HEINRICH BULLINGER
1504 - 1575

Arbeitsblätter (mit Kreuzworträtsel)

für Gruppen- und Einzelarbeit ab 14 J.

 

INHALT

 

Inhalt

Vorwort

1.   Rätsel Formular
Rätsel Legende

2.   Wandbild in der Casa Bullinger im Jugendlager Campo Enrico Pestalozzi in Arcegno TI
1 Hinhören
2 Klarheit
3 Güte

3.   Die Zeit der Reformation

4.   Asylbewerber aus Locarno

5.   Das Leben Heinrich Bullingers

6.   Warum auf diesen Vergessenen hinweisen?

7.   Wie Bullinger vom BUND redet

VORWORT

Diese Arbeitsblätter zum Thema ‘Heinrich Bullinger 1504 - 1575’ wollen anregen und informieren zugleich. Als ich angefragt wurde, ein Wandplakat in die Casa Bullinger des Jugendlagers Campo Enrico Pestalozzi, Arcegno TI, zu gestalten, wurde mir bald klar, dass gleichzeitig Unterlagen zur Gruppenarbeit Jugendlicher wünschbar sind. Diesem Zweck soll das Vorliegende dienen; und wenn es auch dem Einzelinteresse dienen kann, so soll’s mich freuen.

Ein Kreuzworträtsel simpelster Art ist der Aufhänger zur Gruppen- oder Einzelarbeit. Die Fragen des Rätsels sind bereits Informationsträger; auch eine Fragestellung entwickelt schliesslich den Horizont. Aus dem Allgemeinwissen ist das Rätsel aber nicht zu lösen. Die nötigen Hinweise zu den Antworten sind in diesen Arbeitsblättern enthalten. So sollen die Jugendlichen zur Lektüre motiviert werden. Stichworte, ans Ende eines jeden Kapitels gesetzt, erleichtern das Suchen nach den Lösungen des Kreuzworträtsels. Eine Liste der Lösungswörter

Heinrich Bullinger gilt nicht als brillanter oder innovativer Autor. Seine Wirkung war aber zu seiner Zeit ausserordentlich bedeutsam. Heutige Leser sind erstaunt über die relative Aktualität seiner Werke. Wir haben uns aber bewusst zu bleiben, dass die Zeiten damals und heute recht verschieden waren, und Bullinger schrieb pointiert, aber nicht polemisch, in seine eigene Zeit hinein.

Das erwähnte Wandbild ist als Triptychon gestaltet. Dessen drei Teile sind in den Arbeitsblättern einzeln wiedergegeben: Hinhören (die Methode), Klarheit (im Denken wie in den Entscheidungen), und Güte (welche die Klarheit davor schützt, zur Härte zu entarten).

Texte des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger sind noch kaum in heutigen Editionen vorhanden. Neben den wissenschaftlichen Editionen v.a. des riesigen Briefwechsels, aber auch von Frühwerken, sind im Limache Verlag CH-7214 Grüsch als auf Disketten erhältlich: Hausbuch 1558 (Decades 1551 zeitgenössisch übersetzt), Summa Christenlicher Religion 1556, Katechismus 1597 gedruckt, Bericht der krancken 1535, Sendschreiben an die ungarischen Kirchen. dazu als Buch eine Übersetzung der erwähnten ‘Summa’. Ebenso einige ausgewählte Textabschnitte, altneuhochdeutsch und übersetzt (Pfr.S.Müller).

Die hier vorliegenden Blätter mögen sich eignen für die Gruppen- wie für die Einzelarbeit, sei es um das Rätsel zu lösen, oder um einzelne Themen zu bearbeiten und in der Gruppe zu referieren. Wenn die Blätter auch den Konfirmandenunterricht bereichern werden, ist dies dem Verfasser eine Genugtuung.

Wenn es auch unwissenschaftlich ist, das ‘Hinhören’ als die ‘Methode’ von Bullingers Denken in Glaubenssachen zu bezeichnen, so ist diese Nennung doch nicht ohne Bezug zur Wirklichkeit. Denn unser Innenohr ist schon lange vor der Geburt fertig ausgebildet, in endgültiger Grösse. Das ist bei keinem einzigen anderen Körperorgan so. Dazu kommt, dass beim Sterbevorgang der Hörsinn als letzter der Sinne erlischt. – Das Hören begleitet uns also von der ersten bis zur letzten Sekunde. Aber das genaue, liebevolle Hinhören, das sollten wir lernen.

                                                           Grüsch, im April 2000                     Siegfried F.Müller, Pfr.

 

 

1. REFORMATIONS-KREUZWORTRÄTSEL rund um die ‘Zürcher’ Reformation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Waagrecht

1            als die Zürcher im Gottesdienst „das Wort“ betonen wollten und die Musik reduzierten, gab dieser Konstanzer Reformator ein Liederbuch heraus mit seinem Lied: ‘All Morgen ist ganz frisch und neu...’ Das Büchlein wurde in Zürich gedruckt. Auch ein Lied Bullingers war darin zu finden

4            in dieser Stadt heftete 23 seine berühmten ‘Thesen’ an das Kirchenportal. Dies wird als ‘Beginn’ der Reformation bezeichnet.

7            Bullinger reiste zwar nicht in der Welt herum, wirkte aber von Polen bis Spanien, von Schottland bis Rumänien durch seinen ...

9            Der Vorgänger Bullingers, starb 1531 bei 41.

10          Freund Bullingers in 4, Mitarbeiter von 23. Er wollte auch „in Glaubensdingen“ logisch denken, um zur Wahrheit zu gelangen (was Bullinger nicht gefiel).

11          ‘Gott’ in Italia.

12          Die Hauptschrift Bullingers, 50 Predigten deutsch gehalten (37 waagrecht), aber lateinisch aufgeschrieben.

15          Bullinger wirkte an der Hauptkirche Zürichs.

17          Geburtsort von 9, im Toggenburg SG gelegen.

19          er druckte die Zürcher Bibel und die meisten theologischen Werke Bullingers, auch die naturwissenschaftlichen Bücher Konrad Gessners.

23          der gefeierte Reformator in Deutschland. Er anerkannte die Reformierten nicht als Mitchristen, im Gegensatz zu seinem Mitarbeiter 10.

24          neben 9 und Bullinger der dritte grosse reformierte Reformator, in Genf (er war so streng, dass er eine Zeitlang nach Strassburg fliehen musste).

28          hier wirkten 9 und 119, dazu auch 62, 33 und Bullinger.

30          So nannten die ‘Evangelischen’ einen Anhänger der bisherigen römischen Kirche. Heute beachten diese aber die Bibel ebenso wie die ‘Evangelischen’. (ein ...)

33          Für ‘Evangelische’ ist die Bibel wichtiger als das, was durch die Kirchenbehörden in ... gelehrt wurde und wird.

34          wenig bekannter Reformator italienischer Herkunft. Ein Auszug aus seinen Schriften gehörte zum Gepäck der Amerika-Auswanderer der „Mayflower“. (Peter Martyr ...)

36          Verkehrsknotenpunkt zwischen Bern, Basel und Zürich.

37          So nannte man den Inhalt der Bibel zur Reformationszeit.

38          Bullingers Hauptwerk, jene 50 Predigten von 12, durch Johannes Haller ins Deutsche zurückübersetzt.

40          Bier in 32.

41          Vorname unseres Rätselhelden.

42          hier unterrichtete der noch nicht 20jährige Bullinger als Schulleiter, in deutscher Sprache, auch für die Mönche des Kloster und Interessierte aus der Umgebung.

46          ‘höhere’ Gesellschaftsschicht; zur Zeit der Reformation noch als selbstverständlich anerkannt.

47          so wurde Bullinger als Vorsteher der Zürcher Kirche genannt.

49          Herkunftsort Bullingers. Hier wurde er 1530 als Nachfolger seines Vaters (den man nicht mehr als Pfarrer wollte) gewählt. Von hier aus kam er nach der Schlacht bei seinem früheren Wirkungsort als Flüchtling nach 28.

50          bekannter Naturforscher in Zürich, zur Zeit Bullingers.

52          Insektenvertilgungsmittel. Als man erkannte, dass es schädlich ist, wurde es für die Schweiz verboten, aber für die Entwicklungsländer weiter produziert und verkauft. Das hätte Bullinger nie geduldet.

53          Zusammenkunft geistlicher Würdenträger, um die ‘Wahrheit’ festzulegen (wie wenn man das könnte!)

56          Ernsthafte, aber schwärmerische Fromme zur Reformationszeit. Sie sonderten sich von der Allgemeinheit ab, anerkannten keine Obrigkeit und keinen allgemeinen Gottesdienst.

58          vornehmes Zürcher Gechlecht; eigentlich Glaubensflüchtlinge aus dem Tessin 1555.

59          aus diesem Ort kamen 58 und andere als Vertriebene.

60          zur Reformationszeit und später die Amtstracht von Gelehrten; heute als Überbleibsel noch von manchen Pfarrern und Richtern getragen.

61          hier tagte das 52 (senkrecht), das die Gegenreformation einleitete, 1545-1563.

62          Joachim von Watt, Reformator in St.Gallen, Freund Bullingers.

63          energischer Mitstreiter von 9 und 40, Pfarrer an der Kirche St.Peter in 28.

64          Kurze Glaubenslehre Bullingers, auch als Schulbuch für obere Klassen verwendet. (Kurztitel). Wahrscheinlich diente es auch als ausführliche Erläuterung bei der Einführung des ‘Heidelberger Katechismus’.

 

Senkrecht

2            dieses Werk Bullingers wurde eigentlich nur als sein privates Dokument geschrieben; es war aber während Jahrhunderten bei allen Reformierten wichtig, während die anderen Werke B.’s nach hundert Jahren vergessen wurden.

3            engl. Fürwort.

5            für die Reformierten eine Gottesordnung, aber kein Sakrament. Heute findet diese ‘Gottesordnung’ immer mehr andere äussere Formen.

6            das Zusammenleben in der Schicksalsgemeinschaft von Tal oder Ortschaft war bestimmend für die Ausformung des Reformierten Glaubens in der Schweiz. Das zeigt der typisch Reformierte Begriff ‘...’ (wird auch in der Bibel oft verwendet).

7            Berg bei 59

8            Ausruf der Verwunderung; auch Fortpflanzungs- und Nahrungsmittel.

10          wurde im Sinne von Kirchenzucht damals streng geregelt.

13          deklinierter Artikel; letzte Silbe von 12.

14          das wichtigste Buch aller Christen, wurde aber zur Zeit der Reformation von den (30) verbrannt; so grob kämpfte man damals auf beiden Seiten. Bullinger war klar, aber gemässigt („der oekumenische Patriarch“)

16          Grossstadt in Südamerika.

18          Kurzwort für ein Metall, das erst im vorletzten Jahrhundert gewonnen werden konnte, und reiche Damen trugen es damals als Schmuckstück  – heute recyclierbar.

20          leider immer noch sehr häufiges Strassendelikt – früher sogar als Kavaliersdelikt betrachtet (Abkürzung aus den Anfangsbuchstaben der Wörter).

21          in edlen Formen wurde diese Substanz in den Erzählungen des  Alten Testaments zum Königmachen verwendet.

22          Reformator vor der Reformation; wird heute von 33 rehabilitiert.

25          der Basler Reformator namens Hausschein, aber griechisch genannt.

26          So nannte man das Abendmahl früher bei uns.

27          Kürzel für eine heutige arbeitssoziale Einrichtung, die typisch ist für die Denkweise von uns Reformierten Bullinger’scher Prägung (wird heute vom Neoliberalismus in Frage gestellt).

29          ein spezielles Ziel Reformierter Reformation: den Mitmenschen nicht nur Glaubenserkenntnis geben, sondern auch ..... (vgl. auch Joh.6).

31          Öffentlichkeitsarbeit braucht’s immer; diesem Zweck dient auch unser Kreuzworträtsel.

32          hier ist aus der dortigen Reformation (zu der Bullinger massgeblich mithalf) die Anglikanische Kirche entstanden.

35          in diesem nahöstlichen Land ist ein ‘Gottesstaat’ organisiert worden. Das wollten auch manche der als Sekten verschrieenen 56 zur Zeit der Reformation.

39          Wasser, in dem Moses Körbchen fuhr.

42          So hiessen die Frauen sowohl Bullingers als auch Pestalozzis (auch die beiden Männer tragen ja denselben Vornamen).

43          Motorschiff, auch eine gefürchtete Krankheit.

45          Element; mit -h- ein berühmter Physiker des letzten Jahrhunderts.

48          diese Krankheit hat öfters landauf, landab gewütet; auch 9 und 41 sind daran erkrankt, aber nicht gestorben. 1 hingegen starb bei der Pflege der Kranken daran.

51          feierliche Gedichte; Bestandteil des Lösungswortes 10 senkrecht.

52          so nannten sich die reformierten Pfarrer zur Zeit der Reformation

54          Zorn (lat.), auch Name einer zornigen Organisation in einem Land, wo unbegreiflicherweise immer noch Religionskrieg herrscht.

55          mit denselben Buchstaben wie 60: gehört bei Römischen und Lutherischen, aber nicht bei uns Reformierten zur Ausstattung der Kirche.

57          „das ... sie sollen lassen stan“...(Luther)

62          diese Buchstaben dienen als Bezeichnung für reformierte Pfarrer ohne Beamtung (Kürzel für lateinisch ‘Diener am Wort Gottes’).

 

2.1. Wandbild I:   Hinhören

Was ist es, was uns einen Menschen wirklich nahebringt? Nicht seine äusseren Bemühungen und Erfolge, so faszinierend sie auch sein mögen. Es ist die Art und Weise, wie er sich dabei verhält. Darum haben wir hier drei wesentliche Eigenschaften Heinrich Bullingers dargestellt: Hinhören, Klarheit, Güte.

Im Zentrum steht das Hinhören. Dies ist die bewusste Haltung Bullingers in Glaubensdingen; es ist sozusagen seine Methode, und er drückt das mit seinem Wahlspruch aus, den er auf die Titelseite der meisten seiner Bücher setzt: „Dies ist mein geliebter Sohn, in dem ich versühnet bin; auf ihn höret! („jm sind gehörig!“)“   Matth.17,5.

Einfach hinhören? Und es dann tun? Ohne mit Hilfe unserer Logik (des ‘gesunden Menschenverstands’) zuerst zu prüfen, ob das Gehörte wirklich die Wahrheit sei, nützlich und nötig sei?

„Ja, in Glaubenssachen schon“, sagt Bullinger. Denn wie sollte unser logischer Verstand die unbegreifliche Grösse Gottes des Schöpfers begreifen? Wer sind wir schon mit unserem bisschen Verstand, mit diesem „menschlichen gedicht“, dass wir uns anmassen könnten, über Gottes Äusserungen zu urteilen? Hinhören, das genügt. Hinhören und sich freuen, dass Gott uns mag.

Wir sind durch Bullinger eingeladen, den Unterschied zwischen den einzelnen Aspekten des Ganzen zu unterscheiden. Für die Wissenschaften unserer geschaffenen Welt ist der Verstand sehr wohl zuständig. Zur Vergewisserung dessen, was wir gehört haben, auch – müssen wir schwache Geschöpfe denn nicht immer wieder von neuem in uns klarwerden, weil sich uns verdüstert, was wir gehört haben? Klar, die Sakramente ‘Taufe’ und ‘Abendmahl’ dienen dazu; aber auch die Verknüpfungen des Gehörten mit den Dingen unserer Welt: indem wir das Erlebte tun und auch darüber nachdenken.

Bullinger pflegte sehr wohl auch die Aspekte, die er „menschliches gedicht“ nannte. Er war auch Historiker, Zeitungsmacher, z.T. Politiker, und er orientierte sich in den Naturwissenschaften. Doch selten einer richtete so konsequent wie er seine Gedankenwelt darauf aus, dass im Glaubensaspekt keine Gesetze über dem kindlichen Hinhören stehen. Merke: Der Glaube ist ihm kein Teilbereich neben anderem, sondern ein Aspekt des Ganzen, ohne den wir nicht leben sollten.

Ezechiel und Aristoteles                                                                                        

Einmal fragte der Riziner, als viele weise Männer um seinen Tisch versammelt waren: „Warum eifern die Leute gegen unsern Meister Mose ben Maimon?“ Ein Rabbi antwortete: „Weil er an einer Stelle sagt, Aristoteles habe mehr von den Sphären des Himmels gewusst als Ezechiel; wie sollte man da nicht gegen ihn eifern?“ Der Riziner sprach: „Es ist so, wie unser Meister Mose ben Maimon sagt. Zwei Menschen kamen in einen Königspalast. Der eine verweilte in jedem Saal, betrachtete mit kundigem Blick die Prunkstoffe und Kleinodien und konnte sich nicht sattsehen. Der andere ging durch die Säle und wusste nur: Das ist des Königs Haus, das ist des Königs Gewand, noch ein paar Schritte, und ich werde meinen Herrn König schauen.“                                                                                                    
(M.Buber, Erzählungen der Chassidim S.498)

Heute sehen wir es deutlich: auch im blossen Hinhören liegt bereits eine Auswahl. Wir hören, sehen, riechen und ertasten ja nur einen bestimmten Bereich der Wirklichkeit, und auch in diesem Bereich filtern wir jeder Einzelne Einzelnes heraus.

Die damalige Zeit war für die direkte Beobachtung dieser Tatsachen nicht bereit. Anderes stand im Vordergrund: Ein Wissen, dass in dieser verrückten Zeit der ‘Weltuntergang’, das ‘jüngste Gericht’ gerade im Kommen ist – wie wird es mir dabei ergehen? Martin Luther fragte die bange Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Er erlebte die ‘Barmherzigkeit Gottes, sein Wohlwollen, seine Gnade. „Himmel oder Hölle?“ fragten die Leute landauf, landab, und der Papst versuchte, aus dieser Betroffenheit kräftig Kapital zu schlagen mit dem Ablasshandel, der als Gedanke auch im ‘anno santo 2000’ wieder blüht: „Tu mir das, und Gott gibt dir jenes.“

In dieser Zeit stand also alles sozusagen auf der Kippe, die Leute waren nicht zuletzt auch von Wein und Bier in Hochspannung, und man war bereit, fast alle Probleme mit Körpergewalt zu lösen. Heinrich Bullinger hatte die Besonnenheit, dass er das Hinhören auf Gott und Mitmensch betonte. Was da nicht zu hören war, das liess er offen. Wenn der unerforschliche Gott uns etwas nicht bekanntgeben will in seinem Wort, der Bibel – dann brauchen wir es auch nicht zu wissen. „Nicht erfüntelen!“ war seine Devise gegenüber allerlei wilden Spekulanten, aber auch seinem Freund Johannes Calvin gegenüber. In dieser Weise zeigt sich, dass er bereits eine Ahnung davon hatte, dass uns nie und in keiner Weise ein Zugang zu uneingeschränkter Wahrheit gegeben ist. Hingegen hat Gott selber uns einen solchen Zugang geschaffen: in Jesus Christus.

Das Hinhören (die Achtsamkeit) betrifft das ganze Leben, auch unsere Wirtschaft. Die Partner sollen aufeinander hören: so entstanden die Gesamtarbeitsverträge in der Schweiz.

 

Stichworte: Ablass / anno santo / Aristoteles / Johannes Calvin / Ezechiel / Konrad Gessner / Papst / Innewerden / Martin Luther / sich vergewissern / verzichten

2.2. Wandbild II:   Klarheit

Klare Worte und klare Entscheidungen. Wenn uns doch das gelingen könnte!

Der junge Bullinger sass nach seinem Studium arbeitslos im Elternhaus in Bremgarten. Da bekam er eine Stelle angeboten, als Lehrer in einem Kloster im Schwarzwald. Er reiste dorthin und sah: ein zügelloses Leben herrschte dort. Da verzichtete er auf die Anstellung.

Bald darauf bekam er die Gelegenheit, im Kloster Kappel am Albis eine moderne Klosterschule aufzubauen. Natürlich nahmen damals alle Menschen im Kloster an der Messe teil, denn man glaubte zu wissen, dass es ohne das Messopfer keine Erlösung gibt. Bullinger aber wusste es anders: es hängt von Christus ab und nicht von priesterlichen Tun. Darum stellte die Bedingung: „nur wenn ich nicht teilnehmen muss an der Messe.“ Und er bekam die Stelle trotzdem.

Anno 1531, nachdem Zwingli in der Schlacht bei Kappel umgekommen war, musste Bullinger aus Bremgarten fliehen; er war unterdessen dort Pfarrer geworden. In Zürich angekommen, wurde er bald vom Rat der Stadt als Nachfolger Zwinglis vorgeschlagen. Doch sollten die Pfarrer (bestimmte der Rat) sich in Zukunft nicht mehr äussern zu den Beschlüssen des Rates. – Bullinger, erst 28jährig, hielt eine kurze Besprechung mit den anderen Pfarrern, und er stellte wieder eine Bedingung: „Das Wort Gottes betrifft auch die Ratsbeschlüsse. Ich trete nur eine solche Stelle an, wo das Wort Gottes keinen Maulkorb bekommt.“ Und wieder bekam er die Anstellung.

Der König von England machte Bullinger ein Dankgeschenk: ein kostbarer Becher. Bullinger nahm das Geschenk nicht für sich, sondern für die Stadt Zürich an. Dabei hätte er, bei seiner grosszügigen Gastfreundschaft gerade jungen Engländern gegenüber, einen Zustupf nötig gehabt. – Der Becher ist heute im Landesmuseum aufbewahrt.

Immer wieder wurde Bullinger aus ganz Europa um Gutachten angefragt. Einmal waren es auch die Berner: „Sollen wir den gelehrten Castellio als Stadtpfarrer in Lausanne anstellen?“ Bullinger antwortete: „Gelehrt ist er schon, aber sonst ein ‘lieblosz mänlj’ – nehmt ihn nicht.“ (‘Liebe’ hiess damals auch ‘Solidarität’ und ‘Gemeinschaft’)

Eine enorme Menge Bücher hat Bullinger geschrieben; nur ein Teil wurde gedruckt. Nie überarbeitete er eines seiner Werke, und doch finden sich weder Widersprüche noch Entwicklungssprünge. Es scheint, dass er immer aus der Tiefe seines Herzens geschrieben hat – und dort besass er eine Klarheit, die sich nun in allen Belangen zu bewähren hatte. Immerhin: Er hat auch aus der blossen logischen Überlegung heraus geschrieben. Doch diese Schriften hat er später eigenhändig und sorgfältig aus seinem Nachlass entfernt. Nichts sollte die Klarheit trüben!

Er war sich auch über seine eigenen Grenzen im klaren. Darum mahnte er immer wieder, keine „vorwitzigen Fragen“ aufzuwerfen. „Gott weiss schon, was er uns bekanntgeben will und was nicht.“ Er war bereit zu sinnvollem Verzicht; er war imstande ‘es’ zu geniessen, wie auch, ‘es’ bleiben zu lassen.

Das Blaue Kreuz führt jedes Jahr während der Fastenzeit
die Aktion „LOHNENDER VERZICHT“ durch

Bern / Briefwechsel / Bremgarten / Castellio / Decades / England / Europa / Christoffel Froschauer / Kappel am Albis / Konzil von Trient / Lausanne / Messe / Verzicht / Das Zweite Helvetische Bekenntnis / Huldrych Zwingli / Zürich

2.3. Wandbild III:   Güte

Wie lustvoll hat man doch in jener Zeit mit Waffen und Worten gefochten! Weder im Austeilen noch im Einstecken durfte man zimperlich sein. Wo bleibt da die Güte?

„Ruhige Besonnenheit“, so hat man etwa Bullingers Wesen bezeichnet. Er war kein Streiter, doch er war entschieden und beständig. 44 Jahre lang führte er das Schifflein der Zürcher Kirche (und vieler anderer Kirchen mehr) durch oft stark bewegte Wellen. Niemandem wäre es in den Sinn gekommen, ernsthaft seinen Abgang zu fordern. Zum Vergleich: Calvin musste eine Zeit lang aus Genf fliehen, und selbst der berühmte Melanchthon war eine Weile nicht sicher, ob er in Luthers Wittenberg bleiben dürfe.

Die damalige Zeit nahm wenig Rücksicht auf einzelne Menschen, wenn es darum ging, die eigene ‘Klarheit’ zu verteidigen. Bullinger scheint hier eine relative Ausnahme zu sein. Zwar, auch er verurteilte den Spanier Servet, der auch in Genf die Leute davon zu überreden versuchte, Christus sei nur Mensch und nicht Gott gewesen. Bullinger empfahl dessen Hinrichtung. Doch da gab es in Zürich auch jenen Lälius Sozzini, der ähnliche Gedanken pflegte, und er blieb unangefochten. Warum? Er kleidete seine Gedanken in Fragen und nicht in Behauptungen, und er legte es nicht darauf an, andere Leute zu überzeugen. Er hatte ‘Liebe’. Obschon Calvin dringend forderte, Sozzini sei zu verbannen, blieb Bullinger dabei: solange er nicht andere Menschen in das Gedanken-Unheil zieht, darf er bleiben.

Über die Aufnahme der vertriebenen Locarner erzählt ein separates Kapitel.

Immer wieder polterte Martin Luther gegen uns Reformierte und schimpfte uns, wir seien ärger als die Päpstischen. Wer nicht glaube wie er (gemäss dem Augsburger Bekenntnis, der ‘CA’ Confessio Augustana), glaube falsch. Bullinger entgegnete: „Wir anerkennen deine Formulierungen, lieber Bruder; anerkenn du die unsrigen auch.“ Es war erfolglos. Luther pflegte eben ein ‘antithetisches’ Denken, d.h. er brauchte Teufel und Böses, um von Gott und dem Guten reden zu können. Bullinger hingegen betonte den Bund, die Verbundenheit.

Nicht nur die Tatsache, dass er oft in Deutsch schrieb, zeigt Bullingers Rücksichtnahme. Als ein bekannter Gelehrter ihn in Zürich besuchte und am Gottesdienst teilgenommen hatte, meinte dieser: „Du hast aber nicht so gepredigt, wie ich es von einem so berühmten Manne erwarten durfte.“ – “Hast du nicht die einfachen Bürgersleute bemerkt in den Bankreihen unten? Für diese habe ich gepredigt,“ antwortete Bullinger.

Auch Bullinger lehnte die ‘Ketzer’ heftig ab. Doch er forderte immer wieder, man müsse mit mehr Sorgfalt feststellen, ob einer wirklich ein „kätzer“ sei oder nicht, und ob er ein ‘Sekter’ sei, d.h. einer, der die Absonderung von der Kirche betreibe, oder bloss ein verführter Mitläufer. – Darum wurde Bullinger in heutiger Zeit auch „Der ökumenische Patriarch“ genannt.

Stichworte: Antistes / antithetisch / Augsburger Bekenntnis / Bund / Johannes Calvin / Kappel am Albis / Ketzer / Kirchenzucht / Locarno / Martin Luther / Leo Jud / Mode / von Muralt / Oekolampad / Oekumene / von Orelli / Päpstische / Reformierte / Servet / Sozzini / Vadian / Peter Martyr Vermigli

 

3. Die Zeit des 16.Jahrhunderts

Ein jeder Mensch kommt zwar als Säugling zur Welt, doch es gab damals einen äusserst wichtigen Unterschied, der allgemein anerkannt wurde: einige sind adeligen Geschlechts. Diese sind regierungsfähig; die anderen könnten zwar als ‘Usurpatoren’ regieren, doch das ist wider die Ordnung. Die gottgegebene soziale Ordnung besagt, dass es die Obrigkeit gibt – sie soll zum allgemeinen Wohl befehlen; und es gibt die Untertanen, und die sollen gehorchen. So wie der Unterschied zwischen Gott und uns Geschöpfen, so ist es auch mit der Obrigkeit (Fürsten oder gewählte Adlige) und uns Untertanen. Adlige wurden mit „Euer Gnaden“ angeredet, Gleichstehende mit „Euer Lieb“.

Wie bitte? Du seiest aber ein einzelner, individueller Mensch, sagst Du? Nur innerhalb einer solchen Ordnung! Man war sozusagen in ein ‘Gross-Ich’ eingebettet (Dieser Begriff ist hilfreich, hat sich aber noch nicht durchgesetzt). Es gab da zwar die sogenannten Wiedertäufer. Diese fühlten sich rücksichtslos einzig Gott verbunden. Sie nahmen keine Rücksicht auf irgendein ‘Gross-Ich’. Darum waren sie ‘rücksichtslos’, und wer möchte schon so sein? Zwar lebten viele von diesen „Schwärmern“ sehr rücksichtsvoll in Bezug auf ihre einzelnen Mitmenschen; viele aber waren eigensinnig, nicht eigenmächtig; egoistisch, nicht eigenständig; verschroben und nicht bloss eigenwillig; sogar abartig, nicht nur eigenartig. Und in einer Gesellschaft, wo man sich der Gewalt von Natur und Nachbarn erwehren musste, ist die Solidarität (die ‘Liebe’) überlebenswichtig (Die Hauptgetränke damals waren Bier und verdünnter Wein). Das jeweilige ‘Gross-Ich’ wollte und sollte überleben. Ordnung muss sein. Darum waren ‘Wiedertäufer’ nicht tragbar.

„Gemeinschaft, d.h. Liebe“, sagt Bullinger geb. 1504
„Differenzverträglichkeit“, sagt der Philosoph Hans Saner geb. 1934

 

Zeit des Umbruchs

Die Zeit der Reformation war aber eine Zeit des Umbruchs, ähnlich wie die unsrige auch. Und zwar in einer Hinsicht umgekehrt wie heute: wir entdecken die Welt der ‘Bilder’ wieder; damals verblasste sie.

„Nicht wahr, der gemeine Mann konnte doch kaum schreiben und lesen, und erst recht war ihm jeder lateinische Text ein Rätsel. So brauchte er bisher zu seiner Erbauung nur ein Heiligenbild, Kruzifix oder eine Monstranz, also einen weihevollen Blickpunkt, auf dem sein Auge ruhen konnte und dem seine Seele sich zuwendete. Dieser frommen Schau entsprach nicht nur die breit sich entfaltende Festlichkeit der Messe, sondern auch die zum Himmel strebende Dombaukunst als irdisches Gleichnis göttlicher Weltordnung. Der Betende, der sich in einem solchem Pfeilerwald unter schwebenden Gewölben befand, wurde sich ohne weitere Worte seiner Nichtigkeit als Sünder bewusst zugleich aber empfand er die tröstliche Gewissheit, in der göttlichen Allmacht geborgen zu ruhen. Im Tabernakel wusste er den Heiland greifbar nahe, in Wein und Brot war Christi Blut und Leib gegenwärtig.

Gewisse Anzeichen deuten darauf hin, dass des Menschen Auge müde geworden war, so zu schauen, und auch trübe für solches Sehen. Die Seele suchte rechtzeitig einen anderen unverbrauchten Sinneskanal. Zwar waren immer noch Baumeister, Maler und Bildhauer damit beschäftigt, die Welt der Bibel gleichsam in Räumen, Bildern und Figuren vorzuführen, aber das schien ein Ende nehmen zu wollen. Anstelle der bildhaften Schau von Gottes Wort trat mehr und mehr dessen wortgetreue Übersetzung. Die Kanzel wurde wichtiger als der Altar, der Bibeldruck wichtiger als das Altarbild, manch deutsches Kirchenlied wurde zum Volkslied. Wer Ohren hatte zu hören, der hörte. Teils zögernd, teils verwegen betrat der Mensch das Reich der Worte und des Klanges.“

Das war aber gar nicht so einfach. Leicht verlässt man das Alte; doch das Neue sinnvoll zu betreten ist schwierig.

„Der schlichte Mann war zwar noch völlig gefangen in der gewohnten Betrachtung frommer Darstellungen auf dem Goldgrund der Altarschreine und der leuchtenden Farbenpracht der Kirchenfenster, doch er geriet nun unvorbereitet an die Sprache des ‘Buches der Bücher’; und dies zu einem Zeitpunkt, da nach den Worten von Sebastian Franck "viel Doktores in Theologia gefunden wurden, die kein Kapitel in der ganzen Bibel wussten, ja kaum eine Bibel gesehen hatten". Kein Wunder also, dass der schlichte Mann die biblischen Berichte genau so wörtlich und damit oberflächlich nahm, wie er es gewohnt war, den Gemälden von Christi Geburt oder Kreuzestod, von der Weltschöpfung oder dem Jüngsten Gericht treuherzig Glauben zu schenken bis in alle zeitgebundenen Einzelheiten der Gesichter, Gewänder und Landschaften. Infolgedessen blieb ihm der tiefere Sinn mancher Bibelstellen rätselhaft, obwohl er an der Quelle sass. Wagte er aber mit seinen unzulänglichen Mitteln, die Bibel zu deuten, dann konnte es vorkommen, dass ihn ein allzu menschlicher Wunsch (als Vater des Gedankens) in falsche Bahnen lenkte. Die Bibel auszulegen, wurde zur Liebhaberei, zur Leidenschaft und damit zur Ursache unheilvollen Streites.“

 

Unsere Welt ist eben, leider, kein Paradies mehr. Wir leben nicht mehr in der selbstverständlichen Gottnähe. „Wir sehen jetzt nur wie mittels eines Spiegels“, sagt die Bibel in 1.Kor.13,12, und zur Zeit Bullingers redete man vom ‘prästen’, das Gebresten, dem wir eben jetzt und hier unterworfen sind; andere nannten das ‘die Erbsünde’. Dem kann kein Mensch entfliehen; doch als die Leute Christi dürfen wir dennoch getrost vor Gott treten, wenn er uns ruft. Es lauert aber die Sünde:

„Jedermann wusste das damals: dem Satan ist es von Zeit zu Zeit gestattet, leibhaftig unter die Menschen zu treten. Spuk und Polterei kündeten sein Kommen. Wahrsager, Sterngucker, Kristallseher, Traumdeuter, Schatzgräber, Falschspieler, Trunkenbolde, Gecken und Dirnen (wenn sie überhand nehmen), galten als Vortrupp des Bösen. Wirts- und Freudenhäuser rüsteten, wie es den Anschein hatte, lärmend zu seinem festlichen Empfang. Zunehmende Not, häufiger Mord, Krieg und Pestilenz taten ein übriges, um dem Teufel den Boden zu bereiten. Eine unsichtbare Meute böser Geister heftete sich kläffend und äffend an die Fersen verängstigter Menschen. Viele hofften durch Weltflucht dem drohenden Chaos zu entgehen, denn wer zu Fall kommt in der Verwirrung, der wird zur sicheren Beute des Teufels.

Alle Welt war wie verwandelt. Den Friedfertigen packte plötzlich die Streitsucht, den Zufriedenen befiel der Neid, und in den Bescheidenen fuhr der Hochmut. Auf irgendeine Weise waren bald alle verändert, verwandelt, wenn nicht gar besessen. Nicht zu zählen waren die Masken, hinter denen der Leibhaftige den standhaften Menschen erschreckte. Als Höllenhund bellte er hinter dem Ofen. Als schwarzes Schwein lief er dem einsamen Wanderer nachts über den Weg. Als flatternde Fledermaus oder als fauchender Kater weckte er die Schläfer. Stand der Vollmond am Himmel, dann hockte er auf dem Galgenhügel, störte auf dem Friedhof die Ruhe der Toten, schlich als falscher Sämann über den Acker und streute dem Bauern Unkraut unter die Weizensaat. Ungebeten war er in den Häusern zu Gast, verführte junge Mädchen, behexte die Frauen, betrog die Ehemänner und zeugte, wo er nur konnte, einen Wechselbalg.

Bisher war man der Meinung gewesen, der Teufel weiche allen Gotteshäusern weit aus, so wie der Mensch die Pest flieht. Auch hatte man geglaubt, es sei ihm bei aller Verwandlungskunst nicht möglich, die Gestalt des Lammes oder der Taube anzunehmen; das sind Symbole Christi. Man meinte, inbrünstiges Gebet, strenges Fasten und harte Selbstzucht schätze er nicht. Speie man vor ihm aus, oder schlage man das Zeichen des Kreuzes, so ziehe er fluchend von dannen. Nun aber stellte sich jetzt deutlich heraus, dass heilige Bezirke und fromme Gesten für den Bösen fortan nicht mehr zum Hindernis wurden. Klostermauern überstieg er und schlich sich, unkenntlich durch Tonsur und Kutte, an die Zellentüren, um Mönch und Nonne zu versuchen. Pochte er an, so wurde ihm ahnungslos aufgetan.“

Als einzelner Mensch hatte man eigentlich keinerlei Chancen gegenüber dem Teufel. Man verstand sich selber eher als ein sinnvolles Teilchen eines grösseren Ganzen – und diesem Teilchen konnte es im schlimmen Falle schlecht ergehen: Pech gehabt.

„Wehe dem Hilflosen, in den ein böser Geist gefahren war, um nun der Seele im irdischen Leib den Platz streitig zu machen! Untrügliche Zeichen wie Starrkrampf, Fallsucht, greulicher Ausschlag, würgender Husten, übler Geruch und böser Blick verrieten solche Besessenheit. Bedauernswerte Geschöpfe dieser Art wurden von jedermann gemieden und blieben dem Satan überlassen. Niemand konnte ihnen helfen, denn es war kein Kraut dagegen gewachsen. Salbe, Aderlass, Beschwörung und Zauberformel vermochten nichts auszurichten. Es verfügte eben niemand über die Macht des Heilandes, der einst die Teufel ausgetrieben hatte. Zwar konnte man ein stattliches Heer an heiligen Schutzpatronen aufbieten gegen die Streitmacht verfluchter Dämonen, aber auch dieser Beistand reichte nicht aus. So ging man der Not gehorchend dazu über, dem Satan mit irdischen Mitteln die Beute rechtzeitig streitig zu machen. Der ‘geistliche Prozess’ mit seinem ausgeklügelten System des peinlichen Verhörs sollte dem Teufel zu Leibe gehen; langsam sich steigernde Folterqual musste den bösen Geist zwingen, aus der fremden Haut zu fahren. Half aber alle Marter nichts, dann musste die Flamme des Scheiterhaufens trennen, was nicht zueinander gehörte: Seele und Plagegeist. Mitleid mit der geschundenen Kreatur, meint ihr, sei am Platze? Mitnichten. Die Inquisition war eine Pferdekur zum Heil der Seele. Gift machte Gegengift erforderlich. Der Teufel wurde durch Beelzebub ausgetrieben.

Und wenn nun der Ketzer hoch und heilig beteuerte, keineswegs des Teufels zu sein? Wenn der Unglückliche sich keines Plagegeistes bewusst zu werden vermochte? Wie stand es dann um diesen Reinigungsprozess? – Nun, die Inquisitoren waren nicht gewillt, sich durch solche Selbsttäuschung des Angeklagten hinters Licht führen zu lassen. Sie meinten die Schliche und Listen des grossen Widersachers nur allzu genau zu kennen. Sie liessen den Angeklagten laut und vernehmlich das Vaterunser beten. Machte er dabei einen Fehler, so war offenbar, was für ein Geist aus ihm sprach. Verstrickte sich der Gotteslästerer beim Kreuzverhör in Widersprüche, so galt das geradezu als schlagender Beweis dafür, dass die Seele verzweifelt mit dem Dämon rang. Erst das unter Folterqualen erpresste Geständnis liess den Schluss zu, dass der böse Geist die Waffen streckte. Infolgedessen konnte es die Richter nicht überraschen, wenn der Ketzer, zu Kräften gekommen, seine Aussage widerrief, weil der Dämon noch immer nicht von seinem Opfer gelassen hatte. Ja, eigentlich war nicht einmal damit viel ausgerichtet, dass man schliesslich  den Verurteilten auf den Scheiterhaufen stellte oder dem Henker übergab, weil der böse Geist auch nach der Hinrichtung des Menschen sein Unwesen trieb, ruhelos in der Welt umherstreifte und auf neue Beute lauerte. Sogar der am Galgen hängende Leichnam war ihm noch von Nutzen. Er blies ihm zuweilen den Odem der Hölle ein und weckte ihn zum zweiten Leben.

Den Gerichtsherren machte es immer grosse Schwierigkeit, in jedem Fall genau festzustellen, ob nun der Angeklagte gegen seinen Willen Opfer des Teufels geworden war oder ob er gar aus freiem Entschluss einen Blutpakt mit der Hölle abgeschlossen hatte. Denn es gab, ohne Zweifel, einen geheimen Orden von Teufelsanbetern, die regelmässig schwarze Messen feierten und die Weltherrschaft der Gottlosen anstrebten. ... Wo die strahlende Schönheit einer Frau die Männer verwirrte und auf der Strasse das Laster lockte, da hatte man es ganz sicher mit einer Hexe zu tun. Wer über Nacht zu Ansehen und Ruhm gelangte, ohne dass man sich diese Veränderung genau erklären konnte, der hatte sicherlich seine Seele verkauft. Wer sich jugendliche Kraft und Gesundheit bis ins hohe Alter bewahrte, dem hatte der Teufel sein Elixier verschrieben.

Auch Martin Luther war von des Teufels zerstörender Betriebsamkeit felsenfest überzeugt. Jedoch er hielt nichts davon, ihr mit Gewalt zu begegnen,. Er machte den Bischöfen und Fürsten den Vorwurf, dass sie dem Teufel zwar mit ihrem Würgen und Martern die Leiber entrissen, ihm aber die Herzen liessen. Er empfahl ihnen einen "anderen Griff", nämlich das Schwert des Geistes, kalte Verachtung und überlegene Ruhe. Als ihm ein Mädchen vorgeführt wurde, das unter Krämpfen litt, sprach er ein Gebet, legte dem armen Geschöpf die Hand aufs Haupt und sagte in völliger Gelassenheit: "Du stolzer Teufel, du sähest gerne, dass ich ein Gepränge mit dir machte; du sollst’s aber nicht erfahren, ich tue es nicht; du magst dich stellen wie du willst, so gebe ich nichts darauf."

So viel Selbstbeherrschung in solcher Lage brachten aber nur sehr wenige Zeitgenossen auf. Im allgemeinen blieb es des Teufels grösster Erfolg, dass er überall im Mittelpunkt der Gespräche stand, dass er Furcht und Aufsehen erregte und damit zur unerkannten Ursache grosser Verwirrung wurde.

Kein Wunder, dass einer dem andern misstraute.“

(aus: Stephan Hirzel, Heimliche Kirche, Hamburg o.J.)

Der Ort des Vertrauens war in unseren schweizerischen Gebieten die Ortsgemeinde, die ‘Kilchhöri’. So wie eine Seilschaft am Berg unbedingt zusammenhalten muss, so war es auch mit der Schicksalsgemeinschaft des Ortes, an dem man im Normalfall den allergrössten Teil seines Lebens verbrachte. Wer nicht ein Adeliger oder ein Student und Gelehrter war, oder allenfalls bei einer Verheiratung den Wohnort wechselte, der reiste höchst selten weiter als zum nächsten Marktplatz. Eine öffentliche Post gab es nicht, und Zeitungen? die wurden von Hand geschrieben. Kam mal ein Wanderer vorbei, so beherbergte man ihn gerne, um so an ein paar Neuigkeiten heranzukommen. Das konnte allerdings auch falsch sein, denn wenn man einen dem Teufel Verfallenen aufnahm, wurde man oft in die peinlichen d.h. peinvollen Untersuchungen verwickelt. Ja, es ist wichtig, mit seinen Nachbarn gut gestellt zu sein. Wohin sollte man denn gehen, wenn man vielleicht des Landes verwiesen wurde? Um sich irgendwo niederzulassen, brauchte es eine Bewilligung, und die war schwierig zu erhalten ...“

Und wie ist es mit der heutigen Zeit? Auch ohne die Vorstellung eines Teufels sind wir von einem ähnlichen Misstrauen erfasst. Immer und überall musst du der/die ‘Bessere’ sein, und wer hat schon den Überblick über das heutige Geschehen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft? Nicht einmal mehr die Zusammensetzung unserer Nahrung ist uns bekannt – ohne dass wir noch Angst hätten vor Brunnenvergiftern ... (oder doch?)

 

Stichworte: Adelige, regierungsfähig, Usurpatoren, Ordnung, Individuum, Gross-Ich, Wiedertäufer, Schwärmer, Messe, Tabernakel, Bibel, Kirchenlied, Satan, Pestilenz, Teufel, Symbol, Kloster, Besessenheit, Schutzpatron, Folter, Inquisition, Scheiterhaufen, Martin Luther, Kilchhöri, Landesverweisung

 

4. Asylbewerber aus Locarno – ein Segen

Ein begabter Schulmeister in Locarno, der Priester Giovanni Beccaria, begann anno 1539 die Bibel zu lesen, wurde von der Frohbotschaft ergriffen und gab seine Freude in der Schule und in Gesprächen weiter. Es entstand daraus eine reformierte Gemeinde. Beccaria bekam geistliche Hilfe aus Zürich, durch Konrad Pellikan und Bullinger. Bald machten viele vornehme Familien in Locarno mit.

Das war aber nicht erlaubt. Der ganze Tessin war ja ein Untertanengebiet der alten eidgenössischen Stände. Nach dem zweiten Kappelerkrieg galt dort die Vereinbarung, dass keine neue reformierte Gemeinden entstehen dürfen. Die Landvögte hatten dafür zu sorgen; auch in Locarno. Sogar die Zürcher und Basler Landvögte mussten sich daran halten.

Zwar hatte Beccaria nicht im Sinn, sich von der römischen Kirche zu trennen; er las täglich die Messe, wie es zum Priestertum gehört. Als er mitte 1547 diesen Brauch abschaffte, galten er und seine Gemeinde als Abtrünnige. Beccaria wurde verhaftet, nach einer gewaltsamen Demonstration der Bevölkerung aber freigelassen. Er floh ins bündnerische Misox, zuerst nach Roveredo; dann musste er aber nach Mesocco weiter.

Die katholischen eidgenössischen Orte erreichten zur Besänftigung eine „Verschreibung“ des Rates der Herrschaft Locarno, man wolle römisch-katholisch sein und bleiben. Bis in alle Einzelheiten wurden die kirchlichen Gebräuche beschrieben; darüber dürfe nie mehr diskutiert werden. – Nun wurden die Wortführer der reformierten Gemeinde einer nach dem andern des Landes verwiesen, und niemand durfte mehr seine Kinder in die Schule des Beccaria in Mesocco schicken. ‘Ketzerische’ Bücher sollten abgegeben werden; wer das nicht tun wollte, dem war Strafe an Leib und Gut angedroht.

Und die reformierten Stände der Eidgenossenschaft? Sie waren in der Minderheit, und niemand wollte einen neuen Glaubenskrieg riskieren. Sie fochten zwar die „Verschreibung“ an, versuchten auch anderes, aber erfolglos. Einzig Zürich resignierte nicht; sie unterstützten die Glaubensgenossen mit Briefen und Schriften, und sicherten ihnen die Gastfreundschaft zu, wenn sie vertrieben werden sollten. Die Römischen hingegen verdächtigten die Locarner bald als Wiedertäufer, bald als Lutheraner. Sie nahmen das nicht genau – Ketzer ist Ketzer!

Unterdessen wuchs die Gemeinde weiter. Alle Repressalien nützten nichts. ‘Also muss man sie ausweisen!’ Wieder wehrten sich die Zürcher. Man wollte sie umstimmen. Bullinger hingegen schrieb an seinen Freund Calvin, er hasse diese eigennützigen weltlichen Überlegungen in religiösen Fragen; nie dürfe man in die Vertreibung Unschuldiger und die Unterdrückung der Wahrheit einwilligen. – Später haben sich die Zürcher ausbedungen, bei der Vertreibung der Evangelischen nicht mithelfen zu müssen.

Am 16. Januar 1555 war der Tag der offiziellen Entscheidung, vor der Behörde. Die Reformierten erklärten: ‘Wir machen keinen Unterschied zwischen altem und neuem Glauben, sondern wir halten uns an Gott und an die Bibel. Wir sind bereit, um des Glaubens willen aus der geliebten Heimat wegzuziehen.’

Der Gesandte Roms forderte, man solle den Ketzern die Kinder und den Besitz wegnehmen; die katholischen Eidgenossen aber verweigerten das. Sie wollten konsequent sein, aber nicht grausam. Hingegen wurde der Schuhmacher Nicolao Greco enthauptet, weil er angeblich die Madonna del Sasso beleidigt habe; er hatte sich als unschuldig erklärt. – Zwei Frauen verteidigten beim päpstlichen Gesandten ihren Glauben; sie konnten danach gerade noch fliehen, dank einer versteckten Türe.

Nun kam aber noch die Frage, wer sich wirklich an die Entscheidung vom 16.Januar halten wolle. Manche Familien waren in ihrer Meinung uneins. So zogen am drittem März 1555 achtundneunzig Erwachsene mit über sechzig Kindern weg. Einhundertelf Erwachsene konnten sich nicht wirklich entschliessen und blieben zurück, ohne dabei römisch zu werden.

Die katholischen Einwohner von Roveredo nahmen die Vertriebenen freundlich auf; oft sind ja die einfachen Leute gar nicht am Streit der Gelehrten und der Politiker interessiert, und so leben sie weniger nach Grundsätzen, sondern nach ihrem Empfinden. Die Rovereder nahmen also die Vertriebenen freundlich auf; bleiben durften diese aber wegen der Behörden nicht. In den reformierten Teilen Graubündens wären sie willkommen gewesen, doch sie wollten beisammen bleiben und zogen nach Zürich. Die Reise von Roveredo nach Zürich dauerte sieben Tage. Zu Schiff kamen sie an, freudig erwartet. Über hundertvierzig Personen wurden empfangen. Sie bildeten dort eine eigene italienisch sprechende Gemeinde und bekamen ihren besonderen Pfarrer.

Die Zürcher hatten nicht damit gerechnet, dass die Locarner bleiben würden. Nur zögernd erteilten sie einzelnen das Bürgerrecht; doch diese wurden dann zu vornehmen Familien, z.B. von Muralt, von Orelli. Und überhaupt brachten die Locarner wertvolles mit: ihr Handwerk und ihre guten Handelsbeziehungen nach Italien. So erlebte die Stadt Zürich durch die Vertriebenen einen deutlichen wirtschaftlichen Aufschwung.

In allem war Heinrich Bullinger der unermüdliche Berater und Helfer.

Stichworte: Giovanni Beccaria / Locarno / Lutheraner / Madonna del Sasso / Mesocco / von Muralt / von Orelli / Roveredo / Wiedertäufer

 

 

5. Das äusserlich wenig bewegte Leben Heinrich Bullingers 1504 - 1575

Die äussere Biografie Heinrich Bullingers ist sehr einfach.

1504   Heinrich Bullinger kam am 18.Juli in Bremgarten zur Welt als Sohn eines Priesters. Das war damals nicht so unüblich; Priester konnten relativ einfach einen ‘Dispens’ von Rom erhalten, manche machten es der Einfachheit halber auch ohne, und kaum jemanden störte das.

1516-1522    Der Vater ermöglichte eine gute Ausbildung in Deutschland: in Emden und Köln. Abschluss der Studien als "magister artium". Jetzt hätte das eigentliche Theologiestudium begonnen.

1522   zurück in Bremgarten. Heinrich Bullinger hätte im Schwarzwald eine Stelle als Klosterlehrer bekommen, kam aber sofort wieder zurück, als er sah, dass die Mönche dort unsittlich lebten. – Den Rest des Jahres verbrachte er zuhause, fleissig theologische Werke lesend und schreibend.

1523   im Januar nimmt er die Berufung ins Kloster Kappel am Albis an, um eine moderne Klosterschule aufzubauen.

1529   ab Juni Pfarramt in Bremgarten.

1529   Verheiratung mit Anna Adlischwyler (1504-1564). 11 Kinder, von denen 4 minderjährig starben.

1531   nach der Niederlage von Kappel muss er nach Zürich fliehen. Er wird dort, als Nachfolger Zwinglis, zum ‘Antistes’, Vorsteher der Zürcher Kirche, gewählt.

17.Sept. 1575   Bullinger stirbt

 

Abgesehen von seiner Studienzeit war Bullinger nie weit unterwegs, einzig: in Bern 1528 mit Zwingli am Religionsgespräch, in Konstanz 1533 für kirchliche Besprechungen, in Baden 1534 zum Besuch des Bürgermeisters Roist, und in Basel 1536 zur Abfassung des ersten Helvetischen Bekenntnisses. Und doch war er in seiner unscheinbaren Weise europaweit der bedeutendste Mann der reformierten Kirchen; Calvin nannte ihn: „unser aller Vater“. Es muss also etwas Bedeutendes vorhanden sein in der inneren Biografie Bullingers.

Aber auch hier ist nicht viel Spektakuläres zu berichten. Ein junger Student sucht nach der Wahrheit – das gab und gibt es immer. Er beobachtet, auf welche Weise eine beliebige Aussage dazu kommt, als Wahrheit zu gelten – auch das ist eine verbreitete Eigenschaft junger Leute während ihrer Entwicklungszeit. Er sieht, dass die Kirchenlehrer sich auf die Kirchenväter berufen, und diese beziehen sich auf die Bibel; weiter geht die Kette nicht. Und nun setzt der junge Bullinger sein ganzes Sein und Dasein auf diesen einen, einzigen Grund – unzählige tun das in der Zeit der Ablösung von elterlicher und anderer Autorität, und einige bleiben auch auf dieser Grundlage. So auch Bullinger. Es lässt sich in seinem Denken kein Wechsel, kein Ausreifen zu andersartigen Erkenntnissen feststellen. Diese einmal gefundene Grundlage trägt und ist ausreichend.

Bullinger schrieb viele Bücher und sehr viele Briefe. Wie bewältigte er das? Während Calvin seine berühmte ‘Institutio’ mehrmals überarbeitete, also seine Gedanken weiterentwickelte und ausfeilte, schrieb Bullinger immer neu von Grund auf, aus dem Grunde seines Herzens, aufgrund der neuesten Erlebnisse. Dabei war er nicht etwa unkritisch. Er beobachtete seine eigene Methode genau. Sorgfältig entfernte er alle Manuskripte aus seinem Nachlass, die ‘humanistisch’ waren, d.h. sich der Wahrheit mittels des Denkens zu nähern versuchten. Immer und überall, wo es tunlich war, hat er darauf hingewiesen, man solle in Glaubensdingen auf die Denkkraft verzichten und auf Christus Jesus hören. Sein Wahlspruch war Matth.17,5: „Dies ist mein geliebter Sohn, in dem ich versöhnt bin; auf ihn höret!“ („jm sind gehörig“). Es war Bullinger aber nicht bewusst, dass auch schon im Hören eine Selektion, eine Auswahl geschieht (es ist also der menschliche Geist beteiligt). Das lag in der damaligen Zeit noch nicht drin, und auch heute sind sich nur wenige darüber im klaren.

Bullinger ist ein eigenständiger Reformator der ersten Generation und nicht bloss der Nachfolger Zwinglis. Er lernte diesen erst ende 1523 persönlich kennen. Die folgende Episode zeigt das Verhältnis der beiden (nach der Biografie 1858):

„Bereits war ... in Zürich die Reformation größtentheils thatsächlich durchgeführt und in den letzten Monaten eine Menge falscher Gebräuche abgeschafft worden, nachdem Zwingli seit fünf Jahren schon dawider gepredigt hatte. Aber die Messe bestand noch. Bullinger stutzte über dieß Zögern. Er fand es für nöthig, Zwingli einmal seine Meinung recht ernstlich zu sagen. "Es war am 12. September 1524, erzählt unser Bullinger, daß Zwingli mir zum ersten Mal sein Herz darüber aufschloß, wie er über das Sakrament des Leibes und Blutes denke. Jch setzte ihm nämlich in guten Treuen meine Ansicht auseinander, die ich aus einer Schrift der Waldenser und aus Augustins Werken geschöpft hatte." Die Nichtigkeit der Brotverwandlung stellte Bullinger dabei ihm vor und wie ein solcher Götzendienst nicht länger zu dulden sei. Noch erklärte sich Zwingli nicht und ließ ihn weiter reden. Als er nun aber bemerkte, wie gründlich Bullinger jeden Einwurf zu widerlegen, die Zweifel zu lösen und die Schriftmäßigkeit der Lehre vom geistlichen Genießen des Herrn in dem von ihm gestifteten Mahle zu erweisen verstehe, da eröffnete er ihm eben so unverholen seine Gedanken und gab ihm völligen Beifall. Doch bat er ihn, mit der öffentlichen Bekanntmachung der schriftmäßigen Lehre für einmal noch inne zu halten, bis das Volk durch die evangelische Predigt noch besser darauf vorbereitet wäre.“

Stichworte: Anna Adlischwyler / Antistes / Basel / Bern / Bremgarten / Johannes Calvin / Erstes Helvetisches Bekenntnis /     Kappel am Albis / Konstanz / Messe / Rom / Zürich / Huldrych Zwingli

 

6. Warum auf diesen Vergessenen hinweisen?

Eines ist sicher: Heinrich Bullinger dreht sich nicht im Grab herum vor Kummer oder Ärger, dass man ihn, den damals bedeutenden Mann, so rasch fast völlig vergessen hat. Er war bescheiden und suchte Gottes Ehre nicht nur mit den Worten.

Noch zu seinen Lebzeiten wurden alle Reformierten „Calvinisten“ genannt, wie wenn da nicht wichtige Unterschiede bestanden hätten. So war beispielsweise die Güte Bullingers seinem Freunde Calvin fremd; darum war es Bullinger, und nicht Johannes Calvin, der den biblischen Gedanken des BUNDES ins Zentrum des Denkens und Formulierens rückte. Das Wort ‘Liebe’ kann bei Bullinger geradezu als ‘Solidarität’ übersetzt werden. Calvin betonte die Kirchenzucht und ärgerte sich über Andersdenkende, wie auch Luther das tat; in der Zürcher Kirche betonte man die Folgerichtigkeit weniger. Vielmehr mass man jedes Wort, jede Tätigkeit direkt daran, ob es nach dem inneren Verständnis der Bibel gesprochen und getan wurde.

Das zeigt sich auch in der Arbeitsweise der Reformatoren. Während Calvin an seiner ‘Institutio’ immer wieder Text und Anordnung veränderte, schrieb Bullinger stets neu von Grund auf, aus dem Herzen, zu vielleicht denselben Themen (z.B. Wiedertäufer). Hingegen war er auch seinen eigenen Werken gegenüber wählerisch: alle humanistischen Handschriften (ausser ‘studiorum ratio’) entfernte er sorgfältig aus seinem Nachlass, so dass wir kaum noch deren Titel kennen.

Leider wird heute noch zu wenig beachtet, dass Bullinger die aristotelische zweiwertige Logik ablehnte – „in Belangen, die das Glaubensleben betreffen“. In Calvins Genf wie in Martin Luthers Wittenberg war das anders. Für Luthers berühmten, aber zeitweise angefochtenen Mitarbeiter Melanchthon war die Logik das Ordnungsprinzip im Verständnis der Bibel (dennoch war Melanchthon ein Freund Bullingers).

In der heutigen Zeit lernen unsere Gedanken dank Physik (Relativitäts-, Quantentheorie) und Mathematik (z.B. sog. Chaostheorie) daran, dass die Folgerichtigkeit nicht überall dem Erkennbaren entspricht. Die bleibenden Werte der Reformation könnten uns in der nicht-aristotelischen Ausdrucksweise Bullingers von neuem nahekommen: wichtig ist der BUND und nicht das Entweder-Oder.

Man hat im Zeichen des Rationalismus die Reformatoren mit mancherlei Vorurteilen beladen, mit negativen wie positiven. Bullinger hingegen wurde nur ‘vergessen’, und das könnte sich heute für uns als vorteilhaft erweisen. Nämlich, der Zugang zu seiner damaligen Denkwelt ist weniger verbaut.

Zwei Gründe dieses ‘Vergessens’ sind wahrscheinlich:
1. der strenge Calvin bot viel mehr Angriffs- und Verehrungsflächen als der bescheidene Bullinger.
2. die rationalistischen Denker konnten nur schon aus methodischen Gründen nichts anfangen mit der Denkweise Bullinger: in Glaubenssachen gibt es nur das blosse, achtsame Hinhören; in anderen Belangen und zur Vergewisserung ist ihm die Logik aber durchaus dienlich.

 

Stichworte: Aristoteles / Heinrich Bullinger / BUND / Johannes Calvin / Genf / Martin Luther / Philipp Melanchthon / Rationalismus / Relativitäts-, Quanten-, Chaostheorie / Vergewisserung / Wittenberg / Wiedertäufer

7. Wie Bullinger vom BUND redet

An der Nordseite des Grossmünsters in Zürich ist neben dem Denkmal Bullingers eine Inschrift: zu lesen:
„Heinrich Bullinger 1504-1575 / Oberster Pfarrer am Grossmünster / Nach Zwinglis Tod der Zürcherischen Kirche weiser Leiter / Berater aller reformierten Kirchen / Urheber des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses / Väterlicher Beschützer und Tröster der bedrängten Glaubensgenossen“

Er gilt auch als hervorragender Vertreter der Bundestheologie.

Was ist das: Bundestheologie?

Der aufmerksame Leser von Bullingers Schriften stellt fest: im Hauptwerk, dem ‘Hausbuch’ (Decades) kommt der Ausdruck „pundt“ kaum vor dort, wo wir das eigentlich erwarten würden. Man findet dort aber nicht-begriffliche Wörter wie etwa „vereiniget“

Wie ist das also mit der Bundestheologie?

Theologie ist nach heutiger Auffassung eine Wissenschaft, d.h. sie beruht auf strengen methodischen Vorbedingungen. Auch damals haben die Denker darum gekämpft, dass die richtigen Prämissen (Vorbedingungen) angewendet werden. Nun, nehmen wir mal an, die unsrigen seien die richtigen. Frage: wonach richtet sich die Entscheidung über ‘richtig’ oder ‘falsch’?

Als Christen, die Christus zum „Herren“, d.h. zum Schutz- und Schirmherrn haben, wählen wir uns diese Vorbedingungen nicht selber aus. Wir haben die klare Vorgabe, dass wir auf den Geist, den Sinn der Bibel hören sollen. Hier vernehmen wir auch vom BUND Gottes mit uns Menschen. Gott, der unvergleichbar Andere, bietet uns in seiner Zuwendung diesen BUND an. Wir, die wir vor ihm unscheinbar klein sind, wir dürfen als Freunde, ja sogar als ‘Kinder’ d.h. Familienangehörige seine Mitarbeiter sein.

Zwingli wie Bullinger stammen aus dem Raum der Eidgenossenschaft, wo Genossenschaften (also quasi Bünde) gang und gäbe waren. Und nun ist es doch so: was einem anklingt an Vertrautes, das hört man deutlicher. Darum redeten diese beiden Reformatoren vermehrt vom BUND. Es geht ihnen aber dabei nicht darum, einen Begriff als Zentrum zu wählen, aus dem sich möglichst alles entfalten soll und kann.

Darf man also, zumindest bei Bullinger, überhaupt von einer „Bundestheologie“ sprechen? Er versuchte, sich für seine Mitmenschen klar auszudrücken. Ein systematisches Gedankengebäude zu errichten, lag ihm ferne. Klarheit wollte er haben in seinen Gedanken.

 

Hören wir uns das einmal im Originalton an.:

„Die heilige Bibel hat eine besondere Absicht und auch ein fruchtbares Ziel, zu dem sie die gottesfürchtigen Leser führt. Die Absicht, also das, was sie vordringlich beachtet, ist Gott und der Mensch. Das Ziel aber, zu dem sie führt, ist dieses: Gott und der Mensch sollen in ihrem Wesen richtig erkannt werden, zur Ehre Gottes und zur Rettung des Menschen. Darum konstatiert, erklärt und erzählt uns die heilige Bibel, wer und was Gott ist, wie herrschaftlich herrlich und gewaltig er sich in allen seinen Geschöpfen erweist, wie wahrhaftig und aufrichtig er in allen seinen Worten und Werken ist, und wie gütig, treu und barmherzig er zu den Menschen ist.

Daneben lehrt sie auch, wie und wer der Mensch ist; mit welchen Eigenschaften er von Gott erschaffen und wie er geworden ist; was er aus sich selber ist und was aus Gottes Wohlwollen. Ebenso lehrt sie, wie Gott sich selber den Menschen verbunden und verknüpft hat; was er den Menschen bietet und was er dagegen von den Menschen haben will. Sie gibt auch hilfreiche Gottesverheissungen von Christus, ...“

(weiter hinten:) „Der Mensch aber, der von Gott Hab und Gut empfangen und unaussprechliche Guttaten entgegengenommen hat, ist Gott undankbar und ungehorsam geworden, indem er auf den Teufel gehört und ihm mehr geglaubt hat als Gott...“

aus dem Schulbuch „Christliches Glaubensleben“ (Summa Christenlicher Religion)

Und nun, bleiben wir mal bei der Klarheit. Auf welche Weise kann ich einem Mitmenschen meinen Standpunkt klarmachen? Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wir westlichen Menschen sagen: „Sich möglichst genau ausdrücken, damit man es versteht. Missverständnisse vermeiden“. Ein Chinese würde antworten: „Oh, wir drücken uns möglichst offen aus; nämlich damit Du Dich darin wiederfinden kannst.“ Der Reformator Martin Luther formuliert sich antithetisch, d.h. er lehnt vehement alles andere ab; auf diese Weise wird sein Standpunkt deutlich. Bullinger seinerseits redet vom BUND: wer es erlebt hat, versteht es. Wer es noch nicht erlebt hat, dem ermögliche man das Erlebnis von Solidarität, von der Freiheit, sich anzupassen aus freier Zustimmung. Bullinger lehnt nur ungern und gezwungenermassen Mitmenschen ab – dann wenn die Anderen sture „Aufrührer, Rotter und Spalter (Secter)“ sind und Mitmenschen verführen. Man darf sagen: Bullingers Denkweise ist eingrenzend, nicht ausgrenzend; ein bisschen wie der erwähnte Chinese.

Ein Koreaner Theologe kam vor wenigen Jahren nach der Schweiz, um den Doktortitel zu machen. Er sagt: „Als ich zuhause von Bullinger, vom BUND hörte, war mir das wie eine Offenbarung. Aber als ich hierherkam, wusste kaum jemand von den Leuten etwas Genaueres von diesem grossen Bullinger!“

Was wäre der Bund Gottes, wenn es etwas wäre, was wir uns in aller Ruhe gelegentlich überlegen könnten, ob wir wollen oder nicht...

Stichworte: Bibel / Bullinger / Bund / Christus / Eidgenossenschaft / Grossmünster / Hausbuch / Klarheit / Martin Luther / Offenbarung / Prämissen / Standpunkt / Theologie / Zürich