Die verschwundenen humanistischen Schriften

Es lässt sich erschliessen, dass Bullinger zu einem bestimmten Zeitpunkt oder über eine gewisse Zeitspanne hinweg seine eigenen, nicht unbedeutenden unter humanistischem Einfluss geschriebenen Schriften systematisch vernichtet hat.

Er wollte damit m.E. Klarheit schaffen über sein Anliegen, indem er vermied, dass „menschliches gedicht“ (das er durchaus selber pflegte, auch als Historiker und Zeitungsmann und Kirchenpolitiker) vermischt werde mit der Darlegung von Gottes Wort.

 

vgl. J. Staedtke, Die Theologie des jungen Bullinger, Zürich 1962, S. 296f

Die gesamte Arbeitsleistung des jungen Bullinger liegt aber mit den in der Bibliographie angezeigten Werken keineswegs vor uns. Um davon ein einigermassen vollständiges Bild zu gewinnen, müssen wir annehmen, dass Bullinger in der Zeit bis 1528 insgesamt etwa das Doppelte des hier angezeigten Schrifttums verfasst hat. Zimmermann hat in seiner Arbeit von den 72 in den Diariumskatalogen genannten Titeln 34 nicht zu identifizieren vermocht, welche Schriften wir als verloren zu betrachten haben. Da aber, wie die vorliegende Bibliographie beweist, Bullinger etwa doppelt soviel geschrieben hat wie er im Diarium angibt, so sind wir genötigt, den noch vorhandenen Schriften etwa die gleiche Anzahl verlorener Schriften gegenüberzustellen. Mit Hilfe des Diariums können wir uns von den verlorenen Schriften ein einigermassen klares Bild machen. Wir vermögen hier besonders zwei Gruppen zu unterscheiden.

Zunächst einmal sind uns sämtliche Titel des dritten Diariumskataloges verloren gegangen, von denen Bullinger aber schon selbst sagt, Diarium, S. 16: „vel interciderunt, vel non absoluti sunt, vel apud alios delitescunt». Bei diesen Schriften wird es sich um kleinere Arbeiten und um Briefe (wie Bullinger hier ausdrücklich angibt) handeln, von denen er es nicht wert erachtete, sie zu kopieren oder aufzubewahren. Ein Blick auf die Titel des Kataloges zeigt, dass die in diesen Schriften enthaltenen theologischen Probleme fast alle in uns noch zugänglichen, vermutlich ausführlicheren Werken behandelt worden sind. Den Verlust dieser Schriftengruppe wird man nicht allzu schwer ansetzen dürfen.

Wesentlich schwerer dagegen wiegt der Verlust der zweiten Gruppe. Es verhält sich nämlich so, dass, während uns fast alle theologischen Werke erhalten sind, demgegenüber das fast gesamte humanistische Schrifttum Bullingers verlorengegangen ist. Hier sind besonders die Nummern 23‑29 des lateinischen Diariumskataloges, S. 14, zu nennen, hinter denen sich zum Teil Kappeler Vorlesungen verbergen. Abgesehen von dem täglich vierstündigen Trivialunterricht, in dem er neben dem alten Donat besonders Erasmus, Melanchthon, Rudolf Agricola, Boethius, Cato und Cicero behandelte, hat Bullinger 1523 über die Aeneis des Vergil, 1527 über Ciceros Rede für Manilius und die Verschwörung des Catilina von Sallust gelesen. Von alledem ist uns nichts erhalten. Als ein gewisser Ersatz mag uns die Anleitung zum Studium für Werner Steiner, Titel 77 [ratio studiorum], gelten. Dass die Ursache dieser Verluste bei irgend jemand anders als bei Bullinger selbst gesucht werden muss, lässt sich bei der überaus stark ausgebildeten Gewissenhaftigkeit seines Sammelns nicht behaupten. Dass Bullinger auch bewusst Werke von sich selbst vernichtet wissen wollte, erfahren wir aus Titel 26. Vermutlich wird z. B. die im lateinischen Diariumskatalog, S.13, genannte Nr. 4 «In duos locos communes Phil. Melancht. nempe in liberum arbitrium et peccatum commentarius», (und andere Werke) ein ähnliches Schicksal geteilt haben.

 

Die so erkennbare Methode von Bullingers Sammeln lässt einen bedeutsamen Rückschluss zu. Nachdem Bullinger in Emmerich und Köln seine ganze Ausbildung von vornehmlich humanistisch bestimmten Lehrern empfangen hatte, liess er, als er „in das geheimnisvoll wirkende Kraftfeld des Evangeliums“ (Blanke) geraten war, den grossen Schatz dieser humanistischen Bildung nie mehr an sich gelten, sondern machte ihn formal dem Erkennen und Verkünden des Evangeliums dienstbar. Die humanistische Bildung hatte ihm das wertvolle Handwerkzeug zum Lesen der Heiligen Schrift gegeben, aber ihre inhaltliche Aussage hatte keine Selbstberechtigung. Die zwar notwendigen Bemühungen um diese Bildung waren es nicht wert erhalten zu werden. Sie hatte ihren Dienst geleistet, «ancilla theologiae» zu sein. Bleiben musste nur eines: Die Verkündigung des Evangeliums.