, siebenhundert

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erschlagen und fünfhundert in der Reuß ertränkt werden. Um so nöthiger war die Widerlegung solcher Entstellungen, da diese und ähnliche Schriften im Auslande Glauben und Beifall fanden, wie denn bekanntlich Luther sogar noch 1544 angab, fünftausend Mann seien mit Zwingli gefallen.

Weit wichtiger war Bullingern, wie er in seiner „tröstlichen Verantwortung“ selbst bezeugt, die Beschirmung der göttlichen Wahrheit und der ächten christlichen Kirche wider ungerechte Anfeindung. Schlagend zeigt er: Nicht wir verfälschen die Schrift, wie Faber uns Schuld gibt, sondern die mißbrauchen sie, welche sie zur Beschirmung päbstlicher Anmaßungen, der Kelchentziehung u. dgl. gebrauchen. Nicht wir mißachten die alten Kirchenväter, die selbst uns von sich hinweg zur Schrift weisen als zur ächten Richtschnur, sondern die, welche diesem ihrem Winke nicht folgen. Ein großes Geschrei erhebt Faber: Gott werde doch nicht während fünfzehnhundert Jahren seine Kirche verlassen haben. Ja fürwahr, viel fromme Christen gab es, schon ehe die päbstlichen Zusätze, um welche jetzt der Streit ist, dazu kamen; sie wurden gewiß selig, ja um so viel eher, je mehr sie bei dem uralten christlichen Glauben beharrten. Denn nicht unser evangelischer Glaube ist ein neuer Glaube, wie sehr auch die römische Kirche auf das hohe Alter ihrer Satzungen poche, vielmehr sind eben diese ihre Zuthaten Neuerungen, die erst im Laufe der Zeiten, vornehmlich durch Unkenntniß, Geltung erlangten; wir aber bleiben bei der uralten apostolischen Wahrheit. Nicht wir üben Gewaltthat gegen die, so unserm Glauben nicht anhangen, wie Faber unwahr redet; sondern ihr, die ihr schuldlose, fromme Menschen jämmerlich foltert, martert und umbringt, so sie der Wahrheit hold sind. Wir nicht; denn der Glaube ist eine freie Gabe Gottes, die von den Menschen weder gegeben, noch genommen wird, und sich gar nicht zwingen läßt; denn das Herz stehet in der Hand Gottes; darum mag der Glaube weder geboten, noch verboten werden. Wohl aber hat bei uns eine christliche Obrigkeit Verordnungen erlassen gemäß dem Worte Gottes wider alle öffentlichen Laster. Dies aber ist allen Feinden des Evangeliums eine besondere Beschwerde; dies möchten sie wieder zu nichte machen.

Betreffend das Sakrament des heiligen Abendmals halten wir uns dabei allein an Gottes Ordnung und Wahrheit. Uns ist es nicht ein Bäckerbrot (wie Faber redet) oder sonst gemeines Brot; wir nennen vielmehr das Brot der Danksagung den Leib Christi, desgleichen den Wein sein Blut und anerkennen freilich ein Mysterium (etwas Geheimnißvolles); es ist uns ein ehrwürdiges, heiliges, sakramentliches Brot, darinnen Christus zugegen ist, nämlich sakramentlich, geistlich, in Anschauung des Glaubens sintemal er sonst leiblich sitzt zur rechten Hand Gottes. Gleichwie aber die Sonne am Himmel steht und doch mit ihrem Glanze zu uns herab reicht, also sitzt auch Christus zu der Rechten

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Gottes und wirket doch in aller Gläubigen Herzen. Nicht wir also verachten das Sakrament, sondern die, welche dem Herrn Jesu seine Ordnung ändern und brechen, sich mehr auf Menschen, als auf Gottes Einsetzung gründen und ein schmähliches Gewerbe zu ihrer Bereicherung daraus gemacht haben.

Eben so falsch ist Fabers Vorwurf, als ob wir uns des Kirchenraubes schuldig gemacht. Versteht er da unter Kirche die Gemeinde der gläubigen lebendigen Menschen? oder meint er die stummen und todten Bildsäulen? Gott will nicht, daß wir Stein oder Holz kleiden, und zieren sollen; sondern daß wir das Kirchengut zum Besten der Gemeinde gebrauchen. Daher hat ein ehrsamer Rath schon 1523 erkannt, daß es zur Unterhaltung der nothwendigen Kirchendienste, der Studien und Armen treulich solle verwandt werden, und diese Verordnung kürzlich aufs neue bekräftigt.

Was aber Fabers Behauptung betrifft, unsere Sieglosigkeit habe unsern Glauben thatsächlich der Falschheit überführt, so kann nichts Fälscheres erdacht werden. Denn es läßt sich klar zeigen, daß der augenfällige Sieg einen wohlbegründeten Glauben weder falsch noch gerecht mache. Wenn schon die Jsraeliten lange Jahre von den Aegyptern überwältigt waren, oft von heidnischen Völkern geschlagen und unterdrückt wurden, so hatten ja doch sie, die Ueberwundenen, den wahren Gott und den rechten Glauben, die Sieger aber einen falschen. Eben so wurden ja von den römischen Kaisern in den ersten drei Jahrhunderten der Christenheit so viele fromme Christen unterdrückt und getödtet, ohne daß darum der Glaube der Letztern falsch war; auch mußten den heidnischen Hunnen, Gothen, Vandalen usw. die Christenvölker unterliegen. Und seit 620 sind nun die Bekenner Mohammed's siegreich immer weiter vorgedrungen und überwältigen jetzt wieder aufs neue die Christenvölker. Jst darum der türkische Glaube recht und der christliche falsch? Vielmehr ist Fabers Vorgeben, daß unser Glaube, weil wir nicht siegten, nicht der rechte sei, ganz verfehlt, nur auf Sand gebaut. Ja, es gibt eine einige ewige Wahrheit, die Christus selbst ist. Dieselbe Wahrheit wird unzweifelhaft siegen; das ist auch unser Trost und unsere Hoffnung. Denn Himmel und Erde vergeht, aber Gottes Wort bleibet in Ewigkeit. Da nun unser Glaube sich in Wahrheit darauf gründet, so wird ihn keine Niederlage noch irgend ein anderer Unfall falsch machen oder entwegen, sondern er wird in Ewigkeit - wiewohl unterm Kreuze - siegen und bestehen. Der Sieg der Wahrheit steht aber allein in Gottes Kraft und Willen und ist nicht an Zeit und Ort gebunden. Nicht also sieget die Wahrheit, daß sie nicht gedrängt würde, sondern in der Drangsal findet sie ihre Bewährung. Da ist uns aber Glaube, Geduld, Langmuth und tapfere Beständigkeit nöthig. Der Sieg folgt auch zu seiner Zeit.

Sonach ist also genugsam erwiesen, daß unsere Lehre nicht neu, sektisch oder ketzerisch sei; nicht um unserer Lehre und unseres Glaubens

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willen ist der Sieg hier in der Eidgenossenschaft verloren worden; denn unser Glaube an sich selbst ist recht und gut; daran liegt der Mangel nicht. Wir hingegen sind arme, ungehorsame, sündige Menschen, daß wir deswegen nicht weiter fragen dürfen, warum uns Gott heimgesucht habe; es ist genug Schuld und Ursache bei uns. Wäre auch gleich keine hauptsächliche Schuld auf unserer Seite, so hat eben doch der gütige Gott und Vater lange Zeit unser Zürich als eine besondere Zierde und einen Spiegel seiner Gnade und Ehre hingestellt; da wir nun dafür nicht erkenntlich gewesen, sondern dies mißbraucht haben, so ist's kein Wunder, daß wir jetzt in Kummer, Jammer und Schmach trauern. Nichts desto weniger lasset euch, geliebte Brüder in Deutschland, unsere Sieglosigkeit nicht zum Aergerniß werden, noch euch unsers Unfalls wegen von der erkannten Wahrheit abtreiben; sondern beharret in Gottes Wort und gedenket, daß wir durch viel Trübsal müssen ins Reich Gottes eingehen. Wir wollen unsern Unfall für eine väterliche Heimsuchung erkennen und weiter in Hoffnung seiner Gnade leben. Rufet für uns zu Gott, daß wir bis an unser Ende - wie wir denn mit Gottes Gnade dazu entschlossen sind - in der bekannten Wahrheit beharren. -

Dies ist die muthvolle und demüthige Sprache der Besiegten aus Bullingers Munde. So fand er sich unter dem Lichte der Wahrheit in aufrichtiger Selbsterkenntniß und festem Glauben an die dennoch unerschütterliche göttliche Wahrheit alsbald zurecht in Bezug auf das Unbegreifliche, was Gott zugelassen hatte, und war im Stande auch Andere zu stärken, denen im Rathe Gottes vorbehalten war, erst nach anderthalb Jahren Aehnliches erfahren zu müssen.

29. Das Unheil des Friedens.

Doch nicht nur die erlittene Niederlage war etwas Unbegreifliches, worüber die Feinde triumphiren, woran die Freunde des Evangeliums Anstoß nehmen konnten, sondern noch viel unbegreiflicher war der unendlich nachtheilige Friede, der gar nicht der Gesammtlage der Dinge, wie sie nach den Niederlagen stand, entsprach, den man vielmehr wider alle alte Gewohnheit nur eben im Augenblicke des Schreckens und der Bestürzung mit aller Hast abgeschlossen hatte. Eben diese Hast war es, worauf die Ungetreuen im eigenen Lager so sehr gedrungen hatten, und dadurch war ihnen so Unglaubliches gelungen. Durch diesen eilfertigen Friedensschluß hatte ja Zürich den päbstlichen Glauben als den alten, ächten und ungezweifelten anerkannt, so viele treue Anhänger des Evangeliums Preis gegeben und sich zu so schweren Entschädigungen verpflichtet. Jetzt erst erkannte man das ganze Unheil dieses Friedens, da nun die Gegner ihn allmälig nach allen Seiten hin ausbeuteten und man anfing all die Folgerungen zu überschauen, die sich mit mehr oder

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weniger Berechtigung daraus ziehen ließen. Da mußte man nun zum Schaden und Spott der Feinde noch die schlimmsten Vorwürfe von befreundeter Seite hören, wie z.B.: „Jhr seid ja an Gott und am Glauben, an eueren Bünden und an euern eigenen Leuten zu Verräthern geworden!“ Bullinger nahm willig und gelassen selbst solche schwere Anklagen hin, die ihn persönlich freilich nicht trafen; wurde aber nicht müde, den Freunden in der Ferne de nnöthigen Aufschluß zu geben, um ihr geschwächtes Zutrauen wieder aufzufrischen zu der zwar gedemüthigten, aber dennoch aufrichtigen und standhaften Gemeinde des Gläubigen in seiner Umgebung. So schrieb er zu Anfang des Jahres 1532 an Butzer nach Straßburg, das zu jener Zeit in so nahen Verbindungen mit Zürich stand: „Allerdings sind wir leider Verräther geworden, doch durch fremde Schuld, wiewohl auch auf uns die Schuld liegt, daß wir niht lieber uns die Köpfe abschlagen ließen, als in ein solches Verbrechen einzuwilligen Jndeß wurden die Friedensartikel anfangs von den Befehlshabern und Standeshäuptern, unsern und den gegnerischen so entworfen, daß sie eidlich sich zum Stillschweigen verpflichteten und alsbald die Besiegelung erfolgte, ohne daß das Kriegsheer (welches beim Panner versammelt das Recht der entscheidenden Bürgerversammlung auszuüben hatte) jemals eigentlich erfuhr, wie der Friede laute. Der Grund davon war, daß unsre Anführer und Machthaber, die darin handelten, sämmtlich außer zweien oder dreien dem Reformationswerke feindlich oder Leute von zweideutiger Gesinnung waren. Darum betrieben sie Alles geheim und gottlos; den Uebrigen aber, denen Gottes Sache wirklich am Herzen lag und die etwas von ihren Tücken merkten, war all ihr Einfluß entzogen. Denn immer, wenn sie etwas herzhaft vorbrachten, bekamen sie zu hören: Jst noch nicht genug Bürger- und Christenblut vergossen worden? Sollten wir, da Alles wider uns ist, zu unserem eigenen größten Schaden den Krieg fortführen, ohne Aussicht auf Sieg, und unterdessen unsere Häuser und Felder verwüsten lassen usw. Das Volk aber stand da bestürzt und verwirrt, beraubt seiner erfahrenen frommen und redlich gesinnten Führer, des Krieges völlig überdrüssig und nach Frieden, gleichviel welchem, begierig. So konnten durch kluge Benutzung dieser Stimmung die Ränkemacher ohne viel Schwierigkeit ihre Anschläge vollführen. Daraus ist uns dieser herrliche Friede erwachsen, durch den wir an Gott und Menschen zu Verräthern geworden sind, was jetzt erst der größte Theil des Volkes zu spüren und vergebens zu beklagen anfängt. Doch ist auch das schon etwas werth, ein begangenes Verbrechen einzugestehen und zu verwünschen. Betet doch zu Gott für uns, daß er sich unser erbarmen möge.“

So konnte Bullinger das Geschehene wohl erklären, den unseligen Friedensschluß den entfernten Freunden einiger Maßen begreiflich machen, ihr wankendes Zutrauen wieder zu gewinnen suchen, aber die Sache selbst ließ sich nicht ungeschehen machen. Vielmehr mußten die Zürcher und

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Bullinger mit ihnen die ganze Fülle von Erniedrigungen kosten, die man durch das Friedensinstrument verschuldet hatte. Nicht nur Zürich's Macht und Ansehen als eidgenössisches Bundesglied hatte dadurch einen derben Stoß erlitten, und nicht bloß auf die gemeinen Herrschaften, von denen bereits gesprochen worden, erstreckten sich in Hinsicht des Glaubens die verheerenden Folgen, nicht nur wurden da die Saaten des aufblühenden Evangeliums niedergetreten; vielmehr zogen sich die Gewitterwolken über Zürich selbst immer düsterer zusammen. Auch für Zürich ließ sich beinahe das Schlimmste besorgen.

Gewaltig hoch erhob die dem Reformationswerke abgeneigte Partei ihr Haupt. Von den Hauptstützen der Reform waren nämlich, wie oben bemerkt, sieben Mitglieder des kleinen und viele des großen Rathes im Kriege gefallen, einige andere wurden hernach ausgestoßen, als solche, die zu laut nach Krieg geschrien hätten. An ihre Stelle traten nun Männer von gegnerischer oder etwas zweifelhafter Gesinnung, Der Konstaffel, dem Sitze des Adels, wurden ihre verlorenen Rechte wieder eingeräumt, und andere derartige Veränderungen zugelassen; angesehen Katholiken, sowie die zuchtlosen Mönche von Rüti, ergrimmte Gegner der kirchlichen Erneuerung, fanden bei ihren Besuchen auf diesem Gesellschaftshause die freundlichste Aufnahme; seinen Sohn ließ ihr Stubenwirth ins neu eröffnete Kloster Wettingen aufnehmen; ungescheut sprach man dort Wünsche aus nach Herstellung der früheren Zustände. Die fremden Pensionen, die man einst genossen, die fröhlichen, ruhmreichen Kriegszüge, deren man gerne gedachte, das ganze bequeme üppige Leben, an das man sich so sehr gewöhnt hatte, waren für gar Viele nicht nur vom Adel, sondern auch in der Bürgerschaft die Fleischtöpfe Aegyptens, nach denen sie sich zurück sehnten. Wie Manche fühlten sich hinwieder beengt durch die ernsten Satzungen, die gemäß dem lauteren Worte Gottes gegenüber jeder Unsittlichkeit erlassen worden, und gekränkt durch die Strafen, die sie wegen Spielens, Trinkens und allerlei anderer Uebertretungen erlitten hatten. Bereits erlaubte man sich wieder Manches aufs neue; die kaum begründete evangelische Zucht und Sitte schien wieder zu wanken. Zudem kam der Wunsch nach aufrichtiger Befreundung mit den benachbarten Eidgenossen, die nun einmal den getroffenen Umgestaltungen entschieden abhold waren. An steten Ermunterungen von dorther, ja auch von Seiten Auswärtiger, bald mehr verhüllten, bald offenkundigen fehlte es dieser weitverzweigten Partei keineswegs. Selst am päbstlichen Hofe hatte man wieder Hoffnung geschöpft, daß mit Zürich etwas anzufangen sei. Daher bat sich der früher in Zürich einflußreiche päbstliche Legat Ennio Philonardo, Bischof von Veroli, in einem schmeichelhaften Schreiben die Erlaubniß aus, wieder in Zürich seinen Aufenthalt nehmen zu dürfen mit dem Anerbieten, die Sölde auszubezahlen, die von dem 1521 durch die Zürcher zum Schutze des Kirchenstaates unternommenen Zuge noch ausstanden. Wirklich ging die Regierung insoweit auf dies lockende Anerbieten ein,

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daß sie den Seckelmeister Berger, den Führer bei jenem Zuge, nach Luzern sandte, um dort mit dem Legaten zu unterhandeln. Auf Ostern ging sogar ein Mitglied des großen Rathes, Peter Füßli, der bei Kappel Zürich's schweres Geschütz befehligt hatte, im Stillen aber dem alten Glauben anhing, bestehenden Verordnungen zuwider nach Einsiedeln und empfing das Sakrament ganz nach päbstlicher Weise, ungeachtet des großen Anstoßes, den er dadurch seinen Mitbürgern gab. Jmmer lauter und dreister wurde die Behauptung der päbstlich Gesinnten in und außer Zürich, nächstens werde Zürich die Messe wieder zulassen, was den Schein von Billigkeit haben konnte, damals aber unvermeidlich zur Spaltung des Zürcherischen Gemeinwesens oder vielmehr zur völligen Zerrüttung geführt hätte. Bald hieß es, dies sei schon bewilligt, das Versprechen sei den Papisten bereits gegeben; in einem Keller sei in Zürich insgeheim Messe gelesen worden. Ja durch die ganze Eidgenossenschaft verbreitete sich das Gerücht, Zürich wolle vom evangelischen Glauben wieder abfallen. Von Basel schrieb Myconius, von Bern Bertold Haller, und namentlich der feurige Megander, ein geborner Zürcher, an Bullinger und an Leo Judä Briefe voll Wehklagen und Bedauern und zugleich voll Tadel und Unwillen gegen die Schwäche und strafbare Gleichgültigkeit der Regierung, die das Alles zulasse, ohne ein Wort zu sagen und ohne gegen die Feinde im Jnnern, die Papisten in ihrer eigenen Mitte ihrer Pflicht gemäß mit Ernst einzuschreiten. Die bernische Regierung richtete am 22. März 1532 von Staates wegen die Anfrage an die Zürcherische, ob in Zürich die Messe zugelassen worden. Megander schrieb geradezu auch an den zürcherischen Rath: „es wäre doch eine große Schmach, wenn die abgöttische Messe wieder zugelassen würde; alle Laster des Pabstthums, auch Pensionen usw., möchten die wieder zurück führen, die die Messe begehren.“

Man fühlte, daß ein entscheidender Schritt geschehen müsse zur Behauptung des Evangeliums, wofern es nicht doch noch den Umtrieben der Gegner erliegen solle. Niemand empfand dies tiefer, als gerade die Zeugen der evangelischen Wahrheit, Bullinger und Leo Judä. Darüber aber, was für ein Schritt jetzt zu thun sei, gingen sie anfangs ein wenig aus einander. Dies führte unter ihnen eine Verhandlung herbei, die zu interessant ist, als daß sie gänzlich übergangen werden dürfte, die auch über Manches in Bullinger's fernerem Verhalten Licht gibt. Wir suchen sie daher hier wenigstens in den Umrissen zu zeichnen.

 

30. Die Kirchenzucht im christlichen Staate.

Leo Judä hielt für den richtigen Schritt, der nunmehr nothwendig geschehen müsse, die Aufstellung einer neuen Behörde, einer von der Gemeinde gewählten, mithin rein kirchlichen Sittenbehörde, die das sittliche und kirchliche Verhalten der Einzelnen genau zu überwachen, auf pünktlicher

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Beobachtung der von der Obrigkeit früher schon (1528 und 1531) erlassenen Gesetze betreffend Besuch des evangelischen Gottesdienstes und Verbot der Schmähungen wider das Wort Gottes, des Messehaltens und Besuchs der Messe und anderer dem Evangelium zuwider laufenden Gebräuche, sowie betreffend offenkundige Unsittlichkeit zu halten und Macht habe, die Betreffenden vor sich zu bescheiden, sie zu ermahnen, stufenweise nach Maßgabe des göttlichen Wortes, und die hartnäckig Fehlbaren von der Kirchengemeinschaft, auch vom Abendmale auszuschließen.

Schon zu Zwingli's Zeit hatten die Geistlichen der evangelischen Kantone hierüber unter sich öfter verhandelt: die Wiedertäufer namentlich gaben dazu Veranlassung, da sie an der Kirche insbesondere auch das tadelten, daß keine Kirchenzucht sei; von Oekolampad war Aehnliches verlangt, von Zwingli aber gemäß seiner Idee vom christlichen Staate damit abgelehnt worden, daß es der christlichen, vom Worte Gottes geleiteten Obrigkeit zustehe und ihre Pflicht sei, die nöthigen Verordnungen, betreffend christliche Zucht und Ordnung zu erlassen und zu handhaben, auch die Uebertreter gebührend zu strafen, und daß die Aufstellung und das Eingreifen einer besondern kirchlichen Behörde nur zu Conflicten führen und daher dem Gemeinwohl eher hinderlich als förderlich sein würde. Jn ähnlicher Weise hatte sich Bullinger schon im Sommer 1531 auf Bertold Haller's Anfrage brieflich ausgesprochen.

Leo glaubte nun, die jetzige Zerrüttung sei der beste Beweis dafür, daß das bisherige Verfahren nicht das rechte gewesen sei, mit großem Schaden habe man diesen Fehler entgelten müssen. Er wollte mit ganzer Entschiedenheit (wie sechs Jahre später Calvin in dem verdorbenen Genf) und doch in rein evangelischem Sinne durchgreifen zur inneren Sichtung und Aufraffung des verworrenen und gesunkenen Zürich. Es drängte ihn im März 1532, als nun das Osterfest nahte, an welchem er das heilige Abendmal austheilen sollte, seine Gedanken darüber Bullingern schriftlich mitzutheilen. Er geht davon aus, Staat und Kirche seien doch ganz verschiedene Dinge und fallen nie zusammen, wiewohl beide von Gott sind. Die Ausschließung der falschen Christen oder Unchristen von der Kirchengemeinschaft kommt aber der Kirche zu, nicht der Staatsgewalt. Da sitzen ja z.B. gerade jetzt in Zürich zügellose Feinde des Gotteswortes im Rathe, offenkundig papistisch Gesinnte, die sagen, sie glauben nicht ans Evangelium, und unsere Lehre eine Teufelslehre nennen. Solche sollten gar nicht zu stimmen haben in unseren kirchlichen Angelegenheiten, sondern eben sie sollten nach zwei- bis dreimaliger Warnung von der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen werden, bis sie Besserung versprechen. Man müßte sie darum nicht aus der Stadt verweisen oder vom Rath und von der Zunft ausschließen; denn es kann ja jemand Bürger sein oder auch Rathsherr, der nicht in der Kirche Christi ist. Zudem ist die Ausschließung von der Kirchgemeinschaft (Excommunication) ein zu mildes

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Zuchtmittel, als daß es dem Staate geziemen würde, der das Schwert führt; auch sind die Vergehen, um die es sich da handelt, nicht so groß, daß einer sollte in Gefahr der Todesstrafe kommen. Du sagst wohl: die Rathsherren haben größere Autorität, als eine bloße Kirchenehörde. Ja; aber auch größere Laster. Ferner meinst du, wenn ein Rathsglied nichts tauge, so könne man ihn ja absetzen und einen Bessern an seine Stelle wählen. Allein täglich sehen wir, daß vielmehr die Schlechteren die Besseren absetzen. Bei Kirchenältesten wäre das anders; wohl könnten auch fromme Rathsherrn, wofern sie bewährte christliche Männer sind, Kirchenälteste werden, aber sie hätten dann nur als solche, nicht als Staatsbehörde, die Kirchenzucht zu handhaben. darüber, ob die Excommunication durchaus mit der Ausschließung vom Abendmal soll in Verbindung stehen, will ich nicht streiten; aber wer noch nicht oder nicht mehr zur Kirche gehört, kann auch nicht zum Abendmale kommen. Die Ausgeschlossenen müßte man übrigens durch Freundlichkeit, Ernst, Beispiel, Belehrung und Ermahnung wieder zu gewinnen suchen. An den Früchten aber als bestimmten Kennzeichen muß der reuig Gewordene sich der Kirche, als ein solcher, zu erkennen geben. Jch will indeß nicht ein Mönchsthum oder ein Pharisäerthum aus der Kirche machen, wie die Wiedertäufer, die mir durchaus zuwider sind; aber ich will nicht Ungeziefer in der Kirche dulden. Sieh, meine Meinung entspricht genau der Schrift und der ursprünglichen kirchlichen Ordnung. Jch kann und mag nicht wider mein Gewissen reden oder schweigen. Spricht jemand, das heiße die Kirche verwirren und spalten, so sage ich: der thut das, der nicht der erkannten Wahrheit folgt. Erwäge nun Alles! Was auch deine endliche Ansicht sei, ich werde nichts gegen dich unternehmen. Kann ich nicht mehr mit gutem Gewissen der Kirche dienen, so werde ich sonst meinen Unterhalt ehrlich zu erwerben suchen. Mein Glaube wird nicht trügen, müßte ich auch unter den Türken wohnen. Aber den Gottlosen und Unwürdigen das Abendmal zu reichen, fällt mir gar schwer. Gott erbarme sich unser. Lies beiliegendes Schriftchen der mährischen Brüder; das wird dir Licht geben.

Bullinger anerkannte ganz Leo's heiligen Ernst; er war völlig damit einverstanden, daß Alles darauf ankomme, das Evangelium in seinem ungeschmälerten Bestande zu behaupten, die obrigkeitlichen Verordnungen aufrecht zu erhalten, eine ernste christliche Zucht zu handhaben gegenüber Hohen und Niederen, alles dem Evangelium zuwider Laufende nicht zu dulden, sondern zu rügen und zu strafen. Aber er ging bei seiner ganzen Auffassung mehr auf die gegebenen Verhältnisse ein. Er erkannte auch die ungemeine Schwierigkeit einer allgemeinen und bleibenden Lösung der vorliegenden Frage, und begnügte sich daher mit einer einstweiligen, indem er die bisherige Praxis als eine dem Evangelium ebenfalls entsprechende vertheidigte und dagegen das Gewagte eines Versuches nach Leo's Vorschlage hervorhob. Dabei stützte er sich vornämlich darauf, er könne doch nicht unbedingt zugeben, daß Staat

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und Kirche so ganz verschiedene Dinge seien. Jm christlichen Staate einigen sie sich; die Gesammtheit christlicher Bürger bildet da sowohl den Staat als die Kirche. Ferner ist ein Staatsmann ja auch ein Diener Gottes; daher kann ein Christ auch Staatsmann sein, ja niemand besser als der Christ. Welche Regierung wird eher nach Paulus Gottes Dienerin sein, als eben die christliche! Der Schrift zufolge soll man gottesfürchtige Männer zu Rathsherrn wählen; solchen kann man dann wohl auch die kirchliche Zucht (Excommunication) anvertrauen, die ja nicht eine innerliche, sondern eine äußerliche Züchtigung ist wegen gegebenen Aergernisses zur Wahrung der öffentlichen Sittlichkeit. Jch behaupte nicht, daß sie durchaus und überall der Obrigkeit übertragen werden müsse. Jch bin, wie du wohl weißt, ganz deiner Meinung, daß dieses Recht ursprünglich der Kirche zustehe, sowie du hinwiderum - im Gegensatze zu den Wiedertäufern, welche den ganzen Haufen, den sie Kirche nennen, darin wollen handeln lassen - damit einverstanden bist, daß die Kirche nicht als Gesammtheit diese Gewalt ausüben könne, sondern sie an irgend jemand übertragen müsse, sei es nun einer Anzahl von besonders dazu erwählten Männern (Aeltesten) oder der Obrigkeit. Bei uns nun ist, wie Zwingli an einer Stelle ausdrücklich sagt, unter seiner und deiner und der ganzen Kirche Zustimmung dies Geschäft dem Rathe der Zweihundert übertragen worden. Freilich sagst du, es seien Gottlose darunter, aber dies war ja auch damals der Fall, ja noch mehr als jetzt; hinwieder würde man auch bei besonderer Wahl nicht bloß Würdige finden, sondern eben auch nur unvollkommene Menschen, wie Zwingli den Wiedertäufern gegenüber treffend bemerkte. Dennoch könnte ich mich ganz wohl dazu verstehen, besonders erwählten Männern diese Sache zu übertragen, wofern dadurch in unserer Stadt Gottes Ehre besser befördert und den Gottlosen mehr Widerstand könnte gethan werden. Was könnten wir aber in diesen stürmischen Zeiten damit ausrichten? wer würde sich vor Solchen scheuen? Würden sie einen der Mächtigen excommuniciren, so würde er sich widersetzen und wir hätten einen Riß in der Kirche. Während wir jetzt völlige Freiheit der Predigt haben, so brächte man's dahin, daß uns auch dies entzogen würde. Jetzt hingegen ist bei uns, als in einem christlichen Staate, durch die bürgerlichen Gesetze den Lastern wenigstens ein Damm entgegen gestellt. Mögen auch bisweilen die Bessern von den Schlechten überstimmt werden, so stehen doch auch diese unter den Gesetzen, machen sich, falls sie dagegen sich verfehlen, einer Gesetzesverletzung schuldig und können als solche dafür belangt, oder auch öffentlich von den Kanzeln durch die Prediger als solche bezeichnet werden. Besser ist's also, wir predigen kräftig, rügen als Propheten mit durchdringendem Ernste die Laster und drängen dadurch wirklich den Rath dazu, daß er seiner Pflicht eingedenk werde. Was das heilige Abendmal betrifft, so wollen wir vorher die Gemeindeglieder eindringlich mahnen zur Selbstbewährung (alle zwölf Apostel waren ja auch unwürdig, wie sich gleich

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nachher zeigte). Jch liebe und ehre dich; als Bruder und Mitarbeiter möchte ich nicht, daß wir in unzeitigem Eifer darüber stritten. Wir werden auch die Welt nicht anders können machen, denn wie sie von Anfang gewesen ist. Die Meinung der mährischen Brüder mißfällt mir nicht; aber könnten wir durch Einführung ihrer Einrichtung in der zürcherischen Kirche die Ehre Gottes mehr befördern und den Lastern besser widerstehen, als bei unserm bisherigen Verfahren? Alles muß ja von uns geschehen zur Erbauung nicht zur Verwirrung der Kirche, damit man nicht etwa einen Teller aufhebe und dabei drei Schüsseln umwerfe.

Leo antwortete hierauf noch einmal schriftlich, beharrte namentlich dabei, daß die Natur und Aufgabe des Staates doch wesentlich verschieden sei und bleiben müsse von der der Kirche, wandte ferner ein, für jene Uebertragung der kirchlichen Gewalt an die Obrigkeit dürfe man sich weder auf Zwingli berufen, noch auf ihn selbst, noch sonst auf irgend jemanden; denn dies hätte eben nicht geschehen sollen stillschweigend ohne Zustimmung der ganzen Kirche. Denn nicht auf die Autorität irgend eines Menschen, sondern auf die Schrift haben wir uns zu stützen. Daß die Kirche etwas sei, das man sich nur vorstellen könne (wie Plato's Republik), aber nicht sehen, glaube ich nicht. Jch glaube, die Apostel hatten eine wahre Kirche. Jch verlange keine Kirche, in der keine Sünder seien, aber lauter reuige, eine solche, in der kein offenbarer Feind Christi geduldet werde. Absolute Vollkommenheit fordert niemand, aber stets Streben nach dem Vollkommenen. Daher sollte man - fügt er, eine sprüchwörtliche Aeußerung, die Bullingern beiläufig entschlüpft war, nach Gebühr züchtigend, bei - nicht so verderbliche Reden führen: „Wir werden die Welt nicht anders machen, denn wie sie von Anfang gewesen ist.“ Warum denn predigen wir? Gott hat uns aus der Finsterniß zum Lichte berufen; das Christenthum ist eine Erneuerung der Welt, der Christ eine neue Kreatur. Ja, gerade daran haben wir aufs eifrigste zu arbeiten, daß die Welt anders werde. O, laß uns doch trachten, daß die Kirche immer Christi würdiger und vollkommener werde.

Eine schriftliche Antwort Bullingers auf dies zweite Schreiben Leos liegt nicht vor; die Sache fand mündlich ihre friedliche Erledigung und zwar ganz in Bullingers Sinne. Es muß dahin gekommen sein, daß Leo Judä, welcher nicht der Mann war, der wider sein Gewissen geschwiegen hätte, sich von der Unzweckmäßigkeit oder Unausführbarkeit seines Vorschlages und von der praktischen Vorzüglichkeit von Bullingers Auffassung überzeugte und auf seine Weise, das Evangelium zur Geltung zu bringen, einging.

Vielleicht scheint es, wir hätten uns bei diesen Briefen schon fast zu lange aufgehalten. Doch sind noch zwei Gründe zu bemerken, weßhalb sie von besonderem Werthe sind. Einerseits spiegelt sich uns darin der Charakter der beiden verbrüderten Männer merkwürdig klar ab, das edle krystallhelle Herz des feurigen Leo, seine heilige Begeisterung, seine innige und völlige

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Hingebung für die Sache des Herrn, wornach er bereit ist lieber sein Amt aufzugeben, als in der wirrevollen Zeit sich ein gewisses Stillschweigen aufzulegen, und von Seiten Bullingers ungeachtet aller Offenheit und Entschiedenheit die männliche Ruhe, die Gelassenheit und zarte, gewinnende Freundlichkeit, mit der er dem zwei und zwanzig Jahre ältern Mitbruder begegnet, so daß er die Differenz, wiewohl Leo sie anfangs so sehr als Gewissenssache auffaßte, gar nicht zur Streitsache erwachsen läßt. Seine Weisheit war es, daß er mit angemessener Selbstbeschränkung nicht eine unbedingte Lösung zu geben erstrebte, aber desto schärfer die gegebenen Verhältnisse und das wirkliche Bedürfniß ins Auge faßte. Nicht um eine allgemeine Theorie ist es ihm zu thun, sondern um eine heilsame Praxis. Daß es ihm indeß nicht weniger aufrichtig heiliger Ernst war als seinem Mitbruder, wird sich uns in der Folge zeigen, sowohl aus seinem eigenen Thun, als auch weiterhin aus seinen Schritten für Calvin und Farel in Genf, und für Letzteren in Neuenburg. Hier haben wir aber - und das ist der zweite Grund, weshalb diese vertraulichen Wechselschreiben für uns von bleibendem Werthe sind - den Schlüssel zu Bullingers fernerem Verhalten gegenüber dem Staate und damit zu dem ganzen Verhältniß zwischen Kirche und Staat, wie es sich in Zürich während Bullingers langer Amtsführung zur steten Förderung leider ausbildete. Einerseits tritt er völlig in Zwingli's Fußtapfen, indem er davon ausgeht, daß sie als Kirche die Gesammtheit des bürgerlichen Gemeinwesens, den Staat als einen christlichen zu umfassen, Staat und Kirche wesentlich denselben Zweck zu erstreben, nämlich den Willen Gottes, wie er in der Schrift niedergelegt ist, zu erfüllen habe. Darin aber unterscheidet sich Bullingers Verhalten von dem Zwingli's, daß er dessen starkes Eingreifen in die bürgerlichen Angelegenheiten gänzlich vermeidet, und sich wohl hütet, sich jemals unmittelbar damit zu befassen. Hingegen während er die Besorgung der äußern Kirchenangelegenheiten den christlichen Staatsbehörden gerne überläßt, wahrt er fest der Kirche ihr eigenthümliches Gebiet rücksichtlich der innern kirchlichen Dinge; darein soll der Staat nie unmittelbar eingreifen. Das Wort Gottes frei predigen zu dürfen ist und bleibt ihm die Hauptsache; dies sichert ihm die Selbständigkeit der Kirche gegenüber dem Staate und den Staatsmännern; darunter begreift er aber auch Alles, was zur Betheiligung der Kirche an der Heranbildung und Anstellung der Diener des Wortes gehört; dazu rechnet er auch, daß nichts im Staate vorgehe, ohne daß Gottes Wort zuvor gehört werde, sei es nun, daß die Behörden des Staates sich an die Diener der Kirche wenden und sich bei ihnen darüber Raths erholen, oder diese von sich aus, als Ausleger des göttlichen Wortes, ihr auf die Schrift gegründetes Gutachten abgeben. Wie sich dies im Einzelnen gestaltete, werden wir allmälig im weiteren Verlaufe sehen.

Für jetzt aber ging aus der gegenwärtigen stillen Verhandlung der

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erneute Entschluß der Prediger hervor, mit apostolischem Ernste das Jhrige zu thun, muthig zu handhaben das Gotteswort, mit diesem Schwerte einzuschneiden ins faule Fleisch und dem Evangelium kräftig aufzuhelfen. Und dazu bot sich eine hervorstechende Gelegenheit sofort nach Ostern dar [16].

31. Das Mandat vom Mai 1532.

Peter Füßli's oben erwähnte Wallfahrt nach Einsiedeln, die dumpfen Gerüchte, Zürich werde in Kurzem wieder zum römischen Glauben zurück kehren und suche nur noch Steg und Weg, wie dies kommlich geschehen möge, die Wetten, die in den katholischen Kantonen überall darauf eingegangen wurden, Alles das bewirkte eine bedeutende Aufregung zu Stadt und Land. Die Prediger erhoben gewaltig ihre Stimme gegen den Rückfall in die frühern Laster wie gegen vorhandenen oder beabsichtigten Rückfall ins Pabstthum. Jm Rathe kam es zu einer heftigen Verhandlung; die einen behaupteten, man dürfte Peter Füßli nicht ungestraft lassen, da schon 1528 die Rathsglieder über ihr Bekenntniß zur evangelischen Lehre befragt, die gegnerischen beseitigt, und überhaupt jedem, der im Lande bleiben wollte, bei einer Mark Silbers der Besuch der Messe verboten worden war; Andere widersprachen. Es kam zur Entscheidung; Peter Füßli blieb straflos; doch wurde vor Rath „tugendlich mit ihm geredet. Er ward erweichet und gab eine ehrbare, bescheidene Antwort. Darauf ermahnte man ihn, hinfort fleißig die Predigten, vorzüglich die Bullingers, zu hören.“ Weit wichtiger aber war, daß zugleich der Beschluß zu Stande kam, ein Mandat, eine öffentliche gesetzliche Kundmachung, zu erlassen, welche die Gesinnung des großen Rathes, fest bei der erkannten Wahrheit zu beharren, unumwunden vor aller Welt ausspreche, und alle früheren reformatorischen Edikte und Sittenmandate bekräftige. Vorläufig schrieb man allen Landvögten, sie sollten dafür sorgen, daß das falsche

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Gerücht, als ob man die Messe wieder einführen wolle, sich lege. Bullinger erhielt den Auftrag, den Entwurf zu dem Mandate zu verfassen, der indeß noch Veränderungen unterlag. Seiner entscheidenden Wichtigkeit sowie der nächsten Folgen halben theilen wir den wesentlichen Jnhalt des Mandates mit.

„Wiewohl wir vorlängst, beginnt dasselbe, aus Grund bewährter heiliger Schrift und aus ganz christlichem Eifer den Mißbrauch der päbstlichen Messe, wie diese bisher bei der römischen Kirche, zu nicht geringer Schmälerung und Verkleinerung des bitteren Leidens und Sterbens Jesu Christi, der allein das Opfer für die Sünde und unser Seligmacher ist, abgethan und anstatt derselben den begründeten wahren Brauch des Nachtmals nach der Weise und Form, wie Christus der Herr und seine geliebten Jünger, auch die christlichen Gemeinden, im Anfang der Kirche solches gelehrt und geübt zur Ausbreitung seines Lobes, Mehrung christlicher Liebe und Besserung unseres armen sündlichen Lebens eingesetzt und zu Stadt und Land dermaßen zu halten ernstlich befohlen, so erneuern und bekräftigen wir hiermit alle unsere früheren Satzungen und Mandate, besonders das vom Jahre 1530, betreffend das Kirchengehen, Widersprechen gegen das Gotteswort, die Feiertage, Kirchengüter, wider die Götzen, Messen und Altäre, wider Gotteslästerung, Spielen, Zechen, Prassen, unehrbare Kleidung und andere Unfugen.“

Damit war namentlich erneuert das Gebot, daß jedermann sich befleiße, wenigstens alle Sonntage zur Predigt zu gehen, und daß niemand dem Worte Gottes Hohn spreche oder verächtlich davon rede bei Strafe der Ausschließung von Zunft und Gemeinde sowie von den damit verbundenen Nutzungen.

Weiter heißt es: „Betreffend die, so sich im Sakrament der Danksagung und christlicher Gemeinschaft von uns absondern und nach päbstlicher Weise anderswo zum Sakrament gehen, haben wir uns wohl aus christlicher Schonung bisher keiner äußerlichen Strafe erläutert, doch, wofern das gestattet würde, wäre höchlich zu besorgen, es möchte mit der Zeit viel Unruhe, Spaltung und Absonderung der Gemüther und bürgerlicher Freundschaften daraus erwachsen. Um nun solchem und größerem Unheil vorzubeugen, gebieten wir hiermit alles Ernstes um Gottes Ehre und um gemeiner Ruhe und Einigkeit willen zu Stadt und Land, daß niemand der Unseren weder in noch außer unserm Gebiet das Sakrament nach päbstischer Weise empfange, sondern sich jedermann dieses Mißbrauchs entmüßige und sich christliche Einigkeit lieber sein lasse als seinen eigenen Wahn. Sollte jemand dies übersehen, sich in Empfahung des Sakraments von uns sondern, und alle die christlichen Gemeinden verachten, den wollen wir auch als ein abgetrenntes ungehorsames Glied, das Christi, auch unseres Leibes und unserer Gemeinde zu sein nicht begehrt, halten, ihn nicht weiter bei uns dulden, sondern von Stadt und Land verweisen. Damit wollen wir aber niemand zum Nachtmal des Herrn zwingen. Nun brauchen wir Solche, die daran

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keinen Theil nehmen, auch nicht zu Aemtern, Ehrenstellen und christlichen Verwaltungen.

So sie sich aber auch der päbstischen Messe enthalten, wollen wir sie auf Besserung hin christlich und freundlich dulden, wofern sie sich still und ruhig verhalten. Sollten sie jedoch Umtriebe, Anschläge oder Verschwörungen machen zum Umsturz oder zur Hinderung unserer christlichen Verordnungen, so werden wir sie als ungehorsame Ruhestörer zur Verhütung größeren Schadens je nach Umständen an Leib und Gut strafen oder des Landes verweisen.

Dieweil wir uns denn in allen unsern bisherigen Verordnungen und Satzungen christliche Reformation betreffend auf die begründete Wahrheit der heil. Schrift gestützt und nichts Anderes als allein Gottes Ehr und Lob, auch allgemeine Ehrbarkeit und Gerechtigkeit zu fördern gesucht, und dabei übrigens erboten und noch erbieten, so jemand uns aus der heil. Schrift eines Bessern belehren würde, so wollten wir ihm gerne folgen, dieses aber auf unser vielfältig Ansuchen nie geschehen ist; so ermahnen wir euch allesammt gemäß den Zusagen, so ihr uns gethan, und dem Gehorsam, zu dem ihr uns göttlicher und zeitlicher Pflichten wegen verbunden seid, beim Gottesworte handfest und standhaft zu verbleiben, und, falls jemand (was wir indeß nicht glauben) sich unterstünde uns mit Gewalt davon weg zu nöthigen, zu uns als zu eurer Obrigkeit zu halten, - und daß ihr ja nichts zu Nachtheil, Verletzung und Abbruch der evangelischen Wahrheit oder zu Aeufnung und Wiederbringung des unbegründeten Pabstthums reden, rathen oder irgendwie vornehmen wollet. Denn ungeachtet des trübseligen Unfalls, den Gott vielleicht unserer Sünden halben über uns verhängte, sind wir durch Gottes Gnade des festen Sinnes und Muthes, bei erkannter Wahrheit und dem was derselben gemäß aufgerichtet, abgethan und verordnet ist oder ferner verordnet werden mag, getrost zu beharren, und bei uns zu Stadt und Land weder die Messe, päbstischen Sakramente, noch sonst etwas das in Gottes Wort nicht Grund oder festen Halt hat, zu dulden, sondern in Ewigkeit Gott und der Wahrheit Bestand, Lob, Ehr und Preis zu geben. Er wolle uns dazu Kraft und Macht verleihen und uns unter seinem göttlichen Schutz und Schirm allzeit unverzagt erhalten.“

Dies kräftige Mandat, das wohl im Stande war, die ums Evangelium besorgten Gemüther im ganzen Zürchervolke zu beruhigen, entspricht großentheils dem von Bullinger verfaßten Entwurfe. Doch ist beachtenswerth, daß gerade die Stelle zu Anfang betreffend die Messe, die sofort zu den heftigsten Streithändeln führte, nicht von ihm herrührt. Dagegen betont sein Entwurf aufs stärkste: es wäre eine Schande vor Gott und der Welt, wenn Zürich von der erkannten Wahrheit abfiele und wider das Evangelium handeln würde, da es ja nicht einen ketzerischen, neuen oder falschen Glauben habe, sondern den rechten, wahren, uralten, wohlbegründeten Christenglauben.

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Dieses Mandat, das nun in allen Kirchen zu Stadt und Land verlesen und an die Freunde nah und fern versandt ward, war also der entscheidende Schritt, zu welchem sich das gedemüthigte Zürich fast wider Willen durch das mannigfache Treiben und Drängen der Gegner genöthigt sah, das erste Lebenszeichen seit der traurigen Kappelerschlacht, aber ein so kräftiges, daß Freund und Feind den nachdrücklichen Schlag empfand, der damit aufs Haupt der heimlichen und der offenkundigen Widersacher des Evangeliums geführt war. Es war eine That, die für die Ermuthigung der Evangelischen weit und breit fast einer gewonnenen Schlacht gleich kam; so fröhliche Berichte kamen von allen Seiten, auch aus Deutschland, nach Zürich zurück, wie stärkend dies auf die Gemeinden der Glaubensbrüder wirkte. Eben war Reichtstag in Regensburg, Kaiser Carl V. selbst anwesend. Weil nun auch dort das Gerücht ging, Zürich müsse und werde bald wieder den alten Glauben annehmen, heftete jemand Nachts das Mandat an eine Kirchthüre an. Alles lief zu; in der ganzen Stadt ward dies das Tagesgespräch. Die Evangelischen priesen die wackern Zürcher und wünschten ihnen Heil. Um so mehr verdroß es die Päbstlichen in der Schweiz; sie zürnten namentlich den Predigern Zürichs, denen man zumeist und nicht mit Unrecht Zürichs feste Sprache und beharrliche Haltung Schuld gab, und sannen auf Rache, niemand mehr als der päbstliche Legat Ennio Philonardo; denn jetzt war alle Hoffnung vorüber, Zürich je wieder unter die geistliche Herrschaft des Pabstes zu bringen, anders als auf dem Wege gewaltsamer Unterdrückung. Dazu suchte er nun die katholischen Orte durch Aufreizung möglichst zu drängen. Jetzt hielt er's noch für ausführbar, da in Zürich selbst die Partei der heimlichen Anhänger des Pabstthums noch nicht überwunden, nur zurück gedrängt schien.

32. Leo Judä's scharfe Predigt. Juni 1532.

Wohl war nämlich durch das Mandat des großen Rathes dessen Willensmeinung öffentlich erklärt, aber deren Vollziehung ließ überaus viel zu wünschen übrig; die Umtriebe der päbstlich Gesinnten, namentlich der ehemaligen Söldnerchefs, ihre verdächtigen Zusammenkünfte mit mächtigen Katholiken dauerten fort, die unchristlichen Ausschweifungen ebenfalls; niemand in der Regierung schien Lust oder Muth zu haben all dem mit Ernst und Kraft entgegen zu treten; eine ungewisse Lässigkeit und Gleichgültigkeit schien Alle zu erschlaffen.

Aufs neue empfand Leo im tiefsten Jnnern den Jammer der Zeit, die Folgen des unseligen Friedens, den man seiner Meinung nach nie hätte schließen sollen; ihm war es etwas Unleidliches, Gott und sein Wort zum Spotte werden zu lassen. Eher wollte er Alles an Alles setzen. Voll Entrüstung betrat er am Tage Johannis des Täufers (24. Juni) die Kanzel, als er im

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Münster die Abendpredigt zu halten hatte; gleich jenem Bußprediger Johannes, der furchtlos selbst seinem Fürsten die Sünde vorhielt, zeigte er dem Rathe das Jammerbild seines elenden Daseins im Spiegel des göttlichen Wortes, so abschreckend als er vermochte.

„Jhr Rathsherren von Zürich, redete er sie an, ihr Obern, die Gott mit seinem Namen nennt (Ps. 82, 6. Joh. 10, 34.). Da euch doch Gott gestraft und dadurch ermahnt, daß ihr euch wieder zu ihm kehret, habet ihr ihn noch mehr erzürnt, indem ihr ein so faules, schändliches, unehrbares Abkommen, „Frieden“ darf ich nicht sagen, gemacht habet. Denn Gottes Wort, Glauben und Wahrheit habt ihr verfälscht, da ihr in den Friedensvertrag setzen ließet, der päbstische Glaube sei der wahre Glaube, was er eben nicht ist und niemals sein wird; denn er ist falsch, antichristlich, verzweifelt, vom Teufel und von Menschen erdacht. Ueberdies habet ihr die beschworenen und besiegelten Burgrechtsbriefe, die ihr mit frommen Fürsten und Städten errichtet hattet, aushin gegeben, seid also an ihnen bundesbrüchig und treulos geworden, da euch doch eben so wohl zustand jene Bündnisse und Burgrechte zu schließen, als den Eidgenossen, ihren Bund mit Frankreich zu machen. Wie habet ihr aber darin Zürichs Lob, Ehr und Nutzen und seine Freiheit bedacht und geschirmt? Wiewohl ich mich der zeitlichen Dinge nicht besonders belade; mir, als reinem Verkündiger des Gotteswortes, liegt viel mehr Gottes Ehre und eurer Seelen Seligkeit am Herzen; doch bekümmert mich, als Bürger und als Hausvater, auch euer Schaden Schmach und Schande; das drückt mich schwer, daß Zürich zu Spott und Schand soll werden in aller Welt.

Viel frommen, biedern Leuten in den gemeinen Herrschaften und Vogteien habt ihr Schutz und Schirm zugesagt, Leib, Ehre und Gut zu ihnen zu setzen versprochen. Wie schlecht wird ihnen Wort gehalten! Etliche eurer Gesandten an den Tagsatzungen helfen ihre Brüder zu Pröbsten machen, andere helfen auch das Pabstthum fördern. Eure Mitbürger sind's, die Solches thun, und haben eure Ordnungen doch beschworen wider das Pabstthum. Etliche reiten mit, Etliche sitzen dabei, wenn man dort die biedern Männer, die Diener des göttlichen Wortes, straft. Sie helfen also selbst den Glauben verfolgen, den sie bekennen. Wollte Gott, daß ihr nicht auch gar noch einen Theil von den Bußen und Strafgeldern nähmet!

Nicht selbst dabei zu sitzen, nicht dort mitzustimmen, ist aber wahrlich nicht genug. Jhr seid Hirten der Herde Gottes; drum seid ihr schuldig eure Schäflein, die euch Gott anvertraut hat, vor den Wölfen und vor allem Schaden zu behüten, und durchaus nicht zu gestatten, daß sie an Ehre, Leib und Gut, viel weniger noch, daß sie an der Seele und göttlicher Wahrheit geschädigt werden. Der ist kein treuer Hirte, der flieht, wenn der Wolf die Herde überfällt: er soll sie retten und schirmen selbst mit Gefahr des Leibes und Lebens. Wie übel steht es um die Schafe, wenn's

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der Hirt mit den Wölfen hält, daß er ihnen auch hilft würgen, aber wenigstens ihnen zusieht ohne zu wehren.

Jhr aber, ihr Hirten des Volkes, bleibt ruhig sitzen und lasset überall die biedern Leute plagen und drängen. Jhr sehet durch die Finger, und thut nicht ernstlich dazu, daß die frommen, biedern Leute möchten Schutz und Schirm erlangen.

Wenn diese Armen, Bedrängten auf die Tage kommen, empfangen sie von etlichen Boten schlechten Trost, werden wohl alsbald hart angefahren. Kommen ihre Ankläger, so sind das eure treuen, lieben Eidgenossen, ihr heißt sie gar freundlich willkommen, schenkt ihnen Ehrenwein, bückt euch vor ihnen bis auf die Erde. Heißt das nicht die Person ansehen? Ach Gott! wann wird euch endlich der Drang, die Klage, das Wehgeschrei, der entsetzliche Jammer der Armen, Bedrückten zu Herzen gehen?

Dieweil nun ihr, die ihr des Volkes Hirten seid, schlafet, so muß ich meine Pflicht thun, muß wie ein wachsamer Hirtenhund bellen, euch aufwecken und den Schaden melden. Jch weiß daneben wohl und hab' deß keinen Zweifel, daß unter euch, meinen Herren, auch unter den Boten viele sind, die Solches nicht thun, ja denen es von Herzen leid ist. Dieselben will ich hier unbeschuldigt und ungescholten lassen. Jch rede nur von denen, die Solches thun und Schuld dran tragen.

Was habet ihr aber mehr gethan? Jhr habet fromme, biedere Männer, Ehrenleute, gute, alte Zürcher, die am Worte Gottes und am Staate in alle Wege treu gehandelt, aus dem Rath gestoßen. Jhr habt sie Schreier genannt, da sie euch widersprachen; ihr habt dagegen Leute, die ihr vormals um Ehbruchs und andrer Uebelthaten willen an Gut und Ehre gestraft und der Ehre verlustig erklärt hattet, jetzt wieder ehrlich gemacht, sie hervor gezogen, sie ins Gericht gesetzt und in den Rath.

Ueber Alles das habt ihr noch mehr gethan und auch das, daß ihr die, so vordem wider Ehre und Eid hinweg gelaufen, die darum lange Zeit Stadt und Land nicht mehr betreten durften, die Zürich, Gottes Wort und ehrenwerthe Bürger lästerten, wieder herein ließet. Die Ehegesetze, die billig und recht sind, die ihr selbst aufgestellt, habet ihr gebrochen hier in der Stadt und dort mit Verletzung biederer Landgemeinden. Nun sehet zu, wie ihr das Spiel recht mischet, mögt ihr gleich thun, wie die falschen Spieler, die ihre Karten biegen, daß je einer dem andern kann abheben. Aber Gott der Allmächtige steht hinter dem Tisch und siehet euch ins Spiel. Habet ihn vor Augen, schämt euch vor ihm, oder - er wird euch noch härter strafen.

Das Alles aber habe ich müssen sagen euch zur Besserung, gedrängt durch das Beispiel des heil. Johannes des Täufers, der dem Herodes seine große Sünde und Makel vorgehalten und ihn bestraft hat, ob er gleich darum leiden mußte.“

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33. Anklage gegen Leo Judä. Seine und Bullingers Verantwortung.

Diese scharfe Predigt versetzte etliche der Räthe, die sie gehört, in Wuth; sie schrien laut wider den aufrührischen Pfaffen. Andere nahmen sich seiner an; doch auch unter diesen gab es Solche, die zugaben: „Meister Leu sagte wirklich zu viel, wie's scheint.“ “Was? zu viel, wie's scheint? versetzten die Heftigeren; Aufruhr stiften, das scheint durch; wichtig genug ist's; die Sache soll auch vor den großen Rath. Solche unruhige, aufrührische Pfaffen, denen nichts gefällt noch recht liegt, was meine Herren, die Obrigkeit, verfügt, verdienen nichts Anderes, als daß sie aus Stadt und Land verwiesen werden.“

Wirklich brachten sie's dahin, daß die Sache vor die Zweihundert gezogen wurde. Hier drangen die hitzigen Gegner der Prediger mit erneuter Heftigkeit auf Leo's Verweisung. Die dem Evangelium Ergebenen dagegen erwiederten, es sei ja doch wahr, es sei ein elender Friede, und gaben zu bedenken: wollte man den Prediger aus dem Lande weisen, so wären schlimme Folgen zu besorgen, da er so viel gelte beim gemeinen Mann, zudem würde dies Zürich in üblen Ruf bringen; denn alsbald würde es heißen, die Zürcher wollen ganz zum Pabstthum treten, drum heben sie an die Diener und Prediger des Evangeliums wegzuschicken. Vielmehr, rieten sie, man solle ihn und die andern Stadtgeistlichen rufen lassen und ihnen sagen, man stelle nicht in Abrede, daß es elend genug ergangen sei im Kriege, aber die Umstände hätten es leider nicht zugegeben, es besser zu machen; darum habe Pfarrer Leo zu viel an die Sache gethan, und werde die Obrigkeit künftig solche Predigten durchaus nicht leiden, weder von ihm, noch von andern Pfarrern, fürhin hätten die Thäter der Obrigkeit höchste Ungnade und schärfste Ahndung zu erwarten.

Dieser Vorschlag drang durch. Schon am 27. Juni wurden sämmtliche Stadtprediger vor den großen Rath berufen, und ihnen vom Unterschreiber Burkhard Wirz die Klagepunkte vorgelesen, deren Hauptinhalt war: die Prediger trügen nicht geringe Schuld an dem Schaden, den Zürich erlitten habe; denn, da vormals ein guter Friede (der Landsfriede von 1529) gemacht worden, habe er einigen nicht anstehen wollen; sie haben nach Krieg getrachtet, um einen andern Frieden zu erhalten; nun, da die Obrigkeit genöthigt und gezwungen werde, einen andern Frieden anzunehmen, statt dessen sie lieber einen bessern gehabt hätte, so schreien die Prediger gar aufrührisch auch gegen diesen, und wollen die Obrigkeit drängen, sie solle helfen und retten, während sie doch selbst wohl wissen, daß ihr dies unmöglich sei, und daß sie ja genöthigt wäre, einen neuen Krieg anzuheben; daran sei jedoch dermalen gar nicht zu denken, wohl aber - sich recht zu gedulden, bis daß es etwa mit der Zeit durch Gottes Gnade besser werde. Man beschuldige die

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Regierenden auch noch, als ob sie nicht treu und redlich seien am Worte Gottes, während doch sie eben um des Gotteswortes willen so viel gelitten und ihnen daher mit diesem Vorwurf gar Unrecht geschehe. Dergleichen muthwillige, aufrührische Predigten wolle man durchaus nicht mehr leiden u.s.w.

Auf dieses hin verantwortete sich zuerst Pfarrer Leo Judä ehrerbietig, aber unerschrocken, indem er die einzelnen Behauptungen, die in seiner Predigt vorgekommen, näher beleuchtete und begründete, indeß nichts von dem Gesagten zurück nahm. Er begann folgender Maßen: „Vor Allem bedauern wir sehr und befremdet es uns höchlich, daß wir, die wir mit unsrer Lehre bisher uns beflissen haben, nur die Einigkeit, den Frieden und des Landes Wohl zu fördern, als aufrührisch gescholten werden, da wir doch dem Aufruhr und Unfrieden mit allem Fleiß entgegen arbeiteten. Das Evangelium macht keinen Aufruhr, sondern die, die sich der evangelischen Wahrheit freventlich widersetzen. Wir haben mit unserer Lehre bisher Aufruhr verhütet. Wenn wir die Obrigkeit wegen ihrer Vergehungen mit der Wahrheit bestrafen, so bleibt der gemeine Mann desto stiller und ruhiger. Würden wir's unterlassen, so würde der gemeine Mann unruhig und zur Widersetzlichkeit gegen euch desto eher geneigt sein, und wir kämen bei ihm in Verdacht, wir sähen euch durch die Finger und billigten euere Vergehungen. Es geschieht aus guter Meinung, wenn die Worte zu Zeiten bitter und rauh sind; denn die Wahrheit ist scharf wie das Salz, Salz aber behütet vor Fäulniß. Wir haben hievon auch Beispiele in der Schrift: die Propheten, Christus selbst und seine Apostel haben zu Zeiten die großen Untugenden scharf bescholten.

Euere Ehrsame Weisheit beruft sich rücksichtlich des Friedens auf euere Freiheit und obrigkeitliche Gewalt, kraft deren euch zustehe, nach euerem Gutdünken zu handeln. Hierauf antworte ich, daß kein Friedensvertrag, kein Bündniß, keine Satzung wider Gott und Billigkeit aufgerichtet werden soll noch darf. Dies geht schon daraus hervor, daß alle Bundesbriefe, auch der Friedensvertrag, immer anfangen mit den Worten: Jm Namen Gottes, des Vaters usw. Dadurch gibt man zu verstehen, daß man nichts ohne Gott, sondern Alles mit Gott behandeln wolle. Gott ist allenthalben ausbedungen; was wider ihn beschlossen oder verordnet wird, ist ungültig, und soll auch nicht gehalten werden. Wo ihr nun vornähmet oder beschlösset, das wider Gott und seinen Willen wäre, da würde uns von Amtes wegen gebühren dem zu widersprechen, und davor würden euch weder Feinde noch Bundesbriefe noch eure obrigkeitliche Stellung schützen; denn ihr seid nicht über, sondern unter Gott. Jhm sollt ihr gehorchen, und im Fall des Ungehorsams euch mit dem Worte Gottes strafen lassen.“

Weiterhin beleuchtete Leo seine Rüge in Betreff der Untreue an den Evangelischen in den gemeinen Herrschaften und rücksichtlich laxer Handhabung der Ehesatzungen, und schloß dann: „Was ich gesagt vom Kartenbiegen, war

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nur gleichnißweis gesprochen; wie die falschen Spieler sich drauf verstehen einander abzuheben und dazu die Karten biegen, so, möchte Viele bedünken, ging's auch im Rathe zu. Denn es sind, wie ihr wisset, zwei große Parteien in Zürich; die eine will Gottes Wort schirmen und aller Gerechtigkeit wieder empor helfen, die andere will Unehrbarkeit pflanzen und das Wort Gottes ausrotten, das Pabstthum wieder aufrichten, wieder in fremde Kriege ziehen und Pensionen annehmen. Da will's nun die Frommen oft bedünken, diese letztere Partei finde mehr Gunst und Förderung denn sie. Ist's nicht Gleichsnerei und Falschheit, das Wort Gottes angenommen zu haben und sich zu stellen, als beschirme man's, und daneben den Argen ihren Muthwillen und ihre bösen Anschläge zu gestatten? Deshalb sollt ihr euch vorsehen, daß ihr das Spiel recht mischet. Denn Gott steht hinter euch und siehet euch ins Spiel.“

Schließlich bat und ermahnte Leo die Rathsherren aufs dringendste, ihm den Eifer, in den er gerathen, zum Guten auszudeuten. Denn gewißlich sei ihm nie in den Sinn gekommen, irgendwie Aufruhr gegen die Obrigkeit, die er von Herzen als seine Herren achte, zu erregen. Wie übel es im Krieg ergangen und noch jetzt den Unterthanen ergehe, wissen sie ja gar wohl. Nun bitte er seine Herren aufs inständigste, allenthalben das Beste zu thun; dazu wolle auch er, so viel ihm Gott Gnade gebe, gerne mithelfen.

Leo schwieg und Bullinger, als Vorsteher der gesammten Geistlichkeit, ergriff das Wort. Er fing an die Prediger insgemein dagegen zu vertheidigen, daß man auf sie die Schuld am letzten Kriege und am erlittenen Verluste wälzen wolle. Seine Person betreffend, wisse jedermann, daß er damals nicht in Zürich gepredigt und nie zum Kriege aufgehetzt habe. Er berufe sich auf die Gesandten, welche vor dem Kriege öfter nach Bremgarten gekommen. Diese mögen bezeugen, ob er nicht fortwährend wider den Krieg gepredigt und zum Frieden gerathen habe. Und, die Wahrheit zu sagen, habe ja die Obrigkeit selbst in ihrem Manifest die Ursache des Krieges, den Grund der Sperre u.s.w. dargelegt. Kraft all jener Erläuterungen seien mithin die Prediger durch das selbsteigne Zeugniß des Rathes hinreichend darüber gerechtfertigt, daß sie weder am Kriege, noch an der Sperre, noch an dem Unfall Schuld tragen.

Sodann ging Bullinger einläßlich auf die übrigen Klagepunkte ein, namentlich aber darauf, daß es hieß, man wolle der Geistlichen aufrührisches Predigen nicht mehr dulden. Um aller Unklarheit vorzubeugen, erklärte er selbst diese Worte, und stellte fest, was aufrührisch predigen heiße und was nicht. Er fügte dazu die dringende Bitte, daß ein Ehrsamer Rath zu seinen übrigen Sünden nicht auch noch die schwere Sünde hinzu thue, seinen Predigern zu gebieten, nur sanfte Dinge zu predigen. Sie sollten doch ja nicht in die Sünde deren fallen, von denen Jesajas (Kap. 30, 9, 10.) sage: Es ist ein widerspenstiges Volk, lügenhafte Kinder, die des Herrn Gesetz nicht hören

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wollen; zu den Propheten dürfen sie sprechen: Jhr sollet nicht sehen, und zu den Wächtern: Saget uns nichts Rechtes, sondern saget uns glatte Dinge usw. Dann fuhr er fort: „Wofern aber unsere Gnädigen Herren nichts desto weniger sich unterstehen werden uns den Mund zu verbinden, und uns heißen schriftwidrig zu predigen, so würden wir Gott mehr gehorchen, als ihnen, und lieber gewärtigen, was Gott uns dehalb zu leiden geben werde. „Doch hoffen wir zu Gott, sprach er, und zu Euch, Gnädige Herren!, und bitten euch auch demüthigst darum, daß ihr uns lasset mit aller Bescheidenheit, aber uneingeschränkt und ungehindert predigen gemäß neuem und altem Testament, wie ihr uns dies bald nach dem Kriege (am 13. Dezember 1531) freundlich bewilligt und zugesichert habet.“

34. Anklage gegen Bullinger, Seine Rechtfertigung.

Nun aber kam sofort noch eine neue Auflage zur Behandlung. Von Seiten des Rathes ward Bullingern eröffnet, daß auf der kürzlich gehaltenen Tagsatzung zu Baden die fünf Orte (die katholischen Kantone) eine schwere Klage gegen ihn erhoben und durch die zürcherischen Gesandten vom Rathe gefordert hätten, daß er seiner frevelhaften und aufrührischen Predigten wegen als des Friedensbruches schuldig bestraft würde. Die Klagepunkte überreichte man ihm schriftlich; sie lauteten also:

Den 16. Juni hat der Prädikant in Zürich gepredigt: Es nimmt mich nicht Wunder, daß euch Gott gestraft; denn ihr haltet wenig auf Gottes Wort, da ihr zu dessen Predigt an den Werktagen so unfleißig kommet. Ferner hat er gesagt: Gott strafe die Seinen zur Besserung; seinen Feinden gebe er Glück und Sieg; doch so man sich bekehre, gebe Gott den Seinen auch wieder Stärke. Wiederum hat er gesprochen: Es gebe Etliche, die der Schande lächeln, in die wir jetzt gerathen. Solche seien Buben, Schelme und die größten Bösewichte. Auch gebraucht er viele andere aufrührische Worte, so daß es bei ihm nichts ist als: dran, dran, dran! Die Widersacher nennt er Kothkäfer, und die Messe schilt er eine Gotteslästerung.

Wider diese Klagschrift vertheidigte sich Bullinger auf der Stelle so, daß der Rath fand, er brauche nur seine Verantwortung aufzuzeichnen, damit man sie auf der nächsten Tagleistung den fünf Orten vorlegen könne. Sie lautete nämlich:

„Dafür, daß keine aufrührischen Worte in meinen Predigten vorkommen, was mir ungerechter Weise zur Last gelegt wird, berue ich mich auf die ganze Gemeinde zum Großmünster, der ich zu predigen berufen bin. Die mögen euch sagen, wie sehr ich von Kriegen, Aufruhr und Blutvergießen abmahne, wie ich ihnen für und für zufolge dem Gotteswort all den Jammer vorhalte, der über die Eidgenossenschaft noch ergehen wird wegen der Unruhen und Kriege, wofern wir uns nicht bekehren und bessern.

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Ich läugne nicht, daß ich die Bösewichte bestraft habe, welche geschworen, Lieb und Leid mit der Stadt Zürich zu theilen, Ehre und Treue an ihr zu halten, welche sich rühmen gute Zürcher zu sein, und doch sich unseres Unfalls freuen. Dies habe ich nicht den Fremden, sondern den Einheimischen, den Schuldigen, nicht den Unschuldigen gepredigt.

Daß Gott etwa zu Zeiten die Seinen strafe und bösen, ungläubigen Leuten Glück und Sieg gebe, dies habe ich aus der Epistel des seligen Apostels Petrus (I. Petr. 4, 12.) gelehrt; es ist also nicht meine, sondern Gottes Lehre und Wort. Solches ist auch augenscheinlich wahr geworden an König Ludwig II. von Ungarn. Denn wer wollte darum sagen, der Türke habe den rechten und bessern Glauben, weil er den König Ludwig erschlagen und die Christen in die Flucht getrieben hat? (in der Schlacht bei Mohacs, 29. August 1526.)

Daß ich dann eine christliche Stadt Zürich gehetzt haben soll sich aufzumachen zu einem Kriegszuge, oder geredet habe, Gott werde sie jetzt stärken und ihr Sieg verleihen, drum solle sie nur frisch wieder zu Felde ziehen, die Feinde werden Kothkäfer sein, das ist eine falsche, lügenhafte Erdichtung übelwollender, unwahrhafter, unruhiger Menschen. Wahr ist's, daß ich gesagt habe, wofern man sich nicht bessere, werden Alle mit einander zu Grunde gehen, Gottes Hand sei schon ausgestreckt zur Züchtigung, und alle Starken dieser Welt seien vor ihm wie Kothkäfer und Regenwürmer.

Die Messe aber habe ich gar nicht gerühmt, bitte auch Gott, er möge mich nie den Tag erleben lassen, daß ich sie rühmen und anpreisen würde, als ob sie von Gott, apostolisch und mehr denn fünfzehnhundert Jahre alt wäre und in ihr der wahre, natürliche, wesenhafte Leib unsers Herrn Jesu Christi für die Sünden der Todten und der Lebenden von dem Priester und unter der Gestalt des Brotes und Weines aufgeopfert würde. Denn Solches ist dem Leiden unsers Herrn Jesu Christi und seiner Einsetzung nicht gemäß, sondern durchaus zuwider und abbrüchig. So denn also der wahre Christenglaube auf dem wahren Worte Gottes, wie es in den beiden Testamenten, als den allerältesten und gewissesten Schriften, begriffen ist, beruht, und wir Prediger in Zürich euch, unseren Herren und Oberen, den Eid geschworen haben, allein das neue und alte Testament zu predigen, worin von der Messe nichts, wohl aber was ihr zuwider und abbrüchig ist, zu lesen ist; so hoffe ich zu Gott und seiner Wahrheit, ich habe gar nichts in diesem Punkte und auch sonst nichts wider die Schrift, wider Ehre und Eid, wider Billigkeit und Gerechtigkeit, auch gar nichts wider den Landsfrieden gepredigt, daß ich strafwürdig geworden wäre.

Denn unser Glaube, der sich nicht auf menschliches Gutdünken, sondern auf Gottes wahrhaftes Wort gründet, ist im Landsfrieden ausbedungen und vorbehalten. Und wäre es auch nicht geschehen, dennoch ist Gottes Wort und Wahrheit frei und unverbunden, und soll und muß

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gepredigt werden, ob auch die ganze Welt dawider wäre und es aufs strengste verböte.“

Nach dieser Vertheidigungsrede Bullingers fügte Rudolf Thumysen, Pfarrer am Fraumünster, noch die wenigen Worte bei: „Gnädige Herren; wir begehren, daß man uns das nicht verbiete oder umstricke, was Gott uns geheißen hat thun, nämlich das Wort Gottes zu predigen. Betreffe es Obrigkeit oder Messe, der Mensch soll Gottes Wort hören, ihm gehorchen und sich nicht unterstehen es zu beherrschen oder zu beugen nach seinem Gefallen. Sonst darf man auch auf keinen Segen hoffen.“

Jetzt traten die Prediger ab; es erfolgte eine lange und mißliche Berathung, es kam zu einem heftigen Streite der beiden mächtigen Parteien, von denen Leo Judä so offen gesprochen hatte. Die Sitzung dauerte weit über die gewöhnliche Zeit. Mittlerweile sammelte sich viel Volk auf der nahen Limmatbrücke und auf dem Platze neben dem Rathause, neugierig, besorgt um das Schicksal seiner Prediger. Hier ging das Gerücht, man werde ihnen den Abschied geben, dort hieß es: sie werden gefangen gesetzt usw. Auch aus der Umgegend strömten Leute herbei. Alles harrte gespannt des Ausgangs. Ob diese Gruppen von Wartenden einigen Eindruck auf den Rath machten oder nicht, läßt sich nicht entscheiden. Endlich traten die obersten Standeshäupter aus dem Rathssaale, und eröffneten den Predigern folgenden Bescheid: die verlaufenen Sachen hätte der Rath im Besten beruhen lassen und aufgehoben; er wollte die Prediger nicht gefährlicher Weise einschränken oder von den beiden Testamenten wegdrängen; sie sollten die Wahrheit frei predigen kraft ihres Eides, den sie in der Synode geschworen. Trete aber der Fall ein, daß die Prediger sich in irgend etwas, das ihnen am Herzen liege, über die Obrigkeit zu beschweren hätten, so sollten sie nur kommen und an die Rathsstube anklopfen; sie sollten die Freiheit genießen, ohne Verzug vorgelassen zu werden. Werde der Sache nicht abgeholfen, so mögen sie dann auf den Kanzeln dermaßen davon reden, wie sie es für schriftgemäß und zu Gottes Ehre, zu Frieden und Ruhe, und zu der Menschen Heil dienlich erachten.

Deß waren die Prediger hoch erfreut, dankten Gott und ihrer Obrigkeit mit der Bitte ihnen nichts zu verübeln und sie in Gnaden befohlen zu haben.

So war denn der ernste gedoppelte Angriff abgeschlagen, den die Feinde des Evangeliums in der Schweiz gegen die Prediger in Zürich, als ihre zähesten dortigen Gegner, theils direkt durch die fünförtischen Gesandten, theils durch ihre geheimen Anhänger in den zürcherischen Räthen gewagt hatten. Man sah, wie auf jeden Anlaß gepaßt wurde, wie jeder Anstoß den Predigern gefahrwoll werden konnte. Aber aufs neue war das Evangelium siegreich aus dem Kampfe hervor gegangen, dessen freie Predigt wiederum und für immer behauptet und ein neues wichtiges Recht erworben worden,

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das der gesicherten, unbefangenen, persönlichen Mittheilung von Seiten der Geistlichen an die obersten Staatsbehörden in allen bedeutenden Angelegenheiten, ein Recht, welches für das richtige Verhältniß zwischen evangelischer Landeskirche und christlichem Staate, für das gute Einvernehmen zwischen den Staatsmännern und den Männern der Kirche vom nachhaltigsten und segensreichsten Einflusse sein mußte. Wirklich schreibt sich davon die noch weit ins siebzehnte Jahrhundert hinabreichende eigenthümliche Uebung her, zufolge welcher nicht nur wegen kirchlicher Dinge, sondern auch bei eingreifenden Vorlagen betreffend die Gesetzgebung, die Verhältnisse zu den Eidgenossen oder zum Auslande die Prediger sammt den Professoren der Theologie bisweilen geladen, öfter auch ungeladen, die Bibel unter dem Arm, auf dem Rathhause erschienen, und da ihr Gutachten mndlich vortrugen. Bald geschah dies von Seiten der Stadtgeistlichen bloß in ihrem eigenen Namen, bald im Namen aller ihrer Amtsbrüder zu Stadt und Land. Jn der Regel wurde das mündlich Vorgetragene den Landesvätern auch schriftlich eingereicht.

Was die Freiheit der Predigt anbetrifft, so widerfuhr es Bullingern nur noch ein Mal, ungefähr anderthalb Jahre später, daß er nebst Leo zur Verantwortung gezogen wurde, als sie sich nämlich heraus genommen, ärgerliche Ausschweifungen, deen sich eine Schar junger Zürcher in Gemeinschaft mit verlockenden katholischen Genossen aus den innern Kantonen schuldig machte, auf den Kanzeln deutlich zu rügen, doch ohne jemand zu nennen. Vor dem Rathe erlangten nun freilich die Prediger Recht. Bullinger aber, damit nicht zufrieden, beschwerte sich sehr darüber, daß man ihn vor Rath gezogen habe. „Wenn die Laster, sprach er, offenbar sind, ja so am Tage liegen, daß man überall davon spricht, und wir dann nach unsers Amtes Pflicht auch davon reden, nur so, daß man gehorsam sei und recht thue, wir aber dabei nicht mehr Schirm haben, denn daß man Tag wider uns erlangen mag und wir da jedem sollen zu Recht stehen, das fällt uns zu schwer. Jch seh' auch nicht, wohin das reichen möge, denn daß wir von jedem umgetrieben werden, dem die Wahrheit und Bestrafung nicht behagt. Wir wollen euch nicht verhehlen, eher würden wir unseres Amtes stille stehen.“

Nun ließ man die Prediger in Ruhe und hieß sie wacker fortfahren mit der Predigt des Evangeliums und mit Bestrafung der Laster.

35. Der Angriff um des Mandates willen. Vergleich.

Je völliger aber den päbstlich Gesinnten der Anschlag mißlungen war, die Zürcher Prediger aus ihren Stellungen zu vertreiben oder mundtodt zu machen, desto drohender erhoben sich nun die katholischen Orte, aufgereizt vom päbstlichen Legaten, gegen das hartnäckige Zürich insgemein. Es ist wirklich auffallend, daß erst jetzt der bedenkliche Streit wegen des schon im

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Mai in Zürich erlassenen Mandates hell aufloderte und zu furchtbarer Höhe emporstieg.

Jm Rheinthal erließen die fünf Orte, wie der Abt von St. Gallen für seine Lande, ein Mandat, wodurch die evangelischen Prediger bedrückt wurden. Diese beklagten sich in Züich und baten um Hülfe. Zürich sah in diesem Mandate eine Ueberschreitung des Landsfriedens und verlangte auf der Tagsatzung zu Baden am 1. September 1532 von den fünf Orten dessen Zurücknahme. Diese stellten nun die Gegenforderung, Zürich solle vielmehr sein Mandat aufheben, worin die Messe beschimpft worden sei, damit habe Zürich den Landsfrieden noch weit mehr verletzt. Keine Partei wollte nachgeben; jede behauptete im Rechte zu sein. Die übrigen Eidgenossen rieten auf einer neuen Tagsatzung zu einem Vergleich; von beiden Seiten solle man die Mandate aufheben, oder einander versprechen, sich künftig vor solchen zu hüten. Allein die fünf Orte blieben bei ihrem Begehren, und forderten Zürich, als es sich weigerte, vor das eidgenössische Recht.

Diesen Trotz der fünf Orte schrieb man mit Grund hauptsächlich den Aufhetzungen des päbstlichen Legaten zu. „Dieser suchte, sagt Bullinger in seiner Reformationsgeschichte, nun, da Zürich nichts von ihm wissen wollte, Unfrieden und Krieg zu stiften, so viel er nur konnte; damals versprach er den katholischen Kantonen Hülfe an Geld und Kriegsvolk. So ward auch allenthalben von Bischöfen und Priestern allerlei geschrieben und wurden die fünf Orte aufgewiesen, die Sache mit einem schnellen Kriege auszumachen; denn der zwiespaltige Glaube würde auf die Dauer nicht gut thun; drum solle man nun bei guter Zeit und dargebotener Gelegenheit das Unkraut ausjäten.“

Wirklich schien ein Krieg fast unvermeidlich. Denn es war zu augenfällig, daß die Vorladung vor ein eidgenössisches Schiedsgericht darauf zielte, Zürich das freie Bekenntniß seines Glaubens zu entreißen; Glaubenssachen, wie die Fragen über die Messe, einem Rechtsspruch anzuvertrauen und von den Gegnern des Evangeliums sich vorschreiben zu lassen, wie Zürich darüber sich zu äußern habe gegen die Seinigen, dies schien zu bedenklich für Zürich's Rechte; fiel das Urtheil ungünstig aus, so konnte man sich ja nicht unterziehen, ohne das Evangelium aufzugeben, sondern mußte dann doch einen Krieg wagen und zudem gewärtig sein, daß dannzumal alle Verbündeten wider Zürich zu Feld ziehen müßten, um die Unterwerfung unter den eidgenössischen Rechtsspruch zu erzwingen. Daher warnten die Freunde von allen Seiten, Zürich solle sich nicht in einen Rechtshandel einlassen. Schon hörte man auch von geheimen Bündnissen und Rüstungen der Gegner. Zu einem Kriege aber, der bei Rechtsverweigerung sofort zu erwarten stand, fehlte es Zürich an zuverlässigen Bundesgenossen, an Lust, Muth, Geld, kurz fast an Allem. Umsonst sah man sich da und dort um Beistand um. Mit Bern war Zürich vom letzten Kriege her, weil damals im Stich gelassen, noch

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immer auf gespanntem Fuße; in Basel und Straßburg fand es wohl herzliche Theilnahme, brachte indeß nicht einmal ein Kriegsanleihen zu Stande. Wir finden daher ein einläßliches Gutachten Bullingers aus dieser Zeit: wie man möge vor Kriegen sein und der Tyrannei der fünf Orte abkommen. Alles überlegt scheint es ihm am besten, da man nicht mehr Eines Glaubens sei, daher statt Eintracht und Unterstützung lauter Zwietracht und Feindschaft habe, den fünf Orten gütlich die Bundesbriefe heraus zu geben, sie von ihnen hinwieder zurück zu fordern und dann einander ungekränkt zu lassen. Besser sei es auch, die gemeinen Herrschaften in Frieden zu theilen und also zum Theil fahren zu lassen, als weiterhin wie zeither zuzusehen, dabei zu sitzen, mitzustimmen und überstimmt zu werden bei den Beschlüssen, durch welche die Mehrzahl der regierenden Orte sie jämmerlich vom Evangelium dränge und sie nöthige, wiederum abgöttisch zu werden; dann müsse Zürich doch nicht mehr die Verantwortung mittragen; lieber Einigen recht helfen, als mithelfen zum Seelenverderben so Vieler, das laut genug gen Himmel schreie und gewiß zu den Ohren des Allerhöchsten dringe. Zürich möge sich dann, woran es jetzt durch die widerstrebenden Kantone verhindert sei, mit solchen Städten verbünden, die Gottes Wort lieb haben, und werde an ihnen treuere Bundesgenossen haben.

Dieser friedfertige und Bullingers entschiedenem Charakter gemäß ganz durchgreifende Vorschlag, der eine völlige Umwälzung aller eidgenössischen Verhältnisse herbei geführt hätte, stieß indeß auf große Bedenken, namentlich besorgten angesehene Berner, denen er vorgelegt wurde, die fünf Orte würden bei einem solchen Anlasse das bernische Oberland und Aargau zur Abtrünnigkeit verlocken können und aus ihnen, wie auch schon verlautete, zwei neue selbständige Kantone machen.

Hin und wieder erhielt Zürich Warnungen vor einem plötzlichen Ueberfall. Jn dieser schweren unsichern Zeit schrieb der treffliche Bürgermeister Jakob Meier in Basel, „Vater der Frommen“ genannt, im Dezember 1532 an Bullinger die hochherzigen Worte: „Ermahnet das Volk zu ernstlichem Gebet, zu Geduld und starkem Vertrauen auf Gott. Denn Gott ist gewaltig auf unsrer Seite und nimmt uns oft zeitliche Mittel, auf daß wir allein auf ihn hoffen; sonst würde unser Evangelium zu fleischlich. Endlich werden wir obliegen auch in dieser Zeit; denn der Christus, der in uns ist, wird Herr und König bleiben wider allen Trotz der Welt. Wofern wir darum leiden, ja auch sterben, so ist's uns Gewinn. Doch Gott ist getreu; er gibt in der Anfechtung ein Auskommen und läßt uns nicht weiter versucht werden, denn wir wohl ertragen mögen.“

Dies war auch ganz der Sinn, in dem Zürich's Prediger zu ihrem Volke redeten und dieses zu seiner Regierung hielt. Nachdem die Regierung alles Mögliche gethan, um den verhängnißvollen Rechtsgang zu vermeiden, wandte sie sich in einer öffentlichen Kundmachung, die zu Stadt und Land

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vor allen Gemeinden verlesen wurde, an ihr Volk, legte ihr unermüdliches Streben nach Frieden, aber auch die ernste Lage der Dinge offen dar, die es nöthig mache, daß jedermann sich wohl gerüstet halte. Und alles Volk erklärte sich willig und bereit, Leib und Gut einzusetzen zur Behauptung des lautern Evangeliums.

Daher schrieb auch Ambrosius Blaarer an Bullinger: „Heil euch! Unter dem schweren Kreuze ist Zürichs Kirche viel stärker geworden und des Herrn Kraft leuchtet aus der Schwachheit nur desto heller hervor.“

Am 16. März 1533 wurde nunmehr in Einsiedeln der Rechtstag eröffnet. Die Zürcher, lautete die Klage, haben in ihrem Mandat den wahren, christlichen, katholischen Glauben einen unbegründeten, falschen, päbstischen Glauben und die Messe eine Schmälerung und Verkleinerung des Leidens Christi gescholten und also wider den neulich errichteten Landsfrieden gehandelt, in welchem ausdrücklich stehe, sie sollen die Kläger jetzt und hinfort bei ihrem Glauben „ungearguirt und undisputirt“ bleiben lassen. Zürich widersprach und zeigte, wie man da den Landsfrieden mißdeute und mißbrauchen möchte. Die Verhandlungen nahmen die bedenklichste Wendung; man stritt sich mit äußerster Heftigkeit und Leidenschaft. „Nichts steht jetzt gewisser bevor, als der Krieg; Bern rüstet“, schreibt deshalb Bertold Haller aus Bern zu Ende März an Bullinger, und um dieselbe Zeit meldet ihm Capito, daß die Straßburger bei Ausbruch des Krieges mit den fünf Orten zu Roß und zu Fuß den Zürchern zuziehen werden, und daß sie bereits auch den Landgrafen Philipp von Hessen deswegen gemahnt haben.

Auf den zweiten Rechtstage den 22. und 23. April behaupteten die Kläger mit besonderm Nachdruck, Zürich habe ihnen Brief und Siegel gegeben, daß sie den wahren, alten Glauben haben. Zürich antwortete: Nie und nimmer! denn im Frieden steht nicht: Wir von Zürich bekennen uns zu dem u.s.f., sondern: Wir lassen euch bei euerem Glauben bleiben, den ihr alt usw. nennet. Hätten wir ihn auch dafür gehalten, so hätten wir nicht nöthig gehabt uns den unsern vorzubehalten. Daran setzen wir Leib und Gut.

Doch wider Verhoffen kamen endlich nach langen und hartnäckigen Verhandlungen Vergleichsartikel zu Stande, die freilich bittere Demüthigungen für Zürich enthielten:

Erstlich sollen unsere Herren und lieben Eidgenossen von Zürich bekennen, daß sie damals, als sie besagtes Mandat ausgehen ließen, sich nicht besinnt noch bedacht, auch nicht gemeint hätten, daß solches ihren Eidgenossen in den fünf Orten so widrig und nachtheilig wäre; denn, wo sie das bedacht, hätten sie es nicht dergestalt ausgehen lassen. Sie sollen sich auch fürderhin vor solchen den Bünden und dem Landsfrieden nachtheiligen Mandaten hüten.

Zweitens sollen die Zürcher die noch nicht ausgegebenen Abdrücke des

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Mandats zu Handen nehmen und behalten und es in keiner ihrer Gemeinden ferner verlesen lassen.

Drittens soll das abgemeldete Mandat unsern Herren und lieben Eidgenossen von den fünf Orten an ihrem alten christlichen Glauben unnachtheilig sein und keinen Schaden bringen weder jetzt noch in Zukunft.

Viertens soll ein jeder Theil den andern bei seinem Glauben bleiben lassen laut des im Landsfrieden begriffenen, lautern und klaren Artikels.

Ein fünfter Artikel verwahrt beiden Theilen alle ihre hergebrachten Rechte und Freiheiten.

36. Genehmigung des Vergleiches. Ansuchen an die Synode.

Dieser Vergleich fand zwar beim großen Rathe in Zürich vielfachen und ernstlihen Widerspruch:; dennoch wurde er angenommen, da die Aussichten, auf den Fall eines Krieges allzu ungünstig erschienen und sonach kein anderer Ausweg blieb. Jetzt entstand aber eine neue Besorgniß; man mußte bei der Bürgerschaft und in manchen Landgemeinden großen Unwillen gewärtigen; darum suchte man dem Sturm vorzubeugen, die Geistlichkeit zu gewinnen und durch sie das Volk zu besänftigen.

Nun war eben zu Anfang Mai (1533) die gewöhnliche halbjährliche Versammlung der Synode. Der Bürgermeister Walder berichtete im Namen des Rathes den Verlauf des ganzen Streites, gestand offenherzig, daß ihnen (den Räthen) selbst die Vergleichsartikel nicht gefallen, daß aber die Umstände, namentlich die Besorgniß eines gefahrvollen Krieges, die Uneinigkeit der evangelischen Stände u.s.f. sie dazu gezwungen hätten, und bat dann die Prediger, dieses Vergleiches halben die Gemeinden zu begütigen, da ja der Glaube vorbehalten wäre und die Artikel einen leidlichen Sinn hätten; sie sollen aus allen Kräften jedem Aufruhr, Zank und aller Unruhe vorbeugen.

Nach diesem Vortrage traten die Räthe ab und die Synode beriet sich. Sie fand für nöthig, sich hierüber am folgenden Tage vor dem großen Rathe gründlich zu erklären. Sie ordnete dazu die Stadtprediger und die sieben Land-Dekane ab. Jhnen wurde beigegeben der straßburger Prediger Martin Butzer, welcher sich eben in Zürich befand, und auf seinen Wunsch nebst seinem Begleiter Doktor Bartolomeo Fontio aus Venedig Zutritt zur Synode erlangt hatte. Bullinger, der im Namen Aller das Wort zu führen hatte, sprach nach einigen ehrerbietigen Einleitungsworten:

„Wir besorgen allerdings, gnädige Herren! die Vergleichsartikel, welche ja auch euch nicht gefallen können, werden uns künftighin viel Unruhe bringen und euch zunächst nicht zur Ehre dienen. Jhr waret längere Zeit den Gläubigen ein Vorbild der Redlichkeit und Beständigkeit; darum dauert uns jetzt sehr, daß ihr so schwach und blöde geworden diese Artikel anzunehmen, die in vieler Hinsicht zu schelten sind. Unserthalben könnt ihr ruhig sein;

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gerne wollen wir das Beste zu der Sache reden und die Artikel milde auslegen. Aber nicht auf unser Begütigen und Auslegen wird's ankommen, sondern darauf, wie unsere Gegner sie erklären. Auch ist der Buchstabe an sich selbst so klar wider uns, daß wir wahrlich nicht wissen, wie man ihn füglich anders auslegen möge als er lautet. „So ihr gedacht hättet, steht ausdrücklich, daß euer Glaube den fünf Orten so widrig, so hättet ihr das Mandat nicht also ausgehen lassen.“ Was heißt das anders, als die fünf Orte höher achten als Gott und unseren wahren Glauben? Wir müssen dies für einen nicht geringern Fall achten, als Petrus gethan.“

Jetzt unterbrach ihn ein lautes Gemurmel; etliche Rathsglieder riefen ihm bitter zu, nirgends habe man den Glauben verläugnet; niemand sei des Sinnes; die Geistlichkeit aber wolle noch Aergeres anrichten, so daß noch mehr Unheil erfolgen und Aufruhr entstehen werde. Andere Rathsherren verlangten, man solle ihn doch ausreden lassen. Bullinger fügte bei: „Unruhe begehren wir nicht, sondern nur euch anzuzeigen, wie man Aufruhr des gemeinen Mannes verhüten und die Sache aufs glimpflichste erledigen möge; verhöret uns doch gütig.“ Als nun wieder Stille ward und der Bürgermeister sprach: „Hört, liebe Herren!“ und: „Sagt Jhr weiter Euer Anliegen!“ fuhr er fort:

„Das ist unser Anliegen allzumal; uns Allen ist's ein großer Kummer, daß ihr, gnädige Herren! in einer Sache, die den Glauben und das Wort Gottes betrifft, die eine kirchliche Angelegenheit ist, euch so gar vertieft habet, daß ihr selbst ein Mißfallen daran traget. Da es nun aber einmal geschehen und nicht mehr zu ändern ist, so bezeugen und erklären wir hiermit feierlich vor euch, daß wir dadurch in unserm Kirchendienste nicht wollen verstrickt sein, sondern wie wir in der Synode den Eid geleistet, auch fürhin wie bisher mit aller Bescheidenheit fortfahren zu predigen ohne Rücksicht auf diese Vergleichsartikel und von der Messe und Anderem zu reden, wie Gottes Wort vermag und sich gebührt. So aber euch, gnädige Herren! bedünken würde, daß wir damit eure Stadt und Land verderben und in Krieg stürzen wollten, so ist es uns viel lieber, daß ihr uns in Gottes Namen hinziehen lasset, wohin ein jeder mag. Denn wir können nicht mit gutem Gewissen uns im Predigen durch solche Artikel binden lassen.

Was aber die Beschwichtigung des Volkes gemeldter Artikel halben betrifft, so wollen wir gerne, so viel uns möglich und gebührlich, unser Bestes thun. Doch wird viel mehr auf euch ankommen, die ihr besser beschwichtigen möget. Wir hoffen indeß, wenn ihr auf folgende Punkte eingehet, so werde die Sache sich von selbst legen und jedermann erkennen, daß ihr treulich handeln wollet am Worte Gottes und an der Kirche.

Zum ersten wird nothwendig sein, daß ihr, gnädige Herren! all eurem Volke zu Stadt und Land klar darthut, daß durch diesen Vergleich unser wahre

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christliche Glaube nicht abgeschwächt sei, sondern in aller Kraft bestehe, und alle eure Mandate ungeschwächt und vollgültig bleiben.

Zweitens, daß ihr euren Vögten und Amtleuten nachdrücklich einschärfet, sie sollen Ernst zeigen, damit alle Mandate besser als bisher befolgt und beschirmt werden, und man eine wirkliche Besserung sehe.

Drittens, daß ihr, gnädige Herren! euch in einer Sache, die den Glauben und die Kirche betrifft, nicht mehr also vertiefet, sondern vielmehr bedenket, daß solche Sachen nicht sollen gerichtet werden nach Gutdünken der Menschen, sondern nach dem Worte Gottes [17].

Viertens endlich, daß ihr überall in den gemeinen Herrschaften den armen wegen des Gotteswortes bedrängten Leuen treulich , so viel nur immermöglich, rathet und helfet, daß sie nicht vom Worte Gottes weggedrängt werden.

Hierdurch hoffen wir, werde diese so gefährliche Sache minder nachtheilig. Wir bitten euch um Gottes Willen, ihr wollet diese Antwort der ganzen Synode in Gnaden aufnehmen. Wir meinen es von Herzen gut und wollen gern nach all unsern Kräften eure Ehre und euer Wohl fördern. Haltet treu und standhaft am Gotteswort. Gott aber erhalte euch gnädiglich durch unsern Herrn Jesum Christum und erbarme sich unser Aller!“

Hierauf nahm Butzer das Wort und ermahnte den Rath in einer ausführlichen Rede zum Festhalten an der Wahrheit. Da er aber sah, daß man über seinen ausgedehnten Vortrag unwillig ward, brach er ab und schloß mit den Worten: „Gnädige Herren von Zürich! Jhr habt viel Gnaden von Gott empfangen, ihr habet mehr gethan und gelitten, als zu dieser Zeit irgend ein Volk in der Christenheit; darum so behaltet euer gutes Lob und seid beständig an Christo, der euch erhalten wird!“

Die Verhandlung des Rathes über Bullingers Vorschläge dauerte gar lange. Endlich erschienen beide Bürgermeister und die obersten Meister und brachten den Predigern die Antwort: „Wir haben dermalen, das weiß Gott im Himmel, nicht anders thun können als leider den Vergleich annehmen. Wir thaten's in bester Meinung; hätten wir jenen genügen wollen, so hätten wir noch viel mehr nachgeben müssen. Wir thaten's nur darum, daß wir möchten bei der Wahrheit, dem Gottesworte und bei Frieden und Ruhe bleiben, und alle die Unsrigen, nach unserer Schuldigkeit, vor größerem Leid behüten. Deshalb geht es uns Allen nahe, daß wir an eueren Reden haben hören müssen, daß ihr uns übel trauet, ja gar einen Abfall besorget, welcher uns doch, Dank der Gnade Gottes, nie in den Sinn gekommen. Wir sind

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des festen, unverrückten Sinnes und Herzens, bei angenommener und erkannter Wahrheit mit Gottes Hülfe bis an unser Ende zu verharren und davon nimmermehr zu weichen. Wir befehlen euch daher, daß ihr das Wort Gottes treulich und mit aller Bescheidenheit, laut beider Testamente und eueres Eides, frei verkündet und niemand, wo es die Noth erfordert, verschonet. So wollen wir dann auch unserseits die von euch vorgeschlagenen Punkte in allen Treuen, so viel uns möglich, auszurichten beflissen sein. Nochmals bitten wir euch, helft uns, daß man möge bei Ruhe und Frieden bleiben. Betrachtet doch, wie großes Heil es einem Volke bringt, wenn Obrigkeit und Prediger zusammen stimmen und einander helfen, daß es recht geleitet werde.“

Nun dankten die Prediger herzlich für diese freundliche Antwort; sie versprachen, bei diesem christlichen Vorhaben ihrer Obrigkeit wollten sie zu dem guten Werke nach ihrem besten Vermögen mithelfen und Gott bitten für Stadt und Land um seinen Segen, Schutz und Schirm.

Wir sehen, wie tief auch die Demüthigung des zuvor so ruhmreichen Zürich ging, Eins blieb unentwegt: der evangelische Glaube, ja er ward gestählt in der Trübsal. Wir sehen aber auch, wie viel Entschlossenheit, Muth und Beharrlichkeit es brauchte, um dessen Kundgebung und Pflege unverkümmert zu behaupten.

37. Bullinger als Friedensstifter unter den evangelischen Ständen.

Noch gab es in den eidgenössischen Verhältnissen so Vieles, was den Bestand des Evangeliums gefährdete und sein Gedeihen hinderte. Fest zusammen haltend sehen wir die fünf oder alsbald sieben katholischen Kantone auftreten und entschlossen eingreifen, dagegen bei den evangelischen Zersplitterung und Unsicherheit; jeder der letzteren hatte mit seiner eigenen Noth zu kämpfen. Betrübend für ein protestantisches Herz war aber zumeist die Entfremdung, die zwischen Zürich und Bern eingetreten war durch den unglücklichen Krieg, in welchem sich der bernische Heerführer, der wirklich nachgerade Bern verließ und zur römischen Kirche zurück trat, mehr als zweideutig gezeigt hatte. Die Mißstimmung machte sich in Allem fühlbar. Niemand empfand aber diesen Zwiespalt schmerzlicher als Bullinger. Während die Staatsmänner grollten, stand er mit seinem lieben Bertold Haller, der ihn über Alles um Rath fragte, in stetem Briefwechsel und arbeitete unablässig an einer Aussöhung und Wiedervereinigung. Doch lange vergebens. - Freunden und Gegnern waren gewisse Ungleichheiten besonders auffallend; jenen erschienen sie anstößig, diesen lächerlich, namentlich in Betreff des Ave Maria, des Todtenläutens, der Aposteltage. Zürich hatte davon mehr beibehalten. Wenn nun die Gesandten aller Kantone Tagsatzung hielten und das Ave-Maria-Glöcklein ertönte, so

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fielen die Zürcher gleich den Katholischen auf die Kniee und bekreuzten sich, die Berner blieben aufrecht stehen, was den Gegnern begreiflich zu spöttischen Bemerkungen Anlaß bot. Jn Zürich sagten die Prediger eben so das Ave Maria nach früherer Sitte noch immer nach dem Eingang der Predigt her, indem man es nicht für unbliblisch hielt; in Bern unterließ man dies [18]. Ebenso fand Ungleichheit Statt in Behandlung der Ehesachen. Einstweilen kam es nicht einmal darüber zur Verständigung. „Hier in Zürich ist nichts anzufangen,“ schreibt Bullinger zu Ende 1532 schmerzlich bewegt an Myconius, „niemand traut dem Andern; wir sind nicht mehr zusammen zu bringen. Wahrlich, wahrlich, es ist die letzte Zeit; die Strafe des Herrn naht; es ist, wie's scheint, um uns geschehen! Doch laß werden dürfen wir nicht; noch müssen wir für's liebe Vaterland Alles versuchen, zumeist aber Gott recht herzlich anruen, daß er sich über uns erbarme, daß er uns helfe; das trau ich ihm auch treulich. O ließe er doch wieder Friede werden, wie's vormals war. Sonst sehe ich bei der Welt wenig Redliches; heuteso, morgen so!“ Durch Myconius wirkte Bullinger namentlich auf den eben erwähnten Bürgermeister Meier in Basel und versah ihn mit den genauesten Rathschlägen und Aufschlüssen über die Art, wie durch ihn die für die Sache des Evangeliums so unendlich wichtige Annäherung an Bern in Zürich zu betreiben sei. Er selbst that auf und neben der Kanzel kräftig das Seine, mochte er auch bei Manchen hart anstoßen und Bitteres dabei erfahren. „Sei nicht in Aengsten, lieber Myconius,“ schreibt er zu Anfang des folgenden Jahres, „als ob ich kleinmüthig würde. Soll ich fernerhin unter diesen Leuten leben, die ich doch größtentheils nicht für ganz gottlos halten kann, und hier das Evangelium predigen, oder aber in Tod und Verbannung gehen, nichts will ich ihnen vorenthalten, sondern ein treuer Wächter sein, wie du christlichen Sinnes mich dazu ermunterst. Jch will für und für zu Gottseligkeit und standhafter Treue ermahnen, die Gottlosen und ihre Laster bestrafen, so viel der Herr, zu dem ich flehe, mir Kraft verleiht und ich's durch seine Gnade vermag. Mehr kann ich nicht thun. Ganz und völlig aber anbefehl' ich mich dem Herrn, indem ich ihn inbrünstig bitte, daß er mich kurzsichtigen und schwachen Menschen zur Ehre seines heiligen Namens gebrauchen möge. Bet auch du für mich, lieber Bruder, und steh mir bei mit gutem Rath. Das ist meine Hoffnung, uns Verachteten und Verstoßenen werde dereinst der Herr Jesus zu Hülfe kommen und Alles, was wir ersehnen, uns reichlich schenken, sei's in dieser, sei's in der künftigen Welt.“

Nicht lange w“hrte es, so konnte er ihm freudiger schreiben: „Nur nicht laß werden! Der Grund ist gelegt und Hoffnung ist da zu völliger Einigung;“ und dann wieder: „Gegen Bern ist man in Zürich ganz gut

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gestimmt. Wir verzagen nicht; von der Gnade des Herrn hoffen wir nachgerade Besseres. Einmal hat er uns erniedrigt; er wird uns auch wieder erhöhen, wenn er's gut findet. Wiewol wir keine Erhöhung begehren, als nur daß wir der Tyrannei gewisser Dränger los würden. Doch es geschehe der Wille des Herrn! Bitte ihn für uns.“

Endlich gelang es im März 1534 durch den Freund Bullingers, Lavater, Landvogt in Kyburg, und den bernischen Landvogt in Lenzburg unter Billigung ihrer Regierungen Schritte zur Annäherung zu thun; nun wurden auf Bullingers Antrieb die bernischen Amtleute im Aargau von Staatswegen nach Zürich eingeladen, hier und in Kyburg drei Tage lang aufs glänzendste bewirthet; sie kehrten alsdann mit schriftlichen Vorschlägen Bullingers zurück über die weitere Vollführung der begonnenen Vereinigung. - Eine Folge davon war die Ausgleichung der oben berührten Verschiedenheiten in  einzelnen kirchlichen Dingen, namentlich aber eine Vereinigung der fünf evangelischen Kantone über gleichmäßiges Verfahren in Ehesachen. Bezeichnend ist es für die Anschauung jener Zeit und wohl noch immer beachtenswerth innerhalb der evangelischen Kirche, daß von der Ehescheidung in diesen Satzungen nicht wie von einem preiswürdigen Rechte des evangelischen Staates gesprochen wird, vielmehr mit tiefem Bedauern als von einer zwar berechtigten, aber bloß nothgedrungenen Rücksichtnahme auf die annoch vorhandene Blödigkeit der Menschen zur Vermeidung ärgeren Unheiles.

Jene Dränger, von denen Bullinger oben redete, die römisch Katholischen einerseits, die Wiedertäufer andererseits, waren es, die das Evangelium in Solothurn in die äußerste Gefahr brachten und endlich verdrängten, so daß nicht bloß aus der Stadt, sondern auch aus mehr als dreißig Landgemeinden ihre evangelischen Prediger nebst Hunderten von beharrlichen Bekennern des Evangeliums vertrieben wurden. Nur das festeste Zusammenwirken Berns und Zürichs hätte dieses schwere Unheil verhüten mögen. Jetzt war dies leider nicht mehr gut zu machen.

Jene Dränger waren es auch, vor denen in der Grafschaft Baden, im Thurgau, im Gebiete des Abtes von St. Gallen die evangelischen Prediger täglich und stündlich um ihr Leben besorgt sein mußten. Hatte doch der Hofmeister des letztern, wie der Pfarrer von Berg bei Rorschach wehklagend und Schutz suchend an Bullinger schrieb, offen heraus gesagt: es bessere nicht bis sein gnädiger Herr vier oder fünf Prediger in einen Thurm setze und ihnen dann eine Platte schere, daß die Köpfe an den Weg fallen, das Blut aber über sich springe.

Jener Dränger halb schwebte das ganze Land in solcher Gefahr, daß Bullinger gegen Ende des Jahres 1533 an Myconius schrieb: „Wahrlich, wahrlich, Alles droht unserm Vaterlande den Untergang; o möge Gott seine Heiligen erlösen aus all ihrem entsetzlichen Elend! Doch es geschehe der Wille des Herrn. Wir thun eifrig das Unsere und nicht ganz umsonst, aber

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freilich nicht so viel, als wir gerne möchten. Mögen übrigens noch so Viele an Zürich verzweifeln, - ich verzage doch nicht. Gibt es auch im Rathe deren, die nach beiden Seiten hinken, mehr als der Sache Christi gut ist, so ist doch rein und fest der Sinn der Gemeinde.“

Was aber die Unsicherheit erhöhte, den Sinn der Gemeinden, zumal der jüngeren Leute, am meisten bedrohte und darum Bullingers Gemüth vielfältig beängstigte, war das stete Drängen berühmter Söldlingsführer, deren Etliche Zürichs Bürger gewesen, zu Kriegszügen in fremdem Solde; Ruhm und Sieg, Gewinn und Abenteuer schimmerten so lockend der waffenkundigen Jugend entgegen trotz Allem, was das ernste Evangelium gegen des Krieges Jammer, gegen unchristliches Blutvergießen und seelengefährdendes Kriegerleben einwandte. Nur der festeste Wille der Obrigkeit konnte da der erkannten evangelischen Wahrheit Nachdruck verleihen, und diesem größten Feinde, der im Schweizerlande dem wahrhaft christlichen Sinne und Leben sich entgegen stemmte, siegreich widerstehen. Eben auch dafür aber war Zürichs erneuete Befreundung mit Bern von Wichtigkeit und geraume Zeit von großem Segen.

Doch sehen wir nun, wie Bullinger mitten in den Wirren dieser unsichern Zeiten an den Ausbau der evangelischen Kirche, an ihrer festen Gestaltung arbeitete.

 

 

Zweiter Abschnitt.

Kirchliche Gestaltung. Bullingers Wirksamkeit zum Ausbau und zur Leitung der zürcherischen Kirche und Schule.

38. Rettung des Stiftes zum Großmünster.

Wie Bullinger einerseits bemüht war, mit aller Kraft und Beharrlichkeit dem Pabstthum, das offen und geheim überall wieder nach Alleinherrschaft rang, zu widerstehen und das heiß errungene Evangelium nicht zurück drängen zu lassen; so erwarb er sich andrerseits um den Ausbau der erneuerten Kirche, um ihre weitere Gestaltung und innere Ordnung die größten Verdienste.

Vor Allem aus war hiefür von Wichtigkeit die Heranbildung tüchtiger Kräfte zum Dienste der Kirche. Hiefür aber kam es wesentlich an auf weise Verwendung der ökonomischen Kräfte des Chorherrenstiftes zum Großmünster, das vor der Reformation eine Menge müssiger Priester genährt hatte (es waren 24 Chorherren und 36 Kapläne), dann aber unter Zwingli's Leitung dem Zuge der Reformation gefolgt war und 1523 eine gänzliche Umgestaltung im evangelischen Sinne erfahren hatte (s. Christoffels Zwingli Abth. 1,

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S. 95). Freiwillig verzichteten damals die Stiftsherren auf ihre weltlichen Gerichte und Hoheitsrechte, hinwieder wurde ihnen die selbständige Verwaltung der Stiftsgüter zugesichert unter der Aufsicht des Staates und mit der Verpflichtung, daß den ursprünglichen Zwecken der Stiftung gemäß wirkliche Kirchendienste für die zugehörigen Stadt- und Landgemeinden daraus sollten bestritten, eine „ehrsame, wohlgelehrte, züchtige“ Geistlichkeit aufgezogen und ein ziemlicher Theil des Gutes für die Armen solle verwandt werden. Die Jnhaber der Pfründen wurden mit Schonung behandelt, nicht gemäß den Gelüsten etlicher Wiedertäufer, welche radikal genug sie ohne Weiteres verstoßen wollten; auf Lebenszeit verblieben sie im Genusse ihrer Einkünfte. Während die einen derselben zu den freudigsten Bekennern des Evangeliums gehörten, gab es, als Bullinger, zum Pfarrer gewählt, in ihren Kreis eintrat, noch etliche, die sich nie mit Zwingli befreundet hatten. Bullinger kam ihnen mit vieler Achtung und Freundschaft entgegen, er ehrte sie wie Väter, bot ihnen Bücher dar und forderte sie auf, wo ihnen in seinen Predigten etwas anstößig vorkäme, es ihm freimüthig zu sagen; gerne wolle er sich dann näher über solche Punkte mit ihnen besprechen. Schon dadurch gewann er ziemlich ihre Herzen. Jndeß bot sich ihm alsbald Gelegenheit, ihnen noch einen größern Dienst zu leisten, mit voller Ueberzeugung, und eben damit zugleich das Gedeihen der Kirche, zumal ihrer Lehranstalt bedeutend zu fördern.

Als nach dem Unfall bei Kappel von vielen Stimmen, wie wir früher vernommen, alles Unheil den Geistlichen beigemessen wurde, rieten Etliche der Gewaltigen im Rathe dazu, daß man die Unkosten beim Stifte suche und daraus die Schulden des Staates tilge, die um des Krieges willen gemacht worden. Noch immer sei der Einfluß der Geistlichen zu groß, klagten diese Lüsternen, und brachten die alten Klagen über Müssiggang, Vergeudung, Willkür und Habsucht der Stiftsherren aufs neue vor, Klagen, die vordem wohl begründet, nun aber, seit Alles unter der Aufsicht der Obrigkeit stand, unbillig und lieblos waren. Bereits wurde ruchtbar, wie nun die unentbehrlichsten Pfarr- und Lehrstellen mit geringer Besoldung beibehalten, sonst aber alle Häuser, Gärten, Felder, Wiesen, Weinberge, Renten, Gülten und übrigen Einkünfte des gesammten Stiftsgutes „vom Staate zu seinen Handen gezogen werden sollen.“

Die Mitglieder des Stiftes indeß, wie sie inne wurden, was man beabsichtigte, entschlossen sich, das Jhrige zu thun zur Erhaltung dieser kirchlichen Stiftung. Vier von ihnen Abgeordnete, Bullinger an ihrer Spitze, erschienen am 17. Febr. 1532 vor dem versammelten großen Rathe, und er eröffnete in einem eben so ruhigen und bescheidenen, als freimüthigen und muthigen Vortrage ihre Beschwerden. Gründlich und einfach lehnte er die erhobenen Beschuldigungen ab. Dann aber stellte er aufs augenfälligste das Unheilvolle des obschwebenden Schrittes dar: „Eben dem Evangelium, das ihr unter euch zu haben und zu fördern wünschet und um deswillen allein ich heute hier vor euch

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stehe und zu euch rede, würde daduch der stärkste Stoß versetzt, wenn ihr dieses so alte und stattliche Stift schwächen oder zerstören wolltet. Jetzt ist es ja reformirt und wird zum Dienste der Kirche und für das Studium der schriftmäßigen göttlichen Wahrheit verwendet. Gerade das zähle ich zu den edelsten Vorzügen der alten christlichen Kirche in den ersten Jahrhunderten, daß sie so treffliche Schulen besaß zur Bildung christlicher Lehrer, z.B. in Antiochia und Alexandria [19]. Wie viele von den Abirrungen des Pabstthums sind aus Unwissenheit eingeschlichen! Wollt ihr nicht wieder in den alten Jrrthum und unter des Pabstes Gewalt zurück sinken, so seht euch bei Zeiten vor. Bei 130 im Worte Gottes wohl unterrichtete Männer solltet ihr haben für den Dienst der Kirchen in eurem Gebiete. Wo will man die finden, wenn sie nicht mit der Zeit hier in Zürich herangebildet werden? Oder wie möget ihr ein recht gottesfürchtiges und gehorsames Volk haben ohne Gottes Wort? Wie groß aber dermalen dahier bei euch der Mangel ist an solchen gelehrten, weisen und erfahrenen Zeugen, das wisset ihr selbst. Bedenket, daß eure Vorfahren viele und schwere Kriege geführt, dabei aber allezeit das Stift unangefochten gelassen haben. Ja, die Feinde des Evangeliums, wie ein Faber, Eck und Murner, die würden triumphiren und in der ganzen Welt es ausposaunen, wenn ihr selbst das von euch aufgerichtete und im Drucke ausgegebene Vorkommniß, durch das ihr so oft und feierlich dieser herrlichen Stiftung ihren Fortbestand zugesichert habet, brechen würdet. Jedoch bitten wir euch ferner wie bis dahin treue Pfleger aus eurer Mitte abzuordnen, die sammt den vom Stifte dazu Bestellten über gewissenhafte Verwaltung der Güter wachen und zum Wohle der gesammten Kirche das Beste rathen.“

Diese kräftige und einleuchtende Ansprache wurde günstig aufgenommen, sie bewahrte die Obrigkeit vor der bedenklichen Klippe eines Wortbruches, der zugleich eine auffallende Abweichung von ihrem bisherigen Verfahren und eine grelle Verletzung von Zwingli's gewissenhaften Grundsätzen in sich geschlossen hätte. Der Entscheid fiel dahin aus: Das Stift soll dem Verkommniß gemäß bleiben, doch mit der Bestimmung, daß von Keinem mehr als eine Chorherrenpfründe bezogen werden dürfe; alle unter verschiedenen Titeln bisher mit einzelnen verbundenen Nebenpfründen, sodann die durch das Absterben bisherigen Jnhaber erledigten Einkünfte sollen für die Prediger, zu denen auch die der umliegenden Filialkirchen gerechnet wurden, sowie für die Leser (Professoren), Lehrer, Schüler und Studien, das sogenannte „Studentenamt“, verwendet werden.

Damit war der theologischen Wissenschaft für drei Jahrhunderte ihre Freistätte in Zürich gerettet, und das gedeihliche Aufblühen einer

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Pflanzschule von evangelischen Glaubenszeugen für einen großen Theil der östlichen Schweiz ermöglicht. „Ja, jetzt erkenne ich“, schreibt daher Bertold Haller an Bullinger bei der Nachricht von diesem Vorgange, „daß du in Zürich noch nöthiger bist als in Bern.“ Das wenig bebaute und kärgliche Feld bedurfte indeß der treuesten Pflege und des sorgsamsten Schaffens von Seiten unseres Bullinger.

39. Bullingers Förderung der zürcherischen Schulanstalten.

Wie der Baum, der gedeihen und reichliche Frucht bringen soll, seine Wurzeln tief in den Boden der Erde treiben muß, um immer neue Säfte an sich zu ziehen und in das Seinige zu verarbeiten; so nothwendig ist es jeder evangelischen Kirche zu ihrem gedeihlichen Fortbestehen, immer wieder jüngere Kräfte aufzunehmen, an den Quellen des heilbringenden Gotteswortes zu tränken und dadurch zu ihrem Dienste heranzubilden. Bullingern, der selbst Schulmann gewesen und seine glückseligsten Jahre in jugendlich frischer Wirksamkeit in Kappel zugebracht hatte, lag diese Heranbildung ganz vorzüglich am Herzen. Der Gedanke, den schon Zwingli gefaßt, daß es unerläßlich sei, durch eine tüchtige Schule hier in Zürich das Licht des Evangeliums zu wahren, war völlig der seinige. Was aber die stürmischen Zeiten seines Vorgängers nur theilweise zugelassen, sollte durch ihn nun vollständiger aus- und durchgeführt werden, damit „eine ehrsame, wohlunterrichtete und züchtige“ Geistlichkeit auferzogen werde. So war es ihm vergönnt, was die Brüder des gemeinsamen Lebens noch in den hemmenden Fesseln des Pabstthums unter ungünstigen Umständen erstrebt hatten, hier unter weit günstigern Verhältnissen im hellen Lichte evangelischer Wahrheit ins Werk zu setzen. Einheimische Prediger in hinreichender Zahl heran zu ziehen, schien ihm in der Eidgenossenschaft um so dringender, da die im Lande Gebornen eher wüßten, „was Liebs und Leids die Eidgenossen mit einander erlitten, bis sie zu dieser herrlichen Freiheit gekommen, und desto eher nach Ruhe und Einigkeit trachten würden; es auch leichter wäre ihnen im Fall eines Fehlers einzureden.“ Zudem hatte ja die zürcherische Regierung nach dem letzten Kriege versprechen müssen, sich vor den weniger rücksichtsvollen Ausländern zu hüten, wobei indeß keineswegs Bullingers Meinung war, daß nicht auch Fremde hier Bildung und Anstellung finden könnten. Noch ein Grund, weshalb er nöthig fand, daß Zürich für die Bildung tüchtiger Prediger das Möglichste thue, lag in der Rücksichtnahme auf die Glaubensbrüder in den gemeinen Herrschaften, da diese nicht vermochten, aus eigenen Kräften solche sich zu verschaffen, auf politischem Wege ihnen ja so wenig zu helfen war, und von Zürich aus fast nur dies Eine, aber freilich auch Wichtigste für sie sich thun ließ, wackere Boten

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des Evangeliums zu erziehen, damit sie der himmlischen Nahrung nicht ermangeln müßten.[20]

So sehen wir nun Bullinger, da er an Zwingli's Stelle oberster Schulherr geworden, unermüdlich wirksam zur Förderung sowohl der höheren theologischen Lehranstalt, als auch der gesammten auf die vorbereitenden Schulbildung. Gleich im März 1532 wurde, wie oben erwähnt, Theodor Bibliander (Buchmann) angestellt für die theologische Professur, die Zwingli neben all seinen übrigen Geschäften in den letzten Jahren versehen hatte; man erkannte, daß es zu viel wäre, sie auch noch auf die Schultern des Pfarrers zu legen. Bullinger selbst gehörte zu den fleißigsten Zuhörern des als Schriftausleger ausgezeichneten Bibliander. Er wisse nicht, schreibt Bullinger von ihm, ob ihm jemand an Gelehrsamkeit, Verstand und Freundlichkeit vorzuziehen sei. Noch sind fünfundvierzig eigenhändige Hefte vorhanden, die er in seinen Vorlesungen niederschrieb. Auch sonst wohnte Bullinger häufig den Collegien bei, nicht sowohl um selbst zu lernen, als um durch sein Beispiel und seine Gegenwart Lehrer und Lernende zu desto emsigeren Studien zu ermuntern. Freilich unterschied sich überhaupt die damalige Zuhörerschaft bei diesen theologischen Vorlesungen wesentlich von denen unserer Tage. Da sah man neben den Jünglingen gereifte Männer, die entladen der Verdunkelung nun erst im Worte Gottes ihre rechte Erleuchtung suchten, um zum Dienste evangelischer Kirchen tüchtig zu werden; auch Greise saßen da, indem alle Glieder des Stiftes und geistlich Genannten verpflichtet waren, jeden Morgen der an die Stelle des unerquicklichen Chorgesangs getretenen Vorlesung und Erklärung eines Schriftabschnittes beizuwohnen.

Auf Schriftauslegung nämlich war vor Allem das Augenmerk der evangelischen Theologie gerichtet und mußte es sein. Daß die Schrift ausgelegt werden müsse, hatte man den Wiedertäufern gegenüber schon so oft und nachdrücklich festgehalten; daß sie aber aus und durch sich selbst gemäß den Grundsprachen müsse erklärt werden, war der römischen Kirche und ihren Satzungen gegenüber aufs entschiedenste festgestellt worden. Nun galt es, damit Ernst zu machen, da stets tiefer einzudringen und von da aus über alle Fragen des christlichen Glaubens und Lebens immer vollständiger zur Klarheit und Wahrheit hindurch zu dringen. Daher hielt auch Bullinger vor Allem auf gründlicher Schriftkenntniß, auf genauer Aneignung der dazu nöthigen Sprachkenntnisse, und legte bei den jährlichen Schulprüfungen, denen er immer beiwohnte, und namentlich bei den theologischen Prüfungen, die er allezeit bis an das Ende seines Lebens selbst vornahm, darauf großes Gewicht.

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Wie weit und groß aber der Kreis der daran sich anschließenden und der Kirche dienlichen Kenntnisse seinem Urtheil gemäß sein mußte, sahen wir früher schon bei seiner Anleitung zum theologischen Studium, die er für Werner Steiner verfaßte, und werden es auch weiterhin wahrnehmen; neben den philosophischen und geschichtlichen Studien schloß er auch die Naturwissenschaften, die Mathematik und die neueren Sprachen nicht davon aus.[21]

Er selbst entwarf die gesammte Schulordnung, die ein wohlthuender Geist der Milde und väterlichen Ernstes durchweht. Mit gleicher Treue sorgte er darin für die Professoren und Lehrer, die Studierenden und Schüler. Alle wurden zu Ostern einer strengen Censur unterworfen. Jedem waren seine Pflichten genau vorgezeichnet, so daß er bestimmt wußte, was man von ihm erwartete. Mit Würde und Ernst hielt Bullinger Alle zu gewissenhafter Pflichterfüllung an. Unter seiner unmittelbaren Aufsicht stand die theologische Lehranstalt, von Alters her zu Ehren Carls des Großen Carolinum (Carlsschule) genannt, die anfangs nur vier Professoren zählte, und die Studierenden. Dem Gymnasium stand ein „Schulmeister“ (Rektor) vor, dem ein Provisor (Conrektor) untergeben war nebst etlichen Lehrern. Bullinger aber bekümmerte sich auch hier um jeden einzelnen Schüler.

Gehorsam und fleißiger Besuch des sonntäglichen und täglichen Gottesdienstes ist das Erste, was von jedem Zögling gefordert wurde; sodann unausgesetzter Fleiß, sowohl in als neben den Lehrstunden, fleißiges Aufzeichnen und Wiederholen des Vorgetragenen, pünktliche Lösung der Aufgaben, reichliche Uebung im schriftlichen und mündlichen Ausdrucke; niemand darf auf den Gassen müssig stehen in den Tagesstunden, die heiliger Maßen der Arbeit zu widmen sind. „Weil aber,“ heißt es sodann, „Gelehrtheit ohne Zucht und Ehre nichts gilt und nichts ist“, wird ein züchtiges, ehrbares, mäßiges Leben erwartet; vor Schlemmen, Prassen, nächtlichem Schwärmen, Tanzen, üppiger Kleidung, Verkehr mit lüderlicher Gesellschaft muß jeder sich wohl hüten, der sich nicht der Rüge und weiterer Bestrafung will aussetzen. Wo's sein muß, wird bestraft mit Wort, Ruthe, Gefängniß und endlich Wegweisung, „wiewohl gewünscht wird und jedem doch besser ansteht, daß er des Gehorsams und Fleißes, der Frömmigkeit und Tugend vielmehr aus Liebe und freiem Willen sich befleiße, denn der Strafe wegen.“ Die Lehrer haben, zumal in den untern Klassen, auf die Fähigkeiten der Schüler genau zu achten, damit Unfähige alsbald entfernt werden.

Auch für die äußeren Erfordernisse wurde auf Bullingers Antrieb und Rath das Nöthige gethan, die vorhandene Stiftsbibliothek wesentlich vermehrt, zunächst durch den Ankauf von Zwingli's Büchervorrath, sodann

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durch fortgehende Anschaffungen; auch zweckdienliche Hörsäle und Lehrzimmer wurden eingerichtet, und den Lehrern des Gymnasiums solche Häuser zur Wohnung angewiesen, in denen sie füglich Raum hatten, eine Anzahl von Schülern in Kost zu nehmen.

Dies führt uns aber nothwendig auf

40. Bullingers Sorge für Stipendien.

Als eine unerläßliche Sache betrachtete Bullinger die geregelte Unterstützung der Schüler und Studierenden durch Geldmittel. Die erneuerte Kirche nämlich bot ihren Dienern nicht mehr Ehre, Gewinn und bequeme Ruhe wie zuvor die päbstliche, sondern nicht viel Anderes als Arbeit, Mühe und Gefahr bei spärlichem Auskommen. Begreiflich, daß die einen Eltern, wie Bullinger bemerkt, keine Lust hatten ihre Söhne dafür hinzugeben, andere aber, denen es an Muth und innerem Trieb nicht fehlte, die nöthigen Mittel gebrachen zur Bestreitung der Unkosten, zumal bei den vielfach gesteigerten Anforderungen.

Schon 1527 ward daher ein kleiner Fond, das „Studentenamt“, zu diesem Zwecke angelegt, doch so gering waren anfangs die Einkünfte, die zur Verfügung standen, daß man nur drei Stipendiaten ein wenig unterstützen, sodann nach zwei Jahren ihre Jahrgelder etwas erhöhen konnte. Jhre Zahl stieg hernach auf vier, 1532 nun in Folge des oben erwähnten Rathsbeschlusses auf sechs. „Sechs Stipendiaten hat eure Kirche,“ schrieb Capito damals an Bullinger, „sechzig solltet ihr haben!“ Wie weit war aber Zürich hiervon entfernt; dies erschien wie eine baare Unmöglichkeit. Und siehe da, durch weise Sparsamkeit, treue Verwaltung und sorgsame Verwendung der allmälig durch Absterben erledigten Pfründen gelangte die zürcherische Kirche dahin, daß gegen die Mitte des Jahrhunderts die Gesammtzahl ihrer Stipendiaten  sogar achtzig betrug. Bullinger war es, der mit unablässiger Beharrlichkeit auf dies Ziel hinsteuerte; wie viel Mühe und Sorge er sich damit auflud, läßt sich eher denken als aussprechen. Wir finden ihn da völlig in seinem Elemente, unermüdlich, Taugliche heraus zu finden, sie am geeigneten Orte unterzubringen, anzuspornen, aufzumuntern, fortzuhelfen, zu dämpfen, auf alle stillen Wünsche und begründeten Bedürfnisse der Heranreifenden einzugehen. Wie er auch Schwächere mit Milde und Weisheit zu beurtheilen verstand, vernehmen wir aus einem Briefe, worin er äußert: „Joh. Fabritius ist mir wirklich lieb, weil ich bei ihm eine ungemeine Herzensgüte finde. Fürs Wissenschaftliche ist er freilich langsam, aber sonst gut und redlich. Solche Herzensgüte ziehe ich dem bloßen Scharfsinn vor. Doch die glücklichsten Naturen sind immerhin die, welche Beides von Gott empfangen haben und sich bestreben in Beidem zu wachsen.“

Die von ihm ausgearbeitete Verordnung betreffend die

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Stipendiaten setzt fest: Bei den jährlichen Prüfungen soll man ein fleißiges Aufsehen haben auf die Fähigkeiten der Knaben, damit die Besten aus ihnen zu Stipendiaten können angenommen werden. Jm ersten Jahre gibt man einem Jungen zehn Gulden. Dann soll er nach gewissenhaftem Berichte über sein Verhalten, falls dieser günstig ausfällt, den Pflegern und Stiftsherrn vorgestellt und gefragt werden, ob er das Stipendium begehre. Bejaht er es, so soll die Mühe, Gefahr und Wichtigkeit seines künftigen Berufes ihm vorgestellt und ihm zugleich angezeigt werden, daß, falls er zurück träte oder ausgeschlossen werden müßte, alle Kosten von ihm, nicht von den Eltern, die sonst Leids genug mit ungehorsamen Söhnen haben, zurück gefordert würden, so er je zu Eigenthum käme. Ferner hat ein Stipendiat den Schulherrn, Rektoren und allen Vorgesetzten Gehorsam zu leisten und darf, ehe er aus der Fremde kommt oder es ihm bewilligt wird, sich nicht verehlichen. Nach vollendeten Studien soll er sich zum Kirchen- oder Schuldienst dahier gebrauchen lassen, wo man seiner bedarf, auch keinen Dienst oder fremde Stipendien ohne Erlaubniß annehmen. Bei Zunahme der Geldmittel wurden fünf Grade verordnet zu 10, 15, 20, 25, 40 Gulden, wobei die Pfleger freie Hand hatten. Die, welche wohl studiert haben, heißt es ferner, und ehrbaren Lebens sind, so daß man das gute Zutrauen zu ihnen haben darf, sie werden anderwärts nicht leicht verführt werden, kann man an geeignete Orte ins Ausland schicken. Bei ihrer Rückkehr haben sie Zeugnisse ihres Verhaltens vorzuweisen und eine Prüfung über ihre auswärts erworbenen Kenntnisse zu bestehen.

Der größte Theil dieser Stipendiaten, zum Großmünsterstifte zugehörig, lebte in Privathäusern bei Eltern, Verwandten oder, was gar häufig vorkam, bei Lehrern, Professoren oder Stadtgeistlichen.

Ein anderer Theil dagegen befand sich Anfangs auf dem Lande, eben in dem Kappel, wo Bullinger ihr erster Erzieher gewesen, und lebte aus den Einkünften des dortigen Klosters; außerdem durften auch andere Schüler gegen ein mäßiges Kostgeld daselbst weilen. Ohnehin war Bullinger der Ansicht, daß die ländliche Stille und Abgeschiedenheit für die reine Entwicklung jugendlicher Gemüther wie für das Lernen unter zweckmäßiger Leitung und Aufsicht viele Vorzüge habe vor dem Stadtleben und seinen mannigfachen Zerstreuungen, zumal für Solche, die sich dem geistlichen Stande widmen möchten. So liegt ein anmuthiges Gutachten vor uns, worin er in Bezug auf das aufgehobene Kloster Rüti, dessen wenige übriggebliebene Mönche durch schandbare Ausgelassenheit und hartnäckige Widersetzlichkeit der Obrigkeit viele Mühe verursachten, anräth, jene Mönche in die Stadt zu versetzen, in Rüti aber eine Lehranstalt ähnlich der in Kappel (ein Progymnasium) zu errichten. Als sich jedoch in Kappel Mißhelligkeiten zwischen dem Erzieher und dem Verwalter des Klostergutes erhoben, war es Bullinger, auf dessen Betrieb die Schule in die Stadt gezogen, ins Haus zum

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Kappelerhof versetzt, erweitert und da der Raum nicht reichte, ins Haus der Aebtissin zum Fraumünster verlegt wurde. Voll Freude schreibt Bullinger darüber im Oktober 1538 an Myconius: „Der Rath hat das schöne und geräumige Haus der Aebtissin unsern Stipendiaten zur Wohnung eingeräumt. Rhellican (Johannes Müller aus Rellikon am Greifensee, ein sehr gelehrter Mann) ist ihr Erzieher, er wohnt hinter der Kirche. Ammann Köchli besorgt die Kost und die ökonomische Verwaltung. So ist für die Studien und die Studierenden gut gesorgt.“ Hier lebten nun 15 bis 20 Zöglinge beisammen, denen, auf Bullingers erneute Verwendung, alles Nöthige, selbst die Kleidung, genügend, wenn auch bescheiden und einfach gereicht wurde. Viele ausgezeichnete Diener der zürcherischen Kirche gingen bis auf die neueren Zeiten aus dieser Anstalt hervor. 1540 wurde verordnet, daß man je die vier ältesten Zöglinge in die Fremde schicken solle.

41. Bullingers Verkehr mit den Studierenden im Ausland.

Werfen wir noch einige Blicke auf diese Reisenden. Bullingers Verhältniß zu ihnen ist sehr beachtenswerth; es ist ein recht väterliches; er leitet stets ihren Gang und erhält von ihnen ihrer Verpflichtung gemäß Nachrichen über das, was sie im Auslande wahrnahmen, zumal wofern es für die zürcherische Kirche von Belang sein konnte. Zu den ersten der Zeit nach gehörten Johannes Fries, später Schulrektor, und Konrad Geßner, der nachmals weltberühmte Naturforscher; von Straßburg durfte jener nach Paris, dieser nach Bourges gehen zu dem trefflichen württembergischen Sprachkenner Wolmar; Bullinger sendet ihnen durch Vermittlung B. Hallers in Bern das Geld, verlangt aber treuste Verwendung und genauere sofortige Auskunft über ihre Studien und ihre Lehrer; sie sollen recht emsig sein, dessen eingedenk, daß sie Stipendiaten der zürcherischen Kirche seien und trachten ihr einst nützlich zu werden. Otto Werdmüller, nachher Professor in Zürich, reiste, von Bullinger selbst an Luther und Melanchthon empfohlen, 1538 nach Wittenberg. Die meisten besuchten die Universität Basel. So Rudolf Gwalter, der Nachfolger Bullingers in der Antisteswürde, an dem wir den Studiengang und Bullingers Weitherzigkeit rücksichtlich der Bildung eines Theologen leicht erkennen mögen. Geboren im Jahre 1519, nachdem sein Vater von einem herab stürzenden Balken erschlagen worden, kam er 1528 nach Kappel, blieb drei Jahre; dann nahm Bullinger den vater- und vermögenlosen Knaben in sein Haus, behielt ihn drei Jahre lang ohne alle, die übrige Zeit gegen eine geringe Entschädigung; 1537 ließ er ihn als Begleiter eines jungen vornehmen Engländers, der eine Zeit lang bei ihm gewohnt hatte, nach London reisen, einige Monate in England verweilen, und unterweges in Köln den mehr als achtzigjährigen Johannes Cäsarius, den einstigen Lehrer Bullingers, besuchen, dem die

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Anmuth und der Anstand des Jünglings das Herz abgewann. Jm Sommer 1538 empfiehlt ihn Bullinger aufs dringendste an Professor Simon Grynäus und an Antistes Myconius nach Basel. „Hier sende ich dir meinen Kostgänger“, schreibt er an Letztern, „ja vielmehr meinen Sohn Rudolf Gwalter; ich bitte dich innigst, nimm ihn unter deine Leitung und Obsorge und behandle ihn ganz, wie wenn er dir gehörte. Mir ist er lieb seiner Geistesgaben und seines lauteren Sinnes wegen. Was du ihm daher erzeigest, darfst du ansehen,