Gross-Ich; Korporation usw.

Unsere Persönlichkeitsstruktur ist nicht einfach durch unsere Existenz gegeben. Man sagt, wir Heutige, Mitteleuropäer und USAner, seien Individualisten in der Vereinzelung, etwa Afrikaner aber seien primär Mitglieder ihres Stammes.

Zwar existieren wir als Einzelne; wir leben aber in sehr unterschiedlichen Ich-Strukturen. Als Zwingli und Luther miteinander disputierten über die Abendmahlsfrage, da redete einer, dem Fürstenhoheit eine Selbstverständlichkeit und Sicherheit war, mit einem, der es von Kindsbeinen an gewohnt war, dass man nur im Korporationsverband überleben kann. Und sie verstanden sich nicht.

Es sind alle Schattierungen zwischen den beiden beschriebenen Positionen möglich. Es ist auch möglich, einander zu verstehen. Da „Liebe“ auch die Feindesliebe einschliesst, ja, sie lässt sich gerade in solcher Extremsituation erkennen, so sind uns die Unterschiedlichkeiten nicht mehr störend, sondern sogar bereichernd.

Der „zürcherische“ Weg des Reformierten Christseins lebt in starkem Masse in der Erfahrung des gemeinsamen Ich-Seins. Zwinglis „Kilchhöri“ ist der Bereich, die Lebensgemeinschaft, wo man den Konsens durch den Mund des Pfarrers gemeinsam anhört und sich seiner vergewissert. Dabei ist die Meinungsfreiheit gewährleistet, sofern man nicht den (durchaus veränderbaren) Konsens stört.

Der Ausdruck „Gross-Ich“ hat sich irgendwie nicht einbürgern können, scheint mir aber deutlich zu sein.

 

Dass in den Zeiten der Reformation die Erkenntnisse nicht einfach dem Individuum freigestellt waren, zeigt sich etwa in einem Brief  Zwinglis an die evangelischen Prediger in Basel, Frühjahr 1525: “aber was sage ich, als ob ich glaubte, dass einer unter euch so leichtfertig wäre, dass er zum Schaden des Evangeliums steif auf seiner Meinung beharren könnte.“  (Oekolampad S. 321)