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Bei ihm wird das „Feinstoffliche“ der Theologie sichtbar

„privative Theologie“

 

HEINRICH BULLINGER
1504 - 1575
als
HEILS-PÄDAGOGE
und
METATHEOLOGE

 

 

 

Zu seinem Jubiläum:

keine Würdigung,
wohl aber Bruchstücke
eines Eindrucks,
und zwischen den Zeilen
ein Dank für die Begegnung

 

 

Motto:

Horch, es ruft: "Schrei, jetzt."
Und ich antwortete: "Ach was, wozu auch. Die Leute sind wie das Gras, und ihr Wissen wie die Blumen des Feldes. Das Gras biegt sich, die Blume verschliesst sich, je nachdem der Wind darübergeht." –
"Ja, Gras ist das Volk, und eine Eintagsblüte das Wissen.
 Das Volk biegt sich nach dem Wind, und das Wissen verhaspelt sich,
aber das Wort von der Sache unseres Gottes steht aufrecht,
 in Ewigkeit."
nach Jeremia 40

 

 

AUF DIE PAUKE HAUEN

Ein Vorwort, das vielleicht nicht geschrieben werden sollte

Doch, doch, ich müsse halt auf die Pauke hauen, sagen Erstleser meiner untenstehenden Ausführungen zu Bullinger. Ich weiss aber, das passt nicht zu ihm; das ist untauglich, seine Eigenart darzustellen. Doch solange das vermutete Zielpublikum linear diskursiv vorgehen will im Lesen und Hören, solange warten sie auf die Pauke: Ein kräftiger Schlag, dann noch einer, der dritte vielleicht etwas modifiziert, undsoweiter, und es entsteht eine Holzperlenschnur von Paukenschlägen, in der Richtung vom Anfang zum Ende, geradlinig, effizient. Und die Vögel verstummen.

Ich tu’s aber trotzdem, und zwar mit einer Schrift ohne Serifenfüsschen; Arial genügt. Hart muss es sein, sonst ist’s keine Pauke – meint man.

Der alte Prokrustes haute auf den Kopf oder auf die Füsse, bis sie weg waren und das Bett gross genug; das Zielpublikum und er waren befriedigt: Wette gewonnen, der Kerl hat Platz im Bett.

So arbeitet die zweiwertige aristotelische Logik, mit Verlaub, ihr Aristoteliker. Der Melanchthon hat auch dem Bullinger quasi den Kopp abgehauen mit seiner weiland Aufzählung der Ketzer, die Zwinglischen zählte er dazu, die Wiedertäufer aber hat er nicht erwähnt. Und Melanchthon, der Freund Bullingers, hatte zweiwertige Gründe, so zu handeln. Mit Gründen lässt sich, bei genügend Geschicklichkeit, alles beweisen; das lernte man früher im Gymnasium, wenn die Antike besprochen wurde. Also Gründe herbeischaufeln, bis die Sache, die man beweisen will, bewiesen ist. – Nein, nicht „Kopf runter zum Gebet“; andersherum und doch gleich: „Herz weg zur Logik.“ Wir könnten uns aber dafür interessieren, dass jegliche Logik Prämissen hat, und die sind ungefähr so wie in der Mathematik die Axiome: entweder man nimmt sie an, oder dann nicht.

Eine flächige oder räumliche, nicht-lineare Darstellungsweise ist uns zwar noch ungewohnt, doch vielleicht treffender: du stehst an vielen Orten richtig.

Ist das mit den Axiomen und Prämissen nicht ähnlich wie mit dem Glauben? Nur, dieser ist ein Geschenk Gottes, sagt nicht einzig Bullinger. Na, wie ist das jetzt mit der Logik? Egal, Bullinger weiss, dass die nicht taugt dort, wo Gott sein Geschenk zeigt. Da hört man hin. Sein Wahlspruch Matthäus 17: Dieser ist mein geliebter Sohn, in dem ich „versüenet bin; jm sind gehörig.“ Auf ihn höret.

Logik hat die Qualität, folgernd auf das darauffolgende loszugehen. Zu Gott hingehen, das schafft sie nicht: das ist wegen dem grossen Unterschied, dem Chorismós. Da ist aber auch das Heúrisma.

Staunend vor IHM stehenbleiben und stillewerden, hinhören, und dann gehen wir zu meinem Nächsten, mit stockenden Schritten vielleicht, und reden stammelnd oder handeln schweigend die Liebe, wie Gott sie uns erweisen hat: im Heúrisma. – Schlussfolgernd zu meinem Nächsten hingehen – solches gelingt nicht. ICH mit meinem Nächsten – das ist Gottesdienst, und zwar „besonderer“, nicht „offenlicher“. „Ussert der kilchen“ aber kann das Schreiten der Logik hilfreich sein.

Ein Wissenschaftler, auch wenn er es vielleicht für seine Arbeit vergessen muss, ist und bleibt ein Mensch.

Es nützt blödsinnig wenig, zu sagen, Bullinger habe halt vor dem Rationalismus gelebt. Oder vor der Aufklärung; tönt schöner. Rationalismus gabs immer, das liest man sogar im Lexikon, und Bullinger hatte genug und übergenug zu tun mit solchen Fast- oder Ganz-Rationalisten. Ich nenne mal den Theobaldus Thamerus. Der begab sich später zurück in den Schoss der römischen Kirche; er war in deren scholastischem Umgang mit der ratio – Aristotelismus! – ungestörter als in den „evangelischen“ Kreisen.

Die Reformation als Impuls hat kaum zwei Jahrzehnte gedauert. Dann war ein eher milder Hang zum Rationalismus wieder da – zu milde für einen Thamer. Bei Heinrich Bullinger war das nicht so. Er blieb beim Impuls, er hatte erkannt, wo des Teufels Schlupfloch (Pauke!) liegt. Ein logik-rationaler Mensch konnte mit dem Kerl (mit dem Bullinger, meine ich) gar nicht richtig diskutieren. Als er tot und daher ohne Einfluss war, vergass man ihn mit bewundernswerter Schnelligkeit. Man war wieder unter sich und pflag den Konfessionalismus ungestört.

Weisst du was, lieber Leser, liebe Leserin? Das Trinitätsdogma war ein Paukenschlag wider den aufkommenden Ge- und Missbrauch der aristotelischen Logik. Keine Zweiwertigkeit eines Entweder-Oder, sic et non, es ist eine Dreiwertigkeit, wenn schon, und die ist für den Aristoteles nicht verdaubar, der „gigantische Buchhalter des Abendlandes“ (Hans Mühlestein) kann das nicht verbuchen in Sein und Haben. Die anstürmenden Völker der damaligen grossen Wanderung interessierten sich nicht für den Aristoteles, so wie die Konquistadores, Bullingers Zeitgenossen, auch nicht wegen dem Popol Vuh, dem heiligen Buch der Quiché-Indios in Guatemala, nach Südamerika zogen. Des Aristoteles Genie blieb im Osten aufbewahrt, wurde von den Arabern entdeckt (siehe Beispiel-Texte am Schluss des Haupttexts), und die Kreuzzüge eroberten zwar nicht das Heilige Land, mittelbar aber den Aristoteles für vorläufig dauernd. Das Kraut der Scholastik begann allmählich zu blühen.

Lasst mich einen anderen Ton anschlagen zwischenhindurch. Nämlich etwas, worauf man direkt hinhorchen muss, um es deutlich zu hören. Ein Zitat aus einem Brief des Londonder Bischofs Edmund Grindal an Bullinger, 1567 geschrieben (aus der Biografie Carl Pestalozzi 1858, S. 330f)

... da ich aufrichtig gestehen muß, daß ich, vor bereits 20 Jahren, durch die Schrift: “Vom Ursprung der Jrrlehre vom Abendmahl”, mich erweckt gefunden, die ebenso vernünftige als schriftgemässe Lehre vom Abendmahl, wie sie in der Schweizerischen Kirche angenommen wird, ebenfalls anzunehmen, und mich zu derselben zu bekennen, da ich vorher ohne nähere Selbstuntersuchung, bloß auf treu und Glauben hin, es mit Luthern gehalten. Somit ists billig, daß ich den Zeitlebens ehre, hochschätze, liebe, dem ich bessern Aufschluss verdanke, oder, um rund heraus zu reden, die Erlösung aus der steifen, scholastischen Schultheologie. Einseitige von Fürsten und Magnaten abhängige Akademiker mögen so auftreten wie Luther, in rohbefehlender Manier: Bullinger trittet als freyer Republikaner auf, freundlich und herzlich, in ächt christlichem Sinn. O! er behalte ihn zu Ehre und zum Segen der christlichen Kirche und zunächst seines Vaterlands!” 

Ein solches Zitat schreibt sich in einer Schrift, deren Lettern Serifen haben. Wir hauen aber weiter auf die Pauke:

Unser Universitätsforschungsbetrieb in Sachen Bullinger arbeitet selbstverständlich mit zweiwertiger Logik d.h. wissenschaftlich. Sie ringt um Anerkennung der zünftigen Historiker, die ihnen die Wahrheit unterjubeln wollen, das Gebiet der Reformationshistorik sei mit Theologischem vermengt, siehe Metatheologie. Zwar, man bildet angehende Pfarrer in Theologie aus, und die sind dann als PfarrerInnen der unwissenschaftlichen Denkweise des gewöhnlichen Kirchenvolkes ausgeliefert, ihr gelerntes Instrumentarium erweist sich als hochgradig untauglich. Ist es nicht so? Und ist es nicht so, dass die Esoterik den Pfarrerkirchen so sehr den Rang abgelaufen hat, dass man häufig pure Esoterik predigen hört dort, wo jemand der wissenschaftlichen Unverständlichkeit ausweichen will? Man sollte mal Bullinger zum Thema Esoterik hören: er lehnt sie gar nicht ab! Im Gegenteil, er behauptet, auch die Ärzteschaft und die Arzneien können zu einem „frömbden Gott“ werden – ja, richtig gehört, das Kriterium ist die Haltung vor Gott und nicht irgend eine buchhalterlogisch bewiesene Richtigkeit in irgendeiner Sache.

Wo käme unsere schöne Wissenschaft hin, wenn es sich so verhalten sollte? Ich weiss eine Antwort, habe sie bei Bullinger zu finden gemeint, schlagende Beweise sind aber hier nicht zu liefern, ich treibe keine Wissenschaft in diesen meinen folgenden Ausführungen. Hinweise müssen genügen, können ja dann immer noch durch den Fleischwolf gedreht werden. Also: Die Logik, irgendeine Logik, egal ob eine aristotelische mit oder ohne melanchthon’scher Platzierung bis in den Schöpfungsbereich zurück, oder eine ramistische oder sonstwas, die Logik dient hervorragend zu allem übrigen, sogar zur Vergewisserung des einfach bloss hinhörend Gefundenen bzw. Gehörten. „Menschliches gedicht“, also Denkerzeugnisse, ist so wie die religiösen Bilder: dort wo wir nicht direkt vor Gott stehen, also nicht hinhören, bloss hinhören, da sind sie durchaus erlaubt und sogar nützlich – sofern man sie nicht missbraucht. Im Gottesdienst, sei es der gemeinsame sonntägliche im Kirchenraum oder der „eigene“, private Gottesdienst im Alltagsverhalten, nein, da haben diese Dinge absolut nicht dabeizusein. Weder Bilder noch Heilige noch Logik. Oder die Logik vielleicht doch? Zur Vergewisserung vielleicht. Logik gehört zu den „media“, zu den Mitteldingen, die frei sind zu gebrauchen dort, wo sie nicht mit dem Gottesdienst verquickt sind. Hinhören ist Gottesdienst.

Es sind nicht die Wolken, die den Himmel ausmachen. Doch ihre Ränder leuchten, wenn Sonne oder Mond sich hinter ihnen verstecken; oder aber sie geben dem Himmel eine Struktur, unserem armen Sehen zuliebe.

Aber davon mehr im Haupttext.

Das Paukenkonzert geht weiter; es soll ja eine Holzperlenkette entstehen. Gott mag es geben, dass die nachher folgenden Darlegungen helfen werden, einen Perlmuttglanz zu streuen über den weiten Himmel, der die Erde überwölbt.

Warum wollen wir Erkenntnisse, die bei Regenwetter genau gleich aussehen wie im Sonnenschein? Dass Gott erbarm! Er lasse uns auf dieser seiner Schöpfungserde weiterleben, und dass wir Sonnenglanz und Regensegen immer deutlicher wahrnehmen. Lasst uns im Regen tanzen und die Sonnenstrahlen zu einem Kranze flechten! Und lasst uns unseren Nächsten als solchen sehen und nicht als Übernächsten! Konzepte sind eine gute Sache; doch wenn mein Nächster vor mir steht, ist Gottesdienst – ohne Konzepte, haben wir gesehen. Oh, ihr Kirchen aller Arten, wie wunderbar reich sind wir doch an Gelegenheit, Gottesdienst zu feiern.

Die Wirklichkeit, in die wir gestellt sind mit dem Auftrag, unseren Rucksack oder Lastwagen (je nach Menge der „Pfunde“) voller Liebe zu verteilen, also, diese Wirklichkeit ist unser Arbeitsort, und wir tun gut daran, seine Gegebenheiten genau zu beachten und zu betrachten. Die „gelägenheiten“ von Zeit, Ort, Personen, Sachen undsoweiter. Die Aspekte, Hinsichten, nenne ich das hier. Doch weil wir unzulängliche Arbeiter sind (das ist der prästen, sagt Bullinger. Der prästen macht Gottes Wortsinn leuchten), täten wir gut daran, beim Mitmenschen zu erforschen, wie er es gemeint, aber halt eben nicht recht gekonnt hat. Intentionsanalyse nenne ich das; dieser Ausdruck will eine platte blinde Toleranz vermeiden helfen zugunsten der „Liebe“, die in allen Aspekten wieder anders heisst und doch „Liebe“ ist. Gott ist Liebe. Und unser Lastwagen voller Liebe, das ist auch was.

Heinrich Bullinger war es zufrieden, den Inhalt seines Gottes-Rucksackes zu verteilen. Er soll wieder gewürdigt werden? „Bitteschön, so tut es halt“, würde er wohl sagen. Ein leerer Rucksack beim Lebensende war ihm das Lebensziel. Ob er es erreicht hat? Das ist Gottes Sache, meine Lieben. Lasst das erförschelen, das „erfüntelen“ bleiben. Lasst uns quasi schwebend denken, wie wenn wir nicht auf unseren zwei Beinen stünden, was aber doch der Fall bleibt – in der Vergewisserung nämlich.

Wir treffen den Jubilaren Bullinger vielleicht gar nicht dort an, wo wir ihn aufsuchen, um ihm die Ehre zu geben. Den vergleichweise riesigen Geldaufwand für Feiern und dazugehörige wissenschaftliche Publikationen hätte er wohl lieber den einfachen Leuten und den Flüchtlingen zugute kommen lassen. Ob er sich möglicherweise in der Mitteilungsflut („das muss man heutigentags so machen, sonst wird man nicht wahrgenommen“) behandelt fühlt wie kurz vor seinen Zeiten jene Wiedertäufer in der Limmat?

Chorismós und Heúrisma, mit diesen beiden Vokabeln will ich das Unnennbare benennen, mit ihnen ein härenes Mäntelchen geben dem nur Erlebbaren, von dem man im Erleben handelnd schweigt oder unbeholfen stammelt. Auf die Pauke hauen, nicht stammeln – also Ausdrücke her, die mindestens so viel Aufsehen erregen, dass einer im Weitergehen „Spinner!“ sagt. Man lacht doch auch über die Ungeschicklichkeit eines Clowns. Und weil aller guten Dinge Drei sind (warum dann eigentlich eine zweiwertige Logik oder eine Holzperlenschnur mit nur zwei Enden? Der Rosenkranz hat nur eines), darum sei auch von Metatheologie geredet. Es wäre höchste Zeit, zu anerkennen, dass Theologie als Wissenschaft eine Meta-Ebene hat. Es gibt Worte, die um des Nicht-Sagbaren willen richtig sind, nicht wegen ihrer logischen Richtigkeit. Solche Worte erwachsen uns immer neu aus der unnennbaren Tiefe des Herzens.

Jedoch, Hand aufs Herz, will sich der Rationalismus enttarnen lassen? Oder wollen wir auf Karriere (die scheints dem Gegenstand der Theologie, so es einen gibt, dienlich sei) verzichten?

„Gott gibt’s nicht; er lebt.“ Vielleicht würde Bullinger heute so sprechen. Gehen wir aber weiter. Der Rucksack ist noch halb voll.

 

 

zum ersten: Vorbemerkungen

 

Er hat recht, der emeritierte Kirchenhistoriker, der mir voller Besorgnis um meine Bemühungen sagte: „Glaub mir endlich, Heinrich Bullinger ist als Theologe uninteressant, lass ihn!“ Er meinte ausdrücklich nicht den Menschen, wohl aber den Theologen Bullinger. Und er meinte es unter der Voraussetzung, dass nur ein neuer Gesichtspunkt theologisch „interessant“ sei.

Wir müssen notwendigerweise die Unterscheidung Mensch – Theologe (Wissenschaftler) immer im Auge behalten. Ich bin Heinrich Bullinger als einem Heils-Pädagogen und Metatheologen begegnet und versuche diese Begegnung hier nachzuvollziehen. Ich selber bin einige Jahrzehnte als Heilpädagoge tätig gewesen und ein Jahrzehnt, inkl. Studium, als Theologe beziehungsweise als Pfarrer – auch diese beiden letztgenannten Spezialisierungen müssen meines Erachtens deutlicher als bisher unterschieden werden.

Heilspädagoge – dieser Ausdruck ist meines Wissens noch nicht verwendet worden, weder auf Bullingers noch auf eines anderen Menschen Persönlichkeit angewendet. Die Tatsache des Heils steht im Interesse des Heilspädagogen, während der Heilpädagoge den Vorgang des Heilens sei es anstrebt, sei es reflektiert. DAS HEIL hingegen ist gegeben, sozusagen zur Verfügung gestellt – es ist da, und wir sind da –, wir lernen den Umgang mit dieser Tatsache, und das ist nicht wenig; ausser dem „handling“ stehen wir aber auch vor der Aufgabe, uns eben dieser Tatsache bewusst zu werden und bewusst zu bleiben; das ist angesichts des „prästen“ dieser Welt nicht die geringere Anstrengung als die erstere, den Umgang damit.

Soviel und so wenig als programmatische Vorbemerkung zum „Heils-Pädagogen“. Nebenbei ein nicht unwichtiger Hinweis: Ich vermeide hier nach Möglichkeit die Verwendung der Denkart objektivierender Substantive. Eine solche Arbeitsweise wäre einer theologisch-wissenschaftlichen Abhandlung vorbehalten; das entspräche zwar den heutigen Arbeitsweisen, nicht aber der damaligen Realität, mindestens nicht der Art und Weise Bullingers, der zwar die Berücksichtigung der Aspekte forderte, aber doch wohl immer mit dem Wissen um den „prästen“, der auch solcher analytischer Arbeitsweise anhaftet. Wo sich diese dem liebenden Erleben des Mitmenschen entzieht und so zum –ismus wird, da  verfehlt sie ihr Ziel: eben den Nächsten, den „äbenmensch“.

Aber nun die Metatheologie? Dieser Ausdruck ist nicht mehr ganz jungfräulich, obschon kaum verwendet. Suche ich die Vokabel im Internet, so finde ich spärliche Verwendungsspuren vor allem im Bereich der Hirnforschung, jedenfalls aber nicht in der Schultheologie. Das ist eigentlich erstaunlich; wenn wir annehmen, die Vokabel meine die Meta-Ebene der Theologie, wobei Theologie nach Name wie nach allgemeinem Verständnis eine Wissenschaft ist – wie sollte es nicht selbstverständlich sein, dass Theologie sich ihrer eigenen instrumentalischen Gegebenheiten bewusst zu sein bestrebt, eben in der Metatheologie?

Hierin aber stelle ich eine erstaunliche und betrübliche Lücke fest, ja fast und oft eine eigentliche Unfähigkeit. Über Logik zu reden, das mag ja noch weitherum möglich sein unter Theologen; doch das Bewusstsein, dass es x-beliebig viele verschiedene Logiken gibt, das ist hauptsächlich noch bei den Reformationshistorikern zu finden, wo sie sich um die verschiedenen Formen des Ramismus bemühen, was vor allem die calvinistische Richtung betrifft. Nicht einmal die fast banale Feststellung, dass die fast ausschliesslich gebräuchliche Aristotelische Logik eine zweiwertige ist, kann einen durchschnittlichen höheren Theologen zu einem neugierigen Aufmerken bewegen. „Cogito ergo habeo veritatem“. – Ich gebe zu, hiermit übertreibe ich; mindestens hoffe ich es.

Bullinger war Meta-Theologe; diese These versuche ich deutlicher zu machen und zu erweisen. Dazu aber werde ich etwas weiter ausholen müssen. Die Sache mit dem Heilspädagogen ist einfacher darzulegen; es liegt eben der heutigen Denküblichkeit näher. Wollen wir uns der Bullingerschen Denkweise nähern?

Wo wir Methoden nicht bloss als definierte Vorgehensweisen verstehen wollen, sondern wir beobachten die Dynamik der geistigen Vorgänge, dann werden wir sozusagen zwischen den Zeilen lesen. Oder dahinter. Und es wird uns vielleicht irgendeinmal auffallen, dass Bullinger entgegen dem Augenschein nicht ein Vielschreiber ist, vielmehr ein Immer-neu-Schreiber. Ganz im Gegensatz zu Calvin. Wie emsig hat doch dieser seine „Institutio“ immer wieder überarbeitet, bis ein faszinierend feingeschliffenes Gedankengebäude vorlag, das die Wahrheit darstellte – aus seinem Blickwinkel natürlich. Menschen mit anderem Blickwinkel sahen dieselbe Wahrheit anders: ja, das Werk passte ausgezeichnet in den Raum des Konfessionalismus. Bullinger hingegen erinnerte bei jeder Gelegenheit an die Gegebenheiten von Ort, Zeit und Personen; diese seien zu beachten und zu bedenken in Dingen, die nicht klar und ein-fältig im Wort Gottes dargestellt seien. Das ist weder Gelegenheits-Theologie noch Biblizismus, sondern jedes Denken hat seine Prämissen, deren sich längst nicht alle Denkenden bewusst sind. Ihm war das Wort Gottes (nach dem Geist verstanden, nicht nach dem Buchstaben) Prämisse, die er bewusst und gerne gewählt hatte. Es wäre verdienstvoll, genau zu untersuchen, wie weit es ihm gelungen sei, andere Prämissen von seinem Denken fernzuhalten – im Bereich dessen, was die „religion“ betrifft d.h. das tätige Leben im Glauben an den Schutzherren Jesus Christus. Eine solche Untersuchung dürfte allerdings nicht so geschehen wie landläufig Theologie betrieben wird, nämlich „wissenschaftlich“ d.h. mit der Methode rationalistisch angewendeter, meist zweiwertiger, meist aristotelischer Logik.

Bullingers Denk-Dynamik verläuft nicht im Takt der Zweiwertigkeit und auch nicht antithetisch wie diejenige Luthers. Das würde seinem „inneren“ Anliegen (siehe die Annäherung „inner / usser“) nicht gerecht.

Was einmal als „Wahrheit“ festgestellt ist, hier und jetzt und durch eine so und so geartete Person in ihren momentanen Umständen, das mag sich anderswann und anderswo jemandem anders zeigen.

So ist es Bullingers Arbeitsweise, immer wieder von Grund auf neu zu schreiben, was ihm zu schreiben nötig schien. Und so konnte er dem Konfessionalismus die Gefolgschaft verweigern. Dass er damit nicht „mit der Zeit“ ging, das verschmerzte er leicht; hingegen war seine Hand in ökumenisch verstehender Weise ausgestreckt allen, auch denen, die ihn befeindeten um eines anderen Verständnisses willen und ihn des Irrtums ziehen. Kompromisslos klar aber war er dort, wo die Prämissen, das Wort Gottes, missachtet oder grob verdreht wurde – wo es um die „Liebe“ geht, um Rücksichtnahme und Solidarität in Gross-Ich und Korporation im weitesten Sinne.

 

Eine Begegnung mit Bullinger zu erleben und nachzuvollziehen, und dabei sein eigentliches Anliegen zu erkennen, ob er wirklich Heils-Pädagoge und Meta-Theologe gewesen sei, dazu  wird aus wohl verständlichen Gründen nicht die wissenschaftlich übliche Darstellungsweise anzuwenden sein. Vielmehr könnte es das Vorgehen sein, wie Bullinger selbst von verschiedenen Positionen aus und unter verschiedenen Aspekten immer wieder von neuem zu beobachten und Überlegungen anzustellen. Fragen wir also zunächst nach Bullingers Anliegen.

 

nochmals zum ersten:
Einleitung – die Karriere

 

Man sagt, Heinrich Bullinger sei ein Grosser gewesen. Da liegt es wohl nicht fern, ihn einmal unter dem Aspekt der Karriere zu beobachten. Das wollen wir vorerst tun.

Nach seinen eigenen Angaben redete er schon mit drei Jahren  „klar und vollständig“ die Muttersprache (so Blanke, Der junge Bullinger, Zürich 1942; ich folge hier seinen Ausführungen). Mit vierdreiviertel Jahren trat er in die Lateinschule ein, ohne dass das Frühlernen damals üblich gewesen wäre; seine Kameraden mögen siebenjährig gewesen sein. Während der Lateinschulöe durfte kein Wort Deutsch geredet werden; sie war die direkte Vorbereitung auf die Hochschule. Die Kinder lernten dort auch die verschiedenen Kirchengesänge und sangen in den Gottesdiensten.

Zwölfeinvierteljährig wurde er zum Abschluss der Lateinschule nach Emmerich am Niederrhein geschickt, wo auch sein Bruder weilte. Den Lebensunterhalt musste er sich mit Singen selber verdienen oder erbetteln. Der wohlhabende Vater wollte, dass der Junge am eigenen Leib den Hunger erfahre, um damit das Wohltun zu erlernen. Anscheinend die richtige Methode im Falle Heinrichs. Jedenfalls hat Bullinger dieses Lernziel erreicht.

Mit fünfzehn schrieb er sich in Köln an der Hochschule ein als Henricus Poellinger, leistete den Eid und bezahlte die Gebühr. Sein Ziel war, Kartäusermönch zu werden, ein ernsthafter Schweiger also. Er wurde dann aber einer, der fälschlicherweise auch „Vielschreiber“ genannt wird. – Hier erhielt er die übliche Ausbildung, das heisst, er lernte den Aristoteles, und zwar nach dem Verständnis des Thomas von Aquin. Ausserhalb der Universität lernte er den Humanismus kennen und übte sich in der griechischen Sprache. Er erlebte den ersten Streit um Luther mit und des grossen Erasmus Enttäuschung, nicht vermitteln zu können. Bullinger beteiligte sich nicht am Span; er wollte ja Kartäuser werden, Mitglied des Ordens, der sich damals der Reform der Kirche verschrieben hatte.

Der spätere Manager der Zürcher Kirche und Berater sozusagen aller Reformierten Kirchen kannte den Wert des Schweigens wie auch den des Redens. Am dannzumaligen Reform-Konzil von Trient teilnehmen? Nie. Die Begegnung mit den Würdenträgern faszinierte ihn nicht, und von der Sache her versprach es nichts Gutes.

Während die Kirche eifrig das Kommende und Gekommene pflegte, die Tradition also, das nuancierte Weitergeben, schlug Bullinger in seinen Studien den entgegengesetzten Weg ein: er suchte die Quelle und gelangte so über die Scholastiker zu den Kirchenvätern und von diesen zur Bibel. Es kümmerte ihn nicht, dass dieser Weg keine Karriere versprach. Innerhalb des Humanismus vielleicht; doch auch diesen Weg konnte er später nicht gehen. Er machte dann sogar seine eigenen humanistischen Schriften verschwinden. Er erkannte, Einzelgänger geworden zu sein, und legte seine Pläne, Kartäuser zu sein, beiseite.

Bullinger erreichte die Würde eines Magisters der freien Künste und kehrte nach sechs Jahren in der Fremde heim nach Bremgarten, ohne dass seine Zukunft irgend geregelt gewesen wäre, es sei denn, dass man berücksichtigt, dass er dem römisch-katholischen Kirchenleben abgesagt und sich ein biblisch fundiertes Leben vorgenommen hatte. Zuhause freute er sich, dennoch herzlich aufgenommen zu werden.

Eine Chance bot sich: Lehrstelle in einem Kloster im Schwarzwald. Bullinger fuhr hin, sah den moralischen Schlamassel und sagte ab. Nicht um sich einem ansehnlicheren Posten offen zu behalten, sondern er mochte sich nicht durch eine Anstellung solidarisieren. – Dann die zweite Chance: im Kloster Kappel am Albis eine moderne Schule aufbauen. Er ging hin zur Besprechung und stellte die Forderung, nicht am kirchlichen Leben teilnehmen zu müssen. Man denke sich: in Zürich wurde noch längst die Messe gelesen, auch unter Zwingli. Doch der Abt Wolfgang Joner ging auf die Bedingung ein, und Bullinger wurde Leiter der Lateinschule und einziger Lehrer zugleich. Januar 1523. Noch nicht neunzehnjährig war er.

Und die Solidarität, die zur Karriere unabdingbar ist, solange man angestellt ist? Bullinger setzte sich jeden Sonntag mit allen Klosterleuten zum Gottesdienst, verliess diesen aber, sobald die Messe beginnen sollte. Der junge Mann grenzte sich ab, anstatt sich anzubrüdern. Die Schule aber gedieh, und Bullinger gab über den Auftrag hinaus auch Erwachsenen-Kurse für die Mönche und andere. Wie ein Selbständiger. Er legte das Neue Testament der Bibel aus, in deutscher bildhafter Sprache, die „wissenschaftlich noch kaum durchgebildet“ war (Blanke). Und die Leute verstanden; Kappel wurde „evangelischen“ Glaubens.

Das war ein Erfolg, aber keine Karriere. Bullinger durfte sich nicht mehr ausserhalb des Bereiches blicken lassen; es herrschte Lebensgefahr. Das war auch später so, als er in Zürich Antistes, der oberste Diener der Kirche, war.

Heinrich Bullinger, der Pädagoge des Heils. Er lehrte und lernte. 1528 leistete er in Zürich den Prädikanteneid; nun sollte er auch predigen. Zwingli und die Seinen hatten ihn dazu gedrängt. Und er predigte nun während 47 Jahren. Bald wurde er als Pfarrer nach Bremgarten gewählt, als Nachfolger seines in Ungnade gefallenen Vaters.

War er einer, der sorgfältig abwartend seine Karriere vorbereitete? Jedenfalls: als Zwingli ihn bat, ihn nach Marburg zu begleiten zu dem berühmt gewordenen Gespräch mit Luther, lehnte er ab: seine damaligen Vorgesetzten, der Rat von Bremgarten, wünschten, er möge zuhause bleiben in der schwierigen Zeit nach der dortigen Einführung der Reformation. Bullinger verzichtete auf die Gelegenheit, sich zu profilieren und den Kontakt zu allerersten Persönlichkeiten aufzunehmen. Verzichtete er auf diesen Karriereschritt? Oder war es ihm wichtiger, treu zur anvertrauten Sache zu sehen? – Auch in späterer Zeit zeigte Bullinger ein solches Verhalten. Es kam einst „eine vornehme deutsche Standesperson“ nach Zürich. Natürlich besuchte er den Gottesdienst, in dem Bullinger predigte. „Von einem so bedeutenden Mann hätte ich doch eine bedeutendere Predigt erwartet“, sagte er nachher. Bullinger antwortete, gemäss seinem Biographen Carl Pestalozzi: „ob Ihr Gnaden nicht von der Emporkirche herab etwa einmal hinunter in den unteren Raum derselben geschaut und da die dicht in einander sitzenden Otterkäpplein und alten Weiber-Tüchlein wahrgenommen. Um derentwillen müsse er vornehmlich predigen, nicht um großer Herren und gelehrter Leute willen. – Dies habe der hohe Besuch denn auch wohl begriffen und Bullingern seiner einfachen Predigtweise halber nachgehends selbst gerühmt.“

Die Zürcher nahmen ihm die Absage, Zwingli zu begleiten, nicht übel. Das Karrierewesen war damals möglicherweise noch nicht so verfilzt wie sie es heute in Wirtschaft, Wissenschaft und betreuend-karitativem Betrieb ist. Sie schlugen ihn nach dem gewaltsamen Tod Zwinglis als dessen Nachfolger vor – andere Bewerber, Leo Jud und Oekolampad in Basel, hatten abgelehnt.

Bullinger nahm an und lehnte die angebotenen Bedingungen ab. Der Rat genehmigte die Vorschläge der Stadtpfarrerschaft, durch Bullinger vorgetragen, nämlich: die Pfarrer als die Kenner von Gottes Wort und Diener der Kirche behalten weiterhin das Recht, auch Ratsmitglieder  zu ermahnen in ihrer Predigt (womit sie sich ausserhalb der Möglichkeit einer politischen Karriere stellten; wer würde schon seinen Chef tadeln, um voranzukommen?); andererseits verpflichteten sie sich, auf die unter Zwingli üblich gewordene politische Mitarbeit zu verzichten.

Damit war Bullingers Karriere festgelegt. Er blieb zeitlebens loyal, und seine Ermahnungen („straaffen“) waren massvoll und berechtigt. Es gab in Zürich keine nennenswerten Anfechtungen mehr; nicht nur Bullingers, nein, auch die Stellung seiner Mitmenschen blieb gesichert. Auch diejenige des geringsten loyalen Einwohners – so lange er loyal blieb. Diese Loyalität erstreckte sich auch auf die Religiosität. „Eigenrichtige“ Leute waren unerwünscht.

 

Die Karriere betrifft aber auch das Ansehen eines eigentlich unbestrittenen Postens. Die Zürcher Kirche verlor ihre führende Stellung innerhalb der Reformierten Kirchen an die Calvin’schen. Wenn heute anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten gesagt wird, man möge den Nachfolger Bullinger aus dem Schatten seines Vorgängers Zwingli heraustreten lassen, so ist dabei eigentlich die Frage zu stellen: Ist es wirklich der Schatten Zwinglis? Wer interessiert sich heutigentags schon für Zwingli! Hingegen ist die „kalvinistische Arbeitsmoral“ oder die „kalvinistische Sittenstrenge“ noch heute ein beliebtes Erklärungsmodell. Es ist die Vermutung nicht gar so abwegig, es sei der Schatten Calvins, der unseren Jubilaren Bullinger grau und des Vergessens wert erscheinen lässt. Jedenfalls: recht bald nach Calvins Auftreten redeten die Gegner nicht mehr von den Zwinglischen, sondern von den Kalvinisten, und das war durchaus als Schimpfwort gemeint. Solche Wörter haben bekanntlich möglichst wirksam zu sein; Bullinger war bei all seiner Entschiedenheit zu friedfertig, als dass sein Name zum Schimpf verwendet werden konnte. Er war weniger angreifbar als Calvin. Grau und farblos erschien er denen, die Herabminderung suchten, irgendwie zu wenig angreifbar; auch aalglatt zu sein konnte man ihm nicht vorwerfen. Warum eigentlich nicht? War er doch profiliert, sogar kantig manchmal.

Bald redete man nur noch vom Licht und vom Schatten Calvins und der Calvin’schen. Davon konnte man in der gängigen Diktion reden. Er gehörte insofern zur Clique; Bullinger aber nicht. „Den Anschluss hat er verpasst“, sagen manche. Welchen Anschluss?

Der Rationalismus war im Anbruch, schon seit langem, und er setzte sich durch, wie wir heute wissen. Bullinger aber warnte vor dem „erfüntelen“, vor dem Spintisieren, vor den „menschen fünd“; mit anderen Worten, es liess sich nicht mit sich streiten auf dieser Ebene. Das einzige Mittel war, ihn zu vergessen, und das geschah sehr rasch und sehr gründlich. Ich erwähne das als ein Positivum, ein Merkmal seiner Qualität. Wäre unsere Wissenschaftlichkeit nicht nach Manier der „menschen fünd“ aufgebaut, so würden die Zünftigen auf diese Sache hinweisen. Doch wir reden ja im Moment von Karriere. Und im übrigen ist es nicht anders zu erwarten, als dass jedermannfrau es sich wohl machen will in seinem Körbchen. Telle est la vie.

Bullingers Karriere liegt im Vergessenwerden. Es war eine ziemlich bewusste Karriere. Er betonte immer wieder, es bekümmere ihn nicht, in den neu aufgekommenen theologischen Fragen nicht mitzureden und damit Gesprächspartner zu sein; das überlasse er denen, die an solchen „unnützen“ Fragen ihren Gefallen finden. Er suche nicht seine Ehre, wolle vielmehr treu und uneigennützig ein Diener der Kirche sein – man ist versucht, ihm das zu glauben.

Was die finanzielle Seite betrifft, so sei Bullinger selber zitiert, nach C.Pestalozzi’s Biographie 1858, S. 622

Bullingers Testament oder letzter Wille an seine Herren und Oberen von Zürich. 1575.

... Denn ich bin im Anfang des Jahres 1523 auf Antoni Schulmeister zu Kappel und sodann auch Prediger zu Hausen geworden, und da diente ich bis in das siebente Jahr, ohne daß mir ein bestimmter Lohn oder eine Besoldung wie andern mir nachfolgenden Dienern geworden ist; man verhieß mir bloß für meine Arbeit, ich sollte wie ein Mitglied des Convents gehalten sein und Leibding oder andere Gefälle empfangen wie ein anderer Cappeler Conventsherr; ich habe aber bisher nie was begehrt noch gefordert, es ist mir auch für diesen Anspruch nie eines Hellers Werth geworden. Jm Jahr 1529 im May versetztet Jhr, meine Gnädigen Herren, mich von Kappel in meine Heimat gen Bremgarten, in gar große Gefahr, Mühe und Arbeit. Von dort ward ich im Krieg am 20. November des Jahres 1531 vertrieben unter bedeutendem Schaden für mich. Darauf nahmet Jhr, meine Gnädigen Herren, mich an Meister Ulrich Zwingli's Statt, daß ich also hier, wie schon bemerkt, an dieser Pfarre im 43. Jahre diene, zuvor schon 9 Jahre diente, im Ganzen also 52 Jahre. Unterdessen hätte ich andere und reichere Stellen bekommen können, habe aber von meinen Voreltern, den Bullingern her ein besonderes Herz zu Euch, meinen Gnädigen Herren, und der Stadt Zürich gehabt. Jhr hab' ich mit gutem Willen gern und zufrieden mit meiner Besoldung vor aller Welt und so treu, als ich immer vermochte, gedient (wollte Gott, ich hätte noch besser dienen können!), wiewohl ich in meinem Testament an die Meinigen bezeugen mußte, daß ich mich nicht immer mit meiner Besoldung und Pfründe behelfen konnte, sondern mein eigen Gut zuweilen einsetzen mußte; ich bitte aber, wie von Anfang, Euch, meine Gnädigen Herren, Jhr möchtet an meinen willigen Diensten ein Gefallen haben.“

 

Wir haben gesehen: die Karriere Bullingers geht also weiter, in der Wirkungs- und Vergessensgeschichte. Möge Bullinger jetzt aus dem Schatten heraustreten, aus dem Vergessen hinein in die A-letheia, das ist die Wahrheit, die mehr ist als die „Richtigkeit des Vorstellens“ (Heidegger); und auch heraus aus dem rationalistischen Missverständnis, das ihm als Schattenseite vorhält, er sei halt eben auch nur ein Kind seiner Zeit gewesen (wir fragen: was denn sonst?), oder er habe zwar Verständnis gehabt für die Juden und habe sie beschützt, doch sich nicht mit ihnen solidarisiert, usw. Ja, wir Heutigen bauen mit an seiner posthumen Karriere.

Zusammengefasst: Heinrich Bullinger machte selber keine Karriere; er hatte ein Anliegen. Das wollen wir suchen und werden es wohl auch finden. Er machte nie ein Hehl daraus, und das war seine bescheidene Grösse. Es genügte ihm, dass Auftrag und Anliegen gross waren.

Und übrigens: Bullinger hat nie Theologie studiert. Auch ohne die richtige Visitenkarte war er ein grosser Theologe, so wie es auch bei Zwingli der Fall war. Die beiden verwendeten ihre Zeit für ihre Sache und kaum für ihre Stellung.

 

 

 

 

Haupttext: Das Anliegen

Wie soll, wie kann sich uns das Anliegen Heinrich Bullingers über die Jahrhunderte erschliessen? Aus seinen Worten und seinen Taten? Aus welchen Worten? Und wie sollten wir, bei aller Fülle der Überlieferungen, diese Worte und Taten verstehen, wo doch das Umfeld wie auch wir selber d.h. unsere Persönlichkeits-struktur und Ich-struktur mit aller Gewissheit sehr anders sind als die seinige und seiner Zeit?

Gibt es ein Drittes, in dem wir uns finden können? Ein Drittes als Vergleichspunkt, das weder von seiner noch von unserer Gegebenheit abhängt?

Ein solches Drittes war auch in der Zeit Heinrich Bullingers nicht leicht zu finden. Wir sehen heute klarer, dass damals nicht einfach Machtstreben gegen Gottesglauben stand oder Einigkeit gegen abtrünniges Verhalten. Wir dürfen, ja müssen annehmen, dass jene Zeit ebenso wenig linear aufgebaut war wie die unsrige. Die Frage nach einem Dritten wäre, trotz Computertechnik, eher eine Frage nach einem Siebten oder gar Siebzehnten. Das darf als pluralistisch bezeichnet werden – in unserem Kulturkreis. Die Zerlegung in Einzelfrägelchen mit „richtiger“ oder „falscher“ Antwort dürfte im heutigen Bewusstsein von „Vernetzung“, wie man zu sagen beliebt, nicht mehr wirklich aktuell sein, so wie auch Doktorhüte und Professorenstühle nicht mehr denselben gesellschaftlichen Wert haben wie einst zu gewissen und im Ganzen nicht allzu ausgedehnten Zeiten.

Oder sollte es so sein, dass wir anstelle eines solchen aussenstehenden dritten Punktes eine innere Gemeinsamkeit finden d.h. feststellen können? War jene Zeit, ist unsere Zeit bei allen jeweiligen Verschiedenheiten so homogen, dass wir überhaupt darauf hoffen können? – Hans Küngs Postulat eines Weltethos – lässt sich das noch aufrecht erhalten, wenn wir etwa die Haltung von Finanz, Wirtschaft und Politik als menschliche Haltungen den religiösen ähnlich setzen?

Oder eine dritte Möglichkeit: Ist der Schöpfung eine Struktur des Erkennens eingeprägt, auf die jederzeit und in jedem Falle gegriffen werden kann? Ein Instrument also, das unverändert zur Verfügung stand und steht? Dies Dritte scheint die Lösung zu sein, die Philipp Melanchthon, der praeceptor Germaniae, postulierte, nachdem er eine jugendliche Antistellung aufgegeben oder eine Möglichkeit grösseren Sach-Erfolges gefunden hatte? Es mag aber auch die konziliäre Lösung der Römisch-katholischen Kirche hierher gehören: Das Richtige wird in der Gemeinsamkeit der Richtigen festgestellt, wobei postuliert wird, dass die apostolische Sukzession die Richtigkeit der Richtigen konstituiert.

Diesen drei Möglichkeiten gegenüber schlage ich vor, eine von Bullinger immer wieder verwendete Vokabel beizuziehen: der „prästen“, dem wir bereits begegnet sind. Ein Ur-Gebresten, das zutiefst in unseren Knochen sitzt, ein Fehler in dem Sinne, dass uns allen hier etwas fehlt, von Anbeginn unseren persönlichen Seins, Erbsünde mögen es die anderen nennen, die zwinglisch-bullingerische Diktion ist „der prästen“.

Was meint das? Ich will es nicht begrifflich fassen, weil das Begriffliche ein Begreifen suggeriert, doch auch dieses Begreifen ist dem prästen unterworfen, der sich aber immerhin konstatieren lässt, indem ich mich ernsthaft zu ihm hinstelle mit all meinem Sein: alles an mir ist nicht mehr in dem Zustand, der im Paradies, also in der unverdorbenen Schöpfung des Schöpfers, bestanden hatte. Nichts an uns selber, auch unser Verstehen, die ratio, nicht, sind noch so wie es gemeint war damals, als Gott sagte: „Und es war gut so.“ Prästen, das lässt sich etwa mit dem Bild des Paradieses erweisen; Begriffe, die sich zum Beweisen ge- und missbrauchen lassen, sind ungeeignet dazu.

Wer hätte nicht schon den prästen an sich selber gespürt? Wohl wir alle; ob wir uns aber seiner bewusst geworden sind, in formulierten Gedanken bewusst, das ist eine andere Frage. Blosse Nennung und Verwendung der Vokabel konstituiert noch lange nicht ein lebendiges Bewusstsein.

Wir dürfen vermuten, dass dieses Bewusstsein des „prästen“ eine der Ebenen ist, wo wir Heutigen den Reformator Heinrich Bullinger, den Damaligen, verstehen können und wir ihn vielleicht sogar verstehen wollen.

Ob wir das tatsächlich wollen, das ist mir persönlich je länger desto fraglicher. Ich höre im Umkreis der Bullinger-Forschung immer wieder, wie wichtig es sei, in wissenschaftlich stubenreiner Weise ebendiese Forschung zu betreiben; anders würde dieselbige nicht Anerkennung erlangen. Wessen Anerkennung, frage ich? Diejenige des alten Herrn Jubilaren, oder diejenige der Mitwissenschaftler? Ist doch unsere universitäre Wissenschaft längst eingefuchst auf begriffliche Darstellung, bei aller Freude des Herzens über die Bildhaftigkeit der Ausdrucksweise etwa Bullingers, doch Bilder lassen sich nicht logisch verknüpfen – oh doch, logisch besprechen lassen sie sich sehr wohl, aber nur sofern wir Begriffe über sie stülpen, mittels derer wir dann irgendeines der vielen möglichen logischen Systeme betätigen, womit wir uns als wissenschaftlich gefallen. Und nun eben, vielleicht wollen wir lieber und vordringlich das Instrumentarium einer Logik benutzen, um damit nach heutigem Verständnis von Wissenschaft eben wissenschaftlich zu sein. Bullinger aber redet vom prästen.

Hier ist aber dringend hinzuweisen auf den Umstand, dass die Logik zumindest diesen Vorteil aufweist: sie schiebt der Willkür einen Riegel; jedenfalls versucht sie es trotz ihrer Manipulierbarkeit zu tun. Andere Völker erzielen denselben Effekt auf sehr andere Weise; so etwa in Westafrika mittels des Mäuse-Orakels. Ein grosse hohler Kürbis wird in zwei Kammern unterteilt, die eine verschliessbare Verbindung haben. Unten wohnen Mäuse, oben legt der Wahrsager Stäbe und Futter ein. Über Nacht dürfen die hungrigen Mäuse auf die obere Etage, bewegen auf der Futtersuche die Stäbe, und deren neue Lage wird anderntags vom Wahrsager nach bestimmten Regeln gedeutet. Der Fragende kann sich auf eine ausserhalb ihm selber liegende Objektivität berufen, wofern er sich an die Anordnungen des Wahrsagers hält.

Ach, es soll damit nichts, aber auch gar nichts gegen unsere Wissenschaftlichkeit gesagt sein. Hingegen soll deutlich auf die Banalität hingewiesen werden: Wissenschaftlichkeit ist eine Engführung, die vergleichbar ist der Technik des Mikroskopierens. Abblenden bitte, um Details besser oder überhaupt erkennen zu können. Abblenden, ausblenden, abstrahieren, in Begriffe fassen. Objektivität des Erkennens herstellen. Die Methode von Logik anwenden.

Das ist aber rationalistisch gefasst. Jeder -ismus ist eine unzulässige Verallgemeinerung einer möglicherweise sehr der Realität entsprechenden Sache. Ratio ist ein wunderbares Gottesgeschenk; sie pervertiert aber in Rationalismus, wo sie über (!) ihren eigenen Schöpfer und sogar über die gelägenheiten“ von Ort, Zeit, Personen und Sachen auszusagen sich anmasst. Ratio ist eine Realität, für die wir dankbar sind. Was aber ist das Reale? Das Ding oder die Idee, der Begriff, der in diesem Ding liegt? – Wir wollen den nicht bloss mittelalterlichen Realien- oder Universalienstreit hier den Theologen überlassen, den wissenschaftlichen. Wir treiben kein „erfüntelen“, wie Bullinger sich ausdrückt.

Heinrich Bullinger redet vom prästen, vom Bild des prästens, des Gebrestens. Wer könnte schon behaupten, in jeglicher Hinsicht ohne Fehl und Tadel, also ohne Gebresten noch völlig gesund zu sein?

Und wir, wir stehen immer noch und tatsächlich vor der oben gestellten Frage, ob wir den Jubilaren Heinrich Bullinger wirklich verstehen wollen.

Diese Frage zu stellen, das ist keine Zumutung. Hat denn nicht auch Jesus Christus den Kranken gefragt: „Willst du gesund werden?“

Wollen wir uns auf die Ebene begeben, wo wir den prästen in uns selber spüren? Wollen wir das tun, um möglicherweise dort dem Reformatoren Heinrich Bullinger zu begegnen, über alle Verschiedenheiten der Zeiten und der Persönlichkeitsstrukturen hinweg?

 Bevor wir uns vorschnell dazu entscheiden, das zu tun oder es bleiben zu lassen, sollten wir uns unbedingt klar werden, dass es dabei um die Methode der Logik in ihrem rationalistischen Gebrauch geht. Es sei hier vorausgehend deutlich festgehalten, dass mindestens ausserhalb der im Abendland üblich gewordenen zweiwertigen (aristotelischen) Logik die Möglichkeit weit offen steht, eine Position beiseitezustellen, ohne sie abzulehnen. Und dies ohne Hegel’schen Dreischritt von These, Antithese und dann Synthese als andere Ebene.

Zweiwertige oder mehrwertige Logik? Ist die Mehrwertigkeit immer der Zweiwertigkeit äquivalent? (vgl. Peter Rutz, Zweiwertige und mehrwertige Logik, München ). Diese Frage stellt sich in der Begegnung mit Bullinger meines Erachtens nicht. Als ich einst die „Denkbewegung“  Luthers, Bullingers und Calvins untersuchte in einer nicht zu veröffentlichen Studentenarbeit, kam ich auf die Idee, von einer einwertigen Logik Bullingers zu reden; Freund Fachphilosoph wiegte im Gespräch den Kopf und lachte mich an: „Ob deine Feststellung zutrifft, kann ich nicht beurteilen; doch falls einwertig, dann ist das nicht mehr als Logik zu bezeichnen.“

Tatsächlich ist Bullinger bei derjenigen Meinung zur Logik geblieben, die neben Luther auch der junge Melanchthon vertreten hatte in seinen ersten loci communes: Logik sei kein Instrumentarium, den Willen Gottes zu erfassen und allenfalls verfeinert wahrzunehmen. Gegen mitte der dreissiger Jahre wechselte Melanchthon dann zu der Auffassung, die Logik sei als Schöpfungsprinzip von Gott in die Schöpfung eingesenkt worden – auf dieser Grundlage konnte die Confessio Augustana, das Augsburger Bekenntnis, ihrerseits als obligatorische Grundlage des richtigen Bekennens etabliert werden. Damit wurde ein Denkerzeugnis zur Prämisse weiteren logischen Denkens: ein –ismus war da, der Konfessionalismus. Jaja, Logik kommt nicht ohne beliebige Prämissen aus.

Bullinger hingegen lebte zwar durchaus mit einem genau ausgearbeiteten Glaubensbekenntnis, behielt dieses aber in voller Absicht in seiner Schreibtischschublade vielleicht, jedenfalls aber als Privatbekenntnis. Dann aber fragte der pfälzische Friedrich III. unter anderen auch ihn an um Mitarbeit zu einem verbindlichen Bekenntnis reformierten Glaubens, um einem allfälligen kaiserlichen Verbot dieser reformierten Christengruppe entgegenwirken zu können, und da holte Bullinger sein Privatdokument hervor. Mit einer kleinen Veränderung im Sinne der Calvin’schen wurde es dann zum Zweiten Helvetischen Bekenntnis, zur CHP, confessio Helvetica posterior, die von allen Reformierten anerkannt; ja, anerkannt wurde, aber nicht als allgemeinverbindlich beschlossen, wohl aber als vorbildlich (eben bildlich!) eingesetzt, und neben ihm bestanden und galten ähnliche Bekenntnisse. Auf solche Bekenntnisse hatte sich die Pfarrerschaft, aber auch die Bevölkerung zu verpflichten; im 19. Jahrhundert wurde diese relative Bekenntnispflicht abgeschafft in den meisten reformierten Kirchen. – Das wird von heute zunehmend vielen Reformierten als Fehler empfunden, es fehlt ihnen irgendwie die Verbindlichkeit im Glauben, wohl eben die theoretische Verbindlichkeit im Sinne der Zweiwertigkeit, sic et non, Ja oder Nein, Entweder – Oder. Dabei ist es aber wohl so, dass diese ernsthaften Leute die Unterscheidung von Bekenntnislosigkeit und Bekenntnisfreiheit (a-konfessionell im Sinne des Alpha privativum) nicht oder zu wenig beachten. Nach dem Beispiel und Vorbild Bullingers hat jeder Gläubige sein Bekenntnis, jedoch für sich selber und nicht für den Mitgläubigen. Die Verbindlichkeit liegt nicht primär im von Gott gebotenen verbalen Bekennen, wohl aber im Tun. Dies erstere ist eine von mehreren Eigenheiten reformierter Identität; das zweite hingegen, die Verbindlichkeit im Tun, ist die Liebe“, die jeglichem Menschen offen ist und bei jeder Art von Bekenntnis erwünscht.

Zwingli stand noch nicht in der Situation des Konfessionalismus. Er sagte aber: Wer ist Christi kilch? Die Glöubigen. Wer kennt sie? Gott.

Die a-konfessionelle Haltung Bullingers hatte ihre praktischen Auswirkungen. Wenn einer wie Sozzini (siehe unten) in Zürich unangefochten bleibt, wird Zürich angegriffen – nicht alle verstehen, dass Bullinger auf die Liebe, die Rücksichtnahme schaut, die auf das Verbreiten der Irrlehren verzichtet, anstatt den Wortlaut der Meinungen am Meinungsträger zu bestrafen.

 

Diejenige Station unseres Nachdenkens, von der wir auf das Thema der Logik gekommen sind, ist die Frage des prästen. Dieses Fragen hinwiederum ist eingebettet in die Frage nach dem Anliegen Bullingers. Wir meinten, mit der Aufmerksamkeit auf die Vokabel „prästen“ eine uns voll nacherlebbare Eigentümlichkeit Bullingers gefunden zu haben, nicht Bullingers allein, auch Zwingli bediente sich bewusst dieses Ausdrucks. Nun aber ist es in keiner Weise ein Anliegen Bullingers, wie ein schlechter Moraltheologe auf Fehlern und Sünden der Menschheit und der Mitmenschen herumzureiten, wie die Redensart so sagt. Der Kern seines Anliegens liegt anderswo. In welcher seiner vielen Schriften sollen wir dieses „Innerste“ seines Anliegens aufweisen und namhaft machen?

Ich finde es in der Schrift „Summa Christenlicher Religion“, die er in deutscher Sprache geschrieben hat für die Leute, denen ein Katechismus zu wenig ausführlich sei, die aber nicht eine breit angelegte Darstellung zu lesen angetan sind. Für die Leute aus dem Volk also hat er hier geschrieben, nicht für die Theologen. Das Werklein ist denn auch als Schulbuch an der Carolina Tigurensis verwendet worden, und möglicherweise ist es jenes „libellum“, das anlässlich der Einführung des Heidelberger Katechismus in Heidelberg dem Rat überreicht wurde als Weiterführung und Verdeutlichung des Vorgelegten.

Und nun: Wie nennt Bullinger hier sein vordringliches Anliegen?

Wir sollen erkennen, wer Gott ist und wer wir sind. Den Unterschied sollen wir uns bewusst machen und unser Leben danach einrichten. Das ist der Kern von Bullingers Anliegen. Gottsäligkeit. In seinem Vorwort nennt er das Werklein „Summa Christenlicher religion unnd eines Christenlichen läbens“.

Gott ist derjenige, der als Schöpfer letztlich all das ist, was wir nicht sind. Wir sind diejenigen, die sich in unguter Weise von ihm unterscheiden und dennoch zu ihm gehören dürfen; ja, wir sind solche, die lernen und aufmerken können und sollen: wie er sich unser Leben wünscht. Allerdings werden wir Lernende bleiben, das ist unser prästen. Nie wird es uns gänzlich gelingen, Gottvater aber nimmt uns im Sohn Jesus Christus dennoch an.

Der Unterschied ist unüberbrückbar. Er ist er, und wir sind wir. Das haben wir zu akzeptieren. Unsere Sünde als Zustand ist nicht kausalursächlich, und unsere „gottsäligkeit“ ist nicht final zu verstehen; der Unterschied ist tatsächlich unüberbrückbar, sozusagen existentiell. Ich nenne ihn den Chorismós – dieses wenig gebräuchliche Fremdwort mag vor Verwechslungen und Fehlverständnissen schützen. Und wenn wir schon dabei sind, Fremdwörter einzusetzen, um das Anliegen und „Innere“ an Bullingers Denkweise zu bezeichnen, so nennen wir das soeben zweimal gebrauchte „dennoch“  das „Heúrisma“: trotz des unüberwindlichen Chorismós findet Gott uns, und wir dürfen uns von ihm finden lassen. Die Unüberwindlichkeit gilt nur für uns Geschöpfe.

So wie die Strasse zwischen Gott und uns nur von Gott her ‚befahrbar’ ist, so ist es auch mit der Nächstenliebe: diese wird von mir nur ausgeübt, nie aber für mich eingefordert.

Der Chorismós liegt tiefer als der Bundesgedanke, den Bullinger aus der Bibel schöpft und ausbreitet. Er scheint ein durchgehendes Merkmal des Bullinger’schen Denkens zu sein; das Heúrisma allerdings auch. Auch im kirchlichen Leben liess er einerseits die Entschiedenheit walten, andererseits eine grosse Verträglichkeit. Wollen wir uns das am bereits angedeuteten Beispiel des Lälius Sozzini (1525-62) ansehen?

Der Mann setzte sich 1548 aus Italien ab und lebte dann vor allem in Zürich. Dort starb er unter dem Schutz Bullingers, obschon er deutlich ketzerische Fragestellungen pflegte. Aber „es war nicht seine Art, schreibt der Biograph Carl Pestalozzi, mit kecken Behauptungen aufzutreten gleich einem Servede und dieselben der Welt zu verkündigen, vielmehr legte er, immerfort mit religiösen Zweifeln beschäftigt und von ungestilltem Wissensdurste umgetrieben, lieber seine Fragen einzelnen Männern vor, von denen er einsichtige Beantwortung zu erlangen hoffte. Daher behandelte Bullinger ihn auch ganz anders, als jene selbstgefälligen und trotzigen Verführer der Schwachen .....“ – Aus einem Brief Bullingers an Sozzini:
„Jch sehe wohl, daß du mit großem Eifer das Studium der heil. Schrift und unserer Heilslehre betreibst, aber darüber zugleich grübelst, da du fortwährend so viele verwickelte Fragen dir aussinnest und ausspinnest und dann begehrst, man solle sie dir nun lösen. Jch lobe jenen brennenden Eifer in Hinsicht der so heilig ernsten Sache. Jch erkenne darin eine vorzügliche Gabe und Wohlthat Gottes gegen sich. Andere gehen an die Höfe der Fürsten und ergeben sich den Wollüsten, so daß sie endlich qualvoll verfaulen und lebendig Leichen ähnlich sehen. Du hättest ja die schönste Gelegenheit, dich in jenen Kreisen umzuthun, ziehst aber, durch die Rechte Gottes erhoben, es vor, auf Wanderungen durch Unterredungen und durch Fragen, gelegene und ungelegene, zu lernen, um zu einem festen Glauben zu gelangen, dir inzwischen wegen des Studiums über religiöse Dinge den süßen Umgang mit lieben Eltern zu versagen, kurz deinen Neigungen zu leben. Allein ein Maß verlange ich selbst in der besten Sache und so auch hierin. Die Lernbegierde lob' ich mir, welche Alles auf das bestimmte Ziel unseres wahren und ewigen Heiles bezieht, die sich sättigen läßt, die zuweilen ein wenig ruht, ja recht gelassen ausruht bei dem, was sie lange gelernt hat. Unsere Religion ist nicht grenzenlos, sondern hat ihre bestimmte Fassung. Recht erfaßt reicht sie hin, den richtigen und einfachen Sinn der Schrift zu verstehen. Nichts Fremdartiges läßt sie zu. Alles bezieht sie auf die Frömmigkeit. Sie kümmert sich nicht um mancherlei und verwickelte Fragen. Die lobt der Apostel nicht, die immer lernen und nie zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen (II. Tim. 3, 7.), in der sie ruhen möchten. Deshalb ermahne ich dich, mein lieber und werthgeschätzter Lelio, dir hierin Zügel, Maß und Ziel zu setzen. Das Ende (Ziel) des Gesetzes ist Christus zur Rechtfertigung für jeden, der an ihn glaubt; Christum aber hast du kennen gelernt und hast inne und weißt, daß du Alles, was Leben ist, ja deine Vollendung in ihm hast. Daß du in ihm feststehest und bestehest, beschwör' ich dich. Es ist eben die Theologie zwar freilich eine Wissenschaft (etwas Theoretisches), allein doch noch mehr etwas Praktisches. Glaube, hoffe, liebe, harr' aus, bete, daß du das könnest, damit du vor allem Unheil bewahrt bleibest. Die Streitfragen sammt all dem Hin- und Herreden überlaß denen, die es mehr ergötzt, glänzend zu lernen, als einfältigen Sinnes bei den Worten des Herrn zu ruhen und gottselig zu leben. Verschmäh doch ja diesen meinen Rath nicht; bin ich doch nicht der Erste, der dir dies vorhält."

Das hat nichts mit Toleranz zu tun. Es ist nicht so, dass Falsches toleriert wird; es tritt zurück, die relative Wichtigkeit der Unterscheidung „richtig – falsch“ muss nicht mehr berücksichtigt werden da, wo es um die Ebene der „Liebe“ geht, und „Liebe“ ist hier wohl als Rücksichtnahme, Zurückhaltung und Solidarität zu verstehen. Das lässt sich auch in aller Kürze am Fall Castellio zeigen: Als der nicht unfähige, aber einseitig argumentierend streitbare Mann von der Berner Regierung, ohne Anhörung der Prediger, an die Akademie von Lausanne berufen wollte, griff Bullinger auf Anfrage ein und verhinderte die Anstellung des „lieblosz mänlj“.

Wo man nicht hinter die Äusserungen blickt, da kann es geschehen, dass deutlichstes Unrecht zum scheinbaren Guten wird. In der heutigen Zeit scheinen sich die Moralvorstellungen zu verändern: die Zweckmässigkeit im Vordergründigen bestimmen das Verhalten im Balkan, in der Behandlung von „Terroristen“, im business. Und ist vielleicht die „Frömmigkeit“ eine Sache des Hormonhaushalts?

Wir sehen an diesen Beispielen, wie bei Bullinger das Kriterium von Objektivität, Eigenschaften und Meinungen sekundär ist, primär hingegen ist das Heúrisma, das Ereignis, dass man sich dennoch trifft und zusammenfindet. Die Ebene des Da-Seins ist gemeint, nicht diejenige des Denkens, des „menschlichen ge-dichts“. Was soll’s, ob man sich in seinen Ansichten einig ist oder nicht? Wenn wir nur nicht untereinander uneins sind! Wir, die wir uns gegenseitig „die Nächsten“ sind. Gewiss, es ist nicht unwichtig, Irrtümer als solche zu erkennen, und Bullinger ist durchaus deutlich und klar im Formulieren. Deutlich und differenziert, nicht aber unkooperativ; das ist die Sache der ganzen Persönlichkeit, nicht einzig des Erkennens und Formulierens. Sein Kriterium ist nicht einfach „richtig-falsch“; er akzeptiert etwa durchaus die Auffassung der streng-lutherischen Gegenspieler, die er – anders als sie ihn – nicht als Gegner taxiert: doch, er akzeptiere durchaus die CA, das Augsburger Bekenntnis, als richtig, und er freue sich über deren Formulierungen, auch wenn er sie von seinen „gegäbenheiten“ nicht als richtig ansehe; doch möge man das, worin er und die eidgenössisch-oberdeutschen Reformierten zur Klarheit gelangt seien, ebenfalls respektieren und sogar akzeptieren, auch wenn die Formulierungen und manche Einzelmeinungen nicht gleichlautend seien. Etwa so wehrt er sich gegen die überaus heftigen Angriffe eines Luther, eines Brenz und anderer. Er bezieht nicht Gegenposition; er beruft sich auf das, was wir auch hier Heúrisma nennen, das immer jenes „trotzdem“ mitmeint.

Es scheint, dass Bullinger deutlicher und vielfältiger differenzieren kann als seine Gegenspieler, seien das nun die Römisch-Katholischen, die Lutherischen oder die Wiedertäufer. Wir lassen im Moment unberücksichtigt, welches Differenzieren Bullinger über das hier wie dort Übliche hinaus pflegt; wir postulieren vielmehr, gerade diese Betonung des Differenzierens sei ein typischer Zug Bullingerschen Denkens und Erlebens. Er selber deklariert das während seines ganzen Wirkens, allerdings in weitem Rahmen: Sein Wahlspruch, den er fast allen Publikationen voranstellt, ist das Wort aus der Verklärungsgeschichte Matth. 17, das in kürzerer Form auch schon in der Erzählung von der Taufe Jesu durch Johannes Baptista erscheint: „Dieser ist mein geliebter Sohn, in dem ich versühnet bin; auf ihn höret!“ („jm sind gehörig“). Die letzte Bemerkung dieses Wortes ist im selben Wort der Taufgeschichte nicht angeführt; wir könnten nicht sagen, dass sie dort fehle oder weggelassen sei, oder hier eingefügt und das Wort damit vervollständigt oder verändert sei – es sind zwei verschiedene Situationen, und dem Reformatoren Bullinger steht diejenige in die Seele geschrieben, wo das Wort sich an die Jünger richtet und nicht als herrliche Wahrheit ertönt, es ist die Aufforderung: „jm sind gehörig“ (so fast durchwegs). Christus zugehörig sein, das steht hinter dieser Übersetzungsvariante, die in direkter Aussage meint, wir sollen auf ihn hören, sofern wir uns den unterhalb des Verklärungsberges wartenden Jüngern zugesellen wollen. Auf ihn hören, auf ihn sehen, genau hinhören, genau hinsehen und die Unterschiedlichkeit der Hinsichten, der Aspekte wahrnehmen und sie akzeptieren – eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen Heinrich Bullinger müsste wohl eine eigentliche Aspektenlehre aufbauen und darstellen, und es würde mühelos festzustellen sein, dass manche Aspekte für Bullinger durchaus nicht der Rede wert sind, er weicht den diesbezüglichen Fachdiskussionen aus, bezeichnet sie als ein „erfüntelen“ und als unnütz. Nicht etwa, dass er die Fachkollegen und auch die übrigen Mitmenschen, denen solches wichtig war, abgelehnt und solcherlei Differenzieren als unfromm oder als falsch bezeichnet hätte; auch in dieser Hinsicht huldigt er keiner Zweiwertigkeit. Er ist sich aber des prästen bewusst: Einerseits reicht unsere Lebens- und Denkkraft nicht für alles aus, und andererseits tragen manche Gedankengänge nicht zur Klarheit einer deutlichen Haltung bei, sondern begünstigen Missverständnisse oder gebären sie gar. Das muss näher ausgeführt werden. 

Martin Bucers Einigungsversuche zwischen den Reformierten und Luther scheiterten, indem er doppelsinnige Ausdrücke verwendete, was Bullinger ablehnte. Das ist weiter unten etwas genauer ausgeführt.

Calvins doppelte Prädestination (Vorsehung, Vorbestimmung, Gnadenwahl) strahlt dagegen eine intellektuelle Klarheit aus, die auf viele bestechend, auf andere abstossend wirkt. „Unter Vorbestimmung verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloss, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte. Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet.” (Institutio Christianae Religionis 3. 21. 5).

Bullinger ortet die Klarheit nicht im intellektuellen Bereich, sondern in der „Liebe“. C.Pestalozzi (S.423) zitiert aus einem Brief Bullingers an Calvin: "...Viele stießen sich eben an seiner Lehre; die Apostel hätten diese feine Sache nur mit Wenigem berührt, nur wo sie dazu gezwungen waren, und so maßhaltend, damit die Frommen nicht etwa daran Anstoß nähmen."

Im Hausbuch redet er so zum Thema:

„Dann wir müessend vns selbs nicht söliche gedancken machen / das im himmel zwey büecher seyend / da in eim die yngeschriben seyend die sälig söllind werden / vnd das auß vnwidersprechlicher notwendikeit / Gott geb wie widerspennig sie dem wort Christi seyend / vnd wie grosse sünden sie begangind / Jm anderen aber die auffuerzeichnet seyend die verdampt söllind werden / die auch nicht mögind nicht verdampt werden / Gott geb wie Gottsäligklich sie läbind. Wir söllend vil mee dz halten vnnd wüssen / das daß heilig Euangelium Christi der gantzen wält gemeinlich die gnad Gottes / verzeihung der sünden / vnd das ewig läben verkündet. Vnnd ob diser meinung müessend wir vnnsere gemüeter befestnen mit dem wort Gottes / vnd zuosammen läsen etliche heitere ort der heiligen geschrifft / die nit zweyffelhafft oder dunckel seyend. Als dergleichen sind dise sprüch ...“  Hb 226b-227a

Und der Berner Musculus: „Durch eine unkluge Verwendung für die Reinheit der Lehre verliere man den Geist der christlichen Bruderliebe aus dem Gesichte.“  (nach Hess II, S.42f)

 

Zu einer Aspektenlehre müsste eine Intentionsanalyse treten, und zwar gerade wegen des prästen. Wie leicht verfehlen wir doch die Klarheit im Denken wie in der Lebensführung, sind wir doch „allzumal Sünder“ (Luther) und im Chorismós  unvergleichbar anders als Gott, der sich von uns in Christo Vater nennen lässt und uns Kinder heisst. Wie sagt doch der Apostel Paulus von sich und meint damit auch uns? „Der Geist ist willig, das Fleisch aber ist schwach.“ Die Methode der Intentionsanalyse müsste eigentlich um der Liebe willen, die hier auch Sorgfalt genannt werden kann, jede Stellungnahme eines jeden Mitmenschen nach der Willigkeit des Geistes fragen – es würde dann nicht mehr so rasch geschehen, dass jemand als Ketzer bezeichnet und behandelt wird.

Dieser Gedanke führt uns fast mäandrisch wieder zurück zur Frage nach dem Anliegen Heinrich Bullingers: dass wir uns bewusst seien, werden oder bleiben, wer Gott ist und was wir sind. Vor dieser grossen, mehr als nur die Schöpfung umfassenden, betrachtenden und hörend staunenden Erkenntnis wird mancherlei unwichtig, worüber man sich sonst allzurasch ereifert und in der Hitze der gärenden Zeit und des alltäglichen, als normal empfundenen Alkoholkonsums in Wort- und andere Gefechte gerät.   

Nein, gleichgültig und nachlässig wird in dieser Bewusstseinshaltung niemand. Im Gegenteil, die Hinsichten, die Aspekte treten deutlicher hervor oder eben deutlicher zurück. Auf drei Seiten hin, die hier wenigstens andeutungsweise behandelt werden sollen, war Bullinger nicht nur aufmerksam, sondern sogar unbeugsam: (a) gegenüber den tridentinischen Konzilsbestrebungen, (b) gegenüber den Versuchen Bucers zur Einigung mit Luther, und (c) gegenüber den Wiedertäufern. Durch die Beachtung der Aspekte von Zeit, Ort und Person wird die Gliederung auf der Ebene der persönlichen Anschauung wird differenzierter. Allerdings müssen wir hier differenzieren: nicht die individuelle, vielmehr eine korporative Persönlichkeit war damals noch die Regel.

zu a. Wie sollte man eine Einladung ablehnen, wenn man den Kontakt sucht? Liebend gern wollte Bullinger erleben, dass die zerstörte Einheit der Kirche wiederhergestellt sei; doch am Tridentinischen Konzil teilzunehmen, das kam für ihn auf keinen Fall in Frage, solange die Wahrheit des Gotteswortes dort dem Urteil der Konzilsväter, also der einen Partei, unterstellt sei. Viele von den „Neugläubigen“ setzten sich dafür ein, diese Chance zum Gespräch nicht fahren zu lassen; darunter auch Calvin. Bullinger jedoch, der immer von neuem betonte, die Reformation stelle den alten Glauben wieder her und die Römischen seien die „Neugläubigen“ – er liess sich nicht blenden von den Aussagen, das Konzil sei ein Instrument der Wahrheitssuche. Die Wahrheit liegt längst vor, und zwar in der Bibel, im Wort Gottes, das zuerst mündlich und erst dann schriftlich auf uns Menschen gekommen ist; die Wahrheit ist nicht mittels Logik und Urteil zu suchen (das gilt für eine Korporation wie das Konzil eine ist, aber auch für Individuen), sie ist dankbar anzuerkennen und kraftvoll auszuleben. Was soll ihm also eine Teilnahme an einem Konzil, das nur schon im Hinhören auf die Tradition verfehlt ist? Sich dem Urteil des Konzils unterwerfen? Nie. So lesen wir z.B. in De conciliis.

zu b. Oder dann die Bestrebungen vor allem des Strassburger Reformators Bucer, der emsig und zielstrebig eine gemeinsame Erklärung von Lutheranern und Reformierten anstrebte, was sich allerdings auch aufdrängte: Während die Lutherische Kirche als erlaubte christliche Religionsform vom Kaiser anerkannt wurde, war das den Reformierten versagt, was aber keine Repressalien nach sich zog, solange Reformierte Fürsten mächtig waren. Wie lange aber dauert eine Machtstellung? Besser wäre eine rechtliche Verankerung, und um diese zu erreichen, könnte ein gemeinsames Bekenntnis mit den Lutheranern äusserst hilfreich sein. Der Strassburger Bucer erarbeitete Formulierungen, die sowohl den Anhängern Luthers, die sich auf die Confessio Augustana festgelegt hatten, wie auch den Zwinglischen, durch Bullinger vertreten, und den Calvin’schen akzeptabel sein konnten. Bullinger aber akzeptierte nicht, weil er niemals mittragen konnte, dass ein jeder sein eigenes Verständnis in die eine vorgeschlagene Formulierung hineinlegen konnte, ohne dass damit eine eigentliche Einigung auch der Herzen stattfände. Das wäre keine Klarheit. Muss denn nicht der Geist des Gotteswortes verstanden sein und nicht bloss der Buchstabe? Mit Begriffen kann gelogen und betrogen werden, Gott aber blickt in die Herzen. Auch das Argument, der nur schwierig reagierende, aufbrausende Luther sei schon so alt, dass man ihm ruhig ein momentanes Zugeständnis machen könne, verfing bei Bullinger nicht; seine Hochachtung vor dem Reformator der ersten Stunde war grösser, als dass er einen solchen Gedankengang auch nur anhören wollte. Von Luther und den Seinen angegriffen zu werden, das belastete ihn schwer und verursachte ihm die Mühe zahlreicher Entgegnungen; doch mit gleicher Münze heimzuzahlen, den Fehdehandschuh aufzunehmen, und sei es auch in solch verdeckter Weise, dazu gab sich Bullinger nie her. Menschliche Schwächen? Ach, man weiss es ja: das ist der prästen. Den bekämpft man an sich selber; am Mitmenschen erträgt man ihn; es liegt hier kein Gegenseitigkeits-Verhältnis vor.

zu c. Während seiner ganzen Tätigkeit als Antistes d.h. oberster Diener der kirchen zuo Zürych stand Bullinger in der Abwehr der Wiedertäufer, er zeigte eine Hartnäckigkeit, die erstaunen mag, und er gebrauchte Formulierungen, die uns Heutigen kaum nachvollziehbar sind – es sei denn, wir lösen uns in Haltung und Denken vom Rationalismus der Aufklärung, auf den hin wir geschult und womöglich auch erzogen worden sind; auch auf die vermeintliche Selbstverständlichkeit, individuelle Person zu sein, müssten wir verzichten. Nicht die rationale Gedankenwelt der Wiedertäufer ist es, die Bullinger zu so entschiedener Ablehnung bewegt; aber dass sie die „gmeinsamme“ verweigern, und diese zeigt sich im gemeinsamen Feiern des Abendmahls gemäss Aufforderung des gemeinsamen Schutzherren Jesus Christus – das ist die Abwendung von der „liebe“, ohne die das Wort Gottes nicht mehr darstellt und ist als blosser Buchstabe und papierene Fassade. Das ist unentschuldbar, es betrifft das Innerste. Vierundvierzig Jahre lang hat Bullinger die Wiedertäufer (zu denen er auch den Spanier Servet zählte) aufmerksam beobachtet, und nie ist es in Zürich zu einem Todesurteil gekommen wie während Zwinglis Amtszeiten. Vertreibungen? Nicht wenn jemand die „gmeinsamme“ nicht ablehnte, und Bullinger wusste genau zu differenzieren: wie viele Wiedertäufer sind doch bloss Mitläufer, Verführte, denen man in aller Nachsicht begegnen soll; Aufwiegler aber, also Verführer, müssen in aller Härte niedergedrückt werden. Sie zerren Mitmenschen in die Gottferne der Lieblosigkeit, indem sie ihr Eigenes und nicht die „gmeinsamme“ für wichtig halten. „Eigenrichtig“ sind sie.

Wie sehr ernst es Heinrich Bullinger gewesen ist mit der „gmeinsamme“, die jede „Eigenrichtigkeit“ ausschliesst, mag sein Umgang mit seinen eigenen humanistischen Schriften zeigen: er machte sie alle verschwinden, er, der gewissenhafte Sammler; einzig „ratio studiorum“ blieb erhalten. Weshalb das? Man möge die These diskutieren, dies sei aus metatheologischen Gründen geschehen, nämlich um jede Unklarheit betreffs logikfreiem Hinhören („... jm sind gehörig“) zu vermeiden, das scharf zu unterscheiden ist vom „menschlichen gedicht“, welches aber zur Vergewisserung sehr wohl dienlich ist.

Wenn Bullinger sich so verhielt dem Humanismus gegenüber: wie hätte er sich wohl zur heutigen Wertung der Wissenschaft geäussert? Es ist zu vermuten: Er würde sie beileibe nicht ablehnen; hingegen möchte er sie nicht angewendet wissen dort, wo es um „dinge die Religion betreffende“ geht. Ein hinhörender Theologe wollte er sein, nicht ein (analysierend) entscheidender. Aus einem Brief an Sozzini, nach Carl Pestalozzi 1858: „Es ist eben die Theologie zwar freilich eine Wissenschaft (etwas Theoretisches), allein doch noch mehr etwas Praktisches. Glaube, hoffe, liebe, harr' aus, bete, daß du das könnest, damit du vor allem Unheil bewahrt bleibest. Die Streitfragen sammt all dem Hin- und Herreden überlaß denen, die es mehr ergötzt, glänzend zu lernen, als einfältigen Sinnes bei den Worten des Herrn zu ruhen und gottselig zu leben.“

Einfältigen Sinnes: Es mag sein, dass Heinrich Bullinger, der „als Theologe uninteressante“, ähnliche, nicht neue Positionen anders vertritt, auf altneue Weise, „privativ“ eben. Auch für die Anderen dieselbe Freiheit wie für mich. Ja, dieselbe Freiheit, aber in anderen Formulierungen.

Die Freiheit „in Christus“. Die Freiheit, Worte zu reden oder zu schweigen. Dieselbe Freiheit so zu formulieren oder anders – aus dem Hinhören.

 

 

 

 

 

 

Zur Illustration des Dargelegten folgen ein paar Texte und Sätze.

 

1. Ein kleiner Text aus Martin Bubers ‚Erzählungen der Chassidim’ zeigt schön, was hier mit „bildhaft“ (gegenüber dem folgernden Denken in logischen und analogischen Systemen) angedeutet ist, als Beispiel einer bildhaften Klärung und Erklärung. – Eine Frage wird gestellt; die Antwort geschieht, indem ein Geschichtchen erzählt wird: Sapienti sat, das heisst frei übersetzt ‚wer es nicht selber schon weiss, dem kann man es auch nicht anders nahebringen.’

Einmal fragte der Riziner, als viele weise Männer um seinen Tisch versammelt waren: „Warum eifern die Leute gegen unsern Meister Mose ben Maimon?“ Ein Rabbi antwortete: „Weil er an einer Stelle sagt, Aristoteles habe mehr von den Sphären des Himmels gewusst als Ezechiel; wie sollte man da nicht gegen ihn eifern?“ Der Riziner sprach: „Es ist so, wie unser Meister Mose ben Maimon sagt. Zwei Menschen kamen in einen Königspalast. Der eine verweilte in jedem Saal, betrachtete mit kundigem Blick die Prunkstoffe und Kleinodien und konnte sich nicht sattsehen. Der andere ging durch die Säle und wusste nur: Das ist des Königs Haus, das ist des Königs Gewand, noch ein paar Schritte, und ich werde meinen Herrn König schauen.“  

Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim,  Zürich 1949, S. 498

 

2. die Nähe des Getrennten:

Es gibt kein Jenseits und Hernieden
es gibt nur einen Gottesfrieden
es gibt kein Werden und Vergehen
es gibt nur ein Dahintersehen
Es gibt nur ein Dahintersehen
wenn wir durch dieses Leben gehen
es gibt nur einen Gottesfrieden
der uns geschenkt ist im Hernieden

Richard Haldenwang, Das Spiegelbild, mit einem Nachwort von Jean Gebser, Esslingen o.J.

 

3. Das Gute

Dem grossen Kalifen al-Ma'mun, der das islamische Reich der Abbasiden auf den Höhepunkt seiner Macht und die arabische Kultur des Islams zu ihrer klassischen Blüte führte, erschien in den zwanziger Jahren des 9. Jahrhunderts im Traum Aristoteles. Er sah, so erzählt die Legende, "einen Mann von heller, etwas rötlicher Hautfarbe, mit weiter Stirn, zusammengewachsenen Brauen, kahlhäuptig, blauäugig, von schöner Wesensart"; der Kalif fragte die ehrfurchtgebietende Erscheinung: "Wer bist du?" und hörte voll Freude, es sei Aristoteles. Sogleich bittet er um Antwort auf eine Frage: "Was ist das Gute?" – Die Antwort: "Was vor der Vernunft gut ist." – Und was noch? – "Was vor dem Gesetz gut ist." – Und weiter?–  "Was vor der Menge gut ist." – Und sonst?–  "Sonst nichts.“

Gerhard Endress, Der arabische Aristoteles und die Einheit der Wissenschaften im Islam, in: Die Blütezeit der arabischen Wissenschaft, Zürich 1990, S. 3

 

4. Wahrheit

„Das Geheimnis der Wahrheit ist folgendes: Es gibt keine Tatsachen, es gibt nur Geschichten.“

João Ubaldo Ribeiro

 

5. Logik und Wahrheit

Wenn einer, der mit Mühe kaum
geklettert  ist auf einen Baum,
schon meint, dass er ein Vogel wär -
so irrt sich der.

Wilhelm Busch

 

5. Wissenschaft

„Was nicht im Irrationalen wurzelt, ist keine Entdeckung, noch mehr: ist – nach meiner Ansicht – keine Wissenschaft.“

Leopold Szondi, Ich-Analyse S. 11

“Unter einem leeren Himmel zu leben, ist mühsam. Aufklärung und Wissenschaft haben unseren Himmel leergefegt, selbst unsere Mythen sind nicht mehr brauchbar. Fast wäre es der Wissenschaft gelungen, aus ihrer Allmacht einen neuen Mythos zu schaffen – aber der Glaube daran ist erschüttert.“

Herbert Tichy, Tau-Tau, S. 304, Verlag Fritz Molden, Wien-München-Zürich 1973

 

6. zu „Liebe“ (aus der NZZ 302/2000)

Solidarität ist ein anderes Denkkonzept als Marktoptimierung. Nebst dem Einstehen füreinander bedeutet es in der Juristensprache – aus der der Ausdruck stammt – zunächst die gemeinsame Verantwortung für das Ganze und nicht primär einen Anspruch des Einzelnen auf alles. Die gemeinsame Verantwortung für das Funktionieren des gesamten Medizinalwesens lässt es immer mehr als unabdingbar erscheinen, dass man sich auch auf Verzichte einigt, was der konsum- und produktionsorientierten Logik des Marktes aber genau entgegensteht.

Max Baumann (NZZ: Der verfasser ist Rechtsanwalt, Professor an der Universität Zürich und Mitglied des Vereins Dialog Ethik und Mitverfasser des Zürcher Manifests für eine faire Mittelverteilung im Gesundheitswesen.)

 

 

 

Anhang

Die drei Könige brachten dem Jesuskind Gold, Weihrauch und Myrrhe, welche er gar nicht brauchte, doch er nahm sie gerne entgegen. So ähnlich will ich drei, vier Texte darbringen, im Sinne von narrativer Theologie sozusagen, die als meine persönliche Reverenz und diejenige eines meiner Freunde gelten mögen. Zum Thema „privative Theologie“ Die kleine Wahrheit (Peter Kessler), zum Thema „Logik“ Spirale (Felix Ponti), und Jedermannfrau (Felix Ponti), die beiden ersteren aus: Der Jüngling mit dem blauen Haar, Zürich 1997). – Dazu Tolstoj’s wunderbares Märchen von Iwan dem Dummkopf, der nicht einmal wusste, was Feinde sind, und dem eben deswegen sogar der Oberteufel nichts anhaben konnte.