Alpha privativum

steht dem Alpha negativum gegenüber.

Beispiel: A-konfessionell meint in diesem Sinne nicht Bekenntnislosigkeit, sondern Bekenntnisfreiheit.

 

Weitergehende Erklärung (in seinem Thema ‚A-Perspektive’) aus: Jean Gebser, Ursprung und Gegenwart, Stuttgart 31964, S.5

„Aperspektivisch“ ist nicht als Gegensatz oder als blosse Verneinung von „perspektivisch“ zu verstehen. Der Gegensatz zu perspektivisch ist unperspektivisch; zwischen den drei Formen unperspektivisch, perspektivisch und aperspektivisch besteht dasselbe Sinnverhältnis wie beispielsweise zwischen unlogisch, logisch und alogisch, oder wie zwischen unmoralisch, moralisch und amoralisch. Der Gebrauch dieser Bezeichnung „aperspektivisch" läßt eines deutlich erkennen: daß es gilt, den bloßen Dualismus von Bejahung und Verneinung zu überwinden. In den sogenannten Urworten ist der Gegensinn noch enthalten gewesen: noch im Lateinischen heißt ‚altus’ sowohl ‚hoch’ als auch ‚tief’, ‚sacer’ sowohl ‚heilig’ als auch ‚verflucht’. Solche Urworte bildeten noch eine ununterschiedene, psychisch betonte Einheit, deren Doppelwertigkeits‑Charakter dem frühen Ägypter und Griechen durchaus gegenwärtig war. Für unser Sprachbewußtsein ist das nicht mehr der Fall. Deshalb benötigen wir einen Terminus, der sich über die Doppelwertigkeit des Urwortes, aber auch über den Dualismus der Gegensatzbegriffe stellt. Wir bedienten uns deshalb der griechischen Vorsilbe ‚a’, nicht im Sinne des Alpha negativum, sondern in dem des Alpha privativum, und koppelten es mit dem aus dem Lateinischen abgeleiteten Wort, weil diese Vorsilbe ‚a’ befreienden Charakter hat (privativum von privare = befreien). In der Bezeichnung „aperspektivisch" kommt also ein Vorgang der Befreiung zum Ausdruck, einer Befreiung von der ausschließlichen Gültigkeit sowohl der perspektivischen als auch der unsperspektivischen, selbst der praeperspektivischen Gebundenheit. Unsere Bezeichnung enthält also nicht den Versuch, das Unperspektivische und das Perspektivische, die von sich aus koexistent sind, zu einen; sie stellt nicht den Versuch einer Synthese dar, ist keine Versöhnung dessen, was defizient werdend unversöhnlich wurde.“